VIII.
Als er zu Ssonja eintrat, begann es schon zu dämmern. Ssonja hatte den ganzen Tag in schrecklicher Aufregung auf ihn gewartet; schon mit Dunja zusammen. Dunja war am frühen Morgen zu ihr gekommen, als sie sich der Worte von Sswidrigailoff erinnerte, daß Ssonja „darüber alles weiß“. – Wir wollen der Einzelheiten der Unterhaltung zwischen den beiden Frauen, ihrer Tränen und dessen, wie weit sie einander näher gekommen waren, nicht gedenken. Dunja hatte bei dieser Zusammenkunft wenigstens den Trost gefunden, daß ihr Bruder nicht allein sein werde – zu ihr, zu Ssonja, war er zuerst mit seiner Beichte gegangen; in ihr hatte er einen Menschen gesucht, als er einen Menschen brauchte; sie würde ihm auch überall folgen, wohin das Schicksal ihn führen sollte. Sie fragte auch nicht, aber sie wußte, daß es so kommen werde. Sie begegnete Ssonja sogar mit Ehrfurcht und machte sie zuerst dadurch ganz verwirrt. Ssonja war anfangs nahe daran, zu weinen; sie hielt sich für unwürdig, Dunja nur anzublicken. Das Bild Dunjas, als sie sich so aufmerksam und achtungsvoll bei ihrem ersten Zusammentreffen in Raskolnikoffs Wohnung von ihr verabschiedet, hatte sich seitdem für immer in ihrer Seele eingegraben, als einer der schönsten und höchsten Augenblicke in ihrem Leben.
Dunetschka hatte es schließlich nicht mehr ausgehalten, sie war von Ssonja gegangen, um den Bruder in seiner Wohnung zu erwarten; sie glaubte, daß er dorthin schließlich zuerst gehen würde. Als Ssonja allein geblieben war, begann sie sich mit dem Gedanken, daß er wirklich ein Leid sich antun würde, zu quälen. Dasselbe fürchtete auch Dunja. Aber beide übertrafen sich den ganzen Tag in dem Bestreben, einander zu überzeugen, daß es nicht der Fall sein könne, und waren ruhiger, solange sie beisammen waren. Jetzt aber, wo sie getrennt waren, dachte die eine wie die andere nur noch daran. Ssonja erinnerte sich, daß Sswidrigailoff ihr gestern gesagt hatte, Raskolnikoff habe nur zwei Wege, – entweder Sibirien, oder ... Sie kannte zudem seinen Ehrgeiz, seinen Stolz, seine Eigenliebe und seinen Unglauben.
„Kann nur der Kleinmut und die Furcht vor dem Tode ihn zwingen, zu leben?“ dachte sie schließlich in Verzweiflung. Und die Sonne ging schon unter. Sie stand traurig vor dem Fenster und blickte unverwandt hinaus, – aber man sah hier bloß die ungeweißte Grundmauer des Nachbarhauses. Als sie schon von dem Tode des Unglücklichen völlig überzeugt war, – trat er in ihr Zimmer.
Ein freudiger Schrei entrang sich ihrer Brust. Aber als sie aufmerksam sein Gesicht ansah, erbleichte sie sofort.
„Nun, ja!“ sagte Raskolnikoff mit bitterem Lächeln, „ich komme, mir dein Kreuz zu holen, Ssonja. Du hast mich doch selbst auf den Kreuzweg geschickt; was, bist du etwa bange geworden, da es zur Ausführung kommt?“
Ssonja blickte ihn fassungslos an. Dieser Ton erschien ihr merkwürdig, – ein kaltes Frösteln durchzog ihren Körper, nach einer Minute aber erriet sie, daß der Ton, wie auch die Worte nur angenommen waren. Er sprach auch mit ihr so sonderbar, indem er zur Seite blickte und vermied, ihr ins Gesicht zu sehen.
„Ich habe, – siehst du, Ssonja, – eingesehen, daß es in dieser Weise auch vielleicht vorteilhafter sein wird. Es gibt hier einen Umstand ... Es ist lange zu erzählen und lohnt sich auch nicht. Weißt du, was mich bloß ärgert? Mir ist es ärgerlich, daß alle diese dummen tierischen Fratzen mich gleich umringen, mich anglotzen, mir ihre dumme Frage vorlegen werden, die man beantworten muß, – und daß man auf mich mit Fingern zeigen wird ... Pfui! Weißt du, ich will nicht zu Porphyri Petrowitsch gehen; er langweilt mich. Ich gehe lieber zu meinem Freunde Pulver, der wird erstaunen, da werde ich einen Effekt in seiner Art erringen. Man müßte kaltblütiger sein; ich bin in der letzten Zeit zu erbittert geworden. Glaubst du mir, – ich habe soeben meiner Schwester fast mit der Faust gedroht und bloß aus dem Grunde, weil sie sich umwandte, um mich zum letzten Male zu sehen. So ein Zustand ist eine Schweinerei! Ach, wie weit ist es mit mir gekommen! Nun, wo ist das Kreuz?“
Er war wie ausgewechselt. Er konnte nicht mal einen Augenblick auf einem Flecke ruhig stehen, konnte seine Aufmerksamkeit auf keinen Gegenstand konzentrieren, seine Gedanken übersprangen einander, er redete wirr; seine Hände zitterten leicht.
Ssonja nahm schweigend aus einem Kasten zwei Kreuze – eins aus Zypressenholz und das andere aus Kupfer; sie bekreuzte sich selbst, bekreuzte ihn und legte um seinen Hals das Kreuzlein aus Zypressenholz.
„Das ist also ein Symbol, daß ich das Kreuz auf mich nehme, he! he! Als hätte ich bis jetzt wenig gelitten! Aus Zypressenholz, also wie das Volk es trägt; das kupferne, das von Lisaweta, nimmst du, zeige mir. Also sie hatte es ... in dem Augenblicke um? Ich kenne auch zwei ähnliche Kreuze, ein silbernes und ein Heiligenbildchen. Ich warf sie damals der Alten auf die Brust. – Die würden jetzt passen, wirklich, die sollte ich auch umlegen ... übrigens, ich lüge die ganze Zeit, vergesse immer die Angelegenheit, die mich herführte, ich bin ein wenig zerstreut ... Siehst du, Ssonja, – ich bin eigentlich gekommen, um dir es vorher zu sagen, damit du es weißt ... Das ist auch alles ... Ich bin bloß deswegen gekommen. Hm! ich dachte übrigens, daß ich dir mehr sagen werde ... Du wolltest doch selbst, daß ich hingehe; nun, jetzt werde ich im Gefängnis sitzen und dein Wunsch wird erfüllt sein. Warum weinst du denn? Auch du weinst? Höre auf, laß es, ach, wie schwer mir alles ist!“
Eine weichere Empfindung überkam ihn doch; sein Herz schnürte sich bei ihrem Anblicke zusammen. – „Warum weint sie denn?“ dachte er, „was bin ich ihr? Warum weint sie, warum nimmt sie von mir Abschied, wie meine Mutter oder Dunja? Sie wird mein Kindermädchen sein!“
„Bekreuze dich, bete wenigstens einmal,“ bat ihn Ssonja mit zitternder, schüchterner Stimme.
„Oh, bitte, soviel du wünschst! Und ich tue es mit aufrichtigem Herzen, Ssonja, mit aufrichtigem Herzen ...“
Er wollte etwas ganz anderes sagen.
Er bekreuzte sich einige Male. Ssonja nahm ein Tuch und warf es um die Schulter. Es war ein großes grünes Tuch, wahrscheinlich dasselbe, von dem Marmeladoff damals gesprochen hatte. Raskolnikoff kam der Gedanke, aber er fragte nicht danach. Er begann in der Tat selbst zu fühlen, daß er schrecklich zerstreut und eigentümlich beunruhigt war. Er erschrak darüber. Es setzte ihn auch plötzlich in Erstaunen, daß Ssonja mit ihm gehen wolle.
„Was ist? Wohin willst du? Bleibe, bleibe zu Hause! Ich gehe allein,“ rief er in kleinmütigem Ärger und ging beinahe erzürnt zu der Türe. – „Und wozu ein ganzes Gefolge!“ murmelte er hinaustretend.
Ssonja blieb mitten im Zimmer stehen. Er hatte nicht mal Abschied von ihr genommen, er hatte sie schon vergessen; ein brennender und sich empörender Zweifel wogte in seiner Seele.
„Ist es auch das Richtige, ist auch alles richtig?“ dachte er wieder, als er die Treppe hinunterging, „kann man denn nicht stehen bleiben und alles wieder gutmachen ... und nicht hingehen?“
Er ging aber doch den Weg. Er sagte sich endgültig, daß es sich nicht lohne, weitere Fragen an sich zu stellen. Auf der Straße fiel es ihm ein, daß er sich von Ssonja nicht verabschiedet hatte, daß sie mitten im Zimmer in ihrem grünen Tuche stehen geblieben war, ohne zu wagen, sich zu rühren, als er sie angeschrien hatte, – und er blieb eine Weile stehen. Im selben Augenblick durchzuckte ihn plötzlich ein Gedanke, – als hätte er nur gewartet, um ihn vollständig verwirrt zu machen.
„Wozu, warum bin ich jetzt bei ihr gewesen? Ich sagte ihr, – in einer Angelegenheit; was war es für eine Angelegenheit? Es war absolut nichts! Um ihr mitzuteilen, daß ich hingehe; was ist denn dabei? War es notwendig, das ihr zu sagen? Liebe ich sie etwa? Nein, doch gar nicht? Ich habe sie doch soeben wie einen Hund von mir gestoßen. Brauchte ich etwa ihre Kreuze? Oh, wie tief ich gesunken bin! Nein, – ich brauchte ihre Tränen, ich mußte ihr Erschrecken sehen, ich mußte sehen, wie ihr das Herz schmerzt und sie sich quält! Ich mußte mich an irgend etwas anklammern, es in die Länge ziehen, einen Menschen sehen! Und ich habe es gewagt, so auf mich zu hoffen, so von mir zu träumen, ich Bettler, ich unbedeutender Schuft, Schuft!“
Er ging am Kanale entlang und hatte nicht mehr weit. Als er aber bis zur Brücke kam, blieb er einen Augenblick stehen, bog dann zur Seite ab und ging über die Brücke zum Heumarkte.
Er blickte neugierig rechts und links um sich, betrachtete aufmerksam jeden Gegenstand und konnte auf nichts die Aufmerksamkeit konzentrieren; alles entglitt ihm. – „Nach einer Woche, nach einem Monat wird man mich in einem Gefängniswagen irgendwohin über diese Brücke führen, wie werde ich dann diesen Kanal ansehen, – ich müßte es mir merken,“ durchfuhr es ihn. „Dieses Aushängeschild dort, – wie werde ich dann diese Buchstaben lesen? Da steht geschrieben – Genossenschaft, – nun, ich sollte mir dieses ‚o‘, diesen Buchstaben o merken, und nach einem Monat dieses o ansehen, – wie werde ich es dann ansehen? Was werde ich dann empfinden und denken? ... Mein Gott, wie dies alles gemein sein muß, alle meine jetzigen ... Sorgen! Gewiß, dies alles muß interessant ... in seiner Art sein ... ha! ha! ha! ... worüber ich bloß denke! Ich werde wie ein Kind, ich spiele mit mir selbst; nun, warum halte ich mir dieses vor? Pfui, wie sie stoßen! Dieser Dicke da, – wahrscheinlich ein Deutscher, – der mich soeben gestoßen hat; nun, weiß er, wen er gestoßen hat? Eine Frau mit einem Kinde bettelt, es ist amüsant, daß sie mich für glücklicher als sich selbst hält. Was, sollte ich der Kuriosität wegen ihr auch ein Almosen geben? Bah, ich habe ja volle fünf Kopeken in der Tasche, woher bloß? Na ... nimm es, Mütterchen!“
„Gott schütze dich!“ ertönte die weinerliche Stimme der Bettlerin.
Er trat auf den Heumarkt. Ihm war es unangenehm, sehr unangenehm sogar, mit Leuten zusammenzukommen, er ging aber gerade dorthin, wo man am meisten Menschen sah. Er hätte alles in der Welt hingegeben, um allein zu bleiben, aber er fühlte selbst, daß er keinen einzigen Augenblick allein sein konnte. In einer Menge trieb ein Betrunkener sein Wesen, er wollte die ganze Zeit tanzen, fiel aber immer hin. Man hatte ihn umringt. Raskolnikoff drängte sich durch die Menge hindurch, blickte einige Augenblicke den Betrunkenen an und lachte plötzlich kurz und abgerissen auf. Nach einer Minute hatte er ihn schon vergessen, bemerkte ihn nicht mehr, obwohl er ihn noch anblickte. Er ging schließlich zurück, ohne sich zu erinnern, wo er sich befand; als er aber bis zur Mitte des Platzes gekommen war, vollzog sich mit ihm plötzlich eine Veränderung, eine Empfindung packte ihn mit einem Male, nahm ihn vollständig körperlich und seelisch – gefangen.
Er erinnerte sich plötzlich der Worte von Ssonja, „geh zu einem Kreuzweg, verneige dich vor den Menschen, küsse die Erde, weil du vor ihr gesündigt hast, und sage laut der ganzen Welt: – Ich bin ein Mörder!“
Er zitterte am ganzen Körper, als er sich daran erinnerte. Und so stark hatte ihn schon der aussichtslose Gram und die Unruhe der ganzen Zeit, besonders aber der letzten Stunden erdrückt, daß er sich dieser neuen Empfindung vollkommen und ungeteilt hingab. Wie ein Anfall war es plötzlich über ihn gekommen; durch einen Funken entzündete es sich in seiner Seele und erfaßte ihn mit einem Male, wie ein Feuer, ganz und gar. Alles wurde in ihm weich und Tränen stürzten hervor. Wie er stand, so fiel er auch zu Boden ...
Er kniete mitten auf dem Platze nieder, verneigte sich bis zur Erde und küßte diese schmutzige Erde voll Genuß und Glück. Er stand auf und verneigte sich zum zweiten Male ...
„Sieh, wie der sich vollgesoffen hat!“ bemerkte ein Bursche in seiner Nähe.
Lachen ertönte.
„Er geht nach Jerusalem, nimmt Abschied von seinen Kindern, seiner Heimat, verneigt sich vor der ganzen Welt und küßt die Residenzstadt Sankt Petersburg und seinen Boden,“ fügte ein betrunkener Kleinbürger hinzu.
„Er ist noch jung, der Bursche!“ bemerkte ein dritter.
„Einer von den Adeligen!“ sagte jemand mit gesetzter Stimme.
„Heutzutage erkennt man nicht mehr, wer von Adel ist, und wer nicht.“
Alle diese Zurufe und Bemerkungen hielten Raskolnikoff zurück, und das Bekenntnis „ich habe getötet!,“ das er abzulegen bereit war, unterblieb. Die Zurufe nahm er in Ruhe hin, ging ohne sich umzusehen, durch eine Gasse zum Polizeibureau. Unterwegs bemerkte er, daß ihm jemand folgte, aber er war darüber nicht erstaunt; er hatte es geahnt. Als er auf dem Heumarkte sich zum zweiten Male bis zur Erde verneigte und sich links wandte, erblickte er fünfzig Schritte entfernt Ssonja. Sie verbarg sich vor ihm hinter einer der hölzernen Buden, die auf dem Markte standen, also hatte sie ihn auf seinem ganzen Leidensweg begleitet. Raskolnikoff fühlte und begriff in diesem Augenblicke ein für allemal, daß Ssonja ewig bei ihm sein und ihm bis ans Ende der Welt folgen werde, was ihm das Schicksal auch senden würde. Und sein Herz wandte sich ... aber, – er war schon an der verhängnisvollen Stelle angelangt ...
Ziemlich sicher trat er in den Hof. Er mußte in den dritten Stock. – „Es dauert noch eine Weile, bis ich hinaufkomme,“ dachte er. Überhaupt schien es ihm, als wäre es noch weit bis zu dem entscheidenden Augenblicke, als hätte er noch viel Zeit und könne sich vieles noch überlegen.
Wieder derselbe Schmutz, dieselben Schalen auf der sich windenden Treppe, wieder waren die Türen zu den Wohnungen weit offen, wieder dieselben Küchen, aus denen Dunst und Gestank herausdrang. Raskolnikoff war seit damals nicht mehr hier gewesen. Seine Beine erstarben und knickten zusammen, aber sie trugen ihn vorwärts. Er blieb einen Augenblick stehen, um Atem zu holen, um sich in Ordnung zu bringen, um als Mensch einzutreten.
„Wozu aber? Warum?“ dachte er plötzlich, als er seiner Bewegung gewahr wurde. – „Wenn man schon diesen Kelch leeren muß, ist dann nicht alles gleichgültig? Je häßlicher, um so besser!“
In seiner Erinnerung tauchte in diesem Momente die Gestalt von Ilja Petrowitsch Pulver auf. „Soll ich tatsächlich zu ihm gehen? Kann ich nicht zu einem anderen? Nicht zu Nikodim Fomitsch? Oder sofort umkehren und zum Kommissar selbst in seine Wohnung gehen? Alles wird wenigstens dann in angenehmerer Weise ... Nein, nein! Zu Pulver, zu Pulver! Wenn ich ihn schon leeren soll, so alles auf einmal ...“
Erstarrt vor Kälte und kaum seiner mächtig, öffnete er die Türe zum Polizeibureau. Diesmal waren sehr wenig Leute da, ein Hausknecht und noch ein Mann. Der Wächter schaute nicht einmal aus seiner Kammer heraus. Raskolnikoff ging in das andere Zimmer. – „Vielleicht läßt es sich noch vermeiden,“ schwirrte es ihm durch den Kopf. In diesem Zimmer begann gerade irgend ein Schreiber in Zivilkleidung etwas auf seinem Pulte zu schreiben. In einer Ecke setzte sich ein anderer Schreiber hin. Sametoff war nicht da. Nikodim Fomitsch selbstverständlich auch nicht.
„Ist niemand da?“ fragte Raskolnikoff, sich an den Schreiber am Pulte wendend.
„Wen wünschen Sie?“
„Ah – ah! Man hört nichts, man sieht nichts, bloß der russische Geist ... wie heißt es doch in jenem Märchen ... habe es vergessen! M–m–mein Kompliment!“ rief plötzlich eine bekannte Stimme.
Raskolnikoff erbebte. Vor ihm stand Pulver; er war unbemerkt aus dem dritten Zimmer eingetreten.
„Das ist das Schicksal,“ dachte Raskolnikoff, „warum ist er hier?“
„Zu uns? In welcher Angelegenheit?“ rief Ilja Petrowitsch aus. (Er war offenbar in ausgezeichneter und sogar ein wenig erregter Stimmung.) „Wenn Sie in einer geschäftlichen Angelegenheit kommen, so ist es dazu noch zu früh. Ich selbst bin nur zufälligerweise hier ... Übrigens stehe ich zu Ihren Diensten. Ich muß gestehen ... Wie? Wie? Entschuldigen Sie ...“
„Raskolnikoff.“
„Aha, Raskolnikoff? Konnten Sie glauben, daß ich Ihren Namen vergessen habe! Bitte, halten Sie mich nicht für so einen ... Rodion Ro... Ro... Rodionytsch, nicht wahr, es ist doch richtig?“
„Rodion Romanowitsch.“
„Ja, ja, ja! Rodion Romanowitsch, Rodion Romanowitsch! Das wollte ich gerade wissen. Habe mich sogar mehrere Male nach Ihnen erkundigt. Ich muß Ihnen gestehen, seit der Zeit war ich aufrichtig betrübt, als wir damals mit Ihnen so ... man hat mir nachher alles erklärt, ich erfuhr, daß Sie ein junger Literat und sogar Gelehrter ... und sozusagen, die ersten Schritte ... oh, mein Gott! Ja, wer von den Literaten und Gelehrten hat im Anfange nicht originelle Schritte getan! Ich und meine Frau, – wir beide schätzen die Literatur, meine Frau sogar leidenschaftlich! ... Literatur und Kunst! Wenn einer nur anständig ist, alles übrige aber kann er durch Talent, Wissen, Verstand, Genie erwerben! Ein Hut – nun, was bedeutet z. B. ein Hut? Ein Hut ist ein Deckel, ich kann ihn im besten Laden kaufen; was aber unter dem Hute steckt und mit dem Hute verdeckt wird, das kann ich nicht kaufen! ... Ich muß gestehen, wollte sogar zu Ihnen kommen, Ihnen eine Erklärung abgeben, aber ich dachte, daß Sie vielleicht ... Jedoch ich vergesse ganz, Sie zu fragen, – brauchen Sie tatsächlich etwas von uns? Man sagte mir, Sie haben Besuch von Ihren Verwandten?“
„Ja, meine Mutter und Schwester.“
„Ich hatte sogar die Ehre und das Glück, Ihre Schwester zu treffen, – eine gebildete und reizende Dame. Ich muß gestehen, ich bedauerte sehr, daß wir damals beide so hitzig wurden. Ein Zufall! Und daß ich Sie damals infolge Ihrer Ohnmacht, mit einem gewissen Blicke ansah, – das hat sich doch sofort in glänzendster Weise aufgeklärt! Grausamkeit und Fanatismus! Ich begreife Ihre Entrüstung. Sie werden wohl infolge der Ankunft Ihrer Familie in eine andere Wohnung ziehen und wollen uns wohl das anmelden?“
„N–nein, ich bin bloß ... Ich bin gekommen, zu fragen ... ich dachte, daß ich Herrn Sametoff hier antreffen werde.“
„Ach, ja! Sie sind ja Freunde geworden; ich habe davon gehört. Nein, Sametoff ist nicht bei uns, – den haben Sie verfehlt. Wir haben Herrn Sametoff verloren! Seit gestern ist er nicht mehr bei uns; er ist in einen anderen Dienst übergetreten ... und hat sich zum Abschied mit allen gezankt ... er war zuletzt noch sehr unhöflich ... Er war ein leichtsinniger Junge, mehr nichts; er berechtigte wohl zu Hoffnungen; ja, aber so geht es mit unserer glänzenden Jugend! Er will ein Examen ablegen, wir kennen das, – sind bloß Redensarten, Wichtigtuerei und das wird das ganze Examen sein. Es ist doch nicht, wie bei Ihnen z. B. der Fall oder bei Herrn Rasumichin, Ihrem Freunde! Ihre Karriere ist die eines Gelehrten, und Mißerfolge werden Sie nicht verstimmen. Für Sie sind dies alles Reize des Lebens – nihil. Sie sind ein Asket, ein Mönch, ein Einsiedler! ... für Sie hat nur ein Buch Bedeutung, die Feder, die Gelehrten und Untersuchungen, – darin schwelgt Ihr Geist! Ich bin teilweise selbst so ... Haben Sie das Buch von Livingstone gelesen?“
„Nein.“
„Ich habe es gelesen. Heutzutage gibt es übrigens viel zu viel Nihilisten; es ist auch begreiflich; die Zeiten sind auch danach, nicht wahr? Übrigens ich ... Sie sind doch selbstverständlich kein Nihilist! Sagen Sie es mir aufrichtig, ganz offen.“
„N–nein ...“
„Nein, ach, seien Sie doch mir gegenüber ganz offen, genieren Sie sich nicht, tun Sie, als wären Sie allein mit sich! Der Dienst ist ein Ding für sich, ein anderes Ding ... Sie meinten, ich wollte Freundschaft sagen, nein, Sie haben es nicht erraten! Nicht Freundschaft, sondern das Gefühl eines Mitbürgers und Mitmenschen, das Gefühl der Humanität und der Liebe zum Allmächtigen. Ich kann eine offizielle Stellung und ein Amt einnehmen, aber ich bin dennoch verpflichtet, den Bürger und Menschen in mir stets zu fühlen, und muß mir darüber Rechenschaft abgeben ... Sie beliebten Sametoff zu erwähnen. Sametoff ist imstande, auf französische Art, in einem unanständigen Lokale beim Glas Champagner oder moussierendem Wein loszulegen, – sehen Sie, das ist Ihr Sametoff! Ich aber bin sozusagen in Ergebenheit und hohen Gefühlen ganz aufgegangen, habe außerdem einen Rang, eine Position, bekleide ein Amt! Bin verheiratet und habe Kinder. Ich erfülle meine Pflichten als Bürger und Mensch, wer aber ist er, gestatten Sie mir die Frage? Ich wende mich an Sie, als einen durch Bildung geadelten Menschen. Sehen Sie, auch sehr viel gelehrte Hebammen haben wir in letzter Zeit.“
Raskolnikoff zog fragend die Augenbrauen empor. Die Worte von Ilja Petrowitsch, der anscheinend vor kurzem erst vom Mittagstische aufgestanden war, schwirrten an seinem Ohre vorbei! Einen kleinen Teil davon hatte er wohl aufgefangen. Er blickte ihn fragend an und wußte nicht, wo er hinaus wollte.
„Ich spreche von diesen kurzgeschorenen Mädchen,“ fuhr der redselige Ilja Petrowitsch fort, „ich habe sie selbst gelehrte Hebammen benannt und finde, daß diese Benennung sehr treffend ist. He! he! Sie kriechen in die medizinische Akademie, lernen Anatomie; und, sagen Sie mir, glauben Sie, wenn ich krank werde, daß ich mir etwa ein solches Mädchen hole ließe, daß sie mich behandele? He! he!“
Ilja Petrowitsch lachte, sehr zufrieden mit seinen eigenen Witzen.
„Es ist wohl wahr, der Durst nach Bildung ist grenzenlos; aber nachdem einer sich gebildet hat, muß es für ihn genug sein. Warum denn es mißbrauchen? Warum denn ehrenhafte Personen beleidigen, wie es dieser Schurke Sametoff tut? Warum hat er mich beleidigt, frage ich Sie? Und wie die Selbstmorde jetzt zunehmen, – Sie können es sich gar nicht vorstellen. Alle verprassen ihr letztes Geld und töten sich dann. Kleine Mädchen, Jungen, Greise ... Heute früh noch erhielten wir Mitteilung über einen vor kurzem zugereisten Herrn Nil Pawlytsch, ah, Nil Pawlytsch! Wie hieß doch dieser Gentleman, der sich erschossen hat, über den wir die Mitteilung vorhin erhielten?“
„Sswidrigailoff,“ antwortete jemand aus dem anderen Zimmer laut und teilnahmslos.
Raskolnikoff zuckte zusammen.
„Sswidrigailoff! Sswidrigailoff hat sich erschossen?“ rief er aus.
„Wie! Sie kannten Sswidrigailoff?“
„Ja ... ich kannte ihn ... Er war vor kurzem hierher gekommen ...“
„Nun, ja, er ist vor kurzem zugereist, hat seine Frau verloren, führte ein ausschweifendes Leben, und hat sich plötzlich erschossen, und so skandalös, daß man es sich nicht vorstellen kann ... hat in seinem Notizbuche ein paar Worte hingeschrieben, daß er bei vollem Verstande sterbe, und bittet, niemanden wegen seines Todes zu beschuldigen. Er hatte Geld, sagt man. Wie haben Sie ihn denn kennengelernt?“
„Ich ... kannte ihn ... meine Schwester war in seinem Hause als Gouvernante ...“
„Ah ... Sie können uns also über ihn einiges mitteilen. Sie ahnten gar nichts davon?“
„Ich habe ihn gestern gesehen ... er ... trank Wein ... ich ahnte nichts.“
Raskolnikoff fühlte sich so niedergeschmettert, als wäre etwas auf ihn heruntergefallen und drücke ihn zu Boden.
„Sie sind blaß geworden. Bei uns ist die Luft sehr stickig ...“
„Ja, es ist für mich Zeit zu gehen,“ murmelte Raskolnikoff, – „entschuldigen Sie, daß ich Sie gestört habe ...“
„Oh, bitte sehr! Es war mir ein Vergnügen und ich bin froh, Ihnen zu sagen ...“
Ilja Petrowitsch reichte ihm die Hand.
„Ich wollte bloß ... zu Sametoff ...“
„Ich begreife, begreife. Es war mir ein Vergnügen.“
„Ich ... freue mich sehr ... auf Wiedersehen ...“ lächelte Raskolnikoff.
Er ging hinaus; schwankend. Der Kopf schwindelte ihm. Er fühlte seine Füße nicht mehr. Langsam begann er die Treppe hinabzusteigen und stützte sich dabei mit der rechten Hand an der Wand. Es schien ihm, daß ein Hausknecht mit einem Buche in der Hand ihn gestoßen habe, daß ein Hund im unteren Stockwerke ununterbrochen belle und daß ein Weib ein Holzscheit nach dem Hunde werfe und ihn anschreie. Er ging die Treppe hinunter und trat in den Hof. Hier auf dem Hofe, unweit vom Ausgange, stand Ssonja, totenbleich, starr, und sah ihn fassungslos an. Er blieb vor ihr stehen. Ihr Gesicht zeigte einen schmerzlichen, abgequälten, verzweifelten Ausdruck. Sie schlug die Hände zusammen. Ein bitteres, verlorenes Lächeln erschien für einen Moment auf seinen Lippen. Eine Weile blieb er stehen, betrachtete sie und ging dann wieder hinauf in das Polizeibureau.
Ilja Petrowitsch hatte sich gesetzt und wühlte in allerhand Papieren. Vor ihm stand derselbe Mann, der vorhin Raskolnikoff gestoßen hatte.
„Ah! Sie sind es wieder! Haben Sie etwas vergessen? ... Aber was ist mit Ihnen?“
Raskolnikoff näherte sich ihm mit blassen Lippen, mit verglasten Augen, langsam trat er an den Tisch heran, stützte sich mit der Hand darauf, wollte etwas sagen, aber konnte nicht; man hörte bloß unzusammenhängende Töne.
„Ihnen ist schlecht, ein Stuhl! Hier, setzen Sie sich auf den Stuhl, setzen Sie sich! Wasser!“
Raskolnikoff ließ sich auf den Stuhl nieder, wandte aber die Augen von dem Gesichte des äußerst unangenehm überraschten Ilja Petrowitsch nicht ab. Beide blickten eine Minute lang einander an und warteten. Das Wasser wurde gebracht.
„Ich habe ...“ begann Raskolnikoff.
„Trinken Sie Wasser.“
Raskolnikoff wehrte mit der Hand das Wasser ab und sagte leise mit Pausen, aber deutlich:
„Ich habe damals die alte Beamtenwitwe ... und ihre Schwester Lisaweta ... mit dem Beile erschlagen ... und beraubt.“
Ilja Petrowitsch öffnete den Mund vor Staunen. Von allen Seiten kamen die Menschen gelaufen.
Raskolnikoff wiederholte sein Geständnis.
Epilog
I.
Sibirien. Am Ufer eines breiten, öden Flusses steht eine Stadt, eine von den administrativen Zentren Rußlands; in der Stadt befindet sich eine Festung, in der Festung ein Gefängnis. Im Gefängnisse sitzt schon neun Monate der Zwangsarbeiter der zweiten Kategorie Rodion Raskolnikoff. Seit dem Tage seiner Tat sind fast anderthalb Jahre vergangen.
Das Verfahren gegen ihn verlief ohne besondere Schwierigkeiten. Der Verbrecher hielt sein Geständnis aufrecht, bestimmt und klar, ohne die Sache zu verwirren, ohne etwas zu beschönigen, ohne die Tatsachen zu verzerren und ohne die geringste Einzelheit zu verschweigen. Er hatte bis zum letzten Punkt den ganzen Vorgang der Ermordung erzählt, hatte das Geheimnis des Versatzobjekts (des Stückes Holzes mit einem Streifen aus Metall), das man in den Händen der ermordeten Alten gefunden hatte, erklärt; er hatte umständlich erzählt, wie er die Schlüssel von der Getöteten genommen hatte, beschrieb die Schlüssel, die Truhe und womit sie angefüllt war; er hatte sogar einige von den einzelnen Gegenständen, die darin lagen, aufgezählt; hatte das Rätsel der Ermordung von Lisaweta erklärt; hatte erzählt, wie Koch gekommen war und geklopft hatte, wie der Student nach ihm gekommen war, und hatte alles, was sie untereinander gesprochen hatten, wiedergegeben; hatte auch erzählt, wie er, der Verbrecher, nachher die Treppe hinuntergelaufen war und das Kreischen von Nikolai und Dmitri gehört hatte, wie er sich in der leerstehenden Wohnung versteckt hatte, nach Hause gekommen war, und zum Schluß gab er den Stein auf dem Hofe am Wosnesensky-Prospekt hinter dem Tore an, unter dem man auch die Sachen und den Beutel fand. Mit einem Worte, die Sache war klar. Die Untersuchungsrichter und die Richter waren unter anderem darüber sehr erstaunt, daß er den Beutel und die Sachen, ohne sie zu verwenden, unter einem Steine versteckt hatte, mehr aber darüber, daß er sich aller Gegenstände, die er eigentlich geraubt hatte, nicht im einzelnen erinnerte, sondern sich sogar in ihrer Zahl geirrt hatte. Der Umstand schon, daß er kein einziges Mal den Beutel geöffnet und nicht mal wußte, wie viel an Geld darin lag, erschien unglaublich; im Beutel waren, wie sich herausstellte, dreihundertsiebzehn Rubel und drei Zwanzig-Kopekenstücke; von dem langen Liegen unter dem Steine waren einige größere Scheine, die zu oberst lagen, stark verdorben. Man mühte sich lange ab, zu erforschen, warum der Angeklagte gerade in diesem einzigen Punkte log, wo er doch in allem übrigen ein freiwilliges und aufrichtiges Geständnis ablegte? Schließlich kamen einige, besonders die Psychologen, zu der möglichen Annahme, daß er in der Tat keinen Blick in den Beutel geworfen habe, daher auch nicht gewußt habe, was er enthielt, und ohne es zu wissen, den Beutel einfach unter den Stein gelegt habe; sie zogen aber auch sofort daraus die Folgerung, daß das Verbrechen selbst nicht anders ausgeführt sein könnte, als bei gewisser zeitweiliger Unzurechnungsfähigkeit, unter einer krankhaften Manie, zu morden und zu rauben, ohne weitere Zwecke und Berechnungen. Hierzu gesellte sich noch die neueste moderne Theorie von zeitweiliger Geistesgestörtheit, die man in unserer Zeit so oft versucht, bei manchen Verbrechern anzuwenden. Außerdem wurde der hypochondrische Zustand Raskolnikoffs seit langer Zeit genau von vielen Zeugen, dem Arzte Sossimoff, seinen früheren Kameraden, seiner Wirtin und deren Dienstboten bestätigt. Dies alles half sehr zu der Annahme, daß Raskolnikoff einem gewöhnlichen Mörder, Räuber und Diebe nicht gleichzusetzen sei, daß etwas ganz anderes vorliege. Zum größten Verdruß derer, die diese Ansicht vertraten, versuchte der Verbrecher selbst sich fast gar nicht zu verteidigen; auf die endgültigen Fragen, – was ihn zum Morde bewogen haben konnte, und was ihn den Raub zu vollziehen angetrieben habe, – antwortete er sehr klar, mit der gröbsten Offenheit, daß die ganze Ursache seine schlechte Lage, seine Armut und Hilflosigkeit und der Wunsch gewesen war, – die ersten Schritte seiner Laufbahn mit Hilfe von wenigstens dreitausend Rubel zu sichern, die er bei der Ermordeten zu finden gehofft habe. Er habe sich zum Morde infolge seines leichtsinnigen und kleinmütigen Charakters entschlossen, der außerdem durch Entbehrungen und Mißerfolge gereizt war. Auf die Frage aber, was ihn veranlaßt habe, ein Geständnis abzulegen, antwortete er offen, daß es aufrichtige Reue gewesen sei. – Dies alles war schon fast grob ...
Das Urteil fiel milder aus, als man erwarten konnte, vielleicht auch deshalb, weil man bei der Straffestsetzung auch den Umstand in Betracht zog, daß der Verbrecher nicht bloß auf alle Selbstverteidigung verzichtete, sondern offenbar den Wunsch zeigte, sich selbst noch mehr zu belasten. Alle eigentümlichen und besonderen Umstände der Angelegenheit wurden in Erwägung gezogen. Der krankhafte und notleidende Zustand des Verbrechers vor Ausführung der Tat wurde nicht dem geringsten Zweifel unterzogen. Der Umstand, daß er von dem Geraubten keinen Nutzen gezogen hatte, wurde teilweise der erwachten Reue, teilweise dem nicht ganz gesunden Zustande seiner Geistesfähigkeiten während der Ausführung der Tat zugeschrieben. Die zufällige Ermordung von Lisaweta diente sogar als Umstand, der die letzte Annahme bestätigte, – ein Mensch vollzieht zwei Morde und vergißt gleichzeitig, daß die Türe nicht verschlossen war! Schließlich, das freiwillige Geständnis gerade in dem Momente, wo die Sache ungewöhnlich verwickelt wurde, infolge der falschen Selbstanklage eines niedergeschlagenen Phantasten (Nikolai), und außerdem, wo nicht nur keine klaren Beweise, sondern fast kein Verdacht gegen den tatsächlichen Verbrecher vorgelegen hatte, – (Porphyri Petrowitsch hatte sein Wort vollkommen gehalten) – dies alles zusammen verhalf dem Angeklagten zu einer milderen Bestrafung.
Außerdem erschienen völlig unerwartet auch andere Umstände, die stark zu seinen Gunsten ins Gewicht fielen. Der frühere Student Rasumichin hatte irgendwo Mitteilungen erhalten und sie durch Beweise erhärtet, daß der Verbrecher Raskolnikoff, als er noch auf der Universität war, aus seinen letzten Mitteln einem armen und schwindsüchtigen Kameraden geholfen und ihn ein halbes Jahr hindurch fast gänzlich unterhalten hatte. Als der Kamerad gestorben war, übernahm er die Sorge um dessen alten und gelähmten Vater, den sein Kamerad durch seiner Hände Arbeit fast seit seinem dreizehnten Lebensjahre ernährt und unterstützt hatte, schließlich hatte Raskolnikoff den alten Vater in einem Krankenhaus untergebracht und, als auch er starb, ihn beerdigen lassen. Alle diese Mitteilungen hatten einen gewissen Einfluß auf das Schicksal von Raskolnikoff. Seine frühere Wirtin, die Mutter seiner verstorbenen Braut, die Witwe Sarnitzin, legte auch ein Zeugnis ab, daß Raskolnikoff, als sie noch in einem anderen Hause wohnten, während einer Feuersbrunst in der Nacht aus einer Wohnung, die schon brannte, zwei kleine Kinder gerettet habe und dabei selbst Brandwunden davontrug. Diese Tatsache wurde genau untersucht und auch durch andere Zeugen bestätigt. Mit einem Worte, es endete damit, daß der Verbrecher zur Zwangsarbeit der zweiten Kategorie, im ganzen nur zu acht Jahren verurteilt wurde, infolge seines freiwilligen Geständnisses und mehrerer mildernder Umstände.
Noch beim Beginn des Prozesses wurde Raskolnikoffs Mutter krank. Dunja und Rasumichin fanden es für ratsam, sie während der ganzen Gerichtsverhandlung aus Petersburg fortzuschaffen. Rasumichin wählte eine Stadt an der Eisenbahn und in der Nähe von Petersburg, um die Möglichkeit zu haben, allen Phasen des Prozesses genau zu folgen und gleichzeitig möglichst oft Awdotja Romanowna zu sehen. Pulcheria Alexandrownas Leiden war eine eigentümliche Nervenerkrankung und wurde durch eine, wenn auch nicht völlige, so doch zeitweilige Geistesstörung kompliziert. Dunja fand ihre Mutter, als sie von ihrer letzten Zusammenkunft mit dem Bruder zurückkehrte, vollständig krank, in Fieber und Wahnvorstellungen. Am selben Abend noch kam sie mit Rasumichin darüber überein, was man der Mutter auf ihre Fragen nach dem Sohne antworten solle, und hatte sogar mit ihm zusammen für die Mutter eine ganze Geschichte erdichtet, daß Raskolnikoff sehr weit an die Grenze Rußlands in einem privaten Auftrage gereist sei, der ihm endlich Geld und Berühmtheit eintragen werde. Sie waren aber überrascht, daß Pulcheria Alexandrowna selbst weder damals, noch späterhin sie irgend etwas frug. Im Gegenteil, es zeigte sich, daß sie selbst eine ganze Geschichte über die plötzliche Abreise des Sohnes wußte; sie erzählte mit Tränen, wie er zu ihr gekommen war, um von ihr Abschied zu nehmen; deutete dabei an, daß nur sie allein viele, sehr wichtige und geheimnisvolle Umstände kenne, und daß Rodja sehr viele einflußreiche Feinde habe, so daß er sich verbergen müsse. Was seine künftige Karriere anbetraf, schien sie ihr auch unzweifelhaft und glänzend zu sein, – wenn gewisse unbequeme Umstände beseitigt wären; sie versicherte Rasumichin, daß ihr Sohn mit der Zeit sogar ein bedeutender Staatsmann würde, wofür sein Artikel und sein glänzendes literarisches Talent zeugten. Immer las sie seinen Artikel, las ihn zuweilen laut vor und legte sich fast mit ihm zu Bett, trotzdem aber fragte sie fast nie, wo sich jetzt Rodja befinde, ungeachtet dessen, daß man augenscheinlich vermied, mit ihr darüber zu sprechen, – was doch allein schon Argwohn bei ihr hätte erwecken müssen. Man begann endlich, sich über dieses merkwürdige Schweigen von Pulcheria Alexandrowna in Bezug auf manche Punkte zu ängstigen. Sie klagte z. B. nicht einmal darüber, daß sie von ihm keine Briefe erhalte, wogegen sie früher, als sie noch in ihrem Heimatsstädtchen wohnte, bloß von der Hoffnung und in der Erwartung lebte, bald einen Brief von ihrem geliebten Rodja zu erhalten. Der letzte Umstand war zu unerklärlich und beunruhigte Dunja sehr; ihr kam der Gedanke, daß die Mutter möglicherweise etwas Schreckliches im Leben ihres Sohnes ahne und sich fürchtete, zu fragen, um nicht etwas noch entsetzlicheres zu erfahren. In jedem Falle aber sah Dunja klar, daß Pulcheria Alexandrowna nicht bei gesundem Verstande war.
Ein paarmal war es vorgekommen, daß sie selbst das Gespräch so führte, daß es unmöglich war, bei Beantwortung ihrer Fragen nicht zu erwähnen, wo sich Rodja jetzt aufhielt; als aber die Antworten natürlich ungenügend und verdächtig ausfielen, wurde sie plötzlich traurig, düster und schweigsam, und das dauerte eine ziemlich lange Zeit an. Dunja sah schließlich ein, daß es schwer war, ihr etwas vorzulügen und zu erdichten, und kam zu dem endgültigen Entschlusse, besser über bestimmte Punkte vollkommen zu schweigen; aber es wurde immer deutlicher und klarer, daß die arme Mutter etwas Schreckliches ahnte. Dunja entsann sich unter anderem auch der Worte ihres Bruders, daß die Mutter ihre Reden im Traume in der Nacht vor dem letzten schicksalsschweren Tage, nach der Szene mit Sswidrigailoff vernommen habe. – Sollte sie damals etwas gehört und verstanden haben? Oft wurde die Kranke, zuweilen nach Tagen und Wochen eines düsteren, finsteren Schweigens und wortloser Tränen, von aufgeregter Lebhaftigkeit ergriffen und begann plötzlich laut und unaufhörlich von ihrem Sohne, von ihren Hoffnungen, von der Zukunft zu sprechen ... ihre Phantasien waren manchmal sehr sonderbar. Man tröstete sie, man stimmte ihr bei; sie merkte vielleicht selbst, daß man ihr beistimmte, sie bloß tröstete, aber dennoch redete sie ...
Fünf Monate, nachdem sich der Verbrecher selbst gestellt hatte, erfolgte das Urteil. Rasumichin besuchte ihn so oft im Gefängnis, als es nur möglich war. Auch Ssonja kam zu ihm. Schließlich kam die Trennung; Dunja schwur dem Bruder, daß diese Trennung nicht ewig währen würde; Rasumichin tat dasselbe. In Rasumichins jungem und feurigem Kopfe war unerschütterlich der Plan entstanden, – in den nächsten drei, vier Jahren möglichst den Grundstock zu einem Vermögen zu legen, wenigstens etwas Geld zu ersparen und nach Sibirien überzusiedeln, wo der Boden in jeder Hinsicht reich war, aber wenig tatkräftige Menschen mit Kapital existierten; dort in derselben Stadt, wo Rodja sein werde, sich anzusiedeln und ... für alle zusammen ein neues Leben zu beginnen ... Als der Abschied kam, weinten alle. Raskolnikoff war in den allerletzten Tagen sehr nachdenklich, fragte viel nach der Mutter und war ihretwegen in ständiger Unruhe. Er quälte sich sehr um sie, was Dunja wiederum beunruhigte. Als er die Einzelheiten über den krankhaften Zustand der Mutter erfahren hatte, wurde er sehr finster. Zu Ssonja war er in der ganzen Zeit aus irgendeinem Grunde auffallend wortkarg. Ssonja hatte sich schon längst mit Hilfe des Geldes, das ihr Sswidrigailoff gegeben hatte, zur Reise vorbereitet und machte sich bereit, der Abteilung von Sträflingen, mit denen er verschickt werden sollte, zu folgen. Darüber war zwischen ihr und Raskolnikoff niemals ein Wort gewechselt worden, doch beide wußten, daß es so sein werde. Beim letzten Abschiede lächelte er eigen bei den heißen Beteuerungen der Schwester und Rasumichins über ihrer aller glückliche Zukunft, sobald er die Zwangsarbeit abgebüßt habe, und sagte im voraus, daß der krankhafte Zustand der Mutter bald mit einem Unglücke enden würde. Er und Ssonja traten den Weg nach Sibirien an.
Zwei Monate nachher heiratete Dunetschka Rasumichin. Die Hochzeit war traurig und still. Unter den Gästen waren auch Porphyri Petrowitsch und Sossimoff. In der letzten Zeit hatte Rasumichin das Aussehen eines fest entschlossenen Menschen gewonnen. Dunja glaubte bestimmt, daß er alle seine Pläne verwirklichen werde und mußte daran glauben, – in diesem Menschen steckte ein eiserner Wille. Unter anderem begann er wieder die Vorlesungen in der Universität zu besuchen, um sein Studium abzuschließen. Beide bauten immer Pläne für die Zukunft; beide rechneten fest darauf, nach fünf Jahren nach Sibirien übersiedeln zu können. Bis dahin hofften sie auf Ssonja ...
Pulcheria Alexandrowna gab mit Freude der Tochter ihren Segen zur Hochzeit mit Rasumichin; nach der Hochzeit aber wurde sie scheinbar noch trauriger und sorgenvoller. Um ihr eine Freude zu machen, teilte ihr Rasumichin unter anderem auch die Geschichte von dem Studenten und seinem greisen Vater mit und auch, daß Rodja sich verbrannt habe und sogar krank war, als er im vorigen Jahre zwei Kinder vor dem Flammentode gerettet hatte. Beide Mitteilungen versetzten die verstörte Pulcheria Alexandrowna fast in einen verzückten Zustand. Sie redete ununterbrochen darüber, knüpfte Gespräche auf der Straße an, obwohl Dunja sie ständig begleitete. In Omnibussen und in Läden, wenn sie bloß einen Zuhörer fand, brachte sie das Gespräch auf ihren Sohn, auf seinen Artikel und darauf, wie er einem Studenten geholfen habe, wie er bei der Feuersbrunst Brandwunden erhalten habe und dergleichen mehr. Dunetschka wußte nicht mehr, wie sie sie davon abhalten konnte. Abgesehen von der Gefahr solch eines verrückten krankhaften Zustandes, drohte auch das Unglück, daß jemand sich auf den Namen Raskolnikoff aus der Gerichtsverhandlung besinnen und darüber etwas sagen konnte. Pulcheria Alexandrowna hatte sogar die Adresse der Mutter von den zwei bei der Feuersbrunst geretteten Kindern erfahren und wollte sie unbedingt aufsuchen. Schließlich stieg ihre Unruhe bis aufs äußerste. Sie fing zuweilen plötzlich an zu weinen, wurde oft bettlägerig und phantasierte im Fieber. Eines Morgens erklärte sie, daß nach ihrer Berechnung Rodja bald zurückkehren müsse, daß sie sich erinnere, wie er beim Abschiede selbst erwähnt habe, daß man ihn nach neun Monaten erwarten solle. Sie begann alles in der Wohnung in Ordnung zu bringen und Vorbereitungen zu seinem Empfange zu machen, begann das für ihn bestimmte Zimmer, – ihr eigenes, – zu schmücken, die Möbel zu putzen, Vorhänge zu waschen und aufzuhängen und dergleichen mehr. Dunja wurde sehr unruhig, schwieg aber und half ihr sogar, das Zimmer für den Bruder instand zu setzen. Nach einem unruhigen Tage, der in ständigen Phantasien, in freudigen Träumen und Tränen verging, erkrankte sie in der Nacht und lag am anderen Morgen in Fieber und Fieberphantasien. Eine Nervenkrisis war ausgebrochen. Nach zwei Wochen starb sie. In Fieberphantasien entrangen sich ihr Worte, aus denen man annehmen mußte, daß sie bedeutend mehr über das schreckliche Schicksal ihres Sohnes ahnte, als man geglaubt hatte.
Raskolnikoff erfuhr lange nicht den Tod seiner Mutter, obwohl er mit Petersburg schon seit dem Anfang seiner Übersiedlung nach Sibirien in Briefwechsel stand. Ssonja vermittelte die Briefe und empfing auch pünktlich jeden Monat eine Antwort aus Petersburg. Ssonjas Briefe erschienen Dunja und Rasumichin zuerst etwas trocken und unbefriedigend; aber beide fanden bald, daß man nicht besser schreiben konnte, denn aus diesen Briefen empfing man doch zu guter Letzt eine ganz genaue und klare Vorstellung von dem Schicksal ihres unglücklichen Bruders. Ssonjas Briefe waren mit der alltäglichsten Wirklichkeit, mit der einfachsten und klarsten Darstellung der ganzen Umgebung Raskolnikoffs in der Zwangsarbeit angefüllt. Es gab dabei weder eine Darstellung ihrer eigenen Hoffnungen, noch Träume um die Zukunft, noch Beschreibungen ihrer Gefühle. Anstatt zu versuchen, seinen seelischen Zustand und überhaupt sein ganzes Seelenleben zu erklären, beschränkte sie sich auf Tatsachen, d. h. auf seine eigenen Worte, genaue Mitteilungen über seinen Gesundheitszustand, seine Wünsche bei ihren Besuchen, seine Aufträge und dergleichen mehr. Alle diese Nachrichten wurden mit der äußersten Genauigkeit wiedergegeben. Das Bild des unglücklichen Bruders trat schließlich hervor, zeichnete sich deutlich und klar ab; hier konnte es keine Irrtümer geben, denn alles waren sichere Tatsachen.
Aber wenig erfreuliches konnten Dunja und ihr Mann aus diesen Nachrichten, besonders im Anfang, schöpfen. Ssonja teilte immer nur mit, daß er ständig düster, wenig gesprächig sei und sich fast gar nicht für die Nachrichten interessiere, die sie ihm jedesmal aus den von ihr empfangenen Briefen überbrachte; daß er zuweilen nach der Mutter frage, und als sie ihm schließlich ihren Tod mitteilte, nachdem sie gemerkt hatte, daß er die Wahrheit ahne, da schien – zu ihrer Verwunderung – auch die Nachricht von dem Tode der Mutter auf ihn keinen starken Eindruck gemacht zu haben, wenigstens es schien ihr so nach seinem Äußeren. Sie teilte auch unter anderem mit, daß er bei aller Selbstversunkenheit und Verschlossenheit – sich zu seinem neuen Leben offen und schlicht verhalte; er begreife klar seine Lage, erwarte in der nächsten Zeit nichts besseres, habe keine leichtsinnigen Hoffnungen, was doch so verständlich in seiner Lage wäre, und wundere sich fast über nichts in seiner neuen Umgebung, die so wenig Ähnlichkeit mit seinem früheren Leben habe; seine Gesundheit sei befriedigend. Er gehe zur Arbeit, der er nicht ausweiche und um die er nicht bitte. Dem Essen gegenüber sei er fast gleichgültig, aber das Essen sei, außer an Sonn- und Feiertagen, so schlecht, daß er schließlich gern von ihr, Ssonja, etwas Geld genommen habe, um seinen eigenen Tee sich zu halten; wegen des übrigen habe er sie gebeten, sich nicht zu beunruhigen, und sie versicherte, daß alle diese Sorgen um seine Person ihn bloß verdrießlich machten. Weiterhin teilte Ssonja mit, daß er im Gefängnis in einem Raume mit den anderen untergebracht sei; die inneren Räume und Kasernen habe sie nicht gesehen, aber nehme an, daß sie eng, häßlich und ungesund seien; er schlafe auf einer Pritsche, brauche, als Unterlage, Filz und wolle nichts anderes haben. Er lebe aber so schlecht und ärmlich, nicht aus einem bestimmten Plane oder absichtlich, sondern aus Unachtsamkeit und äußerster Gleichgültigkeit gegen sein Schicksal. Ssonja machte kein Hehl daraus, daß er, besonders im Anfang, sich nicht bloß für ihre Besuche nicht interessierte, sondern über sie fast ungehalten war, wenig mit ihr sprach, ja grob zu ihr war, daß aber schließlich diese Zusammenkünfte ihm zur Gewohnheit und fast zum Bedürfnis geworden waren, so daß er sich sogar grämte, wenn sie einige Tage krank war und ihn nicht besuchen konnte. Sie sehe ihn an Sonntagen am Gefängnistore oder im Wachthause, wohin man ihn auf einige Minuten zu ihr rufe; an Werktagen sehe sie ihn bei der Arbeit, entweder in den Werkstätten oder in der Ziegelei oder in den Scheunen am Ufer des Irtysch. Über sich selbst teilte Ssonja mit, daß es ihr gelungen sei, in der Stadt einige Bekanntschaften anzuknüpfen und Protektion zu finden, daß sie sich mit Nähen beschäftige, und da in der Stadt es fast keine Schneiderin gebe, so sei sie in vielen Häusern ganz unentbehrlich geworden; aber sie erwähnte nicht, daß durch sie auch Raskolnikoff Protektion bei seinen Behörden gefunden habe, daß ihm leichtere Arbeiten zugeteilt wurden und dergleichen mehr. Schließlich kam die Nachricht – (Dunja hatte in den letzten Briefen eine besondere Aufregung und Unruhe herausgefühlt) –, daß er alle meide, daß die Sträflinge ihn nicht gern hätten, daß er tagelang schweige und sehr blaß werde. Plötzlich schrieb Ssonja in ihrem letzten Briefe, daß er ernstlich erkrankt sei und im Hospital in der Arrestantenabteilung liege ...