XXVII

Am frühen Morgen erwachte Peredonoff. Jemand blickte auf ihn aus riesigen, trüben, viereckigen Augen. Vielleicht war es Pjilnikoff. Peredonoff ging ans Fenster und goß Wasser auf das drohende Gespenst.

Alles war verhext und bezaubert. Das wilde gespenstische Tierchen quiekte; Mensch und Vieh blickten ihm drohend und tückisch entgegen. Alles war ihm feindlich; er stand einer gegen alle.

In den Unterrichtsstunden verleumdete er seine Kollegen, den Direktor, die Eltern der Schüler. Die Gymnasiasten hörten ihm mit Mißtrauen zu. Einige niedrig Gesinnte suchten ihm zu schmeicheln und drückten ihm ihre Teilnahme aus. Andere schwiegen trotzig, oder traten heftig für ihre Eltern ein, wenn Peredonoff sie angriff. Für diese Knaben hatte er nur böse, ängstliche Blicke, er umging sie, wo er nur konnte und brummte vor sich hin.

In anderen Stunden wieder unterhielt Peredonoff seine Schüler mit blöden Auseinandersetzungen.

Man hatte die Verse Puschkins gelesen:

„Die Dämmerung ist kühl entglommen,

Der Sense Rauschen ist verhallt;

Der Wolf und seine Wölfin kommen, —

So gierig schleicht sie aus dem Wald.“

„Warten Sie,“ sagte Peredonoff, „das muß man richtig verstehen. Hier haben wir eine Allegorie. Die Wölfe gehn paarweise: der Wolf und die gierige Wölfin. Der Wolf ist satt, sie ist hungrig. Die Frau muß immer nach dem Manne essen. Die Frau muß sich in allem dem Manne unterordnen.“

Pjilnikoff war fröhlich; er lächelte und blickte auf Peredonoff aus seinen trügerisch-reinen, tiefschwarzen Augen. Saschas Gesicht ärgerte und quälte Peredonoff. Der verfluchte Bengel bezauberte ihn mit seinem tückischen Lächeln.

Und ist er überhaupt ein Junge? Vielleicht sind es zwei: Bruder und Schwester, und es ist nicht herauszubringen — wer wo ist. Vielleicht kann er sich auch aus einem Knaben in ein Mädchen verwandeln. Nicht umsonst ist er immer so sauber, — denn um sich zu verwandeln, mußte er sich in allerhand Wässerchen waschen, — anders ging es doch nicht. Außerdem roch er immer nach Parfums.

„Womit haben Sie sich parfumiert, Pjilnikoff?“ fragte Peredonoff, „etwa mit Patschuli?“

Die Jungen lachten. Das kränkte Sascha; er wurde rot und schwieg.

Den einfachen Wunsch, zu gefallen, nicht ekelhaft sein zu wollen, — konnte Peredonoff nicht verstehen. Eine jede derartige Erscheinung, und sei es auch an einem Knaben, hielt er für gefallsüchtige Eitelkeit. Wer sich gut kleidete, der hatte — davon war er überzeugt — nur den einen Wunsch, ihm zu schmeicheln. Aus welchem anderen Grunde hätte er sich gut kleiden sollen? Sauberkeit und gute, elegante Kleidung waren ihm zuwider; Parfums waren für sein Empfinden ein Gestank; jedem Parfum zog er den Geruch eines frisch gedüngten Feldes vor, denn — so glaubte er — das ist der Gesundheit zuträglich. Sich schön kleiden, sich sauber halten, sich waschen, — das alles kostet Zeit, Mühe und Arbeit; und der Gedanke an jede Arbeit erschreckte Peredonoff und langweilte ihn. Wie schön wäre es doch, nichts zu tun! Nur essen, trinken und schlafen — nur das!

Saschas Kameraden neckten ihn damit, daß er sich mit Patschuli parfumiert hätte, und daß Ludmilla in ihn verliebt wäre. Er begehrte auf und antwortete heftig, — sie wäre in ihn nicht verliebt; das hätte sich Peredonoff einfach ausgedacht; er — Peredonoff — hätte um Ludmilla angehalten, sie aber habe ihm einen Korb gegeben, — darum wäre er jetzt wütend auf sie und verbreite über sie schlechte Gerüchte. Die Kameraden glaubten ihm, — man kannte doch Peredonoff! — aber sie hörten nicht auf, ihn zu necken; jemanden zu necken ist doch so angenehm.

Peredonoff erzählte hartnäckig jedem, der es hören wollte, wie verderbt Pjilnikoff wäre.

„Er hat sich mit Ludmilla eingelassen,“ sagte er. „Sie küssen sich so eifrig, daß sie schon einen Abc-Schützen geboren hat und mit dem anderen schwanger geht.“

Ueber Ludmillas Liebe zu einem Gymnasiasten redete man sehr übertrieben in der Stadt; man wußte darüber höchst alberne und unanständige Einzelheiten zu berichten. Doch niemand wollte es glauben: Peredonoff hatte die Sache zu sehr gepfeffert. Allein die Liebhaber am Necken — und deren gab es viele in unserer Stadt, — sagten Ludmilla:

„Warum haben Sie sich in den Bengel vernarrt? Das ist eine Beleidigung für unsere erwachsenen jungen Leute.“

Ludmilla lachte und sagte:

„Dummheiten!“

Mit frecher Neugierde blickten die Bürger Sascha überall nach.

Die Witwe des Generals Polujanoff, — sie war reich und stammte aus Kaufmannskreisen, — erkundigte sich nach seinem Alter und fand, daß er noch zu jung wäre; aber nach zwei Jahren würde man ihn zu sich bitten können, um zu seiner Erziehung beizutragen.

Zuweilen machte Sascha Ludmilla Vorwürfe, daß man ihn mit ihr neckte. Ja, es kam sogar vor, daß er sie schlug, aber dann lachte Ludmilla hell und fröhlich.

Um aber den dummen Klatschereien ein Ende zu machen und um Ludmillas Ruf nach dieser peinlichen Geschichte wiederherzustellen, wirkten sämtliche Rutiloffs und ihre zahlreichen Freunde, Verwandten und Bekannten eifrig gegen Peredonoff und führten den Beweis, daß das alles Ausgeburten der Phantasie eines Irrsinnigen wären. Die maßlosen Handlungen Peredonoffs brachten auch viele dazu, an diese Erklärung zu glauben.

In dieser Zeit wurde auch beim Rektor des Lehrbezirks wiederholt gegen Peredonoff Klage geführt. Vom Lehrbezirk wurde eine Anfrage an Chripatsch gerichtet. Dieser berief sich auf seine früheren Ausführungen und fügte hinzu, daß Peredonoffs längeres Verbleiben am Gymnasium direkt eine Gefahr bedeute, da seine seelische Krankheit deutlich bemerkbare Fortschritte mache.

Schon war Peredonoff ganz in der Gewalt seiner wilden Vorstellungen. Allerhand Erscheinungen schlossen ihn von der Welt ab. Seine irrsinnigen stumpfen Augen blickten unstät und blieben an keinem Gegenstande haften, so etwa, als wolle er durch sie durchsehen in die der Wirklichkeit entgegengesetzte Welt, und als suche er nach irgendwelchen Oeffnungen, um durchzusehen.

Wenn er allein war, redete er mit sich selber und stieß ganz sinnlose Drohungen aus:

„Ich werde dich töten! Dich erstechen! Dich einsperren!“

Und Warwara horchte und schmunzelte:

„Aergere dich nur!“ dachte sie schadenfroh.

Sie dachte, es wäre nur Wut; er errät, daß man ihn betrogen hat und ärgert sich. Den Verstand wird er nicht verlieren, — denn ein Dummkopf hat nichts, was er verlieren könnte. Und wenn er auch irrsinnig wird, — was ist dabei! — Der Irrsinn ist eine Unterhaltung für den Dummen.

„Wissen Sie, Ardalljon Borisowitsch,“ sagte Chripatsch einmal, „Sie sehen sehr krank aus.“

„Der Kopf tut mir weh,“ sagte Peredonoff finster.

„Wissen Sie, Verehrtester,“ fuhr der Direktor vorsichtig fort, „ich würde Ihnen doch raten, einstweilen nicht ins Gymnasium zu kommen. Sie sollten sich schonen, Ihren Nerven, die doch scheinbar stark mitgenommen sind, etwas Ruhe gönnen.“

Natürlich, dachte Peredonoff, das ist das allerbeste: nicht mehr ins Gymnasium gehen. Warum war er nicht schon längst auf diesen Gedanken gekommen! Er brauchte sich ja nur krank zu melden, zu Hause zu bleiben und abzuwarten, was werden würde.

„Ja, ja, ich werde nicht kommen, ich bin krank,“ sagte er erfreut zu Chripatsch.

Der Direktor hatte unterdessen ein zweites Mal an den Lehrbezirk geschrieben und wartete von Tag zu Tag auf die Ernennung einiger Aerzte zur Untersuchung. Aber die Beamten beeilten sich nicht. Dafür waren es Beamte.

Peredonoff kam nicht ins Gymnasium und schien ebenfalls etwas zu erwarten.

In den letzten Tagen hatte er sich ganz an Wolodin geheftet. Er fürchtete sich, ihn aus den Augen zu lassen, und dachte immer, Wolodin wolle ihm einen Schaden zufügen. Schon am frühen Morgen, wenn er aufwachte, dachte er traurig an Wolodin: Wo ist er jetzt? Was treibt er?

Manchmal erschien ihm Wolodin: Wolken zogen am Himmel, wie eine Lämmerherde, und unter ihnen tummelte sich Wolodin, den steifen Hut auf dem Kopf und lachte meckernd; auch im Rauche, der den Schornsteinen entstieg, war er zuweilen und verzog sich geschwind, alberne Grimassen schneidend und durch die Luft springend.

Wolodin aber dachte und erzählte es stolz, daß Peredonoff ihn sehr lieb hätte und ohne ihn nicht leben könnte.

„Warwara hat ihn betrogen,“ sagte Wolodin, „er sieht aber, daß ich ihm ein treuer Freund bin, darum hält er zu mir.“

Wenn Peredonoff aus dem Hause trat, um Wolodin aufzusuchen, kam ihm dieser schon entgegen, den steifen Hut auf dem Kopf, ein Spazierstöckchen in der Hand, fröhlich springend und lustig meckernd.

„Warum trägst du immer dein Töpfchen auf dem Kopf?“ fragte ihn Peredonoff einmal.

„Warum sollte ich das Töpfchen nicht tragen, Ardalljon Borisowitsch?“ entgegnete Wolodin fröhlich und verständig, bescheiden und anständig. „Die Mütze mit der Kokarde darf ich nicht tragen, und einen Zylinder aufzusetzen überlasse ich als Uebung den Aristokraten; uns steht das nicht an.“

„Du wirst noch in deinem Töpfchen überkochen,“ sagte Peredonoff verdrießlich.

Wolodin kicherte.

Sie gingen in Peredonoffs Wohnung.

„Wieviel Schritte man machen muß,“ sagte Peredonoff ärgerlich.

„Es ist nützlich, Ardalljon Borisowitsch, sich etwas Motion zu machen,“ versuchte Wolodin ihn zu überzeugen, „arbeiten, spazieren gehn, essen, — dann bleibt man gesund.“

„Nun ja,“ entgegnete Peredonoff, „du glaubst wohl, daß die Leute nach zwei bis dreihundert Jahren noch arbeiten werden?“

„Wie denn sonst? Ohne Arbeit gibt es kein Brot. Brot erhält man für Geld und das Geld muß man verdienen.“

„Ich will kein Brot.“

„Dann gibt’s auch keine Semmeln, keine Pastetchen,“ kicherte Wolodin, „und nichts wofür du dir Schnaps kaufen könntest, und du wirst nichts haben um dir ein Likörchen zu brauen.“

„Nein, die Menschen selber werden nicht arbeiten,“ sagte Peredonoff, „Maschinen werden alles tun; man dreht eine Kurbel, wie am Leierkasten, und fertig ... Aber es ist langweilig, lange zu drehen.“

Wolodin wurde nachdenklich, senkte den Kopf und warf die Lippen auf.

„Ja,“ sagte er grüblerisch, „das wird sehr schön sein. Nur werden wir das nicht mehr erleben.“

Peredonoff sah ihn wütend an und knurrte:

„Du wirst es nicht erleben, — ich wohl.“

„Das gebe Gott,“ sagte Wolodin vergnügt, „daß Sie zweihundert Jahre alt werden, und dreihundert auf allen Vieren kriechen.“

Schon antwortete Peredonoff nicht mehr mit einer Beschwörungsformel, — mochte kommen, was wollte. Er würde sie doch alle besiegen; nur die Augen hübsch offen halten und nicht nachgeben!

Zu Hause setzten sie sich an den Tisch und tranken zusammen. Peredonoff begann von der Fürstin zu erzählen.

In Peredonoffs Vorstellung wurde die Fürstin von Tag zu Tag um Jahre älter und fürchterlicher: gelb, runzelig und gebückt; sie hatte Hauer und war sehr böse.

„Sie ist zweihundert Jahre alt,“ sagte Peredonoff und blickte sonderbar traurig vor sich hin. „Und sie will, daß ich mich wieder mit ihr beriechen soll. Vorher wird sie mir keine Stelle verschaffen.“

„Sag doch einer, was die nicht alles will!“ sagte Wolodin kopfschüttelnd. „So ein altes Weib!“

Peredonoff phantasierte von Morden. Er sagte zu Wolodin, zornig die Brauen runzelnd:

„Dort hinter der Tapete liegt schon einer versteckt. Den andern werde ich aber unter dem Fußboden vernageln.“

Wolodin fürchtete sich nicht und kicherte.

„Riechst du den Gestank dort hinter der Tapete?“ fragte Peredonoff.

„Nein, ich rieche nichts,“ sagte Wolodin und kicherte und krümmte sich vor Lachen.

„Deine Nase ist verstopft,“ sagte Peredonoff. „Nicht umsonst hast du eine rote Nase. Er verfault dort hinter der Tapete.“

„Die Wanze!“ rief Warwara und lachte auf.

Stumpf und würdig blickte Peredonoff vor sich nieder.

Peredonoff, von Tag zu Tag unzurechnungsfähiger, schrieb Denunziationen gegen die Kartenbilder, gegen das gespenstische Tierchen, gegen den Hammel, — er, der Hammel, wäre ein Usurpator, hätte sich für Wolodin ausgegeben, trachtete nach einem hohen Posten, und wäre doch nur ein simpler Hammel; gegen die Waldschänder, — sie hätten alle Birken ausgerodet, es gäbe keine Birkenquasten mehr fürs Dampfbad, und ohne Ruten wäre es schwer, die Kinder zu erziehen; die Espen hätten sie aber stehen lassen, — und wozu wären die Espen gut?

Wenn Peredonoff auf der Straße Gymnasiasten traf, so erschreckte er die kleineren und brachte die größeren zum Lachen durch unflätige, schamlose Worte. Die größeren liefen ihm scharenweise nach und machten sich aus dem Staube, wenn sie einen der Lehrer kommen sahen, — die kleineren liefen vor ihm davon.

Ueberall sah er Gespenster und Gesichte; seine Halluzinationen entsetzten ihn in dem Maße, daß sich seiner Brust ein tolles, stöhnendes Gewinsel entrang. Das graue, gespenstische Tierchen erschien ihm bald blutbesudelt, bald in lauter Flammen; es schrie und brüllte, und sein Gebrüll dröhnte ihm in rasenden Schmerzen durch den Kopf. Der Kater schwoll an zu einer fürchterlichen Größe; er stampfte mit seinen Absätzen und wurde zu einem rothaarigen, schnauzbärtigen Ungetüm.