XIX

Die Absonderlichkeiten in Peredonoffs Benehmen machten den Direktor Chripatsch von Tag zu Tag besorgter. Er fragte den Schularzt ernstlich, ob Peredonoff nicht den Verstand verloren hätte. Der Arzt antwortete lachend, Peredonoff besäße überhaupt nichts, was sich verrücken ließe und aus purer Dummheit triebe er allerlei Merkwürdiges. Dann liefen Klagen ein. Erst vom Fräulein Adamenko: sie übersandte dem Direktor ein Heft ihres Bruders mit der schlechtesten Note für eine gutgeschriebene Arbeit.

Während einer Pause bat der Direktor Peredonoff in sein Sprechzimmer.

Wahrhaftig, man könnte meinen, er ist verrückt, dachte Chripatsch, als er die Spuren von Angst und Entsetzen in Peredonoffs stumpfem, finsterem Gesichte sah.

„Ich habe ein Anliegen an Sie,“ sagte er kalt und schnell. „Jedesmal dröhnt mir der Kopf, wenn ich neben Ihnen Unterricht zu erteilen habe, — weil in Ihrer Klasse so übermäßig gelacht wird. Darf ich Sie vielleicht ersuchen, Unterricht nicht vorwiegend heiteren Inhalts zu erteilen. Scherzen und nur scherzen, ja wie soll das enden?“

„Ich bin nicht schuld daran,“ sagte Peredonoff böse, „sie lachen von selber. Außerdem kann man nicht nur über das Tüpfelchen auf dem I und über Kantemirs Satyren reden; dann sagt man wohl ein überflüssiges Wörtchen und die ganze Bande grinst. Man hält sie zu locker. Strammer sollte man sie anfassen.“

„Es ist wünschenswert und sogar unbedingt erforderlich, daß die Arbeiten im Gymnasium mit Ernst betrieben werden,“ sagte Chripatsch trocken. „Dann noch eins.“

Er zeigte Peredonoff zwei Hefte und fuhr fort:

„Hier sind zwei Arbeiten zweier Ihrer Schüler aus ein und derselben Klasse, — die eine wurde von meinem Sohn geliefert, die andere — von Adamenko. Ich nahm Gelegenheit, die beiden Arbeiten zu vergleichen, und kann nicht umhin, die Bemerkung zu machen, daß Sie sich nicht aufmerksam zu Ihren Pflichten verhalten. Adamenkos Arbeit, die durchaus befriedigend ist, haben Sie mit der schlechtesten Note zensiert, während meines Sohnes Arbeit, die bedeutend schlechter ist, eine gute Note erhalten hat. Augenscheinlich haben Sie sich versehen, — dem einen Schüler die Note des andern gegeben und umgekehrt. Irren ist zwar menschlich, doch bitte ich in Zukunft, solche Versehen tunlichst zu vermeiden, denn sie erregen eine sehr begründete Unzufriedenheit, sowohl bei den Eltern, als bei den Schülern.“

Peredonoff murmelte einige unverständliche Worte ...

Aus Wut behandelte er seine Schüler in den darauffolgenden Stunden sehr schlecht, insbesondere die Jüngeren, die auf seine Klagen hin bestraft worden waren, so z. B. den Kramarenko. Der schwieg und wurde bleich — trotz seiner dunklen Gesichtsfarbe, — und seine Augen blitzten.

Kramarenko beeilte sich nicht nach Hause zu kommen, als die Stunden um waren. Er stand an der Pforte und sah sich die Leute an, die hinaus gingen. Als Peredonoff kam, folgte ihm der Junge in größerem Abstande, und wartete, bis die wenigen Passanten vorübergegangen waren.

Peredonoff ging langsam. Das trübe Wetter stimmte ihn traurig. Der Ausdruck seines Gesichtes wurde von Tag zu Tage stumpfer. Sein Auge schien bald etwas in der Ferne Liegendes zu suchen, bald irrte es unstät umher. Es schien so als suchte er etwas, das hinter den Dingen läge und darum verdoppelten sich diese Dinge in seinen Augen, wurden trübe und gespenstisch.

Wonach suchten seine Augen?

Nach Spionen. Sie waren überall versteckt, zischelten, lachten. Seine Feinde hatten ihm eine ganze Armee von Spionen auf die Fersen gehetzt. Manchmal bemühte er sich, sie alle abzufangen. Aber sie fanden immer noch Zeit zu entfliehen, — in einem Augenblick waren sie alle davon, als hätte sie die Erde verschluckt ...

Peredonoff hörte, wie ein fester, kühner Schritt auf dem Bürgersteige ihm nacheilte; er sah sich erschreckt um, — Kramarenko ging jetzt hart neben ihm und blickte ihn entschlossen und böse mit seinen flammenden Augen an. Er war bleich und schmächtig, und wie ein kleiner Wilder, der sich bereit macht, einen Feind zu überfallen.

Peredonoff zitterte vor seinem Blick.

Er wird mich beißen! — dachte er.

Er ging schneller, — Kramarenko blieb an seiner Seite; — er ging langsamer, — auch Kramarenko ging langsamer. Da blieb er stehen und knurrte ärgerlich:

„Was willst du von mir, Satansbengel! Warte nur, ich werde dich gleich zum Vater führen.“

Auch Kramarenko war stehen geblieben und hörte nicht auf Peredonoff anzublicken. Jetzt standen die beiden einander gegenüber auf dem Brettersteig einer menschenleeren Straße, dicht an einem grauen, zu allem Lebendigen sich jedenfalls sehr gleichgültig verhaltenden Zaune. Kramarenko zischte, am ganzen Leibe bebend:

„Schuft!“

Dann lachte er auf und wandte sich, um fortzugehen. Er machte etwa drei Schritte, blieb dann wieder stehen und wiederholte lauter:

„Schuft! Schweinehund!“

Dann spuckte er aus und ging seiner Wege. Peredonoff sah ihm böse nach und machte sich dann auf den Heimweg. Verworrene, trübe Gedanken quälten ihn.

Die Werschina rief ihn an. Sie stand hinter dem Zaun in ihrem Garten, hatte sich ein großes, schwarzes Tuch umgebunden und rauchte. Peredonoff erkannte sie nicht gleich. Im ersten Augenblick schien ihm ihre Gestalt drohend und unheilverkündend, — eine schwarze Hexe stand da, dunkler Rauch stieg von ihr auf, und sie murmelte Beschwörungsformeln. Er spuckte aus und schlug ein Kreuz. Die Werschina lachte und fragte:

„Was haben Sie nur, Ardalljon Borisowitsch?“

Peredonoff blickte sie stumpf an und sagte endlich:

„Ach, Sie sind es! Ich hatte Sie gar nicht erkannt.“

„Das ist von guter Vorbedeutung: Ich werde bald reich werden,“ sagte die Werschina.

Peredonoff gefiel das nicht: er wollte selber reich werden.

„Na ja,“ sagte er böse, „wozu brauchen Sie Reichtümer. Es langt schon, was Sie haben.“

„Ich werde das große Los gewinnen,“ sagte die Werschina und lächelte schief.

„O nein, ich werde es gewinnen,“ behauptete Peredonoff.

„Dann werde ich in der ersten Ziehung gewinnen, und Sie in der zweiten,“ sagte die Werschina.

„Das lügen Sie,“ sagte Peredonoff grob. „Das kommt überhaupt nicht vor, daß zwei Leute in derselben Stadt gewinnen. Ich sagte schon, daß ich gewinnen werde.“

Die Werschina merkte, daß er sich ärgerte, und hörte auf zu widersprechen. Sie öffnete das Pförtchen und lockte ihn herein:

„Warum stehen wir eigentlich hier. Kommen Sie doch herein. Murin ist eben da.“

Der Name Murin erinnerte Peredonoff an etwas sehr Angenehmes: Imbiß und Schnaps. Darum ging er mit.

Im Salon war es halbdunkel wegen der Bäume, die draußen dicht vor dem Hause wuchsen. Außer Martha, die heute besonders gut aufgelegt schien und sich ein seidenes Tüchlein mit einem roten Bande um den Hals gebunden hatte, war noch Murin da, — auch er schien gut gelaunt, — sein Haar war noch zerzauster, als es sonst zu sein pflegte, — und der schon ziemlich erwachsene Gymnasiast Witkewitsch: er machte der Werschina den Hof, weil er glaubte, daß sie in ihn verliebt wäre. Außerdem ging er mit dem Gedanken um das Gymnasium zu verlassen, die Werschina zu heiraten und dann ihr kleines Gut zu bewirtschaften.

Murin stand auf, um Peredonoff zu begrüßen. Er ging ihm mit übertriebener Höflichkeit entgegen, sein Gesicht strahlte, die kleinen Aeuglein blinkten vergnügt, — und das alles paßte durchaus nicht zu seiner ungeschlachten Figur, zu den zerzausten Haaren in denen hie und da kleine Strohhalme hängen geblieben waren.

„In Geschäften bin ich da,“ sagte er laut und heiser, „überall habe ich zu tun; bei dieser Gelegenheit verwöhnten mich die Damen hier mit einem Täßchen Tee.“

„Ach was, Geschäfte,“ sagte Peredonoff gereizt, „was haben Sie für Geschäfte? Sie sind nicht im Staatsdienst und verdienen sich das Geld einfach so. Da könnte ich ein anderes Liedchen singen.“

„Geschäfte sind eben nichts anderes als fremdes Geld,“ sagte Murin laut lachend.

Die Werschina lächelte schief und bat Peredonoff, Platz zu nehmen. Der Tisch vor dem Sofa war dicht bestellt mit Gläsern, Teetassen, Saftschalen und Tellern. Außerdem stand darauf ein silberner Filigrankorb, dessen Boden mit einer kleinen, weißen Serviette bedeckt war, auf der süßes Gebäck und Mandelkuchen lagen, — und eine Flasche Rum.

Witkewitsch hatte sich auf ein kleines, muschelförmiges Glastellerchen eine umfangreiche Portion Saft gelegt. Mit sichtlichem Vergnügen aß Martha ein Stück Kuchen nach dem andern; Murins Teeglas roch stark nach Rum und die Werschina bewirtete Peredonoff, doch er wollte nicht Tee trinken.

„Sie wollen mich vergiften,“ dachte er. „Es ist am bequemsten, einen so aus der Welt zu schaffen. Man trinkt und merkt nichts; es gibt ja auch süße Gifte, — dann kommt man nach Hause und verreckt.“

Er ärgerte sich darüber, daß man für Murin Saft gebracht hatte, und es nicht für nötig gehalten hatte, als er gekommen war, eine bessere Sorte auf den Tisch zu stellen. Denn, überlegte er, — sie haben allerhand Saft auf Lager, nicht nur Schellbeeren.

Es verhielt sich in der Tat so, daß die Werschina gegen Murin ganz besonders zuvorkommend war. Sie war zu der Erkenntnis gekommen, daß von Peredonoff nicht mehr viel zu erwarten wäre, und suchte daher schon seit einiger Zeit nach einem andern passenden Freier für Martha. Der halbverwilderte Gutsbesitzer war es müde geworden, sich um junge Damen zu bewerben, die ihm gar nicht entgegenkommen wollten und, weil ihm Martha gefiel, so folgte er den Aufforderungen der Werschina gerne.

Auch Martha war froh; — war es doch ihr einziger Gedanke, sich zu verloben, dann zu heiraten und ihren eigenen Hausstand zu haben. Darum machte sie verliebte Augen, wenn sie Murin sah. Dieser vierzigjährige Riese mit seiner groben Stimme und dem ein wenig einfältigen Gesicht, schien ihr das Vorbild aller männlichen Kraft, Schönheit, Güte und Ritterlichkeit zu sein.

Peredonoff bemerkte die verliebten Blicke, die Murin und Martha wechselten; er bemerkte es einfach aus dem Grunde, weil er erwartet hatte, daß Martha ihre Aufmerksamkeit ihm selber zuwenden würde.

Aergerlich sagte er:

„Da sitzt er, als wäre er ein Bräutigam und strahlt übers ganze Gesicht.“

„Vor lauter Freude,“ sagte Murin fröhlich und lebhaft, „weil ich meine Geschäfte so gut geregelt habe.“

Er warf den Damen einen verständnisvollen Blick zu. Beide lächelten freundlich. Peredonoff zwinkerte verächtlich mit den Augen und fragte:

„Du hast dich wohl verlobt? Wie groß ist die Mitgift?“

Murin sagte, ohne diese Fragen zu beachten:

„Natalie Aphanassjewna wird meinen Buben zu sich in Pension nehmen, Gott möge sie dafür segnen. Er wird hier wie in Abrahams Schoß leben und ich kann ganz ruhig sein, daß er nicht verdorben wird.“

„Er wird zusammen mit Wladja dumme Streiche machen,“ sagte Peredonoff mürrisch, „sie werden das Haus anzünden.“

„Er soll sich nur unterstehn!“ rief Murin energisch, „seien Sie ganz unbesorgt, verehrte Natalie Aphanassjewna: er wird sich so betragen, als wäre er auf Draht gezogen.“

Die Werschina wollte diesem Gespräch ein Ende machen, lächelte schief und sagte:

„Ich habe so ein Verlangen nach etwas Saurem.“

„Wollen Sie Preiselbeeren mit Aepfeln? Soll ich bringen?“ fragte Martha und sprang eilig auf.

„Ja vielleicht bringen Sie, bitte!“

Martha lief hinaus. Die Werschina sah ihr nicht einmal nach, — sie hatte sich daran gewöhnt, Marthas Diensteifer als etwas ganz Selbstverständliches hinzunehmen. Sie saß still und ganz zurückgelehnt auf dem Sofa, rauchte in dichten, blauen Wolken und verglich die beiden Männer miteinander, den mürrischen, stumpfen Peredonoff und den fröhlichen, lebhaften Murin.

Murin gefiel ihr bei weitem mehr. Er hatte ein gutmütiges Gesicht, Peredonoff konnte nicht einmal freundlich lächeln. Murin gefiel ihr überhaupt in allen Stücken: er war groß, kräftig gebaut, zuvorkommend, hatte eine angenehme, tiefe Stimme und begegnete ihr mit größter Ehrerbietung. Mitunter überlegte die Werschina, ob es nicht vorteilhaft wäre, wenn sie selber Murin heiraten würde. Solche Gedanken endeten aber immer mit einem großmütigen Verzicht ihrerseits zu Marthas Gunsten.

„Jeder wird mich zur Frau nehmen,“ dachte sie, vor allem, weil ich Geld habe, da kann ich wählen, wen ich will. Diesen jungen Mann da z. B. könnte ich ganz gut heiraten, und ihr Blick streifte wohlwollend das bleiche und gemeine, doch aber nicht unschöne Gesicht Witkewitschs. Der saß da, redete nur wenig, aß viel, blickte die Werschina an und lächelte gemein.

Martha brachte den Preiselbeersaft mit Aepfeln in einem irdenen Gefäß. Dann erzählte sie von einem Traum, den sie in der vergangenen Nacht gehabt hätte: sie wäre auf der Hochzeit einer Freundin gewesen; hätte Ananas und Pfannkuchen mit Honig gegessen und in dem einen Pfannkuchen einen Hundertrubelschein gefunden. Man hätte ihr aber das Geld fortgenommen, und sie wäre darüber in Tränen ausgebrochen. Dann wäre sie aufgewacht.

„Sie hätten das Geld unauffällig beiseite schieben müssen,“ sagte Peredonoff verdrießlich, „wenn Sie nicht einmal im Traum ihr Geld zu halten wissen, wie wollen Sie dann überhaupt wirtschaften?“

„Na an dem Gelde ist nicht viel verloren,“ sagte die Werschina, „träumen kann man doch weiß Gott von allem Möglichen.“

„Aber es tut mir so furchtbar leid, daß ich das Geld nicht behalten durfte,“ sagte Martha treuherzig, „denken Sie nur, ganze hundert Rubel!“

Ihr traten die Tränen in die Augen, und sie lachte gezwungen, um nicht weinen zu müssen. Murin suchte eifrig in seinen Taschen und rief:

„Es soll Ihnen nicht leid tun, teuerste Martha Stanislawowna, es soll Ihnen nicht leid tun. Wir wollen es gleich wieder gut machen.“

Er nahm einen Hundertrubelschein aus seiner Brieftasche, legte ihn vor Martha hin, schlug mit der Hand darauf und rief:

„Wenn ich bitten darf! Den soll Ihnen keiner fortnehmen.“

Martha freute sich, dann wurde sie plötzlich sehr rot und sagte verlegen:

„Aber Wladimir Iwanowitsch, ich bitte Sie; so war es doch gar nicht gemeint. Ich kann es nicht annehmen; wirklich nicht!“

„Tun Sie mir den Gefallen, und zürnen Sie mir nicht,“ sagte Murin lächelnd und ließ das Geld liegen, „lassen Sie doch den Traum zur Wahrheit werden.“

„Nein, nein; es geht wirklich nicht; ich schäme mich so, ich kann es unter gar keinen Umständen annehmen,“ weigerte sich Martha und blickte gierig auf die Banknote.

„Was zieren Sie sich, wenn man’s Ihnen doch gibt,“ sagte Witkewitsch, „es ist doch wirklich so, als wenn das Glück den Menschen in den Schoß fällt,“ und neidisch blickte er auf das Geld.

Murin hatte sich vor Martha hingestellt und bat sehr herzlich:

„Liebste Martha Stanislawowna, glauben Sie doch nur, ich geb’s von Herzen gerne; bitte, bitte nehmen Sie es doch. Und wollen Sie es nicht geschenkt haben, — so sei es dafür, daß Sie auf meinen Jungen acht geben werden. Was ich mit Natalie Aphanassjewna besprochen habe, bleibt so wie es ist, und dieses hier ist dann für Ihre Bemühungen um den Jungen.“

„Aber es ist doch viel zu viel,“ sagte Martha unsicher.

„Fürs erste Halbjahr,“ sagte Murin und machte eine sehr tiefe Verbeugung, „nehmen Sie es doch und bringen Sie meinem Jungen viel Liebe entgegen.“

„Nun, Martha, nehmen Sie es doch,“ sagte die Werschina, „und bedanken Sie sich bei Wladimir Iwanowitsch.“

Martha wurde rot vor Freude und nahm das Geld.

Murin dankte ihr zu wiederholten Malen.

„Machen Sie nur gleich Hochzeit,“ sagte Peredonoff wütend, „das wird billiger sein. So das Geld zum Fenster hinauszuwerfen!“

Witkewitsch mußte lachen, die andern taten, als hätten sie nichts gehört. Dann fing die Werschina an, von Träumen zu erzählen, — aber Peredonoff wollte nichts mehr hören und verabschiedete sich. Murin lud ihn zum Abendessen ein.

„Ich muß zum Abendgottesdienst in die Kirche,“ sagte Peredonoff.

„Ardalljon Borisowitsch ist neuerdings so eifrig im Kirchenbesuch,“ sagte die Werschina und lachte trocken.

„Das war immer der Fall,“ antwortete er, „ich glaube an Gott, nicht so wie andere Leute. Es ist möglich, daß ich im Gymnasium der einzige bin. Darum verfolgt man mich auch. Der Direktor ist ein Atheist.“

„Aber kommen Sie doch, wenn Sie einen freien Abend haben,“ sagte Murin.

Peredonoff knüllte seine Mütze und sagte böse:

„Ich habe überhaupt keine Zeit.“

Dann aber erinnerte er sich an die vorzüglichen Getränke und Speisen bei Murin und sagte:

„Am Montag kann ich kommen.“

Murin war entzückt und forderte auch die Werschina und Martha auf. Peredonoff sagte aber:

„Die Frauenzimmer sollen zu Hause bleiben. Sonst betrinkt man sich noch und läßt ein Wörtchen fallen, das die Zensur nicht passiert hat, und das ist unbequem in Gegenwart von Damen.“

Als Peredonoff gegangen war, sagte die Werschina schmunzelnd:

„Ein merkwürdiger Kauz, dieser Ardalljon Borisowitsch. Er möchte um alles Inspektor werden, doch scheint ihn Warwara an der Nase zu führen. Darum beträgt er sich so läppisch.“

Wladja kam heraus, — solange Peredonoff da war hielt er sich versteckt, — und sagte schadenfroh:

„Des Schlossers Söhne haben irgendwo erfahren, daß Peredonoff sie angegeben hat.“

„Sie werden ihm die Fensterscheiben einwerfen!“ meinte Witkewitsch und lachte.

Alles auf der Straße erschien Peredonoff feindlich und drohend. Ein Hammel stand an einem Kreuzwege und glotzte ihn stumpfsinnig an. Dieser Hammel erinnerte so auffallend an Wolodin, daß Peredonoff erschrak. Er dachte, Wolodin hätte sich in den Hammel verwandelt, um ihn zu verfolgen.

„Warum sollte das nicht möglich sein,“ dachte er, „woher können wir das wissen. Es könnte wohl möglich sein. Die Wissenschaft ist noch nicht so weit, aber dieser oder jener weiß es doch. Die Franzosen z. B. sind ein gebildetes Volk, und doch gibt es in Paris Zauberer und Magier.“

Ihm wurde bange.

Dieser Hammel da könnte ausschlagen, dachte er.

Das Tier blökte. Das klang gerade so wie Wolodins Lachen: häßlich, durchdringend, abgerissen.

Ein wenig weiter traf er den Gendarmerieoberst. Peredonoff trat auf ihn zu und sagte flüsternd:

„Geben Sie acht auf die Adamenko. Sie korrespondiert mit Sozialisten; sie ist vielleicht selber eine.“

Rubowskji schwieg und sah ihn erstaunt an.

Peredonoff ging weiter und dachte traurig: „Was läuft er mir immer in den Weg? Er beobachtet mich wohl, — und überall hat er Schutzleute aufgestellt.“

Die schmutzigen Straßen, die zerfallenen Häuser, der bewölkte Himmel, die bleichen, in Lumpen gehüllten Kinder — das alles mußte traurig stimmen. Eine tiefe Schwermut lastete auf ihm.

„Ein miserables Nest,“ dachte er, „und die Menschen hier sind böse und gemein; ich muß mich in eine andere Stadt versetzen lassen; da werden sich alle Lehrer demütig vor mir verbeugen, und die Schüler werden vor mir zittern und flüstern: der Inspektor kommt. Es ist eine ganz andere Sache, wenn man erst Vorgesetzter ist.“

„Der Herr Inspektor des zweiten Bezirkes im Gouvernement Ruban,“ flüsterte er, „der Herr Staatsrat Peredonoff, hochwohlgeboren.“ — Und weiter, — „man muß die Menschen nur zu nehmen wissen: Seine Exzellenz der Herr Direktor sämtlicher Volksschulen im Gouvernement Ruban, der wirkliche Staatsrat Peredonoff. Hut ab! Den Abschied einreichen! Fort! Wartet nur, ich will euch dressieren!“

Peredonoffs Gesicht wurde gemein und herrisch. In seiner spärlichen Einbildung hielt er sich für einen großen, mächtigen Herren.

Als er nach Hause kam und seinen Ueberzieher im Vorhause ablegte, hörte er im Speisezimmer das abgerissene, schneidende Gelächter Wolodins. Da wurde er mutlos.

„Er ist schon wieder da,“ dachte er, „vielleicht beredet er mit Warwara, wie sie mich umbringen sollen. Darum lacht er auch, er freut sich, daß Warwara mit ihm einer Meinung ist.“

Gereizt und traurig ging er ins Eßzimmer. Der Tisch war schon gedeckt. Warwara kam ihm besorgt entgegen.

„Bei uns ist was passiert,“ rief sie, „der Kater ist verschwunden.“

„Nanu!“ entfuhr es Peredonoff und Entsetzen packte ihn. „Warum habt ihr ihn laufen lassen?“

„Ich kann ihn doch nicht mit dem Schwanz an meinen Rock binden!“ sagte Warwara ärgerlich.

Wolodin kicherte. Peredonoff dachte, daß der Kater vielleicht zum Gendarmerieoberst gelaufen wäre und dort alles, was er über ihn wußte, herschnurren würde, alles, z. B. wohin und warum er des Nachts ausgegangen war, — davon wird er schnurren und noch von anderen Dingen, die nie geschehen sind. Schrecklich! Peredonoff setzte sich an den Tisch, er hielt den Kopf gebeugt und zerknitterte das Tischtuch. Was er dachte war traurig und unheimlich.

„Es ist eine alte Geschichte, daß die Katzen aus der neuen Wohnung in die frühere zurücklaufen,“ sagte Wolodin, „weil die Katzen sich an das Haus gewöhnen, aber nicht an ihre Herren. Man muß eine Katze schwindelig drehen, wenn man sie in die neue Wohnung bringt, und den Weg darf man ihr auch nicht zeigen, sonst läuft sie unbedingt fort.“

Das beruhigte Peredonoff.

„Du glaubst also, daß er in die alte Wohnung zurückgelaufen ist?“ fragte er.

„Unbedingt, unbedingt,“ antwortete Wolodin.

Peredonoff erhob sich und rief:

„Darauf trinken wir eins, Pawluschka!“

Wolodin kicherte.

„Trinken wir eins,“ wiederholte er, „trinken kann man stets und gerne.“

„Aber der Kater muß wieder hergeschafft werden,“ bestimmte Peredonoff.

„So ein Schatz!“ antwortete Warwara lachend; „nach dem Essen will ich das Mädchen hinüberschicken.“

Das Essen wurde aufgetragen. Wolodin war ausgelassen, lachte und schwatzte. Sein Lachen klang Peredonoff genau so wie das Blöken jenes Hammels, den er auf der Straße getroffen hatte.

Warum führt er Böses gegen mich im Schilde? dachte Peredonoff. Was hat er nur davon?

Dann kam es ihm in den Sinn, Wolodin würde sich besänftigen lassen.

„Hör mal, Pawluschka,“ sagte er, „wenn du versprichst, nichts gegen mich zu unternehmen, werde ich dir wöchentlich ein Pfund Bonbons schenken; von der feinsten Sorte! Lutsch daran auf mein Wohl!“

Wolodin lachte auf; dann wurde er gleich wieder ernst, machte ein gekränktes Gesicht und sagte:

„Ich habe keineswegs im Sinne, dir zu schaden, Ardalljon Borisowitsch; außerdem will ich keine Bonbons, weil ich sie gar nicht mag.“

Peredonoff ließ den Mut sinken. Warwara sagte lachend:

„Laß doch die Dummheiten, Ardalljon Borisowitsch! Wodurch sollte er dir denn schaden?“

„Jeder Idiot kann einem was anhaben!“ sagte Peredonoff gedehnt.

Wolodin streckte seine Unterlippe vor, schüttelte den Kopf und sagte:

„Wenn Sie, Ardalljon Borisowitsch, so über mich zu denken belieben, so kann ich darauf nur erwidern: ich danke Ihnen bestens! Wenn Sie so über mich denken, was bleibt mir dann zu tun übrig? Wie habe ich das zu verstehen und in welchem Sinne?“

„Sauf Schnaps, Pawluschka, und gib mir auch einen,“ sagte Peredonoff.

„Nehmen Sie es ihm nicht übel, Pawel Wassiljewitsch,“ versuchte Warwara Wolodin zu beruhigen, „er redet nur so in den Tag herein. Er weiß ja selber nicht, was er spricht.“

Wolodin schwieg still, machte immer noch ein gekränktes Gesicht und goß Schnaps aus der Flasche in die Gläser. Warwara sagte:

„Wie kommt es nur, Ardalljon Borisowitsch, daß du den Schnaps trinkst, den er dir eingeschenkt hat? Er könnte ihn doch z. B. behext haben, — siehst du nicht, er murmelt etwas, seine Lippen bewegen sich.“

Peredonoff erschrak. Er ergriff das Glas, in welches Wolodin eben erst eingeschenkt hatte, spritzte den Inhalt gegen die Wand und murmelte hastig eine Beschwörungsformel.

Dann wandte er sich zu Wolodin, drohte ihm mit der Faust und sagte wütend:

„Ich bin schlauer als du!“

Warwara lachte aus vollem Halse. Wolodin sagte mit gekränkter, zitternder Stimme, — es klang tatsächlich wie ein Blöken:

Sie kennen allerhand Zaubersprüche, Ardalljon Borisowitsch, und benutzen sie auch; ich habe mich aber niemals mit der Magie abgegeben. Ich bin weder gewillt noch imstande, Ihren Schnaps und gleichviel was für Dinge zu behexen; hingegen scheint es mir nicht unmöglich, daß Sie selber mir alle Bräute forthexen.“

„Noch was,“ sagte Peredonoff böse, „was mach ich mit deinen Bräuten, da kann ich mir schon was Besseres aussuchen.“

„Geben Sie acht,“ fuhr Wolodin fort, „Sie sitzen im Glashause und werfen mit Steinen!“

Peredonoff faßte erschreckt nach seiner Brille:

„Was redest du da,“ brummte er, „deine Zunge geht wie ein Mühlrad.“

Warwara blickte Wolodin vorwurfsvoll an und sagte ärgerlich:

„Reden Sie keinen Unsinn, Pawel Wassiljewitsch; essen Sie Ihre Suppe, sonst wird sie kalt. Ein Schwätzer sind Sie!“

Im stillen dachte sie, daß Ardalljon Borisowitsch vielleicht recht daran getan hätte, sich zu verschwören. Wolodin schwieg still und aß seine Suppe. Es entstand eine kurze Pause. Dann sagte Wolodin mit gekränkter Stimme:

„Ich habe heute nicht umsonst geträumt, daß man mich mit Honig zuschmierte. Sie, Ardalljon Borisowitsch, haben mich beschmutzt.“

„Ihnen muß man noch ganz anders kommen,“ sagte Warwara böse.

„Was habe ich denn getan? Ich möchte es doch gerne erfahren. Mir scheint, ich bin durchaus unschuldig,“ sagte Wolodin.

„Sie haben ein niederträchtiges Maulwerk,“ erklärte Warwara. „Man soll nicht alles aussprechen, was einem auf die Zunge kommt: — alles zu seiner Zeit.“