XXXII
Es war ein trüber, kalter Tag. Peredonoff kehrte von Wolodin heim. Eine niederdrückende Angst quälte ihn.
Die Werschina lockte Peredonoff zu sich in den Garten. Wieder gehorchte er ihren magischen Bewegungen. Sie gingen in die Laube, über die feuchten, mit welken, dunklen Blättern bedeckten Wege. In der Laube roch es dumpf und feucht. Hinter den kahlen Bäumen sah man das Haus mit seinen geschlossenen Fenstern.
„Ich will Ihnen die ganze Wahrheit sagen,“ murmelte die Werschina, blickte rasch auf Peredonoff und wandte ihre schwarzen Augen gleich wieder zur Seite.
Sie trug eine schwarze Jacke und war in ein schwarzes Tuch gehüllt; zwischen den von der Kälte blauen Lippen hielt sie ihr schwarzes Mundstück und ließ den dunklen Rauch in dichten Wolken aufsteigen.
„Ich spucke auf Ihre Wahrheit,“ antwortete Peredonoff, „in hohem Maße spucke ich darauf.“
Die Werschina lächelte schief und antwortete:
„Sagen Sie nicht! Sie tun mir furchtbar leid, — man hat Sie betrogen.“
Schadenfreude klang aus ihrer Stimme. Böse Worte sprangen ihr von den Lippen. Sie sprach:
„Sie hatten auf Protektion gehofft, allein Sie waren zu vertrauensselig. Man hat Sie betrogen, und Sie haben ohne weiteres geglaubt. Jedermann kann einen Brief schreiben. Sie mußten wissen, mit wem Sie es zu tun haben. Ihre Gattin ist eine in den Mitteln nicht wählerische Persönlichkeit.“
Peredonoff konnte die gemurmelte Rede der Werschina nur schwer verstehen; in ihrer Weitschweifigkeit konnte er kaum einen Sinn finden. Die Werschina fürchtete sich, es laut und deutlich zu sagen: sagte sie es laut, so hätte jemand es hören können, Warwara hätte es erfahren, und es hätte Unannehmlichkeiten gegeben, denn Warwara wäre vor einem Skandal nicht zurückgeschreckt; sagte sie es deutlich, — so würde Peredonoff wütend werden, vielleicht würde er sie sogar schlagen. Man müßte ihm einen Wink geben, daß er es selber erriete. Aber Peredonoff erriet es nicht.
Es war ja schon früher vorgekommen, daß man ihm direkt ins Gesicht gesagt hatte, er wäre betrogen worden, er konnte aber auf keine Weise darauf kommen, daß die Briefe gefälscht waren, und dachte immer, die Fürstin selber betröge ihn, — führte ihn an der Nase herum.
Endlich sagte die Werschina gerade heraus:
„Sie glauben wohl, die Fürstin hat die Briefe geschrieben. Jetzt weiß es aber schon die ganze Stadt, daß die Gruschina sie gefälscht hat, im Auftrage Ihrer Gattin; die Fürstin weiß von nichts. Fragen Sie, wen Sie wollen; alle wissen es, — sie selber haben sich verplappert. Und dann hat Warwara Dmitriewna Ihnen die Briefe entwendet und verbrannt, damit es keine Beweisstücke gibt.“
Dunkle, schwere Gedanken wälzten sich durch Peredonoffs Hirn. Er begriff nur eins: man hatte ihn betrogen. Aber daß die Fürstin darum nicht wissen sollte, — nein, sie weiß es. Nicht umsonst war sie lebendig aus dem Feuer hervorgegangen.
„Das von der Fürstin lügen Sie,“ sagte er, „ich wollte die Fürstin verbrennen, konnte es aber nicht: sie hat die Glut totgespuckt.“
Plötzlich schüttelte ihn eine rasende Wut. Man hatte ihn betrogen! Wild hieb er mit der Faust auf den Tisch, sprang auf und ging eilig, ohne sich zu verabschieden, nach Hause. Erfreut blickte ihm die Werschina nach, und schwarze Rauchwölkchen lösten sich geschwind von ihrem dunklen Munde, fegten dahin und wurden vom Winde zerfetzt.
Peredonoff kochte vor Wut. Als er aber Warwara sah, befiel ihn eine quälende Angst, und er brachte kein Wort über die Lippen.
Ganz früh am Morgen des nächsten Tages legte er sich ein Messer zurecht, — ein kleines Gartenmesser in einer ledernen Scheide; vorsichtig trug er es in seiner Tasche. Den ganzen Vormittag über, — bis zu seinem frühen Mittagessen, — saß er bei Wolodin. Er sah zu, wie jener arbeitete und machte dumme Bemerkungen. Wolodin war wie immer froh, daß Peredonoff sich mit ihm abgab; seine Dummheiten hielt er für witzig.
Das gespenstische Tierchen tummelte sich den ganzen Tag über um Peredonoff. Nach dem Essen ließ es ihn nicht schlafen. Es hatte ihn ganz zerquält. Und dann, als er gegen abend einschlafen wollte, weckte ihn ein komisches Weib; Gott weiß, woher es gekommen war. Es hatte eine Stülpnase und war widerlich. Es trat an sein Bett heran und murmelte:
„Kwas[14] brauen, Pasteten backen, den Braten braten.“
Es hatte dunkle Wangen, aber seine Zähne blitzten.
„Geh zum Teufel!“ rief Peredonoff.
Das Weib mit der Stülpnase verschwand, als wäre es nie dagewesen.
Es wurde abend. Der Wind heulte dumpf im Schornstein. Ein langsamer Regen schlug leise und hartnäckig an die Fensterscheiben. Hinter den Fenstern war alles ganz schwarz.
Wolodin war bei Peredonoffs, — Peredonoff hatte ihn noch am Morgen gebeten, zum Tee zu kommen.
„Niemand hereinlassen. Hörst du, Klawdjuschka?“ schrie Peredonoff.
Warwara schmunzelte. Er brummte:
„Hier treiben sich Weiber herum. Man muß nachsehen. Eine hat sich zu mir ins Schlafzimmer gedrängt, — wollte sich als Köchin verdingen. Aber wozu brauche ich eine Köchin mit einer Stülpnase.“
Wolodin lachte, meckerte und sagte:
„Weiber pflegen auf den Straßen zu sein; zu uns haben sie aber nicht die geringsten Beziehungen, und wir werden sie nicht an unseren Tisch heranlassen.“
Alle drei setzten sich an den Tisch. Man trank Schnaps und aß Piroggen dazu. Es wurde mehr getrunken als gegessen.
Peredonoff war finster. Alles war für ihn sinnlos, unzusammenhängend, plötzlich, — wie ein Alp. Der Kopf schmerzte ihn fürchterlich. Eine Vorstellung kehrte hartnäckig wieder, — Wolodin war sein Feind. Sie wechselte ab mit dem aufdringlichen, schweren Gedanken: man muß Pawluschka totschlagen, ehe es zu spät ist. Dann werden alle feindlichen Listen offenbar werden.
Wolodin wurde schnell betrunken und schwatzte irgend etwas Unzusammenhängendes, um Warwara zu unterhalten.
Peredonoff war erregt.
„Jemand kommt da,“ murmelte er. „Laßt niemand herein. Sagt, ich wäre fortgefahren um zu beten; ins Schabenkloster.“
Er fürchtete, Besuch würde ihn stören. Wolodin und Warwara amüsierten sich; sie dachten, er wäre nur betrunken. Sie zwinkerten einander zu, gingen einzeln an die Tür, klopften, sprachen mit verstellten Stimmen:
„Ist der General Peredonoff zu Hause?“
„Dem General Peredonoff — der Stern mit Brillanten.“
Aber Peredonoff hatte heute kein Verlangen nach dem Stern.
„Nicht hereinlassen!“ schrie er. „Jagt sie zum Teufel. Sie sollen morgen früh kommen. Jetzt ist nicht die Zeit dazu.“
Nein, dachte er, heute muß ich fest sein. Heute wird alles klar werden. Aber noch sind die Feinde zu allem Möglichen fähig, um ihn desto sicherer umzubringen.
„Wir haben sie fortgejagt; sie bringen den Stern morgen früh,“ sagte Wolodin und setzte sich wieder an den Tisch.
Peredonoff fixierte ihn mit seinen trüben Augen und fragte:
„Bist du mein Freund oder mein Feind?“
„Dein Freund, dein Freund, Ardascha!“ antwortete Wolodin.
„Der Busenfreund ist soviel wert, wie die Schabe unterm Herd,“ sagte Warwara.
„Nicht Schabe, sondern Schaf,“ verbesserte Peredonoff. „Wollen wir trinken, Pawluschka, aber nur wir beide. Auch du, Warwara, — trink; wollen wir alle zusammen trinken, wir beide.“
Wolodin kicherte.
„Wenn auch Warwara Dmitriewna mit uns trinkt, so trinken wir nicht zu zweit, sondern zu dritt,“ erklärte er.
„Zu zweit,“ wiederholte Peredonoff mürrisch.
„Mann und Frau: eine Sau,“ sagte Warwara und lachte laut.
Bis zum letzten Augenblick vermutete Wolodin nicht, daß Peredonoff ihn ermorden wolle. Er meckerte, schwatzte Dummheiten, betrug sich läppisch, brachte Warwara zum Lachen.
Aber Peredonoff dachte den ganzen Abend an sein Messer. Wenn Wolodin oder Warwara sich ihm von jener Seite näherten, wo er das Messer verwahrt hatte, so schrie er sie wütend an, — sie sollten fortgehen. Einigemal zeigte er auf die Tasche und sagte:
„Hier, Freundchen, habe ich so ein Ding, daß du, Pawluschka, kreischen wirst.“
Warwara und Wolodin lachten.
„Kreischen kann ich immer, Ardascha,“ sagte Wolodin, „kräh, kräh! Es ist sogar sehr einfach!“
Rot im Gesicht, betäubt vom Schnaps kreischte Wolodin und schob seine Lippen vor. Er wurde immer gemeiner in seiner Art mit Peredonoff umzugehen.
„Man hat dich übers Ohr gehauen, Ardascha,“ sagte er wegwerfend-mitleidig.
„Ich hau dich übers Ohr!“ brüllte Peredonoff auf.
Schrecklich und drohend schien ihm Wolodin. Er mußte sich verteidigen.
Schnell riß er das Messer heraus, stürzte sich auf Wolodin und stach ihn in den Hals. Das Blut spritzte im Bogen.
Peredonoff erschrak. Das Messer entfiel seiner Hand.
Wolodin röchelte und wollte mit den Händen an den Hals greifen. Es war ihm anzusehen, daß er zu Tode erschrocken war, immer schwächer wurde und die Hände nicht mehr bis zum Halse heben konnte. Plötzlich erstarrte er und fiel auf Peredonoff. Ein stoßweises Gewinsel entrang sich seiner Brust, als käme er an Atem zu kurz, — dann wurde er still. Vor Entsetzen winselte auch Peredonoff und dann, — nach ihm, — Warwara.
Peredonoff stieß Wolodin von sich. Schwer fiel er zu Boden. Er röchelte, zuckte mit den Beinen und starb. Seine starr hinaufgerichteten Augen verglasten.
Aus dem Nebenzimmer kam der Kater, roch am Blut und miaute böse. Warwara stand wie erstarrt. Auf den Lärm kam Klawdja gelaufen.
„Herr des Himmels! Mord! Mord!“ kreischte sie.
Warwara kam zur Besinnung und lief schreiend mit Klawdja zum Zimmer hinaus.
Die Kunde vom Geschehenen verbreitete sich schnell. Die Nachbarn versammelten sich auf dem Hof, auf der Straße. Lange wagte es keiner, ins Eßzimmer zu gehen.
Sie blickten hinein, flüsterten. Peredonoff starrte mit irren Augen auf den Leichnam; hinter der Tür hörte er Geflüster ... Eine stumpfe Angst schnürte ihm die Brust. Er hatte keine klaren Gedanken mehr.
Endlich faßte man Mut, man trat ein, — Peredonoff saß mürrisch da und murmelte unzusammenhängende, sinnlose Worte.
Ende.