In deinem Alter
Ich habe eine Statistik über Ermahnungen von Eltern an ihre Kinder angelegt. Es gibt Statistiken über dreiundzwanzigtausendachthundertfünfundsechzig Dinge, von der Gewichtsabnahme bei spiritistischen Sitzungen bis zum Senfverbrauch auf den Kopf der Bevölkerung. Warum also nicht auch einmal eine Ermahnungsstatistik zwischen Eltern und Kindern?
Zuerst dachte ich, solcher Ermahnungen gäbe es so viele wie Sand am Meer. Nämlich, wenn man vom Auftakt ausging. Ich notierte mir:
„Laß das, Hansi...“
„Pfui, Lotte...“
„Schämst dich denn gar nit, Mariele...“
„Nein, jetzt aber so was, Trudi...“
„Fritz, Fritz...“
„Da soll denn doch ein Hageldonnerwetter, Max...“
„Ei ei, Maxeli...“
„Potz Blitz und Karawanken, Junge...“
„Na, warte, Karl...“
„Junge, Junge, Junge...“
Auch die Fortsetzungen waren noch einigermaßen verschieden. Aber der Schluß, der Schluß war stets derselbe. Alle, alle liefen sie in einen einzigen Schlußsatz aus:
„In deinem Alter habe ich...“
Das heißt, was die Eltern in dem Alter ihrer Kinder hatten, waren, taten oder unterließen, ging ja auch wieder scheinbar auseinander, aber in Wirklichkeit war’s doch dasselbe. Denn es kam immer auf eine unabänderliche Bravheit oder Wohlanständigkeit hinaus, ob sie sagten:
„In deinem Alter habe ich nicht soviel Butter auf das Brot bekommen...“, oder
„In deinem Alter habe ich noch gar nicht gewußt, wie ein Theater von innen ausschaut...“, oder
„In deinem Alter hatte ich noch keine Ahnung von einem Federhut...“, oder
„In deinem Alter ist uns der Schnabel sauber geblieben von...“, oder
„In deinem Alter hätten wir es nicht gewagt, zu...“, oder
„In deinem Alter würden wir uns zu Tode geschämt haben, wenn...“, oder
„In deinem Alter würden wir uns die Finger darnach abgeschleckt haben, wenn unsere Eltern...“, oder
„In deinem Alter wären wir kreuzfroh gewesen, wenn...“, oder
„In deinem Alter hätte man uns verwichst, daß wir nicht mehr stehen, sitzen oder liegen hätten können, wenn wir uns unterstanden hätten...“
Der letzte Satz hat den erhebendsten Eindruck auf mich gemacht. Nämlich, weil die betreffende ungezogene Liesel, an die er mit Augenrunzeln und Donnergepolter gerichtet war, darauf erwiderte:
„Ah, Vater, das muß aber fein gewesen sein.“
Der entsetzte Vater brachte mit Mühe und Not ein „Warum?“ heraus.
„Weil, wenn ihr nicht mehr stehen, liegen oder sitzen konntet,“ sagte Liesel ernsthaft und ganz in einer Vorstellung versunken, „dann habt ihr ja fliegen müssen, Vater.“
Nein, bitte, das war durchaus nicht frech, sondern sachlich. Denn Kinder sind in diesen Dingen immer sachlich. Während die Eltern in Dingen der Ermahnung ... nun, ich habe neulich bei einem Vater, mit dem ich selbst einmal zur Schule ging, merkwürdige Dinge festgestellt.
Da war ich also bei Rechnungsrats eingeladen. Rechnungsrat Übelacker ist ein prächtiger Vater zu seinen Kindern. Aber wenn Gäste da sind, so ermahnt er sie. Er ermahnt sie unter allen Umständen. Vielleicht glaubt er, es gehöre zum guten Ton, oder er sei das seinen Gästen schuldig, oder seinen Kindern, oder sich selber, ich hab’s nie herausbekommen können. Aber mir hat er immer leid getan, wenn wir schon beim Obst angelangt waren und mein Freund, der Rechnungsrat Übelacker, bereits anfing, ungemütlich auf seinem Stuhle hin und her zu rutschen, weil bis anhin die Kinder noch nicht den geringsten Anlaß zur Ermahnung zu geben schienen.
So war’s auch diesmal. Ich konnte es nicht mehr ansehen. Ich nahm mich zusammen und schnitt dem regierungsrätlichen Fritzl eine heimliche Grimasse über den Tisch hinüber. Natürlich lachte er. Ich verlängerte meine Grimasse ins Erstaunte. Natürlich platzte er jetzt fast vor Lachen.
Sofort lösten sich des Regierungsrats gespannte Züge wohltätig, als er jetzt mahnend an seinen Teller klopfen und verkünden konnte:
„Fritz, das muß ich dir denn doch sagen, in deinem Alter habe ich niemals ein so blödsinniges Gelächter aufgeführt — mach’, daß du vor die Türe gehst, damit — damit du weißt, wie man sich bei Tisch anständig beträgt.“
Ich dachte mir, es sei sehr unwahrscheinlich, daß man das anständige Benehmen bei Tisch vor der Türe draußen erlernen könne und drückte diesen Gedanken in einer dritten heimlichen Grimasse aus, für mich privat natürlich. Ebenso natürlich schepperte aber der Regierungsratsfritz darüber vor Lachen und ging ein drittel betrübt, ein drittel vergnügt und ein drittel ahnungslos vor die Türe.
„Es ist ein Jammer mit den Kindern heutzutage“, sagte Rat Übelacker etwas unsicher zu mir.
„O,“ sagte ich, „nicht nur heutzutage, es war zu unserer Zeit nicht besser, aber dafür schlimmer.“
„Sooo?“ sagte mein Freund, der Regierungsrat.
„Ja, ich erinnere mich an zwei Buben, die einem Gaste gegenübersaßen, der einen kleinen unscheinbaren Haarbüschel auf seiner Nasenspitze hatte.“
„Soo?“
„Ja, und so oft das auftragende Mädchen die Türe öffnete, bewegte sich dieser kleine Haarbüschel im Zugwind zuerst empört, dann ergebungsvoll und schließlich fröhlich.“
„So?“
„Ja, und das machte den beiden Jungen einen solchen Heidenspaß, daß sie sich beinahe kugelten vor Lachen.“
„So, am Tisch?“
„Freilich, so daß der Vater schließlich sagen mußte, das sei ja ein schandbares Betragen, und als er so jung gewesen sei, habe man Kinder mit derartiger Aufführung jämmerlich verhauen, und er solle sofort vor die Türe gehen, damit er besseren Anstand lerne, der Heinrich.“
„Der Heinrich?“
„Ja, natürlich, der Heinrich, denn es ging doch nicht gut an, mich als eingeladenen Jungen auch vor die Türe zu setzen.“
„Dich? und der andere —?“
„Der andere? aber das warst doch natürlich du, Heinrich.“
„Soso — hm ja — soso —“
In diesem Augenblicke schien das anwesende Erziehungsfräulein Nasenbluten zu kriegen. Wenigstens ging sie mit dicht angepreßtem Taschentuch auch rasch vor die Türe. Und es war mir nur schleierhaft, warum sie dabei das ganze Gesicht zudecken mußte.
Gleich darauf schien der Frau Regierungsrat ein Apfelbröckchen in den unrechten Schlund gekommen zu sein, so daß sie ein merkwürdig komisches Gesicht machen mußte und von ihrem Gemahl einen unbeschreiblichen Blick erhielt. Was sie veranlaßte, ebenfalls ein wenig vor die Türe zu gehen.
„Da wir jetzt unter uns sind,“ begann der Regierungsrat unbehaglich, „so muß ich dir schon sagen...“ Ich merkte sofort, daß es eine umfängliche Predigt werden sollte und sagte:
„Komm, alter Junge, sei nicht tragisch — dein Sohn ist im übrigen ein famoser Kerl.“
„Famoser Kerl, wieso?“
„Ei, er hat kein Wort davon gesagt, daß ich mit meiner Gesichterschneiderei an seinem Gepruste schuld war.“
„Du? Nun, da muß ich denn doch sagen — hm ja, ich meine, ich glaube, du hättest diese Geschichte, an die ich mich übrigens gar nicht mehr erinnere, nicht gerade jetzt — und im übrigen vermute ich, daß ich damals nicht so entsetzlich geprustet habe, wie mein Fritz vorhin — wenn du’s schon erzählen mußtest, dann hättest du doch wenigstens auch diesen Unterschied —“
„Aber Heinrich, dann hätte ich ja auch den andern Unterschied —“
„Welchen andern Unterschied, bitte?“
„Nun, du hast damals, als du vor die Türe gehen mußtest, nicht vergessen, darauf aufmerksam zu machen, daß eigentlich das luftbewegte Haarbüschelchen auf des Fremden Nase dran schuld war, während dein Fritzl heut’ mich nicht verraten hat, sondern erheblich netter war, als du in seinem Alter damals —“
„Hem, hast du auch fernerhin die Absicht, alte Freunde derart bloßzustellen —?“
„Mit Vergnügen, solange sie nicht zugestehen wollen, daß sie im Alter ihrer Söhne ganz genau so frech, so dumm, so nichtsnutzig, so unbekümmert und so — kreuzvergnügt gewesen waren, gottseidank, als eben diese Söhne.“