XI

Am Sonnabend wollte Peredonoff den Chef der Landpolizei aufsuchen. Zwar hat er nicht soviel zu bedeuten, wie der Adelsmarschall, dachte Peredonoff; aber er kann einem eher schaden als die anderen und doch wieder — wenn er nur will — einem beistehen mit seinen Aussagen bei der vorgesetzten Behörde. Die Polizei ist eine wichtige Einrichtung.

Peredonoff nahm aus einer Hutschachtel seine Dienstmütze. Er beschloß, fortan nur diese Mütze zu tragen. Der Direktor kann es sich erlauben mit einem Hut herumzugehen, er ist bei den Vorgesetzten gut angeschrieben, er aber — Peredonoff — muß sich seine Beförderung zum Inspektor erst erwerben; es ist nicht gut, sich nur auf die Protektion zu verlassen, man muß auch bestrebt sein, allerorts im besten Lichte zu erscheinen. Schon seit einigen Tagen, noch bevor er angefangen hatte, die Honoratioren zu besuchen, hatte er daran gedacht, aber wieder war ihm, rein zufällig, der alte Hut unter die Hände geraten. Jetzt ergriff er Gegenmaßregeln: er schleuderte den Hut auf den Ofen, — so war es ausgeschlossen, daß er ihn wieder aufsetzte.

Warwara war ausgegangen. Klawdja, das Dienstmädchen, wusch die Fußböden in den Empfangszimmern. Peredonoff ging in die Küche, um sich die Hände zu waschen. Auf dem Tisch lag eine blaue Papierdüte, aus der einige Rosinen herausgefallen waren. Es war ein Pfund Rosinen gekauft worden, um sie in das Teebrot einzubacken. Peredonoff fing an, die schmutzigen, nicht gereinigten Rosinen zu essen und verschlang schnell und gierig das ganze Pfund. Er war vor dem Tisch stehen geblieben und schielte nach der Tür um von Klawdja nicht ertappt zu werden. Dann rollte er die Papierdüte sorgfältig zusammen, brachte sie unter dem Rock in das Vorzimmer und steckte sie in eine seiner Manteltaschen, um sie später auf der Straße fortzuwerfen, und so alle Spuren zu vertilgen. Er ging. Sehr bald vermißte Klawdja die Rosinen, erschrak, suchte sie überall und fand sie nicht. Warwara kam nach Hause, hörte von den verschwundenen Rosinen und machte Klawdja die heftigsten Vorwürfe: es stand ihr fest, daß das Mädchen die Rosinen aufgegessen hatte.

Auf der Straße war es windig und kein Mensch war zu sehen. Einige Wolken verdeckten die Sonne. Die Pfützen begannen zu trocknen. Der Himmel leuchtete in matten Farben. Aber Peredonoff war traurig.

Unterwegs ging er beim Schneider an. Vorgestern hatte er bei ihm eine neue Uniform bestellt. Er sollte sich mit der Arbeit beeilen.

Als Peredonoff an der Kirche vorbeiging, nahm er die Mütze ab und bekreuzigte sich dreimal. Das machte er so augenfällig als möglich, damit alle Vorübergehenden sehen sollten, wie der künftige Inspektor an der Kirche vorbeiging. Früher hatte er das nie getan, jetzt empfand er es als Notwendigkeit. Vielleicht geht ein Spion hinter ihm her oder irgend jemand steht an der Straßenecke oder hinter einem Baum und beobachtet ihn.

Der Chef der Landpolizei wohnte am andern Ende der Stadt. Vor der Pforte, die weit aufgetan war, stand ein Schutzmann; das war eine Begegnung, die Peredonoff seit den letzten Tagen mit Angst erfüllte. Auf dem Hofe hielten sich einige Bauern auf; auch sie sahen ungewöhnlich aus, sie waren so merkwürdig still und schweigsam. Der Hof war schmutzig. Einige mit Bastgeweben verdeckte Bauernwagen standen umher. Auch im dunklen Vorhaus stand ein Schutzmann, ein kleiner, schmächtiger Mensch, der pflichtbewußt und betrübt aussah. Er stand regungslos da und hielt ein Buch in schwarzem Ledereinband unter dem Arm. Ein zerzaustes Mädchen kam barfuß aus einem Nebenzimmer gelaufen, half Peredonoff aus seinem Ueberzieher und führte ihn dann ins Besuchszimmer, wobei sie immerfort wiederholte:

„Bitte treten Sie ein. Sjemön Grigorjewitsch wird gleich kommen.“

Das Empfangszimmer war sehr niedrig. Peredonoff fühlte sich bedrückt. Die Möbel waren dicht an die Wände gerückt. Der Fußboden war mit schlichten Hanfmatten bedeckt. Rechts und links hinter den Wänden hörte man Geflüster und verschiedene Geräusche. An der Tür standen blasse Frauen und skrophulöse Kinder, sie hatten gierige, blanke Augen. Manchmal konnte man einige Worte der geflüsterten Unterhaltung verstehen:

„Hast du gebracht ...“

„Wohin soll ich’s tragen?“

„Wohin befehlen Sie, daß ich es hinlege?“

„Von Sidor Petrowitsch Jermoschkin.“

Der Polizeichef kam. Er knöpfte an seinem Uniformrock und lächelte süßlich.

„Verzeihen Sie, daß ich auf mich warten ließ,“ sagte er und umfaßte Peredonoffs Rechte mit seinen mächtigen Fäusten, „ich hatte einige Geschäfte zu erledigen. So ist unser Dienst, da gibt’s kein Aufschieben.“

Sjemön Grigorjewitsch Mintschukoff war ein großer, starkknochiger, schwarzhaariger Mann; er hatte eine unbedeutende Glatze, hielt sich ein wenig krumm; und die Hände hingen ihm herunter, wie zwei Bretter. Er lächelte oft und machte dabei ein Gesicht, als hätte er etwas Verbotenes, doch Schmackhaftes gegessen, das er just verdaute. Seine Lippen waren sehr rot und schwulstig, seine Nase massiv, sein Gesichtsausdruck sinnlich und aufmerksam, aber dumm.

Die ganze Umgebung hier machte Peredonoff befangen. Er murmelte unzusammenhängende Worte, saß in seinem Sessel und war bemüht, seine Mütze so zu drehen, daß der Polizeichef die Kokarde daran bemerken mußte. Mintschukoff saß kerzengrade ihm gegenüber an der andern Seite des Tisches, er lächelte süßlich, und seine riesigen Hände glitten langsam über die Kniee, schlossen sich und öffneten sich wieder.

„Man schwatzt Gott weiß welchen Unsinn,“ sagte Peredonoff, „nichts Derartiges ist vorgekommen. Ich selber könnte denunzieren. Ich habe nichts auf dem Gewissen, aber von ihnen wüßte ich Dinge zu berichten. Ich will nur nicht. Hinter dem Rücken wird man verleumdet und ins Gesicht lachen sie einem. Sie werden zugeben, daß das bei meiner Stellung äußerst peinlich ist. Ich habe Protektionen, da wirft man mir Steine in den Weg. Man beobachtet mich durchaus überflüssiger Weise, man verliert Zeit dabei und belästigt mich. Wohin ich nicht gehe, die ganze Stadt spricht davon. Ich hoffe sehr, daß Sie im Falle einer Anfrage auf meiner Seite stehen werden.“

„Aber gewiß, das ist doch natürlich, mit dem größten Vergnügen will ich das,“ sagte Mintschukoff und streckte seine Fäuste vor; „wir in der Polizei müssen das doch am besten wissen, ob Grund zu Verdächtigungen vorliegt oder nicht.“

„Mir kann es natürlich Wurst sein,“ sagte Peredonoff böse, „mögen sie schwatzen, ich fürchte nur, daß es mir im Dienst schaden könnte. Die Leute sind schlau. Achten Sie nicht darauf, was man so redet, zum Beispiel der Rutiloff. Was kann man wissen, er gräbt vielleicht einen Gang unter die Sparbank. Das wäre doch ein Frevel sondergleichen.“

Mintschukoff dachte zuerst, Peredonoff wäre betrunken und schwatze einfach Unsinn. Nach einigem Anhören begriff er jedoch, daß Peredonoff irgend jemanden anklage, der ihn verleumdet hätte, und Gegenmaßregeln zu ergreifen bittet.

„Grünschnäbel sind sie,“ fuhr Peredonoff fort, dabei dachte er an Wolodin, „und halten große Stücke von sich. Andern stellen sie nach und haben die schmutzigsten Geschichten auf dem Gewissen. Man sagt wohl, Jugend kennt keine Tugend. Manche sind auch Angestellte der Polizei und tun doch genau dasselbe.“

Und er redete lange von den dummen, grünen Jungen, scheute sich aber, Wolodins Namen zu nennen. Die bei der Polizei Angestellten hatte er aber erwähnt, um Mintschukoff damit anzudeuten, daß er auch von ihnen Ungünstiges berichten könne. Mintschukoff verstand das so, als rede Peredonoff von zwei jungen Polizeibeamten, von denen er wußte, daß sie jungen Mädchen den Hof machten. Die Verlegenheit und die Angst Peredonoffs wirkten unwillkürlich ansteckend auf Mintschukoff.

„Ich will die Sache in die Hand nehmen,“ sagte er besorgt, dachte einen Augenblick nach und lächelte dann wieder süßlich. „Da hab ich zwei junge Beamte, sie sind noch ganz grün. Glauben Sie mir auf Ehre und Gewissen, den einen stellt seine Mama noch in den Winkel.“

Peredonoff lachte abgerissen.

Inzwischen war Warwara bei der Gruschina gewesen. Da erfuhr sie eine sensationelle Neuigkeit.

„Liebste Warwara Dmitriewna,“ begann die Gruschina eifrig, als Warwara kaum über die Schwelle ihres Hauses getreten war, „ich habe eine Neuigkeit für Sie, — Sie werden starr sein.“

„Was für eine Neuigkeit?“ fragte Warwara schmunzelnd.

„Nein, denken Sie nur, was für elende Geschöpfe auf der Welt herumlaufen! Was die sich für Sachen ausdenken, um ihr Ziel zu erreichen.“

„Ja, worum handelt es sich denn?“

„Na, warten Sie, ich will es erzählen.“

Die schlaue Gruschina bewirtete indes Warwara zuvor mit Kaffee, dann trieb sie ihre Kinder auf die Straße hinaus. Die Aelteste war eigensinnig und wollte nicht gehen.

„Du verdammtes Luder!“ schrie die Gruschina.

„Selbst Luder!“ antwortete das freche Göhr und stampfte mit den Füßen.

Die Gruschina packte das Mädchen an den Haaren, zerrte es auf den Hof und verschloß die Haustür.

„Ein eigensinniges Balg,“ beklagte sie sich, „es ist ein Elend mit diesen Kindern. Ich kann mit ihnen nicht fertig werden. Einen Vater müßten sie haben.“

„Heiraten Sie, dann ist auch der Vater da,“ meinte Warwara.

„Gott weiß, liebste Warwara Dmitriewna, wen man da auf den Hals bekommt. Er wird die Kinder noch mißhandeln.“

Das Mädchen war inzwischen auf die Straße gelaufen und warf von dort aus eine Handvoll Sand auf die Mutter, deren Haar und Kleider ganz beschmutzt wurden. Die Gruschina steckte ihren Kopf zum Fenster hinaus und schrie:

„Wart du nur, Satansbalg, Prügel sollst du kriegen. Komm nur nach Hause. Ich will dich lehren, verdammtes Luder.“

„Selbst Luder! Böses Vieh!“ schrie das Mädchen auf der Straße, hüpfte auf einem Bein und drohte der Mutter mit ihren kleinen, schmutzigen Fäusten.

Die Gruschina schrie sie an:

„Wart du nur!“ und schloß das Fenster. Dann setzte sie sich ruhig hin, als wäre nichts geschehen und sagte:

„Ach richtig, ich wollte Ihnen eine Neuigkeit erzählen. Ich habe es total vergessen. Beunruhigen Sie sich nicht, teuerste Freundin, es wird nichts aus der Geschichte.“

„Ja, was denn eigentlich?“ fragte Warwara erschreckt, und die Kaffeetasse klirrte in ihrer Hand.

„Wissen Sie, im Gymnasium wurde in die fünfte Klasse ein Schüler aufgenommen, Pjilnikoff mit Namen. Er soll aus Ruban stammen, und man sagt, seine Tante hätte in unserem Kreis ein Gut gekauft.“

„Das weiß ich,“ sagte Warwara, „ich habe ihn gesehen. Er kam mit der Tante zu uns. Er ist so geschniegelt und sieht wie ein Mädchen aus, und wird immerwährend rot.“

„Liebste Warwara Dmitriewna, das ist es ja gerade, wie sollte er nicht wie ein Mädchen aussehen, — es ist ja ein verkleidetes Fräulein!“

„Nein, was Sie sagen!“ rief Warwara.

„Das ist mit Absicht so eingefädelt, um Ardalljon Borisowitsch einzufangen,“ sprach die Gruschina eilig, mit den Händen fuchtelnd und froh erregt, daß sie eine so wichtige Neuigkeit weitergeben konnte. „Wissen Sie, dieses Fräulein hat einen Vetter, ein Waisenkind; der war tatsächlich Schüler in Ruban. Die Mutter des Fräuleins nun ließ ihn aus der Schule austreten und dem Fräulein wurden seine Papiere gegeben, um in unser Gymnasium eintreten zu können. Ist es nicht verdächtig, daß man ihn zu einer Frau in Pension gegeben hat, wo keine andern Schüler sind? Da lebt er so schön für sich, und man dachte wohl, daß die Sache nicht herauskommen wird.“

„Und wie haben Sie es erfahren?“ fragte Warwara ungläubig.

„Liebste Warwara Dmitriewna, alle Welt spricht davon. Plötzlich wurde Verdacht geschöpft: alle Jungen betragen sich wie Jungen, dieser ist so still, schleicht einher, wie ein nasses Huhn. Und sieht man erst sein Gesicht an, ein fixer Bengel scheint es zu sein, so rosig, so vollbrüstig. Er ist so bescheiden, seine Kameraden haben es schon bemerkt, kaum sagt man ihm ein Wort, so wird er rot. Das ist auch sein Spitzname: Mädchen. Sie wollen sich über ihn nur lustig machen und wissen gar nicht, daß es wirklich so ist. Und stellen Sie sich vor, wie schlau sie vorgingen: nicht einmal die Pensionsmutter weiß etwas.“

„Woher haben Sie es denn?“ wiederholte Warwara.

„Liebste Warwara Dmitriewna, was erfahr ich nicht alles! Ich kenne doch jedermann. Das wissen doch alle, daß dort im Hause ein Junge lebt, der ebenso alt ist, wie dieser. Warum sind sie nicht zusammen ins Gymnasium eingetreten? Man sagt, er sei den Sommer über krank gewesen, müsse sich ein Jahr erholen und wird dann wieder zur Schule kommen. Aber das ist alles Unsinn, — das ist ja gerade der bewußte Gymnasiast. Und andrerseits ist bekannt, daß dort ein junges Mädchen war. Man erzählt, sie habe geheiratet und sei jetzt im Kaukasus. Das ist wieder eine Lüge, sie ist überhaupt nicht fortgefahren, sondern lebt hier als Knabe verkleidet.“

„Mir ist die Berechnung dabei unklar!“ meinte Warwara.

„Wie, was für eine Berechnung!“ sagte die Gruschina lebhaft, „einen von den Lehrern wollen sie einfangen, es gibt doch Junggesellen genug darunter, oder sonst irgend einen andern. Als Knabe kann sie die einzelnen in ihren Privatwohnungen besuchen und weiß Gott was alles tun.“

Warwara sagte erschreckt:

„Ein abgelecktes Mädel!“

„Und wie noch!“ pflichtete die Gruschina bei, „schön wie ein Bild. Nur jetzt im Anfang tut sie so schüchtern; das wird sich geben mit der Zeit; sie wird alle in der Stadt hier umgarnen. Und, stellen Sie sich vor, wie schlau sie sind: kaum hatte ich von der Sache Wind gekriegt, versuchte ich sofort mit seiner — soll heißen mit ihrer — Pensionsmutter zu sprechen; man weiß ja schon gar nicht, wie man sich ausdrücken soll.“

„Pfui Deibel — Gott verzeih mir — welche Gemeinheit!“ sagte Warwara.

„Zur Vesper ging ich in die Kirche, sie ist nämlich sehr fromm. Olga Wassiljewna — sag ich — warum haben Sie denn heuer nur einen Pensionär? Da kommen Sie doch nicht auf Ihre Kosten — sage ich. Sie antwortet: wozu brauche ich mehr. Es ist so eine Wirtschaft mit mehreren. Ich sage darauf: aber Sie haben doch früher immer zwei, drei Jungen gehabt. Darauf sie — stellen Sie sich nur vor, liebste Warwara Dmitriewna — ja, sagt sie, sie hätten schon so eine Vereinbarung getroffen, daß Saschenka allein bei ihr leben solle. Sie sind nicht arm — sagt sie —, haben etwas mehr gezahlt; sie fürchten nämlich, daß er mit andern Jungen zusammen verwildern würde. Wie finden Sie das?“

„So ein Pack!“ sagte Warwara aufgebracht. „Haben Sie ihr denn gesagt, daß er ein Mädchen ist?“

„Ich sagte ihr also —, passen Sie nur auf — sage ich — Olga Wassiljewna, daß man Ihnen kein Mädchen für einen Knaben unterschiebt.“

„Und was sagte sie?“

„O, sie dachte, daß ich nur scherze und lachte. Dann sagte ich eindringlicher, — liebste Olga Wassiljewna, sag ich, wissen Sie auch, daß es tatsächlich ein Mädchen sein soll. Aber sie glaubt nicht, — Unsinn — sagt sie — wie soll das ein Mädchen sein; ich bin doch Gott sei Dank nicht blind, sagt sie.“

Diese Geschichte beunruhigte Warwara. Sie war der festen Ueberzeugung, daß es sich so verhielte und daß man ihr ihren Geliebten wegpaschen wolle. Sie hielt es für dringend notwendig, das verkleidete Fräulein so schnell als möglich zu entlarven. Lange berieten sie, wie sich das wohl am besten machen ließe, kamen aber vorläufig zu keinem Entschluß.

Zu Hause verdarb die Geschichte mit den verschwundenen Rosinen endgültig Warwaras Laune.

Als Peredonoff kam, erzählte sie ihm eilig und aufgeregt, daß Klawdja ein Pfund Rosinen gestohlen hätte, es aber nicht gestehen wolle.

„Und sie versucht sich noch herauszureden,“ sagte Warwara gereizt; „vielleicht sagt sie, hat der Herr die Rosinen aufgegessen. Du seiest aus irgend einem Grunde in die Küche gegangen, während sie die Dielen scheuerte, und habest dich dort ungewöhnlich lange aufgehalten.“

„Durchaus nicht lange,“ sagte Peredonoff böse; „ich wusch mir nur die Hände und habe die Rosinen nicht einmal gesehen.“

„Klawdjuschka, Klawdjuschka!“ schrie Warwara, „der Herr sagt, daß er die Rosinen überhaupt nicht gesehen hat, — also hattest du sie schon früher irgendwohin versteckt.“

Klawdjas vom Weinen gerötetes Gesicht erschien in der Türspalte.

„Ich habe Ihre Rosinen nicht genommen,“ schrie sie weinend; „ich werde andere kaufen, aber genommen habe ich sie nicht.“

„Kauf nur, kauf nur!“ rief Warwara böse, „ich habe keine Lust, dich mit Rosinen zu füttern.“

Peredonoff fing an zu lachen und rief:

„Djuschka hat ein Pfund Rosinen geklommen.“

„Man tut mir unrecht!“ schrie Klawdja und schlug die Tür zu.

Beim Essen konnte Warwara nicht umhin, die Geschichte von Pjilnikoff zu erzählen. Sie überlegte garnicht, ob es ihr schaden oder nützen könnte, wie Peredonoff die Sache aufnehmen würde, sondern redete einfach aus Bosheit.

Peredonoff war bemüht, sich Pjilnikoffs Erscheinung zu vergegenwärtigen, konnte sich aber nicht recht an ihn erinnern. Er hatte bisher diesem neuen Schüler nur geringe Aufmerksamkeit zugewandt und verachtete ihn, weil er stets sauber gekleidet und in den Stunden aufmerksam war, auch lernte er gut und war dem Alter nach der jüngste in der fünften Klasse. Warwaras Erzählung rief in ihm eine häßliche Neugierde wach. Unkeusche Gedanken regten sich in seinem langsam arbeitenden Hirn ...

Ich werde zur Vesper in die Kirche gehen, dachte er, und mir dies verkleidete Mädchen ansehen.

Plötzlich kam Klawdja hereingelaufen, warf triumphierend die zusammengefaltete blaue Papierdüte auf den Tisch und rief:

„Sie haben mich beschuldigt, ich hätte die Rosinen gegessen. Und das hier? Ich brauche Ihre Rosinen garnicht!“

Peredonoff erriet sofort, worum es sich handelte; er hatte ganz vergessen, die Düte auf der Straße fortzuwerfen, und Klawdja hatte sie jetzt in seiner Manteltasche gefunden.

„Teufel auch!“ entfuhr es seinen Lippen.

„Was soll das, woher kommt das?“ fragte Warwara.

„Das habe ich in des Herrn Manteltasche gefunden,“ antwortete Klawdja schadenfroh. „Er selber hat die Rosinen gegessen und lenkt den Verdacht auf mich. Man weiß doch, daß der Herr zu naschen liebt, aber warum wälzt er die Schuld auf andere, wenn er selber ...“

„Jetzt hör aber auf,“ sagte Peredonoff ärgerlich. „Warum lügst du so? Du hast mir die Düte in die Tasche gesteckt, ich habe nichts genommen.“

„Wie sollte ich sie Ihnen in die Tasche stecken, da sei Gott vor!“ sagte Klawdja verwirrt.

„Wie durftest du fremde Taschen untersuchen?“ fuhr Warwara auf. „Du suchtest da wohl nach Geld?“

„Ich untersuche garnicht fremde Taschen,“ sagte Klawdja grob. „Ich wollte den Mantel bürsten, weil er ganz beschmutzt war.“

„Und was hattest du in der Tasche zu suchen?“

„Die Düte ist von selber herausgefallen, ich habe nicht in den Taschen gesucht,“ rechtfertigte sich Klawdja.

„Du lügst, Djuschka,“ sagte Peredonoff.

„Ich heiße nicht Djuschka, was habt Ihr Euch über mich lustig zu machen!“ schrie Klawdja. „Der Teufel hol Euch! Ich werde die Rosinen kaufen, dann könnt Ihr daran ersticken! Selbst freßt Ihr sie auf, und ich muß sie ersetzen. Und ich werde sie ersetzen, — Ihr habt, scheint’s, kein Gewissen und keine Ehre im Leibe, und sowas nennt sich Herrschaft!“

Klawdja ging weinend und schimpfend in die Küche. Peredonoff lachte abgerissen und sagte:

„Die ist mal wütend.“

„Laß sie nur kaufen,“ sagte Warwara; „wenn man ihnen durch die Finger sieht, fressen einen diese verhungerten Bestien kapp und kahl.“

Und noch lange nachher wurde Klawdja damit geneckt, daß sie ein ganzes Pfund Rosinen aufgegessen hätte. Das Geld dafür wurde ihr vom Lohne abgezogen und allen Gästen die Geschichte als Kuriosum erzählt.

Der Kater, als hätte ihn das Geschrei angelockt, kam längs den Wänden aus der Küche herangeschlichen, setzte sich zu Peredonoffs Füßen und starrte ihn mit bösen, gierigen Augen an. Peredonoff bückte sich, um ihn zu fangen. Der Kater fauchte wütend, zerkratzte Peredonoffs Hand und verkroch sich unter den Schrank. Von dort schielte er hervor, und seine länglich-grünen Pupillen funkelten.

Wie ein Gespenst, dachte Peredonoff mit Grauen.

Warwara dachte die ganze Zeit über an Pjilnikoff und sagte:

„Du solltest doch lieber am Abend ab und zu deine Schüler, die in Pensionen leben, besuchen, statt Billard zu spielen. Sie wissen genau, daß die Lehrer nur selten kommen, und der Inspektor kommt manches Jahr überhaupt nicht; was Wunder, wenn sie allerhand Unfug treiben, Kartenspielen und Rauchen. Geh doch z. B. zu diesem verkleideten Mädchen. Aber erst wenn es spät ist und sie voraussichtlich zu Bett geht; du kannst sie dann entlarven.“

Peredonoff überlegte sich die Sache und lachte laut auf.

Warwara ist ein schlaues Weib, dachte er, von ihr kann man lernen.