Der Überfall am Pechsee.

Wie wenig man auch in der letzten Woche vor Pfingsten von der Partie hatte sprechen können, da ja an jedem Tage dieser »feinen Woche« etwas unregelmäßig war und vom Stundenplan abgeknapst wurde, vergessen hatte drum doch keiner die Partie.

So war auch endlich der Freitag vor Pfingsten, der heiß ersehnte Freitag, angebrochen. Ein herrlicher Tag! Vom hellen Osten her strahlte die Sonne, als freue sie sich über all die fröhlichen Jungengesichter, die schon um sechs Uhr und noch früher oder gar noch viel früher nach ihr ausgeschaut und sie jubelnd begrüßt hatten. Die Mutter mußte noch einmal soviel Frühstück schneiden, als sonst und das Portemonnaie wurde zur Vorsicht wieder und immer wieder hervorgeholt und ein Blick auf den Mammon geworfen, der darin ruhte. Dann zog ein jeder zum Bahnhof. Die von der Friedrich Straße sammelten Station für Station ein paar neu auf, auf dem Lehrter Bahnhof, auf Bellevue, auf Tiergarten, auf Zoologischer Garten, sogar auf Savigny Platz und Charlottenburg. Auf Station Zoologischer Garten hatte man Doktor Fuchs mit polizeiwidrigem Hallo und Freudengeheul empfangen. Schon in Charlottenburg aber war die Kompagniemutter bei ihrer ruhigen Besonnenheit zu dem sicheren Ergebnis gekommen, daß zwölf Mann fehlten.

»Wer sind denn die?«

»Hagen – Sausig – Boenick – Schulz – Woller –«

»Das ist ja gerade der Vergnügungsausschuß, Herr Doktor!«

»Wahrhaftig! Na, was machen wir nun da, Doef?«

»Wir warten, und sie kriegen gleich was!«

»Na, wir wollen mal sehen!« –

Da läuft auch der Zug schon in Station Grunewald ein. Alles springt aus den Wagen; eiligst geht man hinunter, und ohne Aufenthalt schreitet auch Doktor Fuchs mit seinen lustig umherspringenden Schutzbefohlenen schnell weiter.

Wo der Weg sanft rechts ab nach der Saubucht hinüberbiegen will, da ist auf einmal der Doef wieder neben Doktor Fuchs.

»Ja,« sagt er bedächtig, »wollen wir denn nicht auf die zwölf warten, Herr Doktor?«

»Ach,« bleibt der mit einem Ruck stehen, »Herr Feldwebel! Ja doch! Das hatte ich ja ganz vergessen! Also der Vergnügungsausschuß wollte mit ein paar andern was ganz für sich unternehmen. Aber in Saubucht spätestens sollen sie wieder bei uns sein. Wollen mal sehen, wer zuerst da ist, die oder wir.«

»Au ja!« begeistern sich da einige andere. »Ein bißchen dalli jetzt! Wir müssen die ersten sein!«

»Ja, aber Dicker, höre mal! Ich sehe schon, du bummelst gern. Das gibt’s nicht! Immer hier bei der Masse bleiben! Und dann noch eins, Jungs! Lest mal feste Kienäpfel auf! Wenn die andern oben in Saubucht nach uns ankommen sollten, dann dürft ihr sie ordentlich bombardieren!« –

Im übrigen aber bummelt nun alles gemütlich neben- und hintereinander hin. Friedlich und wohl auch einmal nicht friedlich; denn hier und da puffen sich auch zwei etwas freundschaftlich ab, und hin und wieder fliegt sogar ein Kienapfel jemand an den Kopf, der ihn nicht erwartet hat und darum nun etwas grob und »jiftig« wird, wie Fritze Köhn da sagt. Doktor Fuchs muß sogar manchmal ein begütigendes und doch streng klingendes »Na, na!« dazwischenwerfen.

»Wohin jetzt, Herr Doktor? Rechts oder links?«

Vorn ist die Spitze an der Ecke eines niedrigen, rechtwinklig an den Weg vorstoßenden Waldbestandes stehen geblieben.

»Rechts ab und nach 150 Schritten links hinein!«

Doktor Fuchs hat dabei spähend vorausgeblickt und lächelt auf einmal so vergnügt: »Alles in Ordnung!«

»Was ist denn in Ordnung, Herr Doktor?« fragt da Posener, der immer neben Doktor Fuchs geht und ihn offenbar angenehm unterhalten will.

»Er schmeißt sich ran!« sagt der dicke Puntz mit einem so verächtlichen Tonfall, daß auch alle das glauben, die es hören.

»Ja, ja, ist alles in Ordnung!« wiederholt Doktor Fuchs kurz, geht aber nicht weiter auf Poseners Fragen ein.

Man tritt nach einem Viertelstündchen wieder aus dem Wäldchen heraus.

»Wo nun hin, Herr Doktor?« kommt es von vorn.

»Schräg rechts immer der Nase nach! Der Weg ist ja breit genug!«

»Hier ganz rechts geht’s nach Spandau!« wissen da einige.

»Dort, den Berg hinunter, nach Schildhorn!« wissen andere.

Nach zehn Minuten biegt eben die Spitze nach dem Pechsee ab, als ein lautes, stürmendes Hallo von vorn erschallt. Und Kienäpfel fliegen, – und Hagen – wo kommt der auf einmal her? – hat den dicken Puntz über den Haufen gerannt und gibt ihm einen kräftigen Klaps auf den Südpol, bevor er zu weiteren Heldentaten schreitet. Sausig und Woller und Schulz und die andern, die noch fehlten, die sind auf einmal auch da und stürmen mit Hurra auf Doktor Fuchs und seine Schar ein. Kienäpfel surren durch die Luft; ein Hallo und Hurra donnert nach dem andern; die Jungen werden ganz wild.

»Die haben uns überfallen!« schreit Posener und will davonlaufen. Aber Doktor Fuchs gibt ihm einen Stoß. »Du da drüben! Und du und du und du! Und wir andern hier drüben! Ausschwenken! Kienäpfel raus! Die Bande nehmen wir in die Mitte!«

Neues Leben kommt in die Jungen, und eine regelrechte Kienäpfelschlacht hebt an. Herüber und hinüber fliegt es. Je mehr die Wurfgeschosse auf die Neige gehen, desto näher rückt man sich auf den Leib, bis man endlich handgemein wird. Und schon ringen die verschiedenen Paare und legen sich – les uns les autres – mehr oder weniger sanft auf die Erde. Da pfeift Doktor Fuchs »Das Ganze halt!« Aber er muß doch noch einige kräftige Wörtlein dazu reden, bis er die eifrigsten Kampfhähne wieder auseinanderhat.

Der ganze Überfall hat nur eine Minute gedauert; aber das Spiel ist von den Jungen doch ziemlich ernst genommen worden. Überall steht man da und schöpft tief Atem und sieht sich wohl auch nicht wenig erbittert an.

»Da hört sich denn doch Verschiedenes uff!« erklärt Fritze Köhn. »Jotte doch! War det ’n Klumpatsch!«

»Warum habt ihr nicht aufgepaßt?«

»Wir haben ja gar nichts gewußt!« kommt ein andrer noch dazwischen.

»Es sollte ja auch ein Überfall sein!«

»Wo ist meine Mütze?« sucht Richter herum.

»Wer hat mich denn hier gekratzt?«

»Hab’ dich doch nicht! Hier ist Heftpflaster!«

»Das bißchen? Und noch so dreckig! Nee, danke für Backobst!« –

So geht es weiter, und alle stehen noch mit hochrotem Schopfe da, als der Dicke auf einmal vorwurfsvoll sagt: »Sehen Sie, Herr Doktor!« – Er klopft sich dabei die Nadeln und den Sand ab. – »Wenn ich hinten gegangen wäre, dann hätte ich zusehen können! Der eine ist wie ein Wilder auf mich zugesprungen!«

Doktor Fuchs aber muß lachen. »Das war gerade ganz nett, Dicker! Was denkst du wohl, wie gut das einem wohlbeleibten Menschen tut!«

Da muß der Dicke auch mitlachen. Er ist auch schon wieder ganz zufrieden und blickt eben belustigt auf den Leverenz hin, der wie ein Harlekin vor seinem Ordinarius hin- und hertanzt und einmal ums andere ruft: »Ich war die erste Stafette, Herr Doktor!«

»Ja,« kommt Hagen dazu, »ich habe hier noch seine Meldung! Sehen Sie mal, Herr Doktor! ›Der Feind kommt auf Bahnhof Grunewald an um 8 Uhr 4 Minuten!‹«

Schulz hält währenddessen seinen Kopf auch heran. »Ich habe Sie beobachtet, wie Sie in das Wäldchen kamen, Herr Doktor!«

»Hier!« macht sich Hagen wichtig. »Die Meldung der zweiten Stafette: ›Der Feind tritt um 8 Uhr 32 Minuten in das Wäldchen ein!‹«

Da staunen die Jungen, die mit Doktor Fuchs gekommen sind: »Das war aber alles fein abgepaßt!«

Hagen geht auf wie ein Pfannkuchen. »Das kenne ich von meinem Vater! Hier ist die Meldung der dritten Stafette: ›Der Feind verläßt das Wäldchen um 8 Uhr 46 Minuten. Er schlägt den direkten Weg nach der Saubucht ein!‹«

»Ach, schenke mir den Zettel, Hagen!« kommt der kleine Köckeritz dazwischen.

»Du bist wohl ver–!« wehrt Hagen in aller Ruhe und freundschaftlichst ab. »Die hebe ich mir zum Andenken auf!«

»Ach so?« höhnt jetzt der Kleine. »Die willst du dir wohl einrahmen lassen?«

»Ruhe jetzt!« befiehlt auf einmal Doktor Fuchs. »Ich konstatiere, daß der Überfall des Feindes als wohl gelungen bezeichnet werden muß. Ich konstatiere aber auch, daß meine Truppe sich schnell in die Situation hineingefunden und den Überfall kräftig und mit ziemlichem Erfolge abgewehrt hat!«

Ein fröhliches Lächeln allerseits.

»Aber wir haben doch gewonnen!« meint Hagen.

»Beide Teile haben ihre Sache gut gemacht!« erklärt Doktor Fuchs. »Wir scheiden mit einem Hurra von dieser glorreichen Stätte. Hipp, hipp, Hurra!«

»Hurra!« fallen die Jungen lustig ein. Und alle sind jetzt zufrieden und wieder gut Freund. Aber während man hurtig durch die Senke am Pechsee und dann weiter hinaufschreitet, immer am Zaune der Saubucht entlang, lösen sich die Jungen in Grüppchen auf, und lebhaft und mit für und wider wird die soeben gelieferte Schlacht weiter besprochen. Die homerischen Heroen mit ihrem Geflunker und mit ihren Renommistereien sind nur Waisenknaben gewesen im Vergleiche zu diesen Jungen, die schon nach fünf Minuten die Wahrheit zur Dichtung und die Dichtung wieder zur Wahrheit gemacht haben. – – –

Endlich sitzt man oben auf den hölzernen Bänken vor dem lieben, kleinen Restaurant Saubucht und verträgt sich wieder bei etwas gräulicher, sterilisierter Milch und schäumendem Selterwasser.

»Bier gibt’s hier nich!« brummt der Dicke. –