Grosstadtschicksale.

A-säs Heirat.

Die neue Zeit hat den Chinesen eine merkwürdige Form der Heirat beschert. Sie kommt so recht dem Bedürfnis der leichtlebigen Welt entgegen und huldigt dem Grundsatz: „Leicht verbunden, leicht getrennt“. Oder im Bilde gesprochen: die neue Heirat verknüpft das junge Paar mit dünnen, zerreissbaren Seidenfäden, während die überlieferten Formen der alten Heirat die Neuvermählten mit festen Ketten zusammenschmieden. Und noch ein Unterschied besteht zwischen der Heirat in der alten und neuen Zeit. Der Jahrhunderte lange Brauch erfordert es, dass sich Braut und Bräutigam vor der Hochzeit nicht von Angesicht zu Angesicht sehen dürfen, und dass der Ehebund durch einen Vermittler, der mit den in Frage kommenden beiden Familien alle Verhandlungen führt, geschlossen wird, dass aber persönliche Zu- und Abneigung der Brautleute dabei in keiner Weise berücksichtigt werden. Wie anders ist dagegen die neue Heirat! Sie wird nur von Herz zu Herz geschlossen. Die Liebenden sehen sich und sprechen sich täglich, und wenn sich die Zeit erfüllt, schreiten sie beherzt zur neuen Ehe, die chinesisch „wen ming tsieh hun“ (zivilisatorische Verbindung) genannt wird. Von dieser Heirat in ihrer neuen Form und den Erfahrungen, die der junge A-sä dabei gemacht hat, soll eine kleine Geschichte handeln.

A-sä war der dritte Sohn des Reisbauern Li, dessen Anwesen hinter dem Sutschouer Kriek, dort, wo die kleine Fähre nach dem schattigen Jessfield führt, lag. A-sä zählte achtzehn Jahre und hatte zwei Brüder, die, nach altem Brauch verheiratet, in glücklicher Ehe lebten. Sie blieben trotz der neuen Zeit, die laut hörbar in den grossen Spinnereien längs des wasserreichen Krieks pochte, und trotz des Lockrufs, der täglich laut vernehmlich aus dem Hasten der Weltstadt drang, ihrem Vater treu, plantschten knietief hinter dem Büffelpflug durch die zähschlammige Lehmerde, hegten die zarten Reispflänzchen wie ihren Augapfel und freuten sich des satten Grüns und der blendend weissen ausgereiften Körner. Der kleine A-sä aber schlug früh aus der Art. Seine Seele war weich wie Wachs, und jeder Gang, den er durch die brausende Weltstadt Schanghai machte, liess darin einen unverwischbaren Eindruck zurück. Und A-sä ruhte nicht eher, bis ihn sein Vater den bäuerlichen Arbeitspflichten entband und ihn in eine westländische Schule schickte, wo er Chinesisch, Englisch und Bibellesen lernte. A-sä wuchs frei und selbstbewusst auf. Als er sechzehn Jahr alt war, fand er eine Stelle in einem grossen ausländischen Geschäft in der Nähe des Szemalu. Dort war auch eine Buchhandlung. Und eines Tages entdeckte er ein Buch, das er glühenden Kopfes las. Es war eine Uebersetzung aus dem Französischen, und der Verfasser war ein gewisser Tso la. Vor A-sä tat sich eine neue Welt auf, zu der sich seine weiche Seele unwiderstehlich hingezogen fühlte. Das, was ihn so hinriss, war der ungezwungene Verkehr zwischen Geschlecht und Geschlecht. Noch mehr staunte er, als ihm eines Tages in der Zeitung eine Notiz über die neue Form der Ehe in die Augen fiel, die in einem andern Blatt sogar mit einem kleinen Gedicht verherrlicht wurde. Der Gedanke an diese neue Art Heirat verbunden mit dem gewaltigen Eindruck, den das Buch in ihm hinterlassen hatte, trieb A-sä Nächte lang den Schlaf aus den Augen. Er war entschlossen, die neue Ehe zu wagen, eingedenk des Sprichwortes „i ko jen bu suan i ko jen“ (Ein Mensch ist noch kein Mensch), was ihm auch ein gelerntes Bibelwort bestätigte, das da heisst: „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei.“ Gerade in den Tagen, wo er den Entschluss zu heiraten gefasst hatte, wollte es der Zufall, dass der alte Li seinen Jüngsten auf sein heiratsfähiges Alter aufmerksam machte. A-sä murmelte etwas vor sich hin und schwieg. Mächtig flackerte aber sein Zorn auf, als ihm ein an den Vater gerichteter Brief in die Hände fiel, worin ein Heiratsvermittler mitteilte, dass A-pao, des wohlhabenden Reisbauern Tsung Tochter, ein passendes Ehegespons für seinen Jüngsten sei. Mit einem Gesicht, das vor Zorn fahl wie gebleichtes Strohgeflecht war, trat A-sä am Abend, den Brief in seinen Händen, vor seinen Vater und schrie mit bebenden Lippen, dass er keinen Heiratsvermittler brauche, dass er auf „wen ming Art“ selbst seine Frau suche, und dass er von heute an überhaupt aus dem Familienverband der Li ausscheide! An der niedrigen Tür blieb A-sä stehen, schaute zum letzten Mal den verdutzten Alten an und lief trotzigen Herzens in die Nacht.

A-sä auf dem Wasserbüffel. ([S. 64])

[❏
GRÖSSERES BILD]

Jeden Abend, wenn das Geschäft schloss, betrat A-sä sein in der Nähe gemietetes Zimmer, schlüpfte in ein kremefarbiges Gewand, glättete vor dem Spiegel selbstgefällig das Haar zu einem straffen Scheitel und liess sich von dem Menschenstrom durch die Strassen treiben. A-sä ging auf Freiersfüssen. Jedes weibliche Wesen, das an ihm vorbeihuschte, musterte er mit seinen frechen, achtzehnjährigen Augen wie ein Dreissigjähriger. Und gar oft wurde sein Blick verständnisvoll erwidert. Aber das war nicht, was A-sä suchte; er suchte eine Lebensgefährtin. Und als er sie in dem Strassengewühl schliesslich nicht fand, wanderte er am Abend in den stilleren Gassen der Weltstadt umher. Das Glück war ihm hold. Am vierten Abend machte er die Bekanntschaft eines Mädchens, das Tags über in der Spinnerei Baumwolle zupfte und mit ihrem geringen Verdienst sich und ihre alte Mutter ernährte. Die Spinnerin war ein schüchternes, sechzehnjähriges Ding, das nur die Aussenränder der Stadt betrat, um nicht in dem grossen Strudel verschlungen zu werden; ihre Freude war „hoch wie der Himmel und allumspannend wie die Erde“, dass sie die Bekanntschaft des sich so vornehm gebärdenden A-sä gemacht hatte. Und wie verstand er zu erzählen, wenn sie mit ihm am Abend, der gar mondbeglänzt und voll weicher Luft war, auf einsamem Feldrain sass! Immer wieder musste sie ihm die kleinen, von rauher Arbeit erhärteten Händchen hinhalten, damit er sie kosend streichele, hübsch still sitzen, wenn seine zartgliedrigen Tags über geschäftig über das Rechenbrett gleitenden Hände, über ihre weichen Wangen fuhren. Und einmal fasste er sogar ihren Kopf derb zwischen den Händen, sah sie mit verlangenden Augen an und berührte seine Lippen mit den ihren. Und voll von Glücklichsein und Reue sprang er auf und beteuerte entschuldigend: „So steht es im Buch, ganz genau so!“ Eng umschlungen, wie zwei, die zusammengehören, gingen sie dann schweigsam den Feldweg entlang und betraten die beleuchtete Strasse. A-sä hatte das Einverständnis des Mädchens, seine Frau zu werden.

Nun stand der Hochzeit nichts mehr im Wege. Ohne den „Wind- und Wasserdoktor“ zu befragen, setzten Beide, voll zehrender Ungeduld, den Freudentag fest. Und sie fuhren, sonntäglich gekleidet, zum Standesbeamten in der chinesischen Stadt. Krampfhaft presste A-sä ein kleines Kästchen in der Hand, darin wohlverborgen zwei messingvergoldete Eheringe lagen. Und das junge Paar trat vor den westländisch gekleideten, nervös blickenden Beamten, der sie zur Ehe zusammenführte. A-sä und das Mädchen wechselten die Ringe und fuhren in die Niederlassung zurück. Jetzt waren sie ein Ehepaar. Galant führte der Gatte seine Frau in den Garten Tschang Su ho, wo er sie mit Wein und Gebäck bewirtete und am Abend wohnten sie einer Vorstellung im Theater Hsin wu tai bei, wo gerade der fünfte Teil der „Kameliendame“ aufgeführt wurde. Während die junge Frau staunenden Auges über das Geländer stierte, fächelte sich A-sä selbstzufrieden und tat blasiert, als ob er den ganzen Rummel kenne.

Wenn die Mäuse satt sind, schmeckt das Mehl bitter. So erging es auch A-sä in seinem Ehestand. Die kleinen Nadelstiche der Ehe brachten ihn zur Verzweiflung. Wo er beständiges Glück erhofft hatte (wie es in dem Buche stand), fand er den nüchternsten Alltag. Und er kam zu der Feststellung, dass seine glücklichsten Stunden vor der Zivilisationsheirat gelegen hatten; damals, als er sich so zärtlich an seine Liebe schmiegen, ihr Beseligendes beteuern und zuflüstern konnte, während er ihr die Händchen und die Wangen streichelte. Ja, in diese Zeit sehnte er sich zurück. Und als diese Sehnsucht immer stärker wurde, schenkte er seiner Frau seinen Ehering, den sie mit dem ihren auf dem Pfandhaus versetzen sollte, und bedeutete ihr, dass nun die Zeit für sie wieder gekommen sei, in der Spinnerei zu arbeiten. Ein wenig schluchzend verliess die Frau das Haus: sie tröstete sich aber, als ihr A-sä beim Abschied sagte, dass Alles so kommen müsse, weil es so in dem französischen Buche stünde.

A-sä atmete auf. Nun war er wieder frei. Und es gelang ihm bald wieder, nach vorangegangenen beglückenden Wochen und Stunden, ein Mädchen für eine Heirat nach neuer Art zu begeistern. Und wieder folgten die kurze Zeremonie vor dem Standesbeamten, Wein und Gebäck in Tschang Su ho und Festvorstellung im Hsin wu tai. Und wieder kamen die kleinen Nadelstiche der Ehe. Schliesslich stand auch die zweite Frau auf der Strasse. A-sä schwor sich nun, mit dem Heiraten zu warten, bis er etwas älter wäre. Dann stürzte er sich in die Arbeit, in der er völlig aufging. Schon hatte er seine leichtsinnigen Heiraten vergessen, als er eines Tages eine sanfte Mahnung erhielt, vor dem Gericht zu erscheinen. Er ging und fand dort seine zwei gewesenen Frauen, die ihn gemeinsam auf Entschädigung verklagt hatten. A-sä musste sich dem harten Urteilsspruch fügen. Mit einem Gehalt von fünfzehn Dollar ernährt er jetzt ausser sich zwei geschiedene Frauen und sorgt für das Wohlergehen von zwei Kindern. Das war das Nachspiel zu A-säs „Zivilisationsheiraten“.

Wenn A-sä jetzt spät in die Nacht hinein arbeitet, denkt er oft an die Hütte inmitten der sprossenden Reisfelder jenseits des Sutschouer Krieks, und er wartet Tag für Tag, dass der Vater seinen reuigen Sohn zurückruft und ihn mit der Tochter des wohlhabenden Reisbauern Tsung nach altem Brauch vermählt. Ja, er will sogar ein tüchtiger Reisbauer werden und knietief mit den Wasserbüffeln durch den Schlamm waten. Trotz Allem, was er auf der westländischen Schule und in dem grossen ausländischen Geschäft gelernt hat!

Eine verunglückte Zeitungsgründung.

Nichts ist beständiger, als der Wechsel.“ Wenn dieses Wort irgendwo Anwendung finden kann, so passt es auf das chinesische Zeitungswesen in Schanghai. Die feste Wurzel des chinesischen Pressewesens liegt in der Schantung Road, wo fünf Zeitungen, die die alte Pekinger Regierung zwar häufig bissig verhöhnt haben, aber sie nie zu stürzen drohten, seit vielen Jahren ihre redaktionellen Zelte aufgeschlagen haben. Aber diese Zeitungen allein machen nicht die öffentliche Meinung aus. Ausser ihnen gibt es noch fünfzehn andere, und der Grund, auf dem diese stehen, gleicht einem unsichern, wandernden Moorboden. Jeder einsichtige, geschäftsmässig rechnende Chinese sagt sich, dass für zwanzig politische Tagesblätter in Schanghai kein Raum sein kann, und umso weniger, als sie ja paarweise oder zur Vieren in genau das gleiche Horn stossen. Echt chinesische Eigenbrödelei, ein falsches Komma hinter irgendeinem parteipolitischen Satz, eine stärkere Betonung eines bestimmten Parteiprogramms und die Vernachlässigung minder wichtiger Dinge, persönliche Feindschaften der hinter der Presse stehenden Männer und viele andern Gründe mehr haben bisher verhindert, dass eine Verschmelzung herbeigeführt werden konnte. Der Wettbewerb im Kampf um den Leser wird mit äusserster Spannung geführt. Jede Zeitung sucht auf irgendeinem Gebiet ihre besondere Stärke. Die eine legt sie in einen flottgeschriebenen Leitartikel, die andere in masslose Beschimpfung und Ausplauderung süsser Geheimnisse politischer Gegner; andere suchen die Gunst ihrer Leser zu gewinnen, indem sie für die Einführung der freien Liebe eintreten, andere bringen geschätzte Anekdoten unter Vermischtes oder Tagesereignisse in Karikaturen, und wieder andere wollen durch eine vornehm würdevolle, an väterliche Ermahnungen erinnernde Haltung bei Beurteilung politischer Fragen Eindruck machen. Wie gesagt, sind nur fünf dieser Zeitungen wirklich lebensfähig; die anderen werden durch starke Zuschüsse einzelner Privatkreise unterhalten, die aber aufhören zu fliessen, sobald die Geldgeber glauben, dass ihr Name genügend vervolkstümlicht sei.

Um dem bekannten dringenden Bedürfnis abzuhelfen, wurde vor einigen Monaten die einundzwanzigste Zeitung gegründet. Natürlich auf Grund einer neuen „Stärke“. Diese lag in der „Benamsung“ des neuen Presserzeugnisses. Ehe das Blatt war, war der Titel.

Der Gründer war ein Lebemann, Namens Tsang, den das von seinem Grossvater Anderen abgenommene Geld juckte, und der keinen andern Ausweg wusste, als die ihm noch übriggebliebenen vierzigtausend Dollar, die nebenbei auch zum Erkaufen der unwandelbaren Treue berückender Sängerinnen dienten, in einem Zeitungsunternehmen anzulegen. Um nicht allein sein ganzes Geld zu wagen, sah er sich nach einem Teilhaber um. Den fand er durch die Einführung eines Freundes in Gestalt des Herrn Kung. Dieser verfügte „zufällig“ über kein flüssiges Kapital, konnte aber seine Kreditfähigkeit durch Aktien eines in der tibetischen Provinz Kham gelegenen Goldbergwerks beweisen, über die aber an jenem Tage gerade keine Kursnotierung vorlag. Als Dritter im Bund gesellte sich zu Tsang und Kung ein Herr Wen, der sich mit „geistigem Kapital“ an dem Unternehmen beteiligte. Es war der Mann mit der „Idee“, derselbe, der den zugkräftigen Namen „Tung pao“ vorschlug; die Stärke lag aber eigentlich in dem gleichzeitig vorgeschlagenen, bei chinesischen Zeitungen üblichen englischen Untertitel: „The Torpedo boat“.

Herr Wen wurde neben seiner Eigenschaft als Teilhaber zum Chefredakteur bestellt. Den Ausschlag gaben bei dieser Berufung die Verdienste, die er sich um das Gelingen der Revolution erworben hatte; er wies nämlich nach, dass er bei der Belagerung von Nanking höchst eigenhändig einen Schuss aus einem alten Geschütz abgefeuert hatte, ohne dass das Rohr barst, wodurch er das gefährdete Leben der umstehenden Bedienungsmannschaft gerettet hatte. Dafür erhielt er die Rettungsmedaille. Zum Verkehr mit den führenden Regierungskreisen in Schanghai und Umgebung war das zweifellos ein wichtiger Belang. Wen wurde auch mit der Oberaufsicht der geschäftlichen Leitung betraut. Seine Umsicht konnte er schon am folgenden Tag beweisen, als es galt, bei einer Druckerei die Druckkosten der neuen Zeitung, die vorläufig in zweitausend Exemplaren erscheinen sollte, festzusetzen. Er entledigte sich seiner Aufgabe mit einer grossen Kennerschaft chinesischer gewerblicher Betriebe. Zunächst bestellte er nur tausend Exemplare. Die Druckkosten für die ungedruckten restlichen tausend teilte er brüderlich mit dem Geschäftsführer der Druckerei, der sich dafür verpflichten musste, die tägliche Rechnung auf zweitausend Stück auszustellen. Wen betrachtete diese fortlaufende Nebeneinnahme als eine angemessene Ergänzung seines monatlichen Gehalts in Höhe von hundert Dollar.

Endlich war der Vorabend des Tages gekommen, an dem „Das Torpedoboot“ zum ersten Male erscheinen sollte. Herr Wen schrieb den Leitartikel, der in Form und Inhalt alles Bisherige in den Schatten stellte. Es wäre schade, wenn seine Ausführungen der Nachwelt nicht erhalten blieben. Hier sind sie:

„Die niedere Redaktion gibt heute zum ersten Mal „Das Torpedoboot“ heraus. Weil unsere Zeitung klein von Gestalt ist, haben wir ihr diesen Namen gegeben. Es gibt in Schanghai auch grosse Zeitungen. Sie gleichen schweren, unbeholfenen Panzerschiffen, die aber den Angriffen unseres Boots auf die Dauer nicht standhalten können. Mit stets wachender Mannschaft umkreisen wir die grossen Schiffe und beunruhigen sie bei Tag und Nacht, bis ein wohlgezielter Schuss eines nach dem andern in die Tiefe gurgeln lässt. Wir nehmen den Kampf mit jedem Gegner auf, der die Rechte unseres heiss geliebten Brudervolks bedroht. Und wenn die neue Regierung die Volksrechte mit Füssen tritt, so werden wir auch gegen sie kämpfen und siegen. Je mehr uns die Allgemeinheit durch das eifrige Lesen unsers Blattes unterstützt, desto erfolgreicher vermögen wir ihre Rechte zu schützen. Wir sind erst dann kampfunfähig, wenn der letzte Schuss aus dem Rohr ist. Damit kein Munitionsmangel eintritt, bitten wir ehrerbietig um dauernde Unterstützung.“

Der Hauptgründer, Herr Tsang, war entzückt von der ersten Ausgabe. Er verweilte Stunden lang in der Redaktion und schaute fast ehrfürchtig den Chefredakteur an, der eifrig die zweite Nummer vorbereitete. Draussen vor der Redaktion hielt den ganzen Nachmittag ein Automobil, das ab und zu zur Reklame ratterte, um die wohlfundierte neue Zeitungsgründung nach aussen hin würdig zu vertreten.

So verging eine Woche. Der Eifer des Herrn Tsang liess nach. Er suchte Zerstreuung bei Fräulein „Kostbarer Edelstein“, die ihm oft bis zum frühen Morgen seine Lieblingslieder singen musste. Der Teilhaber Kung, der Mann mit den tibetischen Goldaktien, kannte den verschwiegenen Aufenthalt seines Geschäftsfreundes und besuchte ihn. Er komme im Auftrag des Chefredakteurs, der Munitionsmangel festgestellt habe und um tausend Dollar bitte. In zwei Minuten war die Bankanweisung ausgeschrieben; Kung kam öfter, etwa alle zwei Tage, und erhielt in den Weinlaunen Tsangs anstandslos das Geld.

Als Kung eines Tags den Chefredakteur Wen sah, klagte ihm dieser wirklich über Munitionsmangel. Kung als Goldgrubenbesitzer in Tibet legte rasch tausend Dollar auf den Tisch des Hauses. Das beruhigte Wen. Inzwischen liefen täglich Briefe bei der Redaktion ein, die auf die allgemeine Begeisterung hinwiesen, mit der „Das Torpedoboot“ in den mittelchinesischen Provinzen gelesen wurde. Mit diesen Briefen, die er selbst bestellt hatte, ging der Chefredakteur zu dem Hauptgründer und Lebemann Tsang und regte die Erhöhung der Auflage von zwei- auf dreitausend an. Der Vorschlag wurde genehmigt, aber wie bisher kamen nur tausend aus dem Druck; die Druckkosten für die übrigen zweitausend waren der gemeinsame Gewinn des Geschäftsführers der Druckerei und des Chefredakteurs.

Chefredakteur Wen fühlte, dass er reich wurde. Und das Alles auf Kosten des kaltblütig vor Nanking abgefeuerten Kanonenschusses. Es fehlten nur noch zehntausend Dollar, dann war er angehender Grosskapitalist. Er schrieb fein säuberlich folgenden Brief an eine hochstehende Persönlichkeit:

„Euer Hochwohlgeboren! In diesen schwierigen Uebergangszeiten ist eine charaktervolle Zeitung für die Volksaufklärung unbedingt erforderlich. Ohne Zweifel werden Sie eigene Interessen haben, die Sie in diesen Zeiten vertreten sehen wünschen. Der grösste Teil der hiesigen Presse ist Ihnen feindlich gesinnt und arbeitet auf Ihren Sturz hin. Wenn Sie Ihren einträglichen Posten weiter zu halten wünschen (ich selbst weiss, wie berechtigt die Angriffe der Ihnen feindlich gesinnten Presse sind) bin ich gern bereit, höhern Orts für Sie einzutreten. Ihre Einwilligung hierzu werde ich darin bestätigt finden, dass Sie mir bis morgen früh zehntausend Dollar überweisen.“

Man muss es der neuen Zeit lassen, dass sie in gewissen Kreisen ein merkwürdig feines Verständnis für den Wert einer „guten Presse“ entwickelt hat. Am folgenden Tag war der Chefredakteur Wen im Besitz der gewünschten Summe. So, jetzt noch einen Griff in die Geschäftskasse, und fort war er.

Da sich in Folge des plötzlichen Ausscheidens des Chefredakteurs Niemand fand, der einer solch umsichtigen Geschäftsführung gewachsen gewesen wäre, musste „Das Torpedoboot“ an sich selbst zu Grunde gehen. In einer andern Tageszeitung erschien Tags darauf eine Notiz, in der mitgeteilt wurde, dass „Das Torpedoboot“ im Kampf mit dem überlegenen Feind gerammt worden und auf der Stelle gesunken wäre. Bis heute ist es noch nicht gehoben worden.

Der Lebemann Tsang ist um eine Erfahrung reicher, und er weint seinen Schmerz jetzt beim „Kostbaren Edelstein“ aus.

Kung, der Mann mit den tibetischen Goldaktien, hat einige tausend Dollar bei der Zeitungsgründung verdient. Denn die angeblich damals vom Chefredakteur alle zwei Tage verlangten Summen hat dieser natürlich nie zu sehen bekommen.

Der Chefredakteur Wen aber sitzt im sichern Port. Er beabsichtigt, mit dem rasch verdienten Geld eine Gesellschaft für „Versicherung gegen Grossstadtgefahren“ zu gründen.