VI
Am nächsten Tage machte sich Peredonoff mit Wolodin auf den Weg zu Fräulein Adamenko. Wolodin hatte sich schön gemacht, er trug seinen neuen, ein wenig zu engen Bratenrock, ein reines Plätthemd, einen bunten Schlips; er hatte seine Haare mit Pomade eingerieben, sich parfümiert und war in gehobener Stimmung.
Nadeschda Wassiljewna Adamenko lebte mit ihrem Bruder in einem eigenen roten Ziegelhäuschen; nicht weit von der Stadt hatte sie ein Gut, welches verpachtet wurde. Vor zwei Jahren hatte sie die höhere Töchterschule absolviert und beschäftigte sich jetzt damit, auf der Ottomane zu liegen, allerhand Bücher zu lesen und ihren Bruder, einen elfjährigen Gymnasiasten, zu berufen. Dieser rettete sich vor der strengen Schwester mit der kurzen Bemerkung: „Mama war viel besser als du. Mama stellte einfach den Regenschirm in die Ecke, nicht mich.“
Bei Nadeschda Wassiljewna lebte noch ihre Tante, ein wesenloses, unselbständiges Geschöpf. Im Haushalt hatte sie nichts zu bedeuten. Nadeschda Wassiljewnas Bekanntenkreis war eng begrenzt. Peredonoff besuchte sie selten und nur der Umstand, daß er sie fast garnicht kannte, entschuldigte seinen Plan, dieses Fräulein mit Wolodin zu verheiraten.
Sie war sichtlich erstaunt über den unerwarteten Besuch, doch empfing sie ihre Gäste immerhin liebenswürdig. Gäste wollen unterhalten sein und Nadeschda Wassiljewna glaubte, daß ein Lehrer der russischen Sprache am liebsten über Pädagogik, über die bevorstehende Schulreform, Kindererziehung, Literatur, Symbolismus, russisches Zeitungswesen reden würde. Sie berührte gesprächsweise alle diese Fragen, erhielt aber so merkwürdige Antworten, daß es ihr erstaunlich klar wurde, wie vollständig gleichgültig ihren Gästen all diese Dinge waren. Sie erkannte, daß nur ein Gesprächsthema möglich war, nämlich Klatschgeschichten. Trotzdem machte Nadeschda Wassiljewna noch einen Versuch:
„Haben Sie Tschechoffs „Menschen im Futteral“ gelesen?“ fragte sie. „Nicht wahr, ein vortreffliches Buch?“
Sie hatte diese Frage an Wolodin gerichtet. Der fletschte die Zähne und fragte:
„Was ist denn das, eine Novelle oder ein Roman?“
„Eine Erzählung,“ erklärte Nadeschda Wassiljewna.
„Von Herrn Tschechoff, wenn ich fragen darf?“ erkundigte sich Wolodin.
„Ja, von Tschechoff,“ sagte Nadeschda Wassiljewna und lächelte.
„Wo ist es denn erschienen?“ fragte Wolodin neugierig weiter.
„Im ‚Russischen Gedanken‘“ antwortete das Fräulein sehr liebenswürdig.
„In welcher Nummer?“ erkundigte sich Wolodin.
„Ich weiß nicht recht, ich glaube, es war im Sommer,“ antwortete Nadeschda Wassiljewna immer noch liebenswürdig, aber sehr erstaunt.
Der kleine Gymnasiast rief durch die Türspalte:
„Im Maiheft war die Erzählung gedruckt,“ er hielt sich mit den Händen an der Tür und blickte mit seinen fröhlichen, blauen Augen von den Gästen zur Schwester.
„Es ist viel zu früh für Sie Romane zu lesen,“ sagte Peredonoff streng. „Sie würden besser daran tun, zu lernen, statt Geschichten zweifelhaften Inhalts zu lesen.“
Nadeschda Wassiljewna sah ihren Bruder vorwurfsvoll an.
„Das ist ja reizend. Man steht hinter der Tür und horcht,“ sagte sie, hob beide Hände auf und legte die kleinen Finger im rechten Winkel aneinander.
Der Gymnasiast wurde verlegen und verschwand. Er ging in sein Zimmer, stellte sich in den Winkel und blickte auf die Uhr. Die kleinen Finger im rechten Winkel aneinander gelegt bedeuteten zehn Minuten Winkelstehen. „Nein,“ dachte er ärgerlich, „bei Mama war es besser; Mama stellte nur den Regenschirm in den Winkel.“
Unterdessen suchte Wolodin im Salon das Fräulein mit dem Versprechen zu beruhigen, er würde sich das Maiheft des „Russischen Gedankens“ verschaffen und die Erzählung des Herrn Tschechoff lesen. Peredonoff hörte gelangweilt zu. Endlich sagte er:
„Ich habe das Ding auch nicht gelesen. Ich lese keine Dummheiten. Erzählungen und Romane sind immer dumm.“
Nadeschda Wassiljewna lächelte liebenswürdig und sagte:
„Sie urteilen sehr hart über die moderne Literatur. Es werden doch auch gute Bücher geschrieben.“
„Die guten Bücher habe ich schon längst gelesen,“ erklärte Peredonoff. „Ich werde doch nicht Sachen lesen, welche eben erst verfaßt worden sind.“
Wolodin blickte voll Ehrfurcht auf Peredonoff. Nadeschda seufzte leicht auf und — es war nichts zu machen — begann zu schwatzen und Klatschgeschichten zu erzählen, so gut es gehen wollte. Obgleich sie diese Gespräche keineswegs liebte, so verstand sie doch als wohlerzogene, junge Dame, die Unterhaltung in Fluß zu halten. Sie langweilte sich entsetzlich, die beiden aber dachten, daß sie ganz besonders liebenswürdig wäre und schrieben das dem berückenden Aeußern Wolodins zu.
Als sie sich verabschiedet hatten und auf der Straße waren, beglückwünschte Peredonoff Wolodin zum Erfolge. Wolodin lachte und hüpfte vor lauter Freude. Schon hatte er all die erhaltenen Körbe vergessen.
„Schlag nicht aus,“ sagte ihm Peredonoff. „Du springst so wie ein junger Bock. Warte nur, du wirst schon mit einer Nase abfahren.“
Das sagte er nur im Scherz, denn er war fest davon überzeugt, daß seine Werbung für Wolodin erfolgreich sein würde.
Die Gruschina war beinahe jeden Tag bei Warwara. Warwara kam noch öfter zu ihr, sodaß sie sich fast garnicht trennten. Warwara regte sich auf und die Gruschina zögerte, versicherte, daß es sehr schwer sei, die Buchstaben genau so nachzuschreiben, bis sie ganz ähnlich würden.
Peredonoff wollte immer nicht den Tag der Trauung bestimmen. Wieder verlangte er, man möge ihm zuerst den Inspektorposten verschaffen. Er hatte es nur zu gut behalten, wie viele heiratslustige Bräute ihn ersehnten und damit drohte er öfters Warwara, gerade so wie im vergangenen Winter.
„Ich gehe sofort, mich trauen lassen. Am Morgen kehre ich mit meiner Frau heim und jage dich zum Teufel. Es ist das letzte Mal, daß du hier über Nacht bleibst.“
Mit diesen Worten ging er ins Restaurant Billard spielen. Manchmal kehrte er abends heim; öfter jedoch zechte er die ganze Nacht durch mit Rutiloff und Wolodin in irgend einer verrufenen Kneipe. In solchen Nächten konnte Warwara nicht schlafen. Nachher hatte sie entsetzliche Migräne. Gut, wenn er um ein oder zwei Uhr in der Nacht nach Hause kam, dann atmete sie erleichtert auf. Wenn er aber erst in den Morgenstunden erschien, so war sie tagsüber ganz krank. Endlich hatte die Gruschina den Brief fertiggestellt und brachte ihn Warwara. Lange prüften sie ihn, verglichen ihn mit einem alten Briefe, welcher tatsächlich von der Fürstin stammte. Die Gruschina versicherte: er ist so täuschend ähnlich, daß nicht einmal die Fürstin ihn für eine Fälschung halten würde. In der Tat war die Aehnlichkeit nur gering, doch Warwara war leichtgläubig. Außerdem war es doch ganz sicher, daß Peredonoff sich ganz unmöglich an die ihm nur wenig bekannten Schriftzüge so deutlich erinnern konnte, um die Fälschung als solche zu erkennen.
„Gott sei Dank,“ sagte sie erfreut, „endlich einmal! Ich hatte schon alle Geduld verloren, so lange habe ich warten müssen. Wie wird es nur mit dem Briefumschlag — wenn er danach fragt, was soll ich ihm sagen?“
„Den Umschlag kann man nicht fälschen,“ sagte die Gruschina lächelnd und schielte spöttisch auf Warwara, „Poststempel lassen sich nicht nachmachen.“
„Ja, was soll man denn tun?“
„Liebste Warwara Dmitriewna, sagen Sie doch einfach, Sie hätten das Kouvert verbrannt. Was fängt man sonst mit Kouverts an.“
Warwara begann wieder zu hoffen. Sie sagte der Gruschina:
„Wenn er nur heiraten wollte, ich würde keinen Finger mehr für ihn rühren. Nein, ich werde mich dann ausruhen, mag er für mich laufen.“
Am Sonnabend ging Peredonoff nach dem Mittagessen zum Billardspielen. Seine Gedanken waren sorgenvoll und trübe.
Er dachte:
Es ist eine Qual unter neidischen, feindlich gesinnten Menschen leben zu müssen. Man muß es ertragen, — alle können nicht Inspektor werden. Das ist der Kampf ums Dasein!
An einer Straßenecke traf er den Gendarmerieoberst. Eine peinliche Begegnung.
Der Oberstleutnant Nikolai Wladimirowitsch Rubowskji war nicht besonders groß, untersetzt, er hatte dichte Brauen, fröhliche graue Augen und hinkte ein wenig. Daher klirrten seine Sporen unregelmäßig. Er war sehr liebenswürdig und in Gesellschaften ein gern gesehener Gast. Er kannte alle Leute in der Stadt und ihre geschäftlichen Beziehungen; er liebte es, kleine Klatschgeschichten zu hören, war aber selbst bescheiden und verschwiegen wie ein Grab und bereitete niemandem unnützerweise Unannehmlichkeiten. Man blieb stehen, begrüßte sich, plauderte. Peredonoff machte ein verdrießliches Gesicht, hielt vorsichtig Umschau und sagte dann:
„Ich höre, unsere Natascha ist bei Ihnen im Dienst; ich bitte, glauben Sie ihr nicht, wenn sie etwas über uns erzählen sollte; das lügt sie.“
„Dienstbotenklatsch ist mir zuwider,“ sagte Rubowskji voll Würde.
„Sie ist eine gemeine Person,“ fuhr Peredonoff fort, ohne die Entgegnung Rubowskjis zu beachten, „sie hat einen Geliebten, einen Polen. Vielleicht ist sie nur darum zu Ihnen gegangen, um irgendwelche geheime Akten zu stehlen.“
„Bitte, beunruhigen Sie sich nicht,“ versetzte trocken der Oberstleutnant, „Festungspläne habe ich nicht in Verwahrung.“
Diese Erwähnung von Festungen überraschte Peredonoff. Es schien ihm, als spiele Rubowskji darauf an, daß er es bewirken könne, ihn hinter Schloß und Riegel zu bringen.
„Ach was, Festungen,“ murmelte er, „so war es nicht gemeint. Ich wollte nur im allgemeinen bemerken, daß über mich allerlei dumme Gerüchte umlaufen. Das hat seinen Grund im Neid. Glauben Sie, bitte, nichts Derartiges. Man denunziert mich, um den Verdacht von sich selber abzulenken. Uebrigens bin auch ich in der Lage, zu denunzieren.“
Rubowskji verstand nicht recht.
„Ich gebe Ihnen die Versicherung,“ sagte er, mit den Achseln zuckend und sporenklirrend, „mir sind gar keine Anzeigen gemacht worden. Irgend jemand hat Ihnen wohl im Scherze damit gedroht, aber man redet oft mehr, als man verantworten kann.“
Peredonoff traute ihm nicht. Er glaubte, daß der Gendarmerieoberst etwas vor ihm verheimliche, und ihm wurde sehr bange.
Jedesmal, wenn Peredonoff an dem Garten der Werschina vorbeiging, redete sie ihn an und lockte ihn mit beinah magischen Bewegungen in den Garten. Und er trat ein, ohne es zu wollen, ihrem stillen Einfluß gehorchend. Vielleicht würde es ihr gelingen, schneller als die Rutiloffs ans Ziel zu kommen, dachte sie, denn Peredonoff stand allen Menschen gleich fremd gegenüber und warum hätte er nicht Martha heiraten sollen?
Doch der Sumpf, in dem Peredonoff steckte, war schlammig und zäh, und kein Mittel verfing, ihn da heraus in einen anderen zu zerren.
Auch heute gelang es der Werschina, als Peredonoff nach der Unterredung mit Rubowskji vorüberging, ihn hereinzulocken. Sie war wie immer ganz in Schwarz.
„Martha und Wladja fahren auf einen Tag nach Hause,“ sagte sie und sah zärtlich aus ihren braunen Augen durch den Rauch ihrer Zigarette auf Peredonoff, „Sie sollten zusammen mit den beiden einen Tag im Dorfe zubringen. Ein Knecht ist mit einem Wägelchen gekommen, sie abzuholen.“
„Es wird eng sein,“ sagte Peredonoff verdrießlich.
„Ach was, zu eng,“ entgegnete die Werschina. „Sie werden ausgezeichnet Platz haben. Und wenn es auch etwas eng sein sollte, das ist kein Unglück; es ist ja nicht weit, eine halbe Stunde Fahrt.“
In diesem Augenblick kam Martha aus dem Hause gelaufen, um sich bei der Werschina nach etwas zu erkundigen. Die Freude an der bevorstehenden Fahrt hatte ihre Trägheit verdrängt und ihr Gesicht war lebhafter und fröhlicher als wie gewöhnlich. Nun fingen sie beide an, Peredonoff zur Fahrt ins Dorf zu überreden.
„Sie werden ganz bequem sitzen können,“ beteuerte die Werschina, „Sie neben Martha auf dem Rücksitz und Wladislaus neben Ignaz auf dem Bock. Sehen Sie doch selber, da steht das Wägelchen im Hof.“
Peredonoff ging mit der Werschina und Martha in den Hof; da stand der Wagen. Wladja machte sich daran zu schaffen und verpackte etwas. Der Wagen war ziemlich geräumig. Aber Peredonoff erklärte, nachdem er ihn besichtigt hatte:
„Nein, ich fahre nicht. Es ist zu eng für vier Menschen, außerdem noch allerhand Sachen.“
„Na, wenn Sie meinen, daß es zu eng ist,“ sagte die Werschina, „so kann ja der Junge zu Fuß gehen.“
„Natürlich,“ sagte Wladja und lächelte freundlich, „zu Fuß bin ich in anderthalb Stunden da. Ich werde mich gleich aufmachen, da komme ich noch vor Ihnen an.“
Hierauf erklärte Peredonoff, der Wagen würde rütteln und das könne er nicht vertragen. Man ging in die Laube. Alles war schon fix und fertig zur Abfahrt, nur der Knecht Ignaz aß noch in der Küche und dieses Geschäft besorgte er nachdrücklich und ohne sich zu übereilen.
„Wie lernt mein Bruder?“ fragte Martha. Ein anderes Gesprächsthema fiel ihr nicht ein, und die Werschina hatte ihr schon wiederholt Vorwürfe darüber gemacht, daß sie es nicht verstände, Peredonoff zu unterhalten.
„Schlecht,“ sagte Peredonoff, „er ist faul und gehorcht nicht.“
Die Werschina liebte es, zu schelten. Sie machte Wladja Vorwürfe. Wladja wurde rot und lächelte, zog die Schultern zusammen, als habe er es kalt und hob, wie es seine Gewohnheit war, eine Schulter höher als die andere.
„Das Semester hat eben erst begonnen,“ sagte er, „es wird schon gehen.“
„Man muß gleich von Anfang an lernen,“ sagte Martha im Tone der älteren Schwester und wurde rot.
„Außerdem macht er Unsinn,“ klagte Peredonoff, „gestern betrugen sie sich gerade wie Straßenjungen. Und außerdem ist er frech; noch Donnerstag sagte er mir irgend eine Ungezogenheit.“
Wladja wurde heftig, ganz eifrig erzählte er, immer ein Lächeln auf den Lippen:
„Garnicht frech, ich redete nur die Wahrheit, daß Sie in den anderen Heften an fünf Fehler übersehen haben, bei mir aber alle Fehler angestrichen und mir eine schlechte Note gegeben haben. Ich hatte aber schöner geschrieben als jene mit den guten Noten.“
„Noch eine andere Frechheit haben Sie mir gesagt,“ beharrte Peredonoff.
„Gar keine Frechheit, ich habe nur gesagt, ich würde es dem Inspektor sagen,“ sagte Wladja trotzig, „warum soll ich immer schlechte Noten bekommen?“
„Wladja, vergiß nicht, mit wem du sprichst,“ sagte die Werschina streng, „statt daß du dich entschuldigst, wiederholst du noch deine Ungezogenheiten.“
Plötzlich fiel Wladja ein, daß man Peredonoff nicht reizen dürfe, weil er doch vielleicht sich mit Martha verloben könnte. Er wurde ganz rot, spielte verlegen an seiner Gürtelschnalle und sagte bescheiden:
„Verzeihen Sie. Ich wollte nur bitten, ob sich das nicht ummachen ließe.“
„Schweig doch still, ich bitte dich,“ unterbrach ihn die Werschina, „ich kann so was nicht leiden,“ wiederholte sie und zitterte kaum merklich am ganzen Körper. „Wenn dir ein Verweis erteilt wird, so hast du still zu sein.“
Und die Werschina überschüttete den Jungen mit Vorwürfen, rauchte ihre Zigarette und lächelte schief, wie sie immer lächelte, gleichviel wovon die Rede war.
„Man muß es dem Vater sagen, er wird dich bestrafen,“ schloß sie.
„Man muß ihn durchprügeln,“ sagte Peredonoff und blickte böse auf den Jungen, der es gewagt hatte, ihn zu kränken.
„Natürlich,“ bestätigte die Werschina, „man muß ihn durchprügeln.“
„Man muß ihn durchprügeln,“ sagte auch Martha und errötete.
„Ich werde heute zu Ihrem Vater fahren,“ sagte Peredonoff, „und werde ihm sagen, er soll Sie ordentlich in meiner Gegenwart durchprügeln.“
Wladja schwieg, blickte auf seine Peiniger, zog die Schultern zusammen und lächelte, während ihm die Tränen in den Augen standen. Sein Vater war sehr hart. Wladja versuchte sich zu beruhigen; er dachte, das seien nur Drohungen. Es war doch nicht möglich, daß man ihm so den Feiertag verderben wollte. Ein Feiertag ist etwas ganz Besonderes, ein fröhlicher, schöner Tag und dieses Festliche ist garnicht vereinbar mit dem Alltäglichen, mit dem Leben in der Schule.
Peredonoff fand aber Gefallen daran, wenn Kinder weinten, — besonders wenn er selber den Anlaß zu Tränen und Zerknirschung gab. Wladjas Verlegenheit, seine verhaltenen Tränen und sein schuldbewußtes, schüchternes Lächeln, alles das freute Peredonoff. Er entschloß sich, zusammen mit Martha und Wladja hinauszufahren.
„Na meinethalben, ich werde mitkommen,“ sagte er zu Martha.
Martha freute sich, war aber doch ein wenig erschreckt. Natürlich wünschte sie es, daß Peredonoff mitkäme, — richtiger, die Werschina hatte es für sie gewünscht und ihr diesen Wunsch eingegeben durch einige schnelle Worte. Jetzt aber, wie Peredonoff erklärte, er wolle mitkommen, tat es ihr leid um Wladja.
Auch Wladja fühlte sich unbehaglich. War es möglich, daß Peredonoff nur um seinetwillen mitkam? Er wollte Peredonoff freundlicher stimmen und sagte:
„Wenn Sie meinen, Ardalljon Borisowitsch, daß es zu eng sein wird, so will ich gerne zu Fuß gehen.“
Peredonoff sah ihn argwöhnisch an und sagte:
„Das kennen wir. Wenn man Sie allein läßt, werden Sie das Weite suchen. Nein, nein, wir werden Sie schon hinbringen zu Ihrem Vater, er wird Sie schon strafen.“
Wladja wurde rot und seufzte tief auf. Die Gegenwart dieses brutalen, finstren Mannes war ihm unleidlich und widerwärtig. Um Peredonoff zu erweichen, beschloß er, dessen Sitz im Wagen so bequem wie möglich herzurichten.
„Ich werde es schon so machen,“ sagte er, „daß Sie ganz vorzüglich sitzen sollen.“
Und eilig lief er an den Wagen. Die Werschina sah ihm nach, lächelte schief, paffte und sagte leise zu Peredonoff:
„Sie haben große Angst vor ihrem Vater. Er ist sehr streng.“
Martha wurde rot.
Wladja wollte eigentlich eine neue englische Angel mitnehmen, welche er für sein Taschengeld gekauft hatte, und noch allerhand andere Dinge, aber sie nahm zu viel Platz fort. Und der Junge trug alles wieder ins Haus zurück.
Es war nicht heiß. Die Sonne neigte sich zum Westen. Der Weg war noch feucht vom Regen, welcher am Morgen gefallen war und staubfrei. Der Wagen mit seinen vier Insassen rollte gleichmäßig über den Schotter; das gutgefütterte, graue Pferdchen trabte munter, als hätte es gar keine Last zu ziehen, und der faule schweigsame Knecht lenkte es mit nur den Erfahrenen bemerkbaren Bewegungen der Zügel.
Peredonoff saß neben Martha. Ihm war so viel Platz eingeräumt worden, daß Martha es sehr unbequem hatte. Das bemerkte er aber nicht. Und wenn er es auch bemerkt hätte, so hätte er gedacht, daß das ganz in der Ordnung sei: er war doch der Gast.
Peredonoff fühlte sich sehr gemütlich. Er beschloß, liebenswürdig mit Martha zu reden, etwas zu scherzen, sie zu erheitern. Er begann so:
„Wird Ihre Revolution bald anfangen?“
„Wieso?“ fragte Martha.
„Ja, ihr Polen seid doch immer bereit, loszuschlagen; es wird nur vergebens sein.“
„Ich mache mir gar keine Gedanken darüber,“ sagte Martha, „außerdem denkt niemand bei uns an Revolution.“
„Das sagt man wohl so. Ihr haßt doch die Russen.“
„Wir denken nicht daran,“ sagte Wladja, indem er sich Peredonoff zuwandte. Er mußte sich umkehren, weil er auf dem Bock neben Ignaz saß.
„Das kennt man: wir denken nicht daran. Wir werden euch euer Polen niemals zurückgeben. Wir haben es erobert. Wir haben euch so viel Wohltaten erwiesen; aber da sieht man es wieder, wenn man den Wolf noch so sehr füttert, er will immer in den Wald zurück.“
Martha antwortete nichts. Peredonoff schwieg ein wenig, dann sagte er:
„Die Polen sind blödsinnig.“
Martha wurde rot.
„Das gibt es überall bei den Polen und bei den Russen,“ sagte sie.
„Nein, nein, es ist schon so,“ beharrte Peredonoff, „die Polen sind dumm. Protzig sind sie. Die Juden — das sind kluge Leute.“
„Die Juden sind Schufte, garnicht klug,“ sagte Wladja.
„Nein, die Juden sind ein sehr kluges Volk. Der Jude wird einen Russen immer nasführen, aber niemals ein Russe den Juden.“
„Es ist ja auch garnicht nötig, zu hintergehen,“ sagte Wladja, „besteht denn die Klugheit nur darin, zu betrügen und zu übervorteilen?“
Peredonoff blickte den Jungen zornig an.
„Die Klugheit besteht im Lernen,“ sagte er, „Sie zum Beispiel sind faul.“
Wladja seufzte auf und kehrte sich wieder um und sah dem gleichmäßigen Traben des Pferdes zu. Peredonoff aber fuhr fort:
„Die Juden sind klug, im Lernen und überhaupt in allen Dingen. Würde es den Juden erlaubt sein, Professoren zu werden, so würden sämtliche Professoren Juden sein. Die Polinnen sind alle schlampig.“
Er blickte auf Martha, und mit Behagen bemerkend, daß sie sehr rot wurde, sagte er liebenswürdig:
„Denken Sie nicht, ich hätte Sie damit gemeint. Ich weiß, daß Sie eine vorzügliche Hausfrau abgeben.“
„Alle Polinnen sind gute Hausfrauen,“ entgegnete Martha.
„Na ja,“ antwortete Peredonoff, „von außen sehen sie sauber aus, aber ihre Unterröcke sind dreckig. Dafür haben sie auch einen Mizkewizsch gehabt. Ich schätze ihn höher als Puschkin. Ich habe ein Porträt an der Wand hängen; erst hing der Puschkin da, jetzt habe ich ihn ins Klosett gehängt, — er war ein simpler Hoflakai.“
„Sie sind doch ein Russe,“ sagte Wladja, „wozu brauchen Sie unsern Mizkewizsch. Puschkin schreibt wunderschön und Mizkewizsch auch.“
„Mizkewizsch steht höher,“ wiederholte Peredonoff. „Die Russen sind Dummköpfe. Nur die Teemaschine haben sie erfunden, weiter nichts.“
Peredonoff blickte auf Martha, kniff die Augen zusammen und sagte:
„Sie haben viele Sommersprossen. Das ist nicht hübsch.“
„Dafür kann ich nichts,“ flüsterte Martha lächelnd.
„Ich habe auch Sommersprossen,“ sagte Wladja und kehrte sich auf seinem engen Sitz um, wobei er den schweigsamen Ignaz anstieß.
„Sie sind ein Junge,“ sagte Peredonoff, „da macht es nichts. Ein Mann braucht nicht hübsch zu sein. Ihnen hingegen,“ er wandte sich zu Martha, „schadet es. Niemand wird Sie heiraten wollen. Sie müssen Ihr Gesicht mit Gurkensaft waschen.“
Martha dankte für den Rat.
Wladja lächelte und blickte Peredonoff an.
„Warum lachen Sie?“ sagte Peredonoff, „passen Sie auf, wenn wir erst an Ort und Stelle sind, werden Sie Prügel bekommen.“
Wladja hatte sich wieder umgekehrt und fixierte Peredonoff; er wollte erraten, ob es ihm ernst wäre, oder ob er nur scherze. Peredonoff konnte es nicht ertragen, fixiert zu werden.
„Was starren Sie mich so an?“ fragte er grob. „Ich habe keine besonderen Verzierungen im Gesicht. Oder haben Sie am Ende den bösen Blick?“
Wladja erschrak und blickte zur Seite.
„Verzeihen Sie,“ sagte er bescheiden, „ich dachte mir nichts dabei.“
„Glauben Sie an den bösen Blick?“ fragte Martha.
„Nein, das ist ein dummer Aberglaube,“ sagte Peredonoff zornig, „es ist nur sehr unhöflich, einen so anzustarren.“
Einige Minuten herrschte verlegenes Schweigen.
„Sie sind ganz arm?“ unterbrach Peredonoff die Stille.
„Reich sind wir nicht,“ entgegnete Martha, „immerhin ganz arm auch nicht. Wir werden alle eine Kleinigkeit erben.“
Peredonoff sah sie ungläubig an und sagte:
„Ich weiß schon, Sie sind ganz arm. Sie gehen an Wochentagen barfuß.“
„Nicht darum, weil wir arm sind,“ versetzte Wladja lebhaft.
„Ach so, wohl darum, weil Sie reich sind?“ fragte Peredonoff und lachte kurz auf.
„Jedenfalls nicht, weil wir arm sind,“ sagte Wladja und wurde rot, „es ist sehr gesund barfuß zu gehen, man härtet sich ab und im Sommer ist es sehr angenehm.“
„Das lügen Sie,“ sagte Peredonoff grob. „Wohlhabende Leute gehen niemals barfuß. Ihr Vater hat viele Kinder und zählt seine Einnahmen nach Groschen. Dafür lassen sich keine Stiefel kaufen.“