XX
Am Abend ging Peredonoff in den Klub; man hatte ihn zu einer Kartenpartie gebeten. Auch der Notar Gudajewskji war gekommen, derselbe über dessen Sohn Peredonoff noch vor wenigen Tagen eine scharfe Auseinandersetzung mit ihm gehabt hatte. Peredonoff erschrak, als er ihn sah. Gudajewskji verhielt sich aber ganz still und Peredonoff beruhigte sich wieder.
Man spielte lange und trank viel. Es war schon spät in der Nacht, als Gudajewskji plötzlich auf Peredonoff zustürzte, ihn ohne weitere Erklärung einigemal ins Gesicht schlug und ihm dabei die Brille zerschlug. Dann entfernte er sich ebenso plötzlich und verließ das Lokal. Peredonoff leistete nicht den geringsten Widerstand, stellte sich betrunken, ließ sich zu Boden fallen und schnarchte. Man rüttelte ihn auf und brachte ihn nach Hause.
Tags darauf sprach man in der ganzen Stadt von der Affäre.
Am selben Abend hatte Warwara endlich eine günstige Gelegenheit gefunden, um von Peredonoff den ersten gefälschten Brief zu entwenden. Die Gruschina hatte es als unbedingt erforderlich verlangt, damit bei einem etwaigen Vergleich der beiden Briefe keine Unterschiede zu finden wären. Sonst pflegte Peredonoff diesen Brief bei sich zu tragen, — heute aber hatte er ihn ganz zufällig vergessen: als er sich umkleidete, hatte er ihn aus der Rocktasche genommen und ihn unter ein Lehrbuch auf die Lade gelegt. Da war er liegen geblieben.
Warwara verbrannte ihn dann in Gegenwart der Gruschina.
Als Peredonoff spät in der Nacht heimkehrte, und als Warwara die zerbrochene Brille bemerkte, sagte er ihr, die Gläser wären von selber geplatzt. Sie glaubte es, und meinte die böse Zunge Wolodins wäre schuld daran. Auch Peredonoff glaubte an die böse Zunge Wolodins.
Uebrigens hörte Warwara schon tags darauf von der Gruschina alle Einzelheiten über die Prügelei im Klub.
Als Peredonoff sich am Morgen ankleidete, fiel ihm der Brief ein, er konnte ihn nirgends finden, und erschrak heftig. In wilder Aufregung schrie er:
„Warwara, wo ist der Brief?“
Warwara verlor die Fassung.
„Was für ein Brief?“ fragte sie und blickte Peredonoff erschreckt und böse an.
„Von der Fürstin!“ schrie Peredonoff.
Warwara hatte Zeit gehabt, sich zu sammeln. Sie lächelte gemein und sagte:
„Woher soll ich es wissen. Du hast ihn wohl in den Papierkorb geworfen und Klawdja wird ihn verbrannt haben. Such ihn doch selber. Vielleicht steckt er irgendwo.“
Peredonoff ging in trübster Stimmung in das Gymnasium. Die Unannehmlichkeiten von gestern Abend fielen ihm ein. Dann dachte er an Kramarenko: wie durfte sich dieser unverschämte Bengel unterstehen, ihn einen Schweinehund zu nennen. Das bedeutete mit andern Worten: der Schüler hat keinen Respekt vor ihm — dem Lehrer. Vielleicht hatte der Junge etwas Schlimmes über ihn in Erfahrung gebracht. Vielleicht wollte er ihn angeben.
Während des Unterrichts starrte ihn Kramarenko unentwegt an und lächelte. Das erregte Peredonoff noch mehr.
Nach der dritten Stunde wurde er zum Direktor gebeten. Ihm ahnte nichts Gutes, aber er ging.
Von allen Seiten waren bei Chripatsch Klagen eingelaufen. Noch heute morgen hatte man ihm von den Ereignissen des gestrigen Abends im Klub erzählt. Dann war gestern nach dem Unterricht der Schüler Wolodja Bultjakoff zu ihm gekommen, um sich über Peredonoff zu beschweren: auf Peredonoffs Angaben hin hätte ihn seine Pensionsmutter bestraft. Nun fürchtete der Junge einen zweiten Besuch Peredonoffs mit ähnlichen Folgen und hatte sich rasch entschlossen an den Direktor gewandt.
Mit seiner trocknen, scharfen Stimme machte Chripatsch Peredonoff Mitteilung von den Gerüchten, die zu ihm gedrungen waren, „es sind zuverlässige Quellen,“ fügte er hinzu, nämlich, daß Peredonoff die Schüler in ihren Wohnungen aufsuche und deren Eltern und Erziehern durchaus unzuverlässige Angaben mache über Betragen und Fortschritte der Kinder und außerdem verlange, man solle den Jungen züchtigen. Hieraus ergeben sich dann mitunter die unangenehmsten Konflikte mit den Eltern, wie z. B. gestern abend im Klub mit dem Notar Gudajewskji.
Peredonoff hörte wütend und doch geängstigt zu. Jetzt schwieg Chripatsch.
„Nun, was ist denn dabei,“ sagte Peredonoff böse, „er geht mit den Fäusten drauf los; ist das etwa schicklich? Er hatte nicht das geringste Recht dazu, mir in die Fratze zu fahren. Er geht nie in die Kirche, glaubt an einen Affen und will den Sohn zur selben Sekte bekehren. Man muß ihn denunzieren, — er ist Sozialist.“
Chripatsch blickte aufmerksam auf Peredonoff und sagte eindringlich:
„Das geht uns absolut nichts an; auch verstehe ich durchaus nicht, was Sie eigentlich mit der originellen Bezeichnung „an einen Affen glauben“ zu meinen belieben. Ich glaube, man täte gut daran, die Religionsgeschichte mit neu erfundenen Kultusformen nicht zu bereichern. Bezüglich der Ihnen widerfahrenen Kränkung aber würde ich es für ratsam erachten, die Sache vors Gericht zu bringen. Im übrigen täten Sie vielleicht gut daran, — Ihre Stellung in unserm Gymnasium aufzugeben. Das wäre der beste Ausweg, — sowohl in Ihrem eigenen Interesse als in dem des Gymnasiums.“
„Ich will Inspektor werden,“ entgegnete Peredonoff böse.
„Bis zu jenem Zeitpunkte aber,“ fuhr Chripatsch fort, „haben Sie Ihre merkwürdigen Spaziergänge einzustellen. Sie müssen doch zugeben, daß ein solches Betragen einem Pädagogen nicht geziemt, außerdem aber die Autorität der Lehrer bei den Schülern untergräbt. In die Schülerwohnungen gehn, um die Jungen zu prügeln, — das ...“
Chripatsch beendete den Satz nicht. Er zuckte nur mit den Schultern.
„Was ist denn dabei?“ entgegnete Peredonoff wiederum, „ich tue es doch zu ihrem Besten.“
„Ich bitte, wir wollen nicht streiten,“ unterbrach ihn Chripatsch schroff, „ich verlange von Ihnen ein für allemal, daß solche Sachen sich nicht wiederholen.“
Peredonoff blickte den Direktor böse an.
Man hatte beschlossen, heute abend den Umzug in die neue Wohnung festlich zu feiern. Alle Bekannten waren geladen. Peredonoff ging durch die Zimmer und sah nach, ob alles in Ordnung war, vor allem aber, ob nirgend Dinge wären, deretwegen man ihn hätte denunzieren können.
„Es scheint, alles ist in Ordnung,“ dachte er: „verbotene Bücher sind nicht zu sehen, die Lampen vor den Heiligenbildern brennen, die Kaiserbilder hängen am Ehrenplatze an der Wand.“
Plötzlich fiel es ihm ein, daß das Porträt Mizkewizschs an der Wand hing.
Da hätte ich schön hereinfallen können, dachte er erschreckt, nahm das Bild herunter und trug es ins Klosett. Dort vertauschte er es gegen das Porträt Puschkins, welches nun wieder in das Eßzimmer aufrückte.
Puschkin war immerhin hoffähig, dachte er, während er das Bild am Nagel befestigte.
Dann fiel es ihm ein, daß man am Abend Karten spielen würde, und er beschloß, die Karten zu besehen. Er nahm ein Spiel zur Hand, das nur einmal benutzt worden war und blätterte es durch, als suche er nach etwas. Die Gesichter der Bilder gefielen ihm nicht: sie hatten so merkwürdige Augen.
In der letzten Zeit war es ihm beim Spielen aufgefallen, daß die Karten so schmunzelten, wie Warwara es zu tun pflegte. Sogar irgend eine nichtswürdige Pik-sechs sah so unverschämt drein und watschelte unanständig daher.
Peredonoff nahm alle Karten, so wie sie gerade lagen, und stach den Bildern mit einer spitzen Schere die Augen aus, sie sollten nicht mehr so starren. Erst tat er es mit den vorhandenen alten Spielen, dann öffnete er zu gleichem Zwecke die noch nicht benutzten Spiele. Diese Arbeit verrichtete er ängstlich umherspähend, als fürchte er von jemand ertappt zu werden.
Zu seinem Glück hatte Warwara in der Küche zu tun und ließ sich im Wohnzimmer nicht blicken, — wie hätte sie auch eine solche Menge von Speisen unbeaufsichtigt lassen können: Klawdja hätte es sofort ausgenutzt. Wenn sie etwas im Eßzimmer brauchte, so schickte sie Klawdja. Jedesmal wenn das Mädchen eintrat, zuckte Peredonoff zusammen, versteckte die Schere in seiner Tasche und tat, als wäre er eifrig dabei, eine Patience zu legen.
Während nun Peredonoff auf diese Weise bemüht war, die Könige und Damen ihres Sehvermögens zu berauben, drohte ihm von ganz anderer Seite ein peinliches Ereignis.
Jenen Hut, den er seinerzeit in der alten Wohnung auf den Ofen geworfen hatte, um ihn ein für allemal loszusein, — hatte die Jerschowa gefunden. Sie kam zur Ueberzeugung, daß man den Hut mit Absicht dagelassen hatte: ihre früheren Mieter haßten sie, und da ist es doch sehr wahrscheinlich, dachte die Jerschowa, daß jene, um sich zu rächen, etwas in den Hut hineingehext haben, was zur Folge haben konnte, daß sich keine Mieter für die leerstehende Wohnung mehr fänden. Aergerlich und geängstigt brachte sie den Hut zu einem Weibe, welches im Rufe der Zauberei stand.
Diese betrachtete den Hut von allen Seiten, murmelte geheimnisvolle, düstere Worte, spuckte kräftig und sagte:
„Sie haben dir Uebles getan, so sollst du ihnen auch Uebles antun. Ein mächtiger Zauberer hat gehext, aber ich bin schlauer, — und will seine Kraft zähmen, daß er sich krümmen soll.“
Dann besprach sie lange den Hut und nachdem sie ein schönes Geldgeschenk von der Jerschowa erhalten hatte, befahl sie ihr, den Hut dem ersten rothaarigen Jungen, den sie treffen würde, mit der Weisung zu übergeben, ihn in Peredonoffs Wohnung abzuliefern und dann ohne sich umzusehn davonzulaufen.
Es traf sich so, daß der erste rothaarige Junge, den die Jerschowa traf, einer der beiden Schlossersöhne war, die etwas gegen Peredonoff im Schilde führten, weil er sie seinerzeit angegeben hatte. Der Junge erhielt einen Fünfer und machte sich ein Vergnügen daraus, dem Auftrage nicht nur gewissenhaft nachzukommen, sondern auch zum Ueberflusse unterwegs den Hut gehörig vollzuspucken. Im dunklen Vorhause bei Peredonoff traf er Warwara; er steckte ihr den Hut zu und lief so geschwind davon, daß sie ihn nicht erkennen konnte.
Während nun Peredonoff gerade dem letzten Buben die Augen ausstach, trat Warwara erstaunt und erschreckt ins Zimmer, und sagte mit vor Aufregung zitternder Stimme:
„Ardalljon Borisowitsch, sieh nur, was ich habe!“
Peredonoff blickte auf und das Wort erstarb ihm auf den Lippen. Denselben Hut, den er glaubte für immer losgeworden zu sein, sah er in Warwaras Händen, — bestaubt, verknüllt und in einem Zustande, der seine frühere Herrlichkeit nur ahnen ließ. Starr vor Entsetzen konnte er nur stammeln:
„Woher? woher?“
Warwara erzählte mit zitternder Stimme, wie sie den Hut von einem flinken Jungen erhalten hatte, der plötzlich vor ihr aufgetaucht war, um dann ebenso plötzlich zu verschwinden. Sie sagte:
„Das kann nur von der Jerschowa stammen. Sie hat den Hut besprechen lassen. Bestimmt!“
Peredonoff murmelte unverständliche Worte und seine Zähne schlugen hörbar aneinander. Die trübsten Befürchtungen und Vorahnungen quälten ihn. Traurig stand er auf und das kleine, graue gespenstische Tierchen lief flink hin und her, hin und her, und kicherte.
Die Gäste waren frühzeitig gekommen. Sie hatten viele Kuchen, Aepfel und Birnen mitgebracht.[10] Warwara empfing alles freudestrahlend, und nur um der guten Sitte zu genügen, sagte sie ein Mal ums andere:
„Aber ich bitte! Warum haben Sie sich so bemüht?“
Schien es ihr aber, als hätte dieser oder jener etwas Billiges oder Schlechtes gebracht, so ärgerte sie sich. Auch gefiel es ihr nicht, wenn zwei Gäste ein und dasselbe brachten.
Ohne viel Zeit zu verlieren, setzte man sich an die Kartentische. Man spielte an beiden Tischen das Pochspiel.
„Was ist denn das!“ rief die Gruschina, „mein König ist blind.“
„Und auch meine Dame ist geblendet,“ sagte die Prepolowenskaja und betrachtete aufmerksam ihre Karten, „und der Bube auch.“
Nun machten sich alle daran, ihre Karten zu untersuchen. Prepolowenskji sagte:
„Also darum schien es mir die ganze Zeit so, als wären die Karten rauh. Ich fühle und denke — hat der Kerl aber ein rauhes Hemd an, und nun kommt es heraus, daß es von diesen Löchern ist. Da hat er nun tatsächlich ein rauhes Hemd an.“
Alles lachte; nur Peredonoff blieb finster. Warwara sagte schmunzelnd:
„Sie wissen doch, — Ardalljon Borisowitsch hat immer so merkwürdige Einfälle!“
„Warum hast du es getan?“ fragte Rutiloff laut lachend.
„Wozu brauchen sie Augen?“ sagte Peredonoff bedrückt, „sie sollen nicht sehen.“
Alle lachten, nur Peredonoff blieb traurig und schweigsam. Es schien ihm, als schmunzelten und zwinkerten die geblendeten Bilder aus ihren Löchern, die sie statt der Augen hatten.
„Vielleicht,“ dachte er, „sehen sie jetzt mit den Nasenlöchern.“
Auch heute war ihm das Glück nicht hold, und die Gesichter der Könige, Damen und Buben schienen ihn höhnisch und böse anzustarren; die Pik-Dame knirschte sogar mit den Zähnen; wahrscheinlich war sie ungehalten darüber, daß er sie geblendet hatte.
Und als Peredonoff einmal vollständig verloren hatte, packte er das ganze Spiel und zerriß es wütend in lauter kleine Fetzen. Die Gäste wälzten sich vor Lachen. Warwara sagte schmunzelnd:
„So ist er immer; wenn er getrunken hat, wird er absonderlich.“
„Mit anderen Worten: wenn er besoffen ist?“ sagte die Prepolowenskaja giftig, „hören Sie nur, Ardalljon Borisowitsch, was Ihr Schwesterchen von Ihnen sagt.“
Warwara wurde rot und antwortete gereizt:
„Das ist Wortklauberei!“
Die Prepolowenskaja lächelte und schwieg.
Man nahm ein neues Spiel und spielte weiter. Plötzlich ertönte ein lautes Krachen, — eine Fensterscheibe sprang klirrend und ein Stein schlug hart vor Peredonoff zu Boden.
Unter dem Fenster hörte man leises Flüstern, Lachen und dann Schritte, die sich eilig entfernten. Alle sprangen erregt von ihren Plätzen; die Frauen kreischten, — wie sie es gewöhnlich immer in solchen Fällen zu tun pflegen. Man hob den Stein auf, betrachtete ihn sorgfältig und ängstlich, keiner aber wagte es, ans Fenster zu gehen; — erst schickte man Klawdja auf die Straße und als sie mitgeteilt hatte, daß kein Mensch zu sehen wäre, begaben sich alle ans Fenster und besahen die zerschlagene Scheibe. Wolodin sprach die Vermutung aus, ein Gymnasiast hätte den Stein geworfen. Das schien allen wahrscheinlich zu sein und man blickte Peredonoff bedeutungsvoll an. Peredonoff machte ein mürrisches Gesicht und brummte in den Bart. Die Gäste sprachen dann darüber, wie ungezogen und verwildert die Kinder von heute wären.
Die eigentlichen Schuldigen waren natürlich nicht Gymnasiasten, sondern die Söhne des Schlossers.
„Der Direktor hat sie dazu angestiftet,“ erklärte Peredonoff plötzlich, „er sucht ewig nach Händeln und weiß gar nicht mehr, was er sich ausdenken soll, um mir was anzuhaben.“
„Das hast du dir wunderbar ausgedacht,“ rief Rutiloff laut lachend.
Alle lachten, aber die Gruschina sagte:
„Ja, was denken Sie denn; er ist ein so boshafter und schlechter Mensch, daß man ihm alles zutrauen kann. Natürlich tut er es nicht selber, aber so beiläufig, durch seine Söhne z. B. gibt er einen kleinen Wink ...“
„Und daß er adelig ist, besagt noch nichts,“ blökte Wolodin dazwischen, „gerade von den Adeligen lassen sich solche Stückchen erwarten.“
Manche von den Gästen hielten das nicht für unmöglich, — und hörten auf zu lachen.
„Du hast Unglück mit Glas, Ardalljon Borisowitsch,“ sagte Rutiloff, „bald wird dir die Brille zerschlagen, bald ein Fenster zertrümmert.“
Dieser Witz hatte einen neuen Heiterkeitsausbruch zur Folge.
„Scherben bedeuten Glück,“ sagte die Prepolowenskaja verhalten lächelnd.
Als Peredonoff und Warwara zu Bett gingen, glaubte er, daß sie gegen ihn etwas im Schilde führe; er nahm alle Gabeln und Messer und versteckte sie unter dem Bett. Er lallte schon halb im Schlafe:
„Ich kenne dich; du willst mich heiraten und mich denunzieren, um mich dann los zu sein. Dann wirst du eine Pension erhalten und mich wird man in der Festungsmühle zu Brei zermahlen.“
In der Nacht träumte er unruhig. Lautlos neckten ihn fürchterliche Gestalten, — es waren lauter Könige und Buben, und sie schwangen drohend ihre Keulen. Sie flüsterten und suchten sich vor ihm zu verstecken. Ganz leise krochen sie unter sein Kopfkissen.
Aber dann wurden sie kühner und kamen wieder hervor. In unzähligen Mengen liefen sie immer rings um ihn herum und sprangen vom Bett auf das Kopfkissen, vom Kopfkissen auf den Boden und dann wieder aufs Bett. Sie zischelten und neckten ihn, schnitten entsetzliche, unheimliche Fratzen und verzogen den garstigen Mund zu widerlichem Grinsen. Peredonoff sah, daß sie alle nur klein und schmächtig waren; sie konnten ihn nicht töten; aber sie machten sich über ihn lustig, und ihr Erscheinen bedeutete Unglück. Darum fürchtete er sich und murmelte einige unzusammenhängende Sätze aus Beschwörungsformeln, die er als Kind beim Spielen gelernt hatte; dann fuchtelte er mit den Händen, um sie zu vertreiben, er schrie sie an mit heiserer, befehlender Stimme.
Davon erwachte Warwara und fragte ärgerlich:
„Warum brüllst du so; du läßt mich nicht schlafen?“
„Die Pikdame hat ein Zwillichtuch um und läßt nicht ab von mir,“ flüsterte er.
Warwara stand brummig auf und gab ihm einige Tropfen zur Beruhigung.
Im Lokalanzeiger des Städtchens erschien ein Aufsatz des Inhaltes, daß Madame K... die kleinen Gymnasiasten, die bei ihr in Pension lebten, Söhne aus den besten Adelsfamilien des Landes, zu schlagen pflege. Der Notar Gudajewskji trug diese Nachricht grollend von Haus zu Haus.
Dann tauchten auch andere, geradezu unglaubliche Gerüchte über das städtische Gymnasium auf: man erzählte von einem jungen Fräulein, das sich als Schüler verkleidet hätte, — und ganz allmählich kam es so weit, daß Pjilnikoff und Ludmilla zusammen genannt wurden.
Sascha wurde von seinen Kameraden damit geneckt; er machte sich nicht viel daraus, dann verteidigte er Ludmilla mit Eifer und versicherte, nie wäre etwas Derartiges vorgefallen, wie man ihr und ihm nachsagte.
Einerseits hatte das zur Folge, daß er sich schämte, Ludmilla zu besuchen, andererseits zog es ihn um so stärker hin: ein merkwürdiges Gefühl brennender Scham und höchster Lust erregte ihn, und erfüllte alle seine Gedanken mit verschwommenen, leidenschaftlichen Vorstellungen.