XIII

Am Abend erschien Peredonoff beim Direktor in dringender Angelegenheit.

Der Direktor Nikolai Wassiljewitsch Chripatsch hatte eine ganze Reihe von Prinzipien, die außerordentlich bequem in sein Leben paßten. Darum fielen sie ihm auch keineswegs zur Last. Im Dienst erfüllte er mit Würde alle Vorschriften, die das Gesetz fordert, oder die die vorgesetzte Behörde diktierte, oder die vom allgemein gültigen, gemäßigten Liberalismus verlangt werden. So kam es, daß Eltern, Schüler und Vorgesetzte gleicherweise mit ihm zufrieden waren. Zweifelhafte Fälle, Unsicherheit, Hin- und Herschwanken kannte er nicht; wozu auch? man kann sich doch stets entweder an Bestimmungen des pädagogischen Konseils oder an Vorschriften der vorgesetzten Behörde halten. Ebenso regelmäßig und ruhig war er im persönlichen Verkehr. Schon seine äußere Erscheinung zeugte von Energie und Wohlwollen: er war nicht groß, untersetzt, lebhaft, hatte kluge Augen und redete selbstbewußt und sicher; kurz, er war ein Mensch, der sich seine Stellung selber geschaffen hatte und nicht abgeneigt war, im Leben noch weiterzukommen. In seinem Schreibzimmer standen sehr viele Bücher auf den Bücherbrettern; aus einigen fertigte er Auszüge an. Hatte er eine hinreichende Menge von Auszügen gesammelt, so ordnete er sie und schrieb alles mit eigenen Worten nieder. Das war dann ein Lehrbuch, es wurde gedruckt und verkauft; zwar nicht in übermäßig vielen Auflagen, aber immer noch recht günstig. Manchmal schrieb er gelehrte Abhandlungen über im Ausland erschienene Bücher. Diese Abhandlungen kamen in Fachzeitschriften zum Abdruck, waren allgemein geschätzt, aber durchaus überflüssig.

Er hatte viele Kinder, und jedes von ihnen, ob nun Knabe oder Mädchen, verfügte über irgend ein Talent: das eine schrieb Verse, ein anderes zeichnete, wieder ein anderes machte erstaunliche Fortschritte in der Musik.

Peredonoff sagte gereizt:

„Sehen Sie, Nikolai Wassiljewitsch, Sie belieben mich stets anzugreifen. Es ist möglich, daß man mich bei Ihnen verleumdet, ich habe aber garnichts auf dem Gewissen.“

„Entschuldigen Sie,“ unterbrach ihn der Direktor, „ich verstehe nicht, von was für Verleumdungen Sie zu reden belieben. Als Leiter des mir anvertrauten Gymnasiums pflege ich meine eigenen Beobachtungen zu machen, und ich hoffe doch annehmen zu dürfen, daß meine praktische Erfahrung ausreicht, um gerecht schätzen zu können, was ich höre und sehe, und das um so mehr, als ich aus Prinzip gewissenhaft und aufmerksam meinen Pflichten nachzukommen bestrebt bin,“ sprach Chripatsch schnell und deutlich, und seine Stimme klang trocken und klar, fast wie das Geräusch von Blechstangen, die gebrochen werden. „Was aber meine persönliche Ansicht über Ihre Leistungsfähigkeit betrifft, so kann ich nur wieder konstatieren, daß Sie Ihren dienstlichen Verpflichtungen nur mangelhaft nachkommen.“

„Ja,“ sagte Peredonoff verdrießlich, „Sie haben sich’s mal in den Kopf gesetzt, daß ich nichts tauge; und ich sorge mich Tag und Nacht um das Gymnasium.“

Chripatsch blickte erstaunt und fragend auf Peredonoff.

„Sie bemerken zum Beispiel nicht,“ fuhr Peredonoff fort, „daß sich ein großer Skandal im Gymnasium vorbereitet, — und keiner bemerkt das; ich allein bin der Sache auf die Spur gekommen.“

„Was für ein Skandal?“ fragte Chripatsch mit trocknem Spott und ging im Schreibzimmer auf und ab. „Das irritiert mich, obgleich ich, offen gestanden, nicht an die Möglichkeit eines Skandals in unserem Gymnasium glaube.“

„Sie wissen zum Beispiel nicht, wen Sie alles neu aufgenommen haben,“ sagte Peredonoff so schadenfroh, daß Chripatsch stehen blieb und ihn aufmerksam betrachtete.

„Die Neuaufgenommenen kenne ich alle,“ sagte er trocken. „Diejenigen, welche in die erste Klasse aufgenommen wurden, sind von keinem andern Gymnasium relegiert worden und der einzige Schüler, der in die fünfte Klasse kam, hat so vorzügliche Zeugnisse und Empfehlungen mitgebracht, daß eine gegenteilige Ansicht von vornherein ausgeschlossen erscheint.“

„Wohl, man hätte ihn bloß nicht zu uns, sondern in eine andere Anstalt geben sollen,“ sagte Peredonoff böse und scheinbar widerwillig.

„Ich bitte um eine Erklärung, Ardalljon Borisowitsch,“ sagte Chripatsch. „Ich hoffe, daß Sie damit nicht sagen wollen, daß Pjilnikoff in eine Korrektionsanstalt für minderjährige Verbrecher gehört.“

„Nein; man sollte vielmehr dies Geschöpf in ein Pensionat stecken, wo die alten Sprachen nicht gelehrt werden,“ sagte Peredonoff zornig und seine Augen funkelten böse.

Chripatsch steckte die Hände in die Taschen seines Hausrockes und blickte in grenzenlosem Erstaunen auf Peredonoff.

„Was für ein Pensionat?“ fragte er. „Wissen Sie denn nicht, welche Institute man so nennt? Und wenn Sie es wissen, wie dürfen Sie es wagen, eine so unziemliche Zusammenstellung vorzunehmen!“

Chripatsch war ganz rot geworden und seine Stimme klang noch trockner und härter als gewöhnlich. Sonst pflegten diese Anzeichen eines nahenden Zornesausbruches Peredonoff einzuschüchtern. Heute machte er sich nichts daraus.

„Sie glauben immer noch, daß es ein Knabe ist,“ sagte er und zwinkerte spöttisch mit den Augen, „es ist aber kein Knabe, sondern ein Mädchen, noch dazu was für eins.“

Chripatsch lachte kurz auf. Sein Lachen war hell und deutlich und klang gezwungen, aber er lachte immer so.

„Ha-ha-ha!“ stieß er deutlich hervor, hörte auf zu lachen, setzte sich in den Lehnstuhl und warf den Kopf zurück, als könne er die Lachlust nicht bezwingen. „Verehrtester Ardalljon Borisowitsch, in der Tat, Sie setzen mich in Erstaunen. Ha-ha-ha! Seien Sie bitte so liebenswürdig und teilen Sie mir mit, was Sie auf diese Vermutung gebracht hat, wenn nicht etwa Ihre Voraussetzungen, die dieses Resultat gezeitigt haben, ein Privatgeheimnis sind! Ha-ha-ha!“

Peredonoff erzählte alles, was er von Warwara gehört hatte und berichtete auch gleich von den schlimmen Eigenschaften der Kokowkina. Chripatsch hörte ihm zu und stieß bisweilen sein trocknes, deutliches Lachen hervor.

„Ihre Phantasie ist mit Ihnen durchgegangen, bester Ardalljon Borisowitsch,“ sagte er, stand auf und klopfte Peredonoff auf die Schulter, „viele meiner geschätzten Kollegen haben Kinder, ich selber habe Kinder, wir sind, gottlob! keine Säuglinge mehr und da glauben Sie wirklich, daß wir ein verkleidetes Mädchen für einen Jungen halten könnten?“

„Nun verhalten Sie sich so zu der Sache. Wenn aber was dahinter steckt, wer wird die Verantwortung tragen?“ fragte Peredonoff.

„Ha-ha-ha!“ lachte Chripatsch, „was für Folgen befürchten Sie denn?“

„Das Gymnasium wird zu einer Lasterhöhle,“ sagte Peredonoff.

Chripatsch wurde ernst und sagte:

„Sie gehen zu weit. Alles was Sie zu berichten wußten, gibt mir nicht die geringste Veranlassung Ihren Verdacht zu teilen.“

Noch am selben Abend machte Peredonoff einen eiligen Rundgang bei allen seinen Kollegen, angefangen vom Inspektor bis hinab zu den Gehilfen der Klassenordinarien und erzählte überall, Pjilnikoff wäre ein verkleidetes Mädchen. Alle lachten und glaubten ihm nicht; bei vielen regte sich aber doch ein leiser Zweifel, als er gegangen war. Die Frauen der Lehrer glaubten alle fast ohne Ausnahme daran.

Am nächsten Morgen gingen schon viele mit dem Gedanken in die Schule, daß Peredonoff vielleicht doch recht haben könnte. Offen sprachen sie es nicht aus, aber sie wußten Peredonoff nichts mehr zu entgegnen und beschränkten sich auf unklare, zweideutige Antworten: jeder von ihnen fürchtete für dumm gehalten zu werden, wenn er angefangen hätte, zu widersprechen und es sich hinterher doch herausstellen sollte, daß die Sache sich so verhielt. Viele hätten auch gerne die Ansicht des Direktors gehört, — er aber verließ heute, ganz gegen seine Gewohnheit, seine Wohnung nicht, ging nur mit starker Verspätung in die einzige Stunde, die er an diesem Tage zu geben hatte, blieb einige fünf Minuten und begab sich gleich wieder nach Hause ohne jemand begrüßt zu haben.

Endlich kurz vor der vierten Stunde ging der greise Religionslehrer — ein Priester — und noch zwei andere Lehrer unter irgend einem Vorwand in das Sprechzimmer des Direktors, und der Priester fing vorsichtig an über Pjilnikoff zu sprechen. Aber der Direktor lachte so sicher und herzlich, daß diese drei plötzlich ganz fest davon überzeugt waren, daß alles nur ein Gerede sei. Der Direktor ging aber schnell auf ein anderes Thema über, erzählte irgend eine Neuigkeit aus der Stadt, klagte über sehr heftiges Kopfweh und meinte, er werde wohl den geschätzten Schularzt Eugen Iwanowitsch konsultieren müssen. Dann sagte er in ganz harmlosem Ton, daß die Unterrichtsstunde heute sein Kopfweh arg gesteigert hätte, denn in der Klasse nebenan habe Peredonoff unterrichtet und seine Schüler hätten ungewöhnlich laut und oft gelacht. Dann lachte Chripatsch und sagte:

„In diesem Jahre verfolgt mich ein schlimmes Schicksal: Dreimal in der Woche habe ich neben der Klasse von Ardalljon Borisowitsch zu unterrichten, und stellen Sie sich vor, — ständig lachen seine Jungen. Man sollte meinen, daß Ardalljon Borisowitsch kein komischer Mensch ist, und doch erregt er immer die größte Heiterkeit.“

Und hier brach Chripatsch plötzlich ab, ging wieder auf ein anderes Thema über und verhinderte so, daß man ihm auf seine letzte Aeußerung über Peredonoff etwas antwortete.

Und in der Tat, in der letzten Zeit wurde in Peredonoffs Stunden sehr viel gelacht und nicht etwa deswegen, weil es ihm selber Freude gemacht hätte. Im Gegenteil, das Lachen der Kinder machte ihn nervös. Aber er konnte sich nicht enthalten durchaus überflüssige, unpassende Geschichten zu erzählen: bald war es irgend eine dumme Anekdote, bald neckte er diesen oder jenen von den stilleren Jungen. In der Klasse gab es stets Elemente, die jede Gelegenheit ergriffen Lärm machen zu können, — und Peredonoffs Witze begrüßten sie immer mit schallendem Gelächter.

Vor Schluß der Stunden schickte Chripatsch nach dem Schularzt, nahm seinen Hut und ging in den Garten, der zwischen der Schule und dem Flußufer lag. Der Garten war groß und schattig. Besonders die kleinen Gymnasiasten liebten ihn sehr. Während der Zwischenstunden tummelten sie sich hier nach Herzenslust. Daher liebten die Gehilfen der Klassenordinarien diesen Garten nicht, denn sie fürchteten, diesem oder jenem könnte was zustoßen. Chripatsch aber verlangte, daß die Jungen während der Pausen sich im Garten aufhielten. Das tat er, weil sich die Erwähnung dieses Umstandes besonders schön in den Rechenschaftsberichten ausnahm.

Chripatsch kehrte durch den Gang zurück. An der geöffneten Tür des Turnsaals blieb er mit gesenktem Kopfe stehen und trat dann ein. Alle sahen an seinem leidenden Gesichtsausdruck und an seinem schleppenden Gang, daß er Kopfweh hatte.

Die fünfte Klasse hatte eben Turnunterricht. Die Jungen hatten sich in eine Reihe aufgestellt, und der Turnlehrer, ein Unterleutnant des örtlichen Reserve-Bataillons, wollte gerade etwas kommandieren; als er aber den Direktor erblickte, trat er auf ihn zu. Der Direktor reichte ihm die Hand, blickte zerstreut auf die Schüler und fragte:

„Sind Sie mit den Jungen zufrieden? Geben sie sich auch Mühe? Ermüden sie nicht?“

Der Unterleutnant verachtete die Gymnasiasten im Grunde seiner Seele, denn seiner Ansicht nach hatten sie keine Spur von militärischem Drill und konnten ihn ja auch nicht haben. Wären es Kadetten gewesen, so hätte er unumwunden gesagt, was er dachte. Aber über diese kraftlose Bande lohnte es nicht, etwas Tadelnswertes jenem Menschen zu sagen, der über die Besetzung des Lehrpersonals zu entscheiden hatte. Darum lächelte er verbindlich, blickte den Direktor liebenswürdig und fröhlich an, und sagte:

„O ja, stramme Jungens!“

Der Direktor machte einige Schritte längs der Reihe, dann kehrte er wieder zum Ausgang zurück, blieb plötzlich stehen und fragte, als fiele es ihm just ein:

„Sind Sie mit unserem neueingetretenen Schüler auch zufrieden? Nimmt er sich zusammen? Wird er leicht müde?“ fragte er nachlässig und mißgestimmt, und griff mit der Hand an die Stirn.

Der Unterleutnant hielt eine kleine Abwechslung für angebracht, außerdem überlegte er, daß es sich um einen fremden Eindringling handle und sagte:

„Er ist ein wenig schlapp und wird rasch müde.“

Der Direktor hörte aber garnicht mehr, was er sagte und entfernte sich aus dem Saal.

Die frische Luft hatte Chripatsch scheinbar nicht wohlgetan. Nach einer halben Stunde kehrte er zurück, stand etwa eine halbe Minute an der Tür und betrat wieder den Saal. Man turnte an den Geräten. Zwei oder drei Schüler waren eben nicht beschäftigt, sie hatten das Kommen des Direktors nicht bemerkt und lehnten an der Wand, indem sie den Umstand ausnutzten, daß der Unterleutnant gerade in eine andere Richtung sah. Chripatsch trat auf sie zu:

„Aber Pjilnikoff,“ sagte er, „warum lehnen Sie so nachlässig an der Wand?“

Sascha wurde ganz rot, stellte sich stramm hin und schwieg.

„Wenn es Sie so anstrengt, dann ist es vielleicht besser, wenn Sie überhaupt nicht turnen,“ fragte Chripatsch streng.

„Ich bitte um Entschuldigung, ich bin garnicht müde!“ sagte Sascha erschreckt.

„Eins von beiden,“ fuhr Chripatsch fort, „entweder Sie bleiben überhaupt von den Turnstunden fort, oder ... Uebrigens kommen Sie doch nach Schluß der Stunden in mein Arbeitszimmer.“

Er entfernte sich eilig, und Sascha stand verlegen und erschreckt da.

„Hereingefallen,“ sagten ihm die Kameraden, „er wird dir bis zum Abend die Leviten lesen.“

Chripatsch liebte es, Verweise in längerer Unterredung zu erteilen, und die Gymnasiasten fürchteten nichts so sehr als diese Aufforderung ins Arbeitszimmer.

Nach Schluß der Stunden ging Sascha schüchtern zum Direktor. Chripatsch empfing ihn sofort. Er trat schnell vor Sascha, er rollte förmlich auf seinen kurzen Beinen, setzte sich dicht neben ihn, blickte ihn prüfend an und fragte:

„Sagen Sie doch, Pjilnikoff, ermüdet Sie der Turnunterricht wirklich? Sie sehen eigentlich gesund und kräftig aus, aber der Schein pflegt bisweilen zu trügen. Sind Sie vielleicht krank? Vielleicht ist es nicht gut, daß Sie turnen?“

„Nein, Herr Direktor,“ antwortete Sascha — und er wurde ganz rot und verlegen, „ich bin vollständig gesund.“

„Aber auch Alexei Alexejewitsch beklagte sich,“ entgegnete Chripatsch, „daß Sie eine schlappe Figur machen und schnell müde werden, und ich selber habe heute während der Turnstunde bemerkt, daß Sie matt aussahen. Sollte ich mich versehen haben?“

Sascha wußte nicht, wohin er sehen sollte vor dem durchdringenden Blick des Direktors. Er stammelte verlegen:

„Verzeihen Sie, ich werde nicht mehr ... ich war nur etwas faul. Ich bin wirklich ganz gesund. Ich werde versuchen eifriger zu turnen.“

Plötzlich, ihm selber ganz unerwartet, fing er an zu weinen.

„Sehen Sie,“ sagte Chripatsch, „Sie sind doch übermüdet: Sie weinen, als hätte ich Ihnen einen schlimmen Vorwurf gemacht. Beruhigen Sie sich doch!“

Er legte seine Hand auf Saschas Schulter und sagte:

„Ich habe Sie nicht gerufen, um Ihnen einen Verweis zu erteilen, sondern um die Sache aufzuklären .... Aber setzen Sie sich doch, ich sehe, Sie sind sehr müde.“

Sascha trocknete eilig mit dem Taschentuch seine Tränen und sagte schnell:

„Ich bin wirklich nicht müde.“

„Setzen Sie sich, setzen Sie sich,“ wiederholte Chripatsch und schob ihm einen Stuhl hin.

„Aber wirklich, ich bin nicht müde, Herr Direktor,“ beteuerte Sascha.

Chripatsch faßte ihn an den Schultern, drückte ihn auf den Stuhl, setzte sich ihm gegenüber und sagte:

„Wollen wir ruhig miteinander reden. Es wäre möglich, daß Sie sich über Ihren eigenen Gesundheitszustand täuschen: Sie sind in jeder Hinsicht ein strebsamer und tüchtiger Schüler, und ich kann es vollkommen begreifen, daß Sie nicht um Dispens vom Turnunterricht bitten wollen. Uebrigens, ich habe den Herrn Doktor gebeten heute herzukommen, weil ich mich gar nicht wohl fühle. Er kann dann gleich auch Sie gründlich untersuchen, wenn Sie nichts dagegen haben.“

Chripatsch sah nach der Uhr, und ohne auf eine Antwort zu warten, redete er mit Sascha über die jüngst verflossenen Sommerferien.

Bald darauf kam der Schularzt Ewgenij Iwanowitsch Surowzeff, ein kleiner, behender, schwarzhaariger Mann, der es vor allem liebte über Politik und städtische Klatschgeschichten zu reden. Er verfügte nicht gerade über hervorragende Kenntnisse, verhielt sich aber gewissenhaft zu seinen Patienten, zog Diät und geregelte Hygiene allen Medikamenten vor und so kam es, daß er einigen Erfolg hatte.

Sascha mußte sich entkleiden, Surowzeff untersuchte ihn von Kopf bis zu Fuß, konnte aber keine Anzeichen irgend einer Krankheit finden, während Chripatsch sich davon überzeugte, daß Sascha jedenfalls kein Mädchen sei. Wiewohl er das von vornherein geglaubt hatte, so hielt er diese ärztliche Untersuchung für angebracht, denn im Falle einer Anfrage der Schulbehörde hätte der Arzt ohne weitere Umstände ein entsprechendes Zeugnis ausstellen können.

Chripatsch entließ Sascha mit einigen freundlichen Worten:

„Nun wissen wir, daß Sie ganz gesund sind, und ich werde Alexei Alexejewitsch bitten, Sie in keiner Weise zu schonen.“

Peredonoff zweifelte nicht daran, daß seine Entdeckung des verkleideten Mädchens die Aufmerksamkeit der Schulbehörde auf ihn lenken und ihm außer der Rangerhöhung auch einen Orden einbringen würde. Diese Hoffnung spornte ihn dazu an, doppelt scharf auf das Betragen der Schüler zu achten. Schon seit einigen Tagen war das Wetter trübe und regnerisch, nur spärlich wurde das Billard besucht, — und so blieb ihm nichts anderes übrig, als sämtliche Schülerpensionen der Stadt zu inspizieren, ja, er suchte sogar Gymnasiasten auf, die bei ihren Eltern lebten. Peredonoff traf insofern eine Auswahl, als er nur schlichtere Familien besuchte: er ging hin, klagte über den mißratenen Sohn, der bekommt Prügel, — und Peredonoff ist zufrieden. So hatte er den Joseph Kramarenko bei dessen Vater, einem Bierbrauer, verklagt, — er hatte erzählt, daß Joseph während des Gottesdienstes in der Kirche Unfug treibe. Der Vater glaubte ihm aufs Wort und bestrafte den Sohn. Dasselbe Schicksal traf dann noch einige andere. Diejenigen Eltern, von denen er glaubte, daß sie ihre Kinder in Schutz nehmen würden, suchte er überhaupt nicht auf; auch fürchtete er, sie könnten sich bei der Schulbehörde beschweren. So besuchte er jeden Tag je einen Schüler in dessen Wohnung. Er trat als Vorgesetzter auf: räsonierte, traf Anordnungen, drohte. Aber es kam vor, daß die Pensionäre unter den Schülern, die sich als selbständige, junge Leute fühlten, ihm einfach grob begegneten. Einen Erfolg hatte Peredonoff zu verzeichnen: Frau Flawitzkaja, eine energische, schlanke Dame mit heller Stimme, prügelte auf seinen Wunsch ihren Pensionär, den kleinen Wladimir Bultjakoff, gehörig durch.

In den Unterrichtsstunden der nächstfolgenden Tage pflegte Peredonoff dann von seinen Taten zu berichten; er nannte keine Namen, aber die unglücklichen Opfer verrieten sich selber durch ihr gedrücktes, scheues Wesen.