Morgan

Man hat Bücherbretter voll Rezepte geschrieben über „Wie man reich wird“. Aber es gibt nur ein Rezept dafür: keine Nerven haben.

Als Morgan anfing, Eisenbahnsysteme und Millionen aufzuschachteln, hätte einer seinen Körper mit dem Ultramikroskop durchsuchen dürfen: nicht die Spur von Nerven.

Keine Nerven? — Dummes Zeug, womit hätte er denn da Lust gefühlt und wäre aufgezuckt in Schmerzen? — Ei, mit den Eisenbahnsträngen, die für seine Rechnung vom Atlantischen Ozean an den Stillen Ozean liefen.

Diese Stränge zogen ihm die erste Milliarde in den kräftig pulsierenden Kassenschrank. Daß Morgan an Stelle eines Herzmuskels einen feuerfesten Kassenschrank besaß, darf ich als bekannt voraussetzen. Auch daß dieser Schrank so konstruiert war, um gemünztes Blut hineinzulassen, aber keins heraus.

Nach der ersten Bahnmilliarde fing es in den Dividendenkanälen zu diesem Kassenschrank an, da und dort ein wenig weißlich aufzuglänzen.

„Doch keine Nerven?“ fragte er besorgt den Hausarzt.

„Hm, es kann auch Stahl sein, weißer Stahl von Ihrem neuen Eisentrust, Herr Morgan.“

Morgan war beruhigt und häufte jetzt Milliarden, wie er vorher Millionen häufte. Nach dem Bahntrust und dem Stahltrust kam der Schiffahrtstrust. Das weißliche Geäder trat auf der Auskleidung seiner Dividendenblutbahn deutlicher hervor.

„Also doch Nerven?“ rief Morgan und packte seinen Hausarzt am Geldbeutel.

„I bewahre, die Kielwasserbahnen Ihrer Schiffe sind es.“

Es waren aber doch die Nerven, die still und zähe mitten durch die Aktienmuskelbündel und die Obligationsfettpolster durchgewachsen waren.

Man holte einen Nervenspezialisten.

„Schade,“ sagte der und liquidierte hunderttausend Dollar, „schade, ein paar Jahre früher, wenn Sie mich gerufen hätten, würde man sie ziehen haben können.“

„Und jetzt?“ fragte Morgan angstvoll.

„Man könnte es mit dem Verwässern der Aktienmuskelbündel und der Obligationenfettpolster versuchen“, sagte der Spezialist und liquidierte wieder hunderttausend Dollar.

Morgan wässerte und wässerte, wurde aber dadurch nur noch reicher, ohne seine Nerven zu verlieren. Ein Heer von Spezialisten kurierte dran herum. Natürlich wurden da die Nerven ungebärdig und gereizt. Sie bäumten sich und dehnten sich und schnurrten wieder zusammen und zupften und rissen ihn an allen Enden.

Nicht mehr zu ertragen war es. Zwischen seinen Milliarden rannte er herum. An ihren stahlharten Wänden brach sich sein Gestöhne und klatschte mitleidlos auf ihn zurück.

Zerfasert und zersetzt rannte Morgan von den Spezialisten zum Schäfer Ast. Der behandelte ihn genau wie alle andern: drei Nackenhaare ausgerissen, ins Weiße der Augen gestarrt und abermals drei Nackenhaare ausgerissen.

„Es war die höchste Zeit,“ sagte der Schäfer Ast, „denn Sie hatten gerade noch sechs Nackenhaare.“ Und dann stellte er die Diagnose:

„Sie leiden an Ihren Milliarden, Herr Morgan“, sagte er.

„Sie meinen an den Nerven?“

„Ihre Nerven sind wie Spargeln aus dem Miste Ihrer Milliarden herausgewachsen,“ sagte Schäfer Ast, der sich landwirtschaftlich auszudrücken liebte, „schmeißen Sie den Mist hinaus, so hören auch die Spargeln auf zu treiben.“

„Sie können mit dem Misten meinetwegen gleich bei mir den Anfang machen“, setzte er hinzu und rollte einen leeren Mistkarren herbei.

Mit der lumpigen Million, die da hineinging, war es freilich nicht getan. Morgan fing nach allen Seiten auszumisten an. Aber wie er auch verschenkte und verschenkte, noch größer war der Zustrom seiner Dividenden. Er war zu reich geworden, als daß er sich mit Schenken hätte helfen können. Immer unbarmherziger schossen Spargel durch die Beete, zappelten die Nerven am Gerüste, so sich Morgan nannte.

Morgan floh aus Kontor und Börse weit hinaus ins Land. Gleich schoß ihm ein dünner Kupfernerv nach, der tickte, tickte: der Telegraph.

Morgan floh aufs Meer. Erschöpft lehnte er am Mast und murmelte:

„Gott sei Dank, daß in die Ozeanwüste keine Nervendrähte reichen.“

„Tick — tick — tick“, machte es oben am Mast und rann in den zuckenden Körper Morgans ein. Es war der Auffangapparat für drahtlose Telegraphie.

Morgan floh unerkannt in die telegraphenlosen Sabiner Berge. Das Leben eines Hirten wollte er da führen. Aber unter seinen Händen organisierte sich sein Schafgewerbe lukrativer, als bei allen anderen Hirten. Daran erkannten sie ihn auch da und riefen:

„Du bist Morgan“, und begannen ihn anzubetteln.

Da erkannte er, daß er sich selber nicht entrinnen könne und floh, ein zuckendes, zerflackerndes Nervenbündel, in die nächste Stadt. Das war Rom.

Seine Leute wollten das erste Hotel für ihn mieten. Aber es war ein Kongreß in der Stadt. Alle Gasthöfe waren überfüllt. In zwei Zimmern eines kleinen Gasthofes landete der Abgehetzte. Fieberschauer warfen ihn ins Bett. Der Hausarzt sah, es ging aufs Ende.

Die Nervenempfindlichkeit hatte derart zugenommen, daß ein umgewendetes Blatt in seinem Buche ihn zum Rasen brachte.

Gegenüber klopfte ein Schuster und sang dazu. Morgan schäumte. „Aufhören, auf der Stelle!“ ließ er ihm sagen. „In Rom gibt’s gegen Klopfen und Singen kein Gesetz“, erwiderte der Schuster und sang und klopfte weiter.

Morgan ließ ihm 1000 Dollar bieten. Der Schuster lachte und machte Fenster und Laden zu. Aber Morgans Nerven wuchsen durch Ladenritzen und durch Glas und hörten den Schuster immer noch.

10000 Dollar bot er ihm, wenn er das Klopfen ließe. Der Schuster lachte und hörte auf zu klopfen. Aber noch immer sang er.

„Was verlangst du für deinen verfluchten Gesang?“ ließ Morgan sagen.

„Der Gesang ist mir das teuerste“, antwortete der Schuster und verlangte 100000 Dollar.

Als der Schuster so erledigt war, fingen Straßenbuben zu pfeifen an. Zwei Abgesandte Morgans stellten sich an beiden Straßenenden auf und kauften jedem, der den Mund zu spitzen anfing, jeden Pfiff für schweres Geld ab.

Als so die Straße pfiffefrei war, kamen die Zeitungen heraus. Brüllend stürzten sich die Zeitungsjungen in die Straße. Wieder blieb nichts anderes übrig, als ihnen alle Nummern schon am Straßeneingang abzukaufen. Das war nicht so billig als es aussieht. Denn kaum hatten die Druckereien erfahren, wer die Nummern kaufte, als sie ihre Rotationsmaschinen aufs neue laufen ließen und die herausgeschleuderten Zeitungsbündel alle nach der einen Straße schickten. Es begann ein Kampf zwischen den Rotationspressen und Morgans Geld. Das Geld blieb Sieger.

Schon glaubten Morgans Leute ihren Kampf gewonnen, als es über den Zimmern zu dudeln und zu schleifen anfing. Ein Strohflechter feierte seine Hochzeit. Braut und Bräutigam hatten ein Jahrzehnt für diesen Tag gespart und wollten sich den Tanz, das Essen und die frohe Laune etwas kosten lassen.

Morgans Bote kam heraufgestürzt: „Unser Herr ist außer sich. Ich kaufe euch eure Hochzeit ab. Was kostet sie?“

Der Strohflechter und die Strohflechterin sahen sich an und lächelten glücklich:

„Nein,“ sagten sie, „unser Hochzeitstag ist nicht verkäuflich.“

„Aber bedenkt doch, es ist Morgan, der eure Hochzeit kaufen will.“

„Wir kennen keinen Morgan.“

„Was, den kennt ihr nicht? Er ist der reichste Mann der Welt!“

Da sah der Strohflechter die Strohflechterin zum zweitenmal glückselig an: „Der reichste Mann der Welt?“ lächelte er ungläubig, „nein, mein Lieber, da irrt ihr euch, beim Blut der heiligen Madonna. Denn der reichste Mann der Welt bin heute ich — hopp, Kinder, einen neuen Tanz!“

„Deine Millionen haben da droben nichts ausrichten können, o Herr“, berichteten Morgans Leute ängstlich vor seinem Bett.

Da ergrimmte das zuckende Nervenbündel, raffte sich zum letzten Male auf und warf ihnen Armleuchter, Uhren, Stühle, Stiefel an den Kopf. Und so gräßlich war er anzuschauen in seiner unglückseligen Tobsucht, daß sie sich entsetzten und flohen. Der wimmernde Milliardär lag allein im Bett.

Der kleine Laufjunge, der auch die Stiefel im Gasthof reinigte, war zur Hochzeit hinaufgeschlichen, stieß die tanzende Braut an und flüsterte ihr zu:

„Du, Maria, unter deinen Füßen liegt einer im Sterben...“

Die Musik hatte schon lange ausgesetzt. Kein neuer Tanz konnte beginnen. Es fehlte ja die Braut. Wo sie nur blieb.

Unruhig stieg der Strohflechter eine Treppe tiefer. Da war eine Tür. Klang hinter ihr nicht ihre Stimme? Vorsichtig klinkte er sie auf:

Ein unsäglich zermürbter Mann lag in den Kissen im Sterben. Die Strohflechterin kniete im Hochzeitsstaat am Bett, wie Mütter an Kinderbetten knien. Sie gab ihm zu trinken. Sie kühlte ihm mit ihrer Hand die verwüstete Stirne. Sie sprach ihm zu, wie man Kindern liebreich zuspricht:

„Povero — poverino — poverissimo...“

Und der sterbende Milliardär stammelte, wie Gehetzte stammeln:

„Oh, thank you — thank you — I’ll get you a million I’ll get you more — eine Million sollen Sie haben — mehr sollen Sie haben — thank you — oh, I thank you so much...“

Nun verstand freilich Morgan kein Italienisch, und die Strohflechterin verstand kein Englisch. So zerstäubte das Millionenversprechen in der Luft des Sterbezimmers.

Übrig blieb von allen Millionen ein gütiges und kostenloses „Povero — poverino — poverissimo“ zwischen zwei Hochzeitstänzen einer Strohflechterin, und der befreite Dankblick eines zerquälten Milliardärs, der in seiner Sterbestunde das einzige geschenkt bekam, was er nimmermehr bezahlen hätte können.