IV.

In diesem Augenblicke wurde die Türe leise geöffnet und ins Zimmer trat, sich schüchtern umblickend, ein junges Mädchen herein. Alle wandten sich mit Erstaunen und Neugier zu ihr um. Raskolnikoff erkannte sie nicht gleich auf den ersten Blick. Es war Ssofja Ssemenowna Marmeladowa. Gestern hatte er sie zum ersten Male gesehen, aber in solch einem Augenblicke, in solcher Umgebung und solch einem Aufzuge, daß in seiner Erinnerung das Bild einer ganz anderen Person haften geblieben war. Jetzt war es ein einfach und sogar ärmlich angezogenes Mädchen, noch sehr jung, fast einem Kinde ähnlich, mit bescheidenem und anständigem Wesen, und mit einem klaren, aber anscheinend verängstigten Gesichte. Sie hatte ein sehr einfaches Hauskleid an und auf dem Kopfe einen alten Hut von früherer Mode; nur in den Händen trug sie den Sonnenschirm von gestern. Als sie plötzlich ein Zimmer voll Menschen erblickte, wurde sie nicht bloß verlegen, sondern verlor die Fassung und ward verzagt wie ein kleines Kind, und machte sogar eine Bewegung, als wollte sie wieder gehen.

„Ach ... Sie sind es? ...“ sagte Raskolnikoff außerordentlich verwundert, und wurde plötzlich selbst verlegen. Er dachte sofort daran, daß die Mutter und die Schwester aus dem Briefe Luschins schon etwas von einem gewissen Mädchen „von verrufenem Lebenswandel“ wußten. Soeben hatte er noch gegen die Verleumdung Luschins protestiert und erwähnt, daß er dieses Mädchen zum ersten Male gesehen habe, und plötzlich tritt sie selbst ein. Er erinnerte sich auch, daß er gar nicht gegen den Ausdruck – „von verrufenem Lebenswandel“ protestiert habe. Dies alles durchzog unklar und flüchtig seinen Kopf. Als er aber aufmerksamer hinblickte, sah er, wie gedrückt dieses erniedrigte Wesen war, und sie tat ihm plötzlich leid. Als sie aber im Schreck sich anschickte wegzulaufen, schlug seine Stimmung um.

„Ich habe Sie nicht erwartet,“ – sagte er hastig und hielt sie mit seinem Blicke zurück. – „Setzen Sie sich bitte. Sie kommen sicher im Auftrage Katerina Iwanownas. Erlauben Sie, setzen Sie sich nicht hierhin, sondern dorthin“ ... Bei Ssonjas Eintritt war Rasumichin, der auf einem der drei Stühle Raskolnikoffs gerade neben der Türe gesessen hatte, aufgestanden, um ihr zum Hereingehen Platz zu machen. Zuerst wollte ihr Raskolnikoff den Platz in der Ecke des Sofas anbieten, wo Sossimoff gesessen hatte, aber es fiel ihm ein, daß dieses Sofa ein zu familiärer Platz sei, ihm als Bett diene und beeilte sich, ihr den Stuhl Rasumichins anzubieten.

„Und du setzt dich hierher,“ – sagte er zu Rasumichin und wies ihn in die Ecke, wo Sossimoff gesessen hatte.

Ssonja setzte sich, fast zitternd vor Angst, und blickte schüchtern auf die beiden Damen. Man sah, daß sie selbst nicht begriff, wie sie sich neben sie hinsetzen konnte. Als es ihr bewußt wurde, erschrak sie so, daß sie wieder aufstand und sich in völliger Verwirrung an Rasumichin wandte.

„Ich ... ich ... bin nur auf einen Augenblick gekommen, verzeihen Sie, daß ich Sie gestört habe,“ – sagte sie stockend.

„Ich komme im Auftrage Katerina Iwanownas, sie hatte sonst niemanden zum Schicken ... Und Katerina Iwanowna läßt Sie sehr bitten, zu der Totenmesse morgen früh ... zu kommen. Nach dem Gottesdienst ... auf dem Mitrofaniewschen Friedhof und nachher bei uns ... bei ihr ... zu essen ... Ihr die Ehre zu erweisen ... Sie läßt Sie bitten.“

Sie stockte und verstummte.

„Ich will es unbedingt versuchen ... unbedingt,“ – antwortete Raskolnikoff, indem er sich auch erhob, ebenso stockte und nicht ausredete. – „Bitte, tun Sie mir den Gefallen, setzen Sie sich,“ – sagte er plötzlich, – „ich muß mit Ihnen sprechen. Bitte, – Sie haben es vielleicht eilig, – tun Sie mir aber den Gefallen und schenken Sie mir nur noch zwei Minuten ...“ und er schob ihr den Stuhl hin. Ssonja setzte sich wieder, und wieder warf sie schüchtern und verstört einen schnellen Blick auf die beiden Damen und senkte sogleich wieder die Augen.

Das bleiche Gesicht Raskolnikoffs errötete; er schien wie umgewandelt, seine Augen funkelten.

„Mama,“ – sagte er fest und eindringlich, – „das ist Ssofja Ssemenowna Marmeladowa, die Tochter des unglücklichen Herrn Marmeladoff, der gestern vor meinen Augen vom Pferde zu Boden getreten wurde, was ich Ihnen schon erzählt habe ...“

Pulcheria Alexandrowna blickte nach Ssonja und kniff ein wenig die Augen zusammen. Trotz ihrer Verlegenheit vor dem eindringlichen und herausfordernden Blicke Rodjas konnte sie sich dieses Vergnügen nicht versagen. Dunetschka sah ernst und unverwandt dem armen Mädchen ins Gesicht und betrachtete sie unschlüssig. Als Ssonja diese Vorstellung hörte, erhob sie die Augen auf einen Augenblick und wurde noch mehr verlegen.

„Ich wollte Sie fragen,“ – wandte sich Raskolnikoff schnell zu ihr, – „wie hat sich heute alles bei Ihnen gemacht? Hat man sie nicht belästigt? ... Zum Beispiel die Polizei.“

„Nein, alles ging glatt ... Es war doch deutlich zu sehen, woran er gestorben ist; man hat uns weiter nicht belästigt, nur die Mieter sind böse.“

„Warum?“

„Weil die Leiche so lange steht ... jetzt ist es doch heiß, es gibt einen Geruch ... so daß man die Leiche heute zur Abendmesse auf den Friedhof tragen wird, und läßt sie dort bis morgen in der Kapelle stehen. Katerina Iwanowna wollte es zuerst nicht, jetzt aber sieht sie selbst ein, daß es so besser ist ...“

„Also heute?“

„Sie bittet Sie, uns die Ehre zu erweisen, morgen bei der Totenmesse in der Kirche zu sein, und dann bei ihr zu essen.“

„Sie gibt zu seinem Andenken ein Essen?“

„Ja, einen Imbiß; sie läßt Ihnen sehr danken, daß Sie gestern uns geholfen haben ... ohne Sie wäre gar nichts da, womit man ihn hätte beerdigen können.“

Ihre Lippen und ihr Kinn bebten plötzlich, aber sie nahm sich zusammen, hielt an sich, und senkte wieder die Augen zu Boden.

Während des Gespräches schaute sie Raskolnikoff unverwandt an. Sie hatte ein zartes, ganz mageres und blasses Gesichtchen, ziemlich unregelmäßige Züge, mit einer spitzen kleinen Nase und ebensolchem Kinn. Man konnte sie nicht einmal hübsch nennen, aber ihre blauen Augen waren so klar, und, wenn sie sich belebten, wurde der Ausdruck ihres Gesichtes so gut und schlicht, daß sie einen unwillkürlich anzog. In ihrem Gesichte und auch in ihrer ganzen Gestalt lag außerdem etwas besonders Charakteristisches, – trotz ihrer achtzehn Jahre sah sie jünger aus als sie war, fast wie ein Kind, und dies zeigte sich zuweilen in gelungener Weise bei einigen ihrer Bewegungen.

„Aber wie konnte denn Katerina Iwanowna mit so wenig Mitteln auskommen, und hat dazu noch die Absicht, ein Essen zu geben?“ ... fragte Raskolnikoff, bestrebt, das Gespräch fortzuführen.

„Der Sarg ist einfach ... und alles ist einfach, so daß es nicht teuer kommt ... wir haben vorhin mit Katerina Iwanowna alles ausgerechnet, es bleibt noch so viel übrig, um sein Andenken zu ehren ... und Katerina Iwanowna möchte das so sehr gern. Man kann nichts dagegen sagen ... ihr ist es ein Trost ... so ist sie nun, Sie wissen doch ...“

„Ich verstehe, verstehe ... Selbstverständlich ... Warum betrachten Sie so mein Zimmer? Meine Mama sagt auch, daß es einem Sarge ähnelt.“

„Sie haben gestern uns alles gegeben!“ – sagte plötzlich Ssonjetschka leise und hastig, und schlug wieder die Augen nieder.

Ihre Lippen und ihr Kinn bebten wieder. Sie war längst schon von der ärmlichen Umgebung Raskolnikoffs überrascht, und jetzt waren ihr diese Worte entschlüpft. Es trat Schweigen ein. Dunetschkas Augen schienen zu leuchten, und Pulcheria Alexandrowna blickte Ssonja freundlich an.

„Rodja,“ – sagte sie, sich erhebend, – „wir essen selbstverständlich zusammen zu Mittag. Dunetschka, komm ... Rodja, du solltest ausgehen, etwas spazieren gehen, dann dich ausruhen, hinlegen, und dann kommst du zu uns ... Ich fürchte, wir haben dich ermüdet ...“

„Ja, ja, ich will kommen,“ – antwortete er eilig im Aufstehen, – „... ich habe übrigens noch zu tun ...“

„Ja, werdet ihr nicht mal zusammen zu Mittag essen?“ – rief Rasumichin und blickte erstaunt Raskolnikoff an. – „Was ist mit dir?“

„Ja, ja, ich komme selbstverständlich ... Bleibe noch einen Augenblick. Sie brauchen ihn doch jetzt nicht, Mama? Oder nehme ich ihn euch vielleicht weg?“

„Ach, nein, nein! Und Sie, Dmitri Prokofjitsch, kommen Sie zu Mittag, seien Sie so gut.“

„Bitte, kommen Sie,“ – bat auch Dunetschka.

Rasumichin verbeugte sich und strahlte förmlich. Auf einen Augenblick waren alle sonderbar verlegen.

„Lebwohl, Rodja, das heißt, auf Wiedersehen! Ich liebe nicht ‚lebwohl‘ zu sagen. Lebwohl, Nastasja, ... ach, wieder habe ich ‚lebwohl‘ gesagt! ...“

Pulcheria Alexandrowna wollte sich auch vor Ssonjetschka verbeugen, aber sie brachte es nicht fertig und ging eilig aus dem Zimmer.

Awdotja Romanowna wartete, bis die Reihe an sie kam, und als sie hinter der Mutter an Ssonja vorbeiging, verabschiedete sie sich von ihr mit einem aufmerksamen, höflichen und achtungsvollen Gruß. Ssonjetschka wurde verlegen, grüßte hastig und erschrocken, und ein schmerzliches Empfinden drückte sich in ihrem Gesichte aus, als ob die Höflichkeit und Aufmerksamkeit Awdotja Romanownas sie bedrückte und peinigte.

„Dunja, lebwohl!“ – rief Raskolnikoff ihr auf der Treppe nach, – „gib mir doch die Hand!“

„Ich habe sie dir doch gereicht, hast du es vergessen?“ antwortete Dunja innig und wandte sich zu ihm um.

„Nun, was tut es, gib sie mir noch einmal!“

Und er drückte stark ihre kleinen Finger. Dunetschka lächelte ihm zu, errötete, riß schnell ihre Hand aus der seinen und ging glücklich der Mutter nach.

„Nun, das ist prächtig!“ – sagte er zu Ssonja, indem er in sein Zimmer zurückkehrte und sie klar anblickte, – „gebe Gott den Toten die Ruhe und lasse die Lebenden leben! Nicht wahr? Nicht wahr? Es ist doch so?“

Ssonja sah verwundert in sein plötzlich erhelltes Gesicht; er blickte sie einige Augenblicke schweigend und unverwandt an, – was ihr verstorbener Vater von ihr erzählt hatte, lebte in dieser Minute in seiner Erinnerung auf ...


„Herrgott, Dunetschka!“ – sagte Pulcheria Alexandrowna, als sie kaum auf der Straße waren, – „ich freue mich, daß wir weggegangen sind; es wird mir leichter zumute. Wie hätte ich mir gestern im Eisenbahnwagen denken können, daß ich darüber froh sein könnte!“

„Ich sage Ihnen noch einmal, Mama, daß er noch sehr krank ist. Können Sie es denn nicht sehen? Vielleicht ist er so aufgeregt, weil er unseretwegen litt. Man muß nachsichtig sein, und man kann vieles, vieles verzeihen.“

„Du aber warst nicht nachsichtig!“ – unterbrach sie eifrig und eifersüchtig Pulcheria Alexandrowna. – „Weißt du, Dunja, ich sah euch beide an, du bist sein Ebenbild, und nicht so sehr äußerlich als seelisch, beide seid ihr schwerblütig, beide seid ihr düster und jähzornig, beide hochmütig und beide hochherzig ... Es kann doch nicht sein, daß er ein Egoist ist, Dunetschka, he? ... Und wenn ich daran denke, was uns heute abend bevorsteht, so steht mir das Herz still!“

„Regen Sie sich nicht auf, Mama, es wird geschehen, was geschehen muß.“

„Dunetschka! Denk doch nur, in welcher Lage wir jetzt sind! Was geschieht, wenn Peter Petrowitsch sich zurückzieht?“ – sagte unvorsichtigerweise die arme Pulcheria Alexandrowna.

„Ja, und was ist er dann wert?“ – antwortete Dunetschka scharf und verächtlich.

„Wir haben gut getan, daß wir jetzt weggingen,“ – beeilte sich Pulcheria Alexandrowna fortzufahren, – „er hatte etwas Eiliges vor; mag er ausgehen, er wird frische Luft amten ... es ist furchtbar dumpf bei ihm ... aber wo kann man hier frische Luft atmen? Auch auf den Straßen hier ist es wie in einem Zimmer ohne Ventilation – Herrgott, was ist das für eine Stadt! ... Warte doch, geh aus dem Wege, man wird dich noch umstoßen, sie tragen da etwas! Ein Klavier tragen sie, wirklich ... wie sie stoßen ... Dieses Mädchen fürchte ich auch sehr ...“

„Was für ein Mädchen, Mama?“

„Ja, diese dort, Ssofja Ssemenowna, die soeben da war ...“

„Warum denn?“

„Ich habe so eine Ahnung, Dunja. Nun, glaube mir oder nicht, aber als sie hereinkam, dachte ich im selben Augenblick, daß hier die Hauptsache sei ...“

„Nichts ist da!“ – rief Dunja ärgerlich aus. – „Was haben Sie auch für Ahnungen, Mama! Er kennt sie erst seit gestern, und jetzt, als sie hereintrat, erkannte er sie nicht einmal gleich.“

„Nun, du wirst sehen! ... Sie bringt mich in Verwirrung, du wirst sehen, wirst sehen! Und ich bin so erschrocken, – sie blickt mich an und blickt mich an, hat solche Augen, ich konnte kaum auf dem Stuhle sitzen bleiben, erinnerst du dich, als er sie vorstellte? Und sonderbar erscheint es mir, – Peter Petrowitsch schreibt über sie in solcher Weise, und er stellt sie uns vor und dir noch dazu! Sie muß ihm doch teuer sein!“

„Er schreibt über vieles! Über uns hat man auch gesprochen und geschrieben, haben Sie es vergessen? Und ich bin überzeugt, daß sie ... gut ist, und daß alles Unsinn ist!“

„Möge es Gott geben!“

„Und Peter Petrowitsch ist ein häßliches Klatschmaul,“ – schnitt plötzlich Dunetschka ab.

Pulcheria Alexandrowna fuhr zusammen. Das Gespräch war plötzlich abgebrochen. – –


„Höre, höre mal, ich habe etwas mit dir vor ...“ – sagte Raskolnikoff und führte Rasumichin zum Fenster hin.

„Also, ich will Katerina Iwanowna ausrichten, daß Sie kommen ...“ wollte sich Ssonjetschka verabschieden.

„Sofort, Ssofja Ssemenowna, wir haben keine Geheimnisse, Sie stören nicht ... Ich möchte Ihnen noch ein paar Worte sagen ... Höre mal,“ – wandte er sich wieder an Rasumichin. – „Du kennst doch diesen ... Wie heißt er? ... Porphyri Petrowitsch?“

„Und ob? Er ist doch verwandt mit mir. Weshalb?“ – fügte jener mit Neugier hinzu.

„Er führt doch jetzt diese Sache ... nun, über den Mord ... worüber ihr gestern gesprochen habt ...?“

„Ja ... und?“ – Rasumichin sperrte die Augen auf.

„Er hat die Pfandgeber befragt, ich habe auch dort versetzt, Kleinigkeiten, jedoch auch einen Ring von der Schwester, den sie mir zum Andenken schenkte, als ich abreiste, und die silberne Uhr meines Vaters. Alles das kostet fünf oder sechs Rubel, mir aber sind sie zu teuer als Andenken. Was soll ich jetzt tun? Ich will nicht, daß die Sachen verloren gehen, besonders die Uhr. Ich bebte davor, daß die Mutter danach fragen würde, als wir über Dunetschkas Uhr sprachen. Es ist das einzige, was vom Vater herrührt. Sie wird krank werden, wenn die Uhr verloren geht! Frauen sind einmal so! Also, was soll ich tun, sage es mir! Ich weiß, daß ich im Polizeibureau es anmelden muß. Ist es aber nicht besser, sich an Porphyri selbst zu wenden?? Ah! He! Wie meinst du? Man müßte es schnell tun. Du wirst sehen, daß die Mutter mich vor dem Mittage danach noch fragt.“

„Keinesfalls im Polizeibureau, unbedingt sich an Porphyri wenden!“ rief Rasumichin in ungewöhnlicher Aufregung. – „Nun, wie ich froh bin! Ja, was ist da viel zu denken, gehen wir sofort hin, es sind bloß zwei Schritte, wir treffen ihn bestimmt an.“

„Meinetwegen ... gehen wir zu ihm ...“

„Und er wird sehr, sehr erfreut sein, dich kennenzulernen! Ich habe ihm viel von dir gesprochen, zu verschiedenen Malen ... Auch gestern wieder. Gehen wir! ... Also du hast die Alte gekannt? So so! ... Ausgezeichnet hat sich alles gemacht! ... Ach, ja ... Ssofja Iwanowna ...“

„Ssofja Ssemenowna,“ – korrigierte ihn Raskolnikoff. – „Ssofja Ssemenowna, das ist mein Freund Rasumichin, und ein guter Mensch ist er ...“

„Wenn Sie jetzt gehen müssen ...“ – begann Ssonja, wobei sie Rasumichin gar nicht angesehen hatte, was sie noch mehr verwirrt machte.

„Nun, gehen wir!“ – beschloß Raskolnikoff, – „ich komme zu Ihnen heute noch, Ssofja Ssemenowna, sagen Sie mir, wo Sie wohnen.“

Er war nicht verwirrt, aber er schien es eilig zu haben und vermied ihren Blick. Ssonja gab ihre Adresse und errötete dabei. Sie gingen gleichzeitig fort.

„Schließt du denn das Zimmer nicht ab?“ – sagte Rasumichin, hinter ihnen die Treppe hinabsteigend.

„Nie! ... ich will schon seit zwei Jahren ein Schloß kaufen,“ – fügte er nachlässig hinzu. – „Glücklich sind die Menschen, die nichts abzuschließen haben, nicht wahr?“ – wandte er sich lachend an Ssonja.

Auf der Straße blieben sie am Tore stehen.

„Sie müssen nach rechts, Ssofja Ssemenowna! Wie haben Sie mich denn gefunden?“ – fragte er sie, schien aber etwas ganz anderes sagen zu wollen.

Er wollte die ganze Zeit in ihre stillen klaren Augen blicken, und es gelang ihm immer nicht ...

„Sie gaben doch gestern Poletschka Ihre Adresse.“

„Polja? Ach ja ... Poletschka! Das ist ... die Kleine ... das ist Ihre Schwester? Also, ich gab ihr meine Adresse!“

„Haben Sie es denn vergessen?“

„Nein ... ich erinnere mich ...“

„Und ich habe von Ihnen noch durch den Verstorbenen gehört ... Ich kannte bloß damals Ihren Namen nicht, und auch er selbst wußte ihn nicht ... Jetzt aber kam ich ... und als ich gestern Ihren Namen hörte ... da fragte ich heute: wo wohnt hier Herr Raskolnikoff? ... Und ich wußte nicht, daß Sie auch ein Zimmer gemietet ... Leben Sie wohl ... Ich will Katerina Iwanowna ...“

Sie war sehr froh, daß sie endlich loskam; und ging mit gesenktem Kopfe eilig, um nur schneller aus ihren Augen zu verschwinden, um nur schneller diese zwanzig Schritte bis zur Biegung nach rechts in die Seitenstraße zu durcheilen und endlich allein zu sein; um im schnellen Gehen, ohne jemand anzublicken und unbeachtet, nachzudenken, sich zu erinnern und jedes Wort und jeden Umstand sich zurückzurufen. Nie, nie hatte sie Ähnliches empfunden. Eine ganz neue Welt war unbekannt und dunkel in ihre Seele gedrungen. Sie erinnerte sich plötzlich, daß Raskolnikoff heute selbst zu ihr kommen wollte, vielleicht schon heute morgen, vielleicht gleich!

„Besser nicht heute, bitte, nicht heute!“ – murmelte sie mit stockendem Herzen, als flehe sie jemand an, wie ein erschrecktes Kind. – „Herrgott! Zu mir ... in dies Zimmer ... er wird sehen ... oh, Gott!“

Sie konnte sicher in diesem Augenblicke den fremden Herrn nicht bemerken, der eifrig sie beobachtete und ihr auf den Fersen folgte. Er begleitete sie schon von dem Tore der Wohnung Raskolnikoffs an. In dem Augenblicke, als alle drei, Rasumichin, Raskolnikoff und sie auf dem Fußsteige, um ein paar Worte zu wechseln, stehen blieben, schien dieser Vorübergehende plötzlich aufzufahren, als er an ihnen vorbeiging und zufällig die Worte Ssonjas auffing, – „da fragte ich, wo wohnt hier Herr Raskolnikoff?“ Er warf einen schnellen, aber aufmerksamen Blick allen dreien zu, besonders aber Raskolnikoff, an den sich Ssonja wandte, sah dann das Haus an und merkte es sich. Dies alles war in einem kurzen Augenblick, im Vorbeigehen geschehen und unauffällig, nun verminderte er seine Schritte, als wartete er. Er wartete auf Ssonja, denn er hatte gesehen, daß sie sich verabschiedete und wohl sofort nach Hause gehen würde.

„Aber wohin nach Hause? Ich habe dieses Gesicht irgendwo gesehen,“ – dachte er und forschte in seiner Erinnerung nach dem Gesicht Ssonjas, – „... ich muß es erfahren.“ Als er die Biegung erreichte, ging er auf die andere Seite der Straße hinüber, wandte sich um und sah, daß Ssonja denselben Weg wie er eingeschlagen hatte und ihn nicht gewahrte. Sie bog in dieselbe Straße ein. Er verlor sie nicht aus den Augen und ging nach etwa fünfzig Schritten wieder auf dieselbe Seite hinüber, auf der Ssonja dahinschritt, holte sie ein und folgte ihr auf fünf Schritt Entfernung. – Es war ein Mann von ungefähr fünfzig Jahren, etwas mehr als mittelgroß, wohlbeleibt, mit breiten und schrägen Schultern, was ihm ein etwas gebücktes Aussehen verlieh. Er war elegant und bequem gekleidet und sah ansehnlich aus. In den Händen trug er einen hübschen Stock, den er bei jedem Schritt auf das Trottoir aufstieß, und seine Hände staken in neuen Handschuhen. Sein breites Gesicht mit hervorstehenden Backenknochen war nicht unangenehm, und seine Gesichtsfarbe frisch, nicht von Petersburger Art. Sein noch sehr dichtes Haar war ganz hellblond und kaum leicht ergraut, und der breite dichte Bart, der wie eine Schaufel herabhing, war noch heller als das Kopfhaar. Seine blauen Augen blickten kalt, durchdringend und sinnend; die Lippen waren rot. Überhaupt war er ein ausgezeichnet konservierter Mann und schien bedeutend jünger zu sein, als er war.

Als Ssonja auf den Kanal hinauskam, waren sie beide allein auf dem Fußsteige. Während er sie beobachtete, hatte er schon ihre Nachdenklichkeit und Zerstreutheit bemerkt. Als Ssonja ihr Haus erreichte, ging sie durch das Tor, er folgte ihr und schien überrascht zu sein. Im Hofe bog sie rechts in die Ecke ab, wo die Treppe zu ihrer Wohnung war. „Ah!“ – murmelte der Unbekannte und begann hinter ihr her die Stufen hinaufzusteigen. Hier erst bemerkte ihn Ssonja. Sie ging bis ins dritte Stockwerk, bog in den Korridor ein und klingelte an der Türe Nr. 9, wo mit Kreide – „Kapernaumoff, Schneider“ – angeschrieben war. „Ah!“ – wiederholte der Unbekannte, verwundert über dieses seltsame Zusammentreffen, und klingelte an der Türe Nr. 8. Beide Türen waren voneinander kaum sechs Schritte entfernt.

„Sie wohnen bei Kapernaumoff!“ sagte er, blickte Ssonja an und lachte. „Er hat mir gestern eine Weste umgeändert. Und ich wohne hier neben Ihnen bei Madame Gertrude Karlowna Rößlich. Wie sich das trifft!“ Ssonja schaute ihn aufmerksam an.

„Wir sind also Nachbarn,“ fuhr er besonders freundlich fort. „Ich bin erst seit drei Tagen in der Stadt. Nun, vorläufig auf Wiedersehen.“

Ssonja antwortete nicht; die Tür wurde geöffnet und sie schlüpfte hinein. Sie schämte sich und schien sich zu ängstigen ...


Rasumichin war auf dem Wege zu Porphyri in besonders aufgeregtem Zustande.

„Das ist prächtig, Bruder,“ wiederholte er ein paarmal, „und ich freue mich! Ich freue mich!“

„Ja, worüber freut er sich?“ dachte Raskolnikoff.

„Ich wußte gar nicht, daß du auch bei der Alten versetzt hast. Und ... und ... ist es lange her? Das heißt, warst du vor längerer Zeit bei ihr?“

„Wie naiv und dumm er ist!“

„Wann? ...“ Raskolnikoff blieb stehen und besann sich: „Ja, drei Tage vielleicht vor ihrem Tode war ich dort. Übrigens, ich gehe doch nicht jetzt hin, um die Sachen auszulösen,“ sagte er hastig und wie besorgt um seine Sachen, „ich habe ja wieder bloß einen einzigen Rubel in Silber ... infolge des gestrigen verfluchten Fieberanfalls ...“

Den Fieberanfall betonte er besonders.

„Nun, ja, ja, ja,“ bestätigte Rasumichin eilig, „also darum auch hat dich ... er damals überrascht ... und weißt du, du hast auch im Fieber von allerhand Ringen und Ketten immer phantasiert! ... Nun, ja, ja ... Das ist klar, alles ist jetzt klar.“

„Also doch! Wie dieser Gedanke bei ihnen sich festgesetzt hat! Dieser da, dieser Mensch ließe sich für mich ans Kreuz schlagen, und er ist doch froh, daß es sich geklärt hat, warum ich im Fieber von Ringen redete! Wie tief es bei ihnen allen wurzelt! ...“

„Werden wir ihn auch antreffen?“ fragte er laut.

„Wir treffen ihn bestimmt an,“ beeilte sich Rasumichin zu antworten. „Er ist ein prächtiger Bursche, du wirst sehen! Ein wenig plump, das heißt, er ist wohl Weltmann, aber ich meine in anderem Sinne ist er plump. Ein kluger Bursche. Er hat nur eine eigentümliche Denkweise. Mißtrauisch, skeptisch, ein Zyniker ... liebt er zu betrügen, das heißt nicht zu betrügen, sondern einen anzuführen ... Er hat die alte Mode auf Indizien ... versteht aber seine Sache, versteht sie gut ... Er hat im vorigen Jahre das Dunkel über einen Mord ausgetüftelt, wo fast alle Spuren schon verloren waren! Er wünscht sehr, dich kennenzulernen!“

„Ja, warum denn sehr?“

„Das heißt, nicht etwa so ... siehst du, in der letzten Zeit, als du krank wurdest, hatte ich viel und oft Gelegenheit, dich zu erwähnen ... Nun, er hörte zu ... und als er erfuhr, daß du Jura studiert hast und infolge allerhand Umstände den Kursus nicht beenden konntest, sagte er, wie schade! Ich folgerte daraus ... das heißt, dies alles zusammen, nicht nur dies eine ... gestern hat Sametoff ... Siehst du, Rodja, ich habe dir gestern in meiner Betrunkenheit, als wir nach Hause gingen, etwas erzählt ... und ich fürchte nun, Bruder, daß du es übertreiben könntest, siehst du ...“

„Was denn? Daß man mich für verrückt hält? Ja, vielleicht ist es auch wahr.“

Er lächelte gezwungen.

„Ja, ja ... das heißt, pfui, nein! ... Nun, alles, was ich sprach ... und auch über anderes, ist Unsinn und in Betrunkenheit gesagt.“

„Ja, wozu entschuldigst du dich! Wie mir das alles zum Ekel ist!“ rief Raskolnikoff mit übertriebener, zum Teil gespielter Gereiztheit.

„Ich weiß, ich weiß, verstehe es. Sei überzeugt, daß ich es verstehe. Ich sollte mich schämen, davon nur zu sprechen ...“

„Wenn du dich schämst, was sprichst du darüber!“

Beide verstummten. Rasumichin war äußerst vergnügt und Raskolnikoff fühlte es voll Widerwillen. Ihn beunruhigte auch das, was Rasumichin soeben über Porphyri erzählt hatte.

„Vor dem muß man auch ein Klagelied anstimmen,“ dachte er erbleichend und mit Herzklopfen, „und es recht natürlich machen. Am besten wäre vielleicht, nichts vorzuklagen. Absichtlich nichts vorklagen! Nein, absichtlich wäre wieder nicht natürlich ... Nun, wie es sich macht ... wir werden ja sehen ... bald genug ... aber ist es gut oder nicht gut, daß ich hingehe? Der Schmetterling fliegt von selbst ins brennende Licht. Mein Herz klopft, das ist nicht gut! ...“

„In diesem grauen Hause wohnt er,“ sagte Rasumichin.

„Am wichtigsten ist es, ob Porphyri es weiß oder nicht, daß ich gestern in der Wohnung dieser Hexe war ... und von dem Blut sprach? Sogleich muß ich es erfahren, beim ersten Schritt, wenn ich hineinkomme, muß ich es ihm am Gesichte anmerken; sonst ... und wenn ich zugrunde gehe, ich muß es erfahren!“

„Weißt du auch?“ wandte er sich plötzlich an Rasumichin mit einem schelmischen Lächeln, „ich habe bemerkt, Bruder, daß du dich seit heute früh in einer ungewöhnlichen Aufregung befindest? Ist es so?“

„In was für einer Aufregung? In gar keiner Aufregung,“ fuhr Rasumichin auf.

„Nein, Bruder, es ist dir tatsächlich anzusehen. Auf dem Stuhl saßest du vorhin, wie du sonst nie sitzest, so nur auf einem Endchen und die ganze Zeit durchzuckte es dich, wie wenn du Krämpfe hättest. Du sprangst mir nichts dir nichts auf. Bald sahst du böse aus, bald verzog sich dein Gesicht plötzlich zu einem süßen Lächeln. Sogar rot wurdest du, besonders als man dich zu Mittag einlud.“

„Nichts von alledem ist wahr, du lügst! ... Was denkst du dir?“

„Ja, und jetzt drehst und wendest du dich wie ein Schulbube? Pfui! Teufel! Er ist schon wieder rot geworden!“

„Was du für ein Schwein bist!“

„Ja, warum wirst du so verlegen? Romeo! Warte, ich will es irgend jemanden heute noch erzählen, ha–ha–ha! Ich werde Mama zum Lachen bringen ... und noch jemand ...“

„Höre mal, höre, aber im Ernste, es ist doch ... Was soll das bedeuten, zum Teufel!“ Rasumichin wurde ganz verwirrt und starr vor Schrecken. „Was willst du ihnen erzählen? Ich bin, Bruder ... Pfui, welch ein Schwein du bist!“

„Du bist wie eine Frühlingsrose! Und wie es dir steht, wenn du es nur wüßtest. Romeo, ein neuer Romeo! Und wie du dich heute gewaschen hast, vielleicht auch die Nägel gereinigt? Ah? Wann war dies zuletzt der Fall? Und du hast dich, bei Gott, mit Pomade eingeschmiert! Beuge dich mal!“

„Schwein!“

Raskolnikoff lachte so stark, daß er sich nicht mehr halten konnte, mit Lachen traten sie auch in die Wohnung von Porphyri Petrowitsch ein. Das wollte eben Raskolnikoff bezwecken, – drinnen in den Zimmern konnte man es hören, daß sie lachend ins Vorzimmer eingetreten waren und dort immer noch lachten.

„Kein Wort hier, oder ich ... zerschmettere dich!“ flüsterte Rasumichin und packte wütend Raskolnikoff an der Schulter.

V.

Sie gingen hinein. Raskolnikoff sah aus, als hielte er mit Gewalt an sich, um nicht loszuplatzen. Ihm folgte mit gänzlich verändertem Gesichte Rasumichin, rot wie eine Päonie, vor Scham und Wut, und verlegen. Sein Gesicht und die ganze Gestalt waren in diesem Augenblicke lächerlich und rechtfertigten Raskolnikoffs Heiterkeit. Raskolnikoff, dem Hausherrn noch nicht bekannt, verbeugte sich vor ihm, der mitten im Zimmer stand und sie fragend anblickte, reichte ihm die Hand und drückte die seinige, immer noch mit sichtlicher, großer Mühe seine Lustigkeit bekämpfend, um wenigstens ein paar Worte sagen und sich vorstellen zu können. Aber kaum war es ihm gelungen, eine ernste Miene anzunehmen und etwas hinzumurmeln, – als er plötzlich, wie unwillkürlich wieder Rasumichin anblickte und da hielt er es nicht mehr aus, – sein unterdrücktes Lachen brach um so ungestümer hervor, je stärker er es bis jetzt zurückgehalten hatte. Die ungewöhnliche Wut, mit der Rasumichin dieses „herzliche“ Lachen auffaßte, verlieh diesem ganzen Auftritt das Aussehen von aufrichtigster Lustigkeit und, was die Hauptsache war, Natürlichkeit. Rasumichin trug, als beabsichtigte er’s, noch viel dazu bei.

„Pfui, zum Teufel!“ brüllte er, holte mit der Hand aus und traf einen kleinen runden Tisch, auf dem ein leeres Teeglas stand. Alles fiel hin und zerbrach.

„Ja, warum müssen denn gleich Stühle zerschlagen werden, meine Herren, das ist ein Verlust für den Staat!“ rief Porphyri Petrowitsch lachend aus.

Der Auftritt stellte sich wie folgt dar, – Raskolnikoff lachte weiter, seine Hand in der Hand des Hausherrn lassend, aber er kannte das Maß und wartete nur auf den Augenblick, um schnell und natürlich zu enden. Rasumichin, durch den Fall des Tisches und des zerschlagenen Glases völlig verwirrt, blickte düster auf die Scherben, spie aus und drehte sich schroff nach dem Fenster, wo er sich mit dem Rücken gegen die übrigen hinstellte und mit fürchterlich finsterem Gesichte hinausschaute, aber nichts sah. Porphyri Petrowitsch lachte und hätte noch mehr gelacht, wenn er nur eine Erklärung dafür gehabt hätte. In der Ecke auf einem Stuhle hatte Sametoff gesessen, der sich beim Eintritt der Besucher erhob und in Erwartung dastand; sein Mund war zu einem Lächeln verzogen, aber er schaute stutzig und mißtrauisch dem ganzen Auftritt zu und sah Raskolnikoff verwirrt an. Die unerwartete Anwesenheit Sametoffs überraschte Raskolnikoff unangenehm.

„Da muß man sich in acht nehmen!“ dachte er.

„Entschuldigen Sie, bitte,“ begann er plötzlich ganz verlegen, „Raskolnikoff ...“

„Erlauben Sie aber, sehr angenehm, und Sie kamen so angenehm herein ... Was, will er nicht mal ‚Guten Tag‘ sagen?“ wies Porphyri Petrowitsch auf Rasumichin.

„Bei Gott, ich weiß nicht, warum er auf mich wütend ist. – Ich sagte ihm bloß auf dem Wege hierher, daß er Romeo ähnlich sei und ... habe es bewiesen, sonst war nichts.“

„Du bist ein Schwein!“ rief Rasumichin, ohne sich umzuwenden.

„Er hatte also sehr ernste Gründe, um wegen dieses einzigen Wortes so böse zu werden,“ lachte Porphyri Petrowitsch.

„Nun auch der Untersuchungsrichter! ... Zum Teufel mit euch allen!“ schnitt Rasumichin ab, plötzlich aber lachte er selbst und ging mit heiterem Gesichte, als wäre nichts vorgefallen, auf Porphyri Petrowitsch zu.

„Schluß damit! Alle seid ihr Dummköpfe. Jetzt zur Sache, – hier ist mein Freund, Rodion Romanytsch Raskolnikoff, der erstens von dir viel gehört hat und mit dir bekannt werden wollte, und der zweitens ein kleines Ansuchen an dich hat. Ah! Sametoff! Wie kommst du hierher? Kennt ihr denn einander? Seid ihr schon lange bekannt?“

„Was bedeutet das!“ dachte Raskolnikoff voll Unruhe.

Sametoff schien ein wenig verlegen zu werden.

„Wir haben uns gestern doch bei dir kennengelernt,“ sagte er ungezwungen.

„Also hat mich Gott vor Schererei behütet; in der vorigen Woche hat er mich geplagt, ihn mit dir, Porphyri, irgendwie bekannt zu machen, und nun habt ihr euch, ohne meine Hilfe, gefunden ... Wo hebst du deinen Tabak auf?“

Porphyri Petrowitsch war in Hauskleidung, – in einem Schlafrock, sehr reiner Wäsche und in abgetretenen Pantoffeln. Es war ein Mann von etwa fünfunddreißig Jahren, unter Mittelgröße, dick, mit einem Bäuchlein, glattrasiert, ohne Schnurrbart, mit kurz geschnittenem Haare auf dem großen runden Kopfe, der nach hinten zu besonders gewölbt war. Sein volles, rundes und ein wenig stumpfnäsiges Gesicht hatte eine kränkliche, dunkelgelbe Farbe, war aber munter und sogar spöttisch. Es wäre gutmütig zu nennen, wenn nicht der Ausdruck der Augen, die mit fast weißen, zwinkernden Wimpern bedeckt waren, mit ihrem wässerigen Glanze störend gewirkt hätte. Der Blick dieser Augen paßte wenig zu der ganzen Gestalt, die entschieden etwas Weibisches an sich hatte, und machte ihn viel ernster, als man beim ersten Anblick vermutete.

Als Porphyri Petrowitsch vernahm, daß der Besucher ein kleines Ansuchen an ihn habe, bat er ihn sofort, auf dem Sofa Platz zu nehmen. Er setzte sich selbst in die andere Ecke und sah den Besucher voll Erwartung mit einer starken und zu ernsten Aufmerksamkeit an, die bedrücken und vollends gleich beim ersten Zusammensein verwirren mußte, um so mehr, wenn das, was man vorzubringen hat, durchaus in keinem Verhältnisse zu einer so ungewöhnlichen Aufmerksamkeit zu stehen scheint. Raskolnikoff jedoch legte seine Angelegenheit in kurzen und bündigen Worten, deutlich und klar dar, und war mit sich so zufrieden, daß er noch Gelegenheit fand, Porphyri Petrowitsch genau zu betrachten. Auch Porphyri Petrowitsch wandte keinen Augenblick seine Augen von ihm ab. Rasumichin hatte an demselben Tische ihnen gegenüber Platz genommen und verfolgte eifrig und ungeduldig die Darstellung der Sache, wobei er alle Augenblicke und ziemlich auffällig seine Augen von einem zu dem andern gleiten ließ.

„Dummkopf!“ schimpfte Raskolnikoff bei sich.

„Sie müssen eine Eingabe an das Polizeibureau machen,“ antwortete mit Geschäftsmiene Porphyri, „daß Sie über diesen Vorfall, das heißt von diesem Mord erfahren haben, und bitten den Untersuchungsrichter, der diese Sache führt, zu benachrichtigen, daß die und die Sachen Ihnen gehören, und daß Sie sie einlösen möchten ... oder Ähnliches ... man wird Ihnen das übrigens sagen.“

„Das ist ja das Unbequeme, daß ich in diesem Augenblicke,“ Raskolnikoff bemühte sich, möglichst verlegen zu werden, „nicht recht bei Kassa bin ... und sogar so eine Kleinigkeit nicht kann ... sehen Sie, ich möchte jetzt nur erklären, daß es meine Sachen sind, und daß, wenn ich Geld haben werde, ich ...“

„Das ist einerlei,“ antwortete Porphyri Petrowitsch, die Erklärung über die Finanzlage kalt aufnehmend, „übrigens, Sie können auch direkt an mich, wenn Sie wollen, in demselben Sinne schreiben, daß Sie das und das in Erfahrung gebracht haben und die und die Sachen als Ihr Eigentum angeben und bitten ...“

„Man kann es auf einfachem Papiere schreiben?“ beeilte sich Raskolnikoff, ihn zu unterbrechen, wieder ein Interesse für die Geldfrage zeigend.

„Oh, auf dem allereinfachsten Papiere!“ und plötzlich blickte ihn Porphyri Petrowitsch spöttisch mit zusammengekniffenen Augen an und schien ihm zuzuzwinkern.

Vielleicht hatte es auch Raskolnikoff bloß so geschienen, denn es dauerte nur einen Augenblick. Etwas war wenigstens gewesen. Raskolnikoff hätte darauf schwören mögen, daß er ihm zugezwinkert habe, weiß der Teufel warum.

„Er weiß alles!“ durchzuckte es ihn wie ein Blitz.

„Entschuldigen Sie, daß ich Sie mit solchen Kleinigkeiten belästigt habe,“ fuhr er etwas verwirrt fort, „meine Sachen sind im ganzen höchstens fünf Rubel wert, aber sie sind mir besonders teuer, als ein Andenken an die, von denen ich sie erhalten habe und, offen gestanden, als ich es hörte, erschrak ich sehr ...“

„Darum fuhrst du auch gestern so auf, als ich Sossimoff erzählte, daß Porphyri die Pfandgeber ausfrage!“ bemerkte Rasumichin mit deutlicher Absicht.

Das war schon unerträglich. Raskolnikoff konnte sich’s nicht versagen, ihn wütend mit seinen vor Zorn funkelnden schwarzen Augen anzublicken. Er besann sich aber sofort.

„Du scheinst dich über mich lustig zu machen, Bruder?“ wandte er sich an ihn mit geschickt gespielter Gereiztheit. „Ich sehe es ein, daß ich vielleicht meine Sorge um diesen Schund übertreibe, der er doch in deinen Augen ist, aber man darf mich darum weder für einen Egoisten, noch für einen habgierigen Menschen halten, und für mich brauchen diese zwei geringen Gegenstände gar kein Schund zu sein. Ich sagte dir schon vorhin, daß diese silberne Uhr, die einen Spottwert hat, das einzige ist, was mir von meinem Vater geblieben ist. Du kannst dich über mich amüsieren, aber soeben ist meine Mutter angekommen,“ wandte er sich plötzlich an Porphyri, „und wenn sie erfahren würde,“ kehrte er sich wieder schnell zu Rasumichin und gab sich besondere Mühe, um mit der Stimme zu zittern, „daß diese Uhr verloren sei, so würde sie – schwöre ich – in Verzweiflung sein! Sie ist doch eine Frau!“

„Ich sagte es gar nicht in dem Sinne! Ganz im Gegenteil!“ rief Rasumichin gekränkt.

„War es auch gut? War es natürlich? Habe ich nicht übertrieben?“ sagte Raskolnikoff bebend zu sich selbst. „Warum sagte ich – sie ist doch eine Frau!“

„Ihre Frau Mutter ist zu Ihnen gekommen?!“ erkundigte sich aus irgendeinem Grunde Porphyri Petrowitsch.

„Ja.“

„Wann denn?“

„Gestern abend.“

Porphyri Petrowitsch schwieg, als überlege er etwas.

„Ihre Sachen konnten in keiner Weise verloren gehen,“ fuhr er ruhig und kalt fort. „Ich erwarte Sie schon seit langem.“

Und als wäre nichts vorgefallen, schob er sorgsam einen Aschbecher Rasumichin zu, der unbarmherzig die Asche von seiner Zigarette auf den Teppich streute. Raskolnikoff zuckte zusammen, aber Porphyri schien ihn nicht anzublicken, noch immer um Rasumichins Zigarette besorgt.

„Was? Du hast ihn erwartet! Wußtest du denn, daß auch er dort versetzt hatte?“ rief Rasumichin aus.

„Ihre beiden Sachen, der Ring und die Uhr, waren bei ihr in einem und demselben Stück Papier eingewickelt, und auf dem Papier war mit Bleistift deutlich Ihr Name vermerkt, ebenso auch das Datum, wann sie sie von Ihnen erhalten hatte ...“

„Wie genau Sie sind! ...“ lächelte ein wenig ungeschickt Raskolnikoff und versuchte, ihm in die Augen zu sehen, er konnte sich aber nicht enthalten, hinzuzufügen:

„Ich sage das nur deshalb, weil wahrscheinlich sehr viele Pfandgeber waren ... so daß es Ihnen doch schwer fallen mußte, sich aller zu erinnern ... Sie aber erinnern sich im Gegenteil an alles so deutlich, und ... und ...“

„Es war dumm! Schwach! Warum habe ich es hinzugefügt!“

„Alle Pfandgeber sind jetzt schon bekannt, so daß Sie der einzige sind, der sich noch nicht meldete,“ antwortete Porphyri Petrowitsch mit einem kaum merklichen Anfluge von Spott.

„Ich war nicht ganz gesund.“

„Auch davon habe ich gehört. Habe sogar gehört, daß Sie von etwas sehr mitgenommen waren. Sie sind auch jetzt noch etwas bleich!“

„Ich bin gar nicht bleich ... im Gegenteil, ich bin ganz gesund!“ schnitt ihn grob und böse Raskolnikoff ab, plötzlich seinen Ton verändernd.

Die Wut pochte in ihm und er konnte sie nicht unterdrücken. „Und in der Wut werde ich mich versprechen!“ durchzuckte es ihn von neuem. „Und warum quälen sie mich! ...“

„Nicht ganz gesund!“ hub Rasumichin an. „Wie er aufschneidet! Bis gestern noch phantasierte er und war bewußtlos ... Du kannst es mir glauben, Porphyri, er konnte kaum mehr auf den Füßen stehen, und trotzdem, als wir, Sossimoff und ich, gestern uns nur auf einen Augenblick entfernten, – zog er sich an, lief heimlich weg und irrte irgendwo fast bis Mitternacht herum, und das, sage ich dir, ganz im Fieber, kannst du dir so etwas vorstellen! Ein ganz merkwürdiger Fall!“

„Und geschah es wirklich ganz im Fieber? Sagen Sie mal?“ Mit einer weibischen Bewegung schüttelte Porphyri Petrowitsch den Kopf.

„Ah, Unsinn! Glauben Sie ihm nicht! Übrigens, Sie glauben es ja auch sowieso nicht!“ entschlüpfte es Raskolnikoff in seiner Wut.

Aber Porphyri Petrowitsch schien diese seltsamen Worte überhört zu haben.

„Wie konntest du dann weggehen, wenn du nicht im Fieber warst?“ ereiferte sich Rasumichin. „Warum bist du weggegangen? Wozu? ... Und warum gerade heimlich? Sag, warst du damals bei gesundem Verstande? Jetzt, wo die ganze Gefahr vorbei ist, sage ich es dir offen!“

„Ich war ihrer gestern überdrüssig geworden,“ wandte sich rasch Raskolnikoff an Porphyri Petrowitsch mit einem dreisten, herausfordernden Lächeln, „und ich lief von ihnen fort, mir eine Wohnung zu mieten, damit sie mich nicht wiederfinden sollten, und habe einen Haufen Geld mitgenommen. Herr Sametoff hat das Geld gesehen. Und sagen Sie, Herr Sametoff, war ich gestern vernünftig oder im Fieber, entscheiden Sie unseren Streit!“

Er hätte in diesem Augenblicke Sametoff erwürgen können. Dessen Blick und sein Schweigen waren ihm äußerst peinlich.

„Meiner Ansicht nach redeten Sie sehr vernünftig und sogar schlau, Sie waren bloß sehr reizbar,“ erklärte Sametoff trocken.

„Und heute sagte mir Nikodim Fomitsch,“ bemerkte Porphyri Petrowitsch, „er hätte Sie gestern noch sehr spät in der Wohnung eines überfahrenen Beamten getroffen ...“

„So nehmen wir diesen Fall her!“ begann Rasumichin, „warst du nicht verrückt bei diesem Beamten? Das letzte Geld hat er der Witwe für die Beerdigung gegeben! Und, wenn du helfen wolltest, – konntest du ihr fünfzehn oder zwanzig Rubel geben und wenigstens drei Rubel für dich behalten, du schenktest ihnen aber alle fünfundzwanzig.“

„Vielleicht habe ich irgendwo einen Schatz gefunden, was du noch nicht weißt? Darum war ich gestern auch so freigebig ... Herr Sametoff weiß, daß ich einen Schatz gefunden habe! ... Entschuldigen Sie, bitte,“ wandte er sich mit bebenden Lippen an Porphyri Petrowitsch, „daß wir Sie mit solchem kleinlichen Geschwätz eine halbe Stunde belästigen. Sie sind unserer überdrüssig, ja?“

„Erlauben Sie, im Gegenteil, im Ge–gen–teil! Wenn Sie wüßten, wie Sie mich interessieren! Es ist amüsant, zuzusehen und zuzuhören ... und ich bin, offen gesagt, so froh, daß Sie endlich einmal gekommen sind ...“

„Gib aber doch wenigstens Tee! Die Kehle trocknet einem ein!“ rief Rasumichin aus.

„Eine ausgezeichnete Idee! Vielleicht beteiligen Sie sich alle. Willst du aber nicht ... etwas Wesentlicheres vor dem Tee haben?“

„Nein, laß gut sein!“

Porphyri Petrowitsch ging hinaus, um Tee zu bestellen.

Die Gedanken drehten sich wie im Wirbelwinde in Raskolnikoffs Kopfe. Er war aufs äußerste gereizt.

„Das schönste ist, daß sie sich nicht mal verbergen und nicht einmal den Anstand wahren wollen! Aus welchem Grunde aber sprach er, wenn er mich gar nicht kennt, mit Nikodim Fomitsch über mich? Also wollen sie nicht mal verbergen, daß sie wie eine Koppel Hunde mich verfolgen! Sie speien mir ganz offen ins Gesicht!“ Er zitterte vor Wut. „Schlagt doch offen zu und spielt nicht wie die Katze mit der Maus. Das ist doch geschmacklos. Porphyri Petrowitsch, das erlaube ich dir einfach nicht! ... Ich stehe auf und schleudere allen die ganze Wahrheit ins Gesicht und Sie werden wenigstens sehen, wie ich Sie verachte!“ Er holte schwer Atem. „Wenn mir aber dies alles nur so vorkommt? Wenn dies aber bloß ein Spiel meiner Phantasie ist und ich mich irre, aus Unerfahrenheit mich ärgere und meine gemeine Rolle nicht gut spiele? Vielleicht ist alles ohne jede Absicht? Ihre Worte sind alle gewöhnlich, aber etwas liegt doch in ihnen ... All dieses kann stets gesagt werden, aber etwas ist doch dabei. Warum sagte er einfach – ‚bei ihr?‘ Warum fügte Sametoff hinzu, daß ich schlau gesprochen habe? Warum reden sie in solch einem Tone? Ja ... der Ton ... Aber Rasumichin saß doch auch hier, warum fiel ihm nichts auf? Diesem naiven Holzklotze fällt eben nie etwas auf! Ich habe wieder Fieber! ... Zwinkerte mir Porphyri Petrowitsch vorhin zu oder nicht? Es war sicher nichts; warum sollte er mir zuzwinkern? Wollen sie meine Nerven reizen, oder führen sie mich an der Nase herum? Entweder ist alles ein Phantasiespiel oder sie wissen es! Sogar Sametoff ist dreist ... Ist Sametoff wirklich dreist? Sametoff hat sich’s über Nacht überlegt. Ich ahnte es doch, daß er es sich überlegen wird! Er benimmt sich wie zu Hause, ist aber zum ersten Male hier. Porphyri betrachtet ihn nicht als seinen Gast, sitzt mit dem Rücken zu ihm. Sie stecken unter einer Decke! Sie stecken unbedingt meinetwegen unter einer Decke! Sie haben sicher vor unserem Kommen über mich gesprochen! ... Wissen sie etwas von der Wohnung gestern? Mag es schneller herauskommen! ... Als ich sagte, daß ich gestern weggelaufen wäre, mir eine Wohnung zu mieten, ließ er es gelten, erfaßte nicht die Gelegenheit ... Mit der Wohnung habe ich’s fein angedeutet, – es kann mir später nützen! ... Im Fieber war es, kann ich sagen! ... Ha–ha–ha! Er weiß alles über den gestrigen Abend! Von der Ankunft der Mutter wußte er nicht! ... Und die Hexe hat auch das Datum mit Bleistift vermerkt! ... Ihr lügt, ich ergebe mich nicht! Das sind doch keine Tatsachen, bloß Phantasiegebilde! Nein, rückt mal mit Tatsachen heraus! Auch der Besuch der Wohnung ist keine Tatsache, sondern Fieber, – ich weiß, was ich ihnen sagen muß ... Wissen sie, daß ich in der Wohnung war? Ich gehe nicht fort, ehe ich es nicht erfahre! Warum bin ich hergekommen? Daß ich mich jetzt ärgere, das ist vielleicht eine Tatsache! Wie reizbar ich bin! Vielleicht aber ist es auch gut; es ist die Rolle eines Kranken ... Er betastet mich. Er wird mich verwirren wollen. Warum bin ich überhaupt gekommen?“

Dies alles fuhr ihm durch den Kopf wie ein Blitz.

Porphyri Petrowitsch kehrte bald zurück. Er war auf einmal vergnügter geworden.

„Mein Kopf brummt von dem gestrigen Abend bei dir, Bruder ... und ich bin ganz zerschlagen,“ begann er in einem ganz anderen Tone und wandte sich lachend an Rasumichin. „War es interessant? Ich verließ euch doch gestern bei dem interessantesten Punkte. Wer siegte?“

„Niemand, selbstverständlich. Wir kamen später zu den ewigalten Fragen, schwebten in höheren Regionen.“

„Was meinst du, Rodja, worauf sie gestern zu sprechen kamen, – gibt es oder gibt es keine Verbrecher? Ich sag dir, sie schwatzten das Blaue vom Himmel herunter!“

„Was ist da Merkwürdiges dran? Eine gewöhnliche soziale Frage,“ antwortete Raskolnikoff zerstreut.

„Die Frage war nicht so formuliert,“ bemerkte Porphyri Petrowitsch.

„Nein, nicht ganz so, das ist wahr,“ pflichtete Rasumichin wie gewöhnlich eilig und sich ereifernd bei. „Sieh, Rodion, höre mich an und sage dann deine Meinung. Es wäre mir lieb. Ich wollte gestern geradezu aus der Haut fahren, ich wartete auf dich, denn ich hatte ihnen gesagt, daß du kommen wirst ... Es begann mit der Anschauung der Sozialisten. Die Anschauung ist bekannt, – das Verbrechen ist ein Protest gegen die anormale soziale Einrichtung, und – mehr nichts, keine andern Gründe wurden zugelassen, – nichts mehr! ...“

„Da schwindelst du schon!“ rief Porphyri Petrowitsch. Er wurde sichtbar belebter und lachte alle Augenblicke, indem er Rasumichin ansah, der dadurch noch mehr in Hitze kam.

„Sonst wurde nichts zugelassen!“ unterbrach ihn Rasumichin voll Eifer, „ich schwindle nicht! ... Ich will dir ihre Bücher zeigen, – an allem soll die sogenannte ‚gute Gesellschaft schuld sein‘ – und weiter nichts! Das ist ihre Lieblingsphrase! Und daraus geht hervor, daß, wenn die Gesellschaft normal eingerichtet sein wird, mit einem Male auch alle Verbrecher verschwinden werden, weil es nichts mehr geben wird, dagegen zu protestieren, und alle werden auf einmal gerecht werden. Die Natur wird nicht in Betracht gezogen, die Natur wird hinausgejagt, die Natur hat keinen Platz! Bei ihnen wird die Menschheit nicht von selbst sich in eine normale Gesellschaft verwandeln, indem sie den historischen, lebendigen Entwicklungsgang durchmacht, sondern im Gegenteil, ein soziales System, irgendeinem mathematischen Kopfe entsprungen, soll sofort die ganze Menschheit verändern und im Nu sie gerecht und sündenlos machen, ohne jeden historischen und lebendigen Entwicklungsgang, ohne jeglichen lebendigen Prozeß! Darum hassen sie auch so instinktiv die Geschichte, – ‚in ihr kommen bloß Scheußlichkeiten und Dummheiten vor‘, – und alles wird bloß durch Dummheit allein erklärt! Darum lieben sie auch nicht den lebendigen Lebensprozeß, – sie brauchen keine lebendige Seele. Eine lebendige Seele wird Leben verlangen, eine lebendige Seele will nicht einem Mechanismus gehorchen, eine lebendige Seele ist mißtrauisch, eine lebendige Seele ist rückschrittlich! Und bei ihnen kann man die Seele aus Kautschuk machen, tut nichts, daß sie Leichengeruch hat, – sie ist dafür nicht lebendig, ohne Willen, eine Sklavenseele und wird sich nicht empören. Und im Resultate kommt es darauf hinaus, daß sich alles nur um das Zusammensetzen von Ziegelsteinen und um die Lage der Korridore und der Zimmer in der kommunistischen Kolonie dreht! Die kommunistische Kolonie ist fertig, sie verlangt Leben, hat ihren Lebensprozeß noch nicht abgeschlossen, es ist zu früh für sie, auf den Kirchhof zu kommen! Mit der Logik allein kann man nicht die Natur überspringen! Die Logik will drei Fälle voraussetzen, und es gibt ihrer eine Million! Soll man die ganze Million Fälle abschneiden und alles bloß zur Frage des Komforts konzentrieren? Die leichteste Lösung der Aufgabe! Sie ist verlockend einfach und man braucht nicht zu denken! Und das ist die Hauptsache – man braucht nicht zu denken! Das ganze Lebensgeheimnis findet auf zwei Druckbogen Platz!“

„Wie es dich gepackt hat, du schlugst fest die Trommel! Man muß dich festhalten,“ lachte Porphyri Petrowitsch. „Stellen Sie sich vor,“ wandte er sich an Raskolnikoff, „so war es auch gestern abend, und das in einem Zimmer, angefüllt mit sechs Mann, die er dazu noch vorher mit Punsch bewirtet hat, – können Sie sich so was vorstellen? Nein, Bruder, du schwindelst, – ‚die Gesellschaft‘ hat bei einem Verbrechen viel zu bedeuten; das kann ich dir bestätigen.“

„Ich weiß es selbst, daß sie viel zu bedeuten hat, aber sage mir, – wenn ein Vierzigjähriger ein Mädchen von zehn Jahren vergewaltigt, – hat ihn etwa die Gesellschaft, die Umgebung dazu gezwungen?“

„Ja, im strengen Sinne vielleicht auch die Gesellschaft,“ bemerkte Porphyri Petrowitsch mit merkwürdiger Wichtigkeit, „ein Verbrechen an einem kleinen Mädchen kann man sehr, sehr gut durch ‚die Gesellschaft‘ erklären.“

Rasumichin geriet nun fast in Wut.

„Nun, willst du, so werde ich dir sofort beweisen,“ brüllte er „daß du weiße Wimpern einzig und allein darum hast, weil der Turm von Iwan Weliki fünfundsiebzig Meter hoch ist, und ich will es dir klar, genau, fortschrittlich, und sogar mit einem liberalen Anfluge beweisen! Ich übernehme es! Nun, willst du mit mir wetten?“

„Ich nehme die Wette an! Wollen wir mal hören, wie er es beweisen will!“

„Ja, du stellst dich bloß so an, zum Teufel!“ rief Rasumichin aus, sprang von seinem Stuhle und wehrte mit der Hand ab. „Nun, lohnt es sich mit dir zu sprechen? Er tut dies nur absichtlich, du kennst ihn noch nicht, Rodion! Auch gestern war er auf ihrer Seite, bloß, um sie alle anzuführen. Und was er gestern alles sagte, oh Gott! Und die waren um ihn froh! ... Er kann in dieser Weise zwei Wochen aushalten. Im vorigen Jahre erzählte er uns aus irgendeinem Grunde, daß er ins Kloster gehe, – zwei Monate blieb er dabei! Vor kurzem wollte er uns aufbinden, daß er heiraten würde, und daß alles schon zur Hochzeit bereit sei. Sogar einen neuen Anzug hatte er sich bestellt. Wir fingen schon an, ihm zu gratulieren. Keine Braut, nichts war da, – alles Phantasiespiel!“

„Da hast du wieder geschwindelt! Den Anzug hatte ich vorher bestellt! Wegen des neuen Anzuges kam es mir auch in den Sinn, euch alle anzuführen!“

„Können Sie sich wirklich so verstellen?“ fragte Raskolnikoff nachlässig.

„Und Sie glauben es nicht? Warten Sie, auch Sie will ich anführen – ha–ha–ha! Nein, hören Sie, ich will Ihnen die Wahrheit sagen. Bei allen diesen Fragen, Verbrechen, Gesellschaft, kleinen Mädchen erinnere ich mich plötzlich, – übrigens habe ich mich stets dafür interessiert, – an einen Aufsatz von Ihnen, – ‚Über Verbrechen ...‘ oder wie er heißt, ich habe den Titel vergessen, ich erinnere mich nicht genau an ihn. Vor zwei Monaten hatte ich das Vergnügen, ihn in dem ‚Periodischen Worte‘ zu lesen.“

„Meinen Aufsatz? In dem ‚Periodischen Worte?‘“ fragte verwundert Raskolnikoff, „ich habe tatsächlich vor einem halben Jahre, als ich die Universität verließ, einen Aufsatz geschrieben, aber ich habe ihn damals der Zeitung ‚Das wöchentliche Wort‘ und nicht dem ‚Periodischen‘ übergeben.“

„Er ist aber im ‚Periodischen‘ erschienen.“

„Das ‚Wöchentliche Wort‘ hörte damals auf zu erscheinen, darum druckte man ihn auch nicht ...“

„Das ist richtig; und das ‚Wöchentliche Wort‘ verschmolz mit dem ‚Periodischen‘ und darum erschien auch Ihr Aufsatz vor zwei Monaten dort. Sie wußten es nicht?“

Raskolnikoff wußte tatsächlich nichts davon.

„Erlauben Sie, Sie können doch Geld für den Aufsatz verlangen! Was Sie für ein Mensch sind! Sie leben so einsam, daß Sie selbst von solchen Dingen, die Sie doch direkt angehen, keine Ahnung haben.“

„Bravo, Rodja! Auch ich wußte nichts,“ rief Rasumichin aus. „Ich gehe heute noch in die Lesehalle und verlange die Nummer. Vor zwei Monaten war es! Welches Datum? Na, einerlei, ich werde ihn schon finden! Das ist mal eine Sache! Und er sagte nichts davon!“

„Woher haben Sie zu wissen bekommen, daß der Aufsatz von mir ist? Er ist nur mit einem Buchstaben unterzeichnet.“

„Zufällig, und auch erst in diesen Tagen. Durch den Redakteur; ich kenne ihn ... Ich war sehr interessiert.“

„Ich betrachtete, soweit ich mich erinnere, den psychologischen Zustand eines Verbrechers während des ganzen Vorganges.“

„Ja, und Sie behaupteten, daß die Vollbringung eines Verbrechens stets von einer Krankheit begleitet wird. Sehr, sehr originell, aber ... mich interessierte eigentlich nicht dieser Teil Ihres Aufsatzes, sondern ein gewisser Gedanke, der zum Schlusse vorkommt, den Sie aber leider nur unklar andeuteten ... Wenn Sie sich entsinnen, es ist da angedeutet, daß in der Welt offenbar Menschen existieren, die tun können ... das heißt nicht bloß können, sondern volles Recht dazu haben, allerhand Scheußlichkeiten und Verbrechen zu vollbringen, und daß für sie das Gesetz nicht geschrieben ist.“

Raskolnikoff lächelte über die starke absichtliche Verdrehung seiner Idee.

„Wie? Was? Ein Recht auf Verbrechen? Aber doch nicht aus dem Grunde, weil die Gesellschaft schuld ist?“ erkundigte sich Rasumichin voll Schrecken.

„Nein, nein, nicht aus dem Grunde,“ antwortete Porphyri Petrowitsch. „Die ganze Sache dreht sich darum, daß in seinem Aufsatze die Menschen in ‚gewöhnliche‘ und ‚ungewöhnliche‘ eingeteilt werden. Die Gewöhnlichen müssen in Gehorsam leben und haben kein Recht, ein Gesetz zu überschreiten, weil sie – eben Gewöhnliche sind. Und die Ungewöhnlichen haben das Recht, allerhand Verbrechen zu vollbringen und in jeder Weise das Gesetz zu verletzen, und das, weil sie Ungewöhnliche sind. So scheint es mir in Ihrem Aufsatze zu stehen, wenn ich nicht irre?“

„Aber wie ist denn das? Es kann nicht sein, daß es so gemeint ist!“ murmelte Rasumichin zweifelnd.

Raskolnikoff lächelte wieder. Er hatte sofort verstanden, wie die Sache stand und worauf man ihn bringen wollte; er entsann sich der Stelle und beschloß, die Herausforderung anzunehmen.

„Es steht nicht ganz so in meinem Aufsatze,“ begann er schlicht und bescheiden. „Übrigens, ich muß gestehen, daß Sie ihn nahezu richtig wiedergegeben haben, und wenn Sie es wünschen, auch vollkommen richtig ...“ Es paßte ihm anscheinend, zuzugeben, daß der Gedanke vollkommen richtig wiedergegeben war. „Der Unterschied besteht einzig darin, daß ich gar nicht behauptete, daß die ungewöhnlichen Menschen unbedingt allerhand Scheußlichkeiten vollbringen müssen und dazu verpflichtet sind, wie Sie es sagen. Ich glaube auch, daß man einen solchen Aufsatz in der Presse nicht zugelassen hätte. Ich habe einfach angedeutet, daß ein ‚ungewöhnlicher‘ Mensch das Recht habe ... das heißt kein offizielles Recht, sondern in sich selbst das Recht trage, seinem Gewissen zu gestatten ... einige Hindernisse zu überschreiten, und einzig in dem Falle, wenn die Erfüllung seiner Idee, – die zuweilen vielleicht für die ganze Menschheit heilbringend ist, – dieses verlangt. Sie beliebten zu sagen, daß mein Aufsatz nicht deutlich sei; ich bin bereit, ihn Ihnen nach Möglichkeit zu erklären. Ich irre mich vielleicht nicht, wenn ich annehme, daß Sie es wünschen, gut. Meine Ansicht geht dahin, – wenn die Entdeckungen von Newton und Kepler, infolge irgendwelcher Kombinationen, in keiner Weise der Menschheit anders bekannt werden konnten als durch den Verlust des Lebens von einem, zehn, hundert und mehr Menschen, die der Erfindung störend waren, oder ihr als ein Hindernis im Wege standen, so hätte Newton das Recht gehabt und wäre sogar verpflichtet gewesen ... diese zehn oder hundert Menschen zu beseitigen, um seine Erfindungen der ganzen Menschheit bekannt zu machen. Daraus läßt sich übrigens gar nicht schließen, daß Newton das Recht hatte, jeden beliebigen, den ersten besten zu ermorden oder jeden Tag auf dem Markte zu stehlen. Weiter entwickelte ich – soweit ich mich erinnern kann – in meinem Aufsatze, daß alle ... nun, nehmen wir zum Beispiel die Gesetzgeber und Führer der Menschheit, angefangen von den allerältesten Lykurg, Solon bis Mahomet, Napoleon und so weiter herauf: alle waren ohne Ausnahme Verbrecher, schon dadurch allein, daß sie ein neues Gesetz gaben, das alte, von der Gesellschaft heilig geehrte und von den Vätern übernommene Gesetz verletzten, – und sie schraken sicher nicht vor dem Blutvergießen zurück, wenn ihnen nur das Blut, – und es war zuweilen ganz unschuldiges und tapfer für das alte Gesetz vergossenes Blut – helfen konnte. Es ist sogar auffallend, daß der größte Teil dieser Wohltäter und Führer der Menschheit besonders grausame Blutvergießer waren. Mit einem Worte, ich ziehe den Schluß, daß auch alle, nicht bloß die Großen, sondern auch die kaum über das Maß hervortretenden Menschen, das heißt, die auch nur eine geringe Fähigkeit haben, etwas Neues zu sagen, unbedingt ihrer Natur nach mehr oder weniger Verbrecher sein müssen. Anders würde es ihnen schwer fallen, aus dem Gleise herauszukommen; und im Gleise zu bleiben können sie gar nicht wollen, wiederum ihrer Natur nach, und meiner Ansicht nach sind sie sogar verpflichtet, es nicht zu wollen. Mit einem Worte, Sie sehen, daß bis dato etwas besonders Neues nicht in dem Aufsatze steht. Das wurde schon tausendmal gedruckt und gelesen. Was meine Einteilung der Menschen in gewöhnliche und ungewöhnliche anbetrifft, gebe ich zu, daß sie ein wenig willkürlich ist, aber ich klammere mich auch nicht an genaue Zahlen. Ich glaube nur an meinen Hauptgedanken. Er besteht gerade darin, daß die Menschen infolge eines Naturgesetzes überhaupt in zwei Gattungen zerfallen, – eine niedrige, die gewöhnlichen, das heißt sozusagen das Material, das einzig zur Weitererzeugung dient, und eigentliche Menschen, das heißt solche, die die Begabung oder das Talent haben, in ihrem Kreise ein neues Wort zu sagen. Selbstverständlich gibt es hier endlose Unterabteilungen, aber die bezeichnenden Merkmale beider Gattungen sind ziemlich scharf, – die erste Gattung, das heißt das Material, besteht, im allgemeinen gesagt, aus Menschen, die ihrer Natur nach konservativ und gesittet sind, in Gehorsam leben und es lieben, gehorsam zu sein. Meiner Ansicht nach sind sie auch verpflichtet, gehorsam zu sein, denn das ist ihre Bestimmung und dabei ist entschieden nichts Erniedrigendes für sie. Die zweite Gattung, – die überschreiten alle das Gesetz, sind Zerstörer oder neigen dazu, je nach ihren Fähigkeiten. Die Verbrechen dieser Menschen sind selbstverständlich relativ und verschieden; meistens verlangen sie die Zerstörung des Gegenwärtigen im Namen eines Besseren. Wenn er aber seiner Idee wegen, – sagen wir – über eine Leiche schreiten oder Blut vergießen muß, so kann er, meine ich, innerlich von seinem Gewissen aus sich die Erlaubnis geben, über diese Leiche hinwegzuschreiten, – das heißt, je nach der Idee und ihrem Umfange, – halten Sie das fest! Nur in diesem Sinne spreche ich auch in meinem Aufsatze über ihr Recht auf Verbrechen. Sie entsinnen sich doch, daß wir mit einer juristischen Frage anfingen. Übrigens, es ist nicht wert, sich viel aufzuregen, – die Menge erkennt fast nie dieses Recht für sie an, sie läßt sie hinrichten und hängen – mehr oder weniger – und erfüllt dadurch vollkommen richtig ihre konservative Bestimmung, jedoch mit dem Unterschiede, daß dieselbe Menge in den folgenden Generationen die Hingerichteten auf das Piedestal stellen und sie anbeten wird – mehr oder weniger. Die erste Gattung ist immer der Herr der Gegenwart, die zweite – der Herr der Zukunft. Die ersten bewahren die Welt und vermehren sie der Zahl nach; die zweiten bewegen die Welt und führen sie zum Ziele. Wie die einen, so haben auch die anderen das vollkommen gleiche Recht, zu existieren. Mit einem Worte, in meinem Aufsatze haben alle gleich großes Recht und – vive la guerre éternelle[1], – bis zum Neuen Jerusalem, versteht sich!“

„Also, Sie glauben trotzdem an Neu-Jerusalem?“

„Ich glaube daran,“ antwortete Raskolnikoff fest. Indem er dies sagte, blickte er zu Boden, wie er auch während seiner langen Rede auf einen Punkt des Teppiches geblickt hatte.

„Und, und glauben Sie auch an Gott? Entschuldigen Sie meine Neugier.“

„Ich glaube an ihn,“ wiederholte Raskolnikoff und hob die Augen zu Porphyri Petrowitsch empor.

„Und, und glauben Sie an die Auferstehung des Lazarus?“

„Ich glau–be. Warum wollen Sie das wissen?“

„Glauben Sie buchstäblich daran?“

„Buchstäblich.“

„So, so ... ich fragte bloß aus Neugier. Entschuldigen Sie. Aber erlauben Sie, – ich kehre zu dem Gesagten zurück, – jene werden doch nicht immer hingerichtet, manche ganz im Gegenteil ...“

„Triumphieren während ihres Lebens? Oh ja, manche erreichen es auch während ihrer Lebenszeit, und dann ...“

„Beginnen sie selbst hinzurichten?“

„Wenn es nötig ist, und wissen Sie, eigentlich meistenteils. Ihre Bemerkung war treffend.“

„Danke. Aber sagen Sie bitte, wie soll man diese Ungewöhnlichen von den Gewöhnlichen unterscheiden? Gibt es etwa bei der Geburt solche Merkmale? Ich meine, daß hier mehr Klarheit, sozusagen mehr äußerliche Genauigkeit sein müßte, – entschuldigen Sie bei mir die natürliche Besorgnis eines praktischen und loyalen Menschen, aber könnte man hier nicht zum Beispiel eine besondere Kleidung einführen, irgend etwas tragen, irgendwie sie kennzeichnen? ... Denn, gestehen Sie selbst, wenn eine Verwechslung stattfindet, und einer aus der einen Gattung sich einbildet, daß er zu der anderen Gattung gehöre und anfängt ‚alle Hindernisse zu beseitigen‘, wie Sie sich sehr treffend ausdrückten, so kann dabei ...“

„Oh, das kommt sehr oft vor! Ihr letzter Einwurf ist noch besser als der vorige ...“

„Danke sehr ...“

„Keine Ursache; aber ziehen Sie doch in Betracht, daß ein Irrtum nur seitens der ersten Gattung, das heißt der ‚gewöhnlichen‘ Menschen, wie ich sie vielleicht sehr unglücklich genannt habe, möglich ist. Trotz ihrer angeborenen Neigung zum Gehorsam lieben es sehr viele von ihnen, aus einem gewissen, lebhaften Naturell, das auch einer Kuh nicht versagt ist, sich einzubilden Fortschrittsmänner, ‚Zerstörer‘, zu sein und glauben es mit einem neuen Worte erreicht zu haben, und sie tun vollkommen aufrichtig. Und die tatsächlich Neuen bemerken sie darüber sehr oft nicht, verachten sie sogar als rückschrittliche und untergeordnete Menschen. Meiner Ansicht nach aber kann hier keine große Gefahr vorliegen, denn sie erreichen nie viel im Leben. Für ihre Verblendung könnte man sie zuweilen züchtigen, um sie an ihren Platz zu erinnern, aber auch nicht mehr; man braucht aber dabei oftmals keinen Vollstrecker, sie werden sich selbst züchtigen, weil sie sehr wohlgesittet sind, – manche erweisen einander diesen Dienst, andere aber tun es eigenhändig ... Sie legen sich dabei allerhand öffentliche Bußen auf, – es macht sich das hübsch und wirkt belehrend: mit einem Worte, Sie brauchen sich nicht zu beunruhigen ... Für sie besteht ein Gesetz.“

„Nun, in diesem Punkte haben Sie mich wenigstens etwas beruhigt, aber da haben wir noch einen bösen Punkt, – sagen Sie mir bitte, gibt es viele solche Leute, die das Recht haben, andere zu morden, sogenannte ‚Ungewöhnliche‘? Ich bin selbstverständlich bereit, mich vor Ihnen zu beugen, aber Sie müssen doch selbst zugeben, daß es ängstlich ist, wenn es viele von der Art gäbe?“

„Oh, regen Sie sich auch in diesem Punkte nicht auf,“ fuhr Raskolnikoff in demselben Tone fort, „Menschen mit neuen Gedanken, sogar solche, die nur einigermaßen befähigt sind, etwas Neues zu sagen, werden überhaupt ungewöhnlich wenige geboren, sogar merkwürdig wenig. Eines ist mir klar, daß die Ordnung für das Entstehen und Gedeihen aller dieser Kategorien und Subkategorien sehr genau und sicher durch irgendein Naturgesetz bestimmt ist. Dieses Gesetz ist uns selbstverständlich unbekannt, aber ich glaube, daß es existiert und späterhin vielleicht auch einmal bekannt werden wird. Die ungeheure Menge Menschen, das Material existiert bloß in der Welt, um schließlich durch irgendeine Anstrengung, durch einen geheimnisvollen Vorgang, durch eine Kreuzung von Geschlechtern und Gattungen sich zusammen zu fassen und einen einzigen – sagen wir von tausend – einigermaßen selbständigen Menschen in die Welt zu setzen. Mit einer noch größeren Selbständigkeit wird vielleicht nur ein einziger von zehntausend geboren, – ich spreche bildlich. Mit einer noch größeren von hunderttausend ein einziger. Geniale Menschen von Millionen und große Genies, die Vollender der Menschheit, kommen vielleicht zur Welt nach dem Ableben von vielen tausend Millionen Menschen. Mit einem Worte, ich habe keinen Blick in die Retorte geworfen, in der dies alles vorgeht. Aber ein bestimmtes Gesetz existiert unbedingt und muß existieren; hier kann es keinen Zufall geben.“

„Ja, sagt einmal, scherzt ihr etwa beide?“ rief Rasumichin endlich aus. „Führt ihr einander an der Nase herum oder nicht? Sie sitzen und treiben miteinander Spaß! Meinst du es ernst, Rodja?“

Raskolnikoff erhob sein bleiches und fast trauriges Gesicht zu ihm und antwortete nichts. Und merkwürdig erschien Rasumichin, im Vergleiche zu diesem stillen und traurigen Gesichte, der offene, zudringliche, gereizte und unhöfliche, beißende Spott von Porphyri Petrowitsch.

„Nun, Bruder, wenn es tatsächlich ernst ist, so ... Du hast gewiß recht, wenn du sagst, daß dies nicht neu sei und allem, was wir tausendmal gelesen und gehört haben, gleiche. Aber was tatsächlich originell in alledem ist, – und in der Tat dir zu meinem Entsetzen allein gehört, ist der Punkt, daß du trotzdem Blutvergießen dem Gewissen nach gestattest und es – entschuldige mich, – sogar mit so einem Fanatismus tust ... In diesem also besteht auch der Hauptgedanke deines Aufsatzes. Diese Erlaubnis, dem Gewissen nach Blut zu vergießen, das ... das ist meiner Meinung nach schrecklicher als eine offizielle Erlaubnis, Blut zu vergießen, sozusagen eine gesetzliche ...“

„Vollkommen richtig, – es ist schrecklicher,“ pflichtete Porphyri Petrowitsch bei.

„Nein, du hast dich von irgend etwas hinreißen lassen! Das muß ein Irrtum sein. Ich will den Aufsatz lesen ... Du hast dich bestimmt hinreißen lassen! Du kannst nicht so denken ... Ich will es lesen.“

„Im Aufsatze steht dies alles nicht, es ist dort bloß angedeutet,“ sagte Raskolnikoff.

„So, so,“ Porphyri Petrowitsch rückte auf seinem Stuhle hin und her, „mir ist es jetzt ziemlich klar, wie Sie belieben Verbrechen zu betrachten, aber ... entschuldigen Sie meine Zudringlichkeit, – ich belästige Sie zu sehr, schäme mich selbst darüber, – aber sehen Sie, – Sie haben mich vorhin sehr beruhigt über die Möglichkeit einer Verwechslung der beiden Kategorien, aber ... mich quälen nun allerhand praktische Fälle! Nehmen wir an, irgendein Mann oder Jüngling bildet sich plötzlich ein, er sei Lykurg oder Mahomet ... ein Zukünftiger, verstehen Sie, und – beginnt nun alle Hindernisse zu beseitigen ... Es steht ihm, sagt er sich, ein langer Weg bevor und für diesen Weg braucht er Geld ... so beginnt er sich das Geld zu verschaffen ... wissen Sie?“

Sametoff prustete plötzlich vor Lachen; Raskolnikoff würdigte ihn nicht eines Blickes.

„Ich muß zugeben,“ antwortete er ruhig, „daß solche Fälle in der Tat vorkommen müssen. Dümmere und besonders eitle Menschen fallen darauf herein; insbesondere die Jugend.“

„Sehen Sie. Nun, was soll da geschehen?“

„Ja, was denn,“ lächelte ein wenig Raskolnikoff, „ich bin doch daran nicht schuld. So ist es einmal und wird immer so bleiben. Er“ – er wies auf Rasumichin – „sagte soeben, daß ich Blutvergießen gestatte. Was ist denn dabei? Die Gesellschaft ist doch mit Verbannung, Gefängnissen, Untersuchungsrichtern, Zuchthäusern genug gesichert, – wozu denn sich beunruhigen? Sucht den Dieb! ...“

„Nun, und wenn wir ihn finden?“

„Fort mit ihm.“

„Das ist sehr logisch. Nun, und wie steht es mit dem Gewissen?“

„Was kümmert Sie das?“

„Doch, aus Humanität.“

„Wer ein Gewissen hat, mag darunter leiden, wenn er seinen Irrtum einsieht. Das ist auch eine Strafe für ihn, – außer der Zwangsarbeit.“

„Nun, und die tatsächlich Genialen,“ fragte Rasumichin mit düsterem Gesichte, „die nämlich, denen das Recht gegeben ist zu morden, die sollen gar nicht, auch nicht wegen des vergossenen Blutes leiden?“

„Warum sagst du: sollen? Es gibt hier weder eine Erlaubnis, noch ein Verbot. Mag er leiden, wenn ihm das Opfer leid tut ... Leiden und Schmerz hängen immer mit einer weiten Erkenntnis und einem tiefen Herzen zusammen. Die wirklich großen Menschen müssen auf Erden großes Leid empfinden,“ fügte er plötzlich nachdenklich, nicht im Tone des Gespräches, hinzu.

Er hob die Augen auf, blickte alle sinnend an, lächelte und nahm seine Mütze. Er war im Vergleiche mit seinem Eintritt zu ruhig, und er fühlte es auch. Alle erhoben sich.

„Nun, schelten Sie mich oder nicht, ärgern Sie sich über mich oder nicht, aber ich kann es nicht unterlassen,“ sagte Porphyri Petrowitsch wieder, „erlauben Sie mir noch eine kleine Frage – ich belästige Sie sehr, – nur eine einzige kleine Idee möchte ich aussprechen, bloß um es nicht zu vergessen ...“

„Gut, sagen Sie Ihre kleine Idee.“ Raskolnikoff stand ernst und bleich in Erwartung vor ihm.

„Ja, sehen Sie ... ich weiß wirklich nicht, wie ich mich glücklich ausdrücken soll ... die Idee ist zu gelungen ... ist psychologisch ... Sehen Sie, als Sie Ihren Aufsatz schrieben, – da war es doch nicht ganz ohne, he–he–he–, – daß Sie sich selbst, – nun, sagen wir, ein bißchen vielleicht, – auch für einen ‚ungewöhnlichen‘ Menschen hielten, der ein neues Wort – in Ihrem Sinne, versteht sich, – sagt ... War es nicht so?“

„Sehr möglich,“ antwortete Raskolnikoff verächtlich. Rasumichin machte eine Bewegung.

„Und wenn es so ist, würden Sie in diesem Falle sich entschließen, – nun, sagen wir, wegen irgendwelcher Fehlschläge und beschränkter Verhältnisse oder auch um irgendwie die Menschheit zu fördern, – über ein Hindernis hinweg zu schreiten? ... Nun, zum Beispiel, zu morden und zu rauben? ...“

Und wieder schien er ihm plötzlich mit dem linken Auge zuzuzwinkern und lachte unhörbar, – genau wie vorhin.

„Wenn ich auch über eines hinweg schreiten würde, so würde ich es Ihnen sicher nicht sagen,“ antwortete Raskolnikoff mit herausfordernder hochmütiger Verachtung.

„Ach was, ich interessiere mich doch in rein literarischer Hinsicht, um eigentlich Ihren Aufsatz mehr zu verstehen ...“

„Jetzt wird er deutlich und unverschämt!“ dachte Raskolnikoff voll Widerwillen.

„Gestatten Sie mir gütigst zu bemerken,“ antwortete er trocken, „daß ich mich weder für einen Mahomet noch für einen Napoleon halte ... für keine von solchen Persönlichkeiten, also kann ich, da ich keiner von denen bin, Ihnen auch keine befriedigende Erklärung geben, wie ich handeln würde.“

„Nun, aber bitte, wer hält sich jetzt in Rußland nicht für einen Napoleon?“ sagte Porphyri Petrowitsch plötzlich mit großer Familiarität.

Sogar im Tone seiner Stimme lag diesmal etwas besonders Deutliches.

„Möglicherweise hat auch ein künftiger Napoleon unsere Aljona Iwanowna in der vorigen Woche mit dem Beile erschlagen?“ platzte Sametoff heraus.

Raskolnikoff schwieg und blickte unverwandt und fest Porphyri Petrowitsch an. Rasumichins Gesicht verfinsterte sich. Ihm war schon vorher etwas aufgefallen. Er blickte zornig um sich. Eine Minute düsteren Schweigens verging. Raskolnikoff wandte sich, um wegzugehen.

„Sie wollen schon fortgehen?“ sagte Porphyri Petrowitsch freundlich und reichte ihm außerordentlich liebenswürdig die Hand. „Ich freue mich sehr, sehr über Ihre Bekanntschaft. Und was Ihre Bitte anbetrifft, seien Sie ohne Sorge. Schreiben Sie nur so, wie ich Ihnen sagte. Oder noch besser, kommen Sie selber einmal zu mir ... vielleicht in diesen Tagen ... morgen ... ich werde gegen elf Uhr da sein. Wir wollen dann alles besorgen ... uns auch etwas unterhalten ... Sie, als einer der letzten, die dort gewesen waren, könnten uns vielleicht etwas mitteilen ...“

„Sie wollen mich offiziell, mit allem Zubehör, verhören?“ fragte Raskolnikoff scharf.

„Warum denn? Vorläufig ist das gar nicht nötig. Sie haben das falsch verstanden. Sehen Sie, ich lasse mir keine Gelegenheit entgehen und ... und habe schon mit allen Pfandgebern gesprochen ... manche Aussagen habe ich zu Protokoll genommen ... und Sie, als der letzte ... Ja, a propos!“ rief er plötzlich, sich über etwas freuend, „ich erinnere mich jetzt, was ist denn mit mir! ...“ wandte er sich an Rasumichin. „Siehst du, du hast mir von diesem Nikolai die Ohren vollgeblasen ... nun, ich weiß auch selbst, ich weiß,“ wandte er sich an Raskolnikoff, „daß der Bursche unschuldig ist, aber was ist da zu machen, ich mußte auch Dmitri belästigen ... ja, die Sache ist nun die, – als Sie damals die Treppe hinaufgingen ... erlauben Sie, – Sie waren doch in der achten Stunde dort?“

„Ja, in der achten,“ antwortete Raskolnikoff und empfand es im selben Momente unangenehm, da er dies doch nicht zu sagen brauchte.

„Also, als Sie die Treppe in der achten Stunde hinaufgingen, haben Sie da nicht im zweiten Stock, in einer offenstehenden Wohnung – erinnern Sie sich? – zwei Arbeiter oder wenigstens einen von ihnen gesehen? Sie strichen dort an, haben Sie sie nicht bemerkt? Das ist sehr, sehr wichtig für die beiden! ...“

„Anstreicher? Nein, ich habe sie nicht gesehen ...“ antwortete Raskolnikoff langsam und wie in seiner Erinnerung suchend, dabei spannte er unter schweren Qualen sein ganzes Wesen an, um alsbald die gestellte Falle zu erkennen und nichts zu übersehen. „Nein, ich habe sie nicht gesehen und eine offenstehende Wohnung auch nicht bemerkt ... aber ich erinnere mich – (er hatte die Falle jetzt erkannt und triumphierte) – daß im vierten Stock ein Beamter aus der Wohnung auszog ... gerade gegenüber Aljona Iwanowna ... ich erinnere mich dessen ... erinnere mich klar ... Soldaten trugen ein Sofa hinaus und preßten mich dabei an die Wand ... Anstreicher, nein, deren erinnere ich mich nicht ... und eine offenstehende Wohnung habe ich nirgends gesehen. Ja, nirgends ...“

„Ja, was ist denn das!“ rief plötzlich Rasumichin, als sei er zu sich gekommen und hätte es sich überlegt, „ja, die Anstreicher arbeiteten doch am Tage des Mordes dort und er war drei Tage vorher dort? Was fragst du denn?“

„Ach! Ich habe es verwechselt!“ schlug sich Porphyri Petrowitsch vor die Stirn. „Zum Teufel, ich verliere noch den Verstand durch diese Sache!“ wandte er sich wie entschuldigend an Raskolnikoff. „Uns ist es so wichtig, zu erfahren, ob man jemand in der achten Stunde in der Wohnung gesehen hat und da bildete ich mir ein, daß Sie es auch sagen könnten ... ich habe es rein verwechselt!“

„Man muß eben aufmerksamer sein,“ bemerkte Rasumichin grimmig.

Die letzten Worte wurden schon im Vorzimmer gesagt. Porphyri Petrowitsch begleitete sie außerordentlich liebenswürdig bis zur Türe. Beide traten finster und verdrießlich auf die Straße hinaus und redeten einige Schritte kein Wort. Raskolnikoff tat einen tiefen Atemzug.