Der Rauchtisch
Rauchtische sind eine merkwürdige Erfindung. Ich glaube, Nichtraucher haben sie erfunden.
Zu meinem Geburtstage versetzte mir die Mutter meiner Frau mittels Eilgut unter Wertangabe einen Rauchtisch. Gut, daß „Rauchtisch“ auf dem Frachtbrief stand. Ich hätte ihn sonst für einen Telegraphenapparat mit Gestell gehalten. Aber was ich für einen Morseticker ansah, war ein Kerzenhalter. Hol’ mich der und jener, wenn die Aschenschale früher keine Streifenspule war.
„Fehlt nur noch der Draht“, murmelte ich.
„Pfui,“ sagte meine Frau, „Geld willst du auch noch!“
„Ja,“ bekannte ich, „auch für eine Banknotenpresse könnte man es halten.“
„Schäm’ dich, jeder Laie sieht doch, daß —“
„Laie? Ja, das ist es: ein Rauchtisch für Nichtraucher.“
„Mann, Mann, ich werde meiner Mutter schreiben, daß sie selbst kommt und —“
Ha, Daumenschraubenmuttern! Ich erschrak. Schweiß brach aus. Ich wurde feig. Ich hob drei Finger. Ich verleugnete meinen gesunden Rauchverstand. Ich schwor, daß es ein Rauchtisch sei. Ein moderner Rauchtisch. Ich schwor, daß nur ein Idiot den Streichholzständer für einen Morsedrücker halten könne. Unleugbar sei es allerdings, daß das Gestell aus drei Makkaroni in Todeszuckungen bestünde. Aber das sei eine geniale Stilidee des Rauchtischarchitekten. Ich schwor, in meinen ausschweifendsten Träumen hätte ich mir immer so etwas gewünscht.
„Ist gut,“ sagte meine Frau mißtrauisch, „nun schwöre noch, daß du ihn täglich benutzen wirst.“ Was war zu tun? Gott, was schwört der Mensch nicht alles, wenn er in Gefahr ist.
Ich benutzte ihn täglich. Zunächst als Handtuchhalter. Damit war er zugedeckt, unsichtbar und gnädig.
Aber meine Frau kam hinter die Gnade und das Handtuch, entfernte beides und zwang mich, angesichts des Tischchens zu rauchen. Davon wurde mir schlecht. Ich tat es den drei Makkaroni gleich und phantasierte. Es kam der Arzt.
„Denken Sie, Herr Doktor,“ sagte meine Frau, „das Nikotin ist ihm ins Blut gegangen, er hält das da für einen Briefkasten mit Gestell.“
„Unglaublich,“ sagte der Arzt, „eine türkische Gebetsmühle für einen Briefkasten zu halten!“
Empört holte meine Frau einen andern Arzt. Ich konnte ihn einen Augenblick allein sprechen: „Doktor, seien Sie barmherzig, befreien Sie mich von diesem Ding da!“
„Es ist doch ein ganz netter Schirmständer,“ sagte er, „na, wenn Sie ihn durchaus nicht haben wollen, könnten Sie ja im Fieber —“
Ich verstand, und schlug im Fieber den Rauchtisch kurz und klein. Nach dem Anfall lagen die Makkaronifüße unter meinem Bett. Die Rauchtischplatte war hinter den Bücherschrank gekugelt. Die Aschenschale hatte sich auf das Gardinenbrett geflüchtet, während der Kerzenhalter sich durch das offene Fenster auf den Aschenhaufen niederließ.
Ich hielt die Sache für erledigt und genas. Ich wußte nicht, daß eines Weibes Liebe die zerrissensten Dinge wieder zusammenleimt: an meinem Namenstag stand der reparierte Rauchtisch als Neugeschenk neben meinem Bett und grinste verdrehter und hämischer als je.
Freunde rieten mir zu einem Umzug. Bei Umzügen verschwänden oft die unglaublichsten Dinge, sagten sie. Also wurde umgezogen. Während meine Frau die Möbelträger hin und her schob, rannte ich mit dem Rauchtisch auf den Speicher, ließ ihn in die hinterste Ecke verschwinden und schmiß Lumpen drauf und Hobelspähne.
Der Möbelwagen war gepackt. Der Kutscher wollte knallen. „Noch nicht“, sagte meine Frau und ging zum letztenmal spähend durch die Räume. Ha, gewonnen — leer kam sie zurück.
„Hü!“ will der Kutscher rufen. Springt über die Straße eine Katze mit einem gestohlenen Fleischstück. Schreiend hinter ihr eine Köchin. Die Katze das Stiegenhaus hinauf, Stock um Stock. Die Köchin ihr nach, Stock um Stock. Man hört’s vom Dach herab rumoren. Auf einmal —
Durch das offene Speicherfenster saust elegant die Katze, landet unbeschädigt mit dem Fleischstück auf dem Pflaster —
„Mistviech, elendig’s!“ schreit’s herunter. Durch die Dachluke saust, gleich elegant geschwungen, das Rauchtischchen. Geschickt fängt es der Oberpacker auf: „G’hört das noch dazu, gnä’ Frau?“
Da stand es also auch in der neuen Wohnung und glotzte weiter hämisch. Ich gab ihm Püffe über Püffe. Es hielt sie aus und glotzte. Täglich warf ich meine Stiefel nach ihm. Es glotzte. Ich arrangierte einen kleinen Hausbrand. Das erste, was gerettet wurde, war der Rauchtisch. Ich bat meinen Neffen, chemische Experimente mit fressenden Säuren auf dem Rauchtisch auszuführen. Die Säuren fraßen alles, nur nicht meinen Rauchtisch.
Immerhin, zum Lackieren müsse er, sagte meine Frau. Ich besuchte den Lackierer. „Mann,“ sagte ich, „daß das Handwerk jetzt mit Arbeit überhäuft ist, weiß ich. Ich könnte es verstehen, wenn das Stück erst nach Monaten an die Reihe käme. Ja, ich würde es sogar begreifen, wenn es überhaupt nie fertig würde.“
Er sah mich prüfend an. „Nee, mein Lieber,“ sagte er, „Sie fangen mich nicht, Sie Handwerkslästerer!“ Am nächsten Tage teilte er telephonisch mit, daß der Tisch lackiert sei. Ich war es auch.
„Kathi,“ sagte meine Frau, „holen Sie ihn ab.“
„Kathi,“ sagte ich, sie heimlich auf die Seite nehmend, „wenn Sie ihn unterwegs verlieren sollten — hier sind drei Mark — Sie verstehen.“
Für drei Mark versteht die Kathi irgend etwas. Heulend kam sie heim. „Gnä’ Frau — huhu — stehen lassen in der Straßenbahn — huhu —!“
Meine Frau versteht keinen Spaß. Nicht für drei Pfennig. „Kathi, wenn’s nicht mehr zum Vorschein kommt, ziehe ich am Lohn fünf Mark ab — marsch, ins Fundbureau!“
Kathi sah mich an. Ich zwinkerte ihr zu, ich käme doppelt auf. Also holte sie das Fundstück von der Straßenbahn ab und verlor’s ein zweitesmal erheblich gründlicher.
Darauf rückte es meine Frau in die Morgenzeitung: „Wer ein verlorenes Rauchtischchen gefunden hat und wiederbringt, erhält zehn Mark.“ Und ich in die Abendzeitung: „Wer ein verlorenes Rauchtischchen gefunden hat und behält, erhält zehn Mark.“
Zwei Tage später werde ich im Kaffeehaus vom Skat hinausgerufen. Die Tändlerin Kreszenz Hasenfratz stemmte die Arme in die Lenden: „Sie also sind der verruckte Herr, der wo zehn Mark zahl’n will, wenn ich ihm das Tischerl nicht in seine Wohnung trag’...“
Es kam ein unwiederbringlicher Vertrag zustande. Ich halte mich mit Fug für rauchtischalpbefreit. Aber am nächsten Ersten steht die Kreszenz Hasenfratz wieder mit angestemmten Armen im Kaffeehausgang: „Herr Doktor, so wenig Platz wie ich jetzt hab’ für meine Tandelsachen — darf ich also wieder um zehn Mark Monatsmiete —“
„Sie — Sie sind —“
„Regen Sie sich nicht künstlich auf, Herr Doktor, wenn Sie’s nicht aufbewahrt hab’n woll’n, kann ich’s ja morgen wieder Ihrer Frau Gemahlin —“
Seitdem muß ich den Rauchtischschrecken monatlich beschwören. Zehnmarkweise. Als ich das Lösegeld zum siebtenmale in mein Kassabüchlein eingetragen hatte, kommt meine Frau ins Zimmer.
„Mann, ich weiß wohl, was du einträgst“, sagt sie erhaben.
„Um Gottes willen —“
„Sei getrost, ich verzeihe dir.“
„Du liebe Frau,“ sag’ ich erfreut, „ich brauch’ es also nicht mehr kommen lassen?“
„Im Gegenteil, du kannst es kommen lassen, auf der Stelle.“
Ich sank zusammen. Ich tat geistesabwesend.
„Mann, verstell’ dich nicht — Kassabüchlein — monatlich zehn Mark — Kreszenz Hasenfratz — wir wissen alles —“
„Ihr?“ stammele ich, „wer Ihr?“
Geht die Türe auf: „Lieber Schwiegersohn — meine Tochter schrieb mir alles — wir wissen wohl um deine Jugendsünde — laß das arme Kind nur kommen —“
„Das Kind? Was für ein Kind?“ stotterte ich.
„Dein Kind!“ donnerte sie, „und zum Zeichen, daß wir dir verziehen, habe ich dir auch ein neues Rauchtischchen...“