Bilder am Wege.
Die Freude am Licht.
Es gibt Gassen in Schanghai, die in regenschweren Tagen von einem düstern Halbdunkel durchwoben sind. Es sind eigentlich gar keine Gassen, sondern schmale Gänge, die von einer Hauptstrasse abzweigen und stracks durch die Häuserblöcke führen. Die Gänge werden mit Namen bezeichnet, die manchmal sehr merkwürdig klingen und dem ganzen „Milieu“ Hohn sprechen. Hier sind einige Gassenbezeichnungen: „Die ewige Kostbarkeit,“ „die ewige Tugend,“ „der ewige Frühling,“ „der friedliche „Ursprung“,“ „die vollendete Schönheit,“ „das immerwährende Glück,“ „die hundert Harmonien,“ „die unwandelbare Gerechtigkeit“ und „der erhabene Friede.“
Eines Tages ging ich durch die „Gasse der „unwandelbaren Gerechtigkeit“.“ Zu beiden Seiten waren hohe Häuserwände und die Gasse war so schmal, dass man, wenn man sich in ihre Mitte stellte, mit den Fingerspitzen der ausgestreckten Hände die Wände berühren konnte. Die steilen, schmutzig grauen Wände wurden oben vom Himmel abgeschlossen, der von einem düstern Grau umflort war. Braun und klitschig von Regen und aufgeweichtem Staub war das Pflaster. Ein Geruch von Moder und Kellerdunst erfüllte die Luft. In der Gasse schien alles Leben ausgestorben. Nein, doch nicht. Denn dort, an die Wand gekauert, lag ein Sack aus groben, ackerfarbenem Tuch. Unter dem Sack war Leben. Vielleicht lag ein Hund darunter. Nein, es war nur ein Häufchen zusammengeknäueltes menschliches Elend. Auf dem Sack, der als kälteschützende Schlafdecke diente, kramte sich eine magere Hand hervor und schlug abwehrend in die Luft. Dabei verzog sich die Decke und ein Kopf kam zum Vorschein. Ein würdiger Greisenkopf. Das Gesicht war braun wie die Sackleinwand. Der Bart und die spärlichen Zopfhaare weiss wie frischgefallener Schnee. Die Augen waren zum Schlaf geschlossen. Da surrte eine Fliege heran, die, in irgend einem warmen Unterschlupf aufgestöbert, im Zickzackflug durch die Luft taumelte, sich auf dem Greisengesicht niederliess, und ihren schwarzglänzenden Leib an der von warmem Blut durchströmten Wange des Schlafenden wärmte. Der Greis lag offenbar im Halbschlaf; er erhob die Hände und klatschte nach der Fliege; unbeirrt kam sie immer wieder. Und plötzlich ging ein Aufleuchten durch die düstere Gasse; es flammte auf und verschwand wie ein Streichholz, das man in einem dunstigen, düstern Keller anzündet. Und dann leuchtete es wieder auf, das würdige Greisengesicht mit Helle überstrahlend und den schwarzen Leib der vorwitzigen Fliege mit grünschillernden Ringen umgürtend. Es war die Sonne, die, die graue Wolkenwand zerschneidend, ihre Strahlen in der „Gasse der unwandelbaren Gerechtigkeit“ spielen liess. Noch merkte der schlafende Greis das Wirken der Lichtspenderin nicht, obwohl die Fliege eindringlich zum Erwachen mahnte. Als aber die Sonne mit all ihrer Leuchtkraft in die muffige Gasse fuhr, da zwinkerte es um die verwitterten Augenwinkel des Greises, und langsam, langsam öffneten sie sich und blickten so hell und freudig in die Sonne, wie die frohen Augen eines kleinen Kindes, das beim Erwachen seine Mutter erblickt. Und dann schlossen sich die Augen wieder, und um den Mund des Bettlers zog sich ein stilles Lächeln.
Seit diesen kleinem Erlebnis sind für mich ein durch die Wolken dringender Sonnenstrahl und das Lächeln des Bettlergreises in der „Gasse der unwandelbaren Gerechtigkeit“ zwei unzertrennbare Begriffe.
Der Erdnusshändler.
In einem der vielen Seitengänge, die sich von der Nanking Road in die dahinter liegenden Häuserblöcke bohren, hat seit Jahren ein Verkäufer von verzuckerten Erdnüssen seinen Stand aufgeschlagen. Die hohe Gestalt, die braunrote Gesichtsfarbe und die starkknochigen Finger, mit denen er die gezuckerten Früchte in senffarbenes Papier wickelt, oder mit denen er ab und zu eine überdauerte Winterfliege mit dem Federwedel verjagt, deuten daraufhin, dass er nicht ein eingeborener Schanghaier ist, sondern von einem andern Teil des Reiches in die Weltstadt zog. Der Erdnussverkäufer stammt aus Schantung; er gehört zu meinen Freunden, wie Alles, was von dort kommt. Eines Tages machte er mir einen Besuch und überreichte mir seine knabenfusslange, knallrote Visitenkarte, darauf in schwarzer Tuschschrift zu lesen stand: Wang Tung hai. Seit dem Besuch, den ich in seiner Wohnung in der Peking Road erwidert hatte, wurden wir Freunde, ein für das Studium soziologischer Verhältnisse in China wichtiger Umstand. Ich sprach über Dieses und Jenes mit ihm. So fragte ich ihn gelegentlich auch wie er sich in der Weltstadt Schanghai durchschlüge. Da erzählte er mir, dass er an regenfreien Tagen im Durchschnitt sechs chinesische Pfund gezuckerte Erdnüsse verkaufe. Er bezieht die Erdnüsse von einem Zwischenhändler, der sie wieder vom Produzenten in Kiangsu kauft. Die sechs Pfund Erdnüsse kosten ihm, einschliesslich Zuckerung und Einschlagpapier, zwanzig Zent. Der Tagesverdienst beträgt nach dem Verkauf der sechs Pfund fünfundvierzig Zent oder zwölfeinhalb Dollar im Monat. Wenn es regnet, bleibt er zu Hause und trommelt mit den Fingern an die vom Staub erblindeten Fensterscheiben; denn an Regentagen ist der Verdienst so gering, dass er lieber ganz darauf verzichtet. Als durchschnittlichen Monatsgewinn rechnet Freund Wang zehn Dollar; er hat aber in ganz besonders guten Zeiten schon fünfzehn Dollar verdient. Davon bestreitet er die Kosten für seine mit zweieinhalb Dollar im Haushalt veranschlagte Wohnung und sein mit Schantunger Leibgerichten gewürztes Essen, das die Summe von sechs Dollar nicht überschreiten darf. Der Mehrverdienst der guten Monate muss über die schlechten hinweghelfen. Und die machen fast die Hälfte des Jahres aus. Besonders graut es Freund Wang vor der „toten Saison“, die die Sommermonate umfasst. Denn zu dieser Zeit sind die gezuckerten Erdnüsse am Wenigsten schmackhaft. Deshalb klappt Wang beim Beginn der heissen Zeit den Verkaufstisch zusammen, isst des Morgens den Rest der ihm verbliebenen Zuckernüsse zum Frühstück und besucht ein halbes Jahr lang die Stadtkundschaft eines Getreidegeschäftes. Das bringt noch weniger ein, als der Erdnussverkauf, hält aber den wackern Schantunger so lange in der Weltstadt über Wasser, bis wieder die Zeit anbricht, wo er seine gezuckerte Ware verkaufen und, je nachdem, mit den harten Fingern auf den Fensterscheiben trommeln kann, gegen die der unerbittliche, geschäftsstörende Herbstregen schlägt.
Der Heiratsvertrag.
Vor Kurzem war ich Zeuge einer Verkehrsstockung in der Szechuan Road. Das ist an sich kein sonderliches Erlebnis. Sonderlich genug war aber die Ursache, die zu der Verkehrsstockung führte. Halblinks von mir ging ein alter, behäbig-vornehm gekleideter Chinese; es war eine typisch chinesische Erscheinung vom Zopf bis zur Sohle. Die Gestalt erinnerte an einen biedern Provinzonkel, der sich einmal Schanghai „ansehen“ wollte. Die muntere Art, mit der er seine Aeuglein über das Grossstadtgetriebe spielen liess, zeigte, dass er sich an all dem Neuen, das rings um ihn herandrängte, ergötzte. Das Spielen seiner Gesichtsmuskeln liess einen Schluss in Das zu, wie er seine Eindrücke innerlich verdaute. Bald verzogen sich seine Züge zu einem behaglichen Lächeln, bald braute es vorwurfsvoll um Stirn und Augen. Da bleibt der Alte plötzlich wie angewurzelt auf der Mitte der Strasse stehen, den Kopf lauernd nach vorn gebogen, die Augen aufgerissen, und hinter ihm staute sich der Verkehr. Rickschas, Automobile, Kutschen und Fussgänger hielten an, und gar schrecklich bimmelte der ungeduldige Wagenführer der Elektrischen, als sich sein Wagen im Gewühl verrannte. Der Alte stand immer noch lauernd da, bis ihn schliesslich ein hochstämmiger rotbeturbanter indischer Schutzmann zur Seite schob und dem angestauten Verkehr freie Bahn schaffte. Der alte Chinese setzte wie eine vom Räderwerk aufgezogene Puppe seinen Gang fort, die Augen immer unverwandt nach vorn gerichtet. Ich ging unauffällig neben ihm her und versuchte mit meinen Augen das Ziel seiner Blicke zu ergründen. Endlich fand ich es. Es war eine tannenschlanke Chinesin der besseren Gesellschaftskreise; sie trug eine grüne Wollmütze und eilte mit ihren lackierten Lederschühchen über den Asphalt, den langen Rock mit der linken Hand ein wenig knöchelfrei hochschürzend.
Der Alte beschleunigte seinen Schritt und ging immer hinter her, immer hinterher... Mir fiel dabei eine wahre Geschichte ein, in der ein alter Chinese und eine „moderne“ Chinesin eine Heldenrolle spielten, und die fast genau so anfing wie die, die zu der Verkehrsstockung Anlass gegeben hatte. Im winterlich eisbestarrten Herzen des alten „konservativen“ Tsai, eines Bücherlesers, wurde es noch einmal Frühling. Es begann zu sprossen wie einst im Mai. Eine keck gekleidete, jugendliche Landsmännin hatte es ihm angetan. Seitdem er Fräulein Edelstein an jenem Abend gesehen hatte, wo sie als begeisterte Agitatorin für das Frauenstimmrecht den Männern den Krieg erklärte, musste Tsai kapitulieren. „Du gleichst der Sonne am klaren Winterhimmel. Aus deinen Augen leuchtet der lautere Quell des Herzens. Deine Stimme ist so süss, wie die einer Nachtigall im vom Abendwind durchflüsterten Bambushain. Deine Lippen gleichen hellroten Frühkirschen.“ So himmelte er sie an, verbrach Gedichte und suchte in alten Klassikern nach sinnreichen Stellen, die seinem Liebesgestammel den Schein tiefgründiger Gelehrsamkeit geben sollten. Die Angebetete blieb hart. Sie sah ihn mit kalten Augen an und sagte rauh, dass sie sich mehr für Politik als für die Ehe interessiere. Dadurch immer mehr angestachelt, nahm er den letzten Anlauf. Und er gelang. Tsai führte die Heissumkämpfte heim. Er eroberte die Sonne, deren Licht ihm die Augen verblendet hatte. Vorher machten Beide einen Heiratskontrakt, darin zu lesen stand: „Der Unterzeichnete führt Fräulein Edelstein als seine Frau heim. Er ist damit einverstanden, dass sie, als seine rechtmässige Gattin 352 Tage im Jahre zu Zwecken der Agitation für das Frauenstimmrecht alle Plätze des Reichs bereisen darf. Die unterzeichnete Gattin verpflichtet sich, während des Neujahrsfest nach Schanghai zurückzukehren; sie braucht jedoch den Aufenthalt nicht über acht Tage auszudehnen.“
Der Schauspieler.
Mehr als ein Dutzend Male habe ich den berühmten Schauspieler Wu Tschan djiao auf der Bühne des Theaters Hsin wu tai gesehen, viertausend Zuhörer mit seiner melodischen Nordsprache und seinem eindrucksvollen Mienenspiel im Bann haltend. Unvergleichlich war er in dem klassischen Stück: „Die lachende Kaiserin“ als Staatsminister Sze Lang oder in dem Stück „Tsie Tsien“, das in die Zeit der „Drei Reiche“ versetzt. Die ganze Skala feinsinnigster bis zur berstenden Leidenschaft ausartender Gemütsbewegungen beherrschte er. In klassischen Stücken atmeten seine Rollen verhaltene Leidenschaft, die nach der alten chinesischen Schauspielkunst in scharf umgrenzte, rhythmische Bewegungen eingeschachtelt werden muss, aber darum nicht weniger eindrucksvoll ist. Dem westländischen Empfinden und Fühlen kam Wu in den modernen politischen Stücken am Nächsten. Da durfte er kühn alle, die innere Leidenschaft hemmenden Banden von sich streifen, da durfte er, frei von konventionellen Zunftüberlieferungen toben, schreien, begeistern, überzeugen, und ganz in seiner Rolle aufgehen, wimmern und schluchzen wie ein Kind. In solchen Augenblicken stand nicht mehr ein Schauspieler auf der Bühne, sondern ein Volksredner, der den Instinkt der Masse auszunutzen versteht; dann wurde das Theater zu einem politischen Versammlungsort, von mitgerissenen Zuhörern geworfen, prasselten Armspangen und harte Dollar auf die Bühne. Wer Wu Tschan djiao als Verschwörer Sun Wu in dem Revolutionsstück „Li Yüan hung“ gesehen hat, wird ihn nicht so leicht vergessen. Wu Tschan djiao war aber eine Kampfnatur. Die Bühne wurde ihm zu eng, und er suchte sich ein anderes Feld. Sein Streben ging höher. Nicht mehr auf viertausend Zuhörer wollte er wirken, sondern auf vierhundert Millionen, die — wie er meint — mehr oder weniger nichts Anderes als Zuschauer der grossen politischen Tragikomödie sind, an der unfreiwillig das gesamte chinesische Beamtenheer, die fremden Gesandten und der unter der Steuerschraube seufzende Bauer und Hunderttausende von Statisten mitwirken. Vor diese vierhundert Millionen ist vor Kurzem der Schauspieler Wu Tschan djian hingetreten und hat gerufen: „Achtet auf die gefrässigen Russen. Sie wollen den Zusammenbruch Chinas. Sie wollen Euch, meine heissgeliebten Brüder, zu Sklaven machen. Achtet auf den „lebenden Buddha“, der im Solde Russlands steht!“ Und die Augen der vierhundert Millionen Zuschauer sind seit dem auf Wu gerichtet; die chinesischen Zeitungen berichten getreulich über Alles, was er tut. Und die Neuigkeitsucher machten sogar nicht vor Wu Tschan djiaos Privatwohnung Halt. Dort spielte sich eine eindrucksvolle Szene ab. Wu rief seine beiden Frauen und sprach: „Von heute ab zähle ich nicht mehr zu den jüngeren Brüdern des Pfirsichgartens. Jetzt bin ich General. Ich muss in den Kampf nach der Mongolei. Das Vaterland ruft.“ Da brachen die beiden Frauen in herzbrechendes Weinen aus. Sie sahen den Körper des geliebten Mannes von mongolischen Aufständischen zerfleischt, zerrissen und die Knochen auf gelbem Wüstensand bleichen, und zogen an Arm und Rock, damit er nicht von ihnen gehe. Wu Tschan djiao riss sich los und griff nach dem Abschiedstrank und sprach, fest mit strengen Augen seine Frauen anblickend: „Ich gehe.“ Die Frauen trockneten ihre Tränen, und sie hörten gefasst auf die Anordnungen des Mannes. Der ältern Frau vertraute er die Erziehung des kleinen Ahing an; er müsse fleissig lernen, um später ein tüchtiger Mensch zu werden. Die jüngere, die ihn sparsam dünkte, erhielt die Verwaltung des Vermögens. Jetzt ist Wu Tschan djiao schon im Norden und eifrig dabei, die Söldnerzahl um sich zu scharen, die seine Stellung als General rechtfertigen soll. Das schlecht bezahlte Schauspielervolk Chinas, besonders die, die müde sind, den Thespiskarren weiter durch den Schlamm zu ziehen, eilen zu den Fahnen Wu Tschan djiaos. So ist es den Erfolglosen, den Vielzuvielen, denen mit dem Schauspieler Wu Tschan djiao zu spielen verwehrt war, vielleicht noch vergönnt, unter dem General Wu Tschan djiao zu kämpfen. Hei, das wird ein heisses Streiten auf der mongolischen Steppe! Schulter an Schulter kämpfen dann die alten Heldengestalten, Tsao Tsao, Tschang Fe, Liu Pei, Kung Ming, wie sie Alle heissen, gegen den gemeinsamen Feind. Weh dir, Hutuktu!
Der Garten Li-Hsüan
Zu [Seite 49].
Das Fest der Literaten.
Der berühmte, achtzig Jahre alte Bücherleser Wang Hui kai aus Hunan hat am Fest des „Erwachens der Insekten“ den ehemaligen Provinzialschatzmeister Wu Hsi kai, den frühern Minister der Ta Tsing Dynastie Ku Hung chi und einige andere hochgebildete Literaten im Garten Li hsüan zu sich einladen, um sich zu unterhalten und „Gedichte zu machen“. So war vor einiger Zeit in einem Schanghaier chinesischen Blatt, das zu den „gemässigten“ Republikanern gehört, am Liebsten aber sein republikanisches Mäntelchen gegen einen Kaisermantel eintauschen möchte, zu lesen. Zwischen all den Artikeln und Artikelchen über Parteiquacksalbereien, tollgewordenen Hunden, Lokalpolitik und Verschwörergesellschaften, wirkte das Lesen jener kleinen Mitteilung erquickend, wie ein kräftiger Landregen im heissen Sommer. Die Mitteilung hatte „Erdgeruch“. Endlich wieder einmal eine Neuigkeit, die Einen daran erinnert, dass man in China lebt. Ich kenne weder den Herrn Wang Hui kai noch den gewesenen Schatzmeister Wu Hsi kui und die Anderen. Ich weiss nur, dass sie echte Chinesen sind, Chinesen, die in der Zeit des Umsturzes und der politischen Zersetzung in ihrem tiefsten Herzensschrein noch ein Fünkchen Liebe für ihre alte Kultur bewahrt haben. Und das bedeutet viel, sehr viel. Bei den sogenannten Jungchinesen wäre ein solches Fest, das der achtzigjährige Wang Hui kai aus Hunan im Garten Li hsüan veranstaltet hat, ganz undenkbar. Wo heute zwei Jungchinesen zusammensitzen, wird über Politik gesprochen. Nein, nicht gesprochen, sondern geprahlt, unerreichbaren Phantomen nachgejagt, statt hübsch mit den Füssen auf dem Boden zu bleiben und tapfern Auges umherzublicken. Da wird der Mund recht voll genommen, gemäkelt, kritisiert, geschimpft, verschworen, eine andere Zeit herbeigesehnt und stumm die Hand gedrückt: „Na warte, wenn wir ans Ruder kommen!“ So ringt das immer gärende Jungchinesentum nach Gärung, in Wirklichkeit wühlt es den Schlamm im unergründlichen Brackwasser der sogenannten neuen chinesischen Weltanschauung immer tiefer auf. Anders ist es bei den „Altchinesen“, wie sie Herr Wang Hui kai im Garten Li hsüan um sich geschart hatte. „Um Gedichte zu machen“ stand auf der Einladungskarte. Herr Wang hatte mich mit keiner Einladung beehrt. Darob zürnte ich ihm nicht; denn wie könnte er doch auch von einem „fremden Teufel“ annehmen, dass er sich für seine literarischen Schmausereien interessiere, ein „fremder Teufel“, der dazu noch in einer von chinesisch westländischem Materialismus beglückten Weltstadt wohnt. Aber die kurze Mitteilung in dem chinesischen Blatt liess das ganze Fest der Literaten vor mir entstehen, liess es mich innerlich miterleben.
Der Garten Li hsüan. Ich weiss nicht, wo der Garten liegt, kann mir aber genau vorstellen, wie es dort aussieht. Wenn man hineinblickt, sieht man eine in Miniatur zusammengepresste chinesische Landschaft. Die aus grünbemoosten, kopfgrossen Steinen zurechtgebauten Berge sind kaum drei Meter hoch; sie schliessen einen mit Riedgras bewachsenen „See“ ein, auf dessen Wasser Trauerweiden ihre Zweige wiegen. In dem Teich tummeln sich Karpfen und Goldfische, die mitunter, nach Fressbarem schnappend, die Wasserfläche quirlend aufwühlen. In den Trauerweiden streitet sich ein beutehungriges Elsternpaar. In einem kleinen Pavillon am Seeufer, von dem man die ganze Landschaft übersehen kann, sitzen am steinernen Tisch und auf steinernen, säulenförmigen Stühlen Wang Hui kai aus Hunan und seine Gäste, machen sich in artigen Redensarten Komplimente und nippen feurigen Schau hsinger Wein, mit mageren, zitternden Händen die kleinen Schälchen an den zuckenden Mund führend und mit dem Seidenärmel verlorene Tröpfchen vom Bart wischend. Die Herren gedachten alter Zeiten, beweihräucherten sich gegenseitig und lächelten zufrieden. Und dann belauschten sie die Natur. Das Elsternpaar in der Trauerweide hatte sich noch nicht ausgetobt; von Krallen- und Flügelschlag löste sich ein dürrer Zweig und klatschte, sich überstürzend ins Wasser, dieweil die hungrigen Goldfische danach schnappten und dann wieder enttäuscht ihre Köpfe unter das Wasser steckten. Der Zweig trieb auf ein einsam schwimmendes Blatt zu, und Beide schwammen vereint zum Ufer. Die Köpfe der Greise klappten nachsinnend zusammen; nach wenigen Sekunden war die chinesische Literatur um ein Gedicht bereichert. Das beste Gedicht in Schönheit des Ausdrucks und des Rhythmus erhielt der Minister Ku Hung tschi. Und so ging es Stunden lang. Die Wangen der Greise glühten in dichterischem Rausch. Dann wurde es still im Kreis, so still, dass man die Trauerweidenzweige knistern und knacken hörte. Und dann wurde es laut. Aus der Ferne fauchte es heran, tutend und staubaufwirbelnd. Keck durchbrach es die Eingangspforte und drang störend in das Dichterreich. Es war ein Auto, ein ganz gewöhnliches Auto. Ihm entstiegen drei chinesische Damen und zwei Herren, von denen Einer Offiziersuniform trug; dem Range nach war er kommandierender General, dem Geburtsschein nach kaum dreiundzwanzig. Der andere Herr war im Gehrock und Zylinder, er war höherer Beamter. Die Kleidung der Damen trug den Modelaunen der Zeit Rechnung. Fast bestürzt richteten sich die Augen der Literaten auf die Eindringlinge, die sich frei und ungezwungen bewegten. Eine Dame rief dem kommandierenden General ein zärtliches Scherzwort zu, und er haschte nach ihr; wie eine Gazelle sprang sie davon; endlich erreichte er sie, drückte mit seiner kommandierenden Generals-Hand die Handknöchel der Entwichenen und sah ihr mit heissen Augen ins Gesicht. Der andere Herr quetschte vor lauter Vergnügen den Gummiball der Automobilhupe und die beiden anderen Damen stachen mit dünnen Spazierstöckchen nach den Goldfischen. Oben im Pavillon waren die Gesichter immer noch bestürzt. Der siebzigjährige Wu Hsi kuei murmelte eine Strophe aus dem „Schih tsching“:
Habt vor dem Himmelszorne Scheu,
wagt nicht so eitle Spielerei!
Die Literaten horchten auf. Und der achtzigjährige Wang Hui kai aus Hunan ergänzte:
Der Himmel wirft sein Strafnetz aus:
Fresswürmer, die am Innern zehren.
Dummköpfe, Harte, Leut’ ohn’ Ehren,
Verwirrungsstifter, Rechtsverdreher.
Die herrschen, unserm Land Zucht zu lehren.
(Schih tsching III 3.11)
Wang Hui kai lachte, alle Form vergessend, laut auf und damit endete das Fest der Literaten...
Zirkus in der Unterwelt.
Vor ein paar Tagen war ich Abends in einem chinesischen Theater. Es war eines von den modernen, mit Rang und Sperrsitz, Kronleuchter, schiebbaren Kulissen und fürstlich bezahlten Schauspielern. Ich kam gegen elf Uhr. Ein wildes Durcheinander war auf der Bühne. Zwei Helden bekämpften sich. Wild flogen die Bärte, grimmig blitzten die Augen, geschmeidig dehnten sich die Körper unter den schweren Heldenkostümen. Im rhythmischen Takt der Musik schlugen die Gegner auf einander ein; der Rhythmus stockt, sechsmal hintereinander wie ferne Schüsse aus einem Schnellfeuergeschütz knallt der Trommler auf das gellende Holz, und dann war es still. In eherner Haltung, mit rollenden Augen und schnaubendem Atem standen die Kämpen an der Rampe und starrten unverwandt in die Zuschauer. Das Stück war aus; ein neues begann. Auf dem Theaterzettel stand: „Hsin Lo yang tschiao“ (Die neue Lo yang Brücke). Die alte Lo yang Brücke hatte ich früher einmal gesehen; soweit ich mich erinnerte, war es ein Stück mit vielen Göttern. Auch die Kuan yin pu sa, die Göttin der Barmherzigkeit war — Richtig, da kommt sie. In prunkendem Gewand, mit glänzendem Gefolge, das bunte Lichter und Laternen trug, wird sie auf ihrem Thron auf die Bühne getragen; sanft tönt die Musik; die Göttin singt ein Lied und wird dann wieder weiterbefördert. Der Vorhang senkt sich, hebt sich von Neuem, und man erblickt einen Mann im gewöhnlichen, chinesischen bürgerlichen Gewand, der sich mit einer Kanne Wein unterhält, des Spruchs von Li Tai po gedenkend:
Wenn tausendfach die Sorgen sind
Und drücken sie noch so schwer,
Dann trink’ dreihundert Glas geschwind,
Da fühlst du sie nicht mehr.
Und richtig. Der Mann trank, trank so viel, dass sich der Lung Wang, der König der Unterwelt, veranlasst sah, einen Schergen zur Warnung vor dem Alkoholgenuss an die Oberwelt zu senden. Der Trinker schlug die Warnungen des Höllenschergen lachend in den Wind. Da ereilt ihn sein Geschick. Man sieht den Trinker, wie er auf schwankem Kahn über das Wasser fahren will; es rauscht eine Welle heran, das Boot kippt um, und der Trinker, (ebenso wie der Dichter Li Tai po, der den Mond in des Wassers Mitte fassen wollte) sinkt immer tiefer und tiefer bis er den Wassergrund berührt. Der Vorhang senkt sich und hebt sich wieder, und der Trinker steht im Reich des Höllenkönigs. Mit wunderbarem Geschick hat dort der chinesische Regisseur ein Stück Unterwelt vor die Augen des Zuschauers gestellt. Man erblickt den Lung Wang mit seinem greulichen Gefolge, und im düstern Hintergrund blinken zahllose Lichter; hier erlischt ein Licht, dort facht ein neues an, dort brennt eins mit beängstigender Schnelle ab. Die Lichter sollen das Sinnbild des Menschenlebens sein, dessen Geschick in den Händen des Höllengottes liegt. „Aha,“ denkt der Zuschauer, „jetzt geht es dem Trinker an den Kragen.“ Man wartet; aber nichts ereignet sich. Der Trinker, der Höllenkönig und sein greuliches Gefolge blicken auffällig nach einer Seitenkulisse. Hat ein Schauspieler sein Stichwort überhört? Plötzlich hört man Schreie; dazwischen klingt es wie englische Laute. Ehe man sich dessen versieht, plumpen zwei Säcke auf die Bühne, die sich überschlagend drehen, vor der Rampe haltmachen und sich höflich vor dem Zuschauer verneigen. Es sind, wie man jetzt sieht, keine Säcke, sondern weissgepuderte Chinesen im Clownkostüm, Gestalten, wie sie zum eisernen Bestand jeder westländischen Zirkusvorstellung gehören. Und nun geht es los. Der neueste „Clou“ der chinesischen Bühne! Die zwei dummen „Aujuste“ in der Unterwelt! Glanznummer der biedern, verschandelten „Lo yang Brücke“! Ein Clown will sich setzen, flugs zieht der andere den Stuhl weg, und er liegt auf dem Boden. Bautz, da knallt die luftgefüllte Schweinsblase auf dem Rücken des Andern; bautz, da fliegt sie auf den harten Schädel. Und so geht es eine halbe Stunde lang. Die Zuschauer kreischen und lachen; der König der Unterwelt und sein Gefolge bemühen sich krampfhaft, ernst zu bleiben. Schallender Beifall belohnt die beiden Säcke, die sich überkugelnd vor die Rampe rollen, den spitzen Zuckerhut abnehmen und sich höflichst verbeugen. Der Vorhang senkt sich und hebt sich; verschwunden ist der Spuk. Der Trinker unterhält sich wieder mit einer Kanne Wein, des Spruchs von Li Tai po gedenkend:
„Wenn tausendfach die Sorgen sind
Und drücken sie noch so schwer,
Dann trink dreihundert Glas geschwind,
Da fühlst du sie nicht mehr.“
Arme, chinesische Bühne! Wie lange wirst Du dich noch der „Autoliebchen“-, „Puppchen“- und „Filmzauber“-Kultur erwehren können!
Vom westländischen Modefieber.
Westländische Schuhe und Strümpfe waren die ersten „zivilisatorischen“ Bekleidungsstücke des Chinesen. Ehe ein chinesischer Händler daran dachte, der Nachfrage nach diesen Artikeln gerecht zu werden, wurden sie schon beim europäischen „Master“ gestohlen. Die westländischen Schuhe wurden meistens verächtlich behandelt; sie wurden nur an Regentagen, wenn die Strasse voll Wasser und weichem Kot war, getragen, weil die chinesischen Schuhe zu gut dafür waren. Dann kam aber die Revolution. Ihre Nachwirkungen fanden in Schanghai ihren Ausdruck in einem westländischen Modefieber. „Wer nicht mit der Mode geht, gilt als ein armer Mann“, sagt ein chinesisches Sprichwort. Nun, die Jungchinesen wollten zeigen, dass sie nicht arm waren. Ihre Kaufkraft zeigt die Schanghaier Zollstatistik bei der Einfuhr von Mützen, Tuchen, Schuhen und sonstigen Bedarfsartikeln; und was nicht verkauft ist, liegt in den Schaufenstern der Kaufläden, die über Nacht ihre alten chinesischen Ladenhüter mit europäischem Flitter vertauscht haben. Das Modefieber hat nachgelassen; aber wer noch von ihm gepackt ist, wird es nicht mehr los; das Fieber ist chronisch geworden. Zur Lehre und Mahnung der in Schanghai lebenden Ausländer will ich eine Geschichte von meinem frühern Freund Kang Lou hui erzählen, der an jedem Geschäft, das mit ausländischen Kleidungssachen handelte, in weitem Bogen vorüberging. Trotzdem zählte mein Freund Kang zu den am Besten gekleideten chinesischen Jünglingen der Weltstadt Shanghai. Bald kleidete er sich im gewöhnlichen Strassenanzug, bald in würdigen Gehrock mit gestreiften Hosen, dann trug er einen eleganten Schwalbenschwanzrock, und des Abends zeigte er sich öfter in der Foochow Road im „Smoking“ oder in Frack und weisser Binde. Es war erstaunlich, über welchen Kleiderreichtum Kang Lou hui verfügte; dabei verdiente er monatlich knapp fünfundzwanzig Dollar und besass keinen Zent Barvermögen. Als ich ihn eines Tages in seiner Wohnung, die aus einem einzigen, dürftig eingerichteten Zimmer bestand, aufsuchte und er mir in einem einfachen chinesischen Gewand entgegenkam, schaute ich vergeblich nach einer Kleidertruhe, die die Kleiderherrlichkeiten bergen konnte. Ich fragte meinen Freund vertraulich, wie er seinen Kleiderluxus ermögliche. Darüber gab er mir nach einigem Zögern vertraulich Auskunft. Freund Kang sagte flüsternd: „Der ganze Kleiderluxus kostet mich monatlich drei mexikanische Dollar. Nichts von Dem, was ich am Leibe trage, nenne ich mein eigen. Alles ist — gemietet. Ein Freund von mir, der „Boy“ bei einem gutmütigen ausländischen Junggesellen ist, besorgt mir täglich Kragen, Taschentücher, Schuhe, Strümpfe, Ueberzieher und jeden gewünschten Anzug. Pünktlich liefere ich die Sachen, die auf Kosten des „Masters“ in die Wäsche gehen, ab und empfange neue. Einmal gab es einen schönen Krach. Seitdem hat die Kleiderherrlichkeit ein Ende. Ich hatte nämlich einen Frack samt Schlips und weisser Weste an einen Freund weiterverliehen, der einer Hochzeit beizuwohnen hatte. Wie es so geht, trank er zu viel Schao-hsinger Wein, er verlor das Gleichgewicht in der Rickscha und stürzte in den Strassenschmutz. Kaum hatte ich den Frack zur raschen Reinigung beim Wäscher abgeliefert, da kam auch schon atemlos mein Freund und Kleiderverleiher und sagte, sein „Master“ suche wie ein Wilder nach dem Kleidungsstück, da er zu einem Ball gehen müsse. Als ich dem Boy die Sachlage auseinandersetzte, ging er schimpfend davon. Ich versuchte, mich am nächsten Tag mit ihm auszusöhnen, und versprach, ihm vom kommenden Monat ab vier Dollar zu zahlen; ich bot ihm fünf und sechs Dollar. Der Freund blieb hart, seitdem ihn sein ausländischer Herr für den verlorenen Frack windelweich zerhauen hatte.“ Kang Lou hui schloss sein Geständnis traurigen Antlitzes. Verzweifelnd gestand er mir zum Schluss, dass er in den nächsten vierzehn Tagen zwei Hochzeiten, einer Beerdigung und zehn Nachmittagstees, bei denen er in moderner ausländischer Kleidung erscheinen will, auf dem Kalender angemerkt habe. Zur Zeit ist er auf der Suche nach einem dummen Ausländer und einem bestechlichen „Boy“, die seiner Kleidernot abhelfen.
Beim chinesischen Buchhändler.
Durch die chinesische Stadt führt der Weg; die Sonne brennt senkrecht auf die blauen Tuchblenden, die von Haus zu Haus auf schwanken Bambusstäben über die winklige Strasse gespannt sind. Müde Lastträger keuchen vor mir her und scheuchen buntschillernde scheinbar phosphorisierende Fliegen auf, die über eine süsse Melonenscheibe hergefallen sind. Noch zwei Häuser, und ich bin angelangt. Auf dem Ladenschild steht: „Berghütte für zusammengekehrtes Laub“. Das ist der Buchladen des Herrn Tschen Wai ku. Die hohen Regale mit unzähligen Bänden, deren Titel durch herausragende Papierfetzchen kenntlich gemacht sind, klettern an den zwei Wänden des engen Ladens empor. Im Hintergrund blickt man in ein Zimmer, darin zwei Lehrlinge, zwei Verkäufer und der Buchhalter gerade ihr Mittagsmahl einnehmen; sie haben lange, weichgekochte Nudeln zwischen den Esstäbchen und gurgeln sie geschickt in den Magen. Der Lehrling bemerkte mich zuerst, und er rief in den Raum: „Der Ausländer ist gekommen.“ Wem der Ruf galt, wusste ich. Bald trat die Gestalt des Herrn Tschen, die unwillkürlich an den greisen Tschang Tschi tung erinnert, aus dem Hinterzimmer in den Laden. Das Gesicht ist klein und runzelig; ein weisses Ziegenbärtchen hängt am Kinn herab. Tschen wies mir mit artigen Komplimenten den Kundenstuhl an, und er selbst nahm seinen gewohnten Sitz hinter dem Ladentisch ein. In seiner Hand hielt er einen Nephritgriff, aus dem ein halbes Dutzend Adlerfedern strahlenförmig auseinandergingen und doch ein einheitliches Ganze bildeten: einen Fächer. Herr Tschen fächelte sich Kühlung zu. Dabei fiel mein Blick auf die Rückenwand des Fächers, auf der die braunweissen Farbentönungen eine flüchtig skizzierte Gebirgslandschaft darstellten. „Ein Geschenk meines Sohnes, der in Tschekiang Beamter ist,“ sagte Herr Tschen kurz, wie das seine Art ist. Eine bessere Anknüpfung für mein Gespräch hätte ich kaum finden können; sie ersparte mir die Phrasen, ob mein Gegenüber schon gespeist habe und in seinem Glückspalast Alles wohl sei. „So, ihr Sohn ist Beamter. Er wird wohl jetzt schwierige Zeiten durchmachen müssen.“ Tschen wehrte ab. „Tschekiang ist ruhig und wird es bleiben.“ Haben sie Nachrichten von dort? Herr Tschen knisterte mit seinen dürren Fingern an der Seitentasche und zog einen zerknitterten Brief heraus. „Den hat er mir vor Kurzem geschrieben. In Tschekiang lachen die Beamten über die unreifen Hitzköpfe, die Yüan Schih kai „bestrafen“ wollen. Der lässt sich nicht bestrafen. Die Republik ist doch kein Schulhaus. Ich sah, dass Tschen Wai ku heute in der besten Laune war, über Politik zu sprechen, und hielt ihn bei der Stange. „Ich bin Ausländer, Herr Tschen, und muss bei den inneren Wirren Ihres Landes unparteiisch bleiben. Ich möchte nur Ihre Meinung über die Lage hören, um die Volksstimmung zu ergründen. Ich sehne mich nach Ihrer Belehrung.“ Herr Tschen machte eine geschmeichelte Verbeugung und fächelte. Er schob die feingesponnenen Aermel zurück, damit die dürre Haut auch ein wenig gekühlt werde.
„Ja,“ sprach er dann etwas zögernd, „was ich Ihnen heute sagen werde, klingt verschieden von dem, was ich Ihnen vor zwei Jahren gesagt habe, als es in Wu tschang losging.“ Ich erinnerte mich rasch, dass damals der alte Tschen den republikanischen Segen über Alles pries. „Sehen Sie, damals fuhr unsere Volksklasse auf zwei Schiffen. Jeder stand mit einem Fuss auf dem einen, mit dem andern Fuss auf dem andern Boot. Niemand hatte Vertrauen zu den Mandschus. Und als der Augenblick gekommen war, sprang Alles auf das Boot der „Autoritätsverwerfer“.“
„Na, so billig war die Fahrt nicht,“ warf ich etwas spöttisch ein. Herr Tschen überhörte gern die Bemerkung, da sie in ihm unliebsame Erinnerungen weckte. Wie gehörig wurde er damals um des Grundsatzes der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit willen geschröpft, und er musste schliesslich als Ausdruck seiner innern Gesinnung die neue Regenbogenflagge hissen.
„Heute fahren wir nur auf einem Schiff,“ sagte Herr Tschen sehr stolz. „Wir haben Vertrauen zu Yüan Schih kai.“
„Also haben die Hetzartikel der Kuo min tang, in denen Yüan Schih kai als Mörder, Vaterlandsverräter, Volksbetrüger usw. bezeichnet wurde, keinen Eindruck auf das Volk gemacht?“
„Nein; sie haben nur den Hass des Volkes gegen die Kuo min tang erregt. Nicht deshalb, weil gerade Yüan Schih kai der angegriffene Teil war, sondern das Volk sagte: „Wer solche ungebührlichen Ausdrücke im Mund führt, ist unehrlich.“ Das Volk rückte dadurch nur von der Partei ab, anstatt (was die Kuo min tang beabsichtigte) sich ihr zu nähern. Und schliesslich: was geht es uns arbeitende Bürger an, wenn sich Yüan Schih kai nicht genau an Das hält, was ihm einige Alleswisser vorgeschrieben haben? Ein Herrscher, der sich vom Volk in seine Geschäfte reden lässt, hat noch nie lange regiert. Jetzt wird es besser gehen; Yüan wird machen, was er will.“
„Sie haben also Vertrauen zu Yüan Schih kai, Herr Tschen?“
„Ja, das habe ich,“ erwiderte er lebhaft, „nicht nur ich, sondern Jeder unseres Volkes, der sich nach Ruhe und Ordnung sehnt. Wir vertrauen ihm besondern deshalb, weil Yüan Schih kai Chinese ist. Er kennt sein Volk, wie kein Anderer im Reich; er geht auf die Wünsche des Volkes ein, und (dabei flüsterte Herr Tschen) er kennt die Sehnsucht des Volkes.“
In der Nähe klang der Marschschritt einer Patrouille. Herr Tschen blickte etwas ängstlich auf die markigen nordchinesischen Gestalten, und dann neigte er sich über den Ladentisch und flüsterte: „Wenn man auf dem Weg redet, soll man daran denken, dass es im Gras Leute geben kann.“ Ich verstand. Tschen zog mich in das Nebenzimmer, wo seine Angestellten gerade das Mittagsmahl beendet hatten, um ihre Plätze im Laden wieder einzunehmen. Bei einer Tasse Tee sass ich Herrn Tschen nun gegenüber.
„Er kennt die Sehnsucht des Volkes?“ knüpfte ich das unterbrochene Gespräch wieder an.
„Ja,“ nickte Tschen „er weiss, dass die Masse des Volkes einen starken Herrscher will, einen Herrscher, der die edlen Güter der Nation zu wahren weiss. Wenn noch Huang Hsing ans Ruder käme, so wäre unser Volk in kurzer Zeit vernichtet.“ Hier machte Tschen eine Pause und tat einige Züge aus der Wasserpfeife.
„Huang Hsing,“ wiederholte er, indem er das Wort grimmig durch die Zähne zischte. „Noch nie hat unser Volk einen Mann so gehasst wie diesen Verräter. Er ist eine doppelzüngige Schlange. Ich erinnere mich, dass er vor etwa einem Jahr eine bescheiden unterwürfige Eingabe beim Präsidenten Yüan Schih kai gemacht hat. Er klagte darin dem „Ta tsung tung“ in heuchlerischen Worten über die traurige innere Lage; die leichtfertige Jugend erränge die Oberhand und treibe mit den edelsten Gütern des Volkes eitles Spiel. Um das Reich vor innerm Zusammenbruch zu bewahren, empfahl Huang Hsing die nachdrückliche Pflege der alten Tugenden unserer Weisen: Kindesliebe, Bruderpflicht, Treue, Anstand, Aufrichtigkeit, Ehrlichkeit und Bescheidenheit. Er erwartete von Anderen, dass sie diese Tugenden pflegen sollten; er selbst lebte auf seine eigne Weise, und er wurde ein warnendes Beispiel für unsere Jugend, dieselbe Jugend, der er Aufsässigkeit und Mangel an Tugend vorwarf. So wie Huang Hsing waren seine Anhänger, die mit ihm die Herrschaft erstrebten. Jetzt ist er im Sonnenland. Das Volk atmet auf. Es kommt sich vor, als ob der Himmel ein Opfer mit Wohlgefallen angenommen habe.“ Tschen schwieg. Ich benutzte die Pause, um mich zu verabschieden, da ich meinen Zweck erreicht und einen Blick in die Volksstimmung getan hatte. „Und wie denken Sie über die Revolution im Allgemeinen?“ fragte ich beim Gehen. Tschen wai ku sann einige Sekunden nach und sagte dann: „Konfuzius sagt: Das Meer trägt ein Boot; das Meer kann im Sturm das Boot umstürzen. Ein Herrscher, der von dem ruhigen Willen des Volkes getragen wird, bleibt oben; ein Herrscher, der das Volk zum Sturm reizt, geht verloren.“
„Und wie deuten Sie diesen Ausspruch auf die heutige Lage?“
Tschen lächelte. „Auf dem weiten Meer fährt Yüan Schih kai allein im Boot. Fern, fern am Ufer stehen Huang Hsing und seine Schwurbrüder und versuchen, mit ihren zarten Händen das grosse Meer in Wallung zu bringen. Kein Wellenschlag berührt das Boot. Yüan Schih kai lacht über die unnütze Kraftanstrengung seiner Feinde am Gestade.“
Der musikalische Obsthändler.
Seit der Obsthändler Wong Ka long seinen Hökerstand in der Französischen Niederlassung aufgeschlagen hat, macht er glänzende Geschäfte. Ausser seiner reichhaltigen Auswahl von südländischen Früchten, hat er einen rotbetrichterten Grammophon und ein Mundwerk, das dem Rhythmus der Sprechmaschine nicht nachsteht. Der natürliche und der mechanische Apparat werden Wong sicher noch zum reichen Mann machen. Gestern staute sich eine Menge vor seinem Laden, als sein Grammophon ein berühmtes Lied von Lin Pu tsing spielte. Er liess aber den Sänger nicht zu Ende singen, sondern hielt den Apparat an und pries die vorzügliche Güte seiner Aepfel, das schmackhafte Fleisch der Bananen und die köstliche Frische der Lai tschis. „Ihr dünkt euch wie die Schlemmerkönige Yau und Schun, wenn ihr von meinen Früchten esst!“ rief der Händler in die Menge. Das Lockwort brachte ihm einige Käufer. „Ich werde ein Lied spielen lassen, das Ihr noch nie gehört habt, wenn ich innerhalb der nächsten fünf Minuten für zwanzig Zents Früchte verkaufe“, rief Wong weiter und harrte der Kunden. In zwei Minuten hatte er für zehn Zent Früchte verkauft. „Das Lied das gespielt wird, ist eine wunderbare Melodie. Es klingt schöner als der Sang des Goldvogels in den Azurbergen und feierlicher als Tempelmusik. Wenn ihr es hört, werdet ihr alles Leid vergessen; wohin ihr geht, wird euch der köstliche Gesang folgen.“ Wong verkaufte sechs Bananen. „Ihr müsst wissen, das Lied kommt vom Ausland“, fuhr er fort. „Könige, Fürsten, Präsidenten und die „hundert Familien“ (Volk) sind von ihm in Bann geschlagen, weil keine andre Melodie erfunden wurde, die ihr gleich stünde.“ Wong verkaufte drei Aepfel. „Das Lied wird von den fremden Barbaren gesungen, die daraus die Kraft für all ihre erstaunlichen Künste schöpfen.“ Wong verkaufte ein halbes Dutzend Lai tschis. Und dann rief er mit erhobener Stimme. „Das Lied birgt das Geheimnis der Kraft der Europäer.“ Wong kannte die Seele seines Volkes und er verkaufte soviel, dass er mehr Geld einnahm, als er erwartet hatte. Ehrfürchtig schaute die Menge auf das Grammophon. Wong nahm die Platte mit Lin Pu tsings Lied weg, holte eine andere aus einer Schachtel hervor, blies vorsichtig den Strassenstaub ab und setzte sie ein. Knirschend grub der Stahlstift seine Rillen. Und dann ertönte, kaum vernehmbar die ächzende Weise: „Puppchen, du bist mein Augenstern!“ Wong Ka long rieb sich vergnügt die Hände.
In der Foochow Road.
Abend in der Foochow Road, der Strasse der chinesischen Lebewelt. Ueberall elektrischer Lichterglanz und eine sommerlich gekleidete Menge. Zwei ausländische Gestalten sind im Gewühl; offenbar ein Ehepaar. Der Kleidung nach Deutsche und auf der Durchreise. Die schauhungrigen Augen der jungen Frau werden gar nicht satt. „O sieh mal, Männe hier!“, staunt fast jedes Wort, das dem zarten Mund entquillt. Das Paar bahnt sich den Weg durch das Gewühl. Plötzlich bleibt die Frau stehen und klammert sich fester an den Arm des Gatten. „Männe, hör mal!“ spricht die Frau und bleibt lauschend stehen; nein, sie spricht nicht, sie flüstert mit ehrfürchtigem Erschauern. Die Beiden lauschen gespannt. Oben, in einem Teehaus wird in wirrem Durcheinander auf Trommeln, Zimbeln und Metallbecken geschlagen; echt chinesische Musik; „O, Männe, Männe“ jubelt die Frau „wie zivilisiert die Chinesen geworden sind. Die spielen schon — Strauss!“ Mit verklärtem Blick zieht die Frau den Gatten weiter durch das Gewühl. Am nächsten Tag prangt ein besonderes Kapitel im Tagebuch: „Salomes Siegeszug in China.“