XXII
Peredonoff ging sehr oft zur Kirche. Er stellte sich auf einen sichtbaren Platz und bekreuzigte sich entweder viel öfter, als notwendig war, oder er stand ganz steif da und blickte stumpf vor sich hin. Manchmal schien es ihm, als versteckten sich Spione hinter den Säulen: von dort guckten sie vor und bemühten sich, ihn zum Lachen zu bringen. Er aber widerstand der Versuchung.
Das Lachen, — das leise Lachen, Gekicher und Geflüster der Rutiloffschen Mädchen klang Peredonoff in den Ohren, es wuchs manchmal ganz unglaublich an, als lachten diese hinterlistigen Mädchen dicht vor seinen Ohren, um auch ihn zum Lachen zu bringen, — ihn so zu vernichten. Aber auch dieser Versuchung widerstand Peredonoff.
Zuweilen erschien ihm das graue gespenstische Tierchen; er sah, wie es aus dem Weihrauch hervorschoß; seine kleinen Aeuglein blitzten in Flammen, und mit einem leisen Pfeifen schoß es durch die Luft, dann aber glitt es zu Boden und tummelte sich zu Füßen der Kirchenbesucher, machte sich über Peredonoff lustig und quälte ihn unablässig. Natürlich wollte es Peredonoff einen Schreck einjagen, damit er noch vor Schluß des Gottesdienstes die Kirche verlassen sollte. Er aber erriet diese hinterlistigen Absichten, und widerstand auch dieser Versuchung.
Die gottesdienstlichen Verrichtungen, — die nicht etwa allein dem Wortlaut nach oder durch die Zeremonien, sondern durch ihren tiefen, innerlichen Gehalt auf so viele Leute wirken, — waren Peredonoff ganz unverständlich. Darum fürchtete er sie. Der aufsteigende Weihrauch erschreckte ihn, — er sah nur die rätselhaften Rauchgebilde.
„Warum schwenkt er das Rauchfaß?“ — dachte er.
Die Gewänder der Geistlichen hielt er für grobe, lästig-bunte Lappen, und wenn er auf den reichgeschmückten Priester blickte, so ärgerte er sich, und ihn kam die Lust an, das Meßgewand zu zerreißen, die heiligen Gefäße zu zerschlagen. Die wirklichen Gebräuche und Mysterien schienen ihm böse Zauberei zu sein, zu dem Zwecke erfunden, das einfache Volk zu betören, zu knechten.
„Er hat die Hostie in den Wein gebrockt,“ — dachte er böse über den Priester, — „ein billiges Weinchen, sie betrügen das Volk, um mehr Geld für ihre Amtshandlungen herauszuschlagen.“
Das ewige Mysterium der Verwandlung gewöhnlichen Weines und Brotes zu einer Kraft, welche die Fesseln des Todes bricht, war ihm für immer verschlossen. Eine wandelnde Leiche! Eine unsinnige Verquickung seines Unglaubens an einen lebendigen Gott und an den Sohn mit seinem Glauben an die Zauberei!
Man ging aus der Kirche. Der Dorfschullehrer Matschigin, ein einfältiger, junger Mann, stand neben einigen jungen Mädchen, lächelte und plauderte flott. Peredonoff überlegte, daß es unpassend wäre, wie sich dieser junge Mann in Gegenwart des künftigen Inspektors gehen ließe. Matschigin trug einen Strohhut. Aber Peredonoff erinnerte sich, ihn einmal im Sommer vor der Stadt gesehen zu haben, und damals hatte er eine Dienstmütze mit der Kokarde getragen. Peredonoff beschloß, dies zur Anzeige zu bringen. Die Gelegenheit war günstig, denn auch der Inspektor Bogdanoff war anwesend. Peredonoff trat auf ihn zu und sagte:
„Ihr Matschigin da trägt eine Dienstmütze mit der Kokarde. Er will den Herren spielen.“
Bogdanoff erschrak, zitterte und sein graues Bärtchen erbebte.
„Das darf er nicht, er hat kein Recht es zu tun,“ sagte er bekümmert und zwinkerte mit den roten Aeuglein.
„Freilich hat er kein Recht dazu, und doch tut er’s,“ beklagte sich Peredonoff. „Man muß sie stramm halten, ich hab es Ihnen längst gesagt. Jeder klotzfüßige Bauer könnte sonst die Kokarde anlegen, und was sollte dabei herauskommen.“
Bogdanoff, dem Peredonoff schon früher einen Schreck eingejagt hatte, kam ganz aus der Fassung.
„Wie untersteht er sich nur!“ sagte er weinerlich. „Ich werde ihn sofort zitieren, sofort, und werde es ihm auf das Strengste verbieten.“
Er verabschiedete sich von Peredonoff und lief eingeschüchtert nach Hause.
Wolodin ging neben Peredonoff und sagte mit vorwurfsvoll meckernder Stimme:
„Er trägt eine Kokarde. Hat man schon so was gehört! Als ob er einen Rang hätte! Es ist unerhört!“
„Auch du darfst keine Kokarde tragen,“ sagte Peredonoff.
„Wenn ich es nicht darf, so tu ich es auch nicht,“ entgegnete Wolodin. „Das heißt, zuweilen trage auch ich die Kokarde, aber ich weiß doch, wo und wann ich es tue. Wenn ich zum Beispiel vor die Stadt gehe, so lege ich sie an. Mir macht es Vergnügen, und niemand kann es verbieten. Treffe ich aber ein Bäuerlein, so steh ich hoch in seiner Achtung.“
„Die Kokarde paßt nicht zu deiner Schnauze,“ sagte Peredonoff. „Außerdem pack dich bitte: du hast mich mit deinen Hufen ganz bestaubt.“
Wolodin schwieg gekränkt, blieb aber an Peredonoffs Seite. Dieser sagte besorgt:
„Auch die Rutiloffschen Göhren müßte man angeben. Die kommen nur in die Kirche, um zu schwatzen und zu lachen. Sie schminken sich, staffieren sich aus und gehen hin. Dabei stehlen sie Weihrauchwacholder und fabrizieren daraus ihre Parfums, — es riecht immer so verdächtig von ihnen.“
„Nein! Ist es möglich!“ sagte Wolodin, schüttelte den Kopf und glotzte stumpf vor sich hin.
Ueber die Erde glitt der Schatten einer Wolke und Peredonoff fürchtete sich. In den Staubwolken, im Winde huschte das graue, gespenstische Tierchen. Wenn sich das Gras vor dem Winde bewegte, glaubte Peredonoff das Tierchen liefe da durch, dann biß es ihn und verschwand wieder.
„Warum wächst das Gras auf den Straßen?“ dachte er. „Das ist Unordnung. Man muß es ausjäten.“
Der Ast eines Baumes bewegte sich, krümmte sich, wurde schwarz, krächzte und flog auf. Peredonoff fuhr zusammen. Er schrie wild auf und lief nach Hause. Wolodin folgte ihm ängstlich. Seine Augen quollen vor und blickten stier. Mit der einen Hand hielt er den steifen Hut, mit der andern fuchtelte er mit seinem Stöckchen.
Noch am selben Tage ließ Bogdanoff Matschigin kommen. Bevor Matschigin in das Haus des Inspektors trat, blieb er auf der Straße stehen, den Rücken zur Sonne gekehrt und versuchte mit den fünf Fingern das Haar zu glätten, den eignen Schatten gewissermaßen als Spiegel benutzend.
„Junger Mann, was fällt Ihnen ein? Was tun Sie da für Sachen?“ legte Bogdanoff los.
„Worum handelt es sich, wenn ich fragen darf,“ fragte Matschigin zuvorkommend, drehte den Strohhut zwischen den Fingern und wippte mit dem linken Bein.
Bogdanoff forderte ihn nicht auf Platz zu nehmen, denn er hatte die Absicht, ihn gehörig vorzunehmen.
„Was ist das nur, was ist das nur, junger Mann, Sie tragen eine Kokarde? Wie konnten Sie nur den Diensteid schwören? Was?“ fragte er, sich zu einem strengen Ton zwingend und das graue Bärtchen böse schüttelnd.
Matschigin wurde rot, antwortete aber keck:
„Was ist denn dabei? Habe ich nicht das Recht, es zu tun?“
„Sind Sie denn ein Beamter? Was? Ein Beamter?“ ereiferte sich Bogdanoff. „Ein schöner Beamter — das! Was? Der Abc-Registrator! Was?“
„Es ist das Abzeichen meines Lehrerberufs,“ sagte Matschigin keck und lächelte plötzlich süß, weil ihm die Bedeutung seines Lehrerberufs zum Bewußtsein kam.
„Nehmen Sie ein Stöckchen in die Hand, ein Stöckchen; da haben Sie ein Abzeichen Ihres Berufs,“ riet ihm Bogdanoff und schüttelte mißbilligend den Kopf.
„Aber das geht doch nicht, Sergeji Potapjitsch,“ sagte Matschigin mit gekränkter Stimme, „was ist denn ein Stöckchen! Jedermann kann ein Stöckchen tragen, die Kokarde aber fördert das Prestige.“
„Was für ein Prestige, was? Was meinen Sie eigentlich? Was für ein Prestige?“ wetterte Bogdanoff, „wozu brauchen Sie ein Prestige, was? Sind Sie etwa jemandes Vorgesetzter?“
„Aber ich bitte Sie, Sergeji Potapjitsch,“ bewies Matschigin eindringlich, „bei der Dorfbevölkerung, die doch nur geringe Kultur besitzt, bedeutet das eine unbedingte Zunahme der Hochachtung, — in diesem Jahr grüßten sie alle viel tiefer.“
Matschigin streichelte selbstgefällig sein rothaariges Schnurrbärtchen.
„Es geht nicht, junger Mann, es geht ganz und gar nicht,“ sagte Bogdanoff wehmütig und schüttelte den Kopf.
„Erlauben Sie doch, Sergeji Potapjitsch, ein Lehrer ohne Kokarde ist dasselbe wie der britische Löwe ohne Schwanz,“ versicherte Matschigin; „einfach eine Karikatur.“
„Was tut denn der Schwanz zur Sache? Was? Was soll das mit dem Schwanz? Was?“ redete Bogdanoff aufgeregt. „Die Politik gehört nicht hierher, was! Ist es Ihre Sache, sich um Politik zu kümmern? Was! Um Gotteswillen, junger Mann, tun Sie mir den Gefallen und legen Sie die Kokarde ab. Es geht einfach nicht. Es geht nicht. Gott verhüte es, daß jemand davon erfährt.“
Matschigin zuckte die Schultern, er wollte noch etwas antworten, aber Bogdanoff ließ ihn nicht zu Worte kommen, — denn seiner Ansicht nach war ihm etwas Glänzendes eingefallen.
„Sehen Sie mal, zu mir sind Sie doch ohne Kokarde gekommen, — was! — ohne Kokarde. Sie fühlten also selber, daß es sich nicht schickt.“
Matschigin war um eine Antwort verlegen, fand sich aber schnell und sagte:
„Da wir Dorfschullehrer sind, so bedürfen wir auch eines Privilegiums für das Dorf, in der Stadt zählen wir sowieso zur Intelligenz.“
„Nein, junger Mann, es geht nicht; daß Sie es wissen!“ sagte Bogdanoff ärgerlich. „Es geht nicht, und wenn ich noch einmal davon höre, so sind Sie entlassen.“
Die Gruschina veranstaltete von Zeit zu Zeit kleine Abendunterhaltungen für junge Leute. Mit der Zeit hoffte sie sich einen Mann zu angeln. Aus Anstandsrücksichten lud sie auch ihre verheirateten Bekannten ein.
Ein solcher Abend wurde heute veranstaltet und die Gäste waren schon früh erschienen.
Im Gastzimmer der Gruschina hingen einige Bilder an den Wänden, die mit einem undurchsichtigen Mullstoff dicht verhängt waren. Uebrigens waren es keineswegs unanständige Bilder. Wenn die Gruschina mit einem verschlagenen, lüsternen Lächeln die leichten Vorhänge lüftete, konnten die Gäste nackte Weiber bewundern, die zum Ueberfluß noch schlecht gezeichnet waren.
„Was gibt es da zu sehen, — ein verwachsenes Weib,“ sagte Peredonoff verdrießlich.
„Absolut nicht verwachsen,“ verteidigte die Gruschina das Bild, „sie nimmt so eine Stellung ein.“
„Sie ist verwachsen,“ wiederholte Peredonoff. „Außerdem hat sie schielende Augen, ganz so wie Sie.“
„Sie verstehen nichts von der Kunst!“ sagte die Gruschina gekränkt; „es sind ausgezeichnet teure Gemälde. Die Künstler malen das mit Vorliebe.“
Peredonoff lachte laut auf: es war ihm eingefallen, was für einen Rat er Wladja in diesen Tagen gegeben hatte.
„Warum wiehern Sie?“ fragte die Gruschina.
„Der Gymnasiast Nartanowitsch wird seiner Schwester Martha das Kleid ansengen,“ erklärte er, „ich habe es ihm geraten.“
„Warum sollte er es ansengen, er ist doch kein Dummkopf!“ entgegnete die Gruschina.
„Natürlich wird er es tun,“ versicherte Peredonoff nachdrücklich! „Geschwister zanken sich immer untereinander. Als ich jung war, unternahm ich immer irgend etwas gegen meine Schwestern, — die kleineren prügelte ich und den älteren verdarb ich die Kleider.“
„Das ist nicht überall so,“ sagte Rutiloff, „ich zanke mich nie mit meinen Schwestern.“
„Was tust du denn mit ihnen, — du küßt sie wohl?“ fragte Peredonoff.
„Du bist ein Lump und ein Schwein, Ardalljon Borisowitsch. Ich werde dich ohrfeigen,“ sagte Rutiloff sehr ruhig.
„Ich kann solche Scherze nicht leiden,“ antwortete Peredonoff und rückte zur Seite.
„Er bringt es wirklich fertig, mich zu schlagen,“ dachte Peredonoff. „Er hat so ein boshaftes Gesicht.“
„Sie besitzt nur das eine schwarze Kleid,“ fuhr er fort von Martha zu erzählen.
„Die Werschina wird ihr ein neues machen lassen,“ sagte Warwara mit neidischer Bosheit. „Zur Hochzeit wird sie ihr die ganze Aussteuer herrichten. Eine Schönheit, vor der die Pferde scheu werden,“ murmelte sie leise und blickte schadenfroh auf Murin.
„Auch für Sie ist es höchste Zeit, Hochzeit zu machen,“ sagte die Prepolowenskaja. „Worauf warten Sie noch, Ardalljon Borisowitsch?“
Das Ehepaar Prepolowenskaja hatte schon eingesehen, daß Peredonoff nach dem zweiten Brief fest entschlossen war, Warwara zu heiraten. Sie selber aber glaubten an die Echtheit des Briefs und behaupteten, daß sie immer auf Warwaras Seite gestanden hätten. Es hatte für sie keinen Zweck, sich mit Peredonoff zu entzweien, — denn es war vorteilhaft, mit ihm Karten zu spielen. Und Genja, da war nichts zu machen, mußte eben warten, — bis sich ein anderer Freier finden würde.
„Natürlich müssen Sie sich trauen lassen,“ sagte Prepolowenskji, „das ist ein gutes Werk und wird der Fürstin gefallen. Es wird der Fürstin angenehm sein, wenn Sie heiraten, und das wird ihr auch gefallen, sintemal Sie ein gutes Werk verrichten, und dann ist alles in Ordnung. Und — man nehme die Sache wie man will — es ist immer ein gutes Werk und wird der Fürstin gefallen.“
„Ich bin ganz derselben Meinung,“ sagte die Prepolowenskaja.
Prepolowenskji war ins Reden hereingekommen und konnte nicht an sich halten, weil er aber bemerkte, daß alle nach und nach von ihm fortgegangen waren, setzte er sich neben einen jungen Beamten und erklärte ihm dieselbe Sache.
„Ich bin entschlossen, mich trauen zu lassen,“ sagte Peredonoff, „wir wissen nur beide nicht, wie das anzufangen ist. Etwas muß doch geschehen, ich weiß nur nicht was.“
„Da ist nichts besonders dabei,“ sagte die Prepolowenskaja, „wollen Sie, ich und mein Mann werden Ihnen alles einrichten. Sie brauchen sich um gar nichts zu kümmern.“
„Gut,“ sagte Peredonoff, „ich bin einverstanden. Es muß nur alles reichlich und anständig eingerichtet werden. Ums Geld soll es mir nicht leid tun.“
„Seien Sie unbesorgt, Sie werden zufrieden sein,“ sagte die Prepolowenskaja.
Peredonoff fuhr fort, Bedingungen zu stellen:
„Manche Leute kaufen aus Geiz schmale, silbervergoldete Ringe, ich will das aber nicht, es müssen echt goldene sein. Und ich möchte sogar statt der Trauringe Trauarmbänder bestellen, — denn das ist teurer und vornehmer.“
Alle lachten.
„Armbänder gehen nicht,“ sagte die Prepolowenskaja flüchtig lächelnd, „es müssen Ringe sein.“
„Warum denn?“ fragte Peredonoff geärgert.
„Man tut es eben nicht.“
„Man tut es vielleicht doch,“ sagte Peredonoff ungläubig. „Ich werde den Popen fragen. Der muß es besser wissen.“
Rutiloff kicherte und gab den Rat:
„Bestell dir doch Traugürtel, Ardalljon Borisowitsch.“
„So viel Geld habe ich doch nicht,“ antwortete Peredonoff und merkte nicht, daß man sich über ihn lustig machte. „Ich bin kein Bankier. Ich träumte bloß vor einiger Zeit, daß ich in einem Atlasfrack getraut wurde, und wir beide trugen goldene Armbänder. Und hinter uns standen zwei Schuldirektoren, die hielten die Kränze über uns und sangen Halleluja.“
„Ich habe heute auch etwas Interessantes geträumt,“ erklärte Wolodin, „ich weiß nur nicht, was es bedeuten soll. Ich saß auf einem Thron und hatte eine Krone auf dem Kopf, vor mir wuchs aber Gras, und im Grase weideten Lämmer, lauter Lämmer, lauter Lämmer, bäh—bäh—bäh. Und die Lämmer gingen hin und her, schüttelten so mit den Köpfen und machten immerzu: bäh—bäh—bäh.“
Wolodin ging durch die Zimmer, schüttelte den Kopf, warf die Lippen auf und meckerte. Die Gäste lachten. Wolodin setzte sich wieder, blickte alle fromm an, zwinkerte vor Vergnügen mit den Augen und lachte, wie er es immer tat, mit seiner blökenden, schafsähnlichen Stimme.
„Nun, und was weiter?“ fragte die Gruschina und zwinkerte ihren Gästen zu.
„Nun, es waren eben lauter Lämmer, lauter Lämmer, und ich wachte auf,“ schloß Wolodin.
„Ein Schaf hat die Träume eines Schafes,“ brummte Peredonoff, „ein gefundenes Fressen für dich: Hammelkönig.“
„Ich aber hatte einen Traum,“ sagte Warwara mit einem schmutzigen Lächeln auf den Lippen, „der läßt sich in Gegenwart von Herren nicht erzählen; — Ihnen allein will ich ihn erzählen.“
„O, liebste Warwara Dmitriewna, das ist ja ganz mein Fall,“ antwortete die Gruschina, lächelte und zwinkerte allen zu.
„Erzählen Sie ungeniert,“ sagte Rutiloff, „wir sind bescheidne Leute, genau so wie Damen.“
Auch die übrigen, anwesenden Herren bestürmten Warwara und die Gruschina, sie sollten erzählen; die beiden aber sahen einander an, lachten gemein und erzählten nichts.
Man setzte sich an die Kartentische. Rutiloff versicherte allen, daß Peredonoff vortrefflich spiele. Peredonoff selber glaubte es. Aber heute, wie auch sonst immer, verlor er, Rutiloff dagegen gewann. Darüber war er sichtlich erfreut und redete lebhafter als gewöhnlich.
Das graue, gespenstische Tierchen quälte Peredonoff. Es versteckte sich irgendwo ganz in seiner Nähe, guckte zuweilen vor, entweder unter dem Tisch oder hinter dem Rücken eines der Anwesenden und versteckte sich wieder. Es schien, als erwartete es irgend etwas. Es war schrecklich.
Sogar vor den Bildern auf den Karten fürchtete sich Peredonoff. Die Damen immer zu zweit nebeneinander.
Wo ist denn die dritte? — dachte er.
Stumpfsinnig betrachtete er die Pik-Dame und drehte die Karte um, — denn die dritte konnte sich vielleicht hinter dem Hemd versteckt haben.
Rutiloff sagte:
„Ardalljon Borisowitsch guckt seiner Dame hinters Hemd.“
Alle lachten laut.
Zwei ganz junge Polizeibeamte saßen etwas abseits und spielten Schwarzen-Peter. Das Spiel ging rasch vor sich. Der Gewinnende lachte vor Freude und zeigte seinem Partner eine lange Nase. Dieser aber ärgerte sich.
Es roch nach warmen Speisen. Die Gruschina bat ihre Gäste in das Eßzimmer. Alle gingen hinüber, stießen einander und genierten sich. Irgendwie nahm man Platz.
„Essen Sie, meine Herrschaften,“ bewirtete die Gruschina, „essen Sie, meine Freunde, schlagen Sie sich die Bäuchlein voll, bis zum Halse hinauf.“
„Es gereicht der Wirtin zur Ehre, wenn ihre Pirogge gegessen wird,“ rief Murin fröhlich.
Der Anblick der Schnapsflaschen tat ihm wohl; auch freute er sich, daß er im Spiel gewonnen hatte.
Eifriger als alle andern aßen Wolodin und zwei junge Beamte, — sie suchten sich die besten und größten Stücke aus und verschlangen den Kaviar mit wahrem Heißhunger. Die Gruschina lachte gezwungen und sagte:
„Pawel Iwanowitsch ist betrunken und hat doch scharfe Augen. Er läßt das Brot liegen und macht sich an die Pastete.“
Als hätte sie für ihn den Kaviar gekauft! Und unter dem Vorwand, sie müsse die Damen mit diesen schönen Sachen bewirten, stellte sie sie recht weit von ihm fort. Wolodin aber ließ sich die Laune nicht verderben und begnügte sich mit dem, was man ihm gelassen hatte: er hatte sich beeilt, gleich im Anfang recht viel vom Allerbesten zu essen, so daß ihm jetzt alles gleich sein konnte.
Peredonoff blickte auf die Kauenden, und es schien ihm, daß alle über ihn lachten. Warum denn? Worüber denn? Wütend aß er alles, was ihm gerade unter die Finger kam; er aß unappetitlich und gierig.
Nach dem Essen wurde wieder gespielt. Doch bald wurde es Peredonoff langweilig. Er warf die Karten auf den Tisch und sagte:
„Daß euch der Teufel hole! Ich habe kein Glück! Wie langweilig! Warwara, komm, — wir gehen nach Hause.“
Gleichzeitig mit ihm erhoben sich auch die andern.
Im Vorhaus bemerkte Wolodin, daß Peredonoff einen neuen Spazierstock hatte. Er betrachtete ihn grinsend von allen Seiten und fragte:
„Ardascha, warum sind denn die Finger hier zur Faust geballt? Was bedeutet das?“
Peredonoff nahm ihm ärgerlich den Stock aus den Händen, hielt den Griff, der eine aus Ebenholz geschnitzte Faust darstellte, an Wolodins Nase und sagte:
„Du verdientest eine saftige Ohrfeige.“
Wolodin machte ein gekränktes Gesicht.
„Mit Verlaub, Ardalljon Borisowitsch,“ sagte er, „ich pflege Brot mit Saft zu essen, keineswegs aber Ohrfeigen mit Saft.“
Peredonoff hörte nicht auf ihn, wickelte sich den Schal vorsorglich um den Hals und knöpfte seinen Mantel fest zu. Rutiloff sagte lachend:
„Warum packst du dich so ein, Ardalljon Borisowitsch? Es ist doch warm.“
„Gesundheit geht über alles,“ antwortete Peredonoff.
Auf der Straße war es still; die Straße hatte sich zur Nacht gleichsam niedergelegt und schien ganz leise zu schnarchen. Es war dunkel, feucht und traurig. Am Himmel zogen schwere Wolken. Peredonoff brummte:
„Die Dunkelheit! und wozu?“
Er fürchtete sich nicht, denn er ging mit Warwara und nicht allein.
Bald darauf fing es an zu regnen, ein feiner, rascher, anhaltender Regen. Alles war still geworden, und nur der Regen murmelte irgend etwas, zudringlich und schnell, als verschlucke er sich daran, — undeutliche, traurige und langweilige Sachen.
Peredonoff fühlte in der Natur die Spiegelung seiner eignen Traurigkeit, seiner Furcht, unter der Larve ihrer Feindseligkeit zu ihm, aber für jenes innere Leben der ganzen Natur, das einer äußerlichen Bestimmung nicht unterliegen kann, für jenes Leben, das allein imstande ist, eine tiefe, unantastbare, aufrichtige Wechselbeziehung zwischen dem Menschen und der Natur herzustellen, für dieses Leben hatte er kein Gefühl. Darum erschien ihm auch die Natur ganz durchdrungen von kleinlichen, menschlichen Gefühlen. Verblendet durch Selbsttäuschungen, durch seine verschlossene Lebensführung, hatte er kein Verständnis für das dionysische, elementare Entzücken, das sich an der Natur berauscht, sie einsaugt. Er war blind und jämmerlich, wie es viele von uns sind.