VII

Warwara hatte keine Ahnung, wohin Peredonoff gegangen sein könnte. Sie hatte eine entsetzlich unruhige Nacht.

Als Peredonoff am Morgen in die Stadt zurückkam, ging er nicht nach Hause, sondern befahl dem Kutscher zur Kirche zu fahren, denn um diese Zeit begann der Frühdienst. Es schien ihm gefährlich zu sein, nur selten in die Kirche zu gehen — man hätte das gegen ihn ausnützen können.

Am Kirchentor traf er einen hübschen, rotbackigen, kleinen Gymnasiasten. Er sah sehr nett aus, hatte ein harmloses Gesicht und unschuldige blaue Augen. Peredonoff sagte:

„Guten Tag, Maschenka[6], kleines Mädchen.“

Mischa Kudrjawzeff wurde purpurrot. Peredonoff hatte ihn schon etliche Male so geneckt und ihn Maschenka genannt. Kudrjawzeff begriff gar nicht warum und konnte sich nicht entschließen, zu klagen. Einige dumme Jungen, welche da herumstanden, lachten über Peredonoffs Anrede. Auch sie liebten es sehr, den kleinen Mischa zu necken.

Die Eliaskirche war sehr alt; sie war noch zu Zeiten des Kaisers Michael erbaut worden und stand auf einem großen freien Platz gegenüber dem Gymnasium.

Zum Frühgottesdienst und zur Vesper waren die Gymnasiasten verpflichtet an Feiertagen in diese Kirche zu gehen. Sie mußten links stehen, in Reihen, am Altar der heiligen Märtyrerin Katharina; hinter ihnen pflegte sich ein Ordinarius aufzuhalten, um auf Ordnung zu sehen. Etwas mehr in der Mitte des Kirchenschiffes standen die Lehrer des Gymnasiums, der Inspektor und der Direktor mit ihren Familien. In der Regel pflegten sämtliche Schüler griechischer Konfession hier zusammenzukommen, mit Ausnahme einiger, welchen es gestattet war, zusammen mit ihren Eltern die vorstädtischen Kirchen zu besuchen.

Der Schülerchor sang vortrefflich, daher gingen die Kaufleute erster Gilde, die Beamten und die Gutsbesitzer mit ihren Familien in diese Kirche. Einfache Leute sah man nur selten. Um so mehr, als dem Wunsche des Direktors entsprechend der Gottesdienst später als in den anderen Kirchen abgehalten wurde.

Peredonoff stellte sich auf seinen gewohnten Platz. Von hier aus konnte er den ganzen Chor überblicken. Mit den Augen zwinkernd sah er auf die Reihen der Sänger und dachte, daß sie unordentlich stünden und daß er schon Ordnung schaffen wolle, wenn er Inspektor wäre. Zum Beispiel der brünette Kramarenko. Er war klein, schmächtig und beweglich und wandte sich bald hierher, bald dorthin, bald flüsterte er seinen Nachbarn etwas ins Ohr oder lachte und keiner berief ihn. Als wäre es vollständig gleichgültig.

„Das ist Unfug,“ dachte Peredonoff; „diese Sänger sind immer Taugenichtse; jener schwarzhaarige Bengel hat einen schönen, reinen Diskant, — da denkt er gleich, er kann in der Kirche nach Herzenslust schwatzen und lachen.“

Und Peredonoff ärgerte sich.

Neben ihm stand der ein wenig zu spät gekommene Inspektor der Volksschulen, Sergius Protapowitsch Bogdanoff, ein alter Mann mit braunem, dummerhaften Gesicht, welches stets so aussah, als wünschte er jemandem etwas zu erklären, was er selber absolut nicht begreifen konnte. Man konnte diesen Bogdanoff sehr leicht in Erstaunen setzen oder erschrecken: wenn ihm etwas Neues oder Aufregendes zu Ohren kam, so furchte sich seine Stirn in krankhafter Aufregung und seinem Munde entfuhren unverständliche, sinnlose Worte.

Peredonoff beugte sich zu ihm und flüsterte:

„Eine Ihrer Lehrerinnen trägt rote Blusen.“

Bogdanoff erschrak. Sein Kinn zitterte vor Angst.

„Was sagen Sie da?“ flüsterte er heiser, „wer tut das?“

„Na jene mit dem dicken Hals, diese unförmliche Person da. Ich weiß ja nicht, wie sie heißt,“ flüsterte Peredonoff.

„Mit dem dicken Hals, mit dem Hals,“ wiederholte Bogdanoff fassungslos, „das ist die Skobotschkina.“

„Na also,“ sagte Peredonoff.

„Ja, wie ist das nur möglich!“ zischelte Bogdanoff erregt, „die Skobotschkina trägt rote Blusen! Haben Sie das gesehen?“

„Jawohl, außerdem soll sie auch in der Schule so herumlaufen. Manchmal noch schlimmer, dann trägt sie einen Sarafan,[7] ganz wie ein Bauernweib.“

„Nein, das ist ja unglaublich! Das muß festgestellt werden. Das geht nicht, das geht auf keinen Fall. Man muß sie entlassen, ja entlassen,“ flüsterte Bogdanoff, „sie war schon immer so.“

Der Gottesdienst war zu Ende. Man ging aus der Kirche. Peredonoff sagte zu Kramarenko:

„Du kleiner, schwarzer Taugenichts, warum lachst du in der Kirche? Warte nur, ich werde es deinem Vater sagen.“

Peredonoff redete die nichtadeligen Schüler manchmal mit „Du“ an; zu den Adeligen sagte er immer „Sie“. In der Schulkanzlei erkundigte er sich nach dem Stande des Einzelnen und sein Gedächtnis ließ ihn in solchen Dingen niemals im Stich.

Kramarenko sah Peredonoff erstaunt an und lief schweigend davon. Er gehörte zu jenen Schülern, welche Peredonoff für grob, dumm und ungerecht hielten und ihn deswegen verachteten und haßten. So dachte die Mehrzahl. Peredonoff glaubte, das wären jene, welche der Direktor gegen ihn aufgestachelt habe, wenn auch nicht in eigener Person, so doch durch seine Söhne.

Schon außerhalb der Umfriedung trat Wolodin fröhlich kichernd auf Peredonoff zu, er machte ein salbungsvolles Gesicht, als hätte er Geburtstag, sein steifer Hut saß ihm im Nacken, und er fuchtelte mit seinem Spazierstöckchen.

„Weißt du was, Ardalljon Borisowitsch,“ flüsterte er freudig erregt, „ich habe den Tscherepin herumgekriegt, er wird in diesen Tagen das Tor von Marthas Haus mit Teer einschmieren.“

Peredonoff schwieg ein wenig und bedachte sich. Dann lachte er schadenfroh. Wolodin hörte alsbald zu grinsen auf, machte ein bescheidenes Gesicht, rückte seinen Hut zurecht und mit dem Stöckchen schlenkernd, sagte er:

„Schönes Wetter heute, am Abend werden wir wohl Regen haben. Mag es nur regnen, wir werden mit dem Inspektor in spe zu Hause sitzen.“

„Ich kann eigentlich nicht zu Hause bleiben,“ sagte Peredonoff, „ich habe verschiedne Gänge vor und muß in die Stadt gehen.“

Wolodin machte ein verständnisvolles Gesicht, obgleich er natürlich garnicht wußte, was Peredonoff so plötzlich für Gänge vorhaben konnte. Peredonoff überlegte aber, daß es dringend notwendig wäre, einige Visiten zu machen. Sein zufälliges Zusammentreffen mit dem Gendarmerieoberst hatte ihn auf einen Gedanken gebracht, dessen Ausführung ihm nützlich erschien: er wollte alle Honoratioren der Stadt besuchen, um sie von seiner Zuverlässigkeit zu überzeugen. Sollte das gelingen, so hätte er für alle Fälle angesehne Leute in der Stadt, welche für seine korrekte Gesinnung bürgen würden.

„Wohin wollen Sie gehen, Ardalljon Borisowitsch?“ fragte Wolodin, als er bemerkte, daß Peredonoff einen anderen als den gewohnten Weg einschlug, „gehen Sie nicht nach Hause?“

„Nein, ich gehe nach Haus,“ antwortete Peredonoff, „ich fürchte mich bloß, den alten Weg zu gehen.“

„Warum denn?“

„Da wächst so viel Bilsenkraut, der Geruch ist so schwer; er wirkt auf mich betäubend. Meine Nerven sind schwach, wegen der vielen Unannehmlichkeiten.“

Wolodin machte wieder ein verständnisvolles, teilnehmendes Gesicht.

Unterwegs riß Peredonoff einige Kletten ab und steckte sie in die Tasche.

„Wozu sammeln Sie das?“ fragte Wolodin grinsend.

„Für den Kater,“ gab Peredonoff traurig zur Antwort.

„Werden Sie sein Fell mit Kletten bewerfen?“ erkundigte sich Wolodin sachgemäß.

„Ja.“

Wolodin kicherte.

„Bitte, warten Sie bis ich komme; das wird sehr lustig werden,“ sagte er.

Peredonoff lud ihn ein, doch gleich mitzukommen, aber Wolodin sagte, daß er was vorhabe: es war ihm auf einmal zum Bewußtsein gekommen, daß es unanständig wäre, niemals was vorzuhaben. Peredonoffs Worte hatten ihn darauf gebracht und er überlegte, daß es für ihn ganz angebracht wäre, auf eigene Faust Fräulein Adamenko zu besuchen und ihr zu erzählen, daß er neue sehr hübsche Entwürfe für Bilderrahmen gezeichnet hätte und ob sie die sich nicht ansehen wolle. Außerdem glaubte er, daß ihm Nadeschda Wassiljewna Kaffee anbieten würde.

Wie gedacht so getan. Dann hatte er sich noch etwas ausgedacht, etwas sehr Schlaues; er würde Nadeschda Wassiljewna den Vorschlag machen, ihrem Bruder Unterricht in der Tischlerei zu erteilen. Nadeschda Wassiljewna glaubte, daß es Wolodin um einen Verdienst zu tun sei und erklärte sich sofort einverstanden. Es wurde beschlossen, daß er für 30 Rubel monatlich in der Woche je zwei Stunden zu geben habe. Wolodin war entzückt, — sowohl über den Verdienst, als über die Möglichkeit, Nadeschda Wassiljewna oft zu sehen.

Peredonoff kam wie immer mürrisch nach Hause. Warwara war bleich von der durchwachten Nacht und brummte:

„Du hättest gestern sagen können, daß du nicht kommen würdest.“

Peredonoff wollte sie ärgern und erzählte, daß er bei Martha gewesen sei. Warwara schwieg still. Sie hatte ja den Brief der Fürstin in Händen. Wenn er auch gefälscht war, immerhin ....

Beim Frühstück sagte sie schmunzelnd:

„Während du dich mit der Martha herumgetrieben hast, habe ich in deiner Abwesenheit eine Antwort von der Fürstin erhalten.“

„Was hast du ihr denn geschrieben?“ fragte Peredonoff.

Sein Gesicht wurde lebhaft vor lauter Erwartung.

Warwara sagte lachend:

„Sei doch kein Narr, du hast mir doch selber befohlen, ihr zu schreiben.“

„Was schreibt sie denn?“ fragte Peredonoff erregt.

„Da ist der Brief; lies ihn selber.“

Warwara wühlte in allen Taschen, als suchte sie den irgendwohin gesteckten Brief. Endlich hatte sie ihn und gab ihn Peredonoff. Er schob seinen Teller beiseite und verschlang gierig jede Zeile des Briefes. Jetzt hatte er ihn durchgelesen und wurde sehr froh. Endlich ein klares und bestimmtes Versprechen. Irgendwelche Zweifel kamen ihm nicht. Er aß schnell zu Ende und ging den Brief seinen Bekannten und Freunden zu zeigen.

Schnell und lebhaft ging er zum Garten der Werschina. Diese stand wie fast immer am Pförtchen und rauchte. Sie war sichtlich erfreut: früher mußte man ihn immer hereinbitten, jetzt kam er ohne Aufforderung. Die Werschina dachte bei sich:

„Da sieht man es, er ist mit der Martha spazieren gefahren, mit ihr längere Zeit zusammengewesen und kommt schon wieder gelaufen. Vielleicht will er um sie anhalten?“ dachte sie freudig erregt.

Peredonoff enttäuschte sie sofort, er zeigte ihr den Brief.

„Sehen Sie,“ sagte er, „Sie haben immer gezweifelt. Die Fürstin hat doch geschrieben. Bitte, lesen Sie doch!“

Die Werschina blickte mißtrauisch auf den Brief, blies einige Male Rauch darauf, lächelte schief und fragte schnell und leise:

„Wo ist der Umschlag?“

Peredonoff erschrak. Er überlegte, daß Warwara ihn mit dem Brief hätte betrügen können, wenn sie ihn ganz einfach selbst geschrieben hatte. Man mußte sich so schnell als möglich nach dem Umschlag erkundigen.

„Ich weiß nicht,“ sagte er, „ich will nachfragen.“

Er verabschiedete sich eilig von der Werschina und kehrte schnell nach Hause zurück. Er mußte so bald als möglich über den Ursprung dieses Briefes Klarheit haben; der plötzliche Zweifel quälte ihn entsetzlich.

Die Werschina blieb an der Pforte stehen und blickte ihm nach; sie lächelte schief und rauchte eifrig ihre Zigarette, so als hätte sie eine Arbeit bis zu einem bestimmten Termin zu vollenden.

Peredonoff sah erschreckt und verstört aus, als er nach Hause kam. Schon im Vorzimmer schrie er mit heiserer, aufgeregter Stimme:

„Warwara, wo ist der Umschlag?“

„Was für ein Umschlag?“ fragte Warwara und ihre Stimme zitterte.

Sie blickte ihn niederträchtig an, und wäre rot geworden, wenn sie sich nicht geschminkt hätte.

„Der Umschlag zu dem Brief von der Fürstin,“ erklärte Peredonoff und sah erschreckt und wütend auf Warwara.

Warwara lachte gezwungen.

„Ich habe ihn verbrannt,“ sagte sie, „was sollte ich sonst mit ihm anfangen. Soll ich die Umschläge aufbewahren und mir eine große Sammlung anlegen? Für Umschläge gibt keiner einen Groschen. Nur für leere Bierflaschen bekommt man in den Wirtschaften Geld.“

Peredonoff ging ärgerlich im Zimmer auf und ab und knurrte:

„Es gibt allerhand Fürstinnen. Das kennt man. Vielleicht wohnt diese Fürstin hier.“

Warwara stellte sich so, als könne sie garnicht verstehen, woran er eigentlich zweifelte. Doch war ihr recht unbehaglich zumute.

Als Peredonoff am Abend am Garten der Werschina vorbeiging, hielt diese ihn an.

„Hat sich der Umschlag gefunden?“ fragte sie.

„Ja,“ antwortete Peredonoff, „Warja sagt, sie hätte ihn verbrannt.“

Die Werschina lachte und die grauen, leichten Rauchwölkchen ihrer Zigarette zitterten leise in der stillen Abendluft.

„Merkwürdig, wie unvorsichtig Ihr Schwesterchen ist,“ sagte sie, „so ein wichtiger Brief und ohne Umschlag. Man hätte doch am Poststempel sehen können, woher der Brief kommt und wann er abgeschickt wurde.“

Peredonoff war sehr ärgerlich. Vergebens bat ihn die Werschina, hereinzukommen, vergebens versprach sie ihm, aus den Karten wahrzusagen, — Peredonoff ging.

Dennoch zeigte er seinen Freunden den Brief und prahlte damit. Seine Freunde glaubten ihm.

Er selber wußte nicht recht, sollte er glauben oder nicht. Für jeden Fall beschloß er, am Dienstag mit seinen Rechtfertigungsvisiten bei den Honoratioren der Stadt zu beginnen, denn am Montag soll man nichts Neues unternehmen, weil es ein Unglückstag ist.