IV
Das Billardzimmer war dick vollgeraucht. Peredonoff, Rutiloff, Falastoff, Wolodin und Murin — ein Gutsherr von hünenhaftem Wuchse und dummerhaftem Aussehen, Besitzer eines kleinen Gutes, außerdem ein kapitalkräftiger, unternehmungslustiger Mann —, alle diese fünf hatten das Spiel beendet und machten sich auf den Heimweg.
Es dämmerte. Auf einem schmutzigen Brettertisch standen viele geleerte Bierflaschen. Die Spieler, welche während des Spieles viel getrunken hatten, hatten rote Köpfe und lallten berauscht. Rutiloff war der einzige, der wie sonst schwindsüchtig-blaß aussah. Er trank auch weniger als die andern und hätte bei stärkerem Trinken gewiß noch blasser ausgesehen.
Rohe Schimpfworte flogen durch die Luft. Keiner fühlte sich gekränkt: man war eben unter Freunden.
Peredonoff hatte, wie fast immer, verloren. Er spielte schlecht Billard. Trotzdem war sein Gesichtsausdruck unerregt finster, und nur mit Unlust bezahlte er seine Spielschuld.
Murin rief laut:
„Feuer!“
und zielte mit einem Queue nach Peredonoff. Der schrie auf vor Schreck und ließ sich auf einen Stuhl fallen. Ihm war der dumme Gedanke gekommen, Murin wolle ihn totschießen. Alle fingen an zu lachen. Peredonoff brummte ärgerlich:
„Ich kann solche Späße nicht leiden.“
Murin tat es schon leid, daß er Peredonoff erschreckt hatte: sein Sohn war nämlich Gymnasiast, und da hielt er es für seine Pflicht, auf alle nur mögliche Art den Gymnasiallehrern zu Gefallen zu sein. Jetzt entschuldigte er sich bei Peredonoff und bewirtete ihn mit Wein und Selters. Peredonoff sagte finster:
„Meine Nerven sind ein wenig angegriffen. Ich bin mit unserem Direktor nicht zufrieden.“
„Der künftige Inspektor hat Unglück im Spiel,“ schrie mit blökender Stimme Wolodin, „schade um das Geld.“
„Unglück im Spiel, Glück in der Liebe,“ sagte Rutiloff lächelnd und wies seine angefaulten Zähne.
Wegen seines Verlustes im Spiel, dazu noch der Schreck, war Peredonoff sowieso nicht in rechter Stimmung. Dann fing man an, ihn mit seinem Verhältnis zu Warwara zu necken. Er rief:
„Ich werde heiraten und Warjka muß hinaus.“
Die Freunde lachten und stichelten:
„Du wirst nicht dürfen.“
„So, meint ihr? noch morgen suche ich mir eine Braut.“
„Was gilt die Wette?“ schlug Falastoff vor, „ich setze zehn Rubel.“
Peredonoff tat es aber leid um das Geld; sollte er am Ende verlieren, so hätte er zahlen müssen. Er kehrte sich ab und schwieg finster.
Am Gartentor trennten sie sich nach verschiedenen Richtungen. Peredonoff und Rutiloff gingen zusammen. Rutiloff versuchte ihn zu bereden, sofort eine seiner Schwestern zu heiraten.
„Ich habe alles in Ordnung gebracht,“ wiederholte er, „sei ganz unbesorgt.“
„Das Aufgebot ist noch nicht gewesen,“ schützte Peredonoff vor.
„Ich sage dir doch, alles ist in Ordnung,“ beteuerte Rutiloff. „Ich habe einen Popen ausfindig gemacht; der weiß, daß ihr nicht verwandt seid.“
„Es sind keine Marschälle da,“ sagte Peredonoff.
„Ach was, es sind keine da! Die Marschälle haben wir im Nu zusammen, ich schicke einfach nach ihnen und sie werden direkt in die Kirche kommen. Oder ich werde sie selbst holen gehen. Früher konnte man doch nicht gut, — dein „Schwesterchen“ hätte Wind gekriegt und uns gestört.“
Peredonoff schwieg still und blickte trübselig zur Seite. Hin und her sah man im Schatten schweigsame Häuser in träumenden, kleinen Gärtchen mit morschen Zäunen davor.
„Warte ein wenig an der Pforte,“ sagte Rutiloff überredend, „ich werde dir jede vorführen, welche du nur magst. So hör doch, ich will es dir gleich beweisen. Ist zwei mal zwei vier oder nicht?“
„Jawohl, vier,“ antwortete Peredonoff.
„Also: zwei mal zwei ist vier, darum mußt du eine von meinen Schwestern heiraten.“
Peredonoff war ganz erstaunt. In der Tat, dachte er, es ist so; natürlich ist zwei mal zwei vier. Und mit Ehrfurcht blickte er auf den klugen Rutiloff. Ich werde heiraten müssen! Mit ihm ist nicht gut Kirschen essen.
Mittlerweile waren sie ans Rutiloffsche Haus gekommen und blieben vor der Pforte stehen.
„Man kann doch nicht so per Gewalt,“ sagte Peredonoff böse.
„Sonderling, sie warten ja nur darauf,“ rief Rutiloff.
„Aber ich selber will vielleicht nicht.“
„Na ja, du willst nicht, Schlaukopf. Willst du denn dein lebelang Junggeselle bleiben?“ antwortete Rutiloff sicher, „oder willst du ins Kloster? Oder ist dir die Warja noch immer nicht widerlich geworden? Bedenke nur — ihre Fratze, wenn du ihr auf einmal eine junge Frau ins Haus führst.“
Peredonoff lachte abgerissen und kurz, aber sofort wurde er wieder finster und sagte:
„Und außerdem, sie wollen vielleicht garnicht!“
„Geh doch, wie sollten sie nicht wollen, Sonderling,“ antwortete Rutiloff. „Ich gebe dir mein Wort darauf.“
„Sie sind stolz,“ sagte Peredonoff.
„Was geht dich das an; noch besser.“
„Sie machen sich über alles lustig.“
„Aber doch nicht über dich,“ beteuerte Rutiloff.
„Woher soll ich das wissen.“
„So glaub mir doch, ich will dich nicht betrügen. Sie verehren dich. Du bist doch nicht irgend ein Narr den man auslacht.“
„Ja, dir soll man glauben,“ sagte Peredonoff mißtrauisch. „Nein, erst will ich mich selbst davon überzeugen, daß sie über mich nicht lachen.“
„Merkwürdiger Mensch,“ sagte Rutiloff verwundert, „wie sollten sie sich überhaupt unterstehen zu lachen? Wie willst du dich davon überzeugen?“
Peredonoff dachte nach und sagte:
„Laß sie gleich auf die Straße herauskommen.“
„Meinetwegen, das geht,“ sagte Rutiloff.
„Alle drei auf einmal,“ fuhr Peredonoff fort.
„Meinetwegen.“
„Und jede soll sagen, wodurch sie glaubt, mein besonderes Gefallen zu erregen.“
„Wozu denn das?“ fragte Rutiloff erstaunt.
„Da werde ich eben sehen, was sie eigentlich wollen, sonst laß ich mich am Ende an der Nase herumführen,“ erklärte Peredonoff.
„Niemand will dich an der Nase herumführen.“
„Vielleicht wollen sie mich zum Beispiel auslachen,“ erklärte Peredonoff, „laß sie nur herauskommen, wenn sie dann Lust bekommen zu lachen, dann werde ich sie auslachen.“
Rutiloff überlegte, schob seinen Hut in den Nacken, zog ihn dann wieder in die Stirn und sagte endlich:
„Also warte jetzt, ich will gehen es auszurichten. Sonderbarer Kauz. Du komm inzwischen in den Hof, sonst — der Teufel mag wissen — kommt noch jemand gegangen und wird alles sehen.“
„Es ist doch einerlei,“ sagte Peredonoff, ging aber doch hinter Rutiloff durch die Pforte.
Rutiloff begab sich ins Haus zu seinen Schwestern; Peredonoff wartete unterdessen auf dem Hof.
Im Salon — einem Eckzimmer — mit den Fenstern zur Pforte, saßen die vier Schwestern. Sie hatten alle dieselben Gesichter, glichen dem Bruder, waren nett anzusehen, rosig und fröhlich. Die verheiratete Larissa, ruhig, sympathisch und stattlich; die flinke und quicke Darja, sie war die größte und schmächtigste von den Schwestern; die immer lachende Ludmilla und die sich zierende Valerie, klein, zart und dem Aussehen nach zerbrechlich. Sie naschten Rosinen und Nüsse und schienen aufgeregt etwas zu erwarten, denn sie lachten mehr als gewöhnlich in Erinnerung an die letzten Klatschgeschichten der Stadt und machten sich außerdem über Bekannte und Unbekannte lustig.
Vom frühen Morgen an hatten sie sich zur Trauung bereit gehalten. Es erübrigte, nur ein passendes Brautkleid anzuziehen und den Schleier und die Blumen anzustecken. Von Warwara wurde überhaupt nicht gesprochen, so als existierte sie nicht. Aber schon der Umstand, daß sie, die sich rücksichtslos über alles und jedes lustig machten, die über alle den Stab brachen, den ganzen Tag lang allein über Warwara kein Sterbenswörtchen zu sagen wußten, — schon allein dieser Umstand bewies zur Genüge, daß ein unangenehmes Erinnern an sie wie ein spitzer Nagel im Kopfe einer jeden von ihnen bohrte.
„Ich hab ihn hergelockt!“ erklärte Rutiloff bei seinem Eintritt in den Salon, „er steht an der Pforte.“
Ganz erregt sprangen die Schwestern auf und fingen alle mit einmal zu schwatzen und zu lachen an.
„Da ist nur ein Haken dabei,“ sagte Rutiloff und lächelte vielsagend.
„Was denn, was denn?“ fragte Darja. Valerie zog ärgerlich ihre schönen, schwarzen Augenbrauen zusammen.
„Jetzt weiß ich nicht, ob ich’s sagen soll?“ fragte Rutiloff.
„Nur schneller, schneller,“ drängte Darja.
Etwas verlegen erzählte Rutiloff von Peredonoffs Wünschen. Die jungen Damen fingen zu zetern an und schimpften um die Wette auf Peredonoff. Aber allgemach wurde aus dem unwilligen Geschrei Lachen und Scherzen.
Darja machte ein finster-erwartungsvolles Gesicht und sagte:
„So wartet er an der Pforte.“
Sie hatte ihn gut und drollig nachgeahmt. Die jungen Damen guckten durchs Fenster zur Pforte. Darja öffnete das Fenster und rief:
„Ardalljon Borisowitsch! Darf man es durchs Fenster sagen?“
Als Antwort hörte man ihn brummen:
„Nein.“
Darja schloß das Fenster sofort, denn die Schwestern lachten sehr laut und konnten garnicht mehr aufhören. Dann liefen sie aus dem Salon ins Speisezimmer, um von Peredonoff nicht gehört zu werden.
Man verstand in diesem fröhlichen Kreise, die trübste Stimmung in Lachen und Scherzen ausklingen zu lassen, und so manche Angelegenheit wurde einfach durch einen Scherz gelöst.
Peredonoff stand draußen und wartete. Er war traurig, und ein unbestimmtes Angstgefühl bedrückte ihn. Er dachte daran, fortzugehen, aber auch dazu konnte er sich nicht entschließen. Irgendwo in der Ferne hörte man Musik: das war wohl die Tochter des Adelsmarschalls, die Klavier spielte. Leise und wiegend zitterten die Töne durch die dunkle, stille Abendluft; sie stimmten traurig und ließen die Gedanken traumhaft werden.
Peredonoffs Grübeleien hatten sich zuerst ins Erotische verloren. Er stellte sich die Rutiloffschen Mädchen in den wollüstigsten Lagen vor. Aber je länger er warten mußte, desto mehr fühlte er sich enttäuscht, — warum ließ man ihn überhaupt warten! Und die Musik, die nur ganz wenig an sein grobes, halberstorbenes Gemüt gerührt hatte, verlor für ihn allen Reiz.
Und ringsum war es Nacht geworden, still und doch voll Flüstern und Rauschen. Peredonoff stand innerhalb des Lichtkreises der Lampe, die im Salon brannte, darum erschien ihm alles noch dunkler. In zwei Streifen fiel das Licht auf den Hof und wurde breiter und breiter zum Nachbarzaune hin, dahinter konnte man dunkle Bretterwände sehen. Im Hintergrunde des Hofes warfen die Bäume des Rutiloffschen Gartens unheimliche Schatten und flüsterten. Lange Zeit hindurch hörte man irgendwo in der Nähe auf der Straße langsame, schwere Schritte. Peredonoff fürchtete sich: während er da wartete, hätte ihn jemand überfallen und ausrauben, vielleicht sogar ermorden können. Er drückte sich scheu an die Wand und wartete im Schatten, um nicht gesehen zu werden.
Mit einmal tauchten in den Lichtstreifen im Hofe lange Schatten auf, man hörte Türen gehen, und im Flur wurden Stimmen laut.
Sie kommen, dachte er, und sachte regten sich lüsterne Gedanken über die schönen Schwestern in seinem Hirn, — tierische Ausgeburten einer spärlichen Phantasie.
Die Schwestern warteten auf dem Flur.
Rutiloff ging zur Pforte und hielt Ausschau, ob niemand in der Nähe wäre. Es war nichts zu sehen und nichts zu hören.
„Die Luft ist rein,“ flüsterte er seinen Schwestern zu, die Hände als Sprachrohr benutzend.
Er blieb als Wache auf der Straße stehen. Peredonoff war mit ihm hinausgegangen.
„Sie werden es gleich sagen,“ sagte Rutiloff.
Peredonoff stand gerade an der Pforte und blickte auf die Spalte zwischen Pforte und Torpfosten. Sein Gesicht war düster, fast erschrocken, alles Grübeln und Denken in ihm war erloschen und an Stelle dessen war ein dumpfes, sinnliches Begehren getreten.
Darja kam als Erste an die halbgeöffnete Pforte.
„Womit könnte ich Ihr Wohlgefallen erregen?“ fragte sie.
Peredonoff schwieg finster. Darja sagte:
„Ich werde Ihnen ganz besonders schöne Pfannkuchen backen, heiße Pfannkuchen, nur: ersticken Sie nicht daran.“
Ueber ihre Schultern hinweg beeilte sich Ludmilla zu rufen:
„Ich werde jeden Morgen in die Stadt gehen, werde alle Klatschgeschichten sammeln und sie Ihnen dann vorerzählen. Das ist außerordentlich lustig.“
Zwischen den fröhlichen Gesichtern der beiden Schwestern zeigte sich für einen Augenblick Valeries kapriziöses, schmales Gesichtchen, und ein feines Stimmchen rief:
„Ich werde auf keinen Fall sagen, was ich Ihnen geben will, Sie müssen es erraten.“
Die Schwestern liefen lachend davon. Ihre Stimmen und ihr Lachen verklang hinter der Tür. Peredonoff hatte sich abgewandt. Er war nicht ganz zufrieden. Er dachte: da haben sie irgendwas geschwatzt und sind fortgegangen. Hätten sie doch lieber Zettelchen gebracht. Aber dieses Stehen und Warten dauerte zu lange.
„Hast du sie dir angesehen?“ fragte Rutiloff, „welche willst du haben?“
Peredonoff dachte nach. Natürlich, — entschloß er sich endlich, — nehme ich die Jüngste. Warum hätte er auch eine Alte heiraten sollen.
„Führ Valerie her,“ sagte er bestimmt. Rutiloff ging ins Haus und Peredonoff begab sich wieder auf den Hof.
Ludmilla spähte verstohlen durchs Fenster, um zu horchen, was sie sprachen, aber sie konnte nichts hören. Jetzt tönten Schritte auf dem Hof. Die Schwestern wurden ganz still und saßen aufgeregt und verlegen da. Rutiloff trat ein und verkündete:
„Er wünscht Valerie. Er wartet an der Pforte.“
Die Schwestern jubelten und lachten. Valerie wurde ein wenig blaß.
„Das ist gut, das ist gut,“ wiederholte sie, „ich will ihn schon gerne nehmen, ich brauche so einen Mann.“
Ihre Hände zitterten. Sie wurde angekleidet, — alle drei Schwestern bemühten sich um sie. Wie immer zierte sie sich und trödelte. Die Schwestern drängten zur Eile. Sie wünschten ihr wohl Glück, beneideten sie jedoch im stillen. Rutiloff schwatzte unaufhörlich, fröhlich erregt. Ihm gefiel es, wie schlau er die ganze Sache eingefädelt hatte.
„Hast du schon eine Droschke besorgt?“ fragte Darja.
Rutiloff antwortete aufgebracht:
„Konnte ich denn? Die ganze Stadt wäre zusammengelaufen, und Warwara hätte ihn an den Haaren nach Hause gezerrt.“
„Und wie sollen wir fortkommen?“
„Sehr einfach, bis zum Stadtplatz gehen wir zu Fuß und nehmen dort Droschken. Als erste fährst du mit der Braut, dann Larissa mit dem Bräutigam, — aber bitte nicht alle zusammen, sonst wird es noch in der Stadt bekannt. Unterdessen fahre ich mit Ludmilla zu Falastoff, die fahren dann zusammen ab, und ich hole dann den Wolodin.“
Schon aus den Scherzen der Schwestern war zu ersehen, wie sehr Valerie beneidet wurde; sie wurde gepufft und mit ihrem Trödeln und Sich-Zieren geneckt. Endlich hielt sie es nicht mehr aus und sagte:
„Was wollt ihr eigentlich? sind die Trauben sauer? Wenn ihr das meint, dann will ich überhaupt nicht.“
Und sie brach in Tränen aus. Die Schwestern sahen einander an und versuchten sie durch Küsse und Schmeicheleien zu beruhigen.
„Was weinst du denn, Dummerchen,“ sprach Darja, „wir scherzen doch nur.“
Larissa sagte in beruhigendem, zärtlichen Ton:
„Du wirst ihn schon unter den Pantoffel kriegen. Wenn er nur erst geheiratet hat.“
Allmählich wurde Valerie ruhiger.
Peredonoff stand allein draußen und gab sich lüsternen Gedanken hin. Er träumte von der Brautnacht: Valerie nackt, verschämt und doch fröhlich in seiner Umarmung, so schmächtig wie sie war, so subtil ...
Das alles malte er sich aus, während er ein Bonbon nach dem andern aus seiner Tasche zog und daran lutschte.
Auf einmal fiel es ihm ein, daß Valerie recht kokett wäre. Sie wird ja Toilette machen wollen — überlegte er — und überhaupt Aufwand treiben. Dann wird es gewiß nicht mehr möglich sein allmonatlich Geld auf die Sparbank zu tragen, und alles Ersparte wird draufgehn. Und seine Frau wird Launen zeigen, und — womöglich — nicht einen Fuß in die Küche setzen. In der Küche werden dann die Speisen vergiftet werden, denn Warja wird sich rächen wollen und die Köchin bestechen. Und außerdem ist sie mir viel zu mager, dachte Peredonoff. Man weiß überhaupt nicht, wie man sie anfassen soll. Man kann sie nicht schimpfen, man kann sie nicht stoßen, man kann sie nicht anspucken. Sie fängt zu schluchzen an und wird einen vor aller Welt blamieren. Nein, — es ist unheimlich, sich mit ihr einzulassen.
Ludmilla ist darin ganz anders. Soll ich sie heiraten? Peredonoff trat ans Fenster und klopfte mit seinem Stock an das Fensterkreuz. Nach einer halben Minute steckte Rutiloff seinen Kopf heraus.
„Was willst du?“ fragte er beunruhigt.
„Ich habe mich bedacht,“ brummte Peredonoff.
Rutiloff trat vom Fenster zurück.
„Satan rundgeborner!“ murmelte er und ging zu seinen Schwestern.
„Es ist dein Glück, Ludmilla,“ sagte sie fröhlich.
Ludmilla lachte, sie ließ sich auf einen Sessel fallen und lachte, lachte, bis ihr der Atem ausging.
„Was soll ich ihm sagen?“ fragte Rutiloff, „willst du ihn überhaupt?“
Ludmilla konnte vor Lachen nichts sagen, sie winkte nur mit den Händen.
„Natürlich will sie,“ sagte Darja für sie, „sag’s ihm nur schnell, sonst sucht er das Weite ohne die Antwort abzuwarten.“
Rutiloff ging in den Salon und flüsterte durchs Fenster:
„Wart einen Augenblick; sie ist gleich fertig.“
„Aber etwas flinker,“ sagte Peredonoff ärgerlich, „was trödeln sie so lange.“
Ludmilla wurde eilig angekleidet. Nach fünf Minuten war sie fertig.
Peredonoff dachte an sie. Sie ist fröhlich und mollig. Nur eins, sie liebt zu lachen. Würde sie ihn auslachen? Gräßlicher Gedanke. Darja ist freilich munter, aber doch solider und ruhiger. Hübsch ist sie auch. Es ist besser sie zu heiraten. Er klopfte wieder ans Fenster.
„Er klopft wieder,“ sagte Larissa, „am Ende gilt es jetzt dir, Darja!“
„So ein Teufel,“ schimpfte Rutiloff und lief ans Fenster.
„Was willst du noch?“ fragte er böse, „hast du dich wieder bedacht, he?“
„Bring Darja her,“ antwortete Peredonoff.
„Das will ich dir eintränken,“ flüsterte Rutiloff wütend.
Peredonoff stand und dachte an Darja — und wieder kam an Stelle des sinnlichen Wohlgefallens ein Gefühl der Furcht. Sie ist zu lebhaft, zu dreist, sie wird mich quälen. — Und was steh’ ich hier, worauf warte ich eigentlich — dachte er. — Ich werde mich erkälten. Dort im Graben am Straßenrand, im Grase beim Zaun hat sich jemand versteckt, der springt plötzlich auf und wird mich ermorden! Peredonoff hatte große Angst. Außerdem, überlegte er, bekommen sie keine Mitgift. Irgendwelche Verbindungen nach oben hin haben sie nicht. Warwara wird bei der Fürstin klagen. Und der Direktor ist sowieso nicht gut auf mich zu sprechen.
Peredonoff ärgerte sich über sich selbst. Was hatte er sich überhaupt mit den Rutiloffs einzulassen. Es war geradeso, als hätte ihn Rutiloff behext. Ja wirklich, er muß mich behext haben. Ich muß rasch etwas dagegen tun.
Peredonoff drehte sich wie ein Kreisel herum, spuckte nach allen Seiten und murmelte Beschwörungsformeln. Sein Gesicht war ernst und aufmerksam, als hätte er etwas Wichtiges vor. Dann fühlte er sich leichter und glaubte gesichert zu sein vor Rutiloffs Zauberkünsten. Sehr energisch klopfte er mit seinem Stock ans Fenster und flüsterte dabei:
„Wäre es nicht gut, sie zu denunzieren?“
Rutiloff steckte seinen Kopf aus dem Fenster.
„Ich will heute nicht heiraten,“ erklärte Peredonoff.
„Aber was ist denn, Ardalljon Borisowitsch, alles ist schon fertig“ versuchte ihn Rutiloff zu überreden.
„Ich will nicht,“ sagte Peredonoff energisch, „komm zu mir nach Hause Karten spielen.“
„Verdammter Teufel!“ schimpfte Rutiloff. „Er will nicht heiraten,“ erklärte er den Schwestern, „er hat Angst gekriegt. Aber ich will diesen Esel schon zähmen. Er bittet mich, bei ihm Karten zu spielen.“
Die Schwestern schrieen und schalten auf Peredonoff.
„Willst du wirklich zu diesem Halunken gehen?“ fragte Valerie aufgebracht.
„Freilich, und zur Strafe werde ich ihn bespielen. Und außerdem soll er von uns doch nicht loskommen,“ redete Rutiloff und bemühte sich dabei, sehr sicher zu erscheinen, obgleich er sich recht ungemütlich fühlte.
Die Wut der Schwestern auf Peredonoff verwandelte sich allgemach in große Heiterkeit. Rutiloff war fortgegangen. Die jungen Damen liefen ans Fenster.
„Ardalljon Borisowitsch!“ rief Darja, „warum sind Sie so unentschlossen! Das geht doch nicht!“
„Herr Sauerampfer!“ rief Ludmilla und lachte laut.
Peredonoff war sehr unzufrieden. Seiner Meinung nach hätten die Schwestern vor lauter Kummer weinen müssen, — er hatte sie doch sitzen lassen. „Sie verstellen sich nur,“ dachte er und ging schweigend zum Tore hinaus. Die jungen Damen liefen an die Fenster, welche zur Straße führten und riefen Peredonoff allerlei böse Worte nach, bis er in der Dunkelheit verschwunden war.