Dritter Teil
I.
Es wird bei uns so oft geklagt, daß wir keine praktischen Leute hätten; Staatsmänner zum Beispiel gäbe es unzählige, Generäle nicht minder; Beamte und alle möglichen Räte könne man sogleich in beliebiger Anzahl zur Stelle schaffen – aber praktische Leute gäbe es bei uns trotzdem nicht. Wenigstens klagen alle, daß es sie nicht gäbe. Nicht einmal ein anständiges Eisenbahnpersonal hätten wir auf manchen Strecken aufzuweisen, und die Administration irgendeiner Dampfschiffahrtsgesellschaft zustande zu bringen, sei, wenn man sich eine auch nur einigermaßen erträgliche wünsche, bei uns in Rußland ganz unmöglich. Dort, hört man, sind zwei Eisenbahnzüge zusammengestoßen, oder auf einer neueröffneten Strecke ist eine ganze Brücke mitsamt einigen Waggons eingestürzt; hier, heißt es, hat ein Zug auf offenem Felde fast überwintert: die Fahrt sollte nur ein paar Stunden dauern, man blieb aber ganze fünf Tage im Schnee stecken. Dort, wird erzählt, faulen mehrere Tausend Pud Fracht in den Waggons auf ein und derselben Station und warten drei Monate vergeblich auf Weiterbeförderung, und als ein Kaufmann – es klingt fast unglaublich! – einem der „Administratoren“ oder Oberaufseher mit den Bitten um Zustellung der Waren seines Lieferanten lästig geworden war, da hat ihm dieser statt der lagernden Ware eine administrative Ohrfeige verabfolgt und seine Handlungsweise nachher noch damit zu rechtfertigen gesucht, daß er es „im Eifer“ getan habe. Man sollte meinen, daß wir doch nachgerade genügend Amts-, Rats-, Gerichts- und noch andere Personen im Staatsdienst haben – in Wirklichkeit kann einem geradezu angst und bange werden vor ihrer unabsehbaren Anzahl! – alle haben im Staatsdienst gestanden, alle stehen darin, und alle haben die Absicht, in Staatsdienste zu treten –, wie sollte man da aus einem solchen Material nicht eine gute Administration zustande bringen, selbst wenn es sich nur um eine Dampfschiffahrtsgesellschaft handelt?!
Auf diese Frage wird uns aber eine so einfache Antwort zuteil, eine so einfache, daß man dieser Antwort überhaupt nicht glauben will.
Freilich, heißt es, freilich stehen bei uns alle im Staatsdienst, oder wenn sie im Augenblick nicht darin stehen, dann haben sie darin gestanden oder werden sie darin stehen, und das geht bei uns schon so seit zweihundert Jahren nach dem schönsten deutschen Vorbild von den Urgroßvätern bis zu den Ururenkeln, – aber gerade die Staatsbeamten, gerade die sind die unpraktischsten Leute der Welt, und es ist ja bei uns sogar so weit gekommen, daß die „Abstraktheit“, wenn man sich so ausdrücken darf, und die Mangelhaftigkeit des praktischen Wissens unter den Staatsdienern selbst noch vor kurzem fast als größte Tugend und beste Empfehlung betrachtet wurden. Übrigens sind wir da vom Thema etwas abgekommen, wir wollten ja nur von den „praktischen“ Leuten reden. Was nun diese betrifft, so wird wohl niemand leugnen wollen, daß Zaghaftigkeit und der absoluteste Mangel an eigener Initiative bei uns stets für das sicherste und beste Anzeichen eines praktischen Menschen gehalten worden sind, – und sogar jetzt noch gehalten werden. Doch weshalb immer nur sich selbst beschuldigen und sich Vorwürfe machen ... das heißt, wenn diese Ansicht überhaupt einen Vorwurf in sich schließt? Der Mangel an Originalität wird doch von jeher in der ganzen Welt für die beste Eigenschaft und beste Empfehlung eines tüchtigen, brauchbaren und praktischen Menschen gehalten, und wenigstens neunundneunzig Prozent der ganzen Menschheit – es ist das sogar noch sehr niedrig gegriffen – sind immer dieser Ansicht gewesen, und höchstens einer vom Hundert hat beständig anders geurteilt, und urteilt auch jetzt noch anders.
Die größten Erfinder und Genies sind fast immer zu Beginn ihrer Laufbahn – sehr oft aber auch noch zu Ende derselben – von der Gesellschaft für nichts weniger als ausgesprochene Dummköpfe gehalten worden: dazu bedarf es keiner Beweise. Wenn nun im Laufe von mehreren Jahrzehnten alle Welt ihr Geld auf die Bank schleppte und Milliarden dort zu vier Prozent zusammensparte, so mußte, versteht sich, als es mit der Bank schließlich einmal ein Ende nahm und die guten Leute sich wieder auf ihre eigene Initiative angewiesen sahen, die Mehrzahl dieser Millionen im Aktionärfieber oder in den Händen von Betrügern verloren gehen –, und da hatte man denn, was Anstand und Sittlichkeit verlangen! Gerade die Sittlichkeit: denn, wenn die „sittliche“ Zaghaftigkeit und der „anständige“ Mangel an Originalität bei uns bis jetzt nach allgemeiner Überzeugung die notwendigsten Eigenschaften eines tüchtigen und brauchbaren Menschen sind, so wäre es doch gar zu unanständig und unsittlich, seine Überzeugung plötzlich zu verändern! Welche zärtlich liebende Mutter wird nicht erschrecken und vor Angst womöglich erkranken, wenn ihr Sohn oder ihre Tochter auch nur ein wenig aus dem Gleise gerät? „Nein, mag es lieber glücklich sein und ohne Originalität in Zufriedenheit und Wohlstand leben,“ denkt eine jede Mutter, wenn sie ihr Kind wiegt. Und unsere Ammen singen doch mit Vorliebe Wiegenlieder, in denen sie die Zukunft des Kindes so schön wie nur möglich ausmalen: „Wirst noch goldene Kleider tragen, wirst einst ein großer General sein!“ Wenn aber unseren Kinderfrauen das General-sein als höchstes russisches Glück erscheint, so muß das doch das populärste nationale Ideal ruhiger, ungetrübter Seligkeit sein! Und in der Tat: wer konnte bei uns, wenn er vorschriftsmäßig die Examina bestanden und fünfunddreißig Jahre abgedient hatte, schließlich nicht General werden und sich auf der Bank eine gewisse Summe zusammensparen? So hat sich denn der Russe fast ohne jede Anstrengung seinerseits schließlich den Ruf eines praktischen Menschen erworben. Genau genommen konnte ja bei uns nur der originelle d. h. der unruhige Mensch nicht General werden ... Vielleicht hat sich hier ein kleines Mißverständnis eingeschlichen, im allgemeinen jedoch scheint es mit der Wahrheit übereinzustimmen, und somit kann man unserer Gesellschaft wegen ihres Ideals eines praktischen Menschen keinen Vorwurf machen.
Nichtsdestoweniger haben wir hier viel Überflüssiges gesagt, denn im Grunde sollten es nur ein paar erklärende Worte über die uns bekannte Familie Jepantschin werden. Diese Familie, oder wenigstens die am meisten denkenden Angehörigen derselben, litten beständig unter einem ihnen fast allen mehr oder weniger eigenen Familienfehler, der ungefähr das gerade Gegenteil jener Tugenden war, über die wir soeben philosophiert haben. Ohne die Gründe davon vollkommen zu begreifen – und das war auch nicht so leicht – wurden sie von der Empfindung gepeinigt, daß in ihrer Familie alles ganz anders sei, als bei anderen Menschen und in deren Familien. Bei allen ging es glatt, nur bei ihnen ging es holprig; alle anderen fuhren hübsch im Gleise, nur sie entgleisten jeden Augenblick. Alle waren zaghaft, nur sie waren es nicht. Freilich ängstigte sich Lisaweta Prokofjewna mitunter sogar sehr, aber es war bei ihr doch nie jene sittsame Zaghaftigkeit, die Jepantschins so wertvoll fanden. Übrigens war es eigentlich auch nur Lisaweta Prokofjewna, die sich deshalb so beunruhigt fühlte: die Mädchen waren noch zu jung dazu – wenn auch gewiß nicht zu unintelligent. Der General aber pflegte, wenn er auch manches begriff – was übrigens nicht immer ohne Mühe ging – in allen schwierigen Fällen nur „Hm!“ zu sagen oder „Gewiß, gewiß, mein Freund!“ worauf er dann doch das weitere seiner Lisaweta Prokofjewna überließ. Damit lag dann auf ihr allein die ganze Verantwortung. Und doch sprang diese Familie durchaus nicht etwa aus bewußtem Hang zur Originalität aus dem Gleise, was allerdings höchst unanständig gewesen wäre, o nein! Davon konnte überhaupt nicht die Rede sein, ich meine, von einem mit Bewußtsein gesetzten Ziel! Aber wie dem auch sein mochte, jedenfalls war das Resultat: daß die Familie Jepantschin, wenn sie auch noch so achtbar erscheinen mußte, doch irgendwie nicht so war, wie sonst alle ehrenwerten Familien zu sein pflegen. In der letzten Zeit hatte nun Lisaweta Prokofjewna begonnen, die Schuld daran nur sich allein oder vielmehr nur ihrem „unseligen“ Charakter zuzuschreiben, weshalb sich denn auch ihre Gewissensqualen um ein Beträchtliches vergrößerten. Sie nannte sich selbst täglich dumm und hypochondrisch, quälte sich mit ihrem Mißtrauen, fand oft in den einfachsten Dingen keinen Ausweg und hielt jedes Unglück für größer als es war.
Wie bereits früher erwähnt, waren Jepantschins eine überall sehr geachtete Familie. Wenn der General auch nicht vornehmer Herkunft und auch sicherlich nicht sehr geistreich war, so war er doch ein reicher und „durch und durch anständiger“ Mann, der als General „durchaus nicht zu den Letzten“ zählte. Übrigens scheint eine gewisse geistige Stumpfheit fast ein unvermeidliches Attribut jedes Tatmenschen zu sein. Die Hauptsache war, daß Iwan Fedorowitsch gute Protektion hatte. Im übrigen war wenigstens Lisaweta Prokofjewna eine geborene Fürstin Myschkin, und das war immerhin nicht zu verachten, obschon man bei uns auf vornehme Herkunft nicht viel gibt, wenn die Herkunft nicht von Protektion unterstützt wird. Lisaweta Prokofjewna aber war schließlich von so hochstehenden Personen liebgewonnen worden, daß deren ganzer Bekanntenkreis sie gleichfalls zu achten und hochzuschätzen begonnen hatte. Selbstverständlich quälte sie sich ihres Mannes und ihrer Töchter wegen ganz grundlos; die kleinsten Dinge konnte sie bis zur Lächerlichkeit vergrößern. Doch das ist ja gewöhnlich so: hat man eine Warze auf der Stirn oder auf der Nase, so scheint es einem unwillkürlich, daß alle Menschen nichts weiter in der Welt zu tun haben, als diese Warze anzusehen, über sie zu lachen und einen ihretwegen zu verachten, selbst wenn man dabei Amerika entdeckt hätte. Zweifellos wurde Lisaweta Prokofjewna auch in der Gesellschaft als etwas wunderliche Dame betrachtet, doch, wie gesagt, nichtsdestoweniger sehr geachtet. Das Unglück war nur, daß Lisaweta Prokofjewna schließlich an diese Achtung nicht mehr glauben wollte. Und wenn sie ihre Töchter ansah, quälte sie sich mit der Angst, daß sie deren Lebenslauf verderbe, weil ihr Charakter „lächerlich, unanständig und unerträglich“ sei, was sie wiederum täglich diesen ihren Töchtern und ihrem treuen Gatten Iwan Fedorowitsch zum Vorwurf machte, oder weshalb sie tagelang mit ihnen stritt, während sie sie gleichzeitig doch bis zur völligen Selbstverleugnung, wenn nicht bis zur Leidenschaft, liebte.
Am meisten quälte sie die Angst, daß ihre Töchter ebenso werden könnten, wie sie, ihre Mutter, und daß es solche jungen Mädchen, wie ihre drei, in der ganzen Welt nicht gäbe und auch gar nicht geben könne. „Nihilistinnen sind sie, weiter nichts!“ Dieser traurige Gedanke, der sie schon ein ganzes Jahr gefoltert hatte, ließ ihr namentlich in der letzten Zeit keine Ruhe mehr. „Erstens: weshalb heiraten sie nicht?“ fragte sie sich fortwährend. „Um ihre Mutter zu quälen, – darin sehen sie doch alle drei ihren Lebenszweck, und das kommt natürlich nur daher, weil sie sich alle diese neuen Ideen in den Kopf gesetzt haben! Schuld ist nichts anderes, als diese verwünschte Frauenfrage! Fiel es denn Aglaja nicht vor einem halben Jahre ein, sich ihr wundervolles Haar abzuschneiden? Großer Gott, selbst ich habe zu meiner Zeit nicht solches Haar gehabt! – Hatte sie doch die Schere schon in der Hand, mußte ich sie doch auf den Knien anflehen, um sie davon abzubringen! ... Nun, Aglaja tat es natürlich nur aus Bosheit, um ihre Mutter zu martern, denn sie ist böse, eigensinnig, verwöhnt und vor allem böse, böse, böse! Aber wollte denn diese Alexandra es ihr nicht schon nachmachen? Die aber wollte es sicher nicht aus Bosheit; nicht aus Launenhaftigkeit, sondern in aufrichtiger Einfalt, wie eine dumme Gans, die sich von Aglaja einreden läßt, daß sie mit kurzem Haar besser werde schlafen können und daß der Kopf ihr nicht mehr weh tun würde? Und wie oft, wie oft, wie oft, – nun schon seit fünf Jahren –, wie oft hätten sie heiraten können! Und es waren doch alles wirklich tadellose Partien, und einzelne doch wirklich reizende Menschen! Worauf warten sie denn, wenn sie nicht heiraten? Was wollen sie eigentlich? Warum wollen sie nicht heiraten? Nur um ihre Mutter zu ärgern – einen anderen Grund haben sie doch nicht! Das ist es! Nur das ist es!“
Endlich aber sollte auch ihr Mutterherz eine Freude erleben: Adelaida verlobte sich. „Gott sei Dank, wenigstens eine vom Halse!“ sagte Lisaweta Prokofjewna, wenn sie sich laut über dieses Ereignis äußerte. (Im Herzen drückte sie sich unvergleichlich zärtlicher aus.) Und wie gut, wie tadellos sich das alles abgewickelt hatte! Auch in der Gesellschaft war man des Lobes voll: eine bekannte Persönlichkeit, ein Fürst, reich, ein guter Charakter, und außerdem war noch von beiden Seiten Liebe vorhanden. Was wollte man mehr? Doch um Adelaida hatte sie sich stets am wenigsten gesorgt, wenn auch deren künstlerische Neigungen oft genug ihr stets Unheil fürchtendes Herz beunruhigt hatten. „Dafür hat sie ein heiteres Gemüt und ist nicht so unvernünftig wie die anderen, – die wird nicht untergehen,“ beruhigte sie sich schließlich. Am meisten jedoch ängstigte sie sich um Aglaja. Was sie aber von der ältesten, Alexandra, denken sollte, wußte sie selbst nicht: sollte sie sich auch um diese ängstigen oder war das überflüssig? Mitunter schien es ihr, daß sie „schon ganz verloren“ sei, – „fünfundzwanzig Jahre alt – natürlich bleibt sie unverheiratet! Und das bei ihrer Schönheit!“ Lisaweta Prokofjewna weinte sogar ihretwegen nachts, während Alexandra Iwanowna in denselben Nächten den ruhigsten und sorglosesten Schlaf schlief. „Was ist sie eigentlich – Nihilistin, oder ist sie einfach dumm?“ Daß sie in Wirklichkeit nicht dumm war, daran zweifelte Lisaweta Prokofjewna selbst keinen Augenblick: sie schätzte selbst Alexandras Urteil sehr und fragte sie gern um Rat. Doch ebensowenig zweifelte sie daran, daß „diese Alexandra“ einfach „jedes Temperamentes entbehrte“. „Sie ist so ruhig, daß man sie überhaupt nicht in Bewegung bringen kann! Ich weiß wirklich nicht, was ich mit ihnen allen anfangen soll!“ Lisaweta Prokofjewna empfand für ihre Älteste eine ganz unerklärliche Sympathie, in der vielleicht das Mitleid keine so geringe Rolle spielte, und fühlte sich zu ihr fast noch mehr hingezogen, als zu Aglaja, ihrem Abgott. Doch alle ihre bissigen Bemerkungen – in denen sich ihre ganze mütterliche Sorge und Sympathie äußerte – erheiterten nur Alexandra; konnten doch mitunter die nichtigsten Dinge Lisaweta Prokofjewna „einfach rasend machen“! So liebte es z. B. Alexandra Iwanowna sehr, lange zu schlafen, und gewöhnlich hatte sie in der Nacht viele Träume; diese Träume jedoch zeichneten sich alle durch ganz besondere Sinnlosigkeit aus und waren von einer Unschuld und Naivität, daß man sie für Träume eines siebenjährigen Kindes hätte halten können. Diese Naivität der Träume ihrer Ältesten nun begann aber Lisaweta Prokofjewna aus irgendeinem Grunde geradezu zu empören. Einmal hatte Alexandra neun Hühner im Traume gesehen, und das Resultat war, daß die Mutter sich mit ihr ernstlich entzweite, – weshalb? – das ließe sich schwer erklären. Nur ein einziges Mal gelang es ihr, „etwas Originelles“ im Traum zu sehen, einen Mönch in einer dunklen Zelle, in die einzutreten sie sich gefürchtet hatte. Der Traum ward sogleich von den zwei jüngeren Schwestern lachend und triumphierend der Mutter erzählt, doch diese ärgerte sich wieder und nannte sie alle beide dumm. „Hm!“ dachte sie dann später bei sich, „Temperament hat sie nicht, und in Bewegung bringen kann man sie auch nicht, aber es ist doch eine Trauer in ihr, weiß Gott, mitunter hat sie ganz traurige Augen! Was mag sie nur haben, was?“ Bald darauf stellte sie diese Frage auch an ihren Gatten Iwan Fedorowitsch, was sie wie gewöhnlich schroff, ungeduldig und beinah wie drohend tat, in offenkundiger Erwartung einer sofortigen entscheidenden Antwort. Iwan Fedorowitsch sagte etliche Male „Hm!“ und legte die Stirn in nachdenkliche Falten, bis er dann schließlich die Schultern in die Höhe zog, die Hände auseinanderspreizte und ein etwas lakonisches Urteil sprach:
„Muß heiraten!“
„Nur gebe ihr Gott nicht einen solchen Mann, wie Sie sind, Iwan Fedorowitsch!“ platzte Lisaweta Prokofjewna zornig heraus; „nicht einen so unfähigen Menschen, der nicht einmal ein Urteil zu fällen versteht, nicht einen so rohen Grobian wie Sie, Iwan Fedorowitsch ...“
Iwan Fedorowitsch brachte sich schleunigst in Sicherheit, indem er mit durch Übung erlangter Geschicklichkeit einen glänzenden Rückzug ausführte, und Lisaweta Prokofjewna beruhigte sich nach dem Ausbruch wieder sehr schnell. Selbstverständlich wurde sie noch bis zum Abend desselben Tages äußerst aufmerksam, still, freundlich und liebenswürdig zu Iwan Fedorowitsch, zu ihrem „rohen Grobian“ Iwan Fedorowitsch, zu ihrem guten und lieben, ihrem vergötterten Iwan Fedorowitsch, denn sie liebte ihn nicht nur ihr ganzes Leben lang, sie war sogar direkt verliebt in ihren Iwan Fedorowitsch, was Iwan Fedorowitsch selbst sehr wohl wußte und wofür er seine Lisaweta Prokofjewna um keinen Deut weniger liebte und weniger hoch hielt.
Doch die größten Sorgen bereitete ihr von jeher Aglaja.
„Ganz, ganz wie ich, mein Ebenbild in jeder Beziehung!“ sagte sich Lisaweta Prokofjewna, „ein eigensinniges, schlechtes, vom Teufel besessenes Ding! Eine Nihilistin, sonderbar in allem, was sie tut – ganz wie ich! – und böse, böse, böse! O, Gott, wie unglücklich sie sein wird!“
Da sollte sie die Freude erleben, daß Adelaida sich verlobte, und fast einen ganzen Monat verbrachte sie ohne Sorgen. Nach der Verlobung Adelaidas hatte man in der Gesellschaft auch mehr über Aglaja zu sprechen begonnen, doch Aglaja hatte sich überall so vortrefflich aufgeführt, so gleichmäßig und klug, so sicher und ... ein wenig stolz vielleicht, aber das stand ihr doch so vorzüglich! Und zur Mutter war sie den ganzen Monat über so nett und lieb gewesen! („Nein, diesen Jewgenij Pawlowitsch muß man sich doch noch genauer ansehn ... übrigens scheint ihm Aglaja noch gar nicht so besonders gewogen zu sein.“) Jedenfalls war sie eine ganz prächtige Tochter gewesen – „und wie schön sie dabei ist, Gott, wie schön sie ist, und mit jedem Tage wird sie noch schöner! Und nun plötzlich ...“
Kaum war nämlich dieser Fürst, dieser „jammervolle Idiot“ aufgetaucht, als plötzlich wieder alles im Hause auf dem Kopf stand!
Aber was war denn geschehen?
Nach der Überzeugung aller Unbefangenen war sicher nichts geschehen. Doch dadurch gerade zeichnete sich ja Lisaweta Prokofjewna aus, daß sie infolge ihrer inneren Unruhe auch in den gewöhnlichsten Dingen ein Etwas zu entdecken vermochte, das sie mit der argwöhnischsten, der unerklärlichsten, und das heißt soviel wie furchtbarsten Angst erfüllte. Wie mußte ihr aber nun zumute sein, als sie plötzlich in dem Wirrwarr vollkommen unbegründeter Befürchtungen etwas erblickte, das tatsächlich wichtig zu sein schien und tatsächlich ihrer Zweifel, ihres Mißtrauens und der Beängstigungen wert war?
„Nein, wie hat man sich nur unterstehen können, diesen gemeinen anonymen Brief an mich zu schreiben? – daß jenes Geschöpf mit Aglaja in Beziehung stehe!“ dachte Lisaweta Prokofjewna ununterbrochen, während sie den Fürsten an der Hand zu ihrer Villa zog und dort auf einen der Stühle am runden Tisch, um den sich die ganze Familie versammelt hatte, Platz zu nehmen nötigte. „Wie hat man daran überhaupt nur zu denken gewagt? Ich müßte ja sterben vor Scham, wenn ich auch nur ein Wort geglaubt und den Brief Aglaja gezeigt hätte! Und so etwas erlaubt man sich uns gegenüber! An allem, allem ist doch nur Iwan Fedorowitsch schuld! Ach, warum sind wir in diesem Sommer nicht nach Jelagin gezogen! Ich wollte doch unbedingt dorthin und nicht hierher nach Pawlowsk! Diesen Brief kann vielleicht die Warjka geschrieben haben, oder vielleicht ... nein, an allem, an allem ist doch nur Iwan Fedorowitsch schuld! Nur um ihn zum besten zu haben, hat uns dieses Geschöpf das eingebrockt! – zum Andenken an ihre frühere Bekanntschaft, als er ihr noch Perlen schenkte ... Aber genau genommen sind wir doch alle hineingezogen, mein bester Iwan Fedorowitsch, sowohl Sie wie Ihre Gattin und Töchter, – junge Damen der besten Gesellschaft, Bräute! – und sie standen keine zehn Schritt vom Wagen, alles haben sie gehört, und auch jene schmutzige Geschichte haben sie mit angehört! Sie können sich jetzt freuen, Iwan Fedorowitsch! Niemals, niemals werde ich das diesem elenden Fürsten verzeihen, niemals! Weshalb ist Aglaja seit drei Tagen hysterisch, weshalb hat sie sich mit beiden Schwestern verzankt, sogar mit Alexandra, der sie doch sonst immer die Hand küßte – so hat sie sie geachtet! Weshalb gibt sie uns seit drei Tagen ein Rätsel nach dem anderen auf? Was hat das mit Gawrila Iwolgin zu bedeuten? Weshalb hat sie ihn gestern und heute so auffallend gelobt, um dann wiederum in Tränen auszubrechen? Weshalb ist auch in dem anonymen Brief von diesem verwünschten ‚armen Ritter‘ die Rede? Sie aber hat den Brief des Fürsten nicht einmal ihren Schwestern gezeigt! Und weshalb ... mein Gott, weshalb, weshalb bin ich jetzt zu ihm gelaufen, und weshalb habe ich ihn jetzt wieder zu mir geschleppt? Mein Gott, was habe ich getan, bin ich nicht von Sinnen? Mit einem jungen Herrn über die Geheimnisse der eigenen Tochter zu reden, und noch dazu ... über solche Geheimnisse, die womöglich ihn selbst angehen! Gott, ein Glück noch, daß er ein Idiot ist und ... und ... ein Freund unseres Hauses! Nur ... sollte sich Aglaja denn wirklich in diesen Kranken verliebt haben? Gott, was ist mit mir heute! Pfui! Originale sind wir ... Unter Glas müßte man uns setzen, mich als erste, auf einer Ausstellung, für zehn Kopeken Entree ... Nein, das verzeihe ich Ihnen niemals, Iwan Fedorowitsch, niemals werde ich Ihnen das verzeihen! Weshalb zieht sie ihn jetzt nicht durch die Hechel, wie sie’s versprochen? Was versprach sie’s denn, wenn sie jetzt ihr Wort nicht hält? – Da! wie sie ihn ansieht! Weshalb geht sie denn nicht fort, wenn sie ihm selbst verboten hat, herzukommen? Jetzt steht sie, schweigt und sieht ihn an ... Und er ist auch ganz bleich geworden ... O, dieser verwünschte Schwätzer Jewgenij Pawlowitsch – hat sich des ganzen Gesprächs bemächtigt! Er läßt einen ja überhaupt nicht zu Wort kommen! Ich würde sofort alles erfahren, wenn ich nur endlich sprechen könnte ...“
Der Fürst saß allerdings ganz bleich am Tisch, und wie es schien war er in großer Erregung; doch gleichzeitig befand er sich wie in einem ihm selbst unerklärlichen, fast atemraubenden Rausch des Entzückens. O, wie fürchtete er sich, in jenen Winkel zu schauen, von wo aus ein Paar bekannter dunkler Augen auf ihn gerichtet waren, deren aufmerksamen, forschenden, prüfenden Blick er fast körperlich zu fühlen meinte. Und wie selig war er doch darüber, daß er jetzt wieder hier unter ihnen sitzen konnte, daß er wieder ihre Stimme hören würde, – selbst nach dem, was sie an ihn geschrieben. „Was wird sie nur jetzt sagen, was wird sie sagen!“ Er selbst hatte noch kein Wort gesprochen und bemühte sich krampfhaft, den unaufhaltsam redenden Jewgenij Pawlowitsch zu verstehen, der sich wohl nur selten in einer so zufriedenen und angeregten Stimmung befunden haben mochte, wie an diesem Abend. Der Fürst hörte ihm lange zu, ohne auch nur ein Wort zu begreifen. Außer dem Familienoberhaupt Iwan Fedorowitsch, der noch in der Stadt weilte, waren alle versammelt. Auch Fürst Sch. war zugegen. Wie es schien, hatte man die Absicht, nach einer Weile zu einem Spaziergang aufzubrechen, da am Abend die Militärkapelle spielen sollte. Das Gespräch, in dem man sich befand, mußte bereits vor dem Erscheinen des Fürsten begonnen worden sein. Plötzlich erschien auch noch Koljä auf der Veranda. „Nun, dann hat man ihn hier wieder gut empfangen,“ dachte der Fürst bei sich.
Die Villa Jepantschin war im Schweizerstil erbaut, machte einen wohlhabenden Eindruck und war von einem wundervollen, zwar nicht sehr großen, doch dafür um so schöneren Blumengarten umgeben. Man saß auf der verandenartigen Terrasse, die ähnlich der Terrasse der Villa Lebedeffs gebaut war, nur, versteht sich, größer und eleganter.
Das Thema des Gesprächs schien nicht allen sonderlich zuzusagen, doch Jewgenij Pawlowitsch, den ein heftiger Disput mit Fürst Sch. auf dieses Thema gebracht hatte, kümmerte sich nicht um die Wünsche der übrigen, die wohl lieber von etwas anderem gesprochen hätten, sondern fuhr in seinen Widerlegungen fort, wozu ihn das Erscheinen des Fürsten noch mehr anzuregen schien. Lisaweta Prokofjewna ärgerte sich über ihn und seine Reden, wenn sie auch kaum ein Wort von dem ganzen Gespräch verstand. Aglaja, die sich etwas abseits hingesetzt hatte, in einen Winkel, blieb dort, hörte zu und schwieg.
„... Erlauben Sie,“ widersprach Jewgenij Pawlowitsch eifrig, „ich habe gegen den Liberalismus nichts einzuwenden. Liberalismus ist keine Sünde, sondern ein notwendiger Teil des Ganzen, das ohne ihn zerfallen oder absterben würde; der Liberalismus hat dieselbe Existenzberechtigung wie der wohlgesittetste Konservatismus; ich greife aber doch nur den russischen Liberalismus an, und, ich wiederhole, greife ihn nur deshalb an, weil der russische Liberale nicht ein russischer Liberaler, sondern eben ein nichtrussischer Liberaler ist. Geben Sie mir einen wirklich russischen Liberalen und ich werde ihm in Ihrer aller Gegenwart sogleich einen Kuß geben.“
„Vorausgesetzt, daß er sich von Ihnen küssen läßt,“ versetzte Alexandra Iwanowna, die ungewöhnlich angeregt zu sein schien. Sogar ihre Wangen hatten sich gerötet.
„Seht doch mal!“ dachte Lisaweta Prokofjewna bei sich, „sonst versteht sie nur zu schlafen und zu essen, und jetzt plötzlich tut sie auch zum Sprechen den Mund auf!“
Der Fürst bemerkte flüchtig, daß Alexandra Iwanowna Jewgenij Pawlowitschs Heiterkeit, mit der er über ein so ernstes Thema sprach, sehr zu mißfallen schien, denn wenn sich dieser auch scheinbar ereiferte, so konnte man andererseits doch fast glauben, daß er nur scherze.
„Ich behauptete soeben – kurz bevor Sie kamen, Fürst –“ fuhr Jewgenij Pawlowitsch fort, „daß wir bis jetzt nur Liberale aus zwei Gesellschaftsklassen gehabt haben: aus dem Kreise der Intellektuellen, aus dem Stande der ehemaligen Gutsbesitzer und der Klasse der Seminaristen, Popensöhne, Lehrer. Da sich aber nun jeder dieser Stände mit der Zeit zu einer richtigen Kaste ausgebildet hat, zu etwas von der übrigen Nation ganz Abgesondertem, und dieser Zustand sich von Generation zu Generation noch verschärft, so ist folglich auch alles das, was sie getan haben oder noch tun, im höchsten Grade nicht national ...“
„Was? Alles, was getan worden ist, alles das – sei nicht russisch?“ unterbrach ihn Fürst Sch.
„Nicht national; wenn es auch russisch ist, so ist es doch nicht national; die Liberalen sind bei uns nicht russisch und auch die Konservativen sind bei uns nicht russisch. Und Sie können überzeugt sein, daß die Nation nichts von dem anerkennt, was von den Gutsbesitzern und Seminaristen getan worden ist, – weder tut sie es jetzt, noch wird sie es später tun ...“
„Das ist mal gut! Wie kannst du ein solches Paradox behaupten? wenn du es im Ernst tust! Ich kann solche Angriffe auf den russischen Gutsbesitzer nicht zulassen; du bist doch selbst ein russischer Gutsbesitzer,“ widersprach ihm Fürst Sch. eifrig.
„Aber ich rede ja doch nicht in dem Sinne vom russischen Gutsbesitzer, wie du es auffaßt. Es ist ein überaus ehrenwerter Stand, und wenn auch nur, sagen wir, deshalb, weil ich zu ihm gehöre; namentlich jetzt, nachdem er aufgehört hat, Kaste zu sein ...“
„Sollte denn wirklich auch in der Literatur nichts Nationales geschaffen worden sein?“ unterbrach ihn Alexandra Iwanowna.
„Ich bin in der Literatur nicht sehr bewandert, aber meiner Meinung nach ist auch unsere ganze Literatur nicht russisch, ausgenommen höchstens Lomonossoff, Puschkin und Gogol.“
„Erstens war das nicht wenig, und zweitens war der eine aus dem Volk und die zwei anderen waren – Gutsbesitzer!“ bemerkte Adelaida lachend.
„Ganz recht, doch triumphieren Sie nicht zu früh. Da es nur diesen dreien von allen russischen Schriftstellern gelungen ist, etwas tatsächlich Eigenes, ihr Eigenstes zu sagen, etwas, das sie von keinem anderen entlehnt haben, so sind diese drei sogleich auch national geworden; wer von uns Russen etwas Eigenes, etwas unanfechtbar Eigenes, von keinem Entlehntes sagt, wird unfehlbar sogleich national, und wenn er auch nur schlechtes Russisch spräche. Das ist für mich ein Axiom. Doch wir wollten ja nicht von der Literatur sprechen, wir sprachen von den Sozialisten. Und so behaupte ich denn nochmals, daß wir keinen einzigen russischen Sozialisten haben; weder jetzt noch früher, denn alle unsere sogenannten Sozialisten sind ausnahmslos aus den Gutsbesitzern und Intellektuellen hervorgegangen. Selbst unsere überzeugtesten, verschriensten Sozialisten, sowohl die hiesigen wie die im Auslande lebenden, sind nichts anderes, als liberale Gutsbesitzer aus der Zeit der Leibeigenschaft. Weshalb lachen Sie? Geben Sie mir ihre Bücher, geben Sie mir ihre Theorien, geben Sie mir alle ihre Memoiren, und ich werde, ohne Literaturkritiker zu sein, die überzeugendste literarische Kritik schreiben, in der ich sonnenklar beweisen werde, daß jede Seite ihrer Bücher, Broschüren und Memoiren in erster Linie von dem ehemaligen russischen Gutsbesitzer geschrieben ist. Ihr Unwille, ihre Wut, ihr Esprit – alles ist gutsbesitzerhaft; ihr Entzücken, ihre Ekstase, ihre Tränen, ihre vielleicht sogar aufrichtigen Tränen – sind gutsbesitzerhaft! Oder seminaristenhaft ... Sie lachen wieder, und auch Sie lachen, Fürst? Sie sind gleichfalls nicht damit einverstanden?“
Da alle lachten, hatte auch der Fürst gelächelt.
„Das kann ich so direkt noch nicht sagen, ob ich einverstanden bin oder nicht,“ sagte der Fürst, indem er sogleich ernst wurde – er war sogar wie ein ertappter Schüler zusammengezuckt, als sich Jewgenij Pawlowitsch plötzlich an ihn gewandt hatte – „aber ich versichere, daß ich Ihnen sehr gespannt zuhöre ...“ brachte er fast atemlos hervor, und kalter Schweiß trat ihm auf die Stirn. Es waren das die ersten Worte, die er hier sprach, und instinktiv wollte er sich umschauen, doch wagte er es nicht. Jewgenij Pawlowitsch erriet es und lächelte.
„Ich werde Ihnen, meine Damen und Herren, eine Tatsache mitteilen,“ fuhr er im selben Ton fort, so, als wäre er mit ungeheurem Eifer bei der Sache und mache doch dabei gleichzeitig sich fast lustig, lache womöglich über seine eigenen Worte, „eine Tatsache, deren Beobachtung und sogar Entdeckung ich die Ehre habe, mir, und zwar mir ganz allein, zuschreiben zu dürfen; wenigstens ist davon noch niemals gesprochen oder geschrieben worden. In dieser Tatsache drückt sich das ganze Wesen jenes Liberalismus, jener Art von Liberalismus aus, von der ich rede. Erstens: was ist denn der Liberalismus anderes, im allgemeinen gesprochen, als ein Herfallen – ob ein vernünftiges oder unvernünftiges ist eine andere Frage –, ein Herfallen über die bestehende Ordnung der Dinge? So ist es doch? Nun, diese meine Beobachtung besteht aber darin, daß der russische Liberalismus kein Herfallen über die bestehende Ordnung der Dinge ist, sondern ein Herfallen über das Wesen unserer Dinge, über die Dinge selbst – nicht nur über deren Ordnung, nicht über die russischen ‚Ordnungen‘, wenn man sich so ausdrücken darf, sondern über Rußland. Unser Liberaler ist schließlich so weit gekommen, daß er Rußland selbst verneint, also seine eigene Mutter haßt und schlägt; jede mißglückte russische Tat erweckt in ihm Gelächter, wenn nicht gar Entzücken. Er haßt die Volksbräuche, die russische Geschichte, alles. Wenn es eine Rechtfertigung für ihn gibt, so kann es höchstens die sein, daß er selbst nicht weiß, was er tut, und seinen Haß für den fruchtbarsten Liberalismus hält. O, Sie können bei uns oft einen Liberalen sehn, dem die übrigen begeistert Beifall spenden, und der vielleicht im Grunde genommen der unsinnigste, stumpfste und gefährlichste Konservative ist, ohne es selbst auch nur zu ahnen! Dieser Haß auf Rußland wurde vor noch nicht allzu langer Zeit von manchen unserer Liberalen fast für die wirkliche Liebe zum Vaterlande gehalten, und sie taten noch groß damit, daß sie besser sähen, als die anderen, worin diese Liebe bestehen müsse; jetzt jedoch sind sie bereits aufrichtiger geworden, jetzt schämen sie sich des Wortes ‚Vaterlandsliebe‘, ja, sie wollen sogar den Begriff desselben als schädlich und dumm ausrotten und aus der Welt schaffen; diese Tatsache ist an sich vollkommen richtig, dafür komme ich auf und, einmal wenigstens muß man doch die Wahrheit ganz aussprechen, einfach und offen. Gleichzeitig ist aber diese Tatsache in keinem anderen Jahrhundert und bei keinem anderen Volke zu finden, folglich ist sie eine zufällige und vorübergehende, ich gebe es zu. Kann es doch in keinem Lande einen Liberalen geben, der sein eigenes Vaterland haßt. Womit nun läßt sich das bei uns erklären? Ich denke, nur damit, worauf ich bereits vorhin hinwies: daß der russische Liberale vorläufig noch gar kein russischer Liberaler ist. Und zwar ist das die einzige Erklärung, meine ich.“
„Ich fasse alles, was du da gesagt hast, als Scherz auf, Jewgenij Pawlowitsch,“ bemerkte der Fürst Sch. sehr ernst.
„Ich habe nicht alle Liberalen gesehen und kann daher auch nicht urteilen,“ sagte Alexandra Iwanowna, „aber ich habe mit Unwillen Ihre Auffassung angehört: Sie haben einen einzelnen Fall zur allgemeinen Regel erhoben, folglich haben Sie verleumdet.“
„Einen einzelnen Fall? A–a! Weil das Wort jetzt ausgesprochen ist!“ griff sogleich Jewgenij Pawlowitsch auf. „Fürst, wie denken Sie darüber, ist es ein einzelner Fall oder nicht?“
„Ich muß zwar gleichfalls sagen, daß ich wenig ... Liberale gesehen und auch nur wenig mit solchen gesprochen habe,“ sagte der Fürst, „doch will es mir trotzdem scheinen, daß Sie vielleicht in gewissem Sinne recht haben ... daß jener russische Liberalismus, von dem Sie sprechen, allerdings geneigt ist, Rußland selbst zu hassen, und nicht nur etwa die staatliche Ordnung der Dinge bei uns. Natürlich ist das nur zum Teil wahr ... selbstverständlich kann man das nicht von allen sagen ...“
Er stockte und verstummte, ohne seinen Gedanken ganz auszusprechen. Man sah es ihm jedoch an, daß das Gespräch sein Interesse in hohem Maße erweckt hatte, ungeachtet seiner sonstigen inneren Erregung. Die ungewöhnliche Naivität der Aufmerksamkeit, mit der der Fürst allem zuhörte, was ihn auch nur einigermaßen interessierte, und mit der er dann auch seine Antworten gab, wenn man sich an ihn wandte, machte mitunter einen ganz eigentümlichen Eindruck. Diese Naivität, dieses blinde Vertrauen, das von Spott und Scherz nichts zu ahnen schien, drückte sich nicht nur in seinem Gesicht, sondern auch in seiner ganzen Körperhaltung aus.
Jewgenij Pawlowitsch hatte sich noch nie anders als mit einem feinen, ganz feinen Spottlächeln an ihn gewandt, doch jetzt, nachdem ihm diese Antwort zuteil geworden, blickte er ihn zum erstenmal mit völlig ernstem Gesicht an, ganz als hätte er nie und nimmer eine solche Antwort von ihm erwartet.
„Also ... wie Sie das doch sonderbar ...“ begann er verwundert, „... Und Sie haben mir wirklich im Ernst geantwortet, Fürst?“
„Ja, haben Sie denn nicht auch im Ernst gefragt?“ versetzte der Fürst erstaunt.
Alle lachten.
„Glauben Sie das doch nicht,“ Adelaida lachte, „Jewgenij Pawlowitsch treibt mit allem und allen nur seinen Spott! Wenn Sie erst wüßten, von was für Dingen er bisweilen wie von etwas durchaus Ernstzunehmendem redet!“
„Ich finde, daß man mit so ernsten Dingen nicht scherzen sollte, lassen wir daher dieses Gespräch,“ versetzte Alexandra unwillig. „Wir wollten doch spazieren gehen.“
„Gewiß, gehen wir, der Abend ist wundervoll!“ rief Jewgenij Pawlowitsch lebhaft aus. „Doch um Ihnen zu beweisen, daß ich diesmal im Ernst gesprochen habe, um es vor allem Ihnen zu beweisen, Fürst – Sie haben mich in der Tat außerordentlich zu interessieren gewußt, Fürst, und ich versichere Sie, daß ich denn doch noch nicht ein so leerer Mensch bin, wie es den Anschein haben muß ... obschon ich in der Tat ein leerer Mensch bin! – und ... wenn Sie erlauben, meine Damen und Herren, werde ich nur noch eine, meine letzte Frage an den Fürsten stellen, nur aus besonderem Interesse, und damit wollen wir dann die Sache beenden. Diese Frage ist mir erst vor etwa zwei Stunden in den Sinn gekommen – wie Sie sehen, Fürst, denke ich bisweilen auch über ernste Dinge nach; ich selbst habe mir meine Frage bereits beantwortet, doch wollen wir sehen, was nun der Fürst zu ihr sagen wird. Soeben ist hier von einem ‚einzelnen Fall‘ gesprochen worden. Dieses Wort ist bei uns sehr bedeutungsvoll, man hört es gar zu oft. Vor nicht langer Zeit wurde so viel geschrieben und gesprochen von diesem entsetzlichen Morde der sechs Menschen ... den ein ganz junger Mann begangen hatte, und von der wunderlichen Rede des Verteidigers, in der dieser es ganz natürlich fand, daß dem Angeklagten infolge seiner Armut der Gedanke gekommen war, diese sechs Menschen zu ermorden. Er hat es zwar nicht so kurz und mit diesen Worten gesagt, doch der Sinn seiner Rede war kein anderer. Meiner persönlichen Ansicht nach ist der Verteidiger, als er diesen so seltsamen Gedanken ausgesprochen, fest überzeugt gewesen, daß er das Liberalste, Humanste und Fortgeschrittenste gesagt habe, das man in unserer Zeit überhaupt sagen könnte. Nun, was aber meinen Sie, welches wäre Ihre Meinung: ist diese Entstellung unserer bisherigen Begriffe und Überzeugungen, die Möglichkeit einer so schiefen Auffassung der Sache ein einzelner Fall oder ein allgemeiner Ausdruck?“
Wieder lachten alle.
„Ein einzelner, selbstverständlich ein einzelner!“ sagten Alexandra und Adelaida lachend.
„Erlaube mir, zu bemerken, Jewgenij Pawlowitsch,“ wandte Fürst Sch. ein, „daß dieser Prozeßscherz schon mehr als alt ist ...“
„Was meinen Sie, Fürst?“ fragte Jewgenij Pawlowitsch, ohne den anderen anzuhören, als er den neugierigen ernsten Blick des Fürsten Lew Nikolajewitsch auffing, mit dem ihn dieser ansah. „Wie scheint es Ihnen: ist es ein einzelner, sozusagen ein Privatfall, oder ein typischer? Ich habe, offen gestanden, nur für Sie diese Frage ausgedacht.“
„Nein, kein einzelner Fall,“ sagte leise, doch fest der Fürst.
„Aber ich bitte Sie, Lew Nikolajewitsch!“ rief fast unwillig Fürst Sch. aus, „sehen Sie denn nicht, daß er Ihnen nur Fallen stellt! Er treibt doch nur Scherz und will Sie fangen.“
„Ich dachte, Jewgenij Pawlowitsch habe im Ernst gesprochen,“ entschuldigte sich der Fürst; das Blut stieg ihm heiß ins Gesicht, und er senkte den Blick zu Boden.
„Mein lieber Fürst,“ fuhr Fürst Sch. fort, „entsinnen Sie sich noch dessen, was wir einmal vor drei Monaten sprachen? Wir sprachen gerade über unser Rechtswesen und meinten, daß wir unter unseren Juristen eine ganze Reihe von wirklich bemerkenswerten und talentvollen Verteidigern hätten, und auf wie viele, wie viele im höchsten Grade bemerkenswerte Urteile der Geschworenen könne man nicht bereits hinweisen! Und wie Sie sich darüber freuten, und wie ich mich über Ihre Freude freute! ... Wir sagten noch, daß wir stolz sein könnten ... Diese ungeschickte Verteidigungsrede aber ist selbstverständlich ein Ausnahmefall, eine Eins unter Tausenden ...“
Fürst Lew Nikolajewitsch dachte nach und antwortete dann offenbar fest überzeugt, wenn er auch nur leise und fast schüchtern sprach:
„Ich wollte nur sagen, daß die Entstellung der Ideen und Begriffe, wie sich Jewgenij Pawlowitsch ausdrückte, sehr oft vorkommt und weit mehr ein typischer als ein einzelner Fall ist, leider. Und das sogar in dem Maße, daß es vielleicht, wenn diese Entstellung nicht so allgemein wäre, vielleicht auch weniger solche unmöglichen Verbrechen geben würde, wie jetzt.“
„Unmögliche Verbrechen? Aber ich versichere Sie, daß es genau solche Verbrechen und noch viel schrecklichere auch früher gegeben hat, und nicht nur bei uns, sondern überall, und meiner Ansicht nach werden sie sich auch noch sehr lange fortsetzen und wiederholen. Der Unterschied besteht nur darin, daß sie früher weniger bekannt wurden, während jetzt alle Zeitungen spaltenlange Berichte von jeder neuen Mordtat bringen, und deshalb scheint es dann, daß diese Verbrechen erst jetzt aufgetaucht sind. Sehen Sie, das ist Ihr ganzer Irrtum, lieber Fürst, ein sehr naiver Irrtum, kann man sagen,“ schloß mit etwas spöttischem Lächeln Fürst Sch.
„Ich weiß es selbst, daß es auch früher sehr viele Verbrechen gegeben hat,“ entgegnete Lew Nikolajewitsch, „und zwar ebenso entsetzliche wie jetzt. Ich bin noch vor kurzem in Gefängnissen gewesen und es ist mir sogar gelungen, mit einzelnen Verbrechern und Angeklagten näher bekannt zu werden. Es gibt sogar noch viel entsetzlichere Mörder als diese hier, Verbrecher, die ganze zehn Menschen ermordet haben und ihre Tat nicht im geringsten bereuen. Aber es ist mir bei der Gelegenheit doch eines aufgefallen: daß selbst der eingefleischteste und kälteste Mörder, der nicht die geringste Reue empfindet, dennoch weiß, daß er ein Verbrecher ist, vor seinem Gewissen weiß, daß er schlecht gehandelt hat, wenn er dabei vielleicht auch keine Reue empfindet. Und so ist ein jeder von ihnen. Diese aber, von denen Jewgenij Pawlowitsch spricht, wollen sich nicht für Verbrecher halten und sind innerlich fest überzeugt, daß sie das Recht dazu gehabt und sogar etwas sehr Gutes getan haben oder doch fast etwas Gutes. Und darin besteht eben, meiner Ansicht nach, der ganze furchtbare Unterschied. Und nicht zu vergessen, daß diese Verbrecher noch alle sehr jung sind, sich gewöhnlich in einem Alter befinden, in dem man am leichtesten und wehrlosesten den Entstellungen gewisser Ideen gegenübersteht.“
Fürst Sch. hatte aufgehört zu lachen und hörte verwundert dem Fürsten zu. Alexandra Iwanowna, die noch etwas hatte bemerken wollen, sagte nichts mehr, als hätte sie ein besonderer Gedanke davon zurückgehalten. Jewgenij Pawlowitsch sah aber den Fürsten ganz verblüfft an, und diesmal war tatsächlich keine Spur von einem Lächeln in seinem Gesicht zu bemerken.
„Nun, warum sind Sie denn so erstaunt, mein Herr?“ trat ganz plötzlich Lisaweta Prokofjewna für den Fürsten ein. „Meinten Sie, daß er zu dumm sei, um ebenso wie Sie denken zu können?“
„N–nein, das nicht,“ brachte Jewgenij Pawlowitsch etwas verwirrt hervor, „nur ... wie haben Sie denn, Fürst – verzeihen Sie meine Frage – wenn Sie das selbst sehen und bemerken, wie haben Sie dann, Verzeihung, in dieser sonderbaren Angelegenheit ... die da vor ein paar Tagen ... Burdowskij hieß der Mann, wenn ich nicht irre ... wie haben Sie dann in dieser Affäre dieselbe Entstellung der Ideen und sittlichen Überzeugungen nicht gesehen? Das war doch ganz genau dasselbe! Es schien mir damals, daß Sie es überhaupt nicht bemerkt hätten.“
„Hören Sie mal, mein Lieber,“ wandte sich Lisaweta Prokofjewna mit geröteten Wangen an Jewgenij Pawlowitsch, „wir hier haben es alle bemerkt und sitzen jetzt und tun groß vor ihm, er aber hat heute einen Brief von dem Hauptanführer erhalten, von dem finnigen, entsinnst du dich, Alexandra? In diesem Brief bittet er ihn um Verzeihung, wenn auch auf seine Art, und teilt mit, daß er mit jenem Freunde gebrochen habe, der ihn da aufhetzte, – entsinnst du dich, Alexandra? Und daß er dem Fürsten jetzt mehr Glauben schenkt als ihnen. Nun, wir aber haben einen solchen Brief noch nicht erhalten, und da ist es vielleicht etwas wenig am Platz, wenn wir hier vor ihm unsere Nasen hochheben.“
„Und Hippolyt ist soeben gleichfalls beim Fürsten eingetroffen!“ rief Koljä.
„Wie? Ist er schon hier?“ fuhr der Fürst fast erschrocken auf.
„Ja, Sie waren gerade mit Lisaweta Prokofjewna fortgegangen; ich brachte ihn.“
„Da haben wir’s!“ fuhr Lisaweta Prokofjewna sogleich empört auf, ohne daran zu denken, daß sie soeben erst den Fürsten gelobt hatte. „Ich wette, daß er gestern in seine Dachstube geklettert ist und ihn auf den Knien um Verzeihung gebeten hat, damit diese giftige Fliege sich dazu herabließe, hierherzukommen und bei ihm zu wohnen! Du bist doch gestern bei ihm gewesen? Du hast es doch vorhin schon gestanden! Ja oder nein? Hast du vor ihm auf den Knien gelegen, sprich!“
„Durchaus nicht!“ rief Koljä ebenso empört wie Lisaweta Prokofjewna. „Ganz im Gegenteil: Hippolyt hat seine Hand erfaßt und sie zweimal geküßt, ich habe es selbst gesehen, und damit endete die ganze Unterredung! Der Fürst hatte ihm nur gesagt, daß er es hier in Pawlowsk leichter haben würde, und Hippolyt war sofort einverstanden, herüberzufahren, sobald er sich nur etwas besser fühle ...“
„Das haben Sie ganz unnötigerweise gesagt, Koljä“ ... murmelte der Fürst betreten, indem er nach seinem Hut griff, „weshalb erzählen Sie das, ich ...“
„Wohin?“ hielt ihn Lisaweta Prokofjewna auf.
„Lassen Sie sich nicht stören, Fürst,“ fuhr Koljä fort, „gehen Sie jetzt nicht zu ihm, es würde ihn nur aufregen, die Fahrt hat ihn sowieso schon so angegriffen, daß er sogleich eingeschlafen ist. Er ist sehr froh. Und wissen Sie, Fürst, ich glaube, es ist viel besser so, daß er Sie nicht sogleich sieht, schieben Sie es noch bis morgen auf, sonst würde er sich ja doch unbedingt wieder so tief vor Ihnen schämen. Heute morgen sagte er, daß er sich lange nicht so gut und so leicht gefühlt habe, und er hustete auch viel weniger.“
Der Fürst bemerkte, daß Aglaja sich plötzlich erhob und an den Tisch trat. Er wagte nicht, hinzusehen, aber er fühlte mit jeder Fiber, daß sie ihn ansah, vielleicht sogar zornig ansah, mit einem deutlichen Unwillen in ihrem dunklen Blick, und mit gerötetem Gesicht.
„Mir will es aber scheinen, daß Sie ihn ganz unnütz hierhergebracht haben, Nikolai Ardalionowitsch, wenn Sie nur von demselben schwindsüchtigen Knaben sprechen, der damals auf der Terrasse zu weinen begann und uns alle zu seiner Beerdigung einlud,“ bemerkte Jewgenij Pawlowitsch. „Er sprach damals so schön von der Brandmauer des Nachbarhauses, daß er sich bald nach ihr zurücksehnen wird, dessen können Sie sicher sein.“
„Natürlich! – er wird launisch werden, wird mit dir streiten, ihr werdet euch in die Haare geraten und dann fährt er fort und läßt dich sitzen – da hast du’s dann!“
Und Lisaweta Prokofjewna zog würdevoll ihr Handarbeitstäschchen zu sich heran, ohne daran zu denken, daß sich alle bereits zum Spaziergang erhoben hatten.
„Soviel mir erinnerlich ist, prahlte er sogar sehr mit dieser Wand,“ bemerkte wieder Jewgenij Pawlowitsch. „Ohne diese Wand wird er nicht ‚schön‘ sterben können, er aber will doch vor allen Dingen gerade ‚schön‘ sterben.“
„Nun, was ist denn dabei?“ murmelte der Fürst. „Wenn Sie ihm nicht vergeben wollen, so wird er doch auch ohne Ihre Vergebung sterben ... Jetzt ist er wegen der Bäume hergekommen.“
„O, was mich betrifft, so bin ich gern bereit, ihm alles zu vergeben, dessen können Sie ihn versichern.“
„Nein, das ist nicht so zu verstehen,“ sagte leise und gleichsam widerstrebend der Fürst, indem er fortfuhr, unbeweglich auf einen Punkt des Fußbodens zu sehen, ohne den Blick zu erheben, „sondern so, daß auch Sie bereit waren, von ihm die Vergebung zu empfangen.“
„Ich? Wozu denn das? Was habe ich denn verbrochen?“
„Wenn Sie das nicht verstehen, so ... aber Sie verstehen es doch. Er wollte damals ... Sie alle segnen und auch von Ihnen Segen empfangen, und das war alles ...“
„Lieber Fürst,“ unterbrach ihn Fürst Sch. etwas furchtsam, wie es schien, als wolle er schnell vorbeugen, nachdem er mit jemand einen Blick ausgetauscht hatte, „das Paradies ist auf Erden nicht so leicht zu erwerben, Sie aber rechnen doch auch ein wenig auf ein irdisches Glück. Nein, das Paradies ist eine schwere Sache, lieber Fürst, viel schwerer, als es Ihrem prächtigen Herzen scheint. Doch brechen wir ab, sonst geraten wir wieder in eine Debatte und dann ...“
„Gehen wir, wir wollten doch die Musik anhören,“ sagte Lisaweta Prokofjewna schroff und erhob sich ärgerlich.
Ihrem Beispiel folgten auch die anderen.
II.
Plötzlich trat der Fürst auf Jewgenij Pawlowitsch zu.
„Jewgenij Pawlowitsch,“ sagte er in seltsamer Erregung und er streckte ihm die Hand entgegen, „seien Sie überzeugt, daß ich Sie für den edelsten und besten Menschen halte, trotz allem; seien Sie davon überzeugt ...“
Jewgenij Pawlowitsch trat sogar einen Schritt zurück vor Erstaunen. Einen Augenblick lang mußte er sich Gewalt antun, um nicht hell aufzulachen, doch nachdem er etwas aufmerksam den Fürsten angesehen, bemerkte er, daß dieser sich in einem ganz eigentümlichen Zustande befand: er war wie außer sich.
„Ich bin überzeugt,“ rief er aus, „daß Sie, Fürst, gar nicht das sagen wollten und vielleicht sogar auch gar nicht zu mir das sagen wollten ... Aber was ist Ihnen? Ist Ihnen schlecht?“
„Vielleicht, ja, es ist sogar sehr möglich, daß ich gar nicht, das ... Sie haben das sehr fein bemerkt, daß ich vielleicht gar nicht auf Sie zutreten wollte!“
Und nachdem er das gesagt, lächelte er sehr sonderbar, lächelte er fast lächerlich. Doch plötzlich ging ein Zusammenzucken über seine Gestalt, er rief laut aus:
„Erinnern Sie mich nicht daran, was ich damals tat, vor drei Tagen! Ich habe mich diese ganzen drei Tage unsäglich geschämt ... Ich weiß, daß ich schuldig bin ...“
„Ja ... ja aber, was haben Sie denn so Furchtbares begangen?“
„Ich sehe, daß Sie sich vielleicht am meisten für mich schämen, Jewgenij Pawlowitsch. Sie erröten, das ist das Zeichen eines guten Herzens. Ich werde sogleich fortgehen, seien Sie überzeugt.“
„Aber was hat er nur!“ wandte sich Lisaweta Prokofjewna ganz erschrocken an Koljä. „Fangen etwa seine Anfälle so an?“
„Beunruhigen Sie sich nicht, Lisaweta Prokofjewna, ich habe keinen Anfall, ich werde sogleich gehen. Ich weiß, daß ich ... von der Natur zurückgesetzt bin. Ich war vierundzwanzig Jahre lang krank, jawohl, bis zu meinem vierundzwanzigsten Lebensjahr. So ... müssen Sie mich auch jetzt als Kranken beurteilen. Ich werde sogleich fortgehen, sogleich, ich versichere Sie. Ich erröte nicht – denn es wäre doch sonderbar, deshalb zu erröten, nicht wahr? – aber in der Gesellschaft bin ich überflüssig ... Ich sage das nicht aus gekränkter Eigenliebe ... Ich habe in diesen drei Tagen nachgedacht und bin zu der Einsicht gekommen, daß ich, wenn ich mich jetzt ganz zurückziehe, Sie darüber bei der ersten Gelegenheit aufklären muß. Es gibt Ideen, es gibt hohe Ideen, von denen zu reden ich gar nicht anfangen darf, denn ich würde doch nur alle erheitern; Fürst Sch. hat mich soeben daran erinnert ... Ich habe kein Benehmen, ich kenne kein Maßhalten; meine Worte entsprechen nicht meinen Gedanken – das aber ist eine Erniedrigung dieser Gedanken. Und deshalb habe ich kein Recht ... Zudem bin ich noch mißtrauisch, ich ... ich bin überzeugt, daß mich in diesem Hause niemand kränken will und man mich mehr liebt, als ich es wert bin, aber ich weiß, ich weiß ja doch ganz genau, daß von einer vierundzwanzigjährigen Krankheit unbedingt etwas nachgeblieben sein muß, so daß man bisweilen ... unwillkürlich über mich lachen muß ... nicht wahr, so ist’s doch?“
Er schien eine Antwort, eine Entscheidung zu erwarten, indem er sich fragend im Kreise umsah. Doch alle standen noch ganz überrascht und verwundert unter dem Eindruck dieses unerwarteten, krankhaften, und wie man meinen sollte, in jedem Falle grundlosen Ausfalls, und niemand sagte ein Wort.
„Weshalb sagen Sie das hier?“ stieß plötzlich Aglaja zitternd hervor. „Weshalb sagen Sie das ihnen? ihnen! ihnen!“
Sie schien außer sich zu sein. Ihre Augen glühten. Ihr Blick blitzte. Der Fürst sah sie sprachlos an ... und plötzlich erbleichte er.
„Hier gibt es keinen einzigen, der dieser Worte wert wäre!“ fuhr Aglaja wie rasend fort. „Alle diese hier, alle, alle, sind nicht einmal Ihres kleinen Fingers wert, geschweige denn Ihres Verstandes oder Herzens! Sie sind ehrlicher als alle, Sie sind edler als alle, Sie sind besser, Sie sind reiner, Sie sind klüger als alle! Kein einziger von ihnen ist wert, dieses Taschentuch da, das Sie haben fallen lassen, aufzuheben ... Weshalb erniedrigen Sie sich, weshalb stellen Sie sich niedriger als alle anderen? Weshalb haben Sie das alles hier vorgebracht, weshalb haben Sie so gar keinen Stolz?“
„Großer Gott, wer hätte das je ahnen können!“ rief Lisaweta Prokofjewna, die Hände zusammenschlagend, aus.
„Der arme Ritter! Hurra!“ schrie Koljä begeistert.
„Schweigen Sie! ... Wie darf man es wagen, mich hier in Ihrem Hause zu beleidigen!“ brachte Aglaja zornbebend hervor und stürzte zur Mutter. Sie befand sich bereits in jenem hysterischen Zustande, in dem man alle Grenzen vergißt. „Alle, alle, alle quälen mich! Und weshalb? Fürst, weshalb werde ich die ganze Zeit, ganze drei Tage schon, Ihretwegen gequält? Unter keiner Bedingung werde ich Sie heiraten! Hören Sie? Unter keiner Bedingung, nie, niemals! Damit Sie es nur wissen! Kann man denn einen so lächerlichen Menschen wie Sie überhaupt lieben? So blicken Sie doch nur einmal in den Spiegel, sehen Sie doch, wie Sie dastehen und wie Sie jetzt aussehen! Weshalb, weshalb necken mich alle, weshalb ziehen sie mich immer damit auf, daß ich Sie heiraten würde? Sie müssen es wissen! Sie sind gleichfalls mit ihnen im Bunde, alle haben sie sich gegen mich verschworen!“
„Niemand hat sie aufgezogen, was redet sie!“ stotterte Adelaida aufrichtig erschrocken.
„Es ist uns überhaupt nicht in den Sinn gekommen, auch nur ein Wort davon zu sagen!“ versicherte Alexandra Iwanowna sichtlich bestürzt.
„Wer hat sie aufgezogen? Wann denn? Wer hat ihr so etwas sagen können? Phantasierst du, bist du krank?“ brachte Lisaweta Prokofjewna zitternd vor Empörung hervor.
„Alle, alle haben mich aufgezogen, diese ganzen drei Tage! Niemals, niemals werde ich ihn heiraten!“ raste Aglaja, und plötzlich brach sie in bittere Tränen aus, preßte ihr Taschentuch vor das Gesicht und sank auf einen Stuhl.
„Ja aber ... er hat dich ja noch gar nicht darum geb...“
„Ich habe Sie gar nicht darum gebeten, Aglaja Iwanowna,“ entfuhr es plötzlich ganz unwillkürlich dem Fürsten.
„Wa–as?“ fragte erstaunt und fast entsetzt Lisaweta Prokofjewna. „Wa–as war das?“
Sie traute ihren Ohren nicht.
„Ich wollte sagen ... ich wollte nur sagen,“ stammelte der Fürst zitternd, „ich wollte Aglaja Iwanowna nur erklären ... die Ehre haben, ihr zu erklären, daß ich durchaus nicht die Absicht gehabt habe ... die Ehre gehabt habe, um Ihre Hand anzuhalten ... Ich bin hier wirklich, bei Gott, ganz unschuldig, Aglaja Iwanowna! Ich habe es niemals gewollt, es ist mir nie in den Sinn gekommen, und ich werde es auch niemals wollen, Sie werden sehen, Sie können vollkommen ruhig sein, ich versichere Sie! Es muß mich hier ein mir übelwollender Mensch verleumdet haben! Sie können wirklich ganz ruhig sein!“
Während er das sprach, hatte er sich Aglaja genähert. Plötzlich nahm sie das Taschentuch vom Gesicht, blickte ihn schnell an, dachte einen Augenblick nach und – brach in helles Gelächter aus, in ein so fröhliches, unbezwingbares, ansteckendes Lachen, daß Adelaida als erste nicht widerstehen konnte, namentlich nach einem Blick auf den Fürsten, schnell zur Schwester lief, sie umarmte und in ein ebenso unbezwingbares Lachen ausbrach wie diese. Beim Anblick der beiden, wie die Schulrangen lachenden Schwestern mußte plötzlich auch der Fürst lächeln, und erleichtert, froh und glücklich sagte er:
„Gott sei Dank, nun, Gott sei Dank!“
Da hielt es auch Alexandra nicht aus und begann gleichfalls von ganzem Herzen zu lachen. Das Gelächter der drei schien gar kein Ende mehr nehmen zu wollen.
„Verrückt seid ihr!“ brummte Lisaweta Prokofjewna. „Zuerst erschreckt ihr einen – ich weiß nicht wie, und dann ...“
Da lachte auch schon Fürst Sch., und lachten Jewgenij Pawlowitsch und Koljä, und beim Anblick so vieler Lachenden mußte schließlich auch der Fürst lachen.
„Gehen wir spazieren, gehen wir spazieren!“ rief Adelaida. „Alle, alle, auch der Fürst muß mitkommen! Nein, Sie dürfen jetzt nicht fortgehen, Sie lieber Mensch, Sie! Nein, wie reizend er doch ist, Aglaja! Nicht wahr, maman? Nein, ich muß ihm jetzt unbedingt, unbedingt einen Kuß dafür geben, für ... für den Korb, den er Aglaja gegeben hat! Maman, liebe, gute, Sie erlauben mir doch, ihn zu küssen? Aglaja, erlaubst du, daß ich deinen Fürsten küsse?“ rief die Unartige in ihrem Übermut, lief schnell zum Fürsten und küßte ihn auch tatsächlich auf die Stirn.
Fürst Lew Nikolajewitsch ergriff ihre beiden Hände, preßte sie so fest zusammen, daß Adelaida fast aufschreien wollte, blickte sie mit unendlicher Freude an, und plötzlich führte er schnell ihre Hand an seine Lippen und küßte sie dreimal.
„Gehen wir!“ rief Aglaja. „Fürst, Sie werden mit mir gehen. Darf ich, maman? Er hat mir doch einen Korb gegeben! Sie haben sich doch auf ewig von mir losgesagt, Fürst? Aber doch nicht so, doch nicht so reicht man einer Dame den Arm! Wissen Sie denn noch nicht, wie man einer Dame den Arm reicht? So, sehen Sie, so macht man das. Nun, gehen wir jetzt, gehen wir! Und wir sind das erste Paar, wir wollen vorausgehen! Wollen Sie so mit mir gehen – tête-à-tête?“
Sie sprach ohne Unterlaß, und immer noch konnte sie ihr Lachen nicht ganz bezwingen.
„Gott sei Dank! Nun, Gott sei Dank!“ atmete Lisaweta Prokofjewna wie erlöst auf, ohne selbst so recht zu wissen, worüber sie sich eigentlich freute und wofür sie dankte.
„Sonderbare Menschen!“ dachte Fürst Sch., vielleicht zum hundertsten Male schon, seit er sie kennen gelernt hatte ... sie gefielen ihm, diese sonderbaren Menschen. Nur der Fürst gefiel ihm bedeutend weniger. Fürst Sch. fühlte sich sehr beunruhigt, als sie alle zusammen den Spaziergang antraten.
Jewgenij Pawlowitsch war scheinbar in der heitersten Laune. Auf dem ganzen Wege bis zum Kurhaus scherzte er mit Alexandra und Adelaida, die ihrerseits mit so auffallender Bereitwilligkeit auf seine Späße eingingen, daß er den Verdacht schöpfte, sie könnten ihm überhaupt nicht zuhören. Bei diesem Gedanken lachte er dann plötzlich, ohne einen Grund anzugeben, laut auf, und zwar aufrichtig, von ganzem Herzen, – das war schon so sein Charakter! Die Schwestern befanden sich beide in gehobener Stimmung, ununterbrochen beobachteten sie Aglaja und den Fürsten, die ihnen vorangingen; augenscheinlich kam ihnen ihre jüngste Schwester sehr rätselhaft vor. Fürst Sch. wiederum gab sich Mühe, Lisaweta Prokofjewna mit nebensächlichen Dingen zu unterhalten, vielleicht um sie von gewissen anderen Dingen abzulenken, und langweilte und ärgerte sie schrecklich damit. Sie schien sehr niedergeschlagen zu sein, antwortete zerstreut und manchmal überhaupt nicht. Doch das rätselhafte Benehmen Aglaja Iwanownas sollte an diesem Abend noch nicht sein Ende finden. Als man sich ungefähr hundert Schritt von der Datsche entfernt hatte, flüsterte Aglaja halblaut ihrem schweigsamen Begleiter zu:
„Sehen Sie nach rechts.“
Der Fürst blickte hin.
„Sehen Sie diese Bank im Park, dort wo die drei großen Bäume stehen ... die grüne Bank?“
Der Fürst bejahte.
„Gefällt Ihnen dieser Platz? Dorthin gehe ich bisweilen des Morgens gegen sieben Uhr, allein, wenn die anderen noch schlafen.“
Der Fürst antwortete verwirrt, daß der Platz in der Tat sehr schön sei.
„Doch jetzt gehen Sie fort von mir, ich will nicht mehr mit Ihnen Arm in Arm gehen. Oder bleiben Sie, doch sprechen Sie mit mir kein Wort. Ich will mich mit meinen eigenen Gedanken beschäftigen ...“
Diese Aufforderung war jedenfalls sehr überflüssig; der Fürst hätte sicher auch ohne diesen Befehl auf dem ganzen Wege zu ihr nicht ein einziges Wort gesprochen. Sein Herz klopfte so heftig, als sie ihm die Bank zeigte, doch beruhigte er sich bald darauf wieder und wies die dummen Gedanken, die ihm kamen, mit Entrüstung von sich.
Bei den Pawlowsker Kurhauskonzerten[22] ist das Publikum bekanntlich an Wochentagen ein besseres und gewählteres, als an den Sonn- und Feiertagen, an denen alle Welt aus Petersburg dorthin kommt. Die Toiletten sind nicht so auffallend, doch eleganter, und es gehört zum guten Ton, dorthin zur Musik zu gehen. Das Orchester ist in der Tat das beste von allen unseren Sommerorchestern und setzt immer die neuesten Kompositionen auf das Programm. Der gesellschaftliche Ton ist vorzüglich, der Besuch des Publikums trägt einen intimeren Charakter. Die Datschenbewohner geben sich hier ihr Rendezvous. Viele finden sich mit Vergnügen nur um des Rendezvous’ willen hier ein; doch gibt es auch andere, die wirklich der Musik wegen kommen. Skandalgeschichten ereignen sich an diesen Tagen äußerst selten, doch pflegen auch sie manchmal vorzukommen. Ganz ohne Skandal scheint es denn doch einmal in der Welt nicht abzugehen.
Der Abend war diesmal wunderschön, und es hatte sich viel Publikum versammelt. Um das Orchester herum waren alle Plätze besetzt. Unsere Gesellschaft nahm auf einigen Stühlen am linken Ausgange des Saales Platz. Das Wogen der Menge und die Musik belebte Lisaweta Prokofjewna und erheiterte auch die jungen Damen; sie nickten freundlich Bekannten zu, die sie erblickten, kritisierten die Toiletten und machten sich über manche auffallende Einzelheiten an ihnen lustig. Auch Jewgenij Pawlowitsch grüßte des öfteren. Aglaja und der Fürst, die immer noch zusammen waren, lenkten die Aufmerksamkeit der Anwesenden ersichtlich auf sich. Bald kamen bekannte junge Leute zu ihnen, meistenteils Leutnants und Freunde Jewgenij Pawlowitschs, die bei der Mutter und den jungen Damen ihre Aufwartung machten. Unter diesen befand sich auch ein junger, sehr schöner, sehr lustiger und unterhaltender Offizier: er bemühte sich, die Aufmerksamkeit Aglajas auf sich zu lenken und sie in ein Gespräch zu ziehen. Aglaja war sehr liebenswürdig und heiter zu ihm. Jewgenij Pawlowitsch stellte seinen Freund auch dem Fürsten vor.
Der Fürst begriff kaum, was um ihn vorging, er reichte fast unbewußt dem Leutnant seine Hand. Der Freund Jewgenij Pawlowitschs richtete an ihn eine Frage, doch der Fürst beantwortete sie nicht oder murmelte etwas Unverständliches vor sich hin, so daß der Leutnant ihn befremdet musterte, darauf Jewgenij Pawlowitsch ansah und sofort begriff, warum der sie miteinander bekannt gemacht hatte. Lächelnd wandte er sich dann wieder Aglaja zu. Nur Jewgenij Pawlowitsch war es aufgefallen, daß Aglaja plötzlich darüber errötete.
Der Fürst bemerkte es nicht einmal, daß andere sich um die Gunst Aglajas bewarben, ja, er vergaß sogar minutenlang, daß er neben ihr saß. Am liebsten wäre er irgendwohin entflohen, an einen düsteren, öden Ort, nur um mit seinen Gedanken allein sein zu können, und so, daß niemand wußte, wo er sich befand. Oder, wäre er wenigstens bei sich allein zu Hause auf der Terrasse gewesen, ohne Lebedeff, ohne die Kinder, könnte er wenigstens allein in seinem Zimmer sich auf seinem Diwan ausstrecken, sein Gesicht in die Kissen drücken und so liegen Tag und Nacht und noch einen Tag! Für Augenblicke sehnte er sich nach den Bergen und dachte an seinen Lieblingsplatz an der Trift: wohin er, als er dort lebte, immer zu gehen pflegte, um von ihm aus hinunter ins Dorf sehen zu können, auf den nebligen weißen Strich des Wasserfalls, auf die weißen Wolken und die alte Schloßruine. Oh, wie gerne wäre er jetzt dort, um nur an das eine zu denken, – oh, sein ganzes Leben lang nur daran –, und auf tausend Jahre hätte es gereicht! Und möge man, möge man ihn hier ganz vergessen. Oh, es müßte sogar so sein, und es wäre besser, wenn sie ihn überhaupt nicht gekannt hätten und wenn alles, was er hier erlebt, nur ein Traum gewesen wäre. Aber ist es denn nicht einerlei, ob Traum, ob Wirklichkeit! Plötzlich starrte er Aglaja an und wandte ganze fünf Minuten lang seinen Blick von ihrem Gesicht nicht ab. Doch sonderbar war dieser Blick von ihm: es schien, als sehe er auf sie wie einen Gegenstand, der sich weit, weit von ihm befände, oder wie auf ihre Photographie, und nicht auf sie selbst.
„Weshalb sehen Sie mich so an, Fürst?“ fragte sie ihn plötzlich, das Gespräch mit ihrer Umgebung abbrechend. „Ich fürchte mich vor Ihnen; mir scheint es, als wollten Sie Ihre Hand ausstrecken, um mit einem Finger mein Gesicht zu berühren. Genau so sieht er mich an, nicht wahr, Jewgenij Pawlowitsch?“
Der Fürst hörte sie an und schien ganz verwundert, daß sie sich an ihn gewandt hatte, auch verstand er sie gar nicht, denn er antwortete nichts darauf. Als er aber sah, daß sie und alle lachten, da verzog auch er seinen Mund zu einem Lächeln. Das Gelächter um ihn herum verstärkte sich; der Leutnant, offenbar ein sehr lachlustiger Mensch, platzte vor Lachen. Aglaja murmelte plötzlich wütend vor sich hin:
„Idiot!“
„Großer Gott, könnte sie denn wirklich solch einen ... hat sie wirklich ganz ihren Verstand verloren!“ murmelte knirschend vor Wut Lisaweta Prokofjewna.
„Das ist nur Scherz, wie das mit dem armen Ritter,“ flüsterte ihr Alexandra ins Ohr, „und nichts mehr! Sie hat ihn wieder aufs Korn genommen. Doch dieser Spaß geht wirklich zu weit, maman, man muß dem ein Ende machen. Vorhin am Abend gebärdete sie sich ja wie eine Schauspielerin, hat uns nur erschrecken wollen ...“
„Es ist doch gut, daß sie auf einen solchen Idioten gestoßen ist,“ antwortete ihr leise Lisaweta Prokofjewna.
Der Fürst hatte es gehört, daß man ihn einen Idioten nannte und zuckte zusammen – doch nicht eigentlich, weil man ihn so genannt hatte. Das Wort „Idiot“ vergaß er sofort. Aber im Gedränge, nicht weit davon entfernt, wo er saß – er hätte nicht sagen können, an welcher Stelle –, tauchte plötzlich wieder ein Gesicht auf, ein bleiches Gesicht mit dunklen lockigen Haaren, mit dem bekannten, nur zu bekannten Lächeln und dem Blick, – tauchte auf und verschwand. Vielleicht hatte ihm alles das nur so geschienen. Von der ganzen Erscheinung blieben ihm nur die Augen, das Lächeln und das hellgrüne Halstuch haften, das die vor ihm auftauchende Erscheinung getragen. Verlor sich dieser Mensch in der Menge? oder war er zum Saal hinausgegangen? Das konnte der Fürst nicht sagen.
Eine Minute nachher sprang er plötzlich auf und blickte unruhig um sich; wie wenn die erste Erscheinung der Vorläufer einer zweiten wäre? So mußte es sicher kommen. Hatte er wirklich die Möglichkeit einer Begegnung so ganz vergessen, daß er hierher gekommen war? Wirklich, als er hierher gekommen war, hatte er überhaupt nicht gewußt, wohin er ging, in einem solchen Zustande befand er sich. Wenn er nur etwas aufmerksamer gewesen wäre, so hätte er noch vor einer Viertelstunde bemerken können, mit welcher Unruhe und Erwartung Aglaja um sich geblickt hatte, als ob sie jemanden suchte, erwartete. Jetzt, als sie seine Unruhe bemerkte, wuchs auch ihre Aufregung, und als er sich umblickte, folgte auch sie seinen Blicken. Die Katastrophe sollte nicht ausbleiben.
In demselben Eingange, in dessen Nähe Jepantschins sich niedergelassen hatten, erschien plötzlich ein Schwarm von etwa zehn Menschen. Ihnen voran gingen drei Damen, zwei von ihnen waren von ungewöhnlicher Schönheit, so daß es weiter nicht wunderlich schien, wenn ihnen so viele Verehrer folgten. Doch sie selbst wie ihr Gefolge waren etwas außergewöhnlicher Art und in Haltung und Auftreten gar nicht dem sonst anwesenden Publikum ähnlich. Alle bemerkten sie sofort, doch der größte Teil des Publikums bemühte sich auch sogleich, sie nicht zu beachten, und nur einige jüngere Herren schauten ihnen lächelnd nach oder sprachen miteinander halblaut über sie. Die Neuangekommenen überhaupt nicht zu bemerken, war eigentlich unmöglich, da sie sich laut benahmen und lachten. Einige aus dieser sonderbaren Gesellschaft schienen schon recht angeheitert zu sein, obgleich die meisten von ihnen elegant und stutzerhaft gekleidet waren. Doch befanden sich unter ihnen auch Leute von zweifelhaftem Aussehen und zweifelhafter Kleidung und mit hochgeröteten Gesichtern. Auch etliche niedere Militärpersonen waren dabei und Gentlemen in älteren Jahren, mit schwarzen, glänzenden Perücken, mit prächtigen Backenbärten, goldenen Ringen und kostbaren Busennadeln, eine Sorte von Menschen, deren Bekanntschaft Leute aus guter Gesellschaft wie die Pest scheuen.
Um vom Kurhaus auf den freien Platz zu gelangen, wo die Musikhalle sich befand, mußte man einige Stufen hinabsteigen. Bei diesen Stufen jedoch blieb die Gesellschaft stehen; offenbar wagte man sich nicht recht vor, nur eine von den Damen ging weiter, gefolgt von zwei Herren aus ihrer Gesellschaft. Der eine von ihnen war ein Mann in mittleren Jahren, von bescheidenem, anständigem Äußeren. Doch machte er den Eindruck eines Menschen, der niemand kennt und von niemandem gekannt wird. Der andere dagegen, der ihr folgte, machte in jedem Sinne einen gänzlich zerlumpten Eindruck. Sonst folgte keiner der exzentrischen Dame, doch schien ihr das vollständig gleichgültig zu sein, denn als sie die Treppe hinabstieg, sah sie sich nicht einmal nach den anderen um. Sie lachte und unterhielt sich mit lauter Stimme wie vorher; gekleidet war sie kostbar und geschmackvoll, wenn auch etwas auffallender, als es sich schickte. Sie ging die Estrade entlang auf die andere Seite hinüber, wo vor dem Ausgang eine Equipage auf sie zu warten schien.
Der Fürst hatte sie bereits drei Monate nicht mehr gesehen. Alle diese Tage, seit seiner Ankunft in Petersburg, hatte er zu ihr gehen wollen, doch ein geheimes Vorgefühl hielt ihn immer wieder davon zurück. Wenigstens konnte er sich ein Wiedersehen mit ihr gar nicht vorstellen, und vor dem Eindruck, den diese Begegnung auf ihn machen würde, hatte er gezittert. Eines war ihm klar – diese Begegnung, wenn sie stattfand, würde eine verhängnisvolle sein. Wie oft dachte er in diesen sechs Wochen an den ersten Eindruck, den das Gesicht dieser Frau auf ihn gemacht hatte, damals, als er es auf der Photographie gesehen: es war ein schwerer, ein quälender Eindruck gewesen. Und dieser Monat, den er mit ihr in der Provinz verlebt, wo er sie jeden Tag gesehen hatte, war für ihn eine so quälende Erinnerung, daß er an diese jüngste Vergangenheit gar nicht zu denken wagte. Das Gesicht dieser Frau machte ihn leiden. Er hatte diese Empfindung Rogoshin gegenüber Mitleid genannt, endloses Mitleid, und so war es auch: schon das Gesicht auf der Photographie hatte in seinem Herzen eine Qual von Mitleid entzündet, und diese qualvolle Mitleidenschaft würde ihn nie mehr verlassen und verließ ihn auch jetzt nicht, das wußte er. O, es hatte sogar noch zugenommen! Doch jetzt, in diesem Augenblick, als sie so plötzlich erschien, begriff er oder vielmehr fühlte er unbewußt, daß auch diese Erklärung seines Gefühls Rogoshin gegenüber allein nicht ausreichte. Denn es fehlten ihm die Worte, dieses Entsetzen, ja, dieses Entsetzen, diese Angst auszudrücken! Jetzt, in dieser Minute fühlte er es wieder, ja, er war überzeugt, vollständig überzeugt, aus seinen eigenen besonderen Gründen überzeugt, daß diese Frau – wahnsinnig sei! Er empfand dasselbe, wie jemand, der eine Frau über alles in der Welt liebt oder die Möglichkeit einer solchen Liebe versteht – und plötzlich diese Frau angekettet hinter Eisengittern und unter dem Stock des Aufsehers sieht.
„Was ist Ihnen?“ flüsterte Aglaja erschrocken und berührte naiv seine Hand.
Er wandte den Kopf nach ihr um, sah sie an, blickte in ihre schwarzen, für ihn unverständlich blitzenden Augen und versuchte zu lächeln. Doch in demselben Augenblick vergaß er sie schon wieder, und wieder schweiften seine Augen nach rechts und suchten diese außergewöhnliche Erscheinung. Nastassja Filippowna ging in diesem Augenblick gerade an den Stühlen der jungen Damen vorüber, in deren Gesellschaft Jewgenij Pawlowitsch lachte und scherzte. Der Fürst erinnerte sich noch, wie Aglaja plötzlich halblaut ausrief: „Welche ...“
Sie sprach das Wort nicht aus, doch hatte es genügt. Nastassja Filippowna, die tat, als ob sie bis dahin niemand bemerkt hätte, wandte sich plötzlich nach ihnen um, und, als ob sie jetzt erst Jewgenij Pawlowitsch sähe, rief sie aus:
„Bah, da ist er ja!“ zugleich blieb sie stehen. „Sonst kann man ihn vergeblich suchen, kein Bote erreicht ihn. Da sitzt er jetzt, wo man ihn am wenigsten vermutet ... Ich dächte, du solltest dort sein bei ihm ... bei deinem Onkel.“
Jewgenij Pawlowitsch fuhr jäh auf und blickte Nastassja Filippowna wütend an, doch wandte er ihr sogleich wieder den Rücken zu.
„Wie? Weißt du es denn noch nicht? Stellt euch doch nur vor, er weiß es noch nicht! Er hat sich ja erschossen! Heute morgen hat dein Onkel sich erschossen! Heute um zwei Uhr habe ich es erfahren, die halbe Stadt weiß es bereits – dreihundertfünfzigtausend Rubel fehlen in der Kronskasse, andere sagen: fünfhunderttausend. Und ich rechnete darauf, daß du noch mal erben würdest, – alles hat er durchgebracht. Der allerverkommenste Lebemann war dein Alter ... Nun, leb wohl, bonne chance![27] Willst du denn wirklich nicht hinfahren? Hast also zur rechten Zeit deinen Abschied genommen, du Schlaukopf! Doch Unsinn, er wußte es sicher schon früher; vielleicht schon gestern ...“
Mit der falschen Vorspiegelung einer intimen Bekanntschaft, die gar nicht existierte, schien Nastassja Filippowna sicher eine besondere Absicht zu verfolgen, das wußte Jewgenij Pawlowitsch, und er hatte daher zuerst versucht, sich so zu stellen, als ob er sie überhaupt nicht bemerkte. Doch ihre Worte trafen ihn wie Keulenschläge; als er vom Tode des Onkels hörte, wurde sein Gesicht so weiß wie ein Tuch, und er wandte sich unwillkürlich zu der Sprechenden. In dem Augenblick erhob sich auch Lisaweta Prokofjewna von ihrem Stuhl, forderte die anderen auf, ihr zu folgen, und verließ so schnell als möglich den Saal. Nur der Fürst Lew Nikolajewitsch blieb unentschlossen stehen, als besänne er sich noch eine Sekunde, und auch Jewgenij Pawlowitsch stand noch immer wie besinnungslos da. Doch hatten sich Jepantschins kaum auf zwanzig Schritt entfernt, als es zu einem schrecklichen Skandal kam.
Der Leutnant und Freund Jewgenij Pawlowitschs, der sich mit Aglaja unterhalten hatte, geriet plötzlich außer sich.
„Hier ist einfach eine Peitsche nötig, sonst wird man dieses Geschöpf nicht los werden!“ rief er laut. Wie es schien, mußte auch er schon vorher ein Vertrauter Jewgenij Pawlowitschs gewesen sein.
Nastassja Filippowna wandte sich blitzschnell nach ihm um. Ihre Augen flammten. Sie stürzte sich auf den ersten jungen ihr gänzlich unbekannten Mann, der zwei Schritte von ihr entfernt stand und in der Hand ein dünnes geflochtenes Rohrstöckchen hielt, riß es ihm aus der Hand und schlug damit ihrem Beleidiger quer übers Gesicht. Das alles geschah in einem Augenblick ... Der Leutnant, außer sich, stürzte sich auf sie. Nastassja Filippowna stand ganz allein da, ihr Gefolge hatte sie verlassen. Auch der anständige Herr in den mittleren Jahren war nicht mehr zu sehen. In einer Minute freilich wäre die Polizei erschienen, aber diese eine Minute würde Nastassja Filippowna gefährlich geworden sein, wenn ihr nicht unerwartet Hilfe gekommen wäre. Der Fürst, einige Schritte nur vom Leutnant entfernt, packte diesen hinterrücks an beiden Armen. Der Leutnant riß sich jedoch sofort los und stieß den Fürsten so heftig vor die Brust, daß er in einer Entfernung von drei Schritt auf einen Stuhl fiel. Unterdessen hatte aber Nastassja Filippowna andere Hilfe erhalten: vor dem Leutnant stand plötzlich der Boxer und Autor des Zeitungsartikels, einstiger Genosse der früheren Rogoshinschen Rotte.
„Mein Name ist Keller, Leutnant a. D.,“ stellte sich dieser vor. „Wenn Sie einen Faustkampf wünschen, Herr Hauptmann, so stehe ich, in Vertretung der Dame, Ihnen zu Diensten. Verstehe mich vortrefflich auf die englische Boxkunst. Beruhigen Sie sich, Herr Hauptmann! Ich bedaure sehr, daß man Sie so beleidigt hat, doch kann ich es nicht erlauben, daß Sie einer Dame gegenüber, noch dazu vor den Augen des Publikums, von Ihrem Faustrecht Gebrauch machen wollen. Wenn Sie sonst auf andere, anständigere Weise von mir Rechenschaft zu fordern wünschen, so werde ich selbstverständlich, Herr Hauptmann ...“
Doch der Hauptmann-Leutnant war schon wieder zu sich gekommen und hörte ihn gar nicht mehr an. In diesem Augenblick tauchte plötzlich Rogoshin aus der Menge auf, reichte Nastassja Filippowna den Arm und führte sie fort. Er war blaß vor Erregung und zitterte. Doch konnte er sich nicht enthalten, im Vorübergehen dem Leutnant ins Gesicht zu lachen und höhnisch-triumphierend zu rufen:
„Das hat gezogen! Das ganze Gesicht blutunterlaufen! Ha!“
Dem Leutnant kam zum Bewußtsein, mit wem er es zu tun hatte, er bedeckte sein Gesicht mit dem Taschentuch und wandte sich höflich an den Fürsten:
„Fürst Myschkin, ich hatte die Ehre, mit Ihnen bekannt zu sein?“
„Sie ist wahnsinnig! wahnsinnig! Ich versichere es Ihnen,“ antwortete ihm der Fürst mit bebender Stimme und streckte ihm seine zitternden Hände entgegen.
„Ich kann mir freilich mit solchen Kenntnissen nicht schmeicheln; Ihren Namen jedoch muß ich wissen.“
Er verneigte sich leicht und ging davon. Die Polizei erschien genau fünf Sekunden nachher, als die letzten Beteiligten des Skandals verschwunden waren. Übrigens dauerte das Ganze nur fünf Minuten. Ein Teil des Publikums hatte sich von seinen Stühlen erhoben und verließ das Konzert; ein anderer wieder wechselte nur die Plätze; ein dritter freute sich über den Skandal, und alle sprachen interessiert und lebhaft darüber. Mit einem Wort, es endete wie gewöhnlich. Das Orchester spielte wieder. Der Fürst war bereits Jepantschins gefolgt. Hätte er sich während des Vorfalles umgesehen, so hätte er bemerkt, wie Aglaja, zwanzig Schritt von ihm entfernt, der Szene zuschaute, ohne auf die Zurufe ihrer Mutter und ihrer Schwestern zu achten, die weitergingen. Fürst Sch. kehrte zu ihr zurück und bat sie, ihm zu folgen. Lisaweta Prokofjewna fiel es auf, daß Aglaja, als sie in höchster Erregung zu ihnen zurückkehrte, ihre Vorwürfe überhaupt nicht beachtete. Doch nach zwei Minuten, als die Gesellschaft in den Park trat, sagte sie bereits mit der allergleichgültigsten und launenhaftesten Stimme:
„Ich wollte nur sehen, wie die Komödie enden würde.“
III.
Der Vorfall hatte der Generalin und ihren Töchtern einen furchtbaren Schrecken verursacht. In der Erregung legte Lisaweta Prokofjewna den Weg nach Hause fast laufend zurück. Nach ihren Begriffen hatte sich bei diesem Vorfall so vieles entschleiert, daß in ihrem Kopfe, ungeachtet ihrer Aufregung und ihres Schreckens, große Entschlüsse reiften. Doch auch die anderen begriffen, daß etwas ganz Besonderes vorgefallen und daß vielleicht zum Glück ein Geheimnis aufgedeckt worden war. Ungeachtet der früheren Versicherungen und Erklärungen des Fürsten Sch. schien Jewgenij Pawlowitsch jetzt in der Tat entlarvt und seiner Beziehungen zu diesem Geschöpf überführt zu sein. So dachte Lisaweta Prokofjewna, und so schien es auch den beiden älteren Töchtern. Das Ergebnis dieser Annahme war, daß die Sache noch verwickelter, noch rätselhafter wurde. Die Töchter, die im Grunde vielleicht über ihren Schrecken und die Flucht ihrer Mutter ungehalten waren, wagten es doch nicht, sie mit Fragen zu belästigen und zu beunruhigen. Außerdem schien es ihnen aus irgendeinem Grunde, daß ihre Schwester, Aglaja Iwanowna, vielleicht mehr von dieser Sache wußte, als sie alle drei, ihre Mutter einbezogen. Fürst Sch. war finster wie die Nacht und schwieg. Lisaweta Prokofjewna sprach zu ihm während des ganzen Weges kein Wort, er aber schien es nicht einmal zu bemerken. Adelaida versuchte, ihn zu fragen: von welchem Onkel da die Rede gewesen und was in Petersburg sich ereignet hatte? Doch er murmelte ihr mit saurer Miene etwas ganz Unverständliches zur Antwort: von Untersuchungen usw., und daß das alles Unsinn wäre. „Darüber besteht kein Zweifel,“ stimmte ihm Adelaida bei und verstummte. Aglaja war ungewöhnlich ruhig und meinte nur, daß man zu schnell gehe. Einmal wandte sie sich um und bemerkte den Fürsten, der ihnen nacheilte. Über seine Bemühungen, sie einzuholen, lachte sie spöttisch, doch beachtete sie ihn weiter nicht mehr.
Kurz vor der Datsche begegnete ihnen Iwan Fedorowitsch, der soeben aus Petersburg zurückkehrte. Seine erste Frage war nach Jewgenij Pawlowitsch. Doch seine Gemahlin ging mit drohender Miene an ihm vorüber, ohne ihm zu antworten, ja, ohne ihn überhaupt anzusehen. An den Gesichtern der Töchter und des Fürsten Sch. erriet er sofort, daß ein Gewitter zum mindesten im Anzuge war. Auf seinem Gesicht lag sowieso schon eine außergewöhnliche Erregtheit. Er ergriff den Fürsten Sch. am Arm und hielt ihn am Eingang des Hauses zurück, um im Flüsterton einige Erkundigungen von ihm einzuziehen. An ihren erregten Gesichtern, als sie auf die Terrasse traten und Lisaweta Prokofjewna in die Zimmer folgten, konnte man sehen, daß sie beide etwas Außergewöhnliches erfahren hatten. Auch die anderen folgten Lisaweta Prokofjewna nach oben, und auf der Terrasse blieb Fürst Myschkin ganz allein zurück. Er setzte sich in einen Winkel, als erwartete er dort irgend jemanden, übrigens wußte er selbst nicht, warum er das tat; ihm kam es gar nicht in den Sinn, fortzugehen, obgleich ihn niemand bei der allgemeinen Aufregung vermißt hätte. Er schien alles um sich herum vergessen zu haben und wäre bereit gewesen, so in Gedanken versunken jahrelang dazusitzen. Von Zeit zu Zeit hörte er von oben Stimmen von einer erregten Unterhaltung. Der Fürst wußte nicht, wie lang er schon so gesessen hatte, es wurde spät und begann zu dunkeln. Plötzlich trat Aglaja auf die Terrasse, dem Aussehen nach war sie ruhig, nur ein wenig bleich. Als sie den Fürsten erblickte, den sie augenscheinlich hier nicht erwartet hatte, lächelte sie unwillig.
„Was machen Sie hier?“ fragte sie und trat an ihn heran.
Der Fürst stand verwirrt vom Stuhle auf, doch Aglaja setzte sich sofort neben ihn, und so setzte auch er sich wieder hin. Sie betrachtete ihn plötzlich sehr aufmerksam und sah darauf zum Fenster hinaus, ganz gedankenlos in die Ferne starrend, und dann sah sie wieder ihn an. „Vielleicht will sie sich über mich lustig machen,“ dachte der Fürst, „doch würde sie mich dann wohl einfach auslachen.“
„Vielleicht wollen Sie Tee,“ sagte sie plötzlich nach längerem Schweigen.
„Nein. Ich wüßte nicht ...“
„Wie kann man das nicht wissen! Ach Sie, hören Sie: wenn jemand Sie zum Duell forderte, was würden Sie dann machen? Ich wollte Sie schon neulich fragen.“
„Ja ... wer denn ... wer würde mich denn zum Duell fordern?“
„Wenn man Sie aber forderte? Würden Sie sich dann sehr fürchten?“
„Ich glaube, daß ich mich ... sehr fürchten würde.“
„Wirklich? So sind Sie also ein Feigling?“
„N–ein; vielleicht auch nicht. Ein Feigling ist der, welcher sich fürchtet und davonläuft; doch wer sich fürchtet und nicht davonläuft, der ist kein Feigling,“ sagte der Fürst und lächelte nachdenklich.
„Also, Sie würden nicht fortlaufen?“
„Vielleicht würde ich nicht fortlaufen,“ lachte er endlich über ihre Frage laut auf.
„Ich bin zwar nur eine Frau, aber ich würde um nichts in der Welt fortlaufen,“ bemerkte sie in fast beleidigendem Tone. „Übrigens, scheint es, daß Sie wie gewöhnlich über mich lachen, um selbst überlegen zu erscheinen. Sagen Sie doch, bitte, meist schießt man sich auf zwölf Schritt, einige auf zehn – folglich wird man dabei erschossen oder verwundet?“
„Im Duell, scheint es, wird selten jemand erschossen.“
„Wieso, selten? Puschkin wurde doch getötet.“
„Das war vielleicht zufällig.“
„Durchaus nicht zufällig: es war eben ein Duell auf Leben und Tod.“
„Die Kugel traf ihn so niedrig, daß man annehmen muß, Dantès habe höher gezielt, etwa nach der Brust oder nach dem Kopfe. Dahin, wo er getroffen wurde, zielt kein Mensch, also war der Tod Puschkins doch mehr ein Zufall. Das haben mir sachverständige Leute gesagt.“
„Und mir hat ein Soldat, mit dem ich einmal darüber gesprochen habe, gesagt, sie hätten beim Militär ausdrücklich Befehl, wenn sie Übungen machen, gerade in die Mitte des Menschen zu zielen, in die ‚untere Hälfte des Menschen‘, wie sie sich ausdrücken. Also in die Brust und nicht in den Kopf, vielmehr gerade in die Mitte des Menschen ist ihnen befohlen zu schießen. Ich fragte darauf einen Leutnant, und er bestätigte es mir.“
„Das ist wahr, doch nur der großen Entfernung wegen.“
„Und Sie, können Sie schießen?“
„Ich habe noch niemals geschossen.“
„Können Sie wirklich nicht einmal eine Pistole laden?“
„Nein, ich kann es nicht. Das heißt, ich weiß, wie man es macht, doch habe ich es noch niemals versucht.“
„Das heißt soviel, daß Sie es nicht können, denn dazu gehört Übung! Hören Sie, lernen Sie es: zuerst kaufen Sie sich gutes Pulver, nicht feuchtes etwa, sondern sehr trockenes ist nötig – ganz feines Pulver, sagen Sie nur Pistolenpulver, und nicht etwa solches, womit man Kanonen lädt. Die Kugel, sagt man, gießt man sich selbst. Haben Sie denn Pistolen?“
„Nein, ich brauche keine,“ lachte der Fürst laut auf.
„Ach, was für ein Unsinn! Kaufen Sie sich sofort eine Pistole, eine gute französische oder englische, das sollen die besten sein. Dann nehmen Sie einen Fingerhut voll Pulver, vielleicht auch zwei, und schütten es hinein. Besser, Sie nehmen etwas mehr. Dann stopfen Sie Filz hinein, man sagt, daß durchaus Filz nötig sei, den können Sie ja irgendwoher, aus einer Matratze oder aus einer Türpolsterung nehmen. Wenn der Filz drin ist, dann stecken Sie die Kugel hinein, hören Sie: das Pulver zuerst und die Kugel darauf, sonst geht’s nicht los. Warum lachen Sie? Ich möchte, daß Sie jetzt jeden Tag Schießübungen machten, und sogar mehrmals am Tage, damit Sie gut ins Ziel schießen können. Werden Sie es tun?“
Der Fürst schüttelte sich vor Lachen; Aglaja war wütend und stampfte mit dem Fuße zornig auf. Ihre ernste Miene, mit der sie diesen Gegenstand erörterte, verwunderte den Fürsten zuletzt. Zum Teil fühlte er, daß er hier über irgend etwas nicht unterrichtet war, wonach er hätte fragen müssen – und daß es sicher was Ernsteres war, als ein bloßes Gespräch. All das ging ihm durch den Kopf, doch hatte er nur dafür Gefühl, daß sie neben ihm saß, daß er sie ansah, während das, was sie sprach, ihm in diesem Augenblick völlig gleichgültig war.
Auf die Terrasse trat plötzlich Iwan Fedorowitsch. Er schien einen wichtigen Gang vor sich zu haben, in seiner besorgten Miene lag feste Entschlossenheit.
„Ah, Lew Nikolajewitsch, du hier ... Wohin gehst du?“ fragte er ihn, obwohl Lew Nikolajewitsch auch nicht einmal daran gedacht hatte, sich von seinem Platze zu erheben. „Komm her, ich habe dir ein Wörtchen zu sagen.“
„Auf Wiedersehen,“ sagte Aglaja und reichte ihm ihre Hand.
Auf der Terrasse war es schon ganz dunkel geworden, der Fürst konnte ihr Gesicht in diesem Augenblick nicht deutlich erkennen. Nach einer Minute, als er mit dem General die Datsche verlassen hatte, errötete er plötzlich über und über und preßte seine rechte Hand fest zusammen und an sich.
Offenbar hatten sie beide denselben Weg. Ungeachtet der späten Stunde wollte Iwan Fedorowitsch wohl noch irgendwohin gehen, um sich mit irgend jemand über den Vorfall auszusprechen. Er sprach unzusammenhängende Worte zum Fürsten, erregt, schnell, und erwähnte des öfteren Lisaweta Prokofjewna. Wenn der Fürst in diesem Augenblick etwas aufmerksam gewesen wäre, so hätte er vielleicht bemerkt und erraten, daß Iwan Fedorowitsch ihn unter anderem gern über etwas ausgefragt hätte, oder besser gesagt, eine offene und gerade Frage an ihn gestellt hätte, aber nicht wagte, an den betreffenden Punkt zu rühren, der dabei die Hauptsache war. Der Fürst war aber so zerstreut, daß er anfangs überhaupt nicht zugehört und gar nicht verstanden hatte, was der General zu ihm gesprochen, und als dieser ihm schließlich eine Frage stellte, mußte er zu seiner Schande gestehen, daß er diese Frage nicht beantworten konnte, weil er sie nicht begriff.
Der General zuckte die Achseln.
„Sonderbare Menschen seid ihr doch alle, ich sage dir, daß ich die Ideen und die Aufregung Lisaweta Prokofjewnas überhaupt nicht verstehen kann. Sie ist außer sich, weint und behauptet, daß man uns beleidigt und beschimpft habe. Wer? Wie? Womit? Wann und warum? Ich gebe zu, daß ich an vielem schuld bin ... doch die Ausfälle ... dieses teuflischen Weibes, das sich dazu noch unschicklich beträgt, gehen wirklich etwas zu weit und müssen von der Polizei ... Ich habe die Absicht, mit einer maßgebenden Persönlichkeit darüber Rücksprache zu nehmen. Man könnte alles im Guten, ruhig und liebenswürdig ohne jeglichen Skandal abmachen. Ich selbst bin auch durchaus der Meinung, daß die Zukunft noch viele Ereignisse in ihrem Schoße birgt, und daß noch vieles unaufgeklärt ist. Oh, da steckt noch eine Intrige dahinter, und wenn man hier nichts davon versteht, so versteht man dort noch weniger. Niemand weiß etwas, niemand hat was gehört; du hast nichts gehört, der hat nichts gehört, der fünfte hat auch noch nichts gehört, ja, so bitte ich dich, wer hat denn eigentlich was gehört? Wie soll man da nicht den Verstand verlieren, zur Hälfte scheinen es Halluzinationen, etwas, was überhaupt nicht vorhanden ist ...“
„Sie ist wahnsinnig,“ murmelte der Fürst schmerzlich, sich der Vorgänge erinnernd.
„Wenn du davon redest ... Diese Idee hatte ich auch zuerst und beruhigte mich dabei. Doch jetzt sehe ich, daß die anderen recht haben und glaube nicht an ihren Wahnsinn. Nehmen wir an, sie sei wirklich eine irre Frau, so ist sie doch auch wieder sehr schlau und durchaus nicht wahnsinnig. Die Geschichte mit Hauptmann Alexejewitsch beweist das. Ihrerseits steckt da eine sehr jesuitische Absicht dahinter.“
„Was für ein Hauptmann Alexejewitsch?“
„Ach, mein Gott, Lew Nikolajewitsch, du hast wieder nichts gehört! Davon habe ich dir doch gleich zu Anfang erzählt, von Hauptmann Alexejewitsch. Deshalb bin ich doch heute so lange in der Stadt geblieben, zittere noch jetzt an Händen und Füßen. Hauptmann a. D. Alexejewitsch Radomskij, der Onkel von Jewgenij Pawlowitsch ...“
„Nun, was ist mit ihm?“ rief der Fürst.
„Hat sich erschossen, heute morgen um sieben Uhr. Ein angesehener Mann von fünfundsiebzig Jahren, Epikuräer, – und ganz so, wie sie es gesagt hat – Kronsgelder sind verschwunden, eine bedeutende Summe!“
„Woher hat sie denn ...“
„Gewußt? Ha, ha! Sie hat ja einen ganzen Stab um sich, kaum daß sie sich hier gezeigt hat. Du weißt, was für Leute sie besuchen und ‚die Ehre ihrer Bekanntschaft‘ anstreben. So konnte sie doch sofort von dem Unglück gehört haben, denn ganz Petersburg weiß es schon und hier halb oder ganz Pawlowsk. Und was für eine feine Anspielung sie Jewgenij Pawlowitsch wegen seiner Zivilkleidung gemacht haben soll, wie man mir erzählte! Was für eine teuflische Bemerkung! Nein, das kann keine Wahnsinnige tun. Ich bestreite es natürlich durchaus, daß Jewgenij Pawlowitsch von der Katastrophe etwas gewußt hat, das heißt, daß er Zeit und Stunde genau gewußt hat. Doch hat er es vielleicht kommen sehen, vorausgefühlt. Wir aber, ich und auch Fürst Sch., rechneten darauf, daß er ihn beerben würde! Schrecklich! Schrecklich! Verstehe mich recht, natürlich beschuldige ich ja Jewgenij Pawlowitsch in keiner Weise und beeile mich, dir das ausdrücklich zu erklären, doch immerhin ist es verdächtig ... Fürst Sch. ist ganz außerordentlich betroffen. Alles das hat ihn so erschüttert.“
„Im Betragen Jewgenij Pawlowitschs liegt doch nichts Verdächtiges?“
„Nichts, nein! Er hat sich sehr anständig verhalten. Ich habe auch auf nichts anspielen wollen. Sein eigenes Vermögen ist, glaube ich, unangerührt. Lisaweta Prokofjewna will nichts davon hören ... Aber die Hauptsache – alle diese Familienkatastrophen, oder besser gesagt – Reibereien oder wie man’s nennen soll ... dir kann man’s ja sagen, du bist ein Freund des Hauses, Lew Nikolajewitsch, stelle dir doch nur vor, erst jetzt erweist es sich, – wenn ich mir auch darüber noch gar nicht klar bin –, daß Jewgenij Pawlowitsch schon vor einem Monat Aglaja einen Antrag gemacht hat und von ihr eine formelle Absage erhalten haben soll.“
„Das kann nicht sein!“ rief der Fürst, ganz Feuer und Flamme.
„Ja, weißt du denn etwas davon? Siehst du, mein Teurer,“ – der General blieb wie festgewurzelt an der Stelle stehen – „ich habe es dir doch nur gesagt, weil du ... weil du ... man kann wohl sagen, ein solcher Mensch bist. Vielleicht weißt du was Näheres darüber?“
„Ich weiß nichts ... ich weiß durchaus nichts von Jewgenij Pawlowitsch,“ murmelte der Fürst.
„Und auch ich habe keine Ahnung! Mich, scheint es, will man wirklich schon in die Erde stecken, und keiner will zugeben, daß es für mich unerträglich ist, von alledem nichts zu erfahren. Soeben hatten wir eine Szene, die schrecklich war! Ich erzähle sie dir nur, weil du wie mein leiblicher Sohn bist. Hauptsächlich macht sich Aglaja über die Mutter lustig. Von der Geschichte mit Jewgenij Pawlowitsch haben die Schwestern erzählt. Sie ist ja doch ein so eigenwilliges und phantastisches Geschöpf, daß man schon gar nicht weiß, was man mit ihr anfangen soll! Sie hat großzügige und glänzende Eigenschaften, hat Herz und Verstand – das ist wahr, doch launenhaft, spottlustig ist sie, mit einem Wort, ein unbändiger Charakter, und dabei voll Phantasie. Sie lacht der Mutter ins Gesicht; den Schwestern desgleichen; Fürst Sch. lacht sie aus; über mich macht sie sich beständig lustig, davon lohnt es sich überhaupt gar nicht zu sprechen. Doch ich, ich liebe sie, liebe sie fast, weil sie mich auslacht – und mir scheint es, daß sie mich darum auch besonders lieb hat, mehr als die anderen, ja, so scheint es mir. Ich möchte wetten, daß sie auch schon über dich gelacht hat. Soeben traf ich sie mit dir im Gespräch an, sie saß da bei dir nach diesem Skandal, ganz, als ob nichts geschehen wäre.“
Der Fürst errötete und preßte wieder seine rechte Hand an sich, doch schwieg er.
„Mein lieber, guter Lew Nikolajewitsch! Ich ... und selbst Lisaweta Prokofjewna – die dich übrigens wieder achtet, und mit dir zusammen auch mich, ich weiß nicht warum – wir lieben dich wirklich, lieben dich aufrichtig und achten dich trotz aller dieser Vorfälle. Ach, lieber Freund, gib es doch zu, daß solche Rätsel unerträglich sind, die dieser kleine kaltblütige Satan uns da aufgibt – sie stand da vor der Mutter mit dem Ausdruck größter Verachtung für alle unsere Fragen, und zwar besonders für mich, weil ich, der Teufel hol’s, so dumm war und ihr mit Strenge zu imponieren versuchte, als Haupt der Familie, versteht sich, o dumm, dumm war ich – als dieser kaltblütige kleine Teufel uns plötzlich erklärt, daß diese ‚Wahnsinnige‘ (so drückte sie sich aus, mit denselben Worten wie du), ‚daß diese Wahnsinnige sich in den Kopf gesetzt habe, sie mit Lew Nikolajewitsch zu verheiraten und Jewgenij Pawlowitsch deshalb in unserem Hause unmöglich zu machen ...‘ Das war alles, auf weitere Erklärungen ließ sie sich nicht ein, lachte nur, wir rissen die Mäuler auf, und sie geht einfach hinaus und schlägt die Tür hinter sich zu. Darauf erzählte man mir von dem Vorfall mit ihr ... ich meine – deinem ... und ... und – höre, lieber Fürst, du bist doch ein vernünftiger Mensch und kein empfindlicher Mensch, ich würde dir gerne etwas sagen ... doch ärgere dich nicht: bei Gott, sie hält auch dich zum Narren. Wie ein Kind lacht sie über dich, sei du ihr deshalb nicht böse, aber es ist so. Denke dir nichts dabei, sie spottet über dich und über uns alle, aus purer Langeweile. Nun, leb wohl! Du kennst unsere Gefühle für dich? Unsere aufrichtige Liebe zu dir? Wir bleiben dir unveränderlich treu, doch ... jetzt muß ich fort, auf Wiedersehen! Niemals habe ich so in der Klemme gesessen, wie gerade jetzt ... Ach, diese Sommerfrischen!“
Er ließ den Fürsten allein an einer Straßenkreuzung. Der Fürst blickte um sich und schritt dann rasch über die Straße, an das erleuchtete Fenster einer Datsche, entfaltete einen kleinen Zettel, den er die ganze Zeit während des Gespräches mit Iwan Fedorowitsch in der rechten Hand gehalten hatte und las beim matten Schein des erleuchteten Fensters:
„Morgen, sieben Uhr früh, werde ich auf der grünen Bank im Park auf Sie warten. Ich habe mich entschlossen, über eine sehr wichtige Angelegenheit, die Sie nahe angeht, mit Ihnen zu reden.“
„P. S. Ich hoffe, Sie werden diesen Zettel niemandem zeigen. Obwohl ich mich schäme, Ihnen das ausdrücklich zu sagen, so halte ich es doch für nötig – und ich erröte beim Gedanken an Ihren lächerlichen Charakter.“
„P. S. Es ist dieselbe grüne Bank, die ich Ihnen vorhin gezeigt habe. Schämen Sie sich. Auch das muß ich noch hinzufügen.“
Das Zettelchen war in aller Eile geschrieben und irgendwie zusammengefaltet worden, wahrscheinlich kurz bevor Aglaja auf die Terrasse hinausgetreten war. Eine unbeschreibliche Erregung, eine an Schrecken grenzende Erregung ergriff den Fürsten. Er preßte seinen Zettel wieder in die Hand und sprang wie ein aufgescheuchter Dieb vom Fenster hinweg. Dabei stieß er mit einem Menschen zusammen, der nicht weit von ihm gestanden haben mußte.
„Ich suchte Sie, Fürst!“ sagte der Herr.
„Was? Sie sind es, Keller?“ rief Lew Nikolajewitsch erstaunt aus.
„Ich suchte Sie, Fürst, ich wartete auf Sie an der Datsche bei Jepantschins und folgte Ihnen, als Sie mit dem General gingen. Ich stehe zu Ihren Diensten, Fürst, verfügen Sie über Keller. Ich bin bereit, mich für Sie zu opfern, und wenn es sein muß, zu sterben.“
„Aber ... weshalb denn?“
„Nun, es wird doch sicher eine Forderung zum Duell erfolgen. Ich kenne diesen stolzen Leutnant – nicht persönlich etwa ... –, er erträgt eine Beleidigung nicht. Unsereinen, mich zum Beispiel und Rogoshin, hält er für nichts, und vielleicht nicht mit Unrecht, darum kommen Sie allein für ihn in Frage. Die Rechnung werden Sie bezahlen müssen, Fürst. Er hat sich nach Ihnen erkundigt, ich hörte es, und sicher schickt er Ihnen schon morgen seinen Sekundanten, oder, vielleicht wartet der schon jetzt auf Sie. Wenn Sie mich der Ehre für würdig halten, so wählen Sie mich, bitte, zu Ihrem Sekundanten, ich bin bereit, mit Ihnen bis aufs Schafott zu gehen. Deshalb suchte ich Sie, Fürst.“
„Also auch Sie reden von einem Duell!“ lachte plötzlich der Fürst laut auf, zu Kellers größter Verwunderung, und hörte gar nicht auf zu lachen, so daß Keller, der die ganze Zeit über wie auf Nadeln gestanden, sich fast beleidigt fühlte, als er dieses herzliche Lachen des Fürsten hörte.
„Sie haben ihn doch, Fürst, vorhin an den Armen gepackt, öffentlich vor allem Publikum. Ein Mann von Ehre wird sich das nicht gefallen lassen.“
„Und er hat mich vor die Brust gestoßen!“ rief der Fürst lachend. „Warum sollen wir uns denn schlagen? Ich werde ihn um Entschuldigung bitten, das ist alles. Nun, und wenn wir uns schon schießen sollen, meinetwegen! Möge er schießen, ich werde auch schießen. Ha, ha! Ich verstehe jetzt einen Revolver zu laden! Wissen Sie, man hat es mir gesagt, wie man eine Pistole lädt! Verstehen Sie, eine Pistole zu laden, Keller? Zuerst muß man Pulver kaufen, Pistolenpulver, nicht zu feucht und nicht zu grob – nicht etwa Pulver, womit man Kanonen lädt. Man muß zuerst das Pulver hineinschütten, dann stopft man Filz von einer Türpolsterung in die Mündung und dann steckt man die Kugel hinein – nicht etwa die Kugel vor dem Pulver, sonst geht’s nicht los! Ha, ha! Ist das nicht eine prächtige Regel, lieber Keller? Ach, Keller, wissen Sie, daß ich Sie sofort umarmen und abküssen werde. Ha, ha, ha! Woher sind Sie eigentlich vorhin so plötzlich aufgetaucht? Kommen Sie nächstens zu mir: Champagner trinken! Wir wollen uns alle betrinken! Wissen Sie, daß ich zwölf Flaschen Champagner besitze? Lebedeff hat sie im Keller, er verkaufte sie mir ‚zufällig‘ vor drei Tagen. Ich will die ganze Gesellschaft dazu einladen! Werden Sie heute nacht schlafen gehen?“
„Natürlich, wie immer, Fürst.“
„Nun, dann, träumen Sie süß! Ha, ha!“
Der Fürst ging über die Straße in den Park hinein. Keller blieb ganz verdutzt und nachdenklich stehen. Er hatte den Fürsten noch nie in einer so sonderbaren Stimmung angetroffen und hätte sie niemals bei ihm für möglich gehalten.
„Er hat wohl Fieber, auf einen nervösen Menschen muß das alles auch sehr stark einwirken, freilich! Angst scheint er nicht zu haben. Sieh mal an, solche haben also keine Angst, bei Gott!“ dachte Keller bei sich. „Hm! Champagner! Eine bemerkenswerte Aufforderung, wirklich. Zwölf Flaschen, ein ganzes Dutzend; eine anständige Batterie. Doch, ich möchte wetten, daß Lebedeff diesen Champagner irgendwie unter der Hand gekauft hat. Hm! ... er ist eigentlich sehr nett, dieser Fürst; wirklich, ich liebe solche ... doch da ist jetzt keine Zeit zu verlieren und ... wenn schon Champagner, dann ...“
Daß der Fürst wie im Fieber war, darin hatte Keller recht.
Lange, traumverloren, irrte der Fürst im dunklen Park umher, bis er plötzlich wahrnahm, daß er sich in einer Allee befand. Er konnte sich nicht entsinnen, wenn er es auch gewollt hätte, was er diese ganze Stunde im Park gedacht hatte. Doch ertappte er sich jetzt auf einem Gedanken, über den er plötzlich laut auflachen mußte, obgleich eigentlich gar kein Grund dazu vorhanden war. Es kam ihm in den Sinn, daß der Gedanke an das Duell nicht nur im Kopfe Kellers entsprungen war, sondern auch in ihrem Kopfe, und daß sie die ganze Pistolengeschichte durchaus nicht zufällig erzählt hatte. „Bah!“ Plötzlich kam ihm eine andere Idee. „Vorhin, als sie auf die Terrasse trat und ich dort in der Ecke saß, tat sie furchtbar verwundert, mich dort anzutreffen, und ... lachte – und sprach von Tee. In derselben Zeit hatte sie aber schon das Zettelchen in der Hand gehabt: also wußte sie doch, daß ich auf der Terrasse war! Warum war sie denn so verwundert darüber? Ha, ha, ha!“
Er zog das Zettelchen aus seiner Tasche und preßte es an seine Lippen, doch verstummte er plötzlich und wurde nachdenklich.
„Wie ist das sonderbar! Wie ist das sonderbar!“ sagte er voll tiefer Traurigkeit vor sich hin. In Momenten freudiger Erregung überkam ihn immer eine tiefe Traurigkeit, er wußte selbst nicht warum. Er schaute sich aufmerksam um und wunderte sich, daß er sich hier befand. Er fühlte sich plötzlich sehr müde, ging auf eine Bank zu und setzte sich hin. Rings um ihn herrschte ungewöhnliche Stille. Die Musik am Kurhaus war verstummt. Im Parke selbst befand sich vielleicht kein Mensch, es war ja auch schon halb zwölf geworden. Die Nacht war still, warm und hell – eine Petersburger Nacht im Anfang Juni, doch in dem dichten schattigen Park und in der Allee war es vollständig dunkel.
Wenn ihm jemand in dieser Minute gesagt hätte, daß er verliebt, leidenschaftlich verliebt sei, so würde er diese Bemerkung mit Erstaunen, ja, vielleicht mit Unwillen aufgenommen haben. Wenn aber der Betreffende noch hinzugefügt hätte, daß Aglajas Brief ein Liebesbrief, eine Aufforderung zum Stelldichein sei, so wäre er vor Scham rot geworden und hätte diesen Menschen vielleicht selbst zum Duell gefordert. Es wäre das wirklich von ihm aufrichtig empfunden gewesen, denn nie wäre es ihm in den Sinn gekommen, nie hätte er an die Möglichkeit einer Liebe dieses Mädchenherzens zu ihm geglaubt, oder gar einer Liebe seinerseits zu diesem Mädchen. Bei einem solchen Gedanken hätte er sich geschämt: an die Möglichkeit einer Liebe zu ihm, zu „einem solchen Menschen wie er“ hätte er nie geglaubt oder er hätte sie für ein Wunder gehalten. Wenn er an etwas dachte, so dachte er an nichts weiter als an einen mutwilligen Streich ihrerseits. Doch diesem Streich gegenüber verhielt er sich vollständig gleichgültig und fand ihn durchaus in der Ordnung. Er selbst war mit etwas ganz anderem beschäftigt. An die Richtigkeit der Bemerkung, die vorhin dem erregten General entschlüpft war – daß sie sich über alle nur lustig mache, über ihn aber, den Fürsten, am meisten und noch ganz besonders –, glaubte er bedingungslos. Und dabei fühlte er sich nicht im geringsten gekränkt, seiner Meinung nach mußte es sogar gerade so sein. Alles konzentrierte sich jetzt für ihn in dem einen Gedanken: daß er sie morgen wiedersehen, morgen in aller Frühe neben ihr auf der grünen Bank sitzen, die Erklärung des Pistolenladens anhören und sie ansehen würde! Das genügte ihm vollkommen. Zwar tauchte ein- oder zweimal die Frage in ihm auf, was sie ihm denn nur eigentlich zu sagen habe und was das wohl für eine so wichtige Angelegenheit sein könne – dazu noch eine, die unmittelbar ihn angehen sollte! –, doch trotzdem empfand er nicht einmal das Verlangen, nachzudenken oder zu erraten, was sie damit wohl gemeint haben könnte; daß sie jedoch tatsächlich vorhanden war, diese wichtige Angelegenheit, daran zweifelte er keinen Augenblick.
Das Knirschen leiser Schritte auf dem Kies der Allee ließ ihn aufblicken. Ein Mensch, dessen Gesicht in der Dunkelheit nicht zu erkennen war, näherte sich der Bank und setzte sich auf sie nieder. Der Fürst rückte schnell näher, fast bis dicht an ihn heran, und erkannte das bleiche Gesicht Rogoshins.
„Konnt mir ja denken, daß du hier irgendwo herumbummelst, hab dich auch nicht lange zu suchen gebraucht,“ brummte Rogoshin zwischen den Zähnen.
Sie sahen sich zum erstenmal nach jener Begegnung auf der Treppe des Hotels. Es dauerte eine Weile, bis der Fürst nach dem ersten Schreck über das plötzliche Auftauchen Rogoshins seine Gedanken gesammelt hatte. Und schon fühlte er, daß ein bekanntes, quälendes Gefühl in seinem Herzen wieder auferstanden war. Rogoshin begriff offenbar, welch eine Empfindung er im Fürsten hervorgerufen hatte; und wenn er auch selbst zu Anfang ein wenig verwirrt zu sein schien und mit einer gleichsam gewollten Unbefangenheit sprach, so sah doch der Fürst bald ein, daß in Rogoshins Wesen nichts bewußt Gewolltes und auch keinerlei besondere Verwirrung lag. Wenn sich aber in seinen Gesten und seinem Gespräch vielleicht dennoch eine gewisse Befangenheit bemerkbar machte, so war das höchstens etwas Äußerliches. In der Seele konnte sich dieser Mensch nie verändern.
„Wie ... wie hast du mich hier gefunden?“ fragte der Fürst, um etwas zu sagen.
„Keller sagte es mir – ich war zu dir gegangen – ‚ist in den Park gegangen‘, sagte er; da dachte ich, nun, dann ist ja alles richtig!“
„Wieso, was ist ‚richtig‘?“ griff der Fürst erregt das Wort auf.
Rogoshin lachte kurz, gab aber keine Antwort.
„Ich habe deinen Brief erhalten, Lew Nikolajewitsch; du hast das ganz unnütz geschrieben ... was du nur davon hast! ... Jetzt aber bin ich von ihr zu dir gekommen: sie befahl, dich unbedingt zu rufen ... muß dir dringend etwas sagen ... Heute noch, bat sie zu kommen.“
„Ich werde morgen kommen. Jetzt gehe ich nach Haus; du ... kommst du zu mir?“
„Wozu? Ich hab dir alles gesagt; leb wohl.“
„So kommst du nicht?“ fragte der Fürst leise.
„Ein seltsamer Mensch bist du, Lew Nikolajewitsch, man kann sich wirklich nur über dich wundern.“
Rogoshin lachte wieder kurz und gehässig auf.
„Weshalb hegst du jetzt solchen Groll gegen mich?“ fragte der Fürst traurig und doch mit verhaltener Leidenschaft. „Du weißt doch jetzt selbst, daß alles, was du früher dachtest, nicht richtig war. Übrigens habe ich es selbst nicht anders erwartet, als daß dein Haß auch jetzt noch nicht vergehen würde, und weißt du, weshalb? Nicht deshalb, weil nicht ich dir nach dem Leben getrachtet habe, sondern weil du mir nach dem Leben getrachtet hast, deshalb vergeht dein Haß noch nicht. Aber ich sage dir: ich kenne nur jenen Parfen Rogoshin, mit dem ich an jenem Tage die Kreuze getauscht habe und der mir zum Bruder geworden ist, das habe ich dir auch gestern in meinem Brief geschrieben, damit du diesen ganzen Fiebertraum vergißt und überhaupt nicht mehr an ihn denkst und auch nie mehr darauf zu sprechen kommst. Weshalb wendest du dich von mir ab? Weshalb verbirgst du deine Hand? Ich sage dir doch, daß ich alles, was damals war, für nichts anderes als einen Fiebertraum halte: ich kenne dich jetzt, weiß, wie du damals warst, weiß es so gut, als wäre ich es selbst gewesen. Das, was du damals glaubtest, das gab es gar nicht und konnte es auch gar nicht geben. Weshalb aber soll dann dieser Haß zwischen uns sein?“
„Du und Haß!“ lachte wieder Rogoshin in seiner gehässigen Weise als Antwort auf die glühende Rede des Fürsten.
Er stand halb von ihm abgewandt, nachdem er noch zwei Schritte zur Seite getreten war, und verbarg allerdings seine Hand.
„Jetzt steht es mir nicht mehr zu, überhaupt noch zu dir zu kommen, Lew Nikolajewitsch,“ fügte er langsam und bedeutungsvoll nach einer Weile hinzu.
„So groß ist also dein Haß, wie?“
„Ich liebe dich nicht, Lew Nikolajewitsch, weshalb sollte ich also zu dir kommen? Weiß Gott, Fürst, du bist ganz wie so ’n kleines Kind! Willst du ein Spielzeug haben – da nimm’s aus der Tasche und leg’s hin. Begreifst doch nicht, um was es sich handelt. Das hast du auch alles genau so in deinem Brief niedergeschrieben, ganz wie du’s jetzt sagst, aber was – glaube ich dir denn etwa nicht? Ich glaube dir doch jedes Wort und weiß, daß du mich niemals betrogen hast und auch hinfort nie betrügen wirst, aber – ich liebe dich trotzdem nicht. Da schreibst du nun, daß du alles vergessen hast, daß du dich nur deines Bruders Rogoshin erinnerst, der mit dir sein Kreuz getauscht hat, und nicht jenes Rogoshin, der sein Messer gegen dich erhob. Aber woher kennst du denn meine Gefühle?“ Rogoshin lachte wieder kurz auf. „Ich habe doch seither vielleicht noch kein einziges Mal das Geschehene bereut, du aber hast mir schon deine brüderliche Verzeihung zugesandt. Vielleicht hab ich schon an jenem Abend an ganz was andres gedacht, daran aber –“
„Hast du überhaupt nicht gedacht!“ fiel ihm der Fürst ins Wort. „Aber was hat denn das auf sich? Ich wette meinen Kopf darauf, daß du damals mit der Bahn hierher nach Pawlowsk gefahren bist, um sie dort in der Menschenmenge ganz so wie heute zu beobachten und zu verfolgen! Nein, da hast du mich nicht in Erstaunen gesetzt! Weiß ich doch, daß du, wenn du damals nicht in einem Zustande gewesen wärst, in dem du überhaupt nur an eins zu denken vermochtest, auch das Messer nicht gegen mich erhoben hättest. Ich hatte ja damals schon seit dem Morgen ein solches Vorgefühl, sobald ich dich nur ansah. Weißt du auch, wie du damals warst? Gerade als wir die Kreuze tauschten, da muß sich in mir der Gedanke geregt haben. Weshalb führtest du mich zu deiner alten Mutter? Glaubtest du, damit deine Hand aufzuhalten? Doch was rede ich, das kann ja gar nicht sein, daß du damals daran gedacht hättest, du hast es vielleicht nur so gefühlt, ganz wie auch ich ... Wir fühlten es damals in ein und demselben Augenblick. Und wenn du dann später deine Hand – die Gott abgelenkt hat – nicht erhoben hättest: als was würde ich dann jetzt vor dir dastehen? Ich habe dich doch sowieso dessen verdächtigt, also ist es nur unsere gemeinsame Sünde! Wir dachten es doch beide zugleich! (So mach doch kein so finsteres Gesicht! Nun? und weshalb lachst du jetzt?) ‚Nicht bereut‘! Ja, aber du hättest es doch vielleicht überhaupt nicht zu bereuen vermocht, selbst wenn du gewollt hättest, denn du liebst mich ja noch nicht einmal! Und wenn ich auch so unschuldig wie ein Engel vor dir dastände, du würdest mich doch hassen, so lange du glaubst, daß sie nicht dich, sondern mich liebt. Das ist doch nichts als Eifersucht! Nur höre jetzt, was ich in dieser Woche gedacht habe, Parfen, ich will es dir sagen: weißt du auch, daß sie dich jetzt vielleicht mehr als alle anderen liebt, und sogar um so mehr liebt, je mehr sie dich quält? Dir wird sie das nicht sagen, aber man muß es zu sehen verstehen. Weshalb will sie dich denn sonst schließlich trotz allem heiraten? Einmal wird sie es dir selbst sagen. Manche Frauen wollen gerade so geliebt werden und sie – sie ist von dieser Art. Dein Charakter und deine Liebe müssen sie doch stutzig machen! Weißt du auch, daß eine Frau fähig ist, einen Mann mit Grausamkeiten und Spott zu Tode zu martern, ohne auch nur ein einziges Mal Gewissensbisse zu empfinden, denn jedesmal wird sie bei sich denken, wenn sie ihn ansieht: ‚jetzt quäle ich ihn, wie aber werde ich ihn dafür lieben, wie mit meiner Liebe die Qual wieder gut machen ...‘“
Rogoshin begann zu lachen, nachdem er bis dahin den Fürsten wortlos angehört hatte.
„Was, Fürst, du bist jetzt wohl auch selbst einer solchen in die Finger geraten? Ich hab so was gehört, wenn’s wahr ist?“
„Was, wieso, was kannst du gehört haben?“ fuhr der Fürst erschrocken auf und stockte plötzlich wieder maßlos verwirrt.
Rogoshin fuhr fort zu lachen. Er hatte nicht ohne Neugier und vielleicht auch nicht ohne Freude dem Fürsten zugehört; die freudige Beredsamkeit desselben wunderte ihn und flößte ihm Mut ein.
„Nicht nur gehört, jetzt seh ich’s ja selbst, daß es wahr ist,“ sagte er. „Wann hättest du wohl sonst so gesprochen wie jetzt? Solch ein Gespräch ist doch wie gar nicht von dir. Hätt ich aber nicht so was von dir gehört, so wär ich auch nicht hergekommen – und noch dazu in den Park um Mitternacht.“
„Ich verstehe dich nicht, Parfen Ssemjonytsch.“
„Sie hat mir schon lange von dir das gesagt, jetzt aber habe ich selbst gesehen, wie du dort während der Musik mit jener saßest. Sie hat mir geschworen, hat mir gestern und heute geschworen, daß du in Aglaja Jepantschina wie ein Kater verliebt seiest. Mir ist das aber, Fürst, an sich ganz gleich, und das ist auch nicht meine Sache: wenn du aufgehört hast, sie zu lieben, so hat sie deswegen noch nicht aufgehört, dich zu lieben. Du weißt doch, daß sie dich unbedingt mit jener verheiraten will, hat es sich geschworen, hehe! ‚Anders heirate ich dich nicht,‘ sagte sie zu mir, ‚erst wenn sie zum Altar gehen, gehen auch wir zum Altar.‘ Was das von ihr aus bedeutet, kann ich nicht verstehen und hab’s auch noch nicht verstanden: entweder liebt sie dich bis zur Sinnlosigkeit – oder aber ... wenn sie dich liebt, warum will sie dich dann mit einer anderen verheiraten? ‚Ich will ihn glücklich sehen‘, sagt sie, also liebt sie dich doch.“
„Ich habe dir gesagt und geschrieben, daß sie ... von Sinnen ist,“ brachte der Fürst, dem Rogoshins Worte schwere Qualen bereiteten, stockend hervor.
„Weiß Gott! Du hast dich vielleicht auch getäuscht ... sie hat doch heute schon den Tag bestimmt, jawohl heute, als ich sie nach der Musik nach Hause brachte: nach drei Wochen, vielleicht aber auch noch früher, sagte sie, lassen wir uns trauen; hat geschworen, nahm das Heiligenbild, küßte es. Jetzt hängt also alles nur von dir ab, Fürst, hehe!“
„Das ... das ist doch Wahnsinn! Das, was du da sagst, kann doch nie und nimmer geschehen! Morgen werde ich zu euch kommen ...“
„Weshalb soll sie denn wahnsinnig sein?“ fragte Rogoshin. „Weshalb ist sie denn für alle anderen nicht wahnsinnig? Wie kann sie denn Briefe dorthin schreiben? Wenn sie wahnsinnig wäre, würde man es doch auch dort aus den Briefen herausmerken.“
„Was für Briefe?“ fragte der Fürst erschrocken.
„Sie schreibt doch dorthin, an jene, und jene liest die Briefe. Oder weißt du das noch nicht? Nun, dann wirst du’s noch erfahren. Sie wird bestimmt sie dir schon selbst zeigen.“
„Das ... das kann ich nicht glauben!“ rief der Fürst.
„E–e! Dann mußt du, Lew Nikolajewitsch, noch wenig auf solchen Wegen gegangen sein, soviel ich sehe, dann fängst du ja erst an. Aber wart noch ein bißchen: wirst auch noch deine eigene Polizei unterhalten, selbst Tag und Nacht auf der Lauer liegen und jeden Schritt von dort wissen, wenn du nur ...“
„Hör auf! und sprich nie wieder davon!“ unterbrach ihn der Fürst. „Höre, Parfen, vorhin ging ich hier herum, bevor du kamst, und plötzlich mußte ich lachen, worüber – das weiß ich selbst nicht, nur war mir gerade eingefallen, daß morgen – mein Geburtstag ist. Es wird bald zwölf sein. Gehen wir, erwarten wir den Tag! Ich habe Wein zu Hause, trinken wir! Du wünsch mir, was ich mir selbst jetzt nicht zu wünschen weiß, und gerade du sollst es mir wünschen, und ich werde dir dafür dein volles Glück wünschen. Oder sonst gib das Kreuz zurück! Hast es mir doch nicht am anderen Tage zurückgesandt! Du hast es doch auch jetzt auf der Brust? Du trägst es doch?“
„Ich trage es,“ sagte Rogoshin.
„Nun, dann gehen wir. Ich will nicht ohne dich mein neues Leben beginnen, denn jetzt – jetzt beginnt mein neues Leben! Weißt du’s noch nicht, Parfen, daß heute mein neues Leben begonnen hat?“
„Jetzt sehe und weiß ich’s selbst, daß es begonnen hat; so werd ich’s auch ihr sagen. Du bist nicht mehr der alte, Lew Nikolajewitsch!“
IV.
Als der Fürst sich mit Rogoshin seiner Villa näherte, bemerkte er zu seiner nicht geringen Verwunderung, daß sich auf der hellerleuchteten Terrasse eine zahlreiche und geräuschvolle Gesellschaft versammelt hatte. Lachen und lautes Stimmengewirr drang hinaus in den dunklen Park. Jedenfalls sah man auf den ersten Blick, daß der Gesellschaft die Zeit nicht lang wurde: man war in freudiger Stimmung und disputierte fast schreiend laut. Freilich war das nur zu erklärlich: als der Fürst die Stufen der Treppe hinanstieg, sah er, daß alle tranken, und zwar Champagner tranken, und das offenbar schon seit einiger Zeit, denn viele schienen bereits nicht mehr ganz nüchtern zu sein. Sämtliche Gäste waren dem Fürsten bekannt, doch wunderte es ihn nichtsdestoweniger, daß sie sich alle gleichzeitig versammelt hatten, als wären sie gerufen worden, obschon der Fürst keinen einzigen aufgefordert und er sich selbst seines Geburtstages erst soeben ganz zufällig erinnert hatte.
„Mußt wohl jemandem gesagt haben, daß du Champagner auffährst,“ brummte Rogoshin, als er hinter dem Fürsten zur Terrasse hinaufstieg.
„Das kennt man; da braucht man nur zu pfeifen ...“ fügte er fast haßerfüllt hinzu, natürlich in Gedanken an seine eigene jüngste Vergangenheit.
Mit Freudengeschrei und Glückwünschen wurde der Fürst empfangen und sogleich von allen umringt. Einzelne benahmen sich recht geräuschvoll, andere wiederum viel ruhiger, doch alle beeilten sich, ihm Glück zu wünschen, da sie von seinem Geburtstage gehört hätten. Ein jeder wartete ungeduldig, bis er an die Reihe kam. Die Anwesenheit einiger überraschte den Fürsten besonders; so hätte er z. B. Burdowskij sicherlich nicht vorzufinden erwartet; doch am meisten setzte ihn in Erstaunen, inmitten dieser Schar plötzlich Jewgenij Pawlowitsch Radomskij zu entdecken: er wollte zuerst kaum seinen Augen trauen und erschrak fast, als er ihn erblickte.
Inzwischen war Lebedeff mit seinen Erklärungen glücklich zu Wort gekommen; er war rot und begeistert und in nicht geringem Maße das, was man „fertig“ nennt. Aus seinem Geschwätz ging hervor, daß sich alle ganz zufällig eingefunden hatten. Ganz zuerst, noch vor Abend, war Hippolyt gekommen, und da er sich so wohl gefühlt, habe er gewünscht, den Fürsten auf der Terrasse zu erwarten. Er hatte sich also dort auf dem Diwan niedergelassen. Darauf hatte sich Lebedeff zu ihm gesellt, und diesem war seine ganze Familie gefolgt, d. h. seine Töchter und der alte General Iwolgin. Burdowskij war mit Hippolyt und Koljä gekommen, sozusagen als Begleiter des Kranken. Ganjä und Ptizyn waren erst vor kurzer Zeit, beim Vorübergehen, eingetreten – ihr Erscheinen fiel zusammen mit dem Ereignis vor dem Kurhaus –; bald darauf war auch Keller erschienen, hatte mitgeteilt, daß am nächsten Tage des Fürsten Geburtstag sei, und mit dieser Begründung Champagner verlangt. Jewgenij Pawlowitsch war erst vor knapp einer halben Stunde gekommen. Auf der Bewirtung mit Champagner und der Feier des Geburtstages hatte namentlich Koljä mit allem Nachdruck bestanden, worauf Lebedeff denn auch mit Gläsern und dem nötigen Stoff bereitwillig herausgerückt war.
„Aber es ist mein eigener, mein eigener!“ flüsterte er in lächelnder Seligkeit dem Fürsten zu, „auf meine Kosten, um den Geburtstag zu feiern und um zu gratulieren ... es wird auch einen Imbiß, einen Imbiß geben, meine Tochter sorgt schon dafür ... Aber, Fürst, wenn Sie wüßten, was für ein Thema sie jetzt vorhaben. Entsinnen Sie sich – im ‚Hamlet‘: ‚Sein oder Nichtsein?‘ Ein aktuelles Thema, ein höchst aktuelles Thema. Fragen und Antworten ... Und Herr Terentjeff will auf keinen Fall ... zu Bett gehn! Vom Champagner aber hat er nur einen Schluck, nur ’n Schlückchen geschlürft, das schad’t nichts ... Treten Sie näher, Fürst, und entscheiden Sie! Alle haben Sie erwartet, nur auf Ihren scharfsinnigen Verstand gewartet ...“
Der Fürst bemerkte den lieben, freundlichen Blick Wjera Lebedeffs, die sich gleichfalls bemühte, an ihn heranzukommen. Über alle hinweg reichte er ihr zuerst die Hand; sie wurde ganz rot vor Freude und wünschte ihm „von diesem Tage an ein glückliches Leben“. Darauf lief sie eilig in die Küche, um dort den Imbiß vorzubereiten, doch so oft sie nur auf eine Minute Zeit fand, erschien sie wieder auf der Terrasse, um dem leidenschaftlichen Gespräch über die abstraktesten und für sie seltsamsten Dinge, das unter den Gästen niemals verstummte, zuzuhören. So hatte sie es schon vor dem Erscheinen des Fürsten getan. Ihre jüngere Schwester, die, welche immer so weit den Mund aufriß, war im Nebenzimmer, auf einem Koffer sitzend, eingeschlafen. Ihr Bruder, der Sohn Lebedeffs, stand dagegen zwischen Koljä und Hippolyt und allein der Ausdruck seines lebhaften Gesichts verriet es, daß er bereit war, auf demselben Platz stehend, noch ganze zehn Stunden zuzuhören.
„Ich habe Sie ganz besonders erwartet und bin sehr froh, daß Sie so glücklich sind,“ sagte Hippolyt zum Fürsten, als dieser gleich nach Wjera ihm die Hand reichte.
„Woher wissen Sie, daß ich ‚so glücklich‘ bin?“
„Man sieht es Ihrem Gesicht an. Begrüßen Sie sich mit den Herren und kommen Sie schnell und setzen Sie sich hierher zu mir. Ich habe sehr auf Sie gewartet,“ fügte er hinzu und betonte es besonders, daß er gewartet habe. Auf die Bemerkung des Fürsten: ob ihm das späte Aufsein nicht schade, antwortete er, daß er sich selbst wundere – er, der noch vor drei Tagen zu sterben glaubte – wie wohl er sich an diesem Abend fühle.
Burdowskij sprang von seinem Platz auf und brummte, daß er „nur so“ gekommen ... daß er Hippolyt „begleitet“ und daß auch er sehr froh sei ... Im Briefe habe er nur „Unsinn“ geschrieben, jetzt aber sei er „einfach froh ...“ Er beendete seinen Satz nicht, drückte nur kräftig dem Fürsten die Hand und setzte sich auf seinen Stuhl.
Ganz zuletzt ging der Fürst auf Jewgenij Pawlowitsch zu. Dieser nahm ihn einfach unter den Arm.
„Ich habe Ihnen ein paar Worte zu sagen,“ sagte er halblaut – „und in einer sehr wichtigen Angelegenheit; kommen Sie, auf eine Minute.“
„Ein paar Worte,“ flüsterte eine andere Stimme dem Fürsten ins andere Ohr und eine andere Hand packte den Fürsten an der anderen Seite am Arm.
Der Fürst bemerkte zu seiner Verwunderung ein vom Wein gerötetes, lachendes Gesicht, das er sofort als das Ferdyschtschenkos erkannte. Gott weiß, woher der sich eingefunden hatte.
„Erinnern Sie sich noch Ferdyschtschenkos?“ fragte ihn dieser.
„Woher sind Sie denn gekommen?“ rief der Fürst aus.
„Er hatte sich versteckt!“ sagte hinzutretend Keller. „Er hatte sich versteckt und wollte sich nicht zeigen, dort in der Ecke hatte er sich versteckt, er bereut es, Fürst, er fühlt sich vor Ihnen schuldig.“
„Ja, worin denn, worin?“
„Ich begegnete ihm, Fürst, soeben begegnete ich ihm und habe ihn hierhergebracht; er ist der beste meiner Freunde, – doch bereut er sehr ...“
„Ich freue mich sehr, meine Herren, doch setzen Sie sich, bitte, dahin zu den anderen, ich werde gleich wiederkommen.“ Der Fürst machte sich von ihnen los und beeilte sich, Jewgenij Pawlowitsch einzuholen.
„Hier bei Ihnen ist es sehr interessant,“ bemerkte dieser, „ich habe mit vielem Vergnügen eine halbe Stunde auf Sie gewartet. Wissen Sie, mein bester Lew Nikolajewitsch, ich habe mit Kurmyschoff alles geordnet, ich bin gekommen, um Sie zu beruhigen. Machen Sie sich keine Sorgen, er hat die Sache sehr vernünftig aufgefaßt, um so mehr, da er meiner Meinung nach selbst schuld daran war ...“
„Was für ein Kurmyschoff?“
„Dieser da, den Sie vorhin an den Armen packten. Er war so außer sich, daß er Ihnen morgen seine Forderung schicken wollte.“
„Aber ich bitte Sie, welch ein Unsinn!“
„Versteht sich, Unsinn, und mit einem Unsinn hätte es auch geendet, doch ...“
„Sie sind, vielleicht, doch noch aus einem anderen Grunde gekommen, Jewgenij Pawlowitsch?“
„Oh, versteht sich, noch aus einem anderen Grunde,“ lachte dieser. „Ich, lieber Fürst, fahre noch morgen, bevor es tagt, nach Petersburg, wegen der unseligen Geschichte mit meinem Onkel. Stellen Sie sich vor, alles ist wahr und alle wissen es, nur ich wußte es nicht. Mich hat das alles so erschüttert, daß ich noch nicht dazu gekommen bin, dahin zu gehen, zu Jepantschins, meine ich. Morgen werde ich auch nicht hingehen, denn ich werde ja in Petersburg sein, verstehen Sie mich? Vielleicht werde ich zwei, drei Tage dort bleiben, mit einem Wort, meine Sache ist verloren. Ich habe mich darum entschlossen, mich mit Ihnen offen auszusprechen, ohne Zeit zu verlieren, noch vor meiner Abfahrt. Ich werde hier sitzen und werde warten, bis die ganze Gesellschaft sich verabschiedet, sonst weiß ich nicht, wo ich bleiben soll, ich bin so aufgeregt und schlafen kann ich nicht. Freilich ist es gewissenlos, einen Menschen so zu belästigen, doch ich werde Ihnen aufrichtig sagen: ich bin gekommen, um mit Ihnen, mein lieber Fürst, Freundschaft zu schließen. Sie sind ein unvergleichlicher Mensch, das heißt, Sie sind aufrichtig, Sie lügen niemals, vielleicht überhaupt nicht und ich habe in einer Sache einen Freund und Ratgeber nötig, denn ich gehöre jetzt zu den Unglücklichen ... jawohl!“
Er lachte.
„Schade nur, daß Sie warten wollen, bis die da fortgehen,“ meinte nachdenklich der Fürst, „weiß Gott, wann das sein wird. Wäre es nicht besser, wenn wir jetzt in den Park gingen? Die da können wirklich warten. Ich werde mich entschuldigen.“
„Nein, nein, ich habe meine Gründe, jedem Verdacht ihrerseits zuvorzukommen, denn unter ihnen gibt es Leute, die sich sehr für unsere Beziehungen interessieren. Sie wissen das nicht, Fürst. Und es ist viel besser, daß sie nichts Auffälliges in unseren Beziehungen bemerken – verstehen Sie? Sie werden in zwei Stunden fortgehen, ich werde Sie dann nur zwanzig Minuten, vielleicht eine halbe Stunde in Anspruch nehmen.“
„Wie Sie wünschen, bitte; ich werde sehr froh darüber sein, und für Ihre guten Worte und für Ihre Freundschaftsversicherung danke ich Ihnen noch besonders. Entschuldigen Sie, daß ich heute zerstreut bin, ich kann in diesem Moment nicht so aufmerksam sein, wie –“
„Ich sehe, ich sehe es,“ lächelte Jewgenij Pawlowitsch etwas ironisch. Er war überhaupt recht lachlustig diesen Abend.
„Was sehen Sie?“ beeilte sich der Fürst zu fragen.
„Und Sie ahnen gar nicht, lieber Fürst,“ versetzte immer noch lachend Jewgenij Pawlowitsch, ohne direkt auf die Frage des Fürsten zu antworten, „Sie ahnen gar nicht, daß ich einfach gekommen bin, um Sie zu betrügen und alles über Sie zu erfahren, ah?“
„Daß Sie gekommen sind, um mich auszuforschen, nun, darüber besteht kein Zweifel,“ scherzte jetzt auch der Fürst, „und vielleicht haben Sie sich sogar vorgenommen, mich zum besten zu halten. Doch was tut’s, ich fürchte Sie nicht, überdies ist mir das jetzt ganz gleichgültig, glauben Sie es mir? Und ... und ... und da ich vor allem überzeugt bin, daß Sie doch ein außergewöhnlicher Mensch sind, so wird es damit enden, daß wir uns sehr anfreunden werden. Sie haben mir sehr gefallen, Jewgenij Pawlowitsch, Sie ... sind, meiner Meinung nach, ein sehr, sehr anständiger Mensch!“
„Nun, mit Ihnen ist es wenigstens sehr angenehm, etwas zu tun zu haben, was es auch sei,“ schloß Jewgenij Pawlowitsch. „Kommen Sie, ich werde auf Ihre Gesundheit ein Glas leeren, ich bin sehr zufrieden, daß ich zu Ihnen gekommen bin. Ah!“ brach er plötzlich ab. „Dieser Herr Hippolyt wird jetzt bei Ihnen leben?“
„Ja.“
„Er wird nicht so bald sterben, denke ich?“
„Und, was weiter?“
„Weiter nichts; ich war hier mit ihm eine halbe Stunde zusammen ...“
Hippolyt wartete die ganze Zeit über auf den Fürsten und sah ununterbrochen nach ihm und Jewgenij Pawlowitsch hin, als diese miteinander sprachen. Er belebte sich fieberhaft, als sie an den Tisch traten. Er war unruhig und aufgeregt, Schweiß trat auf seine Stirn. An seinen blitzenden Augen bemerkte man eine große Unruhe und eine unerklärliche Ungeduld; sein Blick schweifte ziellos von einem Gegenstand zum andern, von einem Gesicht zum andern. Obgleich er am allgemeinen, lebhaften Gespräch teilnahm, so war seine Lebhaftigkeit doch nur eine kranke, unnatürliche. Dem Gespräche selbst folgte er nur zerstreut, stritt sich ganz sinnlos mit den anderen herum, spottete über alles und äußerte nur Paradoxes. Er sprach nicht zu Ende, was er soeben mit großem Feuer begonnen. Der Fürst sollte mit Verwunderung und Bedauern erfahren, daß man ihm heute zwei Glas Champagner zu trinken erlaubt hatte, und daß das gefüllte Glas vor ihm schon das dritte war. Doch das erfuhr er erst später, in diesem Augenblick war er zunächst selbst unaufmerksam und zerstreut.
„Wissen Sie auch, daß ich sehr froh bin, daß gerade heute Ihr Geburtstag ist!“ rief Hippolyt aus.
„Warum?“
„Sie werden es sehen; setzen Sie sich nur schnell! Erstens schon darum, weil hier so viel Menschen sind. Darauf hatte ich gerechnet, daß alle hier sein würden. Zum erstenmal in meinem Leben stimmt meine Rechnung! Schade, daß ich nichts von Ihrem Geburtstag wußte, sonst wäre ich mit einem Geschenk gekommen ... Ha, ha! Ja, vielleicht wäre ich mit einem Geschenk gekommen! Was kann nicht alles in der Welt passieren?“
„Es sind nur noch zwei Stunden bis Sonnenaufgang,“ bemerkte Ptizyn und sah nach der Uhr.
„Was will denn das jetzt sagen, wo es draußen so hell ist, daß man lesen kann?“ äußerte jemand.
„Ich möchte nur den Rand der Sonne sehen, man kann dann auf Ihre Gesundheit trinken, was meinen Sie, Fürst?“
Hippolyt wandte sich damit an alle, er tat es ohne jegliche Zeremonie, aber in einem Tone, als kommandiere er, doch ohne es selbst zu bemerken.
„Schön, trinken wir auf die Sonne, nur werden Sie ruhiger, Hippolyt.“
„Sie reden immer vom Schlafen, Sie sind meine Njänjä,[23] Fürst! Wenn nur die Sonne erscheint und es ‚erklingt‘ am Himmel (wer hat es doch in einem Gedicht gesagt: ‚am Himmel erklang die Sonne?‘ Sinnlos, aber schön) – so gehen wir schlafen. Lebedeff! Was bedeuten die Quellen des Lebens in der Apokalypse? Haben Sie von dem Stern gehört, Fürst?“
„Ich habe gehört, daß Lebedeff unter dem ‚Stern‘ das Eisenbahnnetz versteht, das sich über ganz Europa ausbreiten wird.“
„Nein, erlauben Sie, das geht nicht an!“ schrie Lebedeff, sprang vom Stuhl und fuchtelte und zappelte mit Händen und Füßen, als wollte er das Gelächter aller verstummen machen. „Erlauben Sie doch! Mit diesen Herren ... alle diese Herren,“ wandte er sich plötzlich an den Fürsten, „sind in gewissen Punkten, ich weiß nicht was ...“ und er schlug ganz unzeremoniell mit den Fäusten auf den Tisch, so daß sich das allgemeine Gelächter noch verstärkte.
Lebedeff war, wenn auch in seinem „gewöhnlichen“, „allabendlichen“ Zustande, diesmal doch ganz besonders aufgeregt und durch den langen vorausgegangenen „wissenschaftlichen“ Disput obendrein gereizt. Bei solcher Gelegenheit hatte er für seine Opponenten nur eine unendliche, im höchsten Grade offenherzige Verachtung übrig.
„Das geht nicht an! Wir haben, Fürst, vor einer halben Stunde beschlossen, niemanden zu unterbrechen, nicht zu lachen, während einer spricht, damit er alles frei heraussagen kann, was er sich denkt. Mögen die Atheisten, wenn sie wollen, erwidern! Wir haben den General zum Präsidenten erwählt, sehen Sie’s. Denn sonst? Kann man jeden an seiner hohen Idee, an seiner tiefen Idee, verhindern ...“
„Reden Sie nur, reden Sie nur, niemand wird Sie verhindern!“ ließen sich verschiedene Stimmen hören.
„Reden Sie doch, machen Sie keine Umstände.“
„Was ist das für ein ‚Stern‘?“ erkundigte sich jemand.
„Habe keine Ahnung!“ antwortete General Iwolgin, mit wichtiger Miene seine Stelle „eines Präsidenten“ vertretend.
„Ich liebe außerordentlich solche Dispute und Auseinandersetzungen, Fürst, natürlich nur wissenschaftliche ...“ murmelte währenddessen Keller, der vor Entzücken und Ungeduld auf seinem Stuhle hin und her rückte, „wissenschaftliche, und natürlich politische,“ wandte er sich plötzlich ganz unerwartet an Jewgenij Pawlowitsch, der fast mit ihm in einer Reihe saß. „Wissen Sie, ich liebe furchtbar in den Zeitungen vom englischen Parlament zu lesen, d. h. nicht eigentlich um zu erfahren, um was es sich da handelt (ich, wissen Sie, bin kein Politiker), sondern wie sie sich aufführen, wie sie miteinander verhandeln als Politiker, die äußere Form: der ehrenwerte Herr Viscount von der Gegenseite, der ehrenwerte Herr Graf, der meine Ansicht teilt, mein ehrenwerter Opponent, der ganz Europa mit seinem Vorschlag in Erstaunen gesetzt hat, d. h. alle diese Ausdrücke, dieser ganze Parlamentarismus eines freien Volkes, das ist es, was unsereinem verlockend erscheint! Ich bin entzückt davon, Fürst. Ich war immer im Grunde meiner Seele ein Künstler, Jewgenij Pawlowitsch.“
„Und was ergibt sich denn daraus?“ ereiferte sich in einer anderen Ecke Ganjä. „Ihrer Meinung nach sind die Eisenbahnen ein Fluch, das Verderben der Menschheit, eine Pest, die auf die Erde gefallen ist, um die ‚Quellen des Lebens‘ zu trüben.“
Gawrila Ardalionytsch war an diesem Abend ganz besonders guter Laune, in einer ausgelassenen, fast triumphierenden Stimmung, wie es dem Fürsten schien. Mit Lebedeff scherzte er natürlich, um ihn anzufeuern, geriet aber selbst dabei in Feuer.
„Nein, nicht die Eisenbahn!“ ereiferte sich wieder Lebedeff, außer sich geratend und ganz berauscht von Entzücken. „Die Eisenbahnen allein trüben nicht die Quellen des Lebens, aber alles das zusammen ist verflucht, die ganze Richtung unserer letzten Jahrhunderte in Wissenschaft und Praxis ist, wie mir scheint, verflucht.“
„Ob wirklich verflucht, oder nur für unser Empfinden: Das wäre in diesem Falle sehr wichtig zu wissen,“ bemerkte Jewgenij Pawlowitsch.
„Verflucht, verflucht, wirklich verflucht!“ beteuerte Lebedeff bombensicher.
„Überstürzen Sie sich nicht, Lebedeff, Sie sind am anderen Morgen immer viel vorsichtiger,“ bemerkte lächelnd Ptizyn.
„Dafür bin ich aber am Abend um so aufrichtiger! Am Abend bin ich seelenvoller und aufrichtiger!“ wandte sich Lebedeff feurig an ihn. „Aufrichtiger und bestimmter, ehrenhafter und ehrenwerter, damit würde ich Ihnen schon ein Bein stellen, doch ich spucke drauf: ich fordere euch jetzt alle heraus, euch Atheisten alle: womit errettet ihr die Welt und worin habt ihr dieser Welt einen Weg gewiesen, ihr Männer der Wissenschaft und des Handels, der Verbände und der Nationalökonomie? Womit? Mit dem Kredit etwa? Was ist das: Kredit? Wozu führt euch der Kredit?“
„Sehen Sie doch, wie der neugierig ist!“ bemerkte Jewgenij Pawlowitsch.
„Meiner Meinung nach ist einer, der sich nicht für diese Fragen interessiert, nur ein Geck und Salonheld!“ schrie Lebedeff.
„Kredit führt zur allgemeinen Solidarität und zur Statik der Interessen,“ bemerkte Ptizyn.
„Und nur das, nur das! Ohne jegliche sittliche Grundlage nur zur Befriedigung des persönlichen Egoismus und der materiellen Notwendigkeiten? Das ganze All, das allgemeine Glück nur – materielle Notwendigkeit? So ist’s, wenn ich Sie zu fragen wage, wenn ich Sie verstanden habe, mein werter Herr?“
„Nun ja, die allgemeine Notwendigkeit zu leben, zu trinken und zu essen und die volle wissenschaftliche Überzeugung, daß man diese Notwendigkeit ohne eine allgemeine Assoziation und die Solidarität der Interessen nicht befriedigen kann, – das, scheint mir, ist eine Idee, groß genug, und Grundlage, fest genug für die kommenden Jahrhunderte, um der Menschheit als ‚Quelle des Lebens‘ zu dienen,“ bemerkte Ganjä diesmal in vollem Ernst.
„Die Notwendigkeit zu trinken und zu essen, also nur das Gefühl der Selbsterhaltung ...“
„Ja, ist denn das etwa zu wenig? Das Gefühl der Selbsterhaltung ist doch das Grundgesetz der Menschheit ...“
„Wer hat Ihnen das gesagt?“ rief plötzlich Jewgenij Pawlowitsch aus. „Ein Gesetz – das mag sein, aber nicht weniger ist es das Gesetz der Zerstörung, und meinetwegen auch der Selbstzerstörung. Liegt denn in der Selbsterhaltung wirklich das ganze Grundgesetz der Menschheit?“
„Aha!“ rief Hippolyt, wandte sich schnell nach Jewgenij Pawlowitsch um und betrachtete ihn mit wilder Neugier. Als er aber sah, daß dieser lachte, da lachte er selbst auch, stieß den neben ihm stehenden Koljä an und fragte ihn wieder, wieviel Uhr es sei, er zog sogar selbst Koljä die silberne Uhr aus der Tasche und sah nach dem Zeiger. Darauf blickte er ganz verloren um sich, streckte sich auf dem Diwan aus, legte die Hände unter den Kopf und starrte zur Decke. Nach einer halben Minute setzte er sich schon wieder an den Tisch, hielt sich stramm aufrecht und hörte dem Gespräch Lebedeffs zu, der jetzt glücklich bis zum äußersten erregt war.
„Ein hinterlistiger, ein spitzfindiger Gedanke,“ griff Lebedeff mit wahrer Gier das Paradox Jewgenij Pawlowitschs auf. „Ein Gedanke, der nur ausgesprochen wurde, um die Gegner aufeinander zu hetzen – aber welch ein wahrer Gedanke! Sie sind ein Spötter und Weltverächter, wenn auch nicht ohne Fähigkeiten! Doch wissen Sie selbst nicht, bis zu welchem Grade Ihr Gedanke tief und wahr ist. Ja–a. Das Gesetz der Selbsterhaltung und das Gesetz der Selbstzerstörung, sie sind beide gleich stark im Menschen! Der Teufel beherrscht noch immer die Menschheit, und er wird sie beherrschen bis zu einer Zeit, die uns unbekannt ist. Sie lachen? Sie glauben nicht an den Teufel? Der Unglaube an den Teufel ist ein französischer Gedanke, ist ein leichtsinniger Gedanke. Wissen Sie denn auch, wer der Teufel ist? Kennen Sie denn seinen Namen? Und ohne seinen Namen zu kennen, lachen Sie über seine Form, nach dem Beispiel Voltaires, über seinen Huf, seinen Schwanz und seine Hörner, wie man ihn euch geschildert hat. Denn der unreine Geist ist ein großer, ein furchtbarer Geist, aber Hörner und Hufe hat er nicht. Doch nicht davon ist jetzt die Rede.“
„Woher wissen Sie, daß jetzt nicht davon die Rede ist?“ lachte Hippolyt laut auf wie in einem Krampfanfall.
„Eine sehr feine und geschickte Anspielung!“ lobte ihn Lebedeff. „Und doch ist die Rede nicht davon. Die Frage bei uns war vielmehr die, ob die ‚Quellen des Lebens‘ nicht versiegen infolge ...“
„Der Eisenbahnen?!“ rief Koljä.
„Nicht der Eisenbahnen, junger, aber kühner Mann, doch infolge der ganzen Richtung, der auch die Eisenbahnen dienen, sozusagen als Bild, als künstlerischer Ausdruck. Sie rasen, sie hämmern, sie dröhnen für das Glück der Menschheit, wie man sagt. ‚Zu lärmend, zu tätig wird die Menschheit, wenig geistige, seelische Ruhe hat sie‘, beklagte sich bereits ein einsamer Denker. ‚Möglich, doch das Dröhnen der Wagen, die der hungernden Menschheit Brot bringen, ist vielleicht wertvoller als die Ruhe des Geistes‘, antwortete ihm ein anderer triumphierend, einer, der überall herumfährt. Ich glaube es ihnen nicht, ich erbärmlicher Kerl Lebedeff: die Wagen, die der Menschheit Brot bringen sollen! Denn die Wagen, die ohne sittliche Grundlagen der Menschheit Brot bringen, könnten ebensogut kaltblütig einen bedeutenden Teil der Menschheit von dem Genuß des Brotes ausschließen, was ja auch schon vorgekommen ist ...“
„Diese Wagen können kaltblütig jemand ausschließen?“ griff jemand auf.
„Was auch schon vorgekommen ist,“ bestätigte Lebedeff, ohne weiter dem Frager Beachtung zu schenken, „wir hatten schon einen Malthus, einen Freund der Menschheit. Doch dieser Freund der Menschheit ist mit seinen wankenden sittlichen Grundlagen in Wahrheit ein Menschenfresser der Menschheit, ganz zu schweigen von seiner Eitelkeit. Denn beleidigen Sie die Eitelkeit eines dieser zahllosen Freunde der Menschheit und er ist sofort bereit, aus kleinlicher Rachsucht die Welt an ihren vier Enden anzuzünden, – übrigens genau so, wie es jeder von uns auch tun würde, und, der Gerechtigkeit die Ehre, genau wie ich, der allererbärmlichste von allen, der vielleicht als erster das Holz dazu herbeischleppen, selbst aber davonlaufen würde. Doch nicht davon ist die Rede!“
„Ja, wovon denn eigentlich?“
„Wirklich langweilig!“
„Es handelt sich um eine Anekdote aus dem vergangenen Jahrhundert. In unserer Zeit, in unserem Vaterlande, das Sie, meine Herren, hoffe ich, ebenso lieben wie ich, denn ich bin meinerseits bereit, mein Blut für das Vaterland zu vergießen ...“
„Weiter, weiter!“
„In unserem Vaterlande, wie in Europa, pflegen schreckliche, verheerende Hungersnöte – jetzt, in unserer Zeit – die Menschheit nur einmal im Vierteljahrhundert heimzusuchen, wenn ich mich nicht irre und so weit ich mich entsinnen kann, mit anderen Worten, alle fünfundzwanzig Jahre. Ich will mich ja nicht auf die genaue Zahl versteifen. Nur, meine ich, ist es verhältnismäßig sehr selten –“
„Im Vergleich womit?“
„Im Vergleich zum zwölften Jahrhundert mit seinen Ausläufern nach vorne und nach hinten. Denn damals herrschte, wie die Schriftsteller jener Zeit behaupten, die Hungersnot einmal in zwei Jahren, jedenfalls einmal in drei Jahren, so daß unter solchen Umständen die Menschen schon zur Menschenfresserei ihre Zuflucht nahmen, wenn auch nur heimlich. Einer dieser Menschenfresser, als er sich seinem Ende näherte, hat selbst und ohne Zwang eingestanden, daß er im Laufe seines langen, mühevollen Lebens im geheimen sechzig Mönche und einige weltliche Jünglinge selbst getötet und sie aufgegessen habe. Im ganzen nur sechs weltliche Jünglinge, das ist wenig im Vergleich mit der Anzahl Geistlicher, die er verspeist hat. Erwachsene weltliche Leute hat er, wie es scheint, zu diesem Zwecke überhaupt nicht verwendet.“
„Das ist einfach unmöglich!“ rief hier der „Präsident“ in fast beleidigtem Tone. „Ich habe mich des öfteren, meine Herren, mit ihm darüber gestritten, und immer über dieselben Dinge. Er redet solch unglaubliches Zeug, daß einem die Ohren davon welk werden. Nicht für einen Groschen Wahrheit!“
„General! Denken Sie an die Belagerung von Kars, und Sie, meine Herren, Sie wissen, daß meine Anekdote die – volle Wahrheit ist. Ich bemerke nur von mir aus, daß die Wirklichkeit, die durchaus ihre unleugbaren Gesetze hat, uns immer als unwahrscheinlich und unwahr erscheint, und je wirklicher sie ist, um so unwahrscheinlicher erscheint sie uns.“
„Ja, kann man denn sechzig Mönche aufessen?“ lachte alles ringsum.
„Daß er sie nicht auf einmal gegessen hat, das ist doch selbstverständlich, aber in fünfzehn bis zwanzig Jahren ist es ganz verständlich und natürlich ...“
„Und natürlich?“
„Und natürlich!“ verteidigte sich Lebedeff eigensinnig. „Und außerdem ist der katholische Mensch schon von Natur aus neugierig und zutraulich, und man kann ihn nur zu leicht in den Wald locken oder an irgendeinen verborgenen Ort und mit ihm in erwähnter Weise verfahren. Doch bestreite ich durchaus nicht, daß die Anzahl der verspeisten Menschen ungeheuerlich erscheint, bis zum ...“
„Vielleicht hat er recht, meine Herren,“ bemerkte plötzlich der Fürst.
Er hatte bisher den Streitenden schweigend zugehört und sich nicht am Gespräch beteiligt, nur oft von ganzem Herzen gelacht, sobald auch die anderen lachten. Er war offenbar sehr froh darüber, daß alle so heiter, so lärmend waren; sogar darüber, daß sie alle soviel tranken. Vielleicht hätte er den ganzen Abend kein Wort gesprochen. Doch plötzlich fiel es ihm ein, zu reden. Er sprach sogar mit außergewöhnlichem Ernst, so daß sich alle mit Neugier ihm zuwandten.
„Ich, meine Herren, rede davon, daß damals die Hungersnöte wirklich sehr häufig waren. Davon habe auch ich gehört, obgleich ich die Geschichte wenig kenne. Doch scheint es mir, daß es wohl gar nicht anders hätte sein können. Als ich in die Schweizer Berge kam, war ich sehr erstaunt über die Ruinen alter Ritterburgen, die an den Abhängen der Berge erbaut waren, auf steilen Felsen, oft von einer halben Werst Höhe, was dann auf schmalen Fußpfaden etliche Werst ausmacht. Das Schloß selbst ist ja, wie bekannt, ein ganzer Berg von Stein. Eine schreckliche, fast unmögliche Arbeit! Und diese Arbeit wurde natürlich von den armen Leuten, den Fronleuten der Ritter, verrichtet. Außerdem mußten sie Steuern zahlen und die Geistlichkeit erhalten. Wie konnten sie sich da selbst ernähren und ihre Erde bebauen! Die Bevölkerung war damals nicht zahlreich und viele müssen vor Hunger gestorben sein, denn zu essen gab es vielleicht wirklich buchstäblich nichts. Ich habe manchmal darüber nachgedacht, wie es doch nur möglich war, daß das Volk nicht ganz zugrunde ging, und wie es alledem Widerstand leisten konnte? Daß es Menschenfresser gegeben hat, und sogar sehr häufig, darin hat Lebedeff zweifellos recht; nur weiß ich nicht, warum er gerade die Mönche herbeigezogen hat, und was er damit sagen will?“
„Wahrscheinlich ist er der Meinung, daß im zwölften Jahrhundert nur die Mönche sich zum Verzehren eigneten, da nur sie fett waren,“ bemerkte Gawrila Ardalionytsch.
„Ein prächtiger Gedanke,“ schrie Lebedeff voll Begeisterung. „Denn die Weltlichen hat er ja überhaupt nicht angerührt. Nicht ein einziges weltliches Exemplar, im Verhältnis zu sechzig Geistlichen. Es ist ein welthistorischer Gedanke, ein statistischer Gedanke! Aus solchen Fakten ergeben sich für den Fachmann die überraschendsten geschichtlichen Schlüsse; denn mit zahlenmäßiger Genauigkeit ist dadurch nachgewiesen, daß die Geistlichkeit damals wenigstens sechzigmal glücklicher und freier lebte, als die ganze übrige Menschheit.“
„Übertreibung, Übertreibung, Lebedeff!“ Man lachte ringsum.
„Ich bin damit einverstanden, daß es ein welthistorischer Gedanke ist, doch was wollen Sie daraus schließen?“ stellte der Fürst eine weitere Frage an Lebedeff, über den alle lachten, und zwar tat er es mit solchem Ernst, ohne jeglichen Spott, daß sein Ton bei der heiteren Stimmung der ganzen Gesellschaft unwillkürlich gleichfalls komisch wirkte. Es fehlte nicht viel, und man hätte auch über ihn gelacht. Doch bemerkte er das gar nicht.
„Sehen Sie denn nicht, Fürst, daß der Mann verrückt ist?“ Jewgenij Pawlowitsch beugte sich vor und wandte sich an den Fürsten. „Man sagte mir neulich, er habe sich in den Kopf gesetzt, Advokat zu werden, und seine Reden seien ihm zu Kopf gestiegen. Er soll ein Examen machen wollen. Nun, ich erwarte eine famose Parodie.“
„Ich werde einen grandiosen Schluß daraus ziehen,“ rief Lebedeff unterdessen mit Donnerstimme. „Doch analysieren wir zuerst den psychologischen und den juridischen Zustand des Verbrechers. Wir sehen, daß der Verbrecher, oder sozusagen mein Klient, ungeachtet dessen und obschon es ihm unmöglich war, andere Nahrungsmittel aufzutreiben, des öfteren während seiner interessanten Karriere den Wunsch empfand, sich zu bessern und von der Geistlichkeit abzulassen. Wir ersehen es aus verschiedenen Tatsachen: wir erinnern uns, daß er wenigstens fünf bis sechs Jünglinge weltlichen Standes verzehrt hat, eine verhältnismäßig geringe Anzahl, dafür aber bemerkenswert in anderer Beziehung. Offenbar von schrecklichen Gewissensbissen gequält (denn mein Klient ist ein religiöser und gewissenhafter Mensch, was ich Ihnen gleich beweisen werde) und um nach Möglichkeit seine Schuld zu verringern, ersetzte er, wenigstens zur Probe, sechsmal seine mönchische Nahrung durch eine weltliche. Unzweifelhaft zur Probe, denn wenn er es nur um der gastronomischen Abwechslung getan hätte, so würde die Zahl sechs viel zu gering sein: warum denn nur sechsmal, warum nicht dreißigmal? (Ich nehme nur die Hälfte, die Hälfte von der Hälfte.) Doch wenn es etwa nur zur Probe geschehen wäre, und aus Verzweiflung und Angst vor dem Verbrechen der Kirchenschändung, dann wird die Zahl sechs um so verständlicher; denn sechs Proben genügen doch wohl zur Beruhigung der Gewissensbisse, da die Proben ja nicht von Erfolg begleitet waren. Erstens waren meiner Meinung nach die Knaben viel zu klein, d. h. nicht dick und groß genug, so daß er der weltlichen Knaben wenigstens um das Doppelte, um das Fünffache bedurft hätte, als der Geistlichen. Wenn die Sünde sich also einerseits auch verringert hätte, so hätte sie sich andererseits nur vergrößert, wenn nicht qualitativ, so doch quantitativ. Wenn ich die Sache so beurteile, meine Herren, so versetze ich mich natürlich in die Seele eines Verbrechers des zwölften Jahrhunderts. Was mich nun betrifft, als Mensch des neunzehnten Jahrhunderts, so würde ich ganz anders urteilen, was ich hier Ihnen gegenüber betone, damit Sie durchaus nicht das Recht haben, meine Herren, mir die Zähne zu zeigen, wie es denn von Ihnen, Herr General, direkt unanständig ist. Zweitens, meiner persönlichen Ansicht nach, ist ein Knabe auch nicht genügend nahrhaft, zu süß und widerlich im Geschmack, ohne die Bedürfnisse zu befriedigen, verursacht er nur Gewissensbisse. Und jetzt der Schluß, das Finale, meine Herren, das Finale, in dem die Antwort aller damaligen und heutigen großen Fragen enthalten ist. Der Verbrecher endet damit, daß er hingeht und sich selbst der Geistlichkeit und der Gerechtigkeit ausliefert. Man stelle sich vor, welche Qualen ihn in jener Zeit erwarteten, welche Folter, Räder und Scheiterhaufen? Wer hat ihn dazu getrieben, sich selbst anzuzeigen? Warum nicht einfach bei der Zahl sechzig verbleiben, das Geheimnis bewahren bis zum letzten Atemzuge? Warum nicht einfach von den Mönchen ablassen und als Einsiedler der Reue leben? Warum ist er denn schließlich nicht selbst Mönch geworden? Sehen Sie, da steckt das Rätsel! Also muß da doch etwas gewesen sein, das stärker war als Flammen und Scheiterhaufen, und selbst stärker als eine zwanzigjährige Gewohnheit! Also gab es eine Idee, die stärker war als alles Unglück wie Mißernten, Foltern, Pestilenzen, diese ganze Hölle, die die Menschheit nicht hätte ertragen können, ohne eine das Herz beherrschende und die Lebensquelle befruchtende Idee! Zeigen Sie mir, bitte, doch irgend etwas, das eine derartige Kraft in unserem Jahrhundert der Laster und Eisenbahnen besitzt ... das heißt, man müßte sagen, in unserem Zeitalter der Dampfschiffe und Eisenbahnen, doch ich sage: in unserem Zeitalter der Laster und Eisenbahnen – wenn ich auch betrunken bin, so bin ich doch gerecht! Zeigen Sie mir eine Idee, die uns auch nur mit der Hälfte der Kraft beherrschte, wie die jener Jahrhunderte. Und wagen Sie es noch zu behaupten, daß die ‚Quellen des Lebens‘ unter diesem ‚Sterne‘, unter diesem Netze, worin die Menschheit sich verstrickt hat, nicht versiegt und getrübt worden sind! Und widerlegen Sie mir das nicht durch Hinweise auf unseren Wohlstand, unseren Reichtum, durch die Seltenheit der Hungersnöte und die Geschwindigkeit unserer Verkehrsmittel! Der Reichtum ist größer, aber die Kraft ist geringer, die einigende Idee fehlt uns; alles ist wie Gummi; alles ist nüchtern, und die Menschen sind auch nüchtern geworden! Alle, alle, alle sind wir nüchtern! ... Doch genug: Nicht davon ist die Rede, sondern davon, ob wir jetzt nicht, ehrenwerter Fürst, unsere Gäste zu einem kleinen Imbiß einladen wollen?“
Lebedeff, der einige seiner Zuhörer schon bis zur äußersten Ungeduld gebracht hatte, versöhnte aber alle seine Gegner mit dem unerwarteten Schluß seiner Rede. Er selbst nannte einen solchen Schluß „einen sehr geschickten Advokatenkniff“, die Gäste belebten sich, fröhliches Lachen ertönte wieder, alle erhoben sich, um ihre Glieder zu strecken und sich auf der Terrasse zu ergehen. Nur Keller war mit Lebedeffs Rede sehr unzufrieden und benahm sich ungewöhnlich erregt.
„Er ist gegen die Aufklärung, er predigt den Aberglauben des zwölften Jahrhunderts, er will sich zeigen, von Unschuld des Herzens weiß er nichts: womit hat er sich ein Haus erworben, wenn man fragen darf?“ tief er laut und hielt die Gäste zurück.
„Ich habe einen ganz anderen Interpreten der Apokalypse gekannt,“ wandte sich der General in der anderen Ecke an andere Zuhörer und insbesondere zu Ptizyn, den er am Knopf festhielt –, „den verstorbenen Grigorij Ssemjonowitsch Burmistroff, der verstand es, die Herzen zu entzünden. Erstens, setzte er sich die Brille auf, schlug ein großes schwarzes Buch in schwarzem Ledereinband auf, dabei hatte er einen weißen Bart und zwei Rettungsmedaillen auf der Brust. Er legte sie streng und ernst aus. Vor ihm beugten sich Generäle, Damen fielen in Ohnmacht, aber dieser da – endet mit einer Einladung zum Imbiß! Das ist unerhört!“
Ptizyn hörte dem General lächelnd zu und griff nach seinem Hut, um fortzugehen, doch schien er sich dann doch nicht dazu entschließen zu können oder vergaß wenigstens immer wieder seine Absicht. Ganjä hatte schon vorhin, als man sich vom Tisch erhob, seinen Pokal von sich gestoßen: ein finsterer Ausdruck lag auf seinem Gesicht. Als man vom Tische aufstand, ging er zu Rogoshin und setzte sich zu ihm. Man hätte denken können, daß die beiden in den freundschaftlichsten Beziehungen zueinander stünden. Auch Rogoshin, der sich zu Anfang ein paarmal anschickte, leise fortzugehen, saß jetzt unbeweglich da wie in Gedanken versunken, als hätte er ganz vergessen, wo er war. Den ganzen Abend über hatte er keinen Tropfen Wein getrunken und war sehr nachdenklich. Hin und wieder hob er seinen Blick und betrachtete alle und jeden. Es schien, als ob er hier etwas erwartete, etwas für ihn außerordentlich Wichtiges.
Der Fürst hatte im ganzen zwei oder drei Glas getrunken und war nur einfach heiter. Als er sich vom Tisch erhob, begegnete er dem Blick Jewgenij Pawlowitschs, erinnerte sich der ihnen beiden bevorstehenden Aussprache und lächelte entgegenkommend. Jewgenij Pawlowitsch winkte ihm zu und zeigte auf Hippolyt, den er soeben aufmerksam betrachtet hatte. Hippolyt lag auf dem Diwan ausgestreckt und schlief.
„Weshalb hat dieses Bürschchen sich so an Sie gehängt, Fürst?“ sagte er plötzlich mit ersichtlichem Ärger, so daß der Fürst erstaunte. „Ich wollte wetten, Fürst, er hat nichts Gutes im Sinne!“
„Ich habe bemerkt,“ erwiderte der Fürst, „oder es scheint mir wenigstens so, daß er Sie, Jewgenij Pawlowitsch, heute ganz besonders interessiert; ist das wahr?“
„Denken Sie sich, ich wundere mich selbst darüber. Während ich Grund genug hätte, über meine eigene Lage nachzudenken, beschäftige ich mich den ganzen Abend mit ihm und kann meinen Blick von diesem widerwärtigen Gesicht gar nicht losreißen.“
„Sein Gesicht ist doch hübsch ...“
„Da, da, sehen Sie nur!“ rief Jewgenij Pawlowitsch und packte die Hand des Fürsten. „Da ...!“
Der Fürst betrachtete Jewgenij Pawlowitsch nochmals mit Erstaunen.
V.
Hippolyt, der gegen Ende des Lebedeffschen Vortrags auf dem Diwan eingeschlafen war, erwachte plötzlich: ganz als ob ihn jemand in die Seite gestoßen hätte, fuhr zusammen, erhob sich, sah sich um und erbleichte. Mit einem Ausdruck des Schreckens ließ er seine Augen durchs Zimmer schweifen und eine furchtbare Angst lag in seinen Gesichtszügen, als er sich wieder zu besinnen schien.
„Wie, sie gehen fort? Ist alles aus? Alles schon zu Ende? Ist die Sonne schon aufgegangen?“ fragte er erregt, indem er die Hand des Fürsten erfaßte. „Wieviel ist die Uhr, um Gottes willen, die Uhr? Ich habe mich verschlafen. Habe ich lange geschlafen?“ fügte er verzweifelt hinzu, als hätte er etwas verschlafen, wovon sein ganzes Schicksal abhing.
„Sie haben im ganzen sieben oder acht Minuten geschlafen,“ antwortete Jewgenij Pawlowitsch.
Hippolyt sah ihn starr an und dachte einen Augenblick nach.
„Nur! Also habe ich nichts verloren ...“
Und er atmete auf, als ob eine unendlich schwere Last von ihm genommen wäre. Er begriff endlich, daß „nichts verloren“ war, daß die Sonne noch nicht aufgegangen, daß die Gäste nur ihre Stühle verließen, um einen Imbiß einzunehmen, und daß lediglich das Geschwätz Lebedeffs zu Ende war. Er lächelte und ein schwindsüchtiges Rot in Gestalt zweier Flecke erschien auf seinen Wangen.
„Sie haben also die Minuten gezählt, während ich schlief, Jewgenij Pawlowitsch,“ griff er spöttisch auf. „Sie haben sich den ganzen Abend nicht von mir losreißen können, ich habe es gesehen ... Ah! Rogoshin! Ich habe ihn soeben im Traume gesehen,“ flüsterte er dem Fürsten zu und sah stirnrunzelnd zu Rogoshin hinüber. „Ach, ja, wo ist denn der Redner geblieben,“ sprang er wieder auf etwas anderes über, „wo ist Lebedeff? Lebedeff hat also seine Rede beendet? Wovon sprach er? Ist es wahr, Fürst, daß Sie einmal gesagt haben, die Welt wird durch die Schönheit erlöst werden? Meine Herren,“ wandte er sich mit lauter Stimme an alle, „der Fürst behauptet, daß Schönheit die Welt erlösen werde! Doch ich behaupte, daß er nur deshalb so sonderbare Gedanken hat, weil er verliebt ist. Meine Herren, der Fürst ist verliebt. Vorhin, als er eintrat, habe ich mich davon überzeugt. Erröten Sie nicht, Fürst, sonst muß ich Sie bedauern. Welche Schönheit wird die Welt erlösen? Mir hat es Koljä gesagt ... Sie sind ein eifriger Christ? Koljä sagt, daß Sie sich selbst einen Christen genannt haben.“
Der Fürst sah ihn durchdringend an und antwortete ihm nicht.
„Sie antworten mir nicht? Sie denken vielleicht, daß ich Sie sehr liebe,“ fügte plötzlich Hippolyt wie abgebrochen hinzu.
„Nein, das denke ich nicht. Ich weiß, daß Sie mich nicht lieben.“
„Wie, auch nicht nach dem gestrigen Vorfall? Gestern war ich doch aufrichtig gegen Sie?“
„Ich wußte auch gestern, daß Sie mich nicht lieben.“
„Das heißt, weil ich Sie beneide, beneide? Sie dachten es schon immer und denken es auch jetzt, doch ... doch warum sage ich Ihnen das? Ich möchte noch Champagner trinken, schenken Sie mir ein, Keller.“
„Sie dürfen nicht mehr trinken, Hippolyt, ich gebe Ihnen keinen.“
Und der Fürst nahm ihm das Glas fort.
„Nun, meinetwegen ...“ willigte Hippolyt sofort ein, wie in Gedanken versunken. „Sie werden noch alle sagen ... doch, den Teufel auch! was geht’s mich an, was sie sagen werden! Nicht wahr, nicht wahr? Mögen sie nachher sagen, was sie wollen, nicht, Fürst? Und was geht es uns alle an, was dann sein wird! ... Ich glaube, ich bin noch verschlafen. Was für einen furchtbaren Traum ich hatte – jetzt erst erinnere ich mich ... Ich wünsche Ihnen solche Träume nicht, Fürst, obgleich ich Sie vielleicht wirklich nicht liebe. Übrigens, wenn man einen Menschen auch nicht liebt, warum soll man ihm Schlechtes wünschen, nicht wahr? Doch was frage ich Sie denn, immer frage ich Sie! Geben Sie mir Ihre Hand, ich werde Sie Ihnen kräftig drücken, so ... Sie haben mir also gleich Ihre Hand gegeben! Also müssen Sie wissen, daß ich sie aufrichtig drücke? ... Übrigens, ich werde nicht mehr trinken. Wieviel ist die Uhr? Nein, es ist nicht nötig, ich weiß, wieviel die Uhr ist. Es ist Zeit! Die Stunde ist gekommen. Was, dort in der Ecke wird der Imbiß eingenommen? Also wird dieser Tisch hier frei? Vorzüglich! Meine Herren, ich ... doch alle diese Herren hören ja gar nicht ... ich bin bereit, Ihnen etwas vorzulesen, Fürst; der Imbiß ist natürlich interessanter, aber ...“
Und plötzlich zog er ganz unerwartet aus seiner Seitentasche ein großes rotversiegeltes Paket hervor und legte es vor sich hin auf den Tisch.
Das Unerwartete der Sache brachte einen großen Effekt in der Gesellschaft hervor. Auf so etwas war man gar nicht vorbereitet. Jewgenij Pawlowitsch sprang sogar von seinem Stuhl auf. Ganjä kam schnell an den Tisch heran. Rogoshin auch, doch mit geringschätziger, ärgerlicher Miene, als ob er wüßte, um was es sich handelte. Lebedeff, der in der Nähe beschäftigt war, kam auch herbei und betrachtete das Paket mit neugierigen Augen, als wollte er erraten, wovon es handelte.
„Was haben Sie denn da?“ fragte beunruhigt der Fürst.
„Sobald der äußerste Rand der Sonne am Horizont erscheint, werde ich zur Ruhe gehen, Fürst, ich habe es gesagt; mein Ehrenwort: Sie werden es sehen!“ rief Hippolyt. „Doch ... doch ... glauben Sie wirklich, daß ich nicht imstande sein werde, dieses Paket zu öffnen?“ fügte er hinzu, als forderte er sie alle heraus, und als wandte er sich ausnahmslos an alle.
Der Fürst bemerkte, daß er am ganzen Körper zitterte.
„Niemand von uns glaubt es,“ antwortete der Fürst für alle, „und warum glauben Sie, daß jemand von uns einen solchen Gedanken haben könne ... aber was ... was für eine sonderbare Idee von Ihnen, uns vorlesen zu wollen? Was ist Ihnen denn, Hippolyt?“
„Was fehlt ihm? Was ist wieder mit ihm passiert?“ fragte man ringsum.
Alle kamen herbei, einige aßen noch, doch das Paket mit dem roten Siegel zog alle wie ein Magnet an.
„Das habe ich gestern selbst geschrieben, gleich nachdem ich Ihnen das Wort gegeben, daß ich zu Ihnen übersiedeln würde, Fürst. Ich habe gestern den ganzen Tag daran geschrieben, die Nacht darauf, und beendet habe ich es heute morgen – in der Nacht gegen Morgen hatte ich einen Traum ...“
„Würde es nicht besser sein, wenn Sie es morgen ...“ unterbrach ihn schüchtern der Fürst.
„Morgen ‚wird keine Zeit mehr sein‘!“ lachte Hippolyt hysterisch auf. „Übrigens, beunruhigen Sie sich nicht, ich lese es in vierzig Minuten, vielleicht – in einer Stunde ... Und sehen Sie, wie sich alle dafür interessieren, alle sind gekommen, alle sehen nach meinem Paket. Ich glaube, wenn es nicht so versiegelt wäre, so hätte es gar keinen Effekt gemacht! Ha–ha! Sehen Sie, was ein Geheimnis bedeutet! Soll ich es öffnen, meine Herren, oder nicht?“ rief er mit eigentümlichem Lächeln und mit blitzenden Augen. „Ein Geheimnis! Ein Geheimnis! Doch entsinnen Sie sich, Fürst, wer hat es gesagt, daß ‚keine Zeit mehr sein wird‘? Das verkündet der große und mächtige Engel in der Apokalypse.“
„Lassen Sie bitte das Lesen!“ rief plötzlich Jewgenij Pawlowitsch, von solcher Unruhe ergriffen, daß es vielen sonderbar erschien.
„Lesen Sie nicht!“ rief auch der Fürst aus und legte die Hand aufs Paket.
„Warum lesen? Jetzt essen wir,“ bemerkte jemand.
„Einen Artikel? Aus der Zeitung, wie?“ erkundigte sich ein anderer.
„Vielleicht ist es langweilig?“ fügte ein dritter hinzu.
„Was ist denn eigentlich los?“ erkundigten sich die übrigen.
Die erschrockene Bewegung des Fürsten machte auf Hippolyt einen starken Eindruck.
„Also ... nicht lesen?“ stammelte er mit einem verzerrten Lächeln auf seinen blutleeren Lippen. „Nicht lesen?“ wandte er sich an alle, an das ganze Publikum und blickte jedem einzeln ins Gesicht. „Sie fürchten sich?“ wandte er sich wieder an den Fürsten.
„Weshalb?“ fragte dieser ganz verwundert.
„Hat jemand ein Zwanzigkopekenstück?“ Hippolyt sprang plötzlich vom Stuhle auf, als hätte er einen Stoß bekommen, „oder irgendeine Münze?“
„Hier!“ Lebedeff reichte ihm sofort eine. Ihm kam der Gedanke, daß der kranke Hippolyt den Verstand verloren habe.
„Wjera Lukjanowna!“ wandte sich Hippolyt hastig an das junge Mädchen, „nehmen Sie, werfen Sie es auf den Tisch: Adler oder Aufschrift? Adler – heißt lesen!“
Wjera sah erschrocken auf die Münze, auf Hippolyt und auf ihren Vater. Darauf warf sie das Geldstück auf den Tisch mit der Überzeugung, daß sie es gar nicht zu sehen brauchte. Der Adler lag oben.
„Lesen!“ flüsterte Hippolyt, als hätte wirklich das Schicksal gesprochen. Er hätte nicht stärker erblassen können, selbst wenn ihm das Todesurteil vorgelesen worden wäre. „Übrigens,“ fuhr er auf, nach einer halben Minute Schweigen. „Was soll das? Habe ich nicht soeben mein Los geworfen?“ wandte er sich von neuem an seine Umgebung, mit derselben fragenden Aufrichtigkeit. „Das ist ja wirklich ein sonderbarer, ein psychologischer Zug!“ rief er plötzlich und wandte sich mit aufrichtiger Verwunderung diesmal wieder an den Fürsten. „Das ist ... das ist ja ein ganz unfaßbares Moment, Fürst!“ bestätigte er sich den Gedanken selbst, und als käme er jetzt wieder ganz zu sich. „Das schreiben Sie sich auf, Fürst, denken Sie daran, Sie sammeln doch Material bezüglich der Todesstrafe ... man sagte es mir, ha, ha! O mein Gott, welch eine sinnlose Dummheit!“ Er fiel auf den Diwan zurück, stützte seine beiden Ellenbogen auf den Tisch und legte seinen Kopf in beide Hände. „Das ist ja geradezu schandbar! ... Zum Teufel, was geht es mich an, wenn es schandbar ist!“ er erhob sofort wieder seinen Kopf. „Meine Herren! meine Herren, ich öffne jetzt das Paket!“ entschied er mit plötzlicher Entschlossenheit. „Ich ... ich zwinge übrigens niemanden, zuzuhören! ...“
Mit vor Erregung zitternden Händen entsiegelte er das Paket, zog einige engbeschriebene Blätter Postpapier aus ihm heraus, legte sie vor sich hin und glättete sie.
„Was soll das? Was ist denn los? Was will er lesen?“ murmelten einige. Andere schwiegen.
Doch alle setzten sich und sahen ihm mit Neugierde zu. Vielleicht erwarteten sie wirklich etwas Außergewöhnliches. Wjera klammerte sich an den Stuhl ihres Vaters und hätte vor Angst beinahe zu weinen angefangen. Fast ebenso erschrocken war Koljä. Lebedeff, der sich soeben hingesetzt, erhob sich wieder, ergriff einen Leuchter und stellte ihn vor Hippolyt hin, damit er es heller zum Lesen hätte.
„Meine Herren, das ... das werden Sie gleich sehen, was das bedeutet,“ bemerkte Hippolyt aus irgendeinem Grunde und fing zu lesen an: „Eine notwendige Erklärung! Motto: Après moi le déluge[28] ... Pfui, zum Teufel!“ fuhr er plötzlich auf, als hätte er sich verbrannt. „Wie konnte ich denn im Ernst ein so dummes Motto wählen? ... Hören Sie, meine Herren! ... ich versichere Sie, es sind vielleicht zum Schluß nichts als Albernheiten! Nur einige meiner Ideen sind darin ... Wenn Sie vielleicht glauben, daß es ... irgend etwas Geheimnisvolles oder ... Verbotenes ist ... mit einem Wort ...“
„Wenn Sie doch ohne Vorreden lesen wollten,“ unterbrach ihn Ganjä.
„Er dreht und windet sich!“ fügte jemand hinzu.
„Viel zu viel Gerede!“ äußerte sich plötzlich Rogoshin, der die ganze Zeit über geschwiegen hatte.
Hippolyt wandte sich zu ihm, und als ihre Blicke sich trafen, lächelte Rogoshin bitter und sprach langsam die sonderbaren Worte:
„Nicht so muß man die Sache anfassen, junger Mann, nicht so ...“
Was Rogoshin damit sagen wollte, begriff natürlich niemand, doch seine Worte machten trotzdem einen sonderbaren Eindruck auf alle. In einem jeden berührten sie eine ihnen allen gemeinsame Ahnung. Auf Hippolyt selbst machten die Worte einen geradezu schrecklichen Eindruck: er wankte so stark, daß der Fürst seine Hand nach ihm ausstreckte, um ihn zu halten, und er hätte aufgeschrien, wenn ihm nicht plötzlich die Stimme abgebrochen wäre. Eine ganze Minute konnte er kein Wort hervorbringen, er atmete schwer und sah unverwandt Rogoshin an. Endlich atmete er tief auf und sagte mit großer Anstrengung:
„Also das waren Sie ... Sie waren es ... Sie?“
„Wer war? Wo war?“ fragte sehr erstaunt Rogoshin.
Doch Hippolyt schrie plötzlich wie besessen auf:
„Sie waren bei mir in der vergangenen Woche, in der Nacht, um zwei Uhr, an dem Tage, als ich morgens zu Ihnen kam, Sie!!! Geben Sie es zu, Sie?“
„Vergangene Woche, in der Nacht? Du schliefst wohl und bist jetzt von Sinnen, junger Mann?“
Der junge Mann schwieg wieder eine Minute lang, legte seinen Finger an die Stirn und dachte nach, und in seinem bleichen, vor Furcht verzerrtem Lächeln tauchte etwas Schlaues, Triumphierendes auf.
„Das waren Sie!“ wiederholte er kaum hörbar, doch mit fester Überzeugung. „Sie kamen zu mir und saßen schweigend bei mir auf dem Stuhl, am Fenster, eine ganze Stunde und noch länger; um ein oder zwei Uhr nachts; Sie standen dann auf und gingen um drei Uhr fort ... Das waren Sie, Sie! Warum haben Sie mich erschreckt, Sie kamen, um mich zu quälen, – ich verstehe es nicht, doch das waren Sie!“
Und in seinen Augen blitzte ein grenzenloser Haß auf, obgleich noch Angst und Schrecken in ihnen lagen.
„Sie werden sofort, meine Herren, alles erfahren, ich ... ich ... hören Sie ...“
Er griff wieder, sich jetzt schrecklich beeilend, nach seinen Blättern, sie waren durcheinander gekommen, er suchte sie wieder zusammen; sie zitterten in seinen schwachen Händen, er konnte lange nicht mit ihnen in Ordnung kommen.
„Er ist wahnsinnig, oder er phantasiert!“ murmelte kaum hörbar Rogoshin.
Endlich begann er doch vorzulesen. Zu Anfang, in den ersten fünf Minuten rang der Autor der Abhandlung nach Atem und las ungleich und abgebrochen; doch wurde seine Stimme immer fester und gleichmäßiger, so daß er die niedergeschriebenen Gedanken vollkommen ausdrücken konnte. Hin und wieder unterbrach ihn nur ein heftiger Husten und in der Mitte der Vorlesung wurde er vollständig heiser. Er belebte sich aber während des Lesens immer mehr und mehr und war zum Schluß so mitgerissen, daß er einen schmerzlichen, krampfhaften Eindruck bei den Zuhörern hervorrief.
Hier folgt die „Abhandlung“ in ihrem ganzen Umfange:
„Meine notwendige Erklärung.“
„Après moi le déluge!“[28]
„Gestern früh war der Fürst bei mir; unter anderem beredete er mich, zu ihm auf die Datsche zu ziehen. Ich wußte es und war überzeugt, daß er darauf bestehen würde, mit der Begründung, daß für mich ‚unter Menschen und Bäumen leichter zu sterben wäre‘, wie er sich ausdrückt. Doch heute sagte er nicht sterben, sondern er sagte ‚leichter zu leben‘, was für mich und in meiner Lage ungefähr dasselbe ist. Ich fragte ihn, was er denn mit seinen ‚Bäumen‘ eigentlich wolle und warum er immer von den ‚Bäumen‘ erzähle, – und da hörte ich denn zu meinem nicht geringen Erstaunen, daß ich selbst an dem Abend in Pawlowsk geäußert hätte, ich sei gekommen, um zum letzten Mal Bäume zu sehen. Als ich darauf die Bemerkung machte, daß es doch ganz gleichgültig wäre, ob ich unter Bäumen sterbe oder hier durch das Fenster auf meine Backsteinmauer sehe, und daß es sich wegen dieser zwei Wochen nicht weiter lohne, gab er mir das sofort zu. Doch würde das frische Grün und die reine Luft auf mich physisch sehr gut wirken, meinte er, ich würde ruhiger werden und schwere Träume würden mich nicht mehr quälen. Ich bemerkte ihm wieder lachend, daß er ein Materialist sei. Da er niemals spottet, so mußten seine Worte etwas bedeuten. Sein Lächeln war so gütig, ich betrachtete ihn jetzt aufmerksamer. Ich weiß nicht, ob ich ihn liebe, doch darüber nachzudenken, habe ich jetzt keine Zeit mehr. Mein fünfmonatlicher Haß auf ihn, ich muß es gestehen, hatte sich im letzten Monat vollständig beruhigt. Wer kann’s wissen, vielleicht fuhr ich nur nach Pawlowsk, um hauptsächlich ihn zu sehen. Doch ... warum hatte ich nur damals mein Zimmer verlassen?! Ein zum Tode Verurteilter muß seinen Winkel nicht verlassen; und wenn ich mich jetzt nicht endgültig zu etwas entschlossen hätte, statt auf meine letzte Stunde zu warten, so hätte ich freilich mein Zimmer niemals verlassen und wäre nicht hierher übergesiedelt, um zu sterben. Ich muß mich beeilen, um mit dieser ganzen ‚Erklärung‘ bis morgen fertig zu werden. Wahrscheinlich werde ich keine Zeit haben, sie durchzulesen und zu korrigieren. Ich werde sie morgen dem Fürsten und zwei bis drei Personen, die ich dort anzutreffen gedenke, vorlesen. Da ich keine einzige Lüge schreiben werde, sondern nur die Wahrheit, die letzte, feierliche Wahrheit, so bin ich neugierig, welchen Eindruck dieses Schriftstück in der Stunde und Minute, da ich es vorlesen werde, auf mich selbst machen wird? Übrigens habe ich unnütz die Worte ‚letzte und feierliche Wahrheit‘ geschrieben. Wegen zweier Wochen lohnt es sich sowieso nicht, zu lügen, weil es sich auch zwei Wochen zu leben nicht lohnt; der Beweis dafür ist ja, daß ich nur die Wahrheit schreibe. (NB. Vergesse ich nicht am Ende meine Gedanken? Bin ich nicht vielleicht wahnsinnig in dieser Minute, d. h. minutenlang wahnsinnig? Man hat es mir bestätigt, daß Schwindsüchtige im letzten Stadium ihrer Krankheit zeitweise den Verstand verlieren. Ich werde mich morgen davon beim Eindruck auf die Zuhörer überzeugen. Dieser Frage muß mit der größten Genauigkeit nachgespürt werden, sonst kann man zu keiner Überzeugung kommen.)
Mir scheint es, daß ich soeben eine furchtbare Dummheit geschrieben habe, doch sie zu verbessern, habe ich keine Zeit, außerdem habe ich mir das Wort gegeben, in diesem Handschreiben keine einzige Zeile zu verbessern, selbst wenn ich bemerken sollte, daß ich mir auf jeder fünften Zeile widerspreche. Ich möchte mich ja gerade morgen beim Lesen von dem richtigen logischen Fluß meiner Gedanken überzeugen; und ob ich meine Fehler bemerke und ob es möglich ist, daß alles, was ich in diesen sechs Monaten in diesem Zimmer gedacht habe, nur Fieberphantasien sind?
Wenn ich vor zwei Monaten, wie jetzt, mein Zimmer hätte verlassen und von der Meyerschen Wand mich verabschieden müssen, so, ich muß es gestehen, so wäre es mir sehr schwer gefallen. Jetzt empfinde ich nichts mehr, und verlasse doch dieses Zimmer und diese Wand auf ewig! Also muß meine Überzeugung, daß es sich für zwei Wochen nicht mehr lohnt, diese Gefühle aufkommen zu lassen, meine ganze Natur beherrschen. Verhält es sich nun wirklich so? Ist meine Natur wirklich vollständig besiegt? Wenn man mich jetzt auf die Folter spannte, so würde ich doch sicher schreien, und würde nicht sagen, daß es sich nicht lohnte, zu schreien oder Schmerz zu empfinden, nur weil zwei Wochen schon nichts mehr bedeuten.
Sind es denn wirklich nur vierzehn Tage, die mir zum Leben verblieben sind, und nicht mehr? Damals in Pawlowsk hatte ich gelogen: B–n hatte mir nichts gesagt und hat mich überhaupt nicht gesehen. Doch vor acht Tagen besuchte mich ein Student Kißlorodoff; nach seiner Überzeugung ist er Materialist, Atheist und Nihilist, und das war es, warum ich ihn rufen ließ. Ich hatte einen Menschen nötig, der mir endlich die nackte Wahrheit sagen konnte, ohne alle Rücksichten und Umstände. Das tat er denn auch, und nicht nur aus Gefälligkeit und ohne Umstände, sondern mit sichtlichem Vergnügen (was ich meinerseits schon überflüssig fand). Er sagte mir auch gerade ins Gesicht, daß ich noch ungefähr einen Monat leben könnte; vielleicht auch etwas länger, wenn die Umstände günstig seien, doch vielleicht auch noch nicht einmal so lange. Seiner Meinung nach könnte ich auch ganz plötzlich sterben, zum Beispiel morgen; solche Fälle habe es oft gegeben und erst vorgestern sei eine junge Frau in Kolomna, deren Zustand dem meinen ganz gleich gewesen, gestorben. Sie habe auf den Markt gehen wollen, plötzlich sich schlecht gefühlt, habe sich auf den Diwan gelegt, einmal noch geatmet und – sei gestorben. Alle diese Mitteilungen machte mir Kißlorodoff mit einer gewissen schneidigen Gefühlslosigkeit, als hätte er mir damit eine Ehre angetan und als hielte er mich für ein ebenso höheres, alles verneinendes Geschöpf, wie er es selbst zu sein glaubte, und den zu sterben selbstverständlich nichts kostete. Ich hatte also jetzt wirklich die Gewißheit: noch einen Monat und nicht länger zu leben! Daß er sich nicht geirrt hat, davon bin ich fest überzeugt.
Sehr erstaunt war ich darüber, daß der Fürst vorhin bemerkte, daß mich ‚schlechte Träume‘ quälen; er sagte buchstäblich, in Pawlowsk würden ‚meine Erregung und meine Träume‘ nachlassen. Wie kommt er darauf? Ist er Mediziner oder hat er wirklich einen außergewöhnlichen Verstand und kann vieles erraten? (Daß er am Ende doch ein ‚Idiot‘ ist, darüber besteht kein Zweifel.) Gerade vor seinem Erscheinen hatte ich einen jener reizenden Träume, wie sie mich, übrigens, jetzt zu Tausenden heimsuchen. Ich schlief ein – ich denke, eine Stunde vor seiner Ankunft, und befand mich in einem Zimmer, das größer und höher war, als das meinige, besser möbliert und auch heller. In ihm stand ein Schrank, eine Kommode, ein Diwan und mein Bett, nur größer und breiter und bedeckt mit einer grünseidenen Steppdecke. Doch bemerkte ich in diesem Zimmer ein schreckliches Tier, eine Art Skorpion und doch kein Skorpion, sondern viel widerwärtiger und schrecklicher, unheimlicher. Es war, glaube ich, um so ekelhafter, weil es solche Tiere in der Natur nicht gibt und weil es gerade zu mir gekommen war, mit einer geheimnisvollen Absicht, als enthielte es selbst ein furchtbares Geheimnis. Ich habe es sehr genau betrachtet: es war ein braunes, kriechendes, amphibienartiges Krustentier, etwa vier Zoll lang, am Kopfe vielleicht zwei Finger breit, zum Schwanze hin verdünnte es sich immer mehr, so daß die äußerste Spitze desselben nicht dicker als ein Zehntel Zoll war. Einen Zoll tiefer unter dem Kopf, traten in einem Winkel von etwa fünfundvierzig Grad zwei Pfoten aus dem Rumpfe hervor, jede ungefähr zwei Zoll lang, so daß das Tier von oben gesehen die Form eines Dreizackes hatte. Den Kopf konnte ich nicht sehen, doch sah ich zwei Fühler, nicht sehr lang, wie zwei große Nadeln, von rotbrauner Farbe. Solche zwei Fühler hatte es auch am Ende des Schwanzes und am Ende jeder Pfote, im ganzen also acht Fühler. Das Tier lief wahnsinnig schnell über das ganze Zimmer und stützte sich dabei auf Pfoten und Schwanz, und wenn es lief, so dehnte sich der ganze Körper und der Schwanz in ringelnden Bewegungen, wie bei einer Schlange, ungeachtet seiner Kruste, was ein widerwärtiger Anblick war. Ich hatte furchtbare Angst, daß es mich stechen würde, man hatte mir gesagt, es wäre giftig, doch quälte ich mich am meisten darüber, was man mir damit antun wolle, warum man es mir ins Zimmer gesetzt und worin sein Geheimnis bestand? Es kroch unter die Kommode, unter den Schrank, in alle Ecken. Ich saß auf dem Stuhl und hatte die Füße hochgezogen. Es lief schnell über das ganze Zimmer und verschwand plötzlich unter meinem Stuhl. Angstvoll suchte ich es mit meinen Augen, die Füße hatte ich, wie gesagt, hochgezogen und ich hoffte im stillen, daß es nicht an dem Stuhl hinaufklettern würde. Plötzlich hörte ich hinter mir fast an meinem Kopfe ein knisterndes Geräusch: ich blicke mich um und sehe, daß das Reptil an der Wand emporkriecht in gleicher Höhe mit meinem Kopfe. Mit seinem Schwanze, den es mit großer Schnelligkeit wand und drehte, berührte es schon mein Haar. Ich sprang vom Stuhl und – auch das Tier verschwand. Ich fürchtete mich, mich aufs Bett zu legen, da es vielleicht unter das Kissen gekrochen. Ins Zimmer traten meine Mutter und irgendein Bekannter von ihr. Sie versuchten, das Scheusal zu fangen, waren viel ruhiger als ich, und fürchteten sich nicht einmal. Doch verstanden sie nichts davon. Plötzlich kroch das Tier wieder hervor, diesmal sehr langsam, als hätte es eine besondere Absicht, sich langsam über das Zimmer zur Tür hin dehnend, was noch widerwärtiger war. Da öffnete meine Mutter die Tür und rief Norma, unseren Hund, einen großen, schwarzen, zottigen Neufundländer – er starb vor fünf Jahren. Norma stürzte ins Zimmer und blieb wie angewurzelt vor dem Reptil stehen, das gleichfalls im Laufe einhielt, doch sich weiter wand und mit Schwanz und Pfoten auf den Boden schlug. Tiere empfinden keinen mystischen Schrecken, wenn ich mich nicht irre; in dieser Minute jedoch schien es mir, daß auch Norma diesen außergewöhnlichen, diesen fast mystischen Schrecken empfand, ganz als ob er, wie ich, geahnt hätte, daß in diesem Tier etwas Verhängnisvolles, etwas Geheimnisvolles enthalten war. Norma zog sich langsam vor dem Reptil zurück, das nun seinerseits vorsichtig auf ihn loskam. Plötzlich wollte das Reptil sich auf ihn werfen und ihn beißen. Trotz seiner Angst und trotzdem er an allen Gliedern zitterte, wich der Hund nicht zurück: er fletschte seine großen weißen Zähne, öffnete seinen großen roten Rachen, legte sich sprungbereit und entschloß sich dann mit einem Mal, das Reptil mit seinen Zähnen zu packen. Das Reptil wand sich und zappelte so heftig, daß es loskam, und Norma mußte es noch einmal im Falle packen. Zweimal nacheinander tat er es und schnappte nach ihm. Die Kruste knackte unter seinen Zähnen, Schwanz und Pfoten des Reptils zappelten mit wahnsinniger Schnelligkeit. Plötzlich heulte Norma kläglich auf. Das Scheusal hatte ihn doch in die Zunge gestochen. Der Hund winselte und schrie vor Schmerz und ich sah, wie das zerbissene Reptil ihm quer im Rachen lag und wie eine große Menge weißen Saftes, ähnlich dem Safte einer zertretenen, großen Schabe, aus dem zerquetschten Leib sich auf die Zunge des Hundes ergoß ... Da erwachte ich und erblickte den Fürsten, der soeben eingetreten war.“
„Meine Herren,“ unterbrach sich Hippolyt, als schäme er sich, „ich habe das Geschriebene nicht durchgelesen, es ist da viel Unnützes ... Dieser Traum ...“
„Stimmt,“ beeilte sich Ganjä zu bemerken.
„Ich gebe es zu, es ist zu viel Persönliches ...“
Als Hippolyt das sagte, hatte er ein müdes, erschöpftes Aussehen. Er wischte sich mit dem Taschentuch den Schweiß von der Stirn.
„Tja, Sie interessieren sich schon zu sehr für sich,“ lispelte Lebedeff.
„Ich, meine Herren, zwinge niemanden, zuzuhören, wer da will, kann sich entfernen.“
„Er jagt uns fort ... aus einem fremden Hause,“ brummte, kaum hörbar, Rogoshin.
„Wie? Sollen wir denn alle plötzlich aufstehen? und uns entfernen?“ bemerkte ganz unerwartet Ferdyschtschenko, der bis jetzt nicht laut zu sprechen gewagt hatte.
Hippolyt senkte die Augen und griff nach seinem Schriftstück, doch in demselben Augenblick erhob er wieder seinen Kopf und sagte mit blitzenden Augen und roten Flecken auf beiden Wangen, Ferdyschtschenko scharf ansehend:
„Sie lieben mich wohl gar nicht!“
Lachen erscholl. Übrigens – die Mehrzahl lachte nicht. Hippolyt errötete über und über.
„Hippolyt,“ sagte der Fürst, „legen Sie die Blätter zusammen und geben Sie sie mir. Sie selbst legen sich bitte schlafen, hier in meinem Zimmer. Wir können ja noch morgen miteinander davon reden, doch unter der Bedingung, daß wir diese Blätter da nicht mehr anrühren. Wollen Sie?“
„Wie ist denn das möglich?“ fragte ihn Hippolyt mit strenger Verwunderung. „Meine Herren,“ rief er aus, sich wieder fieberhaft belebend, „das war nichts als eine dumme Episode, mit der ich nicht recht fertigzuwerden gewußt habe. Jetzt aber werde ich mich im Lesen nicht mehr unterbrechen. Wer hören will, der höre ...“
Er trank noch schnell einen Schluck Wasser, stützte sich auf den Tisch, wie um sich vor den Blicken der Anwesenden zu verbergen und setzte sein Lesen hartnäckig fort. Seine Verlegenheit verlor sich übrigens bald ...
Er las weiter: „Die Idee, daß es sich gar nicht lohnte, noch einige Wochen zu leben, überkam mich ungefähr vor einem Monat, damals, als man mir gesagt hatte, daß ich jetzt nur noch vier Wochen leben könne. Doch beherrschte sie mich erst vollständig, als ich vor drei Tagen, an jenem Abend, aus Pawlowsk zurückkehrte. Zum absoluten Bewußtsein dieses Gedankens kam ich hier auf der Terrasse des Fürsten, in demselben Augenblick, als ich die letzte Probe aufs Leben machte, als ich Menschen und Bäume sehen wollte. Ich regte mich furchtbar auf, stand für das Recht Burdowskijs, ‚meines Nächsten‘, ein und träumte davon, wie alle mir plötzlich die Hände reichen, mich umarmen und mich wegen irgend etwas um Verzeihung bitten würden, und wie – wir es gegenseitig tun würden; mit einem Wort, ich dachte und träumte recht wie ein Narr. In diesen Stunden kam ich dann zu dieser ‚letzten Überzeugung‘. Jetzt wundere ich mich, wie ich die letzten sechs Monate ohne diese ‚Überzeugung‘ überhaupt habe leben können! Ich wußte doch zu genau, daß ich die Schwindsucht hatte und unheilbar war; ich belog mich nicht und hatte die Tatsache durchaus begriffen. Je mehr ich sie jedoch begriff, desto krampfhafter wollte ich leben. Ich klammerte mich an das Leben und wollte leben, was es auch koste! Ich hatte alle Ursache, an meinem schrecklichen, grauenvollen Schicksal zu verzweifeln, das mich wie eine Fliege zerdrücken wollte, ohne daß ich wußte, warum? Doch warum verzweifelte ich nicht? Warum wollte ich erst anfangen, zu leben, als ich wußte, daß ich nicht mehr anfangen konnte? Warum versuchte ich es, als nichts mehr zu versuchen war? Ich konnte keine Bücher mehr lesen, ich hörte auf zu lesen: wozu noch was wissen, erfahren, auf sechs Monate? Dieser Gedanke zwang mich jedesmal, die Bücher wieder fortzuwerfen.
Ja, diese Meyersche Backsteinwand könnte viel erzählen! Viel habe ich ihr anvertraut. Es gibt keinen Flecken an dieser schmutzigen Wand, den ich nicht kenne. Diese verfluchte Wand! Und doch ist sie mir teurer als alle Bäume von Pawlowsk, das heißt, sie müßte mir teurer sein, wenn mir jetzt nicht alles ganz gleichgültig wäre!
Ich erinnere mich jetzt, mit welch gierigem Interesse ich anfing, ihr Leben zu verfolgen: niemals hatte ich vordem ein solches Interesse empfunden. Mit Ungeduld und mit Geschimpfe auf Koljä erwartete ich ihn, als ich so erkrankte, daß ich mein Zimmer nicht mehr verlassen konnte. Ich drang bis in alle Kleinigkeiten, interessierte mich für alle Gerüchte, bis ich selbst, glaube ich, zu einer Klatschbase wurde. Ich verstand zum Beispiel nicht, wie diese Menschen, die noch so großen Vorrat Leben vor sich hatten, es nicht verstanden, Millionäre zu werden (übrigens begreife ich das auch jetzt nicht). Ich hörte von einem Armen, der Hungers gestorben sei, und ich erinnere mich noch, daß ich ganz außer mir war: wenn dieser Arme wieder lebendig geworden wäre, ich glaube, ich hätte ihn hinrichten lassen. Mir ging es dann wieder tagelang besser und ich konnte auf die Straße gehen. Doch das Treiben auf der Straße erbitterte mich dermaßen, daß ich mich wieder tagelang auf mein Zimmer zurückzog, obgleich ich wie die anderen hätte ausgehen können. Ich konnte diese hastenden, ewig bekümmerten, finsteren, aufgeregten Menschen nicht ertragen, die neben mir auf dem Trottoir herumliefen. Woher ihre ewige Unruhe, ihre ewige Sorge, ihr unaufhörlicher Ärger! Weil sie böse, böse, böse sind. Wer ist schuld daran, daß sie unglücklich sind und nicht zu leben verstehen, obgleich sie noch sechzig Jahre vor sich haben? Warum hat Sarnizyn es dazu kommen lassen, daß er vor Hunger sterben mußte, während er noch sechzig Jahre hätte leben können? Und jeder zeigt auf seine Lumpen, auf seine abgearbeiteten Hände, ärgert sich und schreit: ‚Wir arbeiten wie Ochsen und mühen uns und sind doch arm und hungrig wie die Wölfe! Andere arbeiten nicht und mühen sich nicht und sind reich!‘ Das alte Klagelied! Iwan Fomitsch Ssurikoff, der in unserem Hause über uns lebte und ewig mit durchlöcherten Ellenbogen und abgerissenen Knöpfen umherläuft, der immer für andere Leute unterwegs und beständig auf den Beinen ist, Tag und Nacht: Fragen Sie ihn doch, was er damit erreicht? Er ist arm und krank, seine Frau starb, weil er ihr keine Medizin kaufen konnte, im Winter erfror ihm ein Kind ... die älteste Tochter muß mitverdienen ... ewig jammert er und weint er! Niemals, oh, niemals habe ich Mitleid mit diesem Mann empfunden, nicht jetzt und nicht früher – mit Stolz sage ich das! Warum ist er kein Rothschild geworden? Wer ist denn schuld daran, daß er nicht Millionen besitzt wie Rothschild, daß er nicht Berge von Imperialen und Napoleondors aufhäufen kann, solche Berge, wie man sie bei uns in der Butterwoche[24] auf dem Kirmeß aufbaut. Er lebt und kann leben, folglich ist alles in seiner Macht! Wer ist schuld daran, daß er dies nicht begreift?
Oh, jetzt ist mit das alles ganz gleichgültig, jetzt habe ich keinen Grund, mich zu ärgern; aber damals, damals, ich wiederhole es, habe ich buchstäblich in mein Kissen gebissen und vor Wahnsinn meine Decke zerrissen. Oh, wie sehnte ich mich danach, wie wünschte ich, daß man mich Achtzehnjährigen, kaum angezogen, plötzlich auf die Straße jagte und mich allein ließe, ohne Wohnung, ohne Arbeit, ohne ein Stück Brot, ohne Eltern, allein in dieser Riesenstadt, ohne einen bekannten Menschen, hungrig, zerlumpt, zerschlagen (um so besser!), doch gesund, gesund ... dann würde ich zeigen.“
„Was zeigen?“
„O glauben Sie wirklich, daß ich es nicht weiß, wie ich mich schon sowieso mit meiner Erklärung erniedrige! Wer wird mich nicht für einen dummen Jungen halten, der mit seinen achtzehn Jahren das Leben noch nicht kennt. Doch er vergißt, daß so leben, wie ich diese sechs Monate gelebt habe, gleichbedeutend ist mit leben – bis zum Greisenalter! Möge man doch lachen, möge man sagen, daß es Märchen sind, denn es ist wahr, ich habe mir selbst Märchen vorerzählt, ganze Tage und Nächte lang, und ich erinnere mich jetzt ihrer aller.
Soll ich sie mir denn jetzt wieder erzählen, jetzt, wo es Zeit ist, auch die Märchen zu lassen? Und wozu noch? Ich vertrieb mir die Zeit mit ihnen, damals, als ich einsah, daß es mir sogar versagt war, die griechische Grammatik zu lernen, da ich, wie ich mir sagen mußte, ‚kaum bis zur Syntax kommen würde, bevor ich stürbe‘. Ich warf das Buch unter den Tisch – dort liegt es jetzt noch. Matrjona wollte es aufheben, ich habe es ihr verboten.
Möge der, dem meine Erklärung in die Hände fällt, und der die Geduld hat, sie durchzulesen, möge er mich für einen Wahnsinnigen oder, noch schlimmer, für einen Gymnasiasten halten – oder richtiger: für einen zum Tode Verurteilten, dem es nur zu natürlich schien, daß alle Menschen, nur er selbst ausgenommen, das Leben nicht zu schätzen wissen, es leichtsinnig verschwenden, faul und gewissenlos sich seiner bedienen, und daß alle, bis auf den letzten, es nicht verdienen! Doch ich erkläre, daß der Leser sich irrt, wenn er glaubt, diese meine Überzeugung sei abhängig von meinem Todesurteil. Fragen Sie, fragen Sie sie doch nur, vom ersten bis zum letzten, worin ihrer Meinung nach das Glück besteht? Oh, seien Sie überzeugt, daß Kolumbus nicht damals glücklich war, als er Amerika entdeckt hatte, sondern als er es entdecken wollte; seien Sie überzeugt, daß der Augenblick seines höchsten Glückes vielleicht damals war, als drei Tage vor der Entdeckung der Neuen Welt seine Mannschaft meuterte und in der Verzweiflung schon nach Europa zurückkehren wollte! Nicht auf die Neue Welt kommt es hierbei an – hol sie der Henker! Und Kolumbus starb ja auch, fast ohne sie zu sehen, ja im Grunde genommen, ohne zu wissen, was er entdeckt hatte. Sondern auf das Leben kommt es an, einzig auf das Leben – auf das Entdecken des Lebens, das ununterbrochene und ewige Entdecken, und durchaus nicht auf das Entdeckte selbst! Doch was rede ich! Ich fürchte, daß alles, was ich soeben gesagt habe, allgemein bekannten Phrasen ähnlich ist, daß man mich für einen Schüler der unteren Klassen halten wird, der seinen Aufsatz über den ‚Sonnenaufgang‘ schreibt. Oder man wird sagen, daß ich etwas habe sagen wollen, doch bei aller Anstrengung mich nicht habe ... ‚auszudrücken‘ verstanden. Ich möchte indessen bemerken, daß von jeder neuen und genialen menschlichen Idee, oder sogar von jedem ernsten Gedanken, der in einem Menschenhirn entsteht, immer noch irgend so etwas nachbleibt, was sich auf keine Weise andern Menschen mitteilen läßt, selbst wenn man ganze Bände darüber schriebe und den Gedanken fünfunddreißig Jahre lang auslegte. Dieses eine Unbestimmbare wird um keinen Preis aus Ihrem Schädel hinausgehen wollen und wird ewig in Ihnen verbleiben. Und damit sterben Sie zu guter Letzt und nehmen so vielleicht gerade das Wichtigste von Ihrer ganzen Idee mit ins Grab. Und wenn auch ich jetzt nicht alles das wiederzugeben verstanden habe, was mich in diesen sechs Monaten gequält hat, so wird man jetzt doch wenigstens einsehen, daß ich, indem ich diese meine ‚letzte Überzeugung‘ erwarb, sie vielleicht zu teuer habe bezahlen müssen. Sehen Sie, das ist es, was ich – aus gewissen, nur mir bekannten Gründen – in meiner ‚Erklärung‘ sichtbar zu machen für notwendig hielt.
Ich fahre also fort.“
VI.
„Ich will nicht lügen: In diesen sechs Monaten hat die Wirklichkeit auch mich geködert und manches Mal dermaßen gepackt, daß ich mein Todesurteil vollständig vergaß, oder besser gesagt, nicht daran denken wollte und sogar eine Tat ausführte.
Als ich vor acht Monaten sehr schwer erkrankte, gab ich alle meine Beziehungen zu meinen früheren Kameraden auf. Da ich ein verschlossener Mensch bin, so vergaßen meine Kameraden mich bald: freilich hätten sie mich auch sowieso vergessen. Mein Leben im Hause, das heißt ‚in der Familie‘, war ein vollständig einsames. Vor fünf Monaten schloß ich mich ganz in mein Zimmer ein, niemand durfte hereinkommen, außer wenn das Zimmer aufgeräumt wurde, oder wenn man mir das Essen brachte. Meine Mutter zitterte vor mir und wagte nicht einmal zu weinen oder zu klagen, wenn ich sie zu mir hereinließ. Die kleinen Geschwister wurden von ihr geprügelt, wenn sie lärmten und mich störten, denn ich beklagte mich oft über sie; ich kann mir denken, wie sehr sie mich dafür lieben! Den ‚treuen Koljä‘, wie ich ihn nannte, habe ich wohl auch sehr gequält. In der letzten Zeit freilich hat aber auch er mich recht gepeinigt: das ist ja ganz natürlich, die Menschen sind ja auch nur dazu geschaffen, um sich gegenseitig zu quälen. Doch ich wußte, daß er meine Reizbarkeit ertrug, wie ein Mensch, der sich das Versprechen gegeben hat, einen Kranken zu schonen. Natürlich reizte mich das um so mehr: er schien dem Fürsten ‚in christlicher Demut‘ nachzueifern, was auf mich jedoch nur lächerlich wirkte. Dieser junge und feurige Knabe wird natürlich alles nachahmen; doch scheint es mir manchmal, daß es für ihn allmählich Zeit wäre, nach seinem eigenen Verstande zu leben. Ich liebe ihn sehr. Ich habe auch Ssurikoff gequält, der über uns wohnte und im Auftrage anderer Leute Tag und Nacht herumlief; ich bewies ihm jedesmal, daß er ganz allein an seinem Elend schuld sei, so daß er zuletzt seine Besuche bei mir einstellte. Er ist ein sehr demütiger Mensch, der Demütigste aller Demütigen. (NB. Man sagt, daß Demut eine furchtbare Kraft sei: man muß den Fürsten darüber befragen, denn das ist ein Ausspruch von ihm.) Doch als ich im März zu ihm hinauf ging, um nach seinem, wie Sie sagten, ‚erfrorenem‘ Kinde zu sehen und über der Leiche des Kindes zufällig zu lachen begann, während ich dem Ssurikoff wiederum bewies, daß er selbst daran ‚schuld‘ sei, da sah ich die Lippen des armen Wichtes plötzlich erzittern. Er erhob sich, faßte mich mit der einen Hand an der Schulter, mit der anderen wies er mir die Tür und leise, fast flüsternd sagte er zu mir: ‚Gehen Sie!‘ Ich ging hinaus und die Szene gefiel mir furchtbar, auch in dem Moment, als er mich hinauswarf. Aber in der Erinnerung machten seine Worte einen schweren Eindruck auf mich; ich empfand für ihn ein sonderbares, mit Verachtung gemischtes Mitleid, das ich dabei durchaus nicht empfinden wollte. Selbst in dem Augenblick einer solchen Beleidigung – ich fühlte es ja, daß ich ihn beleidigt hatte, obgleich es durchaus nicht meine Absicht gewesen war – selbst in jenem Augenblick konnte er nicht zornig werden. Seine Lippen zitterten durchaus nicht aus Zorn, ich kann es schwören: er faßte mich am Arm und sprach sein wunderbares ‚Gehen Sie‘, ohne irgendwie erzürnt zu sein. Es lag viel Würde darin, die ihm aber leider durchaus nicht stand, so daß eigentlich viel Komik dabei war. Vielleicht verachtete er mich auch nur ganz plötzlich. Seit der Zeit zog er, wenn er mir mal auf der Treppe begegnete, den Hut vor mir, was er sonst nie getan hatte, blieb aber nicht stehen wie früher, sondern lief ganz konfus an mir vorüber. Wenn er mich auch verachtete, so tat er es doch auf seine Art: er verachtete mich sozusagen ‚demütig‘. Vielleicht zog er auch seinen Hut bloß aus Furcht vor mir, weil ich der Sohn seiner Gläubigerin war, denn er schuldete meiner Mutter beständig und war niemals imstande, aus seinen Schulden herauszukommen. Und das ist sogar viel wahrscheinlicher. Ich wollte mich mit ihm aussprechen und wußte, daß er mich wohl schon nach zehn Minuten um Entschuldigung bitten würde; doch entschloß ich mich zuletzt, mich nicht weiter mit ihm abzugeben und ihn zu lassen, wie er war.
Um dieselbe Zeit, das heißt um die Zeit, in der Ssurikoff sein Kind verlor, ungefähr Mitte März, fühlte ich mich plötzlich sehr wohl und das dauerte ungefähr zwei Wochen lang. Ich ging öfters aus, besonders in der Dämmerstunde. Ich liebe diese Dämmerstunden im März, wenn die Sonne untergeht, es wieder zu frieren anfängt, und man das Gas auf den Straßen anzündet; ich ging oft sehr weit. Eines Tages hätte mich auf der Schestilawotschnaja in der Dunkelheit fast ein Herr überrannt. Ich betrachtete ihn mir genauer und bemerkte, daß er einen kurzen Sommerpaletot trug, der viel zu dünn für die Jahreszeit war. Unter dem Arm hielt er ein in Papier eingewickeltes Paket. Als er an der nächsten Straßenlaterne, ungefähr zehn Schritte vor mir, vorüberging, bemerkte ich, daß ihm etwas aus der Tasche fiel.
Ich beeilte mich, es aufzuheben und – es war die höchste Zeit, denn außer mir stürzte sich noch ein Mensch im langen Kaftan auf das Beutestück, und nur der Umstand, daß ich es schon in den Händen hielt, ließ ihn auf den Fund verzichten: nach einem flüchtigen Blick auf den Gegenstand schlüpfte er an mir vorüber. Der Gegenstand selbst war eine große saffianlederne Brieftasche, die ganz mit Papieren angefüllt war; auf den ersten Blick erkannte ich sonderbarerweise sofort, daß in ihr alles, nur kein Geld enthalten war. Der Herr hatte sich währenddessen schon auf vierzig Schritt von mir entfernt, und entschwand in der Menge alsbald meinen Blicken. Ich lief ihm nach und fing an, ihn zu rufen, doch da ich nichts anderes als ‚Hallo!‘ schreien konnte, so wandte er sich auch nicht um. Plötzlich bog er nach links ab, in das Hoftor eines Hauses. Als ich ihm aber in das Tor folgte, wo es sehr dunkel war, konnte ich nichts mehr von ihm entdecken. Das Haus gehörte zu diesen riesigen Mietskasernen, wie sie von unternehmenden Geschäftsleuten für kleine Mieter gebaut werden. In einem solchen Hause befinden sich manchmal hundert Wohnungen. Als ich gerade in den Torweg trat, schien es mir, daß in der rechten, hinteren Ecke des großen Hofes ein Mensch ging, obgleich ich ihn in der Dunkelheit nicht sehen konnte. Ich lief zur Ecke und fand einen Treppeneingang; die Treppe selbst war schmal, schmutzig und fast gar nicht erleuchtet, doch hörte ich, wie ein Mensch oben auf der Treppe ging. Ich stürzte die Treppe hinauf, ihm nach – glaubte ihn schon zu erreichen, bevor man ihm die Tür öffnete.
Die Treppe war steil, die Stiegen waren schmal; als ich auf dem dritten Treppenabsatz ankam, war ich außer Atem. Im fünften Stock wurde eine Tür geöffnet und wieder geschlossen. Bis ich das Stockwerk erreicht und bis ich die Klingel gefunden hatte, vergingen einige Minuten. Mir öffnete endlich ein altes Mütterchen, das in der winzig kleinen Küche den Ssamowar anmachte; sie hörte schweigend meine Frage an, die sie natürlich überhaupt nicht begriff, schweigend öffnete sie mir die Tür ins nächste Zimmer, einem ebenso kleinen und engen, schlecht möblierten Raum, in dem sich auf einem großen, breiten Bett mit Vorhängen ein scheinbar Betrunkener, den die Alte mit Terentjitsch anredete, ausgestreckt hatte. Auf dem Tisch brannte in einem eisernen Leuchter ein Lichtstumpf. Daneben stand eine fast geleerte Halbliterflasche Branntwein. Terentjitsch brummte mir etwas zu und wies ohne sich aufzurichten auf die nächste Tür.
Die Alte war fortgegangen, so daß mir nichts anderes übrigblieb, als diese Tür zu öffnen. Das tat ich denn auch und trat ins nächste Zimmer.
Dieses Zimmer war noch kleiner und enger, so daß ich nicht wußte, wohin ich treten sollte; das schmale, einschläfrige Bett in der Ecke nahm fast den ganzen Raum ein, die übrige Einrichtung bestand aus drei einfachen Stühlen, die mit allerlei Lumpen bepackt waren, und einem ganz einfachen Küchentisch, der vor einem kleinen alten, wachstuchbezogenen Divan stand. Zwischen Bett und Tisch gab es keinen Raum mehr zum Durchgehen. Auf dem Tisch stand gleichfalls wie im anderen Zimmer ein eiserner Leuchter, in dem ein Talglicht brannte. Im Bette schrie ein kleiner Säugling, vielleicht drei Wochen alt, nach seinem Schreien zu urteilen. Eine bleiche, kranke junge Frau, in tiefem Negligé, die wohl erst vor kurzem das Wochenbett verlassen hatte, wechselte dem Kleinen die Windeln. Das Kind schrie ohne aufzuhören nach der Mutterbrust. Auf dem Divan schlief ein dreijähriges kleines Mädchen, das mit einem Rock zugedeckt war. Am Tisch stand der Herr, in einem sehr abgetragenen Anzug, den Paletot hatte er bereits abgelegt und aufs Bett geworfen – er war eben im Begriff, ein Stück Brot und zwei kleine Würstchen aus einem blauen Papier zu wickeln. Auf dem Tisch stand ferner eine Teekanne mit Tee und außerdem lagen Schwarzbrotstückchen auf ihm herum. Unter dem Bett sah ich einen offenen Reisekoffer und zwei Bündel mit allerlei Kleidungsstücken und Lumpen. Mit einem Wort, es war eine schreckliche Unordnung in dem kleinen Raum. Ich erkannte sofort, daß sie beide, der Herr und die Frau, anständige Leute waren, die die Armut in diesen erniedrigenden Zustand versetzt hatte, der jeden Versuch eines Widerstandes aufhebt und die Leute dazu bringt, daß sie in der Unordnung ein gewisses, bitteres Gefühl der Genugtuung empfinden.
Als ich eintrat, war der Herr beim Auspacken seiner Einkäufe in einem lebhaften Gespräch mit seiner Frau begriffen; diese, noch mit dem Wickeln beschäftigt, brach in Schluchzen aus; die Nachrichten, die er ihr brachte, mußten schlecht gewesen sein. Das Gesicht ihres Mannes, das mager und gebrannt war – er trug einen schwarzen Backenbart mit glattrasiertem Kinn –, schien mir sehr sympathisch; es war ernst, die Augen blickten düster, mit einem gewissen krankhaften Ausdruck von Stolz. Er mochte achtundzwanzig Jahre zählen. Als ich eintrat, spielte sich eine eigentümliche Szene ab.
Es gibt Leute, denen es ein Genuß ist, sich ihrer reizbaren Empfindlichkeit ganz hinzugeben, besonders wenn sie, was sehr leicht geschieht, außer sich geraten können – in einem solchen Augenblick ist es ihnen sogar angenehm, beleidigt zu werden. Diese Reizbaren bereuen ihre Heftigkeit nachher sehr, wenn sie klug sind, versteht sich, und imstande, sich einzugestehen, daß der Grund zu ihrer Heftigkeit ein viel zu geringer war. Der Herr sah mich zuerst ganz erstaunt an und die Frau starrte mich geradezu wie ein Gespenst an, denn – wie konnte jemand zu ihnen kommen? Plötzlich stürzte er mir wie ein Wahnsinniger entgegen; ich konnte kaum ein paar Worte stammeln. Offenbar fühlte er sich gekränkt, als er sah, daß ich anständig angezogen war und daß ich es wagte, so ohne weiteres bei ihm einzutreten, und daß ich nun die Unordnung erblickte, deren er sich selbst so sehr schämte. Andererseits freute es ihn, einen Anlaß gefunden zu haben, an mir die ganze Wut über sein Mißgeschick auszulassen. Einen Augenblick dachte ich, daß er sich wirklich auf mich stürzen würde: er erbleichte wie in einem hysterischen Anfall und erschreckte seine Frau aufs äußerste.
‚Wie wagen Sie es, so einzutreten? Hinaus!‘ schrie er, zitternd vor Wut und kaum fähig, die Worte auszusprechen. Doch plötzlich bemerkte er seine Brieftasche in meinen Händen.
‚Ich glaube, Sie haben sie verloren,‘ sagte ich so ruhig und trocken wie möglich.
Er stand wie vor Schreck gelähmt da, als könne er nichts begreifen; darauf griff er nach seiner Seitentasche, riß den Mund weit auf und schlug sich vor die Stirn.
‚Mein Gott! Wo haben Sie sie gefunden? Auf welche Weise?‘
Ich erzählte ihm alles mit ein paar kurzen Worten und nach Möglichkeit sachlich und ruhig erklärend, wie ich das Ding aufgehoben, wie ich ihm nachgelaufen und ihn angerufen ...
‚Oh, mein Gott!‘ rief er aus und wandte sich an seine Frau, ‚das sind alle unsere Dokumente, auch meine letzten Instrumente sind dabei ... oh, geehrter Herr, wissen Sie auch, was Sie für mich getan haben? Ich wäre sonst verloren! ...‘
Ich griff nach der Türklinke, um mich zu entfernen; doch war ich selbst außer Atem und es überfiel mich ein so starker Husten, daß ich mich kaum auf den Füßen halten konnte. Ich sah, wie der Herr für mich nach einem Stuhl suchte, wie er die Lappen, die auf dem Stuhl lagen, auf den Fußboden warf, sich beeilte, ihn mir zu reichen und mich vorsichtig auf den Stuhl zog. Doch mein Husten wollte nicht aufhören. Als ich endlich zu mir kam, saß er auf einem anderen Stuhl vor mir und betrachtete mich aufmerksam.
‚Sie sind leidend ... wie es scheint?‘ sagte er in dem Tone eines Arztes zu einem Kranken. ‚Ich bin selbst ... Mediziner‘ – er sagte nicht Doktor – und er wies mit der Hand auf das Zimmer, als protestiere er gegen seine jetzige Lage. ‚Ich sehe, daß Sie ...‘
‚Schwindsüchtig sind,‘ sagte ich so trocken wie möglich und stand auf.
Auch er sprang auf.
‚Sie übertreiben vielleicht ... und wenn Mittel dagegen ...‘
Er konnte immer noch nicht ganz zu sich kommen; seine Brieftasche hielt er in der linken Hand.
‚Oh, beunruhigen Sie sich nicht,‘ unterbrach ich ihn wieder und griff nach der Türklinke, ‚mich hat in der vergangenen Woche B–n untersucht, mein Schicksal ist entschieden. Entschuldigen Sie ... die Störung ...‘
Ich wollte die Tür wieder öffnen und meinen verwirrten, dankbaren und beschämten Doktor verlassen, doch packte mich der verfluchte Husten von neuem. Der Doktor bestand darauf, daß ich mich nochmals hinsetzte und ausruhte. Er wandte sich zu seiner Frau, und diese sagte mir, von ihrem Platze aus, ein paar dankbare und freundliche Worte. Sie wurde dadurch selbst sehr verwirrt und auf ihre bleichen, eingefallenen Wangen trat eine helle Röte. Ich blieb, doch verhielt ich mich so, daß ich jeden Augenblick bereit war zu gehen, weil ich sie nicht stören wollte. Die Reue quälte den Doktor jetzt aufs höchste, wie ich bemerkte.
‚Wenn ich ...‘ begann er verwirrt in abgerissenen Sätzen. ‚Ich bin Ihnen so dankbar und so schuldig vor Ihnen ... ich ... Sie sehen ...‘ Er wies wieder auf das Zimmer, ‚augenblicklich befinde ich mich in einer Lage ...‘
‚Oh,‘ sagte ich, ‚das ist keine Seltenheit! Sie haben wahrscheinlich Ihre Stellung verloren und sind hierher gekommen, um den Sachverhalt hier auseinanderzusetzen und eine neue zu erhalten?‘
‚Woher ... wissen Sie denn das?‘ fragte er mich mit Verwunderung.
‚Das sieht man doch auf den ersten Blick,‘ antwortete ich, unwillkürlich etwas spöttisch. ‚Es kommt so mancher aus der Provinz mit großen Hoffnungen hierher, müht sich hier ab und lebt so wie Sie.‘
Da fing er plötzlich zu reden an; leidenschaftlich, mit zitternden Lippen erzählte er alles: wie es ihm ergangen war, und ich muß gestehen – es interessierte mich sehr. Ich blieb daher fast eine Stunde lang bei ihm. Seine Geschichte war übrigens eine ganz gewöhnliche: er war Arzt in der Provinz gewesen, hatte eine staatliche Anstellung gehabt. Man intrigierte aber gegen ihn und sogar gegen seine Frau. Er war stolz, hitzköpfig. Ein neuer Vorgesetzter kam ins Gouvernement und handelte zugunsten seiner Feinde, die sich über ihn beklagt hatten. Er verlor die Stellung und reiste mit seinen letzten Mitteln nach Petersburg, um sich hier vor den Behörden zu rechtfertigen. In Petersburg, wie das ja bekannt ist, wollte man ihn jedoch zuerst gar nicht hören, dann wies man seinen Antrag ab, dann wurde er durch Versprechungen hingehalten, darauf antwortete man ihm mit einem Verweis, darauf befahl man ihm, eine Verteidigungsschrift einzureichen, darauf eine Bittschrift – mit einem Wort, er bemühte sich schon den fünften Monat vergebens, hatte alles verbraucht, die letzten Sachen seiner Frau versetzt; schließlich wurde auch noch das Kindchen geboren und ... und heute hatte er den endgültigen abschlägigen Bescheid auf seine eingereichte Bittschrift erhalten, und besaß nun kein Brot mehr, kein Geld, nichts mehr. Die Frau in den Wochen er ... er ...
Er sprang vom Stuhl auf und wandte sich ab. In der Ecke weinte seine Frau, das Kind fing an zu schreien. Ich zog mein Notizbuch heraus und notierte mir etwas. Als ich damit fertig war und aufstand, stand er vor mir und sah mich mit neugierigen, ängstlichen Blicken an.
‚Ich habe mir Ihren Namen aufgeschrieben,‘ sagte ich zu ihm, ‚und alles übrige: den Ort Ihrer Anstellung, den Namen des Gouverneurs, das Datum. Ich habe einen Schulkameraden, Bachmutoff, der hat einen Onkel Pjotr Matwejewitsch Bachmutoff, wirklicher Staatsrat und Direktor ...‘
‚Pjotr Matwejewitsch Bachmutoff!‘ rief mein Arzt fast zitternd aus. ‚Von ihm hängt ja fast alles ab!‘
Und in der Tat, die Geschichte meines Mediziners, in die ich so unfreiwillig eingreifen sollte, wickelte sich von nun an günstig ab, ganz als ob alles in ihr, wie in Romanen, im voraus darauf vorbereitet gewesen wäre. Fürs erste jedoch sagte ich diesen armen Leuten, daß sie auf mich keine Hoffnungen setzen möchten, daß ich selbst ein armer Gymnasiast sei (ich übertrieb absichtlich, ich hatte schon längst das Gymnasium beendet) und daß sie meinen Namen nicht zu wissen brauchten, daß ich jedoch sofort zu meinem Kameraden Bachmutoff gehen wollte, dessen Onkel wirklicher Staatsrat, Junggeselle und kinderlos sei und der seinen Neffen daher leidenschaftlich lieb habe und in ihm den letzten Sproß seiner Familie sähe. Vielleicht würde mein Kamerad etwas für sie tun und für sie beim Onkel ...
‚Wenn ich doch nur eine Audienz bei Seiner Exzellenz erhalten könnte! Wenn man mir doch die Ehre verschaffen würde, mein Gesuch mündlich aussprechen zu dürfen!‘ Er zitterte wie im Fieber und seine Augen glänzten.
Ich wiederholte noch einmal, daß ich der Sache durchaus nicht sicher sei und fügte noch hinzu, daß, wenn ich morgen früh nicht zu ihnen käme, die Sache gescheitert wäre und sie nichts mehr zu erwarten hätten. Sie begleiteten mich unter Danksagungen zur Tür hinaus. Sie waren einfach außer sich; nie werde ich den Ausdruck dieser Gesichter vergessen. Ich nahm eine Droschke und fuhr sofort nach dem Wassiljewskij Ostroff[25] zu Bachmutoff.
Mit diesem Bachmutoff stand ich mich im Gymnasium während mehrerer Jahre auf feindlichem Fuße. Bei uns wurde er als Aristokrat angesehen, wenigstens habe ich ihn so genannt: er kleidete sich ausgezeichnet, hatte seine eigenen Pferde, tat aber niemals wichtig, war ein vorzüglicher Kamerad, immer außerordentlich lustig, zuweilen sogar witzig, obgleich sein Verstand nicht von weitem her war, wenn er auch in der Klasse als einer der Ersten galt, während ich niemals und in keinem Fache Erster war. Alle Kameraden liebten ihn, ich war der einzige, der ihn nicht liebte. Er kam mir des öfteren in diesen Jahren entgegen, doch wandte ich mich jedesmal finster und gereizt von ihm ab. Jetzt hatte ich ihn schon seit einem Jahr nicht mehr gesehen: er besuchte die Universität. Als ich nun um neun Uhr abends zu ihm kam, feierlich und umständlich angemeldet wurde, empfing er mich zuerst mit Verwunderung und nicht gerade sehr entgegenkommend, doch alsbald wurde er heiter und plötzlich lachte er laut auf.
‚Wie ist das möglich, daß Sie mich aufgesucht haben, Terentjeff?‘ rief er mit seiner liebenswürdigen Ungezwungenheit aus, die nie beleidigte und um derentwillen ich ihn so haßte. ‚Aber was ist denn mit Ihnen,‘ rief er plötzlich erschrocken, ‚sind Sie krank!‘
Der Husten quälte mich wieder, ich fiel auf einen Stuhl und konnte kaum atmen.
‚Beunruhigen Sie sich nicht, ich habe nur die Schwindsucht,‘ sagte ich, ‚ich bin mit einer Bitte zu Ihnen gekommen.‘
Er setzte sich vor Verwunderung, und ich erzählte ihm sofort die ganze Geschichte und bat ihn, da er doch einen so großen Einfluß auf seinen Onkel hätte, vielleicht etwas für die Leute zu tun.
‚Das werde ich, das werde ich unbedingt, ich werde morgen sofort zu meinem Onkel gehen; ich bin sogar sehr froh, Ihnen gefällig sein zu können, Sie haben so hübsch erzählt ... Doch wie sind Sie, Terentjeff, darauf verfallen, sich gerade an mich zu wenden?‘
‚Von Ihrem Onkel hängt hier alles ab, und wir waren außerdem immer Feinde. Da Sie, Bachmutoff, ein Gentleman sind, so dachte ich, daß Sie einem Feinde niemals etwas abschlagen würden,‘ fügte ich etwas ironisch hinzu.
‚Ganz wie Napoleon sich an England wandte!‘ rief er laut lachend. ‚Ich werde es tun, ich werde es tun! Ich gehe sofort, wenn es noch möglich ist!‘ fügte er eifrig hinzu, als er sah, daß ich mit ernster Miene mich vom Stuhl erhob.
Und wirklich nahm die Angelegenheit ganz unerwarteterweise einen sehr günstigen Verlauf. Nach anderthalb Monaten erhielt unser Doktor wieder eine Stelle in einem anderen Gouvernement, erhielt obendrein das Reisegeld und eine Unterstützung. Ich vermute, daß Bachmutoff sie besucht hat, während ich es unterließ, hinzugehn und den Doktor sehr trocken bei mir empfing – auch vermute ich, daß Bachmutoff dem Doktor Geld vorgeschossen hat. Mit Bachmutoff traf ich im Laufe dieser sechs Wochen zweimal zusammen, das drittemal sahen wir uns, als wir den Abschied des Doktors feierten. Die Abschiedsfeier veranstaltete Bachmutoff in seinem Hause, ein Diner mit Champagner, an dem auch die Frau des Doktors teilnahm. Es war zu Anfang Mai, der Abend war hell, die Sonne sank groß und rot ins Meer. Bachmutoff begleitete mich nach Haus. Wir gingen über die Nikolaibrücke – beide hatten wir etwas getrunken. Bachmutoff sprach seine Freude darüber aus, daß diese Sache ein so gutes Ende genommen hatte, dankte mir dafür, sagte mir, wie gut er sich nach dieser Tat fühle, versicherte mir, daß nur mir alles Verdienst an ihr zukomme, und meinte: ‚Es ist doch ganz unsinnig, was jetzt einige Menschen bei uns predigen, daß eine einzelne gute Tat nichts zu bedeuten habe!‘ Auch ich befand mich in einer redseligen Stimmung.
‚Wer die persönliche ‚gute Tat‘ anzugreifen wagt, der greift die Natur des Menschen an und verachtet den Wert der Persönlichkeit. Doch die Frage der persönlichen Freiheit und die Frage der ‚organisierten Unterstützung‘ sind zwei ganz verschiedene Fragen, wenn sie sich gegenseitig auch nicht auszuschließen brauchen. Die einzelne gute Tat wird immer bestehen bleiben, denn sie ist ein Bedürfnis der Persönlichkeit, das lebendige Bedürfnis des unmittelbaren Einflusses des einen Menschen auf den andern. In Moskau lebte früher ein alter General, das heißt, er war ein wirklicher Staatsrat, mit deutschem Namen. Er ging sein ganzes Leben lang in den Gefängnissen und unter den Verbrechern umher. Jeder Verbrechertrupp, der nach Sibirien abging, wußte schon im voraus, daß auf den ‚Sperlingsbergen‘[26] ‚der alte General‘ sie besuchen werde. Er erfüllte seine Pflicht mit Ernst und Andacht; er erschien, ging die Reihen der Verschickten ab, blieb bei jedem von ihnen stehen, fragte jeden nach seinen Bedürfnissen, machte niemandem einen Vorwurf und redete sie alle mit ‚Täubchen‘ an. Er gab jedem von ihnen Geld, schickte ihnen die notwendigsten Dinge, Tücher, Fußlappen usw., brachte zuweilen Andachtsbücher mit und gab sie denjenigen, die da lesen konnten, und war fest davon überzeugt, daß sie dieselben unterwegs auch wirklich lesen und den Kameraden, die nicht zu lesen verstanden, vorlesen würden. Nach der Art des Verbrechens fragte er nie, er hörte nur zu, wenn der Verbrecher selbst davon zu sprechen anfing. Alle Verbrecher standen bei ihm auf der gleichen Stufe, einen Unterschied gab es für ihn nicht. Er sprach mit ihnen wie mit seinen Brüdern, und sie betrachteten ihn zuletzt als ihren Vater. Wenn er eine Verschickte sah, die ein Kind auf den Armen trug, so ging er zu ihr, streichelte das Kind und schnippte mit den Fingern, um es lächeln zu machen. Und das tat er eine ganze Reihe von Jahren bis zu seinem Tode. Alle Verbrecher in ganz Rußland und ganz Sibirien kannten ihn. Mir erzählte selbst ein ehemaliger Verschickter aus Sibirien, daß er Zeuge gewesen, wie sich die eingefleischtesten Verbrecher des ‚alten Generals‘ erinnerten, obgleich der General nie mehr als zwanzig Kopeken pro Person geben konnte. Nicht, daß sie seiner mit Dank und Rührung dachten! Irgendeiner der ‚Unglücklichen‘, der vielleicht zwölf Seelen auf dem Gewissen und sechs Kinder nur so zu seinem Vergnügen getötet hatte – man sagt, daß es solche geben soll –, erinnerte sich seiner plötzlich, mir nichts dir nichts, und vielleicht auch nur einmal in zwanzig Jahren, seufzte und sagte: ‚Sollte der alte General am Ende noch immer leben?‘ Und dabei lächelte er – und das war alles. Doch, wer kann es wissen, welch ein Samenkorn der ‚alte General‘, den er in zwanzig Jahren nicht vergessen, ihm auf ewig in die Seele gepflanzt hat? Was wissen Sie, Bachmutoff, welch eine Bedeutung diese Aufnahme des einen Menschen in die Seele des andern im Schicksal eines Menschen haben kann? ... Da ist ein ganzes Leben mit seinen zahllosen uns verborgenen Verzweigungen. Der beste, scharfsinnigste Schachspieler kann nur einige kleine Züge voraussehen; von einem französischen Schachspieler, der zehn Schachzüge vorausberechnen konnte, berichtete man wie von einem Weltwunder. Wieviel Züge des Lebens aber sind uns bekannt? Indem Sie Ihr Samenkorn ausstreuen, Ihre ‚Tat‘ vollbringen, geben Sie, in welcher Form es auch sei, einen Teil Ihrer Persönlichkeit hin und nehmen den Teil der anderen Persönlichkeit in sich auf; in dieser Wechselbeziehung stehen Sie beide zueinander. Schenken Sie dieser Tatsache nur ein wenig Ihre Aufmerksamkeit und Sie werden durch die unerwartetsten Entdeckungen belohnt werden. Sie werden zuletzt auf dieses Tatsachenmaterial wie auf eine Wissenschaft sehen; sie absorbiert Ihr ganzes Leben und kann sogleich auch Ihr ganzes Leben ausfüllen. Andererseits können alle Ihre Gedanken, alle die Samenkörner, die Sie ausgestreut haben und die von Ihnen selbst vielleicht vergessen worden sind, in anderen wachsen und Früchte tragen. Und woher können Sie wissen, welch einen Anteil Sie an der zukünftigen Entscheidung der Geschicke des Menschengeschlechts haben werden? Wenn diese Erkenntnis und ein ganzes Leben solcher Arbeit Sie dazu befähigt, einen einzigen großen Gedanken der Menschheit zu hinterlassen, so haben Sie – Ihre Lebensaufgabe erfüllt ...‘ usw. ich habe damals viel gesprochen.
‚Und wenn man bedenkt, daß gerade Ihnen, Ihnen das Leben versagt ist!‘ rief Bachmutoff, mit heißem Vorwurf an einen Unbekannten, plötzlich aus.
Wir standen gerade auf der Nikolaibrücke und blickten, die Arme aufgestützt, auf die Newa.
‚Wissen Sie, was mir durch den Kopf geht?‘ Dabei bog ich mich weit über das Geländer.
‚Doch nicht etwa, ins Wasser zu springen?‘ rief Bachmutoff fast erschrocken aus. Vielleicht hatte er diesen Gedanken in meinem Gesicht gelesen.
‚Nein, vorläufig war es nur ein Gedanke. Angenommen, ich habe noch zwei bis drei, vielleicht auch noch vier Monate zu leben, und ich hätte nun den großen Wunsch, noch eine gute Tat zu vollführen, die viel Arbeit und Mühe verlangt. So müßte ich in meinem Falle auf sie verzichten. Geben Sie doch zu, daß es ein drolliger Gedanke ist!‘
Der arme Bachmutoff quälte sich meinetwegen sehr; er begleitete mich nach Haus und war so taktvoll, daß er die ganze Zeit über schwieg. Er verabschiedete sich von mir, drückte mir herzlich die Hand und bat um die Erlaubnis, mich besuchen zu dürfen. Ich antwortete ihm, daß er, wenn er etwa als ‚Tröster‘ zu mir käme, mich jedesmal an den Tod erinnern würde. Er zuckte mit den Achseln und gab mir recht; wir verabschiedeten uns höflich voneinander, höflicher als ich es erwartet hatte.
An diesem Abend und in dieser Nacht wurde der erste Keim zu meiner ‚letzten Überzeugung‘ gelegt. Ich klammerte mich an diese neue Idee, überlegte sie mir mit allen ihren Folgen – ich schlief die ganze Nacht nicht – und je mehr ich mich in sie vertiefte, desto mehr erschrak ich über sie. Zuletzt packte mich eine wahnsinnige Angst, die mich die ganzen folgenden Tage nicht mehr verließ. Und wenn mir diese Angst zum Bewußtsein kam, so erstarrte ich zu Eis; ich fühlte, daß diese ‚letzte Überzeugung‘ von mir Besitz ergriffen hatte und mich nun sicher zu einem Entschluß führen würde. Doch zum Entschluß fehlte mir noch die Kraft. Nach drei Wochen war auch das überwunden, und die Kraft kam mir durch einen sehr sonderbaren Umstand.
Ich verzeichne hier in meiner Erklärung alle diese Daten. Die können mir freilich jetzt ganz gleichgültig sein, doch wünsche ich, daß diejenigen, die mein Vorhaben beurteilen werden, klar sehen, aus welcher logischen Kette von Schlüssen meine ‚letzte Überzeugung‘ entsprungen ist. Ich schrieb soeben, daß die Kraft, die mir zur Ausführung meiner ‚letzten Überzeugung‘ noch fehlte, mir durchaus nicht aus einer logischen Folgerung kam, sondern durch einen sonderbaren Stoß von außen, also von ganz äußerlichen Umständen her, die, vielleicht, mit dem Gang der Sache in keinerlei Zusammenhang standen. Vor zehn Tagen erschien bei mir Rogoshin in einer Angelegenheit, die ich hier zu erwähnen für unnütz halte. Ich hatte Rogoshin niemals früher gesehen, doch viel von ihm gehört. Ich gab ihm die verlangte Auskunft und er ging bald darauf fort, und da zwischen uns überhaupt keine Beziehungen bestanden, so war die Sache damit zu Ende. Doch fing er mich plötzlich sehr zu interessieren an und den ganzen Tag über stand ich unter dem Einfluß der sonderbarsten Ideen, so daß ich mich endlich entschloß, am nächsten Tage zu ihm hinzugehen und seinen Besuch zu erwidern. Rogoshin war augenscheinlich nicht sehr erfreut darüber und ließ sogar durchblicken, daß er nicht geneigt sei, diese Bekanntschaft mit mir fortzusetzen; doch erlebten wir – denn ich glaube auch er – eine sehr interessante Stunde zusammen. Zwischen uns bestand ein solcher Gegensatz, daß er uns beiden ganz unmöglich nicht auffallen konnte, besonders mir nicht: ich war ein Mensch, dessen Tage gezählt waren, und er – voll Leben, voll unmittelbarem Leben, ohne jede Sorge um die ‚letzten‘ Schlüsse oder Zahlen oder was es sonst wäre, wenn es sich nur nicht darum handelte, was er ... worauf er ... nun, wovon er besessen war. Möge mir Herr Rogoshin diesen Ausdruck verzeihen, wie etwa, sagen wir, einem schlechten Schriftsteller, der seine Gedanken nicht auszudrücken vermag. Ungeachtet seiner Unliebenswürdigkeit erschien er mir als ein Mensch von großem Verstande, obgleich ihn kaum etwas für ihn Nebensächliches interessierte. Ich sagte ihm nichts von meiner ‚letzten Überzeugung‘, doch schien es mir, als hätte er sie aus meinen Bemerkungen erraten. Er schwieg, er war schrecklich schweigsam. Ich sagte zu ihm, als ich fortging, daß ungeachtet aller Unterschiede zwischen uns und aller Gegensätze – les extrêmes se touchent[29] – er von meiner letzten Überzeugung vielleicht gar nicht so weit entfernt sei, wie es scheine. Darauf antwortete er mir nur mit einer düster-bitteren Grimasse, stand auf, suchte selbst meine Mütze, tat, als ob ich die Absicht geäußert hätte, fortzugehen und führte mich einfach aus seinem dunklen, großen Hause hinaus, dem Anscheine nach, als gebe er mir aus Höflichkeit das Geleit. Sein Haus schien mir wie ein Totenhaus, doch lebte er offenbar gern in ihm, und übrigens ist das verständlich: ein so volles unmittelbares Leben, wie er es lebt, braucht keine andere Umgebung.
Dieser Besuch bei Rogoshin ermüdete mich sehr. Außerdem fühlte ich mich schon seit dem Morgen nicht gut; gegen Abend war ich so schwach, daß ich mich zu Bett legen mußte, ich hatte starkes Fieber und phantasierte dabei über alles das, wovon er gesprochen und wovon wir uns unterhalten hatten. Wenn meine Augen minutenlang zufielen, sah ich sofort Iwan Fomitsch Ssurikoff, der anscheinend Millionen erhalten hatte. Er wußte nicht, was er mit ihnen anfangen sollte, rang die Hände über seinem Haupte, zitterte vor Furcht, daß sie ihm gestohlen werden könnten und entschloß sich zuletzt, sie irgendwo zu vergraben. Ich riet ihm, aus diesem Golde einen Sarg für sein ‚erfrorenes Kind‘ machen zu lassen und darum das Kind so schnell wie möglich auszugraben. Diesen Spott hielt Ssurikoff unter Tränen der Dankbarkeit für Ernst und schritt sofort zur Ausführung seines Planes. Ich spuckte aus und kehrte ihm den Rücken. Koljä versicherte mir, als ich zu mir kam, daß ich durchaus nicht geschlafen, vielmehr die ganze Zeit mit ihm über Ssurikoff gesprochen hätte. Von Zeit zu Zeit überkam mich schreckliche Verzweiflung, so daß Koljä sehr beunruhigt darüber fortging. Als ich aufstand, um die Tür hinter ihm zuzuschließen, erinnerte ich mich plötzlich des Bildes, das ich bei Rogoshin in einem großen, düsteren Saal über der Tür gesehen hatte. Rogoshin selbst wies im Vorübergehen darauf hin, ich glaube, ich betrachtete es fünf Minuten lang. In ihm war nichts schön im künstlerischen Sinne, doch erfüllte es mich mit Unruhe.
Das Bild war eine Kreuzabnahme Christi. Sonst stellen die Maler gewöhnlich Christus am Kreuze oder nach der Kreuzabnahme immer noch in der außergewöhnlichen Schönheit seiner verklärten Züge dar und diese Schönheit versuchen sie ihm selbst bei den schrecklichsten Qualen beizulegen. Auf dem Bilde bei Rogoshin konnte jedoch von Schönheit nicht die Rede sein: das war der wirkliche Leichnam eines Menschen, der noch vor der Kreuzigung die endlosesten Qualen erlitten hatte. Da sah man Wunden von Geißelhieben und den Mißhandlungen durch das Volk, als Er das Kreuz tragen mußte und unter dem Kreuze zusammenbrach, und, zum Schluß noch die (nach meiner Berechnung) sechsstündigen Qualen am Kreuze. Wahrhaftig, die Züge dieses Menschen, der soeben vom Kreuze genommen worden ist, enthielten noch etwas Lebendiges, Warmes, sie waren noch nicht erstarrt, ein Hauch von Leiden, ein Empfinden des Schmerzes schien noch aus ihnen zu sprechen, und das war ganz wundervoll von dem Künstler wiedergegeben. Nichts war beschönigt in diesem Gesicht, es war die reine Natur und genau so muß der Leichnam eines Menschen aussehen, wer er auch sei, nach solchen Qualen. Ich weiß, daß die christliche Kirche in den ersten Jahrhunderten das Dogma aufgestellt hat, daß Christus nicht nur bildlich gelitten, sondern wirklich und leibhaftig gelitten habe und daß sein Leib am Kreuze vollständig den Gesetzen der Natur unterworfen gewesen sei. Auf dem Bilde nun war das Gesicht von Stöcken zerschlagen, angeschwollen, mit blauen, blutunterlaufenen Flecken, die Augen starrten aus weit geöffneten Lidern. Und sonderbar, wenn man nun auf den Leichnam dieses gequälten Menschen sah, so drängte sich einem die eigentümliche Frage auf: wenn alle die Jünger, seine zukünftigen Apostel, die Frauen, die ihm folgten und die am Kreuze standen, alle die an ihn und sein Göttliches glaubten, diesen Leichnam gesehen haben – und es muß doch ein Leichnam gewesen sein – wie konnten sie da, nachdem sie diesen Leichnam gesehen hatten, noch glauben, daß er auferstehen würde? Unwillkürlich mußte man sich sagen: wenn der Tod so schrecklich und die Gesetze der Natur so stark sind, wie kann man sie dann überwinden? Wie sie besiegen, wenn selbst Er sie nicht überwand, Er, der die Natur zu seinen Lebzeiten besiegte, und dem sie sich unterwarf, Er, der ausrufen konnte: ‚stehe auf‘ – und das Mädchen stand auf! – und der Lazarus dem Grabe entriß? Die Natur erschien auf diesem Bilde als großes, unüberwindbares und stummes Tier, oder, besser gesagt, obgleich es sonderbar klingt, – wie eine ungeheure Maschine neuester Konstruktion, die ganz sinnlos und gefühllos dieses große und herrliche Wesen ergriff, es stumpfsinnig zerkaute und zermalmte –, dieses Wesen, das mehr wert war, als die ganze Natur und ihre Gesetze, und zu dessen Hervorbringung die ganze Natur vielleicht überhaupt nur geschaffen worden war. Dieses Bild war gleichsam gemalt worden, nur um einem diese dunkle, gemeine und sinnlose Kraft, der alles unterlegen ist, zum Bewußtsein zu bringen. Die Menschen, die den Toten damals umgaben und die man auf dem Bilde gar nicht sieht, mußten an diesem Abend einen großen Schrecken und Kummer erlebt haben, da alle ihre Hoffnungen auf einmal vernichtet waren. Sie mußten in schrecklicher Angst auseinander gegangen sein, obgleich ein jeder von ihnen eine große Idee mit sich trug, die ihm schon nicht mehr genommen werden konnte. Und wenn der Meister selbst am Vorabend seiner Hinrichtung dieses Bild seines Leichnams hätte sehen können, wer weiß, ob er sich hätte kreuzigen lassen? Auch diese Frage beschäftigte einen unwillkürlich, wenn man auf das Bild sah.
Alles das ging mir stückweise durch den Sinn, halb in Fieberphantasien, zum Teil in Halbschlummer, ungefähr ganze anderthalb Stunden nachdem Koljä mich verlassen hatte. Ich konnte in Bildern sehen, was sonst kein Bildnis offenbart. Und mir schien von Zeit zu Zeit, daß ich diese sonderbare und unmögliche Form, diese unendliche Kraft, dieses taube, dunkle und stumme Wesen mit meinen leiblichen Augen erblicken könnte. Ich weiß noch, es war mir, als führte mich jemand an der Hand, mit einem Licht in der andern und der zeigte mir eine riesige, widerliche Tarantel und versicherte mir, daß dieses Tier jenes dunkle taube und allmächtige Wesen sei und er lachte über meinen Unwillen.
In meinem Zimmer brennt unter dem Heiligenbild in der Nacht die kleine Lampe – ein trübes flackerndes Lichtlein –, doch kann man alles im Zimmer sehen und unter der Lampe sogar lesen. Ich glaube, es war schon ein Uhr nachts; ich schlief nicht, ich lag mit offenen Augen, als plötzlich die Türe meines Zimmers sich öffnete und Rogoshin eintrat.
Er trat ein, schloß dann die Tür, sah mich schweigend an, ging in die Ecke und setzte sich auf den Stuhl, der immer unter dem Heiligenbilde steht. Ich war sehr erstaunt und sah ihn erwartungsvoll an. Rogoshin stützte sich mit seinen beiden Ellenbogen auf den Tisch und fing auch seinerseits an, mich schweigend anzusehen. So vergingen zwei, drei Minuten und sein Schweigen beleidigte und ärgerte mich. Warum spricht er nicht? Daß er so spät zu mir gekommen war, das wunderte mich, weiß Gott, gar nicht. Sogar im Gegenteil: Ich hatte am Morgen bei ihm meinen Gedanken nicht voll ausgesprochen, doch hatte er ihn wohl verstanden; er hätte also deswegen, um sich mit mir auszusprechen, sehr gut zu mir kommen können, wenn es auch schon etwas spät war. Ich dachte denn auch sofort daran, daß er deshalb gekommen sei. Am Morgen hatten wir uns fast feindlich verabschiedet und ich hatte bemerkt, wie er mich zweimal sehr spöttisch betrachtet. Und diesen Spott sah ich jetzt wieder in seinen Augen – das war es, was mich beleidigte. Daß ich tatsächlich Rogoshin vor mir sah und nicht etwa eine Erscheinung, eine Fieberphantasie, daran zweifelte ich keinen Augenblick. Mir kam nicht einmal der Gedanke an diese Möglichkeit.
Inzwischen blieb Rogoshin ruhig sitzen und betrachtete mich spöttisch. Ich stützte mich wütend gleichfalls mit beiden Ellenbogen auf mein Kopfkissen und beschloß, wie er zu schweigen, selbst wenn wir die ganze Zeit so verbringen sollten. Ich wollte durchaus, daß er als erster zu sprechen anfinge. Ich glaube, wir schwiegen ungefähr zwanzig Minuten so. Plötzlich kam mir der Gedanke: wenn das nun aber gar nicht Rogoshin ist, sondern nur – eine Erscheinung?
Weder während meiner Krankheit, noch sonst in meinem Leben habe ich jemals eine Halluzination gehabt; doch schien es mir immer, als ich noch ein Knabe war, und auch jetzt noch, obgleich ich nicht abergläubisch bin, daß ich in einem solchen Falle sofort, auf der Stelle würde sterben müssen. Aber als mir nun der Gedanke kam, daß es gar nicht Rogoshin, sondern nur eine Halluzination sein könnte, da erschrak ich nicht im geringsten, ja ich war nicht einmal zornig darüber. Sonderbar war es auch, daß mich die Frage, ob es nun wirklich Rogoshin oder nicht Rogoshin sei, gar nicht sehr aufregte. Es war, als gehöre es sich gerade so! Ich erinnere mich, ich dachte damals in Wirklichkeit an etwas ganz anderes. Zum Beispiel interessierte mich die Frage: warum Rogoshin, der vordem in Schlafrock und Pantoffeln gewesen war, jetzt in Frack und weißer Binde dasaß? Auch tauchte in mir der Gedanke auf: wenn es eine Erscheinung ist und ich mich gar nicht vor ihr fürchte, warum sollte ich da nicht aufstehen und mich davon überzeugen? Vielleicht fürchtete ich mich doch davor? Denn als ich nur daran zu denken wagte, daß ich mich fürchten könnte, da überlief in der Tat meinen ganzen Körper ein eisiger Schauer und meine Knie fingen an zu zittern. Im selben Augenblick, als ob Rogoshin es erraten hätte, daß ich ihn fürchtete, zog er seinen Arm, auf den er sich gestützt hatte, fort und verzog, indem er mich starr ansah, langsam seinen Mund zu einem Lachen. Heller Wahnsinn überkam mich und ich wollte mich schon auf ihn stürzen, doch ich hatte mir geschworen, ihn nicht als erster anzugreifen, und so blieb ich denn auf dem Bett liegen, zumal ich mich außerdem noch gar nicht überzeugt hatte, ob er es auch wirklich selbst war oder nicht?
Ich weiß nicht mehr genau, wie lange dieser Zustand andauerte, auch weiß ich nicht, ob ich nicht von Zeit zu Zeit bewußtlos war. Zuletzt sah ich nur noch, wie Rogoshin aufstand, mich ebenso aufmerksam und starr ansah – wie vorher, als er eintrat – doch lächelte er jetzt nicht mehr, ging dann leise auf den Fußspitzen zur Tür, öffnete sie, ging hinaus und schloß sie wieder. Ich rührte mich nicht, mit offenen Augen lag ich auf meinem Bett und dachte nach. Gott weiß, worüber ich nachdachte, und ich erinnere mich nicht mehr, wann ich eingeschlafen bin. Am anderen Morgen erwachte ich, als man um zehn Uhr an meine Tür klopfte. Ich hatte ein für allemal befohlen, mir um zehn Uhr den Tee zu bringen, und so mußte Matrjona an die Tür klopfen. Als ich ihr die Tür öffnete, beschäftigte mich sofort der Gedanke: Wie konnte er ins Zimmer kommen, wenn die Tür verschlossen war? Ich überzeugte mich davon, daß der wirkliche Rogoshin gar nicht hätte hereinkommen können, da alle Türen unserer Wohnung die Nacht über verschlossen und verriegelt gewesen waren.
Dieser sonderbare Zwischenfall, den ich soeben ausführlich beschrieben habe, war der Grund zu meinem endgültigen ‚Entschluß‘. Zu diesem Entschluß brachte mich keine Logik, keine logische Überzeugung, sondern Ekel. Man kann nicht ein Leben führen, das so sonderbare Formen annimmt, Formen, die mich beleidigen.
Diese Vision erniedrigte mich! Ich bringe es nicht über mich, mich einer dunklen Gewalt zu ergeben, die die Formen einer Tarantel annimmt! Und erst dann, als ich gegen Abend den endgültigen unwiderruflichen Entschluß gefaßt hatte, wurde mir leichter. Das war nur das erste Moment; wegen des zweiten fuhr ich nach Pawlowsk; doch das ist schon zur Genüge erklärt.“
VII.
„Ich besitze eine kleine Taschenpistole; ich hatte sie mir noch als Knabe angeschafft, in dem komischen Alter, da einem plötzlich Räubergeschichten und Duelle zu gefallen anfangen und man es liebt, sich vorzustellen, wie man selbst zum Duell gefordert wird und wie man sich mutig vor die Pistole stellt. Vor einem Monat habe ich sie mir angesehen, geputzt und wieder zurecht gemacht. In dem Kasten, in dem sie lag, fand ich zwei Kugeln und Pulver für drei Schüsse. Die Pistole ist natürlich nichts wert, die reine Kinderpistole, trifft auch kaum auf fünfzehn Schritt; wenn man sie jedoch dicht an die Schläfe setzt, wird sie schon noch einen Schädel zerschmettern können.
Ich beschloß, in Pawlowsk bei Sonnenaufgang zu sterben: und zwar beschloß ich, in den Park zu gehen, damit niemand auf der Datsche gestört werde. Meine ‚Erklärung‘ wird die Polizei genügend über alles unterrichten. Liebhaber der Psychologie mögen daraus schließen was sie wollen. Ich wünsche indessen nicht, daß meine Schrift veröffentlicht wird. Ich bitte den Fürsten, das eine Exemplar an sich zu nehmen und das andere Exemplar Aglaja Iwanowna Jepantschin zu geben. Dieses ist mein Wille. Ich vermache meinen Leichnam der medizinischen Fakultät zu wissenschaftlichen Zwecken.
Ich erkenne keinen Richter über mich an und weiß, daß ich außerhalb jedes Rechtspruchs stehe. Vor kurzem belustigte mich die Vorstellung: wie, wenn ich jetzt plötzlich auf den Einfall käme, irgendeinen Menschen einfach totzuschlagen, vielleicht zehn Menschen auf einmal oder sonst irgend etwas Schreckliches zu tun, irgend etwas, was diese Welt für das schrecklichste hält – in welch einer dummen Lage würde sich dann das Gericht bei meiner zwei- bis dreiwöchentlichen Lebensfrist befinden? Ich würde vielleicht sehr komfortabel in einem Hospital, unter der Aufsicht eines guten Arztes, und vielleicht viel angenehmer, als bei mir zu Hause, sterben. Ich verstehe nicht, daß Leuten in meiner Lage niemals ein solcher Gedanke in den Kopf gekommen ist, wenn auch nur zum Spaß?! Vielleicht verfällt doch einmal jemand darauf! Es gibt doch auch bei uns in Rußland lustige Leute.
Aber – wenn ich auch keinen Richter über mich anerkenne, so weiß ich doch, daß man mich richten wird, wenn ich bereits auf ewig taub und stumm sein werde. Ich möchte jedoch nicht fortgehen, ehe ich nicht ein Wort zur Antwort hinterlassen habe – ein freies, unerzwungenes Wort. Nicht zur Verteidigung etwa – o nein! Ich habe niemanden und wegen nichts um Verzeihung zu bitten.
Da ist zunächst ein sonderbarer Gedanke: Wer wollte mir denn mein Recht auf diese Frist von zwei bis drei Wochen bestreiten? Auf Grund welchen Rechtes? Wem nützt es, daß ich als Verurteilter noch artig die Frist bis zur Urteilsvollstreckung abwarte? Wem nützt es denn? Oder soll ich’s um der Sittlichkeit willen etwa? Ich verstehe noch, wenn ich bei blühender Gesundheit und großen Kräften mein Leben selbst vernichten wollte, dieses Leben, das ‚meinem Nächsten noch Nutzen bringen könnte‘: da könnte man mir vom sittlichen Standpunkt aus und nach altem Brauch vorwerfen, daß ich ohne zu fragen über mein eigenes Leben verfüge – oder was man sich da ausdenkt. Doch jetzt, wo über mich bereits das Urteil gefällt ist? Welches Sittengesetz wird denn auch noch auf das letzte Röcheln eines Sterbenden Anspruch erheben, mit dem er sein Leben aushaucht? Was hilft mir der Trost des Fürsten, der in seiner christlichen Auslegung den glücklichen Gedanken gehabt hat, daß es im Grunde genommen für mich viel besser ist, zu sterben. (Solche Christen wie er kommen immer zu diesem Schluß: das ist ihr geliebtes Steckenpferd.) Und was wollen sie eigentlich mit ihren lächerlichen ‚Pawlowsker Bäumen‘? Die letzten Stunden meines Lebens versüßen? Begreifen sie denn nicht, daß ich mich, je mehr ich mich diesen letzten Illusionen von Leben und Liebe hingebe, mit denen sie mich von der Meierschen Lehmwand und allem, was ich ihr so aufrichtig bekannt habe, trennen wollen, desto unglücklicher fühlen muß? Was soll ich mit ihrer schönen Natur, mit ihrem Pawlowsker Park, mit ihrem Sonnenaufgang und -untergang, mit ihrem blauen Himmel und ihren selbstzufriedenen Gesichtern, wenn das ganze Fest, das kein Ende nimmt, für mich damit beginnt, daß es mich allein für einen überflüssigen Gast erklärt. Was soll ich mit all dieser Schönheit, wenn ich jede Minute, jede Sekunde gezwungen bin, daran zu denken, daß die kleinste Fliege, die neben mir in der Sonne summt, an diesem Fest, an diesem Chor teilnehmen kann, ihren Platz in ihm kennt, ihn liebt und glücklich ist. Nur ich allein bin ein Ausgestoßener und wollte es nur, aus kleinmütiger Feigheit vor mir selbst, bis jetzt nicht eingestehen! Oh, ich weiß, wie sehr der Fürst und all die anderen mich dazu bringen wollen, daß ich statt all der ‚boshaften und verbitterten‘ Reden eine Hymne auf den Sieg der sittlichen Selbstüberwindung anstimmte, wie Milvoye in den berühmten und klassischen Strophen:
‚O, puissent voir votre beauté sacrée
Tant d’amis, sourds à mes adieux!
Qu’ils meurent pleins de jours, que leur mort soit pleurée.
Qu’un ami leur ferme les yeux!‘[30]
Doch glaubt mir, glaubt mir, ihr gutmütigen Seelen, daß in dieser wohlanständigen Strophe, in diesem akademischen Segensspruch der Franzosen, so viel heimliche Galle, so viel unversöhnliche und mit Rhythmen überzuckerte Wut ist, daß der Poet vielleicht sich selbst damit belogen und seine Wut als tränenreichen Trost empfunden hat und in dem Glauben auch gestorben ist: Friede seiner Asche! Wissen Sie auch, daß es in der Erkenntnis der eigenen Schande, Richtigkeit und Schwachheit eine Grenze gibt, über die der Mensch nicht mehr hinaus kann? An dieser Stelle beginnt er dann eine große Wollust in seiner Demütigung zu empfinden ... Nun, freilich, auch die Demut ist in gewissem Sinne eine große Kraft, ich gebe es zu, wenn auch nicht in dem Sinne, wie die Religion sie auffaßt.
Die Religion! Ein ewiges Leben erkenne ich an und habe es vielleicht immer anerkannt. Mag der Wille einer höheren Gewalt das Feuer meines Bewußtseins entzündet haben, mag es sich umgesehen haben im All und sich gesagt: ‚Ich bin‘! Und mag ihm eine höhere Gewalt befohlen haben, dann zu vergehen, sogar ohne Erklärung weshalb und wozu. Doch meine Demut – das ist die ewige Frage – wozu soll denn die nötig sein? Kann man mich denn nicht einfach auffressen, ohne von mir noch Lob und Preis dafür zu verlangen, daß ich aufgefressen werde? Wird sich denn wirklich dort irgend jemand beleidigt fühlen, wenn ich nicht mehr zwei Wochen darauf warten will? Das glaube ich nicht; und es ist schon viel richtiger, anzunehmen, daß mein erbärmliches Leben, das Leben eines einzelnen Atomes, zugunsten einer allgemeinen Harmonie im Weltganzen, zu irgendeinem Plus oder Minus, zu einem Kontrast usw. usw. nötig ist, genau so, wie das Leben täglich das Opfer von Millionen von Lebewesen verlangt, ohne deren Tod die übrige Welt nicht existieren könnte. (Ich bemerke hier, daß dieser Gedanke an sich durchaus nicht großmütig ist.) Doch möge es so sein! Ich gebe es zu, daß die Welt ohne diese gegenseitige Vernichtung nicht hätte aufgebaut werden können, und ich gebe sogar zu, daß ich nichts von ihrer Einrichtung begreife, doch weiß ich dafür ganz genau eines: wenn man mir auch das Bewußtsein gegeben hat, daß ‚Ich bin‘, so geht es mich doch noch nichts an, ob die Welt nun fehlerhaft aufgebaut und ohne Vernichtung nicht bestehen kann. Wer also, und wofür wird man mich danach verurteilen? Sagen Sie, was Sie wollen – ich finde jedenfalls, daß es unmöglich und zugleich ungerecht wäre.
Trotzdem habe ich niemals, trotz meines größten Verlangens, mir vorstellen können, daß es kein zukünftiges Leben und keine Vorsehung gebe. Es ist viel wahrscheinlicher, daß wir das zukünftige Leben und seine Gesetze nicht verstehen können. Doch wenn das so schwer und überhaupt nicht zu begreifen ist, wie soll ich dann dafür verantwortlich sein, daß ich nicht imstande bin, das Unfaßbare zu fassen? Natürlich sagen da die Leute und natürlich auch der Fürst, daß Gehorsam nötig sei, daß man gehorchen muß, auch ohne zu verstehen, und zwar aus moralischen, sittlichen Gründen, und daß ich in der anderen Welt dafür belohnt werde. Wir erniedrigen jedoch die Vorsehung, wenn wir ihr aus Ärger darüber, daß wir sie nicht verstehen können, unsere Begriffe unterschieben. Und wiederum, wenn man die Vorsehung nicht verstehen kann – wie kann denn der Mensch dafür verantwortlich sein, was er nicht verstehen kann? Und ebenso, wer kann mich denn verurteilen, wenn ich den Willen und die Gesetze der Vorsehung nicht verstanden habe? Nein, lassen wir die Religion lieber!
Aber damit wäre es auch genug! Wenn ich beim Vorlesen bis zu diesen Zeilen gekommen sein werde, wird die Sonne aufgehen und ‚am Himmel erklingen‘ und ihre große Feuerkraft wird die Erde überfluten. Mag ich sterben! Ich werde in diese Quelle des Lebens und der Kraft sehen, und mein Leben, das ich nicht mehr ertragen will, von mir werfen! Wenn ich die Macht gehabt hätte, nicht geboren zu werden, so hätte ich ein Leben unter so spottenden Bedingungen gewiß nicht angenommen. Aber noch habe ich die Macht, zu sterben, obgleich ich nur Tage hinwerfen kann, die schon gezählt sind. Und doch ist es eine Macht und doch ein Protest ...
Meine letzte Erklärung: Ich sterbe durchaus nicht deshalb, weil ich nicht imstande wäre, diese drei Wochen noch zu ertragen; oh, dazu hätte ich wohl noch die Kraft, und wenn ich wollte, so wäre mir allein schon die Erkenntnis der mir angetanen Schmach eine Genugtuung; doch ich bin kein französischer Dichter und brauche solch einen Trost nicht. Und dann die Versuchung: Die Natur hat meine Betätigungsmöglichkeit mit ihren drei Wochen Frist dermaßen eingeengt, daß der Selbstmord die einzige Tat ist, die ich noch vollführen kann, das heißt anfangen und beenden nach meinem eigenen Willen. Nun und vielleicht will ich eben nur die letzte Möglichkeit einer Tat ausnutzen? Der Protest ist manchmal keine geringe Tat ...“
Die „Erklärung“ war damit zu Ende. Hippolyt verstummte ...
Ein nervöser Mensch, der gereizt und außer sich den äußersten Grad zynischer Offenherzigkeit erreicht hat, ist gewöhnlich zu allem bereit, selbst zum größten Skandal, und ist sogar froh über ihn: er stürzt sich auf die Menschen und hat selbst dabei das unklare, aber feste Ziel, eine Minute nachher sich von einem Turm hinabzustürzen und damit alle Mißverständnisse, wenn solche vorliegen, auf einmal zu beseitigen. Die Folge eines solchen Zustandes ist meistens Erschöpfung der physischen Kräfte. Die ungewöhnliche, beinahe unnatürliche Anstrengung hatte Hippolyt bisher aufrechterhalten. An sich erschien dieser achtzehnjährige, von der Krankheit erschöpfte Jüngling so schwach, wie ein vom Baum gerissenes, zitterndes Blatt. Kaum hatte er seine Augen über die Zuhörer hingleiten lassen, zum erstenmal nach seiner Lektüre, so drückte sich auch schon in ihnen, in seinem Lächeln, Hochmut, Verachtung und Widerwillen aus. Es drängte ihn zu einer Herausforderung. Doch auch die Zuhörer waren unwillig. Alle erhoben sich lärmend und geärgert vom Tisch. Die Müdigkeit, der Wein, die Anstrengung erhöhten noch das Peinliche des Eindrucks.
Plötzlich sprang Hippolyt vom Stuhl auf, als hätte ihn jemand vom Platze gerissen.
„Die Sonne geht auf!“ schrie er, als er die glänzenden Spitzen der Bäume sah und zeigte sie dem Fürsten, wie man ein Wunder zeigt. „Sie ist aufgegangen!“
„Und Sie glaubten wohl, daß sie nicht aufgehen werde, wie?“ bemerkte Ferdyschtschenko.
„Das gibt wieder eine Hitze den ganzen Tag über,“ brummte nachlässig, ärgerlich Ganjä, drehte seinen Hut in den Händen, gähnte und reckte sich. „Den ganzen Monat schon diese Dürre! ... Gehen wir oder gehen wir nicht, Ptizyn?“
Hippolyt starrte ihn ganz verwundert bis zur Versteinerung an, erbleichte, und ein Zittern befiel seinen Körper.
„Sie zeigen Ihre Gleichgültigkeit, mit der Sie mich kränken wollen, recht ungeschickt,“ wandte er sich an Ganjä und sah ihm gerade ins Gesicht. „Sie sind ein Lump!“
„Das übersteigt denn doch schon alles!“ brüllte Ferdyschtschenko.
„Das ist doch eine phänomenale ...!“
„Einfach ein Dummkopf,“ sagte Ganjä.
Hippolyt nahm sich wieder zusammen.
„Ich verstehe, meine Herren,“ begann er wie vorher, zitternd und jedes Wort wie abgerissen hervorstoßend, „daß ich mir vielleicht Ihren persönlichen Haß zugezogen habe, ich ... bedaure es, daß ich Sie mit diesen Phantasien gequält habe“ – er wies auf seine Schrift – „oder ich bedaure vielmehr, Sie nicht ganz totgequält zu haben;“ er lächelte dumm. „Ich habe Sie gelangweilt, Jewgenij Pawlowitsch?“ wandte er sich plötzlich mit einer Frage an diesen. „Habe ich Sie gelangweilt oder nicht? Sagen Sie!“
„Etwas lang, doch im übrigen ...“
„Sagen Sie alles! Lügen Sie doch wenigstens einmal in Ihrem Leben nicht!“ befahl ihm zitternd Hippolyt.
„Oh, mir ist das ganz gleichgültig! Lassen Sie mich bitte gefälligst in Ruh,“ antwortete ihm Jewgenij Pawlowitsch, sich angewidert von ihm abwendend.
„Gute Nacht, Fürst,“ verabschiedete sich Ptizyn vom Fürsten.
„Er wird sich sofort erschießen, was tun Sie! Sehen Sie ihn doch an!“ rief Wjera, stürzte zu Hippolyt und packte ihn an beiden Händen. „Er sagte doch, daß er sich bei Sonnenaufgang erschießen würde, was machen Sie denn mit ihm!“
„Der wird sich nicht erschießen!“ riefen höhnisch einige Stimmen, unter denen auch die Ganjäs war.
„Meine Herren, nehmen Sie sich in acht!“ rief Koljä und packte auch Hippolyt am Arm. „Sehen Sie ihn doch nur an! Fürst! Fürst, was haben Sie denn!“
Um Hippolyt bemühten sich Wjera, Koljä, Keller und Burdowskij.
„Er hat das Recht ... das Recht ...“ brummte Burdowskij, übrigens ganz gedankenverloren.
„Erlauben Sie, Fürst – welche Anordnungen ... wollen Sie jetzt tr...effen?“ wandte sich Lebedeff, der halb betrunken war, an den Fürsten.
„Was für Anordnungen?“
„Nein–n; erlauben–n Sie; ich bin hier der Wirt und will in meiner Hochachtung ... N–nehmen wir an, daß Sie der Wirt sind, so will ich d–doch nicht, daß in meinem Hause ... J–a–a.“
„Wird sich nicht erschießen; der Junge renommiert ja nur!“ rief voll Unwillen und ganz unerwartet General Iwolgin.
„Ah, der General!“ griff Ferdyschtschenko auf.
„Ich w–eiß, daß er sich nicht erschießen wird, mein General, mein sehr verehrter General ... doch immerhin ... i–ich bin der Wirt.“
„Hören Sie, Herr Terentjeff,“ sagte plötzlich Ptizyn und reichte, nachdem er sich vom Fürsten verabschiedet hatte, Hippolyt die Hand, „Sie äußerten sich, glaube ich, vorhin darüber, daß Sie Ihren Leichnam der Akademie vermachen wollten? Haben Sie da wirklich Ihren Leichnam gemeint, oder vermachen Sie ihr nur Ihre Knochen?“
„Ja, meine Knochen ...“
„So, so. Man könnte sich da leicht irren: man sagt, es sei schon einmal vorgekommen.“
„Warum reizen Sie ihn?“ schrie plötzlich der Fürst.
„Sie haben ihn schon bis zu Tränen gebracht,“ fügte Ferdyschtschenko hinzu.
Doch Hippolyt weinte durchaus nicht. Er wollte sich von der Stelle bewegen, aber alle, die um ihn herumstanden, ergriffen ihn sofort am Arm. Allgemeines Gelächter.
„So weit hat er’s gebracht, daß ihn alle jetzt festhalten werden; darum hat er also aus dem Papier da vorgelesen,“ bemerkte Rogoshin. „Lebe wohl, Fürst! Eh, mir schmerzen die Knochen vom Sitzen.“
„Wenn Sie wirklich die Absicht hatten, sich zu erschießen, Terentjeff,“ sagte lachend Jewgenij Pawlowitsch, „so würde ich jetzt an Ihrer Stelle, nach solchen Komplimenten, mich absichtlich nicht erschießen, um sie alle zu ärgern.“
„Sie möchten es wohl furchtbar gerne sehen, wie ich mich erschieße!“ stieß Hippolyt hastig hervor.
„Sie ärgern sich alle, daß sie es nicht sehen werden.“
„So denken auch Sie, Jewgenij Pawlowitsch, daß sie es nicht sehen werden?“
„Ich will Sie nicht aufhetzen; im Gegenteil, ich glaube, daß es sogar sehr möglich ist. Hauptsächlich, ärgern Sie sich nicht ...“ sagte gönnerhaft Jewgenij Pawlowitsch.
„Ich sehe jetzt, was für einen Fehler ich damit begangen habe, daß ich Ihnen dieses Schriftstück vorlas!“ wandte sich Hippolyt so vertrauensvoll an Jewgenij Pawlowitsch, als hätte er einen Freund um seinen freundschaftlichen Rat gefragt.
„Die Lage ist ziemlich lächerlich, doch ... wirklich, ich weiß nicht, was ich Ihnen raten soll,“ antwortete ihm lächelnd Jewgenij Pawlowitsch.
Hippolyt sah ihn starr an, ohne seinen Blick von ihm abzuwenden, und schwieg. Man hätte denken können, daß er geistesabwesend wäre.
„N–nein, erlauben Sie, das ist doch eine sonderbare Manier,“ mischte sich wieder Lebedeff ins Gespräch, „‚werde mich erschießen, im Park, um niemanden zu beunruhigen!‘ Er glaubt also, damit niemanden zu beunruhigen, wenn er drei Schritt von der Treppe entfernt in den Park geht.“
„Meine Herren ...“ begann der Fürst.
„N–nein, erlauben Sie, sehr verehrter Fürst,“ griff Lebedeff wieder mit Eifer auf, „wie Sie es selbst gesehen haben, ist es kein Spaß, wenigstens ist die Hälfte Ihrer Gäste auch der Meinung und überzeugt, daß er sich jetzt, nach diesen hier ausgesprochenen Worten, und um seine Ehre zu retten, erschießen muß, und da fordere ich Sie auf, als Wirt, hier einzugreifen!“
„Was soll ich denn tun, Lebedeff? Ich bin sofort bereit, hier ...“
„Was Sie tun sollen: erstens, soll er sofort die Pistole herausgeben, die er uns ja so ausführlich beschrieben hat. Wenn er sie herausgegeben hat, so bin ich damit einverstanden, daß er diese Nacht hier im Hause schläft, in Anbetracht seines Zustandes, doch unter meiner Aufsicht. Aber morgen möge er sich fortbegeben, einerlei wohin; entschuldigen Sie, Fürst! Wenn er die Pistole nicht sofort herausgibt, so nehme ich ihn an der einen Hand, der General an der anderen, und bringe ihn dann sofort auf die Polizei. Denn es ist dann schon Sache der Polizei und nicht mehr meine Sache. Herr Ferdyschtschenko kann auch noch als guter Bekannter mitkommen.“
Es erhob sich ein Lärm. Lebedeff geriet immer mehr außer sich. Ferdyschtschenko machte sich schon bereit, mit auf die Polizeiwache zu gehen. Ganjä bestand hartnäckig darauf, daß sich niemand erschießen werde. Jewgenij Pawlowitsch schwieg.
„Fürst, sind Sie schon einmal vom Turm gestürzt?“ fragte ihn flüsternd plötzlich Hippolyt.
„Nein ...“ antwortete naiv der Fürst.
„Glauben Sie wirklich, daß ich diesen ganzen Haß nicht vorausgesehen habe!“ flüsterte wieder Hippolyt mit glänzenden Augen und sah den Fürsten an, als hätte er wirklich von ihm eine Antwort erwartet. „Gut!“ wandte er sich plötzlich an alle, „ich bin schuldig ... vor allen! Lebedeff, hier ist der Schlüssel“ – er zog ein Portemonnaie aus der Tasche und entnahm ihm einen Schlüsselring mit vier kleinen Schlüsseln. „Dieser vorletzte ist es ... Koljä wird Ihnen zeigen ... Koljä! Wo ist Koljä?“ rief er und bemerkte Koljä nicht, obgleich er ihn starr ansah. „Da ... er wird Ihnen zeigen, er hat mit mir zusammen den Koffer gepackt. Führen Sie ihn ... Koljä ... dahin, beim Fürsten im Kabinett, unter dem Tisch ... mein Koffer ... mit diesem Schlüssel ... unten ... meine Pistole ... und das Horn mit dem Pulver. Herr Lebedeff, er wird sie Ihnen zeigen; doch unter der Bedingung, daß Sie sie mir morgen früh, wenn ich nach Petersburg fahre, zurückgeben. Hören Sie? Ich tue es nur für den Fürsten, nicht Ihretwegen.“
„So ist’s besser!“ Lebedeff griff nach dem Schlüssel, und höhnisch lächelnd lief er ins Nebenzimmer.
Koljä zögerte, wollte etwas sagen, wurde aber von Lebedeff mitgerissen.
Hippolyt blickte auf die lachenden Gäste, der Fürst bemerkte, wie seine Zähne vor Wut klapperten.
„Was für Schufte das doch sind!“ flüsterte er wieder wie in Verzweiflung dem Fürsten zu.
Wenn er mit dem Fürsten sprach, so redete er jetzt immer nur im Flüsterton.
„Lassen Sie sie doch: Sie sind sehr erschöpft ...“
„Sofort, sofort ... ich gehe sofort.“
Plötzlich umarmte er den Fürsten.
„Sie glauben vielleicht, daß ich nicht mehr bei Sinnen bin?“ fragte er ihn, und sah ihn sonderbar lächelnd an.
„Nein, aber Sie ...“
„Sofort, sofort, schweigen Sie; sprechen Sie nicht; stehen Sie still ... ich möchte in Ihre Augen sehen. Still ... ich möchte Sie ansehen. Ich werde mich vom ‚Menschen‘ verabschieden.“
Er stand und sah den Fürsten ungefähr zehn Sekunden schweigend an; er war sehr blaß, an den Schläfen trat Schweiß hervor; er griff so sonderbar nach der Hand des Fürsten, und es schien, als fürchte er, sie loszulassen.
„Hippolyt, Hippolyt, was fehlt Ihnen?“ schrie der Fürst auf.
„Sofort ... sofort ... genug, ich gehe. Ich trinke nur noch einen Schluck auf das Wohl der Sonne ... Ich will, ich will, lassen Sie!“
Er griff schnell nach dem Champagnerglas auf dem Tisch und schritt mit demselben zum Ausgang der Terrasse. Der Fürst wollte ihm nachlaufen, doch trat in diesem Augenblick gerade Jewgenij Pawlowitsch auf ihn zu, um sich von ihm zu verabschieden. Es verging eine Sekunde, und plötzlich erhob sich ein allgemeines Geschrei auf der Terrasse, dem eine allgemeine Bestürzung und Verwirrung folgte.
Es geschah folgendes:
Hippolyt ging bis zur obersten Stufe der Terrasse, mit der linken Hand hielt er das Glas, mit der rechten griff er in seine rechte Seitentasche. Keller behauptete nachher, daß Hippolyt schon vorher immer seine Hand in dieser rechten Seitentasche gehalten habe, und daß es ihm schon damals verdächtig vorgekommen sei. Wenigstens hatte ihn eine innere Unruhe getrieben, Hippolyt zu folgen. Doch wäre auch er zu spät gekommen. Er sah nur plötzlich, wie in der rechten Hand Hippolyts etwas aufblitzte und wie in demselben Augenblick der Lauf einer kleinen Pistole Hippolyts Schläfe berührte. Keller griff mit der Hand danach, doch hatte Hippolyt bereits den Hahn abgedrückt. Man hörte das kurze Knacken des Hahnes – doch kein Schuß erfolgte. Hippolyt fiel rücklings in Kellers Arme und schien wie leblos: vielleicht hielt er sich selbst für erschossen. Keller bemächtigte sich der Pistole. Hippolyt schob man einen Stuhl unter, und alles drängte sich zu ihm, alle schrien, sprachen durcheinander. Alle hatten sie das Knacken des Hahnes gehört und sahen den Menschen unverletzt und lebendig vor sich. Hippolyt schien immer noch nicht zu begreifen, was mit ihm vorgegangen war, er sah alle geistesabwesend an. In diesem Augenblicke stürzten Lebedeff und Koljä auf die Terrasse.
„Hat sie versagt?“ fragten die einen.
„Vielleicht war sie gar nicht geladen?“ die anderen.
„Geladen ist sie!“ bemerkte Keller, der die Pistole untersuchte „Aber ...“
„Also hat sie versagt?“
„Das Zündhütchen fehlt.“
Die Szene, die daraus folgte, ist schwer wiederzugeben. Der Schrecken aller verwandelte sich schnell in ein schallendes Gelächter. Einige darunter lachten aus vollem Halse voll boshafter Schadenfreude. Hippolyt überfiel ein hysterischer Weinkrampf, er rang die Hände, stürzte sich auf alle und jeden, sogar auf Ferdyschtschenko, packte ihn an beiden Schultern und schwor ihm, daß er es vergessen, rein zufällig vergessen habe, das Zündhütchen hineinzulegen, daß sie sich alle in seiner Westentasche befänden, zehn an der Zahl. Er zeigte sie allen – er habe sie nämlich nicht früher hineinlegen wollen, damit seine Pistole in der Tasche nicht von selbst losgehe: und nun habe er es ganz vergessen. Er stürzte zum Fürsten, zu Jewgenij Pawlowitsch, flehte Keller an, ihm die Pistole zurückzugeben, damit er „seine Ehre, seine Ehre, die er jetzt auf ewig verloren“, wieder erhalten könne ...
Er fiel zuletzt bewußtlos hin. Man trug ihn in das Kabinett des Fürsten, und Lebedeff schickte sofort zum Arzt, während er mit seiner Tochter, dem General und Antip Burdowskij am Bett des Kranken blieb. Als man den bewußtlosen Hippolyt hinausgetragen hatte, stellte sich Keller mitten auf der Terrasse hin und verkündete allen Anwesenden mit lauter Stimme und jedes Wort betonend, wie in höherer Begeisterung:
„Meine Herren, wenn es noch jemand von Ihnen wagen sollte, laut in meiner Gegenwart zu behaupten, daß das Zündhütchen mit Absicht vergessen worden war, und daß dieser unglückliche junge Mann nur eine Komödie gespielt habe – so wird derjenige es mit mir zu tun haben.“
Doch keiner antwortete ihm. Die Gäste beeilten sich, fortzukommen. Ptizyn, Ganjä und Rogoshin verließen zusammen die Datsche.
Der Fürst war sehr erstaunt, daß Jewgenij Pawlowitsch seine Absicht, sich mit ihm auszusprechen, aufgegeben hatte.
„Sie hatten mir doch noch etwas sagen wollen?“ fragte er ihn.
„Allerdings,“ sagte Jewgenij Pawlowitsch und setzte sich auf einen Stuhl neben den Fürsten, „doch jetzt habe ich mein Vorhaben aufgeschoben. Ich gestehe, daß ich vom Geschehenen noch zu aufgeregt bin, und Sie sind es auch. Meine Gedanken sind ganz verwirrt, und da mein Vorhaben für Sie wie für mich von zu großer Bedeutung ist, so möchte ich die Aussprache noch aufschieben. Sehen Sie, Fürst, ich möchte einmal im Leben eine wirklich aufrichtige Tat vollführen, eine Tat ohne alle Hintergedanken. In diesem Augenblick, denke ich, bin ich zu dieser ehrlichen Tat nicht fähig, und Sie ... sind es vielleicht ... auch ... nicht, wir wollen nächstens davon sprechen. Die Sache wird vielleicht auch noch an Klarheit gewinnen, für Sie wie für mich, wenn wir sie auf die drei Tage aufschieben, die ich noch in Petersburg verbringen muß.“
Er erhob sich vom Stuhl. Dem Fürsten schien es, daß Jewgenij Pawlowitsch sich gereizt und unzufrieden fühlte und ihn feindlich ansah: in seinem Blick lag etwas, was er zuvor nicht bemerkt hatte.
„Sie müssen übrigens jetzt zum Kranken.“
„Ja ... ich fürchte.“
„Fürchten Sie nichts; er wird noch sechs Wochen leben und vielleicht noch länger; hier wird es ihm sehr gefallen. Doch jagen Sie ihn besser morgen hinaus.“
„Vielleicht hat es ihn gereizt, daß ich schwieg, vielleicht dachte er, ich zweifelte an seinem Entschluß, sich zu erschießen? Was glauben Sie, Jewgenij Pawlowitsch?“
„Nein, nein. – Es ist viel zu viel Güte von Ihnen, daß Sie sich darüber Sorgen machen. Ich habe davon gehört, doch hätte ich es in Wirklichkeit nie für möglich gehalten, daß Menschen sich erschießen, damit man sie lobt, oder aus Wut, weil man sie nicht lobt. Nein, das hätte ich nie für möglich gehalten! Sie jagen ihn morgen hinaus, nicht?“
„Sie denken, er wird doch noch Selbstmord verüben?“
„Nein, das wird er nicht mehr tun. Doch hüten Sie sich vor dieser Sorte. Ich wiederhole es: Das Verbrechen ist die einzige Zuflucht der talentlosen, ungeduldigen und gierigen Unbedeutendheit. Sie werden sehen, ob dieser Mensch nicht fähig sein wird, zehn Seelen umzubringen, nur um eine ‚Tat‘ zu vollbringen, wie er das doch vorhin in seiner Niederschrift bekannte. Diese Bemerkung von ihm wird mich jetzt nicht mehr schlafen lassen.“
„Sie regen sich, glaube ich, darüber unnütz und viel zu sehr auf.“
„Sie sind sonderbar, Fürst; Sie glauben also nicht, daß er jetzt fähig ist, zehn Seelen zu morden?“
„Ich kann Ihnen darauf keine Antwort geben, das ist alles so sonderbar; doch ...“
„Nun, wie Sie wollen, wie Sie wollen!“ brach Jewgenij Pawlowitsch erregt das Gespräch ab. „Außerdem sind Sie ein tapferer Mensch, geraten Sie nur selbst nicht unter die zehn Seelen.“
„Es ist viel eher anzunehmen, daß er niemanden tötet,“ sagte der Fürst und sah nachdenklich Jewgenij Pawlowitsch an.
Der lachte boshaft.
„Es ist Zeit, leben Sie wohl! Haben Sie bemerkt, daß er die Kopie seiner Beichte Aglaja Iwanowna zugedacht hat?“
„Ja, ich habe es bemerkt und ... denke soeben daran.“
„Ja, ja, die zehn Seelen,“ bemerkte Jewgenij Pawlowitsch wieder lachend und ging von dannen.
Eine Stunde nachher, ungefähr um vier Uhr morgens, ging der Fürst in den Park hinaus. Er hatte versucht zu schlafen, doch war es ihm seines starken Herzklopfens wegen nicht möglich gewesen. Im Hause hatte sich wieder alles beruhigt; der Kranke schlief, und der Arzt hatte festgestellt, daß ihm keine besondere Gefahr drohe. Lebedeff, Koljä, Burdowskij hatten sich im Zimmer des Kranken niedergelassen, um abwechselnd zu wachen. Zu befürchten war für den Augenblick nichts.
Die Unruhe des Fürsten wuchs von Minute zu Minute. Er schweifte im Park umher und blickte zerstreut um sich. Erstaunt nahm er wahr, daß er sich plötzlich beim Kurhaus befand und auf der Estrade die leeren Bänke und Notenpulte des Orchesters erblickte. Der Ort widerte ihn an; er kehrte sofort um und kam auf dem Wege, den er auch gestern abend mit Jepantschins gegangen, zur grünen Bank, die Aglaja zum Rendezvous bestimmt hatte. Er ließ sich auf ihr nieder und brach plötzlich in ein lautes Gelächter aus, gleich darauf aber wurde er von neuem düster. Wieder lastete auf ihm etwas Schweres und bedrückte ihn so, daß er am liebsten fortgelaufen wäre, ... doch wußte er nicht, wohin? Im Baume über ihm sang ein Vögelchen, seine Augen suchten es in den grünen Zweigen, und sofort fiel ihm „die Fliege“ ein, von der Hippolyt gesagt hatte, daß sie ihren Platz an der Sonne kenne und an dem allgemeinen Chore teilnehme, von dem nur er, Hippolyt, allein ausgeschlossen sei. Diese Phrase hatte einen so starken Eindruck auf ihn gemacht, daß er auch jetzt wieder an sie denken mußte. Eine längst vergessene Erinnerung stieg in ihm auf.
Er sah sich in der Schweiz, in den ersten Monaten seines Aufenthalts in den Bergen. Damals war er noch vollständig Idiot, er konnte noch nicht recht sprechen und verstand nicht gut alles, was man von ihm verlangte. An einem hellen, sonnigen Tag ging er in die Berge und ging lange, gequält von einem Gedanken, über den er sich nicht Rechenschaft geben konnte. Über ihm wölbte sich ein endloser Himmel, unter ihm lag ein blauer See, rings ein leuchtender Horizont, der kein Ende kannte. Lange schaute er aus, er erhob seine Hände zu diesem flimmernden unendlichen All und hätte weinen mögen. Es quälte ihn, daß er alledem fremd gegenüberstand. Was war das für ein Fest, was für ein großer Feiertag, der ihn schon seit seiner Kindheit lockte und den er nicht erfassen konnte. Jeden Morgen ging diese glänzende Sonne auf, jeden Morgen stand über dem Wasserfall der Regenbogen, und jeden Abend brannte der schneebedeckte Berggipfel in der Ferne, am Rande des Himmels in purpurner Flammenlohe. Jede kleinste Fliege, die im heißen Sonnenstrahl ihn umsummt, nimmt teil an diesem Chor, kennt ihren Platz, liebt ihn und ist glücklich; jeder Grashalm, der da wächst, ist glücklich. Jeder hat seinen Weg, jeder kennt seinen Weg, mit einem Lied geht er, mit einem Liede kommt er; nur er allein weiß nichts, versteht nichts, nicht die Menschen, nicht die Töne, allem ist er fremd und für alle ein Ausgestoßener. O, freilich, damals konnte er sich noch nicht in Worten ausdrücken; er quälte sich nur, war taub und stumm. Aber jetzt schien es ihm, daß er alles das damals in derselben Weise empfunden, in der Hippolyt von der „kleinen Fliege“ gesprochen, ganz als hätte Hippolyt mit seinen eigenen Worten, mit seinen eigenen Tränen es gesagt. Er war fest davon überzeugt, und bei dem Gedanken schlug ihm das Herz zum Zerspringen ...
Er war auf der Bank eingeschlafen und seine ganze Erregung ging in Traum über. Kurz vorher fiel ihm noch ein, daß Hippolyt zehn Menschen umbringen wollte und er lächelte über diese Annahme. Rings um ihn herrschte lichte, wonnige Stille, die sich durch das Geflüster der Blätter noch erhöhte, noch lautloser wurde. Er sah viele wundervolle Traumbilder, und vieles erregte ihn so, daß er hin und wieder zusammenzuckte. Zuletzt kam eine Frau auf ihn zu; er erkannte sie und er hätte ihren Namen genannt, hätte sie angerufen – doch sonderbar – sie hatte nicht dasselbe Gesicht, das er sonst an ihr kannte, sondern das Gesicht einer anderen, die er nicht nennen wollte. In diesem Gesicht lag soviel Qual und Schrecken, wie auf dem Gesicht einer Verbrecherin, die soeben eine große Greueltat vollführt hat. Eine Träne zitterte auf ihrer bleichen Wange. Sie winkte mit der Hand und legte den Finger auf seine Lippen, als wollte sie ihm befehlen, ihr nur leise zu folgen. Das Herz erstarb ihm, er wollte sie doch für nichts, für nichts in der Welt, als eine Verbrecherin ansehen, und er fühlte, daß sogleich etwas Schreckliches, für sein ganzes Leben Schreckliches sich ereignen würde. Sie wollte ihm scheinbar etwas zeigen, etwas nicht weit Entferntes, hier im Park. Er erhob sich, um ihr zu folgen und plötzlich ertönte neben ihm helles, frisches Lachen. Er fühlte eine Hand in der seinigen, preßte sie fest zusammen und – erwachte. Vor ihm stand Aglaja.
VIII.
Sie lachte, aber zugleich war sie unwillig über ihn.
„Er schläft! Sie haben geschlafen!“ rief sie mit fast verächtlichem Erstaunen.
„Sie sind es!“ murmelte der Fürst, noch nicht ganz zu sich gekommen, und er blickte sie verwundert an. „Ach richtig! Unsere Verabredung ...“ der Fürst erhob sich schnell. „Ich habe hier geschlafen.“
„Das habe ich gesehen.“
„Hat mich niemand außer Ihnen geweckt? War niemand hier außer Ihnen? Ich glaubte, hier sei eine ... andere gewesen.“
„Hier war eine andere ...?!“
Endlich besann sich der Fürst vollkommen.
„Das war nur ein Traum,“ sagte er gedankenverloren. „Seltsam, in einem solchen Augenblick solch ein Traum ... Setzen wir uns.“
Er erfaßte ihre Hand und nötigte sie zum Platznehmen, worauf er sich neben sie hinsetzte. Aglaja zögerte, etwas zu sagen, und musterte zunächst nur mißtrauisch ihren Nachbar. Dieser blickte sie gleichfalls hin und wieder an, schien sie aber bisweilen überhaupt nicht wahrzunehmen. Sie errötete.
„Ach so!“ fuhr plötzlich der Fürst, zusammenzuckend, aus seinen Gedanken auf. „Hippolyt hat sich erschossen!“
„Wann das? Bei Ihnen?“ fragte sie, jedoch ohne besondere Verwunderung. „Gestern abend lebte er doch noch, glaube ich? Aber wie konnten Sie dann hier so schlafen, nachdem er sich das Leben genommen?!“
„Er ist ja nicht tot, die Pistole versagte.“
Auf Aglajas dringenden Wunsch mußte ihr der Fürst sogleich den ganzen Vorgang erzählen, und zwar mit großer Ausführlichkeit. Sie trieb ihn immer wieder an, unterbrach ihn jedoch selbst in jedem Augenblick mit ungeduldigen Fragen, die sich zumeist auf ganz Nebensächliches bezogen. Unter anderem hörte sie mit großem Interesse zu, als der Fürst Jewgenij Pawlowitschs Aussprüche wiedergab, und auch hier unterbrach sie ihn mit näheren Fragen.
„Nun genug davon, wir haben keine Zeit zu verlieren,“ schloß sie plötzlich, nachdem sie alles gehört hatte. „Wir können nur eine Stunde hierbleiben, denn um acht muß ich unbedingt zu Hause sein, damit sie nicht erfahren, daß ich hier gewesen bin. Ich muß Ihnen zuvor noch vieles mitteilen. Nur haben Sie mich jetzt ganz aus dem Text gebracht. Was diesen Hippolyt betrifft, nun – ich glaube, daß das mit der Pistole gerade so hat sein müssen! Daß die Pistole versagte, als er sich erschießen wollte, das paßt vollständig zu ihm. Aber sind Sie auch wirklich überzeugt, daß er sich im Ernst erschießen wollte, daß hier kein Betrug vorliegt?“
„Nein, ein Betrug ist ausgeschlossen.“
„Das scheint mir auch so. Und er hat wirklich geschrieben, daß Sie seine Beichte mir bringen sollen? Warum haben Sie sie dann nicht mitgebracht?“
„Aber er ist doch nicht gestorben. Ich werde sie mir von ihm ausbitten.“
„Bringen Sie sie mir unbedingt, zu bitten ist da nichts. Es wird ihm sicherlich sehr angenehm sein, denn es ist doch möglich, daß er sich nur deshalb hat erschießen wollen, damit ich dann seine Beichte lesen solle. Ich bitte Sie, nicht über die Worte, die ich spreche, zu lachen, Lew Nikolajewitsch, es ist wirklich sehr leicht möglich, daß es so gewesen ist.“
„Ich lache nicht, ich bin vielmehr selbst überzeugt, daß es sich zum Teil wirklich so verhalten haben kann.“
„Überzeugt? Sind Sie wirklich derselben Meinung wie ich?“ wunderte sich Aglaja.
Sie fragte schnell und sprach hastig, bisweilen jedoch verwirrte sie sich und führte dann den schon begonnenen Satz nicht zu Ende. Sie schien es sehr eilig zu haben – obschon sie sich hundertmal selbst unterbrach – und schien ungewöhnlich erregt zu sein. Wenn sie auch mutig und fast herausfordernd dreinschaute, so war ihr im Herzen doch sicherlich recht bange. Sie trug ihr alltägliches, schlichtes Kleid, das ihr sehr gut stand. Oft fuhr sie zusammen und errötete plötzlich. Auch saß sie nur auf dem äußersten Rande der Bank. Die Bestätigung des Fürsten, daß der Beweggrund Hippolyts zu diesem Selbstmordversuch teilweise tatsächlich der Wunsch gewesen sein könne, daß sie seine Beichte lesen solle, wunderte sie sehr.
„Natürlich wollte er,“ erklärte der Fürst, „daß außer Ihnen auch wir ihn loben sollten ...“
„Inwiefern loben?“
„Das heißt, daß ... wie soll man das sagen? Das ist sehr schwer zu erklären. Zunächst hat er sicherlich gewollt, daß alle ihn umringen und ihm sagen sollten, wie sehr sie ihn liebten und achteten. Ferner, daß ihn alle bitten sollten, sich doch nicht zu erschießen, vielmehr am Leben zu bleiben. Es ist sehr möglich, daß er dabei in erster Linie an Sie gedacht hat ... ohne es vielleicht selbst zu wissen.“
„Das verstehe ich nicht: er soll gedacht und dabei nicht gewußt haben, was er gedacht hat? Doch übrigens ... ich glaube, ich verstehe es doch ... Wissen Sie, daß ich selbst wohl schon dreißigmal daran gedacht habe, mich zu vergiften – noch als dreizehnjähriges Mädchen – und in einem Brief an meine Eltern ganz genau zu schildern, was mich in den Tod getrieben hat. Und dann stellte ich es mir immer vor, wie ich im Sarge liegen und die anderen um ihn herumstehen und weinen und sich anklagen würden, daß sie so hart und streng zu mir gewesen waren ... Weshalb lächeln Sie wieder,“ wandte sie sich brüsk an den Fürsten, die Brauen zusammenziehend, „ich möchte wohl wissen, was Sie sich alles gedacht haben, wenn Sie allein gewesen sind und etwas zusammenträumten! Sie sahen sich dann womöglich als großen Feldmarschall ... und vielleicht als Besieger Napoleons!“
„Nun, werden Sie es mir glauben,“ lachte der Fürst, „ich sehe mich, mein Ehrenwort, oft als Feldherrn! Namentlich wenn ich abends im Begriff bin, einzuschlafen. Nur besiege ich nicht Napoleon, sondern immer nur die Österreicher.“
„Ich habe durchaus nicht die Absicht, mit Ihnen zu scherzen, Lew Nikolajewitsch. Mit Hippolyt werde ich persönlich reden, und ich bitte Sie, ihm das mitzuteilen. Von Ihnen aber finde ich es sehr häßlich, eine Menschenseele so zu beurteilen, so zerlegend, wie Sie soeben Hippolyt beurteilt haben. Sie haben kein Zartgefühl: was Sie sagen, das ist nichts als Wahrheit, und schon deshalb ist es ungerecht.“
Der Fürst dachte nach.
„Ich glaube, Sie sind ungerecht gegen mich,“ sagte er. „Ich sehe doch nichts Schlechtes darin, daß er so gedacht hat, denn alle sind doch zu solchen Gedanken geneigt! Oh, und wie das! Zudem hat er es vielleicht nicht einmal gedacht, sondern nur unbewußt so gewollt ... er wollte zum letztenmal mit Menschen zusammenkommen, ihre Achtung und Liebe erwerben – das sind doch alles sehr gute Beweggründe, nur ist hier alles gewissermaßen nicht so herausgekommen, wie er es sich gedacht hat. Es ist eben die Krankheit ... und dann noch etwas. Bekanntlich kommt bei den einen immer alles gut heraus, und bei den anderen immer alles schlecht ...“
„Sie haben das wohl in bezug auf sich hinzugefügt?“ fragte Aglaja.
„Ja, in bezug auf mich,“ antwortete der Fürst, ohne auch nur im geringsten ihren Spott aus der Frage herauszuhören.
„Nur wäre ich an Ihrer Stelle doch nicht eingeschlafen; wohin Sie nur kommen – überall schlafen Sie sogleich ein; das ist sehr wenig schön von Ihnen.“
„Aber ich habe doch die ganze Nacht nicht geschlafen, und dann ging ich hier umher, ging zur Musik ...“
„Zu was für einer Musik?“
„Ich ging dorthin, wo gestern die Musik spielte, und dann kam ich hierher, setzte mich, begann nachzudenken, und dachte so lange nach, bis ich einschlief.“
„Ah, also so war es! Das ändert die Sache ein wenig zu Ihrem Vorteil ... Aber wozu gingen Sie zum Kurhaus?“
„Ich weiß es nicht, so ...“
„Gut, gut, davon später; Sie unterbrechen mich immer ... und was geht es mich an, wo Sie gewesen sind! Von welch einer anderen hat Ihnen geträumt?“
„Das ... das war ... Sie haben sie gesehen ...“
„Ich verstehe, verstehe sehr gut. Sie müssen sie sehr ... Wie erschien sie Ihnen im Traum, in welcher Gestalt? Übrigens geht mich das nichts an, ich will nichts davon wissen,“ brach sie plötzlich ärgerlich ab. „Unterbrechen Sie mich nicht ...“
Sie wartete eine Weile, wie um neuen Mut zu sammeln oder ihren Ärger zuerst zu überwinden.
„Ich will Ihnen sagen, weshalb ich Sie hierhergerufen habe: ich will Ihnen den Vorschlag machen, mein Freund zu werden. Was sehen Sie mich plötzlich so an?“ fragte sie fast zornig.
Der Fürst sah sie in diesem Augenblick allerdings sehr scharf und forschend an, und es fiel ihm auf, daß sie wieder stark zu erröten begann. In solchen Fällen, das heißt wenn sie errötete, ärgerte sie sich unsäglich über sich selbst, was ihre Augen nur zu deutlich verrieten. In der Regel begann sie aber dann schon im nächsten Augenblick ihren Zorn auf denjenigen zu übertragen, mit dem sie sich gerade unterhielt, gleichviel ob dieser nun schuldig oder unschuldig war, und brach dann gewöhnlich einen Streit vom Zaun. Deshalb ließ sie sich auch verhältnismäßig nur selten auf Gespräche ein, und war, da sie ihre scheue Schamhaftigkeit kannte, bisweilen sogar allzu schweigsam. Mußte sie jedoch in kitzlichen Fällen, wie es zum Beispiel dieser hier war, notgedrungen sprechen, so verschanzte sie sich hinter anscheinend unnahbarem Hochmut und begann das Gespräch geradezu mit alles verachtender Herausforderung. Sie fühlte es stets im voraus, wann sie erröten würde.
„Sie wollen das Anerbieten vielleicht ablehnen?“ fragte sie ihn stolz und fast von oben herab.
„O nein, gewiß nicht, nur ist das doch gar nicht nötig ... ich ... ich habe gar nicht gedacht, daß man hier noch Anerbietungen machen muß,“ sagte der Fürst verwirrt.
„So, was haben Sie dann gedacht! Wozu hätte ich Sie denn sonst herrufen sollen? Was haben Sie eigentlich im Sinn? Oder halten Sie mich auch für ein kleines Gänschen, wie es zu Hause alle tun?“
„Ich habe nicht gewußt, daß man Sie für ein Gänschen hält, ich ... ich halte Sie nicht dafür.“
„Nicht? Sehr klug von Ihnen. Und namentlich sehr klug ausgedrückt.“
„Ich finde, daß Sie manches Mal sogar sehr tief sind,“ fuhr der Fürst fort. „Sie sagten vorhin etwas, was mir sehr gefallen hat. Sie sagten: ‚das hier ist nichts als Wahrheit, schon deshalb ist es ungerecht‘. Das werde ich behalten und darüber werde ich noch nachdenken.“
Aglaja wurde plötzlich rot vor Freude. Alle diese Veränderungen gingen mit ungewöhnlicher Offenheit und Schnelligkeit vor sich. Der Fürst freute sich gleichfalls und lächelte sogar vor Freude bei ihrem Anblick.
„So hören Sie denn,“ begann sie wieder, „ich habe Sie lange erwartet, um Ihnen das alles erzählen zu können, schon seit dem Tage, als ich Ihren Brief erhielt, oder sogar noch früher ... Die Hälfte haben Sie bereits gestern von mir gehört: ich halte Sie für den ehrlichsten und wahrsten Menschen, der ehrlicher und wahrer ist als alle anderen, und wenn man von Ihnen sagt, daß Ihr Verstand ... das heißt, daß Ihr Verstand, Ihr Geist mitunter krank sei, so ist das nicht richtig; davon habe ich mich auch überzeugt, und ich habe mit ihnen allen da gestritten, und wenn Sie auch tatsächlich krank sind im ... im Geiste – Sie werden mir das natürlich nicht übelnehmen, denn ich meine doch nur im höheren Sinne – so ist Ihr Hauptverstand, das ist es, was ich sagen will, doch größer und besser als bei denen allen dort zusammengenommen – die haben sich solch einen überhaupt noch nicht träumen lassen. Denn es gibt doch in jedem Menschen zwei Arten von Verstand: einen höheren und einen niedrigeren. Nicht? Ist es nicht so?“
„Möglich, daß es so ist,“ brachte der Fürst kaum vernehmbar hervor; sein Herz bebte entsetzlich und schlug laut.
„Ich wußte ja, daß Sie es verstehen würden,“ fuhr sie wichtig fort. „Fürst Sch. und Jewgenij Pawlowitsch begreifen nichts von diesen zwei Verstandesarten, Alexandra auch nicht, aber stellen Sie sich vor: Mama begriff sofort.“
„Sie ähneln sehr Lisaweta Prokofjewna.“
„Wie das? Wirklich?“ wunderte sich Aglaja.
„Jawohl, Sie können es mir glauben.“
„Ich danke Ihnen,“ sagte sie nach einer Weile nachdenklich. „Es freut mich sehr, daß ich Mama gleiche. Dann achten Sie sie wohl sehr?“ fragte sie plötzlich, ohne die Naivität der Frage selbst zu gewahren.
„Sehr, sehr, und es freut mich, daß Sie das so ohne weiteres verstanden haben.“
„Und mich freut es, weil ich bemerkt habe, wie man bisweilen über sie ... lacht. Doch hören Sie nun die Hauptsache: ich habe es mir lange überlegt – und ich habe dann schließlich Sie erwählt. Ich will nicht, daß man zu Hause über mich lacht; ich will nicht, daß man mich für ein dummes Gänschen hält; ich will nicht, daß man mich aufzieht. Ich habe das sogleich bemerkt und deshalb Jewgenij Pawlowitsch sofort kategorisch abgewiesen, denn ich will auch nicht, daß man mich immer nur als Heiratsobjekt betrachtet! Ich will ... ich will ... einfach – ich will entfliehen, und Sie habe ich erwählt, damit Sie mir dabei behilflich sind.“
„Entfliehen!“ rief der Fürst aufs höchste erschrocken aus.
„Ja, ja, ja, aus dem Hause meiner Eltern entfliehen!“ wiederholte sie zornig, sich an ihrer eigenen Phantasie berauschend. „Ich will nicht, ich will nicht, daß man mich dort immer zwingt, zu erröten! Ich will vor keinem Menschen erröten, weder vor Fürst Sch., noch vor Jewgenij Pawlowitsch, noch vor sonst jemandem, und deshalb habe ich Sie erwählt. Mit Ihnen will ich über alles, alles reden, sogar über das Hauptsächlichste, sobald ich will. Das werde ich – aber auch Sie dürfen mir nichts verheimlichen. Ich will doch wenigstens mit einem Menschen über alles reden dürfen wie mit mir selbst. Die da – die begannen da plötzlich alle zu sagen, daß ich Sie erwarte und Sie liebe. Das war noch vor Ihrer Ankunft, und ich hatte ihnen Ihren Brief doch gar nicht gezeigt ... jetzt aber pfeifen es schon alle Spatzen auf dem Dach. Ich will dreist sein, dreist und mutig, und keinen Menschen fürchten. Ich will nicht mehr ihre Bälle besuchen, ich will Nutzen bringen. Ich habe schon längst entfliehen wollen. Zwanzig Jahre lang habe ich bei ihnen hinter Schloß und Riegel gelebt, und ewig wird davon geredet, daß ich heiraten soll. Schon mit vierzehn Jahren wollte ich fortlaufen, wenn ich auch sonst noch dumm war. Jetzt aber habe ich mir alles reiflich überlegt und nur auf Sie gewartet, um Sie über das Ausland auszufragen. Ich habe noch keinen einzigen gotischen Dom gesehen, ich will Rom sehen, ich will alle wissenschaftlichen Sammlungen besuchen, ich will in Paris studieren. Ich habe mich das ganze letzte Jahr schon dazu vorbereitet und gelernt, ich habe sehr viele Bücher gelesen, ich habe alle verbotenen Bücher durchgelesen. Alexandra und Adelaida dürfen alle Bücher lesen, ihnen ist es erlaubt, mir aber werden nicht alle gegeben, ich muß mir auch darin noch Vormundschaft gefallen lassen. Mit den Schwestern will ich deshalb nicht streiten, aber meiner Mutter und meinem Vater habe ich schon längst erklärt, daß ich meine soziale Stellung vollkommen verändern will. Ich habe beschlossen, mich mit Kindererziehung zu beschäftigen, und ich habe dabei auf Ihren Beistand gerechnet, denn Sie sagten doch, daß Sie Kinder lieben. Vielleicht können wir uns gemeinsam damit befassen, wenn auch nicht jetzt – aber warum schließlich nicht später einmal? Dann könnten wir beide der Welt Nutzen bringen. Ich will nicht mehr einzig und allein als Generalstochter weiterleben. Sagen Sie, sind Sie ein sehr gelehrter Mann?“
„Oh, durchaus nicht.“
„Das ist schade, ich aber dachte gerade ... nein, wie bin ich nur darauf gekommen, das zu denken? Aber Sie werden mich trotzdem leiten, ich habe Sie dazu erwählt.“
„Das ist doch alles ... sinnlos, Aglaja Iwanowna.“
„Ich will, ich will entfliehen!“ rief sie heftig, und wieder erglühten ihre Augen. „Wenn Sie nicht einwilligen, heirate ich Gawrila Ardalionytsch. Ich will nicht, daß man mich zu Haus für ein gemeines Frauenzimmer hält und mich Gott weiß wessen noch alles beschuldigt.“
„Sind Sie ... sind Sie von Sinnen!“ Der Fürst sprang fast auf vor Schreck. „Wessen beschuldigt man Sie, wer beschuldigt Sie?“
„Zu Hause tun’s alle, Mama, Alexandra, Adelaida, Papa, Fürst Sch., sogar Ihr dummer naseweiser Bengel Koljä! Wenn sie es auch nicht direkt sagen, so denken sie es doch. Ich habe es ihnen aber allen ins Gesicht gesagt, beiden, Mama sowohl wie Papa. Mama war den ganzen Tag krank; am nächsten Tage aber sagten mir Alexandra und Papa, daß ich selbst nicht wüßte, was ich da schwatzte und welche Worte ich gebrauchte. Ich sagte ihnen aber direkt ins Gesicht, daß ich bereits alles begriffe, alle Worte, daß ich kein Baby mehr sei, daß ich schon vor zwei Jahren absichtlich zwei Romane von Paul de Kock gelesen habe, um endlich alles zu erfahren. Als Mama das hörte, fiel sie sofort in Ohnmacht.“
Dem Fürsten kam plötzlich ein seltsamer Gedanke. Er blickte Aglaja prüfend an ... und lächelte.
Er konnte es kaum glauben, daß er dasselbe unnahbare Mädchen vor sich hatte, das ihm einst mit so hochmütigem Stolz Gawrila Ardalionytschs Brief zurückgegeben hatte. Es schien ihm unerklärlich, wie sich in einer so kühlen, abweisenden Schönheit ein solches Kind verbergen konnte, ein Kind, das offenbar auch jetzt noch nicht „alle Worte begriff“.
„Haben Sie immer zu Hause gelebt, Aglaja Iwanowna?“ fragte er. „Ich meine – haben Sie nie eine öffentliche Schule besucht, sind Sie nie in einem Institut gewesen?“
„Nein, niemals und nirgends; ich habe immer nur zu Haus gesessen, wie in einer Flasche verkorkt, und aus der Flasche werde ich verheiratet. Worüber lachen Sie wieder? Ich sehe, daß auch Sie, wie es scheint, sich über mich lustig machen und zu den anderen halten,“ sagte sie schroff mit finster gerunzelter Stirn. „Ärgern Sie mich nicht, ich weiß ohnehin nicht, was mit mir geschieht ... ich bin überzeugt, Sie sind hierhergekommen in der Meinung, daß ich in Sie verliebt sei und Sie zu einem Stelldichein gerufen habe,“ versetzte sie gereizt.
„Gestern habe ich das in der Tat gefürchtet,“ verriet der Fürst in seiner treuherzigen Offenheit – er war äußerst verwirrt –, „doch heute bin ich überzeugt, daß Sie ...“
„Was!“ rief Aglaja ganz entsetzt aus, und ihre Unterlippe begann zu beben. „Sie haben gefürchtet, daß ich ... Sie haben zu denken gewagt, daß ich ... Herr des Himmels! Sie haben dann am Ende gar vermutet, daß ich Sie hergerufen habe, um Sie ins Netz zu locken und damit man uns dann hier antrifft und Sie zwingt, mich zu heiraten ...“
„Aglaja Iwanowna! Schämen Sie sich denn nicht! Wie kann ein so schmutziger Gedanke in Ihrem reinen, unschuldigen Herzen entstehen? Ich bin überzeugt, daß Sie an kein einziges Ihrer Worte glauben und ... selbst nicht wissen, was Sie sagen!“
Aglaja rührte sich nicht und blickte unverwandt zu Boden, als hätten ihre Worte sie jetzt selbst erschreckt.
„Ich schäme mich nicht ein bißchen,“ murmelte sie schließlich eigensinnig. „Woher wissen Sie, daß mein Herz unschuldig ist? Wie haben Sie mir damals einen Liebesbrief zu schreiben gewagt?“
„Einen Liebesbrief? Mein Brief soll ein – Liebesbrief gewesen sein! Das war der ehrerbietigste Brief, den ich je geschrieben habe; was ich Ihnen schrieb, strömte aus meinem Herzen in der schwersten Stunde meines Lebens! Ich entsann mich Ihrer, wie einer lichten Erscheinung ... ich ...“
„Nun gut, gut,“ unterbrach sie ihn plötzlich, doch bereits nicht mehr im alten Tone, sondern in aufrichtiger Reue und fast erschrocken, ja sie beugte sich sogar etwas näher zu ihm, jedoch immer noch bemüht, ihn nicht offen anzusehen, und sie schien ihn leise an der Schulter berühren zu wollen, um ihn noch dringender zu bitten, sich doch nicht zu ärgern. „Nun gut,“ sagte sie unsäglich beschämt. „Ich fühle, daß ich einen sehr dummen Ausdruck gebraucht habe. Das habe ich aber nur so ... nur, um Sie zu prüfen. Vergessen Sie es, tun Sie, als wäre es überhaupt nicht gesprochen. Und wenn ich Sie gekränkt habe, so verzeihen Sie mir. Sehen Sie mich, bitte, nicht so an, blicken Sie dorthin, wenden Sie sich von mir ab. Sie sagen, das sei ein schmutziger Gedanke: ich habe ihn aber absichtlich ausgesprochen, um Sie zu reizen. Bisweilen habe ich selber Angst vor dem, was ich sagen will, und dann plötzlich sage ich es doch. Sie sagten soeben, daß Sie diesen Brief in der schwersten Stunde Ihres Lebens geschrieben hätten ... Ich weiß, in welch einer Stunde das gewesen ist,“ fügte sie leise hinzu, den Blick wieder zu Boden gesenkt.
„Ich weiß alles!“ rief sie plötzlich von neuem erregt aus. „Sie lebten damals in ein und demselben Zimmer mit jenem gemeinen Weibe, mit dem Sie entflohen waren ...“
Sie wurde nicht rot, sondern bleich, als sie das sagte, und plötzlich erhob sie sich von der Bank, wie in Gedanken verloren, doch besann sie sich sogleich wieder und setzte sich: ihre Unterlippe fuhr noch lange fort, zu zucken. Das Schweigen dauerte wohl eine ganze Minute. Der Fürst war unsäglich betroffen durch diesen plötzlichen Umschlag in ihrem Wesen und wußte nicht, welch einer Ursache er ihn zuschreiben sollte.
„Ich liebe Sie ganz und gar nicht,“ sagte sie plötzlich auffallend unvermittelt und barsch – wie gehackt klang der Satz.
Der Fürst entgegnete hierauf nichts. Wieder schwiegen sie.
„Ich liebe Gawrila Ardalionytsch ...“ sagte sie dann hastig, jedoch kaum hörbar, und sie senkte noch mehr den Kopf.
„Das ist nicht wahr,“ sagte der Fürst, gleichfalls fast flüsternd.
„Sie wollen mich also Lügen strafen? Nein, es ist wahr: ich habe ihm vor drei Tagen hier auf dieser Bank mein Jawort gegeben.“
Der Fürst erschrak und sann eine Weile nach.
„Nein, das ist nicht wahr,“ sagte er entschieden, „Sie haben sich das alles jetzt hier ausgedacht.“
„Sie sind wirklich ausnehmend höflich. So hören Sie denn: er hat sich sehr gebessert und liebt mich mehr als sein Leben. Er hat vor meinen Augen seine Hand verbrannt, nur um mir zu beweisen, daß er mich mehr als sein Leben liebt.“
„Seine Hand verbrannt?“
„Ja, seine Hand. Glauben Sie’s, oder glauben Sie’s nicht, mir ist es gleich.“
Der Fürst schwieg wieder. Es war nicht der geringste Scherzton aus Aglajas Stimme herauszuhören.
„Wie, hat er denn eine Kerze mitgebracht, wenn es hier geschehen sein soll? Anders kann ich es mir gar nicht vorstellen ...“
„Ja ... eine Kerze. Was ist denn dabei so unwahrscheinlich?“
„Eine ganze Kerze oder ... eine im Leuchter?“
„Nun ja ... nein ... eine halbe Kerze, einen Lichtstumpf ... eine ganze Kerze, – gleichviel, hören Sie auf! ... Und auch eine Streichholzschachtel hat er, wenn Sie wollen, mitgebracht. Er hat hier die Kerze angezündet und eine ganze halbe Stunde lang den Finger in die Flamme gehalten. Klingt denn das so unmöglich?“
„Ich habe ihn gestern gesehen: er hat keinen verbrannten Finger.“
Aglaja platzte endlich laut heraus und lachte wie ein Kind.
„Wissen Sie, warum ich soeben gelogen habe?“ wandte sie sich ebenso plötzlich an den Fürsten – mit der kindlichsten Zutraulichkeit und einem Lachen, das schalkhaft um ihre Lippen zuckte. „Weil jedesmal, wenn man beim Lügen geschickt etwas nicht ganz Gewöhnliches hineinflicht, irgend etwas, nun wissen Sie, etwas, das ganz selten vorkommt, oder sogar überhaupt nicht, dann die Lüge sogleich viel wahrscheinlicher wird. Das habe ich oft bemerkt. Mir ist es diesmal nur leider nicht gelungen, ich verstand nicht, es richtig zu machen ...“
Plötzlich wurde sie wieder ernst und runzelte die Stirn, wie wenn sie sich besonnen hätte.
„Wenn ich Ihnen damals,“ wandte sie sich an den Fürsten, indem sie ihn ernst und beinahe traurig ansah, „wenn ich Ihnen damals auch die Ballade vom ‚armen Ritter‘ vortrug, so wollte ich Sie damit ... wenn ich Sie auch damit einesteils loben wollte – doch andernteils für Ihr Benehmen brandmarken und Ihnen zeigen, daß ich alles weiß ...“
„Sie sind sehr ungerecht zu mir ... und zu jener Unglücklichen, über die Sie sich soeben so häßlich geäußert haben, Aglaja.“
„Weil ich eben alles weiß, alles, deshalb habe ich mich auch so ausgedrückt. Ich weiß, daß Sie ihr vor einem halben Jahr in Gegenwart aller Gäste einen Heiratsantrag gemacht haben. Unterbrechen Sie mich nicht, Sie sehen, ich rede ohne Kommentar. Darauf entfloh sie mit Rogoshin; dann lebten Sie mit ihr in irgendeinem Dorf oder kleinen Städtchen, bis sie von Ihnen wieder fortging zu einem anderen.“ Aglaja errötete entsetzlich. „Dann kehrte sie wieder zu Rogoshin zurück, der sie immer noch liebte, wie ... wie ein Irrsinniger. Darauf sind nun Sie, gleichfalls ein sehr kluger Mann, hierher ihr nachgereist, sobald Sie nur erfahren hatten, daß sie in Petersburg eingetroffen ist. Gestern abend beeilten Sie sich, sie zu verteidigen, und soeben haben Sie sie hier im Traum gesehen. – Sehen Sie jetzt, daß ich alles weiß! Sie sind doch ihretwegen, einzig ihretwegen hergekommen?“
„Ja, ihretwegen,“ antwortete der Fürst leise, traurig und nachdenklich, indem er den Kopf senkte, ohne auch nur zu ahnen, mit welch glühendem Blick Aglaja an ihm hing. „Ihretwegen ... nur um zu erfahren ... Ich glaube nicht an ihr Glück mit Rogoshin, wenn auch ... mit einem Wort, ich weiß nicht, was ich hier für sie tun könnte, wie ihr helfen, aber ich bin in der Tat um ihretwillen gekommen.“
Er zuckte zusammen und blickte Aglaja an, die ihm mit Verachtung zuhörte.
„Wenn Sie gekommen sind, ohne selbst zu wissen weshalb, so müssen Sie sie ja sehr lieben,“ sagte sie schließlich.
„Nein,“ antwortete der Fürst, „nein, ich liebe sie nicht. Oh, wenn Sie wüßten, mit welch einem Entsetzen ich an jene Zeit, die ich mit ihr zusammen verbracht habe, jetzt zurückdenke!“
Ein Zittern überlief bei diesen Worten seinen Körper.
„Erzählen Sie alles,“ sagte Aglaja.
„Hier ist nichts, was ich Ihnen nicht erzählen dürfte. Weshalb ich gerade Ihnen alles erzählen will, und zwar nur Ihnen allein – das weiß ich nicht; vielleicht, weil ich Sie in der Tat sehr liebe. Diese unglückliche Frau ist unerschütterlich davon überzeugt, daß sie das in der ganzen Welt am tiefsten gefallene, lasterhafteste Wesen sei. Oh, schmähen Sie sie nicht, werfen Sie keinen Stein auf sie! Sie hat sich selbst schon gar zu sehr mit dem Bewußtsein ihrer unverdienten Schande gemartert! Und worin besteht ihre Schuld, mein Gott! Oh, sie schreit es ja täglich wie außer sich: daß sie nicht die geringste Schuld sich zuzuschreiben hat, daß sie ein Opfer der Menschen ist, das Opfer eines Lüstlings und Buben; aber was sie Ihnen auch sagen mag, sie ist doch selbst die erste, die ihren eigenen Worten nicht glaubt, sondern mit ihrem ganzen Gewissen überzeugt ist, daß sie im Gegenteil ... selbst schuld ist. Als ich diese unseligen, düsteren Gedanken aus ihrer Seele verscheuchen wollte, da wurde ihre Qual, ihre Seelenpein so groß – ich sah doch, wie ihre Seele sich wand unter der Marter – daß ... daß mein Herz nie aufhören wird zu bluten, solange ich diese furchtbaren Stunden nicht aus meinem Gedächtnis bannen kann. Es war mir damals, als würde mein Herz für immer durchbohrt. Wissen Sie, weshalb sie von mir fortlief? – Nur um mir zu beweisen, daß sie tatsächlich ein – gefallenes Weib sei. Doch das Furchtbarste war gerade das, daß sie vielleicht selbst nicht einmal wußte, daß sie nur mir das hatte beweisen wollen, und innerlich in dem Glauben befangen war, daß sie nur deshalb geflohen sei, weil sie innerlich unbedingt das Bedürfnis nach einer neuen schamlosen Tat gehabt habe, um sich dann immerfort sagen zu können: ‚Sieh, was du jetzt getan hast, beweist doch mehr als deutlich, daß du nichts anderes als eben nur ein niedriges, verworfenes, schmutziges Geschöpf bist!‘ Oh, vielleicht werden Sie das alles gar nicht verstehen, Aglaja! Wissen Sie auch, daß in diesem immerwährenden Sich-ihrer-Schmach-bewußt-sein ein unheimlicher, unnatürlicher Genuß für sie liegen kann, wie eine gewisse Rache an irgend jemandem ... Bisweilen gelang es mir, sie so weit zu bringen, daß sie etwas Licht in der Finsternis um sich zu sehen begann; aber sogleich empörte sie sich wieder und ging dann so weit, daß sie mir, mir bitter vorwarf, ich stelle mich hoch und hochmütig über sie – während ich doch nicht einmal im Traum daran gedacht hatte – und schließlich sagte sie mir, als ich um sie anhielt, daß sie von keinem weder anmaßendes Mitleid, noch Hilfe, noch ‚Erhebung zu ihm empor‘ verlange. Sie haben sie gestern gesehen; glauben Sie denn, daß sie in dieser Gesellschaft glücklich ist, daß dieses Leben ihr zusagt? Sie wissen nicht, wie sie geistig entwickelt ist, und was sie alles begreifen kann! Sie hat mich bisweilen geradezu in Erstaunen gesetzt!“
„Haben Sie ihr dort auch solche ... Predigten gehalten?“
„O nein,“ fuhr der Fürst gedankenverloren fort, ohne daß ihm der Ton der Frage irgendwie aufgefallen wäre, „ich habe fast immer geschwiegen. Oft genug habe ich reden wollen, aber, offen gestanden, ich habe dann nie gewußt, was ich sagen sollte. Wissen Sie, in manchen Fällen ist es besser, überhaupt nicht zu sprechen. Oh, ich habe sie geliebt; oh, sehr geliebt ... dann aber ... dann ... dann erriet sie alles.“
„Was erriet sie?“
„Daß ich nur unendliches Mitleid mit ihr hatte, und daß ich sie ... bereits nicht mehr liebte.“
„Woher wissen Sie, daß sie sich nicht tatsächlich in jenen ... Gutsbesitzer verliebt hatte, mit dem sie losgezogen war?“
„Nein, ich weiß ... sie hat sich über ihn nur lustig gemacht.“
„Und über Sie hat sie sich niemals lustig gemacht?“
„N–ein. Sie hat vielleicht aus Bosheit über mich gelacht; oh, sie hat mir auch entsetzliche Vorwürfe gemacht, im Zorn – und litt doch selbst mehr als ich darunter! Doch ... dann ... oh, erinnern Sie mich nicht, erinnern Sie mich nicht daran!“
Er bedeckte das Gesicht mit den Händen.
„Aber wissen Sie auch, daß ich fast täglich einen Brief von ihr erhalte?“
„So ist es also wahr!“ rief der Fürst erregt. „Ich habe davon gehört, aber ich konnte es nicht glauben.“
„Von wem haben Sie es gehört?“ fuhr Aglaja erschrocken auf.
„Rogoshin sagte es mir gestern, nur sprach er es nicht ganz deutlich aus.“
„Gestern? Gestern morgen? Wann gestern? Vor dem Konzert oder nachher?“
„Nachher; spät am Abend, kurz vor zwölf.“
„A–a, nun, wenn’s Rogoshin ... Aber wissen Sie auch, was sie in diesen Briefen schreibt?“
„Ich würde mich über nichts wundern, sie ist ja wahnsinnig.“
„Hier sind diese Briefe.“ Aglaja zog aus ihrer Tasche drei Briefe in drei Kuverts hervor und warf sie dem Fürsten hin. „Schon seit einer ganzen Woche fleht sie mich an, beredet, beschwört sie mich, Sie zu heiraten. Sie ist ... nun ja, sie ist klug, wenn sie auch wahnsinnig ist, und Sie haben recht, wenn Sie sagen, daß sie viel klüger sei als ich ... sie schreibt, daß sie in mich verliebt sei, daß sie jeden Tag eine Gelegenheit suche, um mich, wenn auch nur von ferne, zu sehen. Sie schreibt, daß Sie mich lieben, sie wisse es ganz genau, habe es schon längst bemerkt, und Sie hätten dort mit ihr auch über mich gesprochen. Sie will Sie glücklich sehen; sie ist überzeugt, daß nur ich Ihr Glück ausmachen könne ... Sie schreibt so sonderbar ... so ungeheuerlich ... Ich habe ihre Briefe keinem Menschen gezeigt, ich habe Sie erwartet; wissen Sie, was das alles zu bedeuten hat? Erraten Sie nichts?“
„Das ist Wahnsinn, ein Beweis ihres Irrsinns,“ sagte der Fürst mit bebenden Lippen.
„Weinen Sie nicht gar?“
„Nein, Aglaja, nein, ich weine nicht.“ Er blickte sie an.
„Was soll ich nun hier tun? Wozu würden Sie mir raten? Ich kann doch nicht ewig diese Briefe empfangen!“
„O, lassen Sie sie, ich beschwöre Sie!“ rief der Fürst. „Und was sollten Sie auch in dieser Finsternis ... ich werde alles tun, damit sie keine Briefe mehr an Sie schreibt.“
„Wenn Sie das tun, dann sind Sie ein herzloser Mensch!“ rief Aglaja. „Oder sehen Sie denn wirklich nicht, daß sie nicht in mich verliebt ist, sondern in Sie, daß sie nur Sie allein liebt! Sollte Ihnen wirklich gerade dieses entgangen sein, während Sie doch alles andere bemerkt haben? Wissen Sie, was diese Briefe bedeuten? – Eifersucht bedeuten sie! Es ist sogar noch mehr als Eifersucht! Sie wird ... Glauben Sie, daß sie Rogoshin wirklich heiraten wird, wie sie es hier in diesen Briefen schreibt? Töten wird sie sich am nächsten Tage nach unserer Hochzeit!“
Der Fürst fuhr zusammen. Sein Herz stand still. Doch verwundert sah er Aglaja an und plötzlich begriff er, daß dieses Kind längst Weib war.
„Aglaja, um ihr die Ruhe wiederzugeben und sie glücklich zu machen, würde ich mein Leben hingeben, aber ... jetzt kann ich sie nicht mehr lieben und das weiß sie!“
„So opfern Sie sich doch, das würde Ihnen ja so gut stehen. Sie sind ja ein so großer Wohltäter! Und, bitte, nennen Sie mich nicht ‚Aglaja‘ ... Sie haben dreimal einfach ‚Aglaja‘ gesagt ... Sie meinen, es ist Ihre Pflicht, sie wieder aufzurichten, Sie müssen wieder mit ihr reisen, um ihr Herz zu beruhigen und zu versöhnen. Sie lieben doch keine andere als gerade sie!“
„Ich habe mich nicht so opfern können, obschon ich es einmal wollte und ... vielleicht auch jetzt noch will. Ich weiß aber, ich weiß, daß sie mit mir unglücklich werden würde, und deshalb verlasse ich sie. Ich sollte sie heute um sieben Uhr sehen; jetzt werde ich vielleicht nicht zu ihr gehen. In ihrem Stolz wird sie mir nie meine Liebe verzeihen – und so würden wir beide zugrunde gehen. Das ist unnatürlich, aber ist hier nicht alles unnatürlich? Sie sagen, daß sie mich liebt, aber ist denn das Liebe? Kann denn hier wirklich noch von Liebe die Rede sein, nach allem, was ich erduldet habe! Nein, hier ist es etwas ganz anderes, nicht aber Liebe!“
„Wie bleich Sie sind!“ sagte Aglaja plötzlich erschrocken.
„Ich habe wenig geschlafen, es ist nichts ... ich bin abgespannt, ich ... wir haben damals in der Tat von Ihnen gesprochen, Aglaja ...“
„So ist es wahr? Sie haben wirklich mit ihr über mich sprechen können und ... und wie konnten Sie mich liebgewinnen, wenn Sie mich doch nur erst einmal gesehen hatten?“
„Ich weiß nicht, wie ich es konnte. In jenem Dunkel, in dem ich mich damals befand, träumte ich ... träumte ich vielleicht von einer Morgenröte. Ich weiß nicht, wie es kam, daß ich an Sie dachte, an Sie zuerst und vor allen anderen. Ich habe Ihnen damals die volle Wahrheit geschrieben, ich wußte es wirklich nicht. Alles das war nur eine Illusion ... die durch das damalige Entsetzen heraufbeschworen wurde ... Dann begann ich zu lernen; ich wäre wohl vor drei Jahren nicht wieder hergereist ...“
„Sie sind also ihretwegen gekommen?“
Es war ein Beben in Aglajas Stimme.
„Ja, ihretwegen.“
Zwei Minuten lang herrschte düsteres Schweigen zwischen ihnen. Dann erhob sich Aglaja von ihrem Platz.
„Wenn Sie sagen,“ begann sie mit unsicherer Stimme, „wenn Sie selbst glauben, daß dieses ... Ihr Frauenzimmer ... wahnsinnig ist, so ... habe ich mit ihren wahnsinnigen Phantasien nichts zu schaffen ... Ich bitte Sie, Lew Nikolajewitsch, diese drei Briefe an sich zu nehmen und sie ihr vor die Füße zu werfen, in meinem Namen! Und wenn sie,“ schrie plötzlich Aglaja wie rasend, „wenn sie es noch einmal wagt, mir auch nur eine Zeile zu schreiben, so – sagen Sie ihr das – werde ich mich bei meinem Vater beklagen, und dann wird man sie ins Zuchthaus werfen ...“
Der Fürst sprang auf und blickte sie verständnislos an, ganz erschrocken durch ihre plötzliche Heftigkeit. Und plötzlich fiel es auch ihm wie Schuppen von den Augen ...
„Sie können nicht so fühlen ... das ist nicht wahr,“ murmelte er.
„Doch! Es ist wahr, es ist wahr!“ schrie Aglaja wie rasend, als hätte sie jede Besinnung verloren.
„Was ist wahr? Was soll hier wahr sein?“ ertönte plötzlich eine angstvolle Stimme.
Vor ihnen stand Lisaweta Prokofjewna.
„Das ist wahr, daß ich Gawrila Ardalionytsch heiraten werde! Daß ich Gawrila Ardalionytsch liebe und morgen noch mit ihm entfliehe!“ wandte sich Aglaja zornbebend an die Mutter. „Haben Sie es jetzt gehört? Ist Ihre Neugier befriedigt? Sind Sie zufrieden damit?“
Und sie wandte sich schroff um und lief davon.
„Nein, mein Bester, so gehen Sie mir nicht fort,“ hielt Lisaweta Prokofjewna den Fürsten auf, „haben Sie die Güte, sich zu uns zu bemühen und mir das ein wenig zu erklären ... Hat mich doch meine Ahnung die ganze Nacht gequält und nicht schlafen lassen! ...“
Der Fürst folgte ihr.
IX.
Als sie in der Villa angelangt waren, blieb Lisaweta Prokofjewna sogleich im ersten Zimmer stehen: weiter konnte sie nicht mehr gehen und völlig erschöpft ließ sie sich auf eine kleine Chaiselongue nieder, ohne in der Zerstreutheit auch den Fürsten zum Platznehmen aufzufordern. Es war das in einem ziemlich großen Saal, mit reichen Blumenarrangements vor den Fenstern, einem schweren runden Tisch in der Mitte, einem Kamin und einer großen Glastür in der anderen Wand, durch die man in den Garten gelangte.
Kaum waren sie eingetreten, als auch Alexandra und Adelaida erschienen und in fragender Verständnislosigkeit die Mutter und den Fürsten anblickten.
Die jungen Mädchen pflegten in der Sommerfrische gewöhnlich gegen neun Uhr aufzustehen; nur Aglaja hatte sich in den letzten zwei oder drei Tagen etwas früher erhoben, um dann im Garten spazieren zu gehen, doch immerhin war das noch nicht um sieben geschehen, sondern erst so um acht, halb neun herum. Lisaweta Prokofjewna, deren unzählige Sorgen sie während der Nacht in der Tat keinen Schlaf hatten finden lassen, hatte sich schließlich kurz vor acht angekleidet, um Aglaja im Garten zu treffen, doch siehe da: ihre Jüngste war weder im Schlafzimmer noch im Garten zu finden. Von dem Stubenmädchen erfuhr sie, daß Aglaja Iwanowna bereits um sieben in den Park gegangen sei. Die Schwestern hatten über Aglajas neuen phantastischen Einfall zu lachen begonnen und gemeint, Aglaja würde sich sicherlich sehr ärgern, wenn die Mutter sie im Park aufsuchte. Sie hatten dabei geäußert, daß sie bestimmt mit einem Buch auf jener grünen Bank sitze, um derentwillen sie sich noch vor drei Tagen mit Fürst Sch. gezankt hatte, weil es diesem nicht gegeben war, in der Lage dieser Bank etwas Besonderes zu erblicken. So begab sich denn die Generalin zur grünen Bank und erschrak unsäglich über das Stelldichein, dessen Zeuge sie wurde, und über die Worte, die sie noch auffing. Als sie aber jetzt dem Fürsten gegenübersaß, wurde ihr bange bei dem Gedanken daran, was sie angestiftet hatte. „Weshalb sollte denn Aglaja nicht mit ihm zusammenkommen dürfen, selbst wenn es auch ein verabredetes Rendezvous war?“
„Glauben Sie nicht, mein Lieber,“ sagte sie schließlich, sich zusammennehmend, „daß ich Sie hergebeten habe, um Sie auszuforschen ... Ich hätte nach dem, mein Täubchen, was gestern geschah, vielleicht lange nicht den Wunsch gehabt, dich wiederzusehen ...“
Sie stockte ein wenig.
„Doch immerhin würden Sie gern erfahren wollen, wie es kam, daß ich heute mit Aglaja Iwanowna zusammengetroffen bin?“ beendete der Fürst mit der größten Ruhe ihren Satz.
„Nun ja, gewiß wollte ich das!“ sagte Lisaweta Prokofjewna sogleich ärgerlich und sie errötete plötzlich. „Ich fürchte mich nicht vor offener Aussprache, denn ich trete keinem zu nah und habe auch nicht die Absicht gehabt, jemanden zu beleidigen ...“
„Aber ich bitte Sie, da bedarf es doch gar keiner Entschuldigungen, es ist doch nur natürlich, daß Sie es wissen wollen. Sie sind – ihre Mutter. Wir trafen uns heute, Aglaja Iwanowna und ich, um sieben Uhr, bei der grünen Bank, weil sie mich dazu aufgefordert hatte. Sie teilte mir gestern abend schriftlich mit, daß sie mich in einer wichtigen Angelegenheit sprechen müsse. Wir trafen uns und sprachen eine ganze Stunde von Dingen, die eigentlich nur Aglaja Iwanowna angehen – und das war alles.“
„Selbstverständlich war das alles, Väterchen, und sogar ohne jeden Zweifel alles,“ sagte die Generalin würdevoll.
„Vortrefflich, Fürst!“ sagte Aglaja, die plötzlich in den Saal trat. „Ich danke Ihnen von ganzem Herzen, daß Sie auch mich für unfähig gehalten haben, mich zur Lüge zu erniedrigen. Genügt Ihnen diese Erklärung, Mama, oder beabsichtigen Sie, noch weiter zu fragen?“
„Du weißt, daß ich vor dir noch niemals zu erröten gebraucht habe, wenn du es vielleicht auch gern sehen würdest,“ antwortete Lisaweta Prokofjewna zurechtweisend. „Leben Sie wohl, Fürst, und verzeihen Sie mir, daß ich Sie beunruhigt habe. Ich hoffe, daß Sie von meiner unveränderlichen Hochachtung für Sie überzeugt bleiben werden.“
Der Fürst verbeugte sich sogleich nach beiden Seiten und verließ schweigend den Saal. Alexandra und Adelaida lächelten und flüsterten ein paar Worte unter sich. Die Generalin maß sie beide mit strengem Blick.
„Wir lachen ja nur darüber, Mama,“ sagte Adelaida auflachend, „daß der Fürst sich so wundervoll verbeugt hat; mitunter tut er es wie ein Sack, und nun auf einmal wie ... wie Jewgenij Pawlowitsch!“
„Zartgefühl und Würde lehrt das eigene Herz und nicht der Tanzmeister,“ bemerkte Lisaweta Prokofjewna und sie rauschte hinaus, ohne Aglaja auch nur mit einem Blick zu streifen. Sie begab sich in ihr Zimmer, das im oberen Stockwerk lag.
Als der Fürst nach Hause kam – es war mittlerweile fast schon neun geworden -, traf er auf der Terrasse Wjera Lukjanowna und die Stubenmagd beim Aufräumen an, und das war nach der letzten Nacht auch dringend nötig.
„Gott sei Dank, wir sind gerade fertig geworden!“ sagte Wjera erfreut.
„Guten Morgen! Mein Kopf geht mir ein wenig in die Runde, ich habe schlecht geschlafen und würde es jetzt gern nachholen.“
„Wollen Sie nicht wieder auf der Terrasse schlafen, so wie gestern? Gut, ich werde allen sagen, daß man Sie nicht wecken soll. Papa ist irgendwohin gegangen.“
Die Magd ging hinaus, Wjera wollte ihr folgen, doch plötzlich kehrte sie zurück und näherte sich mit besorgter Miene dem Fürsten.
„Fürst, haben Sie Mitleid mit diesem ... Unglücklichen, jagen Sie ihn heute nicht fort.“
„Ich denke nicht daran, er soll so lange bleiben wie er will.“
„Er wird jetzt nichts tun und ... seien Sie nicht streng gegen ihn.“
„O nein, weshalb sollte ich?“
„Und ... lachen Sie nicht über ihn, das ist das Wichtigste.“
„Oh, das fällt mir gar nicht ein!“
„Ach, ich bin dumm, daß ich das einem Menschen, wie Ihnen, auch noch sage!“ sagte Wjera errötend. „Übrigens wenn Sie auch noch müde sind,“ lachte sie, bereits halb abgewandt, um hinauszugehen, „so haben Sie jetzt doch so prächtige Augen ... so glückliche Augen.“
„Ja? In der Tat glückliche?“ fragte der Fürst lebhaft und lachte gleichfalls erfreut.
Doch Wjera, die sonst wie ein Knabe harmlos und unbefangen war, geriet plötzlich aus irgendeinem Grunde in Verwirrung, errötete noch mehr und zog sich, immer noch lachend, schnell zurück.
„Was für ein ... liebes Ding ...“ dachte der Fürst, vergaß sie aber schon im nächsten Augenblick. Er setzte sich auf die Chaiselongue an der Rückwand der Terrasse, bedeckte das Gesicht mit den Händen und verharrte in dieser Stellung wohl zehn Minuten; plötzlich griff er schnell und erregt in die Rocktasche und zog die drei Briefe hervor. In diesem Augenblick öffnete sich die Tür und Koljä trat ein. Der Fürst schien gleichsam erfreut darüber, daß er die Briefe in die Tasche zurückschieben mußte und so der Augenblick des Lesens ein wenig hinausgeschoben wurde.
„Nun, das war was!“ sagte Koljä, ließ sich gleichfalls auf die Chaiselongue nieder und ging wie alle seinesgleichen ohne Umschweife auf die Hauptsache über. „Mit welchen Augen sehen Sie jetzt auf Hippolyt? Ohne jede Achtung?“
„Wieso, weshalb das? ... Nur ... wissen Sie, Koljä, ich bin sehr müde ... Zudem wäre es auch gar zu traurig, wieder davon anzufangen ... Übrigens, was macht er jetzt?“
„Er schläft und wird noch seine zwei Stunden schlafen. Ich begreife, Sie haben die ganze Nacht nicht geschlafen, sind im Park gewesen ... versteht sich, die Aufregung ... das fehlte noch!“
„Woher wissen Sie, daß ich im Park gewesen bin und nicht zu Hause geschlafen habe?“
„Wjera sagte es mir. Sie wollte mich bereden, Sie nicht zu stören: ich hielt’s aber nicht aus – nur auf einen Augenblick. Ich habe zwei Stunden an seinem Bett gewacht. Jetzt habe ich Kostjä Lebedeff zur Ablösung hingepflanzt. Burdowskij ist abgezogen. So legen Sie sich denn hin, Fürst. Gute N–n ... nein, guten Tag! Nur, wissen Sie, ich bin baff!“
„Natürlich ... alles das ...“
„Nein, Fürst, nein; ich bin baff über die ‚Beichte‘! Namentlich über die Stelle, wissen Sie, wo er von der Vorsehung und dem künftigen Leben spricht. Dort ist ein gi–gan–tischer Gedanke!“
Der Fürst blickte Koljä freundlich an, der offenbar nur deshalb gekommen war, um so bald wie möglich von dem ‚gigantischen Gedanken‘ reden zu können.
„Doch die Hauptsache, die Hauptsache liegt nicht in dem einen Gedanken allein, sondern in dem ganzen Aufbau der Sache! Wenn das ein Voltaire, Rousseau oder Proudhon geschrieben hätte – gut, ich würde es gelesen und mir gemerkt haben, aber ich würde doch nicht in dem Maße baff sein. Wenn jedoch ein Mensch, der genau weiß, daß ihm nur noch zehn Minuten geblieben sind, so spricht – das ist doch stolz! Das ist doch eine höhere Unabhängigkeit des Selbstbewußtseins, das bedeutet doch einfach direkte Herausforderung ... Nein, das ist eine wahrhaft gigantische Geisteskraft! Und danach behaupten, er habe absichtlich das Zündhütchen nicht hineingelegt – das ist doch einfach niedrig, einfach abscheulich! Aber wissen Sie, das war doch gar nicht wahr, das eine, was er da gestern sagte: ich hatte ihm ja gar nicht beim Einpacken geholfen, das war nur eine Finte von ihm, ich hatte seine Pistole nie gesehn; er selbst hatte alles eingepackt, so daß ich im Augenblick ganz perplex war. Wjera sagt, Sie würden ihn hierbehalten. Ich schwöre Ihnen, daß Sie nichts zu befürchten brauchen, es liegt ja gar keine Gefahr vor, um so weniger, als doch ständig jemand bei ihm ist.“
„Wer war heute nacht bei ihm?“
„Ich, Kostjä Lebedeff und Burdowskij. Keller blieb nur kurze Zeit bei ihm, dann ging er zu Lebedeff schlafen, bei uns war kein Platz. Ferdyschtschenko schlief gleichfalls bei Lebedeff, der ging um sieben. Der General schläft ja stets bei Lebedeff, jetzt ist er auch schon fortgegangen ... Lebedeff wird vielleicht bald zu Ihnen kommen, er suchte Sie, fragte zweimal nach Ihnen, – ich weiß nicht, was er vor hat. Soll man ihn hereinlassen oder nicht, wenn Sie sich jetzt hinlegen? Ich gehe gleichfalls schlafen. Ach, ja, das muß ich Ihnen doch noch sagen: der General hat mich vorhin überaus in Erstaunen gesetzt. Burdowskij weckte mich vor sieben, oder vielmehr fast schon um sechs; ich ging auf einen Augenblick aus dem Zimmer – da kommt mir der General entgegen, und zwar noch so berauscht, daß er mich kaum erkannte, und bleibt wie ein Pfosten vor mir stehen, bis er dann ganz plötzlich zu sich kam. ‚Was macht der Kranke?‘ fragte er. ‚Ich wollte nach dem Kranken sehn ...‘ Ich rapportierte, nun, soundso. ‚Das ist gut,‘ meinte er, ‚aber ich kam hauptsächlich – deshalb stand ich auch auf –, um dich zu warnen: ich habe Grund, anzunehmen, daß man in Herrn Ferdyschtschenkos Gegenwart nicht alles reden darf und ... die Taschen zuknöpfen muß.‘ Begreifen Sie, Fürst, was das bedeuten soll?“
„Ist’s möglich? Übrigens ... wir haben nichts auf dem Gewissen, uns kann das gleichgültig sein.“
„Versteht sich, wir sind keine Verschwörer! Aber ich wunderte mich wirklich, daß mein General deshalb in der Nacht aufsteht und mich weckt.“
„Ferdyschtschenko ist fortgegangen, sagen Sie?“
„Ja, er ging schon um sieben, kam aber noch im Vorübergehen zu mir: ich wachte bei Hippolyt. Er sagte nur, er gehe zu Wilkin, um weiter zu schlafen, – hier gibt’s nämlich so einen gewissen Trunkenbold Wilkin. Na, jetzt gehe ich. Ah! Da ist ja auch schon Lebedeff ... Der Fürst will schlafen, Lukjan Timofeïtsch, also linksum kehrt!“
„Nur auf eine Sekunde, hochverehrter Fürst, in einer gewissen, meiner Ansicht nach, höchst bedeutsamen Angelegenheit,“ begann eintretend Lebedeff in einem gezwungenen und von Ernst durchdrungenen Tone nicht gerade laut, und verbeugte sich würdevoll.
Er war soeben erst zurückgekehrt und ohne in seine Wohnung zu gehen, beim Fürsten eingetreten, weshalb er denn auch den Hut noch in der Hand hielt. In seinem Gesicht drückte sich Besorgnis aus, sowie ein gewisser Schimmer von Selbstbewußtsein. Der Fürst bat ihn, Platz zu nehmen.
„Sie haben zweimal nach mir gefragt? Beunruhigen Sie sich wegen des gestrigen Vorfalls?“
„Wegen jenes Knaben, meinen Sie, Fürst? O nein. Gestern befanden sich meine Gedanken in nicht ganz klarem Zustande ... heute jedoch beabsichtige ich nicht, Ihnen, gleichviel worin es sei, zu konterkarieren.“
„Zu konterka... wie sagten Sie?“
„Ich sagte: zu konterkarieren; ein französisches Wort, das, wie auch unzählige andere seinesgleichen, in den Bestand der russischen Sprache aufgenommen ist; doch ist mir, genau genommen, nicht viel an ihm gelegen.“
„Was ist mit Ihnen heute, Lebedeff, Sie sind so würdevoll und gesetzt und reden ja wie ein Buch,“ fragte der Fürst, erheitert durch die Komik des würdevollen Ernstes, der zu der ganzen Erscheinung Lebedeffs so wenig paßte.
„Nikolai Ardalionytsch!“ wandte sich Lebedeff in fast beschwörendem Tone an Koljä, „da ich dem Fürsten etwas mitzuteilen habe, das eigentlich und im besonderen nur ...“
„Ich versteh’, ich versteh’ schon, geht mich nichts an! Auf Wiedersehen, Fürst!“ Und Koljä entfernte sich sogleich.
„Ich schätze das Kind wegen seines Begriffsvermögens,“ äußerte sich Lebedeff, ihm nachblickend. „Ein feiner Knabe, wenn auch mitunter etwas naseweis. Doch ein ungeheures Unglück ist mir widerfahren, hochverehrter Fürst, gestern abend oder heut bei Tagesanbruch – noch schwanke ich selbst in der definitiven Zeitangabe.“
„Was ist denn geschehen?“
„Vierhundert Rubel sind aus meiner Rocktasche verduftet, hochverehrter Fürst, da haben wir die Bescherung!“ erklärte Lebedeff mit saurem Lächeln.
„Sie haben vierhundert Rubel verloren? Das ist schade.“
„Und namentlich wenn’s noch nota bene einem armen, ehrlich von seiner Arbeit lebenden Familienvater passiert.“
„Gewiß, gewiß, – aber wie ist denn das zugegangen?“
„Dank dem Alkohol, der bekanntlich die Hauptsubstanz jedes Weines ist. Ich, sehen Sie, hochverehrter Fürst, ich wende mich an Sie, wie an meine leibhaftige Vorsehung. Die Summe von vierhundert Rubeln erhielt ich gestern Punkt fünf Uhr nachmittags von einem Schuldner, worauf ich mit dem nächsten Zuge hierher zurückkehrte. Die Brieftasche hatte ich in der Brusttasche. Nachdem ich dann, zu Hause angelangt, meinen Uniformrock mit einem Hausrock vertauscht hatte, steckte ich die Brieftasche mit dem Gelde in die Rocktasche meines Hausrocks, da ich die Absicht hatte, selbiges Geld noch am gleichen Abend meinem Bevollmächtigten ... zu einem gewissen Zweck einzuhändigen.“
„Ist es wahr, Lukjan Timofeïtsch, daß Sie, wie Sie in den Zeitungen bekanntgemacht haben sollen, auf Gold- und Silbersachen Geld leihen?“
„Durch einen Vermittler, jawohl. Mein eigener Name ist in der Annonce nicht genannt. Zumal ich nur geringes Kapital besitze und in Anbetracht dessen, daß meine Familie mit den Jahren heranwächst – so ist ein ehrlicher Prozentverdienst, das werden Sie doch zugeben ...“
„Nun ja, gewiß, ich fragte ja nur so ... verzeihen Sie, daß ich Sie unterbrochen habe.“
„Doch mein Vermittler erschien nicht. Da wurde der Kranke gebracht; ich befand mich bereits in einem etwas forcierten Zustande – um sechs, nach dem Mittagsmahl. Darauf kamen diese Gäste, tranken ... Tee, und ... meine Stimmung hob sich, zu meinem Pech, versteht sich. Als aber dann – das war schon ziemlich spät – dieser Keller mit der Nachricht von Ihrem Geburtstage erschien und als Champagner verlangt wurde, begab ich mich, werter, hochverehrter Fürst, da ich ein Herz habe – das werden Sie wahrscheinlich schon bemerkt haben, denn ich verdiene es – also ein Herz habe, das ... ich will nicht gerade sagen, daß es gefühlvoll sei, aber jedenfalls ist es ein dankbares Herz, wessen ich mich auch mit Stolz rühme, – also wie gesagt, da begab ich mich zur Erhöhung der Feierlichkeit des bevorstehenden Empfanges und um mich auf eine persönliche Aussprache meines Glückwunsches vorzubereiten, in mein Schlafgemach, um meinen alten Hausrock wieder mit meinem Uniformrock zu vertauschen, woran Sie offenbar nicht zweifeln werden, zumal Sie mich während der ganzen Nacht im Uniformrock zu sehen geruht haben. Bei dieser Prozedur vergaß ich jedoch die Brieftasche in der Tasche des Hausrocks ... Kurz und gut, wenn Gott der Herr zu strafen beabsichtigt, so beraubt er uns zuerst und vor allen Dingen der Vernunft. Und erst heute morgen, so um halb acht herum, sprang ich plötzlich wie ein Besessener aus dem Bett und griff nach meinem Hausrock – die Rocktasche war noch da, aber die Brieftasche war nicht mehr da! Die hatte nicht mal ’ne Spur von sich hinterlassen!“
„Ach, das ist aber unangenehm!“
„Sehr richtig, gerade ‚unangenehm‘. Da haben Sie mit feinem Taktgefühl sogleich den entsprechenden Ausdruck gefunden,“ fügte er bei allem Humor doch mit einem gewissen Ingrimm hinzu.
„Aber wie, einstweilen ...“ sagte der Fürst nach kurzem Nachdenken, „das ist doch etwas sehr Ernstes.“
„Sehr richtig, etwas sehr Ernstes – da haben Sie eine zweite überaus zutreffende Bezeichnung gefunden ...“
„Ach, lassen Sie doch das, Lukjan Timofeïtsch, was soll das jetzt? Hier kommt es doch nicht auf Redewendungen und Worte an ... Glauben Sie, daß Sie in betrunkenem Zustande die Brieftasche haben verlieren können?“
„Können kann man alles. Namentlich in betrunkenem Zustande, wie Sie sich mit aller Aufrichtigkeit ausgedrückt haben, hochverehrter Fürst! Doch bitte ich, eines zu bedenken: wenn die Brieftasche beim Umkleiden aus der Rocktasche gefallen wäre, so müßte sie doch auf dem Fußboden liegen. Wenn sie nun aber da nicht liegt?“
„Haben Sie sie nicht irgendwohin fortgelegt, in einen Kasten vielleicht, oder in ein Schubfach?“
„Ich habe alles durchgesucht, überall nachgewühlt, um so mehr, als ich genau wußte, daß ich keinen einzigen Kasten geöffnet und kein Schubfach auch nur angerührt habe, dessen entsinne ich mich ganz genau.“
„Haben Sie auch im Schränkchen nachgesehen?“
„Versteht sich, dort ganz zuerst, und nicht nur einmal, sondern immer wieder ... Aber wie hätt’ ich’s denn ins Schränkchen tun können, mein aufrichtig hochverehrter Fürst?“
„Ich muß gestehen, Lebedeff, die Sache regt mich nicht wenig auf. Dann hat es vielleicht jemand auf dem Fußboden gefunden?“
„Oder in der Rocktasche entdeckt! Wir sind allerdings vor eine solche Alternative gestellt, wie Sie sehen!“
„Es regt mich tatsächlich auf, denn wer hätte es wohl sein können ... Das ist die Frage!“
„Ganz ohne allen Zweifel ist das die Frage! Sie bekunden ja heute eine wahrhaft erstaunliche Begabung im Finden treffender Worte und bezeichnender Gedanken, und ebenso in der klaren Darlegung der Sachlage, durchlauchtigster Fürst.“
„Ach, Lukjan Timofeïtsch, lassen Sie doch jetzt den Spott, hier ...“
„Spott!“ Lebedeff hob wie in Entrüstung abwehrend die Hände empor.
„Nun, nun, nun, schon gut, ich ärgere mich ja nicht, hier handelt es sich doch um etwas ganz anderes ... Ich fürchte nur für den Menschen, der ... Wen verdächtigen Sie denn?“
„Das ist eben die schwierige und ... nicht minder komplizierte Frage! Die Magd – kann ich nicht verdächtigen, die hat in ihrer Küche gesessen. Meine leiblichen Kinder – das geht auch nicht gut ...“
„Das fehlte noch!“
„Also folglich – jemand von den Gästen.“
„Aber ... ist denn das möglich?“
„Absolut und im höchsten Grade unmöglich, nur muß es nichtsdestoweniger unbedingt der Fall sein. Indessen bin ich bereit, zuzugeben, oder ich bin vielmehr überzeugt, daß, wenn es sich um einen Diebstahl handelt, dieser dann nicht am Abend geschehen ist, als alle noch versammelt waren, sondern in der Nacht oder sogar erst gegen Morgen, und zwar von einem der Herren, die hier genächtigt haben.“
„Ach, mein Gott!“
„Burdowskij und Nikolai Ardalionytsch schließe ich selbstverständlich aus; sie sind überhaupt nicht in meinem Zimmer gewesen.“
„Das fehlte noch! – und selbst wenn sie in Ihrem Zimmer gewesen wären! Wer hat denn sonst noch bei Ihnen geschlafen?“
„Mit mir zusammen waren’s vier – in zwei nebeneinander liegenden Zimmern: ich, der General, Keller und Herr Ferdyschtschenko. Also einer von uns vieren.“
„Das heißt einer von dreien; aber wer denn?“
„Der Ordnung und Gewissenhaftigkeit halber habe ich auch mich mitgezählt, aber Sie werden doch zugeben, Fürst, daß ich mich nicht selbst bestohlen haben werde, obschon auch solche Fälle in der Welt vorgekommen sind ...“
„Ach, Lebedeff, wie langweilig Sie sind!“ unterbrach ihn der Fürst ungeduldig. „So bleiben Sie doch bei der Sache ...“
„Also; es bleiben drei. Erstens Herr Keller – ein äußerst unbeständiger Mensch, ein Mensch, dem das Wesen nüchterner Tage schon längst in nebelhafte Ferne entrückt ist, und ein Mensch, der in gewissen Dingen höchst liberale Ansichten hat, wollte sagen in Taschendingen, im übrigen jedoch ein Mensch mit sozusagen mehr alt-ritterlichen Neigungen als mit liberalen. Zuerst schlief er im Zimmer des Kranken und krabbelte erst nachher zu uns herüber, und zwar mit der Motivierung, daß auf dem Fußboden zu schlafen nichts weniger als weich, respektive angenehm sei.“
„Und Sie haben ihn im Verdacht?“
„Gehabt. Als ich um acht erwachte und wie’n Besessener aufgesprungen war, griff ich mit der Hand an die Stirn und weckte sogleich den General, der noch den Schlaf des Gerechten schlief. Nachdem wir dann das seltsame Verschwinden Herrn Ferdyschtschenkos wohl erwogen hatten, was wiederum manchen Argwohn in uns erweckt hatte, beschlossen wir sogleich, Herrn Keller näher zu untersuchen, da dieser noch nicht verschwunden war, sondern wie ... wie festgenagelt dalag. Wir verrichteten unsere Sache mit aller Gründlichkeit: in seinen Taschen fand sich aber auch keine einzige Kopeke. Dafür entdeckten wir ein Schnupftuch, ein blaukariertes, baumwollenes, in einem Zustande, über den man besser Schweigen wahrt. Ferner beförderten wir einen Liebesbrief zutage, von einem Stubenmädchen, das Geld verlangt und mit Verschiedenem droht; und schließlich noch Fetzen des bekannten Feuilletons. Der General entschied, daß er unschuldig sei. Zur Vergewisserung der Richtigkeit des Urteiles weckten wir ihn auf, was durchaus nicht so einfach war und uns erst nach längeren Bemühungen gelang: er begriff aber kaum, um was es sich handelte, tat nur den Mund auf, stierte vor sich hin, mit einem Gesichtsausdruck: blödsinnig und unschuldig, sogar dumm, kann man sagen, – nein, der war es nicht!“
„Nun, das freut mich!“ atmete der Fürst erfreut auf. „Ich fürchtete wirklich für ihn!“
„Sie fürchteten? ... Dann hatten Sie also Ursache dazu?“ forschte Lebedeff blinzelnd.
„O nein, das nicht, ich meinte nur ...“ Der Fürst stockte. „Ich habe mich da sehr dumm ausgedrückt und unüberlegt ... Seien Sie so gut, Lebedeff, und erzählen Sie es keinem ...“
„Fürst! Fürst! Ihre Worte ruhen in meinem Herzen ... in der tiefsten Tiefe meines Herzens! Und dort ist ein Grab! ...“ beteuerte Lebedeff halb wie in Verzückung, indem er den Hut in der Herzgegend an sich drückte.
„Gut, gut ... Also dann Ferdyschtschenko? Das heißt, ich meine nur, dann verdächtigen Sie wohl Herrn Ferdyschtschenko?“
„Wen denn sonst?“ fragte Lebedeff leise mit aufmerksamem Blick auf den Fürsten.
„Nun ja, versteht sich ... wen könnte man denn sonst ... das heißt, haben Sie denn Beweise?“
„Die habe ich. Erstens: sein Verschwinden um sieben Uhr oder noch früher.“
„Ich weiß, Koljä erzählte mir, daß er zu ihm gekommen sei und gesagt habe, daß er lieber zu ... ich habe den Namen vergessen – zu seinem Freunde schlafen gehen wolle.“
„Zu Wilkin. Dann weiß es Nikolai Ardalionytsch schon?“
„Von dem Diebstahl hat er nichts gesagt.“
„Kann er auch gar nicht, denn er weiß ja doch noch nichts davon. Ich behandle die Sache vorläufig als größtes Geheimnis. Also: er geht zu Wilkin. Nun sollte man meinen, nicht wahr, daß es doch nichts auf sich haben könne, wenn ein betrunkener Mensch zu einem ebenso betrunkenen geht, selbst wenn er es ohne jeden triftigen Grund und womöglich schon bei Tagesanbruch tut? Aber sehen Sie, gerade hier beginnt die Spur deutlich zu werden: beim Fortgehen hinterläßt er noch die Adresse ... Passen Sie jetzt auf, Fürst, jetzt fragt es sich: weshalb sagte er, wohin er geht? ... Weshalb geht er absichtlich zu Nikolai Ardalionytsch, obgleich das einen Umweg bedeutet, um ihm zu sagen, daß er zu Wilkin geht? Und wen kann’s denn schließlich interessieren, daß er fortgeht, selbst wenn er zu Wilkin geht? Weshalb meldet er das vorher? Nein, sehen Sie, das ist Raffiniertheit, diebische Geriebenheit! Das bedeutet soviel wie: ‚Seht, ich verheimliche meine Schritte absichtlich nicht, wie kann ich also ein Dieb sein? Würde denn ein Dieb sagen, wohin er geht?‘ Das aber ist doch nichts als ein Ausdruck des Verlangens, den Verdacht von sich abzulenken und seine Spuren sozusagen im Sande zu verwischen ... Haben Sie meinen Gedanken begriffen, hochverehrter Fürst?“
„Ja, sogar sehr gut begriffen, aber das allein ist doch zu wenig!“
„Warten Sie ’n bißchen, jetzt folgt sogleich der zweite Beweis: die Spur ist falsch und die gegebene Adresse ungenau. Nach einer Stunde, schon um acht, klopfte ich bei Wilkin – der wohnt hier nicht sehr weit, in einer der nächsten Straßen ... ich bin sogar bekannt mit ihm. Von meinem Ferdyschtschenko war jedoch dort nichts vorhanden, noch zu entdecken. Von der Dienstmagd erfuhr ich dann mit Müh und Not – es ist ein dummes Weibsbild –, daß vor etwa einer Stunde allerdings jemand Einlaß begehrt habe, und zwar ziemlich nachdrücklich, da der Betreffende den Klingelzug abgerissen habe. Doch die Dienstmagd hatte ihm die Tür nicht aufgemacht, um, wie sie vorgab, den Herrn nicht zu wecken, vielleicht aber auch, um sich selbst nicht zu wecken. So etwas pflegt mitunter vorzukommen.“
„Sind das alle Ihre Beweise? Es ist wenig.“
„Fürst, wen soll man denn sonst verdächtigen, bedenken Sie doch nur das!“ bat Lebedeff nicht ohne Galgenhumor – doch lag in seinem Augenzwinkern und Lächeln eine gewisse Listigkeit.
„Suchen Sie doch noch einmal im Zimmer und in den Schubfächern!“ rief der Fürst nachdenklich und mit besorgter Miene.
„Fürst, das habe ich schon bedeutend mehr als einmal getan,“ seufzte Lebedeff in komischer Ergebenheit.
„Hm! ... aber weshalb, wozu hatten Sie es nötig, sich umzukleiden?“ ärgerte sich der Fürst, und er schlug mit der Faust auf den Tisch – allerdings nicht allzu stark.
„Die Frage stammt aus einer alten Komödie. Aber, edelster, bester Fürst, Sie nehmen sich mein Unglück nachgerade doch gar zu sehr zu Herzen! Das bin ich ja gar nicht wert. Das heißt, ich allein bin es nicht wert, aber Sie leiden ja auch für den Verbrecher ... für den nichtsnutzigen Herrn Ferdyschtschenko!“
„Nun ja, ich bin in der Tat besorgt,“ sagte der Fürst zerstreut. „Aber was beabsichtigen Sie nun zu tun ... wenn Sie so überzeugt sind, daß es Ferdyschtschenko gewesen ist?“
„Fürst, hochverehrter Fürst, wer soll’s denn sonst gewesen sein?“ entschuldigte sich mit wachsender Rührung Lebedeff. „Ist doch schon der Mangel an einer anderen Verdachtsmöglichkeit, ich meine, der Mangel an jeder Möglichkeit, einen anderen als Ferdyschtschenko zu verdächtigen, ein neuer Beweis gegen Ferdyschtschenko, der dritte Beweis! Denn, ich frage Sie nochmals, wer hätte sie sonst nehmen können? Ich kann doch nicht Herrn Burdowskij verdächtigen, he–he–he!“
„Ach, reden Sie nicht solch einen Blödsinn!“
„Und schließlich doch auch nicht den General, he–he–he?“
„Welch ein Unsinn!“ sagte der Fürst ärgerlich und bewegte sich ungeduldig auf seinem Platz.
„Selbstverständlich ist das Unsinn! He–he–he! Aber hat mich der Mensch doch erheitert heute, weiß Gott! – ich rede vom General. Wir gehen beide flugs auf frischer Spur zu Wilkin ... aber ich muß Ihnen doch noch sagen, daß der General zu Anfang fast noch mehr erschrocken war als ich! Ganz zuerst als ich ihn im ersten Schrecken sogleich aufweckte, erschrak er so, daß er sich sogar im Gesicht vollkommen veränderte: wurde bleich, wurde rot, und geriet dann plötzlich in solche Wut, war so aufrichtig entrüstet und empört, daß ich mich wirklich nur wunderte, zumal ich’s von ihm gar nicht erwartet hätte. Ein edler Mensch, wie man sieht! Er lügt zwar ununterbrochen, aber er birgt die höchsten Gefühle in seiner Brust, zudem ist er nicht gerade sehr gedankenreich und flößt einem durch seine Unschuld das größte Zutrauen ein. Ich habe Ihnen bereits einmal gesagt, hochverehrter Fürst, daß ich für ihn nicht nur eine Schwäche, sondern geradezu Liebe empfinde. Plötzlich bleibt er mitten auf der Straße stehen, reißt seinen Rock auf, entblößt die Brust. ‚Durchsuche mich‘, sagt er, ‚du hast Keller durchsucht, weshalb durchsuchst du nicht auch mich? Du mußt es tun, das verlangt die Gerechtigkeit!‘ Seine Hände und Füße aber zittern nur so, er erbleicht sogar und steht fast drohend vor mir. Ich lachte. ‚Hör’ mal, General,‘ sagte ich, ‚wenn jemand anderes dich dessen verdächtigen wollte, so würde ich mit meinen eignen Händen meinen Kopf abnehmen, auf eine große Schale setzen und ihn persönlich allen Zweiflern anbieten.‘ ‚Seht ihr diesen Kopf?‘ würde ich sie fragen, ‚nun dann seht: mit diesem meinen eigenen Kopf stehe ich für ihn ein, und nicht nur mit dem Kopf, sondern auch mit dem ganzen Körper, wenn’s beliebt, und das nicht nur in der Luft, sondern sogar im Feuer!‘ ‚Siehst du jetzt,‘ fragte ich, ‚wie groß mein Vertrauen in dich ist!‘ Da stürzte er mir in die Arme – alles mitten auf der Straße, nicht zu vergessen – brach in Tränen aus, zitterte nur so und preßte mich so fest an seine Brust, daß ich kaum noch atmen konnte. ‚Du bist mein einziger Freund,‘ sagte er, ‚der einzige, der mir in meinem Unglück treugeblieben ist!‘ Tja, ein gefühlvoller Mensch ist er, das muß man ihm lassen! Nun und dann, versteht sich, erzählte er sogleich eine Geschichte: wie er in seiner Jugend einmal gleichfalls eines Diebstahls verdächtigt worden sei, und zwar hatte es sich damals um fünfhunderttausend Rubel gehandelt. Doch am nächsten Tage hatte er sich in ein brennendes Haus gestürzt und aus den Flammen den ihn verdächtigenden Grafen samt Nina Alexandrowna hervorgezogen, die damals noch nicht mit ihm verheiratet war. Der Graf hatte ihn umarmt, und das Ereignis hatte seine Verlobung mit Nina Alexandrowna zur Folge gehabt, am nächsten Tage aber hatte man unter den Trümmern des Hauses die Schatulle mit dem vermißten Gelde gefunden. Sie war in England gefertigt, von ganz besonderer Bauart aus Stahl und Eisen, mit doppeltem Verschluß und noch etlichen Geheimschlössern, und war vorher auf irgendeine Weise unter den Fußboden geraten, so daß niemand sie hatte finden können: nun und durch diesen Brandschaden war sie wieder zutage befördert worden. Kurzum – alles wüste Lüge und blühende Phantasie. Als er aber auf Nina Alexandrowna zu sprechen kam, schluchzte er. Eine edle Dame, diese Nina Alexandrowna, obschon sie auf mich böse ist.“
„Sie kennen sie?“
„Beinahe. Das heißt, beinahe nicht, aber ich wünschte es von Herzen, wenn auch nur, um mich vor ihr rechtfertigen zu können. Sie behauptet nämlich von mir, daß ich ihren Gatten hier zum Trinken verführe, während ich doch in Wirklichkeit eher das Gegenteil tue, indem ich ihn vor einer noch verderblicheren Gesellschaft bewahre. Zudem ist er mein Freund, und ich garantiere Ihnen, daß ich ihn hinfort nicht mehr verlassen werde, und das sogar so buchstäblich, daß überall, wo er ist und steht, auch ich bin und stehe – denn ihn kann man doch wirklich nur mit Gemüt behandeln. Jetzt hat er seine Visiten bei der Kapitanscha ganz eingestellt, obschon es ihn innerlich noch sehr zu ihr drängt, was er mitunter durch Seufzer verrät, was wiederum namentlich jeden Morgen geschieht, wenn er sich erhebt und stöhnend seine Stiefel anzieht – weshalb jedoch gerade zu dieser Zeit, vermag ich Ihnen nicht zu sagen. Geld hat er nicht, das ist das ganze Unglück, ohne Geld aber darf er ihr nicht unter die Augen kommen. Hat er Sie noch nicht um Geld gebeten, hochverehrter Fürst?“
„Nein, er hat mich nicht darum gebeten.“
„Schämt sich. Aber er wollte es tun, gestand mir sogar, daß er Sie zu beunruhigen beabsichtige, doch schäme er sich, da Sie ihn ja vor kurzem noch ausgekauft hätten, und, überdies ist er der Meinung, daß Sie ihm nichts geben würden. Er hat mir als seinem Freunde sein ganzes Herz ausgeschüttet.“
„Und Sie, Sie geben ihm kein Geld?“
„Fürst! Durchlauchtigster Fürst! Diesem Menschen würde ich nicht nur Geld, sondern sozusagen sogar mein Leben ... übrigens, nein, ich will nicht übertreiben, – mein Leben nicht, aber sozusagen ’ne kleine Influenza, irgend so’n Geschwür oder selbst einen Husten – das, bei Gott, das bin ich bereit für ihn zu erdulden, wenn es nun gerade wirklich sehr nötig sein sollte ... denn ich halte ihn für einen großen, wenn auch verdorbenen Menschen! Jawohl! Sehen Sie, nicht nur Geld!“
„So geben Sie ihm also welches?“
„N–n–nein, Geld habe ich ihm noch nicht gegeben und er weiß es selbst, daß ich es ihm nicht geben werde, aber das geschieht doch nur im Hinblick auf seine Mäßigung und Besserung. Heute begab er sich mit mir nach Petersburg – ich fuhr doch sogleich hin, um Herrn Ferdyschtschenko auf frischer Spur zu verfolgen, denn ich wußte genau, daß er nach Petersburg gefahren war. Mein General kochte nur so. Mir ahnte so was, daß er in Petersburg von meiner Seite verschwinden würde, um seine Kapitanscha aufzusuchen. Ich, ich muß gestehen, ich ließ ihn beinahe mit Absicht von mir fort. Wir waren überein gekommen, uns bei der Ankunft sogleich zu trennen, da es uns auf diese Weise leichter sein würde, den Schuldigen zu ertappen. Also wir trennten uns – und jetzt will ich ihn bei der Kapitanscha aufsuchen ... wenn auch eigentlich nur deshalb, um ihn als Familienvater und als Menschen überhaupt zu beschämen.“
„Nur machen Sie keinen unnützen Lärm, Lebedeff, sagen Sie um Gotteswillen keinem ein Wort davon,“ bat der Fürst halblaut in großer Unruhe.
„O nein, ich will ja im Grunde nur deshalb hingehen, um ihn zu beschämen, und dann auch, um zu sehen, was für eine Physiognomie er machen wird, – denn aus der Physiognomie kann man auf vieles schließen, hochverehrter Fürst, und besonders noch bei solch einem Menschen! Ach, Fürst! Wie groß aber auch mein eigenes Unglück im gegenwärtigen Augenblick ist, so kann ich doch nicht umhin, auch an die Hebung seiner Sittlichkeit zu denken. Deshalb habe ich an Sie eine große Bitte, durchlauchtigster Fürst, die genau genommen auch der Grund meines Kommens ist: Sie sind mit seiner Familie bekannt, haben sogar dort gewohnt – wenn Sie nun also, edelster Fürst, sich dazu entschließen könnten, mir ein wenig behilflich zu sein, einzig zum Glücke des Generals ...“
Lebedeff faltete die Hände in inständiger Bitte.
„Aber, wie soll ich Ihnen denn behilflich sein? Ich verstehe Sie nicht, Lebedeff.“
„... Einzig in dieser meiner Überzeugung bin ich zu Ihnen gekommen! Zum Beispiel könnte man doch durch Nina Alexandrowna auf ihn einwirken, indem man sozusagen im Schoße der eigenen Familie liebevoll ein achtsames Auge auf ihn hat. Ich selbst bin zum Unglück nicht mit ihr bekannt ... ferner könnte auch Nikolai Ardalionytsch, der Ihnen doch mit allen Fasern seines jungen Herzens ergeben ist, gleichfalls behilflich sein ...“
„Nein, Nina Alexandrowna darf von dieser ganzen Sache nichts erfahren, und Koljä ebensowenig ... Ich verstehe Sie aber noch nicht ganz, Lebedeff.“
„Aber hier ist doch nichts zu verstehen!“ rief Lebedeff und sprang vom Stuhl auf. „Nichts, nichts als Zärtlichkeit und Gefühl sind hier nötig – das ist das einzige Mittel für unseren Kranken. Sie, Fürst, werden mir doch erlauben, ihn als Kranken zu betrachten?“
„Das zeugt nur von Ihrem Zartgefühl und Ihrer Einsicht.“
„Ich will es Ihnen durch ein Beispiel erklären, das ich um der größeren Klarheit willen aus der Praxis nehme. Sehen Sie, was das für ein Mensch ist: da hat er nun diese seine Schwäche für die Kapitanscha, der er sich aber ohne Geldmittel nicht zeigen darf, und bei der ich ihn heute zu ertappen gedenke, zu seinem eigenen Glück, versteht sich. Doch gesetzt den Fall, daß er ein richtiges Verbrechen begangen, nun, ... irgendeine ehrlose Handlung – wenn er dazu auch absolut unfähig ist – so würde man doch dann, sage ich, einzig mit so einer gewissen Sensibilität alles bei ihm erreichen, denn er ist ein selten feinfühliger Mensch! Glauben Sie mir, keine fünf Tage würde er es aushalten! – Würde sich selbst verraten, in Tränen ausbrechen, alles gestehen, – und namentlich, namentlich wenn man noch geschickt vorgeht und edelmütig – und durch das Auge der liebenden Familie oder durch Ihr Auge alle seine Schritte sorgsam verfolgt ... Oh, edelster Fürst!“ Lebedeff wollte fast aufspringen vor Begeisterung. „Ich behaupte ja nicht, daß er es unfehlbar sei ... Ich bin ja sozusagen sogar bereit, mein ganzes Blut für ihn sogleich hinzugeben, aber ein solches Leben, dazu die Trunkenheit und die Kapitanscha – das alles kann einen doch noch zu ganz anderen Dingen verleiten!“
„Wenn es sich so verhält, dann werde ich Ihnen gern behilflich sein,“ sagte der Fürst, sich gleichfalls erhebend, „nur will ich Ihnen gestehen, Lebedeff, daß mich die Sache ernstlich beunruhigt. Sagen Sie, Sie ... Sie sagten doch selbst, daß Sie Herrn Ferdyschtschenko verdächtigten?“
„Ja, aber wen denn sonst? Ich bitte Sie, wen denn sonst, mein gütigster Fürst?“ Lebedeff legte mit rührendem Lächeln wieder wie betend die Hände zusammen.
„Sehen Sie, Lukjan Timofeïtsch, hier kann es sich um ein großes Versehen handeln. Dieser Ferdyschtschenko ... ich meine nur, daß man doch schließlich nicht wissen kann, ob nicht er ... Das heißt, ich will nur sagen, daß er vielleicht tatsächlich eher dazu fähig ist, als ... als der andere ...“
Lebedeff spitzte Ohren und Augen.
„Sehen Sie,“ verwirrte und ärgerte sich der Fürst immer mehr, indem er auf und ab zu gehen begann und sich bemühte, Lebedeff nicht anzusehen, „man hat mir mitgeteilt ... man hat mir von diesem Herrn Ferdyschtschenko gesagt, daß er ... außerdem solch ein Mensch sei ... daß man besser tut, in seiner Gegenwart nichts ... Überflüssiges zu reden – Sie verstehen? Ich meine ja nur, daß er vielleicht wirklich eher fähig dazu wäre, als der andere ... Ich teile es Ihnen bloß mit, um einen vielleicht grausamen Irrtum zu verhüten, Sie verstehen mich doch?“
„Wer hat Ihnen das von Herrn Ferdyschtschenko mitgeteilt?“ fragte Lebedeff fast zitternd vor Spannung.
„So ... man hat es mir so zu verstehen gegeben. Übrigens glaube ich selbst noch nicht daran ... es ist mir sehr unangenehm, daß ich es habe weitererzählen müssen, aber ich versichere Ihnen nochmals, daß ich selbst nicht daran glaube ... das ist bestimmt nur leeres Geschwätz ... Pfui, wie dumm ich gehandelt habe!“
„Sehen Sie, Fürst,“ begann Lebedeff, immer noch am ganzen Körper zitternd, „das ist sehr wichtig, was Sie da von Herrn Ferdyschtschenko sagen, und namentlich, namentlich ist’s die Frage, wie Ihnen das zu Ohren gekommen ist.“ Und Lebedeff lief, während er sprach, in größter Aufregung hinter dem Fürsten her, von einer Ecke zur anderen und wieder zurück, bemüht, mit ihm gleichen Schritt zu halten. „Sehen Sie, Fürst, jetzt werde auch ich Ihnen etwas mitteilen: als wir vorhin beide zu Wilkin eilten, begann der General, nach der Erzählung des Brandes, und natürlich in edler Entrüstung, ähnliche Anspielungen auf Herrn Ferdyschtschenko zu machen, doch kamen sie mir so ungereimt vor, daß ich einige Fragen an ihn stellte. Auf diese Weise überzeugte ich mich vollkommen, daß diese ganze Verdächtigung Ferdyschtschenkos einzig, sagen wir, auf das Betätigungsbedürfnis der Phantasie des Generals zurückzuführen war ... Oder eigentlich, sozusagen, auf seine Seelengröße. Denn er lügt ja doch nur deshalb, weil er seinen Überschwang nicht meistern kann. Nun beachten Sie folgendes: wenn er nun gelogen hat, wovon ich überzeugt bin, und die ganze Geschichte folglich von ihm frei erfunden ist, wie ist es dann zugegangen, daß auch Sie dasselbe haben hören können? Das ist sehr wichtig ... das ist von ungeheurer Wichtigkeit ...“
„Mir hat es vorhin Koljä mitgeteilt und dem hatte es der Vater, der General, gesagt, als er ihm um sechs oder nach sechs im Flur begegnet war.“
Und der Fürst erzählte ausführlicher, was Koljä ihm gesagt hatte.
„Das ... das ... da haben wir jetzt genau das, was man eine richtige Fährte nennt!“ lachte händereibend Lebedeff leise vor sich hin. „So dacht’ ich’s mir! Das bedeutet, daß der General absichtlich seinen unschuldigen Schlaf um sechs Uhr morgens unterbrochen hat, um sein Söhnchen zu wecken und ihm mitzuteilen, daß es gefährlich sei, Ferdyschtschenko zum Nachbar zu haben! Wie kann nun Herr Ferdyschtschenko noch gefährlich sein, ich bitte Sie! – und wie gefällt Ihnen die väterliche Besorgnis seiner Exzellenz, he–he–he! ...“
„Hören Sie, Lebedeff,“ – der Fürst war äußerst betreten – „hören Sie, daß Sie aber keinen Lärm machen! Handeln Sie im stillen! Ich bitte Sie darum, Lebedeff, ich bitte Sie inständig! ... Nur in dem Falle werde ich Ihnen behilflich sein, wenn niemand etwas davon erfährt, es darf niemand auch nur ein Wort erfahren!“
„Seien Sie versichert, bester, edelster, durchlauchtigster Fürst,“ rief Lebedeff in Ekstase, „seien Sie versichert, daß das Ganze einzig in meinem gleichfalls edelmütigen Herzen wie in einem Grabe ruhen wird! Und mit leisen Schritten gehen wir gemeinsam vor, mit leisen Schritten! Ich würde sogar mein ganzes Blut ... Durchlauchtigster Fürst, ich bin sowohl geistig wie seelisch ein niedriger Mensch, aber fragen Sie wen Sie wollen, sogar einen richtigen Schuft, nicht nur einen bloß niedrigen Menschen: mit wem er lieber zu tun hat, mit einem Schuft, wie er selbst einer ist, oder mit dem edelsten Menschen, wie Sie einer sind, hochverehrter Fürst? Sie können sicher sein, daß er die Frage zugunsten des letzteren beantworten wird und eben darin liegt der Triumph der Tugend! ... Auf Wiedersehen, hochverehrter Fürst! Also mit leisen Schritten ... Ganz sacht! ... Und vorsichtig ...“
X.
Als der Fürst am Abend dieses Tages wieder im Park umherstrich, begriff er endlich, weshalb ihn jedesmal ein Kältegefühl durchrieselte, sobald er die drei Briefe in seiner Tasche berührte, und weshalb er das Lesen derselben bis jetzt noch immer hinausgeschoben hatte. Er hatte sich am Morgen, bevor er sich hingelegt, nicht entschließen können, auch nur einen der drei Briefe hervorzuziehen, und später hatte ihn der Schlaf übermannt – und wieder hatte er einen schweren Traum gehabt. Wieder war sie zu ihm gekommen, jene „Verbrecherin“. Wieder hatte sie ihn angesehen mit glänzenden Tränen an den langen Wimpern. Wieder hatte sie ihn zu sich gerufen, und wieder mußte er, ganz wie am Morgen, mit Qual an ihr Gesicht denken. Er hatte sich erheben und sogleich zu ihr gehen wollen, hatte es jedoch nicht vermocht. Und dann hatte er endlich fast verzweifelt die Briefe hervorgezogen und zu lesen begonnen ...
Diese Briefe glichen gleichfalls einem Traum. Wie oft hat man nicht ganz unmögliche und widernatürliche Träume. Beim Erwachen entsinnt man sich ihrer noch genau und wundert sich über die seltsamen Tatsachen. Zuerst entsinnt man sich, daß die Vernunft einen während der ganzen Dauer des Traumes keinen Augenblick verlassen hat, man entsinnt sich sogar, daß man während der ganzen langen, langen Zeit, in der man von Räubern und Mördern umgeben war, tatsächlich sehr schlau und logisch gehandelt hat. Man entsinnt sich, wie sie mit einem scherzten und dabei doch klug ihre Absicht verbargen und sich freundschaftlich benahmen, wenn sie auch alle ihre Waffen schon in Bereitschaft hatten und nur noch auf einen Wink warteten. Man entsinnt sich, wie schlau man sie schließlich betrogen und sich vor ihnen versteckt hat, und wie man dann erraten, daß sie den ganzen Betrug schon längst durchschauten und es nur nicht merken lassen wollten, daß sie ganz genau wußten, wo man sich versteckt hielt – dann aber wurde man selbst noch schlauer und betrog sie erst recht. Wie aber geht es zu, daß die Vernunft zu derselben Zeit so augenscheinlichen Blödsinn und so auf der Hand liegende Unmöglichkeiten – aus denen der ganze Traum fast ausschließlich bestanden –, hat zulassen können? Einer der Mörder verwandelt sich zum Beispiel in eine Frau und die Frau in einen kleinen, schlauen, abscheulichen Zwerg, die Vernunft aber sträubt sich nicht im geringsten dagegen – sie akzeptiert die Metamorphose vollkommen, eben als vollendete Tatsache. Und das geschieht ohne die geringste Verwunderung, während doch die Vernunft gleichzeitig ungewöhnlich scharf arbeitet und eine geradezu seltene Schlauheit und Logik beweist. Weshalb hat man dann, wenn man aus dem Traum bereits erwacht und wieder ganz in der Wirklichkeit ist, jedesmal das Gefühl – bisweilen ist der Eindruck sogar von ungeheurer Stärke –, daß einen zusammen mit dem Traum etwas für uns ganz Unerratbares, Unwißbares verlassen habe? Man lächelt über die Absurdität des Traumes und fühlt doch gleichzeitig, daß in der Verflechtung dieser Absurditäten irgendein Sinn enthalten ist, und zwar ein wirklicher Sinn, der bereits zu unserem wirklichen Leben gehört, ein Etwas, das in unserem Herzen vorhanden und sogar immer vorhanden gewesen ist; der Traum scheint uns etwas Neues, Prophetisches, von uns Erwartetes gesagt zu haben; der Eindruck ist stark, gleichviel ob freudiger oder quälender Art, doch worin er bestanden, was er enthält, und was einem gesagt worden ist – das können wir weder begreifen, noch uns dessen entsinnen.
Fast dasselbe empfand der Fürst auch nach dem Lesen dieser Briefe. Doch noch bevor er den ersten dem Kuvert entnommen hatte, empfand der Fürst die Tatsache der Existenz dieser Briefe, die bloße Möglichkeit, daß sie überhaupt geschrieben werden konnten, als etwas traumhaft Unmögliches, das auch jetzt in wachem Zustande wie ein Alp auf ihm lag. „Wie hat sie sich entschließen können, an Aglaja zu schreiben?“ fragte er sich gequält immer wieder, als er – es war inzwischen Abend geworden – umherging, ohne selbst zu wissen, wo er sich befand. „Wie konnte sie davon schreiben, wie konnte nur ein so wahnsinniger Gedanke in ihrem Gehirn entstehen?“ Doch der Gedanke war bereits Wirklichkeit geworden, und am meisten wunderte ihn jetzt nur noch das, daß er schon während des Lesens an die Möglichkeit dieses Gedankens zu glauben und ihn fast sogar zu rechtfertigen begonnen hatte. Natürlich war das alles nur Traum, Alpdruck und Wahnsinn, doch war hier außerdem noch irgend etwas, etwas quälend Wirkliches und märtyrerhaft Gerechtes, das alles zusammen, den Traum und den Alpdruck und den Wahnsinn rechtfertigte. Nachdem er die Briefe gelesen, befand er sich mehrere Stunden wie in einem Traumzustand, in dem einzelne Sätze und Worte phantastisch durch seine Gedanken zogen, bis ihn dann irgendein Ausdruck stutzig machte und er grübelnd über ihn nachzudenken begann. Bisweilen wollte er sich sogar sagen, daß er alles das schon vorausgeahnt habe, ja es schien ihm sogar, daß er alles das schon früher, irgend einmal vor langer, langer Zeit gelesen habe, und daß alles, was ihn seit der Zeit gequält und geängstigt hatte – daß alles das in diesen schon vor langer Zeit von ihm gelesenen Briefen enthalten war.
„Wenn Sie diesen Brief entfaltet haben,“ begann das erste Schreiben, „so blicken Sie zuerst nach der Unterschrift. Die Unterschrift wird Ihnen alles sagen und alles erklären, so daß ich mich weiter nicht zu rechtfertigen und Ihnen auch nichts mehr zu erklären brauche. Wenn ich auch nur einigermaßen als Ihnen gleichstehend gelten könnte, würde diese Dreistigkeit meinerseits Sie vielleicht beleidigen, aber wer bin ich und wer sind Sie? Wir sind zwei solche Gegensätze und ich stehe so außerhalb Ihres Lebenskreises, daß ich Sie überhaupt nicht beleidigen könnte, selbst wenn ich es wollte.“
An einer anderen Stelle schrieb sie weiter:
„Halten Sie meine Worte nicht für krankhafte Begeisterung eines kranken Geistes, wenn ich Ihnen sage, daß Sie in meinen Augen die – Vollkommenheit selbst sind! Ich habe Sie gesehen, ich sehe Sie jeden Tag. Ich kritisiere Sie dabei nicht, ich habe nicht etwa mit meiner Vernunft eingesehen, daß Sie vollkommen sind – es ist einfach mein Glaube und dieser Glaube macht mich selig. Aber ich muß Ihnen auch meine große Schuld gestehn: ich liebe Sie. Eine Vollkommenheit kann man aber doch nicht lieben! die kann man doch nur als Vollkommenheit betrachten, nicht wahr? Und doch bin ich verliebt in Sie. Nur beunruhigen Sie sich deshalb nicht, denn wenn auch Liebe die Menschen gleich macht, so habe ich dabei doch nicht an irgendeine Gleichheit zwischen uns gedacht, nicht einmal in meinen heimlichsten Gedanken, glauben Sie es mir. Da habe ich geschrieben: ‚beunruhigen Sie sich nicht‘, – können Sie sich denn überhaupt deshalb beunruhigen? ... Wenn es möglich wäre, würde ich die Spuren Ihrer Füße küssen. Oh, ich will mich nicht mit Ihnen gleichstellen ... Blicken Sie nach der Unterschrift, blicken Sie schnell nach der Unterschrift!“
„Ich bemerke soeben,“ schrieb sie im zweiten Brief, „daß ich Sie mit ihm vereinigen will, ohne überhaupt gefragt zu haben, ob auch Sie ihn lieben. Er hat Sie liebgewonnen, nachdem er Sie nur einmal gesehen hat. In seiner Erinnerung waren Sie ihm etwas ‚Lichtes‘ – das ist sein eigener Ausdruck, ich habe ihn von ihm selbst gehört. Doch ich habe auch ohne Worte begriffen, daß Sie für ihn ‚Licht‘ sind. Ich habe einen ganzen Monat neben ihm gelebt und da habe ich es gefühlt, daß auch Sie ihn lieben. Sie und er sind für mich eines.“
„Gestern ging ich an Ihnen vorüber,“ schrieb sie weiter, „und ich glaubte zu bemerken, daß Sie erröteten. Aber das kann doch nicht sein, ich muß mich getäuscht haben. Selbst wenn man Sie in die schmutzigste Höhle führen und Ihnen das nackte Laster zeigen würde, dürften Sie nicht erröten; es ist ganz ausgeschlossen, daß eine Beleidigung Sie kränken könnte. Sie können wohl alle Gemeinen und Niedrigen hassen, aber nicht ... von sich aus, sondern für andere, für jene, die von ihnen gekränkt werden. Sie dagegen wird niemand beleidigen können. Wissen Sie, ich glaube, daß Sie mich sogar lieben müssen. Für mich sind Sie dasselbe, was Sie für ihn sind: ein lichter Geist. Ein Engel kann nicht hassen, er kann nur lieben. Kann man aber alle lieben, alle Menschen, alle seine Nächsten? (Ich habe oft diese Frage an mich gestellt.) Gewiß nicht, und das ist sogar ganz natürlich. (In der abstrakten Liebe zur Menschheit liebt man fast immer nur sich selbst.) Uns ist jene Liebe unmöglich, Sie aber sind etwas ganz anderes: wie wäre es Ihnen möglich, nicht jemanden zu lieben, da Sie sich doch mit keinem vergleichen können und über jeder Beleidigung stehen, sogar über jedem persönlichen Unwillen. Sie allein können ohne Egoismus lieben, Sie allein können es nicht für sich selbst, sondern für jenen tun, den Sie lieben. Oh, wie bitter wäre es für mich, zu erfahren, daß Sie bei dem Gedanken an mich Scham oder Zorn empfänden! Das wäre ja dann Ihr Sturz: Sie würden sofort bis zu mir herabsinken, mit mir auf einer Stufe stehen ...“ „Als ich gestern nach der Begegnung mit Ihnen nach Hause kam, sah ich im Geiste ein Bild vor mir, das noch nie gemalt worden ist. Christus wird von den Malern immer nach irgendeiner Schilderung des Evangeliums dargestellt, und nie als völlig Abseitsstehender, als einsamer Mensch. Ich würde ihn gern einmal mit einem kleinen Kinde dargestellt sehen, dessen Kindererzählung er vielleicht soeben noch angehört, dessen blondes Kinderköpfchen er vielleicht soeben noch gestreichelt hat. Vielleicht ist auch seine Hand noch auf dem Kinderkopf ruhen geblieben, während er schon gedankenversunken in die Ferne blickt und in seinem Blick ein Gedanke so groß wie die Welt ruht. Dieser schweigende Mensch in der Abendstimmung, vor dem fernen Horizont – das wäre ein Bild, das ich gern einmal sehen möchte ... Sie sind unschuldig, und in Ihrer Unschuld liegt Ihre ganze Vollkommenheit. Oh, vergessen Sie das nie! Was geht Sie meine Leidenschaft für Sie an? Jetzt sind Sie bereits mein, und ich werde mein ganzes Leben lang bei Ihnen sein ... Ich werde bald sterben.“
Schließlich, im letzten Brief schrieb sie:
„Um Gottes willen, denken Sie nichts von mir. Denken Sie auch nicht, daß ich mich erniedrige, wenn ich so an Sie schreibe, oder daß ich zu jenen Geschöpfen gehöre, denen Selbsterniedrigung ein Genuß ist, und wenn sie es auch nur aus Stolz tun. Nein, ich habe meinen besonderen Trost, doch fiele es mir schwer, Ihnen das zu erklären. Es würde mir sogar schwer fallen, mir selbst das klar zu machen, wenn ich mich auch selbst gerade damit quäle. Doch ich weiß, daß ich mich auch nicht einmal in einem Anfall von Stolz erniedrigen könnte. Und zu einer Selbsterniedrigung aus Herzensreinheit bin ich unfähig. Folglich aber erniedrige ich mich auch jetzt nicht.“
„Weshalb ich Sie beide vereinigen will – um Ihretwillen oder um meinetwillen? Selbstverständlich um meinetwillen, die ganze Willenshandlung geht hier von mir aus; ich habe gehört, daß Ihre Schwester Adelaida beim Betrachten meines Bildes gesagt haben soll, mit einer solchen Schönheit könne man die ganze Welt umdrehen. Ich habe aber auf die Welt verzichtet. Es wird Ihnen vielleicht lächerlich erscheinen, gerade von mir das zu hören, nachdem Sie mich in Spitzen und Brillanten in Gesellschaft von Lebemännern und Nichtswürdigen gesehen haben. Beachten Sie das nicht, fast leb ich ja gar nicht mehr, und das weiß ich auch; was aber statt meines Ichs in mir lebt, mag Gott allein wissen. Ich lese das Tag für Tag in zwei grauenvollen Augen, die mich ununterbrochen ansehen, selbst dann, wenn sie nicht vor mir sind. Diese Augen schweigen jetzt (sie schweigen immer), doch ich kenne ihr Geheimnis. Ich bin überzeugt, daß er in irgendeinem Kasten ein Rasiermesser liegen hat, dessen Gelenk ebenso mit einem Seidenfaden umwickelt ist, wie das Messer jenes Moskauer Mörders; jener lebte gleichfalls mit seiner Mutter in einem Hause und hatte auch sein Wassermesser bereit, um eine Kehle zu durchschneiden. Die ganze Zeit, während der ich in seinem Hause war, schien es mir immer, daß dort irgendwo eine Leiche versteckt sein müsse; vielleicht noch von seinem Vater her, und ebenso mit einem Wachstuch bedeckt, wie jene Moskauer Leiche, und umstellt von kleinen Gläsern mit irgendeiner scharfen Flüssigkeit. Ich könnte Ihnen sogar den Winkel zeigen, wo sie liegen muß. Er schweigt ununterbrochen; aber ich weiß ja doch, daß er mich viel zu sehr liebt, um mich nicht zu hassen – er kann ja gar nicht anders, als mich hassen! Sobald Ihre Hochzeit ist, wird auch meine Hochzeit sein, an ein und demselben Tage: so haben er und ich es beschlossen. Ich habe kein Geheimnis vor ihm. Ich würde ihn töten vor Angst ... Doch er wird mich früher töten ... Er lacht soeben und sagt, ich deliriere. Er weiß, was ich an Sie schreibe.“
Und noch vieles andere von der Art schrieb sie in diesen Briefen. Der zweite Brief war der längste: zwei Briefbogen großen Formats eng beschrieben ...
Endlich verließ der Fürst den dunkleren Teil des Parks, wo er lange ziellos umhergeschweift war. Die helle, klare Sommernacht erschien ihm heller als sonst. „Sollte es noch so früh sein?“ fragte er sich verwundert. Seine Taschenuhr hatte er nicht bei sich. Aus der Ferne glaubte er einmal Musik zu vernehmen, „die spielt wohl vor dem Kurhaus,“ dachte er bei sich. „Natürlich werden sie heute nicht hingegangen sein.“ Und als er das dachte, bemerkte er plötzlich, daß er dicht vor ihrer Villa stand. Es war ihm, als hätte er es geahnt, daß er zu guter Letzt unfehlbar hier anlangen würde. Mit klopfendem Herzen trat er auf die Veranda. Es war niemand dort. Er wartete eine Weile und öffnete dann die Glastür zum Saal. „Diese Tür wird bei ihnen nie zugeschlossen,“ dachte er bei sich. Doch auch im Saal war kein Mensch. Es war ganz dunkel um ihn. Verwundert blieb er stehen. Da öffnete sich plötzlich eine Tür und Alexandra Iwanowna trat mit einer Kerze in der Hand ein. Als sie den Fürsten erblickte, erschrak sie und blieb wie fragend vor ihm stehen. Offenbar hatte sie nur hindurchgehen wollen, von einer Tür zur anderen.
„Wie sind Sie hierher gekommen?“ fragte sie schließlich.
„Ich ... ich bin gekommen ...“
„Mama ist nicht ganz gesund und auch Aglaja fühlt sich nicht wohl. Adelaida ist soeben schlafen gegangen und ich wollte jetzt auch gehen. Wir sind heute den ganzen Abend allein gewesen ... Papa und der Fürst sind in Petersburg.“
„Ich kam ... ich kam zu Ihnen ... jetzt ...“
„Wissen Sie auch, wieviel die Uhr ist?“
„N–nein ...“
„Halb eins. Wir gehen gewöhnlich um eins schlafen.“
„Ach, und ich dachte, es wäre erst ... halb zehn.“
„Na, tut nichts,“ lachte Alexandra. „Aber warum sind Sie heute abend nicht zu uns gekommen? Vielleicht wurden Sie erwartet.“
„Ich ... dachte ...“ murmelte der Fürst, im Begriff fortzugehen.
„Auf Wiedersehen!“ lachte Alexandra. „Morgen will ich aber auch die anderen zum Lachen bringen mit der Erzählung unserer nächtlichen Begegnung.“
Er kehrte auf dem Fahrwege, der sich durch den Park schlängelte, zu seiner Villa zurück. Sein Herz klopfte laut, seine Gedanken waren verwirrt und alles um ihn her war im Helldunkel der Sommernacht wie ein Traum. Und plötzlich, ganz wie an diesem Tage schon zweimal im Traume, sah er wieder jene Erscheinung vor sich. Dieselbe Frauengestalt trat plötzlich aus dem Park, als hätte sie hier auf ihn gewartet, und blieb vor ihm stehen. Er zuckte zusammen; sie ergriff seine Hand und umklammerte sie krampfhaft. „Nein, das ist kein Traumbild!“
Da stand sie ihm nun endlich zum erstenmal nach ihrer Trennung – von Angesicht zu Angesicht gegenüber. Sie sprach auch irgendetwas zu ihm, doch er starrte sie nur wortlos an: sein Herz war zum Zerspringen voll und zitterte vor Schmerz. Oh, so oft er an diese Begegnung später noch zurückdachte, jedesmal empfand er denselben unerträglichen Schmerz. Sie sank vor ihm auf die Knie nieder, mitten auf dem Fahrweg, wie eine Wahnsinnige. Erschrocken trat er einen Schritt zurück, doch sie ergriff seine Hände, um sie mit Küssen zu bedecken, und ganz wie er es im Traum gesehen, glänzten Tränen an ihren langen Wimpern.
„Steh auf, steh auf!“ flüsterte er erschrocken, indem er sie mit Gewalt zu erheben suchte. „Steh schnell auf!“
„Bist du glücklich? Glücklich?“ fragte sie. „Sag mir nur ein Wort, sag mir nur, ob du jetzt glücklich bist? Heute, jetzt? Du warst bei ihr? Was hat sie gesagt?“
Sie erhob sich nicht, sie achtete nicht auf sein Flehen; sie fragte so schnell, als würde sie gehetzt, als wären Verfolger hinter ihr her.
„Ich reise morgen ab, wie du befohlen hast. Ich werde nicht ... Zum letztenmal sehe ich dich jetzt, zum letztenmal! Jetzt ist es endgültig das letztemal!“
„Beruhige dich, steh auf!“ bat er verzweifelt.
Gierig hing sie mit ihren Blicken an seinem Antlitz, und krampfhaft hielt sie seine Hände umklammert.
„Leb wohl!“ sagte sie dann endlich, erhob sich schnell und verließ ihn eilig – fast lief sie von ihm fort. Der Fürst sah nur noch, wie plötzlich Rogoshin neben ihr auftauchte, sie mit einem Griff unter den Arm faßte und schnell fortführte.
„Wart, Fürst,“ rief ihm Rogoshin über die Schulter zu, „nach fünf Minuten kehr ich zu dir zurück!“
Und so war es auch: nach fünf Minuten kam er – der Fürst hatte ihn erwartet und sich noch nicht von der Stelle gerührt.
„Hab sie in den Wagen gebracht,“ sagte Rogoshin kurz. „Dort hinter der Wegbiegung hat er seit zehn Uhr abends gewartet. Sie wußte es, daß du den ganzen Abend bei den anderen verbringen würdest. Was du an mich geschrieben hast, habe ich genau so wiedergegeben. Sie wird jetzt nicht mehr an jene schreiben, und von hier wird sie auf deinen Wunsch morgen noch fortreisen. Sie wollte dich nur noch zum letztenmal sehen, wenn du es ihr auch verboten hattest. Dort haben wir dich erwartet, um dich auf dem Heimwege abzufangen, dort auf jener Bank haben wir gesessen.“
„Sie hat dich freiwillig mitgenommen?“
„Warum nicht?“ meinte Rogoshin mit einem Lächeln, das seine Zähne zeigte. „Hab gesehen, was ich schon längst wußte. Die Briefe hast du wohl schon gelesen?“
„Hat sie dieselben wirklich auch dir zu lesen gegeben?“ fragte der Fürst, der nicht wußte, was er davon denken sollte.
„Natürlich doch! Jeden Brief hat sie mir gezeigt. Hast du vergessen, was sie da vom Rasiermesser schreibt, he–he!“
„Sie ist ja doch wahnsinnig!“ rief der Fürst fassungslos in seiner Verzweiflung.
„Wer kann das wissen, vielleicht ist sie’s auch nicht,“ sprach Rogoshin vor sich hin – gewissermaßen wie zu sich selbst.
Der Fürst entgegnete nichts.
„Nun, leb wohl,“ sagte plötzlich Rogoshin, „auch ich reise ja doch morgen ab. Gedenke meiner nicht im schlechten. Aber was, Bruder,“ fragte er, sich plötzlich nach ihm umblickend, „weshalb hast du ihr denn auf ihre Frage nichts geantwortet? Bist du nun glücklich oder nicht?“
„Nein, nein, nein!“ rief der Fürst in grenzenloser Verzweiflung.
„Das hätte auch noch gefehlt, daß du ‚ja‘ gesagt hättest!“ meinte Rogoshin mit boshaftem Auflachen und entfernte sich schnell, ohne sich nach dem Fürsten auch nur einmal umzublicken.
Vierter Teil
I.
Es gibt Menschen, von denen sich nur schwer etwas sagen läßt, was sie einem in ihrer typischen, charakteristischsten Art sogleich handgreiflich-deutlich vor Augen führte. Es sind das jene Leute, die man gewöhnlich „Dutzendmenschen“ oder kurzweg „die Mehrzahl“ nennt, und die auch in Wirklichkeit die ungeheure Mehrzahl in einer jeden Gesellschaft ausmachen. In der Regel schildern die Schriftsteller in ihren Romanen und Novellen nur solche Typen der Gesellschaft, die es in Wirklichkeit nur äußerst selten in so vollkommenen Exemplaren gibt, wie die Künstler sie darstellen, die aber als Typen nichtsdestoweniger fast noch wirklicher als die Wirklichkeit selbst sind. Podkoljossin[27] ist in seiner typischen Gestalt vielleicht ein wenig übertrieben, doch deshalb nichts weniger als frei erdichtet und erfunden. Finden nicht alle Menschenkenner, die Gogols Lustspiel sehen oder lesen, daß eine Menge ihrer alten Freunde und Bekannten zu dieser Figur Modell gestanden haben könnten? Sie haben wohl auch schon früher gewußt, daß dieser oder jener Bekannte wie Podkoljossin war, bloß war ihnen der Name für diesen Typ noch nicht gegeben worden. In Wirklichkeit springen zwar nur sehr wenige kurz vor der Trauung aus dem Fenster, denn eine solche Handlungsweise ist schließlich doch, ganz abgesehen von allem übrigen, ziemlich unbequem; aber wieviel Heiratskandidaten sind nicht kurz vor der Trauung bereit gewesen, sich trotz ihrer mitunter wirklich vorhandenen Würde und Klugheit im tiefsten Inneren dennoch für Seitenstücke Podkoljossins zu halten! Auch nicht alle Männer werden auf Schritt und Tritt sagen: „Tu l’as voulu, George Dandin!“[31] Aber, o Gott, wieviel millionen- und billionenmal ist dieser Herzensschrei von den Männern der ganzen Welt nach Ablauf ihres Honigmonds oder – wer kann es wissen? – vielleicht schon am Tage nach der Hochzeit ausgestoßen worden!
Indes wollen wir hier nur sagen, ohne uns auf weitere ernste Erklärungen einzulassen, daß in der Wirklichkeit die Typik der einzelnen Personen gewissermaßen wie mit Wasser verdünnt ist, und wenn es George Dandins und Podkoljossins auch in Wirklichkeit gibt und sie einem sogar täglich in den Weg laufen, so sind sie doch gleichsam noch in verdünntem Zustande. Zum Schluß sei nur noch bemerkt, daß man nichtsdestoweniger auch einen George Dandin, wie ihn Molière geschaffen hat, unter lebenden Menschen antreffen kann, allerdings nicht auf Schritt und Tritt, und damit wollen wir unsere Betrachtung schließen, die sonst gar zu lebhaft an ein Feuilleton erinnern könnte. Doch wie dem auch sei, jedenfalls bleibt eine recht schwierige Frage bestehen, und die ist: was soll ein Romanschriftsteller mit den Durchschnittserscheinungen, mit den absolut „gewöhnlichen Menschen“ beginnen, wie soll er sie darstellen, um sie seinem Leser wenigstens einigermaßen interessant erscheinen zu lassen? Ganz übergehen kann man sie in keinem Roman, denn gerade die gewöhnlichen Menschen sind die unentbehrlichen Bindeglieder in der Kette der Ereignisse des großen Lebens; wollte man sie dennoch umgehen, so würde man nicht wirklichkeitsgetreu schreiben. Ein Roman, der nur „Typen“ enthält, nur Sonderlinge und Ausnahmemenschen, würde nicht Wiedergabe der Wirklichkeit und vielleicht sogar nicht einmal interessant sein. Meiner Meinung nach muß der Schriftsteller sich bemühen, selbst in den gewöhnlichen Menschen interessante Züge zu entdecken und lehrreich hervorzuheben. Wenn z. B. das Wesen gewisser „Dutzendmenschen“ gerade in ihrer unveränderlichen „Gewöhnlichkeit“ liegt, oder wenn diese Leute ungeachtet all ihrer Anstrengungen, um jeden Preis aus dem Geleise der Gewöhnlichkeit und Gewohnheit herauszukommen, dennoch unveränderlich bei der Gewöhnlichkeit bleiben, so werden auch sie zu einem gewissen Typ – in ihrer Art, versteht sich – zum Typ der Gewöhnlichkeit eben, die um keinen Preis das bleiben will, was sie ist, sondern um jeden Preis originell und selbständig erscheinen möchte, ohne auch nur im geringsten die nötigen Gaben zur Selbständigkeit zu besitzen.
In diese Kategorie gewöhnlicher Menschen gehören auch einzelne Personen dieser Erzählung, und zwar: Warwara Ardalionowna Ptizyn, deren Gatte Iwan Petrowitsch und dessen Schwager Gawrila Ardalionytsch Iwolgin.
In der Tat, es gibt nichts Ärgerlicheres, als z. B. reich, aus anständiger Familie, von gutem Äußeren, nicht ungebildet, nicht dumm, sogar ein sogenannter guter Mensch zu sein und dabei gleichzeitig doch kein einziges Talent zu besitzen, keine einzige besondere Eigenschaft, nicht einmal besondere Schrullen und auch keine einzige eigene Idee zu haben, kurzum – „genau so wie alle“ zu sein. Man besitzt ein gewisses Kapital, jedoch kein Rothschildsches; die Familie ist durchaus ehrenwert, hat sich aber niemals auch nur im geringsten ausgezeichnet; das Äußere ist anständig, drückt aber sehr wenig aus; die Bildung ist nicht gering, doch was man mit ihr beginnen soll, weiß man nicht; Verstand ist gleichfalls vorhanden, nur leider ohne daß die geringsten eigenen Ideen mit ihm verbunden wären; sogar Herz ist da, nur fehlt ihm wiederum Großmut, und so ist es auch in jeder anderen Beziehung. Solcher Leute gibt es in der Welt eine ungeheure Menge, sogar viel mehr als es den Anschein hat. Unter ihnen kann man zwei Arten unterscheiden: die einen sind ausgesprochen beschränkt, die anderen „viel gescheiter“. Die ersteren sind natürlich die glücklicheren. Einem beschränkten „gewöhnlichen“ Menschen fällt z. B. nichts leichter, als sich für einen ungewöhnlichen, originellen Menschen zu halten und sich durch diesen Glauben das Leben ruhigen Gewissens zu versüßen. Genügte es doch gar mancher Dame, sich das Haar abzuschneiden, eine blaue Brille auf die Nase zu setzen und sich „Nihilistin“ zu nennen, um sogleich davon überzeugt sein zu können, daß sie nun auch eigene „Überzeugungen“ habe. Es braucht so manch einer nur ein etwas menschenfreundlicheres Gefühl in seinem Herzen zu hegen, und er wäre ohne weiteres überzeugt, daß er der fortgeschrittenste und feinfühligste Mensch sei. Und wie vielen genügte es, in irgendeiner Broschüre einen beliebigen Abschnitt mitten heraus zu lesen, um sich einzubilden, die gelesenen Gedanken seien im eigenen Gehirn entstanden. Die Frechheit der Naivität, wenn man sich so ausdrücken kann, ist in solchen Fällen oft geradezu wunderbar, und sollte sie auch noch so unwahrscheinlich sein, sie ist und bleibt Tatsache. Diese bodenlose Unverschämtheit der Naivität, diese sozusagen unerschütterliche Überzeugung eines dummdreisten Menschen, daß er ein großes Talent sei, ist von Gogol meisterhaft in dem Typ der Leutnants Pirogoff[28] dargestellt. Pirogoff zweifelt keinen Augenblick daran, daß er ein Genie sei oder sogar noch mehr als das. Ja, er ist sogar so überzeugt davon, daß er einen Zweifel daran überhaupt nicht für möglich halten würde. Gogol war sogar gezwungen, ihn zur Beruhigung des verletzten Sittlichkeitsgefühls seines Lesers durchprügeln zu lassen, doch als er dann sah, daß der große Mann sich nach der Strafe nur einmal wie ein Pudel nach dem Bade schüttelte, und zur Stärkung eine Pastete verzehrte, blieb ihm schließlich nichts anderes übrig, als mit der Achsel zu zucken und den Leser vor dem Berge sitzen zu lassen. Es hat mir nur von jeher sehr leid getan, daß Gogol diesem großen Pirogoff einen so geringen Titel beigelegt hat. Ist er doch von sich selbst so eingenommen, daß ihm nichts leichter fallen würde, als sich proportional mit seiner Rangerhöhung für einen immer größeren Feldherrn zu halten, oder nicht einmal bloß zu halten, sondern einfach überzeugt zu sein, daß er der größte Feldherr sei. Und wie viele von solchen machen dann auf dem Schlachtfelde in so erbärmlicher Weise Fiasko! Und wie viele Pirogoffs hat es doch unter unseren Literaten, Gelehrten und Propagandisten gegeben! Ich sage „hat gegeben“, aber selbstverständlich kann man auch „gibt“ sagen ...
Von den Personen unseres Romans gehörte Gawrila Ardalionowitsch Iwolgin zur zweiten Kategorie der „gewöhnlichen Menschen“, zu den „bedeutend gescheiteren“, und war demgemäß vom Kopf bis zu den Füßen nur von dem einen Wunsch nach Originalität erfüllt. Leider sind die Menschen dieser Kategorie sehr viel schlimmer daran als die der ersten. Das ist es ja, daß der „gescheite“ gewöhnliche Mensch, selbst wenn er sich vorübergehend – oder meinetwegen auch sein ganzes Leben lang – für den genialsten und originellsten Menschen hält, nichtsdestoweniger in seinem Herzen einen Wurm des Zweifels sitzen hat, der ihn mitunter zur größten Verzweiflung bringt. Doch übrigens haben wir hier ein wenig übertrieben, denn gewöhnlich sind diese „gescheiteren“ Leute längst nicht so tragisch zu nehmen, sie werden zum Schluß höchstens leberleidend – mehr oder weniger, je nachdem – und das ist alles. Doch immerhin sind sie von einer ungeheuren Zähigkeit im Festhalten an ihren Illusionen: oft beginnen sie damit schon in der grünsten Jugend und lassen selbst im höchsten Alter nicht um Haaresbreite von ihren Illusionen ab, so stark ist ihr Verlangen, originell zu sein. Ja, es gibt sogar recht eigentümliche Fälle: manch ein grundehrlicher Mensch ist aus Originalitätssucht sogar zu einer gemeinen Handlungsweise bereit, und wie oft kommt es vor, daß manch einer dieser Unglücklichen, der nicht nur ehrlich, sondern auch herzensgut und die Vorsehung seiner Familie ist, einer, der nicht nur die Seinigen, sondern auch noch Fremde ernährt und ... ja, und der doch sein ganzes Leben lang nicht zu einer wirklichen Ruhe mit sich und über sich selbst kommen kann! Der Gedanke, daß er so gut seine Pflichten erfüllt, tröstet ihn nicht im geringsten, im Gegenteil, er regt ihn nur auf und ärgert ihn: „Da seht ihr, wofür ich mein Leben hingeben muß, was mich an Händen und Füßen fesselt, was mich gehindert hat, das Pulver zu erfinden! Wäre das nicht gewesen, so hätte ich unbedingt etwas Ungeheures entdeckt, ob gerade das Pulver oder ob Amerika, das weiß ich selbst noch nicht genau, nur wäre es unbedingt etwas Großes gewesen!“ Das Charakteristischste dieser Menschen ist das, daß sie tatsächlich bis zum Grabe nicht wissen, was sie nun eigentlich entdeckt hätten, „wenn“ – oder was zu entdecken sie ihr Leben lang bereit waren. Doch ihre Seelenqualen und ihre Sehnsucht nach dem zu Entdeckenden reichten selbst für einen Kolumbus oder Galilei aus.
Gawrila Ardalionytsch begann gerade in dieser Art, nur war er, wie gesagt, noch ein Anfänger. Das immerwährende Sich-seiner-Talentlosigkeit-bewußt-sein und gleichzeitig das unbezwingbare Verlangen, sich überzeugungsvoll einzureden, daß er der selbständigste Mensch sei, hatten sein Herz tief verwundet, und zwar schon im frühesten Jünglingsalter. Er war ein Mensch mit neidischen und heftigen Wünschen, und seine Reizbarkeit schien ihm bereits angeboren zu sein. Die Heftigkeit seiner Wünsche hielt er für Willenskraft. Bei seinem leidenschaftlichen Wunsch, sich auszuzeichnen, war er bisweilen sogar zu einem sehr unüberlegten Sprung bereit, nur führte er ihn im letzten Augenblick nicht aus, da er sich dann als doch zu vernünftig dazu erwies – und gerade dies marterte ihn. Vielleicht hätte er sich gegebenenfalls sogar zu einer äußerst niedrigen Tat entschlossen, nur um endlich das Erwünschte zu erlangen, aber sobald es dann zur Ausführung kam, war er doch wieder zu anständig dazu. Übrigens: zu kleinen Gemeinheiten hätte man ihn immer bereit gefunden. Mit Haß und Ekel dachte er an die Armut und die „Heruntergekommenheit“ seiner Familie. Selbst seine Mutter behandelte er nichtachtend, obschon er selbst sehr wohl begriff, daß gerade der Ruf und Charakter seiner Mutter bisher der wichtigste Stützpunkt seiner Karriere gewesen waren. Als er die Stellung bei Jepantschin angenommen, hatte er sich gesagt: „Hat man sich einmal erniedrigt, dann bleibt man auch bis zum Schluß konsequent bei den Gemeinheiten, wenn man nur das Gewünschte auf diese Weise erreicht,“ und dabei hatte er doch noch keine einzige Gemeinheit wirklich begangen! Wie er überhaupt nur darauf gekommen war, daß Gemeinheiten notwendig wären? Aglaja hatte ihm damals allerdings einen Schrecken eingejagt, doch hatte er sie deshalb noch nicht aufgegeben, wenn er auch genau genommen niemals glauben konnte, daß eine Aglaja zu ihm herabsteigen würde. Als er dann Nastassja Filippowna heiraten sollte, hatte er sich eingeredet, daß die Quintessenz alles Erstrebenswerten Geld und nichts als Geld sei. „Wenn schon, denn schon,“ hatte er sich täglich mit großer Selbstzufriedenheit, jedoch auch nicht ohne eine gewisse Angst, gesagt, „wenn ich mich einmal auf Schändlichkeiten verlege, dann aber auch ohne Wenn und Aber, dann soll es kein Zurück mehr geben!“ Doch nachdem er dann auch noch Nastassja Filippowna verloren hatte, war ihm aller Mut abhanden gekommen, und er hatte die hunderttausend Rubel tatsächlich dem Fürsten eingehändigt, was er später wohl tausendmal bereute, obschon er unermüdlich vor sich selbst damit prahlte. Allerdings hatte er ganze drei Tage, so lange der Fürst noch in Petersburg war, geweint, doch gleichzeitig hatte er den Fürsten auch zu hassen begonnen, weil dieser ihn gar zu mitleidig betrachtet hatte, während „sich doch nicht ein jeder zu einer solchen Tat entschließen könnte!“ Am meisten aber quälte ihn ein Eingeständnis, das er sich selbst wohl oder übel machen mußte: daß sein ganzer Kummer nichts anderes als ewig unbefriedigter Ehrgeiz war. (Erst lange nachher sah er ein, welch eine ernste Wendung seine Beziehungen zu Aglaja hätten nehmen können, und dann ergriff ihn quälende Reue.) Er gab sogar seine Stellung auf und versenkte sich ganz und gar in trübe Betrachtungen. Wie bereits erwähnt, lebte er mit seiner Mutter und seinem Vater bei Ptizyn, den er ohne Heuchelei verachtete, wenn er auch seine Ratschläge befolgte und vernünftig genug war, ihn um seinen Rat zu bitten. Unter anderem ärgerte er sich auch deshalb über Ptizyn, weil dieser nicht den Ehrgeiz hatte, ein zweiter Rothschild werden zu wollen. „Wenn du ein Wucherer bist, so sei es doch ganz, presse den Leuten den letzten Saft aus, präge Geld aus ihrem Schweiß, sei doch ein großes Geldgenie, werde ‚König der Juden‘!“ Ptizyn war aber ein bescheidener, stiller Mensch, der auf solche Ausfälle gewöhnlich mit nichts als einem Lächeln antwortete. Nur ein einziges Mal fand er es nötig, sich über diesen Punkt auszusprechen, was er dann sehr ernst und sogar mit einer gewissen Würde tat. Vor allem suchte er Ganjä zu beweisen, daß er nichts Unredliches tue, und Ganjä ihn mit Unrecht einen „Manichäer“ nenne; wenn flüssiges Geld mit jedem Tag im Preise steige, so sei das nicht seine Schuld; er handle durchaus offen und ehrlich und sei schließlich nur ein Agent in „diesen“ Geschäften, und dank seiner Akkuratesse sei er eben in gewissen Kreisen von einer sehr guten Seite bekannt geworden, weshalb sich denn auch sein „Bekanntenkreis“ stetig vergrößere und desgleichen seine Einnahmen. „Ein Rothschild werde ich nie werden, und ich will es auch gar nicht,“ sagte er lachend, „aber ein Haus an der Liteinaja werde ich zu guter Letzt unfehlbar besitzen, vielleicht sogar zwei Häuser, und das genügt für mich.“ Bei sich dachte er zwar noch: „Vielleicht werde ich auch drei Häuser besitzen,“ sprach aber diesen Gedanken nicht laut aus. Die Natur liebt solche Menschen und das Schicksal erfüllt ihre Wünsche: sie gibt solchen Ptizyns nicht nur drei, sondern vier Häuser, und zwar einzig deshalb, weil sie schon von Kindheit an wissen, daß sie nie so reich wie Rothschild werden würden. Doch über vier Häuser geht das Schicksal dann nie hinaus, weiter bringen es die Ptizyns unter keinen Umständen.
Ein ganz anderer Mensch war Warwara Ardalionowna, Gawrilas Schwester, trotz aller Charakterähnlichkeit mit ihrem Bruder. Ihre Wünsche zeichneten sich nicht durch Heftigkeit, sondern durch Beständigkeit und Hartnäckigkeit aus. Wenn man vom Bruder sagen konnte, daß er im letzten Augenblick, d. h. wenn die Sache zur Entscheidung kam, regelmäßig zur Einsicht gelangte, so konnte man von Warjä sagen, daß Einsicht bei ihr stets vorhanden war und sich nicht nur im letzten Augenblick einstellte. Freilich gehörte auch sie zu den Dutzendmenschen, die originell sein möchten, nur begriff und gestand sie sich sehr bald – letzteres will viel besagen –, daß sie keine Spur von Originalität besaß, und da war sie klug genug, sich nicht darob zu grämen – vielleicht unterließ sie es auch aus einem gewissen Stolz. Ihren ersten praktischen Schritt im Leben tat sie mit bewundernswerter Entschlossenheit, indem sie Ptizyn heiratete. Nur sagte sie sich bei dieser Gelegenheit durchaus nicht, „wenn schon, denn schon“ wie ihr Bruder – der ihr seine Meinung auch fast mit denselben Worten zu verstehen gab, als sie ihn um sein Gutachten in betreff ihres Entschlusses bat. Im Gegenteil: Warwara Ardalionowna heiratete erst, nachdem sie sich gründlich überzeugt hatte, daß ihr zukünftiger Gatte ein bescheidener, sympathischer, nicht ungebildeter Mann war und eine große Gemeinheit nie begehen würde. Um kleine Gemeinheiten kümmerte sie sich nicht, und wo waren die schließlich nicht zu finden? Man kann doch nicht auf ein Ideal warten! Zudem wußte sie, daß sie durch diese Heirat ihren Eltern und Geschwistern ein Unterkommen gab, und da sie den Bruder im Unglück sah, wollte sie ihm helfen; ihre früheren Streitigkeiten mit ihm vergaß sie völlig. In der Folge versuchte Ptizyn in Ganjä Interesse für eine neue Arbeit zu erwecken, was er natürlich immer nur ganz freundschaftlich tat: „Da verachtest du nun Generäle und die Generalswürde,“ meinte er scherzend, „aber sieh sie dir doch nur einmal an, diese junge Generation: wie sehr sie sie jetzt auch verachten, nach einer kleinen Weile sind sie selbst Generäle und haben das Verachten vergessen. Und du wirst ebenso sein.“ „Wie kommt er nur darauf, daß ich Generäle und die Generalswürde verachten soll?“ dachte Ganjä sich etwas sarkastisch, ließ ihn jedoch in dem Glauben. Desgleichen erweiterte Warwara Ardalionowna nur um des Bruders willen ihren Bekanntenkreis: es gelang ihr, sich bei Jepantschins auf Grund ihres früheren Verkehrs einzudrängen: sie und Ganjä hatten als Kinder mit den drei kleinen Jepantschins gespielt. Hätte Warwara Ardalionowna mit diesen Besuchen bei Jepantschins irgendein großes Ziel verfolgt, so wäre sie vielleicht mit einem Schlage über das Niveau der gewöhnlichen Menschen hinausgewachsen, doch von einem großen Ziel oder einer besonderen Idee konnte hier überhaupt nicht die Rede sein: sie verfolgte eine ganz kleinliche Berechnung, auf Grund ihrer genauen Kenntnis aller Charaktere der Familie Jepantschin – namentlich hatte sie Aglajas Charakter trefflich beobachtet. Vorläufig aber wollte sie nichts weiter, als Aglaja mit ihrem Bruder wieder aussöhnen und die beiden gegenseitig näherbringen. Vielleicht hatte sie auch schon einiges erreicht, vielleicht hatte sie auch Fehler begangen, indem sie vom Bruder mehr Beistand erwartet hatte, als er fähig war zu leisten. Jedenfalls aber wußte sie sich bei Jepantschins sehr geschickt zu benehmen: erwähnte oft wochenlang mit keinem Wort ihres Bruders, zeigte sich stets sehr aufrichtig und wahrheitsliebend und gab sich schlicht, doch ohne sich dabei etwas in ihrer Würde zu vergeben. Was ihr Gewissen betrifft, so scheute sie sich nicht, auch in die letzte Kammer desselben hineinzublicken: sie hatte sich keine Vorwürfe zu machen, und gerade das verlieh ihr Kraft. Nur eines bemerkte sie bisweilen an sich: daß auch sie sich ärgerte, daß auch sie Eigenliebe besaß und fast bis zur Reizbarkeit ehrgeizig war – was ihr in der Regel übrigens gerade dann auffiel, wenn sie von Jepantschins kam.
Es war nach jener Zusammenkunft des Fürsten mit Aglaja im Park ungefähr eine Woche vergangen, als Warwara Ardalionowna eines schönen Morgens gegen halb elf recht nachdenklich und niedergeschlagen von einem Besuch bei Jepantschins nach Hause zurückkehrte. Nur lag in dieser Niedergeschlagenheit doch etwas bitter Spöttisches. Ptizyn bewohnte in Pawlowsk ein von außen nicht sehr schönes, wenn nicht gar unansehnliches hölzernes Haus, das aber dafür sehr geräumig war. Es lag an einer staubigen Straße, und da es bald ganz in Ptizyns Besitz übergehen sollte, so sah er sich bereits nach einem Käufer um. Als Warjä sich der Haustür näherte, hörte sie, daß im oberen Stock des Hauses geschrien und gelärmt wurde, und sie unterschied sogar die Stimmen ihres Bruders und ihres Vaters. Als sie nach einer Weile ins Zimmer trat, raste Ganjä daselbst bleich vor Wut auf und ab und raufte sich fast das Haar aus. Sie runzelte die Stirn und ließ sich müde auf das Sofa nieder, ohne den Hut abzunehmen. Da sie sehr wohl begriff, daß der Bruder sich unfehlbar ärgern würde, wenn sie sich nicht nach der Ursache seiner rasenden Wut erkundigte, beeilte sie sich zu fragen:
„Immer dasselbe?“
„Was heißt hier dasselbe!“ schrie Ganjä. „Dasselbe! Nein, hier geht weiß der Teufel was vor sich, aber nicht dasselbe! Der Alte ist total verrückt geworden, Mama weint. Bei Gott, Warjä, tu’ was du willst, aber ich werfe ihn hinaus oder ... oder geh’ selbst von euch fort,“ fügte er wütend hinzu, da es ihm offenbar noch rechtzeitig in den Sinn gekommen sein mochte, daß er doch nicht aus fremden Häusern Menschen hinausjagen konnte.
„Man muß nachsichtig sein,“ brummte Warjä.
„Wozu nachsichtig? Gegen wen? Gegen was?“ fuhr Ganjä zornig auf. „Nachsichtig gegen seine Gemeinheiten? Nein, sag’, was du willst, aber das geht nicht so weiter! Das geht nicht, geht nicht, geht nicht! Und was soll das heißen: er selbst ist der Schuldige, und je mehr er’s ist, um so mehr nimmt er das Maul voll ... Was sitzt du so? Was machst du für ein Gesicht?“
„Ach, laß das doch,“ versetzte Warjä übellaunig.
Ganjä blickte sie aufmerksamer an.
„Warst du dort?“ fragte er plötzlich.
„Ja.“
„Da, dieses Geschrei! Das ist doch wirklich ... und noch dazu zu einer solchen Zeit!“
„Was ist denn jetzt für eine so besondere Zeit?“
Ganjä betrachtete die Schwester aufmerksamer.
„Hast du etwas erfahren?“ fragte er.
„Nichts Unerwartetes. Ich habe erfahren, daß alles seine Richtigkeit hat. Mein Mann hatte recht: so wie er es von Anfang an voraussagte, so ist es nun auch gekommen. Wo ist er?“
„Nicht zu Hause. Aber was ist denn jetzt auch so gekommen?“
„Der Fürst ist erklärter Bräutigam, die Sache ist entschieden. Die älteren Schwestern sagten’s mir: Aglaja hat eingewilligt, und es wird auch gar nicht mehr verheimlicht. Bis jetzt war es ja dort eine Geheimnistuerei, daß Gott erbarm’! Adelaidas Hochzeit wird wieder aufgeschoben, denn die Trauungen sollen an ein und demselben Tage stattfinden – irgendein poetischer Einfall ... Du aber tätest jetzt wirklich besser, ein Hochzeitsgedicht zu verfassen, als hier auf und ab zu rennen! Heute abend wird die Bjelokonskaja bei ihnen sein; die ist sehr zur rechten Zeit angekommen. Außerdem sind auch noch andere Gäste eingeladen. Wie es scheint, soll er der Bjelokonskaja vorgestellt werden, wenn er auch mit ihr schon bekannt ist; ich glaube, sie wollen ihn heute als ‚offiziellen Bräutigam‘ präsentieren. Nur fürchten sie, er könne irgend etwas umstoßen, zerschlagen, wenn er ins Zimmer tritt, oder gar selbst hinfallen – all dessen muß man ja bei ihm gewärtig sein.“
Ganjä hörte seiner Schwester sehr aufmerksam zu, doch machten diese Nachrichten zu Warjäs nicht geringer Verwunderung durchaus keinen so erschütternden Eindruck auf ihn, wie sie eigentlich erwartet hatte.
„Das war ja schließlich vorauszusehen,“ meinte er nach einer Weile ziemlich ruhig. „Also aus!“ fügte er dann noch mit einem eigentümlichen Lächeln hinzu, und listig blickte er seiner Schwester in die Augen; worauf er seinen Spaziergang durchs Zimmer fortsetzte, wenn auch bereits viel ruhiger.
„Gut wenigstens, daß du die Sache als Philosoph aufnimmst. Das hatte ich kaum erwartet,“ sagte Warjä.
„Ach was, jetzt ist man die Geschichte los, du wenigstens.“
„Ich glaube, dir aufrichtig gedient zu haben, unablässig und ohne meinen eigenen Vorteil zu verfolgen. Ich habe dich nicht gefragt, welches Glück du bei Aglaja suchtest.“
„Ja, habe ich denn ... Glück bei ihr gesucht?“
„Ach, bitte, laß jetzt das Philosophieren! Selbstverständlich hast du’s gesucht. Jetzt können wir mit einer langen Nase abziehen und damit ist es aus. Wenn ich offen sein soll, so kann ich dir nur sagen, daß ich nie ernstlich an einen Erfolg gedacht habe. Ich nahm es nur auf alle Fälle in die Hand, indem ich auf ihren lächerlichen Charakter rechnete, doch in erster Linie wollte ich eigentlich nur dich etwas zerstreuen. Natürlich hatten wir mindestens neunzig Chancen von hundert, daß die Sache ins Wasser fällt. Ich begreife bis jetzt noch nicht, was du eigentlich sonst erreichen wolltest.“
„Jetzt werdet ihr mich beide wieder bereden, eine Stelle anzunehmen, mir wieder Lektionen über Ausdauer und Willenskraft halten, und den weisen Rat erteilen, daß man auch Weniges nicht mißachten soll, und so weiter, und so weiter, ich kann’s ja schon auswendig,“ sagte Ganjä lachend.
„Er muß etwas Neues im Sinn haben,“ dachte Warjä bei sich.
„Nun und – wie ist man dort? Freuen sie sich?“ fragte plötzlich Ganjä.
„N–ein, nicht besonders, wie es scheint. Kannst es dir ja selbst denken. Der General ist zufrieden, die Mutter fürchtet sich. Sie hat ihn ja auch früher nur mit Widerwillen als Freier betrachtet, das weiß man doch schon.“
„Ich rede nicht davon. Als Freier ist er ja ganz unmöglich, einfach undenkbar, das ist doch klar. Ich frage nur, wie es jetzt dort ist? Hat sie ihm offiziell ihr Jawort gegeben?“
„Sie hat bis jetzt nicht ‚nein‘ gesagt und das ist alles, aber mehr ist ja von ihr auch nicht zu erwarten. Du weißt doch, bis zu welch einer Blödsinnigkeit sie früher schüchtern und verschämt war: Kroch sie doch als kleines Mädchen, wenn Besuch bei ihnen war, immer in irgendeinen Schrank und saß dort stundenlang, nur um nicht zu den Gästen gehen und einen Knix machen zu müssen, und ebenso albern ist sie auch heute noch. Weißt du, ich glaube eigentlich, daß es jetzt wirklich ernst ist, sogar ihrerseits. Über den Fürsten, sagten die Schwestern, mache sie sich den ganzen Tag lustig, vom Morgen bis zum Abend, damit man nur ja nicht glauben solle, daß sie ihn liebe; nur wird sie es schon so einzurichten wissen, daß sie ihm täglich unter vier Augen etwas sagen kann, denn er scheint ja förmlich in den Himmel entrückt zu sein, strahlt einfach ... Soll dabei entsetzlich komisch sein. Das sagten sie selbst. Auch schien es mir, daß sie sich über mich ein wenig lustig machten, wenigstens lachten sie mir ins Gesicht, die beiden älteren.“
Ganjä wurde schließlich doch ärgerlich und runzelte die Stirn. Warjä hatte vielleicht nicht unbeabsichtigt die letzte Bemerkung gemacht. Sie wollte seine geheimen Gedanken ausforschen.
Da begann plötzlich der Lärm und das Geschrei im oberen Stockwerk von neuem.
„Nein! Ich jage ihn hinaus!“ schrie Ganjä wütend, doch gleichsam erfreut darüber, daß er seinem Ärger freien Lauf lassen konnte und ein anderes Objekt gefunden hatte.
„Damit wäre nichts gewonnen, im Gegenteil, er würde dann noch zu Gott weiß wem gehen, um über uns zu klatschen, wie er es gestern schon getan hat.“
„Wie – was gestern? Was heißt das, was hat er gestern getan? Ist er etwa ...“ fragte Ganjä plötzlich sehr erschrocken.
„Ach, mein Gott, weißt du es denn noch nicht?“ unterbrach ihn Warjä.
„Wie ... was ... ist es denn wirklich möglich, daß er dort war?“ rief Ganjä außer sich vor Scham und Unwillen. „Gott, du kommst ja von dort her! Was hast du denn erfahren? Ist der Alte dort gewesen? War er? oder war er nicht?“
Ganjä stürzte zur Tür. Warjä lief ihm nach und packte ihn am Arm.
„Was tust du? Wohin gehst du? Wenn du ihn jetzt hinauswerfen willst, um so schlimmer, er wird überall herumgehen, allen wird es bekannt werden! ...“
„Was hat er dort angerichtet? Was hat er gesprochen?“
„Ja, das wußten sie selbst nicht zu sagen, haben ihn offenbar gar nicht verstanden; er hat sie nur alle erschreckt. Gekommen war er zu Iwan Fedorowitsch, – traf ihn nicht zu Hause; verlangte nach Lisaweta Prokofjewna. Bat sie zuerst um Protektion: er suche einen Dienst, sagte er, sie möge ihm eine Stelle verschaffen; darauf hat er sich über uns beklagt, über mich, über meinen Mann, besonders aber über dich ... Wer weiß, worüber er noch alles gesprochen hat.“
„Und das konntest du nicht mehr erfahren?“ schrie Ganjä hysterisch, fast kreischend auf.
„Wie sollt’ ich denn! Er wird wohl selbst kaum gewußt haben, wovon er sprach – oder vielleicht hat man mir nicht alles wiedererzählt.“
Ganjä faßte mit beiden Händen nach seinem Kopf und lief ans Fenster. Warjä saß am anderen Fenster.
„Diese sonderbare Aglaja,“ bemerkte sie plötzlich, „als ich fortging, hielt sie mich noch zurück und sagte mir: ‚Drücken Sie Ihren Eltern meine persönliche Hochachtung für sie aus, ich hoffe bestimmt, in diesen Tagen Ihren Vater wiederzusehen.‘ Und das sagte sie so ernst. Wirklich sonderbar ...“
„Machte sie sich nicht etwa lustig?“
„Nein, das ist ja das Sonderbare.“
„Weiß sie das vom Alten, oder weiß sie es nicht, was glaubst du?“
„Daß man im Hause nichts weiß, davon bin ich fest überzeugt; doch du hast mich auf einen Gedanken gebracht. Aglaja wird es vielleicht wissen. Ja: Sie allein weiß es, denn auch die Schwestern waren sehr erstaunt, als sie mir so ernst einen Gruß an Papa auftrug. Und warum gerade an ihn? Wenn sie es aber weiß, so hat der Fürst es ihr gesagt!“
„Interessant zu wissen, wer ihr das gesagt haben mag? Das fehlte noch! Ein Dieb in unserer Familie, ‚das Haupt der Familie‘!“
„Ach, Unsinn,“ rief Warjä ärgerlich aus. „Eine Sache, in der Trunkenheit geschehen, hat doch nichts zu sagen. Und wer hat sie sich ausgedacht? Lebedeff, der Fürst ... das sind die Rechten. Ich mache mir nicht soviel draus!“
„Der Alte ist ein Dieb,“ fuhr Ganjä bitter fort, „ich bin ein Bettler, der Mann meiner Schwester ein Wucherer – recht verlockend für Aglaja! Da ist nichts zu sagen, das ist wirklich schön!“
„Dieser Mann deiner Schwester, der Wucherer ist ...“
„Ernährt mich, nicht wahr? bitte, mache keine Umstände, und sag es nur gerade heraus.“
„Warum ärgerst du dich denn?“ fragte Warjä. „Von alledem verstehst du nichts, bist wie ein Schuljunge. Du glaubst, das könnte dir in den Augen Aglajas schaden? Du kennst ihren Charakter nicht. Sie würde sich vom besten Bewerber abwenden und zu irgendeinem Studenten gehen, um mit ihm unter dem Dach zu wohnen und vielleicht Hungers zu sterben. So denkt sie. Du hast es immer noch nicht begriffen, wie interessant du in ihren Augen sein würdest, wenn du unsere Verhältnisse mit Festigkeit und Stolz ertrügest. Der Fürst hat sie nur damit gefangen, daß er sich gar nicht um sie kümmerte, und zweitens, daß er in den Augen aller als Idiot gilt. Schon allein, daß sie seinetwegen die ganze Familie aufregt – das ist es, was sie will. Ach, ihr Männer versteht auch gar nichts davon.“
„Nun, wir werden noch sehen, ob wir etwas davon verstehen oder ob wir nichts davon verstehen,“ äußerte sich Ganjä rätselhaft, „doch trotzdem möchte ich nicht haben, daß sie das vom Alten erfährt. Ich hoffe, der Fürst wird darüber schweigen. Er hat auch Lebedeff zum Schweigen verpflichtet; auch hat er mir gegenüber geschwiegen, als ich ihn versuchsweise ausfragte ...“
„Du mußt aber doch einsehen, daß es trotzdem allen bekannt werden wird. Ja, und was erhoffst du denn jetzt noch? Wenn dir eine einzige Hoffnung geblieben, so wäre es die, in ihren Augen als Märtyrer zu erscheinen.“
„Ungeachtet aller Romantik würde sie sich doch vor dem Skandal fürchten. Alles nur bis zu einer gewissen Grenze, so seid ihr Weibsmenschen nun mal.“
„Aglaja sich vor dem Skandal fürchten?“ fuhr Warjä heftig auf und sah den Bruder verächtlich an. „Hast doch eine niedrige Seele! Ihr seid alle nicht viel wert. Wenn sie auch wunderlich und lächerlich erscheinen mag, so ist sie doch tausendmal anständiger als wir alle.“
„Nun, sei nur nicht so böse,“ brummte Ganjä einlenkend.
„Mir tut nur die Mutter leid,“ fuhr Warjä fort, „wenn nur diese Geschichte mit Papa nicht zu ihren Ohren kommt, ach, das fürchte ich!“
„Sicher hat sie es schon erfahren,“ bemerkte Ganjä.
Warjä hatte sich erhoben, um zu Nina Alexandrowna hinaufzugehen, sie blieb jetzt stehen und sah den Bruder aufmerksam an.
„Wer hätte es ihr denn sagen können?“
„Hippolyt sicherlich. Er wird es für seine erste Pflicht gehalten haben, bei seiner Einquartierung bei uns, es der Mutter zu hinterbringen.“
„So, woher soll er es denn erfahren haben, sag’ mir es doch, bitte? Der Fürst und Lebedeff werden darüber schweigen, Koljä weiß auch nichts davon.“
„Hippolyt? Hat es vielleicht irgendwie – erraten. Du kannst es dir nicht vorstellen, was das für eine schlaue Pflanze ist. Eine Klatschbase und eine Spürnase, die alles Schlechte, jeden Skandal wittert. Glaub’ es oder glaub’ es nicht, ich bin überzeugt, daß er auf Aglaja einen großen Einfluß gewinnen wird. Wenn noch nicht jetzt, so doch später! Mit Rogoshin hat er sich schon angefreundet. Daß der Fürst das nicht bemerkt hat? Jetzt möchte er mich unterkriegen! Mich hält er für seinen persönlichen Feind, doch wozu das alles? Bald wird er sterben – ich kann es nicht begreifen. Doch werde ich ihn ... Du wirst sehen, ich werde ihn unterkriegen!!“
„Warum bemühst du dich um ihn, wenn du ihn nicht magst? Und ist er es denn überhaupt wert, daß er untergekriegt werden muß?“
„Du hast mir doch geraten, ihn zu uns einzuladen.“
„Ich dachte, daß er uns von Nutzen sein könnte. Weißt du, daß er selbst in Aglaja verliebt ist und ihr geschrieben hat? Man hat mich über ihn ausgefragt ... er soll sogar Lisaweta Prokofjewna einen Brief geschrieben haben ...“
„In der Hinsicht – ist er ungefährlich!“ bemerkte Ganjä boshaft lächelnd. „Daß er verliebt ist, das kann ja möglich sein, denn er ist doch ein Jüngling! Er wird aber hoffentlich der Alten keinen anonymen Brief schicken? Er ist ja eine so boshafte, selbstzufriedene Mittelmäßigkeit, der Mensch! ... Ich bin überzeugt, ich weiß es genau: er hat mich ihr gegenüber als einen Intriganten hingestellt. Damit hat es bei ihm angefangen. Ich gebe es zu, daß ich mich ihm anfangs recht wie ein Dummkopf anvertraut habe; ich dachte, daß er nur aus Rache gegen den Fürsten auf meine Interessen eingehen würde. Oh, so ein hinterlistiges Geschöpf! Aber dafür habe ich ihn jetzt vollständig erkannt. Vom Diebstahl hat er sicher durch seine Mutter erfahren. Der Alte hat den Diebstahl doch nur der Kapitanscha, seiner Mutter, wegen verbrochen! Neulich teilte er mir wie zufällig mit, daß der ‚General‘ seiner Mutter dreihundert Rubel versprochen habe, und das einfach – nun, eben so, ohne alle Umstände. Ich begriff sofort. Dabei sah er mir mit sichtlichem Vergnügen in die Augen; auch Mama wird er es erzählt haben, nur, um ihr das Herz schwer zu machen. Und warum stirbt er nicht endlich, sage mir das doch, bitte? Er verpflichtete sich, in drei Wochen zu sterben, und jetzt hat er sich hier wieder erholt, hat zugenommen, hustet weniger. Gestern abend sagte er, daß er schon den zweiten Tag kein Blut mehr speit.“
„Wirf ihn doch hinaus.“
„Ich kann ihn nicht leiden, ich verachte ihn. Ja, ja, ich verachte ihn!“ schrie Ganjä außer sich vor Wut. „Und das werde ich ihm ins Gesicht sagen, und wenn er auch im gleichen Augenblick in seinen Kissen sterben sollte! Wenn du nur seine Beichte gelesen hättest ... Gott, welch eine Naivität der Gemeinheit! Oh, mit was für einem Vergnügen hätte ich ihn damals durchgeprügelt, nur, um ihn gründlich in Erstaunen zu setzen. Jetzt möchte er sich an allen rächen, dafür, daß es ihm nicht gelingen konnte, uns ... Doch, was ist das für ein Lärm! Was soll das bedeuten? Ich werde es nicht mehr dulden ... Ptizyn!“ rief er dem ins Zimmer tretenden Ptizyn entgegen. „Was ist denn das? Soweit ist es also bei uns schon gekommen? Das ist ... das ist ...“
Der Lärm kam näher und näher, die Tür öffnete sich plötzlich und – der alte Iwolgin stürzte sich wütend, gereizt, außer sich auf Ptizyn. Dem General folgten Nina Alexandrowna, Koljä und ganz zuletzt Hippolyt.
II.
Hippolyt wohnte bereits seit fünf Tagen im Hause Ptizyns. Das hatte sich so ganz von selbst gemacht, ohne besondere Erklärungen zwischen Hippolyt und dem Fürsten. Beide schieden als Freunde voneinander. Gawrila Ardalionytsch, der sich an dem Abend so feindselig gegen Hippolyt verhalten hatte, kam schon am dritten Tage zu Hippolyt, um ihn zu Ptizyns überzuführen, wahrscheinlich mit einer besonderen Absicht. Auch Rogoshin besuchte den Kranken. Dem Fürsten schien es, daß es für den „armen Knaben“ am besten wäre, dieses Haus zu verlassen. Hippolyt teilte ihm mit, daß er zu Ptizyns wolle, da Ptizyn so gut sei und ihm einen Winkel gebe, doch vermied er zu sagen, daß er zu Ganjä ginge, denn Ganjä war es eigentlich gewesen, der darauf bestanden hatte, daß man ihn ins Haus nahm. Ganjä hatte das wohl bemerkt und fühlte sich darob sehr gekränkt.
Er hatte recht, als er zu seiner Schwester die Bemerkung machte, der Kranke habe sich erholt. In der Tat, Hippolyt sah besser aus, was man auf den ersten Blick bemerkte. Er folgte den anderen, ohne sich zu beeilen, ins Zimmer, auf seinen Lippen lag ein spöttisches, böses Lächeln. Nina Alexandrowna schien ganz erschrocken zu sein. Sie hatte sich in diesem halben Jahr sehr verändert. Seit sie ihre Tochter verheiratet hatte und bei ihr lebte, mischte sie sich überhaupt nicht mehr in die Angelegenheiten ihrer Kinder. Koljä war besorgt und offenbar sehr unwillig über irgend etwas, doch schien er „die Grillen des Generals“, wie er sich ausdrückte, nicht zu begreifen, denn er wußte ja nicht den Hauptgrund der Unruhe im Hause ... Es war ihm klar, daß der Vater sich in jeder Hinsicht so verändert hatte, als wäre er nicht mehr derselbe Mensch. Es beunruhigte ihn geradezu, daß der Alte bereits seit drei Tagen nichts mehr getrunken. Er wußte, daß der Vater sich sogar mit Lebedeff und dem Fürsten überworfen hatte. Koljä selbst war soeben mit einem Liter Schnaps zurückgekehrt, den er für sein eigenes Taschengeld gekauft.
„Lassen Sie ihn trinken, Mama,“ hatte er schon oben seiner Mutter zugeredet, „wirklich, lassen Sie ihn lieber trinken. Seit drei Tagen schon hat er nichts getrunken. Er muß einen Kummer haben. Darum wäre es besser, er trinkt etwas; ich habe ihm auch dorthin ...“
Der General stieß die Tür weit auf und stand auf der Schwelle, zitternd vor Erregung und Unwillen.
„Mein werter Herr!“ donnerte er Ptizyn entgegen. „Wenn Sie wirklich beschlossen haben, diesem Milchbart und Atheisten einen ehrwürdigen Greis, Ihren Vater, oder wenigstens den Vater Ihrer Frau, und einen Mann, der seinem Herrscher treu gedient hat, zu opfern, so wird mein Fuß dieses Haus nicht mehr betreten. Wählen Sie, mein Herr, wählen Sie sofort, ihn oder mich ... diesen dort, diesen Bohrer! Ja, Bohrer! Ich habe es nur so ausgesprochen, doch es stimmt, diesen – Bohrer! Denn er bohrt in meiner Seele, und ohne jede Achtung ... wie mit einer Schraube!“
„Warum nicht wie mit einem Korkzieher?“ fragte ihn spöttisch Hippolyt.
„Nein, nicht Korkzieher, denn ich bin ein General und keine Flasche. Ich besitze Auszeichnungen, Orden ... was besitzt denn du? Er oder ich. Entscheiden Sie sich, mein Herr, aber sofort, sofort!“ schrie er wieder Ptizyn an.
Koljä reichte ihm einen Stuhl, auf dem er sich ganz erschöpft niederließ.
„Wirklich, es wäre besser, Sie legten sich ein wenig hin,“ murmelte Ptizyn ganz betreten.
„Er droht uns sogar!“ bemerkte Ganjä halblaut zur Schwester.
„Mich hinlegen!“ schrie der General. „Ich bin nicht betrunken, mein werter Herr, Sie beleidigen mich. Ich sehe,“ und er erhob sich wieder vom Stuhl, „daß hier alle gegen mich sind, alle und alles. Genug! Ich gehe ... Doch wissen Sie, werter Herr, wissen Sie ...“
Man ließ ihn nicht weiter reden, man setzte ihn hin, man versuchte ihn zu beruhigen. Ganjä ging wutschnaubend in die äußerste Ecke des Zimmers. Nina Alexandrowna zitterte und weinte.
„Was habe ich ihm getan? Worüber beklagt er sich eigentlich!“ rief Hippolyt wieder spöttisch zu der Gruppe hinüber.
„Wie, Sie hätten ihm nichts getan?“ erwiderte ihm plötzlich Nina Alexandrowna. „Sie sollten sich schämen, einen alten Mann so unmenschlich zu quälen ... und dazu noch an Ihrer Stelle.“
„Was heißt das, an Ihrer Stelle, gnädige Frau! Ich achte Sie sehr, gerade Sie persönlich, doch ...“
„Das ist ein Bohrer!“ schrie wieder der General. „Er bohrt mir die Seele, das Herz durch! Er will mich zum Atheismus bekehren! Weißt du auch, du Milchbart, als du noch nicht geboren warst, da hatte man mich schon mit Ehren überhäuft; du aber bist nur ein neidischer Wurm, der in zwei Hälften gebrochen wird, vom Husten ... und der vor Bosheit und Unglauben stirbt ... Warum hat Gawrila dich hierher gebracht? Alle sind sie gegen mich, alle, und selbst der eigene Sohn!“
„Genug, spielen Sie hier keine Tragödie vor!“ rief Ganjä. „Es wäre besser, wenn Sie uns nicht vor der ganzen Stadt Schande bereiten wollten!“
„Was, ich mache dir Schande, du Gelbschnabel! Ich – dir? Ich kann dir nur Ehre machen, doch nicht Schande.“
Er war schon völlig außer sich und konnte sich nicht mehr beherrschen, doch auch Gawrila Ardalionytsch schien die Geduld zu reißen.
„Was reden Sie von Ehre!“ rief er boshaft.
„Was hast du gesagt?“ donnerte der General erbleichend und einen Schritt auf ihn zugehend.
„Ich brauchte nur den Mund zu öffnen, um ...“ brüllte Ganjä, doch brach er plötzlich ab.
Beide standen sich in höchster Erregung gegenüber.
„Ganjä, was tust du!“ rief Nina Alexandrowna und warf sich ihrem Sohn entgegen.
„Was für Torheiten!“ unterbrach sie Warjä unwillig. „Lassen Sie ihn doch, Mama!“
„Nur der Mutter wegen schon ich dich,“ rief Ganjä pathetisch aus.
„Sprich!“ brüllte der General in maßloser Wut, „sprich, oder fürchte meinen väterlichen Fluch! Sprich!“
„Als ob ich Ihren Fluch fürchtete, haha! Wer ist denn daran schuld, daß Sie seit acht Tagen ganz wie wahnsinnig sind? Den achten Tag, Sie sehen, ich weiß sogar das Datum ... Sehen Sie zu, daß Sie mich nicht zum Äußersten bringen, sonst sage ich alles ... Warum sind Sie gestern zu Jepantschin gegangen? Das nennt sich ein ehrenwerter Greis mit weißen Haaren, Familienvater! Wundervoll!“
„Schweige, Ganjka!“ schrie Koljä, „schweige, Dummkopf!“
„Und ich, und ich, womit habe ich ihn denn beleidigt?“ mischte sich Hippolyt wieder in spöttischem Tone ein. „Warum nennt er mich einen Bohrer, fragen Sie ihn doch? Er hat sich mir selbst aufgedrängt, kam und erzählte mir von einem Kapitän Jeropjegoff. Ich habe, wie Sie wissen, immer Ihre Gesellschaft gemieden, General, das sollten Sie wenigstens wissen. Was geht mich der Kapitän Jeropjegoff an? Sagen Sie sich das doch selbst. Ich bin doch nicht dieses Kapitäns wegen hierher gekommen? Ich habe ihm nur meine Meinung gesagt, daß dieser Kapitän Jeropjegoff vielleicht überhaupt nicht existiert hat. Er erhob natürlich sofort ein großes Geschrei.“
„Selbstverständlich hat er nicht existiert,“ schnitt ihm Ganjä das Wort ab.
Der General stand wie vom Schlage gerührt da und blickte sinnlos im Kreise herum. Die Worte des Sohnes hatten ihn durch ihre kaltblütige Offenheit vollständig niedergeschmettert. Im ersten Augenblick konnte er keine Worte finden. Nur zuletzt, als Hippolyt lachend auf die Antwort Ganjäs ausrief: „Nun haben Sie’s gehört, Ihr eigener Sohn hat es doch gesagt, daß es einen Kapitän Jeropjegoff gar nicht gegeben hat!“ – da murmelte er schließlich ganz leise vor sich hin:
„Kapiton Jeropjegoff, nicht Kapitän, Kapiton[29] ... Oberst a. D. Jeropjegoff ... Kapiton ...“
„Auch einen Kapiton hat es nicht gegeben!“ rief Ganjä ärgerlich.
„Warum ... hat es keinen gegeben?“ murmelte der General und eine Röte stieg ihm ins Gesicht.
„Lassen Sie doch!“ lenkten Ptizyn und Warjä ein.
„Schweig, Ganjka!“ rief wieder Koljä dazwischen.
Der General jedoch schien es nicht begreifen zu wollen.
„Wie, gab es denn keinen? Warum hat es denn keinen gegeben?“ schrie er drohend Ganjä an.
„Weil es eben keinen gegeben hat. Und damit basta. Er kann überhaupt nicht existiert haben! Verstehen Sie jetzt? Bitte, lassen Sie mich nun in Ruh, sage ich Ihnen.“
„Und das soll mein Sohn sein ... mein leiblicher Sohn, den ich ... o, mein Gott! Jeropjegoff, Jeroschka Jeropjegoff soll nicht existiert haben!“
„Da, sehen Sie mal, einmal heißt er Jeroschka, das andere Mal Kapitoschka!“ bemerkte Hippolyt.
„Kapitoschka, mein Herr, Kapitoschka und nicht Jeroschka! Kapiton, Kapiton Alexejewitsch, so ist’s, Kapiton ... Oberstleutnant ... außer Diensten ... verheiratet mit Marja ... mit Marja ... Petrowna ... Ssu... Ssu... mein Freund und Kriegskamerad ... Ssutugowa, seit meiner Fähnrichszeit her. Ich habe für ihn vergossen ... ich habe ihn ... ich bin vernichtet! Einen Kapitoschka Jeropjegoff soll es nicht gegeben haben! Nicht gegeben!“
Der General rief Hölle und Himmel an, doch hätte man denken können, daß sein Geschrei ganz anderen Dingen galt. Zu anderer Zeit freilich hätte ihn eine viel beleidigendere Vermutung, als es die der absoluten Nichtexistenz Kapiton Jeropjegoffs war, überhaupt nicht weiter aufgeregt. Vielleicht hätte er auch geschrien, eine lange Geschichte erfunden, wäre vielleicht sogar außer sich geraten, zu guter Letzt aber würde er ruhig nach oben in sein Zimmer schlafen gegangen sein. Dieses Mal jedoch, infolge der bekannten Unberechenbarkeit des menschlichen Herzens, geschah es, daß dieser Zweifel an der Existenz Jeropjegoffs den Krug zum Überlaufen brachte. Der General, totenblaß, wie er war, schlug seine Hände über dem Kopf zusammen und schrie:
„Genug, mein Fluch komme über dieses Haus! Nikolai, hole meinen Reisesack, ich gehe ... fort, hinaus!“
Er stürzte hinaus, Nina Alexandrowna, Koljä, Ptizyn bemühten sich, ihn zurückzuhalten.
„Was hast du jetzt angerichtet!“ wandte sich Warjä an den Bruder. „Er wird sich womöglich wieder dahin schleppen. Diese Schande! Diese Schande!“
„Dann soll er nicht stehlen!“ schrie Ganjä immer noch wutschnaubend. Plötzlich begegneten seine Augen denen Hippolyts. Ganjä zuckte zusammen. „Und Sie, mein werter Herr,“ schrie er ihn an, „Sie sollten nicht vergessen, daß Sie in einem fremden Hause ... Gastfreundschaft genießen. Sie hätten den Alten, der offenbar von Sinnen ist, nicht reizen sollen ...“
Hippolyt fuhr gleichfalls zusammen, doch faßte er sich sofort wieder.
„Ich bin nicht Ihrer Meinung, daß Ihr Vater von Sinnen ist,“ antwortete er ihm ruhig. „Mir scheint im Gegenteil, daß sein Verstand sich in letzter Zeit verschärft hat, bei Gott: Sie glauben es nicht? So vorsichtig und mißtrauisch ist er geworden, jedes Wort wägt er ordentlich ... Nicht ohne Absicht hat er mir von diesem Kapitoschka erzählt; stellen Sie sich doch nur vor, er wollte mir einreden ...“
„Zum Teufel, was geht es mich an, was er Ihnen einreden wollte! Ich bitte Sie, mich nicht zu reizen und hier nicht zu intrigieren, mein Herr! Wenn Sie den wahren Grund wissen, warum der Alte in einer solchen Stimmung ist – Sie haben ja hier bei uns fünf Tage lang herumspioniert, so daß Sie ihn wohl wissen – so hätten Sie ihn nicht reizen sollen ... diesen Unglücklichen – und meine Mutter mit diesen Dingen nicht quälen sollen, da es sich ja doch nur um einen dummen Streich handelt, um einen Streich in der Betrunkenheit. Und er ist nicht einmal erwiesen ... es lohnt sich nicht einmal, davon zu sprechen ... Aber Sie, Sie natürlich müssen überall spionieren und herumschnüffeln, denn Sie sind ja ...“
„Ein Bohrer.“ Hippolyt lächelte hämisch.
„Weil Sie ein Nichtsnutz sind! Eine halbe Stunde lang quälen Sie Menschen und glauben sie zu erschrecken – mit Ihrer ungeladenen Pistole, und dem verfehlten Selbstmord. Ich habe Ihnen meine Gastfreundschaft angeboten, Sie sind hier dick geworden, haben aufgehört zu husten und Sie bezahlen mir das ...“
„Erlauben Sie, nur ein Wort; ich bin bei Warwara Ardalionowna und nicht bei Ihnen; Sie haben mir überhaupt keine Gastfreundschaft anzubieten, ich glaube, Sie genießen selbst Gastfreundschaft bei Herrn Ptizyn. Vor vier Tagen habe ich meine Mutter gebeten, mir hier in Pawlowsk eine Wohnung zu mieten, und sie ferner gebeten, selbst auch hierher zu ziehen, denn ich fühle mich tatsächlich hier besser, wenn ich auch durchaus nicht zugenommen habe, noch aufgehört habe, zu husten. Gestern abend teilte mir meine Mutter mit, daß die Wohnung fertig sei, und ich beeile mich meinerseits, Ihnen mitzuteilen, daß ich mich bei Ihrer Frau Mutter und Ihrer Frau Schwester für die mir erwiesene Gastfreundschaft bedanken werde, und heute abend ihr Haus verlasse. Entschuldigen Sie, ich hatte Sie unterbrochen; es schien mir, daß Sie noch etwas sagen wollten.“
„Oh, wenn das so ist ...“
„Ja, wenn das so ist, so erlauben Sie, bitte, daß ich mich setze,“ fügte Hippolyt hinzu und setzte sich ruhig auf den Stuhl, auf dem der General gesessen hatte, „ich bin immerhin krank; doch bin ich jetzt bereit, Sie anzuhören, um so mehr, da es unser letztes Gespräch, ja, unsere letzte Begegnung sein dürfte.“
Ganjä empfand plötzlich Gewissensbisse. „Glauben Sie denn, daß ich mich dazu hergeben werde, mit Ihnen abzurechnen, und wenn Sie ...“
„Sie tun vergeblich so von oben herab,“ unterbrach ihn Hippolyt. „Schon am ersten Tage meines Aufenthaltes hier, gab ich mir das Wort, Ihnen bei meinem Abschied aufrichtig die Wahrheit zu sagen. Ich habe die Absicht, es jetzt zu tun – nachdem Sie sich ausgesprochen haben, versteht sich.“
„Und ich bitte Sie, dieses Zimmer zu verlassen.“
„Sprechen Sie sich lieber aus, sonst werden Sie bedauern, es nicht getan zu haben.“
„Hören Sie auf, Hippolyt, das ist alles so unwürdig ... Tun Sie mir den Gefallen und hören Sie auf!“ sagte Warjä.
„Soll ich es der Dame wegen tun?“ Hippolyt erhob sich lächelnd vom Stuhl. „Erlauben Sie, Warwara Ardalionowna, für Sie bin ich bereit, das Gespräch sofort abzukürzen, doch nur abzukürzen, denn einige Auseinandersetzungen mit Ihrem Bruder und mir sind unerläßlich, und ich kann mich nicht entschließen, fortzugehen, ohne das Mißverständnis beseitigt zu haben.“
„Weil Sie einfach ein Klatschmaul sind,“ schrie Ganjä, „ohne Klatsch können Sie sich nicht entschließen, fortzugehen!“
„Sehen Sie,“ bemerkte kaltblütig Hippolyt, „da können Sie sich wieder nicht beherrschen. Wirklich, Sie werden es bedauern, nicht alles gesagt zu haben. Ich gebe Ihnen noch einmal das Wort. Ich werde warten.“
Gawrila Ardalionytsch schwieg und betrachtete ihn verächtlich.
„Sie wollen nicht. Sie haben also die Absicht, Charakter zu zeigen – Ihr Wille geschehe. Was mich betrifft, so werde ich es nach Möglichkeit kurz machen. Zwei- oder dreimal hörte ich von Ihnen den Vorwurf, ich hätte Ihre Gastfreundschaft mißbraucht; das ist ungerecht. Sie wollten mich mit Ihrer Aufforderung in ein Netz fangen, Sie rechneten darauf, daß ich mich am Fürsten rächen wollte. Außerdem hörten Sie, daß Aglaja Iwanowna für mich Teilnahme bekundete und meine Beichte gelesen hatte. Sie rechneten aus irgendeinem Grunde darauf, daß ich Ihren Interessen ergeben sein würde, und hofften, in mir einen Helfer zu finden. Ich werde mich darüber nicht ausführlicher erklären! Ich verlange auch Ihrerseits durchaus kein Bekenntnis oder eine Bejahung. Es genügt, daß wir uns jetzt gegenseitig vollständig verstehen.“
„Sie machen ja aus der allergewöhnlichsten Sache Gott weiß was!“ rief Warjä ärgerlich aus.
„Ich habe es dir gesagt: ein Klatschmaul und Gelbschnabel ist er,“ murmelte Ganjä.
„Erlauben Sie, Warwara Ardalionowna, daß ich fortfahre. Den Fürsten kann ich freilich weder lieben, noch achten; doch ist er ein wirklich guter Mensch, wenn auch ein wenig ... lächerlich. Aber warum ich ihn hassen sollte, das sehe ich wirklich nicht ein? Ihr Bruder, der mit einem solchen Haß meinerseits rechnete, hat sich mir vollständig anvertraut. Wenn ich jetzt bereit bin, ihn zu schonen, so tue ich es nur Ihretwegen, Warwara Ardalionowna. Ich wollte Ihnen damit sagen, daß man mich nicht allzu leicht fangen kann. Ihren Herrn Bruder aber, den wollte ich vor sich selbst als Dummkopf hinstellen. Und das habe ich allerdings aus Haß getan, ich gestehe es offen ein. Auf meinem Sterbebett – ich werde ja doch bald sterben, obgleich Sie behaupten, daß ich dicker geworden sei – fühlte ich, daß ich unvergleichlich ruhiger in das Paradies eingehen würde, wenn es mir vorher noch gelänge, einem Vertreter dieser zahllosen Sorte von Menschen einen Streich zu spielen, die mich in meinem ganzen Leben so geärgert haben und die ich mein ganzes Leben hindurch gehaßt habe, und deren vollendetster Typ und Vertreter Ihr Herr Bruder ist. Ich hasse Sie, Gawrila Ardalionytsch, einzig und allein darum – das mag Ihnen sehr sonderbar vorkommen –, weil Sie der Typ und die Verkörperung dieser gemeinen, selbstzufriedenen Gewöhnlichkeit sind. Dieser Gewöhnlichkeit, die an nichts mehr zweifelt, die von olympischer Ruhe und Vollendung ist. In Ihrem Verstande, in Ihrem Herzen haben Sie noch nie auch nur die allerkleinste Idee geboren. Und neidisch sind Sie, grenzenlos neidisch; Sie sind fest davon überzeugt, daß Sie das größte Genie seien, nur hin und wieder in schwachen Stunden steigt ein Zweifel in Ihnen auf, und dann werden Sie böse und neidisch, unendlich neidisch! Oh, einige schwarze Wölkchen haben Sie noch an Ihrem Horizonte, doch auch die werden verschwinden, wenn Sie schließlich ganz verdummt sein werden, was nicht mehr lange dauern kann. Immerhin steht Ihnen ein langer und abwechslungsvoller Weg bevor – kein froher Weg, und das freut mich. Doch eines sage ich Ihnen: Eine gewisse Person werden Sie doch nicht bekommen ...“
„Das ist ja unerträglich!“ schrie Warjä. „Hören Sie doch endlich auf, Sie giftige Kröte.“
Ganjä war erbleicht, zitterte und schwieg. Hippolyt verstummte und betrachtete ihn mit ersichtlicher Schadenfreude, darauf sah er Warjä an, lächelte, verbeugte sich vor ihr und ging hinaus, ohne auch nur ein Wort hinzuzufügen.
Gawrila Ardalionytsch konnte sich wirklich über sein Schicksal und seine Mißerfolge beklagen. Warjä schwieg eine Zeitlang und wagte ihn weder anzusehen noch anzusprechen, während er mit großen Schritten vor ihr auf und ab ging. Zuletzt ging er ans Fenster und kehrte ihr den Rücken zu. Warjä dachte an das russische Sprichwort: „Jedes Unangenehme hat auch sein Gutes.“ Im oberen Stock hörte man wieder lärmen.
„Du gehst?“ wandte sich Ganjä plötzlich an seine Schwester, als er hörte, daß sie aufstand. „Warte ein wenig: Du kannst das lesen.“
Er reichte ihr ein kleines zusammengefaltetes Zettelchen hin.
„Mein Gott!“ rief Warjä und schlug die Hände zusammen.
Das Zettelchen enthielt sieben Zeilen.
„Gawrila Ardalionytsch! Da ich mich davon überzeugt habe, daß Sie mir wohlwollen, so habe ich mich entschlossen, Sie in einer für mich sehr ernsten Angelegenheit um Rat zu bitten. Ich möchte Sie morgen früh um sieben Uhr auf der grünen Bank treffen, die nicht weit entfernt von unserer Datsche steht. Warwara Ardalionowna, die Sie unbedingt begleiten muß, kennt diesen Platz sehr gut. A. J.“
„Da soll man nach alledem noch aus ihr klug werden!“ sagte Warwara Ardalionowna, die Hände ringend.
Wie gerne Ganjä in dieser Minute auch triumphiert hätte, so mußte er sich doch wegen des Vorhergegangenen zusammennehmen. Immerhin glänzte ein selbstzufriedenes Lächeln auf seinem Gesicht und Warjä selbst war freudig erregt.
„Und das am selben Tage, an dem sie ihre Verlobung feiern soll! Da soll noch einer aus ihr klug werden!“
„Was glaubst du, was wird sie mir morgen zu sagen haben?“ fragte Ganjä.
„Das ist doch gleichgültig, die Hauptsache ist doch, daß sie dich nach sechs Monaten zum erstenmal wieder sprechen will. Höre mich an, Ganjä: was es auch sei, vergiß nicht, daß diese Zusammenkunft von großer Wichtigkeit ist! Prahle nicht wieder, mache keine Dummheiten, aber sei auch kein Feigling, sieh zu! Sie muß doch wissen, warum ich mich ein halbes Jahr lang täglich zu ihnen schleppte? Und denke dir nur: nicht ein Wort hat sie mir heute davon gesagt, nicht eine Silbe! Ich habe es heute doch wieder riskiert, hinzugehen – die Alte wußte nicht, daß ich da war, sonst hätte sie mich vielleicht hinausgeworfen. Nur deinetwegen habe ich es getan, um zu erfahren ...“
Im oberen Stock wurde der Lärm noch lauter; Schritte kamen die Treppe herunter.
„Um alles in der Welt darf jetzt nichts geschehen!“ rief Warjä erschrocken. „Damit kein Schatten eines Skandals ... Geh’, bitt’ ihn um Verzeihung!“
Der Vater der Familie befand sich schon auf der Straße. Koljä trug ihm den Reisesack nach. Nina Alexandrowna stand auf der Treppe und weinte; sie wollte ihm nachlaufen, doch Ptizyn hielt sie zurück.
„Sie werden ihn damit nur noch mehr aufregen,“ sagte er zu ihr. „Wohin soll er denn gehen, in einer halben Stunde kommt er wieder; ich habe schon mit Koljä gesprochen; lassen Sie ihn sich austoben.“
„Was tun Sie denn da, wohin gehen Sie denn!“ rief ihm Ganjä aus dem Fenster nach.
„Kommen Sie zurück, Papa. Die Nachbarn werden es erfahren.“
Der General blieb stehen, erhob seine Hand und rief:
„Verflucht sei mein ganzes Haus!“
„Immer wieder theatralisch!“ murmelte Ganjä und schlug das Fenster zu.
Die „Nachbarn“ hatten die Szene natürlich beobachtet. Warjä lief aus dem Zimmer.
Als Ganjä allein war, nahm er das Zettelchen vom Tisch und küßte es. Dann schnalzte er mit der Zunge und machte ein paar Tanzschritte.
III.
Die Empörung des Generals wäre zu jeder anderen Zeit ohne Folgen geblieben. Es waren auch schon früher Fälle solcher plötzlichen Anwandlungen vorgekommen, wenn auch sehr selten, denn der General war im Grunde genommen ein friedlicher und gütiger Mensch. Er hatte in den letzten Jahren vielleicht schon hundertmal gegen die ihn beherrschende Unordnung anzukämpfen versucht. Er erinnerte sich dann plötzlich, daß er Vater einer Familie war, versöhnte sich mit seiner Frau und weinte aufrichtige Tränen der Reue. Er verehrte Nina Alexandrowna bis zur Vergötterung, weil sie ihm schweigend alles verzieh und ihn selbst jetzt in seiner lächerlichen und erniedrigten Gestalt liebte. Doch dieser heldenmütige Kampf gegen sein unordentliches, lasterhaftes Leben dauerte gewöhnlich nicht lange an. Der General war zu gleicher Zeit ein sehr heftiger Mensch, freilich ein in seiner Art heftiger Mensch: Er konnte dieses gefesselte und tatenlose Leben in seiner Familie nicht ertragen und empörte sich immer wieder gegen dasselbe; er wurde wieder abenteuerlich, unstet, und wenn er sich auch selbst deshalb Vorwürfe machte, so konnte er sich doch nicht beherrschen; er stritt mit allen, redete schön und pathetisch, verlangte grenzenlose und unmögliche Hochachtung seiner Person gegenüber – verschwand dann wieder aus dem Hause, oft sogar auf lange Zeit. Die letzten zwei Jahre kümmerte er sich um die Familienangelegenheiten überhaupt nicht mehr oder wußte nur etwas vom Hörensagen von ihnen: auf sie näher einzugehen, dazu fehlte ihm jegliche Neigung.
Diesmal jedoch lag der Empörung des Generals etwas ganz besonderes zugrunde; alle schienen irgend etwas zu wissen und alle fürchteten sich, irgend etwas zu sagen. Der General war „formell“ in der Familie oder bei Nina Alexandrowna vor etwa drei Tagen erschienen, doch nicht etwa reuig und friedlich, wie es sonst der Fall gewesen, sondern im Gegenteil, sehr gereizt. Auch war er gesprächig und unruhig, stürzte sich mit Feuer in jede Unterhaltung, sprach von verschiedenen und ganz unerwarteten Dingen, so daß niemand eigentlich verstehen konnte, weswegen er sich im Grunde genommen beunruhigte. Er war bald heiter, bald nachdenklich, bald gesprächig, er erzählte von Jepantschins, vom Fürsten, von Lebedeff, plötzlich brach er ab und hörte ganz auf zu sprechen, auf alle weiteren Fragen antwortete er nur mit einem blöden Lächeln, ja, er bemerkte nicht einmal, ob man ihn fragte, sondern lächelte nur. Die letzte Nacht verbrachte er stöhnend und seufzend, störte Nina Alexandrowna, die ihm die ganze Nacht über kalte Kompressen machte: gegen Morgen schlief er ein, schlief ungefähr vier Stunden und erwachte in sehr schlechter, hypochondrischer Stimmung, weshalb es denn auch zu dem Streit mit Hippolyt und zur Verfluchung „seines ganzen Hauses“ kam. Man hatte auch bemerkt, daß in diesen drei Tagen ein ganz ungewöhnliches Ehrgefühl und infolgedessen eine ungewöhnliche Empfindlichkeit sich bei ihm gezeigt hatte. Koljä bestand darauf und versicherte der Mutter, daß der Kummer des Alten eine Folge der Nüchternheit sei oder der Sehnsucht nach Lebedeff, mit dem sich der General in der letzten Zeit so angefreundet hatte. Doch vor drei Tagen hatte er sich plötzlich auch mit Lebedeff verzankt und beide waren in großer Wut und Feindschaft auseinandergegangen – auch mit dem Fürsten hatte er eine Auseinandersetzung gehabt! Koljä hatte den Fürsten um eine Erklärung über das, was sich zwischen ihnen zugetragen, gebeten und dabei bemerkt, daß der Fürst ihm etwas verheimlichte. Falls nun wirklich eine Aussprache zwischen Hippolyt und Nina Alexandrowna stattgefunden haben sollte, wie Ganjä mit solcher Bestimmtheit annahm, so war es doch sonderbar, daß dieser bösartige und klatschhafte Junge, wie Ganjä Hippolyt benannte, durchaus kein Vergnügen darin fand, auch Koljä über die Sache aufzuklären. Also wäre es doch möglich, daß dieser „boshafte“ Junge von einer anderen Art Bosheit war, und es ist auch nicht anzunehmen, daß er Nina Alexandrowna seine Beobachtungen mitgeteilt hatte, nur, um „ihr Herz zu zerreißen“. Vergessen wir nicht, daß die Gründe aller menschlichen Handlungen gewöhnlich zahllos, sehr verwickelt und so verschiedenartig sind, daß der Autor viel besser tut, wenn er sich nur mit der einfachen Wiedergabe der Tatsachen begnügt. So werden wir wenigstens bei der weiteren Entwicklung der Katastrophe mit dem General verfahren, denn wir müssen den Personen zweiten Ranges in unserer Erzählung hier ohnehin schon mehr Aufmerksamkeit und Platz schenken, als wir es bis jetzt vorgesehen hatten.
Diese Ereignisse folgten, eines dem anderen, in folgender Ordnung:
Als Lebedeff mit dem General von seinen Nachforschungen nach Ferdyschtschenko am selben Tage aus Petersburg zurückgekehrt war, hatte er dem Fürsten von dem Ergebnis nichts mitgeteilt. Wenn der Fürst zu dieser Zeit nicht gerade mit ganz anderen Dingen und für ihn viel wichtigeren Eindrücken beschäftigt gewesen wäre, so hätte er es wohl bemerken müssen, wie Lebedeff in diesen zwei Tagen geradezu eine Begegnung mit ihm zu vermeiden schien, geschweige denn ihm eine Erklärung darüber abzugeben wünschte. Als dies dem Fürsten endlich auffiel, so wunderte es ihn, daß er bei jeder zufälligen Begegnung mit Lebedeff diesen in der allerbesten und heitersten Laune und fast immer mit dem General zusammen getroffen hatte. Die beiden Freunde schienen einfach unzertrennlich zu sein. Oft hörte der Fürst über sich im zweiten Stock ihre lauten und lebhaften Gespräche, ihre fröhlichen Lachsalven. Einmal, am späten Abend, vernahm er aus Lebedeffs Zimmer Töne eines bacchantischen Kriegsliedes und erkannte sofort den heiseren Baß des Generals. Doch brach das Lied plötzlich ab. Darauf hörte er noch eine Stunde lang ein begeistertes Gespräch, das offenbar im Rausch geführt wurde. Die beiden Freunde schienen sich zu küssen und zu umarmen und einen von ihnen hörte man plötzlich weinen. Darauf folgte ein heftiger Streit, der wieder abbrach. Koljä war die ganze Zeit in sorgenvoller, gespannter Stimmung. Den Fürsten traf er meistens nicht zu Hause an, denn dieser kehrte abends immer sehr spät heim, doch hatte man ihm jedesmal gemeldet, daß Koljä ihn gesucht und nach ihm gefragt hätte. Als Koljä ihn dann einmal antraf, wußte er ihm jedoch nichts besonderes zu sagen, außer daß er sehr „unzufrieden“ mit dem General und seiner jetzigen Aufführung sei. „Er treibt sich hier mit Lebedeff in der Trinkstube herum, sie umarmen sich und schimpfen sich auf der Straße und können nicht voneinander lassen.“ Als der Fürst daraufhin bemerkte, daß es früher ebenso gewesen wäre, wußte Koljä wirklich nicht, was er darauf antworten und wie er erklären sollte, worin seine jetzige Unruhe bestand.
Als der Fürst am nächsten Morgen nach dem bacchantischen Liede und dem darauffolgenden Streit aus dem Hause gehen wollte, erschien vor ihm plötzlich, außerordentlich aufgeregt und fast erschüttert, der General.
„Ich habe schon lange die Ehre und die Gelegenheit gesucht, Ihnen zu begegnen, hochverehrter Lew Nikolajewitsch, schon lange, lange,“ sagte er, und drückte heftig, bis zur Schmerzhaftigkeit, die Hand des Fürsten. „Schon sehr, sehr lange.“
Der Fürst forderte ihn auf, sich zu setzen.
„Nein, ich nehme nicht Platz, zudem würde ich Sie aufhalten, ich – werde ein anderes Mal kommen. Ich glaube, ich kann Ihnen gratulieren ... zur Erfüllung Ihres Herzenswunsches ...“
„Welch eines Herzenswunsches?“ Der Fürst stutzte und eine gewisse Verwirrung kam über ihn. Er hatte, wie viele andere in seiner Lage, gedacht, daß niemand etwas bemerkt, erraten oder verstanden habe ...
„Seien Sie unbesorgt, seien Sie unbesorgt! Ich werde Ihre zarten Gefühle nicht verletzen. Ich habe es selbst empfunden, und ich weiß, wie es ist, wenn ein Fremder ... sozusagen, seine Nase ... wie nach dem Sprichwort ... in Dinge steckt ... wo er nichts zu suchen hat. Ich habe das jetzt selbst jeden Morgen zu empfinden gehabt. Doch, ich komme in einer anderen Angelegenheit, in einer wichtigen ... einer sehr wichtigen Angelegenheit, Fürst.“
Der Fürst bat ihn noch einmal, sich zu setzen und nahm selbst Platz.
„Doch nur auf eine Sekunde ... ich kam, um Sie um einen Rat zu bitten ... ich habe freilich bis jetzt ohne praktische Ziele gelebt, doch ich achte jede ... Tätigkeit, die gerade der russische Mensch so oft versäumt ... nun aber ... ich möchte mir, meiner Frau und meinen Kindern eine Stellung schaffen ... mit einem Wort, Fürst, ich suche einen Rat.“
Der Fürst lobte mit Eifer seine Absicht.
„Doch alles das würde nichts bedeuten,“ unterbrach ihn schnell der General, „die Hauptsache ist nicht dies, sondern etwas anderes, viel Wichtigeres. Ich habe mich entschlossen, mich Ihnen zu erklären, als einem Menschen, dessen Aufrichtigkeit und Ehrenhaftigkeit ich kenne, und an die ich glaube bis ... bis ... Sie wundern sich doch nicht über meine Worte, Fürst?“
Der Fürst hörte seinem Gast, wenn auch nicht besonders erstaunt, so doch mit großer Aufrichtigkeit und Neugier zu. Der General war bleich, seine Lippen zitterten leicht und seine Hände schienen keinen ruhigen Platz finden zu können. Er saß kaum einen Augenblick und schon erhob er sich wieder, um sich dann abermals hinzusetzen. Augenscheinlich schenkte er seiner Haltung überhaupt keine Beachtung. Auf dem Tisch lagen Bücher: er nahm ein Buch, schlug es auf, schlug es wieder zu, legte es auf den Tisch zurück und griff nach einem andern Buch, das er nicht aufschlug, aber in die rechte Hand nahm und damit in der Luft herumfuchtelte.
„Genug!“ rief er plötzlich. „Ich sehe, daß ich Sie nur belästige.“
„Aber durchaus nicht, ich bitte Sie, ich höre Ihnen im Gegenteil gerne zu und bemühe mich zu erraten ...“
„Fürst! ich wünsche geachtet zu werden ... vor mir selbst und meinen ... Rechten Achtung zu haben.“
„Ein Mensch, der solche Wünsche hat, ist schon der Achtung wert.“
Der Fürst sagte diese Worte, überzeugt, daß sie eine gute Wirkung ausüben würden. Er hatte instinktiv erraten, daß eine vielleicht leere, doch angenehme Phrase, zur rechten Zeit gesagt, die Seele eines solchen Menschen, eines Menschen in der Lage des Generals, beruhigen und erleichtern müsse. Vor allen Dingen sah er ein, daß er diesem Gast das Herz erleichtern müsse. Das war die Aufgabe.
Die Phrase schmeichelte, rührte und gefiel denn auch sehr: der General veränderte sofort seinen Ton, wurde überschwenglich und verfiel in feierlich lange Erläuterungen. Doch wie der Fürst sich auch anstrengen mochte, wie aufmerksam er ihm auch zuhörte, er konnte buchstäblich nicht verstehen, um was es sich handelte. Der General sprach zehn Minuten lang begeistert, schnell, kaum daß er die auf ihn einstürmende Menge der Gedanken aussprechen konnte – in seinen Augen glänzten sogar Tränen – und doch waren es nur Phrasen ohne Anfang und Ende, ganz unerwartete Worte, überraschende Gedanken, alles mögliche durcheinander und übereinander geworfen.
„Genug! Sie haben mich verstanden, und ich bin beruhigt,“ schloß er plötzlich, sich von neuem erhebend. „Ein Herz wie das Ihre kann nicht umhin, einen Leidenden zu verstehen. Fürst, Sie sind so edel wie ein Ideal! Was sind die anderen im Vergleich zu Ihnen? Doch Sie sind noch jung, und deshalb segne ich Sie. Aber der Endzweck meines Kommens war, – Sie zu bitten, mir Tag, Ort und Stunde anzugeben, wann und wo ich mit Ihnen eine wichtige Angelegenheit besprechen könnte. Ich suche nichts als Freundschaft und Herz, Fürst.“
„Aber weshalb nicht jetzt gleich? Ich bin gern bereit ...“
„Nein, Fürst, nein!“ unterbrach ihn der General lebhaft. „Nicht jetzt! Das ist gar zu wichtig, das ist von gar zu großer Wichtigkeit! Diese eine Stunde unserer Unterhaltung wird für mich von schicksalsschwerer Bedeutung sein. Das soll meine Stunde sein, und ich würde nicht wünschen, daß man uns in so heiligen Minuten stört, was schließlich jeder erste beste tun kann, jeder Unverschämte, der plötzlich eintritt, und vielleicht sogar,“ fuhr er in fast ängstlichem Flüsterton fort, sich näher zum Fürsten beugend, „ein ... ein Frechling, der nicht einmal Ihren Stiefelabsatz wert ist ... nicht einmal den Absatz Ihres Stiefels, vielgeliebter Fürst! oh, ich sage nicht: meines Stiefels! Vergessen Sie nicht, daß ich nicht meines Stiefels gesagt habe! Ich achte mich viel zu sehr, um Ausflüchte zu machen ... nur Sie allein sind fähig, zu begreifen, daß ich, indem ich in diesem Falle meinen Absatz sozusagen zurücksetze – daß ich hierbei einen ungeheuren Stolz im Bewußtsein meiner Würde beweise. Außer Ihnen wird mich niemand begreifen, er aber ist an der Spitze der anderen! Er begreift überhaupt nichts, Fürst, er ist vollkommen, vollkommen unfähig zu begreifen! Um begreifen zu können, muß man Herz haben!“
Schließlich durchfuhr den Fürsten denn doch ein gelinder Schreck, und er sagte dem General nach diesen krausen Reden bereitwillig, daß er ihn am nächsten Tage um dieselbe Zeit erwarten würde, worauf ihn dieser denn getröstet und beruhigt und fast sogar ermuntert verließ. Am Abend, gegen sieben Uhr, ließ der Fürst Lebedeff auf einen Augenblick zu sich bitten.
Lebedeff erschien unverzüglich, „es sich zur Ehre anrechnend“, wie er schon in der Tür zu versichern begann. Nichts, aber auch nichts verriet, daß er drei Tage lang sich gleichsam vor dem Fürsten versteckt oder doch wenigstens ein Zusammentreffen mit ihm vermieden hatte. Er setzte sich auf den Rand des Stuhles, auf den der Fürst gewiesen hatte, lächelte und blinzelte und schnitt unbewußt Grimassen, während seine lachenden Augen flink beobachteten, und er sich händereibend in der naivsten Weise irgend etwas zu vernehmen vorbereitete, eine gewisse kapitale Nachricht, deren Sinn wohl schon längst von allen erraten war. Der Fürst stutzte wieder: er begriff plötzlich, daß alle jetzt etwas von ihm erwarteten; sahen ihn doch seit einiger Zeit alle so seltsam lächelnd an, und schienen doch alle das offenkundige Verlangen zu haben, ihn zu beglückwünschen, was sie ihm in Andeutungen auch genug zu verstehen gaben. Keller war bereits dreimal „nur auf einen Moment“ erschienen, mit dem sichtlichen Wunsch, zu gratulieren: er hatte jedesmal begeistert, doch nichtsdestoweniger unverständlich zu sprechen begonnen, jedoch keinen Satz beendet, sondern sich festgerannt – und dann war er wieder schleunigst verduftet. In den letzten Tagen schwelgte er tüchtig in Alkohol und lärmte in irgendeiner Billardstube. Selbst Koljä hatte trotz seiner Niedergeschlagenheit zweimal ziemlich unklar zu reden angefangen.
Der Fürst wurde etwas nervös und fragte Lebedeff gereizt nach seiner Meinung über den gegenwärtigen Zustand des Generals: ob er den Grund wisse, weshalb jener so unruhig sei? Und er erzählte ihm zum Schluß in kurzen Worten das letzte Gespräch, das er mit dem General gehabt hatte.
„Heutzutage hat jedermann seine Unruhe, Fürst, und ... das ist nun mal so in unserem unruhigen Jahrhundert. Tja!“ antwortete Lebedeff auffallend trocken und verstummte gekränkt, mit der Miene eines Menschen, der in seinen Erwartungen grausam enttäuscht worden ist.
„Sie sind ja Philosoph!“ meinte der Fürst mit einem Lächeln.
„Ohne das geht’s nicht. Philosophie tut heutzutage allerorten not – ich rede vornehmlich von der praktisch angewandten –, nur wird sie nicht genügend beachtet; das ist’s. Was jedoch mich betrifft, hochgeehrter Fürst, so haben Sie mich zwar in einem Ihnen wohlbekannten Punkte durch Ihr Vertrauen auszuzeichnen geruht, jedoch nur bis zu einer gewissen Grenze, und darüber hinaus keinen Schritt weiter, also wie gesagt, nur insofern, als es sich auf diesen einen Punkt bezog ... Das begreife und fühle ich, doch will ich deshalb nicht klagen.“
„Kommen Sie nur mit der Wahrheit heraus, Lebedeff, Sie scheinen sich über irgend etwas zu ärgern?“
„Keineswegs, mitnichten, hochverehrter, durchlauchtigster Fürst, nicht im allermindesten!“ versicherte Lebedeff, im Augenblick belebt, und preßte die Hand wieder ans Herz. „Ich habe vielmehr sogleich begriffen, daß ich weder durch meine gesellschaftliche Stellung, noch durch meine Herzens- und Geistesentwicklung, noch durch Erwerb von Reichtümern, noch durch meine frühere Aufführung, zumal auch meine Kenntnisse an die Ihrigen nicht hinanreichen –, daß ich dieserhalb durch nichts Ihr ehrendes, hoch erhaben über all meinen Hoffnungen stehendes Vertrauen verdient habe, und ich, falls Sie sich meiner zu bedienen belieben, Ihnen nur als Sklave und Mietling zu dienen vermag, nicht anders ... ich ärgere mich also nicht, wohl aber bin ich tief betrübt.“
„Lukjan Timofejewitsch, Gott, was reden Sie da!“
„Jawohl: nicht anders! Und so ist es auch jetzt im vorliegenden Fall! Indem ich Ihnen mit meinem Herzen und meinen Gedanken überallhin folgte, sprach ich also zu mir selbst: freundschaftlichen Verhaltens seinerseits bin ich zwar nicht wert, doch in meiner Eigenschaft als Besitzer des Hauses, in dem er wohnt, könnte ich vielleicht zur rechten Zeit sozusagen Verhaltungsvorschriften für die zu ergreifenden Maßregeln empfangen, im Hinblick auf etwaige bevorstehende oder zu erwartende Veränderungen ... wie gesagt ...“
Lebedeffs listige Äuglein blickten unverwandt den Fürsten an, der ihn verständnislos und vom Kopf bis zu den Füßen betrachtete. Offenbar wollte Lebedeff die Hoffnung, daß seine Neugier endlich befriedigt werden würde, nicht so leichten Kaufes aufgeben.
„Ich verstehe kein Wort,“ sagte schließlich der Fürst ungehalten. „Sie ... Sie sind ein grauenvoller Intrigant!“ schloß er plötzlich herzlich auflachend.
Im Augenblick begann auch Lebedeff zu lachen, während sein aufleuchtender Blick sofort verriet, daß seine Hoffnung sich verdoppelt hatte.
„Wissen Sie, was ich Ihnen sagen werde, Lukjan Timofejewitsch? Seien Sie mir nur nicht böse ... Ich kann mich wirklich bloß wundern über Ihre Naivität, und nicht nur über die Ihre allein! Sie erwarten mit einer so erstaunlichen Naivität etwas von mir – gerade jetzt, gerade in diesem Augenblick –, daß ich mich vor Ihnen geradezu schäme und mich fast sogar irgendwie schuldig fühle, weil ich nichts habe, womit ich Sie befriedigen könnte, wirklich, ich schwöre es Ihnen,“ beteuerte der Fürst lachend.
Lebedeff setzte eine wichtige Miene auf. Bisweilen konnte er allerdings etwas gar zu naiv und zudringlich werden mit seiner Neugier, doch war er sonst ein selten schlauer Kopf und verstand es vorzüglich, sich glatt wie ein Aal jeder Hand, die nach ihm griff, zu entwinden, wenn er sich nicht selbst greifen lassen wollte; in gewissen Fällen aber war er, der sonst viel zu viel redete, geradezu hinterlistig schweigsam, wenn ihm Schweigen ratsamer schien als Reden. Ohne zu wollen, machte der Fürst ihn fast zu seinem Feinde, indem er ihn mit seiner Neugier immer wieder zurückwies; nur tat er es nicht etwa deshalb, weil er ihn verachtete, sondern weil der Gegenstand seiner Neugier für den Fürsten ein gar zu peinliches Thema war. Betrachtete der Fürst doch noch vor ein paar Tagen gewisse „Traumgedanken“, in denen er sich mitunter unbewußt verlor, direkt als Verbrechen. Lebedeff jedoch faßte diese Abweisungen des Fürsten als Ausdruck persönlicher Antipathie und großen Mißtrauens auf und war in diesem Punkte nicht nur auf Koljä und Keller, sondern auch auf seine leibliche Tochter Wjera Lukjanowna eifersüchtig. In diesem Augenblick zum Beispiel hätte er dem Fürsten etwas mitteilen können, das diesen sehr interessiert haben würde, doch er verstummte gekränkt und teilte nichts mit, obwohl er es selbst ganz gern getan hätte.
„Womit also kann ich Ihnen denn jetzt dienen, hochverehrter Fürst, da Sie mich doch immerhin ... herbestellt haben?“ fragte er schließlich nach längerem Schweigen.
„Ja, ich wollte mich eigentlich nur nach dem General erkundigen,“ sagte der Fürst, aus seiner Gedankenversunkenheit auffahrend, „und ... wie steht es nun mit diesem Diebstahl, von dem Sie mir Mitteilung machten ...“
„Von dem ich – was?“
„Ach, als ob Sie mich nicht verstehen! Weiß Gott, Lukjan Timofejewitsch, Sie müssen sich aber auch ewig verstellen! Das Geld, das Geld, die vierhundert Rubel, die Sie damals verloren haben, mit der ganzen Brieftasche, Sie wissen doch, und von denen Sie mir dann hier erzählten, am Morgen, bevor Sie nach Petersburg fuhren – haben Sie endlich begriffen?“
„Ach so, Sie reden von jenen Vierhundert!“ sagte Lebedeff enttäuscht und als entsänne er sich jetzt erst. „Ich danke Ihnen, Fürst, für Ihre aufrichtige Teilnahme, ich fühle mich sehr geehrt durch sie, nur ... ich habe sie bereits gefunden, und zwar schon vor langer Zeit.“
„Gefunden? Ach, Gott sei Dank!“
„Dieser Ausruf bekundet Ihre edle Denkweise, Fürst, denn vierhundert Rubel zu verlieren – das ist kein Kinderspiel für einen armen Familienvater, der seine verwaisten Kinder durch schwere Arbeit ernähren muß ...“
„Nein, so war es eigentlich nicht gemeint, ich meinte nicht das ... Natürlich freut es mich, daß Sie sie gefunden haben,“ verbesserte sich der Fürst, „aber ... wie haben Sie sie denn gefunden?“
„Äußerst einfach: unter dem Stuhl, über dessen Lehne ich meinen Hausrock geworfen hatte, so daß die Brieftasche offenbar aus der Rocktasche herausgefallen sein muß.“
„Wie – unter dem Stuhl? Das ist doch nicht möglich ... Sie sagten mir doch selbst, daß Sie überall gesucht hätten – wie konnten Sie dann die wichtigste Stelle übersehen?“
„Das ist es ja eben, daß ich überall gesucht habe! Das weiß ich selbst nur zu gut, nur zu gut! Ich bin auf den Knien im Zimmer umhergekrochen, habe jedes Brett des Fußbodens mit der Hand befühlt, da ich meinen eigenen Augen nicht genügend traute. Und obschon ich sah, daß da nichts war, fuhr ich doch fort, mit der Hand alles zu befühlen. Dieser Kleinmut ist jedem Menschen eigen, wenn es sich ums Suchen verlorener Gegenstände handelt ... oder um ähnliches Verschwinden seines Eigentums. So etwas ist sehr betrübend: er sieht doch, daß dort nichts ist, und dennoch wird er mindestens fünfzehnmal nach jeder leeren Stelle hinblicken: ich sehe doch mit meinen eigenen Augen, daß dort nichts auf dem Fußboden liegt, die Stelle ist glatt wie hier meine Handfläche, und dennoch fahre ich fort, sie zu betasten.“
„Nun ja ... aber wie ist denn das? ... Ich verstehe Sie noch immer nicht,“ sagte der Fürst, dessen Gedanken im Augenblick halb betäubt waren. „Sie sagten doch früher, daß Sie trotz allen Suchens nichts gefunden hätten, und nun plötzlich ...“
„Und nun plötzlich habe ich gefunden.“
Der Fürst blickte Lebedeff eigentümlich an.
„Und der General?“ fragte er nach einer Weile.
„Der General? Was ist mit dem?“ begriff Lebedeff wieder nicht.
„Ach, Gott! Ich frage, was der General dazu sagte, als Sie die Brieftasche unter dem Stuhl fanden? Sie haben doch mit ihm zusammen gesucht.“
„Anfangs allerdings mit ihm zusammen. Doch ich zog es vor, ihm bisher nichts davon zu sagen, daß ich die Brieftasche selbst und allein gefunden hatte.“
„Aber ... weshalb das? Das Geld ist doch vollzählig?“
„Ich öffnete die Brieftasche, sah nach: alles bis auf den letzten Rubel, nichts hat er angerührt.“
„Hätten Sie mir das doch gleich gesagt!“ sagte der Fürst mit leisem Vorwurf und versank in Gedanken.
„Ich fürchtete, Sie zu beunruhigen, Fürst, bei Ihren persönlich in dieser Zeit empfangenen tiefgehenden Eindrücken. Und außerdem gab ich mir auch selbst den Anschein, als hätte ich nichts gefunden. Die Brieftasche öffnete ich, sah hinein, zählte nach, schloß sie wieder und legte sie zurück auf dieselbe Stelle unter dem Stuhl.“
„Aber weshalb denn das?“
„S–so–o, aus Neugier; um zu sehen, was weiter geschehen würde. Hehe,“ meinte Lebedeff, mit seligem Lächeln sich die Hände reibend.
„Und so liegt sie auch jetzt noch dort, seit drei Tagen?“
„Oh, nein; bloß vierundzwanzig Stunden lag sie so dort. Ich, sehen Sie mal, ich wollte zum Teil, daß der General sie selbst fände. Denn wenn ich sie gefunden habe, weshalb soll dann schließlich nicht auch der General sie finden können, da sie doch dort, auf dem Boden liegend, einem jeden sozusagen in die Augen springt – denn der Stuhl verdeckt sie doch nicht! Und ich habe noch mehrmals diesen Stuhl umgestellt, so, wissen Sie, ganz harmlos im Vorübergehen, so daß die Brieftasche wie auf dem Präsentierteller lag, doch der General bemerkte sie kein einziges Mal! Und das dauerte so ganze zwölf Stunden. Er muß doch, wie man sieht, recht zerstreut sein, man kann gar nicht mehr aus ihm klug werden. Er spricht, spricht, erzählt, lacht – und plötzlich ärgert er sich über mich ohne jede Veranlassung, ich begreif’ ihn wahrhaftig nicht! Schließlich verließen wir das Zimmer, ich aber ließ die Tür absichtlich offen stehen; er – ich sah es wohl – er zögerte ein wenig und wollte schon etwas sagen, fürchtete wahrscheinlich für die Brieftasche, die mit so viel Geld dort liegen blieb, doch plötzlich ärgerte er sich entsetzlich und sagte nichts; keine zwei Schritt gingen wir auf der Straße zusammen, da verließ er mich, ohne ein Wort zu sagen, und ging in der entgegengesetzten Richtung davon. Erst am Abend trafen wir uns wieder im Restaurant.“
„Aber schließlich haben Sie die Brieftasche doch aufgehoben?“
„N–nein, in derselben Nacht verschwand sie von dort.“
„Aber, wo ist sie denn jetzt?“
„Hi–ier,“ sagte plötzlich Lebedeff lachend, erhob sich halbwegs vom Stuhl, tippte auf den vorderen Zipfel seines linken Rockschoßes und blickte den Fürsten mit unschuldig gutmütigen Augen an. „Plötzlich befand sie sich hier in meinem eigenen Rockschoß. Hier, bitte, sich zu überzeugen, fühlen Sie mal.“
In der Tat bildete sich vorn in der Rockschoßecke, gerade auf der sichtbarsten Stelle eine kleine Erhöhung, die, wie man auf den ersten Blick erkannte, von einem viereckigen, zwischen dem Oberzeug und dem Rockfutter befindlichen Gegenstande, einem größeren Portemonnaie oder einer Brieftasche, herrühren konnte.
„Ich nahm sie heraus, sah nach: nichts fehlte, alles da. Dann steckte ich sie wieder hinein, und jetzt spaziere ich so schon seit gestern morgen mit ihr herum und lasse sie hier ruhig baumeln.“
„Und tun, als bemerkten Sie nichts?“
„Und tue, als bemerkte ich nichts, hehehe! Aber stellen Sie sich doch bloß mal vor, hochverehrter Fürst – wenn auch der Gegenstand an sich keiner so besonderen Beachtung Ihrerseits wert ist –, noch nie hat eine meiner Rocktaschen ein Loch gehabt, und nun plötzlich ist in einer einzigen Nacht ein so riesengroßes entstanden! Das bewog mich denn auch, etwas schärfer hinzusehen, und da schien es mir, als habe jemand mit einem stumpfen Federmesserchen das Taschenfutter aufgeschnitten – fast nicht zu glauben, nicht wahr?“
„Und ... der General?“
„Ärgert sich, sowohl gestern wie heute, und ist äußerst unzufrieden mit sich und der ganzen Welt, wie’s scheint: bald ist er freudig erregt bis zu bacchantischer Ausgelassenheit, bald wiederum ist er zu Tränen gerührt, um dann wiederum ganz plötzlich in wahre Berserkerwut zu geraten, so daß, bei Gott, selbst ich Angst bekam. Ich bin doch immerhin kein Soldat, wie er! Gestern saßen wir beide im Restaurant, mein Rockschoßzipfel steht aber zufällig wie ein Berg: er guckt, guckt, sagt aber kein Wort, ärgert sich bloß. Offen mir in die Augen zu sehen, wagt er längst nicht mehr, höchstens wenn er schon ganz beseelt ist oder ganz gerührt. Aber gestern sah er mich zweimal so an, daß es mir einfach kalt über den Rücken lief. Übrigens beabsichtige ich, die Brieftasche morgen zu finden, den Abend aber will ich heute noch mal gemeinsam mit ihm verbringen.“
„Weshalb quälen Sie ihn so?!“ rief der Fürst vorwurfsvoll.
„Ich quäl’ ihn nicht, Fürst, ich quäl’ ihn nicht im geringsten, bewahre!“ versetzte Lebedeff mit Eifer. „Ich liebe ihn aufrichtig und ... achte ihn sogar; aber jetzt – glauben Sie es mir oder glauben Sie es mir nicht – jetzt ist er mir noch teurer geworden, jetzt schätze ich ihn noch viel mehr!“
Lebedeff sagte das alles so ernst und aufrichtig, daß es den Fürsten einfach empörte.
„Wenn Sie ihn lieben, wie können Sie ihn dann so quälen! Ich bitte Sie, er hat doch allein schon damit, daß er das Vermißte so offen hingelegt, zuerst unter den Stuhl und dann in den Rock, allein schon damit hat er Ihnen bewiesen, daß er sich nicht vor Ihnen versteckt, daß er keine Kniffe anwenden will, daß er Sie ehrlich um Verzeihung bittet! Hören Sie: um Verzeihung bittet! Er vertraut auf ihr Zartgefühl, er glaubt an Ihre Freundschaft! Und diesen ... diesen ehrlichsten Menschen können Sie so weit erniedrigen!“
„Stimmt! – er ist der ehrlichste Mensch, Fürst, der ehrlichste von allen!“ griff Lebedeff sogleich lebhaft auf. „Nur Sie allein, edelster Fürst, sind fähig, eine so richtige und gerechte Bemerkung zu machen! Dafür aber bin ich Ihnen bis zur Vergötterung zugetan, wenn ich auch selbst verkommen und verdorben bin in all meinen Lastern! Also abgemacht! Ich finde die Brieftasche hier sogleich, soeben, und nicht erst morgen. Hier, ich nehme sie hier vor Ihren Augen heraus, hier ... hier ist sie, und hier ... ist das Geld bis auf den letzten Rubel. Hier – nehmen Sie es, Fürst, verwahren Sie es bis morgen. Morgen oder übermorgen werde ich Sie darum bitten. Aber wissen Sie, Fürst, jetzt ist’s doch klar, daß sie in der ersten Nacht irgendwo in meinem Garten unter einem Stein gelegen hat, oder nicht? – was meinen Sie?“
„Hören Sie, sagen Sie ihm das nur nicht so offen ins Gesicht, daß Sie die Brieftasche gefunden haben. Mag er einfach sehen, daß sie nicht mehr im Rockschoß ist, dann wird er schon begreifen.“
„Ja–a? Wäre es nicht doch besser, zu sagen, daß ich sie gefunden habe und sich dabei so zu stellen, als hätte ich nichts erraten?“
„N–nein,“ sagte der Fürst nachdenklich, „n–nein, jetzt ist es schon zu spät dazu, es wäre zu gefährlich. Nein, wirklich, sagen Sie lieber nichts. Seien Sie nur freundlich zu ihm, doch ... lassen Sie ihn nichts merken, und ... und ... wissen Sie ...“
„Ich weiß, Fürst, ich weiß! – das heißt, ich weiß, daß ich es wahrscheinlich nicht erfüllen werde, denn dazu müßte man ein Herz haben, wie nur Sie allein eines besitzen. Zudem bin auch ich ein reizbarer Mensch. – Er hat mich bisweilen doch gar zu sehr von oben herab behandelt, namentlich in der letzten Zeit: bald weint er und umarmt mich, bald wiederum behandelt er mich mit ausgesprochener Verachtung – nein, das konnte ich ihm nicht schenken, da stellte ich den Rockschoßzipfel so, daß die dicke Stelle einem jeden auffallen mußte! hehehe! Auf Wiedersehen, Fürst, denn ich störe wohl, wie ich sehe, und hindere Sie, sich ganz in die interessantesten Gefühle zu vertiefen ...“
„Lassen Sie nur um Gottes willen kein Wort verlauten, hüten Sie das Geheimnis, hören Sie!“
„Jawohl, gewiß, gewiß, gehe mit sachten Schritten und als wäre nichts geschehen!“
Der Fürst blieb, obschon die Sache so gut wie abgetan war, doch in Sorgen um den General zurück, ja fast hatten sich diese Sorgen jetzt noch vergrößert. Unruhig sah er der bevorstehenden Unterredung mit dem General entgegen.
IV.
Der General erschien, wie verabredet, Punkt zwölf, so daß der Fürst, der ein wenig später nach Hause zurückkehrte, ihn bereits wartend bei sich antraf. Es fiel ihm sogleich auf, daß der General ungehalten zu sein schien, und zwar offenbar deshalb, weil er hatte warten müssen. Der Fürst machte seine Entschuldigung, und beeilte sich, ihm gegenüber Platz zu nehmen, tat es jedoch eigentümlich ängstlich, als wäre sein Gast eine zarte Porzellanfigur, die er durch eine unvorsichtige Bewegung zu zerschlagen fürchtete. Diese Furcht war um so seltsamer, als er bisher noch nie etwas Ähnliches im Verkehr gerade mit dem General empfunden hatte. Bald jedoch gewahrte der Fürst, daß sein Gast heute ein ganz anderer Mensch war, als tags zuvor: Die frühere Verwirrung und Zerstreutheit war gänzlich verschwunden, und statt ihrer bemerkte man nur eine ungewöhnliche Zurückhaltung, aus der man nur folgern konnte, daß dieser Mensch sich zu etwas Großem entschlossen hatte. Die Ruhe war übrigens eine mehr äußerliche; jedenfalls schien der Gast bei aller zurückhaltenden Würde immer noch recht aufgeräumt zu sein! ja zu Anfang sprach er sogar mit einer gewissen Herablassung zum Fürsten – gerade so, wie mitunter stolze Leute, die mit Unrecht verletzt oder zurückgesetzt worden sind, leutselig, herablassend und dementsprechend liebenswürdig zu sein pflegen. Der General sprach freundlich, wenn auch im Ton seiner Stimme eine gewisse Betrübnis durchklang.
„Hier ist Ihr Buch, das Sie mir vor ein paar Tagen gegeben haben,“ machte er den Fürsten mit einer hinweisenden Kopfbewegung auf das Buch aufmerksam, das er auf den Tisch gelegt hatte. „Besten Dank.“
„Ach ja! Sie haben den Artikel gelesen? Wie hat er Ihnen gefallen? Doch sehr interessant?“ fragte der Fürst, erfreut über die Möglichkeit, ein nebensächliches Gespräch anfangen zu können.
„In–ter–essant? – ja, das allerdings, aber alles in allem doch recht unbehauen und natürlich auch albern. Vielleicht ist überhaupt kein wahres Wort daran.“
Der General sprach mit erstaunlicher Sicherheit – dem Fürsten wenigstens war dieser Ton an ihm ganz neu – und zog dabei mit einer gewissen überlegenen Nachlässigkeit die Worte in die Länge.
„Ach, aber das ist doch eine so harmlose Erzählung, eine so echte Schilderung eines alten Soldaten, der selbst Augenzeuge der Plünderung Moskaus gewesen ist. Einzelne Stellen sind, finde ich, einfach wundervoll. Zudem sind doch alle Aufzeichnungen von Augenzeugen schon als solche ungeheuer wertvoll, gleichviel wer der Augenzeuge ist, nicht wahr?“
„Ich hätte an Stelle des Autors diese Aufzeichnungen nicht gedruckt, und was solche Aufzeichnungen von Augenzeugen im allgemeinen anlangt, so–o ... kann man sagen, daß die Menschen eher einem groben Lügner glauben, als einem alten, ehrwürdigen und verdienstvollen Manne. Ich kenne Aufzeichnungen aus dem Jahre achtzehnhundertzwölf, die ... Ich habe mich entschlossen, Fürst, dieses Haus hier zu verlassen – das Haus Herrn Lebedeffs.“
Der General blickte den Fürsten bedeutsam an.
„Sie haben ja wohl auch Ihre eigene Wohnung in Pawlowsk, bei ... bei Ihrer Frau Tochter ...“ sagte der Fürst, nur um etwas zu sagen.
Er erinnerte sich, daß der General ja doch gekommen war, um zu einer „schicksalsschweren Entscheidung“ seinen Rat einzuholen.
„Bei meiner Frau,“ korrigierte der General, „mit anderen Worten, bei mir, und im Hause meiner Tochter.“
„Verzeihen Sie, ich ...“
„Ich verlasse das Haus Herrn Lebedeffs deshalb, lieber Fürst, weil ich mit diesem Manne gebrochen habe; ich habe es gestern abend getan, bedauernd, daß es von mir aus nicht schon früher geschehen ist. Ich fordere Achtung für meine Person von jedermann, Fürst, selbst von jenen Leuten, denen ich, wie man sagt, mein Herz schenke. Fürst, ich verschenke oft mein Herz und werde fast immer betrogen. Dieser Mensch hat sich als meines Geschenkes unwürdig erwiesen.“
„Es ist viel Unordnung in ihm,“ bemerkte der Fürst zurückhaltend, „und gewisse Züge ... aber er hat trotzdem Herz und einen schlauen Kopf, der bisweilen sogar recht spaßige Gedanken hervorbringt.“
Die psychologische Richtigkeit des Urteils und der ernste Ton des Fürsten schmeichelten augenscheinlich dem General, obschon er sein Gegenüber ab und zu doch noch mit einem mißtrauischen Blick von der Seite ansah. Der Ton des Fürsten war aber so natürlich und arglos aufrichtig, daß sein Mißtrauen von selbst schwand.
„Daß er auch gute Eigenschaften hat,“ fiel der General ein, „das dürfte ich wohl als erster bemerkt haben – da ich doch diesem Individuum fast meine Freundschaft geschenkt habe. Er soll nur nicht glauben, daß ich seiner Gastfreundschaft bedarf – ich habe mein eigenes Heim. Ich will meine Fehler nicht beschönigen. Ich verstehe eben nicht, mich zu mäßigen. Ich habe mit ihm zusammen gekneipt, was ich jetzt lebhaft bereue. Aber ich habe doch nicht nur um des Kneipens willen – verzeihen Sie, Fürst, einem gereizten Manne das rohe offene Wort –, doch nicht nur um des Kneipens willen habe ich mich mit ihm abgegeben! Gerade seine Eigenschaften, wie Sie sagen, haben mich zu ihm hingezogen. Freilich, alles nur bis zu einer gewissen Grenze! Und was sind selbst seine Eigenschaften! Wenn er plötzlich die Frechheit hat, mich überzeugen zu wollen, daß er im Jahre achtzehnhundertundzwölf, also noch als Kind, sein linkes Bein verloren und auf dem Waganjkoffskischen Friedhof in Moskau begraben habe, so übersteigt das doch alle Grenzen, und ist eben eine ... eine Mißachtung meiner Person, eben eine ... eine Frechheit sondergleichen! ...“
„Vielleicht war es nur ein Scherz, zur Erheiterung ...“
„Ich verstehe. Eine unschuldige Lüge, die nur Gelächter hervorrufen soll, wird, selbst wenn sie roh ist, kein Menschenherz beleidigen. Lügt doch so manch einer, wenn Sie wollen, nur aus Freundschaft, um seinem Gesellschafter ein Vergnügen zu bereiten. Sobald aber Mißachtung der Person des anderen durchblickt, oder wenn man zum Beispiel durch solche Mißachtung dem anderen zu verstehen geben will, daß seine Bekanntschaft einem lästig ist, so bleibt einem Ehrenmann nichts anderes übrig, als sich abzuwenden, für weitere freundschaftliche Beziehungen zu danken, und damit den Beleidiger auf den ihm zukommenden Platz zu verweisen.“
Der General wurde rot vor Empörung.
„Aber Lebedeff hätte ja überhaupt nicht achtzehnhundertundzwölf in Moskau sein können! Natürlich ist das nur ein Scherz. Er ist doch viel zu jung dazu.“
„Erstens das; doch nehmen wir an, er wäre damals schon geboren gewesen. Aber wie kann er mir ins Gesicht behaupten, daß ein französischer Chasseur eine Kanone auf ihn gerichtet und ihm das linke Bein einzig zum Zeitvertreib abgeschossen habe; daß er dann selbst dieses sein abgeschossenes Bein aufgehoben und nach Hause gebracht und später auf dem Friedhof begraben habe, und ferner, daß er über dem Grabe des Beines ein Denkmal errichtet, das auf der einen Seite die Inschrift trage: ‚Hier ruht in Frieden das Bein des Kollegien-Sekretärs Lebedeff‘, und auf der anderen: ‚Ruhe sanft, geliebter Staub, bis zum fröhlichen Wiedersehen‘, und schließlich, daß er alljährlich für dieses Bein eine Seelenmesse lesen lasse – was doch einfach Blasphemie wäre – und daß er zu dem Zweck in jedem Jahr nach Moskau reise. Zur Bekräftigung fordert er mich noch auf, mit ihm nach Moskau zu fahren, um mir von ihm das Grab seines Beines zeigen zu lassen und im Kreml sogar jene französische Kanone, die mit anderen zusammen erbeutet worden und nun dort aufgestellt sei – die elfte vom Tore soll es sein –, ein Falkonettgeschütz alter französischer Bauart.“
„Und dabei sind doch seine beiden Beine vollkommen ganz und gesund, wenigstens soviel man sehen kann!“ meinte der Fürst lachend. „Ich versichere Sie, es ist nur ein unschuldiger Scherz von ihm gewesen, seien Sie ihm deshalb nicht böse.“
„Erlauben Sie, daß auch ich meine Meinung äußere. Was die Beine und das Bemerken anlangt, so wäre das schließlich noch nicht so unwahrscheinlich, denn wie er behauptet, habe er ein Tschernosswitoffsches falsches Bein ...“
„Ach ja, mit einem solchen Bein soll man ja sogar tanzen können, sagt man.“
„Das weiß ich; Tschernosswitoff kam, als er sein Bein erfunden hatte, ganz zuerst zu mir geeilt, um es mir zu zeigen. Aber er hat seine Erfindung viel später gemacht ... Und überdies behauptet er, daß selbst seine verstorbene Frau während der ganzen Zeit ihrer Ehe nicht gewußt habe, daß er, ihr Mann, ein Holzbein hatte. ‚Wenn du,‘ sagte er zu mir, als ich ihn auf diese Unmöglichkeiten aufmerksam machte, ‚wenn du achtzehnhundertundzwölf Napoleons Leibpage gewesen bist, dann gestatte auch mir, eines meiner Beine auf dem Waganjkoffskischen Friedhof begraben zu haben‘.“
„Ja, aber sind Sie denn ...“ begann der Fürst, brach jedoch verwirrt ab.
Der General schien gleichfalls etwas verlegen zu werden, doch schon nach einem Augenblick sah er den Fürsten von oben herab an, und um seine Lippen spielte ein spöttisches Lächeln.
„Sprechen Sie es nur aus, Fürst,“ sagte er mit geradezu erhabener Ruhe, „sprechen Sie es nur aus. Ich bin nachsichtig, sagen Sie ruhig alles, was Sie denken: gestehen Sie nur, daß Ihnen der Gedanke kaum glaublich erscheint, der Gedanke, einen Menschen vor sich zu sehen, der jetzt erniedrigt und ... überflüssig ist, und gleichzeitig vernehmen zu müssen, daß dieser Mensch ein Augenzeuge ... großer Ereignisse gewesen ist. Hat er Ihnen noch nicht ... vorgeschwatzt?“
„Nein, Lebedeff hat mir nichts davon gesagt – wenn Sie Lebedeff meinen ...“
„Hm! ... und ich dachte im Gegenteil ... Das war eigentlich unser ganzes Gespräch gestern abend ... wir kamen zufällig auf diese ... seltsame Geschichtsperiode zu sprechen. Ich bemerkte sogleich die Ungereimtheit, und da ich selbst Zeuge war ... Sie lächeln, Fürst, Sie blicken mich fragend an?“
„N–ein, ich ...“
„Ich sehe allerdings jünger aus, als ich bin,“ fuhr der General langsam fort, „doch bin ich eben älter als man allgemein glaubt. Im Jahre achtzehnhundertzwölf war ich ungefähr zehn oder elf Jahre alt – genau entsinne ich mich dessen nicht mehr. In meinen Papieren ist natürlich mein Geburtsjahr genau angegeben, doch im Leben, wie gesagt, hatte ich die Schwäche, mich stets für jünger auszugeben als ich war.“
„Ich versichere Sie, General, ich halte es durchaus nicht für unmöglich, daß Sie damals in Moskau gewesen sind, und ... selbstverständlich können Sie jetzt auch manches mitteilen ... wie alle, die es miterlebt haben. Beginnt doch einer unserer Schriftsteller seine Autobiographie damit, wie ihn Anno achtzehnhundertundzwölf, als er noch ein Säugling war, französische Soldaten in Moskau mit Brot gepäppelt hätten.“
„Nun sehen Sie,“ begutachtete der General herablassend diesen Fall. „Mein Fall geht noch ein wenig mehr über die Grenzen des Gewöhnlichen hinaus, doch liegt in ihm schließlich nichts Unmögliches. Die Wahrheit erscheint uns oft unmöglicher als irgendeine Lüge. Leibpage! Es muß demjenigen seltsam genug klingen, der es zum ersten Male hört. Doch dieses Erlebnis eines zehnjährigen Kindes läßt sich gerade durch sein Alter erklären. Einem Fünfzehnjährigen wäre das nicht mehr passiert, denn als Fünfzehnjähriger wäre ich nicht so leichtsinnig aus unserem Hause an der Staraja Basmannaja am Tage des Einzugs Napoleons in Moskau auf die Straße gelaufen. Meine Mutter hatte es in ihrer Angst immer noch aufgeschoben, die Stadt zu verlassen, bis – bis es eben zu spät war. Mit fünfzehn Jahren hätte ich es nicht so ohne weiteres gewagt, aber so als Zehnjähriger fürchtete ich mich vor nichts und drängte mich unbekümmert durch die Menge bis dicht an den Eingang des Palais, als Napoleon gerade vom Pferde stieg ...“
„Das haben Sie sehr richtig bemerkt, daß Sie nur als zehnjähriges Kind so furchtlos sein konnten ...“ versetzte der Fürst, gepeinigt von dem Gedanken, daß er sogleich erröten würde.
„Nicht wahr? – und alles geschah so einfach und natürlich, wie es eben nur in der Wirklichkeit geschehen kann – wollte ein Schriftsteller so etwas schildern, so würde er nur ungereimtes, unmögliches Zeug zusammenschreiben.“
„Ganz recht!“ rief der Fürst. „Diesen Gedanken habe auch ich gehabt, noch vor kurzem. Ich hörte von einem Mord wegen einer Taschenuhr – jetzt ist die Geschichte schon in allen Zeitungen. Hätte das ein Dichter geschrieben: die sogenannten Kenner des russischen Volkes und die Literaturkritiker würden doch sogleich geschrien haben, daß es unwahrscheinlich, unmöglich sei; liest man es aber in der Zeitung als Tatsache, so fühlt man doch unwillkürlich, daß man gerade aus solchen Tatsachen die russische Wirklichkeit kennen lernt. Das haben Sie ganz vorzüglich bemerkt, General,“ schloß der Fürst, froh darüber, daß er dem Erröten hatte entgehen können.
„Nicht wahr? Nicht wahr?“ rief der General ungeheuer geschmeichelt, und seine Augen blitzten vor Vergnügen. „Ein Knabe, ein Kind, das die Gefahr überhaupt nicht ahnt, drängt sich durch die Menge, um den Pomp, die glänzenden Uniformen, die ganze Suite zu sehen, und schließlich doch auch den großen Kaiser, von dem man ihm schon so unendlich viel erzählt hat. In der ganzen Welt hatte seit Jahren nur dieser eine Name: Napoleon gehallt, und ich hatte ihn, wie man zu sagen pflegt, schon mit der Muttermilch eingesogen. Als Napoleon so dicht an mir vorüberging, fiel ihm plötzlich mein Blick auf – ich war außerdem vornehm gekleidet, meine Mutter gab stets sehr viel darauf. Und ich allein so gekleidet in dieser Volksmenge, nicht wahr ...“
„Zweifellos mußte ihm das auffallen, denn das bewies doch, daß nicht alle Edelleute oder vornehmeren Familien die Stadt verlassen hatten.“
„Eben, eben! Er wollte ja gerade den Adel für sich gewinnen! Als sein Adlerblick mich nun streifte, mußten wohl meine Augen aufgeleuchtet haben. ‚Voilà un garçon bien éveillé!‘ bemerkte er plötzlich zu seiner Suite. ‚Qui est ton père?‘[32] Ich antwortete ihm sofort, allerdings fast atemlos vor Aufregung: ‚Ein General, der auf dem Schlachtfelde fürs Vaterland gefallen ist.‘ – ‚Ah,‘ sagte er, ‚le fils d’un boyard et d’un brave par-dessus le marché! J’aime les boyards. M’aimes-tu, petit?‘[33] Auf diese schnelle Frage antwortete ich ebenso schnell: ‚Das Herz eines Russen ist fähig, selbst im Feinde seines Vaterlandes den großen Mann anzuerkennen!‘ Das heißt, ich weiß eigentlich nicht mehr genau, ob ich mich auch buchstäblich so ausdrückte ... ich war noch ein Kind aber der Sinn war jedenfalls derselbe. Napoleon war zuerst ganz überrascht, sann einen Augenblick nach und wandte sich dann zu seiner Suite. ‚Mir gefällt der Stolz dieses Kindes!‘ sagte er, ‚doch wenn alle Russen so denken wie dieser Knabe, dann ...‘ Er sprach den Satz nicht zu Ende und trat ins Palais. Ich mischte mich sogleich unter seine Suite und folgte ihm ins Palais. Man machte mir überall Platz und betrachtete mich bereits als Favorit. Aber das war ja alles nur Nebensache, ich bemerkte es kaum ... Ich entsinne mich nur noch, wie der Kaiser, gerade als ich in den ersten Saal eintrat, plötzlich vor dem Bildnis Katharinas der Zweiten stehenblieb, es nachdenklich lange betrachtete und schließlich sagte: ‚Das war eine große Frau!‘ und dann weiterging. Nach zwei Tagen kannte mich ein jeder im Palais und im ganzen Kreml, und man nannte mich nur noch ‚le petit boyard‘.[34] Zu Hause, wo alles auf dem Kopf stand, fand ich mich erst abends ein, um frühmorgens wieder aufzubrechen und in den Kreml zurückzukehren. Da starb ganz unverhofft, am zweiten Tage nach dem Einzug in Moskau der Leibpage Napoleons, Baron de Bazancourt, der die Strapazen des Feldzuges nicht ausgehalten hatte. Napoleon erinnerte sich meiner: man suchte mich, brachte mich ins Palais, ohne mir ein Wort zu sagen, zog mir die Kleider des Verstorbenen an, eines Knaben von etwa zwölf Jahren, und erst als ich in der Leibpagenuniform dem Kaiser vorgestellt worden war und er mit dem Kopf genickt hatte, erklärte man mir den Sachverhalt und wozu man mich ausersehen hatte. Ich freute mich, denn ich empfand, und zwar schon seit langer Zeit, eine glühende Sympathie für ihn ... nun, und außerdem die glänzende Uniform, das bedeutet doch sehr viel für ein Kind, nicht wahr ... Ich trug einen dunkelgrünen Frack mit langen, schmalen Schößen, goldenen Knöpfen, roten, goldgestickten Ärmelaufschlägen, einem hohen, offenstehenden Kragen, gleichfalls mit Goldstickerei auf rot, und auf den Frackschößen ebenfalls Goldstickerei; dazu trug ich weiße sämischlederne Beinkleider, eine weißseidene Weste, seidene Strümpfe und Schnallenschuhe ... wenn aber der Kaiser ausritt und ich ihn mit der Suite begleitete, trug ich hohe Kanonenstiefel. War auch die Situation keine glänzende, und sah man auch noch viel größeres Unglück kommen, so wurde doch die Etikette nach Möglichkeit eingehalten, und zwar um so peinlicher, je mehr man das Unglück vorausfühlte.“
„Ja, natürlich ...“ murmelte der Fürst geradezu hilflos, „Ihre Memoiren würden sehr ... interessant sein.“
Der General, der natürlich ganz dasselbe wiedergab, was er am Abend vorher Lebedeff erzählt hatte, erzählte fließend. Doch diese Bemerkung des Fürsten erweckte wieder sein Mißtrauen und – prüfend sah er ihn an.
„Meine Memoiren,“ sagte er mit Stolz, „Sie meinen, ich soll meine Memoiren schreiben? Nein, das verlockt mich nicht, Fürst! Wenn Sie wollen ... so sind meine Memoiren bereits niedergeschrieben, nur ... sie liegen in meinem Pult. Mögen sie dann, wenn man mich begraben hat, erscheinen. Sie werden zweifellos in alle Sprachen übersetzt werden, nicht wegen ihrer literarischen Form, sondern wegen der Bedeutung dieser allerkolossalsten Tatsachen, die ich als Augenzeuge erlebt habe, wenn ich auch noch ein Kind war. Doch das ist schließlich noch ein Vorzug: als Kind bin ich, wie man sagt, in die intimste Kammer des großen Mannes eingedrungen, und das nicht etwa nur bildlich: ich habe in den Nächten das Gestöhn dieses vom Unglück erfaßten Riesen gehört! Vor mir, dem Kinde, tat er sich keinen Zwang an, obschon ich sehr wohl begriff, daß die Ursache seines Leidens – das Schweigen Kaiser Alexanders war.“
„Ja, richtig, er hat ja doch an Alexander Briefe geschrieben ... mit Friedensvorschlägen ...“ bemerkte der Fürst schüchtern.
„Genau wissen wir es nicht, welche Vorschläge er ihm gemacht hat, nur hat er tatsächlich an ihn täglich, fast stündlich einen Brief geschrieben, einen Brief nach dem anderen ... Er regte sich dabei natürlich über alle Maßen auf. Einmal in der Nacht – wir waren beide ganz allein – stürzte ich weinend zu ihm – oh, ich liebte ihn! – und ich flehte ihn an: ‚Bitten Sie, bitten Sie den Kaiser Alexander um Verzeihung!‘ Das heißt, ich hätte sagen sollen: ‚Schließen Sie mit ihm Frieden‘, doch als kleines Kind drückte ich meine Gedanken eben ganz naiv aus. Er nahm es mir aber nicht übel. ‚Mein Kind!‘ sagte er – er promenierte auf und ab im Zimmer –, ‚oh, mein Kind!‘ – er schien es damals gar nicht zu bemerken, daß ich erst zehn Jahre alt war, und er liebte es sogar, sich mit mir zu unterhalten. ‚Oh, mein Kind,‘ sagte er, ‚ich bin bereit, Kaiser Alexander die Füße zu küssen, doch dem König von Preußen und dem Kaiser von Österreich, oh, denen schwöre ich ewigen Haß und ... schließlich ... was verstehst du von Politik!‘ Es war, als hätte er plötzlich bemerkt, mit wem er sprach, und er verstummte, doch seine Augen sprühten noch Funken. Wollte ich nun all diese Tatsachen niederschreiben – und ich war Zeuge von noch weit wichtigeren Ereignissen –, wollte ich jetzt meine Memoiren herausgeben, so müßte ich all diese Kritiken über mich ergehen lassen, diese Reden des literarischen Ehrgeizes, diesen ganzen Neid und Parteigeist und ... nein, ich danke dafür!“
„Was Sie da vom Parteigeist sagen, ist sehr richtig,“ sagte der Fürst nach kurzem Schweigen. „Da habe ich vor nicht langer Zeit ein Buch von Charras, ‚Campagne de 1815‘,[35] gelesen. Es ist augenscheinlich ein ernstes Buch, und, wie Fachmänner sich äußern, mit ungeheurer Kenntnis der Sache geschrieben. Nur spricht, finde ich, aus jeder Seite des Buches eine so große Freude über die Besiegung und Erniedrigung Napoleons, daß Charras sicherlich sehr froh sein würde, wenn man Napoleon auch auf Grund der anderen Kriege jedes Talent absprechen könnte. Das ist natürlich nicht gut in einem sonst so ernsten Buch, denn es ist doch nichts als, nun, eben Parteigeist. Waren Sie sehr in Anspruch genommen durch Ihren Dienst beim ... Kaiser?“
Der General war begeistert. Die ernste, treuherzige Frage des Fürsten zerstreute sein letztes Mißtrauen.
„Charras! Oh, auch ich war darüber entrüstet! Ich schrieb auch sogleich an ihn, nur ... ich entsinne mich im Augenblick nicht ganz ... Sie fragen, ob ich sehr in Anspruch genommen war? Oh, nein! Man nannte mich zwar Leibpage, aber ich faßte es ja doch selbst damals nicht als Ernst auf. Hinzukam, daß Napoleon bald jede Hoffnung verlor, den Russen näherzutreten, und so hätte er wohl auch mich vergessen, nachdem er mich aus Politik herangezogen, wenn ... wenn er mich nicht persönlich liebgewonnen hätte, was ich jetzt ruhigen Gewissens behaupten kann. Mich aber zog mein Herz zu ihm. Ein besonderer Dienst wurde von mir durchaus nicht verlangt: ich mußte ab und zu im Palais erscheinen und ... den Kaiser auf seinen Spazierritten zu Pferde begleiten, und das war alles. Ich ritt damals schon ganz gut. Er ritt gewöhnlich vor dem Diner aus, und seine Suite bestand dann meist aus Davoust, mir, dem Mameluken Rustan ...“
„Constant,“ entfuhr es plötzlich fast unbewußt dem Fürsten.
„N–ein, Constant war damals nicht in Moskau, er war unterwegs mit einem Schreiben an ... die Kaiserin Josephine; doch statt seiner waren gewöhnlich noch zwei Ordonnanzen da, einige polnische Ulanen ... nun, und das war seine ganze Suite, außer den Generalen, versteht sich, und Marschällen, von denen Napoleon sich stets begleiten ließ, um sich mit ihnen beraten zu können, das Terrain zu studieren, die Positionen der einzelnen Truppenteile, und so weiter ... Am häufigsten war Davoust bei ihm. Ich sehe ihn noch wie leibhaftig vor mir, diesen großen, stark gebauten, kaltblütigen Mann mit dem seltsamen Blick hinter den Brillengläsern. Mit ihm beriet sich der Kaiser am häufigsten. Er schätzte seine Meinung sehr hoch. Ich weiß noch genau: einmal hatten sie sich schon mehrere Tage lang beraten. Davoust war morgens und abends gekommen, sie hatten oft gestritten, endlich schien Napoleon nachzugeben. Sie befanden sich beide im Kabinett, er, Davoust und, fast unbemerkt von ihnen, ich als Dritter. Da fiel plötzlich ganz zufällig Napoleons Blick auf mich, und ein seltsamer Gedanke blitzte in seinen Augen auf. ‚Kind!‘ wandte er sich an mich, ‚was meinst du: wenn ich zur rechtgläubigen Kirche übertreten sollte und eure Leibeigenen befreite, würden mir die Russen dann folgen?‘ – ‚Niemals!‘ rief ich mit Unwillen. Napoleon war ganz betroffen. ‚In den Augen dieses Kindes, aus denen der Patriotismus glüht,‘ sagte er, ‚habe ich die Gesinnung des ganzen russischen Volkes gelesen. Genug, Davoust! Das war nur ein phantastischer Einfall. Legen Sie Ihr zweites Projekt vor.‘“
„Ja, aber auch dieses Projekt war ... ein großer Gedanke,“ sagte der Fürst, sichtlich interessiert. „Und Sie schreiben es Davoust zu?“
„Wenigstens beriet sich Napoleon mit ihm. Der Gedanke selbst stammte natürlich von Napoleon, dieser Adlergedanke, aber auch das andere Projekt war ... Das war jener ‚conseil du lion‘,[36] wie Napoleon selbst diesen ihm von Davoust erteilten Rat nannte. Dieser Rat bestand darin, sich mit dem ganzen Heer im Kreml zu verschanzen, Baracken zu bauen, Befestigungen zu errichten, die Kanonen aufzustellen, möglichst viel Pferde zu schlachten und einzusalzen, möglichst viel Getreide aufzutreiben und so zu überwintern, um dann im Frühling sich durch die Russen durchzuschlagen. Dieses Projekt gefiel Napoleon sehr. Wir ritten hierauf täglich um die Kremlmauern, er ordnete selbst alles an, zeigte, wo Schanzen, wo Verhaue, wo Blockhäuser, Schutzwälle errichtet werden sollten – ein Blick, ein Wort und – die Sache war gemacht. Schließlich war man so weit, daß Davoust zur letzten, endgültigen Entscheidung drängte. Wieder waren sie beide ganz allein im Kabinett, nur ich war als Dritter zugegen. Wieder ging Napoleon mit verschränkten Armen auf und ab. Ich ließ ihn nicht aus den Augen, mein Herz klopfte stark. ‚Ich gehe‘, sagte Davoust. ‚Wohin?‘ fragte Napoleon. ‚Pferde einsalzen zu lassen‘, sagte Davoust. Napoleon zuckte zusammen, jetzt kam der Augenblick der Entscheidung. ‚Kind,‘ wandte er sich plötzlich an mich, ‚was meinst du zu unserem Vorhaben?‘ Natürlich fragte er mich nur, wie bisweilen der klügste Mensch in einer wichtigen Frage lieber das Los entscheiden läßt, als daß er’s selbst tut ... wie man eine Münze hinwirft und Adler oder Schrift entscheiden läßt. Doch statt an ihn wandte ich mich an Davoust und sagte, fast auf höhere Eingebung: ‚Sehen Sie lieber zu, General, daß Sie noch mit heiler Haut davonkommen!‘ Damit war das Projekt verworfen. Davoust zuckte nur mit der Achsel und brummte beim Hinausgehen: ‚Bah! Il devient superstitieux!‘[37] Am nächsten Tage wurde der Befehl zum Rückzug gegeben.“
„Das ist natürlich alles sehr interessant,“ murmelte der Fürst kaum hörbar, „wenn es nur auch wirklich so ... das heißt, ich will nur sagen ...“ beeilte er sich, sich zu verbessern.
„Oh, Fürst!“ rief der General, der selbst von seiner Erzählung so begeistert war, daß er sich nicht einmal mehr vor der größten Unvorsichtigkeit zurückzuhalten vermocht hätte. „Sie sagen: ‚wenn es nur auch wirklich so war!‘ Aber es war ja noch viel mehr, ich versichere Sie, es war ja noch viel mehr als das! Das waren ja nur erst kleine Nebensachen, politische Dinge. Aber ich versichere Sie, ich bin sogar Zeuge seiner nächtlichen Tränen gewesen, ich habe das Stöhnen dieses großen Mannes gehört, dessen aber kann sich außer mir keiner rühmen! Zum Schluß allerdings, da weinte er nicht mehr, er stöhnte nur noch, und sein Gesicht wurde immer finsterer. Es war, als hätte die Ewigkeit ihn bereits mit ihren dunklen Fittichen beschattet. In manch einer Nacht verbrachten wir beide ganze Stunden allein, schweigend – der Mameluk Rustan schnarchte im Nebenzimmer. Einen entsetzlich festen Schlaf hatte dieser Mensch. ‚Dafür ist er mir und meiner Dynastie treu ergeben‘, sagte Napoleon von ihm. Einmal tat er mir unsäglich leid, und plötzlich bemerkte er eine Träne in meinem Auge: gerührt blickte er mich an. ‚Du bemitleidest mich!‘ rief er aus, ‚nur du, Kind, tust es, und vielleicht wird es noch ein anderes Kind tun, mein Sohn, le roi de Rome![38] Die anderen alle hassen mich nur, und meine Brüder werden die ersten sein, die mich im Unglück verlassen!‘ Ich schluchzte laut auf und eilte zu ihm – da hielt auch er es nicht mehr aus, und Tränen stürzten ihm aus den Augen. ‚Oh, schreiben Sie, schreiben Sie an die Kaiserin Josephine!‘ bat ich ihn schluchzend. Napoleon zuckte zusammen, dachte nach und sagte dann zu mir: ‚Du hast mich an ein drittes Herz erinnert, das mich liebt. Ich danke dir, Freund!‘ Und er setzte sich sogleich an den Schreibtisch und schrieb an Josephine jenen Brief, mit dem dann am nächsten Tage Constant nach Paris geschickt wurde.“
„Das war sehr gut von Ihnen,“ sagte der Fürst, „mitten in seinen düsteren Gedanken riefen Sie ein lichtes Gefühl in ihm hervor.“
„Eben, Fürst, und wie gut Sie das zu erklären verstehen, das entspricht auch Ihrem eigenen Herzen!“ stimmte der General begeistert bei, und seltsam: Tränen, wirkliche Tränen glänzten in seinen Augen. „Ja, Fürst, ja, das war ein großer Anblick! Und wissen Sie, fast wäre ich mit ihm nach Paris gefahren, und dann hätte ich ihn, versteht sich, auch nach St. Helena begleitet, doch leider trennte uns das Schicksal! Er kam auf jene wüste Insel, wo er vielleicht in einer trüben Stunde an die Tränen jenes armen Knaben, der ihn einst umarmt und geküßt, gedacht hat. Ich aber – kam damals in die Kadettenschule, wo ich nichts als Strenge fand und die Roheit der Mitschüler und ... Und dann war alles aus! ‚Ich will dich deiner Mutter nicht entreißen, deshalb nehme ich dich nicht mit,‘ sagte er zu mir an dem Tage, als er Moskau verließ, ‚ich würde aber gern etwas für dich tun.‘ Er war schon im Begriff, in den Sattel zu steigen. ‚Schreiben Sie mir zum Andenken etwas ins Album meiner Schwester,‘ bat ich schüchtern, denn er war sehr zerstreut und düster. Er wandte sich wirklich zurück, verlangte eine Feder, nahm das Album. ‚Wie alt ist deine Schwester?‘ fragte er, die Feder bereits in der Hand. ‚Drei Jahre‘, antwortete ich. ‚Petite fille alors.‘[39] Und er schrieb ins Album:
‚Ne mentez jamais.‘
‚Napoléon, votre ami sincère.‘[40]
Ein solcher Rat in einem solchen Augenblick, Sie werden doch zugeben, Fürst, was!“
„Ja, das ist sehr bezeichnend.“
„Dieses Albumblatt hing unter Glas in einem goldenen Rahmen bis zum Tode meiner Schwester in ihrem Empfangszimmer, auf der sichtbarsten Stelle der Wand – sie starb im Wochenbett –, wo es jetzt ist, weiß ich nicht ... aber ... ach, mein Gott! Schon zwei Uhr! Wie ich Sie aufgehalten habe, Fürst! Das ist ja unverzeihlich!“
Der General erhob sich.
„Oh, im Gegenteil!“ murmelte der Fürst. „Sie haben mich so gut unterhalten und ... schließlich ... es war so interessant, ich bin Ihnen sehr dankbar dafür!“
„Fürst!“ sagte der General, indem er ihn mit blitzenden Augen unverwandt ansah und seine Hand fast schmerzhaft in der seinen drückte – er schien plötzlich wieder zur Besinnung gekommen und jetzt von irgendeinem klaren Gedanken ganz betroffen zu sein, doch das dauerte nur einen Augenblick. „Fürst!“ rief er aus, „Sie sind dermaßen gut und dermaßen harmlos, daß Sie mir bisweilen leid tun und ich Sie nur mit Rührung betrachten kann. Oh, möge Gott der Herr Sie segnen! Möge Ihr Leben jetzt gut beginnen und erblühen ... in der Liebe! Meines ist zu Ende! Oh, verzeihen Sie mir, verzeihen Sie!“
Er bedeckte sein Gesicht mit den Händen und verließ schnell das Zimmer. Wenigstens an der Echtheit seiner Aufregung konnte der Fürst nicht zweifeln, wenn er auch begriff, daß der Alte ihn nur vor Freude über seinen Erfolg ganz begeistert verlassen hatte. Er fühlte es, daß dieser Mensch zu jener Kategorie von Lügnern gehörte, die, wenn sie auch bis zur Leidenschaft, bis zur völligen Selbstvergessenheit lügen, selbst im Augenblick ihrer höchsten Ekstase im Herzen doch argwöhnen, daß man ihnen nicht glaube, und ja auch gar nicht glauben könne. In seiner gegenwärtigen Verfassung konnte der General, wenn er zur Besinnung gekommen war, sich unerträglich schämen, den Fürsten verdächtigen, daß er ihm nur aus übergroßem Mitleid zugehört habe, und sich dann selbst tief gekränkt fühlen.
„Wäre es nicht besser gewesen, ich hätte ihn nicht bis zu dieser Begeisterung gebracht?“ fragte sich der Fürst beunruhigt, doch plötzlich mußte er lachen. Zwar wollte er sich auch schon sogleich wieder Vorwürfe wegen dieses Lachens machen, sagte sich aber, daß er sich gar nichts vorzuwerfen habe, da der General ihm doch unendlich leid tat.
Seine Ahnung betrog ihn nicht: noch am Abend desselben Tages erhielt er einen sehr seltsamen, kurzen, aber entschlossenen Brief, in dem der General ihm mitteilte, daß er von ihm auf ewig Abschied nehme, daß er ihn zwar achte und ihm dankbar sei: doch werde er „jeden Ausdruck des Mitleids, der die Würde eines ohnehin schon erniedrigten Menschen noch mehr erniedrige, stets zurückweisen“. Dieser Brief beunruhigte den Fürsten nicht wenig, als er dann aber hörte, daß der Alte sich bei Nina Alexandrowna eingeschlossen hatte, sorgte er sich nicht weiter. Wie wir bereits erzählt haben, war der General inzwischen zu Jepantschins gegangen und hatte – um die Unterredung kurz wiederzugeben – Lisaweta Prokofjewna durch bittere Bemerkungen über seinen Sohn Ganjä empört, worauf er in beschämender Weise „verabschiedet“ worden war. Deshalb hatte er denn auch eine so schlechte Nacht verbracht und am Morgen die Szenen im Hause seines Schwiegersohnes aufgeführt, um dann, als er schließlich ganz den Kopf verloren, halb irrsinnig auf die Straße hinauszulaufen.
Koljä, der den Sachverhalt immer noch nicht ganz begriff, glaubte zuerst, ihn mit Strenge am ehesten zur Vernunft bringen zu können.
„Na, wohin soll’s denn jetzt gehen, General, was meinen Sie?“ fragte er. „Zum Fürsten wollen Sie nicht, mit Lebedeff haben Sie sich verzankt, Geld haben Sie nicht, und ich pflege niemals welches zu haben: da sitzen wir jetzt auf der Straße!“
„Mein Sohn, sitzen ist immer noch besser als stehen,“ antwortete der General belehrend. „Mit diesem ... Witz habe ich ... homerisches Gelächter hervorgerufen im ... Offizierskreise ... Das war im Jahre vierundvierzig ... Tausend ... achthundert und vierundvierzig, ja! Ich entsinne mich ... Oh, erinnere mich nicht, erinnere mich nicht daran. ‚Wo ist meine Jugend, wo blieb mein Lenz!‘ wie ... wie ... wer ... welcher Poet hat das doch ausgerufen, Koljä?“
„Gogol, Papa, in seinen ‚Toten Seelen‘“, sagte Koljä mit einem etwas ängstlichen Seitenblick auf den Vater.
„‚Die toten Seelen‘! Oh, ja die Toten! Wenn du mich beerdigt hast, dann schreibe auf mein Grab: ‚Hier ruht eine tote Seele!‘
‚Schmach und Schande verfolgen mich!‘ Wer hat das gesagt, Koljä?“
„Ich weiß nicht, Papa.“
„Nicht Jeropjegoff? ... Jeroschka Jeropjegoff!“ schrie er plötzlich laut wie außer sich und blieb auf der Straße stehen. „Und das soll mein Sohn, mein leiblicher Sohn sein! Jeropjegoff ist elf Monate lang wie ein Bruder zu mir gewesen, für ihn habe ich ein Duell ... Fürst Wygorezkij, unser Hauptmann, fragte ihn bei einer Flasche Wein: ‚Du, Grischa, wo hast du denn eigentlich deinen Annenorden verdient, wenn du mir das sagen könntest!‘ – ‚Auf den Schlachtfeldern meines Vaterlandes, wenn du’s wissen sollst!‘ – Ich schreie: ‚Bravo, Grischa!‘ Nun und da kam’s denn zum Duell, später aber heiratete er ... Marja Petrowna Ssu... Ssutugowa und ward erschossen in der Schlacht bei ... Die Kugel sprang von meinem Orden ab und traf gerade seine Stirn. ‚Ich werde dich nie vergessen!‘ rief er und fiel tot hin. Ich ... ich habe ehrlich dem Vaterlande gedient, Koljä, ich bin immer anständig gewesen, aber ... ‚Schmach und Schande verfolgen mich!‘ Du und Nina, nur ihr zwei werdet mein Grab besuchen ... ‚Arme Nina!‘ so pflegte ich sie früher stets zu nennen, Koljä, in der ersten Zeit ... das ist jetzt schon lange her ... sie hatte das so gern ... Nina, Nina! Was habe ich mit deinem Leben gemacht! Wofür kannst du mich lieben, du geduldige Seele! Deine Mutter ist ein Engel, Koljä, hörst du, ein Engel!“
„Ich weiß es, Papa. Papa, Täubchen, gehen wir zurück nach Haus zu Mama! Sie lief uns doch nach! Nun, was stehen Sie? Begreifen Sie denn nicht ... Nun, weshalb weinen Sie denn jetzt?“
Koljä weinte dabei selbst und küßte dem Vater die Hand.
„Du küßt mir die Hand, mir!“
„Ja, ja doch, Ihnen, Ihnen! Was ist denn dabei Wunderliches? Aber was weinen Sie denn hier mitten auf der Straße, und das noch dazu als General, als alter Soldat! Nun, gehen wir!“
„Gott segne dich dafür, mein kleiner Junge, daß du zu mir Schmählichem so ehrerbietig bist ... Ja, zum schmachbedeckten, elenden Greise, deinem Vater ... Mögest auch du einst einen solchen Sohn haben ... le roi de Rome ... Oh, ‚Fluch, Fluch diesem Hause‘!“
„Aber, was hat denn das zu bedeuten!“ rief plötzlich Koljä in seiner Angst aus. „Was ist denn geschehen? Weshalb wollen Sie jetzt nicht nach Hause kommen? Sind Sie denn ganz von Sinnen?“
„Ich werde dir erklären, alles erklären ... ich sage dir alles ... schrei nur nicht, man könnte es sonst hören ... le roi de Rome ... Oh, mir ist übel, mir ist traurig zumut!
‚Amme, sag’, wo ist dein Grab!‘
Wer hat das gesagt, Koljä?“
„Ich weiß nicht, ich weiß nicht, wer es gesagt hat! Gehen wir jetzt nach Haus, aber ohne Umwege, sofort! Ich werde schon den Ganjä durchhauen, wenn’s nötig ist ... aber wohin wollen Sie denn jetzt wieder?“
Der General zog ihn zur Treppe eines Hauses, von dem sie nicht weit entfernt waren.
„Wohin wollen Sie? Das ist doch ein fremdes Haus!“
Doch der General ließ sich nicht aufhalten, setzte sich auf eine Stufe der Treppe und zog Koljä immer noch näher zu sich heran.
„Beug’ dich zu mir!“ murmelte er. „Ich werde dir alles sagen ... die Schmach ... beug’ dich ... dein Ohr ... ich will dir ins Ohr sagen ...“
„Aber was denn!“ rief Koljä unsäglich erschrocken, hielt aber doch sein Ohr hin.
„Le roi de Rome ...“ flüsterte der General, der am ganzen Körper zu zittern schien.
„Was? ... Was wollen Sie mit dem roi de Rome ... Was?“
„Ich ... ich ...“ flüsterte wieder der General, immer schwerer sich auf die Schulter seines lieben Knaben stützend, „ich ... will ... ich werde dir ... alles, Marja, Marja ... Petrowna Ssu-ssu-ssu ...“
Koljä fuhr zurück, ergriff den Vater an den Schultern und starrte ihm bleich vor Schreck ins Gesicht, das plötzlich purpurrot wurde, während die Lippen sich blau färbten. Ein krampfhaftes, zitterndes Zucken lief über seine Züge. Plötzlich senkte sich der Oberkörper und sank immer schwerer auf Koljäs stützende Arme.
„Schlag!“ schrie plötzlich Koljä laut über die ganze Straße, nachdem er endlich erraten, was geschehen war.
V.
Warwara Ardalionowna hatte im Gespräch mit ihrem Bruder alles, was sie bei Jepantschins über die „Verlobung“ des Fürsten mit Aglaja in Erfahrung gebracht, genau genommen, ziemlich übertrieben. Allerdings war es möglich, daß sie mit dem Instinkt der echten Frau aus den erhaltenen Mitteilungen das Bevorstehende um so sicherer erraten hatte. Vielleicht aber hatte sie sich nach der eigenen Enttäuschung bloß die Genugtuung nicht versagen können, auch dem Bruder, den sie sonst aufrichtig liebte, eine ebenso große, wenn nicht noch viel größere Enttäuschung zu bereiten. Jedenfalls ist es nicht anzunehmen, daß ihre Freundinnen sie so genau unterrichtet hatten: es werden wohl nur Andeutungen oder mit Schweigen übergangene Fragen gewesen sein, aus denen dann Warjä selbst das Weitere gefolgert hatte. Vielleicht hatten auch Aglajas Schwestern mit Absicht manches verlauten lassen, um auf diese Weise selbst von Warjä etwas zu erfahren. Endlich aber konnte es sich noch so verhalten, daß auch sie ihre ehemalige Gespielin ein wenig ärgern wollten, denn daß sie in dieser langen Zeit überhaupt nichts von Warjäs Plänen erraten haben sollten, ist wohl nicht anzunehmen.
Andererseits kann man auch vom Fürsten sagen, daß er sich in einem kleinen Irrtum befand, als er Lebedeff versicherte, daß er ihm nichts besonderes mitzuteilen habe, da mit ihm nichts besonderes geschehen sei. Das war gerade das Eigentümliche an der Sache: es war allerdings nichts geschehen, dabei war aber doch sehr viel geschehen, und gerade das hatte Warwara Ardalionowna mit ihrem sicheren weiblichen Instinkt sogleich erraten.
Wie es nun eigentlich gekommen war, daß bei Jepantschins plötzlich alle in dem Gedanken, Aglaja stehe vor einem entscheidenden Schritt und es sei etwas Besonderes mit ihr vorgefallen, übereinstimmten, dürfte nicht leicht zu erklären sein. Doch kaum war dieser Gedanke aufgetaucht – seltsamerweise kam er allen fast zu gleicher Zeit –, als auch alle sogleich überzeugt waren, daß sie es „schon längst“ bemerkt und „klar vorausgesehen“ hätten, und zwar habe es bereits mit dem „Armen Ritter“ begonnen, oder noch früher, nur habe man an etwas so Widersinniges anfangs überhaupt nicht glauben wollen. So wenigstens behaupteten die Schwestern. Natürlich hatte Lisaweta Prokofjewna alles noch viel früher „vorausgesehen“, und „lange schon“ hatte ihr das Herz „deshalb weh getan“; doch ob nun lange oder nicht lange, jedenfalls war ihr der Gedanke an den Fürsten quälend, und das hauptsächlich deshalb, weil sie so gar nicht wußte, was sie nun eigentlich denken sollte. Vorläufig war ihr nur eines klar: daß es sich hier um eine Frage handelte, über die sie unverzüglich mit sich selbst ins reine kommen mußte; nur konnte sich die arme Lisaweta Prokofjewna nicht einmal die Frage, d. h. worin diese Frage nun eigentlich bestand, klar und deutlich vorlegen, von einem „Ins-Reine-Kommen“ ganz zu schweigen. Die Sache war in der Tat nicht einfach: War nun der Fürst überhaupt annehmbar? oder war er es nicht? War das alles gut? oder war es nicht gut? Wenn es nicht gut war – und das war es zweifellos – worin bestand dann das Schlechte? Wenn es aber vielleicht gut war – das war ja schließlich auch nicht so ganz unmöglich – worin bestand dann wiederum das Gute? Das Familienoberhaupt, der General Iwan Fedorowitsch, war ganz zuerst nur einfach erstaunt und völlig baff, dann aber vernahm seine Gattin wirklich das Geständnis von ihm, daß doch, „bei Gott, auch ihm die ganze Zeit so etwas Ähnliches geschienen habe, zwar nicht ohne weiteres und nicht immer, aber mitunter doch so wie in etwa ...“ Er verstummte aber schnell unter dem Blick seiner Gemahlin. Das war am Morgen – am Abend jedoch, als er mit ihr allein war und sich wiederum zu einer Meinungsäußerung gezwungen sah, sprach er ebenso plötzlich, doch auffallend gut gelaunt ein paar äußerst unerwartete Gedanken aus: „Aber schließlich – was ist denn dabei so schlimm? ...“ meinte er. Die Antwort der Generalin war Schweigen. „Natürlich ist das alles immerhin sehr seltsam, vorausgesetzt, daß überhaupt etwas daran ist, doch im übrigen ...“ Schweigen. „Andererseits aber, wenn man die Dinge positiv betrachtet, das heißt, so wie sie sind, so ist doch der Fürst, bei Gott, ein prächtiger Junge und ... und ... nun und schließlich ist doch auch der Name etwas wert, der Name eines alten Geschlechts, und so etwas nimmt sich doch gar nicht übel aus, ist sozusagen eine Aufrechterhaltung des alten Stammes, und somit in den Augen der Gesellschaft ... das heißt, ich meine nur ... Gesellschaft bleibt Gesellschaft ... Und dann: der Fürst ist ja auch gerade kein Armer, wenn er auch gerade kein Millionär ist, und ... und ... hm! ...“ Das Schweigen dauerte an, und Iwan Fedorowitsch verstummte endgültig.
Als Lisaweta Prokofjewna ihren Mann angehört hatte, war sie über alle Maßen empört.
Ihrer Meinung nach war alles nur ein „unverzeihlicher und sogar im höchsten Grade unschicklicher Unsinn, irgendein dummer phantastischer Einfall und weiter nichts!“ Und zwar allein schon deshalb, weil „dieser elende Fürst ein kranker Idiot, erstens, und zweitens ein Dummkopf ist, der weder die Welt kennt noch eine Stellung in der Welt einnimmt. Wem zeigst du ihn, wo kannst du ihn unterbringen? Ein Mensch mit ganz unmöglichen demokratischen Ideen, und nicht einmal im Staatsdienst steht er, und ... und was wird die Bjelokonskaja sagen? Haben wir denn einen solchen, einen solchen Mann für Aglaja erwartet?“ Das letzte Argument war selbstverständlich das wichtigste. Ihr Mutterherz erzitterte bei diesem Gedanken und „weinte blutige Tränen“, wenn sich auch gleichzeitig in diesem Herzen etwas regte, das ihr plötzlich ganz gegen ihren Willen die Frage aufzwang: „Aber weshalb ist denn der Fürst nicht der Richtige für Aglaja?“ Diese Widerlegungen des eigenen Herzens waren es gerade, die der armen Lisaweta Prokofjewna am meisten zu schaffen machten.
Aglajas Schwestern jedoch erschien der Gedanke, den Fürsten zum Schwager zu bekommen, durchaus nicht so unmöglich und sogar nicht einmal sonderbar; im Gegenteil, sie waren sogar sehr für ihn, nur schienen sie beide stillschweigend beschlossen zu haben, vorläufig noch zu schweigen. Sie wußten aus alter Erfahrung, daß die Mutter, wenn sie sich am hartnäckigsten einer Sache widersetzte, sich dann im Herzen bereits halbwegs mit ihr ausgesöhnt hatte. Übrigens konnte Alexandra Iwanowna doch nicht lange bei ihrem Schweigen bleiben: da es der Mutter nun einmal zur Angewohnheit geworden war, ihre Älteste in allen schwierigen Dingen um Rat zu fragen, so rief sie sie auch jetzt fast stündlich zu sich, um ihre Meinung zu hören oder – und das vor allen Dingen – um sie immer wieder zu fragen, wie das nur alles gekommen wäre, warum es niemand früher bemerkt, weshalb man nicht früher davon gesprochen habe? Und was hatte dieser verwünschte „Arme Ritter“ zu bedeuten gehabt? Warum war sie, Lisaweta Prokofjewna, allein dazu verurteilt, sich um alle zu sorgen, alles zu bemerken und zu erraten, während die anderen einfach schliefen? Alexandra Iwanowna war anfangs etwas vorsichtig und bemerkte nur, daß ihr die Auffassung des Vaters, die Gesellschaft würde die Verbindung einer Jepantschin mit dem Fürsten Myschkin nur gutheißen, sehr richtig erschiene. Doch allmählich geriet sie in Eifer und erklärte unumwunden, daß der Fürst durchaus kein „Dummkopf“ sei, und was seine Bedeutung in der Gesellschaft anlange, so könne man doch gar nicht wissen, wonach in ein paar Jahren das Ansehen eines Menschen in Rußland beurteilt werden würde: ob immer noch nach dem alten Maßstabe, den pflichtschuldigen Erfolgen im Staatsdienst, oder nach etwas ganz anderem. Auf alle diese Äußerungen hatte die Generalin nur die eine Antwort, daß Alexandra eine Freidenkerin und daß alle ihre Ansichten auf „diese unselige Frauenfrage“ zurückzuführen seien. Eine halbe Stunde später fuhr Lisaweta Prokofjewna nach Petersburg, wo sie sich nach dem Kamennyj Ostrow[30] begab, um die alte Fürstin Bjelokonskaja, die nur auf kurze Zeit nach Petersburg gekommen war, zu besuchen. Die Fürstin war Aglajas Taufmutter.
Die alte Bjelokonskaja vernahm alle fieberhaften und verzweifelten Geständnisse Lisaweta Prokofjewnas mit ungewöhnlicher Ruhe und ließ sich auch von ihren Tränen nicht rühren, ja fast blickte sie spöttisch auf sie herab. Sie war eine große Despotin, die auch jetzt noch, nach fünfunddreißigjähriger Freundschaft, ihre Lisaweta Prokofjewna gewissermaßen als ihren Schützling betrachtete. Deshalb war ihr jede Selbständigkeit an der Generalin zum mindesten nicht nach Wunsch. In ihrer Antwort bemerkte sie unter anderem, daß „man bei euch, meine Liebe, nach alter Gewohnheit wieder aus einer Mücke einen Elefanten gemacht hat. Oder wäre es nicht besser, man wartete noch ein wenig ab!?“ Übrigens halte sie den Fürsten für einen sehr anständigen jungen Mann, allerdings sei er krank, ein Sonderling und von etwas gar zu geringer Bedeutung. Das Schlimmste sei jedoch, daß er ganz offiziell eine Geliebte unterhalte. Lisaweta Prokofjewna begriff natürlich, daß die Bjelokonskaja sich noch immer ein wenig über den Mißerfolg Jewgenij Pawlowitschs ärgerte, da sie ihn ganz besonders empfohlen hatte. Im übrigen kehrte sie noch gereizter nach Pawlowsk zurück, als sie fortgefahren war. Zu Hause angelangt, erhielten alle Familienmitglieder sogleich einen Verweis, hauptsächlich deshalb, weil sie „sämtlich verrückt geworden“ seien und es entschieden in keinem anderen Hause so zugehe wie bei ihnen. „Was ist denn eigentlich geschehen? Weshalb dieses Geschrei? Ich wenigstens vermag nichts zu entdecken, nichts, das von so außerordentlicher Wichtigkeit wäre! Wartet doch, bis erst etwas geschieht! Vieles, was Iwan Fedorowitsch ‚so vorkommt‘ – was ist’s in Wirklichkeit? Man kann doch nicht immer aus einer Mücke einen Elefanten machen!“ usw. usw.
Somit ergab sich also, daß man sich beruhigen, kaltblütiger werden und warten mußte. Aber ach, das war leichter gesagt als getan: die Ruhe dauerte keine zehn Minuten. Den ersten erschütternden Stoß erhielt Lisaweta Prokofjewnas „Kaltblütigkeit“ durch die Mitteilung dessen, was sich während ihrer Abwesenheit zugetragen hatte. (Es war das am Tage nach jenem nächtlichen Besuch des Fürsten, als er, im Glauben, es sei erst zehn Uhr, um ein Uhr nachts bei ihnen erschienen war.) Die Schwestern erzählten auf die immer ungeduldiger werdenden Fragen der Generalin, daß eigentlich „so gut wie nichts“ in ihrer Abwesenheit geschehen sei, der Fürst sei nur gekommen, Aglaja habe sich jedoch lange nicht gezeigt, erst nach etwa einer halben Stunde wäre sie dann erschienen und habe dem Fürsten sogleich den Vorschlag gemacht, eine Partie Schach zu spielen. Da nun der Fürst ein sehr schlechter Schachspieler sei, habe ihn Aglaja mit Leichtigkeit geschlagen, sich sehr darüber gefreut, ihn wegen seines Nichtkönnens gehörig aufgezogen und so über ihn gelacht, daß der Fürst ihnen geradezu leid getan habe. Darauf habe sie ihm eine Partie „Duraki“[31] vorgeschlagen, doch hier sei es umgekehrt gekommen: der Fürst habe sich als ein vorzüglicher Durakispieler erwiesen, er habe „wirklich meisterhaft gespielt, wie ... wie ein Professor“. Aglaja habe zwar auf alle Arten zu gewinnen versucht, habe betrogen, die Karten falsch ausgegeben und vor seinen Augen seine Stiche gestohlen, doch trotzdem habe der Fürst sie jedesmal zum „Durak“ gemacht, von fünf Partien habe sie keine einzige gewonnen. Das habe Aglaja über alle Maßen geärgert, sogar so sehr, daß sie sich völlig vergessen und dem Fürsten solche Anzüglichkeiten und Ungezogenheiten ins Gesicht gesagt habe, daß der Fürst nicht nur zu lachen aufgehört habe, sondern sogar ganz bleich geworden sei, bis sie schließlich ausgerufen, daß sie dieses Zimmer nicht mehr betreten werde, solange er hier säße, und daß es von ihm geradezu gewissenlos sei, sie weiterhin zu besuchen, und noch dazu um ein Uhr nachts ins Haus zukommen –: „nach allem, was geschehen sei!“ Und damit sei sie hinausgegangen und habe zornig die Tür hinter sich zugeschlagen. Der Fürst sei hierauf aufgestanden und ungeachtet all ihrer Beruhigungen und Trostversuche so traurig wie von einer Beerdigung heimgegangen.
Doch siehe da, kaum eine Viertelstunde nach dem Fortgehen des Fürsten sei Aglaja ganz plötzlich aus ihrem Zimmer, das im oberen Stock lag, die Treppe heruntergerast und auf die Terrasse gelaufen – alles das in einer solchen Eile, daß sie ihre verweinten Augen nicht einmal zu verbergen gesucht habe, und zwar deshalb, weil – Koljä mit einem Igel erschienen war. Alle hatten sich alsbald um den Igel versammelt und ihn interessiert betrachtet. Auf ihre Fragen habe Koljä erklärt, daß der Igel nicht ihm gehöre; er, Koljä, sei mit seinem Freunde, dem Gymnasiasten Kostjä Lebedeff, der unten auf der Straße auf ihn warte (dieser hatte sich geniert, einzutreten, da er ein Beil trug), sei also mit diesem Kostjä Lebedeff gegangen, und unterwegs hätten sie von einem Bauern, der ihnen begegnet, den Igel für fünfzig Kopeken gekauft, und dann hätten sie ihn noch beredet, ihnen auch das Beil zu verkaufen, denn es wäre doch eine gute Gelegenheit und ein sehr gutes Beil gewesen. Da habe Aglaja plötzlich den Koljä flehentlich zu bitten begonnen, ihr den Igel zu verkaufen, ja, sie habe sogar „lieber, lieber Koljä“ zu ihm gesagt, doch Koljä habe lange nicht eingewilligt, endlich aber habe er sich erweichen lassen und Kostjä Lebedeff gerufen, der dann auch mit seinem Beil erschienen und sehr verlegen gewesen sei. Da aber hatte es sich dann plötzlich herausgestellt, daß der Igel gar nicht ihnen, sondern einem dritten Jungen gehörte, einem gewissen Petroff, der ihnen Geld gegeben hatte, damit sie ihm Schlossers „Weltgeschichte“ von irgendeinem vierten Jungen, der das Werk infolge Geldmangels billig abgab, kaufen sollten; sie aber hatten nun, statt Schlossers „Weltgeschichte“, unterwegs diesen Igel gekauft, da sie beide der Versuchung nicht hatten widerstehen können: folglich aber gehörten der Igel und das Beil jenem dritten Jungen, dem sie sie nun an Stelle der Weltgeschichte zu überbringen im Begriff gewesen waren! Doch Aglaja habe nicht nachgelassen und immer dringender gebeten, bis die Jungen sich zum Verkauf des Igels entschlossen hätten. Hierauf habe Aglaja den Igel sogleich mit Koljäs Hilfe in ein Körbchen eingepackt und mit einer Serviette hübsch zugedeckt. Und dann habe sie Koljä gebeten, „sogleich, unverzüglich, ohne sich irgendwo aufzuhalten“, dieses Körbchen dem Fürsten zu bringen, mit der Bitte, es in ihrem Namen als „Beweis ihrer größten Hochachtung empfangen zu wollen“. Koljä habe mit Freuden eingewilligt, habe aber sogleich, naseweis wie er war, zu fragen begonnen, was denn dieser Igel und ein solches Geschenk überhaupt für eine Bedeutung habe. Aglajas Antwort sei gewesen, daß das nicht seine Sache sei und ihn somit nichts angehe. Hierauf habe Koljä geäußert, daß seiner Überzeugung nach der Igel unbedingt ein Symbol sein müsse. Darüber habe sich Aglaja geärgert und ihm gesagt, er sei ein „dummer Bengel und weiter nichts“. Doch Koljä, der auch nicht auf den Mund gefallen sei, habe sofort entgegnet, daß er, wenn er in ihr nicht das Weib und überdies seine Überzeugungen achtete, ihr unverzüglich beweisen würde, daß er auf eine solche Beleidigung zu entgegnen wisse. Geendet habe der Streit aber doch damit, daß Koljä strahlend mit dem Igel abgezogen sei, gefolgt von dem gleichfalls strahlenden Kostjä Lebedeff. Als jedoch Aglaja, die ihnen nachgeschaut, bemerkt hatte, daß Koljä den Korb schaukelte, habe sie ihm von der Terrasse fast ängstlich nachgerufen: „Koljä, Täubchen, bitte, werfen Sie den Igel nicht heraus!“ ganz als hätte sie sich durchaus nicht soeben noch mit ihm gezankt. Und da sei denn Koljä stehengeblieben und habe ebenso freundlich, d. h. gleichfalls so, als wäre nichts Böses vorgefallen, und mit der größten Bereitwilligkeit, zurückgerufen: „Nein, ich werde ihn nicht herauswerfen, Aglaja Iwanowna. Sie können ganz ruhig sein!“ worauf er seinen Weg eilig und freudig fortgesetzt hatte. Aglaja aber habe entsetzlich zu lachen begonnen und sei äußerst zufrieden in ihr Zimmer zurückgekehrt und überhaupt den ganzen Tag überaus lustig gewesen.
Lisaweta Prokofjewna war wie betäubt. Doch im Grunde genommen: was war denn schließlich so Ungeheuerliches geschehen? Nichtsdestoweniger erreichte ihre Unruhe die äußerste Grenze. Die Hauptsache war – der Igel! Was bedeutet ein Igel? Was sollte dieses Geschenk? Was sollte das, was hieß das, was war darunter zu verstehen?! Zum Unglück mußte Iwan Fedorowitsch, der gerade zugegen war, durch seine Antwort die Sache noch beängstigend verschlimmern. Seiner Meinung nach war hier „gar nichts darunter zu verstehen, ein Igel ist ein Igel und weiter nichts – höchstens, daß er noch Freundschaft bedeutet, vergessene Kränkung, Versöhnung und so weiter, kurz und gut, das Ganze ist doch nur ein Scherz, jedenfalls aber ein unschuldiger und verzeihlicher.“
Nebenbei bemerkt – er hatte alles vollkommen richtig erraten. Der Fürst war, nachdem er von Aglaja verspottet und beschimpft und fast hinausgeworfen worden, nach Hause zurückgekehrt, und hatte wohl über eine halbe Stunde in einer düsteren, fast verzweifelten Stimmung verbracht – als plötzlich Koljä mit dem Igel im Körbchen erschien. Da klärte sich der Himmel im Augenblick auf: der Fürst schien förmlich von den Toten aufzuerstehen, überschüttete Koljä mit Fragen, hing an seinen Lippen, fragte wieder und nochmals, so daß Koljä dem Inhalte nach wohl zehnmal ein und dasselbe erzählte. Der Fürst war selig wie ein Kind und blickte mit sonnigen Augen die Knaben an, die auch ihn mit lachenden Blicken betrachteten und die seinen Händedruck – er dankte unzählige Male – ebenso froh und von Herzen erwiderten. Aglaja hatte ihm also verziehen! und nun konnte er wieder zu ihr gehen! konnte noch an diesem Abend hingehen! das aber war doch die Hauptsache – mehr verlangte er ja gar nicht!
„Was für Kinder wir doch noch sind, Koljä! und ... und ... wie gut das doch ist, daß wir solche Kinder sind!“ rief er zu guter Letzt ganz begeistert aus.
„Ach, ganz einfach, sie ist in Sie verliebt, Fürst, und das ist alles!“ versetzte Koljä überzeugt.
Der Fürst wurde feuerrot, sagte aber diesmal kein Wort, während Koljä schallend auflachte und vor Freude in die Hände klatschte. Nach einer Weile lachte auch der Fürst, dann aber blickte er alle fünf Minuten nach der Uhr, um zu sehen, ob noch viel Zeit bis zum Abend sei und ob er nicht schon hingehen könne.
Bei Jepantschins aber war es zu Ende mit der Kaltblütigkeit: Lisaweta Prokofjewna war mehr als nervös, war geradezu hysterisch erregt und ließ, ungeachtet der Einwendungen ihres Gatten und der beiden älteren Schwestern, Aglaja sogleich zu sich rufen, um von ihr eine „endgültige, klare Antwort zu erhalten, damit das endlich einmal aufhört und man die Geschichte ein für allemal vom Halse hat, denn sonst – bin ich noch vor dem Abend tot, einfach tot!“
Wie groß aber war ihre Verwunderung, von Aglaja nichts anderes zu hören, als – nach scheinbarem Erstaunen – Ausdrücke des Unwillens, sowie spöttische Bemerkungen und Gelächter über den Fürsten und über „dieses ganze Verhör“. Lisaweta Prokofjewna legte sich halb krank zu Bett und stand erst zum Tee wieder auf, da sie den Fürsten erwartete. Als dieser dann auch endlich erschien, konnte sie sich kaum noch beherrschen vor innerer Unruhe.
Schüchtern, fast ganz verzagt, trat der Fürst ein, mit einem seltsamen Lächeln im Gesicht und einem noch seltsameren Blick, mit dem er jedem in die Augen sah, und der fragen zu wollen schien, weshalb denn – Aglaja nicht im Zimmer war. Das hatte ihn sogleich erschreckt. Es war an diesem Abend niemand außer der Familie anwesend. Fürst Sch. weilte in Petersburg, da ihm und Jewgenij Pawlowitsch der Skandal, den der Tod von dessen Onkel hervorgerufen, immer noch viel zu schaffen machte. „Wenn doch Fürst Sch. jetzt hier wäre, der könnte wenigstens ein Gespräch anknüpfen!“ dachte Lisaweta Prokofjewna ganz verzweifelt. Iwan Fedorowitsch saß mit einer äußerst besorgten Miene da und wußte offenbar nichts zu reden; zum Unglück schwiegen auch die Schwestern und machten ernste Gesichter. „Mein Gott, wovon soll man sprechen!“ dachte Lisaweta Prokofjewna, ohne einen rettenden Gedanken zu finden. Schließlich nahm sie sich energisch zusammen, erzählte kurz, daß sie in Petersburg gewesen sei, und sprach dann sehr abfällig über die Eisenbahn, worauf sie mit entschiedener Herausforderung den Fürsten anblickte.
Doch wehe, Aglaja kam noch immer nicht, und der Fürst verlor seinen letzten Mut. Kaum verständlich, fast stotternd äußerte er „auch seine Meinung“, daß eine Verbesserung der Bahn sicherlich sehr nützlich wäre, doch plötzlich hielt es Adelaida nicht aus und lachte hell auf. Da war der Fürst wieder wie vernichtet. In diesem Augenblick erschien Aglaja. Ruhig und vornehm und etwas zeremoniell erwiderte sie den Gruß des Fürsten, nahm feierlich den sichtbarsten Platz am runden Tisch ein und blickte fragend den Fürsten an. Alle begriffen, daß jetzt der Augenblick der Entscheidung gekommen war.
„Haben Sie meinen Igel erhalten?“ fragte sie mit fester Stimme, fast böse.
„Ja, ich habe ihn erhalten,“ antwortete der Fürst, indem er errötete und kaum zu atmen wagte.
„Haben Sie dann die Güte, mir sofort zu erklären, was Sie darüber denken. Das ist zur Beruhigung meiner Mutter und der ganzen Familie unbedingt erforderlich.“
„Hör’ mal, Aglaja ...“ stotterte der General beunruhigt.
„Das, das geht ja über alle Grenzen!“ rief Lisaweta Prokofjewna erschrocken.
„Hier handelt es sich nicht um Grenzen, Mama,“ versetzte das Töchterchen sogleich in strengem Tone. „Ich habe – und das ist alles – heute dem Fürsten einen Igel gesandt und will nun die Ansicht des Fürsten hören. Also bitte, Fürst, reden Sie jetzt.“
„Das heißt, was für eine Ansicht, Aglaja Iwanowna?“
„Über den Igel.“
„Das heißt, ich denke, Aglaja Iwanowna, Sie wollen erfahren wie ich ... den Igel empfangen ... oder ... ich wollte sagen, wie ich diese Zusendung ... des Igels ... aufgefaßt habe ... In dem Fall muß ich gestehen, daß ich ... mit einem Wort, daß ich ...“
Er verwirrte sich rettungslos und verstummte.
„Nun, viel haben Sie nicht gesagt,“ meinte Aglaja, nachdem sie noch eine Weile gewartet hatte. „Aber gut, ich gebe mich damit zufrieden, lassen wir den Igel. Es freut mich sehr, daß ich endlich Gelegenheit habe, alle diese Mißverständnisse, die sich hier aufgehäuft haben, beseitigen zu können. Gestatten Sie also, endlich von Ihnen persönlich zu erfahren: bewerben Sie sich um meine Hand oder nicht?“
„Großer Gott!“ entfuhr es der Generalin.
Der Fürst zuckte zurück, wie von einem Schlage getroffen; Iwan Fedorowitsch erstarrte; die Schwestern zogen mißbilligend die Brauen zusammen.
„Lügen Sie nicht, Fürst, sagen Sie die volle Wahrheit. Ich muß mir Ihretwegen die seltsamsten Verhöre gefallen lassen. Haben diese Verhöre nun irgendeine Berechtigung: das ist es, was ich wissen will. Nun!“
„Ich habe nicht um Ihre Hand geworben, Aglaja Iwanowna,“ sagte der Fürst, plötzlich wieder zu sich kommend. „Aber ... Sie wissen, wie ich Sie liebe und an Sie glaube ... sogar jetzt ...“
„Ich frage Sie: werben Sie um mich oder nicht?“
„Ich ... werbe um Sie,“ sagte der Fürst leise.
Es folgte eine allgemeine Bewegung.
„Aber, mein Freund, das geht doch nicht so!“ stammelte Iwan Fedorowitsch, nicht wenig erregt. „Das ... das ist fast unmöglich, wenn es so ist, Aglaja ... Verzeihen Sie, Fürst, verzeihen Sie, mein Lieber! ... Lisaweta Prokofjewna!“ wandte er sich hilfesuchend an seine Gattin, „hier müßte man doch vor allen Dingen versuchen, dachte ich, den Sachverhalt zu ... begreifen ...“
„Ich weigere, ich weigere mich, zu begreifen!“ rief Lisaweta Prokofjewna, mit beiden Händen abwehrend.
„Erlauben Sie, maman, daß auch ich zu Wort komme. Habe ich doch in dieser Angelegenheit wohl auch etwas zu bedeuten! Der entscheidende Augenblick meines Schicksals naht heran“ (Aglaja drückte sich buchstäblich so aus) „und daher will ich alles vorher genau feststellen. Es freut mich, daß es in Gegenwart aller geschieht ... Gestatten Sie also, Fürst, die Frage: wenn Sie solche Absichten hegen, womit gedenken Sie dann mein Glück zu begründen?“
„Ich weiß nicht, wirklich ... ich weiß nicht, Aglaja Iwanowna, was ich Ihnen sagen soll; hier ... hier ... Was soll man denn darauf antworten? Ja und ... ist es denn überhaupt nötig?“
„Sie scheinen verwirrt, befangen, außer Atem zu sein, erholen Sie sich ein wenig, und sammeln Sie Ihre Kräfte; trinken Sie ein Glas Wasser; übrigens wird man Ihnen sogleich Tee reichen.“
„Ich liebe Sie, Aglaja Iwanowna, ich liebe Sie sehr, ich liebe nur Sie allein und ... scherzen Sie, bitte, nicht, ich habe Sie sehr, sehr lieb.“
„Aber, einstweilen, – es ist das doch eine wichtige Sache, wir sind keine Kinder, und man muß ernstlich ... nun, ich meine: einstweilen haben Sie die Güte, sich jetzt die Mühe zu nehmen, mir Ihre Vermögensverhältnisse zu erklären.“
„Aber ... aber, Aglaja! Was fällt dir ein! Das geht doch nicht so, das geht doch nicht ...“ stotterte Iwan Fedorowitsch geradezu angstvoll.
„Diese Schmach!“ stieß Lisaweta Prokofjewna hervor.
„Sie ist verrückt!“ sagte Alexandra Iwanowna laut.
„Vermögen ... das heißt Geld, wieviel Geld ich besitze?“ fragte der Fürst verwundert.
„Genau das.“
„Ich ... ich habe ... ich besitze noch hundertfünfunddreißigtausend Rubel,“ sagte der Fürst leise, indem er errötete.
„Nu–ur?“ wunderte sich Aglaja ganz offen, ohne ihrerseits auch nur im geringsten zu erröten. „Übrigens, tut nichts; wenn man ökonomisch lebt ... Beabsichtigen Sie, in den Staatsdienst zu treten?“
„Ich hatte die Absicht, ein Examen als Lehrer abzulegen ...“
„Sehr vernünftig; das würde unsere Mittel natürlich um ein Bedeutendes vermehren. Sie beabsichtigen also nicht, Kammerjunker zu werden?“
„Kammerjunker? Das habe ich mir noch nie vorgestellt, aber ... aber ...“
Doch hier konnten sich die Schwestern nicht mehr bezwingen und brachen in schallendes Gelächter aus. Adelaida hatte am Zucken der Mundwinkel Aglajas erraten, daß sie selbst kaum noch ernst zu bleiben vermochte.
Aglaja blickte die Lachenden im ersten Augenblick drohend an, doch schon nach einer Sekunde brach sie selbst in das unbändigste, in ein krankhaft unbezwingbares Lachen aus, sprang dann plötzlich auf und lief aus dem Zimmer.
„Ich wußte ja, daß es von ihr nichts als Scherz war!“ rief Adelaida immer noch lachend, „schon vom Igel an!“
„Nein, das ist aber doch empörend, nein, das dulde ich nicht, das dulde ich auf keinen Fall!“ fuhr Lisaweta Prokofjewna zornig auf und ging eilig ihrer Tochter nach.
Ihr folgten sogleich auch die Schwestern. Im Zimmer blieben nur der Fürst und Iwan Fedorowitsch zurück.
„Das, das ... hättest du dir so etwas denken können, Lew Nikolajewitsch?“ rief der General, offenbar ohne selbst zu wissen, was er sagen wollte. „Nein, im Ernst, sag’ vollkommen im Ernst?“
„Ich sehe, daß Aglaja Iwanowna sich über mich lustig gemacht hat,“ sagte der Fürst tief niedergeschlagen.
„Wart, mein Freund, ich werde sogleich hingehen, du aber, bleib hier ... denn ... – So erklär’ doch du mir wenigstens, Lew Nikolajewitsch: wie ist denn das alles gekommen und was hat das alles zu bedeuten? Du siehst doch ein, mein Bester, ich bin doch – der Vater. Und als Vater muß ich doch auch etwas wissen, daher erkläre du mir doch wenigstens – denn, nicht wahr, das geht doch nicht so!“
„Ich liebe Aglaja Iwanowna. Ich weiß es und ... ich glaube, sie weiß es schon lange.“
Der General zog die Schultern in die Höhe.
„Sonderbar, höchst sonderbar! ... Und du liebst sie sehr?“
„Ich liebe sie ... sehr.“
„Hm, sonderbar ... tja, aber was ist da zu machen? Ich gestehe, das ist mir eine solche Überraschung, solch ein Schlag geradezu, daß ... Sieh mal, mein Lieber, ich rede nicht vom Vermögen, – obschon ich, wenn ich ehrlich sein soll, gedacht hätte, daß dir mehr übriggeblieben sei – aber ... es handelt sich für mich hier nur um das Glück meiner Tochter ... und deshalb ... bist du nun auch fähig, sozusagen, dieses Glück ... zu begründen – das möcht’ ich nur wissen? Und ... und ... was ist das schließlich: Scherz oder Ernst? Das heißt, nicht deinerseits, sondern, versteht sich, nur ihrerseits?“
Aus dem Nebenzimmer ertönte Alexandras Stimme: sie rief den Papa.
„Wart’, mein Freund, wart’! Bleib hier und überleg’ dir die Sache, ich werde im Augenblick ...“ sagte er in aller Eile, indem er fast erschrocken dem Ruf Alexandras folgte.
Doch was er im Nebenzimmer vorfand, hatte er eigentlich nicht erwartet: seine Frau und seine Tochter Aglaja saßen eng umschlungen und vergossen beide Tränen. Es waren Tränen der Freude, der Rührung und der Versöhnung. Aglaja küßte der Mutter die Hände, die Wangen, die Lippen, und beide preßten sie sich eng, eng aneinander.
„Nun sieh, da hast du sie, Iwan Fedorowitsch, so ist sie jetzt!“ sagte Lisaweta Prokofjewna.
Aglaja wandte ihr glückliches, ganz verweintes Gesichtchen, das sie an der Brust der Mutter verborgen hatte, dem Papa zu, schaute ihn an und lachte laut auf. Im nächsten Augenblick war sie schon aufgesprungen, lag an seiner Brust, umarmte ihn krampfhaft und küßte ihn mehrmals. Und im allernächsten Augenblick saß sie wieder auf dem Schoß der Mutter, und verbarg an deren Brust ihr Gesicht, damit niemand sie sähe, und wieder weinte sie herzbrechend. Lisaweta Prokofjewna streichelte sie zärtlich und bedeckte sie mit dem einen Ende ihres Schals.
„Nun, was, was tust du jetzt mit uns, du grausames Mädchen, das du nach alldem bist, pfui!“ sagte sie mit mütterlichem Vorwurf, doch klang es bereits wie aus innerer Freude gesprochen, als sei ihr eine wahre Last vom Herzen gefallen und als könne sie leichter atmen.
„Grausam! Ja! Grausam!“ griff plötzlich Aglaja heftig das Wort auf. „Einfach ein Scheusal! Verzogen! Eigensinnig! Sagen Sie das Papa. Ach, er ist ja hier. Papa, sind Sie noch hier? Hören Sie?“ lachte sie wieder unter Tränen.
„Mein kleiner Liebling, mein Herzenskind!“ Der General strahlte vor Glück und küßte ihre Hand, die Aglaja, nebenbei bemerkt, nicht fortzog. „Dann liebst du also diesen jungen Mann? ...“
„O pfui, gar nicht! Ich kann ihn nicht ausstehen ... euren jungen Mann, ich hasse ihn einfach!“ brauste Aglaja plötzlich wild auf, und sie erhob wieder den Kopf. „Und wenn Sie, Papa, noch einmal wagen ... Ich sage es im Ernst, hören Sie: im Ernst!“
Und sie sprach es auch wirklich vollkommen im Ernst: sie wurde ganz rot dabei, und ihre Augen blitzten auf. Der Papa schwieg erschrocken, doch Lisaweta Prokofjewna gab ihm über Aglajas Köpfchen hinweg einen Wink, den er als „Nicht ausfragen!“ ganz richtig verstand.
„Wenn es so ist, mein Engel, dann natürlich – wie du willst ... das hängt nur von dir ab. Aber er wartet jetzt dort allein – sollte man ihm nicht andeutungsweise zu verstehen geben, daß er sich verabschieden könnte?“
Der General gab nun wiederum seinerseits Lisaweta Prokofjewna einen Wink.
„Nein, nein, das ist gar nicht nötig, und erst recht nicht so ... andeutungsweise. Geht nur zu ihm hinein, alle, alle, ich komme dann nach, gleich nach euch. Ich will diesen ... jungen Mann um Verzeihung bitten, ich habe ihn gekränkt.“
„Und unverzeihlich gekränkt!“ bekräftigte Iwan Fedorowitsch sehr ernst.
„Nun dann ... bleibt lieber alle hier, und ich werde zuerst allein zu ihm gehen, ihr aber müßt dann sogleich nachkommen, in derselben Sekunde noch, so wird es besser sein.“
Sie ging zur Tür, hatte den Griff bereits in der Hand, doch plötzlich wandte sie sich wie hilflos wieder zurück.
„Ich werde lachen! Ich werde sterben vor Lachen!“ klagte sie traurig.
Doch im selben Augenblick klinkte sie auch schon plötzlich die Tür auf und lief hinein – zum Fürsten.
„Nun, was hat das zu bedeuten? Was meinst du?“ flüsterte Iwan Fedorowitsch hastig seiner Gattin zu.
„Ich fürchte, es auch nur auszusprechen,“ antwortete Lisaweta Prokofjewna ebenso, „aber meiner Ansicht nach ist es doch klar ...“
„Auch meiner Ansicht nach ist es klar. Klar wie der Tag. Sie liebt.“
„Sie liebt nicht nur, sie ist sogar verliebt!“ äußerte sich Alexandra Iwanowna. „Nur in wen, fragt es sich?“
„Gott segne sie, wenn das ihr Schicksal sein sollte!“ sagte Lisaweta Prokofjewna und bekreuzte sich andächtig.
„Dann ist nichts mehr zu wollen,“ meinte der General, „seinem Schicksal entgeht keiner.“
Und alle begaben sich ins Empfangszimmer, um den Fürsten und Aglaja nicht allein zu lassen. Doch siehe, dort harrte ihrer eine neue Überraschung.
Aglaja hatte nicht etwa zu lachen begonnen, als sie sich dem Fürsten genähert, sondern hatte ihm fast schüchtern die Hand gereicht und gesagt:
„Verzeihen Sie dem dummen, schlechten, verzogenen Mädchen, und seien Sie überzeugt, daß wir Sie alle unendlich achten. Und wenn ich gewagt habe, Ihre prächtige ... gute Treuherzigkeit zu verspotten, so verzeihen Sie es mir, wie man einem Kinde eine Unart verzeiht. Verzeihen Sie, daß ich auf einer Unmöglichkeit bestand, die natürlich nicht die geringsten Folgen haben kann ...“
Die letzten Worte sprach Aglaja dabei mit besonderem Nachdruck.
Der Vater, die Mutter und die Schwestern waren noch rechtzeitig eingetreten, um diese letzten Worte zu hören, und sowohl deren Bedeutung wie die ernste Miene Aglajas kamen ihnen so unerwartet, daß sie sich erstaunt und fragend ansahen. Nur der Fürst schien den Sinn der Worte nicht begriffen zu haben.
„Weshalb reden Sie so,“ stammelte er überglücklich, „weshalb ... bitten Sie um Verzeihung ...“
Er wollte noch sagen, daß er gar nicht wert sei, um Verzeihung gebeten zu werden. Doch – wer kann es wissen – vielleicht hatte er den Sinn der letzten Worte sehr wohl begriffen, als sonderbarer Mensch aber sich vielleicht sogar auch über diesen Sinn gefreut? Zweifellos war es für ihn schon der Gipfel der Glückseligkeit, daß er jetzt unbehindert Aglaja würde besuchen können, daß man ihm erlauben würde, mit ihr zu reden, bei ihr zu sitzen, mit ihr spazieren zu gehen, und vielleicht hätte ihm das auch sein Leben lang genügt! (Diese Genügsamkeit war es aber gerade, die Lisaweta Prokofjewna im stillen fürchtete: sie war die einzige, die ihn erkannte. Oh, vieles fürchtete sie im geheimen, was sie vielleicht selbst kaum auszusprechen verstanden hätte!)
Es ist schwer, sich vorzustellen, in welch einem Maße sich der Fürst an diesem Abend belebte. Er sprühte förmlich und war von einem Feuer erfüllt, daß man, ob man wollte oder nicht, sich gleichfalls begeistert fühlte – wie später Aglajas Schwestern erzählten. Er kam zum erstenmal nach jenem Vormittag, den er vor sechs Monaten bei Jepantschins verbracht hatte, wieder ins Reden, denn seit seiner Rückkehr nach Petersburg war er ersichtlich schweigsam und zurückhaltend gewesen. Zu Fürst Sch. hatte er einst gesagt – es war an jenem Abend, an dem sie nachher zum Konzert gegangen waren –, daß er sich bezwingen und schweigen müsse, weil er nicht das Recht habe, seine Gedanken zu erniedrigen, indem er dieselben ungeschickt ausspräche. Heute aber war er es allein, der den ganzen Abend über sprach; er erzählte viel, und wenn hin und wieder Fragen an ihn gestellt wurden, dann antwortete er klar und ausführlich und mit sichtlicher Freude. Doch von Liebe war mit keinem Wort mehr die Rede, wie auch sonst nichts an ihm Verliebtheit verriet. Es waren alles so ernste Dinge, von denen er sprach, mitunter äußerte er sogar so tiefe Gedanken, und legte einige seiner Anschauungen, seiner eigenen geheimen Beobachtungen dar, daß das Ganze vielleicht lächerlich gewirkt hätte, wenn es von ihm aus nicht so „vorzüglich klar gemacht“ worden wäre, wie sich später seine Zuhörer äußerten. Der General hatte zwar sonst ernste Unterhaltungen sehr gern, doch diesmal fand im geheimsten Innern auch er, ganz wie die Generalin, daß es denn doch etwas „zu viel des Ernstes und der Philosophie“ war, so daß sie zum Schluß beide ganz traurig und nachdenklich wurden. Übrigens war der Fürst zu guter Letzt so animiert, daß er noch ein paar köstliche Anekdoten zum besten gab, über die er selbst so ausgelassen lachen konnte, daß die anderen schon bei seinem Anblick mitlachen mußten. Aglaja dagegen sprach fast den ganzen Abend über kein Wort, dafür aber hing sie förmlich an den Lippen des Fürsten, keine Silbe entging ihr, die er sprach, und keinen Blick wandte sie von ihm ab.
„Und wie sie ihn ansah! Sie verschlang ihn ja förmlich mit den Augen, als ob ihr kein Buchstabe entgehen dürfte,“ sagte Lisaweta Prokofjewna später zu ihrem Gatten. „Sagst du ihr aber, daß sie liebt, dann trage nur schnell alle Heiligen hinaus!“
„Tja, da läßt sich nichts ändern – Schicksal!“ meinte der General achselzuckend. Und das war nicht das letztemal, daß er dieses Wort gebrauchte. Es muß hier bemerkt werden, daß ihm als General und Geschäftsmann sehr vieles an dem vorläufigen Stand der Dinge mißfiel, so vor allem die Unklarheit. Doch beschloß er trotzdem, „bis dahin“ noch zu schweigen und ... lieber seiner Lisaweta Prokofjewna in die Augen zu schauen.
Leider hielt die frohe Stimmung der Familie nicht lange an. Schon am nächsten Tage verfeindete sich Aglaja mit dem Fürsten, versöhnte sich dann zwar wieder mit ihm, doch – auf wie lange? Am anderen Tage begann sie von neuem zu streiten. Oft machte sie sich stundenlang über ihn lustig und stellte ihn fast als Narren hin, oft aber saßen sie wiederum stundenlang in der Laube des Blumengartens ihrer Villa, doch konnten die anderen dann immer nur sehen, daß der Fürst ihr fast die ganze Zeit aus irgendeinem Buch oder einer Zeitung vorlas.
„Wissen Sie,“ unterbrach ihn Aglaja einmal beim Zeitunglesen, „es ist mir aufgefallen, daß Sie entsetzlich ungebildet sind: nichts wissen Sie genau, wenn man Sie etwas fragt, weder wer es gerade war, noch genau in welchem Jahre, noch nach welchem Vertrag oder Friedensschluß. Sie sind ein sehr kläglicher Mensch.“
„Ich habe Ihnen gesagt, daß ich nicht gelehrt bin,“ antwortete der Fürst einfach.
„Was ist denn eigentlich an Ihnen? Wie kann ich Sie dann noch achten? Lesen Sie weiter. Doch nein, nicht nötig, hören Sie auf!“
Am Abend dieses Tages geschah ihrerseits wiederum etwas sehr Sonderbares, daß allen ein Rätsel aufgab. Fürst Sch. war aus Petersburg gekommen und Aglaja war sehr freundlich zu ihm, sie fragte ihn sogar nach Jewgenij Pawlowitsch. (Fürst Lew Nikolajewitsch war noch nicht erschienen.) Da machte Fürst Sch. ganz harmlos die Bemerkung, daß „im Hinblick auf das Bevorstehende“ Adelaidas Hochzeit wohl wieder hinausgeschoben werden müsse, damit beide Trauungen an einem Tage stattfänden. Kaum aber hatte er es ausgesprochen, als plötzlich Aglaja purpurrot wurde und sich heftig „alle diese dummen Vermutungen“ verbat, sie habe durchaus nicht die Absicht, irgendwelche Mätressen durch ihre Person zu ersetzen.
Diese Bemerkung stieß natürlich alle Anwesenden furchtbar vor den Kopf. Lisaweta Prokofjewna war zuerst sprachlos, bestand aber dann später, als sie sich mit ihrem Mann unter vier Augen befand, bedingungslos auf einer ernsten Aussprache mit dem Fürsten betreffs Nastassja Filippowna, was Iwan Fedorowitsch als Vater einfach für seine Pflicht ansehen müsse.
Iwan Fedorowitsch schwor bei allem, was ihm heilig war, daß es wohl nur ein „unbegründeter Ausfall Aglajas gewesen und einzig auf ihre Verlegenheit zurückzuführen“ sei; daß sie, wenn Fürst Sch. nicht diese Anspielung gemacht hätte, nie und nimmer so etwas gesagt haben würde, denn sie wisse es selbst nur zu gut, daß dieses ganze Gerücht nichts als eine Verleumdung von seiten ihnen übelwollender Leute sei und daß Nastassja Filippowna Rogoshin heiraten werde; daß der Fürst in der Beziehung nichts mit ihr zu schaffen habe – derlei könne man ihm weder jetzt nachsagen, noch habe man es früher jemals sagen können: „von diesen Dingen liegt nichts, aber auch nichts zwischen ihnen vor, wenn du nun schon einmal die ganze Wahrheit wissen willst.“
Fürst Lew Nikolajewitsch selbst ließ sich durch nichts verwirren und fuhr fort, ungetrübt selig zu sein. Oh, auch er bemerkte mitunter etwas gleichsam Düsteres und Ungeduldiges in Aglajas Augen, doch nachdem er einmal an sie zu glauben begonnen, konnte diesen Glauben nichts mehr erschüttern. Vielleicht aber war er dennoch etwas gar zu ruhig; wenigstens äußerte sich auch Hippolyt in dem Sinne, als er ihm einmal zufällig im Park begegnete.
„Na, hab’ ich damals nicht recht gehabt, als ich Ihnen sagte, daß Sie verliebt seien?“ begann er ohne weiteres, indem er auf den Fürsten zutrat und ihn aufhielt.
Der Fürst reichte ihm die Hand und gratulierte zum „guten Aussehen“. Hippolyt sah in der Tat viel wohler aus, was ja bei Schwindsüchtigen bekanntlich oft vorkommt.
Er war eigentlich nur in der Absicht an den Fürsten herangetreten, um ihm wegen seiner glücklichen Stimmung etwas Gehässiges zu sagen, doch wie gewöhnlich begann er schon nach den ersten Worten, von sich selbst zu sprechen. Er hatte über vieles zu klagen, was er denn auch ziemlich lange und ziemlich unzusammenhängend tat.
„Sie glauben nicht,“ fuhr er fort, „bis zu welch einem Grade sie dort alle reizbar, kleinlich, egoistisch, ehrgeizig und ordinär sind! Werden Sie es zum Beispiel für möglich halten, daß sie mich nur unter der Voraussetzung genommen haben, daß ich bald sterbe? Und da sind sie jetzt alle wütend darüber, daß ich noch immer nicht sterbe und mich im Gegenteil besser fühle. Die reine Komödie! Ich könnte wetten, daß Sie mir das nicht glauben!“
Der Fürst wollte nicht widersprechen.
„Übrigens denke ich mitunter daran, wieder zu Ihnen zurückzukehren,“ fügte Hippolyt nachlässig hinzu. „So halten Sie sie also nicht für fähig dazu, einen Menschen unter der Bedingung aufzunehmen, daß er möglichst bald stirbt?“
„Ich dachte, daß sie Sie aus gewissen anderen Gründen zu sich aufgefordert hätten.“
„He–e! Sie scheinen ja durchaus nicht so einfach zu sein, wie man von Ihnen annimmt! Es ist jetzt nicht die Zeit dazu, sonst könnte ich Ihnen etwas Interessantes über Ganetschka und seine Hoffnungen mitteilen. Man will nämlich Ihr Glück untergraben, Fürst, erbarmungslos untergraben, und ... da tun Sie einem fast leid, weil Sie so ruhig sind. Doch – Sie können ja gar nicht anders!“
„Um was Sie sich Sorgen machen!“ lachte der Fürst. „Wie, wäre ich denn Ihrer Meinung nach glücklicher, wenn ich unruhiger wäre?“
„Lieber unglücklich sein und wissen, als glücklich sein und ... betrogen werden. Sie scheinen es ja überhaupt nicht für möglich zu halten, daß mit Ihnen rivalisiert wird und ... noch dazu von der Seite?“
„Ihre Worte sind ein wenig zynisch, Hippolyt; es tut mir leid, daß ich nicht das Recht habe, Ihnen hierauf zu antworten. Was jedoch Gawrila Ardalionytsch betrifft, so werden Sie wohl selbst zugeben, daß es etwas viel verlangt wäre, wollte man von ihm nach allem, was er verloren hat, noch völlige Ruhe fordern. Ich nehme an, daß Sie wenigstens zum Teil darüber unterrichtet sind, was er durchgemacht hat? Jedenfalls scheint es mir besser, das Verhältnis von diesem Standpunkte aus zu betrachten. Er wird sich noch ändern, ihm steht noch ein langes Leben bevor, und das Leben ist reich ... doch übrigens ... übrigens ... was das Untergraben betrifft ... ich verstehe nicht einmal, wovon Sie reden ... Brechen wir lieber dieses Gespräch ab, Hippolyt.“
„Schön, vorläufig. Zudem können Sie es auch nicht gut mit Ihrem Edelmut vereinigen. Sie, Fürst, Sie müssen alles immer selbst mit den Fingern befühlt haben, bevor Sie etwas glauben, ha–ha! Verachten Sie mich jetzt sehr?“
„Weshalb das? Weil Sie mehr als wir gelitten haben und leiden?“
„Nein, deshalb, weil ich dieses Leidens unwürdig bin.“
„Wer mehr gelitten hat, der ist es auch würdig gewesen, mehr zu leiden. Als Aglaja Iwanowna Ihre Beichte gelesen hatte, wollte sie Sie sehen, aber ...“
„Sie schob es auf ... sie darf nicht, ich verstehe, verstehe ...“ unterbrach ihn Hippolyt, als wolle er schnell von diesem Thema ablenken. „Ach, apropos, man sagt, Sie hätten ihr diese ganze Litanei vorgelesen ... Ach was, das Ganze ist doch nur im Fieber geschrieben und ... ausgedacht. Ich begreife wirklich nicht, bis zu welch einem Grade man – ich will nicht sagen grausam (das wäre erniedrigend für mich), wohl aber kindisch eitel und rachsüchtig sein muß, um mir diese Beichte gewissermaßen zum Vorwurf machen zu können und sie gegen mich, den Verfasser, als Waffe zu benutzen! Beunruhigen Sie sich nicht, das war nicht auf Sie gemünzt ...“
„Es tut mir leid, daß Sie sich von dieser Beichte lossagen, Hippolyt, sie ist aufrichtig geschrieben, und wissen Sie, selbst die lächerlichsten Stellen – und deren gibt es viele –“ (Hippolyt runzelte wütend die Stirn) „sind mit Schmerzen bezahlt ... denn dieses Gestehen ist auch schmerzhaft gewesen und ... vielleicht hat dazu eine große Mannhaftigkeit gehört. Der Gedanke, der Sie dazu bewogen hat, hat zweifellos einen edlen Ursprung gehabt, gleichviel was andere da sagen. Je weiter alles zurücktritt, um so deutlicher sehe ich es jetzt, glauben Sie mir. Ich will Sie nicht richten, ich sage es nur, um mich auszusprechen, und weil ich es bedauere, daß ich damals schwieg ...“
Hippolyt wurde rot. Im Augenblick kam ihm zwar der Gedanke, daß der Fürst sich vielleicht verstelle, um ihn zu fangen, doch ein Blick auf ihn genügte, um jeden Zweifel an seiner Aufrichtigkeit zu verscheuchen. Da erhellte sich Hippolyts Gesicht.
„Was hilft das alles, sterben muß ich jetzt doch!“ sagte er, und fast hätte er noch hinzugefügt: „solch ein Mensch wie ich!“ – „Können Sie sich vorstellen, was Ganetschka mir jetzt zumutet: er hat sich gewissermaßen als Entgegnung ausgedacht, daß von jenen, die damals meine ‚Beichte‘ hörten, drei oder vier wohl noch früher sterben würden als ich! Wie finden Sie das! Und er glaubt wirklich, daß das ein Trost sei, ha–ha! Erstens sind diese Leute bis jetzt noch nicht gestorben, und zweitens, selbst wenn sie’s wären, was hätte ich denn davon? Er urteilt natürlich nach sich selbst. Übrigens geht er jetzt noch weiter, er schimpft einfach und sagt, daß ein anständiger Mensch in einem solchen Falle schweigend sterben würde, und daß das alles von mir nichts als Egoismus gewesen sei! Wie finden Sie das! Oder nein, wie finden Sie hier den Egoismus seinerseits! Wie finden Sie die Raffiniertheit, oder noch besser, die viehische Roheit der Selbstliebe dieser Leute, die sie natürlich niemals an sich selbst bemerken! ... Haben Sie gelesen, Fürst, vom Tode Stepan Gleboffs im achtzehnten Jahrhundert? Ich las zufällig gestern ...“
„Von was für einem Stepan Gleboff?“
„Der unter Peter an den Pfahl gebunden wurde!“
„Ach, mein Gott, gewiß! Er stand fünfzehn Stunden am Pfahl in der großen Kälte und starb heldenhaft; gewiß habe ich es gelesen – nun und?“
„Gibt doch Gott bisweilen solch einen Tod den Menschen – weshalb aber nicht auch mir? Sie glauben vielleicht, daß ich nicht fähig wäre, so zu sterben wie Gleboff?“
„Oh, durchaus nicht,“ sagte der Fürst verwirrt, „oder vielmehr, ich wollte nur sagen, daß Sie ... das heißt, nicht, daß Sie dem Gleboff unähnlich wären, sondern ... daß Sie ... daß Sie dann eher ...“
„Ich errate: daß ich dann eher Ostermann gewesen wäre? und nicht Gleboff – wollen Sie das damit sagen?“
„Was für ein Ostermann?“ wunderte sich der Fürst.
„Na, Ostermann, der große Diplomat Ostermann, Peters Ostermann,“ murmelte Hippolyt, plötzlich etwas verwirrt.
Es folgte eine kleine Pause, in der beide das Mißverständnis fühlten.
„Oh, n–n–nein! Ich wollte nicht das sagen,“ fuhr der Fürst langsam fort. „Sie würden, glaube ich ... niemals ein Ostermann gewesen sein.“
Hippolyt ärgerte sich und runzelte wieder die Stirn.
„Übrigens, ich sage das ja doch nur deshalb,“ verbesserte sich der Fürst schnell, „nur deshalb, weil die Menschen von damals – wirklich, es hat mich immer frappiert – sozusagen gar nicht dieselben Menschen waren, die jetzt leben. Es ist, als wären wir damals ein ganz anderes Volk gewesen, nein, wirklich, als handelte es sich um zwei ganz verschiedene Rassen ... Damals waren die Menschen gewissermaßen Menschen mit nur einer Idee, jetzt aber sind sie viel problematischer, komplizierter, sensitiver, sind Menschen mit zwei, drei Ideen zu gleicher Zeit ... Der jetzige Mensch ist ... geistig breiter – und ich schwöre Ihnen, gerade das hindert ihn, ein so einheitlicher Mensch zu sein, wie es die Menschen in jenen Jahrhunderten waren ... Ich ... ich habe das nur in dem Sinne gesagt, nicht daß ich ...“
„Ich verstehe schon. Weil Sie so naiv offen nicht mit mir einverstanden waren, wollen Sie mich jetzt trösten, ha–ha! Sie sind ein vollkommenes Kind, Fürst. Indes ... ich bemerke, daß Sie mich alle wie ... wie eine Porzellantasse behandeln. Tut nichts, tut nichts, ich ärgere mich nicht. Jedenfalls haben wir ein sehr lächerliches Gespräch geführt. Sie sind mitunter wirklich ein ganzes Kind. Wissen Sie, daß ich vielleicht auch etwas besseres sein wollte, als ein Ostermann ... für einen Ostermann lohnt es sich nicht, von den Toten aufzuerstehen. Ich sehe, daß ich möglichst bald sterben muß, denn sonst würde ich selbst ... Lassen Sie mich! Auf Wiedersehen! Doch gut, sagen Sie mir selbst, welches wäre für mich die beste Art, zu sterben, was meinen Sie? ... Damit es möglichst ... nun, sagen wir – heldenhaft geschähe? Nun, was meinen Sie!“
„Gehen Sie an uns vorüber und verzeihen Sie uns unser Glück!“ sagte der Fürst leise.
„Ha–ha–ha! Das dachte ich mir! Gerade etwas von der Art erwartete ich! Einstweilen, Sie ... Sie ... Nun ja! Weiß Gott! Schöne Phrasen! Auf Wiedersehen, auf Wiedersehen!“
VI.
Warwara Ardalionownas Mitteilung, daß man in der Villa Jepantschin zum Abend Gäste erwartete, entsprach zwar an sich vollkommen der Wahrheit, nur hatte sie sich wieder so ausgedrückt, daß Ganjä dieser Abendgesellschaft unwillkürlich eine weit größere Bedeutung zuschreiben mußte, als ihr von Rechts wegen zukam. Gewiß sah die Familie Jepantschin mit ganz unnötiger Erregung diesem Abend entgegen, nur geschah das vornehmlich deshalb, weil in dieser Familie nun einmal „alles anders als bei anderen Leuten“ geschah. Die vielleicht etwas unverständliche Hast, mit der man die Angelegenheit betrieb, fand jedoch ihre Erklärung in der Stimmung Lisaweta Prokofjewnas, die die Ungewißheit nicht länger ertragen wollte. Ihr Mutterherz zitterte für das Glück ihres Lieblings und auch der General war sehr besorgt. Hinzu kam, daß die Bjelokonskaja Petersburg bald wieder verlassen sollte, und da ihre Protektion, die sie voraussichtlich auch dem Fürsten Lew Nikolajewitsch gnädig gewähren würde, in der „hohen“ Gesellschaft viel zu bedeuten hatte, so würde, meinten die Eltern, diese Gesellschaft den etwas seltsamen Bräutigam Aglajas, falls er auch ihr seltsam erscheinen sollte, weit liebenswürdiger und nachsichtiger aufnehmen, wenn er unter dem Schutze der allmächtigen alten Fürstin stand, als wenn er diese unter seinen Gegnern hatte. Insofern war die Berechnung der Eltern sehr richtig, um so mehr, als sie selbst auf keine Weise zu entscheiden vermochten, ob nun an dieser Verlobung etwas Sonderbares war oder nicht. Daher war ihnen in diesen Tagen, in denen sich infolge von Aglajas Verhalten noch immer nichts entschieden hatte, die Meinungsäußerung maßgebender Persönlichkeiten sehr erwünscht. Und schließlich mußte der Fürst doch einmal in diese Gesellschaft, von der er sich bis jetzt überhaupt noch keinen Begriff machte, eingeführt werden. Kurzum, man hatte beschlossen, ihn vorläufig zu „zeigen“, und zu dem Zweck lud man denn zum Abend einige „Freunde des Hauses“ ein. Außer der Bjelokonskaja und einigen alten oder älteren Herren erwartete man an Damen nur noch die Gattin eines höchst einflußreichen Würdenträgers, und von jungen Leuten außer dem Fürsten – Jewgenij Pawlowitsch, den die alte Bjelokonskaja voraussichtlich mitbringen würde.
Von dem bevorstehenden Besuch der Bjelokonskaja hatte der Fürst schon drei Tage vorher gehört; daß man jedoch eine ganze Gesellschaft geben wolle, erfuhr er erst am Abend vor dem festgesetzten Tage. Natürlich war es ihm nicht entgangen, daß die Familienmitglieder ein wenig besorgt dreinschauten und daß hin und wieder kritisierende Blicke auf ihm ruhten, aus denen er sofort erriet, daß man für den Eindruck fürchtete, den er auf die Gesellschaft machen würde. Seltsamerweise war man aber bei Jepantschins ohne weiteres überzeugt, daß er in seiner Einfalt nie und nimmer erraten würde, was man für ihn fürchtete, und deshalb dachte auch niemand weder daran, diese Empfindung zu verbergen, noch ward sich jemand dessen bewußt, daß diese Empfindung überhaupt irgendwie zutage trat. Übrigens schrieb er selbst dem bevorstehenden Ereignis kaum eine Bedeutung zu; er war zu sehr mit anderem beschäftigt: Aglaja wurde von Stunde zu Stunde launischer und düstrer – das bedrückte ihn. Als er erfuhr, daß auch Jewgenij Pawlowitsch kommen würde, freute er sich sehr darüber und sagte, daß er ihn schon längst habe wiedersehen wollen. Diese Bemerkung mißfiel aus irgendeinem Grunde allen Anwesenden. Aglaja verließ sogar sichtlich geärgert das Zimmer, und erst spät am Abend, als er gegen zwölf aufbrach, wußte sie es so einzurichten, daß sie ihn ein paar Schritte begleitete und ihm bei der Gelegenheit einige Worte unter vier Augen sagen konnte.
„Ich würde wünschen, daß Sie morgen den ganzen Tag nicht zu uns kämen; erst am Abend, wenn diese – Gäste ... erscheinen, dann können Sie kommen. Sie wissen doch, daß Gäste kommen werden?“
Sie sprach sehr nervös und mit übertriebener Strenge; zum erstenmal hatte sie den Abend erwähnt. Der Gedanke daran war für sie unerträglich. Alle hatten es bemerkt. Sie hätte sich gern mit ihren Eltern darüber ausgesprochen, ihn zu verhindern gesucht, doch Stolz und Scham ließen es nicht zu. Der Fürst begriff sofort, daß sie für ihn fürchtete und selbst nicht zugeben wollte, daß sie sich fürchtete – und er erschrak sehr darüber.
„Ja, ich bin auch eingeladen,“ bemerkte er.
„Kann man denn mit Ihnen überhaupt über irgend etwas ernsthaft sprechen? Auch nur einmal im Leben?“ fuhr sie plötzlich gereizt auf, ohne zu wissen, warum, und nicht mehr fähig, länger an sich zu halten.
„Gewiß kann man das, und ich bin gern bereit, Sie anzuhören; es freut mich sehr ...“ Der Fürst verstummte.
Aglaja schwieg wieder eine Weile und begann dann mit ersichtlichem Widerwillen:
„Ich will mich mit Ihnen da nicht herumstreiten, es gibt Fälle, in denen Sie keine Vernunft annehmen. Widerwärtig sind mir die Regeln, die Mama beobachtet. Von Papa lohnt es sich überhaupt nicht zu reden, ihn fragt man gar nicht danach. Mama ist natürlich eine ehrenwerte Frau, doch vor diesem ... ‚Nichts‘ beugt sie sich! Ich spreche nicht von der Bjelokonskaja: sie ist eine alte Frau mit schlechtem Charakter, doch klug – sie versteht es vorzüglich, alle Menschen zu lenken, wie sie will, nun, und das ist wenigstens etwas. Oh, welche Niedrigkeit! Und wie lächerlich: wir sind immer Leute mittleren Standes gewesen, des allermittelmäßigsten, den es nur gibt; wozu kriechen wir da in diese ‚höheren Sphären‘? Die Schwestern gleichfalls. Fürst Sch. hat ihnen den Kopf verdreht. Warum sind Sie übrigens froh, daß Jewgenij Pawlowitsch auch da sein wird?“
„Hören Sie mich an, Aglaja,“ sagte der Fürst, „ich glaube, Sie fürchten sehr, daß ich mich morgen blamieren werde ... in dieser Gesellschaft?“
„Ich mich fürchten? Um Ihretwillen?“ fuhr Aglaja auf. „Warum soll ich mich wohl Ihretwegen fürchten, mögen Sie doch ... mögen Sie sich doch blamieren! Was geht das mich an? Wie können Sie solche Worte überhaupt gebrauchen? Was heißt das: ‚blamieren‘? Das ist ein gemeines Wort.“
„Das ist ein ... Ausdruck von der Schule her.“
„Einerlei, ein Schulausdruck! Ein gemeines Wort ist es! Sie haben wohl die Absicht, morgen nur solche Worte zu gebrauchen? Suchen Sie doch zu Hause in Ihrem Lexikon nach, ob Sie noch solche Worte finden: das wird sicher Effekt machen. Schade, daß Sie verstehen, gut einzutreten. Wo haben Sie das eigentlich gelernt? Ich glaube, Sie verstehen sogar, anständig eine Tasse Tee zu trinken, selbst dann, wenn alle Sie absichtlich beobachten?“
„Ich denke, daß ich es verstehe.“
„Das ist schade: sonst könnte ich Sie sicher auslachen. Zerschlagen Sie doch wenigstens die große chinesische Vase im Salon! Sie kostet sehr viel: bitte, zerschlagen Sie sie doch! Die ist Mama geschenkt worden, und Mama wird den Verstand darüber verlieren und wird vor allen zu weinen anfangen – so wertvoll ist sie für sie. Machen Sie irgendeine große Geste, so, wie Sie sie immer machen, und zerschlagen Sie sie. Setzen Sie sich doch, bitte, absichtlich neben sie!“
„Im Gegenteil, ich werde mich bemühen, mich so weit wie möglich von ihr hinzusetzen: ich danke Ihnen, daß Sie hier vorgebeugt haben.“
„Es scheint also doch, daß Sie sich schon im voraus fürchten, große Gesten zu machen. Ich möchte wetten, daß Sie wieder über ein ‚Thema‘ sprechen werden, über ein ernstes, erhabenes, großes Thema? Was meinen Sie ... würde das angehen?“
„Ich glaube, daß es dumm wäre, wenn es nicht angebracht erschiene ...“
„Hören Sie ein für allemal,“ fuhr Aglaja schließlich ungeduldig heraus. „Wenn Sie morgen von der Todesstrafe, oder von dem ökonomischen Zustande Rußlands, oder von ‚der Erlösung der Welt durch die Schönheit‘ zu reden anfangen, so werde ich mich natürlich sehr darüber freuen und über Sie lachen, doch ... das sage ich Ihnen im voraus: treten Sie mir dann nicht mehr vor die Augen! Hören Sie: ich sage es Ihnen im Ernst! Dieses Mal verstehe ich keinen Spaß!“
Sie sprach wirklich im Ernst ihre Drohung aus, etwas Sonderbares klang aus ihren Worten und in ihren Augen blitzte etwas auf, das der Fürst früher nie an ihr bemerkt hatte.
„Nun, jetzt haben Sie es so weit gebracht, daß ich sicher davon ‚reden‘ ... und sicher ... auch die Vase zerschlagen werde. Ich habe mich vor nichts gefürchtet, jetzt fange auch ich an, mich zu fürchten. Jetzt werde ich mich sicher blamieren.“
„So schweigen Sie. Sitzen Sie und schweigen Sie.“
„Das wird mir unmöglich sein. Ich werde vor Angst sprechen und auch vor Angst die Vase zerschlagen. Vielleicht werde ich auf dem Parkett ausgleiten oder es geschieht sonst etwas ... von der Art, wie es mir schon einmal passiert ist; mir wird die ganze Nacht davon träumen; warum haben Sie es gesagt!“
Aglaja sah ihn finster an.
„Wissen Sie: ich werde morgen überhaupt nicht erscheinen, ich werde mich krank melden, und somit wäre die Geschichte abgemacht!“ entschloß er sich zu guter Letzt.
Aglaja stampfte mit dem Fuße auf und erbleichte vor Ärger.
„Mein Gott! Hat man einen solchen Menschen schon erlebt! Er will nicht kommen, während man gerade für ihn den Abend ... Mein Gott! Das ist ein Vergnügen, mit einem solchen Menschen etwas zu tun zu haben ... mit einem so einfältigen Menschen, wie Sie es sind!“
„Nun, ich komme schon, ich komme!“ unterbrach sie so schnell wie möglich der Fürst. „Und ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß ich den ganzen Abend still dasitzen werde, ohne ein Wort zu sprechen. Ich werde es schon so einrichten.“
„Nun, Sie werden sehr gut daran tun. Sie sagten soeben: Sie werden sich ‚krank melden‘. Wieder gebrauchen Sie eine sonderbare Form. Macht Ihnen das Vergnügen, sich mir gegenüber so auszudrücken? Wollen Sie sich über mich lustig machen, wie?“
„Entschuldigen Sie; das war wieder ein Schulausdruck; ich werde es nicht mehr tun. Ich verstehe sehr wohl, daß Sie ... für mich fürchten ... (so ärgern Sie sich doch wenigstens nicht!) und ich freue mich darüber. Sie glauben mir nicht, wie sehr ich mich jetzt fürchte und – wie ich mich über Ihre Worte freue. Doch diese ganze Angst, ich schwöre es Ihnen, ist mir etwas Kleinliches und Nebensächliches. Aber die Freude, die bleibt, Aglaja! Ich habe es so gern, daß Sie noch ein solches Kind sind, so ein gutes, liebes Kind! Ach, wie können Sie reizend sein, Aglaja!“
Auch darüber wollte sich Aglaja schon ärgern, doch überkam ihre Seele im selben Augenblick ein so sonderbares Gefühl.
„Sie werden mir also meine schlechten, rohen Worte nicht nachtragen ... irgendeinmal ... nachher?“ fragte sie ihn plötzlich.
„Was sagen Sie, was sagen Sie! Und was haben Sie? Warum sehen Sie so düster drein! Sie sehen jetzt manchmal so düster aus, Aglaja, wie das früher nie der Fall war. Ich weiß, warum Sie ...“
„Schweigen Sie, schweigen Sie!“
„Nein, es ist besser, ich sage es Ihnen. Ich wollte es Ihnen schon lange sagen, doch ... Sie hätten es mir vielleicht nicht geglaubt. Zwischen uns steht noch ein Wesen ...“
„Schweigen Sie, schweigen Sie, schweigen Sie!“ unterbrach ihn Aglaja und preßte ihm schmerzhaft die Hand, ihn mit Entsetzen anstarrend.
In diesem Augenblick rief man sie – augenscheinlich erfreut darüber, lief sie davon.
Der Fürst lag die ganze Nacht hindurch im Fieber. Sonderbarerweise befand er sich schon seit mehreren Nächten in diesem Zustande. Plötzlich kam ihm im Halbschlummer der Gedanke: wie, wenn er morgen in Gegenwart aller einen Anfall bekäme? Er erstarrte bei diesem Gedanken. Die ganze Nacht über befand er sich in einer der wunderbarsten Umgebungen, in Gesellschaft sonderbarer, eigenartiger Menschen. Das für ihn Verhängnisvolle war, daß er „redete“ und doch wußte er, daß er nicht reden sollte. Doch er sprach die ganze Zeit und versuchte die Zuhörer von irgend etwas zu überzeugen. Jewgenij Pawlowitsch und Hippolyt waren auch in der Zahl der Gäste und schienen sehr befreundet miteinander.
Er erwachte um neun Uhr morgens mit Kopfschmerzen, wirren Gedanken und sonderbaren Empfindungen. Er hätte gar zu gern Rogoshin gesehen und gesprochen – warum eigentlich und worüber er mit ihm sprechen wollte, das wußte er selbst nicht. Darauf entschloß er sich, zu Hippolyt zu gehen. Etwas Schweres lag ihm auf dem Herzen und bedrückte ihn so sehr, daß alle darauffolgenden Ereignisse des Tages wenn auch einen großen, so doch unklaren, verschwommenen Eindruck auf ihn machten. Eines dieser Ereignisse war der Besuch Lebedeffs.
Lebedeff erschien schon am Morgen früh, gleich nach neun Uhr, und zwar angetrunken. Obwohl der Fürst in letzter Zeit seiner Umgebung gar keine Aufmerksamkeit schenkte, so fiel es ihm jetzt doch auf, daß bei Lebedeff eine Veränderung zum Schlechten vor sich gegangen war, besonders, seit der General nicht mehr wiederkam. Er war schmutzig und unordentlich angezogen, sein Schlips war schlecht gebunden, der Kragen saß schief, der Rockkragen war nicht gebürstet. Bei sich zu Hause schrie und lärmte er, daß man es bis über den Hof hören konnte; Wjera lief mit verweinten Augen umher. Als er jetzt beim Fürsten erschien, sprach er allerhand sonderbares Zeug, schlug sich vor die Brust, sagte, daß er schuldig sei ...
„Habe ... erhalten habe erhalten die Belohnung für meinen Verrat, für meine Niedertracht ... Habe eine Ohrfeige erhalten!“ schloß er plötzlich in tragischem Ton.
„Eine Ohrfeige! Von wem? ... Und so früh am Tage?“
„So früh am Tage?“ Lebedeff lächelte sarkastisch. „Die Zeit hat da nichts zu bedeuten ... selbst für eine physische Ohrfeige hat sie nichts zu bedeuten ... ich aber habe eine moralische ... eine moralische Ohrfeige erhalten, und nicht eine physische!“
Er setzte sich plötzlich, ohne Umstände zu machen, und begann zu erzählen. Seine Erzählung war ganz zusammenhanglos; der Fürst runzelte die Stirn und gab es schon auf, ihm zuzuhören, als ihn plötzlich einige Worte aus dem Gespräch stutzig machten. Er erstarrte vor Verwunderung ... Sonderbare Sachen erzählte Herr Lebedeff.
Aller Wahrscheinlichkeit nach war zuerst die Rede von einem Briefe, den Aglaja geschrieben haben sollte. Plötzlich beschuldigte Lebedeff voll Bitterkeit den Fürsten: der Fürst hätte ihn, Lebedeff, zuerst seines Vertrauens für würdig gehalten in Sachen einer gewissen „Person“ (Nastassja Filippowna); darauf hätte er alle Beziehungen zu ihm (Lebedeff) abgebrochen, ihn mit Schimpf und Schande davongejagt – und noch dazu in einer so beleidigenden Art und Weise! Mit Tränen in den Augen fuhr Lebedeff fort und klagte, daß er es nicht mehr habe ertragen können, um so weniger, als er alles wüßte und sehr vieles erfahren habe ... Durch Rogoshin, durch Nastassja Filippowna, und durch die Freundin Nastassja Filippownas. Er wußte alles von Warwara Ardalionowna ... von ihr ... und von ... Aglaja Iwanowna durch Wjera, durch seine geliebte Tochter Wjera, sein eingeborenes Kind ... ja–a–a, oder nicht eigentlich sein eingeborenes, denn er habe ja deren vier. Und er habe durch Briefe Lisaweta Prokofjewna von allen Geheimnissen unterrichtet, he, he! Wer habe sie in alle Beziehungen eingeweiht und ... ihr über Nastassja Filippowna he, he, he! alles mitgeteilt – wer sei dieser Anonyme, wenn der Fürst ihm zu fragen gestattete?
„Etwa Sie?“ rief der Fürst erstaunt aus.
„Wer denn sonst,“ antwortete ihm Lebedeff voll Würde, „und heute noch, um halb neun Uhr, im ganzen vor einer halben Stunde ... nein, vor einer dreiviertel Stunde, habe ich die ehrenwerteste Mutter benachrichtigt, daß ich ihr etwas mitzuteilen habe ... etwas sehr Wichtiges. Durch einen Brief teilte ich es ihr mit, schickte das Mädchen durch die Hintertreppe zu ihr hinauf ... und sie nahm ihn an, empfing mich ...“
„Sie haben soeben Lisaweta Prokofjewna gesehen?“ fragte der Fürst und schien kaum seinen Ohren zu trauen.
„Habe sie soeben gesehen und eine Ohrfeige von ihr bekommen ... eine moralische. Sie warf mir den Brief uneröffnet ins Gesicht ... und jagte mich hinaus ... übrigens, auch hier nur moralisch, wie gesagt, nicht physisch ... das heißt, fast auch physisch, es fehlte nicht viel!“
„Was für einen Brief warf sie Ihnen uneröffnet ins Gesicht?“
„Wie ... he, he, he! Habe ich es Ihnen denn noch nicht gesagt! Und ich dachte, ich hätte es Ihnen schon gesagt ... Ich habe so ein Briefchen bekommen, zur Übergabe ...“
„An wen? Von wem?“
Die Erklärungen Lebedeffs, die jetzt folgten, waren überhaupt nicht zu verstehen. Der Fürst konnte nur so viel daraus entnehmen, daß der Brief früh am Morgen durch eine Magd Wjera Lebedeff eingehändigt worden war, an eine bestimmte Adresse ... „wie auch schon früher ... ganz wie früher“, an eine bekannte „Person“ und von einer „Dame“ ... (denn die eine von ihnen nenne er „Dame“, die andere nur „Person“, zur Unterscheidung der Rangstufen, weil nämlich ein großer Unterschied zwischen einer unschuldigen, wohlgeborenen Generalstochter und ... einer Kameliendame bestehe) ... „Und so war denn der Brief von der ‚Dame‘, deren Name mit dem Buchstaben A beginnt ...“
„Wie ist das möglich? An Nastassja Filippowna? Unsinn!“ rief der Fürst aus.
„Na, wenn nicht an sie, so an Rogoshin, das ist ganz gleich. An Rogoshin, auch an Herrn Terentjeff hat es Briefe zur Übergabe gegeben, auch von der Dame mit dem Buchstaben A,“ blinzelte und lächelte Lebedeff.
Da er oft von einer Sache auf die andere übersprang und dabei vergaß, wovon er eigentlich zu sprechen angefangen hatte, so schwieg der Fürst, um ihn nicht noch mehr zu verwirren: unklar war vor allem, ob die Briefe ihm oder Wjera anvertraut wurden? Es war wohl eher anzunehmen, daß Wjera sie beförderte, und daß Lebedeff ihr diesen entwendet hatte! So mochte er auch diesen Brief von ihr heimlich gestohlen haben, um ihn der Generalin mit einer besonderen Absicht zu überreichen. In dieser Weise dachte es sich der Fürst.
„Sie haben den Verstand verloren, Lebedeff!“ rief er in außerordentlicher Erregung.
„Jedoch nicht ganz, Euer Hochwohlgeboren,“ antwortete ihm Lebedeff nicht ohne Bosheit. „Zuerst wollte ich das Briefchen in Ihre eigenen Hände legen, um Ihnen zu dienen ... doch entschloß ich mich lieber, dort einen Dienst zu leisten, und vor allem, der Hochwohlgeborenen Frau Mutter ... Denn auch früher schon einmal hatte ich sie durch einen geheimen Brief benachrichtigt; und als ich sie jetzt in einem Briefchen um acht Uhr zwanzig Minuten um eine Unterredung bat, da unterschrieb ich mich: ‚Ihr geheimer Korrespondent‘. Man empfing mich sofort, sogar in großer Eile, über die Hintertreppe ... bei der gnädigen Frau.“
„Nun, und? ...“
„Und dort kam ich, wie gesagt, sehr schlecht an, beinah wurde ich verprügelt, es fehlte nicht viel ... jawohl, verprügelt ... Den Brief warf sie mir ins Gesicht ... Sie hätte ihn gerne behalten, ich bemerkte es wohl, doch bezwang sie sich und warf ihn mir ins Gesicht: ‚wenn man ihn dir anvertraut hat, ihn zu übergeben, so tue es auch ...‘ Sie war außer sich. Wenn sie sich doch schon vor mir nicht beherrschen konnte ... Oh, ein heftiger Charakter!“
„Wo ist denn der Brief jetzt?“
„Ich habe ihn doch: hier ist er.“
Und er reichte dem Fürsten das Briefchen Aglajas an Gawrila Ardalionytsch, dasselbe, das dieser an demselben Morgen, zwei Stunden nachher, triumphierend seiner Schwester zeigte.
„Dieser Brief kann nicht bei Ihnen bleiben.“
„Ich gebe den Brief Ihnen, Ihnen! Ihnen bringe ich ihn,“ betonte Lebedeff eifrig und voll Feuer. „Ich bin jetzt wieder ganz der Ihre, der Ihre, vom Kopf bis zum Herzen, Ihr treuer Diener – nach diesem einmaligen und letzten, übrigens nur minutenlangen Verrat! Richten Sie über mein Herz, aber schonen Sie mir meinen Bart, wie jener Thomas Morus ... in England und in Großbritannien sagte. Mea culpa, mea culpa, wie die römische Päpstin sagte ... das heißt der römische Papst, ich aber nenne ihn: ‚römische Päpstin‘.“
„Dieser Brief muß sofort überbracht werden!“ sagte der Fürst in bestimmtem Tone. „Ich werde es tun.“
„Würde es nicht besser sein, besser sein, wohlerzogenster Fürst, besser sein, wenn ...“
Lebedeff schnitt eine sonderbare, sauersüße Grimasse; er sprang hin und her, als hätte man ihn mit einer Nadel gestochen, zwinkerte mit den Augen, zappelte mit den Händen.
„Was soll das bedeuten?“ fragte ihn mit strenger Miene der Fürst.
„Man könnte ihn vorsichtig öffnen!“ flüsterte der andere ihm in vertraulichem Tone zu.
Der Fürst sprang so wütend auf, daß Lebedeff schnell zur Tür lief; dort blieb er stehen, um das Weitere abzuwarten.
„Ach, Lebedeff! Wie kann man nur so tief sinken?“ rief der Fürst bitter aus.
Das Gesicht Lebedeffs erhellte sich.
„Jawohl, ich bin gemein, gemein!“ er näherte sich sogleich wieder dem Fürsten und schlug sich, mit Tränen in den Augen, vor die Brust.
„Das ist doch mehr als eine Gemeinheit!“
„Mehr als eine Gemeinheit. Das ist es!“
„Und was treibt Sie denn, so zu handeln? Sie sind ja doch einfach ... ein Spion! Warum haben Sie denn diese anonymen Briefe geschrieben und diese gute und edle Frau beunruhigt? Warum sollte Aglaja Iwanowna nicht das Recht haben, jedem zu schreiben, wie es ihr gefällt? Wie kamen Sie denn darauf, das ihrer Mutter zu hinterbringen? Sie wollten sich wohl über sie beklagen? Und was hofften Sie damit zu erreichen? Was hat Sie denn dazu getrieben?“
„Nur aus einem gewissen Interesse und ... um der ehrenwerten Mutter gefällig zu sein, ja–a –! Doch jetzt bin ich wieder ganz der Ihre, wenn Sie wollen, hängen Sie mich auf!“
„Und in solchem Zustande erschienen Sie vor Lisaweta Prokofjewna?“ fragte der Fürst voll Widerwillen und zugleich Neugier.
„Nein–n ... frischer und sogar anständiger; erst nach der erlittenen Niederlage ... mache ich so einen Eindruck.“
„Nun wohl, verlassen Sie mich jetzt.“
Diese Bitte mußte der Fürst übrigens einigemal an seinen Gast richten, ehe der sich entschließen konnte, wirklich fortzugehen. Als er schon hinter der Tür verschwunden war, kehrte er nochmals zurück, kam auf den Fußspitzen wieder herangeschlichen, bis in die Mitte des Zimmers, und machte mit den Händen von neuem seine Zeichen, den Brief doch zu öffnen. Seinen Rat in Worten auszudrücken, durfte er nicht mehr wagen. Darauf ging er dann hinaus, mit süßem Lächeln auf den Lippen.
Es war dem Fürsten nicht leicht gefallen, diese Mitteilungen Lebedeffs anzuhören. Aus ihnen konnte er zunächst nur die eine Tatsache entnehmen, daß Aglaja sich in großer Unruhe und Unentschlossenheit befand und sich sehr quälen mußte (vielleicht aus „Eifersucht“, dachte der Fürst bei sich). Ferner schien es ihm, daß böse Menschen sie beeinflußten, und sonderbar war es, daß sie ihnen zu glauben schien. In diesem eigenwilligen, heißen, doch stolzen Köpfchen schienen Pläne zu reifen, die sie vielleicht ins Verderben stürzen konnten – ganz unmögliche Pläne! Der Fürst war sehr beunruhigt und wußte nicht, wozu er sich entschließen sollte. Hier mußte irgendwie vorgebeugt werden, das fühlte er. Er blickte noch einmal nach der Adresse des Briefes; was ihn beunruhigte, war, daß er wohl Aglaja, nicht aber Gawrila Ardalionytsch vertrauen konnte! Und doch befand er sich schon auf dem Wege, um ihm persönlich den Brief zu übergeben. Fast am Hause Ptizyns angelangt, traf er jedoch zufällig Koljä. Er übergab den Brief also diesem mit dem Auftrage, ihn so zu übergeben, als ob er ihn von Aglaja selbst erhalten hätte. Koljä tat es auch, ohne weiter den Fürsten auszuforschen; infolgedessen hatte Ganjä dann keine Ahnung davon, durch wessen Hände der Brief gegangen war. Als der Fürst zu Hause ankam, rief er Wjera Lukjanowna zu sich und erzählte ihr alles und beruhigte sie, denn sie hatte die ganze Zeit über geweint und den Brief gesucht. Sie erschrak furchtbar, als sie erfuhr, daß der Vater den Brief Lisaweta Prokofjewna hinterbracht hatte. (Später erfuhr der Fürst noch von ihr, daß sie niemals eine geheime Korrespondenz zwischen Rogoshin und Aglaja vermittelt hatte; auch wäre es ihr nie eingefallen, daß sie damit zum Schaden des Fürsten gehandelt hätte.)
Als zwei Stunden nachher der Fürst von der plötzlichen Erkrankung des Generals Iwolgin benachrichtigt wurde, war er so zerstreut, daß er anfangs diese Nachricht gar nicht verstand. Doch ließ ihn das Ereignis, als er es endlich begriffen hatte, wieder zu sich kommen. Er ging sogleich zu Nina Alexandrowna, zu der man den Kranken natürlich sofort gebracht hatte, und blieb bis zum Abend bei ihr. Er konnte ihr freilich von keinem Nutzen sein, aber es gibt Menschen, die man gern in einer schweren Minute bei sich sieht. Koljä weinte, ganz aufgelöst vor Schmerz, dabei lief er die ganze Zeit umher, war bei drei Doktoren, in der Apotheke usw. Man brachte den General wieder zu sich, doch kam er nicht mehr zu vollem Bewußtsein. Die Ärzte meinten, daß „der Patient in Lebensgefahr schwebe“. Warjä und Nina Alexandrowna verließen den Kranken nicht; Ganjä war erschüttert und betroffen, doch fürchtete er sich, den Kranken zu sehen, er kam nicht nach oben und rang nur in stummer Verzweiflung seine Hände. Von seinen zusammenhangslosen Klagen behielt der Fürst nur die Worte: „Welch ein Unglück, und das gerade in diesem Augenblick!“ Der Fürst glaubte ihn zu verstehen und wußte, von welchem Augenblick die Rede war. Hippolyt traf der Fürst schon nicht mehr im Hause Ptizyns an. Gegen Abend kam Lebedeff angelaufen. Er hatte seit seiner „morgendlichen Erklärung“ geschlafen. Jetzt war er nüchtern und weinte am Bette des Kranken heiße Tränen, als ob er sein leiblicher Bruder gewesen wäre. Ohne nähere Erklärungen zu geben, schrieb er sich die Schuld am Unglück zu und wich nicht von Nina Alexandrowna, ihr immer und immer wieder versichernd, daß er, er allein der Grund zu allem gewesen sei, nur er allein und seine Neugier ... und daß der „Selige“ (er nannte den General so, obgleich dieser noch lebte) ein genialer Mensch gewesen sei! Er bestand besonders auf dessen Genialität, als ob das in diesem Augenblick von großem Nutzen hätte sein können. Als Nina Alexandrowna sein aufrichtiges Leid bemerkte, machte sie ihm keinen einzigen Vorwurf und versuchte sogar, ihn zu trösten: „Nun, weinen Sie doch nicht, Gott wird Ihnen verzeihen!“ Lebedeff war durch diese Worte und vor allem durch den Ton dieser Worte so gerührt, daß er sich den ganzen Abend nicht mehr von Nina Alexandrowna trennte und während der ganzen drei Tage bis zum Tode des Generals Tag und Nacht im Hause verblieb. Im Laufe des Tages kam von Lisaweta Prokofjewna ein Bote zu Nina Alexandrowna, um sich nach dem Zustande des Kranken zu erkundigen. Als der Fürst am Abend um neun Uhr im Salon bei Jepantschins erschien, der schon ganz mit Gästen angefüllt war, erkundigte sich Lisaweta Prokofjewna sofort bei ihm teilnehmend und ausführlich nach dem Kranken, und beantwortete die Fragen der Bjelokonskaja, „wer der Kranke und wer Nina Alexandrowna sei“, mit großer Teilnahme und Achtung für die Familie Iwolgin. Dem Fürsten gefiel das sehr. Er selbst führte sich im Gespräch mit Lisaweta Prokofjewna „vorzüglich“ auf, wie sich später die Schwestern Aglajas äußerten; „bescheiden, einfach, ohne Gesten, würdevoll; trat gut auf, war vorzüglich angezogen“ und „glitt durchaus nicht auf dem Parkett aus“, sondern machte auf alle Anwesenden einen sehr angenehmen Eindruck.
Der Fürst bemerkte seinerseits, als er Platz genommen hatte, daß die Gesellschaft durchaus nicht den Gespenstern glich, mit denen Aglaja ihn geschreckt, noch den Alpdrücken, die er in der Nacht ihretwegen gehabt hatte. Zum erstenmal im Leben sah er etwas davon, was man unter dem schrecklichen Namen „die große Welt“ versteht. Schon lange hatte er den geheimen, auf bestimmten Absichten beruhenden Wunsch gehabt, in diesen Zauberkreis von Menschen einzudringen, und war daher sehr gespannt auf den ersten Eindruck, den er von ihr empfangen würde. Dieser erste Eindruck nun entzückte ihn über alle Maßen. Es schien ihm sofort, daß alle diese Menschen geboren waren, um zusammen zu sein, daß hier bei Jepantschins durchaus keine „Abendgesellschaft“ stattfand und die Menschen keine „geladenen Gäste“ waren, sondern alles „Hausgenossen“, daß er selbst ein ihnen ergebener Freund und Gesinnungsgenosse, und daß er nach langer Trennung jetzt wieder zu ihnen zurückgekehrt sei. Die eleganten Manieren, das ungezwungene, fast herzliche Benehmen wirkten einfach bezaubernd auf ihn. Ihm kam auch nicht im entferntesten der Gedanke, daß diese Offenherzigkeit und Vornehmheit, dieser Scharfsinn und das hohe Selbstbewußtsein eine angenommene und völlig künstliche Form waren. Die Mehrzahl der Gäste waren ungeachtet ihres einnehmenden Äußeren leere Menschen und hohle Köpfe, die in ihrer Selbstgefälligkeit nicht einmal wußten, daß ihre ganze Vortrefflichkeit ein Kunstprodukt war, zu dem sie selbst nichts beigetragen hatten, sondern das ihnen als Erbschaft unbewußt zugefallen war. Daran wollte der Fürst bei dem ersten glänzenden Eindruck, unter dem er stand, überhaupt nicht denken. Er sah nur, wie zum Beispiel dieser Greis, dieser vornehme Würdenträger, der den Jahren nach sein Großvater hätte sein können, sein Gespräch mit dem Nachbar unterbrach, um ihm zuzuhören, ihm, einem so jungen und unerfahrenen Menschen; und nicht nur, daß er ihm zuhörte, sondern daß er auch seine Meinung zu schätzen schien, und sich zu ihm so aufrichtig und offenherzig verhielt, als wären sie einander gar nicht fremd. Auf die Empfänglichkeit des Fürsten wirkte wohl am meisten gerade die Feinheit dieser Höflichkeit. Außerdem war er vielleicht selbst in besonders glücklicher Stimmung und geneigt, alles im besten Lichte zu sehen.
Diese Menschen waren indessen, wenn auch „Freunde des Hauses“ und untereinander bekannt, doch durchaus nicht so befreundet, wie es dem Fürsten zuerst erschien. Dort gab es Leute, die es niemals zugelassen hätten, Jepantschins zu ihresgleichen zu zählen. Dort gab es Leute, die sich gegenseitig nicht ertragen konnten. Die alte Bjelokonskaja „verachtete“ ihr ganzes Leben lang die Frau des „alten Würdenträgers“ und diese liebte wiederum Lisaweta Prokofjewna durchaus nicht. Ihr Mann, „der Würdenträger“ selbst, der aus irgendeinem Grunde von jeher als Protektor der Jepantschins galt, war wiederum in den Augen Iwan Fedorowitschs ein so erhabenes Wesen, daß dieser aus Ehrfurcht und Angst in seiner Gegenwart nichts zu äußern wagte und sich selbst aufrichtig verachtet hätte, wenn es ihm eingefallen wäre, sich mit diesem Olympischen Zeus gleichzustellen. Auch gab es dort Leute, die sich seit einigen Jahren nicht mehr gesehen hatten und füreinander nichts empfanden als Gleichgültigkeit, wenn nicht Widerwillen, und die sich doch jetzt so freundschaftlich begrüßten, als wären sie noch gestern in angenehmster Gesellschaft zusammen gewesen. – Im übrigen war die „Gesellschaft“ gar nicht so zahlreich vertreten. Außer der Bjelokonskaja und dem „alten Würdenträger“ nebst Gemahlin gab es nur noch eine wichtige Persönlichkeit: einen sehr soliden aktiven General, Baron oder Graf, mit deutschem Namen. Es war das ein außergewöhnlich schweigsamer Mensch mit dem Ruf außerordentlicher Gelehrsamkeit, und ein bewundernswerter Kenner seines Ressorts – einer dieser Halbgötter von Administratoren, die alles kennen „außer Rußland selbst“, einer dieser hochgestellten Beamten, die gewöhnlich nach langem Dienst (bis zur Verwunderung lang) im höchsten Rang und mit großem Vermögen sterben, ohne irgendeinen Fortschritt herbeigeführt zu haben, ja, die sogar jedem Fortschritt im Prinzip feindlich gegenüber gestanden haben. Dieser General war der unmittelbare Vorgesetzte Iwan Fedorowitschs, der ihn gleichfalls aus Dankbarkeit seines Herzens für seinen Wohltäter hielt, während dieser seinerseits sich durchaus nicht für einen Wohltäter Iwan Fedorowitschs hielt, sich vielmehr ruhig und kaltblütig zu ihm stellte. Obgleich er die verschiedenen Gefälligkeitsdienste Iwan Fedorowitschs gerne entgegennahm, hätte er doch an dessen Stelle sofort einen anderen Beamten eingesetzt, wenn es irgendwelche höhere Vorteile verlangten. Auch befand sich dort ein vornehmer Kavalier, ein älterer Lebemann, der für einen Verwandten von Lisaweta Prokofjewna angesehen wurde, was er aber durchaus nicht war. Ein Mann von hohem Rang, ein reicher Aristokrat, von erprobter Gesundheit, ein großer Schwätzer, der im Rufe eines unbefriedigten Menschen stand (unbefriedigt natürlich im höheren und erlaubten Sinne des Wortes). Ein Durchgänger (was an ihm sogar noch das Sympathischste war), der die Gewohnheiten eines englischen Aristokraten hatte, englischen Appetit und Geschmack (besonders was die blutigen Roastbeefs anbelangte), sowie englische Pferde, Lakaien usw. hielt. Er war ein großer Freund des „Würdenträgers“, zerstreute und beschäftigte denselben und – außerdem auch Lisaweta Prokofjewna, die den sonderbaren Gedanken gefaßt hatte, daß dieser schon etwas ältliche Lebemann, außerdem ein leichtsinniger Mensch und Liebhaber des weiblichen Geschlechts, ihre Alexandra mit einem Antrag beehren würde. Dieser höheren und solideren Schicht der Gesellschaft folgte eine Schicht jüngerer Leute: auch sie durchaus glänzend mit eleganten, blendenden Eigenschaften. Außer dem Fürsten Sch. und Jewgenij Pawlowitsch gehörte zu ihr der bekannte und bezaubernde Fürst N., ein Besieger aller Frauenherzen in ganz Europa, ein Mann von jetzt schon fünfundvierzig Jahren, doch immer noch eine bestechende Erscheinung mit glänzender Rednergabe, ein Mann von Vermögen, wenn auch etwas zerrütteten Geldverhältnissen, der meist im Auslande lebte. Es gab aber dort schließlich auch noch Leute, die schon eine dritte Schicht bildeten, die genau genommen nicht zu diesem „höheren Kreise“ gehörten, doch die man, ganz wie Jepantschins selbst, in diesem „höheren Kreise“ antreffen konnte. Aus einem gewissen Taktgefühl hatten Jepantschins es sich ein für allemal zur Regel gemacht, in den seltenen Fällen, in denen bei ihnen großer Besuch stattfand, in ihre höhere Gesellschaft auch Leute mittleren Standes einzuladen. Man lobte Jepantschins sehr, daß sie es verstanden, ihren Platz einzunehmen, und so viel Takt bewiesen, worauf Jepantschins ihrerseits wiederum sehr stolz waren. Einer dieser Vertreter mittleren Standes war ein Techniker, ein guter Freund des Fürsten Sch., der von ihm bei Jepantschins eingeführt worden war. Er war in Gesellschaft ungewöhnlich schweigsam und trug am Zeigefinger der rechten Hand einen großen Siegelring, der ihm wohl höheren Ortes verliehen worden war. Es war außerdem ein Literat erschienen, von deutscher Herkunft, doch dichtete er russisch: eine durchaus anständige Erscheinung, die man ohne Gefahr in die Gesellschaft einführen konnte. Er hatte ein gefälliges Äußere, stand in den Dreißigern, war tadellos gekleidet und gehörte einer deutschen Familie an, die im höchsten Grade bürgerlich, doch auch im höchsten Grade anständig und von gutem Rufe war; auch verstand er es, jede günstige Gelegenheit auszunutzen und die Protektion einflußreicher Leute zu erwerben. Er hatte eine berühmte deutsche Dichtung in Versen ins Russische übersetzt und sie einer hochgestellten Persönlichkeit gewidmet; er konnte sich der Freundschaft eines großen verstorbenen russischen Dichters rühmen (es gibt eine ganze Schicht Schriftsteller, die vom Ruhm der Freundschaft eines großen, doch verstorbenen Dichters leben) und war unlängst durch die Frau des „Würdenträgers“ bei Jepantschins eingeführt worden. Diese Frau war als Gönnerin von Schriftstellern und Gelehrten bekannt, und sie hatte auch wirklich durch höhere Protektion, die sie genoß, zwei Schriftstellern eine Pension verschaffen können. Eine Bedeutung geistiger Art besaß sie dabei durchaus nicht. Sie war eine Dame von fünfundvierzig Jahren (also eine junge Frau im Vergleich zu ihrem Gemahl), eine gewesene Schönheit, die sich auch jetzt noch, wie es mancher Dame in diesem Alter eigen ist, sehr auffallend zu kleiden liebte. Ihr Verstand war nicht sehr umfassend und ihre literarischen Kenntnisse waren es nicht minder. Man widmete ihr Aufsätze und Übersetzungen: zwei oder drei Schriftsteller hatten mit ihrer Erlaubnis einen Briefwechsel über sehr wichtige Dinge, den sie mit ihr gehabt, veröffentlicht ...
Diese ganze Gesellschaft nun nahm der Fürst für bare Münze, für reines, unlegiertes Gold. Im übrigen schienen die Leute an diesem Abend in besonders guter Stimmung und sehr mit sich selbst zufrieden zu sein. Alle wußten sie, bis auf den letzten, daß sie Jepantschins mit ihrem Erscheinen eine große Ehre erwiesen. Doch – o weh! Der Fürst ahnte nichts von den Feinheiten, die es da gab. Er ahnte zum Beispiel nichts davon, daß Jepantschins bei einem so wichtigen Schritt, wie die Entscheidung des Schicksals ihrer Tochter, es gar nicht gewagt hätten, ihn, den Fürsten Lew Nikolajewitsch, dem „Würdenträger“ und Beschützer ihrer Familie nicht vorzustellen. Der Würdenträger, der seinerseits ruhig die Nachricht von einem großen Unglück, das Jepantschins betroffen, hingenommen hätte, wäre tief beleidigt gewesen, wenn Jepantschins ihre Tochter ohne seinen Rat, das heißt, ohne seine Erlaubnis, verlobt hätten. Der Fürst N. wiederum, dieser liebenswürdige und fraglos geistreiche, großzügige Mensch, war fest davon überzeugt, daß er wie eine Art Sonne den Salon der Jepantschins erhellte. Er betrachtete die letzteren als tief unter sich stehend, und dieser treuherzige und edle Gedanke erzeugte in ihm dann seine Leutseligkeit und Zuvorkommenheit Jepantschins gegenüber. Er wußte sehr gut, daß er noch an diesem Abend eine Probe seines Erzählertalents geben würde, um die Gesellschaft zu entzücken, und bereitete sich fast mit Begeisterung auf den großen Augenblick vor. Als Fürst Lew Nikolajewitsch die Erzählung gehört hatte, glaubte er, noch niemals einen so glänzenden Humor und eine so wunderbare Naivität erlebt zu haben, die einen fast rühren mußte von den Lippen eines solchen Don Juans, wie Fürst N. einer war. Wenn er dabei bloß geahnt hätte, wie alt und abgetragen diese Erzählung war, wie auswendig gelernt und wie bekannt in allen Salons! Nur bei den unschuldigen Jepantschins tauchte sie wieder als Neuheit auf, als improvisierte, echte und glänzende Gabe eines Gastes, dargebracht von einem so eleganten und schönen Menschen! Sogar der deutsche Dichterling, der sich bescheiden und außerordentlich liebenswürdig zeigte, glaubte mit seinem Besuch diesem Hause eine Ehre anzutun. Doch der Fürst sah von alledem nichts. Selbst Aglaja hatte das nicht vorausgesehen. Sie war wunderschön an diesem Abend. Alle drei Schwestern waren, wenn auch nicht auffallend, so doch sehr geschmackvoll gekleidet; dazu trugen sie eine Haartracht, die ganz besonders war. Aglaja saß neben Jewgenij Pawlowitsch und unterhielt sich sehr freundschaftlich mit ihm, scherzte und lachte. Jewgenij Pawlowitsch benahm sich etwas gemessener, als er es sonst getan hatte, wohl aus Hochachtung vor den Würdenträgern. Ihn kannte man übrigens schon lange in dieser Welt, zu der er so recht gehörte. Jetzt trug er einen Trauerflor am Arm, und die Bjelokonskaja hatte ihn deswegen bereits sehr gelobt. Auch Lisaweta Prokofjewna war damit zufrieden, doch schien sie an diesem Abend recht zerstreut und zerfahren. Der Fürst bemerkte es, wie Aglaja ihn zweimal aufmerksam ansah, und es schien ihm, daß sie mit ihm zufrieden war. Seine Stimmung wurde immer gehobener und glücklicher. Alle seine früheren „phantastischen“ Gedanken und Befürchtungen erschienen ihm jetzt plötzlich, bei näherer Betrachtung, als ein wesenloses, und lächerliches Hirngespinst! (Und sein erster, wenn auch unbewußter Wunsch war schon den ganzen Tag über, alles zu tun, um nicht mehr an diesen Traum zu denken!) Er sprach wenig und beantwortete nur die Fragen, die man an ihn richtete, und verstummte zuletzt ganz, doch hörte und sah er alles wie in großer Verzückung. Und langsam bereitete sich in seinem Innern eine mächtige Begeisterung vor, die bereit war, sich Luft zu machen ... Und ganz zufällig begann er denn auch, zu sprechen, ... zufällig, als er wieder eine Frage beantwortete ... von ungefähr, ohne jede Absicht, es zu tun ...
VII.
Während der Fürst keinen Blick von Aglaja abwendete, die sich mit Fürst N. und Jewgenij Pawlowitsch unterhielt, nannte plötzlich der ältliche Anglomane, der nicht weit vom Fürsten dem „Würdenträger“ irgend etwas offenbar recht Interessantes erzählte, den Namen Nikolai Andrejewitsch Pawlischtscheff. Der Fürst zuckte zusammen und wandte sich rasch nach den beiden um.
Es war die Rede von irgendwelchen Zuständen auf irgendwelchen Gütern im –schen Gouvernement. Die Erzählung des Anglomanen schien nicht ohne Witz zu sein, denn der alte Würdenträger begann stillvergnügt zu lächeln und schließlich zu lachen, während der andere gleichmäßig fließend weitererzählte – er sprach geradezu geckenhaft langsam und formte fast zärtlich jeden Vokal –, erzählte, wie er einzig dank der bestehenden Gesetze gezwungen gewesen wäre, sein schönstes Gut im –schen Gouvernement für den halben Preis zu verkaufen, ohne eigentlich in Geldverlegenheit zu sein, und gleichzeitig ein verschuldetes Gut, um das er noch einen Prozeß führen mußte und das ihm nichts einbrachte, ja für das er sogar noch zuzuzahlen hatte, zu behalten.
„... Und um dann nicht noch wegen der Hinterlassenschaft Pawlischtscheffs Prozesse zu führen, machte ich mich einfach auf und lief ihnen davon. Ich bitte Sie, noch einige solcher Erbschaften und ich bin bankerott! Übrigens waren mir da dreitausend Deßjätinen[32] vorzügliches Land zugefallen.“
„Weißt du nicht ... Iwan Petrowitsch ist doch ein Verwandter des verstorbenen Nikolai Andrejewitsch Pawlischtscheff ... Du hast doch, glaube ich, nach seinen Verwandten geforscht,“ sagte halblaut General Jepantschin, der die außergewöhnliche Aufmerksamkeit des Fürsten bemerkt hatte.
Der General hatte sich bis dahin mit seinem Vorgesetzten unterhalten, doch plötzlich war ihm die Einsamkeit des Fürsten beunruhigend aufgefallen, worauf er sich diesem sogleich genähert hatte. Nun machte er den Versuch, ihn in das allgemeine Gespräch hineinzuziehen.
„Lew Nikolajewitsch ist ja doch ein Pflegesohn Nikolai Andrejewitschs,“ bemerkte er erklärend, als er sah, daß Iwan Petrowitschs Blick fragend auf ihm ruhte.
„Se–ehr angenehm,“ sagte dieser, „ich erinnere mich Ihrer sogar noch ganz deutlich. Vorhin, als Iwan Fedorowitsch uns bekannt machte, erkannte ich Sie sogleich, allein schon am Gesicht. Sie haben sich wirklich im Aussehen se–ehr wenig verändert, finde ich, obschon ich Sie nur als Kind gesehen habe, als zehn- oder elfjährigen Knaben. Es ist so ein gewisses Etwas in den Zügen, ich weiß selbst nicht ...“
„Sie haben mich als Kind gesehen?“ fragte der Fürst nicht wenig erregt.
„Oh, es ist jetzt nur schon se–ehr lange her,“ fuhr Iwan Petrowitsch ruhig fort. „Es war in Slatowerchowo, wo Sie damals bei meinen Cousinen untergebracht waren. Ich kam früher ziemlich oft nach Slatowerchowo – Sie entsinnen sich meiner nicht mehr? Das ist se–ehr möglich ... Sie waren damals ... Sie hatten irgendeine Krankheit, glaube ich, so daß ich mich einmal sogar se–ehr über Sie wunderte ...“
„Nein, ich weiß nichts mehr aus dieser Zeit!“ sagte der Fürst eifrig.
Es folgten einige Erklärungen, die von seiten des Anglomanen Iwan Petrowitsch unendlich ruhig, von seiten des Fürsten in ungewöhnlicher Erregung gegeben wurden. Es erwies sich, daß die beiden alten Fräulein, die die Erziehung des kleinen Fürsten übernommen und damals, als Verwandte Pawlischtscheffs, auf dessen Gut Slatowerchowo gelebt hatten, die leiblichen Cousinen des Anglomanen waren. Doch leider vermochte auch Iwan Petrowitsch keine Auskunft darüber zu geben, weshalb Pawlischtscheff den kleinen Fürsten so liebgewonnen hatte. „Ja und ich vergaß es auch, offen gestanden, mich dafür zu interessieren.“ Doch abgesehen davon hatte er ein gutes Gedächtnis: so entsann er sich noch genau, wie streng seine ältere Cousine, Marfa Nikititschna, ihren kleinen Zögling behandelt hatte, „so daß ich damals noch mit ihr wegen ihrer Erziehungsmethode in Streit geriet, denn ewig Ruten und Ruten für ein krankes Kind – das ist doch ... nicht wahr, das geht doch nicht ...“ und er fügte hinzu, wie zärtlich dagegen seine jüngere Cousine, Natalja Nikititschna, zum Knaben gewesen sei. „Beide leben jetzt im –schen Gouvernement,“ berichtete er weiter, „– nur weiß ich im Augenblick nicht, ob sie überhaupt noch leben – sie haben dort ein äußerst, äußerst annehmbares Gut von Pawlischtscheff geerbt. Marfa Nikititschna wollte, glaube ich, in ein Kloster gehen; übrigens, ich will es nicht positiv behaupten – vielleicht war es auch eine andere, von der ich es hörte ... ganz recht, das erzählte man mir vor nicht langer Zeit von unserer Frau Doktor ...“
Der Fürst vernahm alle diese Mitteilungen mit glänzenden Augen, aus denen deutlich seine Freude und Rührung sprach. Mit überschwenglichem Gefühl erklärte er seinerseits, daß er es sich niemals werde verzeihen können, während dieser ganzen sechs Monate, die er nun schon in Rußland war, seine ehemaligen Erzieherinnen nicht aufgesucht zu haben. Täglich habe er sich vorgenommen, sobald wie möglich hinzureisen, doch sei immer wieder etwas dazwischen gekommen, das ihn verhindert habe, die Reise anzutreten ... jetzt aber gebe er sich das Wort ... unbedingt ... und wenn auch bis ins –sche Gouvernement ... „So kennen Sie also Natalja Nikititschna? Was für eine prächtige, reizende, gütige Seele sie war! Aber auch Marfa Nikititschna ... verzeihen Sie, aber es will mir scheinen, daß Sie sie etwas ungerecht beurteilen. Allerdings war sie sehr streng, aber ... wer würde denn nicht die Geduld verlieren ... mit solch einem Idioten, wie ich damals einer war ... Ich war doch damals ein vollständiger Idiot, Sie glauben es nicht ... Übrigens ... Sie haben mich damals gesehen und ... Aber wie sonderbar, sagen Sie doch, bitte, daß ich mich Ihrer gar nicht mehr entsinne? So sind Sie ... ach, mein Gott, so sind Sie also wirklich ein Verwandter von Andrei Petrowitsch?“
„Wie ge–sagt!“ antwortete Iwan Petrowitsch und er lächelte, indem er den Fürsten betrachtete.
„Oh, so war es nicht gemeint, ich fragte nicht, weil ich etwa gezweifelt hätte ... und ... kann man denn überhaupt daran zweifeln ... auch nur einen Augenblick? ... Nein, wirklich, auch nur einen Augenblick? ... Ich ... dachte nur gerade daran, daß der verstorbene Nikolai Andrejewitsch Pawlischtscheff ein so prächtiger Mensch war, der hochherzigste Mensch, wirklich, ich versichere Sie!“
Der Fürst „ertrank förmlich in der Freude seines guten Herzens“, wie sich Adelaida am nächsten Tage im Gespräch mit ihrem Bräutigam, dem Fürsten Sch., ausdrückte.
„Mais, mon Dieu!“[41] lachte Iwan Petrowitsch, „weshalb sollte ich denn nicht auch mit einem hoch–her–zigen Menschen verwandt sein können?“
„Ach, mein Gott!“ rief der Fürst ganz verwirrt und seine Erregung wuchs mit jedem Wort. „Ich ... da habe ich wieder eine Dummheit gesagt, aber ... so mußte es ja auch unfehlbar kommen, denn ich ... ich ... ich, übrigens, das gehört wieder nicht zur Sache! Und was ist jetzt eigentlich mit mir, sagen Sie doch, bitte, bei so interessanten ... so ungeheuer interessanten Mitteilungen! Und im Vergleich mit einem so hochherzigen Menschen! – Denn er war doch, bei Gott, der hochherzigste Mensch, den es je gegeben hat, nicht? Nicht wahr?“
Der Fürst bebte geradezu am ganzen Körper. Weshalb er sich aber plötzlich so aufregte, so ohne alle Veranlassung, ist schwer zu sagen. Es war nun einmal seine Stimmung, wie es schien, und fast empfand er in diesem Augenblick für irgend etwas und irgendwen die glühendste Dankbarkeit – vielleicht galt diese Dankbarkeit sogar Iwan Petrowitsch oder gar allen Anwesenden zusammen! Er war aber doch etwas gar zu „glückselig“. Iwan Petrowitsch begann ihn schließlich aufmerksamer zu betrachten und dasselbe tat auch der „Würdenträger“. Die Bjelokonskaja sah ihn unverwandt mit zornigem Blick an und preßte die Lippen zusammen. Fürst N., Jewgenij Pawlowitsch, Fürst Sch. und die jungen Mädchen unterbrachen ihr Gespräch und hörten zu. Aglaja schien nur erschrocken zu sein, Lisaweta Prokofjewna aber wurde einfach bange. Es waren doch seltsame Menschen, diese Mutter und diese Töchter: sie hatten selbst gewünscht, daß der Fürst den ganzen Abend schweigend verbringen sollte, als sie ihn dann aber nach Wunsch schweigend, doch mit seinem Los vollkommen zufrieden, einsam etwas abseits sitzen sahen, da war es ihnen auch nicht recht gewesen. Alexandra hatte bereits den Entschluß gefaßt, zu ihm zu gehen und ihn zur Gruppe des Fürsten N. zu führen, damit er sich an der Unterhaltung beteiligen könne. Und nun – kaum hatte er zu sprechen begonnen, da erschraken sie plötzlich alle und sahen dem Kommenden angstvoll entgegen.
„Daß er ein vortrefflicher Mensch war, darin haben Sie vollkommen recht,“ sagte Iwan Petrowitsch, doch lächelte er diesmal nicht mehr, „ja, ja ... das war ein vortrefflicher Mensch! Vortrefflich und ehrenwert,“ fügte er langsam nach einer kurzen Pause hinzu. „Ehrenwert und man kann sogar sagen aller Achtung wert,“ fuhr er nach einer dritten Pause fort, „und ... es ist se–ehr angenehm zu sehen, daß Sie Ihrerseits ...“
„War es nicht derselbe Pawlischtscheff,“ unterbrach ihn der „Würdenträger“, „von dem man sich einmal etwas ... Seltsames erzählte, irgendeine Geschichte mit einem Abbé ... Abbé ... der Name fällt mir im Augenblick nicht ein, nur war einmal von ihm die Rede, von ihm und einem Abbé ...“ Der „Würdenträger“ runzelte nachdenkend die Stirn.
„Abbé Gourot, den Jesuiten meinen Sie?“ half ihm Iwan Petrowitsch, und fuhr dann langsam fort:
„Tja! Das ist nun die Kehrseite unserer ehren- und aller Achtung werten Landsleute! Denn Pawlischtscheff war doch immerhin ein geborener A–ris–tokrat, wohlhabend, Kammerherr, und wenn er ... im Dienst geblieben wäre ... Aber da muß er plötzlich austreten und alles an den Nagel hängen, um zum Katholizismus überzutreten und Jesuit zu werden, und das noch so gut wie offiziell! In einem Anfall von Begeisterung, wie’s scheint. Nein, er starb doch sehr zur rechten Zeit ... ja, damals, da wurde viel davon gesprochen ...“
Fürst Myschkin war außer sich.
„Pawlischtscheff ... Pawlischtscheff soll zum Katholizismus übergetreten sein! Das ist nicht möglich!“ rief er geradezu entsetzt.
„‚Nicht mö–glich‘?“ fragte Iwan Petrowitsch gedehnt. „Das ist zum mindesten etwas viel gesagt, mein lieber Fürst, das werden Sie wohl selbst einsehen ... Freilich, Sie schätzen den Verstorbenen so hoch ... Er war allerdings ein selten guter Mensch, doch gerade diesem Umstande schreibe ich hauptsächlich den Erfolg dieses geriebenen Jesuiten zu. Aber fragen Sie erst mich, mich, wieviel Scherereien ich später wegen dieser Geschichte gehabt habe, wieviel Unannehmlichkeiten ... und gerade mit diesem Gourot! Können Sie sich denken,“ wandte er sich plötzlich an den „Würdenträger“, „sie erhoben sogar Ansprüche auf seine Hinterlassenschaft, behaupteten, ein Testament von ihm zu besitzen, und so weiter, so daß ich gezwungen war, di–ie ... energischsten Maßregeln zu ergreifen ... denn sie sind ja Meister, wahre Meister darin! Un–übertrefflich! Doch Gott sei Dank, es geschah in Moskau, ich begab mich sogleich zum Grafen und wir ... brachten sie wieder zur Vernunft ...“
„Sie glauben nicht, wie sehr Sie mich durch diese Mitteilung erschüttert haben!“ rief der Fürst.
„Tut mir leid. Doch im Grunde war das doch alles nicht ernst zu nehmen. Die Sache wäre wohl, wie gewöhnlich in solchen Fällen, im Sande verlaufen, davon bin ich überzeugt. Im vorigen Sommer,“ wandte er sich wieder an den „Würdenträger“, „soll ja auch die Gräfin K., wie man hört, in ein katholisches Kloster eingetreten sein, irgendwo dort im Auslande. Wie man sieht, haben wir Russen keine Widerstandskraft, wenn wir diesen ... Intriganten in die Finger geraten ... namentlich im Auslande.“
„Das kommt alles, denke ich, von unserer Müdigkeit,“ meinte der „Würdenträger“ in überlegenem Tone, wenn er auch die Worte nach Greisenart mehr kaute, als sprach. „Nun und dann haben sie auch eine besondere Art zu predigen ... elegant, geschult ... und verstehen es vorzüglich, einem Angst zu machen. Auch mich versuchten sie im Jahre zweiunddreißig, machten mir schon die Hölle heiß – in Wien war’s, ich versichere Sie! Nur ergab ich mich nicht, sondern lief ihnen einfach davon, ha–ha! Ich lief ihnen in der Tat davon!“
„Na, ich habe gehört, daß du damals nicht dem Jesuitenpater davongelaufen, sondern mit der schönen Gräfin Lewitzkij von Wien nach Paris durchgegangen bist. Es war also wohl nicht die geheizte Hölle, die dich zur Reise veranlaßte,“ bemerkte plötzlich die Bjelokonskaja.
„Nun, gleichviel, es kommt aber doch auf eins heraus!“ griff der Alte sofort auf, lächelnd bei der angenehmen Erinnerung. „Sie scheinen ja sehr religiös zu sein,“ wandte er sich freundlich an den Fürsten Lew Nikolajewitsch, der ihn mit halb offenem Munde anstarrte. Der Alte wollte ihn offenbar etwas näher kennen lernen, denn aus gewissen Gründen begann er sich sehr für ihn zu interessieren.
„Pawlischtscheff war ein klarer Kopf und ein bewußter Christ, ein wirklicher Christ,“ sagte plötzlich der Fürst, „wie konnte er dann einen ... unchristlichen Glauben annehmen? Der Katholizismus – ist ebensogut wie ein unchristlicher Glaube!“ fügte er mit plötzlich aufblitzenden Augen hinzu und sein Blick heftete sich, nachdem er flüchtig über alle Anwesenden geschweift war, geradeaus auf etwas Unsichtbares.
„Nun, das ist denn doch etwas stark,“ brummte der Alte und sah verwundert den Hausherrn an.
„Wie das? Inwiefern ist der Katholizismus kein christlicher Glaube?“ fragte Iwan Petrowitsch, indem er sich in seinem Sessel interessiert dem Fürsten zuwandte. „Was wäre er denn sonst, Ihrer Meinung nach?“
„Vor allen Dingen kein christlicher Glaube!“ versetzte der Fürst sehr erregt und übermäßig schroff. „Das erstens, und zweitens ist der römische Katholizismus sogar schlimmer als der Atheismus, das ist meine Überzeugung! Ja, davon bin ich überzeugt! Der Atheismus ist gleich Null, der Katholizismus geht aber noch viel weiter: er predigt die entstellte Lehre eines Christus, den Rom belogen und beschimpft hat! Er verkündet den Antichrist, glauben Sie mir, ich schwöre es Ihnen! Es ist das meine ganz persönliche Meinung, die mich selbst schon lange gequält hat ... Der römische Katholizismus glaubt, daß die Kirche ohne staatliche Weltmacht auf Erden nicht bestehen könne. Meiner Ansicht nach ist der römische Katholizismus nicht einmal ein religiöser Glaube, sondern nur die Fortsetzung des weströmischen Reichsgedankens, dem alles im Katholizismus untergeordnet ist, angefangen vom Glauben. Der Papst eroberte das Land und den irdischen Thron und nahm das Schwert der Cäsaren, und so geht es jetzt weiter, nur daß sie mit der Zeit zum Schwerte noch die Lüge hinzugefügt haben, und zur Lüge Betrug, Fanatismus, Aberglauben und Freveltaten, und daß sie mit den heiligsten, aufrichtigsten, glühendsten Gefühlen des Volkes gespielt und alles, alles gegen Geld eingetauscht haben, gegen niedrige, irdische Macht! Und das sollte nicht die Lehre des Antichrist sein?! Und wie sollte daraus nicht der Atheismus entstehen? Der Atheismus ist aus nichts anderem als dem römischen Katholizismus hervorgegangen. Die römischen Kirchenväter sind die ersten Atheisten gewesen: konnten sie denn an sich selbst glauben? Und den Boden für ein weiteres Wachstum fand der Atheismus in der Abneigung des Volkes zu ihnen: er ist eine Folge ihrer Lüge und ihrer geistigen Kraftlosigkeit! Atheismus! Bei uns glauben nur gewisse Stände nicht: diejenigen, die, wie sich Jewgenij Pawlowitsch einmal vorzüglich ausgedrückt hat, ‚nicht mehr im Boden wurzeln‘. Dort aber, in Europa sind es schon die Volksmassen, die zu glauben aufhören – zu Anfang taten sie es noch infolge der Finsternis, in der sie befangen waren, und der Lüge, jetzt aber tun sie es schon aus Fanatismus und aus Haß gegen die Kirche und das Christentum.“
Der Fürst hielt inne, um Atem zu schöpfen. Er hatte sehr schnell gesprochen und war bleich und atemlos. Die Gäste tauschten untereinander Blicke aus und der Alte begann schließlich ganz unverhohlen zu lachen. Fürst N. zog eine Lorgnette hervor, um den Fürsten unverwandt zu betrachten. Und der deutsche Dichter verließ seinen Winkel und näherte sich dem Tisch, mit einem beißend ironischen Lächeln.
„Sie über–trei–ben die Sache se–ehr,“ bemerkte Iwan Petrowitsch langsam mit einer gewissermaßen gelangweilten Miene, und es war, als hätte er dabei ein peinliches Gefühl. „Die römisch-katholische Kirche hat auch Repräsentanten aufzuweisen, die durchaus Achtung verdienen und sogar sehr tugendhaft sind ...“
„Ich habe durchaus nicht von einzelnen Repräsentanten der Kirche gesprochen. Ich habe nur vom Wesen, vom Geist des römischen Katholizismus gesprochen. Ich rede von Rom. Wird denn die Kirche überhaupt jemals ganz verschwinden? Nein, das habe ich nie gesagt!“
„Einverstanden, aber alles das ist doch schon bekannt und sogar – übermäßig breitgetreten und ... gehört der Theologie an.“
„O nein, o, das gehört durchaus nicht nur der Theologie an, ich versichere Sie! Das geht uns alle weit mehr an, als Sie glauben! Darin besteht eben unser ganzer Fehler, daß wir nicht zu erkennen vermögen, daß es sich hier durchaus nicht nur um eine Frage der Theologie handelt. Ist doch auch der Sozialismus nichts anderes, als eine Ausgeburt des Katholizismus und der katholischen Wirklichkeit! Auch er ist, ganz wie sein Bruder, der Atheismus, aus der Verzweiflung hervorgegangen, als Gegensatz zum Katholizismus im sittlichen Sinne, um durch sich die verlorene seelische Macht der Religion zu ersetzen und somit den geistigen Durst der lechzenden Menschheit zu stillen und sie zu retten, jedoch nicht mit dem Worte Christi, sondern gleichfalls mit geistiger Vergewaltigung, ganz wie der Katholizismus es wollte! Das wäre nur eine Freiheit durch Gewalt, und eine Vereinigung durch das Schwert! ‚Du sollst nicht glauben an Gott, du sollst kein Eigentum besitzen, du sollst keine Individualität sein – fraternité ou la mort![42] – koste es auch zwei Millionen Köpfe!‘ An ihren Taten, an ihren Früchten sollt ihr sie erkennen, so steht es geschrieben. Und glauben Sie nur nicht, daß das alles so unwichtig und gefahrlos für uns sei! Oh, wir brauchen eine Gegenwehr, und so schnell wie möglich! Und diese Gegenwehr des Ostens gegen den Westen soll unser Christus sein, den wir in seiner wahren Gestalt in uns bewahrt und den sie dort überhaupt nicht gekannt haben! Nicht indem wir uns sklavisch von den Jesuiten fangen lassen, sondern indem wir ihnen unsere russische Auffassung entgegensetzen, müssen wir jetzt vor sie hintreten, und deshalb sollte man bei uns lieber nicht sagen, daß ihre Predigt ‚elegant‘ sei, wie es hier soeben jemand getan hat ...“
„Aber erlau–ben Sie, erlau–ben Sie,“ unterbrach ihn höchst beunruhigt Iwan Petrowitsch und blickte sich fast ängstlich im Kreise um, „Ihre Gedanken sind ja alle se–ehr lobenswert und patriotisch, aber im ganzen großen ist es doch recht übertrieben und ... es wäre wirklich besser, wir ließen dieses Thema fallen ...“
„Nein, es ist nicht übertrieben, eher ist es noch verkleinert, – ja –, gerade verkleinert ... ich bin unfähig, mich auszudrücken, doch ...“
„Er–lauben Sie!“
Der Fürst schwieg. Er saß in aufrechter Haltung im Sessel und sah unbeweglich mit flammendem Blick Iwan Petrowitsch an.
„Es will mir scheinen, daß Ihnen die Mitteilung über Ihren Wohltäter gar zu nahe gegangen ist,“ meinte freundlich und ohne sich aus seiner Ruhe bringen zu lassen, der alte „Würdenträger“. „Sie sind ... vielleicht durch Ihre Einsamkeit etwas zu idealistisch geworden. Wenn Sie mehr unter Menschen gelebt hätten, in der Gesellschaft, die Sie, wie ich hoffe, als bemerkenswerten jungen Mann mit Vergnügen aufnehmen wird, so werden Sie ganz von selbst Ihren Feuereifer dämpfen lernen, denn Sie werden einsehen, daß alles das viel einfacher ist ... und zudem kommen solche Ausnahmefälle, wie dieser, meiner Ansicht nach zum Teil von unserer Übersättigung und zum Teil von unserer ... Langeweile ...“
„Seht richtig, gerade daher!“ rief der Fürst. „Das haben Sie vorzüglich ausgedrückt! Gerade von der Langeweile, von unserer Langeweile, nicht von der Übersättigung, sondern im Gegenteil, vom lechzenden Durst ... oh, nein, nicht von der Übersättigung, darin haben Sie sich getäuscht! Und nicht nur dürstende Begierde ist es, sondern geradezu fieberhaftes, glühendes Verlangen! Und ... glauben Sie nicht, daß es in einem so geringen Maße der Fall sei, daß man darüber nur lachen könnte! Verzeihen Sie, aber man muß vorauszufühlen verstehen! Sobald wir Russen ans Ufer gelangt sind und auch wirklich den Glauben gewonnen haben, daß es das Ufer ist, dann freuen wir uns so darüber, daß wir sogleich bis zur letzten Grenze gehen. Woher kommt das? Da wundern Sie sich nun über Pawlischtscheff und schreiben seine Handlungsweise seinem Wahnsinn oder seiner Herzensgüte zu, das ist aber falsch! Nicht nur wir allein – ganz Europa wundert sich in solchen Fällen über unseren plötzlich so leidenschaftlichen Eifer: wenn von uns jemand zum Katholizismus übertritt, so wird er doch gleich nichts weniger als Jesuit, und noch dazu der allerschwärzeste von allen; wird er Atheist, so wird er sogleich verlangen, daß der Glaube an Gott, falls nötig, mit Gewalt ausgerottet werden solle! wie kommt das, woher dieser jähe Fanatismus? Wissen Sie es wirklich nicht? Das kommt daher, weil er dann ein Vaterland gefunden, das er hier in seiner Blindheit nicht zu erblicken vermocht hat, deshalb freut er sich so: er hat ein Ufer, er hat Land gefunden – und da wirft er sich denn hin und küßt es in Ekstase. Es ist doch nicht nur Ehrgeiz, nicht nur schlechtes Gefühl, das die russischen Atheisten und russischen Jesuiten hervorbringt, sondern es ist ihre Seelenpein, ist die Sehnsucht ihres Geistes, ihre Sehnsucht nach einer höheren Betätigung, nach einem festen Ufer, kurz, nach einer Heimat. An ihre eigene Heimat glauben sie nicht mehr, denn sie haben sie nie recht gekannt. Atheist zu werden, ist für einen Russen so leicht, leichter, als für jeden anderen in der ganzen Welt! Und die Russen werden auch nicht gewöhnliche Atheisten, nein, der Atheismus wird für sie einfach zu einem neuen Glauben, sie glauben an ihn, ohne dabei auch nur zu bemerken, daß sie an eine Null glauben. So groß ist unser Bedürfnis nach einem Glauben! ‚Wer keinen Erdboden unter sich hat, der hat auch keinen Gott.‘ Dieser Ausspruch stammt nicht von mir, sondern von einem Kaufmann, einem Altgläubigen, den ich auf der Reise kennen lernte – wir saßen in einem Coupé. Er drückte sich nicht buchstäblich so aus, er sagte: ‚Wer sich von seinem Heimatland lossagt, der sagt sich auch von seinem Gott los.‘ Bedenken Sie doch nur, daß bei uns gebildete Leute zur Sekte der Geißler[33] übergetreten sind ... Doch übrigens – ist denn das Geißlertum in dem Fall schlechter, als der Nihilismus, Jesuitismus, Atheismus? Vielleicht ist es sogar tiefer! Aber Sie sehen, wie groß die Sehnsucht gewesen sein muß, wenn sie zu so etwas führen konnte! ... zeigen Sie der sehnsüchtigen Schiffsmannschaft des Kolumbus das Land der ‚Neuen Welt‘, zeigen Sie dem Russen die russische ‚Welt‘, lassen Sie ihn dieses Gold finden, diesen Schatz, der vor ihm noch verborgen liegt in der Erde! Zeigen Sie ihm in der Zukunft die Erneuerung und Auferstehung der ganzen Menschheit vielleicht einzig durch den russischen Gedanken, den russischen Gott und Christus, und Sie werden sehen, welch ein mächtiger und treuer, weiser und frommer Riese vor der verwunderten Welt emporwachsen wird, vor den verwunderten und erschrockenen Völkern Europas, denn was sie von uns erwarten, ist doch nur das Schwert und die Gewalt, weil sie sich uns, da sie uns nach sich selbst beurteilen, gar nicht ohne Barbarei vorstellen können. Und das tun sie bis jetzt noch, und je länger, desto mehr! Und ...“
Doch hier geschah plötzlich etwas, das den Fürsten in der unerwartetsten Weise unterbrach.
Diese ganze wilde Rede, dieser ganze Schwall seltsamer, unruhiger Worte und wirrer, begeisterter Gedanken, die wie in ziellosem Durcheinander aus ihm hervordrängten, der eine den anderen gleichsam überspringend – alles das deutete auf etwas Gefährliches, auf einen besonderen Vorgang in dem anscheinend so tief und so plötzlich sich erregenden jungen Mann. Von den Anwesenden, die den Fürsten kannten, waren die meisten sehr beängstigt – einzelne aber auch beschämt – durch diesen seltsamen Ausbruch, der so wenig mit der sonst fast sogar schüchternen Zurückhaltung des Fürsten übereinstimmte, mit seinem erlesenen Taktgefühl in manchen Fällen, und einem feinen Instinkt für alles, was sich schickt. Man stand förmlich vor einem Rätsel. Die Mitteilung über Pawlischtscheff konnte das doch nicht verursacht haben? Die Damen betrachteten ihn fast als Wahnsinnigen und die Bjelokonskaja gestand später: „Noch eine Minute und ich hätte daran gedacht, mich in Sicherheit zu bringen“ Die alten Herren verloren in der ersten Verwunderung gleichfalls den Kopf. Der alte General schaute sehr unzufrieden und streng drein. Fürst N. saß vollkommen bewegungslos da. Der deutsche Dichter war sogar erbleicht, lächelte aber immer noch sein falsches Lächeln, während er dabei die anderen anblickte, um zu erraten, wie sie sich darüber äußern würden. Konnte doch der ganze „Skandal“ schon im nächsten Augenblick die einfachste Lösung finden. Iwan Fedorowitsch, dessen Versuche, den Fürsten zu unterbrechen, erfolglos geblieben waren, hatte bei sich schon beschlossen, energisch einzugreifen, nur war er sich über die Mittel noch nicht ganz klar. Vielleicht hätte er sich sogar dafür entschieden, den Fürsten unter dem Vorwande seiner unberechenbaren Krankheit freundschaftlich hinauszuführen, welches Verfahren Iwan Fedorowitsch im geheimen für sehr vernünftig hielt. Doch es sollte anders kommen.
Als der Fürst eingetreten war, hatte er sich absichtlich möglichst weit von der chinesischen Vase hingesetzt, da Aglaja ihm wirklich Angst eingeflößt hatte. Wie seltsam es auch klingen mag – es war Tatsache, daß Aglajas kurze Bemerkung eine unausrottbare Überzeugung in ihm hervorgerufen hatte, die ganz unmögliche Vorahnung, daß er an diesem Abend unfehlbar diese Vase zerschlagen würde, wie weit entfernt er sich auch von ihr aufhalten und wie vorsätzlich er auch ihr und dem Unglück aus dem Wege gehen wollte. Das war nun einmal so! Im Laufe des Abends kamen aber neue mächtige Eindrücke, die ihn ganz erfüllten, und da vergaß er seine Vorahnung. Als er dann den Namen Pawlischtscheff vernommen und der Hausherr ihn mit ein paar erklärenden Worten zu Iwan Petrowitsch geführt, hatte er sich, ohne sich etwas dabei zu denken, näher an den Tisch gesetzt – gerade in jenen Sessel, neben dem auf einem Postament die wundervolle Vase stand.
Bei den letzten Worten war er plötzlich aufgesprungen, hatte eine energische Handbewegung gemacht, und – ein allgemeiner Schrei ertönte! Die Vase geriet ins Schwanken, zunächst gewissermaßen selbst unentschlossen, auf welche Seite sie fallen sollte –: dem alten Würdenträger auf den Kopf, oder auf die Seite des deutschen Dichterlings, der entsetzt zurücksprang –, um dann, noch eh’ man sich’s gedacht, zu Boden zu schlagen. Das Geklirr, der Schrei, der sich allen entrang, die kostbaren Scherben, die über den Teppich flogen, der Schreck, die Verwunderung – was mit dem Fürsten geschah, ist schwer, sich vorzustellen. Doch dürfen wir hier nicht verschweigen, daß nicht der Schreck, die Peinlichkeit der Situation, der laute gemeinsame Aufschrei den größten Eindruck auf ihn machten, sondern die in Erfüllung gegangene Vorahnung. Was es gerade war, das ihn bei diesem Gedanken so erschütterte, vermochte er sich selbst nicht zu erklären. Er fühlte nur, daß es ihn gleichsam ins Herz getroffen hatte – und er stand regungslos in einem fast mystischen Schreck da. Einen Augenblick war es ihm, als öffne sich alles vor ihm, an Stelle des Entsetzens trat Licht, Freude, Begeisterung, und dann war es ihm, als griffe eine Hand nach seiner Kehle, um sie langsam zusammenzudrücken und ... doch der Augenblick ging vorüber. Gott sei Dank, es war nicht das! Er atmete auf und blickte sich im Kreise um.
Es dauerte eine geraume Weile, bis er begriff, was geschehen war und was um ihn vorging, d. h. er sah und begriff alles ganz genau, er stand aber wie ein besonderes Wesen unter den anderen, wie der unsichtbare Hausgeist in unseren Märchen, der sich ins Zimmer geschlichen und nie gesehene fremde Menschen, die sein Interesse erwecken, beobachtet. Er sah, wie die Scherben fortgeschafft wurden, hörte das lebhafte Durcheinandersprechen, sah Aglaja, die bleich dasaß und ihn seltsam anblickte – sehr, sehr seltsam: in ihren Augen lag keine Spur von Haß oder Zorn, sie sah ihn nur tief erschrocken, doch dafür so sympathisch an, während sie die anderen mit herausfordernden, blitzenden Blicken maß ... Da begann sein Herz leise zu klopfen und ein süßes Gefühl überkam ihn. Endlich gewahrte er auch mit eigentümlicher Verwunderung, daß alle wieder saßen und sogar lachten, als wäre nichts Unangenehmes geschehen! Da begann man noch mehr zu lachen: man lachte über ihn, über seinen starren Schreck, lachte aber freundschaftlich, heiter; einige sprachen sogar zu ihm, sprachen sehr freundlich, namentlich Lisaweta Prokofjewna: sie beruhigte ihn lachend und sagte etwas sehr, sehr Herzliches. Plötzlich fühlte er, daß ihm jemand kameradschaftlich auf die Schulter klopfte: es war der Hausherr. Der Anglomane Iwan Petrowitsch lachte gleichfalls. Doch am liebenswürdigsten war der Alte: er erfaßte die Hand des Fürsten, drückte sie leicht in der seinen, klopfte beruhigend mit der Rechten auf die Handfläche, beredete ihn, doch wieder zu sich zu kommen – ganz, als hätte er einen kleinen erschrockenen Knaben vor sich gehabt, was dem Fürsten ungemein gefiel –, und schließlich zog er ihn auf den Platz neben sich zum Sitzen nieder. Der Fürst blickte ihm ganz entzückt ins Gesicht, immer noch unfähig, zu sprechen, die Kehle war ihm wie zugeschnürt. Das Gesicht des Alten gefiel ihm unsäglich.
„Wie?“ murmelte er schließlich, „Sie verzeihen mir in der Tat? Und ... auch Sie, Lisaweta Prokofjewna?“
Da wurde die Heiterkeit noch größer. Dem Fürsten traten Tränen in die Augen vor Glück: er traute seinen Sinnen nicht und war wie entrückt.
„Allerdings: die Vase war wundervoll. Ich entsinne mich, sie schon jahrelang bei Ihnen gesehen zu haben; es werden wohl schon so an fünfzehn Jahre her sein, ja ... fünfzehn ...“ bemerkte Iwan Petrowitsch.
„Nun, kein großes Malheur! Auch der Mensch muß einmal sterben, und hier ist nur eine Vase zerschlagen!“ sagte Lisaweta Prokofjewna laut.
„Hat es dich wirklich so erschreckt, Lew Nikolajewitsch?“ fragte sie ihn besorgt. „Laß gut sein, Täubchen, das hat doch nichts auf sich; wirklich, du ängstigst mich mit deinem Schreck.“
„Und Sie verzeihen mir alles? Alles, nicht nur die Vase?“ fragte der Fürst, sich plötzlich wieder erhebend, doch der Alte zog ihn sogleich wieder zurück.
Er wollte seine Hand nicht loslassen.
„C’est très curieux et c’est très sérieux!“[43] raunte er über den Tisch Iwan Petrowitsch zu – ziemlich laut übrigens.
„So habe ich keinen von Ihnen verletzt? Sie glauben nicht, wie glücklich mich dieser Gedanke macht! Aber wie könnte es auch anders sein? Wie hätte ich hier jemanden kränken können? Es ist geradezu eine Kränkung, wenn ich das nur voraussetze.“
„Beruhigen Sie sich, mein Freund, Sie übertreiben die Sache. Und es liegt gar kein Grund vor, so zu danken; das ist ja an sich ein sehr lobenswertes Gefühl, aber es ist doch übertrieben.“
„Ich danke ja gar nicht, ich ... freue mich nur über Sie, ich bin glücklich, indem ich Sie ansehe. Ich spreche vielleicht sehr dumm, aber ich muß – sprechen, ich muß erklären ... und wenn auch nur aus Achtung vor mir selbst.“
Alles das brachte er wirr, unverständlich und fast fieberhaft hervor; möglich, daß die Worte, die er aussprach, gar nicht diejenigen waren, die er sprechen wollte. Und sein Blick, mit dem er alle ansah, schien zu fragen: darf ich sprechen? Die alte Bjelokonskaja betrachtete ihn – und da trafen sich ihre Blicke.
„Nur zu, Väterchen, fahr ruhig fort, erzähl’, soviel du willst, sieh nur zu, daß dir der Atem nicht ausgeht,“ sagte sie. „Du kamst schon vorhin mit der Luft zu kurz, aber zu sprechen fürcht’ dich nicht: wir haben noch ganz andere Sonderlinge gesehen, du wirst uns nicht in Erstaunen setzen, bist nicht weiß Gott wie klug, nur die Vase, die hast du richtig zerschlagen und uns alle erschreckt.“
Der Fürst hörte ihr lächelnd zu.
„Sie sind es doch,“ wandte er sich plötzlich an den Alten, „der vor drei Monaten den Studenten Podkusnoff und den Beamten Schwabrin vor der Verbannung bewahrt hat?“
Der Alte errötete ein wenig und brummte nur, daß er sich beruhigen müsse.
„Und das ist doch wahr, was ich von Ihnen gehört habe, Iwan Petrowitsch,“ wandte er sich an den Anglomanen, „daß Sie Ihren abgebrannten Bauern, die jedoch nicht mehr zu Ihrem Gut im –schen Gouvernement gehörten und Ihnen sogar Unannehmlichkeiten bereitet hatten, Wald zum Abholzen für die Neubauten geschenkt haben?“
„Nun, das ist wiederum über–trie–ben,“ antwortete Iwan Petrowitsch, nichtsdestoweniger angenehm berührt. Unwillkürlich nahm er eine würdevollere Haltung an.
Diesmal hatte er vollkommen recht, wenn er von einer „Übertreibung“ sprach: es handelte sich um ein falsches Gerücht, das dem Fürsten zu Ohren gekommen war.
„Und Sie, Fürstin,“ wandte sich Fürst Lew Nikolajewitsch mit einem Lächeln an die Bjelokonskaja, „haben Sie mich nicht vor einem halben Jahre in Moskau wie Ihren eigenen Sohn bei sich aufgenommen, nur auf den Brief Lisaweta Prokofjewnas hin, und haben Sie mir nicht wie Ihrem Sohne einen Rat gegeben, den ich nie vergessen werde? Erinnern Sie sich noch?“
„Wozu kriechst du wieder auf die Wände?“ sagte die Bjelokonskaja ärgerlich. „Ein guter Mensch bist du, das weiß ich, machst dich aber immer lächerlich: schenkt man dir drei Kopeken, so dankst du schon, als hätte man dir das Leben gerettet. Du glaubst, daß das löblich ist? Ich finde es einfach widerlich.“
Sie war bereits im Begriff, ernstlich böse zu werden, doch plötzlich begann sie zu lachen, und zwar ganz gutmütig. Lisaweta Prokofjewna atmete innerlich wie erlöst auf und aus ihrem wie ihres Gatten Gesicht verschwand die Besorgnis.
„Ich habe ja immer gesagt, daß Lew Nikolajewitsch ein Mensch ist, der ... der ... mit einem Wort, wenn er nur nicht mit dem Atem zu kurz käme, wie die Fürstin sehr richtig bemerkt hat,“ sagte der General erfreut.
Nur Aglaja schien traurig zu sein; ihr Gesicht glühte immer noch – vielleicht vor Unwillen.
„Er ist wirklich ein netter Mensch,“ brummte der Alte, halb zu Iwan Petrowitsch gewandt.
„Als ich hier eintrat, war mir das Herz schwer,“ fuhr plötzlich der Fürst in wachsender Verwirrung fort, und seine Rede wurde mit jedem Wort seltsamer und begeisterter. „Ich fürchtete Sie und ich fürchtete mich vor mir selbst. Am meisten vor mir selbst. Als ich nach Petersburg zurückkehrte, gab ich mir das Wort, unsere Besten, unseren eingesessenen Adel kennen zu lernen, da auch ich zu ihm gehöre und mein Name einer der ersten unter ihnen ist. Und jetzt sitze ich hier unter ebensolchen Fürsten, wie ich einer bin, nicht wahr? Ich wollte Sie kennen lernen, das tat not. Oh, erst jetzt kann ich es ganz ermessen, wie notwendig, wie notwendig das war! ... Ich habe immer so viel Schlechtes von Ihnen gehört, gar zu viel Schlechtes, viel mehr als Gutes, von Ihrer Kleinlichkeit, vom Egoismus Ihrer Interessen, und wie weit Sie zurückgeblieben sein sollen, und ich hörte von Ihrer geringen Bildung und von lächerlichen Angewohnheiten – oh, es wird doch so viel über Sie geschrieben und gesprochen! Neugierig kam ich heute her, neugierig und verwirrt: ich mußte doch einmal selbst sehen, mich selbst überzeugen, ob denn wirklich die ganze obere Schicht des russischen Volkes zu nichts mehr taugt, ob sie wirklich ihre Zeit schon überlebt hat, ob ihr Lebensquell versiegt und sie nur noch zu sterben fähig ist, dabei immer noch in kleinlichem, neidischem Kampf begriffen mit den ... zukünftigen Menschen, denen unsere Oberen den Weg versperren, ohne zu wissen, daß sie selbst schon sterben? Ich habe an die Richtigkeit dieser Auffassung auch früher nicht ganz geglaubt, denn genau genommen hat es bei uns doch nie eine höhere Klasse gegeben, abgesehen vielleicht von den Höflingen, die es durch den Beamtenrock oder ... den Zufall geworden waren, jetzt aber schon ganz verschwunden sind – ist es nicht so?“
„Nun, nein, durchaus nicht so,“ sagte Iwan Petrowitsch verletzt und er lachte verächtlich.
„Daß er doch wieder reden muß!“ ärgerte sich die Bjelokonskaja.
„Laissez le dire,[44] er zittert ja am ganzen Körper,“ riet der Alte halblaut.
Der Fürst hatte entschieden seine Selbstbeherrschung verloren.
„Und was sehe ich nun? Ich sehe vornehme, gute, verständige Menschen; ich sehe einen Greis, der einen Knaben, wie mich, liebevoll anhört und von unendlicher Güte zu mir ist. Ich sehe Menschen, die fähig sind, zu verstehen und zu verzeihen, russische, gute Menschen, die fast ebenso gut und herzlich sind, wie die russischen Bauern, die ich auf dem Lande kennen gelernt habe, nein, wirklich, fast sind Sie ebenso gut, wie jene. Urteilen Sie jetzt selbst, wie freudig ich überrascht sein mußte! Oh, erlauben Sie, daß ich mich ausspreche! Ich habe oft gehört und auch selbst geglaubt, daß in der Gesellschaft alles nur anerzogenes Benehmen und hinfällige Form, der lebendige Lebensquell aber versiegt sei. Aber jetzt sehe ich doch selbst, daß es nicht der Fall, daß bei uns so etwas ganz ausgeschlossen ist. Das kann vielleicht anderswo so sein, aber nicht bei uns. Sollten Sie denn jetzt alle wirklich Jesuiten und Betrüger sein? Ich hörte, wie vorhin Fürst N. erzählte: war das nicht echter, köstlicher Humor, sprach nicht aus der ganzen Erzählung unschuldige Gutmütigkeit? Wie könnte wohl ein innerlich Toter, dessen Herz und Geistesgaben vertrocknet sind, solche Worte hervorbringen? Könnten denn Tote so lieb zu mir sein, wie Sie es gewesen sind? Ist das nicht ein Menschenmaterial, das zu den schönsten Hoffnungen für die Zukunft berechtigt? Können denn solche Menschen etwas nicht begreifen und in ihren Anschauungen zurückbleiben?“
„Ich bitte Sie nochmals, mein Lieber, beruhigen Sie sich, wir können ein anderes Mal davon reden und ich werde Ihnen mit Vergnügen zuhören ...“ sagte der Alte mit beruhigendem Lächeln.
Iwan Petrowitsch, der Anglomane, räusperte sich und setzte sich in seinem Sessel bequemer zurecht. Iwan Fedorowitsch stand da, während sein hoher Vorgesetzter sich an die Gattin des „Würdenträgers“ wandte und mit ihr zu plaudern begann, ohne den Fürsten weiter zu beachten. Doch hörte ihm die Dame nur mit halbem Ohr zu, da sie der Fürst mehr interessierte.
„Nein, wissen Sie, es ist besser, ich rede jetzt!“ fuhr der Fürst wie im Fieber fort, indem er sich seltsam zutraulich wieder an den Alten wandte. „Aglaja Iwanowna hat mir gestern verboten, hier zu reden und sie hat sogar die Themata angegeben, über die ich nicht reden darf: sie weiß, daß ich mich dann lächerlich mache. Ich bin siebenundzwanzig Jahre alt, aber ich weiß ja doch selbst, daß ich noch wie ein Kind bin. Ich habe nicht das Recht, meine Gedanken auszudrücken, das habe ich immer gesagt. Nur mit Rogoshin habe ich in Moskau offen gesprochen ... Wir lasen Puschkin zusammen, lasen alle seine Werke. Er kannte noch nichts von ihm, nicht einmal seinen Namen ... Ich fürchte immer, durch meine Lächerlichkeit meine große Idee herabzuziehen. Ich verstehe mich nicht zu bewegen. Meine Gesten entsprechen nie meinen Worten, und so rufen sie nur Gelächter hervor und erniedrigen die Idee. Auch verstehe ich nie, Maß zu halten, das aber ist sehr wichtig, ist das Wichtigste ... Ich weiß, daß ich besser tue, wenn ich stillsitze und schweige. Wenn ich mich verschließe und verstumme, so sehe ich sogar sehr vernünftig aus, und überdies kann ich dann ungestört nachdenken. Jetzt aber ist es besser, ich rede. Ich habe nur deshalb wieder angefangen, weil Sie mich so freundlich ansehen; Sie haben ein wundervolles Gesicht! Ich habe Aglaja Iwanowna gestern mein Wort gegeben, daß ich heute den ganzen Abend schweigen würde.“
„Vraiment?“[45] fragte der Alte lächelnd.
„Ich denke jedoch bisweilen, daß es falsch von mir ist, so zu denken: die Hauptsache ist doch nicht die Geste, sondern die Aufrichtigkeit, nicht? ... Nicht?“
„Hm! Mitunter.“
„Ich will jetzt alles erklären, alles, alles, alles! Sie glauben, ich sei ein Utopist? Ein Schwärmer? O, nein, ich habe, bei Gott, nur ganz einfache Gedanken ... Sie glauben mir nicht? Sie lächeln? Wissen Sie, ich bin bisweilen ein recht niedriger Mensch – ich verliere den Glauben. Als ich vorhin herkam, dacht’ ich: ‚Wie soll ich denn mit ihnen reden? Mit welch einem Wort soll ich beginnen, damit sie mich nur ein wenig begreifen?‘ Und wie ich mich fürchtete – doch für Sie fürchtete ich am meisten, oh, ganz entsetzlich, entsetzlich! Und doch – wie durfte ich das, war es nicht eine Sünde? Was liegt daran, daß auf einen Aufgeklärten, einen Pionier eine solche Unmenge von den übrigen kommt? Das ist ja doch meine Freude, daß ich jetzt davon überzeugt bin, daß es durchaus nicht eine solche Unmenge Überflüssiger, sondern daß es ein großes lebendiges Material gibt! Und weshalb sollten wir uns durch unsere Lächerlichkeit verwirren lassen, nicht wahr? Das ist doch nun mal tatsächlich so, wir sind lächerlich, leichtsinnig, haben schlechte Angewohnheiten, wir langweilen uns, verstehen nicht zu schauen, verstehen nicht zu begreifen, und so sind wir doch alle, alle, Sie und ich und alle übrigen! Sie fühlen sich doch deshalb nicht gekränkt, weil ich es Ihnen ganz offen sage, daß Sie lächerlich sind? Wenn es aber so ist, wie sollten Sie dann kein gutes Material sein? Wissen Sie, es will mir scheinen, daß es mitunter sogar gut ist, lächerlich zu sein, es ist wirklich besser: man kann sich gegenseitig schneller verzeihen, sich schneller aussöhnen. Man kann doch nicht sofort alles begreifen, man kann doch nicht so ohne weiteres mit der Vollkommenheit beginnen! Um die Vollkommenheit zu erreichen, muß man zuerst vieles nicht verstehen! Begreifen wir aber gar zu schnell, so begreifen wir es gewöhnlich nicht so gut. Ich sage das Ihnen, Ihnen, die Sie schon so vieles zu begreifen verstanden haben und – nicht nur zu begreifen. Jetzt fürchte ich nicht mehr für Sie ... Sie ärgern sich doch nicht darüber, daß ein solcher Knabe wie ich so zu Ihnen spricht? Natürlich nicht! Oh, Sie werden es verstehen, werden denen verzeihen, die Sie gekränkt haben, und auch denen, die Sie nicht gekränkt haben – das ist ja doch noch viel schwerer, gerade weil sie Sie nicht gekränkt haben und Ihr Gefühl folglich unbegründet ist. Das ist es, was ich Ihnen allen sagen wollte, als ich herkam, nur wußte ich nicht, wie ich mich ausdrücken sollte ... Sie lachen, Iwan Petrowitsch? Sie denken vielleicht, ich sei ein Demokrat, der allgemeine Gleichheit predigt?“ fragte er selbst auflachend. „Nein, ich fürchte für Sie, für Sie alle, und für alle zusammen. Bin ich doch selbst ein uralter autochthoner Fürst und sitze hier unter Fürsten. Ich rede ja nur, um Sie alle zu retten, damit unser Stand nicht umsonst in unterschiedloser Dunkelheit verkommt und verschwindet und alles verspielt, ohne auch nur das Geringste zu schaffen! Weshalb sollen wir verschwinden und anderen den Platz abtreten, wenn wir die Ersten und Ältesten bleiben können? Lassen Sie uns die Ersten sein, dann werden wir auch die Väter des Volkes sein. Lassen Sie uns die Diener des Volkes werden, um seine Väter zu sein!“
Er hatte mehrmals versucht, sich von seinem Platz zu erheben, doch der Alte, der ihn mit wachsender Unruhe beobachtete, hatte ihn immer wieder zurückgezogen.
„Hören Sie! Ich weiß, daß es nicht gut ist, zu reden: besser ist einfach ein Beispiel, einfach mit der Tat zu beginnen ... ich habe schon begonnen ... und – und wie kann man überhaupt unglücklich sein? Oh, was ist mein kleines Leid, wenn ich doch fähig bin, glücklich zu sein? Wissen Sie, ich begreife nicht, wie man an einem Baum vorübergehen kann, ohne glücklich zu sein darüber, daß man ihn liebt! Oh, ich verstehe es nur nicht auszudrücken ... aber wie viele wundervolle Dinge gibt es, auf jedem Schritt und Tritt, Dinge, die selbst der verworfenste Mensch als wundervoll empfindet? Betrachten Sie ein Kind, sehen Sie die Morgenröte, sehen Sie das Gras, oder schauen Sie in die Augen, die Sie ansehen und – Sie lieben ...“
Jäh hatte er sich bei den letzten Worten von dem Alten losgerissen und sprach nun aufrechtstehend. Lisaweta Prokofjewna war die erste, die erriet, was vor sich ging: „Ach, mein Gott!“ stieß sie erschrocken hervor. Da stand aber schon Aglaja neben dem Wankenden, um ihn mit ihren Armen zu stützen, zu halten, und mit entsetztem, schmerzverzerrtem Gesicht vernahm sie den wilden, grauenvollen Schrei des „würgenden Dämons“, der plötzlich aus der Brust des Unglücklichen drang. Der Kranke lag auf dem Teppich. Irgend jemand schob ihm ein Kissen unter den Kopf.
Diese Wendung hatte niemand erwartet. Nach einer Viertelstunde gaben sich Fürst N., Jewgenij Pawlowitsch und der Alte die größte Mühe, den Abend von neuem zu beleben, doch leider vergeblich: schon nach einer halben Stunde brachen alle auf. Es wurden noch viele mitfühlende und nachempfindende Worte gesprochen, man vernahm auch noch ein paar allgemeine Betrachtungen und sogar einige ernsthafte Meinungen. Iwan Petrowitsch äußerte sich unter anderem dahin, daß der „junge Mann allem Anscheine nach ein se–ehr eifriger Sla–wo–phile sein müsse, oder etwas Ähnliches, nur sei das weiter nicht gefährlich.“ Der Alte sagte nichts.
Am nächsten und übernächsten Tage ärgerten sich freilich alle ein wenig. Iwan Petrowitsch fühlte sich als Anglomane sogar gekränkt, jedoch nicht allzusehr. Der hohe Vorgesetzte war eine Zeitlang etwas kühl gegen Iwan Fedorowitsch, dem auch der alte „Protektor“ der Familie irgend etwas Lehrreiches sagte, wobei er dann noch schmeichelhaft hinzufügte, daß er sich für Aglajas Zukunft überaus interessiere. Er war in der Tat ein ziemlich guter Mensch, doch interessierte er sich für den Fürsten vornehmlich wegen seiner „Geschichte“ mit Nastassja Filippowna, von der er so manches gehört hatte, und er hätte sogar Iwan Fedorowitsch gern noch ein wenig ausgeforscht, um Näheres zu erfahren.
Die Bjelokonskaja hatte noch am Abend beim Abschied Lisaweta Prokofjewna gesagt, wie sie den Fall beurteilte:
„Nun was – ja und nein. Aber wenn du meine ganze Meinung wissen willst, dann doch eher nein. Du siehst doch selbst, was für einer er ist: ein kranker Mensch!“
Lisaweta Prokofjewna entschied hierauf bei sich endgültig, daß er als Bräutigam „undenkbar“ sei, und schwor sich im Laufe der Nacht hoch und heilig, daß der Fürst, solange sie lebe, ihre Aglaja nicht bekommen werde. Und mit diesem Entschluß wachte sie auch am nächsten Morgen auf – doch siehe da, als sie um ein Uhr beim Frühstück saß, geriet sie plötzlich in seltsamen Widerspruch mit sich selbst.
Auf eine vorsichtige Frage der Schwestern antwortete Aglaja plötzlich kalt und hochmütig:
„Ich habe ihm meines Wissens noch nie ein Versprechen gegeben und ihn auch nie als meinen Bräutigam betrachtet. Er ist mir ebenso fremd und gleichgültig wie jeder andere.“
Da wurde die Generalin plötzlich rot.
„Das hätte ich nicht von dir erwartet,“ sagte sie verletzt, „als Freier ist er unmöglich, das weiß ich, und ich danke Gott, daß alles so gekommen ist; aber dir hätte ich doch nie solche Worte zugetraut. Ich glaubte, daß von dir etwas ganz anderes zu erwarten sei. Ich hätte alle jene anderen fortgejagt und nur ihn allein zurückbehalten, sieh, solch ein Mensch ist er! ...“
Sie verstummte plötzlich, erschrocken über ihre eigenen Worte.
Wenn sie gewußt hätte, wie sehr sie ihrer Tochter in diesem Augenblick unrecht tat!
Aglaja hatte ihren Entschluß bereits gefaßt und wartete nur noch ihre Stunde ab, die alles entscheiden mußte. Jede Anspielung aber, jede Berührung der tiefen Wunde zerrissen ihr das Herz.
VIII.
Auch der Fürst verbrachte diesen Morgen in düsterer Stimmung: schwere Vorahnungen lasteten auf ihm. Am meisten quälte ihn, daß seine Trauer – er wußte eigentlich selbst nicht, wie er diese Empfindung nennen sollte – in ihrer Art so unbestimmt war. Vor ihm standen die Tatsachen grell, schwer und unverrückbar, doch seine Trauer ging über alles hinaus, was er dachte oder sich vorstellte, und er fühlte, daß er sich allein nicht würde beruhigen können. Da erhob sich in ihm allmählich eine Erwartung, die immer größer und schließlich zu der Überzeugung wurde, daß heute noch etwas Besonderes und Entscheidendes mit ihm geschehen würde. Der Anfall, den er am Abend vorher gehabt hatte, war ein leichter gewesen: abgesehen von der traurigen, müden Stimmung, einer gewissen Schwere im Kopf und in den Gliedern, fühlte er sich weiter nicht krank. Seine Gedanken waren verhältnismäßig klar und bewußt. Als er am Morgen aufgewacht, war es schon ziemlich spät gewesen, und er hatte sich sogleich des Abends bei Jepantschins erinnert. Der Einzelheiten freilich entsann er sich nicht so genau, aber er wußte doch, daß er etwa eine halbe Stunde nach seinem Anfall nach Hause geschafft worden war. Er erfuhr alsbald, daß Jepantschins sich schon am Morgen nach seinem Befinden hatten erkundigen lassen, und um halb zwölf erschien der Diener zum zweitenmal. Diese Teilnahme erweckte in ihm ein angenehmes Gefühl. Wjera Lebedewa war der erste Mensch, den er an diesem Morgen zu Gesicht bekam. Als sie eintrat und ihn erblickte, brach sie plötzlich in Tränen aus, doch als der Fürst sie dann beruhigte, lachte sie bald wieder. Das große Mitleid dieses jungen Mädchens machte einen fast erschütternden Eindruck auf ihn, und plötzlich ergriff er ihre Hand und küßte sie. Wjera erschrak und wurde rot.
„Ach, nicht doch, was tun Sie!“ rief sie schnell und verlegen und zog rasch die Hand fort.
Sie verließ ihn in seltsamer Verwirrung.
Um zwölf Uhr erschien Lebedeff, der sich bereits in aller Frühe eilig zum „Seligen“ – so nannte er den General, obgleich dieser immer noch lebte – begeben hatte, um zu erfahren, ob er nicht seinen Geist schon im Laufe der Nacht aufgegeben, was jedoch noch nicht geschehen war. Beim Fürsten trat er „nur auf einen Moment“ ein, „einzig um sich nach seiner werten Gesundheit zu erkundigen“ usw., und begab sich dann wieder in sein Schlafgemach, um nochmals sein „Schränkchen“ zu inspizieren – nur zu diesem Zweck war er nach Hause gekommen. Beim Fürsten hatte er bloß Ach und Weh gejammert und ein paar Versuche gemacht, Näheres über den Abend bei Jepantschins und den „Anfall“ zu erfahren, obschon er, wie der Fürst sogleich erriet, von allem bereits ganz genau unterrichtet war. Kaum war Lebedeff gegangen, da erschien Koljä, gleichfalls „nur auf einen Augenblick“: dieser aber hatte es in der Tat sehr eilig und war äußerst aufgeregt. Er begann sogleich damit, daß er den Fürsten inständig bat, ihm doch alles zu sagen, was man vor ihm verheimlichte, das meiste habe er ja doch schon erraten. Der Fürst erzählte ihm denn auch möglichst schonend, wie Lebedeff sein Geld plötzlich vermißt und dann wieder gefunden hatte, doch der arme Knabe war trotzdem tief erschüttert. Er vermochte kein Wort hervorzubringen und plötzlich rannen ihm helle Tränen über die Wangen. Der Fürst fühlte, daß diese Mitteilung für den Knaben einer jener Eindrücke war, die ewig unvergeßlich bleiben und im Leben des Jünglings einen Bruch bedeuten, von dem ab er mit anderen Augen in die Welt zu schauen beginnt. Daher beeilte sich der Fürst, ihm seine persönliche Auffassung der Angelegenheit zu erklären, und er fügte noch hinzu, daß der Schlaganfall des alten Mannes seiner Meinung nach nur eine Folge des eigenen Entsetzens über diesen Fehltritt sei, der wohl nicht einem jeden so nahe gegangen wäre. Koljäs Augen blitzten auf, als der Fürst zu Ende gesprochen hatte.
„Dieser Schuft Ganjka, und Warjä und Ptizyn gleichfalls! Ich will mich mit ihnen nicht weiter herumstreiten, aber von Stund an sind unsere Wege getrennt! Ach, Fürst, wenn Sie wüßten, wieviel Neues ich seit gestern empfunden habe! Das war meine Lehre! Ich muß jetzt für meine Mutter sorgen. Sie ist ja wohl bei Warjä gut aufgehoben, aber das ist doch nicht das ...“
Plötzlich fiel es ihm ein, daß man ihn zu Hause erwarte, und eilig sprang er auf, erkundigte sich nur noch schnell nach dem Befinden des Fürsten, und als dieser geantwortet, fragte er plötzlich:
„Und sonst gibt’s nichts? ... Ich hörte gestern ... übrigens habe ich nicht danach zu fragen ... aber wenn Sie einmal eines treuen Dieners bedürfen, so vergessen Sie nicht, daß ... er jetzt vor Ihnen steht. Ich glaube, wir sind beide nicht glücklich, nicht? Doch ... ich will Sie nicht ausforschen, schon gut, schon gut ...“
Er ging, und der Fürst blieb noch nachdenklicher zurück: alle sprachen von Unglück, alle sahen sie ihn an, als wüßten sie etwas, was er noch nicht wußte. Lebedeff wollte ihn ausforschen, Koljä machte Anspielungen und Wjera weinte – was hatte das alles zu bedeuten? „Ach, das ist doch nur mein verwünschter krankhafter Argwohn!“ dachte er schließlich halb ärgerlich. Wie erhellte sich aber sein Gesicht, als nach zwei Uhr plötzlich Jepantschins bei ihm erschienen. Die waren jedoch wirklich „nur auf einen Augenblick“ gekommen. Lisaweta Prokofjewna hatte, nachdem sie von der Frühstückstafel aufgestanden, erklärt, daß sie sogleich alle spazieren gehen würden. Diese Benachrichtigung war von ihr sehr kurz, trocken und in durchaus befehlender Form geschehen. Und so gingen sie alle, d. h. die Mama und die Töchter und Fürst Sch. Doch als sie in den Park hinaustraten, schlug die Generalin nicht den Weg ein, auf dem sie täglich spazieren gingen, sondern begab sich in die entgegengesetzte Richtung. Da wußten alle, wohin es ging, doch schwiegen sie, um die Mutter nicht zu reizen, denn diese ging bereits, gleichsam um sich vorwurfsvollen Blicken oder Einwendungen zu entziehen, allen voraus und sah sich auch kein einziges Mal nach ihnen um. Endlich bemerkte Adelaida, daß man auf einem Spaziergang doch nicht so schnell zu gehen brauche, man könne ja der Mama kaum folgen.
„Hört jetzt,“ wandte sich da plötzlich Lisaweta Prokofjewna zurück, „wir sind sogleich bei seiner Villa angelangt. Gleichviel wie Aglaja über ihn denkt oder was da sonst geschehen ist, jedenfalls ist er für uns kein Fremder und außerdem jetzt noch krank und unglücklich. Ich wenigstens werde bei ihm eintreten: wer mir folgen will, mag kommen, wer nicht, der gehe weiter; der Weg ist nicht gesperrt.“
Natürlich folgten ihr alle.
Der Fürst beeilte sich, wie es sich gehörte, nochmals seine Entschuldigung zu machen, wegen der Vase und des ... „Skandals“.
„Nun, das hat nichts auf sich,“ antwortete die Generalin. „Nicht die Vase tut mir leid, sondern du tust mir leid. So siehst du jetzt selbst ein, daß du einen Skandal verursacht hast – am Morgen ist man gewöhnlich klüger. Aber was soll man da ... jetzt hat doch ein jeder gesehen, daß mit dir nichts zu wollen ist ... Nun, auf Wiedersehen, wir wollen dich nicht aufhalten. Wenn du kannst, so mach’ jetzt einen Spaziergang und dann leg’ dich wieder hin – das wäre mein Rat. Und wenn du Lust hast, komm wieder zu uns, nach alter Art. Jedenfalls sei ein für allemal überzeugt, daß du, was auch geschehen sein mag oder was auch noch geschehen sollte, der Freund unseres Hauses bleibst. Wenigstens mein Freund. Für mich selbst kann ich einstehen, dessen sei du versichert.“
Auf diese Herausforderung beeilten sich natürlich alle, den Fürsten derselben Gefühle für ihn zu versichern. Darauf verabschiedeten sie sich. Aber in dieser Eile, ihm etwas Freundliches und Ermunterndes zu sagen, lag doch eine große Grausamkeit, was Lisaweta Prokofjewna wohl ganz entgangen war. Aus der Aufforderung, sie „nach alter Art“ zu besuchen und der Bemerkung „wenigstens mein Freund“, glaubte der Fürst manches erraten zu können. Als er wieder allein war, suchte er sich Aglajas Gesicht während dieses Besuches zu vergegenwärtigen: sie hatte ihn mit ganz eigentümlichem Lächeln beim Kommen wie beim Gehen angesehen, doch hatte sie kein Wort gesprochen, selbst dann nicht, als die anderen ihn ihrer Freundschaft versichert hatten, obschon ihr Blick zweimal durchdringend auf ihm geruht hatte. Ihr Gesicht war bleicher gewesen als sonst, als hätte sie in der Nacht schlecht geschlafen. Da beschloß denn der Fürst, am Abend „nach alter Art“ zu ihnen zu gehen, und immer wieder sah er in fieberhafter Ungeduld nach der Uhr.
Plötzlich erschien Wjera bei ihm. Es war noch nicht lange nachdem Jepantschins fortgegangen waren.
„Lew Nikolajewitsch,“ sagte sie, „mir hat Aglaja Iwanowna soeben eine Botschaft an Sie aufgetragen.“
Der Fürst zuckte zusammen und stand fast zitternd vor ihr.
„Einen Brief?“
„Nein, mündlich, und auch das so schnell, daß ich sie kaum verstehen konnte. Sie läßt Sie bitten, heute den ganzen Tag zu Hause zu bleiben bis sieben oder bis neun Uhr abends, genau hörte ich es nicht.“
„Ja ... aber weshalb denn das? Was hat das zu bedeuten?“
„Das weiß ich nicht, nur sollte ich es Ihnen unbedingt sagen.“
„Hat sie das selbst so gesagt, ‚unbedingt‘?“
„Nein, das gerade nicht: sie hatte kaum Zeit, wandte sich sofort wieder ab. Aber ihrem Gesicht sah man an, daß es ‚unbedingt‘ war. Das Herz stand mir fast still vor Schreck, so sah sie mich an ...“
Der Fürst stellte noch einige Fragen, doch konnte er nichts Näheres erfahren, und das regte ihn noch mehr auf. Als Wjera hinausgegangen war, legte er sich auf den Diwan und begann nachzudenken. „Vielleicht wird dort wieder jemand bei ihnen sein, bis neun Uhr abends, und da fürchtet sie, ich könnte wieder etwas Ungeheuerliches verüben,“ meinte er schließlich und wieder blickte er ungeduldig nach der Uhr und sehnte den Abend herbei. Doch das Rätsel fand seine Lösung viel früher als er gedacht, eine Lösung, die wieder ein neues, quälendes Rätsel war: etwa eine halbe Stunde nach dem Besuch der Jepantschins kam Hippolyt zu ihm. Er war so erschöpft, daß er, als er schwankend eintrat, nicht einmal grüßte und fast besinnungslos auf einen Sessel niederfiel. Er bekam einen entsetzlichen Hustenanfall und spie Blut. Seine Augen glänzten fieberhaft und auf seinen Wangen erschienen rote Flecke. Der Fürst sagte etwas zu ihm, bot ihm Wasser an, doch Hippolyt antwortete nicht und winkte nur mit der Hand ab, man solle ihn vorläufig in Ruhe lassen. Endlich legte sich der Husten und er kam wieder zu sich.
„Ich gehe!“ sagte er schließlich mühsam mit heiserer Stimme.
„Wollen Sie, ich werde Sie begleiten?“ fragte der Fürst, sich vom Diwan erhebend; doch plötzlich fiel ihm Aglajas Verbot ein und er zögerte unschlüssig.
Hippolyt lachte auf.
„Nicht von Ihnen gehe ich fort,“ sagte er, heiser hüstelnd und röchelnd und nach jedem längeren Satz rang er nach Atem. „Im Gegenteil, ich habe es für nötig befunden, zu Ihnen zu kommen, und zwar wegen einer wichtigen Angelegenheit ... sonst würde ich Sie nicht beunruhigen. Ich gehe ins – Jenseits, und diesmal, scheint es, wird es Ernst. Aus! Ich ... rede nicht, um Ihr Mitleid zu erwecken, wahrhaftig nicht ... Ich hatte mich heut’ schon hingelegt, um ganz im Bett zu bleiben, bis ... na ja. Aber dann überlegte ich mir die Sache noch mal und stand doch wieder auf, um zu Ihnen zu kommen ... folglich muß es doch notwendig gewesen sein.“
„Es tut weh, Sie so zu sehen. Hätten Sie mich doch rufen lassen, anstatt sich selbst herzubemühen.“
„Na genug, besten Dank. Sie haben mich bedauert und nun basta, der gesellschaftlichen Höflichkeit ist Genüge getan ... Ach, ganz vergessen: wie steht es denn mit Ihrer Gesundheit?“
„Ich bin gesund. Gestern war ich ... nicht ganz ...“
„Hab’ gehört, hab’ gehört. Die chinesische Vase hat daran glauben müssen; schade, daß ich nicht zugegen war! Doch zur Sache. Erstens habe ich heut’ das Vergnügen gehabt, Gawrila Ardalionytsch und Aglaja Iwanowna bei einem Rendezvous an der grünen Bank zu sehen. Ich habe mich nur gewundert, bis zu welch einem Grade ein Mensch dumm aussehen kann. Das sagte ich auch zu Aglaja Iwanowna, als Gawrila Ardalionytsch fortgegangen war ... Sie, scheint es, pflegen sich über nichts mehr zu wundern, Fürst?“ unterbrach er sich, mißtrauisch das ruhige Gesicht des Fürsten betrachtend. „Sich über nichts wundern soll ein Beweis großer Klugheit sein, sagt man; mir jedoch will es scheinen, als könnte es auch ebenso große Dummheit beweisen ... Das war übrigens nicht auf Sie gemünzt, verzeihen Sie ... Ich bin heut’ sehr ungeschickt in meinen Ausdrücken.“
„Ich wußte es schon gestern, daß Gawrila Ardalionytsch ...“ Sichtlich verwirrt brach der Fürst ab, obschon sich Hippolyt über ihn ärgerte, weil er kein eigentliches Erstaunen an ihm zu bemerken vermocht hatte.
„Sie wußten! Das ist mal nett! Das wußte ich nicht! Doch übrigens – meinetwegen brauchen Sie’s auch nicht zu erzählen. Aber Zeuge des Stelldicheins sind Sie nicht gewesen?“
„Sie haben doch gesehen, daß ich nicht Zeuge gewesen bin ... wenn Sie selbst dort waren.“
„Na, man kann ja nicht wissen, vielleicht haben Sie irgendwo hinter einem Baum gesessen. Übrigens freut mich das, für Sie, versteht sich, denn ich dachte wirklich schon, daß Gawrila Ardalionytsch – bevorzugt und tatsächlich gekapert werde.“
„Ich bitte Sie, über diese Angelegenheit nicht mit mir zu sprechen, Hippolyt, und nicht solche Ausdrücke zu gebrauchen.“
„Um so mehr, als Sie bereits alles wissen.“
„Sie irren sich. Ich weiß so gut wie nichts, und das weiß Aglaja Iwanowna. Und selbst von diesem Stelldichein habe ich so gut wie nichts gewußt ... Sie sagen, sie hätten sich getroffen? Nun gut, dann haben sie sich getroffen, doch reden wir nicht davon ...“
„Ja, aber wie ist denn das: bald haben Sie gewußt, bald haben Sie nicht gewußt? Sie sagen: nun gut und Schwamm drüber, und ... Nein, wissen Sie, seien Sie lieber nicht so vertrauensvoll! Besonders nicht, wenn Sie nichts wissen. Doch Sie vertrauen ja auch nur deshalb, weil Sie nichts wissen. Aber wissen Sie denn nicht, was für Berechnungen diese beiden haben, das Brüderlein und ’s Schwesterlein? Mutmaßen Sie gar nichts? ... Gut, gut, ich rede nicht mehr davon ...“ unterbrach er sich, als er die ungeduldige Bewegung des Fürsten sah. „Doch ich bin ja in meiner eigenen Angelegenheit gekommen und will das nun ... erklären. Hol’s der Teufel, daß man doch auf keine Weise ohne Erklärungen sterben kann! Grauenvoll, wieviel ich ewig erkläre. Wollen Sie mich anhören?“
„Reden Sie, ich höre.“
„In ... indes, ... ich werde doch lieber meine Absicht ändern und dennoch mit Ganetschka beginnen. Stellen Sie sich vor, auch ich war heute zu einem Rendezvous bestellt, und zwar gleichfalls zur grünen Bank. Übrigens, ich will nicht lügen: ich hatte selbst auf dem Rendezvous bestanden, mich fast aufgedrängt, ein Geheimnis mitzuteilen versprochen. Ich weiß nicht, war ich nun zu früh gekommen – ich glaube, ich kam tatsächlich zu früh – jedenfalls hatte ich mich kaum neben Aglaja Iwanowna auf die Bank gesetzt, da – plötzlich – was sehe ich! – erscheinen Arm in Arm Gawrila Ardalionytsch und Warwara Ardalionowna, als gingen sie ganz harmlos ... bloß so ... spazieren! Sie schienen ganz perplex zu sein, als sie mich dort antrafen – das hatten sie sicherlich beide nicht erwartet, wurden ordentlich verlegen. Aglaja Iwanowna wurde rot und, glauben Sie es oder glauben Sie es nicht, verlor sogar ein wenig den Kopf; ob nun deshalb, weil ich zugegen war, oder einfach beim Anblick Gawrila Ardalionytschs, das laß ich ungesagt. Er ist doch ein gar zu schöner Mann! Jedenfalls wurde sie rot, sammelte sich aber sehr schnell und erledigte die Geschichte im Augenblick, entsetzlich komisch, natürlich: sie erhob sich von der Bank, erwiderte den Gruß Gawrila Ardalionytschs – Warwara Ardalionowna hatte zuckersüß gelächelt – und plötzlich sagte sie wie aus der Pistole: ‚Ich wollte Ihnen nur persönlich meinen Dank aussprechen für Ihre aufrichtigen und freundschaftlichen Gefühle, und wenn ich jemals Ihrer bedürfen sollte, so seien Sie versichert ...‘ Hier machte sie eine Verbeugung und die beiden zogen ab – ob mit einer langen oder einer erhobenen Nase, lasse ich gleichfalls ungesagt. Ganjä jedenfalls mit einer langen, denke ich. Er schien aber nichts kapiert zu haben und wurde nur rot wie ein Krebs – wirklich frappant, was für einen Ausdruck sein Gesicht mitunter haben kann! – Die Warjä aber hatte wenigstens soviel begriffen, daß ein schleuniger Abschied geboten war und sie von Aglaja Iwanowna nichts mehr erwarten durften, und da zog sie den Bruder denn mit sich fort. Sie ist klüger als er und wird jetzt natürlich triumphieren ... Ich aber war gekommen, um mit Aglaja Iwanowna über ihre Zusammenkunft mit Nastassja Filippowna zu sprechen.“
„Mit Nastassja Filippowna!“ rief der Fürst entsetzt.
„Aha! Sie, scheint es, beginnen jetzt doch, Ihre Kaltblütigkeit zu verlieren und sich zu wundern? Freut mich, daß auch Sie in etwas an einen Menschen erinnern wollen. Dafür werde ich Ihnen auch was Nettes erzählen. Ja, sehen Sie, es ist nicht so ohne, ‚hochherzigen‘ jungen Mädchen Dienste zu erweisen: ich habe heut’ eine Ohrfeige von ihr erhalten!“
„Eine ... mo–moralische?“ fragte der Fürst unwillkürlich.
„Ja, keine physische. Ich glaube, es würde sich keine Hand mehr erheben, um einen solchen, wie ich bin, zu schlagen; nicht einmal eine Frau würde es fertig kriegen; nicht einmal Ganetschka! ... Obschon ich einen Augenblick wirklich dachte, er würde sich auf mich stürzen ... Ich könnte wetten, daß ich weiß, was Sie soeben denken! Sie denken: ‚Nun ja, zu schlagen braucht man ihn nicht, dafür aber kann man ihn mit einem Kissen ersticken oder mit einem nassen Lappen im Schlaf – das müßte man sogar ...‘ Es steht auf Ihrem Gesicht geschrieben, daß Sie das denken, gerade in diesem Augenblick.“
„Niemals habe ich das gedacht!“ sagte der Fürst angewidert.
„Ich weiß nicht, heut’ nacht träumte mir, daß mich ... nun, jemand mit einem nassen Lappen ersticken wollte ... ein Mensch ... na, ich werde Ihnen sagen, wer: stellen Sie sich vor – Rogoshin! Was meinen Sie, kann man einen Menschen mit einem nassen Lappen ersticken?“
„Ich weiß es nicht.“
„Ich habe gehört, daß man’s kann. Gut, lassen wir das. Nun, aber inwiefern bin ich denn eine Klatschbase? Weshalb hat sie mich heute eine Klatschbase genannt? Und wohlgemerkt: nachdem sie schon alles, auch das Letzte, angehört und mich obendrein noch ausgeforscht und sich einiges sogar zweimal hatte erzählen lassen ... Aber so sind ja die Weiber! Um ihr einen Dienst zu erweisen, hab’ ich mich mit Rogoshin in Verbindung gesetzt, mit diesem interessanten Mann; in ihrem Interesse habe ich die Zusammenkunft mit Nastassja Filippowna arrangiert ... Oder war’s, weil ich ihre Eitelkeit verletzt hatte mit der Bemerkung, daß sie die ‚Nachbleibsel‘, das heißt, Nastassja Filippownas Speisereste mit Freuden nehme? Aber ich habe ihr das doch nur in ihrem Interesse die ganze Zeit zu erklären versucht, ich gestehe sogar, daß ich zwei Briefe in diesem Sinne an sie geschrieben habe, und dort auf der Bank sagte ich es ihr dann noch zum drittenmal mündlich ... Ich begann sogleich damit, daß ich ihr auseinandersetzte, wie erniedrigend das für sie wäre ... Überdies stammt das Wort ‚Nachbleibsel‘ gar nicht von mir: bei Ptizyns gebrauchen es alle, Ganetschka an der Spitze, und sie selbst hat’s ja noch bestätigt! Weshalb also nennt sie mich dann eine Klatschbase? Ich sehe, Sie finden mich furchtbar lächerlich ... ich könnte wetten, daß Sie soeben bei meinem Anblick an jenes dumme Gedicht gedacht haben –
‚Vielleicht wird einst noch meinen Lebensabend
Die Lieb’ mit einem Sonnenblick erhellen
Und lächelnd einen Abschiedsgruß gewähren.‘
Hahaha!“ brach er in hysterisches Lachen aus, das in einem Hustenanfall endete. „Und das Beste ...“ wollte er heiser fortfahren, doch wieder unterbrach ihn der Husten, „das Beste: Ganetschka spricht von ‚Nachbleibsel‘, was aber ist es denn, was er jetzt selbst ausnutzen will!“
Der Fürst schwieg lange Zeit; er war entsetzt, tief im Innersten aufgewühlt.
„Sie sprachen von einer Zusammenkunft mit Nastassja Filippowna?“ fragte er schließlich unsicher.
„Eh, wissen Sie denn tatsächlich nicht, daß Aglaja Iwanowna und Nastassja Filippowna heute zusammenkommen werden? – daß Nastassja Filippowna einzig zu dem Zweck aus Petersburg herkommen wird, wozu sie von Aglaja Iwanowna durch meine und Rogoshins Vermittlung aufgefordert ist? Aber sie und Rogoshin befinden sich ja doch schon hier – gar nicht so weit von Ihnen – in demselben Hause, wo sie früher lebte, bei derselben Dame, bei Darja Alexejewna ... einer sehr zweideutigen Person – sie ist ja wohl ihre Freundin – nun, und dorthin in dieses zweideutige Haus wird sich heute Aglaja Iwanowna begeben, um sich freundschaftlich mit Nastassja Filippowna zu unterhalten und nebenbei noch einige Aufgaben zu lösen. Sie wollen sich, scheint’s, beide mit Arithmetik beschäftigen. Und das haben Sie nicht gewußt? Ihr Ehrenwort?“
„Das ist nicht möglich!“
„Nun gut, dann nicht; woher sollten Sie’s auch wissen? Obschon hier nur eine Fliege vorüberzufliegen braucht und ganz Pawlowsk weiß es – kolossal akustischer Ort, fürwahr! So, jetzt habe ich Sie vorbereitet und Sie können mir dankbar sein. Nun, auf Wiedersehen – in jener Welt voraussichtlich. Nur noch eines: ich habe zwar nicht immer ganz offen und ehrlich an Ihnen gehandelt, denn ... doch wozu sollte ich schließlich meinen Vorteil aus dem Auge lassen, wenn Sie mir das gefälligst erst erklären wollten? Etwa um Ihren Vorteil zu wahren? Ich habe doch meine ‚Beichte‘ ihr gewidmet – wußten Sie das nicht? Und wie sie das hinnahm! He–he! Aber ihr gegenüber habe ich mich nur anständig benommen, sie aber hat mich eine Klatschbase genannt und überführt ... Doch übrigens, auch vor Ihnen habe ich nichts ... na, auf dem Gewissen, wenn Sie wollen, denn wenn ich auch was von ‚Nachbleibsel‘ gesprochen habe, und alles das in besagtem Sinne – dafür habe ich Ihnen jetzt den Tag, die Stunde und den Ort der Zusammenkunft mitgeteilt ... aus Ärger, versteht sich, nicht aus Großmut. Nun, leben Sie wohl, ich bin schwatzhaft, wie eben ein Schwindsüchtiger. Im übrigen treffen Sie Ihre Vorkehrungen, und zwar so bald als möglich, wenn Sie überhaupt des Menschennamens wert sein sollen. Die Zusammenkunft findet heut’ abend statt.“
Hippolyt begab sich zur Tür.
„Dann wird also Ihrer Meinung nach Aglaja Iwanowna heute selbst zu Nastassja Filippowna gehen?“ fragte plötzlich der Fürst. Auf seinen Wangen und seiner Stirn traten rote Flecke hervor.
Hippolyt blieb stehen.
„Genau weiß ich es nicht, aber wahrscheinlich doch,“ meinte er halb zurückgewandt. „Ja, anders ist es auch gar nicht möglich. Nastassja Filippowna kann doch nicht zu ihr gehen? Und doch nicht etwa bei Ganetschka – dort ist eine halbe Leiche im Hause. Sie wissen doch, wie’s mit dem General steht? ...“
„Schon allein deshalb ist es nicht möglich!“ fiel ihm der Fürst erregt ins Wort, „wie sollte sie denn hingehn, selbst wenn sie es wollte? Sie kennen die ... Bräuche in diesem Hause nicht: sie kann nicht allein zu Nastassja Filippowna gehen, das ist ganz ausgeschlossen!“
„Sehen Sie, Fürst: im gewöhnlichen Leben pflegt man nicht aus dem Fenster zu springen, steht aber das Haus in Flammen, so wird selbst der größte Gentleman und die größte Grande-dame nicht Bedenken tragen, durch das Fenster zu flüchten. Wenn es nicht anders geht, dann ist nichts zu machen: dann wird sich auch Fräulein Jepantschin zu Nastassja Filippowna begeben. Dürfen sie denn nie allein ausgehen, die drei?“
„Nein, ich meinte nicht das ...“
„Na, wenn nicht das, dann braucht sie nur die paar Stufen in den Park hinabzusteigen, um geradeaus zu gehen, und später, wenn sie will, überhaupt nicht mehr zurückzukehren. Es gibt Fälle, in denen man sogar Schiffe hinter sich verbrennen und nicht nur nicht nach Hause zurückkehren kann. Das Leben besteht auch nicht nur aus Dejeuners, Diners und Fürsten Sch. ... Ich glaube, Sie halten Aglaja Iwanowna immer noch für ein Pensionsdämlein. Das habe ich ihr heut’ auch auf der Bank gesagt, und sie schien mir recht zu geben. Aber warten Sie: um sieben oder so um acht herum ... Ich würde an Ihrer Stelle einen Spion dorthin schicken, um genau zu erfahren, wann sie die Villa verläßt. Na, schicken Sie meinetwegen den Koljä; der wird sogar mit Vergnügen spionieren, für Sie, das heißt ... denn alles das ist doch nur relativ ... Ha–ha!“
Hippolyt verließ das Zimmer. Der Fürst hatte es nicht nötig, jemanden zum Spionieren hinzuschicken, ganz abgesehen davon, daß er dazu überhaupt nicht fähig gewesen wäre. Er wußte jetzt, was Aglajas „Befehl“ zu bedeuten hatte: sie wollte zu ihm kommen, um dann mit ihm zusammen zu jener zu gehen. Freilich ... es ließ sich auch eine andere Erklärung finden: vielleicht wollte sie, daß er zu Hause bliebe, um ihm nicht auf ihrem Wege dorthin zu begegnen oder ihn gar dort anzutreffen. Dem Fürsten schwindelte bei diesem Gedanken. Das ganze Zimmer schien sich im Kreise zu drehen. Er legte sich auf den Diwan und schloß erschöpft die Augen, dachte jedoch weiter nach.
Wie es sich nun auch verhalten mochte, über eines war er sich vollkommen klar: daß eine Entscheidung bevorstand. Nein, er hielt Aglaja nicht für ein Pensionsdämlein; er fühlte jetzt, daß er schon lange etwas von ihr gefürchtet hatte, und zwar gerade etwas Ähnliches. „Aber wozu will sie sie denn sehen, was will sie mit ihr reden?“ sagte er sich, und ein Frostschauer lief ihm über den ganzen Körper. Er fieberte.
Nein, er hielt sie gewiß nicht für ein Kind! In der letzten Zeit hatten ihn einzelne ihrer Blicke und Worte oft geradezu entsetzt. Bisweilen hatte es ihm geschienen, als bezwinge sie sich aus aller Kraft, vielleicht sogar über ihre Kraft, und gerade das war es – dessen entsann er sich genau –, was ihn am meisten entsetzt hatte. In all diesen Tagen hatte er sich bemüht, nicht daran zu denken und die schweren Gedanken zu verscheuchen, doch quälte ihn trotzdem unausgesetzt die Frage, was in dieser Mädchenseele vorging, obschon er unerschütterlich an den Sieg des Guten in ihr glaubte. Und nun sollten alle diese Probleme noch vor dem Abend ihre Lösung finden!! Der Gedanke war nicht zu ertragen! Und dann wieder – „jene andere“! Weshalb hatte es ihm immer geschienen, daß diese „andere“ gerade im letzten Augenblick kommen und sein ganzes Leben wie einen feingesponnenen Faden zerreißen würde? – Daß es ihm aber „immer schon so geschienen“, darauf hätte er jetzt jeden Schwur geleistet, ungeachtet dessen, daß er sich seines halb unzurechnungsfähigen Zustandes bewußt war. Wenn er sich in der letzten Zeit bemüht hatte, sie zu vergessen, so hatte er es doch nur getan, weil er sie fürchtete. Er fragte sich jetzt nicht mehr wie früher, ob er sie liebte oder haßte, denn er wußte jetzt, wen er liebte ... Doch nicht die Zusammenkunft dieser beiden Frauen, nicht die Beweggründe dieser Zusammenkunft, nicht die bevorstehende Entscheidung flößten ihm diese unerklärliche Furcht ein, nein, sondern – Nastassja Filippowna. Er entsann sich später, nach einigen Tagen, daß er in diesen Fieberstunden fast die ganze Zeit ihre Augen vor sich gesehen, und ihren Blick, daß er ihre Stimme gehört und Worte vernommen, von denen er sich jedoch keines einzigen mehr zu entsinnen vermochte. Kaum war ihm erinnerlich, wie Wjera ihm um sechs das Essen gebracht und wie er gegessen, und ebensowenig wußte er, ob er nachher geschlafen oder nicht geschlafen hatte. Er wußte nur, daß er erst von dem Augenblick an wieder klar und bewußt zu sehen und zu denken begonnen, als plötzlich Aglaja auf der Terrasse erschienen, und er vom Diwan aufgesprungen und ihr bis zur Mitte des Raumes entgegengetreten war. Die Uhr hatte kurz vorher sieben geschlagen. Aglaja war ganz allein gekommen. Sie trug ein schlichtes Kleid und hatte sich, wohl in der Eile, um schnell und unauffällig aus dem Hause zu kommen, nur einen leichten Umwurf über die Schultern geworfen. Ihr Gesicht war ebenso bleich wie am Vormittag, doch ihre Augen hatten einen seltsam hellen, trockenen Glanz, den er noch nie an ihnen gesehen hatte. Sie musterte ihn aufmerksam vom Kopf bis zu den Füßen.
„Sie sind zum Ausgehen bereit,“ bemerkte sie leise und scheinbar ganz ruhig, „und haben sogar schon den Hut in der Hand; man hat Sie also vorbereitet und ich weiß, wer es getan hat: Hippolyt.“
„Ja, er hat mir gesagt ...“ stammelte der Fürst, fast halb tot vor Aufregung.
„Dann lassen Sie uns gehen. Sie wissen, daß Sie mich auf jeden Fall begleiten müssen. Sie sind doch soweit bei Kräften, denke ich, daß Sie gehen können?“
„Ich bin bei Kräften, aber ... ist es denn möglich!?“
Er verstummte plötzlich und sagte dann nichts mehr. Und das war sein einziger Versuch, sie von diesem wahnsinnigen Schritt abzuhalten. Darauf folgte er ihr, unfrei, wie ein Gefangener. Er wußte, daß sie auch ohne ihn dorthin gehen würde, und daß er folglich gezwungen war, ihr zu folgen. Und er erriet, wie fest ihr Entschluß war – er aber war nicht der Mann, der diesen wilden Ausbruch hätte aufhalten können. Schweigend setzten sie ihren Weg fort, fast kein Wort wurde während der ganzen Zeit gewechselt. Dem Fürsten fiel es auf, daß sie den Weg ganz genau zu kennen schien. Als er ihr den Vorschlag machte, einen etwas längeren, doch dafür stilleren Seitenweg zu wählen, zog sie die Brauen zusammen und schien ihn mit angestrengter Aufmerksamkeit anzuhören, sagte jedoch schroff:
„Gleichviel!“ und ging unbekümmert weiter.
Als sie sich dem Hause Darja Alexejewnas näherten – es war ein altes, großes, hölzernes Gebäude –, traten aus der Tür eine ältere Dame und ein junges Mädchen, beide auffallend elegant gekleidet, und nahmen in Nastassja Filippownas prächtigem Gefährt, das vor der Treppe hielt, lachend und laut plaudernd Platz. Aglaja und den Fürsten hatten sie mit keinem Blick gestreift, als hätten sie sie überhaupt nicht bemerkt. Kaum waren sie davongefahren, als sich die Tür wieder öffnete und Rogoshin Aglaja und den Fürsten eintreten ließ, worauf er die Tür hinter ihnen verriegelte.
„Im ganzen Hause ist jetzt niemand außer uns vieren,“ sagte er und blickte den Fürsten eigentümlich an.
Gleich im ersten Zimmer wartete Nastassja Filippowna, die gleichfalls sehr schlicht, ganz in Schwarz, gekleidet war. Sie erhob sich, als die anderen eintraten, lächelte jedoch nicht und reichte auch dem Fürsten nicht die Hand.
Ihr forschender, beunruhigter Blick heftete sich in ungeduldiger Frage auf Aglaja. Sie setzten sich ziemlich weit voneinander hin – Aglaja auf das Sofa in der einen Ecke des Zimmers, Nastassja Filippowna ans Fenster. Der Fürst und Rogoshin setzten sich nicht, sie wurden übrigens dazu auch nicht aufgefordert. Nur einmal blickte der Fürst verständnislos und gleichsam schmerzvoll Rogoshin an, doch dieser lächelte nur sein altes Lächeln. Das Schweigen dauerte eine Weile an.
Da ging plötzlich in Nastassja Filippownas Gesicht eine Veränderung vor sich: es war, als breite sich der Schatten eines kommenden Unheils über ihre Züge: ihr Blick wurde starr, hart und fast haßerfüllt und wandte sich auf keinen Augenblick von ihrem Gast ab. Aglaja war sichtlich verwirrt, doch ließ sie ihren Mut nicht sinken. Als sie eingetreten war, hatte sie ihre Feindin einmal angesehen, doch nun saß sie die ganze Zeit, ohne den Blick vom Boden zu erheben, als dächte sie nach. Nur ein- oder zweimal überflog sie, gewissermaßen wie aus Versehen, mit gedankenlosem Blick die Einrichtung des Zimmers, und auf ihrem Gesicht drückte sich Ekel aus, als hätte sie gefürchtet, sich hier zu beschmutzen. Ganz mechanisch ordnete sie ihr Kleid und unruhig wechselte sie einmal sogar den Platz, indem sie mehr in die eine Ecke des Sofas rückte. Es ist kaum anzunehmen, daß sie sich all dieser Bewegungen bewußt war, doch gerade die Unbewußtheit verstärkte noch das Beleidigende derselben. Endlich erhob sie den Blick und sah fest und offen Nastassja Filippowna in die Augen: und da las sie denn deutlich alles, was in dem haßerfüllten Blick ihrer Feindin glühte. Das Weib hatte das Weib verstanden. Aglaja zuckte zusammen.
„Sie ... wissen natürlich, weshalb ich Sie ... aufgefordert habe ...“ brachte sie schließlich hervor, jedoch sehr leise, und sie stockte dabei zweimal.
„Nein, ich weiß nichts,“ sagte Nastassja Filippowna kurz und trocken.
Aglaja errötete. Vielleicht kam es ihr plötzlich sehr seltsam und unglaublich vor, daß sie mit „dieser Person“ unter einem Dach saß und noch dazu ihrer Antwort bedurfte. Beim ersten Ton dieser Stimme war es wie ein Beben durch ihren Körper gegangen. Und alles das bemerkte natürlich sehr wohl „diese Person“.
„Sie wissen es sehr gut ... Sie tun aber absichtlich, als begriffen Sie nichts,“ sprach Aglaja kaum hörbar vor sich hin, während ihr Blick finster am Boden haftete.
„Weshalb sollte ich das?“ fragte Nastassja Filippowna, kaum, kaum lächelnd.
„Sie wollen meine Lage ... daß ich hier in Ihrem Hause bin ... ausnutzen ...“ fuhr Aglaja ungeschickt und lächerlich fort.
„An dieser Lage sind Sie schuld, nicht ich!“ sagte Nastassja Filippowna, der plötzlich das Blut ins Gesicht stieg. „Nicht ich habe Sie dazu aufgefordert, sondern Sie mich, und ich weiß bis jetzt noch nicht, weshalb.“
Aglaja erhob hochmütig den Kopf.
„Nehmen Sie sich mit Ihrer Zunge in acht! Ich bin nicht gekommen, um mit dieser Ihrer Waffe zu kämpfen ...“
„Ah! Dann sind Sie also doch gekommen, um zu ‚kämpfen‘? Denken Sie nur, ich dachte, Sie wären ... scharfsinniger ...“
Beide sahen sich an, ohne ihren Haß zu verbergen. Die eine von ihnen hatte noch vor kurzem glühende Briefe an die andere geschrieben: doch nun hatte es nur der ersten Begegnung, der ersten Worte bedurft, um alles Geschriebene vergessen zu lassen ... Und seltsam: in diesem Augenblick wunderte das keinen einzigen der vier Anwesenden. Der Fürst, der noch gestern etwas Ähnliches nicht einmal im Traume für möglich gehalten hätte, stand jetzt, sah und hörte, als hätte er das alles schon lange, lange so kommen gefühlt, und er fand es ganz natürlich, daß dieses phantastische Hirngespinst plötzlich grelle, scharf umrissene Wirklichkeit war. Die eine von diesen Frauen verachtete die andere so tief und hatte ein so leidenschaftliches Verlangen, dieser anderen ihre ganze Verachtung auch rückhaltlos zu zeigen (vielleicht war sie sogar nur deshalb gekommen, wie sich am nächsten Tage Rogoshin ausdrückte), daß kein einziger vorgefaßter Entschluß jener anderen – wie fanatisch sie auch in ihren phantastischen Ideen schon allein infolge ihrer kranken Seele und ihres vor Schmerz überspannten Geistes sein mochte – dieser gleichsam vergifteten, rein weiblichen Verachtung ihrer Gegnerin hätte widerstehen können, wie man meinen sollte. Der Fürst war überzeugt, daß Nastassja Filippowna nicht selbst von den Briefen zu sprechen beginnen würde; er hätte aber sein halbes Leben hingegeben, damit auch Aglaja es nicht täte.
Doch plötzlich nahm sich Aglaja zusammen und im Augenblick hatte sie sich wieder in der Gewalt.
„Sie haben mich mißverstanden,“ sagte sie, „ich bin nicht gekommen, um mit Ihnen ... zu streiten, obwohl ich Sie nicht liebe. Ich ... ich bin gekommen, um menschlich mit Ihnen zu reden. Als ich Sie aufforderte, hatte ich bereits bei mir beschlossen, was ich Sie fragen würde, und meinen Entschluß gebe ich nicht auf, wenn Sie mich auch überhaupt nicht verstehen sollten. Das würde nur Ihnen, nicht mir schaden. Ich wollte Ihnen meine Antwort geben – auf Ihre Briefe, und zwar mündlich, weil mir das leichter erschien. So hören Sie denn: Fürst Lew Nikolajewitsch tat mir unsäglich leid schon an jenem Tage, an dem ich ihn zum erstenmal sah und kennen lernte, und noch mehr, als ich dann später alles erfuhr, was sich an jenem Abend bei Ihnen zugetragen hatte. Er tat mir deshalb leid, weil er ein so treuherziger Mensch ist und in seiner Treuherzigkeit glaubte, er könne glücklich werden mit ... einer Frau ... von Ihrem Charakter. Was ich für ihn fürchtete, geschah: Sie – Sie konnten ihn nicht wirklich lieben ... Sie haben ihn nur gequält und dann verlassen. Und lieben konnten Sie ihn deshalb nicht, weil Sie dazu zu stolz sind ... nein, nicht zu stolz, ich habe mich da falsch ausgedrückt –, sondern weil Sie zu ehrgeizig sind ... oder nein, auch nicht einmal das: Sie sind einfach selbstsüchtig bis ... bis zum Wahnsinn, was Ihre Briefe an mich deutlich beweisen. Sie konnten ihn, diesen offenherzigen Menschen, überhaupt nicht liebgewinnen, und vielleicht haben Sie ihn im geheimen sogar verachtet und sich über ihn lustig gemacht, denn Sie haben nur eines liebgewinnen können, und das ist Ihre Schande und der immerwährende Gedanke daran, daß Sie beschimpft sind und daß man Sie beleidigt hat. Wäre Ihre Schande geringer oder wäre sie überhaupt nicht vorhanden, so würden Sie sich unglücklicher fühlen ...“ Aglaja sprach mit unendlicher Genugtuung diese längst zurechtgedachten, ja fast kann man sagen – berechneten Worte aus, die sie sich vielleicht schon ausgedacht hatte, als ihr noch nicht einmal die Möglichkeit einer solchen Aussprache zwischen ihr und der anderen in den Sinn gekommen war; und mit gehässigem Blick verfolgte sie die Wirkung ihrer Worte auf dem schmerzverzerrten Gesicht Nastassja Filippownas. „Sie wissen,“ fuhr sie fort, „daß er vor drei Monaten einen Brief an mich geschrieben hat. Er sagte, daß Sie von diesem Brief wissen und ihn sogar gelesen haben. Aus diesem Brief glaubte ich alles zu erraten, und daß ich mich nicht täuschte, hat er mir später selbst bestätigt, indem er mir fast Wort für Wort alles das sagte, was ich Ihnen soeben gesagt habe. Nach dem Empfang dieses Briefes begann ich zu warten. Ich erriet, daß Sie unfehlbar hierher kommen würden, denn Sie können doch nicht ohne Petersburg auskommen: Sie sind noch viel zu jung und zu schön für die Provinz ... Übrigens sind das nicht meine Worte,“ fügte sie plötzlich errötend hinzu und von dem Augenblick an verließ die Röte nicht mehr ihr Gesicht. „Als ich dann den Fürsten wiedersah, tat mir die ihm widerfahrene Kränkung weh, und ich fühlte mich für ihn beleidigt. Lachen Sie nicht. Wenn Sie lachen, sind Sie nicht wert, das zu verstehen ...“
„Sie sehen, daß ich nicht lache,“ sagte Nastassja Filippowna traurig und mit ernstem Gesicht.
„Übrigens, wie Sie wollen, mir ist es gleichgültig. Als ich ihn dann selbst fragte, erzählte er mir, daß er Sie bereits längst nicht mehr liebe, daß sogar die Erinnerung an Sie ihm nichts als eine Qual sei, doch täten Sie ihm leid, und wenn er an Sie denke, dann sei es ihm, als wäre sein Herz auf ewig durchbohrt. Ich muß Ihnen noch sagen, daß ich in meinem Leben keinen Menschen angetroffen habe, der ihm an Edelmut, Treuherzigkeit und Vertrauen zu anderen Menschen gleichkäme. Ich begriff nach seinen Worten, daß ein jeder, der es nur will, ihn betrügen kann, er aber einem jeden, der ihn betrügt, gleichviel wer er sei, alles verzeihen wird, und gerade deshalb gewann ich ihn lieb ...“
Aglaja stockte einen Augenblick, gleichsam erschrocken und verwundert über sich selbst, daß sie ein solches Wort hatte aussprechen können. Doch schon nach einer Sekunde erglühte ihr Blick ganz plötzlich in grenzenlosem Stolz. Es schien, daß ihr jetzt alles gleichgültig wäre, selbst wenn „diese Person“ über das ihr entschlüpfte Geständnis gelacht hätte.
„Ich habe Ihnen alles gesagt. Jetzt werden Sie natürlich begriffen haben, was ich von Ihnen will.“
„Vielleicht habe ich es begriffen, aber – sprechen Sie es selbst aus,“ sagte Nastassja Filippowna leise.
Zorn flammte in Aglajas Gesicht auf.
„Ich wollte von Ihnen erfahren,“ sagte sie mit fester Stimme, langsam und deutlich, „mit welchem Recht Sie sich in seine Gefühle, die er für mich empfindet, eingemischt haben? Mit welchem Recht Sie gewagt haben, Briefe an mich zu schreiben? Mit welch einem Recht erklären Sie allaugenblicklich ihm und mir, daß Sie ihn lieben, nachdem Sie selbst ihn verlassen haben, so beleidigend und ... beschämend von ihm fortgelaufen sind?“
„Ich habe weder ihm noch Ihnen gesagt, daß ich ihn liebe,“ brachte Nastassja Filippowna mühsam hervor, „doch ... darin haben Sie recht – ich bin ihm fortgelaufen ...“ fügte sie kaum hörbar hinzu.
„Was, Sie hätten es ‚weder ihm noch mir‘ gesagt?“ rief Aglaja. „Aber Ihre Briefe? Wer hat Sie gebeten, uns zu verkuppeln, mich zu bereden, ihn doch anzunehmen? Ist denn das kein Geständnis Ihrerseits? Weshalb drängen Sie sich uns denn auf? Zuerst dachte ich, Sie wollten, im Gegenteil, Abneigung für ihn in mir hervorrufen, indem Sie sich zwischen uns drängten, damit ich mich von ihm abwendete. Später erst erriet ich, um was es sich handelte: Sie glaubten einfach, eine große Heldentat zu vollführen mit all diesen Verstellungen ... Wie, wie hätten Sie ihn denn lieben können, wenn Sie doch nur Ihren Hochmut lieben? Warum fuhren Sie nicht einfach von hier fort, anstatt mir diese lächerlichen Briefe zu schreiben? Warum heiraten Sie jetzt nicht diesen anständigen Menschen, der Sie so maßlos liebt und Ihnen die Ehre erweisen will, Sie zu heiraten? Das ist ja jetzt nur zu klar, warum Sie ihn nicht heiraten wollen: wenn Sie Rogoshin heiraten, wo bliebe dann Ihre Entehrung? Es wäre sogar viel zu viel Ehre für Sie! Jewgenij Pawlowitsch sagt von Ihnen, Sie hätten zu viel Romane gelesen und seien ‚viel zu gebildet für Ihre ... Stellung‘; Sie seien ein Büchermensch und eine Nichtstuerin; fügen Sie jetzt noch Ihren Hochmut hinzu, dann haben Sie alle Ihre Gründe ...“
„Und Sie sind keine Nichtstuerin?“
Allzu schnell, allzu offen war es zu dieser unerwarteten Wendung gekommen – unerwartet, denn Nastassja Filippowna hatte, als sie sich diesmal nach Pawlowsk begeben, noch von anderem geträumt, obschon sie selbstverständlich eher Schlechtes als Gutes geahnt. Aglaja aber hatte sich entschieden in einem einzigen Augenblick hinreißen lassen, und dann – dann war es für sie zu spät, ihrem entsetzlichen Rachebedürfnis zu widerstehen. Nastassja Filippowna kam es sogar ganz seltsam vor, Aglaja so zu sehen: sie sah sie an, als traue sie ihren Augen nicht, und im ersten Augenblick konnte sie sich gar nicht zurechtfinden, sie wußte nicht, was sie denken sollte. War sie nun eine Frau, die zu viel Romane gelesen hatte, wie Jewgenij Pawlowitsch von ihr annahm, oder war sie nur einfach wahnsinnig, wie es der Fürst glaubte – jedenfalls war dieses selbe Weib, das sich mitunter so zynisch und frech geben konnte, in Wirklichkeit doch viel schamhafter, zärtlicher und vertrauensvoller, als man es von ihr glauben mochte. Freilich hatte sie viel gelesen, es war viel Verträumtes, Sinnendes, in sich selbst Zurückgezogenes und Phantastisches in ihr, doch dafür war es stark und tief ... Das aber begriff der Fürst und sein Gesicht verriet seine Qual. Als Aglaja ihn ansah, las sie deutlich diese seine Empfindung und sie erzitterte vor Haß.
„Wie wagen Sie es, so zu mir zu sprechen?“ sagte sie mit unbeschreiblichem Hochmut als Antwort auf Nastassja Filippownas Frage.
„Sie haben sich wohl verhört,“ meinte Nastassja Filippowna verwundert. „Wie habe ich denn zu Ihnen gesprochen?“
„Wenn Sie nicht – so eine sein wollten, weshalb verließen Sie dann nicht einfach Ihren Verführer Tozkij ... ohne Theatervorstellungen?“ fragte plötzlich Aglaja ganz unvermittelt.
„Was wissen Sie von mir, daß Sie mich zu richten wagen?“ fragte Nastassja Filippowna zusammenzuckend und totenbleich.
„Ich weiß nur, daß Sie nicht hingegangen sind, um zu arbeiten, sondern es vorgezogen haben, mit dem Millionär Rogoshin fortzufahren und einen gefallenen Engel vorzustellen. Es wundert mich nicht, daß Tozkij sich fast hat erschießen wollen, um sich von diesem gefallenen Engel zu befreien!“
„Hören Sie auf!“ sagte Nastassja Filippowna angeekelt, und es war, als kämpfe sie einen Schmerz nieder: „Sie haben mich ebenso verstanden, wie ... Darja Alexejewnas Kammerzofe, die ihren Bräutigam in diesen Tagen beim Friedensrichter verklagt hat. Und auch die würde mich besser verstanden haben, als Sie ...“
„Wahrscheinlich ist sie ein ehrbares Mädchen, das von seiner Hände Arbeit lebt. Weshalb verhalten Sie sich denn mit solcher Verachtung zur Arbeit?“
„Nicht zur Arbeit verhalte ich mich mit Verachtung, sondern zu Ihnen, wenn Sie von Arbeit reden.“
„Wenn Sie ehrbar sein wollten, warum wurden Sie dann nicht Wäscherin?“
Beide erhoben sich, Aglaja hochrot, die andere totenbleich, und sahen sich gegenseitig unverwandt an.
„Aglaja, besinnen Sie sich! Das ist doch so ungerecht!“ rief der Fürst wie betäubt.
Rogoshin hatte aufgehört zu lächeln; er stand mit über der Brust verschränkten Armen und zusammengepreßten Lippen und hörte nur zu.
„Da, sehen Sie sie,“ begann Nastassja Filippowna plötzlich, zitternd vor Empörung, „sehen Sie dieses kleine Fräulein! Ich habe sie für einen Engel gehalten! Sie sind ohne Gouvernante zu mir gekommen, Aglaja Iwanowna? ... Aber wollen Sie ... wollen Sie, ich werde Ihnen sogleich ganz offen, ohne Beschönigungen sagen, warum Sie zu mir gekommen sind? Weil Sie Angst bekommen haben, deshalb sind Sie gekommen.“
„Angst? Vor Ihnen?“ rief Aglaja außer sich vor naiver, empörter Verwunderung darüber, daß jene so zu ihr zu sprechen wagte.
„Natürlich vor mir! Gefürchtet haben Sie mich, wenn Sie sich entschließen konnten, zu mir zu kommen. Wen man aber fürchtet, den verachtet man nicht. Wenn ich denke, daß ich Sie geachtet habe, sogar bis zu diesem Augenblick! Aber wissen Sie auch, weshalb Sie mich fürchten und was für Sie der Hauptzweck Ihres Besuches war? Sie wollten sich persönlich überzeugen, ob er mich mehr als Sie liebe, oder nicht, denn Sie sind entsetzlich eifersüchtig ...“
„Er hat mir schon gesagt; daß er Sie haßt ...“ brachte Aglaja kaum hörbar hervor.
„Das kann gewiß so sein; es ist möglich, daß ich seiner nicht wert bin, nur ... nur haben Sie gelogen, denke ich! Er kann mich nicht hassen, und er kann das nicht so gesagt haben! Doch ich bin bereit, Ihnen zu verzeihen ... im Hinblick auf Ihre Lage ... nur habe ich doch höher von Ihnen gedacht; ich hielt Sie auch für klüger und sogar für edler, bei Gott! ... Nun, so nehmen Sie denn Ihren Schatz ... da ist er, sehen Sie doch, wie er Sie ansieht, er kann ja kaum zur Besinnung kommen! So nehmen Sie ihn denn für sich, aber unter der einen Bedingung: gehen Sie unverzüglich hinaus! Im Augenblick! ...“
Sie fiel in ihren Sessel zurück und brach in Tränen aus. Doch plötzlich blitzte etwas Neues in ihren Augen auf: unverwandt und aufmerksam sah sie Aglaja an und erhob sich wieder von ihrem Platz.
„Oder willst du, ich werde ihm sofort ... be–feh–len, hörst du? ihm nur be–feh–len, und er wird dich sofort verlassen und bei mir bleiben, ewig, und mich heiraten, du aber wirst allein nach Hause laufen? Willst du, willst du?“ schrie sie plötzlich laut wie eine Wahnsinnige, vielleicht ohne es selbst zu glauben, daß sie solche Worte hatte aussprechen können.
Aglaja war im ersten Schreck zur Tür gestürzt, doch plötzlich blieb sie wie gebannt stehen und hörte weiter zu:
„Willst du, ich jage Rogoshin davon? Du dachtest wohl, ich hätte mich mit Rogoshin nur zu deinem Vergnügen trauen lassen? Sieh, ich werde ihm sofort in deiner Gegenwart befehlen: ‚Geh’ fort, Rogoshin!‘ und dem Fürsten sage ich: ‚Weißt du noch, was du mir versprochen hast?‘ Gott! Wozu habe ich mich so vor ihnen erniedrigt? Warst du es nicht, Fürst, der mir beteuerte, daß du mir überall hin folgen würdest, was auch mit mir geschehen sollte, und daß du mich niemals verlassen würdest; daß du mich liebst und du mir alles verzeihst und mich acht... acht... Ja, auch das hast du gesagt! Und da bin ich, nur um dich zu befreien, von dir weggelaufen, jetzt aber will ich nicht! Weshalb hat sie mich wie eine Dirne behandelt? Frag’ Rogoshin, ob ich eine Dirne bin, er wird es dir sagen! Jetzt, nachdem sie mich beschimpft hat, und das noch dazu in deiner Gegenwart, wirst auch du dich von mir abwenden und ihr den Arm reichen, um sie von hier fortzuführen? So sei denn verflucht dafür, daß ich an dich allein geglaubt habe. Geh’ fort, Rogoshin, ich brauche dich nicht!“ schrie sie fast besinnungslos mit entstelltem Gesicht und trockenen Lippen, während sie jedes Wort nur mit Mühe aus der keuchenden Brust hervorstieß, offenbar, ohne selbst auch nur einen Augenblick an ihre Worte zu glauben, doch gleichzeitig von dem verzehrenden Verlangen beseelt, den Augenblick, wenn auch nur noch um eine Sekunde, zu verlängern und sich selbst zu betrügen. Dieser Ausbruch ihrer Leidenschaft war so stark, daß der Fürst bereits fürchtete, sie könnte auf der Stelle sterben. „Da ist er, sieh!“ schrie sie endlich Aglaja zu, mit der Hand auf den Fürsten weisend. „Wenn er jetzt nicht sofort zu mir kommt, nicht mich nimmt und dich verläßt, dann nimm ihn nur, ich trete ihn dir ab, ich brauch’ ihn nicht ...“
Sowohl sie wie Aglaja standen regungslos in starrer Erwartung und sahen beide wie Irrsinnige den Fürsten an. Er aber begriff vielleicht gar nicht die ganze Tragweite der Worte Nastassja Filippownas, begriff sie sogar bestimmt nicht. Er sah nur dieses verzweifelte, wahnsinnige Gesicht vor sich, das, wie er einmal zu Aglaja gesagt, sein Herz ‚auf ewig durchbohrt‘ hatte. Er konnte den Schmerz nicht mehr aushalten und wandte sich beschwörend und vorwurfsvoll an Aglaja, auf Nastassja Filippowna weisend:
„Ist denn das möglich! Sie ist doch ... so maßlos unglücklich!“
Doch kaum hatte er das ausgesprochen, da verstummte er vor Aglajas entsetzlichem Blick. Aus diesem Blick sprach ein solcher Schmerz und gleichzeitig so unendlicher Haß, daß er mit einem Schrei die Hände erhob und zu ihr stürzte, doch schon war es zu spät. Sie hatte sein Schwanken nicht einen Augenblick ertragen, hatte nur „O, mein Gott!“ hervorgestoßen, mit den Händen das Gesicht bedeckt und war aus dem Zimmer gestürzt. Rogoshin war ihr sogleich gefolgt und hatte den Riegel der Eingangstür zurückgezogen.
Auch der Fürst eilte ihr nach, doch auf der Schwelle umklammerten ihn plötzlich zwei Arme. Das entstellte, rasende Gesicht Nastassja Filippownas sah ihn starr an und ihre bläulichen Lippen fragten, kaum sich bewegend:
„Ihr nach? Ihr nach? ...“
Ohnmächtig fiel sie zu Boden. Er hob sie auf und trug sie zurück zu ihrem Sessel und blieb in stumpfer Erwartung vor ihr stehen. Auf einem kleinen Tisch stand ein Glas mit Wasser; Rogoshin, der aus dem Vorzimmer zurückkam, ergriff es schnell und besprengte ihr Gesicht. Sie schlug die Augen auf, doch schien ihr Blick noch nichts zu sehen; plötzlich bewegte sich der Blick, sie sah sich um, zuckte zusammen und aufspringend stürzte sie mit einem Schrei zum Fürsten.
„Mein! Mein!“ rief sie. „Ist sie fort, das stolze Fräulein? Ha–ha–ha!“ lachte sie hysterisch auf. „Ha–ha–ha! Und ich trat ihn diesem Fräuleinchen ab! Aber weshalb? Wozu? Ich Wahnsinnige! Ich Wahnsinnige! ... Geh fort, Rogoshin, hahaha!“
Rogoshin blickte sie beide eine Weile unverwandt an, sagte kein Wort, nahm seinen Hut und ging. Eine Viertelstunde später saß der Fürst neben Nastassja Filippowna, wandte keinen Blick von ihrem Gesicht und streichelte, wie man ein kleines Kind streichelt, mit beiden Händen ihre Wangen und ihr weiches Haar. Er lachte, wenn sie lachte, und war bereit, zu weinen, wenn sie weinte. Er sprach nichts – er lauschte nur aufmerksam auf ihr wirres, begeistertes Stammeln, von dem er wohl kaum etwas begriff, und sobald es ihm nur schien, daß sie sich wieder zu quälen beginne, sich Vorwürfe machen oder weinen wollte, dann beeilte er sich sogleich wieder, zärtlich mit seinen Händen ihren Kopf und ihre Wangen zu streicheln, tröstend und beruhigend, ganz wie man ein kleines Kind beruhigt.
IX.
Es vergingen zwei Wochen nach dem im vorhergehenden Kapitel erzählten Ereignis, und in dieser Zeit hatte sich im Leben der Personen unserer Erzählung so vieles verändert, daß wir nicht ohne vorhergehende Erklärungen in der Wiedergabe der folgenden Ereignisse fortfahren können. Leider müssen sich diese Erklärungen nur auf diese Tatsachen beschränken, und das aus einem sehr einfachen Grunde: weil wir in vielen Fällen das Geschehene selbst kaum zu erklären verstünden. Das ist nun zwar ein sehr sonderbares Geständnis, doch hoffen wir, daß der Leser aus dem Folgenden selbst erraten wird, was es ist, das zu erklären wir nicht auf uns zu nehmen vermögen.
Im Laufe dieser zwei Wochen war der Liebesroman unseres Helden und namentlich seine letzte Wendung, von der man zuerst nur bei Lebedeffs, Ptizyns, Darja Alexejewna und Jepantschins erfahren hatte, allmählich in ganz Pawlowsk und sogar darüber hinaus bekannt geworden. Alle Welt erzählte sich ein und dieselbe Geschichte, natürlich in tausend Variationen, erzählte sich, daß ein gewisser Fürst, der in einem bekannten, angesehenen Hause einen Skandal hervorgerufen und sich bei der Gelegenheit mit einer der Töchter des Hauses, als deren Bräutigam er bereits der Gesellschaft vorgestellt worden war, entlobt habe, um sich darauf von einer bekannten Demimondaine so weit bestricken zu lassen, daß er alle seine früheren Beziehungen abgebrochen und nun trotz aller Drohungen und des allgemeinen Unwillens sich hier in Pawlowsk öffentlich am „hellichten Tage“, erhobenen Hauptes und allen offen in die Augen blickend, mit besagter Demimondaine wolle trauen lassen. Da nun ein jeder der Erzähler das Gerücht noch nach Kräften ausschmückte und ihm die phantastischsten und rätselhaftesten Farben verlieh, viele sogar bekannte, hochangesehene Personen mit dem Vorfall in Verbindung brachten, und andererseits unantastbare Tatsachen das Wesentliche vollkommen bestätigten, war schließlich die allgemeine Neugier sehr erklärlich und wohl auch verzeihlich. Die raffinierteste und gleichzeitig glaubwürdigste Wiedergabe und Auslegung des Tatbestandes erfuhr diese interessante „Affäre“ von einzelnen jener „ernsten“ Klatschbasen männlichen Geschlechts, die man in jeder Gesellschaft antreffen kann und die sich stets beeilen, ihren Mitmenschen das neueste Ereignis verständlich zu machen – eine Beschäftigung, die sie geradezu als ihre Lebensaufgabe betrachten, die sie nach bestem Können erfüllen und die ihnen gewöhnlich zu einer Art Trost im eigenen Unglück wird. Nach ihrer Wiedergabe war der betreffende junge Mann ein Fürst alter Abstammung, ziemlich reich, ziemlich dumm, doch dafür ein Demokrat, dem der zeitgenössische Nihilismus zu Kopf gestiegen war und der sich, obgleich er kaum Russisch zu sprechen verstand, im Hause des Generals Jepantschin einzuführen gewußt und mit einer Tochter desselben verlobt hätte. Ferner hieß es, daß der Fall des Fürsten ganz ähnlich dem eines französischen Seminaristen sei, von dem in jüngster Zeit viel geredet und geschrieben worden war – der Betreffende hatte sich absichtlich zum Priester salben lassen, hatte bei der Gelegenheit alle Vorschriften der Zeremonie genau befolgt, den Schwur geleistet usw., um dann am nächsten Tage seinem Bischof in einem offenen Schreiben mitzuteilen, daß er, da er an Gott nicht glaube, nicht gegen sein Gewissen handeln und das Volk betrügen wolle, um sich dafür von ihm ernähren zu lassen, und deshalb seine tags zuvor empfangene Würde niederlege. Ähnlich diesem Atheisten, wie gesagt, solle auch der Fürst gehandelt haben. Er habe nämlich, meinte man, nur auf die feierliche Soiree bei den Eltern seiner Braut gewartet, um dann, nachdem er mehreren hochangesehenen Würdenträgern vorgestellt worden war, sich plötzlich zu erheben, seine demokratisch-nihilistischen Anschauungen auseinanderzusetzen, hierauf die ehrwürdigen Gäste zu beschimpfen und sich öffentlich in höchst beleidigender Weise von seiner Braut loszusagen. Zu guter Letzt, als man ihn von den Dienstboten hatte hinausbefördern lassen, sei er noch tätlich geworden und habe beim Sichwidersetzen und im Handgemenge eine kostbare chinesische Vase zerschlagen. Hinzugefügt wurde außerdem noch, gewissermaßen als charakteristischer Ausdruck des Zeitgeistes, daß der junge Mann seine Braut, die Tochter des Generals, wirklich geliebt und sich einzig aus nihilistischer Überzeugung und um des Skandals willen von ihr losgesagt habe, damit er sich dann vor der ganzen Welt das Vergnügen leisten könne, statt ihrer ein gefallenes Frauenzimmer zu heiraten und damit zu beweisen, daß es für ihn weder lasterhafte noch tugendsame Frauen gebe, sondern einzig das Ideal einer freien Frau – ja, in der Beziehung stehe eine gefallene Frau seiner Ansicht nach sogar höher als eine nicht gefallene usw. usw.
Diese Erklärungen erschienen vielen sehr glaubwürdig, so namentlich den in Pawlowsk wohnenden Villenbesitzern, da sie sie fast täglich durch neue Tatsachen bestätigt fanden. Freilich blieben trotzdem noch sehr viele Einzelheiten unaufgeklärt: so wußte man zum Beispiel zu erzählen, daß das arme junge Mädchen ihren Bräutigam – einige sagten „Verführer“ – so leidenschaftlich geliebt habe, daß sie am nächsten Tage, nachdem er sie verlassen, zu ihm gelaufen sei, und daß sie dann seine Geliebte bei ihm angetroffen habe; andere wiederum beteuerten, er selbst habe sie zu seiner Geliebten gelockt, und zwar „einzig aus Nihilismus“ – um sie zu beleidigen. Doch wie dem auch sein mochte, jedenfalls wuchs das Interesse der Sommerfrischler mit jedem Tage, um so mehr, als es bald nicht dem geringsten Zweifel mehr unterlag, daß die skandalöse Hochzeit wirklich zustande kommen würde.
Wenn man nun aber eine Erklärung verlangen wollte – nicht was die nihilistischen Nuancen des Ereignisses betrifft, o nein! – sondern einfach nur über diesen einen bedeutsamen und mehr persönlichen Punkt: inwieweit denn die bevorstehende Hochzeit den wirklichen Wünschen des Fürsten entsprach oder wie nun eigentlich die Stimmung unseres Helden in dieser Zeit zu bezeichnen wäre, und vielleicht auch noch über manches andere Wissenswerte der Art, dann würden wir kaum in der Lage sein, etwas Bestimmtes zu antworten. Wir könnten nur bestätigen, daß die Hochzeit auf den Anfang des Monats Juli festgesetzt war, und daß der Fürst seinen Hauswirt Lebedeff, den ehemaligen Leutnant Keller und einen Bekannten Lebedeffs, den ihm dieser als Autorität in solchen Dingen vorgestellt, mit den Vorbereitungen zur Hochzeit betraut hatte – mit der Bemerkung, daß sie auf die Kosten nicht zu achten brauchten. Keller wurde auf seine eigene glühende Bitte hin zum Hochzeitsmarschall ernannt, desgleichen Burdowskij, den diese Ehre in helle Begeisterung versetzte. Doch ganz abgesehen von diesen Tatsachen, will es uns scheinen, daß der Fürst, nachdem er Lebedeff und die anderen mit den Vorbereitungen betraut hatte, selbst schon nach ein paar Stunden wieder vergaß, daß es so etwas wie Hochzeiten, Marschälle usw. überhaupt in der Welt gab, und daß er, wenn er diese Anordnungen so schnell getroffen und die unumgänglichen Scherereien auf andere abgewälzt hatte, dieses wohl nur deshalb getan, um selbst nicht mehr daran denken zu müssen, vielleicht sogar, um „das alles“ so schnell als möglich und „ganz und gar“ vergessen zu können. Aber an was dachte er denn sonst, an was wollte er denken ... Andererseits steht es vollkommen fest, daß er zu dieser Heirat durchaus nicht gezwungen worden war – etwa von Nastassja Filippowna –, daß zwar Nastassja Filippowna als erste von der Heirat zu sprechen begonnen und die Hochzeit bald zu feiern gewünscht hatte, und nicht etwa der Fürst: daß aber der Fürst freiwillig eingewilligt, ja es sogar gewissermaßen zerstreut getan hatte, fast als hätte man ihn um eine ziemlich gewöhnliche Sache gebeten. Und solcher Merkwürdigkeiten, die die Sache anstatt zu erklären, nur noch rätselhafter erscheinen ließen, gab es sogar eine ganze Menge. Führen wir nur ein Beispiel an.
Im Laufe dieser zwei Wochen verbrachte der Fürst ganze Tage bis in die Nacht hinein bei Nastassja Filippowna: er ging mit ihr spazieren, besuchte mit ihr die Konzerte, fuhr fast täglich mit ihr aus, und hatte er sie nur eine Stunde lang nicht gesehen, so begann er schon, sich um sie zu beunruhigen – folglich mußte er sie doch wohl aufrichtig lieben! Wenn sie sprach – gleichviel was es war –, hörte er ihr mit einem stillen, freundlichen Lächeln zu, oft sogar stundenlang, ohne dabei selbst auch nur ein Wort zu sprechen. Andererseits aber wissen wir ganz genau, daß er sich in diesen Tagen mehrmals ganz plötzlich zu Jepantschins begab, was er vor Nastassja Filippowna auch durchaus nicht verheimlichte und worüber sie jedesmal in Verzweiflung geriet. Bei Jepantschins jedoch wurde er, solange sie noch in Pawlowsk blieben, nicht empfangen, desgleichen verweigerte man ihm hartnäckig die Erfüllung seines Wunsches, mit Aglaja Iwanowna sprechen zu dürfen. Er entfernte sich dann jedesmal ohne ein Wort zu sagen, doch am folgenden Tage erschien er wieder, als hätte er ganz vergessen, daß man ihn schon abgewiesen hatte, und wurde natürlich wieder nicht empfangen. Wir wissen ferner, daß etwa eine Stunde nachdem Aglaja Iwanowna von Nastassja Filippowna fortgelaufen, vielleicht aber auch noch früher, der Fürst plötzlich bei Jepantschins erschienen war, in der festen Überzeugung, daß er Aglaja dort vorfinden würde. Doch hatte sein Erscheinen bei allen Anwesenden nur Bestürzung und Angst hervorgerufen, denn erst von ihm erfuhr man, daß Aglaja das Haus verlassen und mit ihm zu Nastassja Filippowna gegangen war. Wie man heute hört, sollen Lisaweta Prokofjewna, die Schwestern und Fürst Sch. über den Fürsten Lew Nikolajewitsch ganz empört gewesen, ihre Gefühle keineswegs verschwiegen und ihm die Freundschaft und Bekanntschaft ein für allemal gekündigt haben. Da war aber plötzlich Warwara Ardalionowna erschienen, mit der Nachricht, daß Aglaja Iwanowna bereits seit einer Stunde in ihrem Hause sei, sich in einem beängstigenden Zustande befinde und nach Hause offenbar nicht zurückkehren wolle. Diese letzte Mitteilung erschütterte Lisaweta Prokofjewna am meisten, und sie entsprach auch vollkommen der Wahrheit: als Aglaja aus dem Hause Darja Alexejewnas hinausgelaufen war, hätte sie eher sterben mögen, als sich den Ihrigen zeigen, und da war sie denn zu Nina Alexandrowna geeilt. Warwara Ardalionowna aber hatte es sogleich für nötig befunden, Jepantschins davon zu benachrichtigen. Die Mutter und die Schwestern brachen unverzüglich auf, um sich eilig zu Ptizyns zu begeben, desgleichen der General, der gerade nach Hause gekommen war. Doch da war das Unglaubliche geschehen: Fürst Lew Nikolajewitsch war ihnen gefolgt und hatte sich gleichfalls zu Ptizyns begeben, trotz der harten Worte, die er vorher zu hören bekommen hatte, und des schroff ausgedrückten Verzichtes auf seine weitere Bekanntschaft. Nur hatte Warwara Ardalionowna sogleich ihre Vorkehrungen getroffen und so war er auch in ihrem Hause nicht bis zu Aglaja Iwanowna gelangt. Als Aglaja die Mutter und die Schwestern in Tränen aufgelöst erblickt hatte, ohne dabei auch nur den geringsten Vorwurf zu vernehmen, war sie ihnen sogleich an den Hals geflogen und widerspruchslos nach Hause zurückgekehrt. Übrigens hatte sich während Warwara Ardalionownas Abwesenheit noch ein kleiner Zwischenfall zugetragen, der für Gawrila Ardalionytsch neues Pech bedeutete: in dem Glauben, daß dieser Augenblick seines Alleinseins mit Aglaja eine günstige Gelegenheit sei, hatte er plötzlich von seiner Liebe zu ihr zu reden begonnen, und da hatte Aglaja ungeachtet ihrer Verzweiflung und Tränen mit einem Mal zu lachen angefangen und ohne ein Wort der Erklärung die seltsame Frage an ihn gestellt, ob er zum Beweise seiner Liebe bereit wäre, hier sogleich seinen Finger an einer Kerze zu verbrennen. Gawrila Ardalionytsch, hieß es, sei von dieser Frage wie betäubt gewesen und habe ein so unendlich verwundertes Gesicht gemacht, daß Aglaja in hysterisches Gelächter über ihn ausgebrochen und die Treppe hinauf zu Nina Alexandrowna gelaufen sei, wo die Eltern sie dann auch angetroffen hatten.
Von diesem Zwischenfall hatte der Fürst am nächsten Tage durch Hippolyt erfahren, nur zu diesem Zweck hatte ihn der Kranke, der das Bett nicht mehr verließ, zu sich rufen lassen. Wie oder durch wen er aber Hippolyt bekannt geworden war, das wissen wir nicht. Doch erzählte man sich, daß der Fürst, als Hippolyt von dem Licht und dem Finger erzählt hatte, plötzlich in schallendes Gelächter ausgebrochen sei, so daß Hippolyt ihn ganz sprachlos angesehen habe; und dann habe der Fürst plötzlich heftig zu zittern angefangen und sei in Tränen ausgebrochen ... Überhaupt befand sich der Fürst seit jenem Abend in einer unbestimmten, doch um so quälenderen Unruhe, und den meisten fiel es auf, daß er seltsam verwirrt war. Hippolyt behauptete sogar, daß er ihn einfach für irrsinnig halte, doch war das natürlich übertrieben.
Indem wir nun alle diese Tatsachen anführen, eine Erklärung derselben jedoch verweigern, wollen wir unseren Helden nicht etwa zu rechtfertigen versuchen – oh, durchaus nicht! Im Gegenteil, wir sind sogar bereit, den Unwillen zu teilen, den er selbst bei seinen Freunden hervorgerufen hatte. Sogar Wjera Lebedewa war eine Zeitlang ungehalten über ihn, sogar Koljä und Keller waren es – dieser allerdings nur bis zu seiner Ernennung zum Hochzeitsmarschall –, von Lebedeff schon ganz zu schweigen: der begann einfach gegen den Fürsten zu intrigieren, denn sein Unwille war wirklich aufrichtig und im Herzen empfunden. Doch darauf werden wir noch später zurückkommen. Jedenfalls müssen wir aber einigen in ihrer Psychologie sogar sehr tiefen Worten Jewgenij Pawlowitschs beipflichten, die dieser am sechsten oder siebenten Tage nach dem Geschehnis in freundschaftlichem Gespräch ganz offen und ohne alle Zeremonien dem Fürsten selbst sagte. Es sei hier noch bemerkt, daß nicht nur die Familie Jepantschin, sondern auch alle, die mehr oder weniger zu ihr in Beziehung standen, es für nötig hielten, den Fürsten hinfort nicht mehr zu kennen. Fürst Sch. zum Beispiel wandte sich bei einer Begegnung im Park von ihm ab und ließ seinen Gruß unerwidert. Nur Jewgenij Pawlowitsch Radomskij fürchtete sich nicht, sich durch einen Besuch beim Fürsten zu kompromittieren, ungeachtet dessen, daß er Jepantschins wieder täglich besuchte und daselbst mit sichtlich zunehmender Freundlichkeit empfangen wurde. Er kam am Tage nach der Abreise Jepantschins aus Pawlowsk zum Fürsten und war natürlich schon gut unterrichtet über alles, was man sich in Pawlowsk erzählte – vielleicht hatte er sogar selbst manches verlauten lassen. Der Fürst freute sich unbeschreiblich über seinen Besuch und begann sogleich von Jepantschins zu sprechen. Diese Treuherzigkeit und offene Sprache ermöglichte es auch Jewgenij Pawlowitsch, ohne Umschweife und rückhaltlos mit der Hauptsache zu beginnen.
Der Fürst wußte es noch nicht, daß Jepantschins Pawlowsk verlassen hatten; als er es erfuhr, war er so bestürzt, daß er erbleichte. Doch schon nach einer kleinen Weile schüttelte er den Kopf wie in wirrem Nachdenken und gestand, daß es „so hätte kommen müssen“. Dann erkundigte er sich hastig, wohin sie denn gefahren seien?
Jewgenij Pawlowitsch beobachtete ihn inzwischen aufmerksam: diese schnellen Fragen und ihre kindliche Geradheit, sowie die Verwirrung und gleichzeitig Offenherzigkeit, die Unruhe und das angespannte, grübelnde Denken des Fürsten – alles das wunderte ihn nicht wenig. Seine Fragen beantwortete er liebenswürdig und ausführlich und der Fürst hörte ihm begierig zu, denn Jewgenij Pawlowitsch war der erste, der ihm von Jepantschins berichten konnte. So erfuhr er denn, daß Aglaja Iwanowna in der Tat krank gewesen war, ganze drei Nächte nicht geschlafen und heftig gefiebert hatte. Zwar gehe es ihr jetzt besser, erzählte Jewgenij Pawlowitsch, doch befinde sie sich immer noch in einem sehr nervösen, hysterischen Zustande ... „Zum Glück herrscht im ganzen Hause vollkommener Friede! Von dem Vorgefallenen sprechen sie nicht einmal unter sich, geschweige denn in Aglajas Gegenwart. Die Eltern haben sich besprochen und die Reise ins Ausland ist auf den Herbst festgesetzt, sogleich nach Adelaidas Hochzeit. Aglaja hat schweigend die ersten Gespräche darüber angehört.“ Er, Jewgenij Pawlowitsch, werde vielleicht gleichfalls ins Ausland reisen. Auch Fürst Sch. wolle, falls es ihm seine Zeit erlaube, auf etwa zwei Monate die anderen mit Adelaida begleiten. Der General würde natürlich in Petersburg bleiben. Augenblicklich befänden sie sich auf ihrem Gut Kolmino, das etwa zwanzig Werst von Petersburg gelegen war und ein geräumiges Herrenhaus hatte. Die Fürstin Bjelokonskaja sei noch nicht nach Moskau zurückgekehrt; wie es scheine, bliebe sie absichtlich, um zu sehen, wie „das Ganze“ ablaufen würde. Lisaweta Prokofjewna war die erste gewesen, die auf der Übersiedelung nach Kolmino bestanden hatte; ein weiterer Aufenthalt in Pawlowsk wäre nach dem Vorgefallenen unmöglich gewesen; auch ihre Datsche auf der Jelagin-Insel sei nicht einsam genug gelegen.
„Nun, und Sie müssen doch selbst zugeben,“ meinte Jewgenij Pawlowitsch, „war es für sie denn noch möglich, zu bleiben? ... besonders da man genau wußte, was hier bei Ihnen in Ihrem Hause geschah? ... und nachdem Sie täglich ungeachtet aller Absagen hinkamen? ...“
„Ja, Sie haben recht ... ich wollte nur Aglaja Iwanowna sehen,“ sagte der Fürst, wieder mit dem Kopf nickend.
„Ach, lieber Fürst,“ rief Jewgenij Pawlowitsch vorwurfsvoll und aufrichtig betrübt, „wie konnten Sie damals nur zulassen ... daß es geschah? Gewiß, ich weiß ja, es kam für Sie so unerwartet ... Ich verstehe, daß Sie sich ganz verlieren mußten und ... Sie konnten dieses sinnlose Mädchen natürlich nicht aufhalten, das wäre von Ihnen zu viel verlangt gewesen. Aber Sie hätten doch wenigstens begreifen müssen, wie ernst und stark dieses Mädchen – Sie ... sich zu Ihnen verhielt: sie wollte sich nicht mit einer anderen in Ihre Liebe teilen und Sie ... Sie konnten einen so kostbaren Schatz verlassen, konnten es zulassen, daß er in Trümmer ging!“
„Ja, ja, Sie haben recht! Ja, es war meine Schuld,“ sagte der Fürst niedergedrückt, „doch wissen Sie: nur sie allein, nur Aglaja sah mit solchen Augen auf Nastassja Filippowna ... Außer ihr sah niemand so auf sie.“
„Das ist aber doch gerade das Empörende an all dem, daß hier wirklich nichts Ernstes vorlag!“ rief Jewgenij Pawlowitsch, der sich von seinem Unwillen entschieden hinreißen ließ. „Verzeihen Sie, Fürst, aber ... ich ... habe darüber nachgedacht, Fürst, und lange nachgedacht. Ich weiß alles, was damals vor einem halben Jahre gewesen ist, alles, alles, und – alles das war nichts Ernstes! Es war nichts als eine gedankliche Ekstase, ein Bild, eine Phantasie, war Rausch, wenn Sie wollen, und nur die erschrockene, angstvolle Eifersucht eines vollkommen unerfahrenen Mädchens konnte es für etwas Ernsthaftes halten!“
Jewgenij Pawlowitsch tat seinem Unwillen keinen Zwang mehr an und drückte seine Gedanken offen und mit ganzer Schonungslosigkeit aus. Verständig und klar und sogar mit auffallendem psychologischem Scharfblick erklärte er dem Fürsten dessen Beziehungen zu Nastassja Filippowna, so wie er sie auffaßte. Jewgenij Pawlowitsch hatte sich von jeher der Gabe des Wortes erfreut, und wenn er Reden hielt, konnte er mitunter sogar überzeugend reden.
„Es begann bei Ihnen mit einer Lüge, und was mit einer Lüge beginnt, das muß auch mit einer Lüge enden: das ist ein Naturgesetz. Wenn man Sie – verzeihen Sie, Fürst – einen Idioten nennt, so kann ich diesen ... Leuten – gleichviel wer es tut – nicht beistimmen ... ich ärgere mich vielmehr aufrichtig darüber. Sie sind viel zu klug für diese Bezeichnung; aber Sie sind doch so weit ... sagen wir, absonderlich, daß Sie von den anderen Menschen abstechen – das werden Sie mir doch selbst zugeben? Ich finde, daß gewissermaßen das Fundament zu all diesen weiteren Erlebnissen sich aus folgendem zusammengesetzt hat: erstens aus Ihrer angeborenen Unerfahrenheit – merken Sie sich das Wort ‚angeboren‘, Fürst –, zweitens aus Ihrer ungewöhnlichen Güte, ferner aus dem phänomenalen Mangel an Maßgefühl, was Sie ja auch selbst einmal von sich gesagt haben, und schließlich aus der unendlichen Menge theoretischer Überzeugungen, die Sie in Ihrer ganzen unglaublichen Ehrlichkeit immer noch für wahre, natürliche und unmittelbare Überzeugungen halten. Sie müssen doch zugeben, Fürst, daß in Ihre Beziehungen zu Nastassja Filippowna von Anfang an etwas, sagen wir der Kürze halber – bedingt Demokratisches sich hineingemischt hat, oder sagen wir, es war der Zauber der ‚Frauenfrage‘, um es noch kürzer auszudrücken. Ich bin über jene Skandalszene, die sich bei Nastassja Filippowna damals, vor einem halben Jahre, zugetragen hat, als Rogoshin ihr das Geld brachte, gut unterrichtet. Wenn Sie wollen, werde ich Ihnen Ihre Stimmung und Ihr Verhalten an jenem Abend ganz genau erklären. Sie waren als Jüngling in die Schweiz gekommen – Sie sind ja auch jetzt noch ein Jüngling – und da begannen Sie sich nach der Heimat zurückzusehnen, nach dem Ihnen fast unbekannten, doch um so schwärmerischer von Ihnen geliebten Vaterlande. Sie lasen dort viele Bücher über Rußland, Bücher, die sonst ganz vorzüglich sein mögen, für Sie aber sicherlich schädlich waren. Und so kamen Sie denn in die Heimat im ersten Rausch des Betätigungsdranges, Sie lechzten förmlich nach Betätigung! Und da – an demselben Tage, an dem Sie hier eintrafen, erzählte man Ihnen die traurige, empörende Lebensgeschichte eines beleidigten Weibes – Ihnen, dem Ritter, dem jungfräulichen Ritter – eines Weibes! Und noch am Abend dieses ersten Tages sahen Sie dieses Weib: Sie waren bezaubert von ihrer Erscheinung, ihrer phantastischen, dämonischen Schönheit – ich gebe es ja zu, daß sie eine Schönheit ist. Nehmen Sie jetzt noch dazu Ihre Krankheit, Ihre Nerven, unser Petersburger, auf die Nerven wirkendes Tauwetter; denken Sie an diesen ganzen ersten Tag in der Ihnen unbekannten, fast phantastischen Stadt, den Tag der neuen Bekanntschaften, der unerwarteten Szenen und der unerwarteten Wirklichkeit, den Tag, an dem Sie Jepantschins, deren drei schöne Töchter, und darunter eine Aglaja, kennen lernten; fügen Sie jetzt noch Ihre Müdigkeit, Ihr Kopfweh nach der Eisenbahnfahrt hinzu, dann Nastassja Filippownas Salon und den Ton in diesem Salon ... was konnten Sie nach alledem noch von sich erwarten, was meinen Sie?“
„Ja, ja; ja, ja,“ der Fürst nickte wieder mit dem Kopf, und er begann zu erröten, „fast war es ja auch so; und wissen Sie, ich hatte die Nacht vorher im Waggon wirklich nicht geschlafen, und ich war sehr abgespannt ...“
„Aber das ist es ja, worauf ich meine Behauptung aufgebaut habe!“ fuhr Jewgenij Pawlowitsch eifrig fort. „Es liegt doch auf der Hand, daß Sie im Rausch der Begeisterung die erste Gelegenheit ergriffen, mit Begeisterung ergriffen, um öffentlich Ihre großmütige Auffassung zu bezeugen, daß Sie, ein Fürst aus altem Geschlecht und ein reiner Mensch, dieses Weib, das nicht durch eigene Schuld gefallen, sondern das ein widerlicher Roué geschändet hatte, nicht für ehrlos hielten. O Gott, aber das ist doch so verständlich! Doch nicht darum handelt es sich jetzt, lieber Fürst, sondern es handelt sich um eine ganz andere Frage, und die ist: lag Ihrem Gefühl Wahrheit zugrunde, war es Natur, oder war es nichts als gedankliche Begeisterung, Berauschung? Im Tempel ward einst jenem Weibe verziehen, aber ihr Tun ward doch nicht gutgeheißen, es ward ihr doch nicht gesagt, daß sie aller Ehren und Achtung wert sei, was meinen Sie? Hat Ihnen denn nicht Ihr eigener gesunder Verstand nach drei Monaten gesagt, um was es sich hier handelte? Mag sie jetzt auch unschuldig sein – ich will da weiter nicht richten –, aber können denn alle ihre Abenteuer einen so unerträglichen, teuflischen Stolz, einen so unverhohlenen, gierigen Egoismus rechtfertigen? Verzeihen Sie, Fürst, ich lasse mich hinreißen, aber ...“
„Ja, das kann ja alles so sein, vielleicht haben Sie auch recht ...“ murmelte der Fürst. „Sie ist wirklich sehr nervös und reizbar und Sie haben recht, natürlich, aber ...“
„Aber sie hat Mitleid verdient? Ist es nicht das, was Sie sagen wollen? Doch wie durften Sie dann um dieses Mitleids willen, was Sie mit dieser empfanden, einem anderen, reinen, hochstehenden Mädchen diese Schmach antun, und das noch vor den Augen der ihr so Verhaßten – jener Hochmütigen? Auch das Mitleid muß doch eine Grenze haben! Das ist doch eine unglaubliche Übertreibung! Und wie ist es denn möglich, daß man ein Mädchen, welches man liebt, vor ihrer Rivalin so erniedrigen kann, daß man sie um der anderen willen verläßt, und das noch vor den Augen dieser anderen, nachdem man sie in Ehren um ihre Hand gebeten hat ... Und Sie haben doch in Gegenwart ihrer Eltern und Schwestern um sie angehalten! Sind Sie nun Ihrer Meinung nach noch ein Ehrenmann, Fürst, erlauben Sie, daß ich Sie danach frage? Und ... und haben Sie dann dieses herrliche Mädchen nicht betrogen, indem Sie es Ihrer Liebe versicherten?“
„Ja, ja, Sie haben recht, ach, ich fühle es, daß ich an allem schuld bin!“ sagte der Fürst in unsäglichem Schmerz.
„Aber was hilft das jetzt!“ rief Jewgenij Pawlowitsch unwillig. „Genügt denn das, nur auszurufen: ‚Ach, ich bin an allem schuld!‘? Sie sind es, und dennoch bleiben Sie dabei! Und wo war denn damals Ihr Herz, Ihr ‚christliches‘ Herz? Sie sahen doch ihr Gesicht in dem Augenblick: wie, litt sie etwa weniger als jene, jene andere? Wie konnten Sie es denn sehen und doch zulassen? Wie?“
„Ja, aber ... ich ließ es ja auch gar nicht zu,“ murmelte der Fürst.
„Wie das, wieso ließen Sie es nicht zu?“
„Ich, bei Gott, ich habe nichts zugelassen. Ich begreife bis jetzt noch nicht, wie das alles gekommen ist ... ich ... ich eilte damals Aglaja Iwanowna nach, aber da fiel Nastassja Filippowna in Ohnmacht. Und dann hat man mich bis jetzt noch nicht zu Aglaja Iwanowna gelassen.“
„Gleichviel! Sie hätten Aglaja nacheilen sollen, und wenn die andere auch hundertmal in Ohnmacht fiel!“
„Ja ... ja, ich hätte ... aber sie wäre dann doch gestorben! Sie hätte sich umgebracht, Sie kennen sie nicht, und ... ich hätte ja doch später Aglaja Iwanowna sowieso alles erklärt und ... sehen Sie, Jewgenij Pawlowitsch, ich sehe, daß Sie, wie es scheint, doch nicht alles wissen. Sagen Sie, weshalb läßt man mich nicht zu Aglaja Iwanowna? Ich würde ihr alles erklären. Sehen Sie: beide sprachen sie damals von etwas anderem, nicht davon, sondern von etwas ganz anderem, ganz anderem. Deshalb kam es auch dazu ... Ich kann Ihnen das wirklich nicht erklären ... aber ich, vielleicht könnte ich es ihr erklären, Aglaja ... O, mein Gott, mein Gott! Sie sprechen von ihrem Gesicht in jenem Augenblick als sie hinauslief ... o, mein Gott, ich entsinne mich noch so genau! ... Gehen wir, gehen wir!“ rief er plötzlich, Jewgenij Pawlowitsch am Ärmel ziehend, nachdem er aufgesprungen war.
„Wohin?“
„Gehen wir zu Aglaja Iwanowna, sofort, kommen Sie doch! ...“
„Aber sie ist ja gar nicht mehr in Pawlowsk, das habe ich Ihnen doch schon gesagt. Und was wollen Sie dort?“
„Sie wird es verstehen, sie wird es verstehen!“ beteuerte der Fürst flehend, und wie beschwörend faltete er die Hände. „Sie wird es verstehen, daß alles das nicht das ist, sondern etwas ganz, ganz anderes!“
„Inwiefern etwas ganz anderes? Sie werden doch heiraten? Folglich bleiben Sie dabei. Werden Sie heiraten oder werden Sie nicht heiraten?“
„Nun, ja ... ich werde; ja ich werde heiraten!“
„Also wie soll es dann nicht das sein?“
„O, nein, es ist nicht das, es ist nicht das! Das, das ist ganz gleichgültig, daß ich heirate, das hat doch nichts zu sagen!“
„Wie das: nichts zu sagen? Es ist doch kein Kinderspiel! Sie heiraten das geliebte Weib, um es glücklich zu machen, und Aglaja Iwanowna sieht das und weiß das – wie können Sie also sagen, daß es nichts zu sagen habe?“
„Glücklich zu machen? O nein! Ich heirate sie einfach; sie will es; und was ist denn dabei, daß ich heirate? Ich ... Nun, ja ... das ist doch ganz gleichgültig! Nur wäre sie bestimmt gestorben. Ich sehe jetzt ein, daß ihre Heirat mit Rogoshin einfach Wahnsinn gewesen wäre! Ich habe jetzt alles begriffen, was ich früher nicht zu begreifen vermochte, und sehen Sie: als sie sich damals beide gegenüberstanden, da konnte ich Nastassja Filippownas Gesicht nicht ertragen ... Sie erklärten vorhin ganz richtig jenen Abend vor einem halben Jahr bei Nastassja Filippowna; nur war da noch etwas, das Sie ausgelassen haben, weil Sie es nicht wissen: ich sah in ihr Gesicht! Schon am Morgen, bei Jepantschins, konnte ich es nicht ertragen. Die Wjera ... Wjera Lebedewa, die hat ganz andere Augen ... Ich ... ich fürchte ihr Gesicht!“ fügte er mit unheimlichem Grauen hinzu.
„Ja; sie ist wahnsinnig!“ flüsterte der Fürst erbleichend.
„Wissen Sie das genau?“ fragte Jewgenij Pawlowitsch mit ungeheurem Interesse.
„Ja, ganz genau, jetzt weiß ich es, gerade jetzt, in diesen Tagen habe ich es mit völliger Sicherheit feststellen können!“
„Was wollen Sie dann mit sich beginnen?“ rief Jewgenij Pawlowitsch erschrocken. „Dann heiraten Sie sie also nur aus Angst? Da werde einer daraus klug! ... Vielleicht sogar, ohne sie zu lieben?“
„O nein, ich liebe sie mit ganzer Seele! Sie ist doch ... ein Kind! Jetzt ist sie ja ein vollständiges Kind! Oh, Sie wissen ja noch nichts!“
„Und zu gleicher Zeit haben Sie Aglaja Iwanowna Ihrer Liebe versichert?“
„O ja, ja!“
„Aber hören Sie, Fürst, um Gotteswillen, was reden Sie, besinnen Sie sich!“
„Ich kann ohne Aglaja ... ich muß sie unbedingt sehen, ich muß sie sprechen! Ich ... ich werde bald sterben ... im Schlaf, ich glaubte schon, daß ich in dieser Nacht im Schlaf sterben würde. Oh, wenn Aglaja wüßte, wenn sie alles wüßte ... aber unbedingt alles! Denn hier muß man unbedingt alles wissen, das ist die erste Bedingung! Weshalb können wir nie alles vom anderen erfahren, wenn es doch so nötig ist – und wenn noch der andere schuld ist! Ich ... übrigens weiß ich selbst nicht, was ich rede, ich bin ganz wirr ... Sie haben mich so erschüttert ... Sollte sie jetzt wirklich noch solch ein Gesicht haben, wie damals, als sie hinauslief? O ja, ich bin schuld! Am wahrscheinlichsten ist, daß ich allein an allem schuld bin. Ich weiß zwar noch nicht genau, worin meine Schuld besteht ... Hier ist etwas, das ich Ihnen nicht erklären kann, Jewgenij Pawlowitsch, ich habe keine Worte und verstehe nicht zu sprechen, aber ... Aglaja Iwanowna wird alles verstehen! Oh, ich habe immer daran geglaubt, daß sie alles verstehen wird!“
„Nein, Fürst, sie wird Sie nicht verstehen. Aglaja Iwanowna liebte Sie, wie ein Weib, wie ein Mensch liebt, und nicht wie ein ... abstrakter Geist. Wissen Sie was, mein armer Fürst: am wahrscheinlichsten ist, daß Sie weder die eine noch die andere jemals geliebt haben.“
„Ich weiß nicht ... vielleicht ... vielleicht haben Sie in vielem recht, Jewgenij Pawlowitsch. Sie sind ein sehr kluger Mensch, Jewgenij Pawlowitsch. Oh, mein Kopf fängt wieder an zu schmerzen! Gehen wir zu ihr! Um Gotteswillen, um Gotteswillen!“
„Aber ich habe Ihnen doch gesagt, daß sie nicht in Pawlowsk ist, sie ist in Kolmino!“
„Fahren wir dann nach Kolmino, fahren wir sofort!“
„Das ist un–möglich!“ sagte Jewgenij Pawlowitsch langsam, und er erhob sich von seinem Platz.
„Hören Sie, ich werde ihr einen Brief schreiben, bringen Sie ihn hin!“
„Nein, Fürst, nein! Verschonen Sie mich mit solchen Aufträgen, ich kann nicht!“
Sie schieden: Jewgenij Pawlowitsch verließ ihn mit einer festen Überzeugung: seiner Ansicht nach war der Fürst nicht bei vollem Verstande.
„Und was hat dieses Gesicht zu bedeuten, das er so fürchtet und gleichzeitig so liebt?“ fragte er sich verwundert. „Und dabei wird er vielleicht doch noch sterben ohne Aglaja, so daß sie vielleicht nie erfahren wird, wie sehr er sie liebt! Haha! Und wie kann er nur zwei auf einmal lieben? Mit irgendwelchen zwei verschiedenen Arten von Liebe etwa? Das ist interessant ... Armer Idiot! Was aus ihm jetzt wohl noch werden wird?“
X.
Indessen starb der Fürst weder im Traum noch in der Wirklichkeit. Es ist möglich, daß er in dieser Zeit schlecht schlief und schlechte Träume hatte. Doch am Tage und unter Menschen war er immer freundlich und schien sogar zufrieden zu sein. Nur bisweilen war er ganz in Gedanken versunken, doch geschah das gewöhnlich nur dann, wenn er allein in seinem Zimmer saß. Die Vorbereitungen zur Hochzeit, die etwa eine Woche nach dem Besuch Jewgenij Pawlowitschs stattfinden sollte, wurden eifrig und eilig betrieben. Angesichts dieser Eile aber mußten wohl selbst die besten Freunde des Fürsten, falls es solche überhaupt noch gab, ihre Bemühungen, den unglücklichen Sonderling zu „retten“, aufgeben. Es ging das Gerücht, daß Jewgenij Pawlowitsch zum Teil auch vom General Iwan Fedorowitsch und dessen Gattin Lisaweta Prokofjewna zu diesem Besuch beim Fürsten veranlaßt worden war. Aber selbst wenn diese beiden in ihrer großen Herzensgüte den „armen Jungen“ von jenem Abgrunde hätten zurückhalten wollen, in den er sich hinabzustürzen im Begriff war, so mußten sie sich doch mit diesem einen schwachen Versuch begnügen: die Rücksicht auf ihre Stellung würde ihnen schwerlich ernstliche Bemühungen erlaubt haben, auch wenn ihr verwundetes Elternherz die Kränkung ganz hätte vergessen können, was wohl ausgeschlossen war. Wie bereits erwähnt, hatte sich sogar Wjera Lebedewa von dem Fürsten abgewandt, wenn auch nicht so sehr aus Ärger, als aus Kummer über ihn, was sich freilich nur darin ausdrückte, daß sie, wenn sie allein war, still über ihn weinte und seltener in seiner Wohnung erschien. Koljä verlor in dieser Zeit seinen Vater: der alte General starb an einem zweiten Schlaganfall, acht Tage nach dem ersten. Der Fürst nahm großen Anteil an dem Leide, das Nina Alexandrowna betroffen hatte. In den ersten Tagen verbrachte er mehrere Stunden bei ihr und wohnte sowohl dem Begräbnis wie der Totenmesse bei. Es fiel allgemein auf, daß das Publikum in der Kirche beim Eintritt des Fürsten unwillig flüsterte, und ebenso, als er die Kirche verließ. Dasselbe geschah jetzt auch auf der Straße, im Park, und wo er sich nur zeigte: wenn er vorüberging oder -fuhr, steckte man sofort die Köpfe zusammen, um zu tuscheln und mit dem Finger nach ihm zu weisen. Man nannte dann seinen Namen, sowie den Nastassja Filippownas. In der Kirche suchte man sie übrigens in seiner Nähe, doch war sie nicht erschienen. Desgleichen schaute man vergeblich nach der Kapitanscha aus, der Freundin des Verstorbenen, doch Lebedeff hatte sie noch rechtzeitig zurückdrängen und ihr einen „anderen Standpunkt“ klarmachen können. Die Totenmesse machte auf den Fürsten einen ergreifenden, aber krankhaften Eindruck. Auf Lebedeffs leise geflüsterte Frage antwortete er ebenso leise, daß er zum erstenmal einer russischen Totenmesse beiwohne; in der Kindheit sei er wohl einmal bei der Feier zugegen gewesen, und zwar in einer Dorfkirche, doch entsinne er sich ihrer kaum noch.
„Ja, das ist schon so ... und wenn man bedenkt, daß das da im Sarge derselbe Mensch ist, den wir noch vor kurzem unter uns gehabt haben – wissen Sie noch, damals an Ihrem Geburtstage?“ flüsterte Lebedeff dem Fürsten weiter zu. „Doch – wen suchen Sie?“
„N–ein, nichts, es schien mir nur so ...“
„Rogoshin vielleicht?“
„Ist er hier?“
„Jawohl, in der Kirche.“
„Deshalb ... es war mir, als hätte ich seine Augen gesehen,“ murmelte der Fürst verwirrt. „Aber wie ... wie kommt er hierher? Hat man ihn eingeladen?“
„Nicht gedacht daran! Er ist doch kein Bekannter der Familie. Hier sind aber alle möglichen Leute, eben Publikum. Weshalb wundert Sie das? Ich begegne ihm jetzt sehr oft: in der letzten Woche habe ich ihn etwa viermal hier in Pawlowsk gesehen.“
„Ich habe ihn noch kein einziges Mal gesehen ... seit jenem Tage,“ murmelte der Fürst.
Auch Nastassja Filippowna hatte ihm noch kein einziges Mal gesagt, daß sie Rogoshin nach „jenem Tage“ gesehen hätte. Der Fürst schloß daraus, daß Rogoshin sich ihnen absichtlich nicht zeigen wollte. Von dem Tag und Augenblick an, da er Rogoshin gesehen, war der Fürst in Gedanken versunken. Nastassja Filippowna war dagegen von diesem Tage und Abend an ausnehmend lustig. –
Koljä, der sich mit dem Fürsten schon vor dem Tode seines Vaters wieder ausgesöhnt hatte, war es gewesen, der diesem – zumal die Sache so eilig war – Keller und Burdowskij als Trauzeugen vorgeschlagen hatte. Er bürgte für Keller, daß dieser sich „anständig aufführen“ würde: eventuell „käme er sogar zustatten“. Burdowskij aber sei ein stiller, bescheidener Mensch, der seine Aufgabe auch gut erledigen würde. Nina Alexandrowna und Lebedeff machten zwar den Fürsten darauf aufmerksam – da nun die Hochzeit einmal beschlossen und auch der Tag bereits festgesetzt war –, daß es schließlich nicht notwendig sei, sich gerade in Pawlowsk und noch mitten im Sommer und so öffentlich trauen zu lassen. Und sie warfen die Frage auf, ob da nicht Petersburg vorzuziehen sei – und vielleicht sogar eine Trauung im Hause? Der Fürst erriet natürlich ihre Befürchtungen, antwortete jedoch nur kurz und einfach, daß es der ausdrückliche Wunsch Nastassja Filippownas sei, in Pawlowsk und öffentlich getraut zu werden.
Am Tage darauf erschien Keller beim Fürsten. Er war bereits davon benachrichtigt, daß der Fürst ihn zum Trauzeugen gewählt hatte. Bevor er jedoch eintrat, blieb er stramm auf der Türschwelle stehen. Als er dann den Fürsten erblickte, erhob er die rechte Hand, drei Finger aufrecht, wie zum Schwur, und sagte, als leiste er einen Eid:
„Keinen Tropfen!“
Darauf trat er militärisch auf den Fürsten zu, drückte und schüttelte ihm kraftvoll beide Hände und erklärte, daß er zuerst, als er von dieser Heirat erfahren, ihr natürlich feindlich gegenübergestanden, was er auch beim Billardspiel offen erklärt habe, beides aber aus keinem anderen Grund als dem einen, daß er als aufrichtiger Freund den Fürsten täglich mit keiner anderen verlobt zu sehen gewünscht habe, als mit einer Prinzessin; jetzt aber sehe er ein, daß der Fürst zum allermindesten zwölfmal edler denke, als er und die übrigen „allesamt“! Denn er, der Fürst, bedürfe nicht des Glanzes und Reichtums und nicht einmal der Ehren, sondern einzig – der Wahrheit! Die Gründe der Sympathien Hochgestellter seien nur zu bekannt, der Fürst aber stehe allein schon infolge seiner Bildung höher als alle Hochgestellten, im allgemeinen gesprochen. „Doch der Pöbel urteilt anders!“ fuhr er fort. In ganz Pawlowsk sei von nichts anderem die Rede, als von dieser bevorstehenden Hochzeit. Ja, man wolle sogar in der ersten Nacht eine Katzenmusik unter seinen Fenstern machen usw. usw. Und wenn der Fürst der Pistole eines Verteidigers bedürfe, so sei er, Keller, sofort bereit, ein halbes Dutzend Kugeln in die Menge zu feuern, oder ebenso vielen seine Brust zu bieten. Ferner habe er Lebedeff den Rat erteilt, auf dem Hofe seiner Datsche eine Feuerspritze in Bereitschaft zu halten, um bei der Rückkehr aus der Kirche die Volksmenge in Respekt zu halten, doch Lebedeff habe sich dem widersetzt. „Gott soll mich davor bewahren,“ habe er gesagt, „dann bliebe von meinem ganzen Hause kein Splitter mehr übrig.“
„Aber dieser Lebedeff intrigiert gegen Sie, bei Gott, Fürst!“ beteuerte Keller. „Er will Sie unter Vormundschaft stellen – können Sie sich das vorstellen? – und nicht nur Sie allein, sondern auch Ihren freien Willen und Ihr Geld – also Sie mitsamt den zwei wichtigsten Dingen, die einen jeden von uns von den Vierfüßlern unterscheiden! Ich weiß es ganz genau! Wahrhaftig! Es ist so!“
Der Fürst entsann sich, auch selbst schon etwas Ähnliches gehört zu haben, doch hatte er es natürlich nicht weiter beachtet. Auch über Kellers Mitteilung lachte er nur und vergaß sie sogleich wieder. Lebedeff hatte sich eine Zeitlang tatsächlich mit diesem Gedanken getragen. Die Pläne dieses Menschen entstanden immer irgendwie auf höhere Eingebung – „aus reinster Begeisterung“, wie er selbst behauptete –, doch sein Übereifer verkomplizierte sie sogleich, worauf sie sich dann immer mehr verzweigten und von dem Ausgangspunkt in alle nur möglichen Richtungen sich entfernten. Deshalb gelang ihm auch selten etwas Größeres im Leben. Als er dann später, am Tage vor der Hochzeit, zum Fürsten kam – er hatte die Angewohnheit, stets zu denjenigen gleichsam zur Beichte zu gehen, gegen die er intrigiert hatte, namentlich wenn ihm die Intrige mißlungen war –, erklärte er ihm, daß er zweifellos zu einem Talleyrand geboren sei, selbst sich aber nicht zu erklären vermöge, warum er bloß ein Lebedeff geblieben sei. Darauf deckte er ihm seine ganze Intrige auf, die den Fürsten natürlich sehr interessierte. Nach seinen Worten hatte er damit begonnen, daß er sich die Protektion hochgestellter Personen zu sichern gesucht, auf die er sich im Notfall hätte stützen können. So war er zuerst zum General Jepantschin gegangen. Dieser sei sehr verwundert gewesen, habe dem „jungen Manne“ alles Gute gewünscht, jedoch kategorisch erklärt, daß er, „so sehr er ihn auch zu retten wünschte“, sich ein Einmischen in die Angelegenheiten des Fürsten „aus wohl recht begreiflichen Gründen“ nicht erlauben könne. Lisaweta Prokofjewna aber habe ihn weder anhören noch sehen wollen, und Jewgenij Pawlowitsch wie auch Fürst Sch. hätten nur mit den Händen abgewinkt. Dessenungeachtet habe er, Lebedeff, den Mut jedoch nicht sinken lassen und sich zu einem Juristen comme il faut und ehrenwerten Greise – seinem großen Freunde und fast sogar Wohltäter – begeben, um sich mit diesem zu beraten. Dieser habe die Sache „für durchaus durchführbar“ erklärt, wofern er kompetente Zeugen für die geistige Unzurechnungsfähigkeit des Fürsten oder dessen Wahnsinn aufstellen könne – doch die Hauptsache bliebe nichtsdestoweniger die höhere Protektion. Lebedeff hatte hierauf einen Arzt – einen bejahrten Herrn mit dem Annenorden auf der Brust, der gleichfalls in Pawlowsk seine Datsche besaß – „einzig zu dem Zweck, um vorläufig, ganz harmlos und freundschaftlich, einmal zu sondieren“, zum Fürsten gebracht, mit der Bitte, ihm nachher unter vier Augen sein ärztliches Urteil zu sagen. Der Fürst entsann sich noch sehr gut dieses Besuchs: Lebedeff hatte ihm am Abend vorher hoch und heilig versichert, daß er krank sei und eine Arznei einnehmen müsse, doch der Fürst war dazu nicht zu bewegen gewesen. Da war Lebedeff am nächsten Morgen mit besagtem Arzt beim Fürsten erschienen, unter dem Vorwande, daß der Herr Doktor, mit dem er soeben bei Hippolyt Terentjeff gewesen, dem Fürsten über den Zustand des Kranken einiges mitteilen wolle. Der Fürst hatte Lebedeff seinen Dank ausgesprochen und den Arzt sehr freundlich empfangen. Der Arzt hatte ihn gebeten, ihm jenen Selbstmordversuch Hippolyts ausführlicher zu schildern, und der Fürst hatte ihn durch seine Wiedergabe ungemein zu interessieren gewußt. Darauf war das Gespräch auf das Petersburger Klima übergegangen, dann hatten sie von der Krankheit des Fürsten gesprochen, über die Schweiz und den Professor Schneider. Der Fürst hatte ihm Schneiders Heilmethode erklärt und das Interesse des Arztes in solchem Maße gefesselt, daß dieser ganze zwei Stunden bei ihm geblieben war. Bei der Gelegenheit hatte er die wundervollen Zigarren geraucht, die ihm der Fürst angeboten, und den vorzüglichen Likör getrunken, den Wjera Lebedewa gebracht hatte, wofür er ihr, obgleich er ein älterer verheirateter Mann und Familienvater war, ganz besondere Komplimente gesagt, so daß Wjera tief empört hinausgegangen war. Vom Fürsten hatte er sich in der freundschaftlichsten Weise verabschiedet, um darauf Lebedeff unter vier Augen zu fragen, wen man denn zu Vormündern wählen sollte, wenn man solche Leute, wie den Fürsten, unter Vormundschaft stellen wollte. Auf Lebedeffs geradezu tragische Darstellung des Bevorstehenden, hatte der Arzt nur lächelnd gemeint, daß noch ganz andere Damen geheiratet würden, daß Nastassja Filippowna, wenigstens soviel er gehört habe, eine berückende Schönheit sei, was allein schon als Erklärung genügen würde: außerdem besitze sie aber auch noch Geld von Tozkij und Rogoshin, besitze Perlen und Brillanten, kostbare Möbel und Teppiche und Kunstwerke ... deshalb beweise diese Wahl des Fürsten nicht etwa Dummheit oder Wahnsinn, sondern sogar einen sehr praktischen Sinn und offenen Kopf, weshalb er, der Arzt, das gewünschte Attest nicht ausstellen könne ... Und damit war er weggegangen. Lebedeff aber war ganz verdutzt zurückgeblieben, bis er sich dann gesammelt und mit dem Finger vor die Stirn getippt hatte – „denn das war ein Gedanke,“ erzählte er dem Fürsten, „jetzt aber,“ fuhr er fort, „jetzt aber werden Sie außer innigster Ergebenheit und aufrichtigster Bereitwilligkeit zu jedem Opfer nichts anderes von mir erfahren, dessen versichere ich Sie – sintemal es der Zweck meines Besuchs war, Sie dessen zu versichern.“
Auch Hippolyt hatte den Fürsten in diesen letzten Tagen durch seine häufigen Aufforderungen, ihn zu besuchen, vom einsamen Grübeln abgelenkt. Die Kapitanscha hatte mit ihren übrigen drei Kindern gleichfalls Petersburg verlassen und in Pawlowsk ein kleines Häuschen gemietet, wo sie nun wieder alle zusammen lebten. Hippolyts kleine Geschwister flüchteten vor dem tyrannischen Bruder in den Garten, und so konnte er ihnen nichts anhaben; dafür aber war die arme Kapitanscha ihm vollkommen preisgegeben und wurde natürlich sehr durch seine Launen gequält. Der Fürst mußte ewig den Friedensrichter spielen, wofür ihn Hippolyt seine „Kinderfrau“ nannte, was ein Ausdruck seiner dankbaren Anerkennung sein sollte; doch gleichzeitig schien er es vor sich selbst nicht zu wagen, ihn wegen dieser Rolle des Friedensstifters – nun, sagen wir, nicht zu verachten. Über Koljä war er einfach empört, weil dieser sich fast gar nicht bei ihm zeigte. Auf die Einwendungen des Fürsten, daß es doch nur natürlich sei, wenn er bei seinem sterbenden Vater, und nach dessen Tode bei seiner verwitweten Mutter bliebe, entgegnete Hippolyt nichts, doch sah man es ihm an, daß er diese Erklärungen nicht gelten lassen wollte. Endlich wählte der Kranke zur Zielscheibe seines Spottes die bevorstehende Hochzeit des Fürsten und verletzte und beleidigte ihn so lange, bis dieser schließlich seine Geduld verlor und bei sich beschloß, ihn nicht mehr zu besuchen. Doch schon am zweiten Tage erschien die Kapitanscha in Tränen aufgelöst beim Fürsten und bat ihn flehentlich, doch wieder hinzukommen, da ihr Sohn sie sonst noch umbringen würde. Sie fügte hinzu, daß er ihm ein großes Geheimnis mitzuteilen habe. Der Fürst ging. Hippolyt wünschte, sich mit ihm zu versöhnen und vergoß Tränen, nach den Tränen aber ärgerte er sich sogleich wieder über den Fürsten, nur wagte er diesmal nicht, seinen Ärger offen zu zeigen. Sein Zustand war sehr schlecht: alle Symptome deuteten darauf hin, daß er jetzt bald sterben würde. Ein „großes Geheimnis“ hatte er nicht mitzuteilen: alles, was er zu sagen hatte, waren vor Aufregung – einer vielleicht künstlich vorgetäuschten Aufregung – geradezu atemlose, stürmische, drängende Bitten, sich „vor Rogoshin in acht zu nehmen“.
„Dieser Mensch ist nicht so einer, der sich das Seinige nehmen läßt! Der ist nicht von unserer Sorte, Fürst! Wenn der etwas will, dann wird er vor nichts mehr zurückschrecken!“ usw. usw.
Der Fürst bat ihn um nähere Erklärungen, bat um Beweise, Anhaltspunkte, doch Hippolyt konnte ihm hierauf nichts anderes sagen, als daß es seine persönlichen Empfindungen und Eindrücke wären. Zu seiner großen Genugtuung gelang es ihm zum Schluß, den Fürsten unsäglich zu erschrecken. Zuerst hatte der Fürst auf einzelne seiner Fragen nicht antworten wollen und über den Rat, so schnell wie möglich ins Ausland zu fliehen und sich dort irgendwo von einem russischen Geistlichen trauen zu lassen, nur gelächelt. Darüber hatte sich Hippolyt dann geärgert.
„Ich fürchte ja doch nur für Aglaja Iwanowna!“ hatte er gesagt. „Rogoshin weiß ganz genau, wie sehr Sie sie lieben. Also Liebe gegen Liebe: Sie haben ihm Nastassja Filippowna genommen – dafür wird er Aglaja Iwanowna ermorden, denn wenn sie jetzt auch nicht Ihnen gehört, so wäre es für Sie doch ein schwerer Schlag, nicht wahr?“
Und damit hatte er endlich sein Ziel erreicht: der Fürst war wie halb wahnsinnig von ihm fortgegangen.
Das war am Abend vor der Hochzeit gewesen. Der Fürst begab sich zu Nastassja Filippowna, doch auch sie war nicht imstande, ihn zu beruhigen – im Gegenteil: in der letzten Zeit hatte sie seine innere Unruhe nur vergrößert. Früher, d. h. zu Anfang ihrer Brautschaft und noch vor ein paar Tagen, hatte sie, wenn er bei ihr war, sich geradezu krampfhaft angestrengt, ihn mit allem möglichen zu erheitern, da die Traurigkeit in seinen Augen sie entsetzlich quälte. Sie hatte sogar versucht, ihm Lieder vorzusingen, um ihn zu zerstreuen – doch am häufigsten erzählte sie ihm heitere Geschichten und alles, was ihr nur Spaßiges einfiel. Der Fürst tat dann immer, als lache er aufrichtig, bisweilen aber mußte er auch wirklich lachen über ihre amüsante Art zu erzählen, wenn sie sich hinreißen ließ – und sie ließ sich oft hinreißen. – Dann freute er sich über ihre Beobachtungsgabe und ihren guten und geistreichen Humor. Wenn sie ihn dann lachen sah und merkte, daß ihre Erzählung ihm gefallen hatte, war sie immer ganz begeistert und ganz stolz. Doch je näher dann der Hochzeitstag heranrückte, um so nachdenklicher und düsterer wurde ihr Gesicht, das dem Fürsten fast mit jeder Stunde trauriger erschien. Wenn er nicht seine bestimmte Meinung über sie gehabt hätte, wäre ihm jetzt wohl alles an ihr rätselhaft und unheimlich erschienen, doch so glaubte er unerschütterlich daran, daß sie noch „auferstehen“ könne. Er hatte Jewgenij Pawlowitsch die Wahrheit gesagt: daß er sie aufrichtig liebe. Doch seine Liebe zu ihr war wie die Liebe zu einem armen kranken Kinde, das man unmöglich ganz verlassen kann. Er erklärte niemandem die Gefühle, die er für sie empfand, auch ihr nicht. Überhaupt sprachen sie beide nie von „Gefühlen“, ganz als hätten sie sich gegenseitig geschworen, über diesen Punkt zu schweigen. An ihrer gewöhnlichen Unterhaltung, die heiter und lebhaft war, konnte ein jeder teilnehmen. Wie Darja Alexejewna später erzählte, hatte sie ihre wahre Freude an ihnen gehabt und sich nicht sattsehen können an ihnen.
Die Auffassung, die der Fürst von Nastassja Filippownas seelischem und geistigem Zustande hatte, bewahrte ihn zum Teil auch vor vielen sonst sehr leicht möglichen Mißverständnissen. Er sah jetzt ein ganz anderes Weib vor sich, als jenes, das er vor drei Monaten gekannt hatte. Deshalb dachte er jetzt auch nicht mehr darüber nach, weshalb sie damals kurz vor der Trauung mit ihm, nach Tränen, Verwünschungen und Vorwürfen, davongelaufen war. „Also fürchtet sie jetzt nicht mehr, daß ich durch diese Heirat unglücklich werden könnte,“ dachte der Fürst. Ein so plötzlicher Glaube an sich konnte aber seiner Meinung nach nicht natürlich bei ihr sein. Und einzig auf ihren Haß gegen Aglaja konnte er diesen Glauben doch auch nicht zurückführen: Nastassja Filippownas Gefühle waren tiefer, das wußte er. Und auch nicht auf die Angst vor Rogoshin? Nein! Unmöglich! Alle diese Gründe konnten möglicherweise einiges dazu beitragen, doch war es ihm vollkommen klar, daß hier gerade das vor sich ging, was er schon lange geahnt und was ihre arme kranke Seele nicht ertragen hatte. Diese Erkenntnis aber konnte ihm, wenn sie ihn auch vor Mißverständnissen bewahrte, keine Ruhe gewähren ... nicht einmal aufatmen konnte er. Oft schien er sich zu bemühen, an nichts zu denken. Die Ehe betrachtete er offenbar nur als irgendeine unwichtige Formalität; sein eigenes Schicksal aber schätzte er gar zu gering, um darüber nachzudenken. Was jedoch seine Antworten auf direkte Fragen, zum Beispiel sein Gespräch mit Jewgenij Pawlowitsch betraf, so fühlte er sich in diesen Fragen vollkommen unkompetent, und deshalb vermied er auch alle ähnlichen Gespräche.
Er hatte übrigens bemerkt, daß Nastassja Filippowna sehr gut begriff, was Aglaja für ihn war. Sie sprach nur nicht davon, aber er erriet es aus ihrem Blick, wenn sie sah, daß er aufbrach, um wieder zu Jepantschins zu gehen. Als diese dann Pawlowsk verließen, atmete sie geradezu wie erlöst auf. Wie harmlos der Fürst aber auch sonst sein mochte, in diesem Fall hatte ihn doch der Gedanke beunruhigt, Nastassja Filippowna könnte sich zu irgendeinem Skandal entschließen, um Aglaja einen weiteren Aufenthalt in Pawlowsk unmöglich zu machen. Wurde doch das Gerede über die bevorstehende Hochzeit zum Teil von Nastassja Filippowna mit Absicht geschürt, um ihre Rivalin zu reizen und zu kränken. Da nun Jepantschins nach dem Ereignis weder im Park noch sonstwo anzutreffen waren, hatte Nastassja Filippowna beschlossen, einmal, wenn sie mit dem Fürsten spazierenfuhr, an der Villa Jepantschin vorüberzufahren. Der Fürst bemerkte es, wie gewöhnlich, erst dann, als es nicht mehr zu ändern war und der Wagen die Villa bereits erreicht hatte. Er erschrak und erbleichte: er sagte kein Wort, war aber dann zwei Tage krank. Seitdem wiederholte Nastassja Filippowna so etwas nicht mehr. In den letzten Tagen vor der Hochzeit fiel es ihm auf, daß sie oft wie in Gedanken versunken dasaß, wenn sie sich auch immer wieder zusammennahm, die Trübsal verscheuchte und wieder heiter wurde; aber diese Heiterkeit war dann doch stiller, gedämpfter, sie war nicht so glückselig heiter, wie früher – vor noch so kurzer Zeit. Da verdoppelte der Fürst seine Aufmerksamkeit. Es wunderte ihn, daß sie niemals von Rogoshin sprach. Nur ein einziges Mal, etwa fünf Tage vor der Hochzeit, war plötzlich von Darja Alexejewna ein Bote bei ihm erschienen, mit der Bitte, sogleich hinzukommen, da es mit Nastassja Filippowna sehr schlecht stünde. Der Fürst fand sie auch wirklich in einem so beängstigenden Zustande vor, daß er schon glaubte, sie sei jetzt wirklich und vollkommen wahnsinnig geworden: sie schrie, zitterte und beteuerte, Rogoshin sei im Garten oder habe sich im Hause versteckt – und er werde sie in der Nacht umbringen ... ermorden! Den ganzen Tag konnte sie sich nicht beruhigen. Doch zum Glück erfuhr der Fürst am Abend, als er auf einen Augenblick bei Hippolyt versprach, von der Kapitanscha, die gerade aus Petersburg zurückgekommen war, daß Rogoshin bei ihr in ihrer Stadtwohnung gewesen sei und sich nach den Ereignissen in Pawlowsk erkundigt habe. Auf die Frage des Fürsten, wann sie mit ihm gesprochen, nannte die Kapitanscha fast dieselbe Stunde, in der Nastassja Filippowna ihn im Garten zu sehen gemeint hatte. Es war also nur eine Halluzination gewesen. Nastassja Filippowna ging sogleich, nachdem sie das erfahren hatte, selbst zur Kapitanscha, um sich von ihr noch alles Nähere mitteilen zu lassen, und war dann ganz beruhigt.
Am Abend vor der Hochzeit verließ der Fürst sie in bester Stimmung: aus Petersburg waren von der Modistin die Toiletten angelangt, das Brautkleid, der Kopfschmuck usw. usw. Der Fürst hatte es eigentlich nicht erwartet, daß die Toiletten sie in einem solchen Maße interessieren würden. Er selbst lobte alles, was sie ihm zeigte, und sein Lob machte sie noch glücklicher. Da verriet sie ihm plötzlich, daß sie über die Empörung der Pawlowsker vollkommen unterrichtet war, ja sie wußte sogar – sagte sie – daß einzelne Galgenstricke eine Katzenmusik, Spottlieder und was nicht noch alles vorbereiteten und die übrige Gesellschaft es fast guthieß. Nun, und da wollte sie denn jetzt den Kopf noch höher erheben, wollte sie alle blenden durch die Schönheit ihres Gewandes, ihren Geschmack und ihr Auftreten – „mögen sie dann doch schreien und pfeifen, wenn sie es noch wagen!“ Und ihre Augen blitzten bei diesen Worten. Im geheimen dachte sie aber noch an etwas anderes: sie dachte, Aglaja würde vielleicht irgend jemand hinschicken, um, ungesehen von ihr, sie beobachten zu lassen, und Nastassja Filippowna bereitete sich für den Fall vor. Noch ganz mit diesen Gedanken beschäftigt, trennte sie sich gegen elf Uhr vom Fürsten, den sie am nächsten Tage nach altem russischen Brauch nicht früher als in der Kirche wiedersehen sollte. Doch noch hatte es nicht Mitternacht geschlagen, als wieder jemand von Darja Alexejewna zu ihm gelaufen kam: er solle schnell hinkommen, es stehe sehr schlecht. Er fand seine Braut im Schlafzimmer, in Tränen aufgelöst, verzweifelt, rasend. Es verging eine ganze Weile, bis sie überhaupt vernahm, was man hinter der verschlossenen Tür zu ihr sprach; doch dann kam sie zur Tür, ließ nur den Fürsten zu sich ins Zimmer, verschloß sogleich wieder die Tür und warf sich ihm zu Füßen. Wenigstens erzählte so Darja Alexejewna, die einiges gesehen und gehört hatte.
„Was tue ich! Was tue ich! Was bin ich im Begriff, mit dir zu tun!“ stieß sie verzweifelt hervor, indem sie krampfhaft seine Füße umklammerte.
Der Fürst verbrachte eine ganze Stunde bei ihr; was sie sprachen, wissen wir nicht. Darja Alexejewna wußte nur zu sagen, daß sie sich nach einer Stunde versöhnt und glücklich getrennt hatten. Der Fürst schickte in dieser Nacht noch einmal zu Darja Alexejewna, um sich nach Nastassja Filippownas Befinden zu erkundigen, und erhielt die Nachricht, daß sie beruhigt eingeschlafen sei. Am Morgen, noch bevor sie aufgewacht war, erschienen wieder zwei Abgesandte vom Fürsten, doch erst der dritte konnte ihm mitteilen, daß sie von einem ganzen Schwarm Menschen umgeben sei: da seien Schneiderinnen, Zofen und Friseure, von der gestrigen Stimmung aber wäre keine Spur mehr vorhanden, die Toilette nehme sie ganz in Anspruch, wie es bei einer solchen Schönheit anders ja auch gar nicht möglich und zu erwarten sei, und augenblicklich fände gerade eine große Beratung statt wegen des Schmucks, welche Brillanten oder Perlen sie wählen sollte. Da war der Fürst denn vollkommen beruhigt.
Die Trauung sollte um acht Uhr abends stattfinden. Nastassja Filippowna war bereits um sieben mit ihrer Brauttoilette fertig. Schon um sechs Uhr begannen sich allmählich Neugierige vor der Villa Lebedeffs und vor dem Hause Darja Alexejewnas anzusammeln und nach sieben begann sich auch die Kirche zu füllen. Wjera Lebedewa und Koljä war um den Fürsten entsetzlich bange, sie hatten aber wenig Zeit, daran zu denken, denn es gab für sie im Hause viel zu tun: in der Villa des Fürsten sollte nämlich nach der Trauung das Diner eingenommen werden. Teilnehmer sollten daran außer den Trauzeugen nur noch Ptizyns, Ganjä, der Arzt mit dem Annenorden und Darja Alexejewna sein. Als der Fürst Lebedeff verwundert fragte, weshalb er denn den Arzt eingeladen hatte, antwortete dieser selbstzufrieden:
„’n Orden! ’n ehrenwerter alter Mann! So ’was macht einen guten Eindruck!“ Da mußte der Fürst lächeln.
Keller und Burdowskij sahen in Frack und weißen Handschuhen sehr anständig aus. Nur flößte Keller dem Fürsten wie den anderen doch einige Besorgnis ein durch seine offenkundige Neigung zum Faustkampf, denn die Blicke, die er auf diese „elenden Maulaffen“ warf, verrieten nichts weniger als friedliche Gesinnung. Um halb acht begab sich der Fürst in einer geschlossenen Equipage zur Kirche. Es sei hier erwähnt, daß es sein ausdrücklicher Wunsch gewesen war, daß alle üblichen Formalitäten genau beobachtet werden sollten: alles sollte öffentlich, nach altem Brauch „wie es sich gehört“, geschehen. In der Kirche empfing ihn die Menge mit lebhaftem Geflüster und Gemurmel, das sich wie ein Lauffeuer von Mund zu Mund fortsetzte. Unter Kellers Führung, der nach links und rechts wieder drohende Blicke warf und ihm am Portal nur mit Mühe einen Weg hatte bahnen können, begab sich der Fürst zum Altarraum, der ihn den Blicken der Neugierigen entzog. Keller fuhr hierauf zu Darja Alexejewna, um die Braut abzuholen. Dort fand er vor dem Hause eine noch weit lebhaftere Menge. Als er die Treppe emporstieg, vernahm er solche Ausrufe und Bemerkungen, daß er sich bereits zornig ans Publikum wandte, um eine entsprechende Rede zu halten, doch zum Glück gelang es noch Burdowskij und Darja Alexejewna, ihn ins Haus hineinzuziehen. Keller war maßlos gereizt und drängte zur Eile. Nastassja Filippowna erhob sich, warf noch einen Blick in den Spiegel, bemerkte mit „verzogenem“ Lächeln, wie Keller sich später ausdrückte, daß sie „bleich wie eine Leiche“ sei, verbeugte sich dann ehrfurchtsvoll vor dem Heiligenbilde und trat hinaus.
Lautes Stimmengewirr begrüßte ihr Erscheinen auf der Treppe. Im ersten Augenblick hörte man Gelächter. Einer klatschte in die Hände. Es wurde sogar gezischt und gepfiffen. Doch dann erschollen auch schon andere Stimmen:
„Satan, ist sie schön!“ rief jemand in der Menge.
„Schön wohl, aber ...“
„Der Brautkranz deckt alles zu, Esel!“
„Da such’ mir einer noch eine zweite solche! Teufel noch eins! Hurra!“
„Göttin! für eine solche Fürstin würd’ ich meine Seele auch verkaufen!“ schrie ein begeisterter Kanzlist. „‚Preis meines Lebens – die Liebe dein!‘ ...“
Nastassja Filippowna trat allerdings bleich wie eine Leiche auf die Treppe; doch in ihren großen schwarzen Augen glühte ein unheimliches Feuer, und diesem Blick hielt die Menge nicht stand: in einer Sekunde schlug der Hohn in Begeisterung um. Keller riß den Wagenschlag auf und wandte sich bereits zu ihr, um ihr die Hand zu reichen und beim Einsteigen behilflich zu sein, doch da – schrie sie plötzlich auf und stürzte sich hinein in die gaffende Volksmenge. Keller erstarrte vor Schreck, das Volk wich fast entsetzt zurück vor ihr ... plötzlich, keine sechs Schritt von der Treppe, stand Rogoshin. Nastassja Filippowna hatte seinen Blick gefühlt und gefunden und wie eine Wahnsinnige war sie auf ihn zugestürzt und hatte seine Hände umklammert.
„Rette mich! Bring’ mich fort! Wohin du willst, nur schnell!“
Rogoshin griff sie auf, fast trug er sie, und ehe man sich’s versah, hatte er sie in die Equipage gehoben. Und schon im nächsten Augenblick hielt er dem Kutscher eine Hundertrubelnote hin.
„Zum Bahnhof, erreichst du den nächsten Zug nach Petersburg, dann noch hundert!“
Und schon saß er in der Equipage und zog den Wagenschlag zu. Der Kutscher zögerte keinen Augenblick: er hieb einmal mit der Peitsche und die Pferde bäumten sich und rasten davon. Keller schob später alle Schuld auf die „Plötzlichkeit“, die „vollkommene Überraschung“: „Noch eine Sekunde – und ich hätte mich besonnen, hätte es nicht zugelassen!“ versicherte er jedesmal, wenn er das Ereignis schilderte. Er und Burdowskij sprangen zwar sogleich in die nächste Equipage, die vor dem Hause hielt, und jagten ihnen nach, doch noch unterwegs bedachte sich Keller eines anderen und meinte: „Wir kommen trotzdem zu spät! Und mit Gewalt können wir sie doch nicht zurückbringen!“
„Und der Fürst wird es auch nicht wollen!“ hatte der ganz erschütterte Burdowskij dazu gemeint.
Rogoshin und Nastassja Filippowna waren in der Tat rechtzeitig auf dem Bahnhof angelangt. Hier hatte Rogoshin beim Verlassen der Equipage gerade noch Zeit gehabt, ein vorübergehendes Mädchen in einem alten dunklen Mantel und einem Seidentüchelchen um den Kopf aufzuhalten.
„Da! fünfzig Rubel für Ihren Mantel!“ und damit hatte er ihr das Geld gereicht.
Bevor das Mädchen noch recht begriff, hatte ihr Rogoshin die Fünfzigrubelnote schon in die Hand gedrückt, den Mantel und das Tuch abgenommen und Nastassja Filippowna um die Schultern und über den Kopf geworfen. Ihre kostbare Brauttoilette hätte sonst allgemeines Aufsehen erregt. Das Mädchen aber sollte erst viel später begreifen, weshalb man den wertlosen alten Mantel von ihm gekauft und so viel für ihn bezahlt hatte.
Die Kunde von dem Geschehenen hatte mit unglaublicher Schnelligkeit die Kirche erreicht. Als Keller sich zum Fürsten in den Altarraum begab, wurde er von vielen ihm ganz Unbekannten aufgehalten und mit Fragen bestürmt. Man sprach laut durcheinander, schüttelte die Köpfe, ja man lachte sogar. Niemand wollte aber die Kirche verlassen, bevor man gesehen hatte, wie der Bräutigam die Nachricht aufnahm. Der Fürst erbleichte nur, als er sie vernahm, und sagte leise: „Ich fürchtete ... aber ich hätte doch nicht gedacht, daß es so kommen würde ...“ um dann nach kurzem Schweigen hinzuzufügen: „Übrigens ... in ihrem Zustande ... war es ja gar nicht anders zu erwarten.“ Ein solches Verhalten setzte Keller aufrichtig in Erstaunen; er nannte es: „beispiellos philosophisch!“ Der Fürst verließ die Kirche anscheinend ganz ruhig und gefaßt. Wenigstens wurde es von vielen Augenzeugen später so erzählt. Er schien nur so schnell wie möglich nach Hause kommen und allein bleiben zu wollen, doch ward ihm das nicht so bald vergönnt. Ptizyn, Gawrila Ardalionytsch und der Arzt blieben bei ihm. Außerdem war die Villa buchstäblich belagert von einem Heer müßiger Menschen. Aus dem Zimmer vernahm der Fürst, daß Lebedeff und Keller mit einigen völlig unbekannten Leuten – dem Aussehen nach waren es Subalternbeamte, die um jeden Preis auf die Terrasse kommen wollten – in heftigen Streit geraten waren. Da begab sich der Fürst zu ihnen, erkundigte sich nach der Ursache des Streites, schob Lebedeff und Keller, die den Eingang versperrten, mit einer Entschuldigung zur Seite und trat selbst hinaus, um einen bereits bejahrten, grauhaarigen, untersetzten Herrn, der auf den Stufen an der Spitze der anderen stand, höflich zum Nähertreten aufzufordern. Der Herr wurde sehr verlegen, schien fast mehr Lust zum Rückzuge zu haben, doch dann besann er sich eines anderen und trat ein. Ihm folgte ein zweiter, ein dritter – alles in allem sieben oder acht Mann, die sich sehr bemühten, möglichst sicher aufzutreten. Weitere Gäste fanden sich nicht ein, und auch diese acht wurden von der Menge alsbald und sogar ziemlich streng getadelt. Die Eingetretenen wurden vom Fürsten aufgefordert, Platz zu nehmen, man knüpfte ein Gespräch an, reichte ihnen Tee – und alles das zu ihrer nicht geringen Verwunderung mit ausgesuchter Höflichkeit und Freundlichkeit. Es wurden von den Gästen allerdings ein paar Versuche gemacht, dem Gespräch eine amüsantere Wendung zu geben, es wurden einige vorwitzige Fragen gestellt und einige zweideutige Bemerkungen gemacht. Doch der Fürst antwortete allen so einfach und freundlich, ohne sich dabei auch nur das geringste zu vergeben, gab sich vielmehr mit so natürlicher Würde und zeigte gleichzeitig ein solches Vertrauen auf die Anständigkeit seiner Gäste, daß die unbescheidenen Fragen ganz von selbst aufhörten. Allmählich kam es sogar zu einer ernsten Unterhaltung über ein nationalökonomisches Thema, und einer der Herren schwor in höchstem Unwillen, daß er nie im Leben sein Gut verkaufen würde, daß er, im Gegenteil, zu warten und auszuhalten gedenke: „Unternehmungen sind besser als Geld – sehen Sie, das ist meine Überzeugung!“ – schloß er mit aufrichtigem Stolz und nicht geringem Temperament. Da er sich mit seiner Erklärung an den Fürsten gewandt hatte, hieß dieser seine Ansichten sehr vernünftig, obgleich Lebedeff ihm kurz vorher zugeflüstert hatte, daß dieser Herr weder einen Hof noch einen Halm besaß, geschweige denn ein Gut. So verging eine Stunde, der Tee war getrunken und den Gästen schlug nach dem Tee doch ein wenig das Gewissen. Der Arzt und der untersetzte Graukopf erhoben sich und verabschiedeten sich in der herzlichsten Weise vom Fürsten, und ihrem Beispiel folgten auch die anderen, die ihm alle kräftig die Hand schüttelten. Bei der Gelegenheit wurden dann noch gewisse Wünsche ausgesprochen, Ratschläge erteilt wie etwa: sich über geschehene Dinge nicht zu grämen, man könne nie wissen, wozu ein Unglück gut sei, vielleicht wäre es so noch viel besser, usw. usw. Als alle gegangen waren, beugte sich Keller zu Lebedeff und sagte halblaut:
„Sieh, wir beide hätten geschimpft, gerauft, die Polizei uns auf den Hals gezogen; er aber, sieh, hat sich nur neue Freunde gemacht, und noch dazu was für welche! Ich kenne sie!“
Hierauf antwortete Lebedeff, der schon wieder ziemlich „fertig“ war, mit einem frommen Seufzer:
„Ich habe es ja von jeher gesagt: ‚Den Weisen hat es der Herr verborgen, um es den Kindlein zu offenbaren.‘ Das habe ich schon früher von ihm gesagt, jetzt aber füge ich noch hinzu, daß Gott der Herr auch das Kindlein selbst bewahrt und vom Rande des Abgrundes zurückgezogen hat ... Gott der Herr selber und alle seine Heiligen – jawohl ja! ...“
Endlich, gegen halb elf, ließ man den Fürsten allein. Sein Kopf tat ihm weh. Als letzter verließ ihn Koljä, der ihm noch behilflich war, die Kleider zu wechseln. Sie nahmen herzlich Abschied voneinander – Koljä war geradezu rührend. Über das Geschehene hatte er kein Wort gesprochen, und beim Abschied nur gesagt, daß er am nächsten Morgen in aller Früh’ wiederkommen würde. Wie er später aussagte, hatte ihm der Fürst an diesem Abend nichts über seine weiteren Absichten mitgeteilt. Bald war auf der Datsche alles still: Burdowskij war zu Hippolyt gegangen, Lebedeff und Keller hatten sich gleichfalls irgendwohin fortbegeben. Nur Wjera Lebedewa blieb noch in den Zimmern des Fürsten, um einiges flüchtig in Ordnung zu bringen und ihnen wieder ihr gewöhnliches Aussehen zu verleihen. Bevor sie fortging, warf sie noch einen Blick in das Zimmer, in dem sich der Fürst befand. Er saß am Tisch, hatte die Ellenbogen aufgestützt und den Kopf in die Hände vergraben. Da trat Wjera an ihn heran und berührte ihn an der Schulter: der Fürst blickte auf und sah sie eine Weile ganz verständnislos an; doch als er dann endlich alles begriff und erriet, erfaßte ihn plötzlich eine große Unruhe. Es endete übrigens damit, daß er Wjera dringend bat, ihn am nächsten Morgen zeitig zu wecken, damit er noch den ersten Zug nach Petersburg erreiche. Wjera versprach es. Da bat der Fürst sie inständig, keinem Menschen etwas davon zu sagen, was ihm Wjera gleichfalls versprach. Als sie dann fortgehen wollte und bereits die Tür öffnete, hielt er sie noch einmal auf, ergriff ihre Hände, küßte sie beide, küßte sie dann auch auf die Stirn und sagte mit einem „an ihm ganz ungewohnten“ Gesichtsausdruck: „Auf morgen!“ So wenigstens erzählte später Wjera. Sie verließ das Zimmer in großer Angst um ihn. Am Morgen jedoch beruhigte sie sich etwas, als der Fürst ihr, nachdem sie ihn um acht Uhr durch Klopfen an seine Tür geweckt hatte, wie es ihr schien, ganz munter und sogar lächelnd entgegentrat. Er hatte sich in der Nacht kaum entkleidet, doch hatte er trotzdem geschlafen. Auf ihre Frage, wie lange er fortbleiben würde, meinte er, daß er vielleicht noch an demselben Tage zurückkommen werde. So hatte er denn nur ihr allein gesagt, daß er sich in die Stadt begab.
XI.
Eine Stunde später war der Fürst bereits in Petersburg, und um zehn Uhr läutete er bei Rogoshin. Er war von der Straße durch den Haupteingang des Hauses eingetreten und die breite Treppe hinaufgestiegen – doch in der Wohnung Rogoshins blieb alles still. Endlich öffnete sich die gegenüberliegende Tür, die zur Wohnung der Mutter Rogoshins führte, und eine alte peinlich saubere Dienerin blickte in den Treppenflur.
„Parfen Ssemjonytsch ist nicht zu Hause,“ meldete sie. „Wen wünschen Sie zu sprechen?“
„Parfen Ssemjonytsch.“
„Der ist nicht zu Hause.“
Die Dienerin betrachtete den Fürsten neugierig und mit prüfendem Mißtrauen.
„Sagen Sie mir dann wenigstens, ob er hier übernachtet hat? Und ... kam er gestern allein nach Hause?“
Die Dienerin fuhr fort, ihn zu betrachten, und antwortete nichts.
„War nicht gestern ... gestern abend ... Nastassja Filippowna mit ihm hier?“
„Erlauben Sie, zu fragen, wer geruhen Sie denn selbst zu sein?“
„Fürst Lew Nikolajewitsch Myschkin, wir sind gut bekannt miteinander.“
„Er ist nicht zu Hause.“
Die Dienerin senkte den Blick.
„Aber Nastassja Filippowna?“
„Ich weiß nichts von ihr.“
„Warten Sie, warten Sie doch! Wann wird er denn zurückkommen?“
„Auch das weiß ich nicht.“
Und damit schloß sich die Tür.
Der Fürst nahm sich vor, nach einer Stunde wiederzukommen. Auf der Straße erblickte er im Vorübergehen am Hoftor den Hausknecht.
„Ist Parfen Ssemjonytsch zu Hause?“ fragte er ihn.
„Jawohl, Euer Gnaden.“
„Wie hat man mir denn soeben sagen können, daß er nicht zu Hause sei?“
„Hat man das bei ihm oben gesagt?“
„Nein, die Dienerin seiner Mutter sagte es. Aber ich habe bei Parfen Ssemjonytsch vergeblich geläutet, es hat mir niemand aufgemacht.“
„Kann auch sein, daß er ausgegangen ist,“ meinte der Hausknecht nach kurzem Nachdenken, „man kann ja nie wissen, er sagt nicht immer, wann er kommt und geht. Manchmal nimmt er auch den Schlüssel mit und drei Tage lang steht seine Wohnung verschlossen.“
„Weißt du genau, daß er gestern zu Hause war?“
„Gestern war er. Aber manchmal kommt er durch die Paradetür herein, da sieht man ihn dann nicht.“
„Aber weißt du nicht, ob Nastassja Filippowna gestern bei ihm war?“
„Das weiß ich nicht. Die geruht nicht oft zu kommen. Ich denke aber, wenn sie gekommen wäre, hätt’ ich’s wohl gesehen.“
Der Fürst trat aus dem Hoftor wieder auf die Straße und ging eine Weile in Gedanken versunken auf dem Trottoir. Die Fenster waren alle geschlossen, während die Fenster der Wohnung seiner Mutter fast alle weit offen standen. Es war ein heller, heißer Tag. Der Fürst ging über die Straße auf das andere Trottoir und blieb dort gegenüber dem Hause stehen, um noch einmal zu Rogoshins Fenstern hinaufzuschauen: sie waren nicht nur alle geschlossen, auch die weißen Stores waren überall heruntergelassen.
Der Fürst stand eine Weile unbeweglich und sah hinauf, und – seltsam! plötzlich schien es ihm, daß ein Vorhang ein wenig zur Seite geschoben wurde und Rogoshins Gesicht durch den schmalen Spalt auf die Straße sah ... doch im selben Augenblick auch schon wieder verschwand. Er wartete noch ein wenig und beschloß bereits, noch einmal hinzugehen und zu läuten, besann sich dann aber eines anderen und schob es auf: nach einer Stunde wollte er wiederkommen. „Und wer weiß,“ dachte er, „vielleicht hat es mir auch nur so geschienen“ ...
Seine erste Sorge war jetzt, schnell nach dem Ismailowskij Polk zu gelangen, in den Stadtteil, wo Nastassja Filippowna zuletzt gewohnt hatte. Er wußte, daß sie, als sie vor etwa drei Wochen auf seinen Wunsch oder seine Bitte hin Pawlowsk verlassen und nach Petersburg zurückgekehrt war, im Ismailowskij Polk bei ihrer ehemaligen guten Bekannten, einer Lehrerswitwe – es war das eine anständige Dame mit zahlreicher Familie, die fast nur vom Zimmervermieten lebte – gewohnt hatte. Er nahm an, daß Nastassja Filippowna nach ihrer Rückkehr nach Pawlowsk die gemieteten Zimmer nicht aufgegeben, und deshalb schien es ihm sehr möglich, daß Rogoshin sie gestern abend dorthin gebracht und daß sie daselbst übernachtet hatte. Um schneller hinzugelangen, nahm er eine Droschke. Unterwegs kam ihm der Gedanke, daß er ganz zuerst dorthin hätte gehen sollen, denn es war doch ganz ausgeschlossen, daß sie in der Nacht sofort zu Rogoshin gegangen wäre. Zugleich fielen ihm auch die Worte des Hausknechts ein, daß Nastassja Filippowna nicht oft hinzukommen „geruht“ habe – weshalb sollte sie dann gerade jetzt bei Rogoshin abgestiegen sein?
Zu seiner größten Bestürzung hatte man aber bei der Lehrerswitwe seit zwei Tagen nichts von Nastassja Filippowna gehört. Er selbst wurde wie ein Wunder angestaunt. Die ganze zahlreiche Familie der Lehrerswitwe – lauter Mädchen, alle Jahrgänge, von fünfzehn bis auf sieben – versammelte sich um die Mutter und starrte ihn mit offenen Mündern an. Ihnen folgte noch eine hagere Tante mit einem gelben Gesicht, die ein schwarzes Tuch um den Kopf gebunden hatte, und nach dieser erschien auch noch die Großmutter der Familie, eine kleine Greisin mit einer riesigen Brille. Die Lehrerswitwe bat den Fürsten untertänig, doch näherzutreten und Platz zu nehmen, was der Fürst denn auch tat. Er erriet, daß sie bereits wußten, wer er war, und sich nicht wenig darüber wunderten, von ihm nach derjenigen gefragt zu werden, die doch seit gestern seine Frau sein mußte. Freilich wagten sie nicht, mit einer direkten Frage herauszurücken. Er erzählte in kurzen Worten, daß die Trauung nicht zustande gekommen war. Da ward dann die Verwunderung noch größer, und der Fürst sah sich genötigt, noch einige Erklärungen hinzuzufügen. Und dann kamen die Ratschläge der aufgeregten Damen: zunächst sollte er unbedingt Rogoshin aufsuchen – falls er zu Hause war, so lange schellen und klopfen, bis er die Tür aufmachte – und von ihm sich alles ganz genau erzählen lassen. War er jedoch nicht zu Hause – was zunächst mit Sicherheit festgestellt werden mußte –, oder falls er nichts mitteilen wollte: so sollte der Fürst sich nach dem Stadtteil Ssemjonowskij Polk zu einer deutschen Dame begeben, einer Bekannten Nastassja Filippownas, die bei ihrer Mutter lebte: vielleicht hatte sich Nastassja Filippowna in ihrer Aufregung, und um nicht sogleich vom Fürsten gefunden zu werden, zu dieser begeben und dort die Nacht verbracht. Der Fürst erhob sich fast ohnmächtig; wie die Familie später erzählte, sei er „entsetzlich bleich“ gewesen. Und in der Tat – die Füße trugen ihn kaum noch, das Stimmengewirr erschien ihm noch einmal so laut, als es war, er verstand fast kein Wort. Endlich begriff er, daß man ihm behilflich sein wollte und ihn fragte, wo er denn in der Stadt abgestiegen sei, damit sie ihm, falls sie etwas erfahren sollten, Nachricht zukommen lassen konnten. Er wußte ihnen aber keine Adresse anzugeben. Da rieten sie ihm, ein Hotel zu bestimmen. Der Fürst dachte nach und gab dann die Adresse jenes Gasthofes an, wo er vor etwa fünf Wochen abgestiegen war und wo er den schweren Anfall gehabt hatte. Darauf begab er sich wieder zu Rogoshin. Diesmal wurde ihm nicht nur bei Rogoshin nicht aufgemacht, auch in der Wohnung der Mutter blieb alles still. Da ging der Fürst zum Hausknecht, den er erst nach langem Suchen auf dem Hof fand. Dieser war mit irgend etwas beschäftigt und antwortete kaum auf die Fragen, ja, er sah den Fürsten nicht einmal an, erklärte aber doch in bestimmtem Tone, daß Parfen Ssemjonytsch früh am Morgen ausgegangen und nach Pawlowsk gefahren sei und heute nicht mehr nach Hause zurückkehren werde.
„Ich werde warten,“ sagte der Fürst. „Vielleicht kommt er doch noch am Abend zurück?“
„Kann sein, daß er auch ’ne ganze Woche nicht kommt, wer kann’s wissen.“
„Dann ist er aber doch in dieser Nacht zu Hause gewesen?“
„Gewesen ... was kann er nicht alles gewesen sein ...“
Diese Antwort und das ganze Gebaren des Hausknechts erschienen dem Fürsten sehr verdächtig: der Mann schien in der Zwischenzeit besondere Instruktionen erhalten zu haben: am Morgen war er harmlos-mitteilsam gewesen und jetzt plötzlich wollte er ihn kaum anhören. Doch der Fürst beschloß, nach etwa zwei Stunden wiederzukommen und dann, wenn es nötig sein sollte, vor dem Hause zu warten. Jetzt aber blieb ihm noch die eine Hoffnung, Nastassja Filippowna bei der deutschen Dame anzutreffen, und so fuhr er nach dem Ssemjonowskij Polk.
Doch bei der Deutschen begriff man überhaupt nicht, wie er dazu kam, sich bei ihnen nach Nastassja Filippowna zu erkundigen. Die schöne junge Dame hatte sich, wie aus einzelnen Bemerkungen hervorging, bereits vor zwei Wochen mit ihr vollkommen entzweit und besaß nicht das geringste Interesse mehr für sie – „und wenn sie auch alle Fürsten der Welt heiraten sollte!“ Der Fürst beeilte sich, aus dem Hause fortzukommen. Unter anderem kam ihm auch der Gedanke, daß sie vielleicht wie damals nach Moskau gefahren war und Rogoshin natürlich ihr nach, oder sogar zusammen mit ihr. „Wenn man doch nur auf ihre Spur kommen könnte!“ dachte er gequält. Da entsann er sich der Verabredung mit der Lehrerswitwe, die ihm in den Gasthof an der Liteinaja Nachricht hatte senden wollen, und er beeilte sich sogleich, hinzugehen, um dort ein Zimmer zu belegen. Der Kellner fragte ihn, ob er auch zu frühstücken wünsche, und in der Zerstreutheit bejahte der Fürst die Frage. Doch kaum hatte sich der Kellner entfernt, da kam er plötzlich zur Besinnung und ärgerte sich unsäglich über sich selbst, weil ihn das Frühstück wenigstens eine halbe Stunde aufhalten würde, und erst nach einer Weile verfiel er darauf, daß ihn ja doch niemand festhielt und er das bestellte Frühstück ja gar nicht zu essen brauchte, wenn er nicht wollte. Ein seltsames Gefühl überkam ihn in diesem dunklen, dumpfen Korridor, ein Gefühl, das quälend danach strebte, sich in irgend einen festen Gedanken zu verwirklichen, aber er konnte nicht erraten, worin nun dieser neue, sich aufdrängende Gedanke bestand. Da verließ er endlich den Gasthof und trat hinaus auf die Straße. Ihn schwindelte ... wohin sollte er fahren? Er fuhr also wieder zu Rogoshin.
Rogoshin war noch immer nicht zurückgekehrt; er läutete, doch es wurde ihm nicht aufgemacht. Da läutete er auch an der anderen Tür; die alte Dienerin erschien wieder und sagte, daß Parfen Ssemjonytsch nicht zu Hause sei und vielleicht nicht vor drei Tagen kommen werde. Es wunderte den Fürsten nur, daß sie ihn wieder mit so unverhohlener Neugier betrachtete. Den Hausknecht fand er diesmal überhaupt nicht. Da ging er, wie am Morgen, auf das gegenüberliegende Trottoir, blickte zu den Fenstern hinauf und ging wohl eine halbe Stunde in der quälenden Sonnenglut auf und ab, vielleicht auch noch länger, doch diesmal rührte sich nichts, die Fenster blieben geschlossen, und die Stores waren unbeweglich. Da setzte sich in ihm die Überzeugung fest, daß es ihm auch am Morgen nur so geschienen habe, denn auch die Fensterscheiben waren trübe und wohl seit langem nicht geputzt, so daß die kaum merkliche Bewegung des Vorhanges nur ein Flimmern des trüben Glases im Sonnenschein gewesen sein konnte. Erfreut über diese Erklärung fuhr er wieder zur Lehrerswitwe.
Dort hatte man ihn erwartet. Die Lehrerswitwe hatte sich inzwischen an drei oder vier Stellen erkundigt, ja, sie war sogar bei Rogoshin gewesen, doch hatte sie nichts erfahren können. Der Fürst hörte ihren Bericht schweigend an, trat dann ins Zimmer, setzte sich auf das Sofa und begann sie alle anzusehen – ganz als verstände er kein Wort von dem, was man zu ihm sprach. Und seltsam: bald bemerkte er alles, bald aber war er so zerstreut, daß er nichts sah noch hörte. Die ganze Familie erklärte später, daß er ein „erstaunlich wunderlicher“ Mensch gewesen sei an jenem Tage, so daß vielleicht damals schon „alles begonnen habe“. Endlich erhob er sich und bat, man möge ihm die von Nastassja Filippowna bewohnten Zimmer zeigen. Es waren das zwei große, hohe, helle Räume, sehr anständig eingerichtet und offenbar nicht billig. Die ganze Familie erzählte später, der Fürst habe jeden Gegenstand im Zimmer betrachtet. Auf einem kleinen Tisch habe er ein aufgeschlagenes Buch erblickt – es war ein französischer Roman, „Madame Bovary“ –, habe eine Ecke der aufgeschlagenen Seite eingebogen und um die Erlaubnis gebeten, das Buch mitnehmen zu dürfen, worauf er es, ohne auf die Einwendung, daß es ein Buch aus der Leihbibliothek sei, zu achten, in die Tasche gesteckt habe. Dann sei er ans offene Fenster getreten, habe sich dort hingesetzt, und da sei ihm ein mit Kreide beschriebener Spieltisch aufgefallen, und er habe gefragt, wer an ihm gespielt hätte. Hierauf hatten sie ihm erzählt, daß Nastassja Filippowna jeden Abend mit Rogoshin Karten gespielt habe, Duraki, Preference, Whist, Sechsundsechzig – kurzum, alle Spiele, die sie nur kannten, und zwar Abend für Abend, damals, als sie vor drei Wochen aus Pawlowsk nach Petersburg zurückgekehrt war und sich bei ihnen eingemietet hatte. Zuerst habe sich Nastassja Filippowna beklagt, daß es langweilig sei, denn Rogoshin habe ganze Abende gesessen und geschwiegen und kein Wort gesagt, und eines Abends sei sie in Tränen ausgebrochen. Da habe Rogoshin am nächsten Abend plötzlich ein Spiel Karten aus der Tasche hervorgezogen: Nastassja Filippowna hätte zu lachen begonnen, und dann sei an jedem Abend gespielt worden. Hierauf habe der Fürst gefragt, wo die Karten wären, mit denen sie gespielt hatten. Die Karten waren aber von Rogoshin jedesmal mitgebracht worden, an jedem Abend ein neues Spiel, und er hatte sie dann immer wieder mitgenommen.
Die Lehrerswitwe, deren Schwester und Mutter rieten ihm, noch einmal zu Rogoshin zu fahren, jedoch nicht sogleich, sondern erst gegen Abend, und dann möglichst stark die Klingel zu ziehen und an die Tür zu pochen, vielleicht würde er sich dann doch noch zeigen. Und die Lehrerswitwe erbot sich, inzwischen nach Pawlowsk zu Darja Alexejewna zu fahren, vielleicht wußte diese etwas näheres. Der Fürst aber sollte auf jeden Fall am Abend gegen zehn Uhr wiederkommen, damit sie sich für den nächsten Tag verabreden könnten. Der Fürst verließ sie ungeachtet aller Beruhigungen und Hoffnungsäußerungen innerlich ganz verzweifelt. Von unerklärlicher Sehnsucht gemartert, begab er sich nach seinem Gasthof. Der staubige, drückende Sommernachmittag Petersburgs umfing ihn herzbeklemmend, er fühlte sich förmlich wie in einen Schraubstock eingeklammert; müde drängte er sich durch das rohe, betrunkene Volksgetümmel auf den Straßen, blickte unbewußt in fremde Gesichter und machte vielleicht einen großen Umweg. Es war fast schon Abend, als er in sein Zimmer trat. Er wollte sich ein wenig erholen und dann wieder zu Rogoshin gehen, wie man ihm geraten hatte, und so setzte er sich denn aufs Sofa, stützte die Ellenbogen auf den Tisch und versank in Gedanken.
Gott weiß, wie lange, und nur Gott mag wissen, an was er dachte. Vieles fürchtete er, und er fühlte, fühlte unter Schmerz und Qual, daß seine Angst ihm selbst unheimlich wurde. Da dachte er plötzlich an Wjera Lebedewa, und es kam ihm in den Sinn, daß Lebedeff vielleicht etwas wissen konnte, vielleicht sogar von Rogoshin unterrichtet war, oder wenn nicht, dann doch leichter und schneller von ihm etwas erfahren könnte, als er, der Fürst, es vermochte. Plötzlich dachte er an Hippolyt und auch daran, daß Rogoshin zu Hippolyt gefahren war. Und plötzlich fiel ihm Rogoshin ein: Rogoshin in der Kirche bei der Totenmesse, dann Rogoshin im Park, und dann – plötzlich hier in der Treppennische, als er sich damals in der Dunkelheit verborgen und mit dem Messer auf ihn gewartet hatte. Er zuckte zusammen: der sich ihm aufdrängende Gedanke, den er vorhin nicht hatte fassen können, stand plötzlich vor ihm.
Dieser Gedanke bestand zum Teil darin, daß Rogoshin, wenn er sich in Petersburg befand und sich womöglich zeitweilig verbarg, schließlich doch unbedingt zu ihm, dem Fürsten, kommen würde, gleichviel ob in einer guten oder schlechten Absicht, und wär’s auch in derselben wie damals. Und wenn Rogoshin aus irgendeinem Grunde zu ihm kommen mußte, wohin sollte er dann gehen – da er doch keine Adresse wußte –, wenn nicht wieder in diesen selben Gasthof, wieder in diesen selben Treppenflur? Er konnte ja gar nichts anderes annehmen, als daß der Fürst in diesem Gasthof abgestiegen war. Wenigstens würde er hier nach ihm fragen ... wenn er seiner wirklich bedurfte. Und man konnte es ja nicht wissen, vielleicht bedurfte er seiner wirklich?
So dachte der Fürst und dieser Gedanke erschien ihm aus irgendeinem Grunde sehr möglich. Doch um keinen Preis würde er sich Rechenschaft darüber gegeben haben, wenn er sich in seinen Gedanken vertieft hätte: weshalb zum Beispiel Rogoshin seiner plötzlich so bedürfen könnte, und weshalb es ganz „ausgeschlossen“ war, daß sie sich zu guter Letzt nicht doch noch „treffen“ würden? Doch dieser Gedanke war nicht leicht. „Wenn er glücklich ist, dann wird er nicht kommen,“ fuhr der Fürst fort, zu denken, „er wird kommen, wenn er nicht glücklich ist – und er ist doch bestimmt nicht glücklich ...“
Wenn er aber davon überzeugt war, so hätte er Rogoshin im Gasthof, in seinem Zimmer, erwarten müssen. Doch es war, als könne er seinen neuen Gedanken nicht ertragen: plötzlich sprang er auf, ergriff seinen Hut und eilte hinaus. Im Korridor war es fast schon ganz dunkel. – „Wie, wenn er jetzt wieder aus jener Nische hervortritt und mich auf der Treppe anfällt?“ durchzuckte es ihn blitzartig, als er sich jener Stelle näherte. Doch es trat niemand hervor. Er stieg hinunter, trat hinaus aufs Trottoir, wunderte sich über die dichte Menschenmenge, die sich auf der Straße durcheinanderschob – wie in Petersburg gewöhnlich an den Hundstagen, sobald die Sonne sinkt –, und schlug unwillkürlich wieder die Richtung zur Gorochowaja, zum Hause Rogoshins ein. Etwa fünfzig Schritte vom Gasthof, in dem Gedränge an der dritten Straßenkreuzung, berührte ihn plötzlich jemand am Ellenbogen und sagte halblaut dicht an seinem Ohr:
„Lew Nikolajewitsch, komm mir nach, es ist nötig, Bruder.“
Es war Rogoshin.
Seltsam: der Fürst begann plötzlich, vor lauter Freude fast stotternd, fast nach Worten ringend, ihm zu erzählen, wie er ihn soeben im Gasthof, in seinem Zimmer und im Korridor erwartet hatte.
„Ich war dort,“ sagte Rogoshin ruhig, „gehen wir.“
Der Fürst wunderte sich über seine Antwort, wunderte sich aber erst nach etwa zwei Minuten, als er sie begriffen hatte. Als er aber dann über sie nachdachte, erschrak er und sah Rogoshin an. Dieser ging neben ihm fast einen halben Schritt voraus, sah starr vor sich hin, sah in keines der ihm begegnenden Gesichter und wich mit mechanischer Vorsicht allen aus.
„Weshalb hast du nicht nach mir gefragt ... wenn du im Gasthof warst?“ fragte plötzlich der Fürst.
Rogoshin blieb stehen, sah ihn an, dachte nach und sagte, als hätte er die Frage gar nicht verstanden:
„Höre, Lew Nikolajewitsch, du geh jetzt hier geradeaus, bis zum Hause, du weißt? Ich aber werde dort auf jener Seite gehen. Nur sieh zu, daß wir nicht auseinander kommen ...“
Nachdem er das gesagt, ging er über die Straße, trat auf das gegenüberliegende Trottoir, blickte sich um, ob auch der Fürst ging, und als er sah, daß dieser stand und ihm mit weit offenen Augen unbeweglich nachschaute, winkte er ihm mit der Hand nach der Gorochowaja und ging selbst weiter, während er sich immer wieder umblickte, um nach dem Fürsten zu sehen und ihn zum Weitergehen aufzufordern. Er war sichtlich ermuntert, als er dann sah, daß der Fürst ihn begriffen hatte und ihm auf seinem Trottoir zur Gorochowaja folgte. Der Fürst dachte, daß Rogoshin irgend jemanden unterwegs suchen wollte und deshalb aufs andere Trottoir gegangen war, damit die Entgegenkommenden zwischen ihnen beiden durchgehen sollten und der Betreffende dann leichter zu finden sei. „Nur – warum hat er mir dann nicht gesagt, wer es ist, den er sucht?“ So gingen sie an fünfhundert Schritt, und plötzlich begann der Fürst aus irgendeinem Grunde zu zittern; Rogoshin fuhr immer noch fort, wenn auch seltener, sich nach ihm umzublicken. Doch der Fürst hielt es nicht mehr aus und winkte ihn mit der Hand zu sich herüber. Ohne zu zögern, kam Rogoshin sofort über die Straße zu ihm.
„Ist Nastassja Filippowna bei dir?“
„Bei mir.“
„Warst du es, der vorhin hinter dem Vorhang nach mir sah?“
„Aber weshalb hast du denn ...“
Der Fürst wußte nicht, was er sagen, wie er die Frage beenden sollte – zudem pochte sein Herz so stark, daß ihm das Sprechen schwer wurde. Rogoshin schwieg gleichfalls und sah ihn an wie vorhin, wie in Gedanken versunken.
„Nun, ich gehe,“ sagte er plötzlich, und er schickte sich an, wieder über die Straße zurückzugehen, „du aber geh hier weiter. Laß uns auf der Straße getrennt gehen ... so ist’s besser ... auf verschiedenen Seiten ... wirst sehen.“
Als sie endlich auf verschiedenen Trottoiren in die Gorochowaja einbogen und sich dem Hause Rogoshins näherten, wurden die Beine des Fürsten wieder so schwach, daß sie ihm fast den Dienst versagten und es ihm schon schwer wurde, zu gehen. Es war gegen zehn Uhr abends. Die Fenster auf der Hälfte, wo die alte Mutter wohnte, standen immer noch weit offen, die Fenster der Wohnung Rogoshins dagegen waren geschlossen, und in dem dämmrigen Abendlicht war’s, als würden die herabgelassenen weißen Vorhänge noch bemerkbarer. Der Fürst näherte sich dem Hause auf dem entgegengesetzten Trottoir, Rogoshin auf der Seite des Hauses, und als er bei der Tür anlangte, winkte er mit der Hand. Der Fürst ging über die Straße zu ihm. Sie traten auf die Treppe.
„Auch der Hausknecht weiß jetzt nicht, daß ich zurückkomme. Ich sagte vorhin, daß ich nach Pawlowsk fahre, auch bei der Mutter sagte ich es,“ flüsterte er mit einem listigen und fast zufriedenen Lächeln. „Wir gehen jetzt so leise hinein, daß uns niemand hört.“
Den Schlüssel hatte er bereits in der Hand. Als sie die massive Steintreppe hinaufstiegen, wandte er sich zum Fürsten zurück und erhob den Finger, zum Zeichen, daß der Fürst nur ja leise gehen solle. Leise schloß er die Tür zu seiner Wohnung auf, ließ den Fürsten eintreten, folgte ihm leise, schloß die Tür leise wieder hinter sich zu und steckte den Schlüssel in die Tasche.
„Gehen wir,“ sagte er flüsternd.
Schon auf der Straße, auf der Liteinaja, hatte er begonnen, leise zu sprechen. Trotz seiner äußeren Ruhe befand sich sein Inneres in einer seltsamen tiefen Aufregung. Als sie in den Saal vor dem Arbeitskabinett traten, ging er leise an eines der Fenster und winkte geheimnisvoll den Fürsten zu sich heran.
„Als du vorhin dort bei mir läutetest, erriet ich hier sogleich, daß du es warst. Ich schlich mich zur Tür und da hörte ich, wie du mit der Pafnutjewna sprachst; ich aber hatte ihr schon in aller Frühe gesagt und anbefohlen, daß sie dann, wenn du oder von dir jemand oder gleichviel wer kommt und an meiner Tür zu klopfen anfängt – daß sie dann nichts sagen solle, unter keiner Bedingung, und besonders nicht, wenn du selbst kämest und nach mir fragen würdest. Ich nannte ihr deinen Namen. Dann aber, als du fortgingst, dachte ich: wenn er jetzt unten steht und nach oben sieht, oder auf der Straße wartet und aufpaßt? Da trat ich an dieses selbe Fenster, schob die Gardine etwas weg, sieh, da standest du und sahst gerade auf mich ... So war es.“
„Wo ist denn ... Nastassja Filippowna?“ fragte der Fürst stockend.
„Sie ... ist hier,“ antwortete Rogoshin langsam, als hätte er einen Augenblick mit der Antwort gezögert.
„Wo denn?“
Rogoshin erhob seinen Blick zum Fürsten und blickte ihn unverwandt an.
„Gehen wir ...“
Er sprach immer noch flüsternd und ohne sich zu beeilen, sprach langsam, und schon die ganze Zeit über eigentümlich nachdenklich.
Sie traten in das hohe Zimmer, das dem Vater als Arbeitszimmer gedient hatte. In diesem hatte sich, seit der Fürst es gesehen, einiges verändert: durch das ganze Zimmer zog sich ein Vorhang aus grünem Seidendamast, der zu beiden Seiten geteilt war, so daß man hindurchgehen konnte. Der Raum hinter dem Vorhang diente Rogoshin als Schlafzimmer, dort stand sein Bett. Der schwere Vorhang war heruntergelassen und die Eingänge waren zugezogen. Im Zimmer war es ziemlich dunkel; die „hellen“ Petersburger Nächte hatten nach der Sonnenwende schon ein wenig von ihrer Helligkeit eingebüßt, und wenn es nicht Vollmond gewesen wäre, hätte man in den dunklen Zimmern Rogoshins, deren Fenster noch dazu weiß verhängt waren, kaum etwas unterscheiden können. So aber konnte man wenigstens die Gesichtszüge erkennen. Das Gesicht Rogoshins war bleich, wie gewöhnlich; der Blick seiner Augen, die einen starken Glanz hatten, lag seltsam unbeweglich auf dem Fürsten.
„Wirst du nicht eine Kerze anzünden?“ fragte der Fürst.
„Nein, nicht nötig,“ sagte Rogoshin, und den Fürsten bei der Hand fassend, nötigte er ihn, auf einem Stuhl Platz zu nehmen; er selbst setzte sich ihm gegenüber und zog seinen Stuhl so dicht heran, daß ihre Knie sich fast berührten. Zwischen ihnen, etwas seitwärts, stand ein kleiner, runder Tisch. „Setz’ dich, sitzen wir ein wenig!“ sagte Rogoshin, als wolle er ihn zum Sitzen bereden. Eine Weile schwieg er. „Ich wußte, daß du in diesem Gasthause absteigen würdest,“ begann er dann wieder zu sprechen, wie man es zuweilen tut, wenn man nicht sogleich von der Hauptsache reden will und zuerst mit nebensächlichen Einzelheiten beginnt, die kaum eine unmittelbare Beziehung zur Sache haben. „Als ich in den Korridor trat, dachte ich bei mir: wer weiß, vielleicht sitzt er dort und erwartet mich jetzt ebenso wie ich ihn erwarte? Warst du bei der Lehrerin?“
„Ja,“ brachte der Fürst vor Herzklopfen kaum hervor.
„Auch daran dachte ich. Wird noch ein Gerede entstehen, dachte ich ... und dann dachte ich: ihn aber bringe ich zur Nacht her, damit wir diese Nacht noch zusammen sind ...“
„Rogoshin! Wo ist Nastassja Filippowna?“ flüsterte plötzlich der Fürst, und er erhob sich, an allen Gliedern zitternd.
Da erhob sich auch Rogoshin.
„Dort,“ sagte er leise, mit dem Kopf nach dem Vorhang weisend.
„Schläft sie?“ flüsterte der Fürst.
Wieder sah ihn Rogoshin unbeweglich an.
„Nun denn, meinetwegen! ... Nur, wirst du auch ... nun, gehen wir!“
Er trat zum Vorhang, schob ihn zur Seite, blieb stehen und wandte sich zum Fürsten zurück.
„Komm!“ sagte er und forderte ihn mit einer Kopfbewegung auf, einzutreten, während er den Vorhang zur Seite hielt.
Der Fürst trat in den Schlafraum.
„Hier ist es dunkel,“ sagte er.
„Man kann sehen!“ murmelte Rogoshin.
„Ich sehe kaum ... ein Bett.“
„Geh doch näher,“ forderte Rogoshin leise auf.
Der Fürst trat einen Schritt näher, dann noch einen Schritt, und blieb stehen. Er stand und schaute unbeweglich eine lange Zeit. Beide sprachen sie die lange Zeit über, die sie am Bett standen, kein Wort. Das Herz des Fürsten schlug so laut, daß es, wie es schien, im Zimmer zu hören war, bei dem toten Schweigen, das hier herrschte. Doch sein Auge gewöhnte sich langsam an das Licht, so daß er bereits das ganze Bett deutlich unterscheiden konnte; es schlief jemand auf dem Bett, in vollkommen reglosem Schlaf; nicht das geringste Geräusch, nicht das geringste Atmen war zu hören. Der Schlafende war vom Kopf bis zu den Füßen mit einem weißen Laken bedeckt, doch die Glieder zeichneten sich seltsam undeutlich ab, man sah nur an den Umrissen und den Erhöhungen, daß es ein Mensch war, der auf dem Rücken ausgestreckt lag. Ringsum, auf dem Bett, auf dem Sessel am Fußende des Bettes, sogar auf dem Fußboden neben dem Sessel lagen weiße Kleidungsstücke unordentlich hingeworfen, ein weißes kostbares Seidenkleid, Blumen, Bänder. Auf dem kleinen Tisch am oberen Ende des Bettes lag verstreut blitzendes Geschmeide. Am unteren Ende des Bettes waren irgendwelche Spitzen zusammengeschoben, und von dem weißen Gekräusel hob sich, unter dem Laken hervorschimmernd die Spitze eines nackten Fußes ab: sie war wie aus Marmor gemeißelt und erschien unheimlich regungslos. Der Fürst sah und fühlte – je länger er sah, um so toter und lautloser wurde es im Zimmer. Plötzlich begann eine erwachte Fliege zu summen, flog über das Bett und verstummte am oberen Ende. Der Fürst fuhr zusammen.
„Gehen wir,“ sagte Rogoshin, indem er ihn leise am Arm berührte.
Sie traten hinaus aus dem Schlafraum, setzten sich auf dieselben Stühle und saßen schweigend wieder einander gegenüber. Der Fürst zitterte, immer heftiger wurde sein Zittern. Er wandte seinen fragenden Blick nicht einmal auf eine Sekunde von Rogoshins Antlitz ab.
„Du, ich sehe, du zitterst, Lew Nikolajewitsch,“ sagte endlich Rogoshin, „fast ganz so, wie wenn du ... deinen Anfall bekommst, weißt du noch, in Moskau einmal? Oder wie es vor dem Anfall war. Ich kann mir gar nicht denken, was ich mit dir jetzt anfangen soll ...“
Der Fürst hörte mit krampfhafter Anspannung, was Rogoshin zu ihm sprach, um den Sinn der Worte zu erfassen, und immer noch fragte sein Blick.
„Das hast du ...?“ brachte er schließlich flüsternd hervor, mit dem Kopf nach dem Vorhang weisend.
„Das ... hab’ ich ...“ sagte Rogoshin ebenso leise und senkte den Blick zu Boden.
Sie schwiegen lange.
„Denn wenn du jetzt krank wirst,“ fuhr plötzlich Rogoshin fort, als wäre er gar nicht unterbrochen worden, „den Anfall bekommst, und dann der Schrei kommt, so kann man es auf der Straße oder auch auf dem Hof hören und erraten, daß hier in der Wohnung Menschen sind, nun, und dann werden sie kommen und klopfen und herein wollen ... denn die glauben doch alle, daß ich nicht zu Hause bin. Ich habe auch kein Licht gemacht – damit man von der Straße oder vom Hof nichts sieht. Denn wenn ich fortgehe, nehme ich die Schlüssel mit, und dann kommt oft drei, vier Tage kein Mensch hier herein und die Wohnung bleibt so wie sie ist, unaufgeräumt. So habe ich es eingeführt. Damit man also nicht erfährt, daß wir hier sind ...“
„Wart’,“ unterbrach ihn der Fürst, „ich habe aber doch vorhin die Alte und auch den Hausknecht gefragt, ob Nastassja Filippowna nicht hier gewesen ist. Die wissen es dann doch schon.“
„Ich weiß, daß du gefragt hast. Ich habe aber der Pafnutjewna gesagt, daß Nastassja Filippowna gestern hier gewesen und gestern auch nach Pawlowsk wieder zurückgekehrt, hier bei mir aber nur fünf Minuten gewesen sei. Sie wissen nicht, daß sie zur Nacht hier blieb – niemand weiß es. Gestern, als wir kamen, gingen wir die Treppe ebenso leise hinauf, wie ich heute mit dir. Ich dachte noch unterwegs, sie würde nicht so heimlich eintreten wollen – aber nein! Flüsterte nur, auf den Zehen schlich sie, das Kleid raffte sie zusammen, damit es nicht rauschte, trug die Schleppe, drohte mir beim Hinaufsteigen noch mit dem Finger, damit ich leiser ginge – alles nur aus Furcht vor dir. Im Coupé war sie zuerst ganz wie eine Wahnsinnige, alles vor Angst, und sie selbst wünschte, hierher zu mir zu kommen, um hier zu übernachten. Ich dachte zuerst, sie zur Lehrerin, zu jener Witwe, zu bringen, aber sie selbst wollte nicht. ‚Nein, nein,‘ sagte sie, ‚dort wird er mich sogleich aufsuchen, du aber versteck’ mich bei dir, und morgen, ganz früh, fahren wir nach Moskau‘, und von dort wollte sie nach Orel oder irgendwo dahin. Auch als sie sich hinlegte, sprach sie immer noch, daß wir nach Orel fahren würden ...“
„Wart’ ... aber was willst du tun, Parfen, was willst du jetzt tun?“
„Ja, sieh, ich habe nur Bedenken, weil du immer noch zitterst. Die Nacht verbringen wir hier beide zusammen. Ein Bett, außer jenem, gibt es hier nicht, aber ich habe mir gedacht, daß man von diesem Diwan und von jenem dort die Kissen nimmt und dann hier, hier gleich beim Vorhang, ein Lager macht, für dich und für mich, nebeneinander, so daß wir zusammen sind. Denn wenn man dann kommt, und zu fragen anfängt oder zu suchen, dann wird man sie sogleich finden und hinaustragen. Mich aber wird man fragen, und ich werde sagen, daß ich es gewesen bin, und man wird mich fortführen. So laß sie denn jetzt noch hier liegen, neben uns, neben mir und dir ...“
„Ja, ja!“ stimmte der Fürst eifrig bei.
„Also jetzt noch nicht gestehen und nicht forttragen lassen.“
„Nei–nein, auf keinen Fall!“ entschied der Fürst. „Nicht – nicht!“
„So hatte auch ich beschlossen ... auf keinen Fall. Die Nacht verbringen wir ganz still. Ich war heute nur auf eine Stunde ausgegangen, am Morgen, sonst war ich die ganze Zeit bei ihr. Und dann gegen Abend, als ich dich suchen ging. Nur fürchte ich, daß es hier zu drückend ist und der Leichengeruch sich bald bemerkbar machen wird. Riechst du schon etwas oder noch nicht?“
„Vielleicht rieche ich etwas, ich weiß es nicht. Am Morgen wird man es bestimmt riechen ...“
„Ich habe sie mit Wachstuch zugedeckt, mit gutem, amerikanischem, und über dem Wachstuch dann noch mit dem Laken, und vier Fläschchen mit desinfizierender Flüssigkeit habe ich aufgestellt, sie stehen auch jetzt dort offen.“
„So wie dort ... in Moskau?“
„Denn sonst, Bruder, riecht es. Sie aber liegt doch so ... Am Morgen, wenn es hell wird, sieh sie dir an. Was ist dir, kannst du nicht aufstehen?“ fragte er, mit ängstlicher Verwunderung, als er sah, daß der Fürst so zitterte, daß er sich nicht vom Stuhle zu erheben vermochte.
„Die Füße versagen ...“ murmelte der Fürst. „Das ist nur von der Angst, ich kenne das ... Wenn die Angst vergangen ist, werde ich auch aufstehen können ...“
„Dann bleib nur sitzen, ich werde inzwischen das Lager zurecht machen, dann kannst du dich gleich hinlegen ... und ich neben dir ... und dann können wir sehen ... Denn ich, Bruder, ich weiß noch nicht ... ich ... sieh, Bruder, ich weiß jetzt noch nicht alles, und so sage ich es auch dir im voraus, damit du das alles beizeiten erfährst ...“
Undeutlich diese rätselhaften Worte murmelnd, machte sich Rogoshin daran, das Lager herzurichten. Offenbar hatte er schon früher, vielleicht schon am Morgen, darüber nachgedacht, wie er das machen würde. Der Diwan war für zwei Personen zu schmal, er aber wollte nun einmal unbedingt Seite an Seite mit dem Fürsten liegen, und da schleppte er denn mit großer Mühe die schweren Polsterkissen durch das ganze Zimmer, dicht an den Eingang zum Schlafzimmer, schleppte noch andere Kissen herbei, Kissen von verschiedener Größe. Als das Lager fertig war, trat er an den Fürsten heran, faßte ihn mit rührender Zartheit unter den Arm und führte ihn stolz und froh zu seinem Lager. Übrigens konnte der Fürst schon allein gehen. „Die Angst war also vergangen.“ Doch fuhr er fort, zu zittern.
„Denn sieh, Bruder,“ begann plötzlich wieder Rogoshin, nachdem er den Fürsten zur Linken auf die besseren Kissen gebettet und sich selbst zur Rechten hingestreckt hatte, indem er beide Hände unter den Kopf schob, „bei der Hitze, weißt du, geht das schneller ... Die Fenster aufzumachen, fürchte ich mich. Aber, weißt du, bei meiner Mutter sind viele Blumen, sie blühen jetzt gerade und haben solch einen wundervollen Duft, ich dachte schon daran, sie herzubringen, aber die Pafnutjewna hätte Verdacht geschöpft, sie ist sehr neugierig.“
„Ja, sie ist sehr neugierig,“ wiederholte der Fürst.
„Oder soll ich viele, viele Buketts kaufen, und sie ganz mit Blumen umstellen? Ich denke aber, es wird traurig sein, so in Blumen!“
„Hör’ ...“ begann der Fürst, als suche er nach einem Gedanken, als wisse er nicht, was er eigentlich fragen wollte, oder als vergesse er immer wieder, was es war. „Hör’ ... ja sag’ mir: womit hast du sie denn ...? Mit einem Messer? Mit demselben?“
„Mit demselben ...“
„Wart’! Ich will dich noch fragen, Parfen ... ich werde dich noch vieles fragen, ich will alles wissen ... aber du sag’ mir zuerst, ganz zuerst, damit ich es weiß: wolltest du sie vor meiner Hochzeit, vor der Trauung, in der Kirche ermorden, mit dem Messer erstechen? Wolltest du es, oder wolltest du es nicht?“
„Ich weiß nicht, ob ich es wollte ...“ antwortete Rogoshin trocken, als hätte er sich über die Frage ein wenig gewundert und sie nicht ganz begriffen.
„Hast du das Messer niemals nach Pawlowsk mitgenommen?“
„Nein, niemals. Von diesem Messer kann ich dir nur das sagen, Lew Nikolajewitsch,“ fuhr er nach kurzem Schweigen fort: „Ich habe es aus einem verschlossenen Schubfach heute morgen herausgenommen, denn das Ganze geschah am Morgen zwischen drei und vier. Es lag bei mir in dem Buch ... Und ... und ... und sieh, was mich wundert: das Messer ging auf anderthalb ... oder sogar auf zwei Zoll hinein ... gerade unter der linken Brust ... Blut aber floß im ganzen nur so ein halber Eßlöffel aufs Hemd, nicht mehr.“
„Das, das, das,“ begann plötzlich der Fürst, indem er sich in furchtbarer Erregung aufzurichten begann, „das, das, ich weiß, das, ich habe davon gelesen ... innere Verblutung wird das genannt ... Es kommt sogar vor, daß kein einziger Tropfen Blut herausfließt. Das ist dann, wenn der Stoß gerade ins Herz geht ...“
„Scht! – Hörst du?“ unterbrach ihn Rogoshin hastig, indem et sich erschrocken aufrichtete. „Hörst du?“
„Nein!“ sagte ebenso schnell und erschrocken der Fürst und sah Rogoshin an.
„Jemand geht! Hörst du? Im Saal ...“
Beide begannen zu lauschen.
„Ich höre,“ flüsterte der Fürst überzeugt.
„Man geht?“
„Ja, man geht!“
„Soll ich die Tür verschließen?“
„Ja, verschließ’ ...“
Rogoshin verschloß die Tür und wieder legten sie sich beide hin. Lange Zeit schwiegen sie.
„Ach, ja!“ begann der Fürst, sich plötzlich aufrichtend, in demselben aufgeregten, schnellen Geflüster, als habe er endlich einen Gedanken erfaßt und fürchte nun, ihn wieder zu vergessen. „Ja ... ich wollte doch ... diese Karten! die Karten ... Du sollst doch mit ihr Karten gespielt haben?“
„Ja,“ sagte Rogoshin nach einigem Schweigen.
„Wo sind denn ... die Karten?“
„Hier ...“ sagte Rogoshin nach noch längerem Schweigen, zog aus der Tasche ein gebrauchtes, in Papier gewickeltes Spiel Karten hervor und reichte es dem Fürsten. „Da ...“
Der Fürst nahm es zögernd, als begriffe er nicht, weshalb man es ihm reichte. Ein neues, trauriges, trostloses Gefühl schnürte ihm das Herz zusammen; doch plötzlich begriff er, daß er schon lange gar nicht davon sprach, wovon er sprechen wollte, und immer nicht das tat, was er tun müßte, und daß diese Karten, die er jetzt in der Hand hielt, und über die er sich so gefreut hatte, jetzt nichts, nichts mehr ändern konnten. Er stand auf und rang die Hände. Rogoshin blieb unbeweglich liegen und schien den Fürsten weder zu sehen noch zu hören; seine Augen aber glänzten hell im Dunkel und waren ganz offen und unbeweglich. Der Fürst setzte sich auf einen Stuhl und sah ihn angstvoll an. Wohl eine halbe Stunde verging so. Plötzlich lachte Rogoshin laut auf, es war ein fast schreiendes, abgerissenes Lachen – als hätte er ganz vergessen, daß er nur flüsternd sprechen durfte:
„Den Offizier, den Offizier ... weißt du noch, wie sie den Offizier mit der Peitsche schlug, beim Konzert, weißt du noch, ha ha ha! Und der Kadett ... Kadett ... Kadett sprang noch hinzu.“
Der Fürst schnellte erschrocken vom Stuhle empor. Als Rogoshin verstummt war – ebenso plötzlich, wie er aufgelacht hatte –, beugte sich der Fürst leise über ihn, setzte sich neben ihm nieder und begann mit stark klopfendem Herzen, schwer atmend, sein Gesicht zu betrachten. Rogoshin wandte den Kopf nicht zu ihm und schien ihn sogar völlig vergessen zu haben. Der Fürst sah ihn an und wartete. Die Zeit verging. Die Nacht wurde heller. Rogoshin begann von Zeit zu Zeit irgendwelche Worte zu murmeln, leise, laut, schroff hervorstoßend, zusammenhanglos, begann schließlich laut aufzuschreien und zu lachen. Dann streckte der Fürst jedesmal seine zitternde Hand aus und berührte leise seinen Kopf, seine Haare, streichelte sie und streichelte seine Wangen ... das war alles, was er tun konnte! Er selbst begann wieder zu zittern und plötzlich empfand er auch wieder das Schwächegefühl in den Beinen. Irgendein ganz neues Gefühl quälte sein Herz mit unendlicher Sehnsucht. Der Morgen brach an; da beugte er sich endlich in völliger Erschöpfung und Verzweiflung auf das Kissen nieder und schmiegte sich mit seinem Gesicht an das bleiche, unbewegliche Antlitz Rogoshins. Tränen flossen aus seinen Augen auf Rogoshins Wangen – doch wird er wohl kaum seine Tränen gefühlt haben und vielleicht wußte er von nichts mehr ...
Wenigstens fand man, als nach mehreren Stunden die Tür gewaltsam geöffnet wurde und Leute eindrangen, den Mörder bewußtlos und im Fieber. Der Fürst aber saß unbeweglich neben ihm. Und jedesmal, wenn der Kranke einen Schrei ausstieß oder zu phantasieren begann, beeilte er sich, wieder mit zitternder Hand sein Haar und seine Wangen zu streicheln, wie um ihn zu beruhigen und zu liebkosen. Doch er begriff nichts mehr, begriff nicht, was man ihn fragte, und von den Eingetretenen, die ihn umgaben, erkannte er keinen einzigen. Wenn Professor Schneider jetzt selbst aus der Schweiz gekommen wäre, um seinen einstigen Schüler und Patienten zu sehen, so würde er, der ihn einmal vor der Heilung in den Stunden nach einem Anfall gesehen hatte, wieder nur mit der Achsel gezuckt und wie damals gesagt haben: „Ein Idiot!“
XII.
Schluß.
Die Lehrerswitwe war, der Verabredung gemäß, nach Pawlowsk gefahren und hatte sogleich Darja Alexejewna, die sich von der Aufregung noch ganz krank fühlte, in ihrem Hause aufgesucht und durch die Mitteilung alles dessen, was sie wußte, in große Angst versetzt. Beide Damen hatten sich dann nach kurzer Beratung zu Lebedeff begeben, der sich als ergebener Freund und Hauswirt des Fürsten gleichfalls beunruhigt fühlte. Nachdem dann noch Wjera alles erzählt hatte, was sie über die Abfahrt des Fürsten erzählen konnte, waren die beiden Damen und Lebedeff nach Petersburg gefahren, auf Lebedeffs Rat, um „eventuell noch zu verhüten, was sehr leicht geschehen könnte“. So kam es, daß am nächsten Morgen schon um elf Uhr die Tür zur Wohnung Rogoshins auf Veranlassung der Polizei in Anwesenheit Lebedeffs, der beiden Damen und des älteren Bruders von Rogoshin, Ssemjon Ssemjonytsch Rogoshin, der den Seitenflügel des Hauses bewohnte, aufgebrochen wurde. Das polizeiliche Vorgehen wurde wesentlich beschleunigt durch die Aussage des Hausknechts, der am Abend vorher gesehen hatte, wie Parfen Ssemjonytsch mit einem Gast ins Haus eingetreten, und ganz leise die Treppe hinaufgegangen war. Nach dieser Aussage hatte man nicht länger gezögert die Tür mit Gewalt aufzubrechen.
Rogoshin lag zwei Monate an einer Gehirnentzündung danieder. Als er gesund geworden war, kam sein Prozeß zur Verhandlung. Seine Aussagen waren klar, genau, unzweideutig und genügten vollkommen, so daß der Fürst auf Grund derselben ohne weiteres von der Untersuchung ausgeschlossen wurde. Bei der Gerichtsverhandlung war Rogoshin im übrigen schweigsam. Er widersprach zwar nicht seinem Verteidiger, der geschickt, klar, logisch und beredt zu beweisen suchte, daß der Mord von ihm in bereits unzurechnungsfähigem Krankheitszustande verübt worden sei und daß man ihn eigentlich nur als Folge der Gehirnentzündung, die bereits früher begonnen habe, betrachten müsse; doch fügte Rogoshin von sich aus nichts hinzu, was die Richtigkeit dieser Annahme bestätigen konnte, und auf die an ihn gestellten Fragen antwortete er wieder klar, bestimmt, und durchaus bemüht, sich aller Einzelheiten des Geschehenen zu entsinnen. Er wurde unter Annahme mildernder Umstände zu fünfzehn Jahren Zwangsarbeit nach Sibirien verbannt. Wortlos, mit fast strenger Miene, vernahm er sein Urteil, „wie in Gedanken versunken“, erzählte man. Sein ganzes, großes Vermögen, von dem er, im Verhältnis gesprochen, nur einen kleinen Teil verschwendet hatte, ging auf seinen Bruder Ssemjon Ssemjonytsch über, zur nicht geringen Zufriedenheit dieses letzteren. Die Mutter Rogoshins lebte nach wie vor in ihrer stillen Wohnung, und mitunter scheint es, als gedenke sie ihres geliebten Sohnes Parfen, doch sind ihre Gedanken wohl nur unklar: Gott hat ihren Geist und ihr Herz davor bewahrt, das Entsetzen, das ihr trauervolles Haus heimgesucht, in seiner ganzen Größe zu erfassen.
Lebedeff, Keller, Ganjä und Ptizyn und noch viele andere Personen, die wir kennen gelernt haben, leben gleichfalls in alter Weise weiter, haben sich wenig verändert – daher läßt sich auch nichts Besonderes über sie berichten. Hippolyt starb etwas früher, als er erwartet hatte, etwa zwei Wochen nach dem Tode Nastassja Filippownas. Er soll vorher entsetzlich aufgeregt gewesen sein. Koljä war durch die Ereignisse tief erschüttert. In der Folge traten er und seine Mutter sich bedeutend näher, ja er schloß sich sogar ganz an sie an. Nina Alexandrowna ist recht besorgt um ihn: sie findet ihn zu nachdenklich für seine Jahre. Vielleicht aber wird aus ihm doch noch einmal ein tätiger und tüchtiger Mensch. Zum Teil ist es auch auf seine Bemühungen zurückzuführen, daß für das weitere Schicksal des Fürsten gesorgt wurde. Unter all seinen neuen Bekannten hatte ihm am meisten Jewgenij Pawlowitsch Radomskij gefallen; zu diesem hatte er sich denn auch sogleich aufgemacht und ihm das Ereignis mitgeteilt, sowie alles Nähere, was er selbst über den Zustand des Fürsten wußte. Seine Erwartung täuschte ihn nicht: Jewgenij Pawlowitsch nahm den lebhaftesten Anteil am traurigen Schicksal des armen „Idioten“, und dank seiner Bemühungen kam der Fürst wieder in die Schweiz zu Professor Schneider, der ihn von neuem in seine Heilanstalt aufnahm. Jewgenij Pawlowitsch begab sich ins Ausland. Er hatte sogar die Absicht, recht lange in „Europa“ zu bleiben, da er sich selbst ganz offen einen „in Rußland vollkommen überflüssigen Menschen“ nannte. Seinen kranken Freund besucht er ziemlich oft, wenigstens ein paarmal im Jahre. Professor Schneider macht aber, wenn er nach der Genesungsmöglichkeit seines Patienten gefragt wird, eine immer bedenklichere Miene, schüttelt den Kopf und deutet an, daß es diesmal wohl eine vollständige Zerrüttung der Verstandeskräfte sei; zwar redet er nicht von Unheilbarkeit, äußert aber doch die traurigsten Mutmaßungen. Jewgenij Pawlowitsch nimmt sich das sehr zu Herzen – und er hat ein Herz, was allein schon durch den einen Umstand bewiesen wird, daß er von Koljä Briefe erhält, und diese Briefe hin und wieder sogar beantwortet. Außerdem aber haben wir noch etwas sehr Seltsames über ihn erfahren, und da dieses Seltsame ein guter Charakterzug ist, so sei es hier mitgeteilt: Jewgenij Pawlowitsch schreibt nämlich nach seinen Besuchen in der Heilanstalt des Professor Schneider außer an Koljä regelmäßig noch einen Brief nach Petersburg, der den ausführlichsten Bericht über den Zustand des Fürsten enthält. Doch außer diesen Berichten und der höflichsten Versicherung seiner Hochachtung, finden sich in diesen Briefen mitunter – und zwar immer häufiger – auch einige Darlegungen seiner Anschauungen, Begriffe, Gefühle, und diese werden mit jedem Brief sogar immer länger. Mit einem Wort, es beginnt in ihnen etwas durchzublicken, das an freundschaftliche oder noch innigere Gefühle gemahnt. Die Person aber, an die Jewgenij Pawlowitsch diese Briefe schreibt – natürlich tut er es immerhin noch ziemlich selten – und die seine Aufmerksamkeit und Achtung in so hohem Maße gefesselt und erworben hat, ist Wjera Lebedewa. Leider ist es uns nicht möglich gewesen, Näheres darüber zu erfahren, wie sich diese Beziehungen haben anknüpfen können, doch nehmen wir an, daß es wohl infolge des Unglücks gewesen sein wird, das den Fürsten betroffen hatte. Wjera war durch das Geschehnis zunächst so erschüttert, daß auch sie erkrankte. Doch wie gesagt – bei welcher Gelegenheit sie sich näher getreten sind, wissen wir nicht. Im übrigen haben wir dieser Briefe auch deshalb Erwähnung getan, weil einzelne von ihnen Mitteilungen über Jepantschins und namentlich über Aglaja Iwanowna enthalten. In einem ziemlich krausen Brief aus Paris teilte er mit, daß diese zu einem polnischen Grafen und Emigranten eine große Neigung gefaßt und ihn bald darauf geheiratet habe, sehr gegen den Wunsch ihrer Eltern, die, wenn sie auch schließlich ihre Einwilligung gegeben, es nur deshalb getan hätten, weil es sonst zu einem vielleicht aufsehenerregenden Skandal gekommen wäre. Im nächsten Brief, den Wjera nach etwa einem halben Jahre erhielt, schrieb Jewgenij Pawlowitsch – es war wieder ein langer, ausführlicher Brief – daß er während seines letzten Aufenthaltes in der Schweiz bei Professor Schneider mit Jepantschins und dem Fürsten Sch. zusammengetroffen sei. Das Wiedersehen mußte, so wie er es schilderte, ein sehr seltsames gewesen sein: alle hatten ihn fast begeistert empfangen, Alexandra und Adelaida hatten sich ihm sogar zu heißem Dank verpflichtet gefühlt für alles Gute, das er dem Fürsten erwies, und für seine „rührende Sorge um ihn“. Lisaweta Prokofjewna hatte beim Anblick des armen Fürsten in seinem kranken, erniedrigenden Zustande bitterlich zu weinen begonnen. Offenbar hatte sie ihm längst alles verziehen. Fürst Sch. hatte bei der Gelegenheit ein paar gute Gedanken ausgesprochen. Wie es Jewgenij Pawlowitsch geschienen, hätte sich das junge Ehepaar noch nicht so ganz harmonisch verbunden gefühlt, doch wäre es vorauszusehen, daß Adelaidas lebhaftes, mitunter recht feuriges Temperament sich mit der Zeit freiwillig und von Herzen der geistigen Überlegenheit und Erfahrenheit des Fürsten anpassen und unterordnen würde. Hinzu kam noch, daß die Lehren, die die Familie in letzter Zeit erhalten hatte, für sie unvergeßlich waren, so vor allem das letzte Erlebnis Aglajas mit dem polnischen Grafen. Alles, was man befürchtet, als man die Einwilligung zur Heirat Aglajas mit diesem Grafen verweigert hatte, war schon nach wenigen Monaten, nach kaum einem halben Jahre, in Erfüllung gegangen, und dazu noch mit solchen Überraschungen, daß man an die leidigen Tatsachen fast immer noch nicht glauben wollte. Es hatte sich nämlich herausgestellt, daß der emigrierte Graf zwar ein Emigrant, deshalb aber noch längst kein Graf war, seine Vergangenheit vielmehr etwas sehr Dunkles und Zweideutiges hatte. Aglaja hatte er durch die „seltene Vornehmheit seiner von Heimweh nach dem Vaterlande sich verzehrenden Seele“ gefesselt und bezaubert, und das in solchem Maße, daß sie bereits vor der Heirat Mitglied irgendeines Emigrantenkomitees geworden war, das sich die Wiederherstellung des Königreichs Polen zum Ziel gesetzt hatte. Überdies war sie noch in den Beichtstuhl irgendeines berühmten Jesuitenpaters geraten, der ihren Geist bis zum Wahnsinn zu beeinflussen wußte. Das riesige Vermögen des Grafen, von dem er Lisaweta Prokofjewna und dem Fürsten Sch. erzählt und für das er ihnen fast unantastbare Beweise geliefert hatte, war nichts als Schwindel gewesen. Außerdem war es ihm mit Hilfe seines Freundes, des Jesuitenpaters, in dieser kurzen Zeit gelungen, Aglaja vollständig mit ihrer Familie zu entzweien, so daß die Mutter und Geschwister sie schon seit mehreren Monaten nicht gesehen hatten ... Kurzum, erzählen ließe sich noch manches, doch hatten Lisaweta Prokofjewna, ihre Töchter und Fürst Sch. schon so viel unter diesem „Schrecken“ gelitten, daß sie im Gespräch mit Jewgenij Pawlowitsch fast angstvoll gewisse Dinge zu umgehen gesucht hatten, zumal sie wußten, daß er ohnehin über die letzten Verirrungen Aglaja Iwanownas gut unterrichtet war. Die arme Lisaweta Prokofjewna wäre gern sogleich nach Rußland zurückgekehrt: nach dem Bericht Jewgenij Pawlowitschs habe sie sehr parteiisch, fast sogar erbittert alles Ausländische kritisiert. „Nicht einmal Brot verstehen sie zu backen, den Winter über frieren sie wie die Mäuse im Keller!“ habe sie ganz erbost gesagt. „Hier habe ich mich doch wenigstens über diesen Armen auf gut Russisch ausweinen können,“ habe sie hinzugefügt, erregt auf den Fürsten weisend, der keinen von ihnen erkannt hatte. „Aber jetzt hat man sich genug hinreißen lassen, es ist Zeit, endlich wieder vernünftig zu werden! Und all das hier, euer ganzes Europa, alles das ist nur Phantasie, und wir Russen, wir alle hier im Auslande, sind nichts als Phantasie ... behaltet meine Worte, ihr werdet es selbst sehen!“ habe sie sich beim Abschied von Jewgenij Pawlowitsch fast zornig geäußert.