X

Am Donnerstag machte Peredonoff beim Adelsmarschall seine Aufwartung. Das Haus des Adelsmarschalls erinnerte an eine vornehme Villa in den Villenkolonien von Petersburg, welche Sommer und Winter bewohnt werden konnte. Die Einrichtung des Hauses war nicht gerade luxuriös, doch schienen manche Gegenstände allzu neu und ein wenig überflüssig zu sein.

Alexander Michailowitsch Weriga erwartete Peredonoff in seinem Kabinett. Er tat so als beeilte er sich, seinem Gast entgegenzugehen und als wäre er bloß durch einen Zufall daran verhindert worden.

Weriga hielt sich ungeheuer stramm, selbst wenn man in Betracht zog, daß er ausgedienter Kavallerieoffizier war. Es wurde ihm nachgesagt, daß er ein Korsett trage. Sein glattrasiertes Gesicht war gleichmäßig gerötet, als hätte er es geschminkt. Sein Haar war ganz kurz geschoren, — ein bequemes Mittel, um den Effekt der Glatze zu mildern. Die Augen waren grau, liebenswürdig und kalt. Im Verkehr war er gegen alle äußerst zuvorkommend, in seinen Ansichten streng und entschieden. Allen seinen Bewegungen merkte man den gewesenen Soldaten an und außerdem kleine Hinweise darauf, daß er Gouverneur zu werden beabsichtigte.

Peredonoff saß ihm gegenüber am eichengeschnitzten Schreibtisch und berichtete:

„Ueber mich werden allerhand Gerüchte in Umlauf gesetzt, daher wende ich mich als Edelmann an Sie. Man erzählt über mich Dinge, Exzellenz, welche absolut unwahr sind.“

„Ich habe nichts Derartiges gehört,“ antwortete Weriga und liebenswürdig-erwartungsvoll lächelnd, richtete er seine grauen, aufmerksamen Augen auf Peredonoff.

Peredonoff sah geflissentlich in eine Ecke und redete:

„Ich bin niemals Sozialist gewesen, und wenn es gelegentlich vorkam, daß ich ein Wort zuviel gesagt habe, so ist es zur Genüge damit entschuldigt, daß ein jeder junge Mensch mal über die Stränge schlägt. Jetzt habe ich nicht einmal Gedanken in dieser Richtung.“

„Sie waren also sehr liberal?“ fragte Weriga mit einem liebenswürdigen Lächeln, „nicht wahr, auch Sie wünschten eine Konstitution. Wir alle wollten, als wir jung waren, die Konstitution. Darf ich Ihnen anbieten?“

Weriga schob Peredonoff ein Zigarrenkästchen hin. Peredonoff war zu schüchtern, um „Ja“ zu sagen und dankte; Weriga steckte sich eine Zigarre an.

„Natürlich, Exzellenz,“ gestand Peredonoff, „hatte auch ich als Student meine Gedanken, aber schon damals war es mir um eine andere Konstitution als im üblichen Sinne des Wortes zu tun.“

„Nämlich?“ fragte Weriga mit einem Anflug von Unzufriedenheit im Tone.

„Es sollte eine Konstitution sein, aber ohne Parlament,“ erklärte Peredonoff, „im Parlament zanken sie sich doch nur.“

Werigas graue Augen leuchteten in stillem Entzücken.

„Eine Konstitution ohne Parlament!“ sagte er sinnend. „Wissen Sie, das ist praktisch!“

„Aber auch das ist lange her,“ sagte Peredonoff, „jetzt wünsche ich nichts Derartiges.“

Erwartungsvoll blickte er Weriga an. Weriga blies eine dünne Rauchwolke durch die Lippen, schwieg eine Zeitlang und sagte dann gemessen:

„Sie sind Pädagoge, nun habe ich in meiner Stellung auch mit den Schulen unseres Bezirkes zu tun. Welchen Schulen geben Sie von Ihrem Standpunkte aus den Vorzug: den Kirchenschulen oder den sogenannten Bezirksschulen?“

Weriga strich die Asche von der Zigarre und fixierte Peredonoff liebenswürdig, doch fast allzu aufmerksam. Peredonoff wurde verlegen, stierte in die Ecke und sagte:

„Die Bezirksschulen müssen stramm gehalten werden.“

„Ja, ja, strammer,“ sagte Weriga abwartend.

Und er blickte auf seine glimmende Zigarre, so als bereite er sich vor, einer langen Erörterung zuzuhören.

„Die Lehrer dort sind Nihilisten,“ sagte Peredonoff, „und die Lehrerinnen glauben nicht an Gott. Sie schnauben sich sogar in der Kirche.“

Weriga blickte schnell auf und sagte lächelnd:

„Na wissen Sie, ab und zu ist das notwendig.“

„Ja, aber manche trompeten geradezu, so daß alle Sänger lachen,“ meinte Peredonoff böse. „Das tut sie mit Absicht. Diese Skobotschkina ist so eine Person, läuft in einer roten Bluse herum. Manchmal trägt sie sogar einen Sarafan.“[8]

„Das ist freilich nicht schön,“ sagte Weriga. „Doch tut sie es eher aus Mangel an Erziehung. Ich erinnere mich gut an diese Lehrerin. Sie hat absolut keine Manieren, ist aber eine tüchtige Lehrkraft. In jedem Fall ist das, was Sie sagen, nicht schön von ihr. Man muß es ihr zu wissen geben.“

„Dort in den Schulen geht es sehr frei zu,“ fuhr Peredonoff fort, „ohne jede Zucht. Gestraft wird überhaupt nicht und Bauernkinder kann man nicht nach demselben Muster erziehen wie die Adeligen. Geprügelt müssen sie werden.“

Weriga blickte ruhig auf Peredonoff, dann, als käme ihm die Taktlosigkeit dieser Bemerkung erst jetzt zum Bewußtsein, senkte er seinen Blick und sagte kalt, fast im Tonfall eines Gouverneurs:

„Es muß gesagt werden, daß ich an Schülern der Distriktsschulen vortreffliche Eigenschaften bemerkt habe. Es steht über allem Zweifel, daß die weitaus größere Zahl außerordentlich fleißig und gewissenhaft ist. Natürlich kommen, wie überall, Vergehen vor und infolge der Unbildung des Milieus kann es geschehen, daß diese Vergehen recht grob zum Ausdruck kommen, um so mehr als in der Landbevölkerung Rußlands das Gefühl für Pflicht, Ehre und Achtung fremden Eigentums nur wenig entwickelt ist. Die Schule hat die Pflicht, solche Vergehen streng zu bestrafen. Wenn alle Mittel einer inneren Einwirkung erschöpft erscheinen, oder wenn das Vergehen besonders groß ist, so wäre es natürlich geboten, um das betreffende Kind nicht ganz verwildern zu lassen, zu den allerstrengsten Maßnahmen zu greifen. Dieses hat aber auf alle Kinder Bezug, auch auf die von Adel. Im allgemeinen stimme ich mit Ihnen darin überein, daß die Erziehung in den genannten Schulen viel zu wünschen übrig läßt. Madame Steven hat in ihrem — à propos sehr interessanten Buch — Sie kennen es doch? ...“

„Nein, Exzellenz,“ sagte Peredonoff verlegen, „ich fand noch keine Zeit dazu. Ich habe soviel im Gymnasium zu tun. Aber ich werde es lesen.“

„Nun, das ist nicht so dringend notwendig,“ sagte Weriga liebenswürdig lächelnd, als erteile er Peredonoff die Erlaubnis, das Buch nicht zu lesen. „Also, besagte Frau Steven erzählt sehr entrüstet, wie zwei ihrer Schüler, junge Leute von 17 Jahren, vom Bezirksgericht zu körperlicher Züchtigung verurteilt wurden. Stolz seien sie, diese Jungen, und — beachten Sie wohl — wir alle hätten uns gequält, solange diese schmähliche Strafe über sie verhängt gewesen sei. Später wurde dann das Urteil abgeändert. Ich kann nur sagen, anstelle der Frau Steven hätte ich mich geschämt, diese Geschichte in ganz Rußland zu verbreiten: stellen Sie sich nur vor, man hatte diese Jungen verurteilt, weil sie Aepfel gestohlen hatten. Bemerken Sie recht: für einen Diebstahl! Da schreibt sie noch, es wären ihre besten Schüler gewesen. Aber Aepfel können sie stehlen! Wirklich, eine vortreffliche Erziehung! Man sollte doch lieber gleich eingestehen, daß man das Eigentumsrecht nicht anerkennt.“

Erregt erhob sich Weriga und machte einige Schritte, aber er faßte sich gleich wieder und setzte sich.

„Sollte ich Inspektor der Volksschule werden, so will ich andere Saiten aufziehen,“ sagte Peredonoff.

„Haben Sie etwas in Aussicht?“ fragte Weriga.

„Ja, die Fürstin Woltschanskaja versprach mir ihre Protektion.“

Weriga machte ein liebenswürdiges Gesicht.

„Es wird mir angenehm sein, Ihnen Glück wünschen zu dürfen. Ich zweifle nicht daran, daß Sie die Sache vortrefflich leiten werden.“

„Nun wird in der Stadt über mich allerhand verbreitet, Exzellenz, — es ist nicht ausgeschlossen, daß das Bezirksamt davon Kenntnis bekommen könnte; das würde meine Ernennung verhindern und tatsächlich bin ich unschuldig.“

„Haben Sie jemand in Verdacht, der diese Gerüchte aufgebracht hat?“ fragte Weriga.

Peredonoff wurde ganz verlegen und murmelte:

„Wen sollte ich in Verdacht haben? Ich weiß keinen. Man redet nur so. Eigentlich kam ich zu Ihnen, weil diese Gerüchte mir im Dienst schaden können.“

Weriga überlegte, daß es ihm gleich sein könne, von wem das Gerede ausginge: er war ja noch nicht Gouverneur. Er nahm nunmehr wieder die Rolle des Adelsmarschalls auf und hielt eine Rede, die Peredonoff ängstlich und niedergeschlagen anhörte:

„Ich danke Ihnen für das Vertrauen, das Ihre Schritte zu mir lenkte, um meine Vermittlung (Weriga wollte sagen „Schutz“, aber er enthielt sich dieses Ausdrucks) zwischen Ihnen und der Gesellschaft in Anspruch zu nehmen, der Gesellschaft, in welcher, Ihren Informationen zufolge, Ihnen nicht wohlwollende Gerüchte laut geworden sind. Von diesen Gerüchten ist mir nichts zu Ohren gekommen und es muß Ihnen tröstlich sein, daß die Verleumdungen über Sie nicht gewagt haben aus der Hefe der städtischen Gesellschaft emporzudringen und ihr Dasein — um mich so auszudrücken — in niedriger Verborgenheit führen. Es ist mir eine Genugtuung, daß Sie, — wiewohl Sie berufsmäßig im Dienste stehen, — dennoch gleichzeitig auch die Bedeutung der gesellschaftlichen Meinung so hoch einschätzen, und die Würde des Ihnen anvertrauten Amtes als Erzieher der Jugend, eines von jenen, deren geheiligter Fürsorge wir, die Eltern, unser kostbarstes Gut anvertrauen: unsere Kinder, die Erben unseres Namens und unseres Standes. Als Beamter haben Sie Ihren Vorgesetzten in Gestalt Ihres hochzuverehrenden Direktors, als Glied der Gesellschaft und als Edelmann haben Sie das vollste Recht, auf die Anteilnahme des Adelsmarschalls zu rechnen, in allen Fragen, welche Ihre Ehre und sowohl Ihr menschliches, wie gleicherweise Ihr Standesbewußtsein berühren.“

Während des folgenden Teiles seiner Rede stand Weriga auf und während er sich mit den Fingern seiner rechten Hand fest auf den Rand des Schreibtisches stützte, blickte er Peredonoff mit einem nichtssagend-liebenswürdigen und aufmerksamen Gesichtsausdruck an, wie man etwa eine größere Volksmenge betrachtet, wenn man vor ihr eine wohlwollende Rede als Vorgesetzter halten muß. Auch Peredonoff war aufgestanden. Er hatte seine Hände über dem Bauch gefaltet und blickte verdrießlich auf den Teppich zu den Füßen des Hausherrn. Weriga sprach:

„Ich weiß es auch darum zu schätzen, daß Sie sich an mich gewandt haben, weil es bei den Angehörigen des vornehmen Standes besonders angebracht erscheint, daß sie stets und in jeder Lage in erster Linie dessen eingedenk sind, daß sie von Adel sind, daß sie diese ihre Zugehörigkeit zum bezeichneten Stande hochhalten, nicht nur in bezug auf die damit verbundenen Rechte, sondern auch im Hinblick auf die sich hieraus ergebenden Pflichten und auf die Ehre des Edelmannes. Der Adel in Rußland steht, wie Ihnen natürlich bekannt ist, vorwiegend im Staatsdienst. Streng genommen müßten alle staatlichen Aemter, mit Ausnahme der ganz unwichtigen und niedrigen, in den Händen des Adels vereinigt sein. Der Umstand, daß Leute verschiedenen Standes in kaiserlichen Diensten stehen, ist mit Ursache für eine so unerwünschte Erscheinung wie jene, welche gegenwärtig Ihre Ruhe trübte. Verleumdung und Klatscherei sind die Waffen gesinnungsloser Leute, welche nicht in edlen, ritterlichen Traditionen erzogen wurden. Und ich hoffe, daß das allgemeine Urteil klar und unzweideutig zu Ihren Gunsten entscheiden wird, auch bitte ich Sie, sich völlig auf meinen ungeteilten Beistand in dieser Angelegenheit verlassen zu wollen.“

„Meinen ergebensten Dank, hohe Exzellenz,“ sagte Peredonoff, „so darf ich denn auf Ihren Beistand rechnen.“

Weriga lächelte liebenswürdig, blieb aber stehen und deutete damit an, daß die Unterredung beendet sei. Nach seiner langen Rede fühlte er plötzlich, daß sie garnicht am Platz gewesen wäre und daß Peredonoff nichts weiter als ein ängstlicher Streber nach guten Stellen war, ein Streber, der Schutz suchend über jede Schwelle stolpert. Er entließ ihn mit kalter Gleichgültigkeit, die er diesem Menschen gegenüber wegen seines unordentlichen Lebenswandels immer empfunden hatte.

Ein Diener half Peredonoff in seinen Ueberzieher. In irgend einem Zimmer wurde Klavier gespielt. Peredonoff dachte bei sich, daß das Leben in diesem Hause vornehm sei: stolze Leute, die sich hoch einschätzten. „Er will es zum Gouverneur bringen,“ dachte Peredonoff mit ehrfürchtiger und neidischer Bewunderung.

Auf der Treppe traf er die von einem Spaziergang heimkehrenden zwei Söhnchen des Adelsmarschalls mit ihrem Hauslehrer. Peredonoff betrachtete sie mit stumpfer Neugierde.

Wie sauber sie sind, dachte er, sogar in den Ohren kein Schmutzfleckchen. Und munter sind sie, dabei gut geschult und wie auf Draht gezogen. Vielleicht, dachte er, werden sie niemals geprügelt.

Und Peredonoff sah ihnen böse nach, während sie geschwind die Treppe hinaufstiegen und fröhlich plauderten. Auch das verwunderte Peredonoff, daß der Hauslehrer sie wie seinesgleichen behandelte; er drohte nicht und schrie sie nicht an.

Als Peredonoff nach Hause kam, saß Warwara im Gastzimmer und las ein Buch. Das kam selten vor. Sie blätterte in einem Kochbuch, das einzige, was sie mitunter in die Hand nahm. Das Buch war alt, abgegriffen und hatte einen schwarzen Einband. Der schwarze Einband fiel Peredonoff in die Augen und verstimmte ihn.

„Was liest du da?“ fragte er böse.

„Was? Als ob du nicht weißt was, — das Kochbuch,“ antwortete Warwara. „Ich habe keine Zeit, mich mit Albernheiten abzugeben.“

„Warum liest du im Kochbuch?“ fragte Peredonoff entsetzt.

„Was heißt — warum? Ich will kochen, für dich natürlich, du mäkelst ja immer,“ sagte Warwara und lächelte stolz und selbstbewußt.

„Aus diesem schwarzen Buch will ich nichts essen!“ erklärte Peredonoff bestimmt, riß das Buch aus Warwaras Händen und trug es ins Schlafzimmer.

Ein schwarzes Buch! Danach wird gekocht! dachte er mit Entsetzen, das fehlt noch gerade, daß man mich ganz offenkundig mit dem schwarzen Buch behext! Dieses fürchterliche Buch muß vernichtet werden, dachte er, ohne auf Warwaras wütendes Gezeter zu achten.

Am Freitag ging Peredonoff zum Vorsitzenden des Kreisamtes.

Hier im Hause wurde nachdrücklich betont, daß man schlicht und recht leben und zum Wohle der Allgemeinheit arbeiten müsse. Eine ganze Reihe von Gegenständen diente dazu, eine Art von ländlicher Einfalt zu betonen: so hatte ein Sessel eine Lehne in Form eines Krummholzes und kleine Beile als Armstützen, ein Tintenfaß war in ein Hufeisen hineingespannt, ein imitierter Bauernschuh aus Porzellan diente als Aschenbecher. Im Saale standen auf Tischen, Fensterbänken, sogar auf dem Fußboden eine Reihe von kleinen Maßen, welche mit verschiedenen Getreideproben gefüllt waren, und hie und da lagen Klumpen von grobem Bauernbrot, die an Torfstücke erinnerten. Im Gastzimmer konnte man Zeitungen und Modelle von landwirtschaftlichen Maschinen sehen. Im Arbeitszimmer standen riesige Bücherschränke, gefüllt mit nationalökonomischen Werken und Abhandlungen über die Schulfrage. Auf dem Schreibtisch lagen Papiere, gedruckte Rechenschaftsberichte, Pappschachteln mit Karten verschiedener Größe. Alles war staubig und kein einziges Bild hing an den Wänden. Dem Hausherrn Iwan Stepanowitsch Kiriloff konnte man anmerken, wie er bemüht war, einerseits liebenswürdig — europäisch liebenswürdig — zu erscheinen, ohne doch andererseits seiner Würde als Vorsitzender des Kreises etwas zu vergeben. Er war ein Original voller Widersprüche, gleichsam wie aus zwei Hälften zusammengelötet. Seine ganze Einrichtung zeugte davon, daß er viel und vernünftig arbeitete. Sah man ihn selber, so konnte man glauben, daß er seine Tätigkeit im Kreisamt mehr als Sport und nur vorübergehend betriebe, während seine eigentlichen Interessen weitab davon lägen, in irgend einer Richtung, wohin er mitunter seine lebhaften, doch teilnahmlosen bleifarbigen Augen richtete. Es war so, als hätte jemand seine lebendige Seele in einen länglichen Kasten gesperrt und gegen eine seelenlose, doch nervöse, arbeitsame Unruhe eingetauscht.

Er war klein von Wuchs, mager und jugendlich, so jugendlich und rosig, daß man ihn mitunter für einen Knaben halten konnte, der einen falschen Bart trug und sich mit ziemlichem Geschick wie ein Erwachsener zu betragen verstand. Seine Bewegungen waren charakteristisch und rasch. Wenn er sich mit jemandem begrüßte, machte er flinke Verbeugungen und viele Kratzfüße, und glitt geschwind einher auf den Sohlen seiner tadellosen Halbschuhe. Seinen Anzug hätte man ein Kostümchen nennen können: ein graues Jackettchen, ein nicht gestärktes Vorhemdchen aus Batist mit einem Liegekragen, eine blaue, zur Schleife gebundene Krawatte, enganliegende Beinkleiderchen und perlgraue Strümpfchen. Auch seine gemessen-höfliche Art und Weise zu reden war nicht immer gleich: er unterhält sich voll Würde und mit einmal spielt ein kindliches Lächeln um sein Gesicht, oder eine ungelenke, knabenhafte Bewegung erinnerte an sein Doppelwesen, dann nach einem Augenblick ist er wieder ruhig und zurückhaltend höflich.

Seine Frau machte einen stillen, maßvollen Eindruck und schien älter als er zu sein. Einigemal während Peredonoffs Anwesenheit ging sie durch das Arbeitszimmer und zog bei ihrem Manne Erkundigungen über verschiedene Angelegenheiten aus dem Bezirksamt ein. Ihr Hausstand war nicht gerade geordnet, — immerfort kamen Leute in Geschäften und immerfort wurde Tee getrunken. Auch Peredonoff wurde gleich nach seiner Ankunft lauwarmer Tee und Weißbrot auf einem Teller gereicht.

Schon vor ihm war ein anderer Gast gekommen. Peredonoff kannte ihn, — aber schließlich wen kannte man in diesem Städtchen nicht! Man verkehrte mit jedermann, es sei denn, daß man sich mit diesem oder jenem verzankt hätte.

Es war der Bezirksarzt Georg Sjemenowitsch Trepetoff, ein kleiner Mann — er war noch kleiner als Kiriloff — mit einem finnigen, unbedeutenden Vogelgesicht. Er trug eine dunkle Brille und blickte immer auf den Fußboden oder zur Seite, als falle es ihm schwer sein Gegenüber anzusehen. Er war ungeheuer ehrlich und gab keine Kopeke für wohltätige Zwecke aus. Alle kaiserlichen Beamten verachtete er aus tiefstem Herzen: kaum daß er ihnen bei etwaiger Begegnung die Hand reichte, am Gespräch beteiligte er sich in solchen Fällen prinzipiell nicht. Dafür galt er für einen hellen Kopf — wie auch Kiriloff —, wiewohl er nur wenig wußte und als Arzt untüchtig war.

Er hatte sich vorgenommen, sein Leben so einfach als möglich zu gestalten; — zu diesem Zweck studierte er die Gepflogenheiten der Bauern sich zu schnauben oder den Kopf zu kratzen und mit dem Handrücken den Mund zu wischen, im stillen ahmte er diese Sitten nach, — die endgültige Vereinfachung seines Lebens verschob er aber immer auf den nächsten Sommer.

Auch hier wiederholte Peredonoff die ihm seit den letzten Tagen geläufig gewordenen Klagen über den städtischen Klatsch und jene Neider, welche seine Beförderung zum Inspektor verhindern wollten. Kiriloff fühlte sich im ersten Augenblick geschmeichelt, daß Peredonoff sich an ihn wandte. Er sagte:

„Ja, nun sehen Sie, welcherart unsere Provinzgesellschaft ist. Ich habe immer gesagt, die einzige Rettung für denkende Menschen ist, sich fest zusammenzuschließen, — und es freut mich, daß Sie zur selben Erkenntnis gekommen sind.“

Trepetoff grunzte böse. Kiriloff sah ihn ängstlich an. Trepetoff sagte verächtlich: „Denkende Menschen!“ und grunzte wieder. Dann — nach einem kurzen Schweigen — sprach er mit hoher, gekränkter Stimme:

„Ich wußte nicht, daß denkende Menschen Anhänger des Klassensystems sein können.“

„Aber Georgi Sjemenowitsch,“ sagte Kiriloff unsicher, „Sie ziehen nicht in Betracht, daß es nicht immer vom Menschen selber abhängt, welchen Beruf er wählt.“

Trepetoff grunzte verächtlich, wodurch er den liebenswürdigen Kiriloff ganz aus der Fassung brachte und hüllte sich in unnahbares Schweigen.

Kiriloff wandte sich an Peredonoff. Als dieser aber von einem Inspektorposten zu reden begann, wurde er unruhig. Es schien ihm, als ziele Peredonoff darauf ab, Inspektor seines Bezirkes zu werden. Im Bezirksamt aber reifte der Plan, einen eigenen Schulinspektor zu kreieren, welcher vom ganzen Bezirk gewählt und vom Ministerium der Volksaufklärung bestätigt werden sollte.

In diesem Falle wäre Inspektor Bogdanoff, der bereits drei Schulbezirken vorstand, in eine der benachbarten Städte übergesiedelt und die Leitung der Schulen dieses Bezirkes wäre einem neuen Inspektor anvertraut worden. Zu diesem Amte hatte man schon den Vorsteher des Lehrerseminars der ganz nahe gelegenen Stadt Safat ausersehen.

„Ich habe glücklich eine Protektion,“ redete Peredonoff, „nun sucht mir der Direktor den Weg zu verlegen und die andern auch. Alles Mögliche verbreiten sie über mich. Im Falle man bei Ihnen Erkundigungen einziehen sollte, bitte ich Sie, im Auge zu haben, daß diese Gerüchte Lügen sind und ich bitte auch, diesen Lügen keinen Glauben zu schenken.“

Kiriloff antwortete rasch:

„Ich habe wirklich keine Zeit, Ardalljon Borisowitsch, mich mit den Klatschgeschichten der Stadt zu befassen; ich habe so viel zu tun, daß ich nicht weiß, wo mir der Kopf steht. Würde mir meine Frau nicht helfen, so könnte ich die Arbeit einfach nicht bewältigen. Ich komme nirgends hin, sehe niemanden und höre nichts. Doch bin ich fest davon überzeugt, daß all das, was über Sie geredet wird, — ich habe, wie gesagt, nichts Derartiges gehört —, daß das elender Klatsch ist. Die Besetzung des in Frage stehenden Postens hängt indes nicht von mir ab.“

„Man wird sich bei Ihnen erkundigen,“ sagte Peredonoff.

Kiriloff blickte ihn verwundert an und sagte:

„Natürlich wird man sich bei mir erkundigen. Die Sache ist aber die, daß wir ....“

In diesem Augenblick kam Frau Kiriloff herein und sagte:

„Bitte auf einen Augenblick!“ Kiriloff ging zu ihr ins Zimmer. Sie flüsterte besorgt:

„Ich glaube, es ist besser, diesem Subjekt nichts davon zu sagen, daß wir Krassilnikoff wünschen. Dieser Kerl kommt mir verdächtig vor, er wird noch Geschichten machen.“

„Glaubst du?“ flüsterte Kiriloff eilig. „Es könnte sein. Fatale Sache!“

Er griff mit den Händen an den Kopf. Seine Frau sah ihn besorgt-teilnehmend an und sagte:

„Es ist vielleicht besser, ihm überhaupt nichts zu sagen, — als wäre gar keine Stelle vakant.“

„Ja, ja, du hast recht,“ flüsterte Kiriloff, „es ist so peinlich, aber ich muß hin.“

Er lief ins Gastzimmer zurück, machte ununterbrochen Kratzfüße und überhäufte Peredonoff mit Liebenswürdigkeiten.

„Im Falle also, wenn .....“ begann Peredonoff.

„Seien Sie ganz unbesorgt, ich will es mir merken,“ sagte Kiriloff schnell; „außerdem ist diese Frage noch nicht endgültig entschieden.“

Peredonoff begriff garnicht, um welche Frage es sich eigentlich handelte und fühlte sich sehr beunruhigt, Kiriloff fuhr aber fort:

„Unsere Schulen sollen ein festes Netz bilden. Aus Petersburg haben wir uns einen Spezialisten kommen lassen. Den ganzen Sommer über haben wir gearbeitet. 900 Rubel hat es uns gekostet. Es muß alles zum Landtag vorbereitet werden. Die Arbeit ist sehr sorgfältig ausgeführt, — alle Entfernungen sind berechnet, alle Schulfragen sind berücksichtigt worden.“

Und Kiriloff erzählte lang und breit vom Schulnetz, d. h. von der Einteilung des Distrikts in so kleine Bezirke mit einer Volksschule in jedem, daß die Entfernung vom Dorf zur Schule immer nur eine geringe war. Peredonoff begriff nichts, und seine düsteren Gedanken verfingen sich in den Wortmaschen des Kiriloffschen Redenetzes, welches dieser gewandt vor ihm ausbreitete.

Endlich verabschiedete sich Peredonoff und ging hoffnungslos und traurig von dannen. In diesem Hause, dachte er, will man mich nicht begreifen, nicht einmal anhören. Der Hausherr redet von unverständlichen Sachen. Trepetoff grunzt böse und die Hausfrau geht und kommt, ohne mir die geringste Beachtung zu schenken. Merkwürdige Leute leben in diesem Hause! dachte Peredonoff. Ein verlorener Tag!