I.

Alle die begangenen Schandtaten und Verbrechen wurden erstaunlich schnell bekannt, weit schneller, als Pjotr Stepanowitsch angenommen hatte. Es begann damit, daß die unglückliche Marja Ignatjewna nach der Nacht, in der ihr Mann ermordet worden war, sehr früh, noch vor Sonnenaufgang, aus tiefem Schlaf erwachte, und zu ihrem Schreck und zu ihrer Angst Schatoff nicht bei sich, nicht an ihrem Bett, noch im Zimmer sah. In einer Ecke schlief nur die von Arina Prochorowna besorgte Wärterin. Diese vermochte aber die Kranke nicht zu beruhigen, und schließlich wußte sie nichts anderes zu tun, als schnell zu Arina Prochorowna zu laufen, nachdem sie ihrer Pflegebefohlenen noch versichert hatte, daß Wirginskis bestimmt wissen würden, wo Schatoff geblieben war, und wann er zurückkehren werde.

Währenddessen war auch Arina Prochorowna in nicht geringer Aufregung: sie wußte schon durch ihren Mann, was im Park zu Skworeschniki geschehen war. Wirginski war erst um elf Uhr nachts in einem furchtbaren Zustande nach Hause gekommen: er hatte die Hände gerungen und sich auf das Bett geworfen, um das Gesicht in den Kissen zu vergraben und immer nur unter Zucken und Beben, schluchzend, immer nur dies eine zu wiederholen: „Das ist doch nicht das, nicht das; das ist ja gar nicht das!“ Selbstverständlich endete es schließlich damit, daß er seiner Frau, die unablässig in ihn drang, alles beichtete – übrigens doch nur ihr allein. Arina Prochorowna hieß ihn im Bett bleiben und schärfte ihm strengstens ein, daß er, falls er heulen wolle, dann ins Kissen heulen solle, damit es die anderen nicht hörten, und daß er ein Esel wäre, wenn er sich am nächsten Tage etwas anmerken ließe. Darauf überlegte sie rasch und machte sich dann schnell daran, auf alle Fälle gewisse Vorkehrungen zu treffen: alle zweifelhaften Papiere und Bücher, und vielleicht sogar Proklamationen konnte sie teils noch beiseite schaffen, teils spurlos vernichten. Nach kurzem Nachdenken sagte sie sich aber, daß sie selbst, ihre Schwester, die Tante und die Studentin weiter nichts zu fürchten hatten, ja, und vielleicht nicht einmal ihr langohriges Brüderlein – Schigaleff. Als dann gegen Morgen die Wärterin kam und sie zu Marja Ignatjewna rief, verlor sie weiter keinen Augenblick und ging sofort zu ihrer Kranken. Übrigens wollte sie sich auch selbst überzeugen, wie es sich damit verhielt, was ihr Mann in der Nacht, halb unzurechnungsfähig, von den Versicherungen Pjotr Stepanowitschs erzählt hatte: daß Kirilloff alles auf sich nehmen und sich erschießen werde.

Aber sie kam zu spät. Marja Ignatjewna hatte, nachdem sie die Wärterin zu Arina Prochorowna geschickt, es nicht lange allein ausgehalten, war aufgestanden, hatte sich irgendwie halb angezogen, und war dann selbst zu Kirilloff in den Flügel gegangen, da er, wie sie meinte, ihr am ehesten sagen konnte, wo ihr Mann geblieben war. Man kann sich vorstellen, wie das, was sie dort erblickte, auf die Wöchnerin wirkte. Merkwürdigerweise hat sie dabei den Brief, den Kirilloff hinterlassen hatte und der sichtbar auf dem Tische lag, gar nicht gelesen, – sie wird ihn in ihrem Schreck und Entsetzen wohl gar nicht bemerkt haben. Sie lief in die Dachstube zurück, ergriff ihr kleines Kind und verließ das Haus. Der Morgen war feucht, Nebel stand ringsum. Kein Mensch war in dieser abgelegenen Straße zu sehen. Sie lief und lief, atemlos, immer weiter durch den kalten sumpfigen Straßenschmutz und schließlich begann sie, an die Häuser zu klopfen. Im ersten Hause wurde nicht aufgemacht, im zweiten hörte sie endlich Stimmen. Doch sie verlor die Geduld, zu warten, und lief zum dritten Hause. Das war das Haus unseres Kaufmanns Titoff. Hier rief sie große Bestürzung hervor: sie schrie und versicherte zusammenhanglos, man habe ihren Mann, Schatoff, ermordet. Titoffs wußten, wer Schatoff war, und kannten zum Teil auch seine Lebensgeschichte. Sie erschraken nicht wenig, als sie von dieser fremden Frau hörten, daß sie vor noch nicht vierundzwanzig Stunden geboren habe und nun kaum bekleidet in dieser Kälte mit dem fast nackten Kindchen herumlief. Zuerst glaubte man, sie habe den Verstand verloren, um so mehr, als man aus ihren Worten nicht recht klug werden konnte, wer nun eigentlich ermordet worden war: Kirilloff oder ihr Mann? Marja Ignatjewna aber wollte schon wieder aus dem Hause laufen, da sie wohl trotz ihrer Erregung merkte, daß man ihr nicht ganz glauben zu wollen schien; doch da hielt man sie mit Gewalt zurück, obgleich sie furchtbar schrie und um sich schlug. Jedenfalls ging man sofort zu Kirilloff, um zu sehen, was mit ihm geschehen war – und so wußte denn schon nach zwei Stunden die ganze Stadt von dem Selbstmord Kirilloffs und dem Brief, den er hinterlassen hatte. Die Polizei erschien zum Verhör bei Marja Ignatjewna, die noch bei Bewußtsein war. Und eben hierbei stellte es sich heraus, daß sie Kirilloffs Schreiben gar nicht gelesen hatte, warum sie aber zu dem Schluß gekommen war, daß auch ihr Mann tot sei – darüber konnte man von ihr nichts Vernünftiges erfahren. Sie schrie immer nur, wenn jener ermordet sei, dann sei auch ihr Mann ermordet, denn – „sie waren zusammen, zusammen!“ Gegen Mittag verlor sie das Bewußtsein; sie starb am übernächsten Tage, ohne noch einmal zu sich zu kommen. Das erkältete Kindchen starb noch vor ihr.

Inzwischen war Arina Prochorowna bei Schatoffs angelangt: als sie weder die junge Mutter noch das Kind vorfand, sagte sie sich sofort, daß hier etwas Schlimmes geschehen sein müsse, und wollte schon wieder nach Haus zu ihrem Mann laufen, doch noch an der Pforte besann sie sich und schickte die Wärterin in den Flügel zu Kirilloff, damit sie sich bei diesem erkundige, ob er etwas wisse, oder ob die Kranke bei ihm war. Die Frau kam mit entsetztem Geschrei zurückgelaufen. Arina Prochorowna hielt ihr sofort den Mund zu und brachte sie mit dem bekannten Argument: „Wenn du was sagst, so wird man dich für die Schuldige halten!“ zum Schweigen und verließ dann selbst schnell den Hof.

Selbstredend erschien die Polizei noch am selben Morgen bei ihr, da sie ja Schatoffs Frau entbunden hatte. Es war aber nicht viel, was man von ihr erfuhr: kaltblütig und sehr sachlich erzählte sie, was sie bei Schatoffs gesehen und gehört hatte, doch von den letzten Vorfällen behauptete sie, weder etwas Näheres zu wissen, noch überhaupt das Geschehnis begreifen zu können.

Man kann sich vorstellen, wie groß die Aufregung in der Stadt war. Wieder eine „Geschichte“, wieder ein Mord! Und jetzt kam noch etwas anderes hinzu: es war nun klar, daß es also doch eine geheime Verschwörerbande gab: revolutionäre Brandstifter, Aufrührer und Mörder. Der furchtbare Tod Lisas, die Ermordung der Frau Nicolai Stawrogins, Stawrogins Verhalten, der Brand, der Ball für die Gouvernanten, die Ungebundenheit in der Umgebung Julija Michailownas: das alles kam zusammen! Sogar in dem plötzlichen Verschwinden Stepan Trophimowitschs wollte man unbedingt etwas Bedeutsames sehen. Ja, es gingen schon sehr, sehr schlimme Urteile und Gerüchte über Stawrogin um. Am Abend dieses Tages erfuhr man auch die Abreise Pjotr Stepanowitschs, doch sonderbarerweise wurde darüber am allerwenigsten gesprochen – am meisten dagegen sprach man von dem „Senator“, der aus Petersburg bereits eingetroffen sein sollte. Vor dem Filippoffschen Hause stand den ganzen Vormittag über eine ansehnliche Volksmenge. Die Polizei wurde durch Kirilloffs „Brief an die ganze Welt“ zunächst tatsächlich irre gemacht. Man glaubte an die Ermordung Schatoffs durch Kirilloff und an den Selbstmord des „Mörders“. Übrigens glückte die Irreführung doch nicht so ganz. Das Wort „Park“ zum Beispiel, das sich ohne nähere Ortsangabe in dem Brief fand, war für keinen ein Rätsel, wie Pjotr Stepanowitsch erwartet hatte. Die Polizei jagte vielmehr sofort nach Skworeschniki, und zwar nicht nur deshalb, weil es einen anderen Park weder in der Stadt noch in deren Umkreise gab, sondern gewissermaßen schon aus bloßem Instinkt, da doch alle Schrecken der letzten Tage teils mittelbar, teils unmittelbar mit Skworeschniki verbunden waren. (Ich muß hier bemerken, daß Warwara Petrowna schon am Morgen dieses Tages aus ihrem Stadthause auf die Suche nach Stepan Trophimowitsch ausgefahren war.) Die Leiche Schatoffs wurde am Abend desselben Tages im Teich gefunden: neben der Grotte hatten die Mörder in unglaublichem Leichtsinn Schatoffs Mütze liegen lassen, und von dort aus ließen sich dann deutliche Spuren bis zur Fundstelle verfolgen. Dieser Umstand sowie einige ärztliche Feststellungen bei der Leichenschau legten sofort den Verdacht nahe, daß Kirilloff Helfershelfer gehabt haben müsse. Man vermutete zunächst eine „Schatoff-Kirilloffsche geheime Gesellschaft“, die mit den Proklamationen irgendwie in Zusammenhang stehen mußte. Wer aber waren diese Leute? Von den „Unsrigen“ ahnte man an diesem Tage noch nicht das geringste. Aus dem Briefe war nur hervorgegangen, daß Fedjka, den man überall vergeblich gesucht, gerade in diesen Tagen völlig unbemerkt bei Kirilloff hatte leben können! ... Der Hauptkummer aller blieb, daß man aus dem ganzen Wirrwarr der Tatsachen nichts Allgemeines und Zusammenhängendes kombinieren konnte. Und ganz unmöglich ist es abzusehen, zu welchen abenteuerlichen Folgerungen man noch gekommen wäre, wenn man nicht plötzlich, schon am anderen Tage, den ganzen wahren Sachverhalt erfahren hätte – dank Lämschin.

Der hielt es nicht aus. Es geschah mit ihm das, was sogar Pjotr Stepanowitsch zum Schluß vorauszufühlen begonnen hatte. Lämschin war zuerst der Obhut Tolkatschenkos, dann Erkels anvertraut worden und verbrachte diesen ganzen Tag im Bett: er lag, anscheinend ganz zahm, mit dem Gesicht zur Wand, sprach kein Wort und antwortete nicht einmal, wenn man zu ihm redete. So erfuhr er denn auch nichts davon, was in der Stadt geschah. Da fiel es aber Tolkatschenko, der natürlich alles wußte, gegen Abend ein, den von Pjotr Stepanowitsch ihm ausdrücklich gegebenen Auftrag, Lämschin zu bewachen, einfach abzuschütteln und die Stadt zu verlassen, d. h. sich einfach aus dem Staube zu machen. Wahrlich, Erkel hatte recht, als er sagte, sie hätten doch schon alle die Vernunft verloren. Hier mag gleich erwähnt sein, daß auch Liputin an eben diesem Tage aus der Stadt verschwand, und zwar schon am Morgen. Das erfuhr man aber erst am Abend des nächsten Tages, als die Polizei sich zu Liputin begab und dort nur dessen vor Angst über die Abwesenheit des Gatten und Vaters zitternde Familie vorfand. Doch ich fahre fort, von Lämschin zu erzählen. Kaum war er also allein geblieben (Erkel war, da er sich auf Tolkatschenko verlassen zu können glaubte, fortgegangen), als er sofort aus dem Hause lief und natürlich sehr bald die ganze Lage der Dinge erfuhr. Ohne nach Haus zurückzukehren, begann er zu laufen, weiter und immer weiter. Aber die Nacht war so dunkel und sein Vorhaben dermaßen grausig und schwer, daß er schon nach ein paar Straßen umkehrte und doch nach Hause ging, wo er sich für die ganze Nacht einschloß. Ich glaube, gegen Morgen machte er einen Selbstmordversuch; aber der mißlang ihm. So saß er in dem verschlossenen Zimmer bis zum Mittag des nächsten Tages, und – plötzlich lief er schnurstracks auf die Polizei. Man sagte, er sei dort auf den Knien herumgerutscht, habe geschluchzt und gekreischt und die Diele geküßt, habe in einem fort geschrien, er sei nicht einmal wert, die Stiefel der vor ihm stehenden „Würdenträger“ zu küssen. Man beruhigte ihn und war sehr freundlich zu ihm. Das Verhör zog sich durch ganze drei Stunden hin. Er gestand alles, alles, erzählte die letzten Einzelheiten, griff vor, überhastete sich mit seinen Geständnissen und mischte, ohne danach gefragt zu sein, alles mögliche Unnötige hinein. Im allgemeinen aber wußte er die Sache doch ganz anschaulich darzustellen: die Tragödie mit Schatoff und Kirilloff, die Feuersbrunst, die Ermordung der Lebädkins usw. traten als das Unwichtigere mehr in den Hintergrund; in den Vordergrund aber traten: Pjotr Stepanowitsch, der Geheimbund, seine Organisation, die Fünfergruppen, das Netz. Auf die Frage, warum man denn so viele Menschen ermordet, so viele Verbrechen begangen hatte, antwortete er mit eilfertigem Eifer: „Zur systematischen Erschütterung der Grundfesten und zur systematischen Zersetzung der ganzen Gesellschaft und alles bisher Bestehenden; um alle zu entmutigen und aus allem einen einzigen großen Brei zu machen, dann aber die auf diese Weise zerrüttete, kranke, zynische, ungläubige Masse, die sich jedoch bis zum äußersten nach einer leitenden Idee und nach Selbsterhaltung sehnt, – plötzlich in die Hand zu nehmen, die Fahne des Bundes zu erheben und im übrigen sich auf das weitverzweigte Netz der ‚Fünfergruppen‘ zu stützen, die inzwischen ihrerseits alle nicht müßig gewesen sind, Jünger geworben und praktisch alle Möglichkeiten geprüft und alle schwachen Stellen des Gegners ausfindig gemacht haben, so daß man genau weiß, wo er am besten zu fassen ist.“ Er schloß mit der Mitteilung, daß hier in unserer Stadt von Pjotr Stepanowitsch nur der erste Versuch einer solchen systematisch hervorgerufenen Unordnung gemacht worden sei – sozusagen eine Art Prüfung des Programms der ferneren Tätigkeit nicht nur dieser, sondern auch aller übrigen Fünfergruppen. Letzteres sei aber seine – d. h. Lämschins – eigene Vermutung und er bäte nur, daß man das alles nicht vergesse, vielmehr in Betracht ziehe, bis zu welchem Grade er aufrichtig sei und wie gut er den Sachverhalt klarlege, so daß er noch sehr nützlich sein könnte, wenn die Polizei sich seiner annehmen wollte. Auf die Frage, ob es viele solcher „Fünfergruppen“ in Rußland gäbe, antwortete er, es gäbe ihrer eine unzählige Menge, die wie ein Netz ganz Rußland umspinne. Daran hat er, wie mir scheint, selbst vollkommen aufrichtig geglaubt, wenn er auch keine Beweise anführen konnte. Vorzeigen konnte er nur ein im Auslande gedrucktes Programm der Gesellschaft und ferner ein Projekt der „Entwicklung des Systems aller weiteren Handlungen“, das von Pjotr Stepanowitsch selbst geschrieben war. Es erwies sich, daß Lämschin den ganzen langen Satz von der „Erschütterung der Grundfesten“ wortwörtlich, ohne ein Komma oder einen Punkt zu vergessen, nach diesem Blatt zitiert hatte, trotz seiner Beteuerung hinterher, daß es seine eigene Auffassung sei. Über Julija Michailowna äußerte er sich erstaunlich scherzhaft und sogar ohne gefragt zu sein, indem er wieder vorgriff, daß sie „ganz unschuldig“ sei und man sie „nur zum besten“ gehabt habe. Bemerkenswert ist aber, daß er auch Nicolai Stawrogin von jeder Teilnahme an dem Geheimbunde, sowie von jedem Einverständnis mit Pjotr Stepanowitsch freisprach. (Von den geheimnisvollen lächerlichen Hoffnungen Pjotr Stepanowitschs auf Stawrogin ahnte Lämschin natürlich nichts.) Auch die Ermordung der Lebädkins war nach seinen Worten von Pjotr Stepanowitsch ganz allein den Mördern befohlen worden, ohne jeden Anteil Stawrogins, und nur in der schlauen Absicht, diesen in ein Verbrechen hereinzuziehen, um dann über ihn Macht zu bekommen – anstatt der Dankbarkeit aber, auf die er zweifellos gerechnet, habe Pjotr Stepanowitsch nur heftigen Unwillen und sogar Verzweiflung in dem „edlen“ Nicolai Wszewolodowitsch hervorgerufen. Und zum Schluß fügte Lämschin in seinen Aussagen über Stawrogin noch hinzu – übrigens gleichfalls ungefragt und sich überhastend, augenscheinlich in der Absicht, einen Wink zu geben –, daß dieser ein ungeheuer wichtiges Tier sei, nur müsse das unbedingt ein Geheimnis bleiben; aufgehalten habe er sich bei uns sozusagen inkognito, und dabei habe er hochwichtige geheime Aufträge gehabt, und deshalb sei es sehr möglich, daß er aus Petersburg bald wieder zu uns zurückkehren werde (Lämschin war überzeugt, daß Stawrogin in Petersburg sei), dann aber schon mit ganz anderen Aufträgen und mit einer Suite von solchen Persönlichkeiten, von denen man vielleicht auch bei uns schon bald hören werde, und alles das habe er von Pjotr Stepanowitsch gehört, dem „geheimen Feinde Nicolai Stawrogins“.

Hierzu eine Randbemerkung: zwei Monate später gestand Lämschin, er habe Stawrogin absichtlich von allem freigesprochen, und zwar in der Hoffnung auf dessen Protektion: er habe geglaubt, Stawrogin werde ihm dann aus Dankbarkeit in Petersburg eine bedeutende Erleichterung seiner Strafe erwirken können und ihm vielleicht auch nach Sibirien Geld und Empfehlungen schicken. Aus diesem zweiten Geständnis ersieht man erst, wie hoch Stawrogin auch von einem Lämschin eingeschätzt wurde.

Am selben Tage wurde natürlich auch Wirginski verhaftet, und im Eifer verhaftete man auch gleich seine ganze „Familie“. (Heute sind Arina Prochorowna, ihre Schwester und Tante sowie die Studentin schon längst wieder frei und es heißt sogar, auch Schigaleff werde in kürzester Zeit aus der Untersuchungshaft entlassen werden, da er in keine Kategorie der Angeklagten hineinpasse.) Wirginski bekannte sich sofort in allen Dingen schuldig: er war krank und hatte hohes Fieber, als man ihn verhaftete. Man erzählt, er habe sich fast gefreut: nun sei es „vom Herzen gewälzt“, soll er gesagt haben. Jetzt heißt es von ihm, daß er seine Aussagen wahrheitsgetreu und sogar mit einer gewissen Würde mache, doch von seinen „hellen Hoffnungen“ noch immer nicht lasse und nur den politischen Weg, auf den er so unverhofft und unschuldig gelockt worden war, verwünsche (im Gegensatz zum sozialen). Sein Verhalten während des Verbrechens im Park soll, glaube ich, zur Milderung seiner Strafe in Betracht gezogen werden. Wenigstens behauptet man das allgemein bei uns.

Anders steht es mit dem Schicksal Erkels. Der schweigt seit seiner Verhaftung hartnäckig, oder er entstellt die Wahrheit soviel er nur kann. Noch hat man kein einziges Wort der Reue aus ihm herauszuholen vermocht. Und doch hat er selbst in den strengsten Richtern Sympathie erweckt, – durch seine Jugend, durch seine Schutzlosigkeit, sowie durch die erwiesene Tatsache, daß er nur das fanatische Opfer eines politischen Verführers ist, vor allem aber durch sein jetzt bekannt gewordenes Verhältnis zu seiner armen Mutter, der er monatlich fast die Hälfte seines kleinen Gehaltes zugeschickt hat. Seine Mutter ist jetzt hier: sie ist eine schwache, kranke, vorzeitig alt gewordene Frau. Sie weint und wirft sich – es ist wortwörtlich zu nehmen – den Richtern zu Füßen, um für ihren Sohn Gnade zu erflehen.

Liputin wurde schließlich in Petersburg verhaftet, nachdem er dort zwei volle Wochen sich aufgehalten hatte. Mit ihm war etwas ganz Unwahrscheinliches geschehen, etwas, das man sich nur schwer erklären kann. Er, der einen Paß auf einen fremden Namen und bei beträchtlichen Geldmitteln durchaus die Möglichkeit hatte, ins Ausland zu entkommen, war trotzdem in Petersburg geblieben: eine Zeitlang hatte er Stawrogin und Pjotr Stepanowitsch gesucht, dann aber hatte er plötzlich zu trinken begonnen und ein über alle Maßen ausschweifendes Leben geführt, ganz wie ein Mensch, der jede gesunde Vernunft sowie jede Vorstellung von seiner Lage verloren hat. Verhaftet wurde er denn auch in einem Bordell, in betrunkenem Zustande. Jetzt soll er aber wieder zur Vernunft gekommen sein, durchaus nicht den Mut verloren haben, in seinen Aussagen lügen und zu der Gerichtsverhandlung sich mit einer gewissen Feierlichkeit und Hoffnungsfreudigkeit vorbereiten (?). Ja, er soll sogar die Absicht haben, vor Gericht eine Rede zu halten.

Tolkatschenko dagegen, der irgendwo im Nachbarkreise zehn Tage nach seiner Flucht verhaftet wurde, verhält sich weit bescheidener, lügt nicht und verstellt sich nicht, sondern sagt alles, was er weiß, ohne sich dabei freisprechen zu wollen, ist aber gleichfalls ein wenig zum „Reden“ geneigt: er spricht viel und gern, und wenn man auf die Kenntnis des Volkes und dessen revolutionäre (?) Elemente zu sprechen kommt, dann beginnt er sogar zu posieren und nach Effekt zu haschen. Auch er soll, wie man hört, eine Rede zur Gerichtsverhandlung vorbereiten. Überhaupt sind er und Liputin nicht allzu eingeschüchtert, und das ist eigentlich sonderbar.

Wie gesagt, das gerichtliche Urteil in dieser Sache ist noch nicht gesprochen.

Unsere Gesellschaft jedoch hat sich jetzt, nach drei Monaten, schon wieder einigermaßen erholt, gesammelt, und sich sogar eine eigene Meinung gebildet – allerdings eine dermaßen eigene, daß jetzt viele bei uns Pjotr Stepanowitsch für ein Genie halten, oder doch wenigstens für einen Menschen mit „hoch genialen Anlagen“.

„Da sieht man, was Organisation bedeutet!“ sagt man im Klub und erhebt dabei den Finger. Übrigens ist das alles furchtbar harmlos, und schließlich sind es nicht einmal viele, die so reden.

Andere dagegen urteilen weit weniger günstig über ihn, und wenn sie ihm auch eine große Begabung nicht absprechen, so tadeln sie doch seine vollkommene Unkenntnis der Wirklichkeit, bei schrecklicher Abstraktion und ungeheuerlicher und stumpfer Entwicklung nur nach einer Seite hin und daraus folgendem außergewöhnlichen Leichtsinn.

Das Urteil über seine Moral ist natürlich bei allen das gleiche; darüber streitet schon niemand mehr.

Ich weiß eigentlich nicht, wen ich der Vollständigkeit halber noch zu erwähnen hätte. Mawrikij Nicolajewitsch ist irgendwohin auf immer von hier weggereist. Lisas Mutter ist kindisch geworden ... Nur eine düstere Geschichte bleibt mir noch zu erzählen übrig. Ich werde mich mit den Tatsachen begnügen.

Warwara Petrowna war nach ihrer Rückkehr mit der Leiche Stepan Trophimowitschs aus Ustjewo wieder in ihrem Stadthause abgestiegen. Die Neuigkeiten, die sich hier inzwischen angesammelt hatten und die sie nun alle mit einem Male erfuhr, erschütterten sie entsetzlich. Es war Abend; alle waren müde und man ging früher zu Bett.

Am folgenden Morgen übergab die Kammerzofe Darja Pawlowna mit geheimnisvoller Miene einen Brief. Sie sagte, sie hätte ihn erst spät am Abend erhalten, als alle schon schliefen, und nicht gewagt, Darja Pawlowna aufzuwecken. Der Brief war nicht mit der Post gekommen, sondern in Skworeschniki von einem unbekannten Menschen Alexei Jegorowitsch eingehändigt worden. Dieser aber habe den Brief gestern Abend ihr – der Kammerzofe – selbst überbracht und sei darauf sofort nach Skworeschniki zurückgefahren.

Darja Pawlowna betrachtete mit klopfendem Herzen lange diesen Brief und wagte nicht ihn zu öffnen. Sie wußte, von wem er war: so schrieb nur Nicolai Stawrogin. Sie las die Aufschrift auf dem Kuvert: „An Alexei Jegorytsch zur Übergabe an Darja Pawlowna, heimlich.“

Hier ist dieser Brief, Wort für Wort, ohne Korrektur auch nur des geringsten Fehlers in den Sätzen dieses russischen Edelmannes, der ungeachtet seiner ganzen europäischen Bildung die Grammatik seiner Muttersprache nicht zu Ende gelernt hatte.

„Liebe Darja Pawlowna,

Sie wollten einmal ‚als Krankenschwester‘ zu mir kommen und nahmen mir das Wort ab, Sie zu rufen, wenn es nötig wird. Ich fahre in zwei Tagen und werde nie mehr wiederkehren. Wollen Sie mit mir gehen?

Im vorigen Jahr habe ich mich wie seinerzeit Herzen als Bürger des Kantons Uri aufnehmen lassen, und das weiß niemand. Ich habe mir dort schon ein kleines Haus gekauft. Ich habe noch zwölftausend Rubel; wir fahren dann fort und werden dort ewig leben. Ich werde sonst niemals nirgend wohin mehr reisen.

Die Stelle ist sehr öde, eine Schlucht; die Berge beengen den Blick und den Gedanken. Es ist sehr düster. Ich tat es, weil das kleine Haus gerade verkauft wurde. Wenn es Ihnen nicht gefällt, so verkaufe ich es und kaufe ein anderes an einem anderen Ort.

Ich bin nicht gesund, aber von den Halluzinationen hoffe ich mich durch die dortige Luft zu befreien. Physisch; moralisch aber wissen Sie alles; nur, ist es auch wirklich alles?

Ich habe Ihnen vieles aus meinem Leben erzählt. Aber nicht alles. Sogar Ihnen nicht alles! Übrigens, ich bestätige, daß ich mit dem Gewissen an dem Tode meiner Frau schuld bin. Ich habe Sie nachher nicht mehr gesehen und darum sage ich es hier. Schuld bin ich auch vor Lisaweta Nicolajewna; aber hiervon wissen Sie alles; hier haben Sie fast alles vorausgesagt.

Kommen Sie lieber nicht. Daß ich Sie zu mir rufe, ist eine schreckliche Gemeinheit. Ja und warum sollten Sie auch mit mir Ihr Leben begraben? Mir sind Sie lieb und im Leid war es mir wohl bei Ihnen: nur bei Ihnen allein habe ich von mir laut sprechen können. Daraus folgt aber nichts. Sie haben es selbst geprägt: ‚als Krankenschwester‘ – das ist Ihr Ausdruck; wozu so viel opfern? Begreifen Sie auch, daß ich Sie nicht bemitleide, wenn ich Sie rufe, und nicht achte, wenn ich Sie erwarte. Und währenddessen rufe ich Sie und erwarte ich Sie doch. Jedenfalls brauche ich Ihre Antwort, denn man muß sehr schnell fahren. In dem Falle werde ich allein fortfahren.

Ich hoffe nichts von Uri; ich fahre einfach. Ich habe nicht mit Absicht diesen düsteren Ort gewählt. In Rußland bin ich an nichts gebunden, – hier ist mir alles ebenso fremd wie überall. Es ist wahr, in Rußland liebte ich am allerwenigsten zu leben; aber selbst in Rußland habe ich nichts zu hassen vermocht!

Ich habe überall meine Kraft versucht. Sie rieten mir einmal dazu: ‚um sich selbst zu erkennen‘. In den Versuchen für mich selbst und in den Versuchen nach außen, um mit dieser Kraft zu prahlen, wie auch früher in meinem ganzen Leben, erwies sie sich immer als grenzenlos. Vor Ihren Augen ertrug ich die Ohrfeige von Ihrem Bruder. Ich bekannte öffentlich meine Ehe. Aber an was diese Kraft anlegen – das ist es, was ich nie gesehen habe, auch jetzt nicht sehe, trotz Ihres Beifalls in der Schweiz und Ihres Zuspruchs, dem ich traute. Ich kann auch jetzt noch ganz so, wie auch früher immer, eine gute Tat zu begehen wünschen und empfinde Vergnügen dabei; daneben aber will ich auch Böses und empfinde dabei gleichfalls Vergnügen. Aber dieses wie jenes Gefühl ist, ganz wie früher, immer zu klein und flach, sehr stark aber pflegt es nie zu sein. Meine Wünsche sind viel zu wenig stark; sie können nicht leiten. Auf einem Balken kann man über einen Fluß schwimmen, auf einem Holzspan aber nicht. Ich schreibe das nur, damit Sie nicht denken, daß ich mit irgendwelchen Hoffnungen nach Uri fahre.

Ich beschuldige wie immer niemanden. Ich habe ein grenzenlos ausschweifendes Leben versucht und meine Kraft in ihm erschöpft: aber ich liebe Ausschweifung nicht, noch wollte ich sie. Sie haben mich in der letzten Zeit beobachtet. Wissen Sie auch, daß ich sogar auf unsere Verneiner mit Haß geblickt habe, aus Neid auf ihre Hoffnungen? Aber Sie haben sich umsonst gefürchtet; ich konnte denen nicht Freund sein, denn ich erblickte nichts. Zum Spott aber, aus Bosheit, habe ich es auch nicht gekonnt und nicht, weil ich das Lächerliche fürchte, – das Lächerliche kann mich nicht schrecken, – sondern weil ich immerhin die Angewohnheiten eines anständigen Menschen habe und es mich anekelte. Doch wenn ich mehr Bosheit und Neid für sie hätte, so würde ich vielleicht auch mit ihnen gegangen sein. Urteilen Sie nun selbst, wie leicht es mir zumute war und wie ich mich hin und her gewälzt habe!

Du, mein liebster Freund, Du zartes und großmütiges Geschöpf, das ich nun endlich erraten habe! Vielleicht träumen Sie davon, mir so viel Liebe zu geben und mich mit so viel Schönem aus Ihrer wundervollen Seele zu überschütten, daß Sie hoffen, schon damit endlich auch ein Ziel vor mich hinstellen zu können? Nein, Sie sollten lieber vorsichtiger sein; meine Liebe wird ebenso flach sein, wie ich selbst bin, Sie aber werden unglücklich sein. Ihr Bruder hat mir einmal gesagt, daß derjenige, der die Verbindung mit seiner Erde verliert, sofort auch seine Götter verliert, das heißt also alle seine Ziele. Über alles kann man endlos streiten, aber aus mir ist nur Verneinung gekommen, ohne jede Großmut und ohne jede Kraft. Sogar nicht einmal Verneinung! Alles ist immer flach und schlaff. Der hochherzige Kirilloff ertrug die Idee nicht und – erschoß sich: aber ich weiß doch, daß er deshalb hochherzig war, weil er nicht bei gesunder Vernunft war. Ich werde nie meine Vernunft verlieren können und werde nie in dem Maße an eine Idee glauben können, wie er. Ich kann mich in dem Maße nicht einmal mit einer Idee beschäftigen. Nie, nie werde ich mich erschießen können!

Ich weiß, daß ich mich töten müßte, mich wie ein scheußliches Insekt von der Erde wegfegen; aber ich fürchte den Selbstmord, denn ich fürchte mich, Hochherzigkeit zu zeigen. Ich weiß, daß das noch ein Betrug sein würde, – der letzte Betrug in der endlosen Reihe der Betrüge. Was hätte es für einen Nutzen, sich selbst zu betrügen, nur um einmal den Hochherzigen zu spielen? Unwille und Scham kann in mir niemals sein; folglich auch keine Verzweiflung.

Verzeihen Sie, daß ich so viel schreibe. Ich bin wieder zur Besinnung gekommen. Ich habe das aus Versehen getan. So sind hundert Seiten zu wenig und zehn Zeilen genug. Zehn Zeilen genügen, wenn man jemand ‚als Krankenschwester‘ ruft.

Seit ich fortgefahren bin, lebe ich auf der sechsten Station beim Stationschef. Seine Bekanntschaft habe ich vor fünf Jahren in Petersburg in der wüsten Zeit gemacht. Niemand weiß es, daß ich bei ihm bin. Schreiben Sie unter seinem Namen. Die Adresse füge ich bei.

Nicolai Stawrogin.“

Darja Pawlowna ging sofort zu Warwara Petrowna und gab ihr den Brief. Diese las ihn durch und bat darauf Dascha, sie allein zu lassen, da sie den Brief noch einmal lesen wolle. Aber sie rief sie schon sehr bald zurück.

„Wirst du fahren?“ fragte sie fast zaghaft.

„Ja, ich werde fahren,“ antwortete Dascha.

„Dann mach dich bereit! Wir fahren zusammen!“

Dascha sah sie fragend an.

„Was soll ich hier jetzt noch? Ist es nicht einerlei, wo ich weiterlebe? Ich werde mich gleichfalls in Uri aufnehmen lassen und in der Schlucht leben ... Sei unbesorgt, werde euch nicht stören.“

Sie begannen schnell einzupacken, um noch mit dem Mittagzuge abfahren zu können. Es war aber noch keine halbe Stunde vergangen, als Alexei Jegorytsch aus Skworeschniki eintraf und meldete, daß Nicolai Wszewolodowitsch plötzlich am Morgen angekommen war, mit dem Frühzuge, und sich in Skworeschniki befinde, aber „in einem Zustande, daß der Herr auf die Fragen nicht zu antworten geruhten, durch alle Zimmer gingen, und sich dann in seiner Hälfte eingeschlossen haben ...“

„Ich bin ohne Befehl des Herrn hergefahren, um zu melden,“ fügte Alexei Jegorytsch verhalten, mit sehr aufmerksamem Blick hinzu.

Warwara Petrowna sah ihn durchdringend an und fragte nicht weiter. Im Augenblick war der Wagen bereit. Sie fuhr mit Dascha nach Skworeschniki. Während der Fahrt soll sie sich mehrmals bekreuzt haben.

In „seiner Hälfte“ waren alle Türen unverschlossen, doch Nicolai Wszewolodowitsch war nirgendwo zu finden.

„Sollte der Herr nicht vielleicht im oberen Stock sein?“ fragte Fomuschka vorsichtig.

Es war sonderbar, daß diesmal mehrere Dienstboten Warwara Petrowna in die „Hälfte des Herrn“ folgten, während die anderen im großen Saal warteten. Noch nie hatten sie es gewagt, so die Etikette zu überschreiten. Warwara Petrowna bemerkte es wohl, aber sie schwieg.

Man stieg in den oberen Stock. Dort waren nur drei Zimmer, doch in keinem einzigen fand man ihn.

„Ja, sollte der Herr nicht vielleicht dahin gegangen sein?“ fragte jemand und wies auf die Tür zur Dachkammertreppe.

Tatsächlich war diese sonst stets geschlossene kleine Tür zur Dachkammer diesmal offen. Eine schmale, lange und sehr steile Treppe führte hinauf.

„Dorthin gehe ich nicht! Aus welchem Grunde hätte er dorthin gehen sollen?“ fragte Warwara Petrowna, unheimlich erbleichend, und sah sich nach den Dienstboten um. Die sahen sie an und schwiegen. Dascha zitterte.

Dann stürzte Warwara Petrowna die Treppe hinauf. Dascha folgte ihr. Doch kaum hatte Warwara Petrowna in die Dachkammer hineingesehen, als sie aufschrie und bewußtlos hinfiel.

Der Bürger des Kantons Uri hing hier gleich hinter der kleinen Tür. Auf dem kleinen Tisch lag ein Stück Papier, auf dem mit Blei gekritzelt die Worte standen:

„Niemanden beschuldigen. Ich selbst.“

Auf demselben Tischchen lag ferner ein Hammer, ein Stück Seife und ein großer Nagel. Die starke seidene Schnur, mit der Nicolai Stawrogin sich erhängt hatte, war dick eingeseift. Alles wies auf volle Absicht hin und auf klares Bewußtsein bis zum letzten Augenblick.

Die Annahme, daß die Tat in geistiger Umnachtung oder im Irrsinn geschehen sei, wurde von unseren Ärzten nach der Obduktion mit aller Entschiedenheit zurückgewiesen.

Erster Anhang.
Material zum Roman „Die Dämonen“.
Aus den Notizbüchern F. M. Dostojewskis[55]

1. Januar 1870.

Stawrogin (der Fürst)

Der vollkommen entgegengesetzte Typ jenes Sprosses aus gräflichem Hause, den Graf Tolstoi in „Kindheit und Jugend“ dargestellt hat[56]. Ein Typ aus der Urbevölkerung, der unbewußt von seiner eigenen typischen Kraft beunruhigt wird, ganz unmittelbar, und die nicht weiß, worauf sie sich aufbauen [fußfassen] könnte. Solche autochthonen Typen sind häufig entweder Stenka Rasins[57] oder Danila Filippowitschs[58], oder sie gehen bis zum Äußersten des Geißler- oder Skopzentums. Es ist das eine außergewöhnliche, für sie selbst schwere unmittelbare Kraft, die etwas verlangt und sucht, worauf sie Fuß fassen [stehen bleiben] und das sie sich zur Richtschnur nehmen könnte, die bis zur Qual Ruhe, Erlösung von den Stürmen verlangt und die vorläufig doch unmöglich nicht stürmen kann bis zu der Zeit, da sie die Beruhigung findet. Er stellt sich schließlich auf Christus, doch sein ganzes Leben war Sturm und Unordnung. (Die Masse des Volkes lebt unmittelbar, still und harmonisch, urtümlich, doch kaum zeigt sich in ihr Bewegung, d. h. einfache Lebensfunktion, so stellt sie immer diese Typen hervor). Es ist eine unumfaßbare unmittelbare Kraft, die Ruhe sucht, die erregt ist bis zu Schmerzen und die sich während der Zeit des Suchens und des Umherirrens mit Freuden in ungeheuerliche Abweichungen und Experimente stürzt, bis sie auf einer so starken Idee Fuß faßt, die ihrer unmittelbaren tierischen Kraft vollkommen proportional ist, – auf einer Idee, die dermaßen stark ist, daß sie diese Kraft endlich organisieren und bis zu weihevoller Stille beruhigen kann.

Überhaupt ein ernsterer Charakter, ernst bis zur Seltsamkeit. Ist zurückgekehrt mit Gedanken und Fragen, die ihn um so mehr stutzig machen, als ihm alles neu ist. Manche halten ihn für einen Nihilisten (z. B. die Mutter), ja er gilt sogar allgemein für einen Nihilisten. Nur Gr. sieht, daß das nicht ein Nihilist ist (aber was denn sonst?). Er meint, ein von sich selbst eingenommener Tor, wie es ihrer viele unter ihnen gibt. Der Fürst spottlacht immer, was Gr. mißfällt und verletzt. Gr. denkt schließlich, W. habe den Fürsten in der Hand. Mitunter überraschen Gr. am Fürsten Ausbrüche sowohl von Ernst wie von Zartheit. Ein sehr ernstes Gespräch. Ein tiefer Zug, daß der Fürst sehr viel und aufmerksam zuhört. Aber die Mutter fürchtet ihn doch immer. W. nahm ihn schon in die Hand (d. h. er glaubte, daß es ihm gelungen sei), doch bald wurde es selbst dem sorglosen W. klar, daß das etwas anderes war. Er will übrigens dennoch (auf den Rat und die Warnungen U–ffs hin) den Fürsten in den Mord hineinziehen. Doch W. ist bloß leichtsinnig und sorglos, wenn es aber nötig ist – sehr klug: er gewahrt plötzlich, daß er den Fürsten nicht in den Mord hineinziehen kann, daß es hier gar nicht das ist, was er vermutet hatte, daß der Fürst nur zuhört, schweigt und aufpaßt, ja sogar selbst auf Sch–ffs Seite steht. Da löst W. mit einem Schlage das Mordproblem auf eine andere Weise und umgeht den Fürsten. Der Verdacht fällt dennoch zum Teil auf den Fürsten; doch nun nimmt plötzlich der Fürst selbst die Sache in die Hand und enthüllt sich.

Er wird mit einem Schlage Herr der Sache und besiegt U–ff; dieser gesteht. Geht geradeswegs zum Zögling, zeigt ihr seine ganze tiefe Liebe, stellt aber Bedingungen – sie ist mit Begeisterung einverstanden. Neue Menschen, erneutes Leben! Götzen zerstören und Schiffe verbrennen. Ist, falls nötig, bereit, sich von der Erbschaft loszusagen; doch die Mutter zittert schon und fügt sich. Schreckt den Gouverneur und den großen Schriftsteller. Hat großmütig Mitleid mit der jungen Schönheit, die er brutal und schroff verstößt wegen eines leichtfertigen Ausfalls. (Anfangs scherzte er mit ihr; sie hielt ihn für einen Nihilisten und ließ es sich einfallen, mit ihm ein wenig zu spielen; er ließ sie brutal im Stich, war aber im Unrecht: denn es war nicht Verderbtheit, wie ihm schien, sondern leichtfertige und gewissensruhige Überzeugung.) Überhaupt: er überzeugt sich, daß ehrlich und besonders ein neuer Mensch zu sein, nicht so leicht ist, daß dazu nicht Enthusiasmus allein genügt, was er auch ihr, dem Zögling seiner Mutter, erklärt: „Ich werde kein neuer Mensch sein, ich bin viel zu unoriginell dazu,“ sagt er, „aber ich habe endlich einige wertvolle Ideen gefunden, an die ich mich jetzt halten will.“ Doch vor jeder Wiedergeburt oder Auferstehung – Selbstüberwindung; und deshalb: „du bist mir nötig, du wirst mich retten mit deiner Stille“. Er sagt: „Früher verurteilte ich den Nihilismus und war sein erbitterter Feind, jetzt aber sehe ich ein, daß die Schuldigsten und Schlechtesten wir, die Herren, sind, wir vom Erdboden Losgerissenen, und darum müssen zuerst wir uns umgestalten. Wir sind die Hauptfäulnis, auf uns ruht der Hauptfluch und aus uns ist alles gekommen.“

7. März 1870.

Stawrogin (Fürst)

Der Fürst war der ausschweifendste Mensch und ein hochmütiger Aristokrat. Er hat sich bereits bekannt gemacht als ein Erzfeind der Aufhebung der Leibeigenschaft und als ein Unterdrücker der Bauern.

Er ist Ideenmensch. Die Idee, die ihn einmal ergreift, beherrscht ihn ganz; herrscht aber dann nicht so sehr in seinen Gedanken, als wie sie sich in ihm verkörpert, in seine Natur übergeht (immer mit Leiden und Unruhe), und dann, einmal in seiner Natur inkarniert, verlangt sie ihre sofortige Umsetzung in die Tat.

Während seiner Abwesenheit aus unserer Stadt hat er seine Überzeugungen geändert. Seine Überzeugungen ändern heißt für ihn sofort auch sein ganzes Leben ändern, so daß er schon mit der geheimen Absicht zurückkehrt, sich von der Erbschaft loszusagen und mit allem zu brechen. Er ist plötzlich ein furchtbarer Skeptiker geworden, ist maßlos mißtrauisch und vermutet immer das Schlimmste, – eine Erscheinung, die bei einem festen Menschen, für den sich entscheiden, die Schiffe verbrennen und handeln heißt, sehr verständlich ist. Dieser Mensch kann noch vor dem Entschluß zweifeln, wenn er noch nicht ganz überzeugt ist; zweifelt er aber, so wird er infolge der Leidenschaftlichkeit seiner Natur zum Skeptiker bis zum Zynismus.

Die Ideen Goluboffs sind: Ergebung und Selbstüberwindung und daß Gott und das Himmelreich in uns liegen, in der Selbstbeherrschung, desgleichen die Freiheit.

11. März 1870.

Der letzte Entwurf zum Fürsten Stawrogin

Als der Fürst ankam, hatte er bereits alle Zweifel überwunden. Er ist – ein neuer Mensch. Er bricht mit zwei Mädchen, beabsichtigt auch mit der Mutter zu brechen. Besessen von wahnsinniger, nach innen geschlagener und verhaltener Energie, spricht er sich wenig aus, schaut spöttisch und skeptisch zu, wie ein Mensch, der schon die endgültige Lösung und die große Idee gefunden hat. Er hört vorläufig alle an, widerspricht selten. Macht sich innerlich hochmütig lustig über Gr., ist krankhaft betroffen durch Sch. und sieht vollkommen deutlich dessen Buchgelehrtheit und Aussichtslosigkeit, beginnt mit Erstaunen und Neugier W. zu beobachten und horcht gespannt – da er endlich erraten will: worauf diese Menschen so fest stehen können? (NB. Mit W. frühere Beziehungen.) Einzig Goluboff erschüttert ihn, doch mit Enthusiasmus gesteht er ihm (aber kurz, in zwei Worten), daß dieses ganz und gar auch sein Gedanke ist, die von ihm gefundene Überzeugung. Er ist zurückgekehrt, um seine Verstöße, Beleidigungen usw. in der Stadt wieder gutzumachen. Versöhnt sich mit den Beleidigten, nimmt eine Ohrfeige hin, tritt für die verübte Religionsspötterei ein, sucht die Mörder auf, und schließlich erklärt er feierlich dem Zögling, daß er sie liebt, erklärt die Bedingungen. Sie bestehen darin, daß er von nun an ein Russischer Mensch ist und daß man sogar an das glauben muß, was von ihm bei Goluboff gesagt wurde, (daß Rußland und der russische Gedanke die Menschheit retten wird). Er betet vor Heiligenbildern usw. Während der ganzen Zeit, die er in der Stadt verlebt, zeichnet er sich durch die wildeste Energie in der neuen Überzeugung aus und setzt seine Mutter in Erstaunen. Dem Zögling sagt er, er habe sie beobachtet und sich überzeugt, daß er sie liebt und mit ihr auferstehen wird, wenn sie dieselben Überzeugungen hat. Und dann plötzlich erschießt er sich.

Stawrogin (der Fürst) und Schatoff

Der Hauptgedanke, an dem der Fürst krankt und den er in sich trägt, ist folgender: wir haben die Rechtgläubigkeit, unser Volk ist groß und schön, weil es glaubt und weil es die Rechtgläubigkeit hat; wir Russen sind stark und stärker als alle, weil wir eine unermeßliche rechtgläubige Volksmasse haben. Würde im Volk der Glaube an die Rechtgläubigkeit wankend werden, so würde es sofort anfangen sich zu zersetzen, ein Vorgang, der bei den Völkern des Westens bereits begonnen hat, denn im Westen hat man den Glauben (Katholizismus, Protestantismus, Sekten, Entstellungen des Christentums) schon eingebüßt, und hat ihn dort einbüßen müssen. (Bei uns ist natürlich die obere Volksschicht, die sogenannte höhere Gesellschaft, eine angeschwemmte Schicht, aus dem Westen übernommen – folglich hier nur „Gras im Feuer“ und hat nichts zu bedeuten.)

Jetzt aber fragt es sich: wer kann denn glauben? Glaubt denn auch nur jemand (von den Panslawen und selbst Slawophilen)? und schließlich sogar die Frage: kann man überhaupt glauben? Wenn man es aber nicht kann, wozu dann so viel von der Kraft des russischen Volkes, die in der Rechtgläubigkeit liegen soll, reden? Folglich ist diese Kraft nur eine Frage der Zeit. Dort hat die Zersetzung, der Atheismus, früher begonnen, bei uns – wird sie eben später beginnen, beginnen aber wird sie unbedingt mit der Ausbreitung des Atheismus. Wenn das aber sogar unvermeidlich ist, so muß man sogar wünschen, daß es noch schneller geschehe – je schneller desto besser.

(Der Fürst bemerkt plötzlich, daß er mit den Anschauungen W–s übereinstimmt: daß alles verbrennen das Beste ist.)

Es ergibt sich also folgendes:

1. daß die geschäftigen Leute, die diese Frage für leer und überflüssig halten und glauben, daß man auch ohne sie auskommen könne, Pöbel und Insekten sind, Gras im Feuer;

2. daß es sich um die dringende Frage handelt: kann man, wenn man zivilisiert, d. h. Europäer ist, überhaupt glauben? Ich meine: einwandlos an die Göttlichkeit des Gottessohnes Jesus Christus glauben? (Denn nur darin besteht doch der ganze Glaube, daß man an Christi Göttlichkeit glaubt.)

NB. Auf diese Frage antwortet die Zivilisation durch Tatsachen mit einem Nein (Renan) und mit dem Beweis, daß die Gesellschaft das reine Verständnis Christi nicht hat rein erhalten können (der Katholizismus ist Antichrist, Hure, der lutherische Protestantismus aber ist Molokanentum)[59].

3. Wenn es aber so ist (d. h. wenn man also nicht daran glauben kann), vermag dann die Menschheit überhaupt ohne Glauben zu leben (mit der Wissenschaft z. B., Alexander Herzen)?[60] Die sittlichen Grundlagen werden den Menschen durch Offenbarung gegeben. Vernichtet man im Glauben bloß irgend etwas, so stürzt die ganze sittliche Grundlage des Christentums ein, denn (alles ist untereinander verbunden) das eine zieht das andere nach sich.

Ist nun also eine andere, eine wissenschaftliche Sittlichkeit (ein wissenschaftliches Ethos) überhaupt möglich?

Wenn nicht, so wird folglich die Sittlichkeit nur vom russischen Volke aufbewahrt, denn das russische Volk ist rechtgläubig.

Wenn aber die Rechtgläubigkeit für den Zivilisierten unmöglich ist (und in hundert Jahren wird halb Rußland zivilisiert sein), so ist folglich alles nur ein Naturspiel, und die ganze Kraft Rußlands nur eine zeitweilige. Auf daß sie jedoch ewig sei, ist voller Glaube an alles unbedingt erforderlich ... Aber kann man denn glauben?

Zuerst, vor allen anderen Dingen, gilt es, diese Frage zu lösen: Kann man überhaupt ernstlich und wahrhaft glauben?

Hierin liegt alles, der ganze Lebensknoten des russischen Volkes, seine ganze Bestimmung in der Zukunft und sein ganzes zukünftiges Sein.

Ist es aber unmöglich, so zu glauben, dann ist es doch durchaus nicht so unverzeihlich, wenn jemand verlangt, daß man alles verbrennen soll. Beide Forderungen sind vollkommen gleich menschenfreundlich. (Langes Leiden und dann Tod oder kurzes Leiden und Tod. Das Letztere ist selbstverständlich menschenfreundlicher.)

Das also wäre das Rätsel?

NB. Sie können natürlich gegen die Richtigkeit der logischen Folgerung obiger Thesen vieles einwenden, können streiten, nicht zustimmen, z. B. von der gelehrten rechten Seite behaupten, daß das Christentum nicht in der Form des lutherischen Protestantismus fallen werde, d. h. indem man Christus nur als gewöhnlichen Menschen, als segensreichen Philosophen auffaßt (denn das ist doch der Ausgang des lutherischen Protestantismus), oder von der linken Seite behaupten, das Christentum sei keineswegs eine Notwendigkeit für die Menschheit und durchaus nicht die Quelle des lebendigen Lebens (die hitzigen Kleinen schreien ja schon, daß es sogar schädlich sei), daß z. B. die Wissenschaft der Menschheit das lebendige Leben sowie das vollendetste sittliche Ideal geben könne. Diese Widersprüche sind natürlich zu erwarten, ist doch die Welt voll von ihnen und das wird sie ja noch lange sein. Aber Sie, Schatoff, und ich, wir beide wissen doch, daß das alles Unsinn ist, daß Christus-Mensch im Gegensatz zu Christus-Gottessohn weder Erlöser noch Quelle des Lebens sein kann, daß die Wissenschaft allein niemals das ganze menschliche Ideal erfüllen wird, und daß die Lebensquelle, die Beruhigung des Menschen und die Rettung aller Menschen vor der Verzweiflung und die Bedingung sine qua non für das Sein der ganzen Welt in diesen Worten enthalten ist: Und das Wort ward Fleisch, und im Glauben an diese Worte. Früher oder später werden doch alle darin übereinstimmen, und somit ist denn wieder die ganze Frage nur: Kann man an all das glauben, woran zu glauben die Rechtgläubigkeit befiehlt? Wenn nicht, so ist es viel besser und humaner – alles zu verbrennen und sich Werchowenski anzuschließen.

Stawrogin (der Fürst) und Schatoff

Der Fürst: „Ich mache Sie darauf aufmerksam, und ich hebe es noch ganz besonders hervor, daß diese Fragen unvergleichlich wichtiger sind, als sie zu sein scheinen, wenn auch das sehr alte Neue an ihnen nur dies ist, daß wir beide ihre unermeßliche Bedeutung und die unbedingte Notwendigkeit ihrer Lösung erkannt haben.“

Ach! Wozu auf ganze tausend Jahre vorauslösen!“ rief Schatoff (d. h. also die langsame Zersetzung). „Besser ist, wir leben in der Gegenwart und erfüllen das Gegenwärtige, ohne daran zu zweifeln, daß weiterhin Gott helfen wird.“

„Versuchen Sie es, so zu leben!“ sagte der Fürst lachend und ging.

Stawrogin (der Fürst) und Schatoff

„Darum ist Werchowenski auch so ruhig,“ sagt der Fürst, „weil er überzeugt ist, daß das Christentum für das lebendige Leben der Menschheit nicht nur nicht unbedingt nötig, sondern sogar positiv schädlich sei, und daß die Menschheit, wenn man das Christentum vollkommen ausrottete, sofort zu neuem, wirklichem Leben aufleben würde. Darin besteht seine furchtbare Kraft. Sie werden sehen: der Westen wird mit diesen Leuten nicht fertig werden, alles wird dort durch sie untergehen.“

„Und was wird dann sein?“

„Eine tote Maschine, die natürlich nicht zu verwirklichen ist, aber ... vielleicht ist sie doch zu verwirklichen, denn in ein paar Jahrhunderten wird man die Welt schon so weit ertöten können, daß sie vor Verzweiflung wirklich lieber wird tot sein wollen. ‚Berge fallt über uns und deckt uns zu.‘ Und so wird es auch sein. (Wenn z. B. die Mittel der Wissenschaft sich für die Ernährung als unzureichend erweisen und es eng sein wird, auf der Welt zu leben, so wird man die Neugeborenen in ... werfen oder aufessen. Mich soll es nicht wundern, wenn das eine wie das andere geschieht. Es wird so sein müssen, besonders wenn die Wissenschaft es so für richtig hält).“

„Erklären Sie das näher,“ sagt Schatoff.

„Wenn die Nahrungsmittel sich verringern und man mit keiner Wissenschaft weder Nahrung noch Holz zum Heizen erlangen kann, die Menschheit sich aber immer noch vermehrt, so wird man die Vermehrung aufhalten müssen. Die Wissenschaft sagt: ‚Du bist nicht schuld daran, daß die Natur es so eingerichtet hat‘, und allem voran geht der Selbsterhaltungstrieb, folglich heißt es, die Neugeborenen verbrennen. Das ist die Moral der Wissenschaft. Malthus hat durchaus nicht so unrecht mit seiner Theorie, nur ist bis jetzt noch zu wenig Zeit vergangen, um sie durch praktische Erfahrung bestätigt zu sehen. Blicken Sie etwas weiter, fragen Sie sich, was dann sein wird; und wird denn Europa eine Bevölkerung ohne Nahrung und Heizmaterial aushalten können? Und wird dann die Wissenschaft zur rechten Zeit helfen, selbst wenn sie helfen könnte? Das Verbrennen der Kinder wird zur Angewohnheit werden, denn alle sittlichen Grundlagen im Menschen, der einzig seinen eigenen Kräften überlassen ist, – sind bedingt. Der Wilde Nordamerikas skalpiert seinen Feind, wir aber finden das vorläufig noch schändlich (wenn wir auch selbst eine Unzahl von vielleicht noch schlimmeren Gemeinheiten begehen, Gemeinheiten, die wir nicht einmal bemerken oder womöglich für Tugenden halten). Jetzt sehen Sie einmal: wenn Sie glauben, daß das Christentum eine Notwendigkeit ist und (ein Geschenk) eine Gnade Gottes für die Menschheit, die der Mensch allein, von sich aus, nie würde erlangt haben, – wenn Sie glauben, daß der Mensch von seiner Wiege an in unmittelbarer Verbindung mit Gott steht, zuerst durch die Offenbarung und dann durch das Wunder der Erscheinung Christi, und schließlich, wenn Sie glauben, daß der Mensch, nur auf seine eigenen Kräfte angewiesen, ganz auf sich allein gestellt, unfehlbar untergegangen wäre, und man folglich glauben muß, daß Gott mit dem Menschen in unmittelbarer Verbindung steht, – dann (d. h. wenn Sie sich dem Christentum ergeben haben) würden Sie sich niemals mit dem Gefühl des Kinder-Verbrennens aussöhnen. Da haben Sie jetzt eine vollkommen andere Sittlichkeit. Folglich enthält nur das Christentum allein das lebendige Wasser, kann nur das Christentum allein den Menschen zu den Quellen der Wasser des Lebens bringen und ihn vor der Zersetzung bewahren. Ohne Christentum wird sich die Menschheit zersetzen und untergehen.

Also kann man sowohl an dieses wie an jenes glauben. Somit besteht denn die Frage bloß darin, was denn eigentlich richtiger ist und wo die Quellen des lebendigen Wassers sind. Meiner Meinung nach wird die Menschheit mit der Wissenschaft allein, wenn diese es bis zu Gleichgültigkeit gegen die Neugeborenen gebracht hat, verwildern und aussterben, und darum ist verbrennen besser als sterben. Doch andererseits glaube ich fest, daß das Christentum die Menschheit retten würde.“

Schatoff: „Wie, wie?“

Der Fürst: „Es enthält alle Bedingungen zur Rettung wie der Sklaven so auch der Herren. Wenn man sich vorstellt, daß alle Christusse wären, würde dann der Pauperismus überhaupt möglich sein? Im Christentum wäre sogar der Mangel an Nahrung und Heizmaterial erträglich (nicht die Neugeborenen umbringen, sondern selbst für meinen Bruder sterben).“

Schatoff: „Wenn das so ist, worin besteht dann das Problem?“

Der Fürst: „Immer in dem einen: kann denn ein zivilisierter Mensch überhaupt glauben?

Nur aus Leichtsinn stellt der Mensch diese Frage nicht auf den ersten Plan. Übrigens, viele mühen sich darum, schreiben und reden darüber. Wir sorgen uns aus Leichtsinn und aus Ärger nur um das Gegenwärtige und glauben, das sei alles, was nötig ist. Andere wiederum denken sich verschiedene Verdauungsphilosophien aus, in dem Sinne, daß das Christentum sogar mit der unendlichen Entwickelung der Zivilisation, nicht nur mit der gegenwärtigen allein, vereinbar sei. Aber wir beide wissen doch, daß das alles Unsinn ist und daß es nur zwei Initiativen gibt: entweder der Glaube oder Verbrennen. Werchowenski hat sich für das zweite entschieden und ist stark und ruhig. Ich beobachte ihn jetzt, um festzustellen, was in seiner Kraft aus der Überzeugung kommt und was einfach nur aus der Natur.“

Stawrogin (der Fürst) und Schatoff

Schatoff: „Wenn der Mensch sich verändern wird – wie wird er dann mit seinem Verstande leben können? Der Besitz des Verstandes entspricht nur dem gegenwärtigen Organismus.“

Der Fürst: „Woher wissen Sie, ob der jetzige Verstand überhaupt nötig sein wird?“

Schatoff: „Was denn sonst? Wohl etwas Höheres?“

Der Fürst: „Zweifellos etwas viel Höheres.“

Schatoff: „Ja, kann es denn überhaupt etwas Höheres als den Verstand geben?“

Der Fürst: „So fragt die Wissenschaft, aber – sehen Sie, dort an der Wand kriecht eine Wanze. Die Wissenschaft weiß, daß sie ein Organismus ist, daß sie irgendein Leben lebt und Eindrücke hat, sogar ihre eigene Vorstellung, und Gott weiß was noch alles. Kann aber die Wissenschaft auch das Wesen des Lebens, der Vorstellungen und Empfindungen der Wanze erfahren und sie mir mitteilen? Das kann sie natürlich nicht und das wird sie auch niemals können. Um das erfahren zu können, müßte man wenigstens auf eine Minute selbst zur Wanze werden. Wenn der Wissenschaft das unmöglich ist, so kann ich annehmen, daß sie mir auch das Wesen eines anderen höheren Organismus oder Seins nicht mitzuteilen vermag, und folglich auch nicht den Zustand des Menschen nach seiner Ausartung im Millennium, wenn es dann auch meinetwegen keinen Verstand mehr geben sollte.“

„Sie haben mich ganz wirr gemacht,“ sagt Schatoff, „aber ich werde von Ihnen nicht ablassen.“

Der Fürst: „Ich verstehe nicht, warum Sie den Besitz des Verstandes, d. h. der Erkenntnis, für das höchste Sein von allen, die es überhaupt geben kann, halten? Meiner Meinung nach ist das schon nicht die Wissenschaft, sondern der Glaube, und schließlich kann man sagen, daß hier wiederum ein Gaukelspiel der Natur vorliegt, und zwar: sich selbst zu schätzen (im Ganzen, d. h. als einzelner Mensch in der Menschheit), ist zur Erhaltung des Menschen unbedingt nötig. Ein jedes Wesen muß sich für das Allerhöchste halten. Die Wanze hält sich bestimmt für höher als Sie, und sie würde bestimmt nicht zu einem Menschen werden wollen, ganz abgesehen davon, daß sie es nicht kann, sondern würde unbedingt gerade Wanze bleiben wollen. Die Wanze ist ein Geheimnis, und schließlich ist alles ein Geheimnis. Warum leugnen Sie die Geheimnisse anderer? Und merken Sie sich noch, daß der Unglaube dem Menschen vielleicht gerade deswegen angeboren ist, weil der Unglaube den Verstand über alles stellt, da aber der Verstand nur dem menschlichen Organismus eigen ist, so kann und will er auch nicht ein Leben in einer anderen Gestalt verstehen, d. h. ein Leben nach dem Tode, und darum glaubt er nicht, daß es höher sei. Andererseits ist dem Menschen schon von Natur das Gefühl der Verzweiflung und des auf ihm ruhenden Fluches eigen, denn der menschliche Verstand ist so eingerichtet, daß er beständig an sich nicht glaubt, sich selbst nicht befriedigt, und darum ist er geneigt, seine Existenz für ungenügend zu halten. Daraus ergibt sich der Drang zum Glauben an ein Leben jenseits des Grabes. Wir sind offenbar Übergangswesen und unser Dasein auf der Erde ist augenscheinlich der Vorgang oder das unausgesetzte Dasein einer Puppe, die sich in einen Schmetterling verwandelt. Erinnern Sie sich des Ausspruchs: der Engel fällt niemals, der Teufel ist so gefallen, daß er immer liegt, der Mensch fällt und kann auferstehn. Ich glaube, die Menschen werden entweder Teufel oder Engel. Man sagt, ewige Strafe sei ungerecht, und die französische Verdauungsphilosophie hat sich ausgedacht, daß allen verziehen wird. Aber das Erdenleben ist doch ein Prozeß der Umgeburt. Wer ist schuld daran, daß man sich in einen Teufel umwandelt? Alles wird natürlich aufgewogen werden. Aber das ist doch eine Tatsache, ein Resultat – ganz genau so, wie sich auch auf der Erde bei allem immer eines aus dem anderen ergibt. Und vergessen Sie auch nicht, daß ‚die Zeit nicht mehr sein wird‘, wie der Engel in der Apokalypse schwört. Und vergessen Sie gleichfalls noch das eine nicht, daß die Teufel – wissen! Folglich haben auch die Naturen des Jenseits Erkenntnis und Gedächtnis, und nicht nur der Mensch allein, allerdings – vielleicht nicht menschliche Erkenntnis und menschliches Gedächtnis. Sterben kann man gar nicht. Sein ist, aber Nichtsein ist überhaupt nicht.“

Schatoff: „Solcher Gespräche, wie das unsrige, gibt es in Rußland unendlich viele. Aber ... wie, wenn Sie sich über mich nur lustig machen?“

„Und was wäre denn dabei so schlimm?“ fragte der Fürst lachend.

Schatoff: „Ich glaube es nicht. Ein Mensch, der die Rechtgläubigkeit als das Wesen Rußlands begriffen hat, und das noch so begriffen hat wie Sie, kann nicht darüber spotten.“

Der Fürst: „Das tue ich ja auch gar nicht.“

Schatoff: „Wirklich nicht? Ich bin ein Buchmensch. Ich würde gern kein Buchmensch sein. Was muß ich dazu tun?“

Der Fürst: „Glauben Sie.“

Schatoff: „An die Rechtgläubigkeit und Rußland?“

Der Fürst: „Ja.“

Schatoff: „Ja, natürlich, dann ist man erlöst. Ich ... vielleicht glaube ich. Warum schweigen Sie?“

Der Fürst: „Sie glauben also nicht.“

Schatoff: „Und Sie?“

Der Fürst: „Aber was habe ich denn damit zu tun?“

Schatoff: „Sollten wir uns beide wirklich auch ohne Worte verstehen?“

Der Fürst: „Leben Sie wohl ... Und erlauben Sie, Schatoff, Sie noch auf eines aufmerksam zu machen: Sie sagten vorhin: ‚ich werde nicht von Ihnen ablassen!‘ Das wünsche ich durchaus nicht, im Gegenteil, ich wünsche, daß Sie mich vollkommen in Ruhe lassen. Ich sage das im Ernst. Ich habe meine Gründe ...“

Stepan Trophimowitsch Werchowenski und Schatoff

Stepan Trophimowitsch zitiert Tschatzki[61]:

„Zur Feder von den Karten, von ihr zurück zum Spiel,

Wie Flut und Ebbe wechselnd nach stehendem Gesetz ...“

Schatoff greift sofort auf: „Tschatzki begriff überhaupt nicht, als beschränkter Dummkopf, bis zu welch einem Grade er dumm war, als er dieses, was Sie da soeben zitierten, sagte. Er ruft im stärksten Unwillen: ‚Den Wagen mir, den Wagen!‘ weil er nicht einmal fähig ist, von selbst darauf zu verfallen, daß man die Zeit auch anders als ‚zur Feder von den Karten, von ihr zurück zum Spiel‘ verbringen kann – sogar in dem damaligen Moskau! Er war Herr und Gutsbesitzer und für ihn existierte außer seinem Kreise überhaupt nichts, – das ist der Grund, warum er über das Leben der höheren Moskauer Gesellschaft in solche Verzweiflung gerät, ganz als ob es außer diesem Leben in Rußland ein anderes gar nicht gegeben hätte. Das russische Volk übersah er einfach, wie dies alle unsere ‚Vorderen‘[62] taten, übersah es um so mehr, je mehr er zu den ‚Vorderen‘ gehörte. Je mehr Herr er war und je mehr Vorderster, um so mehr empfand er Haß – nicht gegen die russischen Einrichtungen, sondern gegen das russische Volk. Über das russische Volk, über seinen Glauben, seine Geschichte, seine Sitten, seine Bedeutung und seine große Millionenmasse dachte er sich nichts mehr als über den Pachtzinsparagraphen. Und genau so dachten auch die Dekabristen[63] und Professoren und Dichter und Liberalen, und überhaupt alle Reformatoren bis zum Zar-Befreier.[64]

Tschatzki ließ sich von seinen Bauern Pacht zahlen, um mit diesem Gelde in Paris leben zu können, Cousin zu hören und womöglich mit Tschaadajeffschem[65] oder Fürst Gagarinschem[66] Katholizismus zu enden oder, wenn er Freidenker war, mit einem Haß auf Rußland, wie etwa Belinski und tutti quanti[67]. Vor allem aber: er konnte es sich nicht einmal vorstellen, daß es in Rußland noch eine andere Welt als die der Moskauer höheren Gesellschaft geben könnte, weil – er selbst ein Moskauer Herr und Gutsbesitzer war. Und um wieviel doch diese stumpfsinnigen, kartenspielenden Moskowiter klüger waren als er! Aber wenn er auch dumm war, dafür hatte er ein gutes Herz, wenn er auch nicht von weitem her war, dafür war sein Gedanke doch originell – denn damals waren doch diese Tiraden gegen Moskau immerhin originell! Aber Sie, Sie, was sind Sie, wenn Sie das jetzt wiederholen? Oh, wenn Sie wüßten, wie weit Sie sogar hinter den damaligen kartenspielenden und ihren Dienst tuenden Moskowitern zurückgeblieben sind, und dabei halten Sie und Ihresgleichen sich immer noch für ‚Vordere‘! Wer auf den alten Formen des Liberalismus reitet, der ist schon zurückgeblieben. Die Form des Liberalismus muß immer originell sein, jede Generation muß eine neue haben. Ich spreche nicht vom Wesen des Liberalismus, sondern von seiner Form. Liberalismus, der mit Antinationalismus und persönlichem Haß gegen Rußland endet, ist Rückstand und Blödsinn, Sie aber sehen das nicht ein und halten es noch für das Vorderste und Höchste, das es überhaupt gibt.

Und bitte auch nicht zu vergessen, daß der Zar das Volk befreit hat, nicht Sie und Ihre Zeitgenossen. Herrgott, Sie haben ja noch nicht einmal begriffen, daß die Zaren unvergleichlich liberaler und fortgeschrittener waren, als Sie, denn die Zaren sind immer Hand in Hand mit dem Volke gegangen, sogar zu Birons[68] Zeiten. Der Gedanke, das Volk zu befreien, war den Zaren schon längst vertraut, dem Dekabristen Tschatzki aber kam er überhaupt nicht in den Sinn. Ja, diese Tschatzkis wurden manchmal sogar wegen grausamer Behandlung ihrer Bauern unter Kuratel gestellt, – und warum nur? Waren sie denn so schlechte Menschen? Taten sie es etwa aus Bosheit? Keineswegs. Sie taten es, weil sie einfach nicht origineller auf Rußland zu sehen verstanden, weil sie ihre Moskauer höhere Gesellschaft für ganz Rußland hielten. Ich könnte wetten, daß die Dekabristen das Volk sofort befreit hätten, bestimmt aber ohne ihm Land zu geben – wofür das Volk ihnen unbedingt sofort die Köpfe abgedreht und ihnen damit zu ihrer größten Verwunderung bewiesen hätte, daß nicht die Moskauer Gesellschaft allein ganz Rußland ausmacht. Aber, schließlich – auch ohne Köpfe hätten sie nichts verstanden, obgleich es gerade ihre Köpfe waren, die sie am meisten am Verstehen hinderten. Nein, mit Verlaub, das war Raskol, seit Peter dem Großen hat es bei uns zwei Raskole gegeben, einen oberen und einen unteren“.[69]

Stepan Trophimowitsch und Schatoff

„Sie, meine Herren, Sie Verneiner Gottes und Christi, haben nicht einmal daran gedacht, wie ohne Christus alles in der Welt sofort schmutzig und sündhaft wird. Sie verurteilen Christus und lachen über Gott, aber was für Beispiele geben Sie denn der Menschheit? Wie kleinlich sind Sie, wie verderbt, wie neidisch, wie ruhmsüchtig! Indem Sie Christus beseitigen –, entfernen Sie das unerreichbare Ideal der Schönheit und Güte aus der Menschheit. Und was schlagen Sie zum Ersatz Gleichwertiges vor?“

Stepan Trophimowitsch: „Ich glaube, hierüber ließe sich noch ein wenig streiten – aber wer hindert einen denn, wenn man an Christus nicht als an Gott glauben will, ihn als Ideal der Vollkommenheit und sittlichen Schönheit zu verehren?“

Schatoff: „Und zu gleicher Zeit doch nicht an ‚das Wort ward Fleisch‘ zu glauben, d. h. daß das Ideal leibhaftig gegenwärtig war, folglich auf Erden nicht unmöglich und der ganzen Menschheit wirklich erreichbar ist? Ja, kann denn die Menschheit ohne diesen Trost auskommen? Aber Christus ist ja doch nur deswegen gekommen, damit die Menschheit es erfahre, daß auch ihre irdische Natur, der menschliche Geist wirklich in einem so himmlischen Glanze tatsächlich und leibhaftig erscheinen kann, und nicht nur geistig, als Ideal – daß das sowohl möglich wie natürlich ist. Die Anhänger Christi, die dieses durchleuchtete Fleisch vergötterten, bewiesen unter den grausamsten Martern, welch ein Glück es ist, diese Leibhaftigkeit in sich zu tragen, der Vollkommenheit dieser Gestalt nachzuahmen und an ihre Leibhaftigkeit zu glauben. Die anderen aber, die da sahen, welch ein Glück diese Leibhaftigkeit gab, kaum daß der Mensch anfing, ihrer teilhaftig zu werden und sich in Wirklichkeit ihrer Schönheit zu nähern, – wunderten sich, staunten, und wollten schließlich selbst diese Seligkeit genießen: sie wurden Christen und freuten sich schon im voraus der Qualen. Das Ganze liegt hier eben darin, daß ‚das Wort‘ wirklich ‚Fleisch ward‘. Darin liegt der ganze Glaube und der ganze Trost der Menschheit, der Trost, auf den sie niemals verzichten wird. Das aber ist es ja gerade, was Sie und Ihresgleichen der Menschheit nehmen wollen. Übrigens, Sie würden es ihr nehmen können, wenn Sie ihr etwas Besseres als Christus zeigen könnten. So zeigen Sie es doch!“


Stepan Trophimowitsch sagt: „Immerhin muß man sich doch über das übermäßige Quantum Dummheit wundern, das in Rußland steckt.“

Der Fürst: „Aber das sind doch alles nur unreife Knaben, die weder von der Gesellschaft noch vom Volk etwas verstehen.“

Stepan Trophimowitsch: „Die aber bei uns doch so viel Stützkraft gefunden haben und finden, und zu denen alles hinströmt, – wenn auch die Hinströmenden meinetwegen nur Knaben und Mädchen sind, so sind es doch nicht zehnjährige, sondern immerhin zwanzig- und über zwanzigjährige. In diesem Alter aber ist es nicht mehr statthaft, so dumm zu sein.“

Schatoff: „Ich bitte Sie! Sind denn bei uns nicht alle so dumm, selbst die Sechzigjährigen der gebildeten Gesellschaft nicht ausgenommen? Treten doch ganze Zeitungen und Zeitschriften, ernste Menschen, sogar Professoren und Direktoren und alle möglichen Autoritäten für die Idee der Aufteilung Rußlands und die Lostrennung unserer Grenzprovinzen ein! Ist das denn nicht ebenso dumm?

Waren Sie es nicht selbst, Stepan Trophimowitsch, der uns noch vor kurzem erzählte, wie die Herren Literaten oder die literarischen Herren mit Belinski darüber diskutiert haben, wie dieses oder jenes in der Zukunftsgesellschaft sein werde? Alles ist doch aus Ihrer Generation gekommen, stammt aus Ihrer Zeit. Waren Sie denn klüger? Ist denn die Idee, daß alle Völker des Westens national sein und wir sie deswegen achten und die Sonderheit der ganzen nationalen Entwicklung eines jeden Volkes andächtig anerkennen müssen, die Russen aber unter keinen Umständen sie selbst sein dürfen, und ihnen nicht einmal in Gedanken etwas Besonderes, Eigenes zugestanden werden darf[70], – ist diese Idee etwa nicht dümmer, als was diese Knaben in ihren Proklamationen von den Genossenschaften reden? Ja, genau genommen stützen sich diese Knaben gerade auf die Anschauungen Ihrer Generation, denn Ihre Generation hat durch die Unkenntnis Rußlands und die Verleugnung seiner Selbständigkeit die ganze Sache eingebrockt. Was aber diese Knaben anbetrifft, so stellen sie sich ja durch ihr Programm selbst in ein Kriegsverhältnis zu jeder Gesellschaft, also dürfen sie sich auch nicht wundern oder sich beklagen, wenn die Gesellschaft sie vernichtet. Sie sagen, daß sie vor moralischen Pedanterien nicht zurückschrecken, sondern morden und brennen werden, folglich kann man auch mit ihnen so verfahren. Wenn sie die Regierung geschlachtet haben werden, wollen sie nur ein paar Tage Zeit lassen, damit alle ihr Hab und Gut ihnen übergeben, sich von allem Besitz auf ewig lossagen und sich in die Genossenschaften als Schuster einschreiben können. Folglich können alle, die das nicht wollen, auch mit ihnen ebenso zeremonielos verfahren.“

Schatoff

Schatoff spricht während der Sitzung:

„Ich schäme mich, ein solches Programm mit meinem Namen zu unterschreiben. (In wenigen Tagen sind dann alle Schuster.) Zehnjährige Knaben sind klüger als Sie. Nach dem Ton des Programms zu urteilen, sind Sie, meine Herren, vollkommen überzeugt, daß alle, hingerissen von Ihrer Kühnheit, Weib, Kind, Besitz und Kirchen verlassen werden, um mit Ihnen zu stehlen, zu morden und zu brennen. Aus Ihren Worten ersieht man, wie fest Sie glauben, daß das Volk den Zaren hasse und nur darauf warte, endlich alles von sich werfen und sich Ihnen anschließen zu können. Sie sind ja sogar dermaßen davon überzeugt, daß Sie mit ruhigem Gewissen bereits angefangen haben, sowohl zu rauben, wie zu brennen und zu morden. Sie sind so unreife Knaben, daß Sie nicht einmal die gewöhnliche Eigenliebe der Menschen in Betracht ziehen – ganz abgesehen von alldem anderen –, wenn Sie glauben, die Menschen werden zu Ihnen gelaufen kommen, zu Ihnen, den grünen Jungen! Sie sind dermaßen flach und dumm, daß Sie überzeugt sind, Sie hätten eine große Entdeckung gemacht, ohne auch nur ein einziges Mal auf den Gedanken zu kommen, daß die Menschheit das alles wohl schon längst getan hätte, wenn das die Wahrheit wäre, und nicht tausend Jahre lang gelitten hätte, einzig um auf Sie zu warten. Sie schämen sich nicht, so zu lügen, wie Sie es in Ihren Proklamationen tun, wenn Sie die Tatsachen entstellen und dazu übernaiv bemerken, dies sei eben jesuitisch und die Jesuiten seien gewandte Leute, und daß Sie genau so wie die Jesuiten handeln werden; und dabei lassen Sie es sich nicht einmal träumen, daß jede Lüge und jede Entstellung der Tatsachen in ungewöhnlich kurzer Zeit an den Tag kommt, und daß dann die Menschen sehen werden, daß Sie absichtliche Lügner sind, und daß Ihnen dann niemand folgen wird. Sie sind, im Gegenteil, wie dumme Jungen fest überzeugt, daß die Lügen weiter nichts auf sich hätten, daß sie vielmehr allen gefallen und die Menschen sich über Ihre geschickten Lügen nur freuen und alles, was sie bis dahin heilig gehalten, was sie geliebt, im Stich lassen werden – Gott, Weib und Kinder, Ordnung, Anstand –, um zu Ihnen überzulaufen, einzig weil Sie morden und brennen – ohne dabei selbst zu wissen, warum und wozu eigentlich. Sie schämen sich nicht, zu schreiben, daß Sie dem Achtzigmillionenvolke eine Frist von nur ein paar Tagen geben werden, innerhalb welcher Zeit es sein Hab und Gut Ihnen auszuliefern, die Kinder zu verlassen, die Kirchen zu beschimpfen und sich in die Genossenschaften als Schuster einzuschreiben habe. Sie sind überzeugt, daß alle die Kirchen hassen und die Ehe als Last empfinden und sich nur nach den Aluminiumpalästen sehnen, in denen man nach Herzenslust tanzen und die gemeinsamen Frauen und Männer in besondere Zimmer führen kann[71]. Sie verfallen gar nicht darauf, daß eine so kindische Auffassung der Sache, als handle es sich hierbei um ein Spielzeug, nur verrät, daß Sie noch Bengel sind, denen man schmerzhaft die Rute geben müßte; und die Gesellschaft achten Sie so gering, daß Sie sich nicht einmal bemüht haben, die Proklamation sorgfältiger zu redigieren. Wenn das Publikum lesen wird, wie kindisch Rußland Ihrer Meinung nach verfahren könnte, wie es in ein paar Tagen alles hinwerfen und sich verwandeln soll, wird es sich nur über Ihre Dummheit wundern; doch wenn es sehen wird, daß Sie außerdem noch Bösewichter sind, wird es Sie als schädliche Irrsinnige beseitigen, und zwar mit aller Strenge beseitigen. Doch leider sind ja auch Alle nicht klüger als Sie und das kommt alles nur daher, ist nur deshalb so, weil sie sich vom Boden losgelöst und nicht ein eigenes, sondern ein fremdes Leben geführt und beständig unter Vormundschaft gelebt haben.“

„Man hat in diesem unter Vormundschaft verlebten Leben gar zu Weniges lieb gewonnen, um für dieses Leben einzustehen. Es hat sich viel Unzucht und Leichtsinn aufgehäuft. Wenn man sich um das Leben gemüht, wenn man es sich durch Arbeit erworben hätte, selbständig, mit Leid und Kampf, mit Mühen und Plagen und allen Freuden des Erfolges nach dem Kampf, doch vor allen Dingen durch Arbeit – die eigene Mühe ist ja die Hauptsache –, nicht aber nur unter administrativer Vormundschaft, so hätte man Tatsachen erworben, viele Erlebnisse aufgespeichert, es würden sich lebendige Erinnerungen an den Kampf und die Arbeit erhalten, und dieses Erlebte und Durchlebte würde allen teuer sein. Teuer wäre dann auch das Andenken an die verstorbenen Tatmenschen und hoch würde man die lebenden Tatmenschen schätzen, die dann einen ganz anderen Einfluß auf die Menschen hätten, und nicht so leichtsinnig wie jetzt würde die Gesellschaft dann auf jeden Schwindel dummer und verderbter, seelenloser Bengel antworten. Wahrlich, sie ist uns eine gute Lehre! – diese deutsche Vormundschaft! O Gott, was für eine Lehre das ist! Es gibt kein einziges Volk, keine einzige Nation in Europa, die sich nicht aus eigener Kraft hat retten können, – selbst in der flammendsten Revolution, selbst auf den Barrikaden ist das erste, was geschieht, daß eine neue Ordnung festgesetzt wird und die Diebe, Plünderer und Brandstifter erschossen werden. Sie aber, Sie wollen bei uns ein Achtzigmillionenvolk einzig durch Brandstiftung, Totschlag und Zarenmord anlocken und für sich Sympathie erwecken! So glauben Sie, daß diese Gesellschaft überhaupt nichts aus ihrem durchlebten Leben achte, und daß dieses Leben unter administrativer Vormundschaft so schön gewesen sei! Zu was sind Sie entartet? Und Sie, Sie sehen noch immer nicht, daß das Volk sich schon vollständig, aber vollständig von Ihnen losgesagt hat! Nun wohl! – versuchen Sie es doch noch einmal, das Volk unter Vormundschaft zu nehmen, versuchen Sie es doch! Wahrlich, Sie haben doch schon gar zu holsteinisch auf das Volk gesehen!“

Und dann sofort der Verfasser der Chronik von sich aus: So sprach Sch. wie außer sich, und vielleicht war in seinen Worten auch wirklich einiges doch ganz Wahres. In der Tat, Vormundschaft und Entfremdung vom Volke haben ja gerade das bewirkt, daß die Gesellschaft erstens nichts mehr hat, was ihr teuer ist und wofür sie einstehen würde, und zweitens, da sie sieht, daß hingegen dem Volk zweifellos das Eigene teuer ist und es dafür einsteht und dabei ein so volles Leben lebt – so hat das der Gesellschaft den Vorwand gegeben, das Volk nun endgültig zu hassen, also gerade seines vollen Lebens wegen. Ich verstehe jetzt, was Schatoff sagen wollte, als er von diesem Haß der Belinski und unserer sämtlichen Westler gegen das Volk sprach, und wenn sie selbst diesen Haß leugnen wollen, so ist es klar, daß sie selbst ihn nicht erkennen. Ja, so war es doch: sie glaubten, daß sie das Volk „hassend liebten“, und so sagten sie es auch von sich. Aber sie schämten sich nicht einmal ihres Ekels vor dem Volke, wenn sie praktisch mit ihm in Berührung kamen. (In der Theorie allerdings liebten sie es.)

Stepan Trophimowitsch (Gr.) sagt: „Ja, aber das Volk wurde doch ebenso bevormundet, wie die anderen, und Sie geben doch selbst zu, daß es russisches Volk geblieben und nicht unter der Vormundschaft entartet ist und nicht Rußland haßt.“

Schatoff: „Das Volk wurde mit der deutschen Reform verschont und von Anfang an als hoffnungslos aufgegeben. Man erlaubte ihm auch sofort wieder, den Bart zu tragen. Damals hielt man das Volk für etwas Unwichtiges, man sah auf dasselbe wie auf Rohmaterial oder Steuerzahler herab. Zwar bevormundete man es streng, das ist wahr, aber sein inneres, eigenes Leben ließ man ihm unangerührt, und wenn es auch viel zu erdulden und viel zu leiden hatte, so endete es doch damit, daß es auch sein Leiden lieb gewann. Dagegen wurden alle Russen der oberen Gesellschaftsschicht zu Deutschen, und diese vom Erdboden Losgerissenen hatten dann bald nur für Deutschland noch Liebe übrig, für ihr Vaterland aber und für ihr eigenes Volk nur Verachtung und Haß. So war es ja überall. So begannen auch in Litauen die Stammrussen ihre eigene Rasse zu mißachten.“