VIII
Kaum war Peredonoff gegangen, um Billard zu spielen, da fuhr auch schon Warwara zur Gruschina. Lange überlegten sie und beschlossen endlich, die Sache wieder gut zu machen, durch einen zweiten Brief. Warwara wußte, daß die Gruschina Bekannte in Petersburg hatte. Durch deren Vermittlung konnte es nicht schwer fallen, einen am Ort gefälschten Brief hin- und wieder zurückzubefördern.
Die Gruschina wollte genau so, wie das erstemal, die Sache nicht übernehmen. Aber sie stellte sich nur so.
„Liebste Warwara Dmitriewna,“ sagte sie, „schon dieser erste Brief lastet schwer auf meinem Gewissen und ich fürchte mich sehr. Wenn ich den Schutzmann in der Nähe meines Hauses sehe, so zittre ich am ganzen Leibe, wie wenn er es auf mich abgesehen hätte und mich ins Gefängnis abführen wollte!“
Eine geschlagene Stunde suchte Warwara sie zu überreden, versprach ihr Geschenke und gab ihr ein wenig Geld im voraus. Endlich gab die Gruschina nach. Man beschloß folgendes zu tun: zunächst würde Warwara erzählen, daß sie eine Antwort an die Fürstin geschickt hätte, um ihr zu danken. Dann sollte nach einigen Tagen ein Brief kommen, welcher wieder nur angeblich von der Fürstin stammte. In diesem Briefe würde es noch deutlicher ausgesprochen sein, daß einige Stellen vakant wären, daß man sich schon jetzt für Peredonoff verwenden wolle, wenn er sich nur schnell zur Trauung entschließen würde. Diesen Brief sollte die Gruschina schreiben, genau so, wie den ersten, man würde ihn kouvertieren, eine Siebenkopekenmarke daraufkleben und ihn in einen zweiten Umschlag stecken, welcher an die Freundin der Gruschina in Petersburg adressiert war. Diese hatte dann weiter nichts zu tun, als ihn in einen Briefkasten zu werfen.
Jetzt gingen die Gruschina und Warwara in eine kleine Papierhandlung ganz am Ende der Stadt und kauften schmale Briefumschläge und farbiges Postpapier. Vorsichtshalber bestand die Gruschina darauf, daß ein Papier genommen wurde, welches nur noch in einigen Exemplaren vorhanden war und man kaufte den ganzen Vorrat. Die schmalen Kouverts hatte man gewählt, um den gefälschten Brief leichter in einen andern Umschlag schieben zu können.
Als sie wieder zu Hause waren bei der Gruschina, verfaßten sie den Brief. Dieser war nach zwei Tagen fertig abgeschrieben und wurde nun parfümiert. Die nachgebliebenen Umschläge und Briefbogen verbrannten sie, um alle Beweisstücke aus der Welt zu schaffen.
Die Gruschina schrieb ihrer Freundin, an welchem Tage sie den Brief in den Postkasten zu werfen hatte, — er sollte an einem Sonntage ankommen: der Postbote würde ihn dann in Peredonoffs Gegenwart abgeben und das wäre ein Beweis mehr für die Echtheit des Briefes.
Am Dienstag bemühte sich Peredonoff, recht früh vom Gymnasium fortzukommen. Ein Zufall kam ihm zu Hilfe: es war die letzte Stunde in jener Klasse, deren Tür auf den Korridor hinausführte, ganz nahe von der Stelle, wo die Uhr hing. Dort hielt sich der Pedell auf, ein braver Reserveunteroffizier, welcher zu bestimmten Zeiten zu läuten hatte. Peredonoff schickte ihn ins Lehrerzimmer nach dem Klassenjournal und stellte die Uhr um eine Viertelstunde vor — niemand hatte es bemerkt.
Zu Hause bestellte Peredonoff sein Frühstück ab und sagte, daß er erst spät zu Mittag kommen würde, er hätte einen wichtigen Gang vor.
„Man wirft mir Steine in den Weg, ich muß sie forträumen,“ sagte er böse und dachte dabei an die vermeintlichen Intrigen seiner Feinde.
Er zog seinen nur wenig benutzten Frack an, er war ihm zu eng geworden und drückte: denn sein Körper hatte an Umfang zugenommen, während der Frack ein wenig eingeschrumpft war. Daß er keinen Orden im Knopfloch hatte, ärgerte ihn. Die andern wurden dekoriert, — sogar Falastoff von der Volksschule, — nur ihn hatte man übergangen. Das war alles die Mache des Direktors: nicht ein einziges Mal hatte er ihn vorgeschlagen. Freilich in der Rangliste rückte er auf, das konnte der Direktor nicht verhindern, aber was hat man von einem Rang, den kein Mensch sieht. Wenn die neue Uniform eingeführt sein wird, erst dann würde man es sehen können. Es war doch gut, daß die Achselstücke daran den Rang bezeichnen sollten, aber nicht das Verdienst. Das ist von Wichtigkeit: Achselstücke wie bei einem General mit einem Stern darauf. Jedermann auf der Straße wird sehen können, daß er Staatsrat ist.
„Ich muß mir bald die neue Uniform bestellen,“ dachte Peredonoff.
Erst unterwegs dachte er darüber nach, wen er zuerst besuchen solle.
Am wichtigsten schien ihm für seine Lage der Landrat und der Staatsanwalt zu sein. Mit ihnen hätte er beginnen sollen. Oder sollte er zum Adelsmarschall. Aber gerade diese drei als erste aufzusuchen, schien ihm sehr gewagt. Der Adelsmarschall Weriga — ein General, der binnen kurzem Statthalter werden wollte und der Landrat und Staatsanwalt — diese unangenehmen Repräsentanten von Polizei und Gericht.
„Zuerst will ich die kleineren Beamten aufsuchen“, dachte Peredonoff, „und mich in ihre Art finden, schon dort werde ich sehen können, was man von mir hält, wie man über mich redet.“ So beschloß er denn, den Bürgermeister als ersten zu besuchen. Wiewohl jener nur Kaufmann war und bloß eine Kreisschule besucht hatte, so kam er doch überall hin und alle kamen zu ihm; außerdem genoß er in der Stadt ein großes Ansehen und hatte in anderen Städten und sogar in der Residenz recht vornehme Bekannte.
Entschlossen richtete Peredonoff seine Schritte zum Hause des Bürgermeisters.
Das Wetter war trübe. Die Blätter fielen müde und kraftlos von den Bäumen. Peredonoff war etwas aufgeregt.
Im Hause des Bürgermeisters roch es nach frischgewachsten Dielen und noch, kaum bemerkbar, nach etwas anderem, etwas Süßem, Eßbarem. Alles im Haus war still und traurig. Die Kinder, ein Gymnasiast und ein Backfisch („Ich halte ihnen eine Gouvernante,“ pflegte der Vater zu sagen) verhielten sich ruhig in ihren Zimmern. Dort war es gemütlich, hell und fröhlich, die Fenster gingen in den Garten, die Möbel waren sehr bequem, außerdem die verschiedensten Spiele im Zimmer und draußen.
Im oberen Stock waren die Empfangszimmer. Da war alles vornehm und kalt. Die Mahagonimöbel schienen ins Riesenhafte vergrößerte Puppenmöbel zu sein. Gewöhnlichen Sterblichen boten sie eine äußerst unbequeme Sitzgelegenheit, versuchte man nämlich, sich recht bequem zu setzen, so war es nicht anders, als ließe man sich auf einen Stein fallen. Der melancholische Hausherr hingegen saß auf seinem gewohnten Stuhl und schien sich sehr wohlzufühlen.
Der Archimandrit — ein häufiger Gast im Hause des Bürgermeisters — pflegte diese Sessel und Sofas „Seelenretter“ zu nennen. Hierauf entgegnete das Stadthaupt:
„Weibische Verweichlichung, wie Sie das in anderen Häusern finden werden, dulde ich nicht: da sitzt man auf Sprungfedern, alles gibt nach unter der Last des Körpers, wie kann das gesund sein! Im übrigen sind auch die Aerzte gegen zu weiches Sitzen.“
Jakob Anikiewitsch Skutschaeff, das Stadthaupt, begrüßte Peredonoff auf der Schwelle seines Empfangszimmers. Er war groß, wohlbeleibt und hatte kurzgeschorenes, schwarzes Haar; er verstand es, würdig, doch gleichzeitig liebenswürdig zu sein und verhielt sich herablassend zu Leuten mit geringem Einkommen.
Nachdem Peredonoff sich einigermaßen zurechtgesetzt und auf die einleitenden Begrüßungsworte geziemend geantwortet hatte, sagte er:
„Ich komme in einer dringlichen Angelegenheit zu Ihnen.“
„Ich will mit Vergnügen mein Möglichstes tun. Womit kann ich dienen?“ erkundigte sich der Hausherr.
In seinen schlauen, schwarzen Augen war ein leises Mißtrauen zu sehen. Er dachte, Peredonoff sei gekommen, um ihn um Geld zu bitten und er beschloß, ihm in keinem Fall mehr als 150 Rubel zu leihen. Eine ganze Reihe von Beamten waren Skutschaeff größere und kleinere Summen schuldig. Skutschaeff forderte niemals ausstehendes Geld zurück, verweigerte aber säumigen Schuldnern jedes weitere Darlehen. Das erstemal gab er immer gerne, je nach den Vermögensverhältnissen des Bittstellers und nach dem Bestande seiner eigenen Kasse.
Peredonoff sagte: „Jakob Anikiewitsch, Sie sind Bürgermeister und somit der eigentliche Repräsentant unserer Stadt; in diesem Sinne habe ich mit Ihnen zu sprechen.“
Skutschaeff setzte eine erhabene Miene auf und machte eine leichte Verbeugung.
„Ueber mich werden in der Stadt unglaubliche und einfach erlogene Klatschgeschichten verbreitet,“ sagte Peredonoff mürrisch.
„Fremde Mäuler kann man nicht stopfen,“ sagte der Hausherr, „und dann, was haben die alten Basen in unsern Gefilden anderes zu tun, als ihre Zunge zu rühren.“
„Es wird erzählt, daß ich nicht in die Kirche gehe und das ist gelogen,“ fuhr Peredonoff fort, „denn ich gehe regelmäßig zur Kirche. Zum Eliasfest mußte ich zu Hause bleiben, weil ich Bauchschmerzen hatte.“
„Es stimmt,“ bestätigte der Hausherr, „dafür kann ich stehen, habe ich Sie doch selber des öfteren im Gottesdienst gesehen. Im übrigen bin ich nicht oft in Ihrer Kirche. Ich fahre meist ins Kloster. Das ist so eine Familiensitte bei uns.“
„Auch sonst klatscht man allerlei,“ sagte Peredonoff, „z. B. soll ich meinen Schülern unanständige Geschichten erzählen. Das ist Lüge. Es kommt ja vor, daß man in der Stunde mal einen Scherz macht, um den Unterricht zu beleben. Ihr eigner Sohn ist ja mein Schüler. Hat er Ihnen etwa derartiges erzählt?“
„Es stimmt,“ sagte Skutschaeff, „sowas hat er mir nie erzählt. Die Bengel sind zwar sehr schlau, — was ihnen nicht paßt, erzählen sie auch nicht. Freilich mein Sohn, steckt noch ganz in den Kinderschuhen, aus purer Dummheit hätte er was erzählt, aber etwas Derartiges habe ich nie von ihm gehört.“
„Nun sehen Sie, in den älteren Klassen wissen sie sowieso schon alles,“ sagte Peredonoff, „aber selbst dort nehme ich kein unflätiges Wort in den Mund.“
„Das versteht sich,“ antwortete Skutschaeff, „das Gymnasium ist kein Jahrmarkt.“
„Bei uns sind die Leute aber so,“ klagte Peredonoff, „was nie gewesen ist, verbreiten sie, als sei es wirklich geschehen. Aus diesem Grunde bin ich zu Ihnen gekommen, — Sie sind der Bürgermeister.“
Skutschaeff fühlte sich sehr geschmeichelt, daß man sich an ihn wandte. Er begriff nicht recht, warum ihm das alles erzählt wurde und was er dabei tun konnte, tat aber aus politischen Gründen so, als sei ihm alles vollständig klar.
„Und dann ist da noch eine andere Geschichte,“ fuhr Peredonoff fort, „es wird mir verdacht, daß ich mit Warwara zusammenlebe, sie sei gar nicht verwandt mit mir, sondern einfach meine Geliebte. Bei Gott, sie ist meine Kusine, allerdings im vierten Grade; die darf man heiraten und ich werde sie heiraten.“
„So, so, unbedingt,“ sagte Skutschaeff, „die Hochzeit macht allem Klatsch ein Ende.“
„Früher konnte ich nicht,“ sagte Peredonoff, „es war ganz unmöglich; sonst hätte ich mich schon trauen lassen. Sicherlich.“
Skutschaeff machte ein nachdenkliches Gesicht, klopfte mit seinem weißen, dicken Finger auf die dunkle Tischdecke und sagte:
„Ich glaube Ihnen. Wenn es sich so verhält, wie Sie sagen, ist es ein ganz ander Ding. Jetzt glaube ich Ihnen. Denn auch ich muß gestehen, es berührte so merkwürdig, wie Sie da mit Ihrer Freundin, um mich so auszudrücken, zusammen hausten. Dann muß man noch in Betracht ziehen, daß die Kinder ein schlaues Volk sind; alles Schlechte begreifen sie sofort und nehmen es an. Das Gute muß ihnen beigebracht werden, während das Schlechte ihnen von selbst anfliegt. Und darum sage ich, berührte mich Ihr Verhältnis merkwürdig. Und doch andererseits was geht es mich an! Ein jeder kehre vor seiner Tür. Ich weiß es wohl zu schätzen, daß Sie sich zu mir herbemüht haben, denn ich bin ein schlichter Mann und habe nur eine Kreisschule besucht. Immerhin genießt man einiges Ansehen in der Gesellschaft, bin ich doch heuer zum drittenmal Bürgermeister geworden und mein Urteil wird nicht gering geschätzt in den besseren Kreisen unserer Stadt.“
Skutschaeff redete darauf los und seine Gedanken verwirrten sich. Es schien ihm, als wolle sein eigener Redeschwall kein Ende nehmen. Da brach er kurz ab und dachte betrübt:
„Es ist so, als füllte man eine leere Flasche aus einem leeren Faß. Es ist eine Plage mit diesen gelehrten Herren,“ dachte er, „absolut nicht zu begreifen, was sie eigentlich wollen. Was in den Büchern steht, ist ihnen sonnenklar, stecken sie aber mal die Nase an die Luft, so wissen sie nicht ein und aus und bringen noch andere Leute in die Tinte.“
Mißvergnügt ob dieses Nichtverstehens stierte er Peredonoff an; seine sonst lebhaften Augen blickten trübe und sein Körper schien wie von einer Last zusammengedrückt. Er war nicht mehr der rührige, energische Mann von früher, sondern ein blöde gewordener Greis.
Auch Peredonoff war still geworden, als hätten ihn die Worte des Hausherrn verwirrt, dann zwinkerte er mit den Augen, was merkwürdig trübselig aussah, und meinte:
„Sie sind Bürgermeister, also können Sie doch sagen, daß das alles erlogen ist.“
„Das heißt, was meinen Sie eigentlich?“ fragte Skutschaeff vorsichtig.
„Eben dieses,“ erklärte Peredonoff, „wenn zum Beispiel gegen mich Anzeige erstattet wird, daß ich nicht zur Kirche gehe oder so was, und man sich gegebenenfalls bei Ihnen danach erkundigt.“
„Das läßt sich machen,“ sagte der Bürgermeister, „da können Sie sich unbedingt auf mich verlassen. Gegebenenfalls werde ich für Sie einstehen, und warum sollte man für einen Ehrenmann nicht einstehen. Wir können Ihnen zum Beispiel — wenn es nötig sein sollte — eine Ehrenadresse von der Stadtverwaltung übermitteln. Das geht alles. Oder wir verschaffen Ihnen den Titel eines Ehrenbürgers beispielsweise, — warum denn nicht, wenn es Ihnen nützt; alles das können wir.“
„Ich kann mich also auf Sie verlassen,“ sagte Peredonoff dumpf, als habe er auf eine peinliche Frage zu antworten, „es ist nämlich wegen des Direktors, der schadet mir, wo er nur kann.“
„Was Sie nicht sagen!“ ereiferte sich Skutschaeff und wackelte mitleidig mit dem Kopf, „das ist ja nicht möglich, da hat man Sie bei ihm verdächtigt. Es scheint jedoch, daß Nikolai Wassiljewitsch ein äußerst gewissenhafter Herr ist; ohne Grund wird er keinem was zuleide tun. Das sehe ich doch an meinem Sohne. Er ist ein strenger, aber gewissenhafter Mann. Er wird nie ein Auge zudrücken und bevorzugt niemanden; mit einem Wort: er ist sehr gewissenhaft. Es ist garnicht anders möglich, man hat Sie bei ihm angeschwärzt. Was haben Sie denn für Differenzen?“
„Wir sind in vielen Dingen anderer Meinung,“ erklärte Peredonoff, „außerdem beneiden mich die Kollegen im Gymnasium. Alle wollen im Dienst aufrücken. Nun hat die Fürstin Woltschanskaja versprochen, gerade mir eine Inspektorstelle zu verschaffen. Und darum all der Haß und Neid.“
„So, so,“ sagte Skutschaeff zurückhaltend, „übrigens ist es nicht gut, bei trockener Kehle zu plaudern. Wollen wir ein wenig frühstücken und ein Schnäpschen dazu trinken?“
Skutschaeff drückte den Knopf der elektrischen Glocke.
„Famose Einrichtung das,“ sagte er zu Peredonoff, „Sie sollten einen andern Beruf wählen.“
Indessen erschien das Dienstmädchen, eine grobknöchige, massive Person. Skutschaeff bestellte bei ihr einen Imbiß und starken Kaffee. Sie lächelte verlegen und ging. Ihre Schritte schienen merkwürdig leicht im Verhältnis zu ihrer Körperfülle.
„Einen anderen Beruf,“ wandte sich Skutschaeff wieder an Peredonoff. „Beispielsweise der geistliche Stand. Wenn ich es mir recht überlege, so müßten Sie einen ganz vortrefflichen, ernstdenkenden Priester abgeben. Dazu könnte ich Ihnen leicht verhelfen. Ich habe nämlich gute Bekannte in der höheren Geistlichkeit.“
Skutschaeff nannte die Namen einiger Bischöfe und kirchlicher Würdenträger.
„Nein, ich will nicht Priester werden,“ antwortete Peredonoff, „mir ist der Weihrauch zuwider. Mir wird übel davon und der Kopf schmerzt.“
„In diesem Fall könnte man zur Polizeikarriere raten. Es ist lohnend,“ riet Skutschaeff, „werden Sie doch Landkommissar. Darf man erfahren, welchen Rang Sie bekleiden?“
„Ich bin Staatsrat!“ sagte Peredonoff mit Würde.
„Was nicht gar!“ rief Skutschaeff aus, „sagen Sie doch bitte, so weit kann es ein Lehrer bringen! Und nur weil er die Kinder erzieht? Ja, die Wissenschaft hat was zu bedeuten. Uebrigens gibt es ja viele, welche der Wissenschaft feind sind, und doch, es ist unmöglich, ohne Bildung vorwärtszukommen. Zwar habe ich nur eine Kreisschule besucht, aber ich bestehe darauf, daß mein Sohn in die Universität kommt. Es ist eine bekannte Tatsache, wie schwer die Jungen im Gymnasium vorwärtskommen; mit der Peitsche wollen sie getrieben sein, nachher geht es ganz von selber. Wissen Sie, ich prügle ihn niemals, ist er aber träge oder hat sonst irgend etwas auf dem Kerbholz, so fasse ich ihn an den Schultern und führe ihn ans Fenster, — von dort sieht man die Birken in unserem Garten. Dann frage ich nur: siehst du, was dort wächst? Ich sehe, Papachen, — sagt er — ich will’s nicht wieder tun. Und in der Tat, das hilft, der Junge nimmt sich zusammen, als hätte er wirklich eine Tracht Prügel bekommen. O diese Kinder, diese Kinder!“ seufzte Skutschaeff und schloß damit seine Rede.
Peredonoff saß bei Skutschaeff gute zwei Stunden. Nach Erörterung der geschäftlichen Angelegenheiten wurde ein gründliches Frühstück eingenommen.
Skutschaeff machte die Honneurs mit nachdrücklicher Würde, als handle es sich um etwas sehr Wichtiges und das gehörte zu seinem Wesen. Ueberall suchte er schlaue Nebengedanken anzubringen. Der Glühwein wurde in großen Kaffeetassen serviert, als wäre es Kaffee und der Hausherr nannte ihn einen kleinen Mokka. Die Schnapsgläser waren ohne Fuß, er hatte ihn fortschleifen lassen, damit man die Gläser nicht hinstellen konnte.
„Das bedeutet: bei mir muß alles auf den Zug geleert werden,“ erklärte er.
Noch ein Gast kam: der Kaufmann Tischkoff, ein kleines, graues Männchen. Er war sehr munter und launig, trug einen langen Rock und merkwürdige Stiefel, die großen Flaschen nicht unähnlich sahen. Er trank sehr viel Schnaps, wußte auf jeden Unsinn gleich einen Reim und schien sehr zufrieden mit sich zu sein.
Peredonoff schien es endlich angebracht, aufzubrechen; er verabschiedete sich.
„Warum so eilig?“ sagte der Hausherr, „bleiben Sie noch ein wenig.“
„Wenn Sie bei uns bleiben, helfen Sie die Zeit vertreiben,“ sagte Tischkoff.
„Nein, ich muß gehen“, antwortete Peredonoff geschäftig.
„Er muß gehn, seine Schwester zu sehn,“ sagte Tischkoff und zwinkerte mit den Augen.
„Ich habe zu tun,“ sagte Peredonoff.
„Hat jemand viel zu tun, so kann er billig ruhn,“ entgegnete Tischkoff ohne zu zögern.
Skutschaeff begleitete Peredonoff ins Vorhaus. Zum Abschiede umarmten und küßten sie sich. Peredonoff war sehr zufrieden mit diesem Besuch.
„Der Bürgermeister hält meine Kante,“ dachte er und fühlte sich viel sicherer.
Skutschaeff kehrte zu Tischkoff zurück und sagte:
„Es wird viel geklatscht über den Mann.“
„Klatscht man über den Mann, so ist es, weil er was kann,“ reimte Tischkoff und flott füllte er sein Schnapsglas mit Englisch-Bitter.
Es war klar, daß es ihm auf den Sinn der Rede nicht ankam, er griff die Worte nur auf, um sie zu reimen.
„Er ist ein anständiger Kerl und auch im Trinken nicht faul,“ fuhr Skutschaeff fort und füllte sein Glas ohne auf Tischkoffs Reimerei zu achten.
„Ist er im Trinken nicht faul, so hat er ein wackres Maul,“ rief Tischkoff fröhlich und leerte sein Glas auf einen Zug.
„Daß er sich die Mamsell da aushält, will nichts besagen!“ meinte Skutschaeff.
„Die schmutzige Mamsell bringt Flöhe ins Bettgestell,“ antwortete Tischkoff.
„Wer vor Gott nicht sündigt, sündigt auch vor dem Kaiser nicht.“
„Sündig sind unsere Triebe, wir schätzen die freie Liebe.“
„Er will seine Sünde gutmachen und sich trauen lassen.“
„Läßt man sich vom Pfaffen trauen, prügelt man hernach die Frauen.“
Das war Tischkoffs Art so zu reden, wenn es sich um Dinge handelte, die ihn nichts angingen. Er wäre schon längst allen langweilig geworden, doch hatte man sich an ihn gewöhnt und beachtete sein Geschwätz garnicht; ab und zu kam es vor, daß man ihn einem fremden Gast sozusagen vorsetzte. Ihm selbst war es ganz einerlei, ob man ihm zuhörte oder nicht; es war ihm einfach unmöglich, die Worte anderer nicht in seinen Reimereien zu verdrehen, und darin wirkte er mit der Pünktlichkeit eines aufgezogenen Uhrwerks. Wenn man seine zerfahrenen, unstäten Bewegungen beobachtete, konnte man leicht zum Glauben kommen, daß man es nicht mit einem lebendigen Menschen zu tun habe, sondern mit einem, der schon längst gestorben war oder überhaupt nicht gelebt hatte, und in der ganzen Welt nichts sehen und hören konnte als klingende tote Worte.