XXIV
Peredonoffs Kater war ganz verwildert, er fauchte, hörte nicht, wenn man ihn rief, — und war durch nichts anzulocken. Peredonoff fürchtete sich vor ihm. Manchmal murmelte er Beschwörungsformeln.
Aber kann das helfen? dachte er. Der Kater hat eine zu starke Elektrizität im Fell, — das ist eben das Unglück.
Einmal kam er auf den Gedanken, den Kater scheren zu lassen.
Gedacht — getan. Warwara war nicht zu Hause, — sie war zur Gruschina gegangen und hatte sich ein Fläschchen Kirschlikör in die Tasche gesteckt, — so konnte ihn niemand stören. Peredonoff band den Kater an eine Schnur, — aus einem Taschentuch drehte er ein Halsband, — und führte ihn zum Friseur.
Der Kater miaute wild, sprang nach rechts, nach links, stemmte sich entgegen. In seiner Verzweiflung warf er sich einigemal auf Peredonoff, — aber Peredonoff hielt ihn mit seinem Spazierstock fern. Die Gassenjungen liefen in Scharen hinterdrein, schrien und lachten. Die Vorübergehenden blieben stehen. Man steckte die Köpfe zum Fenster hinaus. Peredonoff schleifte den Kater an der Schnur und ließ sich durch nichts aus der Fassung bringen.
Endlich war er beim Friseur und sagte:
„He, rasieren Sie mal den Kater, aber ganz glatt.“
Die Jungen waren in Haufen vor der Tür stehen geblieben und krümmten sich vor Lachen. Der Friseur war beleidigt und wurde rot. Er sagte, — und seine Stimme zitterte leise:
„Entschuldigen Sie, mein Herr, das ist nicht unseres Amtes. Zudem habe ich nie einen rasierten Kater gesehn. Das wird wohl die neueste Mode sein, die noch nicht bis zu uns gedrungen ist.“
Peredonoff hörte ihm zu in blödem Nichtverstehen. Er rief:
„Charlatan! Sag lieber — ich kann es nicht!“
Dann ging er wieder, den unnatürlich schreienden Kater hinter sich herzerrend. Unterwegs dachte er betrübt, daß überall und immer alle Welt über ihn lache, keiner wolle ihm behilflich sein. Der Kummer schnürte ihm die Brust.
Peredonoff, Wolodin und Rutiloff waren in den „Garten“ gekommen um Billard zu spielen. Der Marqueur berichtete verlegen:
„Heute kann nicht gespielt werden, meine Herren.“
„Und warum nicht?“ fragte Peredonoff gereizt, „wir — sollen nicht spielen dürfen.“
„Es verhält sich nämlich so, ich bitte um Entschuldigung, daß keine Bälle da sind,“ sagte der Marqueur.
„Hast sie durchgebracht, Halunke,“ hörte man hinter der Lette den Buffetier schreien.
Der Marqueur zuckte zusammen und bewegte plötzlich die roten Ohren, gleichsam eine hasenartige Bewegung, und flüsterte:
„Man hat sie gestohlen.“
„Nanu! wer hat sie gestohlen?“
„Unbekannt — wer, —“ meldete der Marqueur. „Es ist kein Mensch da gewesen, und plötzlich sind die Bälle verschwunden.“
Rutiloff kicherte und rief:
„Nette Anekdote — das!“
Wolodin zog ein gekränktes Gesicht und machte dem Marqueur Vorwürfe:
„Wenn man bei Ihnen die Bälle zu stehlen beliebt, Sie aber sich unterdessen irgendwo anders aufzuhalten belieben, die Bälle also sozusagen verschwunden sind, so hätten Sie die Pflicht gehabt, unverzüglich neue Bälle zu beschaffen, damit wir spielen können. Wir kamen und wollten spielen; wenn aber keine Bälle da sind, — womit sollen wir dann spielen?“
„Schwatz nicht, Pawluschka,“ sagte Peredonoff, „einem wird auch ohne dich übel. Such die Bälle, Marqueur! Wir müssen unbedingt spielen; unterdessen bring zwei Pullen Bier.“
Man trank Bier. Es war aber doch langweilig. Die Bälle ließen sich nicht finden. Man schimpfte einander, schalt den Marqueur. Dieser schwieg schuldbewußt.
Im Diebstahl glaubte Peredonoff eine neue feindliche Intrige sehen zu müssen.
Warum? dachte er betrübt und verstand nicht.
Er ging in den Garten und setzte sich auf eine Bank, die dicht am Teiche stand, — hier hatte er noch nie gesessen, — und stierte stumpfsinnig auf das mit Entengrün bezogene Wasser. Wolodin setzte sich neben ihn, teilte seinen Kummer und blickte mit seinen Schafsaugen auf den Teich.
„Warum liegt dieser schmutzige Spiegel hier, Pawluschka?“ fragte Peredonoff und wies mit dem Stock auf den Teich.
Wolodin bleckte die Zähne und sagte:
„Das ist kein Spiegel, Ardascha; das ist ein Teich. Sintemal es eben windstill ist, spiegeln sich in ihm die Bäume; darum sieht es so aus, als läge hier ein Spiegel.“
Peredonoff sah auf. Hinter dem Teich war ein Zaun, der den Garten von der Straße trennte. Peredonoff fragte wieder:
„Warum sitzt der Kater auf dem Zaun?“
Wolodin blickte in dieselbe Richtung und sagte kichernd:
„Er war, er ist nicht mehr.“
Tatsächlich lebte der Kater nur in Peredonoffs Einbildung, — ein Kater mit weitaufgerissenen, grünen Augen, — sein verschlagener, unermüdlicher Feind. Wieder mußte Peredonoff an die Bälle denken.
Wer braucht sie? Hatte das graue, gespenstische Tierchen sie aufgefressen? War es darum heute nirgends zu sehen, — dachte er. — Es hat sich vollgefressen, hat sich irgendwohin gewälzt und schläft jetzt.
Niedergeschlagen schlich Peredonoff nach Hause. Der Abend war im Erlöschen. Ein Wölkchen zog irrend am Himmel, schlich heran, — Wolken gehen so leise, — hielt Umschau. Auf seinen dunklen Rändern spielte ein rätselhafter, tiefer Glanz. Ueber dem Flüßchen, das zwischen Garten und Stadt floß, zitterten die Schatten der Häuser und Gebüsche, sie flüsterten, suchten irgend jemand.
Und auf den Straßen dieser düstren, ewig feindlichen Stadt begegneten nur böse, spöttische Menschen. Alles verband sich zu einer allgemeinen Feindseligkeit gegen Peredonoff, — die Hunde lachten ihn aus, und die Menschen kläfften ihn an.
Die Damen der Stadt erwiderten Warwaras Besuch. Einige waren aus fröhlicher Neugierde schon nach zwei, drei Tagen gekommen, um Warwara in ihrer Häuslichkeit zu sehen. Andere wieder ließen eine Woche und mehr verstreichen. Und manche kamen überhaupt nicht, — so zum Beispiel die Werschina.
Peredonoffs erwarteten täglich mit größter Ungeduld die Gegenbesuche und zählten nach, wer noch nicht gekommen war. Ganz besonders ungeduldig erwarteten sie den Direktor und dessen Frau. Sie warteten und regten sich ungeheuer auf, — denn wie, — wenn die Chripatschs überhaupt nicht kämen!
Es verging eine Woche; sie waren nicht gekommen. Warwara wütete und schimpfte. Peredonoff kam vor lauter Erwartung in eine gequälte Stimmung.
Seine Augen waren ganz stumpf geworden, als wären sie erloschen; und manchmal schien es — es wären die Augen eines Toten. Eine sinnlose Furcht marterte ihn. Ohne jeden ersichtlichen Grund fürchtete er sich plötzlich vor diesen und jenen Gegenständen. Ihm war der quälende Gedanke gekommen, man wolle ihn erstechen; er fürchtete sich vor allem Geschliffenen und versteckte Messer und Gabeln.
Vielleicht, — dachte er, — sind sie besprochen und verhext. Man könnte zufällig in ein Messer rennen.
„Wozu hat man Messer?“ sagte er zu Warwara. „Die Chinesen essen doch mit Stäbchen.“
Aus diesem Grunde wurde eine Woche lang kein Fleisch gebraten, — man begnügte sich mit Kohl und Grütze.
Um sich an Peredonoff für die, vor der Trauung ausgestandenen Aengste zu rächen, bekräftigte ihn Warwara hie und da in der Ueberzeugung, daß seine Befürchtungen nicht grundlos wären. Sie sagte ihm, er hätte viele Feinde, und wie wäre es auch möglich, daß man ihn nicht beneiden sollte? Mehr als einmal ängstigte sie ihn damit, daß man ihn sicher denunziert und ihn bei den vorgesetzten Behörden und bei der Fürstin angeschwärzt hätte. Sie freute sich, wenn er sich augenscheinlich fürchtete.
Für Peredonoff schien es festzustehen, daß die Fürstin mit ihm unzufrieden war. Warum hatte sie zur Trauung weder ein Heiligenbild, noch Salz und Brot geschickt? Er dachte: man muß ihr Wohlwollen verdienen; aber wodurch? Durch eine Lüge etwa? Sollte er Klatschgeschichten verbreiten, jemanden denunzieren? Alle Damen lieben den Klatsch, — man müßte sich über Warwara etwas Unanständiges ausdenken und der Fürstin davon schreiben. Sie wird lachen und ihm eine Stelle verschaffen.
Aber Peredonoff brachte es nicht fertig so einen Brief zu schreiben, auch fürchtete er sich, an die Fürstin selbst zu schreiben. Und bald vergaß er diesen Einfall.
Die gewöhnlichen Gäste bewirtete Peredonoff mit Schnaps und ganz billigem Portwein. Für den Direktor hatte er aber eine Flasche Madeira für drei Rubel gekauft. Peredonoff hielt diesen Wein für etwas außerordentlich Kostbares, verwahrte ihn im Schlafzimmer, zeigte ihn nur den Gästen und sagte:
„Für den Direktor.“
Einmal, als Rutiloff und Wolodin bei Peredonoff waren, zeigte er ihnen den Madeira.
„Diese äußerliche Betrachtung mundet nicht,“ sagte Rutiloff kichernd. — „Gib uns lieber davon zu trinken.“
„Was nicht gar!“ antwortete Peredonoff böse. „Was soll ich dann dem Direktor anbieten?“
„Der Direktor wird Schnaps trinken,“ sagte Rutiloff.
„Ein Direktor trinkt keinen Schnaps; für einen Direktor schickt es sich, Madeira zu trinken,“ sagte Peredonoff nachdrücklich.
„Wenn er aber doch gerne Schnaps trinkt,“ beharrte Rutiloff.
„Das fehlte noch! ein General wird nie Schnaps mögen,“ sagte Peredonoff sicher.
„Immerhin, gib nur her,“ drängte Rutiloff.
Peredonoff brachte die Flasche eilig fort und man hörte, wie das Schloß am Schränkchen, in dem er den Wein verwahrte, knirschte. Als er wieder zurückkam, wechselte er das Thema und sprach von der Fürstin. Er sagte verdrießlich:
„Die Fürstin! Auf einem Bazar hat sie mit faulen Aepfeln gehandelt und den Fürsten geködert.“
Rutiloff lachte laut und sagte:
„Seit wann treiben sich Fürsten auf Bazaren herum?“
„Einerlei. Sie hat ihn angelockt,“ sagte Peredonoff.
„Das denkst du dir aus, Ardalljon Borisowitsch,“ widersprach Rutiloff. „Das ist nie vorgekommen. Die Fürstin ist eine angesehene Dame.“
Peredonoff blickte ihn wütend an und dachte: er verteidigt sie; er steckt mit ihr unter einer Decke. Die Fürstin hat ihn behext, wenn sie auch noch so weit von hier fort ist.
Aber das kleine, gespenstische Tierchen tummelte sich; es lachte lautlos und zitterte an allen Gliedern vor lauter Lachen. Es erinnerte Peredonoff an viele schreckliche Sachen. Aengstlich blickte er sich um und flüsterte:
„In jeder Stadt befindet sich ein geheimer Gendarmunteroffizier. Er geht in Zivil, dient oder handelt irgendwo oder tut sonst was; aber in der Nacht, wenn alles schläft, zieht er seine blaue Uniform an und geht stracks zum Gendarmerieoffizier.“
„Warum denn in Uniform?“ erkundigte sich Wolodin sachlich.
„Zum Vorgesetzten darf man nicht in Zivil. Dafür wird geprügelt,“ erklärte Peredonoff.
Wolodin kicherte. Peredonoff beugte sich dicht zu ihm und flüsterte:
„Manchmal lebt er sogar in anderer Gestalt. Man glaubt — es ist ein simpler Kater, — keine Spur! Es ist der Gendarm. Vor dem Kater kann man nichts verbergen, er hört und hört alles.“
Endlich, nach anderthalb Wochen, machte die Frau Direktor ihren Gegenbesuch. An einem Wochentage um vier Uhr kam sie — schön gekleidet, liebenswürdig, nach süßen Veilchen duftend, — zusammen mit ihrem Manne, angefahren, — für Peredonoffs ganz unerwartet: diese hatten Chripatschs aus irgend einem Grunde an einem Feiertag und viel früher erwartet. Alles ging durcheinander. Warwara war halbangekleidet und ungewaschen in der Küche. Sie lief schnell, sich zurechtzumachen, während Peredonoff die Gäste empfing und den Eindruck eines Menschen machte, der eben erst aufgewacht ist.
„Warwara kommt gleich,“ murmelte er, „sie kleidet sich um. Sie kochte gerade. Wir haben ein neues Mädchen, die kann noch nichts, sie ist eine dumme Gans.“
Bald darauf kam Warwara, nachlässig gekleidet; ihr Gesicht war rot und erschreckt. Sie gab den Gästen ihre feuchte, unsaubere Hand und sprach mit vor Aufregung zitternder Stimme:
„Verzeihen Sie, daß ich warten ließ, — wir wußten nicht, daß Sie an einem Wochentage kommen würden.“
„An Feiertagen fahre ich nur selten aus,“ sagte Madame Chripatsch, „da sind so viele Betrunkene auf den Straßen. Mögen die Dienstboten diesen Tag für sich haben.“
Es entspann sich eine notdürftige Unterhaltung, und die Liebenswürdigkeit der Frau Direktor ermunterte Warwara ein wenig. Die Frau Direktor behandelte Warwara etwas von oben herab, doch freundlich, — wie etwa eine reumütige Sünderin, zu der man freundlich sein muß, an der man sich aber noch beschmutzen kann. Sie gab Warwara einige Verhaltungsmaßregeln über Kleidung und Einrichtung, aber nur gesprächsweise.
Warwara gab sich alle Mühe, der Frau Direktor zu gefallen, aber ihre roten Hände und die geplatzten Lippen zitterten noch vor Schrecken. Das genierte die Frau Direktor. Sie bemühte sich, noch liebenswürdiger zu sein, aber ein unwillkürlicher Ekel befiel sie. Durch ihr ganzes Verhalten gab sie es Warwara deutlich zu verstehen, daß ein näherer Verkehr zwischen ihnen ausgeschlossen war. Da dies aber in sehr zuvorkommender Form geschah, so verstand es Warwara nicht und lebte im Glauben, sie und die Frau Direktor würden gute Freunde werden.
Chripatsch erinnerte in seinem Verhalten an einen Menschen, der sich ganz deplaziert vorkommt; aber gewandt und männlich suchte er das zu verbergen. Den Madeira trank er nicht: er wäre es nicht gewohnt, um diese Stunde Wein zu trinken. Man redete über die städtischen Neuigkeiten, über den bevorstehenden Wechsel im Bezirksgericht. Es war aber nur zu deutlich zu merken, daß er und Peredonoff in zwei einander feindlich gegenüberstehenden Gesellschaftsschichten verkehrten.
Sie blieben nicht lange.
Warwara war froh, als sie wieder gingen: nun, sie sind gekommen und sind bald gegangen. Sie zog sich um und sagte fröhlich:
„Gott sei Dank, sie sind fort. Ich wußte ja gar nicht, was ich sprechen sollte. Es ist schon so, wenn man jemand nur flüchtig kennt, so weiß man gar nicht, von welcher Seite man anpacken soll.“
Dann fiel es ihr ein, daß die Chripatschs sie beim Fortgehen nicht eingeladen hatten. Das verwirrte sie zuerst; dann dachte sie:
„Sie werden eine Einladung schicken, wann man sie besuchen darf. Diese Herrschaften haben ihre besonderen Stunden. Ich müßte eigentlich Französisch kläffen lernen. Auf Französisch kann ich nicht a und b sagen.“
Zu Hause sagte die Frau Direktor zu ihrem Mann:
„Sie ist eine ganz traurige, hoffnungslos tief stehende Person; es ist ganz unmöglich, sie als seinesgleichen zu betrachten. Nichts in ihr entspricht ihrer sozialen Stellung.“
Chripatsch antwortete:
„Sie steht ganz auf einer Stufe mit ihrem Manne. Ich erwarte es mit Ungeduld, daß er versetzt wird.“
Nach ihrer Verheiratung verlegte sich Warwara aufs Trinken. Sie trank mit der Gruschina oft zusammen. Einmal, — die Prepolowenskaja war gerade anwesend, und Warwara hatte einen leichten Rausch, — verschwatzte sie sich, als sie vom Brief erzählte. Zwar hatte sie nicht alles gesagt, immerhin aber recht deutliche Andeutungen gemacht. Der schlauen Sophie genügte das vollkommen, — wie Schuppen fiel es ihr von den Augen.
Wie bin ich nur nicht gleich darauf gekommen! machte sie sich den stillen Vorwurf.
Unter dem Siegel der Verschwiegenheit erzählte sie der Werschina von den gefälschten Briefen, — und so ging es wie ein Lauffeuer durch die Stadt.
Wenn die Prepolowenskaja Peredonoff traf, so konnte sie nicht umhin, ihn wegen seiner Leichtgläubigkeit auszulachen. Sie sagte:
„Wie sind Sie doch einfältig, Ardalljon Borisowitsch.“
„Ich bin nicht einfältig,“ antwortete er, „ich bin Kandidat der Universität[11].“
„Nun ja — Kandidat; aber wem es gerade einfällt, der haut Sie übers Ohr.“
„Das tue ich selber, daß ich die Leute übers Ohr haue,“ verteidigte sich Peredonoff.
Die Prepolowenskaja lächelte verschlagen und wich aus. Peredonoff konnte nichts verstehen, — wie kam sie nur darauf? Aus Bosheit! dachte er, alle Menschen sind mir feind.
Und er drohte hinter ihrem Rücken mit der Faust.
Nichts hast du gewonnen, versuchte er sich zu beruhigen.
Aber die Angst quälte ihn.
Der Prepolowenskaja schien es, als wären diese Andeutungen zu wenig. Andererseits wollte sie ihm nicht reinen Wein einschenken. Was sollte ihr an einem Streit mit Warwara liegen? Von Zeit zu Zeit richtete sie anonyme Briefe an Peredonoff, in denen sie deutlicher wurde. Aber Peredonoff verstand noch immer nicht.
Einmal schrieb sie ihm:
„Sehen Sie zu, ob jene Fürstin, die Ihnen die Briefe geschrieben hat, nicht hier am Orte lebt.“
Peredonoff glaubte, die Fürstin selber wäre gekommen, um ihn zu beobachten. Wahrscheinlich hat sie sich in mich vergafft und will mich Warwara abspenstig machen.
Diese Briefe erschreckten und ärgerten Peredonoff. Er setzte Warwara zu:
„Wo ist die Fürstin? Man sagt, sie wäre hier.“
Warwara, sich rächend für alles Frühere, quälte ihn mit Andeutungen, feigen, bösen Ausreden und Sticheleien. Gemein lächelnd, sagte sie mit falscher Stimme, wie man etwa dann spricht, wenn man wissentlich lügt und auf kein Vertrauen rechnen kann:
„Wie soll ich wissen, wo die Fürstin jetzt lebt.“
„Du lügst! Du weißt es!“ sagte Peredonoff ganz entsetzt.
Er wußte nicht, ob er dem Sinn ihrer Worte glauben sollte oder dem verräterischen Tonfall ihrer Stimme, — und das ängstigte ihn, wie alles, was er nicht begreifen konnte. Warwara entgegnete:
„Wieso denn! Vielleicht ist sie aus Petersburg fortgefahren, — sie hat mich doch nicht um Erlaubnis zu fragen.“
„Aber vielleicht ist sie wirklich hier?“ fragte Peredonoff eingeschüchtert.
„Vielleicht ist sie wirklich hier,“ ahmte ihn Warwara nach. „Sie hat sich in dich vergafft und ist hergekommen, um sich an dir sattzusehen.“
Peredonoff rief:
„Du lügst! sie hat sich nicht in mich vergafft?“
Warwara lachte laut und boshaft.
Von jenem Tage an achtete Peredonoff aufmerksam darauf, ob er nicht irgendwo die Fürstin sehen würde. Manchmal schien es ihm, als blickte sie durch die Tür oder zum Fenster herein! — sie beobachtet ihn, horcht auf jedes Wort, sie tuschelt mit Warwara.
Die Zeit verging, aber die von Tag zu Tag erwartete Ernennung Peredonoffs zum Inspektor traf nicht ein. Auch hörte man privaten Erkundigungen zufolge nichts von einem vakanten Posten. Peredonoff wagte es nicht, bei der Fürstin selber anzufragen, — denn Warwara erschreckte ihn stets damit, sie wäre eine sehr angesehene Dame. Und er hatte das Gefühl, es würden ihm die größten Unannehmlichkeiten daraus entstehen, wenn er es versuchen würde, an sie zu schreiben. Er wußte zwar nicht, was man ihm antun könnte, wenn die Fürstin ihn verklagen würde, aber gerade das war ihm besonders furchtbar. Warwara sagte:
„Kennst du denn die Aristokraten nicht? Warten, — sie tun selber alles, was nötig ist. Wirst du sie aber daran erinnern, — so wird sie das kränken, und das ist noch viel schlimmer. Sie haben ihre eigene Ehre! sie sind stolz, sie lieben es, wenn man ihnen vertraut.“
Und Peredonoff glaubte noch immer. Aber er ärgerte sich über die Fürstin. Zuweilen dachte er, daß sie ihn denunziert hätte, um sich ihrer Versprechungen zu entledigen. Oder ihn denunziert hätte aus lauter Eifersucht: sie war in ihn verliebt, und er hatte Warwara geheiratet. Darum, dachte er, umringt sie mich mit Spionen, die mir überall folgen und mich so beengen, daß ich keine Luft und kein Licht habe. Nicht umsonst ist sie so vornehm. Sie kann alles, was sie will.
Aus Wut verbreitete er über die Fürstin die unglaublichsten Geschichten. Er erzählte Rutiloff und Wolodin, er wäre früher ihr Liebhaber gewesen, und sie hätte ihm große Summen Geldes gegeben.
„Ich habe alles vertrunken. Was zum Teufel sollte ich damit anfangen! Sie hatte mir versprochen, mir eine Pension bis zum Lebensende zu zahlen. Aber sie hat mich betrogen.“
„Hättest du das angenommen?“ fragte Rutiloff und kicherte.
Peredonoff schwieg. Er verstand die Frage nicht. Dafür antwortete Wolodin für ihn, als verständiger, solider Mann:
„Warum sollte er es nicht nehmen, wenn sie doch reich ist? Hat sie ihr Vergnügen an ihm gehabt, so mag sie auch zahlen.“
„Wenn sie noch schön wäre!“ sagte Peredonoff betrübt. „Sie ist aber sommersprossig und hat eine Stülpnase. Das einzige war, daß sie gut zahlte, sonst hätte ich mich nicht einmal entschließen können, dies Luder anzuspucken. Sie muß meine Bitte erfüllen.“
„Du lügst, Ardalljon Borisowitsch,“ sagte Rutiloff.
„Ich lüge nicht. Etwa das, daß sie mir Geld gegeben hat? Glaubst du, ich hätte es umsonst getan? Sie ist eifersüchtig auf Warwara, und darum verschafft sie mir nicht die Stelle.“
Peredonoff schämte sich nicht einmal, wenn er davon sprach, daß die Fürstin ihm Geld gegeben hatte. Wolodin war ein gläubiger Zuhörer und merkte gar nicht, in was für dumme Widersprüche Peredonoff sich verwickelte. Rutiloff widersprach wohl, dachte aber, daß es ohne Feuer keinen Rauch gibt: irgend etwas, dachte er, hat Peredonoff mit der Fürstin gehabt.
„Sie ist älter als der Köter eines Popen,“ sagte Peredonoff zuversichtlich, als wäre es etwas ganz Sachliches; „erzählt es nur keinem weiter, — kommt es ihr zu Ohren, so geht es mir schlecht. Sie schminkt sich und spritzt sich Tau in die Adern, um jung zu bleiben. Man sieht es ihr auch nicht an, daß sie alt ist. Sie ist aber schon hundert Jahre alt.“
Wolodin schüttelte nur den Kopf und schmatzte mit den Lippen. Er glaubte alles.
Am folgenden Tage nach diesem Gespräch mußte Peredonoff in einer Klasse die Krjiloffsche Fabel „Der Lügner“ lesen lassen. Und einige Tage hintereinander fürchtete er sich über die Brücke zu gehen, — mietete ein Boot und ließ sich hinüberfahren, — die Brücke hätte ja unter ihm einstürzen können. Er erklärte Wolodin:
„Was ich über die Fürstin erzählte, ist wahr. Aber die Brücke könnte es nicht glauben und wird darüber einstürzen.“