XXIX
Das Kostümfest fand in der Bürgermuße statt; das war ein zweistöckiges, ziegelrot gestrichenes, kasernenartiges Steingebäude auf dem Bazarplatz. Gromoff-Tschistoplotskji, Regisseur und Schauspieler am städtischen Theater, war der Veranstalter des Festes.
Vor der Auffahrt, über die ein Kalikodach gespannt war, brannten Lämpchen. Das Volk auf der Straße kritisierte die zum Feste Anfahrenden oder zu Fuß Kommenden meist abfällig; dies war verständlich, denn auf der Straße konnte man von den Kostümen unter den Oberkleidern fast nichts sehn, und man urteilte in der Regel aufs Geratewohl. Die Schutzleute sorgten hinreichend für Ordnung auf der Straße; im Saale befanden sich aber als Gäste der Chef der Landpolizei und der Polizeileutnant.
Jeder Teilnehmer erhielt am Eingang zwei kleine Billette: das eine war rosa und galt dem schönsten Damenkostüm, das andere grüne — dem Herrenkostüm. Diese Billette konnte man den Würdigsten übergeben. Manche erkundigten sich:
„Darf man es für sich selber behalten?“
Anfangs fragte der Kassierer ganz erstaunt:
„Warum für sich selber?“
„Aber wenn ich nun mein Kostüm für das schönste halte,“ antwortete der Festteilnehmer.
Später wunderte sich der Kassierer nicht mehr über diese Fragen, sagte vielmehr mit sarkastischem Lächeln (es war ein spöttischer junger Mann):
„Ganz, wie es Ihnen beliebt. Behalten Sie, wenn Sie wollen, beide für sich.“
Die Säle waren nicht sehr sauber, und ein großer Teil der Anwesenden war schon zu Anfang betrunken.
In den engen Räumen, mit ihren verräucherten Wänden und Decken, brannten schiefe Lüster; sie waren übermäßig groß, schwer und schienen einem die Luft zu nehmen. Die verblichenen Portieren an den Türen sahen so aus, daß es widerlich war, sie zu streifen.
Hier und dort standen die Menschen in Gruppen; man hörte Ausrufe und Gelächter, — es galt jenen, die so kostümiert waren, daß sie die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich lenkten.
Der Notar Gudajewskji war als Indianer erschienen; im Haar hatte er Hahnenfedern, seine kupferrote Maske wies grüne, sinnlose Tätowierungen auf; er trug eine Lederjoppe, um die Schultern ein gewürfeltes Plaid und hohe, lederne Stiefel, mit grünen Troddeln. Er fuchtelte mit den Händen, sprang und ging im Turnerschritt, wobei er seine nackten, stark gebogenen Kniee weit vorwarf.
Seine Frau hatte sich als Aehre gekleidet. Sie trug ein buntes Kleid, das aus grünen und gelben Lappen zusammengeflickt war; nach allen Seiten starrte sie von Aehren, die sie überallhin gesteckt hatte. Diese kitzelten und stachen jeden, der ihr in die Nähe kam. Man zupfte und kniff sie. Sie schimpfte wütend:
„Ich werde kratzen!“ quiekte sie.
Ringsherum lachte man.
„Woher hat sie all die Aehren?“ fragte jemand.
„Sie hat im Sommer Vorrat gesammelt,“ antwortete man ihm, „jeden Tag war sie im Felde und hat gemaust.“
Einige bartlose Beamte, — die in die Gudajewskaja verliebt waren und denen darum schon früher mitgeteilt worden war, was sie anhaben würde, — begleiteten sie. Sie sammelten für sie Billette, — fast mit Gewalt, mit Grobheiten. Manchen, die weniger selbständig waren, nahmen sie die Billette einfach aus der Hand.
Aber es gab auch andere kostümierte Damen, die durch ihre Herren Billette für sich sammeln ließen. Andere wieder blickten gierig auf die noch nicht hergegebenen Zettelchen und bettelten darum. Man antwortete ihnen mit Grobheiten.
Eine verzagte Dame, die als „Nacht“ gekleidet war, — sie trug ein blaues Kleid und hatte ein gläsernes Sternchen und einen papierenen Halbmond an der Stirn, — sagte schüchtern zu Murin:
„Geben Sie mir Ihr Billettchen!“
Murin antwortete grob:
„Wer bist du! Dir ein Billett! Ungewaschenes Maul — du!“
Die „Nacht“ brummte böse und ging. Sie wollte zu Hause nur zwei oder drei Billettchen vorzeigen und sagen: seht, — die hat man mir gegeben. Aber bescheidne Hoffnungen sind immer erfolglos.
Die Lehrerin Skobotschkina war als Bärin erschienen, d. h. sie hatte sich einfach ein Bärenfell um die Schultern geworfen, und den Rachen des Bären wie einen Helm auf ihren Kopf über die gewöhnliche Halbmaske gestülpt. Im allgemeinen war das natürlich läppisch; ihrer massiven Struktur aber und ihrer saftigen Stimme stand das wohl an. Die Bärin schritt mit schweren Schritten einher und knurrte durch den ganzen Saal, daß die Flammen in den Kronleuchtern zitterten.
Vielen gefiel das. Sie erhielt nicht wenig Billette. Aber sie verstand es nicht, sie aufzubewahren, und einen findigen Begleiter, wie die andern, hatte sie nicht. Kleine Kaufleute hatten sie betrunken gemacht, aus lauter Mitgefühl für ihre Fähigkeit das Gebaren eines Bären so gut nachzuahmen. Man schrie:
„Seht nur, die Bärin säuft Schnaps.“
Die Skobotschkina konnte sich nicht entschließen, den Schnaps dankend abzulehnen. Sie glaubte eine Bärin müsse Schnaps trinken, wenn er ihr angeboten würde. Bald war sie betrunken; da stahlen ihr Darja und Ludmilla sehr geschickt mehr als die Hälfte ihrer Billette und gaben sie Sascha.
Durch seinen stattlichen Wuchs fiel ein alter Germane auf. Vielen gefiel es, daß er so kräftig gebaut war und daß man seine Arme sehen konnte, gewaltige Arme mit einer vorzüglich entwickelten Muskulatur. Ihm folgten hauptsächlich Damen, und rings um ihn tönte lobendes, wohlwollendes Geflüster. Im alten Germanen glaubte man den Schauspieler Bengalskji zu erkennen. Bengalskji war beliebt. Darum gaben ihm viele ihre Zettel. Man folgerte so:
„Wenn ich den Preis nicht erhalte, so mag ihn ein Schauspieler oder eine Schauspielerin haben. Erhält ihn einer aus unserer Gesellschaft, so quält er einen mit seinen Prahlereien zu Tode.“
Auch das Kostüm der Gruschina fand Beifall, — wie eben etwas Skandalöses Beifall findet. In dichten Scharen folgten ihr die Männer; sie lachten und machten unflätige Bemerkungen. Die Damen wandten sich ab und waren empört. Endlich trat der Polizeileutnant zur Gruschina und sagte, süß schmunzelnd:
„Gnädigste, Sie werden sich bedecken müssen.“
„Was gibt’s denn da? Man sieht nichts Unanständiges an mir,“ antwortete die Gruschina frech.
„Gnädigste, die Damen fühlen sich beleidigt,“ sagte Mintschukoff.
„Der Teufel soll Ihre Damen holen,“ zeterte die Gruschina.
„Nein, bitte, Gnädigste,“ bat Mintschukoff, „haben Sie die Liebenswürdigkeit, wenigstens Ihre Brüstchen und Ihr Rückchen mit einem Taschentüchlein zu bedecken.“
„Wenn mein Taschentuch aber vollgeschneuzt ist?“ antwortete die Gruschina gemein lachend.
Mintschukoff aber beharrte:
„Wie es Ihnen beliebt, Gnädigste. Nur, — wenn Sie sich nicht bedecken, sehe ich mich gezwungen, Sie zu entfernen.“
Schimpfend und spuckend, ging die Gruschina in die Garderobe und breitete, mit Hilfe eines Dienstmädchens, einige Falten ihres Kleides über Rücken und Brust. Als sie in den Saal zurückkehrte, wenn auch etwas bescheidner in ihrem Ansehen, suchte sie doch wieder eifrig nach Anbetern. In plumper Weise scherzte sie mit allen Männern. Als deren Aufmerksamkeit aber in eine andere Richtung gelenkt wurde, ging sie ins Buffetzimmer, um Süßigkeiten zu stehlen.
Bald kehrte sie wieder in den Saal zurück, zeigte Wolodin zwei Pfirsiche, schmunzelte perfid und sagte:
„Darauf bin ich selber gekommen.“
Und sofort verschwanden die Pfirsiche wieder in den Falten ihres Gewandes. Wolodin bleckte erfreut die Zähne.
„Nun,“ sagte er, „dann gehe auch ich, — wenn es sich so verhält.“
Bald war die Gruschina betrunken und betrug sich außerordentlich laut, — sie schrie, fuchtelte mit den Händen, spuckte.
„Eine muntere Dame — die Diana,“ sagte man von ihr.
Das war das Kostümfest, zu dem die verdrehten jungen Damen den leichtsinnigen Gymnasiasten mitgenommen hatten. In zwei Droschken kamen die drei Schwestern und Sascha schon recht spät angefahren, — seinetwegen hatten sie sich verspätet.
Ihr Kommen wurde im Saal bemerkt. Besonders die Geisha gefiel vielen. Es ging das Gerücht, die Schauspielerin Kaschtanowa, — besonders der männliche Teil der Gesellschaft hatte eine Vorliebe für sie, — wäre als Geisha kostümiert. Daher erhielt Sascha sehr viele Billette.
Die Kaschtanowa war aber gar nicht gekommen, — am Vorabend war ihr kleiner Sohn schwer erkrankt.
Sascha, trunken von dem vielen Neuen was er sah, kokettierte ganz unglaublich. Je mehr sich die Zettel in der kleinen Hand der Geisha häuften, desto fröhlicher und mutwilliger blitzten die Augen der koketten Japanerin durch die schmalen Schlitze in der Maske.
Die Geisha hockte nieder, hob ihre schmalen Fingerchen, kicherte mit verstellter Stimme, spielte mit ihrem Fächer, klopfte damit diesem oder jenem Herren auf die Schulter, und versteckte sich dann hinter dem Fächer, und jeden Augenblick klappte sie ihren rosa Sonnenschirm auf und zu. Nicht sonderlich schlaue Handgriffe, — jedenfalls genügten sie, um alle die zu gewinnen, welche die Schauspielerin Kaschtanowa verehrten.
„Ich gebe mein Papier, — der Allerschönsten — dir!“ sagte Tischkoff und überreichte sein Billett mit einem jugendlichen Kratzfuß der Geisha.
Er hatte schon viel getrunken und war ganz rot; sein in einem ewigen Lächeln erstarrtes Gesicht und seine ungelenke Figur machten ihn einer Puppe ähnlich. Und immer reimte er.
Valerie sah Saschas Erfolge und beneidete ihn; sie hätte es zu gern gesehn, daß man sie erkannt hätte, daß ihr Kostüm und ihre schmale, schlanke Gestalt allen gefiele, und daß sie den Preis erhielte. Gleich fiel es ihr aber zu ihrem Aerger ein, daß das ganz ausgeschlossen war: die drei Schwestern hatten verabredet, Billette nur für die Geisha aufzutreiben, und ihre eigenen Zettelchen, die sie etwa bekommen sollten, ebenfalls der Geisha zu geben.
Im Saale wurde getanzt. Wolodin, stark angeheitert, tanzte den Kasatschek.[12] Der Polizeileutnant verbot ihm das. Er sagte fröhlich-gehorsam:
„Nun, wenn es verboten ist, so tue ich es auch nicht.“
Zwei Bürger aber, die seinem Beispiel gefolgt waren, und den Trepak tanzten, wünschten, nicht nachzugeben:
„Mit welchem Recht? Für meinen Fünfziger!“ riefen sie, wurden aber hinausgeführt.
Wolodin begleitete sie, verrenkte die Glieder, bleckte die Zähne und hopste dazu.
Fräulein Rutiloffs beeilten sich, Peredonoff aufzufinden, um sich über ihn lustig zu machen. Er saß allein, an einem Fenster und blickte mit irren Augen in die Menge. Menschen und Gegenstände schienen ihm sinnlos und aufgelöst, doch aber ihm feindlich zu sein.
Ludmilla, die Zigeunerin, trat auf ihn zu und sagte mit verstellter, tiefer Stimme:
„Mein lieber Herr, ich will dir wahrsagen.“
„Geh zum Teufel!“ rief Peredonoff.
Das plötzliche Erscheinen der Zigeunerin hatte ihn erschreckt.
„Guter Herr, mein goldner Herr, gib mir deine Hand. Ich sehe es an deinem Gesicht, — du wirst reich werden, du wirst ein hoher Vorgesetzter werden,“ bettelte Ludmilla und nahm einfach Peredonoffs Hand.
„Sieh zu, daß du mir nur Gutes sagst,“ brummte Peredonoff.
„O, du mein diamantner Herr,“ wahrsagte Ludmilla, „du hast viele Feinde, man wird dich angeben, du wirst weinen; unter einem Zaune wirst du sterben.“
„Ach du Luder!“ schrie Peredonoff und riß seine Hand los.
Ludmilla war mit einem Satz in der Menge verschwunden. Valerie löste sie ab, — sie setzte sich neben Peredonoff und flüsterte zärtlich:
„Ich bin eine span’sche Dirne,
Liebe dich wie nie zuvor, —
Dumm ist deine Frau im Hirne,
Mein geliebtester Signor.“
„Du lügst, dumme Gans,“ knurrte Peredonoff.
Valerie flüsterte:
„Heiß wie Tage, süß wie Nächte
Ist mein Sevillaner-Kuß —
Spucke deiner Frau — der schlechten
In die Augen Speichelfluß.
Deine Frau — sie heißt Barbare,
Du bist schön, mein Ardalljon.
Du und sie seid schlecht im Paare —
Du bist klug, wie Salomon.“
„Das ist richtig,“ sagte Peredonoff, „wie soll ich ihr aber in die Augen spucken? Sie wird sich bei der Fürstin beklagen, und die wird mir keine Stelle verschaffen.“
„Wozu brauchst du eine Stelle? Du bist auch ohne Stelle lieb und gut,“ sagte Valerie.
„Ach, wie soll ich denn leben, wenn man mir keine Stelle gibt,“ sagte Peredonoff mutlos.
Darja schob Wolodin ein Briefchen in die Hand, das mit einer rosa Oblate verklebt war. Erfreut meckernd öffnete Wolodin das Kuvert und las den Brief; er wurde nachdenklich, — dann warf er sich in die Brust und es schien, als hätte ihn etwas aus der Fassung gebracht. Kurz und klar stand geschrieben:
„Komm Liebling, morgen um elf Uhr abends zu einem Stelldichein in die Militärbadstube. Deine dir ganz fremde J.“
Wolodin glaubte an die Aufrichtigkeit der Briefschreiberin, aber es fragte sich nur, — lohnte es überhaupt, hinzugehen? Wer ist diese J? Eine Jenny vielleicht? Oder fängt ihr Familienname mit dem Buchstaben J an?
Wolodin zeigte Rutiloff den Brief.
„Geh hin, natürlich geh hin!“ überredete ihn Rutiloff. „Sieh zu, was dabei herauskommt. Vielleicht ist es eine reiche Braut; sie hat sich in dich verliebt; aber ihre Eltern sind dagegen; darum will sie sich eben mit dir aussprechen.“
Aber Wolodin dachte lange, lange nach und beschloß, daß es nicht der Mühe wert wäre hinzugehen. Er sagte stolz:
„Sie wirft sich mir an den Hals! aber solche sittenlose Mädchen liebe ich nicht.“
Er fürchtete sich, dort verprügelt zu werden: die Militärbadstube war in einer ganz verrufenen Gegend, am äußersten Ende der Stadt.
Als die dichtgedrängte Menge sich in allen Räumen der Muße verteilt hatte, schreiend, übertrieben lustig, — hörte man an der Eingangstür des Saales lauten Lärm, Gelächter, ermunternde Zurufe. Alles drängte dahin. Es ging von Mund zu Munde, — eine furchtbar originelle Maske wäre erschienen.
Durch die Menge bahnte sich den Weg ein magerer, langer Mensch. Er trug einen geflickten, schmutzigen Schlafrock, hielt einen Birkenquast unter dem Arm und eine Kippe[13] in der Hand. Seine Maske war aus Karton geschnitten, — eine dumme Fratze mit einem spärlichen Backenbärtchen, auf dem Kopf trug er aber eine Mütze mit der Beamten-Kokarde des Zivildienstes. Ganz erstaunt wiederholte er fortwährend:
„Man sagte mir, hier wäre ein Maskenfest, und kein Mensch wäscht sich.“
Traurig schwenkte er seine Kippe. Die Menge folgte ihm, kam aus dem Staunen nicht heraus und freute sich harmlos über den gelungenen Scherz.
„Der bekommt den Preis,“ sagte Wolodin neidisch.
Er beneidete ihn, wie viele andere, gewissermaßen gedankenlos, unmittelbar, — er selber war gar nicht kostümiert; was also, sollte man meinen, hatte er für einen Grund, ihn zu beneiden? Matschigin dagegen war in einem seligen Entzücken: besonders die Kokarde freute ihn. Er lachte froh, klatschte in die Hände und sagte zu Bekannten und Unbekannten:
„Eine vortreffliche Kritik! Diese Beamten machen so viel Wesens von sich; sie lieben es, die Kokarde zu tragen und Uniformen; da haben sie nun die Kritik; — wirklich sehr geschickt!“
Als es heiß wurde, fächelte sich der Beamte im Schlafrock mit seinem Birkenquast Kühlung zu und rief:
„Die wahre Badstube!“
Alles lachte fröhlich. Die Zettelchen regneten in seine Kippe.
Peredonoff sah auf den hocherhobenen Birkenquast. Er glaubte, es wäre das graue, gespenstische Tierchen.
Es ist grün geworden — das Vieh! dachte er entsetzt.