XXVIII
Sascha war nach dem Mittagessen fortgegangen und zur festgesetzten Zeit, um sieben Uhr, noch nicht heimgekehrt. Die Kokowkina wurde unruhig: wollte Gott es verhüten, daß er zu dieser verbotenen Stunde einem der Lehrer auf der Straße begegnete. Man würde ihn bestrafen, und ihr wäre das so peinlich. Bei ihr hatten immer bescheidene Jungen gelebt, die sich nie in der Nacht herumgetrieben hatten. Sie machte sich auf die Suche nach ihm. Wo sollte er anders sein, als bei Rutiloffs.
Ludmilla hatte, — als mußte es gerade heute sein, — es vergessen, die Tür zu verriegeln. Die Kokowkina trat ein und was sah sie?
Sascha steht vor dem Spiegel und fächelt sich mit einem Fächer. Ludmilla lacht aus vollem Halse und zupft die Bänder an seinem grellfarbigen Gürtel zurecht.
„Ach du lieber Gott! Dein Wille geschehe!“ rief die Kokowkina entsetzt, „was sind das für Geschichten! Ich bin ganz aus dem Häuschen, suche ihn überall, und er führt hier eine Komödie auf: Schande, Schande — sich in Weiberröcke zu kleiden! Und wie, schämen Sie sich nicht, Ludmilla Platonowna!“
Ludmilla — ganz überrumpelt — wurde im ersten Augenblick verlegen; aber sie faßte sich schnell. Fröhlich lachend umarmte sie die Kokowkina, setzte sie in einen Sessel und erzählte ihr eine rasch erfundene Geschichte:
„Wir haben zu Hause eine kleine Maskerade vor, — ich werde ein Junge sein, und er ein Mädchen, und das wird furchtbar lustig werden.“
Puterrot und erschreckt stand Sascha da, und die Tränen traten ihm in die Augen.
„Was für Dummheiten!“ sagte die Kokowkina ärgerlich, „er muß seine Aufgaben lernen und hat keine Zeit für Maskeraden. Was Sie sich ausdenken! Beliebe dich augenblicklich anzukleiden, Alexander, und marsch — nach Hause.“
Ludmilla lachte fröhlich und hell und umarmte die Kokowkina; die alte Frau dachte, daß das fröhliche Mädchen noch kindisch wie ein Backfisch wäre, und daß Sascha aus Dummheit froh wäre, allen ihren Launen gehorchen zu können. Ludmillas fröhliches Gelächter ließ die ganze Sache so kindisch und harmlos erscheinen, daß man darüber schlimmstenfalls etwas brummen durfte. Und sie schalt und machte ein böses und unzufriedenes Gesicht, — aber ihr Herz war schon wieder ganz ruhig.
Sascha kleidete sich schnell hinter dem Bettschirm um. Die Kokowkina ging mit ihm zusammen heim und schalt den Weg über auf ihn. Er schämte sich sehr, war erschrocken und sagte nichts zu seiner Rechtfertigung. Was wird es erst zu Hause geben? dachte er ängstlich.
Und zu Hause verfuhr die Kokowkina zum erstenmal mit aller Strenge: er mußte sich auf die Knie stellen. Aber schon nach fünf Minuten hatte sie Mitleid mit seinem kläglichen, schuldbewußten Gesicht und er durfte wieder aufstehen.
„So ein Geck! Auf eine Werst riecht man deine Parfums,“ sagte sie brummig.
Sascha machte einen geschickten Kratzfuß und küßte ihr die Hand; die Liebenswürdigkeit des bestraften Knaben rührte sie noch mehr.
Unterdessen drohte ein Unwetter über Sascha hereinzubrechen. Warwara und die Gruschina verfaßten einen anonymen Brief und schickten ihn an Chripatsch; sie behaupteten darin, der Gymnasiast Pjilnikoff wäre von Fräulein Rutiloff verführt worden; er brächte ganze Abende bei ihr zu und wäre dem Laster ergeben.
Der Direktor mußte an eine kurz vorher geführte Unterhaltung denken. Vor einigen Tagen hatte jemand auf einer Soirée beim Adelsmarschall die von niemand verstandene Bemerkung hingeworfen, eine junge Dame hätte sich in einen Halbwüchsling verliebt. Man hatte gleich wieder von anderen Dingen gesprochen: in Chripatschs Gegenwart hielt man es, nach dem stillschweigenden Einvernehmen wohlerzogener Leute, für außerordentlich peinlich, dieses Thema zu diskutieren, gab sich den Anschein, als wäre es unbequem, darüber in Gegenwart von Damen zu sprechen, und tat so, als wäre die Sache selber ganz unbedeutend und unglaubwürdig. Chripatsch merkte das natürlich; er war aber nicht so einfältig, um sich bei jemand zu erkundigen. Er war vollständig überzeugt, daß er bald alles erfahren würde, und daß auf diesem oder jenem Wege, immer aber noch rechtzeitig, eine Nachricht ihm zu Ohren kommen würde. Da kam dieser Brief, und das war die erwartete Nachricht.
Chripatsch glaubte keinen Augenblick an die Verderbtheit Pjilnikoffs, oder daß sein Verkehr mit Ludmilla irgendwie die Grenzen des Erlaubten überschritte.
Das alles, — dachte er, — hat seinen Grund in der dummen Erfindung Peredonoffs und wird genährt von der neidischen Bosheit der Gruschina. Dieser Brief aber, — dachte er, — beweist, daß unerwünschte Gerüchte in Umlauf sind; sie könnten doch ein schlechtes Licht auf das Ansehen des ihm anvertrauten Gymnasiums werfen. Darum müssen Maßnahmen getroffen werden.
Vor allem bat er die Kokowkina, ihn aufzusuchen, um mit ihr über die Tatsachen zu sprechen, die diese unerwünschten Gerüchte veranlaßt haben konnten.
Die Kokowkina wußte schon, worum es sich handelte. Man hatte es ihr noch deutlicher zu verstehen gegeben, als dem Direktor. Die Gruschina hatte sie auf der Straße erwartet, ein Gespräch mit ihr angeknüpft und erzählt, Ludmilla hätte Sascha von Grund aus verdorben.
Die Kokowkina war überrascht. Zu Hause überschüttete sie Sascha mit Vorwürfen. Ihr war die ganze Geschichte um so peinlicher, als doch alles sich fast vor ihren Augen abgespielt hatte und weil Sascha mit ihrem Einverständnis zu Rutiloffs ging. Sascha stellte sich so, als verstünde er nichts und fragte:
„Was habe ich denn Schlimmes getan?“
Die Kokowkina kam in Verlegenheit.
„Wie! Was du Schlimmes getan hast? Weißt du es nicht mehr? Ist es lange her, daß ich dich in Weiberröcken getroffen habe? Hast du es vergessen, du Schlingel?“
„Nun, Sie haben mich so getroffen. Ist denn etwas Schlimmes dabei? Dafür haben Sie mich doch schon bestraft! Und was ist denn dabei, — als hätte ich einen gestohlenen Rock angehabt!“
„Sag doch einer, sag doch einer! wie er sich ausredet!“ sagte die Kokowkina fassungslos. „Ich habe dich wohl bestraft, aber scheinbar zu wenig.“
„Dann bestrafen Sie mich mehr,“ sagte Sascha trotzig, mit der Miene eines unschuldig Gekränkten. „Damals verziehen Sie mir, und jetzt ist es zu wenig. Ich habe Sie nicht gebeten, mir zu verzeihen, — ich hätte den ganzen Abend auf den Knieen gestanden. Warum macht man mir jetzt noch Vorwürfe!“
„Mein Lieber, man redet schon in der ganzen Stadt von dir und deiner Ludmilla,“ sagte die Kokowkina.
„Was wird denn geredet?“ fragte Sascha treuherzig-neugierig.
Die Kokowkina kam wieder in Verlegenheit.
„Was geredet wird, — man weiß doch was! Du weißt es genau, was man über euch sagen kann. Da kommt wenig Gutes dabei heraus. Du treibst Unfug mit deiner Ludmilla, — das redet man.“
„Ich werde nicht mehr Unfug treiben,“ versprach Sascha so ruhig, als unterhielte man sich über das Hasch-hasch-Spiel.
Er machte ein unschuldiges Gesicht, aber es war ihm schwer ums Herz. Er versuchte die Kokowkina auszuhorchen, was denn eigentlich geredet würde, und fürchtete sich, vielleicht grobe Worte hören zu müssen. Was konnte nur über sie beide geredet werden? Die Fenster von Ludmillas Zimmer gingen in den Garten, von der Straße aus konnte man nichts sehen, und außerdem ließ Ludmilla immer die Vorhänge herunter. Und wenn jemand zugesehn hatte, wie hatte er es erzählt? Vielleicht mit peinlichen, rohen Worten? Oder wurde nur davon geredet, daß er oft hinging?
Am darauffolgenden Tage erhielt die Kokowkina die Vorladung zum Direktor. Die alte Frau kam ganz aus der Fassung. Zu Sascha sagte sie kein Wort und machte sich zur festgesetzten Stunde still auf den Weg. Chripatsch machte ihr sehr liebenswürdig und schonend Mitteilung von dem erhaltenen Brief. Sie brach in Tränen aus.
„Beruhigen Sie sich, wir beschuldigen Sie nicht,“ sagte Chripatsch, „wir kennen Sie zu gut. Allerdings werden Sie ihn künftighin strenger beaufsichtigen müssen. Jetzt sagen Sie mir nur bitte, was eigentlich vorgefallen ist.“
Als die Kokowkina vom Direktor nach Hause zurückkehrte, überschüttete sie Sascha mit neuen Vorwürfen.
„Ich werde es der Tante schreiben,“ sagte sie weinend.
„Ich bin unschuldig. Mag die Tante kommen. Ich fürchte mich nicht,“ sagte Sascha und weinte ebenfalls.
Am nächsten Tage ließ der Direktor Sascha zu sich kommen und fragte ihn kalt und streng:
„Ich wünsche zu wissen, mit wem Sie in der Stadt verkehren.“
Sascha blickte den Direktor verlegen, unschuldig und ruhig an.
„Mit wem ich verkehre?“ sagte er, „Olga Wassiljewna weiß es; ich besuche nur meine Kameraden und Rutiloffs.“
„Das ist es eben,“ setzte der Direktor sein Verhör fort, „was treiben Sie bei Rutiloffs?“
„Nichts Besonderes; nur so!“ antwortete Sascha unschuldig, „hauptsächlich lesen wir zusammen. Fräulein Rutiloffs lieben Gedichte sehr. Und ich bin immer um sieben Uhr zu Hause.“
„Vielleicht doch nicht immer?“ fragte Chripatsch und richtete auf Sascha einen Blick, den er durchdringend zu gestalten versuchte.
„Ja, einmal habe ich mich verspätet,“ sagte Sascha mit der ruhigen Offenheit eines harmlosen Knaben, „aber dafür bekam ich Schelte von Olga Wassiljewna; und dann bin ich nie wieder zu spät gekommen.“
Chripatsch mußte schweigen. Saschas ruhige Antworten verblüfften ihn. In jedem Fall mußte er ihn rügen, ihm einen Verweis erteilen, aber wie sollte er es tun und wofür? — ohne den Knaben auf böse Gedanken zu bringen, die er früher (Chripatsch glaubte das) nicht gehabt hatte, — ohne den Knaben zu kränken, — andererseits doch so, daß alles geschah, um die Unannehmlichkeiten zu vermeiden, die ihm in Zukunft aus diesem Verkehr erwachsen konnten.
Chripatsch überlegte, wie schwer und verantwortungsvoll doch die Pflichten eines Pädagogen wären, besonders, wenn man die Ehre hat, einer Lehranstalt vorzustehen. Ja, schwer und verantwortungsvoll sind die Pflichten eines Pädagogen! Diese banale Ueberlegung beflügelte seine erlahmenden Gedanken. Er begann zu reden, schnell, deutlich und langweilig. Aus dem hundertsten ins tausendste mußte Sascha hören:
„... Ihre erste Pflicht als Schüler, ist — zu arbeiten ... man darf sich nicht geselligen Vergnügungen hingeben, wenn diese auch sehr angenehm und ganz einwandfrei sein sollten ... in jedem Falle muß gesagt werden, daß ein Verkehr mit Altersgenossen für Sie ersprießlicher ist .. Man muß sein eigenes Renommee und das der Schule zu wahren wissen ... Endlich, — ich sage es Ihnen geradeheraus, — habe ich Grund zu der Annahme, daß Ihr Verhältnis zu den jungen Damen den Charakter einer zu großen Freiheit trägt, einer Freiheit, die bei Ihrem Alter unstatthaft ist, und die den allgemein anerkannten Regeln der guten Sitte nicht entspricht.“
Sascha mußte weinen. Es tat ihm so leid, daß man von der lieben Ludmilla denken und reden konnte wie von einer Person, mit der man unanständig und frei verkehren konnte.
„Mein Ehrenwort, es ist nichts Schlimmes vorgefallen,“ beteuerte er, „wir haben nur zusammen gelesen, sind spazieren gegangen, spielten, — nun ja — haben getollt, — und weiter sind gar keine Freiheiten vorgekommen.“
Chripatsch klopfte ihm auf die Schulter und sagte mit einer Stimme, die herzlich klingen sollte und traurig klang:
„Hören Sie mal, Pjilnikoff ...“
(Oder sollte er den Knaben Sascha nennen? Das ist zu unförmlich, und eine diesbezügliche Verfügung des Ministers ist noch nicht getroffen!)
„Ich glaube Ihnen, daß nichts Schlimmes vorgefallen ist. Immerhin täten Sie gut daran, Ihre häufigen Besuche einzustellen. Glauben Sie mir, — es wird besser sein. Das sage ich Ihnen nicht nur als Ihr Lehrer und Vorgesetzter, sondern auch als Freund.“
Sascha blieb nichts anderes übrig, als sich zu verbeugen, sich zu bedanken — und zu gehorchen. Zu Ludmilla kam er nur auf fünf oder zehn Minuten gelaufen, — bemühte sich aber doch, sie an jedem Tage aufzusuchen. Es war doch ärgerlich, sie nur so flüchtig sehen zu können, — und seinen Aerger darüber ließ er an Ludmilla selber aus. Es kam oft vor, daß er sie Ludmilka, dumme Gans, Eselin von Siloah nannte, oder daß er sie schlug. Darüber mußte Ludmilla lachen.
Durch die Stadt ging das Gerücht, die Schauspieler des Theaters wollten in der Bürgermuße ein Kostümfest veranstalten mit Preisen für die schönsten Kostüme für Herren und Damen. Ueber die Preise waren die übertriebensten Gerüchte in Umlauf. Es wurde erzählt, die Dame würde eine Kuh erhalten, der Herr — ein Fahrrad. Diese Gerüchte erregten die Gemüter. Jeder wünschte sich den Preis: es waren so solide Dinge. Voll Eifer nähte man an den Kostümen. Man gab viel Geld aus und ließ es sich nicht leid sein. Vor den besten Freunden verheimlichte man seine Pläne, damit die „glänzende Idee“ nicht vorweggenommen würde.
Als das gedruckte Programm über das Kostümfest erschien, — riesige Affichen, die an alle Zäune geklebt und jedem angesehenen Bürger ins Haus geschickt wurden, — erwies es sich, daß man weder eine Kuh, noch ein Fahrrad erhalten konnte, sondern die Dame sollte nur einen Fächer, der Herr nur ein Album bekommen. Das enttäuschte und verstimmte alle, die sich zum Kostümfest vorbereitet hatten. Man murrte. Man sagte:
„Es lohnte sich Geld auszugeben!“
„Es ist einfach lächerlich — solche Preise.“
„Man hätte es von Anfang an sagen müssen.“
„Nur bei uns kann man so mit dem Publikum umspringen.“
Trotzdem wurden die Vorbereitungen fortgesetzt: waren die Preise auch miserabel, so war es doch schmeichelhaft, sie zu erhalten.
Darja und Ludmilla nahmen weder zu Anfang noch später ein Interesse an der Preisverteilung. Was sollten sie mit einer Kuh! oder war ein Fächer etwas Besonderes! Und wer würden die Preisrichter sein? Was für einen Geschmack konnten sie — die Richter — entwickeln! Aber beide Schwestern waren entzückt von Ludmillas Einfall, Sascha als Dame auf das Kostümfest mitzunehmen, so die ganze Stadt zu hintergehen und es zu betreiben, daß er den Preis erhielte. Auch Valerie gab sich den Anschein, als wäre sie einverstanden. Eifersüchtig und schwächlich wie ein Kind, ärgerte sie sich: es war Ludmillas Freund, nicht ihrer, — aber sie wagte es nicht, mit den beiden älteren Schwestern Streit anzufangen. Sie sagte nur verächtlich lächelnd:
„Er wird es nicht wagen.“
„Das fehlte noch,“ sagte Darja resolut, „wir werden es so einrichten, daß niemand davon erfährt.“
Und als die Schwestern Sascha ihre Idee mitteilten, und als Ludmilla sagte:
„Wir werden dich als Japanerin verkleiden,“ da sprang und quiekte er vor Vergnügen. Mochte kommen was wollte, — und besonders, wenn keiner davon erfährt, — ihm sollte es recht sein, — wie sollte er nicht einverstanden sein! — das ist doch so furchtbar lustig, — alle hinters Licht zu führen.
Man beschloß auf der Stelle Sascha als Geisha zu verkleiden. Die Schwestern bewahrten ihren Plan als strengstes Geheimnis, — nicht einmal Larissa oder der Bruder wußten darum. Das Geishakostüm schnitt Ludmilla nach einer Etikette auf einem Korylopsisfläschchen zu: ein Kleid aus gelber Seide, auf rotem Atlas gefüttert, sehr lang und weit, wie ein Schlafrock; auf das Kleid stickte sie ein buntes Muster, — große Blumen in sonderbaren Linien.
Auch Schirm und Fächer fertigten die jungen Damen selber an, — der Fächer war aus dünnem, gemustertem japanischem Papier auf Bambusstäbchen gezogen, der Sonnenschirm aus rosa Seide ebenfalls an einem Bambusrohr. An die Füße zogen sie ihm rosa Strümpfe und hölzerne Pantoffelchen auf kleinen Brettern.
Auch die Maske für die Geisha bemalte die Künstlerin Ludmilla: ein gelbliches, aber liebes, schmales Gesichtchen mit einem leichten, starren Lächeln auf den Lippen, schrägliegende Schlitze für die Augen, und ein schmaler, kleiner Mund. Nur die Perücke mußte man sich aus Petersburg kommen lassen, — schwarze, glatt aufgekämmte Haare.
Man brauchte Zeit, um das Kostüm anzuprobieren, und Sascha konnte immer nur für Augenblicke kommen, nicht einmal täglich. Aber alles fand sich: Sascha lief in der Nacht davon, wenn die Kokowkina schlief, durchs Fenster. Alles ging glatt.
Auch Warwara rüstete sich zum Kostümfest. Sie kaufte eine Maske, die irgend eine dumme Fratze vorstellte, und um das Kostüm kümmerte sie sich nicht viel, — sie kleidete sich als Köchin, an die Schürze hängte sie sich einen Kochlöffel. Auf den Kopf setzte sie sich ein weißes Häubchen, die Arme ließ sie bis zu den Ellenbogen frei, schminkte sie gründlich — kurz sie war eine Köchin wie vom Herde gekommen, — und ihr Kostüm war fertig. Gibt man ihr den Preis — ihr soll’s recht sein, erhält sie keinen — auch gut.
Die Gruschina hatte beschlossen, sich als Diana zu kostümieren. Warwara mußte lachen und fragte:
„Werden Sie auch ein Halsband tragen?“
„Warum denn ein Halsband?“ fragte die Gruschina erstaunt.
„Aber wie denn,“ erklärte Warwara, „Sie haben doch beschlossen, als Hund zu kommen.“
„Welcher Unsinn!“ antwortete die Gruschina lachend, „doch nicht als Hund, sondern als die Göttin Diana.“
Warwara und die Gruschina kleideten sich zusammen in der Wohnung der Gruschina zum Feste an. Das Kostüm der Gruschina war außerordentlich oberflächlich: kahle Arme und Schultern, kahler Rücken, kahle Brust, die Füße steckten in leichten Pantoffelchen und waren bis zu den Knien bloß; im übrigen trug sie ein leichtes Gewand aus weißer Leinwand mit einem roten Besatz, auf dem nackten Körper, — ein kurzes Röckchen, dafür aber sehr weit und sehr faltig. Warwara sagte schmunzelnd:
„Nackicht!“
Die Gruschina antwortete gemein lächelnd:
„Dafür werden alle Mannsleute mir nachziehen.“
„Wozu denn die vielen Falten?“ fragte Warwara.
„Um darin Süßigkeiten für meine Göhren zu verstauen,“ erklärte die Gruschina.
Alles was die Gruschina so kühn den Blicken freilegte — war schön; — aber welche Widersprüche! Auf der Haut — Flohstiche, grobe Manieren, Worte von unerträglicher Gemeinheit. Auch hier — die in den Staub gezerrte Schönheit des Körpers.
Peredonoff glaubte, das ganze Fest fände nur statt, um ihn auf irgend etwas zu ertappen. Dennoch ging er hin, — aber ohne Kostüm, im gewöhnlichen Rock, — um selber zu sehen, was für böse Dinge man gegen ihn vorhätte.
Der Gedanke an das Fest unterhielt Sascha einige Tage. Dann aber regten sich in ihm Bedenken. Wie sollte er von Hause fortkommen? Besonders jetzt, nach all den unangenehmen Geschichten. Wie, wenn man es im Gymnasium erfährt: man würde ihn sofort exmittieren.
Noch neulich hatte zu ihm der Ordinarius, — ein junger Mensch, der so liberal dachte, daß er es nicht über die Lippen brachte, einen Kater einfach Wassjka zu rufen, dafür aber: der Kater Basil sagte, — bedeutungsvoll beim Verteilen der Zensuren bemerkt:
„Sehen Sie zu, Pjilnikoff! Seien Sie mehr bei der Sache.“
„Ich habe keine einzige Zwei,“ hatte Sascha sorglos geantwortet.
Aber der Mut war ihm doch gesunken. Was würde er noch sagen? Nein, nichts, er schwieg, sah ihn nur streng an.
Am Tage des Festes schien es Sascha, daß er nicht den Mut finden würde, hinzugehen. Es war doch schrecklich.
Nur dieses ein, — das fertige Kostüm, das bei Rutiloffs lag, — sollte es wirklich umsonst genäht worden sein? All die Mühe und Arbeit, — sollte sie wirklich umsonst gewesen sein? Ludmilla würde weinen. Nein, man muß gehn.
Nur die in den letzten Wochen erworbene Fertigkeit, Dinge zu verheimlichen, machte es ihm möglich, der Kokowkina seine Aufregung zu verbergen. Zum Glück ging die Alte früh zu Bett. Auch Sascha legte sich früh nieder, — vorsichtshalber entkleidete er sich, legte seine Kleider auf einen Stuhl vor die Tür und stellte seine Stiefel daneben.
Nun blieb noch das Schwerste, — unbemerkt sich aus dem Staube zu machen. Der Weg durchs Fenster war ihm von früher her vertraut, als noch die Anproben stattfanden.
Er zog sich eine helle Sommerbluse an, — sie hing im Kleiderschrank in seinem Zimmer, — leichte Hausschuhe, und vorsichtig kletterte er durch Fenster auf die Straße, nachdem er einen günstigen Augenblick abgewartet hatte; weder Stimmen noch Schritte waren in der Nähe zu hören.
Ein feiner Regen fiel vom Himmel. Auf der Straße war es schmutzig, kalt und finster. Aber Sascha glaubte, alle Welt müßte ihn erkennen. Er warf Mütze und Schuhe wieder durchs Fenster in seine Stube, krempelte sich die Hosen auf und lief in Sprungschritten barfuß über die vom Regen glitschigen, morschen Brettersteige. In der Dunkelheit ist ein Gesicht schwer zu erkennen, besonders das eines Laufenden, und man wird ihn, wenn er jemand treffen sollte, für einen einfachen Jungen halten, den man in einen Laden geschickt hat.
Valerie und Ludmilla hatten für sich selber nicht gerade originelle, doch aber farbenfreudige Kostüme angefertigt; Ludmilla war eine Zigeunerin, Valerie eine Spanierin. Ludmilla trug grelle rote Flicken aus Seide und Samt; die schmächtige, zerbrechliche Valerie schwarze Seide und Spitzen; in der Hand hielt sie einen schwarzen Spitzenfächer. Darja hatte für sich nichts Neues genäht, — noch vom vorigen Jahre hatte sie das Kostüm einer Türkin; das legte sie an.
„Es lohnt nicht sich was auszudenken!“ sagte sie entschieden.
Als Sascha angelaufen kam, machten sich alle drei Schwestern daran, ihn herzurichten. Die größte Sorge machte ihm seine Perücke.
„Wenn sie herunterfällt,“ wiederholte er ängstlich.
Man befestigte sie ihm mit Bändern unter dem Kinn ...