VII.

Am selben Tage um sieben Uhr näherte sich Raskolnikoff der Wohnung seiner Mutter und Schwester, – jener Wohnung im Hause von Bakalejeff, wo sie Rasumichin untergebracht hatte. Der Treppeneingang war von der Straße aus. Je näher Raskolnikoff kam, desto mehr verlangsamte er seine Schritte, wie unschlüssig, ob er hineingehen solle oder nicht. Er wäre jedoch um keinen Preis umgekehrt; sein Entschluß war gefaßt. – „Außerdem ist es einerlei, sie wissen ja noch nichts,“ dachte er, „und haben sich schon gewöhnt, mich als einen närrischen Kauz anzusehen ...“ Seine Kleidung war schrecklich, – ganz beschmutzt, zerrissen und zerknittert, weil er die ganze Nacht im Regen verbracht hatte. Sein Gesicht war vor Müdigkeit, durch das schlechte Wetter, aus physischer Ermattung und infolge eines beinahe vierundzwanzigstündigen Kampfes mit sich selbst ganz entstellt. Wo er diese ganze Nacht verbracht hatte, wußte Gott allein; aber sie hatte wenigstens seinen Entschluß herbeigeführt.

Er klopfte an die Türe; die Mutter öffnete ihm. Dunetschka war nicht zu Hause. Auch das Dienstmädchen war um diese Zeit nicht da. Pulcheria Alexandrowna war zuerst ganz stumm vor freudigem Erstaunen, dann ergriff sie seine Hand und zog ihn ins Zimmer.

„Nun, da bist du!“ begann sie, und stockte vor Freude. – „Sei nicht böse auf mich, Rodja, daß ich dich so dumm begrüße, – mit Tränen; ich lache ja und weine nicht. Du denkst, ich weine? Nein, ich freue mich, habe aber bloß so eine dumme Angewohnheit, daß mir dann die Tränen fließen. Das habe ich seit dem Tode deines Vaters, ich weine bei jeder Gelegenheit. Setz dich doch, mein Lieber, du bist wahrscheinlich müde, ich sehe es. Ach, wie du beschmutzt bist.“

„Ich war gestern im Regen fort, Mama ...“ begann Raskolnikoff.

„Aber nein, nein!“ unterbrach ihn Pulcheria Alexandrowna eifrig, „du meinst, ich will dich sofort ausfragen, nach meiner früheren weiberhaften Gepflogenheit, sei darüber beruhigt. Ich begreife doch, ich begreife alles, habe mich jetzt an die hiesigen Gebräuche gewöhnt, und sehe wirklich selbst ein, daß man hier gescheiter ist. Ich habe mir ein für allemal gesagt, wie kann ich deine Entschlüsse verstehen und von dir Rechenschaft verlangen? Du hast vielleicht Gott weiß was für Dinge und Pläne im Kopfe und dir kommen allerhand Gedanken; soll ich dich da immer anstoßen und fragen, worüber denkst du nach? Ich habe ... Ach, mein Gott, Ja, was laufe ich denn herum wie eine Besessene ... Just lese ich deinen Artikel in der Zeitschrift schon zum dritten Male, Rodja; mir hat ihn Dmitri Prokofjitsch gebracht. Ich war sehr überrascht, als ich ihn las; so dumm bin ich, dachte ich, damit gibt er sich also ab, das ist die Lösung der Dinge. Er hat vielleicht neue Gedanken im Kopfe, er überlegt sie sich, ich aber quäle ihn und störe ihn. Ich lese den Artikel, mein Freund, und verstehe selbstverständlich nicht viel; es muß auch übrigens so sein, – wie kann ich es auch verstehen.“

„Zeigen Sie ihn mir, Mama.“

Raskolnikoff nahm den Artikel in die Hand und blickte ihn flüchtig an. Wie sehr es auch seiner Lage und seinem Zustande widersprach, empfand er doch jenes eigentümliche und prickelnde süße Gefühl, das ein Verfasser, der sich zum ersten Male gedruckt sieht, empfindet, dazu sprachen auch seine dreiundzwanzig Jahre mit. Es dauerte einen Augenblick. Nachdem er einige Zeilen gelesen hatte, verdüsterte sich sein Gesicht und ein furchtbarer Gram preßte sein Herz zusammen. Sein ganzer seelischer Kampf in den letzten Monaten kam ihm mit einem Male ins Gedächtnis. Er warf mit Widerwillen und voll Ärger die Zeitung auf den Tisch.

„Aber Rodja, wie dumm ich auch sein mag, ich kann doch verstehen, daß du sehr bald einer von den Ersten, wenn nicht der Erste unter unseren Gelehrten, sein wirst. Und man wagte zu denken, daß du den Verstand verloren hättest. Ha! ha! ha! Du weißt es nicht, aber man meinte es wirklich! Ach, dieses niedrige Gewürm, woher sollen sie auch begreifen, was Verstand haben heißt! Und Dunetschka glaubte auch fast daran – was sagst du dazu! Dein verstorbener Vater hat ein paarmal etliches in Zeitschriften eingeschickt, – zuerst Gedichte (ich habe noch das Heft der Gedichte, ich will es dir einmal zeigen) – und nachher eine ganze Novelle, – (ich hatte ihn gebeten, sie ins Reine schreiben zu dürfen) – und trotzdem wir beide beteten, daß es angenommen würde, – nahmen sie es doch nicht an! Rodja, vor sechs oder sieben Tagen, als ich deine Kleidung sah, wie du wohnst, was du ißt und wie du herumgehst, war ich ganz niedergeschlagen. Jetzt sehe ich, daß ich wieder einmal dumm war, denn wenn du Lust hast, kannst du dir alles auf einmal durch deinen Verstand und dein Talent verschaffen. Du willst es bloß vorläufig nicht und bist mit bedeutend wichtigeren Dingen beschäftigt ...“

„Ist Dunja nicht zu Hause, Mama?“

„Nein, Rodja. Sie ist jetzt sehr oft nicht zu Hause, läßt mich viel allein. Dmitri Prokofjitsch kommt öfters zu mir, um zu plaudern und spricht immer von dir, ich bin ihm sehr dankbar dafür. Er liebt dich sehr und schätzt dich, mein Freund. Ich kann von deiner Schwester nicht gerade sagen, daß sie zu mir unehrerbietig wäre. Ich klage nicht. Sie hat ihren Charakter, wie ich den meinen; sie hat allerhand Geheimnisse vor mir; und ich habe vor euch keine Geheimnisse. Gewiß, ich bin fest überzeugt, daß Dunja klug ist und außerdem auch mich und dich liebt ... aber ich weiß wirklich nicht, wohin dies alles führen wird. Du hast mich glücklich gemacht, Rodja, weil du mich jetzt besucht hast, sie aber hat das versäumt; wenn sie zurückkommt, will ich auch ihr sagen, – dein Bruder war hier, wo hast aber du die Zeit verbracht? Du sollst mich, Rodja, nicht verwöhnen; wenn du kannst, komm zu mir, wenn nicht, – dann läßt sich eben nichts tun als warten. Ich werde trotzdem wissen, daß du mich liebst, und das genügt mir. Ich werde deine Schriften lesen, werde von allen über dich hören, und dann wirst du schon wieder einmal zu mir kommen und was kann ich mir besseres wünschen? Du bist doch jetzt auch gekommen, um die Mutter zu erfreuen, ich sehe es ...“

Hier weinte plötzlich Pulcheria Alexandrowna.

„Schon wieder weine ich! Achte nicht auf mich dumme Person! Ach, mein Gott, was sitze ich hier,“ rief sie aus und fuhr von ihrem Platze auf, „ich habe doch Kaffee und biete dir nichts an! Siehst du, wie groß der Egoismus einer alten Frau ist. Sofort, sofort!“

„Mama, lassen Sie es, ich will gleich wieder fortgehen. Ich bin nicht deswegen gekommen. Bitte, hören Sie mich an.“

Pulcheria Alexandrowna trat schüchtern zu ihm.

„Mama, was auch geschehen sollte, was Sie auch über mich hören sollten, was man Ihnen auch über mich sagen sollte, – werden Sie mich dennoch ebenso lieben, wie jetzt?“ fragte er sie aus vollem Herzen, als bedenke er seine Worte nicht und erwäge sie nicht.

„Rodja, Rodja, was ist mit dir? Ja, wie kannst du nur so etwas fragen? Ja, wer wird mir denn etwas über dich sagen? Ich werde auch niemand glauben, mag kommen, wer da will, ich werde ihn hinausjagen.“

„Ich bin gekommen, Ihnen zu sagen, daß ich Sie geliebt habe, und ich bin jetzt froh, daß wir allein sind, bin sogar froh, daß Dunetschka nicht zu Hause ist,“ fuhr er in derselben Aufwallung fort, – „ich bin gekommen, Ihnen offen zu sagen, daß, wenn Sie auch unglücklich sein werden, Sie doch wissen sollen, daß Ihr Sohn Sie jetzt mehr liebt, als sich selbst, und daß alles, was Sie über mich gedacht haben, daß ich grausam sei und Sie nicht mehr liebe, alles nicht richtig ist. Ich werde nie aufhören, Sie zu lieben ... Nun, und genug; mir schien es, daß ich das sagen und damit beginnen müßte ...“

Pulcheria Alexandrowna umarmte ihn schweigend, preßte ihn an ihre Brust und weinte still.

„Was mit dir ist, Rodja, weiß ich nicht,“ sagte sie schließlich, „ich dachte die ganze Zeit, wir langweilen dich, jetzt aber sehe ich in meiner Weise, daß dir ein großer Kummer bevorsteht, worüber du dich grämst. Ich habe es schon lange gesehen, Rodja. Verzeih mir, daß ich darüber spreche; ich denke immer daran und schlafe des Nachts nicht. Diese Nacht hat auch deine Schwester die ganze Nacht in unruhigem Phantasieren verbracht und immer dich genannt. Ich habe einiges gehört, aber nichts verstanden. Den ganzen Morgen ging sie wie ein zu Tode Verurteilter herum, erwartete immer etwas, hatte Vorahnungen und nun ist es gekommen! Rodja, Rodja, wohin gehst du? Verreisest du etwa und wohin?“

„Ich verreise.“

„Ich dachte es mir! Ich kann doch mit dir reisen, wenn es nötig ist. Auch Dunja, sie liebt dich, sie liebt dich sehr, auch Ssofja Ssemenowna soll meinetwegen mit uns gehen, wenn es nötig ist; ich will sie gern an Tochterstatt aufnehmen, siehst du. Dmitri Prokofjitsch wird uns bei der Abreise helfen ... aber ... wohin ... reisest du?“

„Leben Sie wohl, Mama.“

„Wie! Heute schon!“ rief sie in einem Ton aus, als verliere sie ihn auf ewig.

„Ich kann nicht anders, es ist Zeit für mich, ich muß ...“

„Und ich darf nicht mit dir gehen?“

„Nein, knien Sie aber nieder und beten Sie für mich. Ihr Gebet wird vielleicht erhört.“

„Laß mich dich bekreuzen, dich segnen! So, so! Oh, Gott, was tun wir!“

Ja, er war froh, er war sehr froh, daß niemand da war, daß er mit der Mutter allein war. Es war, als wäre seit dieser ganzen schrecklichen Zeit sein Herz mit einem Male weich geworden. Er sank vor ihr hin, küßte ihre Füße und beide weinten, einander umarmend. Und sie wunderte sich nicht und fragte ihn nichts. Sie hatte schon lange begriffen, daß mit ihrem Sohne etwas Furchtbares vorgehe, und daß jetzt der schreckliche Augenblick für ihn gekommen war.

„Rodja, mein Lieber, mein Erstgeborener,“ sagte sie schluchzend, „du bist jetzt ebenso zu mir gekommen, wie du es als kleiner Junge tatest; hast mich umarmt und geküßt; als wir noch mit Vater lebten und uns kümmerlich durchschlugen, war es schon ein Trost für uns, daß du bei uns warst, als ich aber deinen Vater beerdigt hatte, – wie oft haben wir uns da umarmt, genau so wie jetzt, und haben an seinem Grabe geweint. Daß ich aber lange schon weine, kommt davon, weil das Mutterherz dein Unglück ahnte. Als ich das erste Mal dich damals am Abend sah, – erinnerst du dich, – als wir hier ankamen, habe ich alles an deinem Blicke allein erraten und mein Herz zuckte zusammen, heute aber, als ich dir öffnete und dich anblickte, dachte ich mir sofort, – nun ist die Schicksalsstunde gekommen. Rodja, Rodja, du reisest doch nicht sofort ab?“

„Nein.“

„Du wirst noch einmal herkommen?“

„Ja ... ich werde herkommen.“

„Rodja, sei mir nicht böse, ich darf dich nicht ausfragen. Ich weiß, daß ich es nicht darf, aber sag mir bloß, nur zwei kleine Worte sage mir: Ist es weit, wohin du reist?“

„Sehr weit.“

„Was, hast du eine Anstellung dort oder ist es für deine Karriere wichtig?“

„Was Gott gibt ... beten Sie nur für mich ...“

Raskolnikoff ging zur Türe, aber sie hielt sich an ihm fest und sah ihm mit einem verzweifelten Blick in die Augen. Ihr Gesicht war vor Entsetzen entstellt.

„Genug, Mama,“ sagte Raskolnikoff und bereute tief, daß er auf den Gedanken gekommen war, herzukommen.

„Es ist doch nicht für immer? Nicht für ewig? Du wirst doch noch herkommen, wirst du morgen kommen?“

„Ich werde kommen, werde kommen, leben Sie wohl!“

Er riß sich endlich los.

Der Abend war frisch, warm und klar; das Wetter war seit dem Morgen schön geworden. Raskolnikoff ging eilig nach Hause. Er wollte allem bis zu Sonnenuntergang ein Ende machen. Bis dahin sollte ihn niemand sehen. Als er zu seiner Wohnung hinaufstieg, bemerkte er, daß Nastasja sich vom Samowar abwandte, ihn unverwandt beobachtete und mit den Augen verfolgte. „Sollte etwa jemand bei mir sein?“ dachte er. Voll Widerwillen dachte er an Porphyri Petrowitsch. Als er aber sein Zimmer erreicht und die Türe geöffnet hatte, erblickte er Dunetschka. Sie saß mutterseelenallein in tiefem Nachdenken und schien schon lange auf ihn zu warten. Er blieb auf der Schwelle stehen. Sie erhob sich erschreckt vom Sofa und blieb aufgerichtet vor ihm stehen. Ihr Blick, unverwandt an ihm haftend, drückte Entsetzen und einen untilgbaren Kummer aus. Und an diesem Blicke merkte er sofort, daß sie alles wußte.

„Soll ich zu dir hineinkommen oder fortgehen?“ fragte er mißtrauisch.

„Ich habe den ganzen Tag bei Ssofja Ssemenowna gesessen; wir haben dich beide erwartet. Wir dachten, daß du unbedingt dorthin kommen würdest.“

Raskolnikoff trat in das Zimmer und setzte sich ermattet auf einen Stuhl.

„Ich bin etwas schwach, Dunja; ich bin zu müde; ich möchte aber wenigstens in diesem Augenblicke mich völlig beherrschen.“

Er warf ihr einen schnellen mißtrauischen Blick zu.

„Wo warst du denn die ganze Nacht?“

„Ich erinnere mich dessen nicht gut; siehst du, Schwester, ich wollte zu einem endgültigen Entschluß kommen und bin mehrere Male an der Newa hin- und hergegangen; dessen erinnere ich mich. Ich wollte dort ein Ende machen, aber ... konnte mich nicht entschließen ...“ flüsterte er und blickte Dunja wieder mißtrauisch an.

„Gott sei Dank! Und wie wir das fürchteten, – ich und Ssofja Ssemenowna! Also, du glaubst noch ans Leben, – Gott sei Dank, Gott sei Dank!“

Raskolnikoff lächelte bitter.

„Ich glaubte nicht daran, soeben aber habe ich die Mutter umarmt und mit ihr zusammen geweint; ich glaube nicht daran, aber ich habe sie gebeten, für mich zu Gott zu beten. Gott weiß, wie das alles vor sich geht, Dunetschka und ich begreife nichts.“

„Du warst bei der Mutter? Du hast ihr es selbst gesagt?“ rief Dunja entsetzt aus. – „Hast du es gewagt, ihr zu sagen?“

„Nein, ich habe ihr nichts ... mit Worten gesagt, aber sie hat vieles begriffen. Sie hat in der Nacht gehört, wie du phantasiert hast. Ich bin überzeugt, daß sie die Hälfte schon versteht. Ich habe vielleicht schlecht daran getan, daß ich zu ihr ging. Ich weiß auch nicht mal, warum ich zu ihr hingegangen bin. Ich bin ein gemeiner Mensch, Dunja.“

„Du ein gemeiner Mensch und bist doch bereit, das Leiden auf dich zu nehmen! Du gehst doch um zu leiden?“

„Ich gehe. Sofort. Ja, um dieser Schande zu entgehen, wollte ich mich auch ins Wasser stürzen, Dunja, aber ich dachte, als ich schon über dem Wasser stand, wenn ich mich bisher für stark gehalten habe, so soll ich mich jetzt auch nicht vor der Schande fürchten,“ sagte er. „Das ist der Stolz, Dunja?“

„Ja, das ist der Stolz, Rodja.“

Wie ein Feuer leuchtete es in seinen trüben Augen auf; ihm schien es eine Freude zu sein, daß er noch stolz sein konnte.

„Meinst du aber nicht, Schwester, daß mir einfach vor dem Wasser bange war,“ fragte er mit einem bitteren Lächeln und blickte ihr ins Gesicht.

„Oh, Rodja, höre damit auf!“ rief Dunja bitter aus.

Etwa zwei Minuten dauerte das Schweigen. Er saß mit gesenktem Kopfe und sah zu Boden; Dunetschka stand am anderen Ende des Tisches und blickte ihn voll innerer Qual an.

Plötzlich stand er auf.

„Es ist spät, es ist Zeit. Ich gehe jetzt, mich anzuzeigen. Aber ich weiß nicht, warum ich gehe, mich anzuzeigen.“

Große Tränen rollten über ihre Wangen.

„Du weinst, Schwester, kannst du mir noch die Hand reichen?“

„Und du hast daran zweifeln können?“

Sie umarmte ihn innig.

„Büßest du nicht schon zur Hälfte dein Verbrechen mit deinem Leid?“ rief sie aus, drückte ihn fest an sich und küßte ihn.

„Verbrechen? Was für ein Verbrechen?“ rief er plötzlich in einem Anfalle von Wut, „etwa, weil ich eine scheußliche, bösartige Laus, eine alte Wucherin ermordet habe, die niemand braucht, für deren Ermordung einem vierzig Sünden vergeben werden müssen, die den Armen den letzten Blutstropfen aussaugte, – und das soll ein Verbrechen sein? Ich denke gar nicht daran und denke nicht daran, es tilgen zu wollen. Und was kommen sie mir alle mit diesem Wort ‚Verbrechen, Verbrechen!‘ Jetzt erst sehe ich den ganzen Unsinn meiner Kleinmütigkeit klar, jetzt erst, wo ich mich schon entschlossen habe, diese unnötige Schande auf mich zu nehmen! Bloß aus Gemeinheit und aus Untauglichkeit habe ich mich dazu entschlossen, ja vielleicht auch aus Berechnung, wie dieser ... Porphyri Petrowitsch mir vorgeschlagen hat! ...“

„Bruder, Bruder, was sagst du! Du hast aber doch Blut vergossen!“ rief Dunja verzweifelt aus.

„Das alle vergießen,“ fiel er fast rasend ein, „das in der Welt wie ein Wasserfall fließt und immer geflossen ist, das wie Champagner vergossen wird, und für das man im Kapitol gekrönt und nachher Wohltäter der Menschheit genannt wird. Schau doch bloß näher zu und sieh es! Ich selbst wollte den Menschen Gutes und hätte hunderte, tausende gute Werke vollbracht, anstatt dieser einzigen Dummheit, die sogar keine Dummheit, sondern bloß eine Ungeschicktheit war, weil der gesamte Gedanke gar nicht so dumm war, wie er jetzt nach dem Mißlingen erscheint ... Beim Mißlingen erscheint alles dumm! ... Mit dieser Dummheit wollte ich mich bloß in eine unabhängige Stellung bringen, den ersten Schritt tun, die Mittel erhalten, und nachher würde alles durch einen verhältnismäßig unermeßlichen Nutzen ausgeglichen worden sein ... Aber ich, ich habe auch nicht mal den ersten Schritt ausgehalten, weil ich – ein Schuft bin! Siehst du, so steht die Sache! Und dennoch kann ich eure Ansicht nicht teilen, – wäre es mir gelungen, so würde man mich gekrönt haben, jetzt aber muß ich in die Falle!“

„Aber das ist es doch nicht, ganz und gar nicht! Bruder, was sagst du nur!“

„Ah! Nicht die richtige Form, die Form ist nicht ästhetisch genug! Nun, ich begreife entschieden nicht, – warum es eine angesehenere Form sein soll auf die Menschen Bomben zu werfen, eine regelrechte Belagerung zu führen? Die Furcht vor dem Unästhetischen ist das erste Zeichen von Schwäche! ... Niemals, niemals habe ich es klarer als jetzt empfunden, und mehr als je begreife ich jetzt mein Verbrechen! Niemals, niemals war ich stärker und überzeugter, als jetzt!“

Das Blut war in sein blasses, abgehärmtes Gesicht gestiegen. Als er die letzten Worte aussprach, begegnete zufällig sein Blick den Augen Dunjas und er sah darin soviel, soviel Qual seinetwegen, daß er unwillkürlich zur Besinnung kam. Er fühlte, daß er trotz alledem diese zwei armen Frauen unglücklich gemacht hatte. Er war trotz alledem noch die Ursache dazu ...

„Dunja, liebe Dunja! Wenn ich Schuld habe, vergib mir, obwohl man mir nicht vergeben kann, wenn ich Schuld habe. Lebwohl! Wir wollen uns nicht streiten! Es ist Zeit, es ist höchste Zeit. Folge mir nicht, ich flehe dich an, ich muß noch zu jemandem hingehen ... Gehe sofort zur Mutter und setze dich zu ihr hin. Ich flehe dich an! Das ist meine letzte größte Bitte an dich. Verlaß sie in dieser Zeit nicht; ich habe sie in Unruhe hinterlassen, die sie kaum überstehen wird, – entweder stirbt sie oder sie verliert den Verstand. Bleib bei ihr! Rasumichin wird euch zur Seite stehen; ich habe es ihm gesagt ... Weine nicht um mich, – ich werde versuchen, mutig und ehrlich das ganze Leben zu sein, obwohl ich ein Mörder bin. Vielleicht wirst du einmal meinen Namen hören. Ich werde euch keine Schande machen, du wirst sehen; ich will noch beweisen ... jetzt, vorläufig auf Wiedersehen,“ beeilte er sich zu sagen, als er in den Augen Dunjas wieder einen sonderbaren Ausdruck bei seinen letzten Worten und Versprechungen bemerkte. – „Warum weinst du denn so? Weine nicht, weine nicht; wir trennen uns doch nicht für immer! ... Ach, ja! Warte, ich habe etwas vergessen! ...“

Er trat an den Tisch, nahm ein dickes verstaubtes Buch, öffnete es und nahm ein kleines Aquarellbild auf Elfenbein heraus. Es war das Bild der Tochter seiner Wirtin, seiner früheren Braut, die am Fieber gestorben war, desselben merkwürdigen jungen Mädchens, das in ein Kloster gehen wollte. Eine Weile blickte er dieses ausdrucksvolle und krankhafte Gesicht an, küßte das Bild und überreichte es Dunetschka.

„Mit ihr habe ich viel darüber gesprochen, mit ihr allein,“ sagte er sinnend, „ihrem Herzen habe ich vieles davon mitgeteilt, was nachher sich in so häßlicher Weise erfüllt hatte. Sei ruhig,“ wandte er sich an Dunetschka, „sie war mit mir nicht einverstanden, so wenig wie du, und ich bin froh, daß sie nicht mehr lebt. Die Hauptsache, die Hauptsache ist, daß alles jetzt neu anhebt, daß alles entzwei brechen wird,“ rief er plötzlich aus, wieder in seinen Gram zurückfallend, „alles, alles, bin ich aber dazu vorbereitet? Will ich es auch selbst? Man sagt, es sei nötig zu meiner Prüfung! Wozu, wozu alle diese unsinnigen Prüfungen? Wozu sind sie, werde ich etwa dann erdrückt von Qual und Stumpfheit in greisenhafter Schwäche nach zwanzigjähriger Zwangsarbeit es besser empfinden, als ich es jetzt tue, und wozu soll ich dann noch leben? Warum gehe ich jetzt darauf ein, so zu leben? Oh, ich wußte, daß ich ein Schuft bin, als ich heute bei Tagesanbruch an der Newa stand!“

Beide gingen schließlich hinaus. Es war Dunja schwül, aber sie liebte ihn! Sie ging von ihm, aber als sie etwa fünfzig Schritte gegangen war, wandte sie sich noch einmal um, um ihm nachzuschauen. Man konnte ihn noch sehen. Als er an die Ecke kam, wandte er sich ebenfalls um; zum letzten Male trafen sich ihre Blicke; als er aber bemerkte, daß sie ihm nachblickte, winkte er ihr ungeduldig und ärgerlich mit der Hand, daß sie weitergehen solle, und bog selbst schnell um die Ecke.

„Ich bin böse, ich merke es,“ dachte er und schämte sich seiner ärgerlichen Handbewegung. – „Aber warum lieben sie mich so, wenn ich ihrer Liebe nicht wert bin! Oh, wäre ich allein und hätte mich niemand lieb, und hätte ich selbst niemals jemand geliebt! Alles dieses wäre nicht gewesen! Ich gäbe viel darum, wenn ich wüßte, ob nach diesen kommenden fünfzehn, zwanzig Jahren meine Seele so gedemütigt sein wird, daß ich voll Ehrfurcht vor Menschen ächzen und klagen und mich bei jedem Worte Räuber nennen werde? Ja, es wird so kommen, wird kommen! Darum schicken sie mich auch jetzt nach Sibirien, sie wollen es haben ... Da laufen sie nun alle in den Straßen herum, und jeder unter ihnen ist schon seiner Natur nach ein Schuft und Räuber; schlimmer noch – ein Idiot! Sollte man aber mich mit Sibirien verschonen, so würden sie alle vor edler Empörung überschäumen! Oh, wie ich sie alle hasse!“

Er sann darüber nach, – „auf welche Weise es kommen müsse, damit er zuletzt, ohne mit sich in Widerspruch zu geraten, demütiger würde! Warum denn auch nicht? Sicher wird es so werden. Werden ihn die zwanzig Jahre ununterbrochener Unterdrückung nicht endgültig brechen? Steter Tropfen höhlt den Stein. Und warum, wozu nach alledem noch leben, wozu gehe ich jetzt hin, wenn ich selbst weiß, daß alles genau so kommen wird, und nicht anders?“

Er legte sich diese Frage vielleicht schon zum hundertsten Male seit gestern Abend vor, aber dennoch ging er hin.