XII
Zur Vesper ging Peredonoff in die Kirche des Gymnasiums. Er stand hinter den Schülern und beobachtete aufmerksam wie sie sich betrugen. Einige — so schien es ihm, — schwatzten, pufften einander, lachten, flüsterten und kicherten. Er merkte sich ihre Namen. Doch waren ihrer so viele, daß es ihm etwas schwer fiel, alle Namen zu behalten, und er ärgerte sich über sich selber, daß er nicht daran gedacht hatte eine Bleifeder und Papier von Hause mitzunehmen, um die Schuldigen zu notieren. Ihm tat es weh, daß die Schüler sich so schlecht betrugen und daß niemand dieses zu beachten schien, obgleich der Direktor und der Inspektor mit ihren Frauen und Kindern in der Kirche waren.
In Wirklichkeit verhielten sich die Gymnasiasten still und bescheiden, — manche bekreuzigten sich gedankenlos, — sie dachten vielleicht an Dinge, welche der Kirche fernliegen, — andere wieder beteten andächtig. Ganz selten kam es vor, daß einer seinem Nachbar etwas zuflüsterte, zwei, drei Worte nur, fast ohne den Kopf zu wenden, — und jener antwortete dann ebenso kurz und leise, oder machte nur eine kleine Bewegung, zwinkerte mit den Augen, zuckte die Achseln oder lächelte. Diese kleinen Unregelmäßigkeiten, die vom Gehilfen des aufsichthabenden Lehrers gar nicht bemerkt wurden, gestalteten sich in Peredonoffs erregter, doch stumpfer Auffassung zu Exzessen gröbster Natur. Auch wenn Peredonoff innerlich ruhig war, verstand er nicht — wie übrigens alle groben Menschen — scheinbar unbedeutende Ereignisse richtig zu werten: entweder übersah er sie vollständig, oder er maß ihnen eine viel zu große Bedeutung bei. Jetzt aber, wo Furcht und Erwartung ihn heftig erregten, gehorchte ihm sein Gefühl noch weniger und ganz allmählich wandelte sich ihm die Wirklichkeit zu einem Wahngebilde feindlicher und böser Erscheinungsformen.
Aber auch früher, — was bedeutete ihm sein ganzer Beruf? Doch nicht mehr als eine umständliche Vorrichtung möglichst viel Papier vollzuschreiben und mit gelangweilter Stimme Dinge vorzutragen, die vielleicht einmal das Anrecht darauf gehabt hatten, lebendig genannt zu werden.
Während seiner ganzen pädagogischen Tätigkeit hatte es Peredonoff in der Tat nie erfaßt, — und er hatte auch nie daran gedacht, — daß auch die Schüler Menschen sind, genau solche Menschen, wie die Erwachsenen. Nur jene Gymnasiasten, denen schon der Bart keimte und die nach geschlechtlichem Verkehr verlangten, erkannte er als gleichberechtigt an.
Nachdem er die hinteren Reihen beobachtet hatte und viele traurige Eindrücke gesammelt hatte, ging er ein wenig vor. Da stand rechts ganz am Ende einer Reihe Sascha Pjilnikoff, er betete andächtig und kniete oft nieder. Peredonoff beobachtete ihn genau, und besondere Freude bereitete es ihm, wenn Sascha auf den Knieen lag, als wäre er bestraft, und auf die glänzenden Altartüren schaute mit einem sorgenvollen, bittenden Ausdruck im Gesicht mit flehenden, traurigen Augen, die von langen, tiefschwarzen Wimpern beschattet waren. Er war bräunlich und schön gewachsen, — dieses konnte man besonders dann sehen, wen er so ruhig und grade kniete, als wüßte er, daß ihn jemand scharf beobachtete. Seine Brust war hoch und breit und Peredonoff glaubte mit Sicherheit annehmen zu können, daß Pjilnikoff ein Mädchen sei.
Nun beschloß Peredonoff endgültig, heute noch nach der Vesper in die Pension zu gehen, wo Pjilnikoff lebte.
Man ging aus der Kirche. Den Leuten fiel es auf, daß Peredonoff nicht wie sonst einen Hut, sondern seine Dienstmütze mit der Kokarde trug. Rutiloff fragte lachend:
„Warum renommierst du neuerdings mit der Kokarde, Ardalljon Borisowitsch? Da kann man sehn, wie ein Mensch die Beförderung zum Inspektor erstrebt.“
„Müssen die Soldaten jetzt vor Ihnen Front machen?“ fragte Valerie mit geheuchelter Einfalt.
„Was für Dummheiten!“ sagte Peredonoff böse.
„Du begreifst auch gar nichts,“ sagte Darja, „doch nicht die Soldaten! — Die Schüler werden jetzt Ardalljon Borisowitsch viel höher achten als früher.“
Ludmilla lachte. Peredonoff beeilte sich, von ihnen Abschied zu nehmen, um ihren boshaften Bemerkungen zu entfliehen.
Um Pjilnikoff aufzusuchen, war es noch zu früh und nach Hause wollte er nicht. Peredonoff ging durch die dunklen Straßen und überlegte, wo er noch etwa eine Stunde zubringen könne. Es gab so viele Häuser, in manchen brannte Licht, und aus den geöffneten Fenstern hörte man hie und da Stimmen. Die heimkehrenden Kirchgänger gingen durch die Straßen und man hörte, wie Pforten und Türen aufgetan und wieder zugeschlagen wurden. Ueberall lebten fremde, feindlich gesinnte Leute, und manche von ihnen brüteten vielleicht gerade über einem Anschlag gegen ihn — den Lehrer Peredonoff.
Vielleicht wunderte sich dieser oder jener bereits darüber, daß Peredonoff zu so später Stunde allein durch die Straßen ging und wohin er ging. Es schien Peredonoff, als würde er von jemand, der hinter ihm herschliche, beobachtet. Ihm wurde unheimlich. Er beschleunigte seine Schritte und ging ziellos weiter.
Er dachte daran, daß wohl in jedem Hause so mancher gestorben war. Und alle, die in diesen alten Häusern an die fünfzig Jahre gelebt hatten, sie alle waren gestorben. An einige von den Verstorbenen konnte er sich noch erinnern.
Wenn ein Mensch stirbt, so sollte man sein Haus gleich verbrennen, dachte Peredonoff traurig, sonst ist es zu unheimlich.
Olga Wassiljewna Kokowkina, bei der der Gymnasiast Sascha Pjilnikoff in Pension lebte, war die verwitwete Frau eines Rentmeisters. Ihr Mann hatte ihr eine Pension und ein kleines Haus hinterlassen; das Haus war ihr zu groß, und so vermietete sie zwei bis drei Zimmer. Sie liebte es, besonders Gymnasiasten als Pensionäre zu haben, und es hatte sich so gefügt, daß immer nette und bescheidene Jungen, die fleißig arbeiteten und den Gymnasialkursus auch absolvierten, bei ihr gewohnt hatten. In den andern Schülerpensionen war es meist anders; da lebten oft junge Leute, die von einem Gymnasium ins andere geschickt wurden und daher über eine nur mittelmäßige Bildung verfügten.
Olga Wassiljewna war eine ältere Dame; sie hielt sich sehr gerade, war groß von Wuchs und mager, hatte ein freundliches Gesicht, bemühte sich aber, es in strenge Falten zu legen. Sascha Pjilnikoff war ein netter, wohlerzogener Junge. Die beiden saßen am Teetisch. Heute war die Reihe an Sascha den Saft zu liefern, den er von zu Hause mitgebracht hatte und den man zum Tee zu essen pflegte. Daher fühlte er sich gewissermaßen als Gastgeber, bewirtete eifrig Olga Wassiljewna, und seine schwarzen Augen blitzten dabei vor Freude.
Es läutete, — und gleich darauf erschien Peredonoff im Speisezimmer. Die Kokowkina war erstaunt über den späten Besuch.
„Ja, ich wollte mir mal unsern Jungen ansehn,“ sagte er, „wie er hier lebt, was er treibt.“
Die Kokowkina bot Peredonoff ein Glas Tee an; er lehnte ab, denn es war ihm darum zu tun, den Jungen unter vier Augen zu sprechen und darum wünschte er im stillen, daß man mit dem Teetrinken bald zu Ende käme. Endlich war es so weit; man ging in Saschas Zimmer, aber die Kokowkina blieb und redete ohne Ende. Peredonoff fixierte Sascha, und der schwieg trotzig.
Nichts wird herauskommen bei diesem Besuch, dachte Peredonoff ärgerlich.
Die Magd bat die Kokowkina, für einen Augenblick herauszukommen. Sie ging. Sascha blickte ihr traurig nach. Seine Augen wurden matt und die langen Wimpern schienen das ganze Gesicht zu beschatten. Die Gegenwart dieses vergrämten Menschen war ihm äußerst peinlich. Peredonoff setzte sich neben ihn, legte den Arm ungeschickt um seine Schultern und ohne den Gesichtsausdruck zu verändern, fragte er:
„Nun Sascha, haben Sie heute brav gebetet?“
Sascha blickte verschämt und ängstlich auf Peredonoff, wurde rot und schwieg.
„Warum antworten Sie denn nicht?“ erkundigte sich Peredonoff.
„Ja!“ sagte Sascha nach langer Pause.
„Sieh mal an, was für rote Backen du hast,“ sagte Peredonoff. „Du bist ein Mädchen, gesteh es nur? So ein Schlingel!“
„Ich bin kein Mädchen,“ sagte Sascha und ärgerte sich über sein bisheriges trotziges Schweigen. Mit klingender Stimme fragte er: „Worin sollte ich einem Mädchen ähnlich sehn? Ihre Gymnasiasten sind schuld daran und necken mich so, weil ich nicht gemeine Worte in den Mund nehmen will: aber ich werde auf keinen Fall nachgeben und habe auch gar keinen Grund, Schweinereien zu reden, und außerdem gehört das nicht zu meinen Gewohnheiten.“
„Die Mama bestraft dich dann?“ fragte Peredonoff.
„Ich habe keine Mama,“ sagte Sascha, „meine Mama ist schon lange tot; ich habe eine Tante.“
„Na also die Tante wird dich bestrafen?“
„Natürlich wird sie mich bestrafen, wenn ich Schweinereien rede. Das ist doch nicht gut!“
„Woher soll es aber die Tante erfahren?“
„Ich will ja selber nicht,“ sagte Sascha ruhig, „die Tante kann es weiß Gott woher erfahren. Ich könnte mich zum Beispiel versprechen.“
„Welche Kameraden von Ihnen gebrauchen unanständige Worte?“ fragte Peredonoff.
Sascha wurde wieder rot und schwieg.
„Na — sagen Sie’s doch,“ bestand Peredonoff auf seinem Wunsch, „Sie sind verpflichtet, es mir mitzuteilen, da gibt es kein Verheimlichen.“
„Ach — niemand,“ sagte Sascha verlegen.
„Aber Sie haben sich doch eben noch beklagt!“
„Ich habe mich nicht beklagt.“
„Ja — wie können Sie das nur leugnen,“ sagte Peredonoff böse.
Sascha fühlte, daß er elend in die Falle gegangen war. Er sagte:
„Ich wollte Ihnen nur erklären, warum ich von einigen Kameraden Mädchen genannt werde. Aber klatschen will ich nicht.“
„Oho, warum denn nicht?“ fragte Peredonoff wütend.
„Es ist nicht anständig,“ sagte Sascha und lächelte gezwungen.
„Warten Sie nur, ich werde mit dem Direktor sprechen und dann wird man Sie zum Reden zwingen,“ sagte Peredonoff schadenfroh.
Sascha blickte auf Peredonoff und seine Augen funkelten zornig.
„Nein, bitte Ardalljon Borisowitsch, tun Sie das nicht,“ bat er.
Seine Stimme klang abgerissen und hart, so daß man heraushören konnte, wie schwer ihm das Bitten wurde und daß er lieber freche, drohende Worte gerufen hätte.
„Nein, ich werde es sagen. Dann werden Sie mal sehen, was das heißt, Schweinereien zu verheimlichen. Sie hätten sofort klagen sollen. Warten Sie nur, es wird Ihnen schlimm gehen.“
Sascha war aufgestanden und spielte ganz eingeschüchtert an seinem Gürtel. Die Kokowkina erschien.
„Ein wohlerzogenes Kind haben Sie da!“ sagte Peredonoff böse, „nichts zu sagen!“
Die Kokowkina erschrak. Eilig ging sie zu Sascha, setzte sich neben ihn (denn wenn sie erregt war, zitterten ihre Beine) und fragte ängstlich:
„Hat er was Schlimmes getan, Ardalljon Borisowitsch?“
„Fragen Sie ihn doch selber,“ sagte Peredonoff mit verhaltener Wut.
„Ja, was gibt es denn, Saschenjka, was hast du getan?“ fragte die Kokowkina und berührte Saschas Ellbogen.
„Ich weiß nicht,“ sagte Sascha und weinte.
„Was ist dir nur, was gibt es denn, warum weinst du?“ fragte die Kokowkina.
Sie legte ihre Hand auf des Knaben Schulter, zog ihn an sich und bemerkte gar nicht, daß ihm das unbequem war. Er war stehen geblieben, hielt das Taschentuch vor die Augen und schluchzte. Peredonoff erklärte:
„Man lehrt ihn im Gymnasium Schweinereien zu reden und er will nicht sagen, wer das tut. Er darf das nicht verheimlichen. Sonst lernt er doch selber alle Gemeinheiten und wird die andern in Schutz nehmen.“
„Aber Saschenjka, Kind, wie konntest du nur! Darf man denn das? Schämst du dich garnicht!“ sagte die Kokowkina verwirrt und ließ den Jungen los.
„Ich habe nichts Schlimmes getan,“ schluchzte Sascha, „dafür neckt man mich grade, daß ich niemals häßliche Worte sage.“
„Wer tut denn das?“ wiederholte Peredonoff seine Frage.
„Niemand tut das,“ rief Sascha verzweifelt.
„Sehen Sie, wie er lügt!“ sagte Peredonoff; „er muß gründlich bestraft werden. Er muß sagen, wer der Schuldige ist, sonst kommt die ganze Schule in Verruf und uns sind die Hände gebunden.“
„Verzeihen Sie ihm doch, Ardalljon Borisowitsch,“ sagte die Kokowkina; „er kann doch seine Kameraden nicht angeben? Denken Sie nur, wie sehr man ihm das verübeln würde.“
„Er ist dazu verpflichtet,“ sagte Peredonoff böse, „nur so läßt sich was dagegen tun, nur so können wir die entsprechenden Maßnahmen ergreifen.“
„Die Jungen werden ihn verprügeln,“ sagte die Kokowkina unsicher.
„Sie werden es nicht wagen. Wenn er feige ist, dann mag er es mir im Vertrauen sagen.“
„Lieber Junge, sag’s ihm im Vertrauen. Niemand wird erfahren, daß du es gesagt hast.“
Sascha schwieg und weinte. Die Kokowkina zog ihn an sich, umarmte ihn und flüsterte ihm lange etwas ins Ohr. Er schüttelte nur den Kopf.
„Er will nicht,“ sagte die Kokowkina.
„Ruten muß er kriegen, dann wird er schon wollen,“ sagte Peredonoff zornig, „bringen Sie mir eine Rute. Ich will ihn zwingen zu reden.“
„Aber wofür denn!“ rief Sascha.
Die Kokowkina stand auf und umarmte ihn.
„Jetzt hast du genug geheult,“ sagte sie freundlich, aber ernst, „niemand tut dir was zuleide.“
„Wie Sie wünschen,“ sagte Peredonoff, „in diesem Fall muß ich mit dem Direktor sprechen. Ich wollte die Sache unter uns abmachen, und es wäre für ihn vorteilhafter gewesen. Ihr Saschenjka ist wohl auch mit allen Hunden gehetzt. Wir wissen noch nicht, warum er eigentlich ‚Mädchen‘ genannt wird, — vielleicht hat es seinen ganz besonderen Grund. Vielleicht ist er es, der das Laster ins Gymnasium bringt.“
Peredonoff verließ das Zimmer und die Kokowkina begleitete ihn hinaus. Sie sagte vorwurfsvoll:
„Wie können Sie nur den Jungen mit solchen Sachen in Verlegenheit bringen. Es ist nur gut, daß er Ihre Worte gar nicht begreift.“
„Adieu, adieu,“ sagte Peredonoff böse, „ich werde mit dem Direktor sprechen. Der Sache muß man auf den Grund kommen.“
Er ging. Die Kokowkina kehrte zurück, um Sascha zu trösten. Er saß traurig am Fenster und sah auf den Sternenhimmel. Seine schwarzen Augen blickten schon wieder ruhig, doch seltsam traurig. Die Kokowkina streichelte seinen Kopf ohne ein Wort zu sagen.
„Ich bin selbst schuld daran,“ sagte er, „ich habe mich verschwatzt, und er hält jetzt fest daran. Er ist so grob. Kein einziger Schüler liebt ihn.“
Am darauffolgenden Tage bezogen Peredonoff und Warwara endlich ihre neue Wohnung. Die Jerschowa stand an der Pforte und schimpfte nach Kräften auf Warwara, und diese suchte ihr in nichts nachzustehen. Peredonoff hielt sich hinter dem Möbelwagen versteckt.
In der neuen Wohnung mußte ein Priester gleich beim Einzug ein feierliches Gebet verrichten. Denn Peredonoff hielt es für unerläßlich, seinen strengen Glaubensstandpunkt auch nach außen hin zu zeigen. Während der feierlichen Handlung wurde mit Weihrauch geräuchert, und der schwere Geruch versetzte Peredonoff in eine bedrückte, fast feierliche Stimmung.
Etwas sehr Merkwürdiges beunruhigte ihn nicht wenig. Von irgendwoher kam plötzlich ein eigenartiges, ganz unbestimmbares graues Tierchen gelaufen, ein gespenstisches, flinkes Tierchen. Es schien zu grinsen, zitterte und drehte sich immerfort um Peredonoff herum. Wenn er die Hand danach ausstrecken wollte, glitt es geschwind hinter die Tür oder unter einen Schrank und dann war es gleich wieder da, dieses graue, wesenlose, gespenstische Geschöpf und zitterte und machte Männchen.
Als die feierliche Handlung ihrem Ende entgegenging, besann sich Peredonoff und flüsterte eifrig Beschwörungsformeln. Das unheimliche Tier aber zirpte ganz leise, leise, rollte sich zusammen und verschwand hinter der Tür. Peredonoff atmete erleichtert auf.
Wie gut, wenn es für immer verschwunden wäre. Aber vielleicht lebt es ganz in dieser Wohnung, irgendwo unter dem Fußboden und dann wird es wiederkommen und wird ihn quälen. Peredonoff schauerte.
Warum gibt es diese dämonischen Wesen? dachte er.
Als das Gebet zu Ende war, und als die Gäste sich schon verabschiedet hatten, mußte Peredonoff immer noch daran denken, wo das gespenstische Tier sich versteckt haben könnte. Warwara war zur Gruschina gegangen; da machte sich Peredonoff auf die Suche und durchwühlte alle ihre Sachen.
Vielleicht hat Warwara es in die Tasche gesteckt und mitgenommen? dachte er, viel Platz braucht es nicht. Es kriecht in die Tasche und wird dort warten, bis seine Zeit gekommen ist.
Besonders eins von Warwaras Kleidern erregte seine Aufmerksamkeit. Es war ganz mit Spitzen und Bändern benäht und förmlich dazu geschaffen, um etwas darin zu verbergen. Peredonoff betrachtete es lange und untersuchte es, dann schnitt und riß er mit Hilfe eines Messers die Tasche heraus und warf sie in den Ofen, und dann zerschnitt und zerfetzte er das Kleid in lauter kleine Stücke. Dumpfe, absonderliche Gedanken marterten ihn und eine hoffnungslose Verzweiflung zerriß sein Herz.
Warwara kehrte bald zurück. Peredonoff machte sich noch mit den Kleiderfetzen zu schaffen. Sie dachte, er sei betrunken und schimpfte ihn. Peredonoff hörte lange zu, endlich sagte er:
„Was bellst du, Bestie! Du versteckst vielleicht einen Teufel in deiner Tasche, und ich muß wissen, was hier vorgeht.“
Warwara schäumte. Peredonoff war mit dieser Wirkung zufrieden; er suchte eilig nach seiner Mütze und ging ins Gasthaus Billard spielen. Warwara lief ihm ins Vorhaus nach und während Peredonoff seinen Mantel anzog, schrie sie:
„Du selber trägst einen Teufel in deiner Tasche! Ich habe überhaupt keine Teufel. Woher sollte ich ihn nehmen; etwa aus Holland unter Nachnahme verschreiben!“
Der recht jugendliche Beamte Tscherepin — just derselbe, von dem die Werschina erzählt hatte, unter welch merkwürdigen Begleiterscheinungen er durch die Fenster ihres Hauses gelauert hatte, — machte der Werschina den Hof, seit sie Witwe geworden war. Sie war nicht abgeneigt, ein zweites Mal zu heiraten, doch erschien ihr Tscherepin zu unbedeutend. Tscherepin war infolgedessen sehr aufgebracht. Er ging mit Freuden auf Wolodins Vorschlag ein die Pforte am Hause der Werschina mit Teer zu beschmieren.
Er war einverstanden, aber hinterher kamen die Bedenken. Wie, wenn man ihn ertappte! Das wäre peinlich, er gehörte doch immerhin zum Beamtenstande. Er beschloß, andere Personen mit dieser Angelegenheit zu betrauen. So kam es, daß er zwei Halbwüchslinge zweifelhaften Rufes mit je 25 Kopeken bestach und bei gutem Erfolg ihnen eine Gratifikation von je 15 Kopeken zusicherte; — in einer dunklen Nacht war die Sache geschehen.
Hätte jemand im Hause der Werschina nach Mitternacht ein Fenster geöffnet, so hätte er hören können, wie Leute barfuß über das Pflaster liefen, wie sie ganz leise flüsterten — und dann ein merkwürdig weiches Geräusch, als würde der Zaun einer Reinigung unterzogen; dann ein leises Klirren, dieselben Füße laufen eilig davon, immer schneller, immer schneller, in der Ferne ein unterdrücktes Lachen und lautes Hundegebell.
Aber niemand hatte ein Fenster geöffnet. Und am Morgen ... Die Pforte, der Gartenzaun, die Umfriedung des Hofes, alles war mit gelblichbraunem Pech besudelt. An der Pforte standen, ebenfalls mit Pech geschrieben, unanständige Worte. Alle Vorübergehenden staunten und lachten; die Neuigkeit verbreitete sich schnell, und viele Neugierige strömten herbei.
Die Werschina ging erregt im Garten auf und ab, rauchte, lächelte noch schiefer als sonst und brummte böse. Martha kam garnicht zum Vorschein, blieb im Hause und weinte. Marie, die Magd, war bemüht, das Pech abzuwaschen und zankte mit den neugierigen, spottenden Leuten, die gekommen waren das seltsame Schauspiel zu betrachten.
Noch am selben Tage hatte Tscherepin Wolodin die Namen der Täter genannt. Wolodin hatte es sofort Peredonoff weitererzählt. Sie beide kannten die Jungen, die schon wegen ihrer Streiche berüchtigt waren.
Als Peredonoff zum Billardspiel ging, suchte er unterwegs die Werschina auf. Es war ein trüber Tag. Die Werschina und Martha saßen im Salon.
„Man hat Ihre Pforte mit Pech besudelt —“ begann Peredonoff.
Martha wurde rot. Die Werschina erzählte hastig, wie sie am Morgen aufgestanden wären und bemerkt hätten, daß die Leute über ihren Zaun lachten, und wie Marie dann das Pech abgescheuert hätte. Peredonoff sagte:
„Ich weiß, wer es gemacht hat.“
Die Werschina blickte ihn an und verstand nicht.
„Woher wissen Sie das?“ fragte sie.
„Ich habe so meine Quellen.“
„Wer ist es denn, sagen Sie doch,“ fragte Martha erregt.
Sie sah ganz häßlich aus, denn ihre Augenlider waren vom vielen Weinen rot und geschwollen. Peredonoff antwortete:
„Schön, ich will es sagen, darum bin ich auch hergekommen. Diese Halunken müssen exemplarisch gezüchtigt werden. Sie müssen mir nur versprechen, daß Sie keinem verraten werden, wer Ihnen die Namen genannt hat.“
„Ja, warum denn eigentlich, Ardalljon Borisowitsch?“ fragte die Werschina erstaunt.
Peredonoff schwieg bedeutungsvoll, dann sagte er wie zur Erklärung:
„Es sind solche Schufte, daß sie mir den Hals umdrehen würden, wenn sie hören sollten, daß ich sie angegeben habe.“
Die Werschina versprach zu schweigen.
„Und Sie dürfen auch nicht sagen, daß Sie es von mir haben,“ wandte er sich an Martha.
„Gut, gut, ich werde schweigen,“ rief Martha schnell; denn es lag ihr daran, die Namen der Uebeltäter zu erfahren. Es schien ihr, daß man sie zu einer schimpflichen, harten Strafe verurteilen mußte.
„Nein, schwören Sie lieber,“ sagte Peredonoff vorsorglich.
„Also, bei Gott, ich werde keinem ein Wort sagen!“ beteuerte Martha, „sagen Sie nur schneller wer es war.“
Hinter der Tür aber horchte Wladja. Er war froh, daß er nicht ins Gastzimmer gegangen war: man hätte ihn sonst zum Stillschweigen verpflichtet, so konnte er es aber jedermann weitererzählen. Und er lächelte vor Freude, daß sich ihm hier eine Gelegenheit bot an Peredonoff Rache zu nehmen.
„Etwa um ein Uhr nachts ging ich gestern durch Ihre Straße nach Hause,“ erzählte Peredonoff; „plötzlich höre ich, jemand macht sich an Ihrer Pforte zu schaffen. Erst dachte ich, es wären Diebe. Was soll ich anfangen! Aber schon höre ich, wie sie fortlaufen und gerade auf mich los. Ich drückte mich an die Wand, daß sie mich nicht bemerken konnten. Aber ich habe sie erkannt. Der eine hatte einen Maurerpinsel, der andere einen Eimer. Es waren berüchtigte Schurken, die Söhne des Schlossers Ardejeff. Während sie vorbeilaufen, höre ich, wie der eine zum andern sagt: ‚Die Nacht war nicht umsonst. 55 Kopeken haben wir verdient.‘ Schon wollte ich einen packen, aber ich fürchtete mich, weil sie mir die Fratze mit Pech besudelt hätten, und außerdem hatte ich neue Kleider an.“
Kaum war Peredonoff gegangen, so begab sich die Werschina zum Polizeichef, um zu klagen.
Der Polizeichef Mintschukoff schickte einen Schutzmann nach Ardejeff und dessen Söhnen.
Die Jungen traten keck herein; sie dachten, daß man sie wegen früherer Streiche zur Rechenschaft ziehen wolle. Der alte Ardejeff hingegen war von vornherein davon überzeugt, daß seine Söhne wieder irgend eine Schweinerei begangen hatten. Der Polizeichef erzählte Ardejeff, was seinen Söhnen zur Last gelegt wurde. Ardejeff murmelte:
„Ich kann mit den Jungen nicht fertig werden. Tun Sie mit ihnen, was Ihnen recht erscheint; ich habe meine Fäuste an ihnen lahmgeschlagen.“
„Wir sind ganz unschuldig,“ sagte der ältere, Nil mit Namen, ein zerzauster rothaariger Bursche.
„Alles wälzt man auf uns, wenn so was passiert,“ sagte der jüngere weinerlich, er hieß Ilja, war auch zerzaust, aber blond; „einmal haben wir was Schlimmes getan und da wird alles auf uns geschoben.“
Mintschukoff lächelte süßlich, schüttelte den Kopf und sagte:
„Gesteht lieber!“
„Keine Spur,“ sagte Nil grob.
„Keine Spur? Wer hat euch denn 55 Kopeken für die Arbeit gegeben, he?“
Das verwirrte die Jungen. Daran erkannte Mintschukoff, daß sie die Schuldigen waren, und er sagte der Werschina:
„Natürlich sind sie es gewesen!“
Aber die Jungen leugneten auch jetzt noch. Man schleppte sie in eine Kammer und gab ihnen eine Tracht Prügel. Da gestanden sie. Aber den Namen des Auftraggebers wollten sie nicht verraten.
„Wir selber haben es uns ausgedacht.“
Man prügelte sie umschichtig, mit Muße; schließlich sagten sie, Tscherepin hätte sie bestochen. Dann überantwortete man sie ihrem Vater.
Der Polizeichef sagte zur Werschina:
„Nun haben wir sie gezüchtigt, soll heißen: der Vater hat sie gezüchtigt, und Sie wissen nun, wer Sie beleidigt hat.“
„Das laß ich dem Tscherepin nicht durchgehen,“ sagte die Werschina; „ich werde ihn verklagen.“
„Dazu kann ich nicht raten,“ sagte Mintschukoff bescheiden, „lassen Sie die Sache auf sich beruhen.“
„Nein,“ rief die Werschina, „diese Gemeinheit darf nicht ungestraft bleiben. Auf keinen Fall!“
„Vor allen Dingen haben wir keine Indizien,“ sagte der Polizeichef ruhig.
„Wie nicht! Die Jungen haben doch gestanden.“
„Das ist ganz einerlei. Vor dem Richter werden sie leugnen, und dort wird man sie nicht prügeln.“
„Wie können sie leugnen? Die Schutzleute waren doch Zeugen,“ sagte die Werschina schon etwas weniger sicher.
„Was sind das für Zeugen! Wenn man einem Menschen das Fell über die Ohren zieht, so gesteht er alles, auch Dinge, die er nie getan hat. Es sind natürlich Halunken, und man hat sie streng bestraft; durch das Gericht werden Sie aber sicher keine Genugtuung erhalten.“
Mintschukoff lächelte süß und blickte die Werschina ruhig an.
So ging sie denn höchst unzufrieden davon, kam aber nach einigem Nachdenken zum gleichen Resultat, daß es nämlich sehr gewagt wäre Tscherepin zu verklagen, und daß dadurch nur überflüssiges Gerede und ein großer Skandal entstehen würden.