Schmuckel
Der Schmuckel war immer ein heller Kopf gewesen. Schon in der Schule sagte der Herr Lehrer zu den anderen Schülern: „Den Schmuckel seht euch an, so fix wie der im Rechnen sollten alle werden.“ Aber nicht nur im Rechnen war es so. So einen deutschen Aufsatz schmiß er aus dem Handgelenk ins Heft, daß es nur so schnackelte. Von der Geographie gar nicht zu reden, wo die Nebenflüsse links und rechts des Rheins förmlich aufeinander schnalzten. Heißt das, wenn der Schmuckel sie aufsagte. Bei den andern schob sich zwischen der Kinzig und der Murg ein „Äh“ und zwischen der Nahe und der Mosel eine Einsagpause, und zwischen Lahn und Wupper gähnten ganze Reihen ausgelassener Nebenflüsse.
Wenn aber der Inspektor kam, vor dem man doch ein bissel glänzen wollte, wurde der Schmuckel in der Geometrie aufgerufen. So ein Inspektor ist Paraderösser sicherlich gewöhnt. Aber wie der Schmuckel in die Arena ritt, wenn der Lehrer scheinheilig sagte:
„Na, jetzt könnte vielleicht der — der — Schwiefke — nein, der war schon daran — nun, sagen wir mal, der Schmuckel noch sein Paralleltrapez konstruieren, von dem gegeben ist die Mittellinie, die Höhe, ein Winkel im Schnittpunkt der Diagonalen ...“
Der Inspektor müßte nicht der Inspektor gewesen sein, hätte er nicht gewußt, daß diese Paralleltrapezgeschichte die allerverschwefelste Aufgabe im ganzen Dicknether, Ausgewählte Konstruktionen für Mittelschulen war, und — unter uns — ihn wenn der Lehrer jetzt aus Versehen, anstatt des Schmuckels an die Tafel gerufen hätte, er wäre aufgesessen, glatt aufgesessen, statt anderen aufsässig zu sein. Und es brach ihm jetzt wahrhaftig ein gelinder Schweiß aus, wenn er daran dachte: wenn jetzt der Schmuckel stecken blieb, und wenn ein anderer Schüler auch nicht weiter wußte, und wenn der Lehrer auch verdattert würde, und wenn es dann seine verdammte Schulinspektorpflicht sein würde, selbst an das verflixte Paralleltrapez zu treten: „Aber Herr Kollege, ist ja kinderleicht — das macht man so und so und so...“
Unnütze Sorge. Der Schmuckel, der fixe Schmuckel, war schon mitten in der Konstruktion und turnte mit der Kreide und dem Zirkel auf dem Paralleltrapez herum, daß einem ganz schwindlig wurde — Winkel rissen ihre Mäuler auf — Parallele spielten Fangeinmandel, ohne sich zu kriegen — Diagonalen kreuzten sich mit Würde, wie die Bandeliere auf der Brust eines Napoleonssoldaten — Kongruenzen führten Menuette auf, und Mittellinien schmiß er an die Tafel, ohne Rast und ohne Wenn und ohne „Äh“... ja, so einer war der Schmuckel.
„’n verdammt fixer Kerl!“ preßte es dem Inspektor heraus, trotzdem ein Schulinspektor „verdammt“ und „fix“ und „Kerl“ eigentlich nicht sagen durfte, sondern höchstens „bemerkenswert“ und „anstellig“ und „Individuum“.
Nach der Schule hat sich der fixe Schmuckel mit dem Paralleltrapez nicht weiter aufgehalten, sondern hat fix eine Stelle bekommen, hat fix verdient, hat sich fix verheiratet, war der fixeste Häuseragent geworden weit und breit. Es mag ja sein, daß der Schulinspektor damals sich noch einen ganz andern Bauchaufschwung als bis zum Häuseragenten von dem Musterschüler Schmuckel erwartet hatte. Etwa einen Gelehrtenaufschwung, Dichteraufschwung oder so was. Aber derartige Aufschwünge erfordern Wenn und Aber, „Ähs“ und lange Pausen der Überlegsamkeit zwischen hinein. Womit der fixe Schmuckel sich aber wirklich nicht aufhalten konnte, wenn er’s fix zu einem fixen Kerl mit einem fixen Bankkonto bringen wollte.
Und das hatte er nun. Sogar eine fixe Frau zu seiner fixen Häuseragentur. „Das muß man sagen,“ sagten die Leute, „ein patenter Häusermakler ist er, dieser Schmuckel, wahnsinnig patent!“ Denn von dreißig Jahren an sagt man nicht mehr fix, sondern patent. Das gehört sich so, und außerdem ist es patenter. Patent ist übrigens hinter dreißig Jahren jeder Mensch, der etwas auf sich hält. Schmuckel aber war unter den patenten Häusermaklern eben auch wieder derjenige, wo — mit einem Wort, er war wahnsinnig patent. Man hätte auch „furchtbar patent“ oder „rasend patent“ oder „blödsinnig patent“ sagen können. Aber das waren andere Häusermakler auch zur Not. Schmuckel allein war wahnsinnig patent.
„Wenn du irgendeinem Hausmakler ein Haus zu verkaufen gibst,“ hieß es, „was hat der für Bedenklichkeiten und Geschichten. Dagegen der Schmuckel — eins zwei drei, hat’s schon wegverkauft.“
„Ja, und gar wenn du ihn eins kaufen lässest, brauchst du nicht einmal bis drei zu zählen — hat’s schon gekauft für dich, bevor du überhaupt noch selber wußtest, daß du ein Haus gewollt hast — wahnsinnig, einfach blödsinnig wahnsinnig, dieser Schmuckel.“ „Blödsinnig wahnsinnig“ ist der höchste Orden, der für Fixigkeiten zu verteilen ist.
Nun erkennen Frauen sonst die öffentlichen Eigenschaften ihrer Männer selten an. Nicht so Schmuckels Frau, ein stilles, kleines und verträumtes Dingchen. Gegen andere sprach sie sich freilich nicht so aus. Aber wenn sie sich selber fragte, was sie eigentlich von ihrem hin- und hergehetzten fixen Manne habe, so sagte sie sich insgeheim: „Wahnsinnig wenig, blödsinnig wahnsinnig wenig.“
Nun aber begab es sich, daß besagter Schmuckel einen Weinkeller hatte. Einen wahnsinnig patenten Weinkeller. Was schließlich für einen erfolgreichen Häusermakler nicht mehr als recht und billig ist. Vor allem billig. Denn Schmuckel kaufte auch seine Weine einfach rasend wahnsinnig blödsinnig billig ein.
Und weiterhin begab es sich, daß er sich einmal selbst in den Keller begab, um einen solchen rasenden Wein am Spundloch zu probieren — nein, um einen solchen Wein am rasenden Spundloch — nein, es ist zum rasend werden: um einen solchen Wein am Spundloch rasend zu probieren.
Als er den Becher untern Hahn hielt und diesen aufgedreht hatte, fiel ihm ein solider Holzschlegel gegen die linke Schläfe. Pumm, wurde die Stelle seiner vierten Gehirnwindung, wo die patente Fixigkeit zu sitzen pflegt, eine Idee auf die Seite gerückt. Es war selbst mikroskopisch nicht der Rede wert. Aber es genügte dennoch, um Schmuckels Denkapparat nach einer andern Richtung einzuschalten.
Der Wein lief in den Becher, bis er überfloß, während Schmuckel sinnend vor dem Spundloch saß und dachte: „— und wenn ich damals in der Schule nicht so fix gewesen wäre... hm ja, es konnte immerhin doch sein... hm ja, und wenn ich die Konstruktion mit dem Paralleltrapez auch nicht so fix gekonnt hätte... hm ja, und genau genommen, weiß man ja nicht einmal, ob alle diese fixen Lehrsätze auch ganz richtig sind... hm ja, man braucht nur anzunehmen, daß wir keine körperhaften Menschen, sondern — hm ja — zweidimensionale Menschen wären, die auf — hm ja, hm ja — auf Eierschalen lebten... hm ja, so daß der pythagoräische Lehrsatz keinen Sinn hätte... hm ja, dann würde auch das Paralleltrapez ein Blödsinn...“
Unterdessen lief der Wein und lief und stand schon knöcheltief im Keller.
„— hm ja, und wer weiß, ob ich dann ein fixer Häusermakler geworden wäre, der hin und her verkauft und den ganzen Tag nur auf der Hetze ist... hm ja, so daß für mein kleines Frauchen eigentlich nichts übrig bleibt von mir, als ein bißchen Fixigkeit... hm ja, und wenn wir dann auch weniger verdienten... hm ja, ja hm, dafür aber glücklich wären — hm ja, furchtbar glücklich, wahnsinnig glücklich, blödsinnig glücklich... nein, ist ja Unsinn, einfach glücklich, das genügte —“
Hier war es, daß der Wein ihm an die Waden reichte, und daß das Schmuckelsche Dienstmädchen herunterkam, um nachzuschauen, wo ihr Herr solange bliebe: „Aber gnädiger Herr,“ rief sie, „was machen Sie denn da?“
„Ich habe darüber nachgedacht, Kathi wenn ich nicht immer so fix gewesen wäre... hm ja, es hätte doch sein können... hm ja, und wenn wir zweidimensional auf Eierschalen lebten... hm ja, und wenn wir dann auch weniger verdienten... hm ja, und wenn ich dann mit meiner Frau viel glücklicher wäre... hm ja, Sie verstehen, Kathi —?“
Da wurde die Kathi auch besinnlich, setzte sich auf einen Kellerstuhl und sagte langsam: „Hm ja, freilich kann ich Sie verstehn, Herr Schmuckel... hm ja, und wenn Sie dann mit Ihrer Frau so glücklich wären... hm ja, auf zwei sinidale Eierschalen ... hm ja, hm ja...“
Unterdessen lief der Wein und lief, und er stand ihnen schon bis beinahe an die Knie, als die stille, kleine und verträumte Frau Schmuckel auch herunterkam, um nachzusehen, was aus ihrem Mann und der Kathi geworden wäre: „Aber Kinder,“ rief sie, „was macht Ihr denn da?“
„Wir haben darüber nachgedacht, liebe Frau, wenn ich nicht so fix geworden wäre, so wahnsinnig — so fürchterlich wahnsinnig fix, weißt du... hm ja, und wenn wir dann auch weniger verdienten —“
„Hm ja, auf zwei simidale Eierschalen nämlich, gnädige Frau, hm ja“, erläuterte die Kathi.
„Hm ja, und wenn wir dann erst glücklich geworden wären, liebe Frau... hm ja, einfach glücklich, schlecht und recht...“
Hier war es, daß sich die stille, kleine Frau still zu ihrem Mann gesetzt hatte, daß sie langsam ihr gutes Köpfchen zu ihm neigte: „Ach ja, lieber Mann, glücklich wenn wir wären... hm ja, wir sind ja glücklich... glücklich um und um... und ich wünsche mir nur, daß es jetzt so bliebe... hm ja, mein lieber Mann, hm ja...“ Und sie verlebten zum ersten Male selige Minuten ungetrübten Glückes.
Unterdessen lief der Wein und lief, und er stand ihnen jetzt schon glücklich bis an die Lenden, als auf einmal ein zweiter solider Holzschlegel von dem großen Weinfaß herab auf Herrn Schmuckels rechte Schläfe fiel. Pumm, wurde die Stelle seiner vierten Gehirnwindung, wo die patente Fixigkeit zu sitzen pflegt, wieder eine Idee auf die andere Seite gerückt. Es war selbst mikroskopisch nicht der Rede wert. Aber es genügte dennoch, um den alten Schmuckel wieder einzuschalten:
„Was ist denn das für eine Schweinerei!“ schrie er aufspringend, „fix, den Hahn zu — fix, Kathi, holen Sie die Feuerwehr — nein, Kathi, bleiben Sie, fix, Frau, fix, die Eimer her und wieder eingefüllt ins Faß — fix, Kinder, fix — zum Donnerwetter, sag’ ich: fix...!“