XXIII

Das Ehepaar Prepolowenskji hatte es auf sich genommen, die Hochzeitsfeierlichkeiten auszurichten. Die Trauung sollte in einem Dorfe stattfinden, das etwa 6 Werst vor der Stadt lag: denn für Warwara mußte es peinlich sein, sich in der Stadt trauen zu lassen, nachdem sie schon so viele Jahre mit Peredonoff zusammengelebt hatte, unter dem Vorwand, sie wäre seine Kousine. Der Tag der Trauung wurde geheim gehalten: die Prepolowenskjis hatten das Gerücht verbreitet, die Trauung würde am Freitag stattfinden; in der Tat aber sollten die beiden am Mittwoch im Laufe des Tages getraut werden. Man hatte das getan, damit die neugierigen Städter nicht hinauskämen. Warwara schärfte es Peredonoff immer wieder ein:

„Versprich dich nicht, Ardalljon Borisowitsch, wegen der Trauung, sonst kommen sie noch und werden die Feier stören.“

Das zu den Feierlichkeiten erforderliche Geld gab Peredonoff nur widerwillig und sich über Warwara lustig machend. Bisweilen holte er seinen Stock, dessen Griff die geballte Faust darstellte und sagte zu Warwara:

„Küß diese Faust, dann sollst du Geld haben. Küßt du sie nicht — so gibt’s kein Geld.“

Warwara küßte die Faust.

„Was ist denn dabei; die Lippen werden davon nicht platzen,“ sagte sie.

Der Termin der Trauung wurde bis kurz vor dem festgesetzten Tage sogar vor den Marschälen geheim gehalten, damit sie davon nicht weiter sprächen. Zuerst wurden Rutiloff und Wolodin gebeten Marschäle zu sein, — beide erklärten sich mit Vergnügen einverstanden. Rutiloff erwartete, eine amüsante Anekdote zu erleben, und Wolodin schmeichelte es außerordentlich, eine so hervorragende Rolle bei einem so wichtigen Ereignis spielen zu dürfen. Dann aber kam Peredonoff der Gedanke — ein Marschal wäre für ihn zu wenig. Er sagte:

„Für dich, Warwara, langt einer; ich aber brauche zwei, einer wäre zu wenig, — denn es ist schwer, über mir die Hochzeitskrone zu halten; ich bin ein großer Mensch.“

So bat Peredonoff noch Falastoff Marschal zu sein. Warwara knurrte:

„Was Teufel soll denn der? Zwei sind schon da.“

„Er trägt eine goldene Brille; so ist es vornehmer,“ sagte Peredonoff.

Am Morgen des Hochzeitstages wusch sich Peredonoff, wie gewöhnlich, mit warmem Wasser, um sich nicht zu erkälten, und dann verlangte er Schminke:

„Ich muß mich jetzt jeden Tag schminken, sonst wird man noch denken, ich wäre hinfällig, und wird mich nicht zum Inspektor ernennen.“

Warwara tat es um ihre Schminke leid, doch mußte sie sie hergeben, — und Peredonoff färbte sich die Backen. Er murmelte:

„Auch Weriga schminkt sich, um jünger auszusehen. Ich kann mich doch nicht mit weißen Backen trauen lassen.“

Hierauf sperrte er sich im Schlafzimmer ein und beschloß — sich zu zeichnen, damit Wolodin sich nicht unterschieben konnte. Auf die Brust, auf den Bauch, auf die Ellenbogen, und sonst auf verschiedene Körperteile schmierte er mit Tinte den Buchstaben „P“.

Man müßte auch Wolodin zeichnen, aber wie soll man das anfangen? Wenn er es bemerkt, wird er es wieder abreiben, dachte Peredonoff bekümmert.

Dann kam ihm der Gedanke, es wäre so übel nicht, wenn er sich ein Korsett anzöge, denn möglicherweise würde man ihn für einen Greis halten, wenn er zufällig gebeugt dastehen würde. Er verlangte von Warwara ein Korsett. Doch erwies sich, daß Warwaras sämtliche Korsetts ihm zu eng waren, — kein einziges ließ sich schließen.

„Man hätte es früher kaufen müssen,“ brummte er ärgerlich. „An nichts denken sie.“

„Welcher Mann trägt denn ein Korsett,“ antwortete Warwara, „keiner tut es.“

„Weriga trägt eins,“ sagte Peredonoff.

„Weriga ist eben ein Greis; aber du, Ardalljon Borisowitsch, bist gottlob ein vollblütiger Mann.“

Peredonoff lächelte selbstgefällig, blickte in den Spiegel und sagte:

„Natürlich, ich werde noch anderthalb Jahrhunderte leben.“

Der Kater nieste unter dem Bett. Warwara sagte lächelnd:

„Auch der Kater niest, das heißt also: es stimmt.“

Doch Peredonoff wurde plötzlich verdrießlich: Er fürchtete sich vor dem Kater, und sein Niesen erschien ihm als eine böse List.

Das fehlte noch, daß er mir etwas vorniest, dachte er und kroch unter das Bett, um den Kater zu verjagen. Dieser miaute wild, schmiegte sich an die Wand und plötzlich schlüpfte er mit einem lauten Miauen unter Peredonoffs Händen durch, aus dem Zimmer hinaus.

„Holländischer Teufel!“ schimpfte Peredonoff böse.

„Das ist er: ein Teufel,“ rief auch Warwara, „er ist ganz verwildert, er läßt sich nicht einmal streicheln, — als wäre der Teufel in ihn gefahren.“

Die Prepolowenskjis hatten schon früh am Morgen die Marschäle benachrichtigt. Gegen zehn Uhr versammelten sich alle bei Peredonoff. Die Gruschina war gekommen und Sophie mit ihrem Mann. Ein Schnaps und Imbiß wurde gereicht. Peredonoff aß nur wenig und überlegte traurig, wie er es anstellen sollte, um sich noch mehr von Wolodin zu unterscheiden.

Er hat sich Locken brennen lassen wie ein Schaf, dachte er gereizt und plötzlich fiel es ihm ein, daß auch er sich auf eine besondere Art frisieren lassen könnte. Er stand auf und sagte:

„Trinkt und eßt, mir soll’s nicht leid tun; ich werde unterdessen zum Friseur gehen und mich spanisch frisieren lassen.“

„Wie ist denn das — spanisch?“ fragte Rutiloff.

„Du wirst ja schon sehen.“

Als Peredonoff gegangen war, sagte Warwara:

„Immer hat er neue Einfälle! Ueberall sieht er Teufel. Er sollte weniger Schnaps trinken, der verfluchte Säufer!“

Die Prepolowenskaja lächelte verschmitzt und sagte:

„Wenn ihr getraut seid, wird Ardalljon Borisowitsch eine Stelle bekommen und dann wird er sich beruhigen.“

Die Gruschina kicherte. Sie amüsierte sich über das Geheimnisvolle dieser Hochzeit und brannte darauf, irgend einen großen Skandal in Szene zu setzen, nur ohne sich selber dabei die Finger zu verbrennen. Unter der Hand hatte sie gestern abend einigen ihrer Freunde Ort und Stunde der Trauung genannt. Und heute in aller Frühe hatte sie den jüngsten Sohn des Schlossers kommen lassen, ihm einen Fünfer gegeben und ihm aufgetragen, am Abend vor der Stadt zu warten, bis die Neuvermählten angefahren kommen würden, um dann in ihren Wagen Schmutz und Papierfetzen zu werfen. Der Schlossersohn war zu allem bereit und schwor, er würde nichts verraten. Die Gruschina aber erinnerte ihn:

„Den Tscherepin habt ihr doch verraten, als man euch Prügel gab.“

„Wir waren halt Esel,“ sagte der Schlossersohn, „aber jetzt könnte man uns aufhängen, ganz egal.“

Und zur Bekräftigung seines Eides aß der Junge ein Häufchen Erde. Dafür gab ihm die Gruschina noch drei Kopeken.

Im Frisiersalon wünschte Peredonoff den Inhaber selber zu sprechen. Es war ein junger Mensch, der vor kurzem die städtische Schule absolviert hatte und oft Bücher aus der Volksbibliothek lieh. Er war gerade dabei, einem Gutsbesitzer, den Peredonoff nicht kannte, das Haar zu schneiden. Als er mit seiner Arbeit fertig war, trat er an Peredonoff heran.

„Laß ihn erst gehen!“ sagte Peredonoff böse.

Der Gutsbesitzer zahlte und ging.

Peredonoff setzte sich vor den Spiegel.

„Haarschneiden und frisieren,“ sagte er. „Ich habe heute eine wichtige Sache vor, eine besonders wichtige, — und darum sollst du mich spanisch frisieren.“

Der Lehrjunge, er stand an der Tür, platzte aus. Der Meister blickte ihn streng an. Er hatte noch nie Gelegenheit gehabt, spanisch zu frisieren und er wußte auch nicht, was eine spanische Friseur sei, ob es die überhaupt gäbe. Wenn der Herr es aber verlangte, so mußte man annehmen, daß er weiß, was er will. Der junge Friseur wollte seine Unbildung nicht verraten. Er sagte höflich:

„Bei Ihrem Haarwuchs, mein Herr, ist das unmöglich.“

„Warum ist es unmöglich?“ fragte Peredonoff beleidigt.

„Ihre Haare haben eine schlechte Nährung,“ erklärte der Friseur.

„Soll ich sie etwa mit Bier begießen?“ brummte Peredonoff.

„Aber, ich bitte Sie, warum denn mit Bier!“ antwortete der Friseur und lächelte liebenswürdig, „Sie müssen es in Betracht ziehen, daß, wenn man sie nur ein wenig schneiden soll und da außerdem sich eine gewisse Solidität auf Ihrem Haupte kund tut, es keineswegs zur spanischen Frisur langen dürfte.“

Peredonoff war ganz niedergeschlagen, daß er nicht spanisch frisiert werden konnte. Er sagte betrübt:

„So schneide mir die Haare wie du willst.“

Vielleicht, dachte er, hat man es dem Friseur gesteckt, daß er mich nicht auf diese besondere Art frisieren soll. Ich hätte zu Hause nicht davon sprechen sollen. Wahrscheinlich war Wolodin, während er würdig und gemessen durch die Straßen gegangen war, als Hammel durch die Hintergäßchen gelaufen, und hatte sich mit dem Friseur „berochen“.

„Befehlen der Herr zu spritzen?“ fragte der Friseur, als er die Haare geschnitten hatte.

„Mit Reseda und recht viel,“ forderte Peredonoff, „hast du mich irgendwie zurechtgestutzt, so mach es wenigstens mit Reseda wieder gut.“

„Ich bitte um Entschuldigung, Reseda führen wir nicht,“ sagte der Friseur verlegen, „aber vielleicht ist Ihnen Opoponax gefällig?“

„Nichts kannst du ordentlich tun,“ sagte Peredonoff traurig, „so spritz denn ganz gleich womit.“

Gereizt kam er nach Hause. Es war ein windiger Tag. Die Pforte wurde vom Winde auf und zu geschlagen, gähnte und lachte. Peredonoff sah das und wurde traurig. Wie sollte man hier durchfahren? Indes, alles machte sich von selbst.

Drei Wagen waren vorgefahren, man mußte sich rasch hineinsetzen und abfahren, sonst hätten die Fuhrwerke Neugierige angelockt, die hätten sich gleich versammelt und wären nachgefahren, um sich die Trauung mit anzusehen. Man setzte sich und fuhr ab: Peredonoff und Warwara, die Prepolowenskjis und Rutiloff, die Gruschina mit den beiden anderen Marschälen.

Auf dem Stadtplatz wirbelte der Staub. Peredonoff hörte Geräusche, gleichsam Axtschläge. Kaum sichtbar erhob sich, wuchs aus dem Staube eine hölzerne Wand. Eine Festung wurde gebaut. Bauern in roten Hemden liefen still und drohend hin und her.

Die Wagen sausten vorüber, — die furchtbare Erscheinung blieb weit zurück und verschwand. Peredonoff sah sich entsetzt um, aber es war nichts mehr zu sehen, — und er konnte sich nicht entschließen, zu jemand von dieser Erscheinung zu sprechen.

Den ganzen Weg über fühlte sich Peredonoff tief bedrückt. Alles starrte ihm feindlich entgegen, überall erhoben sich die drohenden Vorzeichen. Der Himmel umwölkte sich. Der Wind stürmte entgegen und seufzte schwer. Die Bäume wollten keinen Schatten geben, hatten den ganzen Schatten in sich gesogen. Dafür wirbelte der Staub längs der Straße, wie eine lange, durchsichtig-graue Schlange. Die Sonne verkroch sich aus einem unbekannten Grunde hinter den Wolken, — wollte sie etwa heimlich beobachten?

Der Weg schlängelte sich durch hügeliges Land, — unerwartet tauchten hinter den Hügeln Sträucher, Wälder, Felder und Bäche auf. Ueber die Bäche führten dröhnende, hölzerne Brücken.

„Der Vogel Auge flog vorüber,“ sagte Peredonoff verdrießlich und starrte in die blendende, neblige Ferne des Himmels. „Er hat ein Auge und zwei Flügel, und weiter hat er nichts.“

Warwara schmunzelte. Sie glaubte, Peredonoff wäre schon am frühen Morgen betrunken. Aber sie widersprach ihm nicht, sonst — dachte sie, — könnte er sich ärgern und wird sich nicht trauen lassen.

In der Kirche standen, versteckt hinter einer Säule, die vier Schwestern Rutiloff. Peredonoff hatte sie zuerst nicht bemerkt, später aber, schon während der Trauung, als sie ihren Hinterhalt verlassen hatten und vorgetreten waren, sah er sie und erschrak. Sie taten übrigens nichts Schlimmes, verlangten nicht — er hatte das befürchtet, — er solle Warwara fortjagen und eine von ihnen nehmen. Sie lachten nur die ganze Zeit. Und ihr anfangs leises Gelächter wurde immer lauter, klang immer drohender in seine Ohren, wie das Gelächter der wütenden Furien.

Außer zwei, drei alten Weibern, die von irgendwoher gekommen waren, waren keine fremden Leute in der Kirche. Es war gut so, denn Peredonoff betrug sich läppisch und sonderbar. Er gähnte, murmelte vor sich hin, stieß Warwara, beklagte sich, daß es nach Bauern röche, und über den Gestank des Weihrauchs und der Wachslichter.

„Deine Schwestern lachen die ganze Zeit,“ brummte er zu Rutiloff gewandt, „sie durchbohren einem die Leber mit ihrem Gelächter.“

Außerdem beunruhigte ihn das graue, gespenstische Tierchen. Es war schmutzig, ganz bestaubt und versteckte sich immer unter den Gewändern des Priesters.

Der Gruschina und Warwara erschienen die kirchlichen Gebräuche lächerlich. Sie kicherten ununterbrochen. Die biblischen Worte, die Frau müsse ihrem Manne anhangen, gaben ihnen Anlaß zu besondrer Lustigkeit. Auch Rutiloff kicherte, — er hielt es für seine Pflicht immer und überall die Damen zum Lachen zu bringen. Wolodin hingegen betrug sich gemessen und würdig; er bekreuzigte sich und bewahrte im Gesicht einen tiefsinnigen Ausdruck. Die kirchlichen Gebräuche waren für ihn nichts anderes, als Bestimmungen, die erfüllt werden mußten, er glaubte, daß die Erfüllung dieser Bestimmungen eine gewisse innerliche Bequemlichkeit förderte: man geht an Feiertagen zur Kirche, betet, — und ist gerecht; man sündigt, bereut — und ist wiederum gerecht. Wie gut und bequem! Um so bequemer, als man durch nichts verpflichtet war, außerhalb der Kirche sich um kirchliche Angelegenheiten zu kümmern, vielmehr sich an ganz andere, praktische Lebensregeln halten mußte.

Die Trauungszeremonien waren eben beendet, man war noch nicht aus der Kirche heraus, — da ereignete sich etwas Unvorhergesehenes. Lärmend drang in die Kirche eine betrunkene Gesellschaft, Murin mit seinen Freunden.

Murin, wie gewöhnlich, zerzaust und schmutzig, umarmte Peredonoff und schrie:

„Bruder! Uns bleibt nichts verborgen. Wir sind doch Freunde, die kein Wasser trennen kann, und du — Kerl — hast uns nichts gesagt.“

Man hörte Ausrufe:

„Der Lump, — er hat uns nicht eingeladen!“

„Jetzt sind wir doch hier!“

„Wir haben es doch erfahren!“

Die Neuangekommenen umarmten und beglückwünschten Peredonoff. Murin sagte:

„Wir haben etwas zu lange gesoffen, sonst hätten wir euch von Anfang an beehrt.“

Peredonoff stierte finster vor sich hin und antwortete nicht auf die Glückwünsche. Wut und Furcht schnürten ihm die Kehle.

Alles spionieren sie aus, dachte er betrübt.

„Ihr solltet euch wenigstens die Stirn bekreuzigen,“ sagte er wütend. „Sonst, — wer mag es wissen, — habt ihr noch böse Hintergedanken.“

Die Gäste bekreuzigten sich, lachten und spotteten gotteslästerlich. Die jungen Beamten taten sich darin ganz besonders hervor. Der Küster verwies es ihnen vorwurfsvoll.

Unter den Gästen befand sich einer mit einem roten Schnurrbart, ein junger Mensch, den Peredonoff nicht einmal kannte. Er erinnerte ganz außerordentlich an einen Kater. Vielleicht hatte sich ihr Kater in diesen Menschen verwandelt? Nicht umsonst prustete dieser junge Mann so auffällig, — er konnte seine tierischen Gewohnheiten nicht lassen.

„Wer hat es Ihnen gesagt?“ fragte Warwara die ungebetenen Gäste böse.

„Gute Leute taten es, junge Frau,“ antwortete Murin, „aber wer es eigentlich war, das haben wir schon vergessen.“

Die Gruschina bewegte sich unruhig hin und her und zwinkerte mit den Augen. Die Gäste lachten nur, verrieten sie aber nicht. Murin sagte:

„Ganz egal, Ardalljon Borisowitsch, wir fahren alle zu dir und du wirst Sekt schmeißen, sei kein Filz. Das geht doch nicht, — Freunde die kein Wasser trennt, — und du wolltest alles so hinterrücks abmachen.“

Als Peredonoffs nach der Trauung aus der Kirche kamen, ging die Sonne unter, und der ganze Himmel stand in Feuer und Gold. Das gefiel Peredonoff nicht. Er murmelte:

„Da hat man Gold draufgepappt, ganze Stücke, daß es beinah herunterfällt. Hat man je so eine Verschwendung gesehen!“

Vor der Stadt erwarteten sie die Schlossersöhne mit einer Bande von Straßenjungen, sie liefen und brüllten. Peredonoff zitterte vor Angst. Warwara schimpfte, spuckte auf die Jungen, drohte ihnen mit der Faust. Die Gäste und Marschäle lachten.

Man kam angefahren. Die ganze Gesellschaft wälzte sich mit lärmendem Johlen und Schreien in die Wohnung Peredonoffs. Man trank erst Sekt, dann Schnaps, und dann setzte man sich an die Karten. Die ganze Nacht durch wurde getrunken. Warwara war betrunken, tanzte und jubelte. Auch Peredonoff triumphierte, — es war ihnen doch nicht gelungen, ihn mit Wolodin zu vertauschen.

Wie immer wurde Warwara von den Gästen zynisch und ohne Achtung behandelt; sie glaubte, es wäre so in der Ordnung.

Nach der Hochzeit änderte sich das häusliche Leben bei Peredonoffs nur wenig. Nur, daß Warwara sicherer und unabhängiger mit ihrem Mann verkehrte. Es schien, als hätte sie nicht mehr den Respekt vor ihm, — doch fürchtete sie ihn aus alter Gewohnheit. Auch Peredonoff schrie sie mitunter an, wie er es von früher gewohnt war, zuweilen prügelte er sie sogar. Aber auch er begann ihre größere Sicherheit ihm gegenüber zu spüren. Das erfüllte ihn mit bittrer Traurigkeit. Es schien ihm, daß, wenn sie ihn nicht mehr so wie früher fürchtete, dies daher käme, daß in ihr der verbrecherische Vorsatz erstarkt war, ihn abzuschütteln, um ihn dann mit Wolodin zu vertauschen.

Man muß auf der Hut sein, dachte er.

Warwara triumphierte. Zusammen mit ihrem Mann, machten sie Besuche bei den Damen der Stadt, sogar bei den weniger Bekannten. Bei dieser Gelegenheit entfaltete sie einen komischen Stolz und sonderbare Ungeschicklichkeit. Ueberall wurde sie empfangen, in vielen Häusern allerdings mit großer Verwunderung.

Für die Besuche hatte sie sich rechtzeitig einen Hut machen lassen bei der tüchtigsten Hutmacherin des Ortes aus der Hauptstadt. Die grellen, großen Blumen, in aufdringlicher Fülle angebracht, entzückten Warwara.

Ihren ersten Besuch machten Peredonoffs bei der Frau des Direktors. Von dort fuhren sie zur Frau des Adelsmarschalls.

Am selben Tage, als Peredonoffs sich anschickten, ihre Besuche zu machen (das war bei Rutiloffs natürlich schon längst bekannt), — machten sich die Schwestern auf den Weg zu Warwara Nikolajewna Chripatsch, einfach aus Neugierde, um zu sehen, wie Warwara sich benehmen würde.

Bald darauf kamen Peredonoffs. Warwara knixte tief vor der Frau Direktor, und ihre Stimme zitterte mehr als gewöhnlich, als sie sagte:

„So sind wir denn gekommen. Ich bitte um Ihre Gunst und Freundschaft.“

„Sehr angenehm,“ sagte die Frau Direktor gezwungen und bat Warwara, auf dem Sofa Platz zu nehmen.

Warwara setzte sich mit sichtlichem Behagen auf den ihr zugewiesenen Platz, breitete ihr rauschendes, grünes Kleid weit aus und begann zu reden, bemüht, ihre Verlegenheit hinter einer übergroßen Herzlichkeit zu verbergen:

„Ich war die ganze Zeit über eine Mamsell, da bin ich nun eine Dame geworden. Wir sind Namensbasen, — Sie heißen Warwara und ich heiße Warwara, — und wir haben nicht miteinander verkehrt. Als Mamsell saß ich meist zu Hause, — aber warum soll man immer hinter dem Ofen hocken. Nun werden ich und Ardalljon Borisowitsch offener leben. Wir bitten, uns die Ehre zu geben, — wir waren bei Ihnen, Sie werden zu uns kommen, der Musjö zum Musjö, die Madame zur Madame.“

„Aber man spricht davon, daß Sie nicht mehr lange hier bleiben werden,“ sagte die Frau Direktor. „Ich ließ mir sagen, daß Ihr Mann versetzt werden wird.“

„Ja, bald wird ein Papier kommen, dann werden wir fahren,“ antwortete Warwara. „Bevor das Papier nicht gekommen ist, müssen wir hierbleiben und uns des Lebens freuen.“

Warwara hoffte selber auf den Inspektorposten. Nach der Trauung hatte sie der Fürstin einen Brief geschrieben. Eine Antwort war noch nicht gekommen. Sie hatte beschlossen zu Neujahr noch einmal zu schreiben.

Ludmilla sagte:

„Wir dachten alle, Ardalljon Borisowitsch, Sie würden das Fräulein Pjilnikoff heiraten.“

„Ach was,“ sagte Peredonoff böse, „wie sollte ich jede beliebige heiraten. Ich brauche Protektionen.“

„Aber immerhin, wie verhält es sich denn mit Mademoiselle Pjilnikoff?“ neckte Ludmilla. „Sie haben ihr doch den Hof gemacht. Hat sie Ihnen einen Korb gegeben?“

„Ich werde sie noch aufs Glatteis führen,“ brummte Peredonoff verdrießlich.

„Das ist die Idée fixe von Ardalljon Borisowitsch,“ sagte der Direktor und lachte trocken.