Jod
Es ist kein Zweifel mehr. Die Wissenschaft hat’s festgestellt:
Das Blut wird von der Schilddrüse stündlich mit ein drittel millionstel Gramm Jod gespeist. Ohne dieses Jod wird der Mensch ein Idiot trotz aller Schulen, allen guten Willens. Ein Hundertstel Gramm Jod mehr in unserm Blut, und wir fliegen dahin mit lockigem Haar, blitzenden Augen, überschäumender Lebenslust. Ein Tausendstel Gramm weniger, und mit erloschenen Augen schleicht ein Kümmerling zum Grabe.
So die Wissenschaft. Wie das Leben?
Unsere Schulzeugnisse müssen eine neue Spalte kriegen:
Fritz Kugelmaier, Jodgehalt: Befriedigend.
Hans Stoppinger, Jodgehalt: Sehr gut.
Max Steinhofer, Jodgehalt gleich Null. Aufsteigen in die nächste Klasse nur bei energischer Nachhilfe in der Jodzufuhr gestattet.
Die Begegnungsformel „Wie geht es Ihnen?“ ist veraltet. „Und wie steht’s mit Ihrem Jodinhalt?“ wird es hinfort heißen müssen.
„Sage mir, wieviel Jod du hast, und ich sage dir, wer du bist.“
Ein Beamter hat in einer Stellung ganz versagt. „Kein Wunder,“ wird der Personalreferent angefahren, „wie konnten Sie einen Menschen mit solchen Jodverhältnissen...!“
Der künftige Adolar erklärt der künftigen Kunigunde seine Liebe. „Schön, mein Herr,“ sagt sie, „darf ich um Ihre Hand bitten.“
„Aber,“ stottert er, „eben darum wollte ich Sie bitten — au!“ Denn sie hat mit der Pinzette aus seinem Ringfinger ein Tröpflein Blut entnommen, es im Reagenzröhrchen mit Säuren aufgeschüttelt und die Stirn gerunzelt: „Mein Herr, Ihr Antrag ehrt mich, aber bei Ihren dürftigen Verhältnissen —“
„Ich muß doch bitten, ich habe —“
„— viel zu wenig Jod, mein Herr — der nächste, bitte.“
Der Nürnberger Trichter wird das Zeitliche segnen müssen. Eine Reichsjodanstalt wird aufgehen. Jodärzte werden von Injektionszelle zu Injektionszelle rennen, mit Spritzen:
„Unter uns, Herr Kollege, wie könnten Sie den Mann nach Tabelle B mit so wenig Jod injizieren — der Mann ist Wagenführer und muß etwas leisten!“
„Na, wenn Sie schon so kritisch sind, so muß ich Ihnen sagen, Herr Kollege, daß es von Ihnen Unsinn war, an den Mann auf Nummer 37 soviel Jod zu wenden, wo die Magistratstabelle nur die Hälfte vorsieht.“
Der künftige Friedenskongreß. Verschiedene Regierungen beharren auf Erörterung der Schuldfrage. Andere widersprechen. Der Kongreß droht schon zu scheitern. Da erhebt sich der Professor Spyribingel: „Meine Herren, die exakten Forschungen der Wissenschaft ergaben, daß, wenn Napoleon zwei Milligramm Jod weniger im Blut gehabt hätte, er es höchstens zum Stadtkommandanten von Ajaccio hätte bringen können. Die ganze Geschichte Europas wäre eine andere geworden. Es hätte kein 1914 gegeben. Ich beantrage die Schlamperei des Impfarztes von Ajaccio für schuldig am Ausbruch des Weltkrieges zu erklären...“
Es ist klar, daß von da ab alle Herrschenden der Erde abzutreten haben werden. Herrschen wird von da ab nur mehr seine Wissenschaft, der Pinsel — Jodpinsel selbstverständlich.
So weit wäre alles gut und wissenschaftlich in der Welt geworden. Aber eine Besorgnis habe ich doch. Nein, keine Besorgnis, sondern eine Angst: gesetzt den Fall, es stürbe einmal Hindenburg — mög’ es lange nach dem Kriege sein — und gesetzt den Fall, man hätte ihn seziert — jetzt noch die Blutprobe — es erbleichet das Konsilium, und ein Raunen geht durchs Haus der Wissenschaft, daß es klingt, als bröckelten die Wände: „Um Gottes willen, meine Herren, nicht verlauten lassen, daß wir den Weltkrieg mit Null Komma Null Gramm Jod gewonnen haben...“