Der Spohrer

Als die Schule einen Teil vom Hansi von uns schälte, merkten wir’s erst gar nicht. Eines Tages aber schrie es von der Straße: „Miller!“

Mutter rührte ruhig weiter um im Kochtopf. Was ging sie der Miller an?

„Mi—iller!“ schrie es ärger.

Meine Arbeit am Schreibtisch fing ein wenig an zu stocken. ‚Miller?‘ dachte ich dunkel zwischen zwei Sätzen, ‚der Name kommt mir fast bekannt vor — na, im Grunde: was geht mich ein Miller an?‘ Whupp, holte schon die Feder aus zum nächsten Satz.

„Mi—i—i—ille—e—er!“ klirrte jetzt das Fenster neben meinem Schreibtisch. Auf damit, den ärgerlichen Kopf hinausgestreckt — stand da ein kleiner, runder Kerl auf der andern Straßenseite, blaurot im Gesicht vor lauter Millerrufen und machte eben seine Händchen hohl zu einem verstärkten Millergedröhn.

„Willste wohl!“ drohte ich hinab, „was ist denn los?“

„Ich geh zum Schlittenfahr’n — der Miller soll ’runterkommen mit sei’m Schlitt’n!“ brüllte das Kerlchen herauf.

Nein, dieser unverschämte Bengel! Dem sollte ich wohl seinen Boten machen, um aus irgendeinem Stockwerk über uns oder unter uns irgendeinen Miller —

„Du, Mann,“ sagte hinter meinem Rücken die seltsam bedrängte Stimme meiner Frau, die aus der Küche hergekommen war, „du Mann, ich glaube, er meint unsern — unsern Hansi.“

„Unsern — unsern —?“ stammelte ich verbindungslos.

Der kam plötzlich aus dem Kinderzimmer hereingeschossen.

„Warum habt ihr nicht gesagt, daß mich der Spohrer ruft?!“ sagte er gekränkt, holte sich seinen Schlitten und zog mit dem Spohrer ab. Weder der Hansi noch der Spohrer warfen einen Blick zurück zum Fenster, wo die Mutter noch lange neben dem Vater stand und ihnen nachsah. Nachsah, bis der Schlitten und der Hansi und der Spohrer um die letzte Ecke bogen.

„Der Miller“, sagte sie langsam und bemühte sich, mich anzulächeln. Aber da stürzten ihr die Tränen aus den Augen. Sie fuhr sich an den Lenden hinab, als habe sich daran zum erstenmal ein Stück von ihrem Hansi abgeblättert.

„Der Spohrer“, gab ich ihr zur Antwort und fuhr mir über die Schläfe, als habe sich da was Fremdes angesetzt.

An diesem Morgen hat Mutter noch unzählige bittere Miller in die Mittagssuppe eingerührt. An diesem Morgen drängten sich ganze Trupps von unverschämten, kugelrunden Spohrern durch die Zeilen meiner Arbeit.

Von da ab wuchs der Spohrer drohend in unsere Familie hinein. Gewisse weiche Stellen fingen an sich zu verknorpeln. Der Spohrer selber kam nicht mehr. Nur seinen Schatten warf er lang und länger.

„So, und jetzt muß ich zum Spohrer“, erklärte der Hansi immer wieder nach dem letzten Mittagessenbissen. Wir hätten’s ihm verbieten können, hätten wir uns nicht, hellgesichtig schweigend, eingestanden, daß verbotene Liebe üppiger ins Kraut schießt, als erlaubte. So begnügten wir uns, den Spohrer still zu hassen. Bis eines Tages Hansi sagte: „Der Spohrer ist ein gemeiner Kerl!“ Sofort spürten wir, wie wir dem Spohrer gut wurden: Doch ’n ordentlicher Kerl, der uns gab, was uns gehörte. Und wir hätten auf ein Haar vergessen, uns beim Hansi zu erkundigen, warum der Spohrer plötzlich ein gemeiner Kerl wäre.

„Weil er — weil er mir seinen Radiergummi nicht geschenkt hat“, platzte Hansi heraus.

„Aber Hansi, deshalb ist er doch nicht gemein“, fühlten wir uns verpflichtet, für den Spohrer einzutreten.

„Ja, und dann — und dann ist er auf meine Feder mit dem Fuß draufgetreten, der — der gemeine Kerl!“

„Aber Hansi, das kann Zufall sein und —“

„Und dann — und dann — und überhaupt, der Spohrer ist ein gemeiner Kerl!“ Der Hansi heulte.

Zu Weihnachten schenkte ihm die Tante Elsa eine besondere Mütze. Nur einmal setzte er sie auf. Das zweite Mal weigerte er sich: „Der Spohrer lacht mich aus damit“, sagte er.

Der Frühling kam. Das Maifest wurde fällig. Aber es regnete und regnete. Der Spohrer sollte mit dem Fuße aufgestampft und gesagt haben: „Wenn’s nur grad extra weiterregnen tät!“ Der Hansi war empört. Denn nun war es klar, daß an dem Regen nur der Spohrer schuld war, dieser ganz gemeine Kerl.

„Der Spohrer hat mir eine ’neing’haut!“ klagte er ein andermal.

„Wirklich, Hansi?“

„Ja — beinah — der — der gemeine Kerl!“

„Beinahe eine ’neingehauen, Hansi?“ beharrte ich, „das sieht fast so aus, als ob du ihm schon vorher eine hineinge—“ Aber da war er schon aus dem Zimmer, der beinah hineingehauene Hansi.

In der nächsten Woche zögerte er immer bis zur letzten Minute mit dem Schulgang.

„Hansi, was hast du?“ forschte die Mutter.

„Der Spohrer paßt mir an der Eck’n auf — mit’m Stecken — der — der gemeine Kerl!“

Es wurde immer schlimmer. Unser ganzes Familienleben verspohrerte durch den Hansi. Wir lebten in einer fortwährenden Angst dahin, der Spohrer hätte — der Spohrer wäre — der Spohrer könnte — der Spohrer würde. Nichts Schlimmes gab es auf der Welt, das nicht dem Spohrer zuzutrauen gewesen wäre. Der Spohrer lastete auf uns mit Schicksalsschwere. Morgens, wenn Hansi erwachte: der Spohrer. Mittags, wenn er von der Schule heimkam: der Spohrer. Abends, wenn ihm Mutter am Bettchen seine letzte Sorge vor dem Sandmann abnahm: der Spohrer, immer nur der Spohrer... Nur ein Trost war da für uns spohrergeschlagene Eltern: von dem dunklen Spohrerhintergrunde hob sich hell und strahlend unser Hansi ab.

Eines Tages hat man mich wo eingeladen. Es stellt sich mir ein anderer Eingeladener vor. „Spohrer“, sagt er und verneigt sich. Mir ist, als wenn mich einer mit der Lanze in die Seite stäche.

„Doch nicht der Spohrer?“ fährt es mir heraus. Und da war es wirklich dem Spohrer sein Vater. Ich hätte es übrigens gleich erkennen können, so klein und rundlich, wie er war, dachte ich.

„Ich hätte es übrigens gleich erkennen können, so lang und hager, wie Sie sind“, sagte im selben Augenblick der alte Spohrer zu mir.

Und dann erzählte er mir ein langes und ein breites über meinen Hansi. „Denken Sie,“ sagte er lächelnd, „mein Söhnchen sagt mir, Ihr Hansi behandle ihn zu schlecht.“

„So, inwiefern denn!?“ sage ich beinahe beleidigt.

„Ja, seinen Bleistift habe er zertreten, sagt er — dann habe er ihm einmal beinah eine ’neingehauen — und auf dem Schulweg passe er ihm auf, der — der gemeine Kerl!?“ fügte er vergnügt mit der Stimme seines Söhnchens bei. Und dann ernster: „Wenn Sie überhaupt jetzt in unsere Familie hineinsehen könnten, so hörten Sie nur: Der Miller hat — der Miller ist — der Miller wird — mit einem Wort, wir sind vermillert auf und ab.“

Wir lachten beide. Und beide stellten wir an diesem Abend lachend fest, daß die Krankheit unserer Söhnchen durchaus nicht auf die Schule beschränkt sei. Daß auch das Leben von uns Alten dicht durchsetzt von Spohrern und von Millern sei.

„Jaja, Herr Spohrer,“ bekannte ich auf dem Heimweg, „solang die Welt steht, wird sie auch verspohrert —“

„— Und vermillert sein,“ fiel er rasch ein, „es gehören immer zwei zu einer — einer stillen Liebe.“