Würden und Ämter.

Wie Doktor Fuchs nach dem Läuten in seine Klasse tritt, sind die partiewütigen Tertianer gewappnet. Er hat ja gesagt, sie sollen heute einen Zettel mitbringen mit dem Ziel der Partie. Und den Zettel, den haben nun alle da, viel vollzähliger und gewissenhafter als sonst irgend ein Exerzitium. Da nun Doktor Fuchs auch ganz genau weiß, was solche flotten Jungen freut, so setzt er eine sehr wichtige Miene auf und nimmt die bewußten Zettel in alphabetischer Reihenfolge ab. Die Jungen finden das durchaus richtig, während Doktor Fuchs seinerseits findet, daß eigentlich keiner unter vier Meilen von Berlin weg landen will. Potsdam, Werder, Bernau, das ist überhaupt das nächste.

So fängt denn Doktor Fuchs an: »Na, Jungs, man kann nicht gerade sagen, daß ihr bescheiden gewesen seid. Es wundert mich nur, daß ihr alle noch in Europa bleiben wollt. Na also, da wird’s wohl nicht anders werden. Da werde ich also als Klassenpapa umso bescheidner sein müssen, und« – dabei dreht sich Doktor Fuchs auf dem Katheder um – »und da möchte ich nur auch schnell meinen Wunschzettel an die Tafel schreiben. – Grunewald!« –

Ein lautes und sehr geringschätziges »Aaach!« und »Der Katzensprung!« vom dicken Puntz.

Doktor Fuchs hat sich herumgedreht und macht dieses »Aaach,« »der Katzensprung!« in demselben Tone nach, so daß einige schon anfangen zu lachen. Die sind schon wieder halb und halb mit dem Grunewald ausgesöhnt.

»Na, Dicker, wann hast du denn das letzte Mal den Grunewald gesehen?«

»Am letzten Sonntag!« sagt der da so recht mißmutig und gedehnt und verächtlich.

»Am letzten Sonntag! I Gott bewahre, Dicker, was denkst du denn? Seit dem letzten Sonntag, ach! seit dem letzten Sonntag, da ist der Grunewald ganz anders geworden! Ich sage dir bloß, ganz anders! Den kennst du gar nicht wieder! Das glaubt ihr wohl nicht, Jungs?«

Da lachen schon wieder alle und beteuern laut und überzeugungstreu: »Nein!«

»Dann werde ich es euch beweisen! Ihr werdet erstaunt sein! Also es geht in den Grunewald!«

Der dicke Puntz sagt nichts mehr; aber nach der Stunde erklärt er: »Fuchs ist ein guter Kerl! Der bedenkt dabei eben die armen Deibel. Für die würde es bis Bernau doch zu teuer sein!«

Das sieht schließlich auch jeder ein, und so hat man sich denn auch schon am nächsten Tage mit dem Grunewald ausgesöhnt. Nur will man noch fragen, wohin es im Grunewald selbst gehen soll.

Aber Doktor Fuchs kommt am nächsten Tage – nun ist’s inzwischen schon Freitag geworden – selber wieder auf die Partie, als er von der Inspektion draußen auf dem Mittelflur in die Klasse kommt.

»Also, Jungs, es geht nach dem Grunewald! Wer kennt denn den König Wilhelms Turm auf dem Karlsberg?«

Alle, bis auf zwei Vorörtler aus dem Norden.

»Wer Wannsee?«

Ein paar weniger.

»Wer Nikolskoi?«

Nur vier; der fünfte weiß es nicht genau. Wenigstens ist es schon sehr lange her, daß er da war.

»Wer Sakrow?«

Einer.

»Wer die Römerschanze?«

Keiner.

Da lacht Doktor Fuchs so lustig. »Na, ihr seid eine Gesellschaft! Und einige wollten da gleich nach Werder und wer weiß wohin. Na also!«

»Ja, Herr Doktor, wollen wir denn nun nach der Römerschanze?«

»Ja, Hagen, wollen mal sehen, ob ihr nicht schon vorher die Beine schleppt! Unsere Losung wenigstens soll sein: ›So weit wie möglich!‹«

Damit sind nun alle zufrieden, so daß Doktor Fuchs fortfahren kann: »Ich brauche einen Vergnügungsausschuß.«

»Ich, ich, Herr Doktor! Herr Doktor!«

»Ruhig Blut, Jungs! Den wählt ihr euch selbst! Morgen wird mir der Ehrenfried vier Mann dafür vorschlagen. – Zweitens: Ich brauche zwei Schrittmacher. Das ist der Windhund, der Hobein, und der dicke Puntz!«

»Herr Doktor,« remonstriert aber der Dicke da, »ich werde lieber die Musik liefern.«

»Kannst du das?«

»Ja, mit der Mundharmonika!«

»Gut! Also der wackere Puntz ist unsere dicke Hauskapelle! Wollte sagen, der dicke Puntz ist unsre wackre Hauskapelle!«

Der kleine Gebhardt hat sich währenddessen schon gemeldet: »Darf ich meinen photographischen Apparat mitbringen?«

»Selbstverständlich! Dich erhebe ich zum Schönheitsrat!«

»Kann ich auch was sein? Herr Doktor?«

»Wollen mal sehen! Ich brauche noch den Herrn Feldwebel oder die Kompagniemutter. Das muß der Doef werden!«

Der hebt sich, als ob er Bergeslast auf dem Rücken trüge. Er scheint sich aber die Sache erst überlegen zu müssen. Endlich fragt er: »Was habe ich denn da zu tun?«

»Oh, du hast das wichtigste Amt. Du mußt darauf sehen, daß uns keiner abhandenkommt. Wir müssen also immer volle Zahl haben!«

Verträumt scheint Doef nachzudenken; aber er ist Praktikus und verhandelt ganz ruhig mit Doktor Fuchs: »Wenn nun einer doch fortläuft?«

»Darf nicht vorkommen!«

»Aber wenn er fortlaufen will

Doktor Fuchs tut, als wenn er in die Hand spuckt, und er macht die Geste des Hauens.

Doef sieht seine eigene, große Tatze an und sagt tonlos, aber sicher: »Ja!«

»Dürfen wir spielen, Herr Doktor?« – Die Frage hat den Leverenz schon halb zu Tode gequält.

»Na, so en passant! So viel uns Zeit bleibt.«

»Ich werde einen Ball mitbringen.«

»Meinetwegen! Aber kaum nötig!«

»Können wir sackhüpfen?«

»Halt mal, du! Dazu kriegen wir eben einen Vergnügungsausschuß!«

»Essen wir zu Mittag?«

»Ja, unten an der Pfaueninsel, beim alten Ehrecke. Preis etwa 75 Pfennig. Wer essen will, muß es mir morgen sagen. Ihr könnt euch aber auch selbst was mitbringen!«


Nach jeder Stunde, die Doktor Fuchs als Ordinarius in der Klasse hat, werden noch zwei oder drei Minuten der Pause auf dem Altar der bevorstehenden Partie geopfert. Am nächsten Montag steht der Primus auf und erklärt: »Herr Doktor, die meisten Stimmen für den Vergnügungsausschuß haben Greff, Hagen, Sausig und Woller!«

»Also noch einmal langsam! Greff – Hagen – Sausig und Woller. Gut! Nehmen die Herrn die Wahl an?«

Die vier lächeln vielsagend und zufrieden und nicken mit dem Kopfe.

»Kennt ihr auch den Grunewald genau?«

»Wir sind beinahe jeden Sonntag drin.«

»Gut, dann bleibt ihr heute um 1 Uhr noch einen Augenblick hier. Ich werde in die Klasse kommen. Und nun wieder für alle! Wir machen die Partie noch nicht am nächsten Mittwoch, wie es ursprünglich geplant war, sondern erst in der nächsten Woche. Und zwar am Freitag, am letzten Tage also vor den Pfingstferien. Ein Abwaschen!«

»A–a–ch? Am Freitag? Dann fällt doch am Nachmittag aus!«

»Selbstverständlich! Nun weiter! Wer sich draußen gar nichts kaufen will, der muß sich Essen und Trinken mitbringen. Der würde nur das Fahrgeld bis zur Station Grunewald und zurück von Wannsee oder höchstens von Potsdam gebrauchen. Wer sich gar nichts zum Essen mitbringt, muß Geld dafür ausgeben. Über zwei Mark aber darf keiner bei sich haben.«

»Herr Doktor! Wenn es nun aber regnet?«

»Wir kriegen genau das Wetter, das der liebe Gott für den Freitag vor Pfingsten angesetzt hat. Dich aber, Hänsel, ernenne ich zur Partie-Unke.«

Und während da natürlich alle den Hänsel vergnügt auslachen, erklärt Doktor Fuchs kurz: »Fertig jetzt! Nur noch eins will ich sagen: je fleißiger man vorher arbeitet, desto größer ist nachher das Vergnügen!« –