VI.

„... Ich glaube nicht daran! Ich kann es nicht glauben!“ wiederholte Rasumichin bestürzt und versuchte mit aller Kraft die Einwände Raskolnikoffs zu widerlegen.

Sie näherten sich schon den „Möblierten Zimmern“ von Bakalejeff, wo Pulcheria Alexandrowna und Dunja sie seit langem erwarteten. Rasumichin blieb alle Augenblicke im Eifer des Gespräches stehen, verwirrt und schon dadurch allein aufgeregt, daß sie zum erstenmale darüber klar gesprochen hatten.

„Du glaubst es nicht!“ antwortete Raskolnikoff mit einem kalten und nachlässigen Lächeln. „Du hast nach deiner Gewohnheit nicht acht gehabt, aber ich wog jedes Wort ab.“

„Du bist argwöhnisch, darum legtest du auch jedes Wort auf die Wage ... Hm ... in der Tat, ich gebe zu, der Ton von Porphyri war ziemlich merkwürdig; besonders aber dieser Schuft Sametoff! ... Du hast recht, etwas war an ihm, – aber warum? Warum?“

„Er hat sich’s über Nacht überlegt.“

„Aber im Gegenteil, im Gegenteil! Wenn sie diesen hirnlosen Gedanken wirklich hätten, so würden sie mit allen Kräften ihn zu verbergen suchen und ihre Karten verdeckt halten, um dich später plötzlich zu fangen ... Jetzt aber ist es unverschämt und unvorsichtig!“

„Wenn sie Tatsachen, das heißt wirklich Tatsachen oder einen einigermaßen begründeten Verdacht hätten, dann würden sie wirklich versuchen, ihr Spiel zu verbergen, – in der Hoffnung, noch mehr zu gewinnen und ... hätten übrigens auch längst eine Haussuchung vorgenommen! Aber sie haben keine Tatsache, keine einzige, – alles ist Phantasie, alles hat zwei Seiten, sie haben nur im allgemeinen eine Idee, – so versuchen sie durch Unverschämtheit zu verwirren. Vielleicht aber ist er auch wütend darüber, daß er keine Tatsachen hat, und aus Ärger läßt er sich gehen. Vielleicht aber hat er auch damit einen Zweck verfolgt ... Er scheint ein kluger Mann zu sein ... Er wollte mich vielleicht erschrecken damit, daß er etwas weiß ... Hier, Bruder, liegt eine eigene Psychologie ... Übrigens aber, ist es gemein, dies alles zu erklären. Laß es!“

„Und beleidigend, beleidigend! Ich verstehe dich! Aber ... da wir schon einmal deutlich darüber reden – und es ist gut, daß wir endlich klar darüber sprechen können, ich freue mich darüber, – so will ich dir jetzt offen gestehen, daß ich lange schon bei ihnen diesen Gedanken, in dieser ganzen Zeit gemerkt habe, selbstverständlich in einer kaum merkbaren, in einer schleichenden Form. Warum aber? Wie können sie es wagen? Wo liegen bei ihnen die Gründe? Wenn du wüßtest, wie ich wütend war! Wie, – aus dem Grunde, weil da ein armer Student ist, heruntergekommen durch große Armut und Hypochondrie, am Vorabend einer schrecklichen Krankheit, verbunden mit Fieberwahn, die vielleicht längst in ihm saß, – merk dir das! – ein argwöhnischer, ehrgeiziger Mensch, der seinen Wert kennt und der sechs Monate in einem Winkel gesessen und niemand gesehen hat; er steht in Lumpen und in Stiefeln ohne Sohlen vor allerhand Polizisten und leidet unter ihren Schmähungen; dazu kommt noch eine unerwartete Schuld, ein nicht eingelöster Wechsel von Hofrat Tschebaroff, dumpfer Farbengeruch, dreißig Grad Wärme, stickige Luft, eine Menge Menschen, die Erzählung von der Ermordung einer Person, bei der er am Vorabend war, und dies alles – auf leeren Magen! Ja, wie soll man dabei nicht ohnmächtig werden! Und darauf, darauf wird alles begründet! Zum Teufel! Ich verstehe, daß es einen ärgert, aber an deiner Stelle, Rodja, würde ich ihnen allen ins Gesicht lachen, oder noch besser, ihnen allen ordentlich in die Fratze spucken, ich würde noch ein paar Dutzend Ohrfeigen verteilen, selbstverständlich in kluger Weise, wie man sie stets geben muß, und würde damit die Sache abschließen. Pfeif darauf! Halt dich fest! Es ist eine Schande!“

„Er hat es gut dargestellt,“ dachte Raskolnikoff.

„Pfeif darauf? Und morgen ist wieder Verhör!“ sagte er bitter. „Soll ich mich etwa in Verhandlungen mit ihnen einlassen? Ich ärgere mich schon, daß ich mich gestern in dem Restaurant bis zu Sametoff erniedrigt habe ...“

„Zum Teufel! Ich will selbst zu Porphyri gehen! Und ich will ihn schon in verwandtschaftlicher Weise vorkriegen; er soll mir alles haarklein erzählen. Und Sametoff ...“

„Endlich kommt er auf ihn!“ dachte Raskolnikoff.

„Halt!“ rief Rasumichin und packte ihn plötzlich an der Schulter, „halt! Du hast geschwindelt! Ich habe es mir überlegt, du hast geschwindelt! Wieso ist das eine Falle? Du sagst, daß die Frage über die Anstreicher eine Falle war? Denk doch nach, – wenn du es getan hättest, hättest du es zugegeben, daß du gesehen hast, wie die Wohnung gemalt wurde ... und die Arbeiter? Im Gegenteil, – du hättest gesagt, ich habe nichts gesehen, wenn du es auch gesehen hättest! Wer zeugt denn gegen sich selbst?“

„Wenn ich es getan hätte, so würde ich unbedingt gesagt haben, daß ich wie die Anstreicher, so auch die Wohnung gesehen habe,“ antwortete Raskolnikoff unwillig und mit sichtlichem Ekel.

„Ja, warum gegen sich selbst aussagen?“

„Weil nur Bauern oder ganz unerfahrene Neulinge beim Verhör offen und alles nacheinander leugnen. Ein einigermaßen gebildeter und schlauer Mann versucht unbedingt und nach Möglichkeit alle äußeren, unverfänglichen Tatsachen zu bestätigen; er sucht bloß andere Gründe anzuführen, bringt seine eigene besondere und unerwartete Erklärung hinein, die eine vollkommen andere Bedeutung gibt und alles in einem anderen Lichte erscheinen läßt. Porphyri konnte gerade damit rechnen, daß ich unbedingt in dieser Weise antworten und sicher sagen würde, daß ich sie gesehen habe, nur der Wahrscheinlichkeit halber, und dabei irgend etwas zur Erklärung hinzufügen würde.“

„Er hätte dir sofort gesagt, daß zwei Tage vorher keine Arbeiter dort gewesen sein konnten, und daß also du gerade am Tage des Mordes, um acht Uhr, dort gewesen bist. Er hätte dich mit dieser Kleinigkeit gefangen.“

„Er rechnete auch damit, daß ich keine Zeit haben werde, es mir zu überlegen und mich beeilen würde, wahrheitsgetreuer zu antworten und dabei vergessen würde, daß zwei Tage vorher keine Arbeiter da sein konnten.“

„Wie kann man aber das vergessen?“

„Sehr leicht! Auf solche geringfügigen Dinge fallen am ehesten schlaue Menschen herein. Je schlauer ein Mensch ist, um so weniger ahnt er, daß man ihn bei etwas Einfachem ertappen würde. Den schlauesten Menschen muß man gerade mit dem Einfachsten verwirren. Porphyri ist gar nicht so dumm, wie du denkst ...“

„Er ist nach alledem ein Schuft!“

Raskolnikoff konnte sich des Lachens nicht erwehren. Aber im selben Augenblicke erschien ihm seine eigene Lust und die Begeisterung, mit der er seine letzte Erklärung abgegeben hatte, überaus sonderbar; das ganze vorangehende Gespräch hatte er mit einem düsteren Widerwillen, nur unter dem Zwange der Situation geführt.

„Ich bekomme noch Geschmack daran!“ dachte er.

Jedoch gleich darauf wurde er unruhig, als hätte ihn ein unerwarteter und beunruhigender Gedanke überrascht. Seine Unruhe wuchs. Sie waren schon am Eingange zu den möblierten Zimmern von Bakalejeff.

„Geh allein hinein,“ sagte plötzlich Raskolnikoff, „ich komme sofort zurück.“

„Wohin willst du? Wir sind ja schon da!“

„Ich muß, ich muß; ich habe etwas zu tun ... ich komme nach einer halben Stunde wieder ... Sage es ihnen.“

„Wie du willst, ich begleite dich aber!“

„Was, willst auch du mich quälen!“ rief er mit solcher bitteren Gereiztheit und solcher Verzweiflung im Blicke, daß Rasumichin fassungslos wurde.

Er blieb eine Weile auf der Außentreppe stehen und sah finster zu, wie jener schnell in der Richtung nach seiner Wohnung dahinschritt. Schließlich biß er die Zähne zusammen, ballte die Faust, schwur sich selbst, daß er heute noch den ganzen Porphyri wie eine Zitrone ausquetschen würde, und ging die Treppe hinauf, um Pulcheria Alexandrowna, die durch ihre lange Abwesenheit schon aufgeregt war, zu beruhigen.

Als Raskolnikoff bei seinem Hause anlangte, waren seine Schläfen mit Schweiß bedeckt und er atmete schwer. Er eilte die Treppe hinauf, trat in seine nicht abgeschlossene Wohnung und hakte sofort die Türe zu. Dann stürzte er erschreckt und wie wahnsinnig zu der Ecke, zu dem Loche hinter den Tapeten, wohin er damals die Sachen gelegt hatte, steckte die Hand hinein und scharrte einige Minuten aufs höchste erregt in dem Loche und untersuchte alle Ecken und Falten der Tapete. Als er nichts fand, stand er auf und holte tief Atem. Als er sich vorhin der Treppe von Bakalejeff näherte, war es ihm plötzlich in den Sinn gekommen, daß irgendeine Sache, eine Kette oder ein Manschettenknopf etwa, oder auch ein Stück Papier, in dem sie eingewickelt waren, mit einem Vermerk von der Hand der Alten auf irgendeiner Spalte liegen geblieben sein konnte und als ein unerwarteter und unabwendbarer Beweis vor ihnen auftauchen konnte.

Er stand, wie in Nachdenken versunken und ein sonderbares, demütiges, halb sinnloses Lächeln umspielte seine Lippen. Er nahm seine Mütze und ging langsam hinaus. Seine Gedanken irrten umher. Nachdenklich trat er unter das Tor.

„Da ist der Herr selbst!“ rief eine laute Stimme; er erhob den Kopf.

Der Hausknecht stand an der Türe seiner Kammer und zeigte auf einen nicht sonderlich großen Mann, der wie ein Kleinbürger aussah, und der mit einem Mantel, einem Schlafrock ähnlich, und einer Weste bekleidet war und von weitem eine große Ähnlichkeit mit einem Weibe hatte. Sein Kopf, mit einer fettigen Mütze bedeckt, hing nach vorne, die ganze Gestalt schien gekrümmt. Sein schlaffes, runzeliges Gesicht deutete auf ein Alter über fünfzig; die kleinen verschwommenen Augen blickten finster, ernst und mißvergnügt drein.

„Was soll’s?“ fragte Raskolnikoff und trat zu dem Hausknechte.

Der Kleinbürger wendete seine Augen zu ihm und blickte ihn unter der Stirn hervor durchdringend, aufmerksam und andauernd an; dann wandte er sich um und ging, ohne ein Wort gesagt zu haben, zum Tore auf die Straße hinaus.

„Ja, was ist denn das?“ rief Raskolnikoff.

„Dieser da fragte, ob hier ein Student wohne, nannte Ihren Namen, und bei wem Sie wohnen. Sie kamen gerade, ich zeigte Sie ihm, nun ist er fortgegangen. Das ist komisch.“

Der Hausknecht hatte auch gewisse Bedenken, er dachte eine kleine Weile nach, drehte sich aber um und ging in seine Kammer.

Raskolnikoff stürzte dem Kleinbürger nach und erblickte ihn sofort, wie er auf der anderen Seite der Straße gleichmäßig und nicht eilig, mit zu Boden gerichteten Augen und anscheinend nachdenklich dahinschritt. Er holte ihn bald ein, ging eine Weile hinter ihm; schließlich trat er neben ihn und blickte ihm von der Seite ins Gesicht. Der Kleinbürger bemerkte ihn sofort und schaute ihn schnell von oben bis unten an, ließ aber wieder die Augen sinken, und in dieser Weise gingen sie eine Strecke nebeneinander her, ohne ein Wort zu sagen.

„Haben Sie nach mir gefragt ... beim Hausknecht?“ sagte Raskolnikoff endlich, aber nicht sehr laut.

Der Kleinbürger gab ihm keine Antwort und blickte ihn nicht an. Wieder gingen sie stumm dahin.

„Ja, warum ... kommen Sie und fragen ... und schweigen jetzt ... ja, was ist denn das?“ Raskolnikoffs Stimme stockte und die Worte kamen ihm schwer über die Lippen.

Der Kleinbürger erhob diesmal die Augen und sah mit einem drohenden, finsteren Blicke Raskolnikoff an. „Mörder!“ sagte er plötzlich mit leiser, aber klarer und deutlicher Stimme ...

Raskolnikoff ging neben ihm weiter. Seine Füße wurden plötzlich schrecklich schwach, im Rücken fühlte er Kälte und sein Herz schien auf einen Augenblick still zu stehen; dann fing es an zu klopfen, als wollte es sich losreißen. So gingen sie etwa hundert Schritte nebeneinander und wieder vollkommen stumm.

Der Kleinbürger blickte ihn nicht an.

„Was fällt Ihnen ein ... was ... wer ist ein Mörder?“ murmelte Raskolnikoff kaum hörbar.

Du bist ein Mörder,“ sagte jener, noch deutlicher und bedeutungsvoller und blickte mit dem Lächeln eines haßerfüllten Triumphes in das bleiche Gesicht Raskolnikoffs und seine erloschenen Augen.

Sie kamen zu einer Straßenkreuzung. Der Kleinbürger bog links in eine Straße ein und ging weiter, ohne sich umzusehen. Raskolnikoff blieb stehen und sah ihm lange nach. Er sah, wie jener nach fünfzig Schritten ungefähr sich umwandte und ihn, der immer noch unbeweglich auf derselben Stelle stand, anblickte. Man konnte nicht sehen, aber Raskolnikoff schien es, als hätte er auch diesmal sein kaltes, haßvolles und triumphierendes Lächeln gehabt.

Mit langsamen, schweren Schritten, mit zitternden Knien und fröstelnd kehrte Raskolnikoff zurück und ging in sein Zimmer hinauf. Er nahm seine Mütze ab und legte sie auf den Tisch hin und stand etwa zehn Minuten unbeweglich daneben. Dann legte er sich völlig ermattet auf das Sofa und streckte sich mit einem schwachen, krankhaften Stöhnen aus; seine Augen waren geschlossen. So lag er eine halbe Stunde.

Er dachte an nichts. Es waren wohl Gedanken oder Fetzen von Gedanken da, Vorstellungen, ohne Ordnung und Zusammenhang, – Gesichter von Menschen, die er noch als Kind gesehen hatte, oder denen er irgendwo nur ein einziges Mal begegnet war, und an die er sich nie mehr erinnert hatte, – der Turm der W.schen Kirche, ein Billard, Zigarrengeruch in einem Tabaksladen im Kellergeschosse, eine Kneipe, eine Küchentreppe, ganz dunkel, ganz mit Unrat begossen und mit Eierschalen bedeckt, und irgendwo ertönte das Sonntagsgeläute der Glocken ... Die Gegenstände wechselten und drehten sich wie im Wirbelwinde. Manche gefielen ihm sogar und er wollte sich an ihnen festklammern, aber sie erloschen, es bedrückte ihn innerlich etwas, aber nicht sehr stark. Zuweilen war es sogar gut ... Ein leichtes Frösteln blieb und selbst das war fast angenehm. Er hörte die eiligen Schritte Rasumichins und seine Stimme, er schloß die Augen und stellte sich schlafend. Rasumichin öffnete die Türe und blieb eine Weile auf der Schwelle, wie unschlüssig, stehen. Dann trat er leise in das Zimmer und ging vorsichtig zu dem Sofa. Man hörte Nastasja flüstern.

„Laß ihn; mag er schlafen; er kann nachher essen.“

„Das ist wahr,“ antwortete Rasumichin.

Beide gingen leise hinaus und machten die Türe zu. Noch eine halbe Stunde verging. Raskolnikoff öffnete die Augen, legte sich wieder auf den Rücken und steckte die Hände unter den Kopf ...

„Wer ist er? Wer ist dieser wie aus der Erde hervorgewachsener Mensch? Wo war er und was hat er gesehen? Er hat alles gesehen, das ist zweifellos. Wo war er damals und von wo sah er es? Warum erscheint er erst jetzt, wie aus der Erde gestiegen? Und wie konnte er es sehen, – ist es denn möglich? ... Hm ...“ fuhr Raskolnikoff fort, erstarrend und zusammenfahrend, „aber das Etui, das Nikolai hinter der Türe gefunden hat, – war denn das nicht auch möglich? Beweise? Ein Hunderttausendstel übersieht man, – und der Beweis wächst zu einer ägyptischen Pyramide! Eine Fliege ist vorbeigeflogen, sie hat es gesehen! Aber ist es denn möglich?“

Und er fühlte mit Ekel, wie er plötzlich schwach, physisch schwach geworden war.

„Ich hätte es wissen müssen,“ dachte er mit einem bitteren Lächeln, „und wie durfte ich, indem ich mich kannte und ahnte, wie ich sein würde, ein Beil nehmen und mit Blut mich besudeln. Ich war verpflichtet, es vorher zu wissen ... Ach! Ich wußte es doch vorher!“ ...

Zuweilen blieb er unbeweglich an irgendeinem Gedanken haften.

„Nein, die Menschen sind nicht so gemacht; ein wahrer Herrscher, dem alles erlaubt ist, zerstört Toulon, veranstaltet eine Abschlachtung in Paris, vergißt eine Armee in Ägypten, verbraucht eine halbe Million Menschen im russischen Feldzuge und wird in Wilna durch ein Wortspiel damit fertig; und ihm stellt man nach dem Tode Standbilder auf, – somit ist auch alles erlaubt. Nein, solche Menschen sind offenbar nicht aus Fleisch und Blut, sondern aus Eisen!“

Ein plötzlicher Nebengedanke brachte ihn fast zum Lachen.

„Napoleon, Pyramiden, Waterloo, – und eine magere Beamtenwitwe, Wucherin, mit einer roten Truhe unter dem Bett, – nun, wie soll das – sagen wir selbst Porphyri Petrowitsch – verdauen können! ... Wie sollen sie es auch verdauen! ... Die Ästhetik wird sie hindern. ‚Will ein Napoleon,‘ werden sie sagen, ‚unter das Bett zu einer Alten kriechen!‘ Ach, Unsinn! ...“ Ab und zu fühlte er, daß er phantasiere, – er verfiel dann einer fieberhaften verzückten Stimmung.

„Die Alte ist Unsinn!“ dachte er und wühlte eifrig und heftig seine Gedankengänge weiter:

„Daß es diese Alte war, war vielleicht ein Irrtum, aber die Hauptsache liegt nicht an ihr. Die Alte war nur eine Krankheit ... ich wollte schneller darüber hinweg schreiten ... ich habe nicht einen Menschen getötet, ich habe ein Prinzip getötet! Das Prinzip habe ich wohl getötet, bin aber nicht darüber hinweg geschritten, ich bin auf dieser Seite geblieben ... Ich habe bloß verstanden, zu töten. Auch das habe ich nicht mal verstanden, wie es sich zeigt ... Prinzip? Warum hat vorhin der Dummkopf Rasumichin die Sozialisten gescholten? Sie sind fleißige Leute und arbeitsam; sie beschäftigen sich mit dem ‚allgemeinen Glück‘. Nein, mir ist das Leben einmal gegeben und nie kommt es wieder; ich will nicht auf das ‚allgemeine Glück‘ warten. Ich will auch selbst leben, sonst lieber gar nicht. Was denn? Ich konnte nicht an einer hungrigen Mutter vorbeigehen und meinen Rubel in der Erwartung des ‚allgemeinen Glücks‘ in der Tasche festhalten. ‚Ich trage‘, konnte ich sagen, ‚einen kleinen Stein bei zum allgemeinen Glück, und darum habe ich Seelenruhe.‘ Ha–ha–ha! Warum seid ihr an mir vorbeigegangen? Ich lebe doch bloß einmal, ich will doch auch ... Ach was, ich bin eine ästhetische Laus und mehr nicht,“ fügte er hinzu und lachte plötzlich wie ein Irrsinniger. „Ja, ich bin tatsächlich eine Laus,“ fuhr er fort, indem er sich voll Schadenfreude an den Gedanken klammerte, sich hineinbohrte, mit ihm spielte und sich mit ihm amüsierte, „und schon aus dem Grunde allein, weil ich erstens jetzt darüber räsonniere, daß ich eine Laus bin, und zweitens, weil ich einen ganzen Monat die allgütige Vorsehung belästige, indem ich sie als Zeuge anrief, daß ich es nicht meines Fleisches und meiner Lust willen unternehme, sondern ein prächtiges und herrliches Ziel im Auge habe, – ha–ha–ha! Drittens, weil ich mir vorgenommen hatte, möglichst Gerechtigkeit bei der Ausführung walten zu lassen und Gewicht und Maß, wie auch Berechnung einzuhalten, – von allen Läusen wählte ich die allernutzloseste und beschloß, nachdem ich sie ermordet haben würde, genau so viel zu nehmen, als ich zum ersten Schritt brauche, – nicht mehr und nicht weniger ... und das übrige würde also laut dem Vermächtnis dem Kloster zugefallen sein ... ha–ha–ha! Und zu guter Letzt bin ich selber eine Laus,“ fügte er mit Zähneknirschen hinzu, „weil ich vielleicht selbst noch schlimmer und abscheulicher bin als die getötete Laus, und weil ich im voraus ahnte, daß ich mir dies sagen würde, nachdem ich sie ermordet haben würde! Kann ich denn mit diesem Entsetzen irgend etwas vergleichen! Oh, Trivialität! Oh, Gemeinheit! ... Oh, wie ich den ‚Propheten‘ zu Pferde mit einem Säbel in der Hand begreife, – Allah befiehlt und die ‚zitternden‘ Kreaturen sollen gehorchen! Der ‚Prophet‘ ist tausendmal im Rechte, wenn er irgendwo mitten in der Straße eine aus–ge–zeich–ne–te Batterie aufstellt und auf Unschuldige und Schuldige schießt, ohne sich herabzulassen, eine Erklärung abzugeben! Gehorcht, zitternde Kreaturen und – wünscht nichts, denn – ihr habt nichts zu wünschen! ... Oh, um nichts in der Welt, um keinen Preis will ich der Alten verzeihen!“ Sein Haar war mit Schweiß bedeckt, die bebenden Lippen waren trocken und der unbewegliche Blick auf die Zimmerdecke gerichtet.

„Mutter und Schwester, – wie ich sie geliebt habe! Warum hasse ich sie jetzt? Ja, ich hasse sie, hasse sie physisch, ich kann sie nicht mehr neben mir ertragen ... Vorhin ging ich zur Mutter hin und küßte sie, ich erinnere mich dessen ... Sie zu umarmen und denken zu müssen, wenn sie es wüßte, so ... soll ich ihr es sagen? Man kann mir das zutrauen ... Hm! Sie muß ebenso sein wie ich ...“ fügte er hinzu, mühsam seinen Gedanken verfolgend, als kämpfe er mit dem ihn packenden Fieber. „Oh, wie ich jetzt diese Alte hasse! Ich könnte sie noch einmal ermorden, wenn sie zu sich käme! Arme Lisaweta! Warum kam sie hinzu? ... Sonderbar, warum ich an sie fast gar nicht denke, als hätte ich sie nicht ermordet! ... Lisaweta! Ssonja! Ihr armen sanften Geschöpfe mit euren sanften Augen ... Ihr Lieben! ... Warum weinen sie nicht? Warum stöhnen sie nicht? ... Sie geben alles hin ... blicken sanft und still ... Ssonja, Ssonja! Stille Ssonja! ...“

Er verlor das Bewußtsein; merkwürdig erschien es ihm, daß er sich nicht entsann, wie er auf die Straße gekommen. Es war schon später Abend. Die Dämmerung nahm zu, der volle Mond leuchtete immer heller und heller; aber die Luft war besonders dumpf. Menschen gingen in Haufen in den Straßen; Handwerker und Geschäftsleute wanderten nach Hause; andere gingen spazieren; es roch nach Kalk, Staub und stehendem Wasser. Raskolnikoff schritt traurig und sorgenvoll dahin, – er erinnerte sich sehr gut, daß er zu irgendeinem Zwecke aus dem Hause gegangen sei und daß er etwas tun sollte und sich dabei beeilen müßte, was es aber war, – hatte er vergessen. Plötzlich blieb er stehen und sah, daß auf der anderen Seite der Straße, auf dem Fußwege, ein Mann stand und ihm mit der Hand winkte. Er ging über die Straße zu ihm hin, da wandte sich dieser Mann um, ging weiter, als wäre nichts gewesen, mit gesenktem Kopfe, ohne sich umzuwenden und ohne merken zu lassen, daß er ihn gerufen habe. „Ja, hatte er mich auch gerufen?“ dachte Raskolnikoff und ging ihm nach. Kaum zehn Schritte entfernt von ihm, erkannte er ihn plötzlich – und erschrak; es war der Kleinbürger von vorhin, im selben Schlafrocke und ebenso gekrümmt. Raskolnikoff folgte ihm von weitem; sein Herz klopfte; sie bogen in eine Gasse ein, – der Kleinbürger wandte sich noch immer nicht um.

„Weiß er, daß ich ihm folge?“ dachte Raskolnikoff. Der Kleinbürger trat in das Tor eines großen Hauses. Raskolnikoff ging schnell zu dem Tore hin, um hineinzusehen, ob er sich nicht umschaue und ihn rufen würde. Und in der Tat, als der Kleinbürger durch das Tor geschritten war und schon in den Hof trat wandte er sich wieder um und schien ihm wieder zu winken. Raskolnikoff durchschritt sofort das Tor, aber der Kleinbürger war nicht mehr auf dem Hofe. Also muß er hier die erste Treppe hinaufgegangen sein. Raskolnikoff stürzte ihm nach. Ein paar Treppen höher vernahm man gleichmäßige, nicht eilige Schritte. Sonderbar, die Treppe kam ihm bekannt vor! Hier im ersten Stock ist ein Fenster; durch die Scheiben schimmert traurig und geheimnisvoll der Mond; da ist auch der zweite Stock. Oh! Das ist dieselbe Wohnung, in der die Arbeiter anstrichen ... Wie hatte er das Haus nicht sofort wiedererkennen können? Die Schritte des vorangehenden Menschen waren verhallt, „er ist also stehen geblieben oder hat sich irgendwo versteckt“. Da ist der dritte Stock; soll ich weitergehen? Und welch eine Stille hier herrscht, es ist zum Fürchten ... Er ging jedoch höher hinauf. Das Geräusch seiner eigenen Schritte erschreckte und beunruhigte ihn. Mein Gott, wie dunkel es ist! Der Kleinbürger hat sich sicher irgendwo in einer Ecke versteckt. Ah! Die Wohnung ist weit offen; er dachte nach und trat ein. Im Vorzimmer war es sehr dunkel und leer, keine Menschenseele, als hätte man alles fortgebracht; leise, auf den Fußspitzen ging er in die Wohnstube hinein, – das ganze Zimmer war hell vom Mondenschein überflutet; alles war hier wie vorher, – die Stühle standen da, der Spiegel, das gelbe Sofa und die eingerahmten Bilder. Der große, runde, kupferrote Mond blickte durch die Fensterscheiben hinein. „Diese Stille kommt vom Monde,“ dachte Raskolnikoff, „er gibt jetzt sicher ein Rätsel auf.“ Er stand und wartete, wartete lange, und je stiller der Mond war, um so stärker klopfte sein Herz, es tat ihm sogar weh. Und immer noch diese Stille. Plötzlich ertönte ein kurzes trockenes Knacken, als hätte man einen Holzspan zerbrochen und wieder wurde alles still. Eine aufgewachte Fliege stieß im Fluge an die Scheibe und summte kläglich. Im selben Augenblicke entdeckte er in der Ecke zwischen einem kleinen Schrank und dem Fenster, wie es ihm schien, einen an der Wand hängenden Pelzmantel. „Warum hängt da ein Pelzmantel?“ dachte er, „er war doch früher nicht da ...“ Er trat sehr leise heran und erriet; daß hinter dem Pelzmantel sich jemand versteckt hielt. Er schob vorsichtig mit der Hand den Mantel zur Seite und entdeckte einen Stuhl, und auf dem Stuhle in der Ecke saß die Alte, ganz zusammengekauert und mit gesenktem Kopfe, so daß er das Gesicht gar nicht sehen konnte, aber sie war es. Er stand eine Weile vor ihr; „sie fürchtet sich!“ dachte er; zog dann leise das Beil aus der Schlinge und versetzte der Alten einen Schlag auf den Kopf und noch einen zweiten. Aber merkwürdig, – sie rührte sich nicht bei den Schlägen, als wäre sie aus Holz. Er erschrak, beugte sich über sie und begann sie zu betrachten, da ließ sie den Kopf noch mehr sinken. Er beugte sich dann fast zu Boden und blickte ihr von unten ins Gesicht; er sah sie an und erstarrte, – die Alte saß und lachte, – sie schüttelte sich vor Lachen, ein leises, unhörbares Lachen, sie hielt aus Leibeskräften an sich, damit er es nicht hören solle. Da schien es ihm, als würde die Tür zum Schlafzimmer ein wenig geöffnet, und auch da schien man zu lachen und zu flüstern. Die Wut übermannte ihn, – er begann aus voller Kraft der Alten auf den Kopf zu schlagen, aber mit jedem Schlage hörte man immer stärker das Lachen und Flüstern im Schlafzimmer, und die Alte schüttelte sich nur so vor Lachen. Er stürzte hinaus, da war das ganze Vorzimmer schon voll von Menschen, die Tür zu der Treppe war weit geöffnet und auf dem Flure, auf der Treppe und dort unten standen Menschen, Kopf an Kopf, und blickten alle auf ihn, sie waren alle still, sie schienen auf etwas zu warten und schwiegen! ... Sein Herz krampfte sich, die Füße ließen sich nicht mehr bewegen, waren wie angewachsen ... Er wollte schreien und – wachte auf.

Er holte schwer Atem, – aber merkwürdig, der Traum schien sich immer noch fortzusetzen, – seine Tür war weit geöffnet und auf der Schwelle stand ein völlig unbekannter Mann und betrachtete ihn aufmerksam.

Raskolnikoff hatte die Augen noch nicht ganz geöffnet und schloß sie auch sofort wieder. Er lag auf dem Rücken und rührte sich nicht. „Ist das noch der Traum oder nicht?“ dachte er und hob kaum merklich die Wimpern, um zu sehen, – der Unbekannte stand auf derselben Stelle und blickte ihn weiter unverwandt an. Auf einmal trat er vorsichtig über die Schwelle, schloß leise die Türe hinter sich zu, ging an den Tisch und wartete eine Weile, – während dieser Zeit wandte er kein Auge von Raskolnikoff ab, – er setzte sich leise auf einen Stuhl neben das Sofa hin; seinen Hut stellte er auf den Boden neben sich, stützte sich mit beiden Händen auf seinen Stock und legte das Kinn auf die Hände. Man konnte sehen, daß er sich anschickte, lange zu warten. Soweit Raskolnikoff durch die blinzelnden Wimpern sehen konnte, war dieser Mann nicht mehr jung, und hatte einen dichten, hellblonden, fast weißen Bart.

Es vergingen etwa zehn Minuten. Es war noch hell, aber der Abend nahte schon. Im Zimmer herrschte eine vollkommene Stille. Sogar von der Treppe drang kein Ton herein. Bloß eine große Fliege summte und schlug sich im Fluge an die Fensterscheibe. Dies wurde endlich unerträglich. – Raskolnikoff erhob sich plötzlich und setzte sich auf das Sofa hin.

„Nun sagen Sie, was wünschen Sie?“

„Sehen Sie, ich wußte es doch, daß Sie nicht schlafen, sondern sich bloß den Anschein geben,“ antwortete der Unbekannte eigentümlich und lachte ruhig. „Erlauben Sie mich Ihnen vorzustellen: Arkadi Iwanowitsch Sswidrigailoff ...“

Vierter Teil

I.

„Ist das etwa die Fortsetzung des Traumes?“ dachte Raskolnikoff noch einmal.

Er betrachtete vorsichtig und mißtrauisch den unerwarteten Besucher.

„Sswidrigailoff? Welch ein Unsinn! Es kann nicht sein!“ sagte er schließlich laut und zweifelnd.

Der Besucher schien über diesen Ausruf gar nicht erstaunt zu sein.

„Ich bin zu Ihnen aus zwei Gründen gekommen, – erstens wollte ich Sie persönlich kennenlernen, da ich längst über Sie sehr Interessantes und Vorteilhaftes gehört habe; zweitens aber bilde ich mir ein, daß Sie sich vielleicht nicht weigern werden, mir bei einem Vorhaben zu helfen, das besonders die Interessen Ihrer Schwester Awdotja Romanowna betrifft. Mich allein, ohne Empfehlung, wird sie vielleicht jetzt nicht mal ins Haus lassen infolge eines Vorurteiles; mit Ihrer Hilfe rechne ich darauf.“

„So rechnen Sie schlecht,“ unterbrach ihn Raskolnikoff.

„Ihre Angehörigen sind doch erst gestern angekommen, erlauben Sie mir die Frage?“

Raskolnikoff antwortete nicht.

„Ja, gestern, ich weiß es. Ich bin selbst erst seit vorgestern hier. Doch, was soll ich Ihnen weiter sagen, Rodion Romanowitsch; ich halte es für überflüssig, mich zu rechtfertigen, nur eins lassen Sie mich bemerken, – habe ich denn tatsächlich etwas verbrochen, wenn man alles ohne Vorurteile, mit ruhiger Vernunft betrachtet?“

Raskolnikoff betrachtete ihn immer noch schweigend.

„Der Umstand, daß ich in meinem Hause ein wehrloses, junges Mädchen verfolgt und ‚sie mit meinen abscheulichen Anerbieten beleidigt habe‘, soll ein Verbrechen sein? Ich komme Ihnen zuvor. – Denken Sie doch daran, daß ich auch nur ein Mensch bin, et nihil humanum ... mit einem Worte, daß ich auch fähig bin, Reize zu empfinden und zu lieben, – was sicher nicht mit unserem Wollen geschieht, sondern in unserer Natur liegt, und damit läßt sich alles auf die allernatürlichste Weise erklären. Die Frage ist nur die, bin ich ein Scheusal oder selbst ein Opfer? Nun, und wenn ich das Opfer bin? Und sehen Sie, indem ich dem Gegenstande meiner Liebe anbot, mit mir nach Amerika oder in die Schweiz zu fliehen, empfand ich dabei die allerehrerbietigsten Gefühle und glaubte uns zum gegenseitigen Glück zu verhelfen! ... Der Verstand dient doch der Leidenschaft, und ich richtete mich selbst dabei zugrunde, das müssen Sie doch auch in Betracht ziehen! ...“

„Darum handelt es sich gar nicht,“ unterbrach ihn Raskolnikoff voll Widerwillen. „Sie sind mir einfach widerlich, ob Sie schuldig sind oder nicht, und man will mit Ihnen nichts zu tun haben, man jagt Sie fort und so gehen Sie doch Ihrer Wege! ...“

Sswidrigailoff lachte laut auf.

„Aber Sie sind ... man kann Sie nicht verwirren!“ sagte er und lachte offen heraus, „ich dachte es schlau angefangen zu haben, aber es gelang nicht, Sie stellten sich gleich auf den richtigsten Standpunkt.“

„Ja, und Sie wollen auch in diesem Augenblicke schlau sein.“

„Was wäre dabei? Nun, was wäre dabei?“ wiederholte Sswidrigailoff und lachte weiter. „Es ist doch bonne guerre[4], wie man es nennt und eine höchst erlaubte Schlauheit! ... Aber Sie haben mich unterbrochen; ich wiederhole noch einmal, ob es so oder anders gekommen wäre, es wären keine Unannehmlichkeiten vorgefallen, wenn nicht noch der Auftritt im Garten hinzugekommen wäre. Marfa Petrowna ...“

„Marfa Petrowna, sagt man, haben Sie auch ins Grab gebracht?“ unterbrach ihn schroff Raskolnikoff.

„Sie haben auch davon gehört? Wie sollten Sie es übrigens nicht zu hören bekommen ... Hier weiß ich wirklich nicht, was ich Ihnen sagen soll, obwohl mein eigenes Gewissen in dieser Beziehung im höchsten Maße ruhig ist. Glauben Sie ja nicht, daß ich irgend etwas dabei fürchte; dies alles ist in völliger Ordnung und mit Genauigkeit geprüft worden, – die ärztliche Untersuchung hat einen Herzschlag nachgewiesen, der infolge sofortigen Badens nach einem reichlichen Mittagessen erfolgt ist, wobei fast eine ganze Flasche Wein geleert wurde, und anderes konnte nicht festgestellt werden ... Nein, sehen Sie, ich habe eine Zeitlang, besonders im Eisenbahnwagen auf dem Wege hierher nachgedacht, ob ich zu diesem ... Unglück irgendwie, moralisch, durch Reizung oder etwas ähnliches, nicht beigetragen habe? Ich bin zu dem Resultate gekommen, daß dies positiv nicht der Fall sein konnte.“

Raskolnikoff lachte.

„Warum fällt es Ihnen denn noch ein, sich so zu beunruhigen?“

„Worüber lachen Sie denn? Denken Sie doch nach, – ich habe sie nur zweimal mit der Reitgerte geschlagen, ohne daß Spuren zu sehen waren ... Halten Sie mich, bitte, nicht für frivol; ich weiß sehr wohl, daß das schändlich von mir war ... und so weiter; aber ich weiß auch sicher, daß Marfa Petrowna vielleicht froh war über meinen, sagen wir, Mangel an Beherrschung. Die Geschichte mit Ihrer Schwester war bis zum letzten Tropfen erschöpft. Marfa Petrowna sah sich gezwungen, den dritten Tag schon zu Hause zu sitzen; sie hatte nichts, womit sie sich im Städtchen zeigen konnte, und außerdem war sie allen mit diesem Briefe – über das Vorlesen dieses Briefes haben Sie doch gehört, – lästig geworden. Da kamen ihr diese zwei Schläge mit der Reitgerte wie vom Himmel geschickt, – ihr erstes war, sofort den Wagen vorfahren zu lassen! ... Ich spreche nicht mal davon, daß es bei Frauen Fälle gibt, wo es ihnen sehr, sehr angenehm ist, beleidigt worden zu sein, trotz der zur Schau getragenen Entrüstung! Diese Fälle kommen bei allen vor. – Der Mensch liebt es im allgemeinen sehr, beleidigt zu sein; haben Sie das noch nicht bemerkt? Bei Frauen aber ist dies besonders der Fall. Man kann so weit gehen und sagen, daß sie sich damit gern die Zeit vertreiben.“

Einen Augenblick dachte Raskolnikoff aufzustehen und wegzugehen, um dadurch diesem Besuche ein Ende zu machen. Eine gewisse Neugier aber und vielleicht Berechnung hielten ihn für eine Weile zurück.

„Sie prügeln wohl gerne?“ fragte er ihn zerstreut.

„Nein, nicht besonders,“ antwortete Sswidrigailoff ruhig. „Und mit Marfa Petrowna habe ich mich fast nie geprügelt. Wir lebten in großer Eintracht und sie war stets mit mir zufrieden. Die Gerte habe ich in den sieben Jahren nur zweimal gebraucht, wenn man ein drittes Mal, das übrigens sehr zweifelhaft ist, nicht mitzählt; das erste Mal war es zwei Monate nach unserer Heirat, gleich nach der Ankunft auf dem Gut, und nun der jetzige, letzte Fall. Sie dachten schon, ich sei so ein Scheusal, Rückschrittler und Anhänger der Leibeigenschaft? He–he–he ... Ja, nebenbei gesagt, – erinnern Sie sich nicht, Rodion Romanowitsch, wie vor einigen Jahren, noch zu Zeiten der wohltätigen Pressefreiheit, man einen Edelmann – ich habe seinen Namen vergessen, – der eine Deutsche im Eisenbahnwagen verprügelte, öffentlich an den Pranger stellte, erinnern Sie sich noch? Es war im selben Jahre, glaube ich, als die ‚Egyptischen Nächte‘ öffentlich vorgetragen wurden und ein Skandal passierte, erinnern Sie sich jetzt? ‚Schwarze Augen! Oh, wo bist du, goldene Zeit unserer Jugend! ...‘ So, und hier haben Sie meine Meinung, – für den Herrn, der die Deutsche verprügelte, habe ich keine Sympathie, denn warum soll man in der Tat ... mit dem sympathisieren! Hierbei kann ich nicht umhin zu bemerken, daß zuweilen sich solche anregende ‚Deutsche‘ finden, und daß es keinen einzigen Fortschrittler, wie es mir scheint, gibt, der für sich vollkommen garantieren könnte. Von diesem Standpunkte hatte damals niemand die Sache betrachtet, indessen aber ist er der eigentlich humane Standpunkt wahrhaftig, so ist es!“

Nachdem er das gesagt hatte, lachte Sswidrigailoff von neuem. Raskolnikoff war es klar, daß dieser Mensch, der sich etwas fest vorgenommen hatte, darauf bestimmt lossteuerte.

„Sie haben jedenfalls einige Tage nacheinander mit niemandem gesprochen?“ fragte er ihn.

„Das könnte stimmen. Warum? Sie wundern sich wohl, daß ich so gesprächig bin.“

„Nein, ich wundere mich, daß Sie so vernünftig reden.“

„Weil ich mich durch die Grobheit Ihrer Zwischenfragen nicht gekränkt fühlte? Ist es so? Ja ... warum sollte ich gekränkt sein? Wie man mich fragte, so antwortete ich auch,“ fügte er mit wunderbarer Gutmütigkeit hinzu. „Ich interessiere mich fast für nichts, bei Gott,“ fuhr er fort, wie sinnend. „Ich bin besonders jetzt mit nichts beschäftigt ... Übrigens ist es begreiflich, wenn Sie denken, ich wollte mich bei Ihnen einschmeicheln und um so mehr, weil ich ein Anliegen, wie ich selbst erklärte, an Ihre Schwester habe. Aber ich will Ihnen offen sagen, – mir ist es langweilig, besonders seit diesen drei Tagen, so daß ich mich auf Ihre Gesellschaft freute ... Seien Sie mir aber nicht böse, Rodion Romanowitsch, Sie kommen mir aber selbst sehr merkwürdig vor. Fassen Sie es auf wie Sie wollen, aber es ist etwas an Ihnen und gerade jetzt, nicht nur in diesem Augenblicke, sondern überhaupt jetzt ... Nun, nun, ich will nicht mehr davon reden, verziehen Sie nur nicht gleich die Stirn! Ich bin doch nicht solch ein Bär, wie Sie glauben.“

Raskolnikoff blickte ihn finster an.

„Sie sind vielleicht gar kein Bär,“ sagte er. „Mir scheint es sogar, Sie gehören zur guten Gesellschaft oder Sie verstehn wenigstens bei Gelegenheit auch ein anständiger Mann zu sein.“

„Ich interessiere mich auch nicht besonders für irgend wessen Meinung über mich,“ antwortete Sswidrigailoff trocken, mit einem Anfluge von Hochmut, „und warum soll man nicht fade sein, wenn diese Art unserem Lande so geläufig ist und ... und wenn man noch eine natürliche Neigung dazu hat,“ fügte er hinzu und lachte wieder.

„Ich habe gehört, daß Sie hier viele Bekannte haben. Sie sind doch nicht ohne das, was man ‚Verbindungen‘ nennt. Wozu haben Sie mich denn nötig, wenn nicht zu einem bestimmten Zwecke?“

„Ganz richtig, ich habe Bekannte hier,“ fuhr Sswidrigailoff fort, ohne die Hauptfrage zu beantworten, „ich habe auch einige getroffen; ich wandre schon den dritten Tag herum, erkenne manche selbst wieder und mich scheint man auch wiederzuerkennen. Ich bin anständig angezogen und werde für keinen armen Menschen gehalten; uns hat die Aufhebung der Leibeigenschaft nicht berührt, – uns sind Wälder und Wiesen geblieben, das Einkommen ist demnach nicht vermindert worden. Aber ... ich will meine Beziehungen nicht pflegen, auch früher waren sie mir langweilig. Ich gehe nun den dritten Tag herum und gebe mich nicht zu erkennen ... Dazu kommt noch diese Stadt! Sagen Sie mir bitte, wie ist sie entstanden! Eine Stadt von Beamten und allerhand Seminaristen! Ich habe wirklich früher vieles nicht bemerkt, als ich vor acht Jahren mich hier herumtrieb ... Ich setzte alle meine Hoffnungen nur noch ganz allein auf die Anatomie, bei Gott!“

„Was für eine Anatomie?“

„Nun, ich hoffe auf alle diese Klubs und französischen Restaurants und vielleicht noch auf den Fortschritt, – nun, der möge nach unserem Tode kommen,“ fuhr er fort, ohne wieder die Frage zu beachten. „Und was ist das für ein Vergnügen, Falschspieler zu sein?“

„Waren Sie denn auch Falschspieler?“

„Warum denn auch nicht? Wir waren eine ganze Gesellschaft vor acht Jahren und eine höchst anständige; wir vertrieben uns die Zeit, und wissen Sie, es waren alles Menschen mit guten Umgangsformen, es waren Dichter und reiche Leute darunter. Ja, und überhaupt bei uns in der russischen Gesellschaft trifft man bei denen, die schon Prügel bekommen haben, die allerbesten Umgangsformen, – haben Sie es noch nicht gemerkt? Ich bin auf dem Lande ein wenig heruntergekommen. Und trotzdem wollte mich damals ein Griechenkerl aus Njeschin wegen Schulden ins Gefängnis einsperren lassen. Da tauchte Marfa Petrowna auf, handelte ein wenig und löste mich für dreißigtausend Silberlinge aus – im ganzen schuldete ich siebzigtausend. Wir traten in den gesetzlichen Ehestand und sie brachte mich sofort auf ihr Gut, als habe sie einen Schatz gehoben. Sie war um fünf Jahre älter als ich. Liebte mich sehr. Sieben Jahre habe ich dort gelebt. Und stellen Sie sich vor, sie hatte ihr ganzes Leben das Dokument in Händen, es war auf einen fremden Namen über diese dreißigtausend von mir ausgestellt, so daß, wenn ich beabsichtigte, mich gegen sie zu empören, – ich sofort ins Loch gekommen wäre. Und sie hätte es getan! Bei Frauen ist alles möglich.“

„Und wäre das Dokument nicht vorhanden gewesen, so wären Sie auch sicherlich schon lange ausgekniffen?“

„Ich weiß nicht, was ich Ihnen da sagen soll. Dieses Dokument genierte mich fast gar nicht. Ich hatte keine Lust, irgendwohin zu reisen, und Marfa Petrowna riet mir selbst ein paarmal eine Auslandsreise, als sie merkte, daß ich mich langweile. Wozu aber? Im Auslande war ich vorher gewesen und da war es mir immer langweilig. Eigentlich langweilte ich mich nicht, aber sehen Sie, man sieht die Sonne untergehen, ringsum ist das Meer – die Bucht von Neapel, und es wird einem traurig zumute. Am unangenehmsten ist es, daß man tatsächlich Sehnsucht nach Hause bekommt. Nein, in der Heimat ist es besser, – hier schiebt man die Schuld immer den andern zu und nimmt sich selbst in Schutz. Ich würde mich vielleicht jetzt gegebenenfalls an einer Expedition nach dem Nordpol beteiligen, denn – j’ai le vin mauvais[5], es widert mich an, zu trinken, und außer dem Wein bleibt mir nichts übrig. Man sagt, daß Berg am Sonntag im Jussupoffschen Garten in einem großen Ballon aufsteigen will und Mitreisende gegen eine bestimmte Bezahlung auffordert, ist das wahr?“

„Was, Sie wollen wohl mitfliegen?“

„Ich? Nein ... so ...“ murmelte Sswidrigailoff und wurde wirklich nachdenklich.

„Was ist mit dem nur los?“ dachte Raskolnikoff.

„Nein, das Dokument genierte mich nicht,“ fuhr Sswidrigailoff sinnend fort. „Ich verließ freiwillig nicht das Gut. Ja und es wird bald ein Jahr, seit Marfa Petrowna mir zu meinem Namenstage dieses Dokument zurückgab und außerdem mir noch eine nennenswerte Summe schenkte. Sie hatte ein schönes Vermögen. ‚Sehen Sie, wie ich Ihnen vertraue, Arkadi Iwanowitsch‘, wahrhaftig, so sagte sie. Sie glauben nicht, daß sie so gesagt hat? Wissen Sie, ich bin auf dem Lande ein anständiger Hauswirt geworden; man kennt mich im ganzen Umkreise. Ich ließ mir auch Bücher kommen. Marfa Petrowna fand es zuerst gut, später aber fürchtete sie immer, ich könnte mich durch zu vieles Lesen überanstrengen.“

„Sie vermissen Marfa Petrowna, wie es scheint, sehr?“

„Ich? Vielleicht. Wahrhaftig, vielleicht. Ja, nebenbei gesagt, glauben Sie an Gespenster?“

„Was für Gespenster?“

„An gewöhnliche Gespenster!“

„Sie glauben daran?“

„Vielleicht, vielleicht auch nicht, pour vous plaire[6] ... Das heißt eigentlich, glaube ich ...“

„Erscheinen sie bei Ihnen etwa?“

Sswidrigailoff blickte ihn sonderbar an.

„Marfa Petrowna geruht mich zu besuchen,“ sagte er und verzog seinen Mund zu einem merkwürdigen Lächeln.

„Was heißt es, sie geruht Sie zu besuchen?“

„Ja, sie ist schon dreimal dagewesen. Zum erstenmal sah ich sie am Tage der Beerdigung, eine Stunde nach ihrem Begräbnis. Das war am Tage vor meiner Abreise. Das zweitemal war es vorgestern auf der Reise, am frühen Morgen auf der Station Malaja Wischera, und zum dritten Male heute, vor zwei Stunden, in der Wohnung, wo ich abgestiegen bin; ich war allein.“

„Sehen Sie sie im wachen Zustande?“

„Vollkommen. Alle dreimal im wachen Zustande. Sie tritt herein, spricht einen Augenblick und geht durch die Tür hinaus, stets durch die Türe. Man kann es sogar hören.“

„Ich habe es mir gleich gedacht, daß mit Ihnen unbedingt irgend etwas dieser Art vorgehen muß!“ sagte plötzlich Raskolnikoff und staunte im selben Augenblicke, daß er das gesagt hatte. Er war in großer Aufregung.

„So, so? Sie haben es sich gedacht?“ fragte Sswidrigailoff verwundert. „Ist es möglich? Sagte ich nicht, daß es zwischen uns einen gemeinsamen Punkt geben muß.“

„Das haben Sie nie gesagt!“ antwortete scharf und außer sich Raskolnikoff.

„Habe ich es nicht gesagt?“

„Nein!“

„Mir war, als hätte ich es gesagt. Als ich vorhin eintrat und sah, daß Sie mit geschlossenen Augen liegen und sich bloß schlafend stellten, da sagte ich mir, ‚er ist derselbe!‘“

„Was heißt das – er ist derselbe? Was meinen Sie damit?“ rief Raskolnikoff aus.

„Was ich meine? Wirklich, ich weiß es nicht ...“ murmelte Sswidrigailoff offenherzig und scheinbar selbst verwirrt vor sich hin. Sie schwiegen etwa eine Minute und blickten einander unablässig an.

„Das ist alles Unsinn!“ rief Raskolnikoff ärgerlich. „Was sagt sie Ihnen denn, wenn sie erscheint?“

„Sie? Stellen Sie sich vor, sie spricht über die geringsten Kleinigkeiten und mögen Sie sich über mich wundern oder nicht, – gerade das ärgert mich. Das erstemal, als sie erschien, – wissen Sie, ich war müde nach der Totenmesse und dem Begräbnis und dem Essen und war in meinem Schreibzimmer allein geblieben, hatte mir eine Zigarre angesteckt und war in Gedanken versunken, – da trat sie also durch die Türe ein und sagte: ‚Arkadi Iwanowitsch, Sie haben heute bei all dem Trubel vergessen, die Uhr im Speisezimmer aufzuziehen.‘ Diese Uhr habe ich tatsächlich all die sieben Jahre jede Woche selbst aufgezogen, und wenn ich es vergessen hatte, erinnerte sie mich stets daran. Am anderen Morgen war ich schon auf der Reise hierher. Ich komme am frühen Morgen auf einer Station an, hatte die Nacht nur wenig geschlummert, fühlte mich zerschlagen, die Augen waren müde, und als ich mir eine Tasse Kaffee nahm, sah ich plötzlich, wie sich Marfa Petrowna neben mich mit einem Kartenspiel in der Hand hinsetzte. ‚Soll ich Ihnen nicht die Karten legen, Arkadi Iwanowitsch?‘ fragte sie mich. Sie war eine Meisterin im Kartenlegen. Nein, ich werde es mir nie verzeihen, daß ich mir die Karten nicht legen ließ. Ich lief im Schrecken fort, es war auch höchste Zeit, denn es wurde zum Abfahren geläutet. Heute sitze ich nun nach einem sehr schlechten Essen aus einer Stadtküche mit schwerem Magen da und rauche, – da erscheint wieder Marfa Petrowna sehr geputzt, in einem neuen grünen Seidenkleide mit einer sehr langen Schleppe. ‚Guten Tag, Arkadi Iwanowitsch!‘ sagte sie. ‚Wie gefällt Ihnen mein Kleid? Anisja kann es nicht so gut machen.‘ Anisja, wissen Sie, ist unsere Schneiderin auf dem Lande, eine frühere Leibeigene, hat ihr Handwerk in Moskau erlernt, – ein hübsches Mädel. Also, Marfa Petrowna steht vor mir und zeigt sich von allen Seiten. Ich besah mir das Kleid und blickte ihr dann aufmerksam ins Gesicht. ‚Was ist es für ein Vergnügen, Marfa Petrowna, wegen solcher Kleinigkeiten zu mir zu kommen und mich zu belästigen.‘ – ‚Ach, mein Gott, man darf Sie auch nicht mal fragen!‘ Und ich sagte ihr, um sie zu necken: ‚Ich will mich verheiraten, Marfa Petrowna.‘ – ‚Das kann man von Ihnen erwarten, Arkadi Iwanowitsch; Sie legen damit nicht viel Ehre ein, da Sie kaum Ihre Frau beerdigt haben und schon heiraten wollen. Und wenn Sie noch gut gewählt hätten, so aber – ich weiß es – werden weder Sie selbst, noch Ihre Auserwählte es gut haben.‘ Darauf ging sie hinaus mit rauschender Schleppe. Ist das nicht alles Unsinn?“

„Ich glaube, das sind alles ausgedachte Lügen?“ erwiderte Raskolnikoff.

„Ich lüge selten,“ antwortete Sswidrigailoff sinnend und als hätte er die Grobheit der Frage gar nicht gemerkt.

„Haben Sie nie vorher Gespenster gesehen?“

„Nein, ich habe wohl ein einziges Mal im Leben vor sechs Jahren ein Gespenst gesehen. Ich hatte einen Diener Filka; gerade, als man ihn beerdigt hatte, rief ich in der Zerstreutheit: ‚Filka, die Pfeife!‘ und er kam herein und ging zu dem Pfeifenständer. Ich saß und dachte, ‚er wird sich wohl rächen wollen‘, denn vor seinem Tode hatten wir uns ordentlich gezankt. ‚Wie, wagst du‘, sagte ich zu ihm, ‚zu mir mit einem zerrissenen Ellenbogen zu kommen, – hinaus, Hallunke!‘ Er wandte sich um, ging hinaus und erschien nie mehr. Ich habe es Marfa Petrowna nicht erzählt. Ich wollte für ihn eine Totenmesse abhalten lassen, aber genierte mich.“

„Gehen Sie zu einem Arzte!“

„Ich weiß auch ohne Sie, daß ich nicht gesund bin, obwohl ich wahrhaftig nicht weiß, wo es mir fehlt; meiner Ansicht nach bin ich sicher fünfmal gesünder als Sie. Ich habe Sie jedoch nicht danach gefragt. Ich habe Sie vielmehr gefragt, glauben Sie, daß es Gespenster gibt?“

„Nein, ich kann um nichts in der Welt daran glauben!“ rief Raskolnikoff wütend aus.

„Wie spricht man von solchem Falle gewöhnlich?“ murmelte Sswidrigailoff vor sich hin, sah dabei zur Seite und hatte ein wenig den Kopf gesenkt. „Die einen sagen, – du bist krank, und das, was sich dir vorstellt, ist ein nicht existierender Wahn. Das ist aber doch unlogisch. Ich gebe zu, daß Gespenster nur Kranken erscheinen, aber das beweist doch bloß, daß die Gespenster niemand anderen als Kranken erscheinen können, jedoch nicht, daß sie an und für sich nicht existieren.“

„Gewiß, sie existieren auch nicht!“ bestand Raskolnikoff gereizt auf seiner Ansicht.

„Nicht? Sie meinen es?“ fuhr Sswidrigailoff langsam fort und blickte ihn an. „Nun, man kann es auch so betrachten, – Sie müssen mir helfen, – Gespenster sind sozusagen Teile und Stückchen aus anderen Welten, ihr Anfang. Ein gesunder Mensch braucht sie selbstverständlich nicht zu sehn, denn ein Gesunder ist der meist irdische Mensch und soll also der Ordnung und Vollständigkeit wegen nur das gegenwärtige Leben leben. Nun, wenn er aber erkrankt und wenn die normale irdische Ordnung im Organismus ein wenig ins Wanken geraten ist, beginnt sich sofort die Möglichkeit einer anderen Welt zu zeigen, und je stärker er erkrankt, um so mehr gibt es für ihn Berührungspunkte mit dieser Welt, bis er, wenn er schließlich stirbt, in die andere Welt übergeht. Ich habe darüber seit langem nachgedacht. Wenn Sie an ein zukünftiges Leben glauben, so können Sie auch an diesen Gedanken glauben.“

„Ich glaube nicht an ein zukünftiges Leben,“ sagte Raskolnikoff.

Sswidrigailoff saß nachdenklich da.

„Wenn es aber dort drüben nur Spinnen oder dergleichen gibt,“ sagte er rasch.

„Er ist verrückt,“ dachte Raskolnikoff.

„Uns erscheint immer die Ewigkeit als eine Idee, die man nicht erfassen kann, als etwas ungeheuer Großes. Aber warum soll sie denn unbedingt ungeheuer groß sein? Und schließlich stellen Sie sich vor, anstatt dessen wird dort ein kleines Zimmer sein, ähnlich einer Badestube auf dem Lande; verräuchert, in allen Ecken Spinnen, und das wird die ganze Ewigkeit sein. Wissen Sie, ich stelle sie mir zuweilen in dieser Art vor.“

„Und stellen Sie sich tatsächlich nichts tröstlicheres und gerechteres vor, als dieses!“ rief Raskolnikoff aufgeregt.

„Gerechteres? Woher wissen wir es, vielleicht ist dies auch gerecht; und wissen Sie, ich würde es unbedingt so einrichten!“ antwortete Sswidrigailoff und lächelte unbestimmt.

Es überlief Raskolnikoff bei dieser abscheulichen Antwort kalt. Sswidrigailoff erhob den Kopf, blickte ihn aufmerksam an und lachte plötzlich laut auf.

„Nein, bedenken Sie bloß,“ rief er aus, „vor einer halben Stunde hatten wir einander noch nicht gesehen, hielten uns für Feinde, hatten eine Angelegenheit auszutragen; wir ließen die Sache fallen und verwirren uns in diese Ideen! Nun, habe ich nicht die Wahrheit gesagt, daß wir von einem Stamme sind?“

„Tun Sie mir den Gefallen,“ fuhr Raskolnikoff gereizt fort, „erklären Sie sich schneller und teilen Sie mir mit, warum Sie mir die Ehre erwiesen haben, mich zu besuchen ... und ... und ich habe Eile, habe keine Zeit, ich will fortgehen ...“

„Bitte, bitte. Ihre Schwester Awdotja Romanowna heiratet Herrn Peter Petrowitsch Luschin?“

„Können Sie nicht jede Frage über meine Schwester vermeiden und ihren Namen unerwähnt lassen? Ich begreife nicht, wie Sie es wagen, in meiner Gegenwart ihren Namen auszusprechen, wenn Sie tatsächlich Sswidrigailoff sind.“

„Ich bin doch gekommen, um über sie zu sprechen, wie soll ich denn ihren Namen nicht erwähnen?“

„Gut. Reden Sie, aber schnell!“

„Ich bin überzeugt, daß Sie sich Ihre Meinung über diesen Herrn Luschin, einen Verwandten meiner Frau, schon gebildet haben, wenn Sie ihn nur eine halbe Stunde gesehen oder irgend etwas Sicheres und Genaues über ihn gehört haben. Er paßt nicht für Awdotja Romanowna. Meiner Ansicht nach bringt sich Awdotja Romanowna hier sehr großmütig und uneigennützig zum Opfer für ... für ihre Familie. Mir schien es, auf Grund all dessen, was ich über Sie gehört habe, daß Sie Ihrerseits sehr zufrieden sein würden, wenn diese Heirat ohne Verletzung der Interessen nicht zustandekommen würde. Jetzt aber, nachdem ich Sie persönlich kennengelernt habe, bin ich davon sogar überzeugt.“

„Ihrerseits ist dies alles sehr naiv, entschuldigen Sie, ich wollte sagen, frech,“ erwiderte Raskolnikoff.

„Das heißt, Sie sagen damit, daß ich für meinen eigenen Nutzen sorge. Seien Sie ruhig, Rodion Romanowitsch, wenn ich meine eigenen Vorteile im Auge haben würde, so hätte ich mich nicht so offen ausgesprochen, ich bin doch nicht ganz dumm. In dieser Beziehung will ich Ihnen eine psychologische Merkwürdigkeit offenbaren. Vorhin sagte ich, als ich meine Liebe zu Awdotja Romanowna rechtfertigte, daß ich selbst ein Opfer dieser Liebe sei. Nun, mögen Sie wissen, daß ich jetzt gar keine Liebe mehr, absolut gar keine empfinde, so daß ich mich über mich selbst wundere, denn ich hatte doch tatsächlich so empfunden ...“

„Aus Müßiggang und Unsittlichkeit,“ unterbrach ihn Raskolnikoff.

„Ich bin wirklich ein Nichtstuer und Wüstling. Aber, Ihre Schwester hat so viele Vorzüge, daß ich einem gewissen Eindrucke unterliegen mußte. Doch das ist alles Unsinn, wie ich es selbst jetzt auch einsehe.“

„Haben Sie es seit langem eingesehen?“

„Ich habe es schon früher gemerkt, mich aber vorgestern im Augenblicke meiner Ankunft in Petersburg endgültig davon überzeugt. Übrigens, in Moskau noch stellte ich mir vor, daß ich nur reise, um mit Herrn Luschin in Konkurrenz zu treten und um Awdotja Romanownas Hand anzuhalten.“

„Entschuldigen Sie, daß ich Sie unterbreche, aber tun Sie mir den Gefallen, sich kürzer zu fassen und direkt auf den Zweck Ihres Besuches überzugehen. Ich habe Eile, ich muß fortgehen ...“

„Mit größtem Vergnügen. Als ich hier angekommen war und mich entschlossen hatte, jetzt eine ... Reise anzutreten, wollte ich einige notwendige Anordnungen vorher treffen. Meine Kinder sind bei der Tante geblieben und sind reich; mich persönlich brauchen sie nicht. Was für ein Vater wäre ich auch? Ich habe mir selbst nur das genommen, was mir Marfa Petrowna vor einem Jahre geschenkt hatte. Für mich reicht es. Entschuldigen Sie, ich komme sofort zur Sache selbst. Vor meiner Reise, die vielleicht bald verwirklicht wird, will ich aber mit Herrn Luschin abrechnen. Nicht etwa, daß ich ihn gar nicht ausstehen kann, aber um seinetwillen entstand der Streit mit Marfa Petrowna, nachdem ich erfahren hatte, daß sie diese Heirat eingeleitet hat. Ich möchte jetzt, durch Ihre Vermittlung, Awdotja Romanowna sehen und meinetwegen in Ihrer Anwesenheit ihr erklären, daß sie von seiten des Herrn Luschin nicht nur nicht den geringsten Vorteil, sondern sicher eine unbedingte Enttäuschung erfahren wird. Dann möchte ich, nachdem ich sie wegen aller Unannehmlichkeiten um Entschuldigung gebeten habe, mir die Erlaubnis einholen, ihr zehntausend Rubel anzubieten, um ihr in dieser Weise den Bruch mit Herrn Luschin zu erleichtern; ich bin überzeugt, daß sie sich gegen einen Bruch mit ihm nicht sträubt, wenn sich nur eine Möglichkeit bietet.“

„Sie sind aber tatsächlich, tatsächlich verrückt!“ rief Raskolnikoff, mehr erstaunt als ärgerlich. „Wie können Sie sich unterstehen, so zu sprechen!“

„Ich wußte es, daß Sie mich anschreien werden, aber trotzdem ich nicht reich bin, kann ich vollkommen über diese zehntausend Rubel verfügen, ich brauche sie gar nicht. Wenn Awdotja Romanowna sie nicht annehmen will, werde ich sie vielleicht in der dümmsten Art verwenden. Das ist das eine. Mein Gewissen ist vollkommen ruhig, ich biete sie ohne jeglichen Hintergedanken an. Nun zweitens. Glauben Sie es, oder glauben Sie es nicht, später werden Sie und Awdotja Romanowna es erfahren. Die ganze Sache dreht sich doch darum, daß ich tatsächlich Mühe und Unannehmlichkeiten Ihrer verehrten Schwester verursacht habe; und da ich eine aufrichtige Reue empfinde, wünsche ich von Herzen, – mich nicht etwa loskaufen und die Unannehmlichkeiten bezahlen, sondern einfach ihr etwas Vorteilhaftes aus dem Grunde zu erweisen, weil ich doch schließlich kein Privilegium habe, nur Böses zu tun. Wenn sich in meinem Anerbieten eine winzige Spur von Berechnung fände, so würde ich ihr doch nicht bloß zehntausend anbieten, da ich vor fünf Wochen ihr viel mehr angeboten habe. Außerdem werde ich vielleicht sehr, sehr bald ein junges Mädchen heiraten, folglich muß dadurch der ganze Verdacht, daß ich gegen Awdotja Romanowna etwas im Schilde führe, fortfallen. Zum Schlusse möchte ich noch sagen, daß Awdotja Romanowna, indem sie Herrn Luschin heiratet, dasselbe Geld nimmt, nur von anderer Seite ... Ärgern Sie bitte sich nicht, Rodion Romanowitsch, überlegen Sie es sich ruhig und kaltblütig ...“

Sswidrigailoff war, während er dies sagte, selbst außerordentlich kaltblütig und ruhig.

„Ich bitte Sie, zu Ende zu kommen,“ sagte Raskolnikoff. „Jedenfalls ist es unverzeihlich frech.“

„Keineswegs. Demnach könnte ein Mensch einem anderen in dieser Welt nur Böses zufügen und hat im Gegenteil kein Recht wegen leerer konventioneller Formalitäten, ihm ein bißchen Gutes zu erweisen. Das ist unsinnig. Wenn ich zum Beispiel gestorben wäre und diese Summe Ihrer Schwester laut Testament hinterlassen hätte, würde sie sich auch dann weigern, sie anzunehmen?“

„Sehr möglich.“

„Nein, das glaube ich nicht. Übrigens, wenn sie nein sagt, mag es dabei bleiben, zehntausend aber sind unter Umständen eine angenehme Sache. In jedem Falle bitte ich Sie, Awdotja Romanowna das Gesagte mitzuteilen.“

„Nein, ich werde es ihr nicht mitteilen.“

„In diesem Falle, Rodion Romanowitsch, werde ich gezwungen sein, eine persönliche Zusammenkunft herbeizuführen, also auch sie belästigen.“

„Und wenn ich es ihr mitteilen werde, wollen Sie dann von einer persönlichen Zusammenkunft absehen?“

„Ich weiß wirklich nicht, was ich Ihnen sagen soll. Einmal möchte ich sie doch gerne sehen.“

„Hoffen Sie nicht darauf!“

„Schade. Sie kennen mich noch nicht. Vielleicht werden wir uns näherkommen.“

„Sie meinen, daß wir einander näherkommen werden?“

„Warum denn nicht?“ sagte Sswidrigailoff lächelnd, stand auf und nahm seinen Hut. „Nicht, daß es mir Spaß machte, Sie zu belästigen, und als ich hierher ging, rechnete ich nicht mit dieser Möglichkeit, obwohl mir Ihr Gesicht schon vorhin, heute morgen, auffiel ...“

„Wo haben Sie mich heute früh gesehen?“ fragte Raskolnikoff voll Unruhe.

„Zufällig ... Mir kommt es immer vor, als wäre etwas in Ihnen, was meinem Wesen entspricht ... Regen Sie sich nicht auf, ich bin nicht aufdringlich; ich bin mit Falschspielern gut ausgekommen, war dem Fürsten Sswirbei, einem entfernten Verwandten und Würdenträger, nicht zur Last gefallen, habe es verstanden, Frau Prilukoff ins Album ein Gedicht über die Raphaelsche Madonna zu schreiben, habe mit Marfa Petrowna sieben Jahre auf einem Fleck verlebt, in früheren Zeiten im Hause Wjasemski auf dem Heumarkte geschlafen und werde nun vielleicht mit Berg im Luftballon aufsteigen.“

„Nun, schon gut. Erlauben Sie mir die Frage, wollen Sie bald Ihre Reise antreten?“

„Welch eine Reise?“

„Von der Sie sprachen ... Sie sagten es doch selbst.“

„Ach ja! ... in der Tat, ich sprach von der Reise ... Nun, das ist eine große Frage ... Wenn Sie aber wüßten, wonach Sie mich soeben fragten!“ fügte er hinzu und lachte laut und kurz. „Ich werde vielleicht anstatt zu reisen, mich verheiraten. Man freit mir eine Braut.“

„Hier?“

„Ja.“

„Wann haben Sie denn dazu Zeit gefunden?“

„Mit Awdotja Romanowna jedoch möchte ich sehr gern einmal zusammentreffen. Ich bitte Sie in allem Ernst. Nun, auf Wiedersehen, ach ... ja! Ich hätte bald vergessen, Rodion Romanowitsch! Teilen Sie bitte Ihrer Schwester mit, daß sie im Testamente Marfa Petrownas mit dreitausend Rubeln bedacht ist. Das ist absolut richtig. Marfa Petrowna hat es eine Woche vor ihrem Tode angeordnet, und zwar in meiner Anwesenheit. Nach zwei oder drei Wochen kann Awdotja Romanowna auch das Geld erhalten.“

„Sagen Sie die Wahrheit?“

„Die volle Wahrheit. Teilen Sie es ihr mit. Nun, Ihr Diener. Ich wohne nicht sehr weit von Ihnen.“

Beim Weggehen stieß Sswidrigailoff in der Tür mit Rasumichin zusammen.

II.

Es war schon fast acht Uhr; beide eilten zu Bakalejeff, um früher als Luschin da zu sein.

„Wer war denn das?“ fragte Rasumichin, als sie auf die Straße hinaustraten.

„Es war Sswidrigailoff, derselbe Gutsbesitzer, in dessen Hause meine Schwester als Gouvernante Kränkungen dulden mußte. Weil er ihr nachstellte, verließ sie das Haus, von seiner Frau Marfa Petrowna hinausgejagt. Dieselbe Marfa Petrowna hat nachher Dunja um Verzeihung gebeten und ist jetzt plötzlich gestorben. Vorhin sprachen wir von ihr. Ich weiß nicht warum, aber ich fürchte diesen Menschen sehr. Er reiste sofort nach der Beerdigung seiner Frau hierher, ist sehr sonderbar und hat sich zu etwas entschlossen ... Er scheint etwas zu wissen ... Man muß Dunja vor ihm schützen ... und das wollte ich dir auch sagen, hörst du?“

„Schützen! Was kann er denn gegen Awdotja Romanowna vorhaben? Nun, ich danke dir, Rodja, daß du so zu mir sprichst ... Wir wollen sie schützen! ... Wo lebt er?“

„Ich weiß es nicht.“

„Warum hast du ihn nicht gefragt? Ach, schade! Ich werde es übrigens bald erfahren!“

„Hast du ihn gesehen?“ fragte Raskolnikoff nach einigem Schweigen.

„Nun ja, ich habe ihn mir gemerkt; gut gemerkt!“

„Hast du ihn wirklich gesehen? Deutlich gesehen?“ wiederholte Raskolnikoff.

„Freilich, ich erinnere mich seiner deutlich; unter tausend erkenne ich ihn wieder, ich habe ein gutes Gedächtnis für Gesichter.“

Sie schwiegen wieder.

„Hm ... das ist gut ...“ murmelte Raskolnikoff. „Sonst, weißt du ... dachte ich ... mir scheint es manchmal, als wenn es eine Einbildung von mir wäre.“

„Was meinst du damit? Ich verstehe dich nicht ganz.“

„Ihr sprecht doch alle davon,“ fuhr Raskolnikoff fort und verzog den Mund zu einem Lächeln, „daß ich verrückt sei; mir schien es nun augenblicklich, als ob ich tatsächlich verrückt sei und bloß ein Gespenst gesehen habe.“

„Was fällt dir ein?“

„Wer weiß es denn! Vielleicht bin ich wahrhaftig verrückt, und alles, was in diesen Tagen vorgefallen ist, geschah vielleicht nur in meiner Einbildung ...“

„Ach, Rodja! Man hat dich wieder aufgeregt! ... Ja, was sagte er denn, warum kam er?“

Raskolnikoff antwortete nicht, Rasumichin sann eine Weile nach.

„Nun, höre mir zu,“ begann er. „Ich war bei dir gewesen, da schliefst du. Dann aßen wir zu Mittag und ich ging nachher zu Porphyri. Sametoff war noch immer da. Ich wollte anfangen mit ihm zu sprechen, aber es kam nichts heraus. Ich konnte nie in richtiger Weise beginnen. Sie schienen auch nicht zu begreifen und wollten nichts begreifen und waren gar nicht beschämt. Ich führte Porphyri zum Fenster hin und begann zu sprechen, aber es kam wieder nichts dabei heraus, – er blickte zur Seite und ich blickte zur Seite. Schließlich streckte ich ihm die Faust drohend entgegen und sagte, daß ich ihn in verwandtschaftlicher Weise zerschmettern werde. Er sah mich bloß an und sagte nichts. Ich ließ die Sache fallen und ging weg, das ist alles. Sehr dumm, nicht wahr. Mit Sametoff redete ich kein Wort. Siehst du aber, – ich dachte anfangs, ich habe die Sache verschlimmert, aber wie ich die Treppe hinunterstieg, kam mir, nein besser, erleuchtete mich der Gedanke, warum beunruhigen wir uns eigentlich? Wenn dir wenigstens eine Gefahr drohen würde oder etwas ähnliches in Aussicht wäre, nun, dann wäre es verständlich! Was geht es aber dich an? Du hast mit der Sache nichts zu tun, also pfeife auf sie; wir werden noch später über sie lachen und ich würde an deiner Stelle sie noch mystifizieren. Wie sie sich nachher schämen werden! Pfeif darauf; wir können sie auch nachher verprügeln, jetzt aber wollen wir über sie lachen!“

„Du hast recht, versteht sich!“ antwortete Raskolnikoff.

„Aber was wirst du morgen sagen?“ dachte er sofort.

Sonderbar, bis jetzt war ihm noch nie der Gedanke gekommen, „was wird Rasumichin denken, wenn er es erfährt?“ Und bei diesem Gedanken blickte Raskolnikoff ihn gespannt an. An dem jetzigen Berichte Rasumichins über seinen Besuch bei Porphyri hatte er weniger Interesse, – seit der Zeit war vieles verschwunden und hinzugekommen! ...

Im Korridor stießen sie mit Luschin zusammen, – er war punkt acht Uhr erschienen und suchte das Zimmer, so daß alle drei zugleich eintraten, ohne aber einander anzublicken und ohne sich zu grüßen. Die jungen Leute gingen sofort in die Stube hinein, Peter Petrowitsch verblieb aus Anstand eine Weile im Vorzimmer und nahm den Mantel ab. Pulcheria Alexandrowna ging ihm sofort entgegen, um ihn an der Schwelle zu empfangen. Dunja begrüßte den Bruder.

Peter Petrowitsch trat ein und verneigte sich ziemlich liebenswürdig, aber auch mit besonderer Zurückhaltung vor den Damen. Er sah aus, als wäre er ein wenig verwirrt und als ob er sich noch nicht gefaßt hätte. Pulcheria Alexandrowna, auch ein wenig aufgeregt, beeilte sich sofort, alle um einen Tisch, auf dem ein Samowar brannte, zu placieren. Dunja und Luschin setzten sich einander gegenüber zu beiden Seiten des Tisches. Rasumichin und Raskolnikoff kamen Pulcheria Alexandrowna gegenüber zu sitzen, – Rasumichin neben Luschin, Raskolnikoff neben der Schwester.

Es trat Schweigen ein. Peter Petrowitsch zog langsam ein Batisttaschentuch hervor, das nach Parfüm duftete und schneuzte sich mit der Miene eines tugendhaften, in seiner Würde gekränkten Menschen, der fest entschlossen ist, Erklärungen zu verlangen. Im Vorzimmer war ihm der Gedanke gekommen, – den Mantel nicht abzunehmen und fortzugehen und dadurch die Damen streng und nachdrücklich zu bestrafen, um sie mit einem Male ihr Unrecht fühlen zu lassen. Aber er konnte sich nicht dazu entschließen. Außerdem liebte er keine Ungewißheit, und hier galt es, festzustellen, aus welchem Grunde sein Befehl so offensichtlich nicht befolgt wurde, es mußte irgend etwas Besonderes sein, und so war es besser abzuwarten; zu strafen war immer Zeit genug, es lag ja in seinen Händen.

„Ich hoffe, die Reise ist glücklich abgelaufen?“ wandte er sich im offiziellen Tone an Pulcheria Alexandrowna.

„Gottlob ja, Peter Petrowitsch.“

„Sehr angenehm zu hören. Und Awdotja Romanowna ist auch nicht ermüdet?“

„Ich bin jung und stark und werde nicht müde, aber für Mama war es sehr schwer gewesen,“ antwortete Dunetschka.

„Was ist da zu machen; die Entfernungen in unserm Lande sind groß. Groß ist das sogenannte ‚Mütterchen Rußland‘ ... Ich aber konnte beim besten Willen Sie gestern nicht empfangen. Ich hoffe jedoch, daß alles ohne Aufregung gut verlaufen ist?“

„Ach nein, Peter Petrowitsch, wir waren sehr mutlos,“ beeilte sich Pulcheria Alexandrowna mit besonderer Betonung zu bemerken, „und wenn uns nicht Gott selbst Dmitri Prokofjitsch gestern gesandt hätte, so wären wir sehr verlassen gewesen. Das ist er, Dmitri Prokofjitsch Rasumichin,“ fügte sie hinzu, ihn Luschin vorstellend.

„Ich hatte schon das Vergnügen ... gestern,“ murmelte Luschin und sah Rasumichin dabei feindselig von der Seite an, sein Gesicht verdüsterte sich und er schwieg.

Peter Petrowitsch gehörte zu den Leuten, die in der Gesellschaft außerordentlich liebenswürdig sind und auf Liebenswürdigkeit besonderen Anspruch erheben, die aber auch sofort, wenn das geringste nicht nach ihrem Geschmack ist, alle ihre guten Eigenschaften verlieren und eher Mehlsäcken als gewandten und die Gesellschaft belebenden Kavalieren gleichen. Alle verstummten wieder eine Weile, – Raskolnikoff schwieg hartnäckig und Awdotja Romanowna wollte das Schweigen nicht vorzeitig unterbrechen. Rasumichin hatte nichts zu sagen, so daß Pulcheria Alexandrowna wieder unruhig wurde.

„Marfa Petrowna ist gestorben, Sie haben es wohl gehört?“ begann sie zu einem ihrer Hauptaushilfemittel greifend.

„Ich habe es gehört. Ich wurde sofort benachrichtigt und bin sogar jetzt gekommen, Ihnen mitzuteilen, daß Arkadi Iwanowitsch Sswidrigailoff unverzüglich nach der Beerdigung seiner Gattin nach Petersburg abgereist ist. So lauten wenigstens die sichersten Nachrichten, die ich empfangen habe.“

„Nach Petersburg? Hierher?“ fragte Dunja voll Unruhe und wechselte mit der Mutter einen Blick.

„Ja, es ist ganz sicher und er kommt selbstverständlich nicht ohne Absichten, wenn man die Eile der Abreise und überhaupt die vorangegangenen Umstände in Betracht zieht.“

„Mein Gott! Will er etwa auch hier Dunetschka nicht in Ruhe lassen?“ rief Pulcheria Alexandrowna aus.

„Mir scheint es, weder Sie noch Awdotja Romanowna brauchen sich besonders aufzuregen, wenn Sie natürlich nicht selbst mit ihm in Verbindung treten wollen. Was mich anbetrifft, so werde ich nach ihm forschen und mich erkundigen, wo er abgestiegen ist ...“

„Ach, Peter Petrowitsch, Sie werden nicht glauben, wie Sie mich jetzt erschreckt haben!“ fuhr Pulcheria Alexandrowna fort. „Ich habe ihn bloß zweimal gesehen, er erschien mir schrecklich, fürchterlich! Ich bin überzeugt, daß er die Ursache von Marfa Petrownas Tode ist.“

„Darüber läßt sich nichts sagen. Ich habe genaue Nachrichten. Ich bestreite nicht, daß er vielleicht den Gang der Dinge sozusagen durch den moralischen Einfluß von Kränkungen beschleunigt habe; denn im Urteil über sein Benehmen und überhaupt über seinen sittlichen Charakter bin ich mit Ihnen völlig einig. – Ich weiß nicht, ob er jetzt reich ist und was Marfa Petrowna ihm hinterlassen hat, darüber werde ich in kürzester Zeit erfahren, aber hier, in Petersburg, wird er selbstverständlich, wenn er nur einigermaßen Mittel besitzt, sofort seinen alten Gewohnheiten nachgehen. Er ist der verdorbenste und in Lastern verkommenste Mensch seines Geschlechts. Ich habe einen triftigen Grund anzunehmen, daß Marfa Petrowna, die das Unglück hatte, sich in ihn zu verlieben und ihn vor acht Jahren von Schulden befreite, auch in anderer Hinsicht ihm geholfen hat, – einzig und allein dank ihrer Bemühungen und Opfer wurde eine kriminelle Sache mit einem Beigeschmack von tierischer und sozusagen phantastischer Roheit vertuscht, für die er mit größter Wahrscheinlichkeit nach Sibirien geschickt worden wäre. Sehen Sie, so ist dieser Mensch, wenn Sie es wissen wollen.“

„Ach, mein Gott!“ rief Pulcheria Petrowna aus.

Raskolnikoff hörte aufmerksam zu.

„Sagen Sie die Wahrheit, daß Sie darüber genaue Nachrichten besitzen?“ fragte Dunja streng und nachdrücklich.

„Ich erzähle bloß das, was ich selbst, als Geheimnis, von der verstorbenen Marfa Petrowna gehört habe. Ich muß bemerken, daß diese Sache vom juristischen Standpunkte sehr dunkel ist. Hier lebte und scheint noch jetzt eine gewisse Rößlich zu leben, eine Ausländerin, eine kleine Wucherin, die aber sich auch mit anderen Geschäften abgibt. Zu dieser Rößlich stand seit langem Herr Sswidrigailoff in gewissem sehr nahem und geheimnisvollem Verhältnisse. Bei der Rößlich wohnte eine entfernte Verwandte, eine Nichte, glaube ich, ein taubstummes Mädchen von fünfzehn oder vierzehn Jahren, die diese Rößlich grenzenlos haßte, der sie jedes Stück Brot vorwarf und die sie sogar unmenschlich schlug. Eines Tages wurde dieses Mädchen auf dem Boden erhängt aufgefunden. Es wurde festgestellt, daß sie mit Selbstmord geendet hatte. Nach den gewöhnlichen Formalitäten wurde die Sache abgeschlossen, später aber lief eine Denunziation ein, daß das Kind von Herrn Sswidrigailoff ... grausam mißhandelt worden sei. Es ist wahr, die Sache war sehr dunkel, die Denunziation stammte von einer anderen Deutschen, einem verwerflichen Frauenzimmer, die kein Vertrauen genoß; schließlich ergab es sich dank den Bemühungen und dem Gelde Petrownas, daß im Grunde genommen gar keine Denunziation eingelaufen sei; alles beschränkte sich auf ein Gerücht. Aber dieses Gerücht war bedeutsam genug. Sie, Awdotja Romanowna, haben sicher auch von der Geschichte mit dem Diener Filka gehört, der vor sechs Jahren, noch zur Zeit der Leibeigenschaft, an Mißhandlungen gestorben ist.“

„Ich habe im Gegenteil gehört, daß dieser Filka sich selbst erhängt habe.“

„Das stimmt, aber die ununterbrochenen Verfolgungen und Strafen des Herrn Sswidrigailoff haben ihn gezwungen oder besser gesagt, zum Selbstmorde getrieben.“

„Davon weiß ich nichts,“ antwortete Dunja trocken, „ich habe bloß eine sehr sonderbare Geschichte gehört, – dieser Filka war ein Hypochonder, ein Philosoph, die Menschen sagten von ihm, er habe zu viel gelesen, und er hat sich eher wegen der Spötteleien, als wegen der Schläge von Herrn Sswidrigailoff erhängt. Als ich dort im Hause war, behandelte er die Leute gut, und die Leute liebten ihn sogar, obwohl sie ihm an dem Tode Filkas die Schuld gaben.“

„Ich sehe, Awdotja Romanowna, daß Sie auf einmal geneigt sind, ihn zu entschuldigen,“ bemerkte Luschin und verzog den Mund zu einem zweideutigen Lächeln. „Er ist in der Tat ein schlauer Mensch und für Damen verführerisch, wofür Marfa Petrowna, die eines eigentümlichen Todes gestorben ist, als trauriges Beispiel dient. Ich wollte bloß Ihnen und Ihrer Frau Mutter mit meinem Ratschlage einen Dienst erweisen, in Anbetracht seiner neuen und zweifellos bevorstehenden Annäherungsversuche. Was mich anbetrifft, so bin ich fest überzeugt, daß dieser Mensch selbstverständlich wieder im Schuldgefängnisse verschwinden wird. Marfa Petrowna hat nie und nimmer die Absicht gehabt, irgend etwas auf seinen Namen zu übertragen, weil sie die Kinder im Auge hatte, und wenn sie ihm etwas hinterlassen hat, so ist es höchstens das Notwendigste, kaum nennenswert und was für einen Menschen von seinen Gewohnheiten auch nicht ein Jahr ausreicht.“

„Peter Petrowitsch, ich bitte Sie,“ sagte Dunja, „hören wir auf, von Herrn Sswidrigailoff zu sprechen. Es macht mich schwermütig.“

„Er war soeben bei mir,“ sagte plötzlich Raskolnikoff, zum ersten Male sein Schweigen brechend.

Von allen Seiten ertönten Ausrufe und alle wandten sich an ihn. Sogar Peter Petrowitsch wurde aufgeregt.

„Vor anderthalb Stunden, als ich schlief, kam er herein, weckte mich auf und stellte sich vor,“ fuhr Raskolnikoff fort. „Er war ziemlich ungezwungen und lustig und hofft sicher, daß ich mit ihm in nähere Beziehungen treten werde. Unter anderem bittet er sehr um eine Zusammenkunft mit dir, Dunja, und bat mich, der Vermittler dieser Zusammenkunft zu sein. Er will dir ein Anerbieten machen; worin dies besteht, hat er mir mitgeteilt. Außerdem teilte er mir positiv mit, daß Marfa Petrowna Zeit gefunden hat, eine Woche vor ihrem Tode, dir, Dunja, dreitausend Rubel zu vermachen, und daß du dieses Geld in sehr kurzer Zeit erhalten kannst!“

„Gott sei Dank!“ rief Pulcheria Alexandrowna und schlug ein Kreuz. „Bete für sie, Dunja, bete!“

„Das ist tatsächlich wahr?“ entschlüpfte es Luschin.

„Nun und weiter?“ drängte Dunja.

„Dann sagte er, daß er selbst nicht reich sei und das ganze Vermögen seinen Kindern, die jetzt bei der Tante sind, zufällt. Er sagte auch, daß er irgendwo nicht weit von mir abgestiegen sei, wo aber – das weiß ich nicht, ich habe ihn nicht gefragt ...“

„Aber, was will er denn Dunetschka anbieten?“ fragte die erschrockene Pulcheria Alexandrowna. „Hat er es dir gesagt?“

„Ja, er hat es gesagt.“

„Was ist es denn?“

„Ich will es nachher sagen.“ Raskolnikoff verstummte und wandte sich zu seinem Glase Tee.

Peter Petrowitsch sah auf seine Uhr.

„Ich muß in einer notwendigen Angelegenheit weggehen und werde dann nicht stören,“ fügte er mit merklich gekränkter Miene hinzu und erhob sich halb vom Stuhle.

„Bleiben Sie, Peter Petrowitsch,“ sagte Dunja, „Sie hatten doch die Absicht, den ganzen Abend hier zu verbringen. Außerdem schrieben Sie selbst, daß Sie wünschen, über etwas mit Mama zu sprechen.“

„Das ist richtig, Awdotja Romanowna,“ sagte Peter Petrowitsch mit Nachdruck, setzte sich wieder hin, behielt aber den Hut in der Hand, „ich wollte tatsächlich mit Ihnen und mit Ihrer verehrten Frau Mutter, und sogar über sehr wichtige Punkte, sprechen. Aber, wie Ihr Bruder in meiner Gegenwart sich über einige Angebote Herrn Sswidrigailoffs nicht näher erklären kann, so wünschte ich auch nicht und kann nicht ... in Gegenwart von anderen ... über einige äußerst wichtige Punkte sprechen. Außerdem ist meine Haupt- und eindringlichste Bitte nicht erfüllt worden ...“ Luschin nahm eine bittre Miene an und schwieg würdevoll.

„Ihre Bitte, daß mein Bruder bei unserer Zusammenkunft nicht zugegen wäre, ist einzig auf mein Verlangen nicht erfüllt worden,“ sagte Dunja. „Sie schrieben, daß Sie von meinem Bruder beleidigt worden sind; ich denke, daß sich dies sofort aufklären läßt und Sie beide werden sich vertragen. Und wenn Rodja Sie tatsächlich beleidigt hat, so muß und wird er Sie um Entschuldigung bitten.“

Peter Petrowitsch wurde sofort kouragierter.

„Es gibt gewisse Beleidigungen, Awdotja Romanowna, die man beim besten Willen nicht vergessen kann. In allem gibt es eine Grenze, die zu überschreiten gefährlich ist; denn, ist sie einmal überschritten, so ist es unmöglich, zurückzukehren.“

„Ich sprach eigentlich nicht darüber, Peter Petrowitsch,“ unterbrach ihn Dunja ein wenig ungeduldig, „verstehn Sie mich so, daß die ganze Zukunft jetzt davon abhängt, ob dieses alles sich möglichst schnell aufklären und erledigen wird oder nicht? Ich sage offen, daß ich anders es nicht ansehen kann, und wenn Sie mich nur ein wenig schätzen, so muß die ganze Geschichte, wie schwer es auch sein mag, heute noch beigelegt werden. Ich wiederhole Ihnen, wenn mein Bruder die Schuld trägt, wird er um Verzeihung bitten.“

„Ich bin erstaunt, daß sie die Frage so stellen, Awdotja Romanowna,“ wurde Luschin immer mehr gereizt, „wenn ich Sie schätze und sozusagen verehre, brauche ich doch gleichzeitig nicht jeden aus Ihrer Familie besonders gern zu haben. Wenn ich auf den glücklichen Besitz ihrer Hand Anspruch erhebe, brauche ich doch nicht gleichzeitig Verpflichtungen zu übernehmen, die unvereinbar ...“

„Ach, lassen Sie diese Empfindlichkeit, Peter Petrowitsch,“ unterbrach ihn Dunja mit Wärme, „und seien Sie der kluge und edle Mensch, für den ich Sie stets gehalten habe und halten will. Ich habe Ihnen ein großes Versprechen gegeben, ich bin Ihre Braut geworden; vertrauen Sie doch mir in dieser Sache und glauben Sie mir, ich werde die Kraft haben, unparteiisch zu urteilen. Der Umstand, daß ich die Rolle eines Richters übernehme, ist für meinen Bruder ebenso eine Überraschung wie für Sie. Als ich ihn heute nach dem Empfang Ihres Briefes aufforderte, unbedingt zu unserer Zusammenkunft zu kommen, habe ich ihm nichts von meinen Absichten mitgeteilt. Verstehn Sie doch, daß, wenn Sie sich nicht vertragen, ich zwischen Ihnen beiden wählen muß, – entweder Sie oder ihn. So ist die Frage, wie von seiner, so auch von Ihrer Seite gestellt. Ich will und darf mich nicht in der Wahl irren. Ihretwegen muß ich mit meinem Bruder brechen; meines Bruders wegen muß ich mit Ihnen brechen. Ich will und kann jetzt sicher erfahren, – ist er mir wirklich ein Bruder? Und von Ihnen, ob ich Ihnen teuer bin, ob Sie mich schätzen und Sie mir ein Gatte sein können?“

„Awdotja Romanowna,“ sagte Luschin verletzt. „Ihre Worte sind für mich zu bedeutungsvoll, ich will sogar sagen, kränkend, in Anbetracht der Stellung, die ich die Ehre habe Ihnen gegenüber einzunehmen. Ich spreche schon gar nicht von der kränkenden und sonderbaren Gegenüberstellung zwischen mir ... und einem aufgeblasenen Jüngling, aber in Ihren Worten geben Sie mir die Möglichkeit zu, das mir gegebene Versprechen zu brechen. Sie sagen, ‚entweder Sie, oder er‘? also zeigen Sie damit, wie wenig ich für Sie bedeute ... ich kann dies bei den Beziehungen ... und Umständen, die zwischen uns bestehen, nicht zulassen.“

„Wie!“ flammte Dunja auf. „Ich stelle Ihre Interessen auf eine Stufe mit allem, was mir im Leben bis jetzt teuer war, was bis jetzt mein ganzes Leben ausmachte, und Sie sind gekränkt, daß ich Sie zu wenig schätze!“

Raskolnikoff lächelte schweigend und höhnisch, Rasumichin war empört; Peter Petrowitsch aber ließ die Erwiderung nicht gelten, er wurde im Gegenteil mit jedem Worte immer zudringlicher und gereizter, als hätte er daran Geschmack gefunden.

„Die Liebe zum künftigen Lebensgefährten, zum Manne, muß die Liebe zum Bruder überwiegen,“ sagte er sentenziös, „in jedem Falle aber kann ich nicht auf ein und derselben Stufe stehn ... Aber obwohl ich vorhin bestimmt sagte, daß ich in Gegenwart Ihres Bruders nicht wünsche, alles zu erklären, und nicht sagen könne, weswegen ich hierhergekommen bin, habe ich jetzt trotzdem die Absicht, mich an Ihre verehrte Frau Mutter zu wenden, um eine notwendige Aufklärung über einen sehr wichtigen und mich beleidigenden Punkt zu erhalten. Ihr Sohn,“ wandte er sich an Pulcheria Alexandrowna, „hat mich gestern in Gegenwart des Herrn Rassudkin“ ... („Nicht wahr, der Name ist doch richtig, ich habe Ihren Namen vergessen, entschuldigen Sie,“ verbeugte er sich höflich vor Rasumichin) „durch die Verdrehung eines Gedankens von mir, den ich Ihnen einmal in einem Privatgespräch bei einer Tasse Kaffee mitteilte, beleidigt. Mein Gedanke war, daß die Heirat mit einem armen Mädchen, das schon die Sorgen des Lebens erfahren hat, meiner Ansicht nach vom Standpunkte der Ehe aus vorteilhafter sei, als mit einem, das im Überflusse lebt, weil es in moralischer Hinsicht nützlicher sei. Ihr Sohn hat absichtlich den Sinn meiner Worte äußerst entstellt und mich böswilliger Absichten beschuldigt, indem er sich meiner Ansicht nach auf Ihren eigenen Brief stützte. Ich würde mich glücklich schätzen, wenn es Ihnen, Pulcheria Alexandrowna, möglich wäre, mich vom Gegenteil zu überzeugen und mich dadurch sehr zu beruhigen. Teilen Sie mir mit, in welchen Ausdrücken Sie meine Worte in Ihrem Briefe an Rodion Romanowitsch wiedergegeben haben?“

„Ich entsinne mich nicht,“ sagte Pulcheria Alexandrowna verwirrt, „ich habe sie aber wiedergegeben, wie ich sie selbst verstanden hatte. Ich weiß nicht, wie Rodja es Ihnen erzählt hat ... Vielleicht hat er auch einiges übertrieben.“

„Ohne Ihren Anstoß konnte er sie nicht übertreiben.“

„Peter Petrowitsch,“ erwiderte Pulcheria Alexandrowna voll Würde, „der Beweis, daß ich und Dunja Ihre Worte nicht in sehr schlechtem Sinne aufgefaßt haben, ist, daß wir hier sind.“

„Das war gut, Mama!“ sagte Dunja lobend.

„Also, auch daran bin ich schuld!“ bemerkte Luschin gekränkt.

„Sehen Sie, Peter Petrowitsch, Sie beschuldigen immer Rodion, Sie selbst aber haben vorhin in dem Briefe über ihn die Unwahrheit geschrieben,“ fügte Pulcheria Alexandrowna ermutigt hinzu.

„Ich erinnere mich nicht, daß ich irgendeine Unwahrheit geschrieben hätte.“

„Sie haben geschrieben,“ sagte Raskolnikoff scharf, ohne sich zu Luschin umzuwenden, „daß ich gestern das Geld nicht der Witwe des Überfahrenen gegeben habe, wie es in der Tat war, sondern seiner Tochter, die ich nebenbei gesagt niemals vor dem gestrigen Tage gesehen habe. Sie haben dies geschrieben, um mich mit meinen Verwandten zu entzweien, und haben auch aus dem Grunde sich in abscheulichen Ausdrücken über den Lebenswandel des jungen Mädchen geäußert, das Sie nicht einmal kennen. Das sind alles gemeine Klatschereien.“

„Entschuldigen Sie, mein Herr,“ antwortete Luschin zitternd vor Wut, „in meinem Briefe habe ich mich über Ihre Eigenschaften und Handlungen einzig aus dem Grunde geäußert, um die Bitte Ihrer Schwester und Mutter zu erfüllen und ihnen zu beschreiben, wie ich Sie gefunden und welch einen Eindruck Sie auf mich gemacht haben. Was das in meinem Briefe Erwähnte anbetrifft, so zeigen Sie mir wenigstens eine unwahre Zeile, das heißt, daß Sie das Geld nicht verbraucht haben und daß in dieser wenn auch unglücklichen Familie keine unwürdigen Personen sich befinden?“

„Meiner Ansicht nach sind Sie mit allen Ihren Vorzügen nicht den kleinen Finger dieses unglücklichen Mädchens wert, auf das Sie einen Stein werfen.“

„Nun, können Sie sich auch entschließen, sie in die Gesellschaft Ihrer Mutter und Schwester einzuführen?“

„Ich habe es schon getan, wenn Sie es wissen wollen. Ich habe sie heute neben meine Mutter und Dunja gesetzt.“

„Rodja!“ rief Pulcheria Alexandrowna aus.

Dunetschka errötete; Rasumichin zog die Augenbrauen zusammen. Luschin lächelte höhnisch und hochmütig.

„Sie belieben selbst zu sehen, Awdotja Romanowna,“ sagte er, „daß hier keine Verständigung möglich ist. Ich hoffe jetzt, daß diese Sache abgetan und ein für allemal aufgeklärt ist. Ich will mich entfernen, um die weitere angenehme Zusammenkunft der Verwandten und die Mitteilung von Geheimnissen nicht zu stören.“ Er erhob sich vom Stuhle und nahm seinen Hut. „Beim Weggehen erlaube ich mir zu bemerken, daß ich hoffe, künftig von ähnlichen Begegnungen und sozusagen Ausgleichsversuchen befreit zu sein. Sie, verehrte Pulcheria Alexandrowna, möchte ich besonders bitten, um so mehr, als auch mein Brief an Sie und nicht an andere adressiert war.“

Pulcheria Alexandrowna fühlte sich gekränkt.

„Was, wollen Sie uns ganz in Ihre Macht nehmen, Peter Petrowitsch? Dunja hat uns den Grund gesagt, warum Ihr Wunsch nicht erfüllt worden ist, – sie hatte gute Absichten damit verfolgt. Ja, und Sie schreiben mir, als ob Sie mir zu befehlen hätten. Sollen wir denn jeden Ihrer Wünsche als Befehl ansehen? Ich will Ihnen im Gegenteil sagen, daß Sie jetzt uns gegenüber besonders delikat und nachgiebig sein sollten, weil wir alles im Stich gelassen haben und im Vertrauen zu Ihnen hierhergereist sind, also auch uns sowieso fast in Ihrer Gewalt befinden.“

„Das ist nicht ganz richtig, Pulcheria Alexandrowna, und besonders im gegenwärtigen Augenblick nicht, wo Ihnen über die von Marfa Petrowna nachgelassenen dreitausend Rubel Mitteilung zukam, was Ihnen sehr willkommen zu sein scheint, wie man nach dem neuen Tone, in dem Sie mit mir sprechen, annehmen kann,“ fügte er höhnisch hinzu.

„Nach dieser Bemerkung zu urteilen, haben Sie tatsächlich auf unsere Hilflosigkeit gerechnet,“ sagte Dunja gereizt.

„Jetzt wenigstens kann ich dies nicht mehr, und ich möchte besonders nicht die Mitteilung der geheimnisvollen Angebote von Arkadi Iwanowitsch Sswidrigailoff stören, mit denen er Ihren Bruder betraut hat, und die für Sie, wie ich sehe, eine wichtige und vielleicht auch sehr angenehme Überraschung sind.“

„Ach, mein Gott!“ rief Pulcheria Alexandrowna aus.

Rasumichin konnte nicht mehr auf dem Stuhle sitzen.

„Und du schämst dich jetzt nicht, Schwester?“ fragte Raskolnikoff.

„Ich schäme mich, Rodja,“ sagte Dunja. „Peter Petrowitsch, gehen Sie hinaus!“ wandte sie sich zu ihm, bleich vor Zorn.

Mit einem solchen Ende hatte Peter Petrowitsch nicht gerechnet. Er hatte zu sehr auf sich selbst, auf seine Macht und die Hilflosigkeit seiner Opfer gebaut. Aber er glaubte es auch jetzt noch nicht. Er erbleichte und seine Lippen zitterten.

„Awdotja Romanowna, wenn ich jetzt zu dieser Türe hinausgehe mit einem solchen Abschiede, so – bedenken Sie es – kehre ich nie mehr zurück. Überlegen Sie es sich gut! Mein Wort ist unerschütterlich.“

„Welch eine Frechheit!“ rief Dunja und erhob sich schnell von ihrem Platze, „ich will gar nicht, daß Sie zurückkehren!“

„Wie! Also so steht es!“ rief Luschin aus, der bis zum letzten Augenblicke an solchen Ausgang nicht geglaubt hatte, und der nun vollkommen den Faden verlor, „also, so ist es gemeint! Aber wissen Sie auch, Awdotja Romanowna, daß ich dagegen protestieren könnte.“

„Welch ein Recht haben Sie, in solcher Weise mit ihr zu sprechen!“ trat Pulcheria Alexandrowna hitzig ein. „Wie können Sie protestieren? Und was für Rechte haben Sie? Und soll ich Ihnen, solch einem, meine Dunja geben? Gehen Sie, verlassen Sie uns! Wir sind selbst schuld, daß wir auf solch eine ungerechte Sache eingingen und am meisten ich ...“

„Sie haben mich doch, Pulcheria Alexandrowna,“ ereiferte sich Luschin in seiner Wut, „durch Ihr gegebenes Wort gebunden, von dem Sie sich jetzt lossagen ... und endlich ... endlich haben Sie mich dadurch sozusagen in Unkosten gestürzt ...“

Diese letzte Anmaßung war dem Charakter von Peter Petrowitsch so entsprechend, daß Raskolnikoff, bleich vor Zorn und Anstrengung an sich zu halten, sich nicht enthalten konnte und – laut auflachte. Pulcheria Alexandrowna aber war außer sich.

„In Unkosten? In was für Unkosten? Meinen Sie etwa damit unseren Koffer? Es hat doch ein Schaffner ihn umsonst hergeschafft. Mein Gott, wir haben Sie gebunden! Besinnen Sie sich doch, Peter Petrowitsch, Sie haben uns an Händen und Füßen gebunden und nicht wir Sie!“

„Genug, Mama, bitte, genug!“ bat Awdotja Romanowna. „Peter Petrowitsch, tun Sie mir den Gefallen und gehen Sie!“

„Ich gehe sofort, aber noch ein letztes Wort!“ sagte er, völlig außer sich. „Ihre Mutter scheint vollkommen vergessen zu haben, daß ich mich entschlossen hatte, trotz den Gerüchten in der Stadt, die im ganzen Umkreise über Ihren Ruf verbreitet waren, Sie zu heiraten. Indem ich Ihretwegen die öffentliche Meinung nicht beachtete und Ihren Ruf herstellte, konnte ich sicher sehr auf eine Vergeltung hoffen und sogar Ihre Dankbarkeit verlangen ... Und jetzt erst sind mir die Augen geöffnet worden! Ich sehe selbst, daß ich sehr übereilt gehandelt habe, indem ich der öffentlichen Stimme keine Beachtung schenkte ...“

„Ja, hat er denn zwei Köpfe!“ rief Rasumichin aus, sprang vom Stuhle auf und schickte sich schon an, ihm einen Denkzettel zu geben.

„Sie sind ein gemeiner und böser Mensch!“ sagte Dunja.

„Kein Wort mehr! Keine Bewegung!“ rief Raskolnikoff und hielt Rasumichin zurück; dann trat er dicht an Luschin heran.

„Gehen Sie sofort hinaus!“ sagte er leise und deutlich, „und kein Wort mehr, sonst ...“

Peter Petrowitsch blickte ihn einige Sekunden mit bleichem vor Wut verzogenem Gesichte an, wandte sich um und ging hinaus, und sicher hat selten jemand soviel Haß auf einen andern in seinem Herzen davongetragen, wie dieser Mann gegen Raskolnikoff. Ihn und nur ihn allein machte er für alles verantwortlich. Merkwürdig, daß er sich, als er schon die Treppe hinabstieg, immer noch einbildete, daß die Sache vielleicht nicht ganz verloren und bei den Damen wenigstens sogar „sehr leicht“ ins Geleise zu bringen sei.