Glück

Als ich ein Bub war, ein verstaubter Stadtbub, kriegte Vater einen Brief. Er schaute lange auf die Unterschrift: „Der ist von einem alten Schulkameraden,“ sagte er, „der Glück gehabt hat — Herr im Himmel, was hat der Glück gehabt — jetzt ist er Staatsrat und hat einen Parkbesitz da draußen vor der Stadt.“ Dann erst las er den Brief. Es war eine Einladung auf den nächsten Sonntag.

Aber da gerade hatte Vater Dienst. Und Mutter hatte kein Ausgehkleid, das halbwegs staatsratswürdig war. „Und ich?“ sagte ich glitzernd. Da sahen sie an mir herab: Ja, mein Anzug wäre noch fast neu, und was das Benehmen anbeträfe — „eben brav sein und bescheiden, wie du’s in der Schule sein mußt — nicht etwa kriechend — wir sind auch was, wenn wir auch kein Staatsrat sind — du hast da einmal einen Klassenkameraden mitgebracht — Mathias, glaub’ ich — der trägt den Kopf aufrecht, weiß was er will und läßt sich gar nicht extra imponieren — an dem nimm dir ein Beispiel.“

Das war nicht alles. Der Lehren waren noch ein Dutzend mehr. Aber nur diese behielt ich. Denn wie ich in den Park des Staatsrats eintrat, war auch der Mathias eingeladen. Er stelzte auf mich zu und sagte knapp: „Bin hier fast jeden Sonntag — der Staatsrat ist mein Onkel — komm.“

Der Staatsrat gab mir die Hand, sagte, es sei schade, daß meine Eltern nicht gekommen wären, und nun solle ich vergnügt sein — „Mathias, nimm dich seiner an!“

Das tat er. Er zeigte mir den Park. Da war eine herrliche Schaukel. Ob ich schaukeln dürfe? Er zuckte die Mathiasschultern: „Meinethalben, wenn dir solche Kinderei noch Spaß macht.“

Sie machte mir über eine halbe Stunde Spaß. Dann kamen wir an einen Weiher mit einem entzückenden Boot. Ob ich rudern dürfe? „Meinetwegen, wenn dir solche Wasserplantscherei Vergnügen macht“, sagte er mit hochgezogenen Mathiasaugenbrauen. Und ich durfte ihn rudern, während er gähnte.

Dann war ein zahmes Reh hinter einem Zaun, ein allerliebstes Reh. Ob ich’s betrachten dürfe? Er nickte nachlässig mit dem Mathiaskopfe: „Meinetwegen, wenn du sonst nichts besseres weißt.“ Und wieder wußte ich eine halbe Stunde lang nichts besseres und konnte mich nicht satt sehen an den großen Rehaugen und den zarten Bewegungen, während der Mathias, mit den Händen in den Hosentaschen, pfeifend um den Zaun ging.

Dann gab es Erdbeeren mit Schlagsahne. Ob er je was besseres gegessen hätte, fragte ich begeistert den Mathias. Da riß er langsam den Mathiasmund auf und sagte gähnend: „Gott, man kann doch alle Schlagsahnen, die man schon verzehrt hat, nicht im Kopfe haben.“

Darauf holte er sich ein dickes Buch und las es, während ich im weichen Grase hinter einer blütenüberschneiten Hecke lag und träumte, träumte...

Ich habe es noch lange Jahre später bekannt: das war mein schönster Tag. Dann bin ich alt geworden und es versanken nacheinander meine Eltern, der Park, der Staatsrat, der Mathias — nein, den Mathias habe ich gestern in einem Wartesaal wiedergetroffen, sehr vornehm, knapp vorm Staatsrat, glaube ich. Aber er plauderte sehr gütig mit mir, denn bis zu seinem Anschlußzuge hätte sich ihm sonst die Langeweile angeschlossen. Als der Gesprächsstoff auszugehen drohte, sagte ich: „Weißt du noch, Mathias: der gemeinsame Parknachmittag damals bei deinem Onkel, dem Staatsrat —“

„N—ja, erinnere mich dunkel. Aber sprich nur zu, vielleicht daß ich mich dann an die Einzelheiten —“

„Ja, da war vor allem die Schaukel — dann der Weiher mit dem Boot — dann hinterm Zaun das Reh — dann die Erdbeeren mit Schlagsahne — schließlich im Grase hinter der Hecke —“

„Ja ja, jetzt weiß ich’s wieder: es war gräßlich, nicht — ah, eben rufen sie den Zug ab — du entschuldigst —.“