V
Peredonoff fühlte sich sehr unbehaglich. Auch hatte er keine Bonbons mehr in der Tasche, und das ärgerte und verstimmte ihn. Rutiloff redete fast die ganze Zeit über allein, — er sprach noch immer in Tönen der Verzückung von seinen Schwestern. Peredonoff unterbrach nur einmal sein Gerede. Er fragte ärgerlich:
„Hat der Stier Hörner?“
„Freilich, und was weiter?“ fragte Rutiloff erstaunt.
„Na, ich will eben nicht Stier sein,“ erklärte Peredonoff.
Rutiloff fühlte sich gekränkt und sagte:
„Gewiß, Ardalljon Borisowitsch, du kannst unmöglich ein Stier werden, weil du ein komplettes Schwein bist!“
„Lüge!“ grunzte Peredonoff.
„Nein, ich lüge nicht und ich kann’s beweisen,“ sagte schadenfroh Rutiloff.
„Beweis’ doch,“ verlangte Peredonoff.
„Wart nur, ich will es schon beweisen,“ höhnte Rutiloff. Beide schwiegen. Peredonoff wartete ängstlich; er hatte einen stillen Haß auf Rutiloff. Plötzlich fragte Rutiloff.
„Hast du einen Fünfer bei dir, Ardalljon Borisowitsch?“
„Ja, aber du kriegst ihn nicht,“ antwortete Peredonoff böse.
Rutiloff lachte aus vollem Halse.
„Wie solltest du kein Schwein sein, wenn du einen Fünfer[4] hast,“ rief er vergnügt.
Peredonoff griff erschreckt nach seiner Nase.
„Du lügst,“ brummte er, „ich habe keinen Fünfer, ich habe eine ganz gewöhnliche Fratze.“
Rutiloff lachte noch immer. Peredonoff schielte ärgerlich nach ihm und sagte:
„Du hast mich heute absichtlich an Bilsenkraut vorbeigeführt und hast mich behexen wollen, damit ich deinen Schwestern in die Schlingen gehe. Ich habe schon an einer Hexe genug, da soll ich gleich drei auf einmal heiraten.“
„Wie du merkwürdig bist,“ sagte Rutiloff, „wie kommt es denn, daß das Bilsenkraut mir nichts anhaben konnte?“
„Du kennst die Gegenmittel,“ sagte Peredonoff, „vielleicht hast du mit dem Munde geatmet und die Nase zugehalten, oder vielleicht hast du irgendwelche Zaubersprüche dagegen gesagt; ich kenne sowas nicht, wie man sich vor Zauberei zu schützen hat. Ich bin kein Schwarzkünstler. Ich war die ganze Zeit im Banne des Bilsenkrauts, bis ich mich dagegen sicherte.“
Rutiloff lachte.
„Was hast du denn getan“, fragte er.
Aber Peredonoff schwieg bereits.
„Warum hast du dich an die Warwara gekettet?“ sagte Rutiloff. „Glaubst du etwa, es wird dir gut gehen, wenn du durch ihre Vermittlung eine Stellung bekommst? Sie will dich begaunern.“
Peredonoff verstand das nicht.
Sie hat ihren eigenen Vorteil im Auge — dachte er, — sie wird es doch besser haben, wenn sie mit einem höheren Beamten verheiratet ist und mehr Geld bekommt. Mit andren Worten: sie ist ihm zu Dank verpflichtet, nicht er ihr. Und in jedem Fall ist es mit ihr bequemer zu leben, als sonst mit irgend einer Person.
Peredonoff hatte sich an Warwara gewöhnt. Sie erschien ihm begehrenswert, vielleicht aus dem einfachen Grunde, weil es ihm zum Bedürfnis geworden war, sie zu quälen. Eine ähnliche Frau hätte er nicht einmal auf Bestellung bekommen.
Es war spät geworden. In Peredonoffs Wohnung war noch Licht, die hellen Fenster stachen grell von der dunklen Straße ab.
Am Teetisch saßen Gäste: die Gruschina — Warwaras alltäglicher Gast —, Wolodin, die Prepolowenskaja, ihr Mann Konstantin Petrowitsch, ein stattlicher Vierziger; er war sehr schweigsam, bleich und hatte schwarze Haare. Warwara hatte sich schön gemacht — sie trug ein weißes Kleid. Man trank Tee und plauderte. Wie gewöhnlich, wenn Peredonoff lange ausblieb, fühlte sich Warwara beunruhigt. Wolodin hatte fröhlich meckernd berichtet, Peredonoff wäre zusammen mit Rutiloff gegangen. Ein Grund mehr um Warwaras Unruhe zu steigern.
Endlich erschien Peredonoff und Rutiloff. Sie wurden mit Gelächter und dummen, zotigen Scherzen empfangen.
„Wo ist der Schnaps?“ herrschte Peredonoff Warwara an. Sie sprang auf, lächelte schuldbewußt und brachte eilig den Schnaps in einer grobgeschliffenen Karaffe.
„Prost“, brummte Peredonoff.
„Warte doch, die Magd bringt den Imbiß gleich,“ sagte Warwara, „he, Faultier, etwas flinker,“ rief sie in die Küche.
Aber Peredonoff hatte den Schnaps schon eingeschenkt. Er murmelte:
„Man soll noch warten! Die Zeit wartet nicht.“
Man trank und aß dazu kleine Saftpasteten.
Zur Unterhaltung der Gäste hatte Peredonoff nur Schnaps und Karten bereit. Zum Kartenspiel war es noch zu früh, — man hatte den Tee noch nicht getrunken, — also blieb der Schnaps.
Unterdessen war der Imbiß gebracht worden, so konnte man weiter trinken. Die Magd hatte beim Hinausgehen die Tür nicht geschlossen. Peredonoff wurde unruhig.
„Ewig ist die Tür sperrangelweit auf“, schimpfte er.
Er fürchtete den Zugwind, — man hätte sich erkälten können. Daher war es in der Wohnung stets dumpf.
Die Prepolowenskaja nahm ein Ei.
„Prachtvolle Eier,“ sagte sie, „wo kaufen Sie ein?“
Peredonoff antwortete:
„Das sollen Eier sein! Auf unsrem Gut gab es eine Henne, die legte tagaus tagein zwei große Eier.“
„Große Herrlichkeit,“ antwortete die Prepolowenskaja, „als wäre das was Besonderes, auch ein Grund zum Protzen! Wir hatten im Dorf eine Henne, die legte täglich zwei Eier und ein Achtel Butter dazu.“
„Akkurat wie bei uns,“ sagte Peredonoff, ohne den Witz zu begreifen. „Was andere Hühner konnten, konnte unsre Henne erst recht. Unsere Henne war sehr ergiebig.“
Warwara lachte.
„Dumme Witze“, sagte sie.
„Die Ohren faulen ab von solchem Unsinn,“ sagte die Gruschina.
Peredonoff sah sie wütend an und gab erbittert zur Antwort:
„Wenn sie faulen, täte man gut, sie abzureißen.“
Die Gruschina wurde verlegen.
„Sie werden gleich ungemütlich, Ardalljon Borisowitsch; immer sagen Sie sowas!“ meinte sie schüchtern.
Die andern lachten mitleidig. Wolodin zwinkerte mit den Augen, runzelte die Stirn und erklärte:
„Wenn Ihre Ohren faulen, so muß man sie abreißen, sonst wäre es ja komisch, wenn sie verfaulen und hin und her schlenkern.“
Wolodin zeigte mit den Händen, wie die verfaulten Ohren hin und her schlenkern würden. Die Gruschina schrie ihn an:
„Sie schwatzen alles nach! Was eigenes wissen Sie nicht zu sagen.“
Wolodin fühlte sich gekränkt und entgegnete mit Würde:
„Ich kann wohl, wenn ich nur will, Marja Ossipowna, da wir aber dabei sind, uns in größerer Gesellschaft angenehm zu unterhalten, so sehe ich keinen Grund, warum ich nicht dem Scherze eines anderen beipflichten sollte. Sollte Ihnen das nicht passen, so tun Sie, was Sie wollen. Wie Sie uns begegnen, so begegnen wir Ihnen.“
„So ist es recht, Pawel Wassiljewitsch,“ ermunterte ihn lachend Rutiloff.
„Pawel Wassiljewitsch steht immer seinen Mann,“ sagte die Prepolowenskaja und lächelte spöttisch.
Warwara hatte ein Stück Brot geschnitten und behielt das Messer in der Hand, während sie auf Wolodins scherzhafte Bemerkungen horchte. Die Messerklinge funkelte. Peredonoff lief es kalt über den Rücken, — wie, wenn sie ihn plötzlich niederstoßen würde. Er rief:
„Warwara, leg das Messer fort!“
Warwara zuckte zusammen.
„Was schreist du so,“ sagte sie und legte das Messer beiseite. „Wissen Sie, er sieht immer Gespenster,“ erklärte sie dem schweigsamen Prepolowenskji. Der strich sich den Bart und machte Miene, etwas zu sagen.
„Das kommt vor“, begann er mit traurig-weicher Stimme, „ich hatte einen Bekannten, der fürchtete sich vor Nadeln. Ihn plagte die Angst, jemand würde ihn stechen und die Nadel würde in seine Eingeweide dringen. Und stellen Sie sich vor, jedesmal wenn er eine Nadel sah, zitterte er ...“
Hatte er einmal angefangen zu reden, so hörte er nicht auf und erzählte immer wieder dasselbe mit kleinen Aenderungen, bis ihn jemand unterbrach, um auf ein anderes Thema zu kommen. Alsdann hüllte er sich wieder in tiefes Schweigen.
Die Gruschina gab dem Gespräch eine Wendung ins Zotige. Sie erzählte von der Eifersucht ihres verstorbenen Mannes, und wie sie ihn hintergangen hätte. Dann berichtete sie von einem Klatsch über irgendeine hochstehende Persönlichkeit und seine Maitresse. Diese hätte einmal auf der Straße ihren Liebhaber getroffen. Ganz laut ruft sie ihm zu: Guten Tag, Jeannot! — Das auf offener Straße! — erzählte sie.
„Ich werde gegen Sie Anzeige erstatten“, sagte Peredonoff ärgerlich, „wie darf man sich unterstehen, über Leute von Rang solche Geschichten zu verbreiten!“
Die Gruschina murmelte erschreckt:
„Ich kann nichts dafür, man hat es mir so erzählt. Ich erzähle es nur weiter.“
Peredonoff schwieg erbost, stützte die Ellenbogen auf den Tisch und trank seinen Tee aus der Untertasse. Er dachte bei sich, daß es im Hause eines künftigen Inspektors nicht statthaft wäre, unehrerbietig über hohe Beamte zu reden. Er ärgerte sich über die Gruschina. Auch Wolodin kam ihm verdächtig vor: merkwürdig oft nannte er ihn Herr Inspektor in spe. Einmal hatte ihm Peredonoff schon gesagt:
„Du beneidest mich wohl, mein Bester! Du wirst es nicht zum Inspektor bringen, ich wohl.“
Hierauf hatte Wolodin entgegnet, — und er gab seinem Gesicht ein überzeugendes Aussehen:
„Jedem das Seine, Ardalljon Borisowitsch — Sie sind Spezialist auf diesem Gebiet, ich auf meinem.“
„Denken Sie nur, Nataschka ist von uns direkt zum Gendarmerieoberst in Dienst gegangen,“ berichtete Warwara.
Peredonoff fuhr auf; verstört blickte er um sich.
„Du lügst wieder!“ sagte er halb fragend.
„Nanu, warum soll ich lügen,“ antwortete Warwara, „geh zu ihm hin und frag ihn doch.“
Diese unangenehme Neuigkeit wußte auch die Gruschina zu bestätigen. Peredonoff geriet ganz aus der Fassung. Sie würde ihn denunzieren, der Gendarmerieoberst würde sich das merken und gelegentlich dem Ministerium Bericht erstatten. Wie fatal!
Peredonoffs Auge blieb an einem Bücherregal haften, welches über der Kommode hing. Da standen einige gebundene Bücher: dünne Bändchen von Pissareff und etwas dickere — „Vaterländische Memoiren“. Peredonoff erbleichte und sagte:
„Diese Bücher müssen fort, sonst werde ich denunziert.“
Früher hatte Peredonoff diese Bücher zur Schau gestellt, um damit seine liberale Gesinnung zu zeigen, — in der Tat war er vollständig gesinnungslos und hatte nicht die geringste Lust, irgend einem Problem nachzugehen. Außerdem standen diese Bücher nur bei ihm, er las sie garnicht. Es war schon lange her, daß er ein Buch zur Hand genommen hatte — zum Lesen hatte er keine Zeit, — aber auch Zeitungen ließ er nicht kommen, die Tagesneuigkeiten erfuhr er aus Gesprächen. Im übrigen gab es für ihn eigentlich nichts Wissenswertes, denn nichts in der Welt interessierte ihn. Ueber Zeitungsabonnenten machte er sich lustig, es wären Geldverschwender und Tagediebe. Man hätte glauben können, daß ihm jede Minute kostbar war.
Er ging zum Bücherbrett und flüsterte:
„Das ist bezeichnend für unsere Stadt, alles wird hinterbracht. Hilf doch, Pawel Wassiljewitsch,“ sagte er zu Wolodin.
Wolodin erhob sich. Er machte ein ernstes, verständnisvolles Gesicht und nahm behutsam die Bücher, welche Peredonoff ihm reichte. Sich selbst behielt Peredonoff einen kleinen Bücherpacken, Wolodin gab er den größeren und ging in den Saal. Wolodin hinter ihm her.
„Wohin wollen Sie den Plunder verstecken, Ardalljon Borisowitsch?“ fragte er.
„Das wirst du sehen,“ antwortete Peredonoff verdrießlich.
Die Prepolowenskaja fragte:
„Was schleppen Sie da eigentlich, Ardalljon Borisowitsch?“
Im Fortgehen antwortete Peredonoff:
„Streng verbotene Bücher. Wenn man die sieht, werde ich denunziert.“
Im Saal kniete Peredonoff vor dem Ofen nieder, legte die Bücher auf den Boden — Wolodin tat dasselbe — und schob ein Buch nach dem andern durch die schmale Ofentür. Wolodin kniete hinter ihm und reichte die Bücher. Dabei suchte er den sinnenden, verständigen Ausdruck in seinem Schafsgesicht zu wahren, indem er seine Lippen vorstreckte und seine rundgewölbte Stirn in Falten legte.
Warwara stand an der Tür und sah zu. Sie lachte und sagte:
„Du bist ein ganzer Narr!“
Aber die Gruschina verwies ihr das:
„Nein, Warwara Dmitriewna. Sagen Sie nicht, die größten Unannehmlichkeiten können entstehen, wenn da was herauskommt. Vergessen Sie nicht, er ist Lehrer am Gymnasium. Die Vorgesetzten fürchten sehr, die Lehrer könnten den Schülern revolutionäre Ideen beibringen.“
Man hatte den Tee getrunken und machte sich ans Pochspiel; alle sieben setzten sich an den Kartentisch im Saal. Peredonoff spielte sehr eifrig, aber ohne Erfolg. Bei jedem zwanzigsten Stich verlor er und mußte zahlen; Prepolowenskji hatte das größte Glück. Er spielte mit seiner Frau zusammen. Sie hatten bestimmte Zeichen verabredet, Hüsteln, Klopfen und verständigten sich so über die Karten, welche sie in der Hand hielten.
Peredonoff hatte heute gar kein Glück. Er beeilte sich, seine Einsätze zurückzugewinnen, allein Wolodin zögerte im Gegenspiel und bemühte sich, seine Karten zu halten.
„Pawluschka, sag an,“ rief Peredonoff ungeduldig.
Wolodin fühlte sich im Spiel als gleichberechtigte Persönlichkeit, er machte ein bedeutendes Gesicht und sagte:
„Wie meinst du das eigentlich, freundschaftlich oder wie?“
„Freundschaftlich, freundschaftlich,“ entgegnete Peredonoff gedankenlos, „sag nur schneller an!“
„Es sei denn, ich bin wirklich erfreut, von Herzen erfreut,“ redete Wolodin und lachte froh und dumm, während er sein Spiel ansagte, „du bist ein Prachtmensch, Ardascha, und ich habe dich sogar aufrichtig lieb. Freilich hättest du es nicht freundschaftlich gemeint, so wäre es ein ander Ding. Weil du es aber freundschaftlich meinst, so bin ich hocherfreut. Zur Belohnung gebe ich dir ein Aß,“ sagte Wolodin und spielte Trumpf.
Peredonoff hatte in der Tat ein Aß, aber nicht Trumpf, daher verlor er wieder. Geärgert sagte er:
„Du gabst mir ein Aß, aber ich kann’s nicht brauchen, du betrügst,“ brummte er, „ich brauchte Trumpf und was hast du mir gegeben? Was fang ich mit Pik-Aß an?“
Rutiloff wurde witzig:
„Freilich, wozu brauchst du ein Aß, du bist ja selber ein Aas.“
Wolodin meckerte und kicherte:
„Der Inspektor in spe macht eine Wandlung durch: Aß, Aß, Aas.“
Rutiloff schwatzte in einem fort, er erzählte Klatschgeschichten und Anekdoten recht zweifelhaften Inhalts. Um Peredonoff zu ärgern, versicherte er, daß die Gymnasiasten sich schlecht betrügen, besonders jene, welche nicht im Internat lebten: sie rauchen, trinken Schnaps und stellen jungen Mädchen nach. Peredonoff glaubte das. Und die Gruschina bestärkte ihn in diesem Glauben. Solche Geschichten bereiteten ihr ein besonderes Vergnügen: sie hatte nämlich nach dem Tode ihres Mannes die Absicht gehabt, eine Pension für 3-4 Gymnasiasten einzurichten. Der Direktor hatte ihr hierzu die Konzession nicht erteilt, trotz Peredonoffs Fürsprache, — denn die Gruschina stand in schlechtem Ruf. Nun begann sie eifrig jene Frauen zu schmähen, welche Gymnasiasten in Pension hatten.
„Sie bestechen den Direktor,“ erklärte sie. „Solche Frauen gehören zum Gesindel,“ sagte Wolodin mit Nachdruck, „beispielsweise meine Wirtin. Als ich das Zimmer mietete, wurde vereinbart, sie hätte mir jeden Abend drei Glas Milch zu liefern. Schön, einen Monat, den zweiten, war alles in Ordnung.“
„Hast du dich nicht besoffen?“ fragte Rutiloff lachend.
„Warum sollte ich mich besaufen?“ entgegnete Wolodin gekränkt. „Milch ist ein vorzügliches Nahrungsmittel. Außerdem hatte ich mich daran gewöhnt, jeden Abend drei Glas zu trinken. Plötzlich werden mir nur zwei Glas gebracht. Warum denn so? frage ich. Die Magd antwortet: Anna Michailowna — sagte sie — läßt vielmals um Entschuldigung bitten, aber ihre Kuh — sagt sie — gäbe jetzt weniger Milch. Was geht mich das an! Ich halte mich an meinen Kontrakt. Gesetzt den Fall, ihre Kuh gibt überhaupt keine Milch mehr, soll ich dann ohne bleiben? Nun, sage ich, wenn keine Milch da ist, so sagen Sie Anna Michailowna, daß ich um ein Glas Wasser bitte. Ich habe mich gewöhnt, drei Glas zu trinken, zwei Glas sind mir zu wenig.“
„Pawluschka ist ein Held,“ sagte Peredonoff, „erzähl’ doch deine Geschichte mit dem General.“
Wolodin kam dieser Aufforderung bereitwillig nach. Allein diesmal wurde er ausgelacht. Gekränkt streckte er seine Unterlippe vor.
Während des Abendessens betranken sich alle vollständig, sogar die Frauen.
Wolodin machte den Vorschlag, die Tapeten noch ein wenig zu bearbeiten. Alle freuten sich: unverzüglich ließen sie das Essen stehen, machten sich an die Arbeit und amüsierten sich wie die Tollen. Die Tapeten wurden bespuckt, mit Bierresten begossen, man warf Papierpfeile, deren Spitzen mit Butter beschmiert waren, an die Wände, man schleuderte kleine Teufelchen, die aus gekautem Brot geknetet wurden, an die Lage. Dann beschloß man, auf gut Glück Fetzen aus der Tapete zu reißen — wer die längsten Streifen zog, gewann. Bei diesem Spiel gewannen die Prepolowenskjis anderthalb Rubel.
Wolodin verlor. Infolgedessen und auch wohl infolge seiner Betrunkenheit wurde er plötzlich wehmütig und klagte seine Mutter an. Er machte ein vorwurfsvolles Gesicht und sprach, aus irgend einem Grunde mit der Faust zur Erde weisend:
„Warum hat sie mich geboren? Was hat sie sich dabei gedacht? Was hab ich doch für ein elendes Leben! Sie ist nicht meine Mutter, sie hat mich nur in die Welt gesetzt. Denn eine echte Mutter sorgt für ihr Kind, meine Mutter hat mich zur Welt gebracht und noch im zartesten Alter in Kronsinstitute gesteckt.“
„Dafür haben Sie etwas gelernt und Sie können sich unter Menschen sehen lassen,“ sagte die Prepolowenskaja.
Wolodin senkte seine Stirn, wackelte mit dem Kopfe und sagte:
„Nein, nein, was ist an meinem Leben dran, — es ist ein Hundeleben. Warum hat sie mich geboren? Was hat sie sich dabei gedacht?“
Plötzlich mußte Peredonoff an die Jerli von gestern denken.
„Aha,“ dachte er bei sich, „er klagt seine Mutter an, warum sie ihn geboren hätte, er will eben nicht mehr der Pawluschka von früher sein. So ist es, so ist es: er beneidet mich. Vielleicht geht er schon jetzt mit dem Gedanken um, Warwara zu heiraten und in meine Haut zu kriechen,“ so dachte Peredonoff und blickte wehmütig auf Wolodin.
Könnte man ihm doch eine Frau verschaffen?
Im Schlafzimmer, als es schon spät in der Nacht war, sagte Warwara zu Peredonoff:
„Du denkst wohl, all die jungen Weiber, welche dir nachstellen, sind schön, weil sie jung sind? Sie sind alle Plunder, ich bin schöner als sie alle.“
Eilig entkleidete sie sich und entblößte mit einem niederträchtigen Lächeln auf den Lippen ihren leicht geröteten, schlanken, schönen, elastischen Körper.
Obwohl sie vor Trunkenheit taumelte und obwohl ihr tierisch-wollüstiger Gesichtsausdruck jeden lebensfrohen Menschen abgestoßen hätte, so muß doch zugestanden werden, daß sie einen wunderschönen Körper hatte, einen Körper so zart, wie man ihn bei Nymphen zu denken liebt und an diesen Körper schien eine böse Fee den Kopf einer gemeinen Dirne gezaubert zu haben. Und dieser prachtvolle Leib war für die zwei betrunkenen, schmutzigen Leute nur ein Mittel, um ihre viehische Lust daran zu stillen.
So pflegt es oft zu sein und wahrhaftig in unsrem Zeitalter scheint die Schönheit dazu bestimmt, niedergetreten und mißachtet zu werden.
Peredonoff lachte tierisch, wie er seine Freundin nackt vor sich stehen sah.
Die ganze Nacht über träumte er von nackten Frauenleibern.
Warwara glaubte, daß die Einreibungen mit Nesseln, welche sie auf den Rat der Prepolowenskaja anwandte, erfolgreich gewesen wären. Es schien ihr, als sei sie plötzlich voller geworden.
Alle ihre Bekannten fragte sie:
„Nicht wahr, ich nehme doch zu?“
Und sie dachte im stillen, daß Peredonoff sie nunmehr unbedingt heiraten würde; er mußte doch sehen, wie sie dicker wurde, und dann würde er außerdem den gefälschten Brief erhalten.
Peredonoff war lange nicht so hoffnungsfreudig. Er war überzeugt, daß der Direktor ihm feindlich gesinnt wäre — und in der Tat der Direktor des Gymnasiums hielt Peredonoff für einen trägen und unfähigen Lehrer. Peredonoff seinerseits dachte, der Direktor gäbe den Schülern Instruktionen, ihn zu mißachten, — das war natürlich Peredonoffs eigene grundlose Erfindung. Immerhin festigte das in Peredonoff die Ueberzeugung, er habe sich vor dem Direktor in acht zu nehmen. Aus Bosheit machte er sich des öfteren in den höheren Klassen über seinen Vorgesetzten lustig, und einer ganzen Reihe von Schülern gefiel das.
Jetzt, wo Peredonoff den Plan hatte, Inspektor zu werden, wurde ihm dieses unfreundliche Verhalten des Direktors doppelt unangenehm.
Gesetzt den Fall, die Fürstin legte sich ins Mittel, so schlägt ihre Protektion die Ränke des Direktors nieder. Immerhin schien das Spiel nicht ungefährlich.
Außerdem glaubte Peredonoff in den letzten Tagen noch anderen Leuten begegnet zu sein, welche ihm nicht wohlwollten und nur zu gerne seine Hoffnungen auf den Inspektorposten zerstört hätten.
Zum Beispiel Wolodin: nicht umsonst redet er immer wieder vom Inspektor in spe. Auch hat es Fälle gegeben, daß Menschen sich einfach fremde Namen beilegten und ganz lustig in den Tag hineinlebten.
Freilich, so direkt sich in Peredonoffs Rolle hereinzufinden, dürfte dem Wolodin schwer fallen, doch war Wolodin trotz seiner Dummheit in seinen Einfällen unberechenbar. Und es ist ratsam, sich vor einem bösen Menschen in acht zu nehmen.
Ferner die Rutiloffs, die Werschina mit ihrer Martha, schon aus Neid Parteigenossen, alle sind sie froh ihm zu schaden. Wie ließ sich das anstellen? Sehr einfach, man schwärzt ihn bei den Vorgesetzten an und erklärt, er sei ein unzuverlässiger Mensch.
So kam es, daß Peredonoff sich um zweierlei sorgte; erstens mußte seine Zuverlässigkeit über jeden Zweifel erhaben sein, und zweitens mußte er sich vor Wolodin schützen, indem er ihm eine reiche Heirat vermittelte.
Eines schönen Tages fragte er Wolodin:
„Willst du — ich werde für dich bei Fräulein Adamenko anhalten? Oder trauerst du noch um Martha? Ein Monat dürfte doch genügt haben, deinen Gram zu stillen.“
„Warum soll ich um Martha trauern,“ antwortete Wolodin, „ich habe ihr einen ehrenvollen Antrag gemacht, wenn sie aber nicht will, so ist das nicht meine Schuld. Ich werde auch eine andere kriegen, oder sollte sich tatsächlich keine einzige Braut für mich finden? Gott, so was kriegt man doch an jeder Straßenecke.“
„Ja, aber die Martha hat dich doch abgekorbt,“ neckte Peredonoff.
„Ich weiß nicht, was für einen Bräutigam sie erwartet,“ sagte Wolodin beleidigt. „Hätte sie wenigstens eine große Mitgift, aber so —! .. Sie hat sich in dich vernarrt, Ardalljon Borisowitsch.“
Peredonoff gab ihm einen Rat:
„An deiner Stelle würde ich ihre Pforte mit Teer beschmieren.“[5]
Wolodin kicherte, beruhigte sich aber gleich und sagte:
„Wenn man mich klappt, so wird es Unannehmlichkeiten geben.“
„Du brauchst es ja nicht selber zu tun; miete dir doch irgend jemand,“ sagte Peredonoff.
„Bei Gott, es wäre eine gerechte Strafe,“ sagte Wolodin begeistert, „denn wenn sie nicht eine richtige Heirat eingehen will, indessen aber bei Nacht junge Leute durchs Fenster in ihr Zimmer läßt, — so hört doch alles auf. Solche Menschen haben weder Schamgefühl noch Gewissen.“