Fragen und Antworten

„Sie bieten das Glück an. Aber selbst wenn wir annehmen, daß Sie im Endziel des Strebens vollkommen recht haben (was natürlich absurd ist, doch worüber ich vorläufig nicht streiten will), so ersieht man doch schon aus Ihrer Proklamation[72], bis zu welch einem Grade Ihre Köpfe unreif, flach und leichtsinnig sind und somit – wie wenig sie zum Erreichen Ihres eigenen Zieles taugen. Sollten Sie denn wirklich nicht einsehen, daß eine Umwandlung, wie die, die Sie vorschlagen, eine Umgeburt des einzelnen Menschen wie des ganzen Volkes, sich doch nicht so leicht und schnell vollziehen kann, wie Sie glauben!? Denn Sie sagen doch, daß alles mit dem Beil und durch Raub gemacht werden werde, auf daß sich aber der Mensch von Gott, von der Liebe zu Christus, von der Liebe zu seinen Kindern und von seinen Pflichten ihnen gegenüber lossage, von seiner Persönlichkeit und ihrer Sicherstellung, – dazu sind Jahrhunderte noch zu wenig. In Jahrtausenden hat sich z. B. die gesellschaftliche, juridische Sicherstellung im Staate herausgearbeitet, und doch – bis zu welch einem Grade ist sie noch überall unzureichend! So langsam arbeitet sich in der Praxis selbst ein so alltägliches Bedürfnis eines jeden Menschen heraus! Darum aber, wenn auch das, was bereits ist, was sich bereits herausgearbeitet hat, meinetwegen auch unzureichend ist, so wird der Mensch doch nicht so leicht darauf verzichten und Ihnen nachlaufen: denn wenn es auch nicht gut, wenn es auch nur wenig ist, so ist damit doch immerhin schon etwas da, bei Ihnen aber ist nichts, denn Sie sagen ja selbst ganz offen, daß alles auf Grund liebevoller Vereinbarung geschehen und niemandem und für nichts eine Garantie geboten werden soll, wenn’s nicht gerade die Genossenschaft betrifft. Um Fragen einfach abzuschneiden, behaupten Sie kurzweg, daß es in der neuen Gesellschaft Verletzungen nicht mehr geben werde und folglich seien Garantien gar nicht nötig. Aber so etwas kann doch nur ein Verrückter behaupten, der noch nichts erprobt hat, und so ohne alle Unterlagen, wie Sie da Ihre Versicherungen abgeben.

Wenn aber der Mensch nicht einmal darauf leicht verzichten wird, wie wird er sich dann noch von seinen Kindern, von seiner Liebe zu ihnen, von Gott und schließlich von seiner ganzen Freiheit lossagen? Sie antworten auf keine einzige der Fragen, die die ganze Menschheit erregen, Sie schieben alles beiseite. Doch wenn Sie die Fragen nicht beantworten, wie wollen Sie dann die Aufgaben lösen? Und deshalb – wie könnten denn alle sich Ihnen anschließen und sich sofort zu der neuen Gesellschaft umschaffen [umgebären]? Ihnen wird nur ein Häufchen leichtsinniger Menschen folgen oder Nichtswürdige, die Sie mit der Aussicht auf Plünderung anlocken. Wenn aber so etwas nur in Jahrhunderten entstehen kann, wie können Sie dann versprechen, dasselbe in wenigen Tagen zu schaffen (wie Sie sich ja buchstäblich ausdrücken)? Also sind Sie nun nach alledem nicht leichtsinnig, und welch eine Verantwortung übernehmen Sie für die Ströme von Menschenblut, die Sie vergießen wollen? Aufbauen ist schwer; darum reißen Sie auch nur nieder, weil das am leichtesten ist.“

„Überhaupt keine Verantwortung, wir bringen einfach unsere Köpfe. Die zukünftige Gesellschaft wird vom Volke geschaffen werden nach der allgemeinen Zerstörung, je schneller desto besser.“

„Aber erstens, das Volk wird nicht anfangen dreinzuschlagen, wenn es nicht weiß, wofür; hauen, brennen und plündern wird nur ein Haufe geheimer Bösewichter. Denn das Volk kann doch nicht Ihr Programm annehmen: Vernichtung der Persönlichkeit, des Eigentums, Gottes und der Familie. Ich sage nochmals: selbst wenn Ihr Programm gerecht wäre, könnte es doch nur im Laufe von Jahrhunderten angenommen werden, in Jahrhunderten friedlicher, praktischer Studien und Entwicklung. Und selbst wenn das Volk sich vom Aufruhr und Plündern hinreißen lassen sollte, so wird es sich doch sofort wieder beruhigen und dann etwas anderes aufbauen, jedenfalls aber auf seine Art, und – nun ja – vielleicht sogar etwas noch viel Schlechteres.“

„Meinetwegen; aber auch das ist schon gut, daß wenigstens eine Welt untergeht. Dann wird eben eine andere Welt beginnen, meinetwegen eine mit Fehlern, eine vom Volk errichtete, aber sicher wird sie schon ein wenig besser sein. Wenn man dann deren Fehler erkannt hat, werden wir oder unsere Nachfolger auch diese Welt wieder stürzen, und so weiter, bis schließlich unser ganzes Programm durchgesetzt ist. Doch auch beim ersten Experiment werden wir unseren Zweck schon damit erreichen: daß erst einmal das Prinzip des Beiles und der Revolution angenommen wird.“

„Aber auf Grund wessen sind Sie denn so überzeugt, daß Ihr Programm unfehlbar ist? Wie nun, wenn das alles nur Unsinn ist und die absurdeste Unkenntnis der menschlichen Natur im allgemeinen und des russischen Volkes im besonderen? Sie können das Gegenteil doch mit nichts beweisen, höchstens den Einwand vorbringen, daß es Ihnen unfehlbar erscheint. Aber es ist doch möglich, daß Sie alle sehr dumm sind und es Ihnen nur deshalb so erscheint; dann aber können Sie doch nicht verlangen, daß alle übrigen Menschen ausschließlich zu diesem Zweck gleichfalls zu Dummköpfen werden, nur um Ihnen folgen zu können. Aber siehe da, Sie weigern sich ja, darüber auch nur zu reden. Sie sagen: wer nicht für uns ist, der ist wider uns, und weihen alle, die entgegengesetzter Meinung und Überzeugung sind, einfach dem Tode, wobei Sie ganz zu vergessen scheinen, daß Streit unter allen Umständen Entwicklung der Sache ist. Und mit welch einer Wut erkennen Sie diejenigen nicht einmal an, die gegen Sie sogar handeln werden, da sie mit Ihren Überzeugungen nicht übereinstimmen.“

„Alles das ist Unsinn und Finessen!“

„Wenn Sie aber nicht mit aller Sicherheit wissen, daß Ihr Programm richtig ist, wie können Sie dann das Verbrechen der Zerstörung auf Ihr Gewissen nehmen?“

„Wir glauben aber, daß unser Programm richtig ist, und daß ein jeder, der es annimmt, glücklich wird. Deshalb entscheiden wir uns auch fürs Blut, denn nur mit Blut wird Glück erkauft.“

„Wenn es aber nicht damit erkauft wird, was dann?! Geglaubt wird nur an Gott, im Leben aber sind Tatsachen erforderlich.“

„Wir sind überzeugt, daß man es damit kaufen kann, und das genügt uns.“

„Oh Ihr Unseligen! Mich freut nur eines: daß es Ihnen um keinen Preis gelingen wird, denn Sie kennen das Volk nicht. Gesetzt, Ihnen gelingen einige Plünderungen, Brandstiftungen, Morde und Verführungen, nehmen wir selbst an, daß Sie es bis zu einem Aufstande bringen, das ganze Volk aber wird Sie dafür doch sofort aufknüpfen; nicht aber Ihr Programm annehmen, denn dieses Programm ist widernatürlich und außerdem auf der größten Unkenntnis des russischen Volkes aufgebaut. Niemals wird der Mensch Ihnen seinen Glauben, seine Familie ausliefern und in dieses Zuchthaus übersiedeln, das Sie ihm in Ihrem Programm anbieten, und niemals wird er seine persönliche Freiheit für eine solche Knechtschaft verkaufen ... Das Volk aber wird Ihnen niemals seinen Zar-Befreier ausliefern.“

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Sie wollen morden und plündern, weil das am leichtesten ist. Diese Lehre tauchte in Frankreich gerade damals auf, als die Kommunisten überall durchfielen und sich als nichtswürdige Bengel erwiesen.

Stepan Trophimowitsch und Pjotr Stepanowitsch Werchowenski

„Ich mache die Sache, weil sie gemacht werden muß. Damit (mit der Zerstörung) muß naturgemäß jede Sache beginnen; das weiß ich, und darum beginne ich eben. Das Ende geht mich nichts an, ich weiß nur, daß man damit beginnen muß, alles übrige ist nur zeitraubendes Geschwätz. Alle diese Reformen und Korrekturen und Verbesserungen – sind Unsinn. Je mehr man reformiert und verbessert, um so schlimmer ist’s, denn auf diese Weise erhält man noch einige Zeit künstlich das Leben eines Dinges, das doch unbedingt sterben und einstürzen muß. Je schneller desto besser, je früher damit begonnen wird, um so besser. (Zuerst natürlich Gott, Verwandtschaft, Familie usw.) Man muß alles zerstören, um das neue Gebäude aufbauen zu können, das alte Gebäude aber mit Stützen noch zu stützen, ist nichts weiter als eine Pfuscherei.“

„Nun, z. B., du weißt, daß du früher oder später doch einmal sterben mußt, warum erschießt du dich denn nicht jetzt gleich – je schneller desto besser?“

„Einzig weil ich noch nicht will und weil die Sache gemacht werden muß.“

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„Ich bin kein Genie, und ich will auch gar nicht eines sein, aber ich weiß, daß man es jetzt machen muß, und so mache ich es denn. Auch ihr wußtet das, du und deine Generation, doch ihr weintet bloß. Wir aber weinen nicht, sondern tun’s einfach.“

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Stepan Trophimowitsch und Pjotr Werchowenski

„Der verstorbene Belinski beschimpfte Christus, hätte dabei aber nicht einmal einem Huhn etwas zuleide tun können.“

„Oh, in der Wirklichkeit und im Verstehen der wirklichen Dinge war Belinski sehr schwach. Turgenjeff hatte ganz recht, als er von ihm sagte, daß er, Belinski, sogar wissenschaftlich sehr wenig gewußt habe. Aber er begriff doch besser als sie alle. Du lachst, du scheinst sagen zu wollen: viel haben sie wahrlich allesamt begriffen! Mein Freund, ich erhebe keinen Anspruch auf das Begreifen der Einzelheiten des wirklichen Lebens. Doch ich kam ja auf Belinski zu sprechen. Ich erinnere mich des Schriftstellers D., der damals fast noch ein Jüngling war[73]. Belinski wollte ihn zum Atheismus bekehren und nach den Entgegnungen D’s, der Christus verteidigte, begann er Christus zu schmähen. ‚Und immer macht er, wenn ich schimpfe, eine so betrübte, niedergeschlagene Physiognomie,‘ sagte Belinski plötzlich, indem er mit dem gutmütigsten, unschuldigsten Lachen auf D. wies. Einmal traf dieser D. zufällig Belinski am Bahnhof der erst im Bau befindlichen ersten Eisenbahnstrecke. ‚Ich kann nicht kaltblütig warten‘, sagte Belinski zu ihm, ‚ich habe mir den Weg hierher zum Spaziergang erwählt und jeden Tag sehe ich mir den Bahnbau an.‘ Oh, wenn er, der Arme, gewußt hätte, mit welchen Augen damals viele auf diese Eisenbahn sahen, besonders die Erbauer der Bahn! Belinski sagte: ‚Ich bin nicht so wie die anderen, ich bin schon, wie Sie sehen, gerade davon krank. Wenn ich verscharrt sein werde, – wird man erfahren, wen man begraben hat.‘[74] D. schloß sich ihm an und begann über die Eisenbahn zu sprechen, dann über die zukünftigen Eisenbahnen überhaupt, über die Beheizung der Wagen und schließlich über die Beheizungsfrage in Moskau, wo das Brennholz immer teurer wurde und in Zukunft, wenn Moskau der Knotenpunkt aller Eisenbahnen sein wird, noch sehr viel teurer werden müsse. Wahrscheinlich werde man das Holz dann mit der Bahn aus den waldreichen Gegenden herbeischaffen. Da begann Belinski zu lachen über diese, wie ihm schien, geringe Kenntnis der Wirklichkeit: ‚Brennholz will er mit der Eisenbahn befördern!‘ Das erschien ihm ungeheuerlich. Stellen Sie sich vor, er glaubte wirklich, daß man mit der Eisenbahn nur Passagiere, von Waren aber höchstens die feinsten und wertvollsten articles de Paris[280] befördern werde. Das war seine Kenntnis der Wirklichkeit ... Aber er begriff doch mehr als alle.“

„Dann haben alle wohl viel begriffen!“

„Mein Freund, ich habe mich vom tätigen Leben zurückgezogen ... Jetzt unter den Tätigen sein, das will und kann ich nicht ...“

„Ja, zu was könntest du jetzt auch noch taugen!“