III.

Die Hauptsache war, daß er bis zum letzten Augenblicke einen derartigen Ausgang gar nicht erwartet hatte. Er spielte bis zum letzten Momente den Überlegenen, ohne auch nur die Möglichkeit zu ahnen, daß zwei arme und schutzlose Frauen sich seiner Macht entziehen könnten. Zu dieser Überzeugung trugen seine Eitelkeit und sein übermäßiges Selbstbewußtsein viel bei, das man am besten Selbstverliebtheit nennen kann. Peter Petrowitsch, der sich aus kleinen Verhältnissen emporgearbeitet hatte, hatte die krankhafte Angewohnheit, sich selbst mit Wohlgefallen zu betrachten, schätzte seinen Verstand und seine Fähigkeiten hoch ein, ja, er besah sogar zuweilen, wenn er allein war, sein Gesicht mit Liebe im Spiegel. Am meisten in der Welt aber liebte und schätzte er sein Geld, das er durch Arbeit und allerhand Machinationen erworben hatte, – es stellte ihn nach seinem Dafürhalten auf gleiche Stufe mit allem, was höher war als er.

Indem er voll Bitterkeit Dunja daran erinnerte, daß er sich entschlossen hatte, sie, trotz der schlechten Gerüchte über sie, zu heiraten, sprach Peter Petrowitsch vollkommen aufrichtig, er empfand eine tiefe Entrüstung über solch einen „schwarzen Undank“. Als er aber damals um Dunja anhielt, war er schon von der Sinnlosigkeit aller dieser Klatschgeschichten völlig überzeugt, die von Marfa Petrowna selbst öffentlich widerrufen und schon längst vom ganzen Städtchen, das Dunja warm in Schutz nahm, vergessen waren. Er würde es selber jetzt nicht geleugnet haben, daß er alles damals schon gewußt hatte. Aber trotzdem rechnete er seinen Entschluß, Dunja zu sich zu erheben, hoch an und hielt ihn für eine große Tat. Indem er dies gegen Dunja aussprach, drückte er einen geheimen längst gehegten Gedanken aus, an dem er mehr als einmal sich selber erbaut hatte, und er konnte es nicht begreifen, daß die anderen seine große Tat nicht mit gleicher Bewunderung ansahen. Als er damals Raskolnikoff einen Besuch machte, kam er mit den Gefühlen eines Wohltäters, der sich anschickt, die Früchte seiner Taten zu ernten und schmeichelhaftes Lob zu hören. Auch jetzt, als er die Treppe hinabstieg, hielt er sich selbstverständlich für im höchsten Grade gekränkt und verkannt.

Dunja hatte er einfach nötig; es war ihm undenkbar, auf sie zu verzichten. Lange schon, seit einigen Jahren, träumte er mit Behagen von einer Heirat, aber er sparte fortwährend noch mehr Geld und wartete. Er dachte mit Begeisterung in seinen geheimsten Träumen an ein wohlgesittetes und armes (sie mußte unbedingt arm sein) Mädchen, das jung, sehr hübsch, aus guter Familie, gebildet, sehr eingeschüchtert sein mußte, das außerordentlich viel Unglück durchgemacht hatte und das sich vor ihm vollkommen beugen würde, an ein solches Mädchen, das ihr ganzes Leben lang ihn als ihren Retter ansehen, ihn verehren, sich ihm unterordnen und ihn, nur ihn allein bewundern würde. Wieviel Szenen, wieviel wonnige Episoden hatte er sich in der Phantasie über dieses verführerische und reizende Thema ausgemalt, wenn er in aller Stille von der Arbeit ausruhte! Und siehe da, der Traum von so viel Jahren wurde fast ganz zur Wirklichkeit, – die Schönheit und die Bildung Awdotja Romanownas hatten ihn überrascht, und ihre hilflose Lage reizte ihn aufs äußerste. Hier war mehr noch vorhanden, als er geträumt hatte; er hatte ein stolzes, charakterfestes, tugendhaftes Mädchen getroffen, das an Erziehung und Bildung höher stand, als er selber (das fühlte er), und solch ein Wesen wird ihm ihr ganzes Leben wegen seiner großen Tat sklavisch dankbar sein und in Verehrung sich vor ihm in den Staub werfen, er aber wird grenzenlos und unbedingt über sie herrschen ... Als hätte es so sein müssen, hatte er sich kurz vorher nach langem Wägen und Warten entschlossen, seine Laufbahn zu ändern und in einen größeren Wirkungskreis überzugehen, um gleichzeitig allmählich in die höhere Gesellschaft, an die er lange schon mit Sehnsucht gedacht hatte, hineinzukommen ... Mit einem Worte, er entschloß sich, es in Petersburg zu versuchen. Er wußte, daß man durch Frauen sehr viel machen konnte. Der Zauber einer reizenden, tugendhaften und gebildeten Frau konnte wunderbar seinen Weg ebnen, Leute an ihn heranziehen, ihm einen Glorienschein verleihen ... und nun war alles zerstört! Dieser plötzliche abscheuliche Bruch traf ihn wie ein Donnerschlag. Aber es war ein schlechter Spaß, war Unsinn! Er hat doch nur ein bißchen übertrieben; er hatte nicht mal Zeit gehabt, sich auszusprechen, er hatte bloß gescherzt, ließ sich ein wenig gehen, und es hat so ein ernstes Ende genommen! Und schließlich, er liebte doch Dunja in seiner Weise, er herrschte schon über sie in seinen Träumen, – und nun plötzlich dieses! ... Nein! Morgen, morgen schon muß alles wieder ausgeglichen, aufgeklärt und gutgemacht werden, Hauptsache war – diesen aufgeblasenen Milchbart, der an allem Schuld war, zu vernichten. Mit Unbehagen dachte er plötzlich an Rasumichin ... aber er beruhigte sich gleich – „es fehlte gerade noch, daß auch er auf eine Stufe mit ihm gestellt würde!“ Wen er aber tatsächlich allen Ernstes fürchtete – war Sswidrigailoff ... Mit einem Worte, es standen viel Mühe und Sorgen bevor ...


„Nein, ich, ich bin am meisten schuld!“ sagte Dunja, umarmte und küßte die Mutter, „ich habe mich von seinem Gelde verlocken lassen, aber ich schwöre dir, Bruder, – ich konnte nicht glauben, daß er so unwürdig ist. Hätte ich ihn vorher erkannt, hätte ich mich um alles in der Welt nicht verlocken lassen! Klage mich nicht an, Bruder!“

„Gott hat uns gerettet! Gott hat uns gerettet!“ murmelte Pulcheria Alexandrowna, aber wie unbewußt, als hätte sie noch nicht ganz begriffen, was vorgefallen war.

Alle freuten sich, und nach fünf Minuten lachten sie sogar. Zuweilen erblaßte Dunetschka ein wenig und verzog die Augenbrauen bei der Erinnerung an das Vorgefallene. Pulcheria Alexandrowna konnte es nicht begreifen, daß sie sich auch freute; der Bruch mit Luschin war ihr heute früh noch als ein schreckliches Unglück erschienen. Rasumichin aber war entzückt. Er wagte noch nicht ganz sein Entzücken zu äußern, aber er bebte am ganzen Körper wie im Fieber, als hätte sich eine zentnerschwere Last von seinem Herzen gelöst. Jetzt hat er das Recht, ihnen sein ganzes Leben hinzugeben, ihnen zu dienen ... und noch mehr. – Aber sofort jagte er ängstlich alle Zukunftsgedanken fort, er fürchtete sich vor seiner Phantasie. Nur Raskolnikoff allein saß auf demselben Platze, fast düster und zerstreut. Er, der am meisten auf den Bruch mit Luschin bestanden hatte, schien sich jetzt am allerwenigsten für das Vorgefallene zu interessieren. Dunja dachte unwillkürlich, daß er immer noch sehr böse auf sie sei, und Pulcheria Alexandrowna betrachtete ihn ängstlich.

„Was hat dir denn Sswidrigailoff gesagt?“ trat Dunja an ihn heran.

„Ach ja, ja!“ rief Pulcheria Alexandrowna aus.

Raskolnikoff erhob den Kopf.

„Er will dir unbedingt zehntausend Rubel schenken und äußert dabei den Wunsch, dich einmal in meiner Gegenwart zu sehen.“

„Sie zu sehen! Um keinen Preis in der Welt!“ rief Pulcheria Alexandrowna, „und wie wagt er es, ihr Geld anzubieten!“

Darauf teilte Raskolnikoff ziemlich trocken sein Gespräch mit Sswidrigailoff mit, wobei er von dem Erscheinen Marfa Petrownas als Gespenst nichts erwähnte, um nicht zu weit zu gehen, und weil er einen Widerwillen empfand, irgendeine Unterhaltung, außer der notwendigsten, zu führen.

„Was hast du ihm geantwortet?“ fragte Dunja.

„Ich sagte zuerst, daß ich dir keine Mitteilung machen wolle. Darauf erklärte er mir, daß er dann selbst mit allen Mitteln versuchen werde, dich zu sehen. Er beteuerte, daß seine Leidenschaft zu dir eine Torheit gewesen sei und daß er jetzt dir gegenüber nichts mehr empfinde ... Er will nicht, daß du Luschin heiratest ... Er sprach überhaupt verworren.“

„Wie erklärst du ihn dir, Rodja? Wie ist er dir erschienen?“

„Ich muß gestehen, daß ich mir nicht so ganz klar über ihn bin. Er bietet zehntausend an, sagt aber selbst, er sei nicht reich. Er erklärt, daß er irgendwohin reisen will, und nach zehn Minuten vergißt er, daß er darüber gesprochen hat. Plötzlich sagt er auch, daß er heiraten will und daß man ihm schon eine Braut freit ... Sicher hat er Absichten und am wahrscheinlichsten – schlimme ... Aber wieder ist es sonderbar anzunehmen, daß er so dumm die Sache anfassen würde, wenn er dir gegenüber schlimme Absichten hätte ... Ich habe selbstverständlich dieses Geld in deinem Namen ein für allemal ausgeschlagen. Überhaupt erschien er mir sehr eigentümlich und ... sogar ... mit Anzeichen von Geistesstörung. Ich kann mich jedoch auch irren; er kann einfach geschwindelt haben. Der Tod von Marfa Petrowna scheint aber einen Eindruck auf ihn gemacht zu haben ...“

„Gott schenke ihrer Seele Ruhe!“ rief Pulcheria Alexandrowna, „ich will ewig, ewig für sie zu Gott beten! Nun, wie würde es mit uns jetzt stehen, Dunja, ohne diese dreitausend Rubel! Mein Gott, sie sind wie vom Himmel geschickt! Ach, Rodja, wir hatten ja am Morgen im ganzen noch drei Rubel, und ich überlegte mit Dunetschka die ganze Zeit, wie wir am schnellsten irgendwo die Uhr versetzen könnten, um bloß nicht von diesem ... zu fordern, bis es ihm selbst in den Sinn kommt.“

Dunja hatte das Anerbieten Sswidrigailoffs zu stark überrascht. Sie stand die ganze Zeit in Gedanken versunken.

„Er hat irgend etwas Schreckliches im Sinn!“ sagte sie fast im Flüstertone zu sich selbst und schauderte.

Raskolnikoff bemerkte diese maßlose Furcht.

„Ich glaube, ich werde ihn noch einmal sehen,“ sagte er zu Dunja.

„Wir wollen ihn beobachten! Ich werde ihn finden!“ rief Rasumichin energisch. „Ich will mein Auge nicht von ihm lassen! Rodja hat es mir erlaubt. Er hat mir selbst vorhin gesagt: Beschütze die Schwester! Und wollen Sie es auch erlauben, Awdotja Romanowna?“

Dunja lächelte und reichte ihm die Hand, aber die Sorge verließ nicht ihr Gesicht. Pulcheria Alexandrowna blickte sie schüchtern an; die dreitausend Rubel hatten sie sichtlich beruhigt.

Nach einer Viertelstunde waren alle in lebhaftester Unterhaltung. Sogar Raskolnikoff hörte einige Zeit aufmerksam zu, obwohl er sich nicht am Gespräch beteiligte.

Rasumichin redete in einem fort.

„Und warum, warum sollen Sie abreisen!“ ergoß er sich mit Wonne in einer begeisterten Rede, „und was wollen Sie in dem Städtchen machen? Und die Hauptsache, Sie leben alle hier zusammen, und der eine besucht den anderen, ... braucht ihn sehr, verstehen Sie mich! So versuchen Sie es wenigstens eine Weile ... Mich nehmen Sie als Ihren Freund, als Kompagnon, und ich versichere Sie, wir wollen ein ausgezeichnetes Unternehmen gründen. Hören Sie, ich will Ihnen alles genau erklären, – das ganze Projekt mit allen Details! Schon heute Morgen, als noch nichts vorgefallen war, kam es mir in den Sinn ... Sehen Sie, die Sache besteht aus folgendem, – ich habe einen Onkel, – ich will Sie mit ihm bekannt machen, ein ausgezeichneter und verehrungswürdiger alter Herr, – und dieser Onkel hat ein Vermögen von tausend Rubel, er selbst lebt von seiner Pension und leidet keine Not. Fast zwei Jahre schon quält er mich, daß ich diese tausend Rubel für ihn anlegen und ihm sechs Prozent dafür zahlen soll. Ich weiß ja, wie der Hase läuft, – er will mir einfach helfen; im vorigen Jahre aber brauchte ich es nicht, in diesem Jahre jedoch wartete ich bloß auf seine Ankunft und habe mich entschlossen, es anzunehmen. Sie geben dann das zweite Tausend von Ihren drei, und sehen Sie, das genügt für den Anfang, und wir verbünden uns. Was machen wir aber damit?“

Und nun begann Rasumichin sein Projekt zu entwickeln und redete viel darüber, wie wenig fast alle unsere Buchhändler und Verleger von ihrer Sache verstehen, darum seien sie auch gewöhnlich schlechte Verleger, während anständige Buchausgaben sich sicher bezahlt machten und einen zuweilen bedeutenden Nutzen abwürfen. Von der Tätigkeit eines Verlegers träumte also Rasumichin; er hatte schon zwei Jahre für andere gearbeitet und beherrschte drei europäische Sprachen recht gut, wenn er auch vor sechs Tagen Raskolnikoff erklärt hatte, daß er im Deutschen „schwach“ sei, aber das tat er, um ihn zu bewegen, die Hälfte der Übersetzungsarbeit und die drei Rubel Vorschuß anzunehmen. Er log damals, und Raskolnikoff wußte, daß er log.

„Warum denn sollen wir unseren eigenen Vorteil versäumen, wenn wir plötzlich eines der Hauptmittel besitzen, – und zwar eigenes Geld?“ ereiferte sich Rasumichin. „Gewiß, man muß viel arbeiten, aber wir wollen arbeiten, Sie, Awdotja Romanowna, ich, Rodion ... manche Buchausgaben rentieren jetzt prächtig! Und die Hauptunterlage des Unternehmens besteht darin, daß wir wissen werden, was gerade übersetzt werden muß. Wir wollen übersetzen und verlegen und lernen, alles zusammen. Jetzt kann ich nützlich sein, denn ich habe darin Erfahrung. Es sind bald zwei Jahre, seit ich bei den Verlegern herumlaufe, und ich kenne alle ihre Schliche; es ist keine Hexerei, glauben Sie mir! Und warum soll man nicht nach dem Bissen greifen! Ich kenne selbst und bewahre es als ein Geheimnis, zwei oder drei solcher Werke; für den Gedanken allein, sie zu übersetzen und zu verlegen, kann man hundert Rubel für jedes Buch nehmen, und das eine Werk, die Idee allein schon, gebe ich nicht um fünfhundert Rubel. Was meinen Sie, wenn ich es jemand mitteilen würde, so ein Holzklotz täte vielleicht noch daran zweifeln. Und was die geschäftlichen Dinge – Druckerei, Papier, Verkauf – anbetrifft, so überlassen Sie dies mir. Ich kenne alle Schliche! Wir wollen mit kleinem anfangen und großes erreichen; wenigstens ernähren können wir uns und erhalten in jedem Falle unser Geld zurück.“

Dunjas Augen leuchteten.

„Was Sie vorbringen, gefällt mir sehr, Dmitri Prokofjitsch,“ sagte sie.

„Ich verstehe hiervon gar nichts,“ sagte Pulcheria Alexandrowna, „vielleicht ist es auch gut, aber Gott weiß. Es ist neu und unbekannt. Gewiß müssen wir hierbleiben, wenigstens eine Zeitlang ...“

Sie blickte Rodja an.

„Was meinst du, Bruder?“ sagte Dunja.

„Ich meine, daß er einen sehr guten Gedanken hat,“ antwortete er. „Von einer Firma muß man selbstverständlich vorher nicht träumen, aber fünf oder sechs Bücher kann man tatsächlich mit zweifellosem Erfolg verlegen. Ich kenne auch selbst ein Werk, das unbedingt gehen wird. Und daß er die Sache zu leiten versteht, unterliegt keinem Zweifel, – er versteht die Sache ... Übrigens habt ihr noch Zeit, euch zu besprechen ...“

„Hurra!“ rief Rasumichin. „Warten Sie, hier im selben Hause und bei denselben Wirtsleuten ist eine Wohnung frei. Sie ist ganz abgeschlossen, hat mit diesen Zimmern keine Verbindung und besteht aus drei möblierten Stuben, der Preis ist mäßig. Die können Sie fürs erste nehmen. Die Uhr will ich für Sie morgen versetzen und Ihnen das Geld bringen und das weitere wird sich finden. Die Hauptsache aber ist, daß Sie alle drei zusammen leben können, auch Rodja mit Ihnen. Wohin willst du denn, Rodja?“

„Wie, Rodja, gehst du schon fort?“ fragte Pulcheria Alexandrowna erschreckt.

„In solch einem Augenblick!“ rief Rasumichin.

Dunja blickte den Bruder mit mißtrauischem Erstaunen an. Er hielt die Mütze in den Händen und schickte sich an, wegzugehen.

„Ihr tut ja, als ob ihr mich beerdigen oder auf ewig Abschied nehmen müßtet,“ sagte er eigentümlich.

Er wollte lächeln, aber dieses Lächeln gelang ihm schlecht.

„Wer weiß, vielleicht sehen wir uns auch zum letztenmal,“ fügte er unvermutet hinzu.

Er wollte es bloß denken, doch die Worte entschlüpften ihm.

„Um Gottes willen, was ist mit dir!“ rief die Mutter aus.

„Wohin willst du gehen, Rodja?“ fragte ihn Dunja in angstvollem Tone.

„Ich muß jetzt fortgehen,“ antwortete er unklar, als sei er im Zweifel, was er sagen wollte.

In seinem bleichen Gesichte drückte sich eine feste Entschlossenheit aus.

„Ich wollte sagen ... als ich hierher ging ... ich wollte Ihnen, Mama ... und dir, Dunja, sagen, daß es besser sei, wenn wir uns für eine Zeitlang trennen. Ich fühle mich nicht wohl, ich bin unruhig ... ich will später wiederkommen, ich werde von selbst kommen, wenn ... es mir möglich sein wird. Ich denke an euch und liebe euch ... Doch laßt mich! Laßt mich allein! Ich habe es so beschlossen, schon früher ... Ich habe es bestimmt beschlossen ... Was mit mir auch geschieht, ob ich zugrunde gehen werde oder nicht, ich will allein sein. Vergeßt mich ganz und gar. Es ist so am besten. Erkundigt euch auch nicht nach mir. Wenn es nötig sein wird, komme ich von selbst oder ... ich rufe euch. Vielleicht wird noch alles gut! ... Jetzt aber sagt euch von mir los, wenn ihr mich liebt ... Sonst muß ich euch hassen, ich fühle es ... Lebt wohl!“

„Mein Gott!“ rief Pulcheria Alexandrowna.

Die Mutter und die Schwester waren furchtbar erschrocken; Rasumichin ebenfalls.

„Rodja, Rodja! Versöhne dich mit uns, wir wollen wieder wie früher sein!“ rief die arme Mutter aus.

Er wandte sich langsam der Türe zu und ging langsam hinaus. Dunja holte ihn ein.

„Bruder! Was tust du deiner Mutter an!“ flüsterte sie, und ihr Blick leuchtete vor Empörung.

Er schaute sie schwermütig an.

„Es hat nichts zu bedeuten, ich komme, ich werde kommen!“ murmelte er halblaut, als ob er sich nicht völlig bewußt sei, was er sagen wollte, und ging aus dem Zimmer.

„Gefühlloser, böser Egoist!“ rief Dunja.

„Er ist ver–rückt und nicht gefühllos! Er ist geistesgestört! Sehen Sie es denn nicht? Sonst sind Sie gefühllos! ...“ flüsterte Rasumichin ihr zu und drückte stark ihre Hand.

„Ich komme sofort!“ wandte er sich an die erstarrte Pulcheria Alexandrowna und lief aus dem Zimmer. Raskolnikoff erwartete ihn am Ende des Korridors.

„Ich wußte, daß du mir nachgehen wirst,“ sagte er. „Gehe zu ihnen zurück und bleibe bei ihnen ... Sei auch morgen bei ihnen ... und stets. Ich komme ... vielleicht ... wenn ich kann. Leb wohl!“

Und ohne ihm die Hand zu reichen, ging er weiter.

„Ja, wohin gehst du? Was ist mit dir? Was ist geschehen? Kann man denn so! ...“ murmelte Rasumichin fassungslos.

Raskolnikoff blieb noch einmal stehen.

„Ich sage dir ein für allemal, – frage mich nicht und über nichts. Ich habe dir nichts zu antworten ... Komme nicht zu mir. Vielleicht komme ich selbst hierher ... Laß mich ... sie aber verlasse nicht. Verstehst du?“

Es war ziemlich dunkel auf dem Korridor, sie standen unter einer spärlich brennenden Lampe. Eine Minute blickten sie einander schweigend an. Rasumichin erinnerte sich sein ganzes Leben dieser Minute. Der brennende und starre Blick Raskolnikoffs schien mit jedem Momente sich zu verstärken und drang in seine Seele und in sein Bewußtsein. Da zuckte Rasumichin zusammen. Ein fürchterliches Etwas trat zwischen sie ... Ein Gedanke, spürbar wie ein Hauch; ein schauerlicher gräßlicher Gedanke von beiden gedacht, von beiden verstanden ... Rasumichin wurde bleich wie ein Toter.

„Verstehst du jetzt?“ sagte Raskolnikoff plötzlich mit schmerzlich verzogenem Gesichte. „Kehre zurück, gehe zu ihnen,“ fügte er sofort hinzu, drehte sich schnell um und verließ das Haus.

Ich will nicht beschreiben, was an diesem Abend bei Pulcheria Alexandrowna geschah, wie Rasumichin zu ihnen zurückkehrte, wie er sie beruhigte, wie er schwur, daß man Rodja in seiner Krankheit Ruhe geben müsse, wie er schwur, daß Rodja unbedingt kommen würde, daß er jeden Tag herkommen würde, daß er sehr, sehr aufgeregt sei, daß man ihn nicht reizen dürfe; wie er, Rasumichin, auf ihn aufpassen werde, ihm einen guten Arzt, den besten, ein ganzes Konsilium verschaffen werde ... Mit einem Worte, Rasumichin wurde an diesem Abend ihr Sohn und Bruder. –

IV.

Raskolnikoff aber ging direkt zu dem Hause am Kanal, wo Ssonja wohnte. Es war ein dreistöckiges Haus, alt und grün angestrichen. Er suchte den Hausknecht auf und erhielt von ihm die ungefähre Auskunft, wo der Schneider Kapernaumoff wohne. Er fand in einer Ecke auf dem Hofe einen Eingang zu einer schmalen, dunklen Treppe, er stieg zum zweiten Stock hinauf und kam auf eine Galerie, die das Haus auf der Hofseite umgab. Während er in der Dunkelheit und voll Ungewißheit, wo der Eingang zu Kapernaumoff sein könne, herumirrte, öffnete sich plötzlich drei Schritte von ihm eine Türe; er griff mechanisch nach ihr.

„Wer ist da?“ fragte eine weibliche Stimme ängstlich.

„Ich bin es ... komme zu Ihnen,“ antwortete Raskolnikoff und trat in ein winziges Vorzimmer ein. Hier brannte auf einem durchgesessenen Stuhle ein Licht in einem kupfernen Leuchter.

„Sie sind es! Oh, Gott!“ rief Ssonja mit schwacher Stimme und blieb wie versteinert stehen.

„Wo geht es in Ihr Zimmer? Hier?“

Raskolnikoff suchte nicht ihren Blick und ging schnell in ihr Zimmer hinein.

Nach einer Minute kam auch Ssonja mit dem Lichte, stellte es hin und blieb vor ihm stehen, vollkommen verwirrt, in einer unbeschreiblichen Aufregung und sichtbar erschrocken durch seinen unerwarteten Besuch. Eine Röte stieg in ihr bleiches Gesicht, und Tränen traten in ihre Augen ... Es war ihr schwer zumute, sie schämte sich auch, und doch war es ihr lieb ... Raskolnikoff wandte sich schnell von ihr ab und setzte sich auf einen Stuhl neben dem Tisch. Er fand Zeit, einen flüchtigen Blick auf das Zimmer zu werfen.

Es war ein großes Zimmer, aber außerordentlich niedrig, das einzige Zimmer, das Kapernaumoffs vermieteten; in der Wand links war eine verschlossene Tür, die zu ihnen führte. Auf der entgegengesetzten Seite, rechts in der Wand, befand sich noch eine Tür, die immer verschlossen war. Hinter ihr war eine andere Wohnung unter einer anderen Nummer. Ssonjas Zimmer glich einer Scheune, hatte die Gestalt eines unregelmäßigen Vierecks, was ihm etwas Eigentümliches verlieh. Die eine Wand mit drei Fenstern, die auf den Kanal hinausgingen, durchschnitt das Zimmer etwas schief, wodurch die eine Ecke sehr spitz war und in der Tiefe verlief, so daß man bei schwacher Beleuchtung sie nicht gut überschauen konnte; die andere Ecke war wieder häßlich stumpf. In diesem ganzen Zimmer waren fast gar keine Möbel. In einer Ecke rechts war ein Bett, neben ihm näher zur Türe ein Stuhl. An derselben Wand, wo das Bett war, standen an der Türe gegen die fremde Wohnung ein einfacher Tisch, bedeckt mit einem blauen Tischtuche und daneben zwei geflochtene Stühle. An der entgegengesetzten Wand, in der Nähe der spitzen Ecke, befand sich eine kleine Kommode aus einfachem Holze, verloren wie in einer Wüste. Das war das ganze Mobiliar. Die gelblichen, abgerissenen und beschmutzten Tapeten waren an allen Ecken schwarz geworden; im Winter mußte es hier feucht und dunstig sein. Die Armut war offensichtlich; selbst am Bette waren keine Gardinen angebracht.

Ssonja blickte schweigend ihren Besucher an, der so aufmerksam und ungeniert ihr Zimmer betrachtete und begann vor Angst zu zittern, als stände sie vor einem Richter, der über ihr Schicksal entscheiden sollte.

„Ich komme spät ... Es ist wohl schon elf Uhr?“ fragte er sie und erhob noch immer nicht die Augen zu ihr.

„Ja,“ murmelte Ssonja. „Ach, ja, es ist soviel!“ beeilte sie sich zu sagen, als wäre es ein Ausweg, „soeben schlug bei dem Hauswirte die Uhr ... und ich habe die Schläge gezählt ... Es ist soviel.“

„Ich komme zum letztenmal zu Ihnen,“ fuhr Raskolnikoff düster fort, obwohl es doch zum erstenmal war, daß er hier war, „ich werde Sie vielleicht nicht mehr sehen ...“

„Reisen Sie ... fort?“

„Ich weiß es nicht ... alles hängt von morgen ab ...“

„Also, Sie werden morgen nicht bei Katerina Iwanowna sein?“ bebte Ssonjas Stimme.

„Ich weiß es nicht. Alles hängt von morgen früh ab ... Aber darum handelt es sich nicht, ich bin gekommen, Ihnen ein paar Worte zu sagen ...“

Er erhob seinen nachdenklichen Blick zu ihr auf und bemerkte jetzt erst, daß er saß, während sie noch immer vor ihm stand.

„Warum stehen Sie denn? Setzen Sie sich doch,“ sagte er mit veränderter Stimme leise und weich.

Sie setzte sich. Er blickte sie freundlich, fast mitleidig eine Minute an.

„Wie mager Sie sind! Sehen Sie nur Ihre Hand! Ganz durchsichtig. Diese Finger, wie bei einer Toten.“

Er nahm ihre Hand. Ssonja lächelte schwach.

„Ich war immer so,“ sagte sie.

„Auch, als Sie zu Hause lebten?“

„Ja.“

„Ach, selbstverständlich ja!“ sagte er abgerissen, und sein Gesichtsausdruck und der Ton seiner Stimme veränderten sich wieder.

Er blickte sich noch einmal um.

„Sie mieteten das Zimmer von Kapernaumoff?“

„Ja ...“

„Diese wohnen dort hinter der Türe?“

„Ja ... Sie haben auch ein solches Zimmer.“

„Sie leben alle in einem Zimmer?“

„Ja, in einem Zimmer.“

„Ich würde mich nachts in Ihrem Zimmer fürchten,“ bemerkte er düster.

„Die Wirtsleute sind sehr gut, sehr freundlich,“ antwortete Ssonja, die immer noch nicht zu sich gekommen schien und seine Bemerkung nicht verstanden hatte, „und alle Möbel und alles ... alles gehört den Wirtsleuten. Sie sind sehr gut, und die Kinder kommen auch oft zu mir ...“

„Die stotternden?“

„Ja ... Er stottert auch und ist dazu auch lahm. Und die Frau auch ... Das heißt, sie stottert nicht so sehr, sie spricht bloß nicht alles aus. Sie ist sehr gut. Er ist früher Leibeigener gewesen. Und sie haben sieben Kinder ... und bloß der Älteste stottert, die anderen sind nur immer krank ... stottern nicht ... Woher wissen Sie das aber?“ fügte sie ein wenig verwundert hinzu.

„Ihr Vater hat es mir damals erzählt. Er hat mir auch alles über Sie erzählt ... Auch davon, wie Sie um sechs Uhr fortgingen und um neun zurückkamen, auch, wie Katerina Iwanowna an Ihrem Bette auf den Knien gelegen hat.“

Ssonja wurde verlegen.

„Mir schien es, als hätte ich ihn heute gesehen,“ flüsterte sie unentschlossen.

„Wen?“

„Den Vater. Ich ging in die Straße dort, nebenan, an der Ecke in der zehnten Stunde, und er schien vor mir zu gehen, ganz, als wäre er es. Ich wollte eben zu Katerina Iwanowna hingehen ...“

„Waren Sie spazieren gegangen?“

„Ja,“ flüsterte Ssonja abgerissen, wurde wieder verlegen und senkte die Augen.

„Katerina Iwanowna hat Sie doch wohl geschlagen, als Sie beim Vater lebten?“

„Ach nein, wie kommen Sie darauf, nein, nein!“ Ssonja blickte ihn voll Schrecken an.

„Also, Sie lieben sie?“

„Sie? Warum denn nicht!“ sagte Ssonja klagend und faltete mit leidendem Ausdruck die Hände. „Ach! Sie ... Wenn Sie nur wüßten. Sie ist ja ganz wie ein Kind ... Ihr Verstand ist ja wie gestört ... vor lauter Kummer. Und wie sie klug war ... wie großmütig ... wie gut! Sie wissen nichts, nichts ... ach!“

Ssonja sagte dies wie in Verzweiflung, aufgeregt, darunter leidend und händeringend. Ihre bleichen Wangen erröteten wieder und in ihren Augen drückte sich eine tiefe Qual aus. Man sah, daß in ihr sehr vieles durch seine Worte wachgerufen worden war und daß sie gern etwas äußern und sagen und für Katerina Iwanowna eintreten wollte. Ein unerschöpfliches Mitleid, wenn man sich so ausdrücken darf, lag in ihrem Gesichte.

„Sie soll mich geschlagen haben! Ja, wie kommen Sie dazu! Oh, Gott, sie mich schlagen! Und wenn sie mich auch geschlagen hätte, was wäre dabei! Was wäre dabei! Sie wissen nichts, gar nichts ... Sie ist so unglücklich, ach, wie unglücklich sie ist! Und sie ist krank ... Sie sucht Gerechtigkeit ... Sie ist rein. Sie glaubt so daran, daß in allem Gerechtigkeit sein müsse und verlangt sie ... Und Sie können sie quälen, sie wird nichts Ungerechtes tun. Sie merkt selbst nicht, wie unmöglich es ist, daß es unter den Menschen gerecht zugehe und ist reizbar ... Sie ist wie ein Kind, wie ein Kind! Sie ist gerecht, gerecht!“

„Und was wird mit Ihnen geschehen?“

Ssonja blickte ihn fragend an.

„Die Last ist doch auf Ihren Schultern geblieben. Es ist wahr, auch früher lag alles auf Ihren Schultern, und der Verstorbene kam auch zu Ihnen mit seinen Bitten, um zu einem Gläschen zu kommen. Aber was wird jetzt werden?“

„Ich weiß es nicht,“ erwiderte Ssonja traurig.

„Werden sie dort bleiben?“

„Ich weiß nicht, sie sind der Wirtin die Wohnung schuldig; und die Wirtin hat heute gesagt, ich hörte es, daß sie ihr kündigen will; Katerina Iwanowna jedoch sagte schon, daß sie auch selbst keinen Augenblick länger dort bleiben will.“

„Aus welchem Grunde ist sie denn so tapfer? Hofft sie auf Sie?“

„Ach, nein, sagen Sie nicht so etwas ... Wir leben zusammen, gehören zueinander,“ Ssonja wurde wieder erregt und selbst gereizt, genau wie wenn ein Kanarienvogel oder ein anderer kleiner Vogel böse wird. „Ja, was soll sie denn tun? Was denn, was soll sie tun?“ fragte sie, sich ereifernd und erregt. „Und wie, wie lange sie heute geweint hat! Ihr Verstand ist gestört, haben Sie es nicht gemerkt? Er ist gestört; bald regt sie sich wie ein Kind darüber auf, ob morgen auch alles anständig sei, die Speisen und alles da sei ... bald ringt sie die Hände, speit Blut, weint und schlägt die Stirne gegen die Wand aus lauter Verzweiflung. Dann wird sie wieder ruhiger, hofft auf Sie, – sagt, daß Sie ihr ein Helfer sein werden und daß sie bei irgend jemand Geld leihen und nach ihrer Heimatsstadt mit mir reisen wird; sie will dort eine Pension für junge Mädchen aus guter Familie errichten, mich als Aufseherin anstellen, und ein ganz neues, schönes Leben soll für uns beginnen; sie küßt mich, umarmt und tröstet mich und glaubt fest an die Ausführung ihres Planes. Sie glaubt so stark an diese Träume. Kann man ihr denn da widersprechen? Und sie wusch, säuberte und besserte heute den ganzen Tag alles aus; hat selbst mit ihren schwachen Kräften eine Wanne ins Zimmer hereingeschleppt, geriet dabei außer Atem und fiel auf das Bett hin. Wir sind heute am frühen Morgen mit ihr in den Läden gewesen, um Poletschka und Lene Stiefel zu kaufen, denn die ihrigen sind ganz zerrissen, da reichte das Geld nach der Berechnung nicht aus, es fehlte noch sehr viel. Und sie hat so hübsche Stiefelchen ausgesucht, denn sie hat Geschmack, Sie glauben nicht ... Sie fing dort selbst in dem Laden, in Gegenwart der Verkäufer, zu weinen an, da das Geld nicht ausreichte ... Ach, wie leid es einem tat, sie zu sehen.“

„Dann ist es begreiflich, daß Sie ... so leben,“ sagte Raskolnikoff mit bitterem Lächeln.

„Und tut es Ihnen denn nicht auch leid? Nicht auch weh?“ fuhr Ssonja wieder fort. „Ich weiß doch, Sie haben selbst Ihr letztes abgegeben, ohne je wieder etwas davon zu sehen. Und wenn Sie erst alles wüßten, oh, Gott! Und wie oft, wie oft habe ich sie zu Tränen gereizt! In der vorigen Woche noch! Ach, ich ... Genau eine Woche vor seinem Tode. Ich habe grausam gehandelt! Und wie oft, wie oft war ich es! Ach, wie es weh tut, ich wurde heute den ganzen Tag daran erinnert!“

Ssonja rang in schmerzlicher Erinnerung die Hände, während sie sprach.

„Sie wollen grausam sein?“

„Ja, ich, ich bin es! Ich kam damals hin,“ fuhr sie weinend fort, „als der Verstorbene zu mir sagte, ‚lies mir vor, Ssonja,‘ sagte er, ‚mein Kopf tut mir etwas weh, lies mir vor ... hier ist ein Buch‘, er hatte irgendein Buch von Andrei Ssemenowitsch Lebesjätnikoff erhalten; er wohnt auch dort und hat immer solche spaßige Bücher. Und ich sagte, ‚ich muß gehen‘, wollte ihm also nicht vorlesen. Ich war hauptsächlich zu ihnen gekommen, um Katerina Iwanowna die Kragen zu zeigen, hübsche, neue und ausgewählte Kragen und Manschetten, die mir Lisaweta, eine Händlerin, billig besorgt hatte. Und Katerina Iwanowna gefielen sie sehr, sie legte einen Kragen um, besah sich im Spiegel, und sie gefielen ihr sehr. ‚Schenk sie mir, Ssonja,‘ sagte sie, ‚bitte schenk sie mir.‘ Sie hatte bitte gesagt, und sie wollte sie so gern haben. Wann soll sie aber die Kragen umlegen? Sie dachte nur an die frühere, glücklichere Zeit. Sie sah sich im Spiegel, betrachtete sich mit Wohlgefallen und hat doch keine passenden Kleider, gar keine Sachen dazu, – wer weiß, wie viele Jahre schon! Und niemals wird sie etwas von jemand erbitten, – sie ist stolz und gibt eher das letzte fort, nun aber hatte sie mich gebeten, – so hatten ihr die Kragen gefallen! Mir aber tat es leid sie wegzugeben. ‚Wozu brauchen Sie sie, Katerina Iwanowna‘, sagte ich, so direkt: wozu? Das hätte ich ihr nicht sagen dürfen. Sie blickte mich schmerzlich an und wurde sehr traurig, daß ich sie ihr abgeschlagen hatte, und es war so traurig anzusehen ... Nicht der Kragen wegen, sondern weil ich es ihr abgeschlagen habe, ich hatte doch ... Ihnen ist dies doch gleichgültig!“

„Haben Sie diese Händlerin Lisaweta gekannt?“

„Ja ... Sie auch?“ fragte Ssonja ihn mit einigem Erstaunen.

„Katerina Iwanowna hat die Schwindsucht im höchsten Grade, sie wird bald sterben,“ sagte Raskolnikoff nach einigem Schweigen, ohne auf ihre Frage zu antworten.

„Ach nein, nein, nein!“ Und Ssonja ergriff unbewußt seine beiden Hände, als ob es an ihm läge, dies zu verhindern und als könnte sie das von ihm erflehen.

„Es ist doch besser, wenn sie stirbt!“

„Nein, es ist nicht, es ist gar nicht besser!“ wiederholte sie erschrocken und ohne Überlegung.

„Und was wird aus den Kindern? Sie werden sie sicher zu sich nehmen?“

„Ach, ich weiß es nicht!“ rief Ssonja fast in Verzweiflung aus und faßte sich an den Kopf.

Man merkte, daß dieser Gedanke schon viele Male ihr aufgetaucht war und daß sie ihn immer wieder abgewiesen hatte.

„Und wenn Sie noch bei Katerina Iwanownas Lebzeiten krank werden und man Sie ins Krankenhaus schafft, was dann?“ drang er erbarmungslos weiter in sie.

„Ach, wie ist es möglich! Das kann doch nicht sein!“ und Ssonjas Gesicht verzog sich in furchtbarem Schrecken.

„Wieso kann es nicht sein?“ fuhr Raskolnikoff mit einem harten Lächeln fort. „Sie sind doch nicht davor geschützt? Was wird dann mit jenen geschehen? Sie werden auf die Straße alle zusammen gehen, Katerina Iwanowna wird husten und betteln und mit der Stirn an die Wand schlagen, wie heute, und die Kinder werden weinen ... Dann wird sie hinfallen, man bringt sie zur Wache, nachher ins Krankenhaus, nachher wird sie sterben, und was wird aus den Kindern ...“

„Ach nein! ... Gott wird es nicht zulassen!“ entrang es sich der zusammengeschnürten Brust Ssonjas.

Sie hörte ihm ängstlich zu, blickte ihn flehend an und faltete in stummer Bitte die Hände, als hinge alles von ihm ab. Raskolnikoff stand auf und begann im Zimmer auf- und abzugehen. Es vergingen Minuten. Ssonja stand mit gesenktem Kopfe und herabhängenden Händen da in unsäglichem Leid.

„Kann man nicht sparen? Einen Notgroschen sammeln?“ fragte er und blieb vor ihr stehen.

„Nein,“ flüsterte Ssonja.

„Versteht sich, nein! Haben Sie es aber auch schon versucht?“ fragte er spöttisch.

„Ich habe es versucht.“

„Und es gelang nicht! Nun, das ist ja selbstverständlich! Was ist da noch zu fragen!“

Und er wanderte wieder im Zimmer auf und nieder. Es verstrich wieder eine Weile.

„Sie erhalten nicht jeden Tag Geld?“

Ssonja wurde noch mehr betreten, und wieder stieg ihr das Blut ins Gesicht.

„Nein,“ flüsterte sie mit qualvoller Anstrengung.

„Mit Poletschka wird sicher dasselbe geschehen,“ sagte er plötzlich.

„Nein, nein! Das darf nicht sein, unmöglich!“ rief sie laut, vollkommen verzweifelt, als hätte man ihr einen Stich ins Herz gegeben. „Gott, Gott wird so was Schreckliches nicht zulassen! ...“

„Bei Ihnen läßt er es doch zu.“

„Nein, nein! Gott wird sie schützen! ...“ wiederholte sie ganz außer sich.

„Ja, vielleicht gibt es gar keinen Gott,“ antwortete Raskolnikoff mit einem Anflug von Schadenfreude, lachte und blickte sie an. Ssonjas Gesicht verzerrte sich krampfhaft. Mit einem unbeschreiblichen Vorwurf schaute sie ihn an, wollte etwas sagen, konnte aber nichts herausbringen, bedeckte das Gesicht mit den Händen und weinte dann bitterlich.

„Sie sagen, Katerina Iwanownas Verstand sei gestört. Ihr eigener ist auch gestört,“ sagte er nach einigem Schweigen.

Es vergingen wieder etwa fünf Minuten, während er schweigend auf und ab ging, ohne sie anzublicken. Endlich trat er an sie heran; seine Augen funkelten. Er packte sie mit beiden Händen an den Schultern und sah in ihr weinendes Gesicht. Seine Augen hatten einen heißen, trockenen, durchdringenden Blick, und seine Lippen bebten vor Erregung ... Plötzlich beugte er sich nieder, warf sich auf den Boden und küßte ihren Fuß. Ssonja fuhr entsetzt vor ihm zurück, wie vor einem Irrsinnigen. Er sah wirklich ganz wie ein Irrsinniger aus.

„Was ist mit Ihnen, was tun Sie? Vor mir!“ murmelte sie erbleichend, und ihr Herz krampfte sich schmerzhaft zusammen.

Er stand sofort auf.

„Ich habe mich nicht vor dir verneigt, sondern vor dem ganzen menschlichen Leiden,“ sagte er mit eigentümlichem Ton und ging zum Fenster hin. „Höre,“ setzte er hinzu, als er nach einem Augenblick zu ihr zurückkam, „ich habe vorhin zu einem bösen Menschen gesagt, daß er deinen kleinen Finger nicht wert sei ... und daß ich meiner Schwester heute eine Ehre erwiesen habe, indem ich sie neben dich hingesetzt habe ...“

„Ach, was haben Sie gesagt! Und in ihrer Gegenwart?“ rief Ssonja erschrocken aus. „Neben mir zu sitzen! Eine Ehre! Ja, ich bin doch ... ehrlos ... Ach, warum haben Sie das gesagt?“

„Nicht wegen deiner Ehrlosigkeit und Sünde habe ich es von dir gesagt, sondern wegen deines großen Leides. Daß du eine große Sünderin bist, ist wahr,“ fügte er fast entzückt hinzu, „und am meisten bist du dadurch eine Sünderin, weil du dich umsonst getötet und verkauft hast. Ist das nicht entsetzlich! Ist es nicht entsetzlich, daß du in diesem Schmutze lebst, den du so haßt und gleichzeitig es selbst weißt, – man braucht dir nur die Augen zu öffnen – daß du niemandem damit hilfst und niemanden dadurch rettest! Ja, sage mir doch endlich,“ fuhr er fast in Wut fort, „wie kannst du solche Schande und solche Gemeinheit mit deinen anderen besten und heiligsten Gefühlen in dir vereinigen? Es wäre doch gerechter, tausendmal gerechter und vernünftiger, sich mit dem Kopfe voran ins Wasser zu stürzen und allem ein Ende zu machen!“

„Und was wird mit ihnen allen geschehen?“ fragte Ssonja mit schwacher Stimme, blickte ihn leidend an, zeigte aber über seinen Vorschlag gar kein Erstaunen. Raskolnikoff blickte sie eigentümlich an.

Er hatte alles in ihrem Blicke gelesen. Auch sie hatte tatsächlich schon selbst diesen Gedanken gehabt. Vielleicht hatte sie sich in der Verzweiflung oft und ernstlich überlegt, dem Leben schneller ein Ende zu machen, so daß sie jetzt gar nicht über seinen Vorschlag erstaunt war. Sie hatte selbst die Härte seiner Worte nicht empfunden, auch den Sinn seiner Vorwürfe und seine besondere Ansicht über ihre Schande hatte sie nicht erfaßt, das konnte er sehen. Er aber begriff vollkommen, wie grauenhaft und schmerzlich sie schon seit langem der Gedanke an ihre ehrlose und schmachvolle Lage gequält hatte. Was aber war es, was konnte es sein, – dachte er, – das ihren Entschluß, mit einem Schlage allem ein Ende zu machen, aufhielt? Jetzt erst verstand er völlig, was für sie diese armen, kleinen verwaisten Kinder und diese beklagenswerte halbverrückte Katerina Iwanowna mit ihrer Schwindsucht und mit ihrer Verzweiflung bedeuteten.

Aber ebenso klar war es ihm, daß Ssonja mit ihrem Charakter und ihrer Bildung, die sie doch immerhin genossen hatte, in keinem Falle weiter in dieser Lage aushalten konnte. Und dennoch blieb die Frage offen, – wie hatte sie so lange, zu lange schon, in dieser Lage aushalten können, ohne den Verstand zu verlieren, wenn sie nicht die Kraft besaß, sich ins Wasser zu stürzen? Gewiß, er begriff, daß Ssonjas Lage eine häufige Erscheinung in der Gesellschaft war, und unglücklicherweise bei weitem keine einzelne Ausnahme. Aber dieser Umstand selbst, ihre Bildung und ihr ganzes vorheriges Leben hätten sie doch sofort beim ersten Schritt auf diesem widerwärtigen Wege töten müssen. Was hielt sie denn? Doch nicht die Unzucht? Diese ganze Schande hatte sie offenbar nur mechanisch berührt; die echte Unzucht war noch mit keinem Tropfen in ihr Herz gedrungen; er sah es; sie stand völlig rein vor ihm da ...

„Sie hat drei Wege,“ dachte er, „entweder sich in den Kanal zu stürzen, ins Irrenhaus zu kommen oder ... oder sich schließlich wirklich dem Laster zu ergeben, das den Verstand betäubt und das Herz versteinert“.

Der letzte Gedanke war ihm am widerwärtigsten; aber er war schon zu sehr Skeptiker, er war jung, abstrakt und somit grausam, darum mußte er auch glauben, daß der letzte Ausweg, das heißt das Laster, am allerwahrscheinlichsten sei.

„Aber ist es denn möglich,“ rief er innerlich aus, „soll sich auch dieses Wesen, das sich noch die Reinheit des Herzens bewahrt hat, bewußt in diesen abscheulichen stinkenden Schlamm hinabziehen lassen? Hat diese Erniedrigung schon begonnen und konnte sie etwa dieses Leben schon aus diesem Grunde leben, weil das Laster ihr nicht mehr widerwärtig erschien? Nein, nein, es kann nicht sein!“ rief er bei sich aus, wie vorhin Ssonja laut gerufen, „nein, vom Wasser hielt sie bis jetzt der Gedanke an die Sünde zurück und an jene ... Wenn sie aber bis jetzt den Verstand nicht verloren hat ... aber wer sagt es denn, daß sie den Verstand noch nicht verloren hat? Ist sie denn bei gesundem Verstande? Kann man denn so reden, wie sie es tut? Kann man denn bei gesundem Verstande so urteilen, wie sie es tut? Kann man denn so über dem Abgrunde, über dem stinkenden Schlamm sitzen und in der Gefahr, jeden Augenblick hineingezogen zu werden, trotzdem mit den Händen sich gegen die Mahnungen wehren und sich die Ohren zuhalten? Was, erwartet sie etwa ein Wunder? Sicher, so ist es. Sind dies nicht Anzeichen von Geistesstörung?“

Er blieb hartnäckig bei diesem Gedanken stehen. Dieser Ausweg gefiel ihm sogar besser, als jeder andere. Er begann sie aufmerksamer zu betrachten.

„Also du betest sehr oft zu Gott, Ssonja?“ fragte er sie.

Ssonja schwieg, er stand neben ihr und wartete auf die Antwort.

„Was wäre ich denn ohne Gott?“ flüsterte sie schnell und energisch, indem sie ihn flüchtig mit funkelnden Augen anblickte und seine Hand stark drückte.

„Ja, es ist so, wie ich gedacht!“ sagte er zu sich.

„Und was tut Gott dir dafür?“ fragte er sie weiter ausforschend.

Ssonja schwieg lange, als könnte sie nicht antworten. Ihre schwache Brust hob und senkte sich in heftiger Aufregung.

„Schweigen Sie! Fragen Sie nicht! Sie sind es nicht wert ...“ rief sie plötzlich und sah ihn streng und zornig an.

„Es ist so! Es ist so!“ wiederholte er hartnäckig vor sich hin.

„Alles tut er!“ flüsterte sie schnell und schlug wieder die Augen nieder.

„Das ist ihr Ausweg! Das ist die Lösung!“ entschied er bei sich und betrachtete sie mit gesteigertem Interesse.

Mit einem neuen, eigentümlichen, fast krankhaften Gefühle schaute er in dieses bleiche magere und regelmäßig eckige Gesichtchen, diese sanften blauen Augen, die mit so einem Feuer, mit so einem strengen energischen Blick leuchten konnten, diesen kleinen Körper, der vor Empörung und Zorn noch bebte, und dies alles erschien ihm noch merkwürdiger und unfaßlicher.

„Sie ist närrisch! Sie hat den religiösen Wahnsinn!“ wiederholte er für sich.

Auf der Kommode lag ein Buch. Jedesmal, wenn er auf und ab ging, hatte er es bemerkt; jetzt nahm er es und sah es sich an. Es war das Neue Testament in russischer Übersetzung. Das Buch, in Leder gebunden, war alt und viel gebraucht.

„Woher hast du es?“ rief er. Sie stand immer noch auf derselben Stelle, drei Schritte vom Tische entfernt.

„Man hat es mir gebracht,“ antwortete sie unwillig und ohne ihn anzublicken.

„Wer hat es dir gebracht?“

„Lisaweta hat es gebracht, ich habe sie darum gebeten.“

„Lisaweta! Wie seltsam!“ dachte er.

Alles erschien ihm bei Ssonja mit jeder Minute merkwürdiger, wunderlicher. Er holte das Buch zum Lichte und begann darin zu blättern.

„Wo steht hier die Geschichte vom armen Lazarus?“ fragte er.

Ssonja blickte unverwandt zu Boden und antwortete nicht. Sie stand ein wenig abgewandt vom Tische.

„Von der Auferstehung des Lazarus, wo ist es? Suche es mir, Ssonja.“

Sie sah ihn mit einem Seitenblick an.

„Nicht dort ... im vierten Evangelium steht es ...“ flüsterte sie streng, ohne sich ihm zu nähern.

„Suche es und lies es mir vor,“ sagte er, setzte sich, stützte die Ellbogen auf den Tisch, den Kopf in die Hand legend, blickte düster zur Seite und bereitete sich vor zuzuhören.

„Nach drei Wochen ist sie im städtischen Irrenhause! Ich werde vielleicht selbst auch dort sein, wenn es nicht noch schlimmer enden wird,“ murmelte er vor sich hin.

Ssonja trat unschlüssig an den Tisch, nachdem sie das sonderbare Verlangen Raskolnikoffs mißtrauisch gehört hatte. Sie nahm das Buch.

„Haben Sie es denn nicht gelesen?“ fragte sie und blickte ihn unter der Stirn hervor an. Ihre Stimme wurde immer ernster und ernster.

„Vor langer Zeit ... Als ich noch zur Schule ging. Lies!“

„Und haben Sie es nicht in der Kirche gehört?“

„Ich ... bin nie in der Kirche gewesen. Gehst du oft hin?“

„N–nein,“ flüsterte Ssonja.

Raskolnikoff lächelte.

„Ich verstehe ... Du wirst wohl morgen auch nicht zur Beerdigung des Vaters hineingehen?“

„Ich werde hingehen. Ich war auch in der vorigen Woche in der Kirche ... habe eine Totenmesse halten lassen.“

„Für wen?“

„Für Lisaweta. Man hat sie mit einem Beile erschlagen.“

Seine Nerven wurden immer reizbarer. Der Kopf begann ihm zu schwindeln.

„Warst du mit Lisaweta befreundet?“

„Ja ... Sie war gerecht ... sie kam ... selten ... sie konnte nicht. Wir lasen zusammen und ... sprachen. Sie wird Gott schauen!“

Eigentümlich klangen für ihn diese Worte aus der Bibel und wieder erfuhr er eine Neuigkeit, – sie hatte mit Lisaweta geheimnisvolle Zusammenkünfte gehabt und beide waren religiös wahnsinnig.

„Man kann hier selbst geisteskrank werden! Es steckt an!“ dachte er.

„Lies!“ rief er plötzlich hartnäckig und gereizt.

Ssonja war noch immer unentschlossen. Ihr Herz klopfte. Sie wagte nicht ihm vorzulesen. Er sah mit Qual die „unglückliche Geisteskranke“ an.

„Wozu denn? Sie glauben doch nicht daran? ...“ flüsterte sie leise und mit stockendem Atem.

„Lies! Ich will es haben!“ bestand er. „Du hast doch auch Lisaweta vorgelesen.“

Ssonja schlug das Buch auf und suchte die Stelle. Ihre Hände zitterten, die Stimme versagte. Zweimal begann sie und konnte über das erste Wort nicht hinwegkommen.

„Es lag aber einer krank mit Namen Lazarus, von Bethanien ...“ sagte sie endlich mit Anstrengung, aber bei dem dritten Worte zitterte plötzlich ihre Stimme und brach ab, wie eine zu straff gespannte Saite. Der Atem versagte ihr und die Brust schnürte sich zusammen.

Raskolnikoff begriff zum Teil, warum Ssonja sich nicht entschließen konnte, ihm vorzulesen, und je mehr er es begriff, um so entschiedener und gereizter bestand er darauf. Er verstand zu gut, wie schwer es ihr jetzt fiel, alles eigene preiszugeben und zu enthüllen. Er hatte begriffen, daß diese Gefühle tatsächlich ihr wahres und vielleicht seit langer Zeit gehegtes Geheimnis bildeten, vielleicht schon seit der Jugendzeit, schon in der Familie, neben dem unglücklichen Vater und der vor Kummer wahnsinnig gewordenen Stiefmutter, mitten unter den hungrigen Kindern, ihrem häßlichen Geschrei und den fortwährenden Vorwürfen. Aber gleichzeitig erkannte er, und zwar mit Sicherheit, daß sie trotz ihres Grams und ihrer Furcht, in dem sie jetzt vorzulesen begann, doch gern, sehr gern es tat und zwar vor ihm, damit er es höre und unbedingt jetzt – mochte kommen, was da wolle! ... Er hatte das in ihren Augen gelesen und es aus ihrer verzückten Erregung entnommen! ... Sie überwand sich, unterdrückte den Krampf im Halse, der ihr die Stimme am Anfange benommen hatte, und fuhr fort, aus dem elften Kapitel des Evangeliums St. Johannis vorzulesen. So kam sie bis zum 19. Vers: „Und viele Juden waren zu Martha und Maria gekommen, sie zu trösten über ihren Bruder. Als Martha nun hörete, daß Jesus kommt, gehet sie ihm entgegen; Maria aber blieb daheim sitzen. Da sprach Martha zu Jesu: Herr, wärest du hiergewesen, mein Bruder wäre nicht gestorben; aber ich weiß auch noch, daß, was du bittest von Gott, das wird dir Gott geben.“

Hier blieb sie wieder stehn, in schamhafter Vorahnung, daß ihre Stimme zittern und versagen würde ... „Jesus spricht zu ihr: Dein Bruder soll auferstehen. Martha spricht zu ihm: Ich weiß wohl, daß er auferstehen wird in der Auferstehung am jüngsten Tage. Jesus spricht zu ihr: Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, ob er gleich stürbe. Und wer da lebet und glaubet an mich, der wird nimmermehr sterben. Glaubst du das? Sie spricht zu ihm: (und wie mit Schmerz atemholend, las Ssonja deutlich und voller Kraft, als lege sie selbst öffentlich ein Glaubensbekenntnis ab):

‚Herr, ja, ich glaube, daß du bist Christus, der Sohn Gottes, der in die Welt gekommen ist.‘“

Sie hielt einen Moment inne, erhob schnell zu ihm die Augen, überwand sich aber rasch und las weiter. Raskolnikoff saß und hörte unbeweglich zu, ohne sich umzuwenden, den Ellbogen auf den Tisch gestützt und zur Seite blickend. Sie las bis zum 32. Vers:

„Als nun Maria kam, da Jesus war, und sahe ihn, fiel sie zu seinen Füßen und sprach zu ihm: Herr, wärest du hier gewesen, mein Bruder wäre nicht gestorben. Als Jesus sie sahe weinen und die Juden auch weinen, die mit ihr kamen, ergrimmte er im Geist und betrübte sich selbst. Und sprach: Wo habt ihr ihn hingelegt? Sie sprachen zu ihm: Herr, komm und siehe es. Und Jesu gingen die Augen über. Da sprachen die Juden: Siehe, wie hat er ihn so lieb gehabt! Etliche aber unter ihnen sprachen: Konnte, der dem Blinden die Augen aufgetan hat, nicht verschaffen, daß auch dieser nicht stürbe?“

Raskolnikoff wandte sich zu ihr um und sah sie mit Erregung an, – ja, es ist so! Sie zitterte am ganzen Körper in wahrem, wirklichem Fieber. Er hatte es erwartet. Sie näherte sich den Worten über das größte und unerhörte Wunder, und das Gefühl eines großen Triumphes erfaßte sie. Ihre Stimme wurde klingend wie Metall; Triumph und Freude klangen darin und stärkten sie. Die Zeilen verwischten sich, weil es vor ihren Augen dunkel wurde, aber sie kannte auswendig, was sie las. Bei dem letzten Vers: „Konnte, der dem Blinden die Augen aufgetan hat ...“ ließ sie die Stimme sinken und gab heiß und leidenschaftlich den Zweifel, den Vorwurf und Tadel der ungläubigen, blinden Juden wieder, die gleich darauf, nach einer Minute, wie vom Donner getroffen, niederfallen, schluchzen und glauben werden ... „Auch er, er – ebenfalls verblendet und ungläubig, wird es gleich hören, auch er wird glauben, ja, ja, gleich, jetzt gleich,“ durchzuckte es sie und sie bebte in freudiger Erwartung.

„Jesus aber ergrimmete abermals in ihm selbst und kam zum Grabe. Es war aber eine Kluft und ein Stein daraufgelegt. Jesus sprach: Hebet den Stein ab. Spricht zu ihm Martha, die Schwester des Verstorbenen: Herr, er stinket schon; denn er ist vier Tage gelegen.“

Sie betonte energisch das Wort – vier.

„Jesus spricht zu ihr: Habe ich dir nicht gesagt, so du glauben würdest, du solltest die Herrlichkeit Gottes sehen? Da hoben sie den Stein ab, da der Verstorbene lag. Jesus aber hob seine Augen empor und sprach: Vater, ich danke dir, daß du mich erhöret hast; doch ich weiß, daß du mich allezeit erhörest; sondern um des Volkes Willen, das umher stehet, sage ich es, daß sie glauben, du habest mich gesandt. Da er das gesagt hatte, rief er mit lauter Stimme: Lazare, komme heraus! Und der Verstorbene kam heraus ...“ (Laut und verzückt las sie es, zitternd und fröstelnd, als sähe sie es mit eigenen Augen.)

„Gebunden mit Grabtüchern an Füßen und Händen und sein Angesicht verhüllet mit einem Schweißtuch. Jesus spricht zu ihnen: Löset ihn auf und laßt ihn gehen.“

Viele nun der Juden, die zu Maria gekommen waren und sahen, was Jesus tat, glaubten an ihn.

Weiter las sie nicht und konnte auch nicht lesen, sie schloß das Buch und stand schnell vom Stuhle auf. „Das ist alles über die Auferstehung des Lazarus,“ flüsterte sie abgerissen und streng und blieb unbeweglich, zur Seite gekehrt, stehen, ohne zu wagen und als schäme sie sich, die Augen zu ihm zu erheben. Ihr fieberhaftes Frösteln dauerte noch an. Der Lichtstumpf begann in dem schiefen Leuchter auszugehen und beleuchtete trübe in diesem armseligen Zimmer den Mörder und die Dirne, die so sonderbar beim Lesen des ewigen Buches zusammengekommen waren. Es vergingen fünf Minuten oder noch mehr.

„Ich bin gekommen, um über eine Angelegenheit mit dir zu sprechen,“ sagte Raskolnikoff plötzlich laut und mit düsterem Gesichte, stand auf und trat an Ssonja heran. Sie erhob schweigend die Augen zu ihm. Sein Blick war besonders streng und drückte eine wilde Entschlossenheit aus.

„Ich habe heute meine Verwandten verlassen,“ sagte er, „meine Mutter und Schwester. Ich werde nicht mehr zu ihnen gehen. Ich habe mit allem dort gebrochen.“

„Warum?“ fragte ihn Ssonja bestürzt. Ihre Begegnung mit seiner Mutter und Schwester hatte in ihr einen ungewöhnlichen, wenn auch ihr selbst nicht klaren Eindruck hinterlassen. Die Mitteilung von seinem Bruche mit ihnen hörte sie fast mit Entsetzen.

„Ich habe jetzt dich allein,“ fügte er hinzu. „Gehen wir zusammen ... Ich bin zu dir gekommen. Wir sind beide verflucht und so wollen wir auch beide zusammengehen!“

Seine Augen leuchteten. „Wie ein Wahnsinniger!“ dachte Ssonja.

„Wohin sollen wir gehen?“ fragte sie voll Angst und trat unwillkürlich einen Schritt zurück.

„Woher soll ich es wissen? Ich weiß nur eins, daß wir einen und denselben Weg haben, das weiß ich sicher, – und weiter nichts. Ein und dasselbe Ziel.“

Sie blickte ihn an und verstand nichts. Sie begriff nur eins, daß er furchtbar, grenzenlos unglücklich sei.

„Niemand von ihnen wird etwas verstehn, wenn du zu ihnen sprechen wirst,“ fuhr er fort, „ich aber habe dich verstanden. Ich brauche dich, darum bin ich auch zu dir gekommen.“

„Ich begreife nicht ...“ flüsterte Ssonja.

„Du wirst später begreifen. Hast du denn nicht ebenso gehandelt. Auch du bist hinüber geschritten ... du hast es vermocht. Du hast Hand an dich gelegt, du hast ein Leben zugrunde gerichtet ... dein Leben, das ist einerlei! Du hättest im Geist und in der Vernunft leben können und wirst auf dem Heumarkte enden ... Auch du kannst es nicht aushalten, und wenn du allein bleibst, wirst du den Verstand verlieren, wie ich auch. Du bist schon jetzt wie geistesgestört; also müssen wir zusammengehen, ein und denselben Weg! Gehen wir ihn also!“

„Warum? Warum sagen Sie das?“ sagte Ssonja eigentümlich berührt und tief erregt durch seine Worte.

„Warum? Weil es so nicht bleiben darf – das ist der Grund! Man muß doch endlich ernst und offen es bedenken, und nicht wie ein Kind weinen und ausrufen, daß Gott es nicht zulassen wird! Nun, was wird geschehen, wenn man dich morgen tatsächlich ins Krankenhaus schleppt? Die da ist nicht bei Verstand und hat Schwindsucht, wird bald sterben und was soll aus den Kindern werden? Wird denn Poletschka nicht auch zugrunde gehen? Hast du denn nicht hier Kinder an allen Ecken gesehen, die ihre Mütter betteln schicken? Ich habe mich erkundigt, wo diese Mütter leben und in welcher Umgebung. Dort können die Kinder nicht Kinder bleiben. Dort ist ein siebenjähriger lasterhaft und ein Dieb. Und die Kinder sind doch Ebenbilder Christi. ‚Ihrer ist das Himmelreich.‘ Er hat geboten, sie zu achten und zu lieben, sie sind das künftige Menschengeschlecht ...“

„Was soll, was soll ich denn tun?“ wiederholte Ssonja nervös weinend und händeringend.

„Was tun? Ein für allemal das, was nötig ist, abbrechen und weiter nichts, – und das Leiden auf sich nehmen! Was? Du verstehst es nicht? Du wirst es nachher verstehen ... Freiheit und Macht, hauptsächlich Macht! Über alle zitternde Kreaturen und über den ganzen Ameisenhaufen! ... Das ist das Ziel! Denk daran! Das ist mein Geleitwort dir auf den Weg! Vielleicht spreche ich mit dir zum letzten Male. Wenn ich morgen nicht zu dir komme, wirst du selbst von allem hören, und dann erinnere dich meiner jetzigen Worte. Und irgendwann, nachher, nach Jahren, mit der Zeit, wirst du auch vielleicht verstehn, was sie bedeuteten. Wenn ich aber morgen zu dir komme, will ich dir sagen, wer Lisaweta ermordet hat. Leb wohl!“

Ssonja fuhr vor Schreck zusammen.

„Ja, wissen Sie denn, wer sie ermordet hat?“ fragte sie und erstarrte vor Entsetzen und blickte ihn wild an.

„Ich weiß es und will es sagen ... Dir, nur dir allein! Ich habe dich gewählt. Ich werde nicht kommen zu dir, um Verzeihung zu bitten, ich will es bloß sagen. Ich habe dich seit langem gewählt, um es dir zu sagen, damals noch, als dein Vater über dich erzählte, und ich dachte daran, als Lisaweta noch lebte. Leb wohl. Gib mir nicht die Hand. Morgen!“

Er ging hinaus. Ssonja sah ihm wie einem Geistesgestörten nach; aber auch sie selbst war wie verrückt und fühlte es. Der Kopf schwindelte ihr.

„Mein Gott, wie weiß er es, wer Lisaweta ermordet hat? Was bedeuteten diese Worte? Es ist furchtbar!“

Aber ein Gedanke kam ihr nicht in den Sinn. Durchaus nicht! ...

„Oh, er muß furchtbar unglücklich sein! ... Er hat Mutter und Schwester verlassen. Warum? Was ist vorgefallen? Und was für Absichten hat er? Was hat er zu ihr gesagt? Er hat ihren Fuß geküßt und gesagt ... gesagt ... ja, er hat es deutlich gesagt, daß er ohne sie nicht mehr leben kann ... Oh, Gott!“

Ssonja verbrachte in Fieber und Träumen die ganze Nacht. Sie sprang zuweilen auf, weinte, rang die Hände und bald verfiel sie wieder in Fieberträume und sie träumte von Poletschka, Katerina Iwanowna, Lisaweta, von Vorlesen aus dem Evangelium und von ihm ... ihm mit dem bleichen Gesicht, mit den funkelnden Augen ... Er küßt ihr die Füße, weinte ... Oh, Gott!

Hinter der Türe rechts, hinter derselben Türe, die das Zimmer Ssonjas von der Wohnung von Gertrude Karlowna Rößlich abteilte, war ein Durchgangszimmer, seit langem unbewohnt, das zu der Wohnung der Frau Rößlich gehörte und das zu vermieten war, worauf die Zettel an dem Tore und an den Scheiben der Fenster, die zum Kanal hinausgingen, hinwiesen. Ssonja war seit langem gewöhnt, dieses Zimmer als unbewohnt zu betrachten. Indessen aber hatte in dem leeren Zimmer die ganze Zeit an der Türe Herr Sswidrigailoff gestanden und heimlich gelauscht. Als Raskolnikoff fortgegangen war, blieb er stehn, dachte nach, ging auf den Fußspitzen in sein Zimmer, das an das leere grenzte, holte dort einen Stuhl und stellte ihn leise an die Türe, die zu Ssonjas Zimmer führte. Das Gespräch erschien ihm amüsant und bedeutungsvoll und hatte ihm sehr gefallen, – hatte ihm so gefallen, daß er einen Stuhl hinbrachte, um künftig, zum Beispiel morgen schon, nicht wieder der Unannehmlichkeit ausgesetzt zu sein, eine ganze Stunde stehen zu müssen, sondern sich’s bequemer zu machen, um in jeder Beziehung völlig befriedigt zu werden.