XVII
Ludmilla traf Sascha eines Nachmittags auf der Straße. Sie sagte:
„Morgen hat die älteste Tochter des Direktors Geburtstag, — wird deine Pflegemutter hingehen?“
„Ich weiß nicht,“ sagte Sascha.
Und schon regte sich die freudige Hoffnung in seinem Herzen, vielleicht war es weniger Hoffnung als Wunsch, daß die Kokowkina ausgehen und Ludmilla gerade dann kommen würde, um mit ihm allein zu sein ...
Am Abend erinnerte er die Kokowkina an den Geburtstag.
„Fast hätte ich es vergessen,“ sagte die Kokowkina. „Ich werde hingehen. Es ist ein sehr liebes Mädchen.“
Und gerade, wie Sascha aus der Schule heimkam, machte sich die Kokowkina auf den Weg. Er freute sich beim Gedanken, daß er diesmal mit geholfen hatte, die Kokowkina zu entfernen. Und er war fest davon überzeugt, daß Ludmilla Zeit finden würde zu kommen.
So war es auch; — Ludmilla kam. Sie küßte ihn auf die Wange und reichte ihm ihre Hand zum Kusse. Sie lachte fröhlich, und er wurde rot. Ludmillas Kleider dufteten heute nach Rosa-Iris, ein schwerer, süßer Blumenduft: die sinnbetörende, lüsterne Iris — gelöst in zart duftenden Rosen.
Ludmilla hatte eine schmale in Seidenpapier gewickelte Schachtel mitgebracht. Durch das Papier schimmerte eine gelbe Reklamezeichnung. Sie setzte sich, legte die Schachtel auf ihre Knie und blickte Sascha schelmisch an.
„Magst du Datteln?“ fragte sie.
„Furchtbar,“ sagte Sascha und machte eine komische Grimasse.
„So, dann werde ich dich bewirten,“ sagte sie wichtig.
Sie öffnete die Schachtel.
„Iß!“ befahl sie.
Sie selber nahm eine Frucht nach der anderen aus der Schachtel und steckte sie Sascha in den Mund; und jedesmal mußte er ihr die Hand küssen. Sascha sagte:
„Aber meine Lippen sind ganz klebrig.“
„Das tut nichts, küß nur immer zu,“ antwortete Ludmilla fröhlich, „es kränkt mich nicht.“
„Dann küß ich doch lieber mit einem Mal,“ sagte Sascha und lachte.
Schon streckte er seine Hand nach den Früchten.
„Du wirst mich betrügen,“ rief Ludmilla, klappte rasch die Schachtel zu und gab ihm einen Klaps auf die Finger.
„Ach nein, ich bin ganz ehrlich, ich werde gewiß nicht betrügen,“ beteuerte Sascha.
„Ich glaub’ es nicht, ich glaub’ es nicht,“ wiederholte Ludmilla.
„Dann darf ich im voraus küssen,“ schlug er vor.
„Das geht eher,“ sagte Ludmilla fröhlich, „küß nur.“
Sie reichte Sascha ihre Hand. Er ergriff ihre schlanken Finger, küßte sie einmal und fragte, ohne die Hand loszulassen, schlau lächelnd:
„Werden Sie mich auch nicht betrügen, Millachen?“
„Bin ich denn eine unehrliche Person,“ sagte Ludmilla fröhlich, „ich werde dich nicht betrügen, küß nur zu! — unbedenklich.“
Sascha beugte sich über ihre Hand und küßte sie eifrig; gleichmäßig bedeckte er ihre ganze Handfläche mit Küssen, wobei er seine Lippen weit offen hielt, und es war ihm angenehm, sich einmal sattküssen zu dürfen. Aufmerksam zählte Ludmilla die Küsse. Beim zehnten sagte sie:
„Es ist gewiß unbequem im Stehen zu küssen; du muß dich bücken.“
„Dann will ich es mir bequemer machen,“ sagte er.
Er kniete nieder und fuhr ebenso eifrig in seiner Beschäftigung fort.
Sascha liebte zu naschen. Es hatte ihm sehr gefallen, daß Ludmilla ihm was mitgebracht hatte. Dafür liebte er sie noch inniger.
Ludmilla hatte Sascha mit sinnerregendem, süßem Odeur parfumiert. Dieser Duft setzte ihn in Erstaunen. Er war so eigen, aufregend, dunkel und doch hell, wie ein goldiges, frühes, sündiges Morgenrot hinter einer fahlen Dämmerung. Sascha sagte:
„Der Duft ist so merkwürdig!“
„Gieß dir mal auf die Hand davon,“ riet Ludmilla.
Sie reichte ihm ein häßliches, vierkantiges, grobgeschliffenes Fläschchen. Sascha sah sich die Farbe an, — es war eine grell-gelbe, lebhafte Flüssigkeit. Eine grobe, häßliche Etikette mit französischer Aufschrift, aus der Fabrik von Puiver. Sascha nahm den flachen Glasstöpsel, zog ihn heraus und roch. Dann tat er so wie er es bei Ludmilla gesehen hatte, — er legte die Handfläche fest auf die Oeffnung des Fläschchens, kehrte es geschwind um und stellte es dann wieder mit dem Boden nach unten beiseite; dann verrieb er die wenigen Tropfen der Flüssigkeit auf der Handfläche und roch daran, — der Spiritus war bald verflogen, nur der reine Duft war geblieben. Ludmilla blickte auf ihn in gespannter, erregter Erwartung. Sascha sagte unsicher:
„Es riecht ein wenig nach verzuckerten Wanzen!“
„Lüg doch nicht, ich bitte,“ sagte Ludmilla ärgerlich.
Auch sie schüttete sich einige Tropfen auf die Hand und roch daran. Sascha wiederholte:
„Wirklich, es riecht nach Wanzen.“
Ludmilla brauste zornig auf; ihr traten die Tränen in die Augen, — gab Sascha einen Schlag ins Gesicht und rief:
„Du unverschämter Bengel! Da, nimm das für die Wanzen.“
„Gut getroffen!“ sagte Sascha, lachte und küßte ihre Hand. „Was hat Sie so gekränkt, liebstes Millachen? Wonach riecht es denn, Ihrer Meinung nach.“
Ueber den Schlag ärgerte er sich nicht, — er war ganz bezaubert von ihrem Wesen.
„Wonach?“ fragte Ludmilla und faßte ihn am Ohrläppchen, „das will ich dir gleich sagen wonach, erst will ich dich gründlich am Ohr zausen.“
„O weh, o weh, Millachen, Liebste, ich werde nie mehr!“ flehte Sascha und krümmte sich vor Schmerz.
Ludmilla ließ das stark gerötete Ohr los, zog den Jungen zärtlich heran, nahm ihn auf den Schoß und sagte:
„Merk auf, — im Zyklamen lebt ein dreifacher Hauch, — das arme Blümlein duftet nach süßer Ambrosia, — das ist für die fleißigen Bienen. Du weißt doch, man nennt’s auch Schweinsbrod.“
„Schweinsbrod,“ wiederholte Sascha und lachte, „wie komisch!“
„Lach nicht, Wildfang,“ sagte Ludmilla, packte ihn am andern Ohr und fuhr fort: „Süße Ambrosia, über ihr summen die Bienen; — das ist des Blümleins Freude. Dann riecht es ganz zart nach Vanille; das ist aber nicht für die Bienen, sondern es ist für solche Dinge, die wir erträumen. Dies ist sein Wunsch: eine Blume und das Gold der Sonne über ihr. Und der dritte Hauch ist dieser: es ist der zärtliche, süße Duft des Körpers. Er ist für jene da, welche lieben, und dieses ist seine Liebe: das arme Blümlein in der glühenden Hitze des Mittags. Biene, Sonne und Glut, — verstehst du mich, Liebster?“
Sascha nickte schweigend. Sein ganzes Gesicht flammte, und die langen, dunkeln Wimpern zitterten. Ludmilla blickte träumend in die Ferne, ihre Wangen waren leicht gerötet. Sie fuhr fort:
„Das zarte und sonnige Zyklamen erfreut uns; es erregt in uns ein Verlangen, welches süß ist und davor wir erschrecken; es macht unser Blut flammend. Begreif es wohl, mein Sonnenprinz, es ist so tief, und süß, und weh; es ist, daß man weinen möchte. Begreifst du das? So ist dieses Blümlein.“
Und ihre Lippen neigten sich zu einem langen Kuß auf Saschas Mund.
Ludmilla blickte nachdenklich vor sich hin. Plötzlich zuckte ein schelmisches Lächeln um ihre Lippen. Ganz leise stieß sie Sascha fort und fragte:
„Liebst du rote Rosen?“
Sascha seufzte tief, öffnete die Augen, lächelte und flüsterte:
„Ja, ich liebe sie.“
„Die großen, roten?“ fragte Ludmilla.
„Alle liebe ich, die großen und kleinen,“ sagte er keck und sprang mit einer geschickten knabenhaften Bewegung von ihrem Schoß.
„Wirklich auch die roten?“ fragte Ludmilla zärtlich, und ihre helle Stimme zitterte vor verhaltenem Lachen.
„Ja, ich liebe sie,“ sagte er rasch.
Ludmilla lachte und wurde rot.
„Du liebst also die roten; du liebst Ruten, — o du dummer Junge; schade nur, daß niemand da ist, der dich verprügeln könnte,“ rief sie.
Beide lachten und wurden rot.
Diese notwendigerweise noch harmlosen Gefühlswallungen waren Ludmillas ganze Freude in ihrer Freundschaft zu Sascha. Sie erregten, — und waren doch so ganz anders als die groben und widerlichen Annäherungsversuche der Männer ...
Sie stritten, wer von ihnen der Stärkere wäre. Ludmilla sagte:
„Meinetwegen bist du der Stärkere. Es kommt aber nur darauf an, wer gewandter ist.“
„Ich bin auch gewandt,“ renommierte Sascha.
„Ach geh, du und gewandt!“ neckte Ludmilla.
Lange stritten sie noch. Endlich schlug Ludmilla vor:
„Wollen wir ringen!“
Sascha lachte und sagte selbstgefällig:
„Sie können nicht mit mir fertig werden!“
Ludmilla kitzelte ihn.
„Sind Sie so!“ rief er lachend, machte sich mit einem Ruck frei und faßte sie um die Hüften.
So kam es zu einer Balgerei. Ludmilla merkte sofort, daß Sascha stärker war. Mit Kraft allein konnte sie nicht gegen ihn aufkommen, daher wartete sie auf einen günstigen Augenblick und stellte ihm ein Bein, — er stürzte und zog Ludmilla im Fallen nach sich. Doch Ludmilla wußte sich geschickt zu befreien und drückte ihn zu Boden. Sascha rief verzweifelt:
„Das ist unehrlich!“
Aber Ludmilla kniete auf seiner Brust und drückte ihn mit den Händen zu Boden. Sascha suchte mit Gewalt freizukommen, doch Ludmilla kitzelte ihn wieder. Beide lachten unbändig. Vor lauter Lachen mußte sie ihn schließlich loslassen und blieb auf dem Boden liegen. Sascha sprang auf. Er war ganz rot geworden und sehr enttäuscht.
„Nixe!“ rief er.
Und die Nixe lag auf dem Boden und lachte aus vollem Halse.
Ludmilla nahm Sascha zu sich auf den Schoß. Das Ringen hatte sie erschöpft, jetzt blickten sie einander fröhlich in die Augen und lächelten.
„Ich bin zu schwer für Sie,“ sagte Sascha, „ich werde Ihre Knie plattdrücken, lassen Sie mich lieber neben Ihnen sitzen.“
„Das macht nichts, bleib nur,“ antwortete Ludmilla sanft, „du hast doch selber gesagt, daß du es liebtest zärtlich zu sein.“
Sie streichelte seine Stirn. Er schmiegte sich dicht an sie. Sie sagte:
„Du bist sehr hübsch.“
Sascha wurde rot und lachte.
„Was nicht gar!“ sagte er.
Dieses Gespräch über die Schönheit in Anwendung auf ihn selber verwirrte ihn; er hatte noch nie darüber nachgedacht, ob die Menschen ihn für hübsch oder für häßlich hielten.
Ludmilla kniff ihn in die Wange. Sascha lächelte. Auf der Wange war ein roter Fleck geblieben. Das sah hübsch aus. Ludmilla kniff auch die andere Backe. Sascha wehrte sich nicht. Er nahm nur ihre Hand, küßte sie und sagte:
„Kneifen Sie nicht mehr, es schmerzt doch, und auch Ihre Fingerchen werden hart werden.“
„Ach, es schmerzt ja gar nicht,“ sagte Ludmilla gedehnt, „seit wann schneidest du denn Komplimente?“
„Ich habe keine Zeit mehr, ich muß noch lernen. Seien Sie noch ein wenig lieb zu mir. Das wird mir Glück bringen, und ich werde im Griechischen die Note Fünf erhalten.“
„Du willst mich wohl forthaben!“ sagte Ludmilla.
Sie nahm seine Hand und streifte den Aermel seiner Jacke über den Ellenbogen hinauf.
„Wollen Sie mich schlagen?“ fragte Sascha verlegen und errötete schuldbewußt.
Aber Ludmilla war ganz in Betrachtung des Armes versunken; sie drehte ihn hin und her.
„Du hast sehr schöne Arme,“ sagte sie laut und fröhlich und küßte den Arm.
Sascha wurde ganz rot. Er wollte den Arm fortreißen, aber Ludmilla hielt ihn sehr fest und küßte ihn noch einigemale. Sascha wurde ganz still, und ein merkwürdiger Ausdruck legte sich um seine halblächelnden, purpurnen Lippen, — und eine Blässe flog über seine von dichten Wimpern beschatteten, glühenden Wangen.
Sie verabschiedete sich. Sascha hatte Ludmilla bis zum Gartenpförtchen begleitet. Er wäre auch weiter gegangen, aber sie erlaubte es nicht. Er blieb am Pförtchen stehen und sagte:
„Liebste, komm öfter zu mir, und bring mir was recht Schönes, Süßes mit.“
Dieses erste „Du“ aus seinem Munde klang Ludmilla wie ein zartes Liebesgeständnis. Sie umarmte ihn stürmisch, sie küßte ihn und lief davon. Sascha blieb wie betäubt stehen.
Sascha hatte versprochen zu kommen. Die verabredete Stunde war schon längst vorüber, — er kam nicht. Ludmilla wartete ungeduldig, sehnsüchtig — bange. Immer wieder lief sie ans Fenster, wenn sie draußen Schritte hörte. Die Schwestern lachten sie aus. Sie antwortete gereizt und erregt:
„Laßt mich in Frieden!“
Und dann machte sie ihnen die heftigsten Vorwürfe, weil sie lachten. Jetzt war es klar, — Sascha würde nicht kommen. Sie weinte vor Kummer und Enttäuschung.
„O weh, o weh, o der Kummer!“ neckte sie Darja.
Ludmilla flüsterte schluchzend, — und vergaß vor lauter Gram sich darüber zu ärgern, daß man sie neckte:
„Die alte, eklige Schachtel hält ihn fest; sie bindet ihn an ihre Röcke, damit er fleißig lernt.“
Darja sagte mitfühlend:
„Und er ist auch dumm genug und weiß sich nicht freizumachen.“
„Mit einem Baby sich einzulassen,“ murmelte Valerie verächtlich.
Beide Schwestern verhielten sich teilnehmend zu Ludmillas Kummer, obgleich sie sie neckten. Sie liebten alle einander, wenn auch nicht herzlich, so doch zärtlich: eine oberflächliche, teilnehmende Liebe! Darja sagte:
„Laß doch das Weinen; wegen eines grünen Jungen verdirbt man sich nicht die Augen. Es ist doch wirklich beinah, als steckte der Satan hinter dem Bengel.“
„Wer ist der Satan?“ rief Ludmilla heftig und wurde dunkelrot vor Zorn.
„Liebes Kind,“ antwortete Darja gelassen, „was hilft’s, daß du jung bist, nur ...“
Darja ließ den Satz unbeendet und pfiff schrill durch die Zähne.
„Unsinn!“ sagte Ludmilla und ihre Stimme hatte einen merkwürdig metallenen Klang.
Ein eigentümlich hartes Lächeln huschte trotz der Tränen über ihr Gesicht; ein Lächeln ähnlich einem grell auffahrenden Strahl der untergehenden Sonne durch letzte, müde Regenschauer.
Darja fragte empfindlich:
„Sag mir bitte, was ist an ihm interessant?“
Ludmilla antwortete nachdenklich und gemessen, — und dasselbe wunderliche Lächeln spielte um ihr Gesicht:
„Er ist schön! Und dann schlummert vieles in ihm, was noch nicht verausgabt ist!“
„Gott, wie billig!“ sagte Darja spöttisch. „Das dürfte bei allen Jungen zutreffen.“
„Es ist nicht billig,“ antwortete Ludmilla gereizt, „es gibt auch gemeine Jungen.“
„Ist er vielleicht rein?“ fragte Valerie; das Wort „rein“ sagte sie nachlässig und verächtlich.
„Du verstehst viel davon!“ rief Ludmilla heftig, aber sie faßte sich gleich und sagte leise und verträumt:
„Er ist unschuldig!“
„Was nicht gar!“ sagte Darja höhnisch.
„Er ist im schönsten Alter,“ sagte Ludmilla, „zwischen vierzehn und fünfzehn. Noch kann er gar nichts und versteht auch nichts, aber er ahnt alles, wirklich alles. Außerdem hat er keinen scheußlichen Bart.“
„Auch ein Vergnügen!“ sagte Valerie verächtlich die Achseln zuckend.
Sie wurde traurig. Sie kam sich selber schwach, klein und zerbrechlich vor, und beneidete die Schwestern, — Darja wegen ihres fröhlichen Lachens, und Ludmilla wegen ihres Kummers. Ludmilla sagte:
„Ihr wollt nicht begreifen! Ich liebe ihn nicht so, wie ihr es glaubt. Es ist besser einen Knaben zu lieben als sich in eine gemeine, bärtige Fratze zu vergaffen. Ich liebe ihn unschuldig. Ich will nichts von ihm.“
„Wenn du nichts von ihm willst, so laß ihn doch in Gottes Namen laufen!“ antwortete Darja grob.
Ludmilla wurde rot und etwas wie Schuldbewußtsein grub schwere Falten in ihre Stirn. Darja taten ihre Worte leid. Sie trat auf Ludmilla zu, umarmte sie und sagte:
„Sei nicht böse! wir wollten dich nicht kränken.“
Ludmilla brach in Tränen aus, schmiegte sich an Darjas Schulter und sagte traurig:
„Ich weiß, daß ich nichts zu erhoffen habe. Er soll nur lieb zu mir sein, ganz klein wenig lieb.“
„Wozu der Kummer!“ sagte Darja hart, ging in die Mitte des Zimmers, stemmte die Arme in die Seiten und sang laut:
„Diese Nacht, diese Nacht
Kam mein Liebster
Ins Kämmerlein ...“
Valerie schüttelte sich vor Lachen. Und auch Ludmillas Augen blickten fröhlicher und schelmisch. Sie lief schnell in ihr Zimmer, und parfümierte sich mit einem lüsternen, betäubenden Parfüm, dessen Duft sie sinnlich erregte.
Sie ging auf die Straße, ein wenig erregt, elegant und etwas aufdringlich in ihrer leichten, duftigen Toilette. Vielleicht treffe ich ihn, dachte sie. Und sie traf ihn.
„Halloh!“ rief sie vorwurfsvoll und freudig.
Sascha wurde verlegen.
„Ich hatte wirklich keine Zeit,“ sagte er bedrückt, „immer diese Aufgaben, immer dies Lernen; wirklich, ich habe keine Zeit.“
„Du lügst, mein Junge, — komm gleich mit!“
Er weigerte sich lachend, aber es war ihm anzusehen, daß er froh war, mitkommen zu dürfen. So brachte ihn Ludmilla glücklich nach Hause.
„Da ist er!“ rief sie triumphierend und führte Sascha in ihr Zimmer.
„Warte nur, jetzt will ich mit dir abrechnen,“ drohte sie und verriegelte die Tür, „niemand wird dich jetzt in Schutz nehmen.“
Sascha hatte die Hände auf den Rücken gelegt und stand verlegen in der Mitte des Zimmers, ihm war sehr eigentümlich zumute. Es roch nach einem ihm unbekannten, schweren Parfum. Alles schien so feierlich und süß, und doch war etwas in diesem Geruch, das ihm zuwider war, das die Nerven erregte, wie etwa die Berührung von kleinen, flinken, glatten Schlangen.