Claus Störtebecker

Roman in zwei Bänden

Dreizehnte Auflage

Union Deutsche Verlagsgesellschaft Stuttgart / Berlin / Leipzig


Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten

Copyright 1920 by Grethlein & Co. G.m.b.H. in Leipzig / Buchschmuck nach Entwürfen von Herbert Hauschild in Leipzig / Druck der Union Deutsche Verlagsgesellschaft in Stuttgart


[Inhalt]

[Erster Band]
[Das erste Buch]
[I.]
[II.]
[III.]
[IV.]
[V.]
[VI.]
[VII.]
[Das zweite Buch]
[I.]
[II.]
[III.]
[IV.]
[Zweiter Band]
[Das dritte Buch]
[I.]
[II.]
[III.]
[IV.]
[Das vierte Buch]
[I.]
[II.]
[III.]
[IV.]
[V.]

Claus Störtebecker

[Erster Band]


[Das erste Buch]


Sinnspruch

Geschichten und Geschichte
wachsen und wechseln
im Entstehen

Fontane


[I.]

Sommerabend. – Über die Buchenwipfel droben auf den Dünenhöhen fährt ein Rauschen. In langer Kette wälzt sich das bewegliche Gold der Sonne durch die aufgescheuchten Zweige. Und zwischen den grauen Stämmen steht blaß und aufrecht das Schweigen und starrt mit seinen unbeweglichen Zügen auf die tanzende See.

Das Meer aber spricht, seine Augen sind bald tiefblau, bald purpurn, und wild blitzen sie, wenn das Element herüberruft zu den Kreidefelsen, die sich dicht unter die Wälder schmiegen wie ein weißes Knie unter ein grünes Gewand.

Was das Meer ruft, das versteht niemand. Denn nur selten horcht ein menschliches Ohr in den Wind, obwohl es manchmal von dort klingt, als donnere von draußen eine Forderung herüber oder ein vergessener Schrei aus fernen Zeiten. Doch zu deuten vermag man die Sprache des Wassers nicht. Und dann liegt der ungeheure Spiegel wieder still. Das Abbild des einzelnen strahlt er niemals wieder, so tief man sich auch beugt, aber die Bewegungen des Himmels malt er ab, der goldne und der silberne Wagen rollen über seine Scheibe, die Zeiten huschen über ihn hinweg und ein Kranz von Völkern faßt ihn ein.

Sommerabend.

Und in der Rüste des Tages, gerade als der purpurne Ball sich im Wasser kühlt, da steigt eine andächtige Stunde herauf. Da stockt der Tanz der Zeiten über dem Meer, der Zug der Völker wallt deutlicher, und die Vergangenheit schickt vom Rande des Horizontes ihr Schattenschiff an die Gestade der Lebendigen.

Ich stehe am Ufer und sehe die Scharen aus dem Fahrzeug an mir vorüberquillen. Sie tragen meine Züge, sie reden meine Sprache, es sind Menschen, die nicht tot sind, denn der Mensch stirbt nicht auf Erden, weil sein Geschick dauert. Unvermutet bin ich selbst in den Segler der Schatten gestiegen, und ich fühle, wie ich zurückgleite in den Nebel der Jahrhunderte. Oder vorwärts?

Von den Küsten der Vergangenheit zu den Gestaden der Gegenwart schwimmt das Schiff unaufhörlich hin und wieder. Es trägt, was lebend ist von den Toten, und trägt das Tote fort zu den Gewesenen. Und dann gelangt es an einen Strich, wo man die Stimmen von beiden Küsten unterscheidet, wo sie sich mischen und ergänzen.

Horcht! Laßt uns lauschen!


Dort, wo jetzt Saßnitz seine terrassenförmig ansteigenden, weißen Villen über der Westbucht von Rügen erhebt, da träumte zum Ausgang des vierzehnten Jahrhunderts tiefe Ruhe in den waldgekrönten Schluchten. Eine Ansiedlung gab es noch nicht, und der Küstenstrich führte nach der Ansicht grüblerischer Cisterziensermönche aus dem nahen Kloster nur deshalb seinen Namen, weil Graf Harro von Cona ein paar seiner »Sassen«, die man auch Leibeigne nennen konnte, dort in eine elende Bretterhütte behaust hatte, damit sie ihm von nun an fleißig den seltenen Seelachs fingen. Einen Lohn erhielten die unfreien Fischer dafür nicht, sie durften sich den Zehnten ihres Fangs behalten, das übrige aber mußten sie mit einem Strandvogt abrechnen, der mit Zahlen und Peitsche wohl umzugehen wußte. Eine besondere Vergünstigung bestand darin, daß es den Sassen vergönnt war, auch am Sonntag zu fischen. Allein die Beute war des Klosters, denn Graf Harro galt als ein frommer Mann und legte Wert darauf, seinen Lachs häufig in Gesellschaft des Abtes zu verspeisen. Wenn dann der geistliche Herr hie und da an den Hof des Herzogs von Wolgast ritt, dann ließ der Gottesmann wohl auch unauffällig etwas von den Wünschen des Conaer Grafen fallen, und so bezahlte sich der Lachs, und die armen Fischer arbeiteten heimlich und ohne daß sie es ahnten, an der Größe ihres Herrn mit. Freilich, sonder Bewußtsein. Denn in der gebrechlichen Hütte lebte man dahin ohne Kenntnis von den Dingen der Welt. Man stand auf, fuhr aufs Meer und warf sich abends auf die Schilfstreu, gleich einem Werkzeug, das nach dem Gebrauch wieder in die Ecke gestellt wird. Das gleichmäßige Schweigen aber, das sich die Bewohner der Hütte einander vererbten, es schrieb sich dennoch her von einem Ereignis, vor dem die Sassen eben auf Zeiten hinaus verstummt waren. Etwa um 1366 hatte es sich zugetragen.

Der Platz in der Hütte war durch Todesfall wieder einmal erledigt. Da wurde in den Bretterbau ein Sasse gesetzt namens Claus Beckera. Als der Vogt ihn hineinführte, da lachte der gräfliche Beamte und meinte: »Nimm dich in acht, Claus, daß du das Querhölzlein nicht schädigst«. Und diese Warnung galt mit Recht, denn der neue Bewohner mußte sich tief bücken, bevor er die Schwelle überschritt. Zu riesenhaft ragte er an Wuchs und Gliedern, und ein langer fuchsroter Wirrbart hing ihm bis auf den Leib. Wer ihn nicht genauer kannte, der mochte ihn infolge der Haarwildnis für einen gereiften Mann schätzen. Er zählte aber erst fünfundzwanzig Jahre und war ein harmloser, gutmütiger Bursche, kundig des Legens und Knüpfens der Netze, und ein Meister mit der Axt. Bald fing er auch an, allerlei Gerät damit zu schaffen. Er baute einen hölzernen Stall für ein paar Ziegen, er wölbte über dem offenen Ziegelherd einen Rauchfang mit einem Abzug, ja eines Tages begann er sogar die lehmige Erde zu bahnen und legte Dielen. Alles, als wenn er geahnt hätte, was ihm bevorstand. So war der Herbst hereingebrochen. Durch die Wälder der Höhen wogte es, ein Knarren und Ächzen klagte um die Hütte auf ihrem einsamen Hügel, und die Seegräser auf dem gelben Sand pfiffen und schwirrten, als ob die Sichel auf einem Stein geschliffen würde. Unten stürzten die Schäumer schmetternd gegen die gewaltigen Steine, jedoch Claus Beckera merkte nichts von diesem ewigen Streit, denn eine finstere Nacht wölbte sich über der Leere, und er selbst hockte geruhsam in seinem breiten Armstuhl, den er erst vor kurzem aus rohem Eichenholz gezimmert, und beim Schein eines qualmenden Buchenfeuers auf dem Herd rieb er eifrig an einem eisernen Widerhaken, wie er zum Aalstechen benutzt wurde. Sein roter Bart glänzte gleich einer feurigen Welle. Dazu grölte er ein uraltes Schleiferlied:

»Wetze gut,
Dann schnett se gut –
Der Claus, der ist der Sigrun gut.«

Zwar besaß er keinerlei Beziehung zu solch einem Menschenkind, kannte wohl auch kaum die Trägerin eines derartigen Namens, doch der schärfenden Wirkung des Liedes tat dies keinen Abbruch.

Das Buchenfeuer puffte, und der Riese rieb mit seinem Stein immer emsiger über das Eisen, bis blaue Funken unter seinen Händen hervorspritzten.

Da wurde mit klirrender Faust an die Tür geschlagen, zwei-, dreimal, das leichte Holz zitterte, und in der Hütte dröhnte es wider.

»Sachte,« murmelte Claus, der vor Verwunderung aus seiner gebückten Stellung nicht emporfinden konnte. »Wie? Was? Ein Mensch?« Er versuchte sich zu sammeln und schüttelte in dumpfem Erstaunen den gewaltigen Haarbusch; so was stellte sich hier doch nur selten ein.

»Mach auf,« forderte draußen eine rauhe Stimme, und von neuem regte sich ein kurzes Rasseln.

Schwerfällig und ohne sich weiter Rechenschaft darüber abzulegen, ob er klug oder vorsichtig handele, schob der Fischer den Querbalken zurück, und sofort schlug das Licht des Herdes nach draußen. Auf dem nassen, sturmgefegten Hügel standen zwei gepanzerte Knechte. Die führten zwischen sich ein verwirrtes, zitterndes Geschöpf, unentschieden ob Weib oder Mädchen, dessen kurze Röcke flatterten im Wind und die nackten Füße sanken tief in den Sand. Ein blaues Tuch hatte das Wesen um den Kopf gewunden. Hinter ihnen, kaum noch erreicht vom roten Flackerschein, bemerkte der Bewohner der Hütte einen Cisterzienser, kenntlich an seinem grauen Gewand. Doch hatte der Mönch seine Kapuze weit über die Stirn gezogen, wie wenn er Schutz vor dem Unwetter suche oder als ob er sein Antlitz verbergen möchte vor dem, was hier geschah.

Inzwischen war der älteste der Eisenbewehrten über die Schwelle getreten. Dann zeigte er auf die zwei eingestickten blauen Kugeln seines Mantels.

»Kennst du die?« fragte er kurz und bedeutsam.

Ratlos nickte der Fischer. Er starrte noch immer von einem zum anderen, betroffen ob des unerklärlichen Aufzugs.

»Wohl,« rang er sich endlich ab, »Ihr seid des Grafen.«

»Und der Graf,« berichtete der Knecht scharf und schob sich die Sturmhaube aus der Stirn, damit ihn der andere besser verstehen möchte, »läßt dir sagen – – «

»Läßt mir sagen?« echote der Fischer und fing an mit schwerer Zunge zu stammeln, weil des Unmöglichen immer mehr wurde.

»Läßt dir sagen,« vollendete der Gewappnete finster, während er den Schaft seiner Lanze auf die neue Diele stieß, »dies sei dein Weib«.

»Dies sei – – «

»Dein Weib.«

Eine schwere Weile regte sich nichts zwischen den Menschen in der Hütte. Man hörte nur die keuchenden Atemzüge des Fischers und das Bersten der brennenden Buchenklötze. Einzig die hellblauen Augen lebten in dem versteinten Gesicht des Sassen; die wanderten hilfeflehend und ohne eine Spur von Verständnis von den Knechten zu dem zerzausten Mädchen, das ebenfalls mit vorgebeugtem Leib und gefalteten Händen zu lauschen schien, bis sich der Rücken des Riesen allmählich neigte, als ob man ihm einen Baumstamm auf den Nacken geladen.

Plötzlich aber schnellte er empor. Das Blut schoß ihm in die erblaßten Wangen, und die Rechte tastete nervig nach der Axt neben dem Herde. Jetzt hätte vielleicht eine schnelle Gewalttat alles entschieden. Doch ehe noch der schwere Holzstiel emporzutaumeln vermochte, da drängte sich hinter den Knechten die graue Gestalt des Mönches in den Kreis der Hadernden, und eine jugendlich schmerzerfüllte Stimme rief:

»Füge nicht zum Leid noch die Sünde!«

So ernst und mitleidsvoll klang die Mahnung, daß der leidenschaftgeschüttelte Riese einhielt. Die Axt entsank ihm, und mit beiden Händen und wankend griff er nach seiner Brust, denn eine Lanzenspitze hatte das dünne Hemd bereits durchschnitten und suchte dort bedrohlich Eingang. Dazu schrie der gepanzerte Knecht: »Wenn du leben willst, sei vernünftig.«

»Vernünftig – vernünftig,« gellte es dem Überwundenen zwischen die irren, durcheinandergehetzten Sinne. Er wußte nicht, sollte er lachen oder brüllen. War dies nicht Tollheit? Kehrte sich nicht alles Unterste nach oben? Schaukelte seine Hütte nicht auf der tobenden See, ohne daß er den Ausgang fand? Oder hatte man ihm vielleicht gar die Zunge herausgeschnitten und verlangte trotzdem, er solle sprechen? Wer half? Wer half?

In letzter Not blieben seine Blicke an dem jungen, hereingeschleppten Mädchen haften. Warum? Weil man der Fremden wohl anmerkte, daß sie scheu, zitternd und wider ihren Wunsch hier stand, und dann, weil die Dirne, die man mit ihren nackten Füßen gewiß von weit her bis zu ihm getrieben, gleichfalls ein Sassenkind war wie er, und deshalb gewohnt, nicht nach eigenem Willen zu schalten.

Heftig trat er auf sie zu und besah sie. Vor seinem mächtigen Schritt erschrak das Wesen, und in ihre braunen Augen trat ein offenes Flimmern der Angst.

»Was ist mit dir?« herrschte er und ahnte nicht, wie sehr sie sich vor seinen riesigen Armen fürchtete und vor den Haarbüscheln unter seinem Kinn. Sie kannte, was ein grimmiger Mann vermag. Dann aber faltete sie die Hände vor der Brust und sagte sanft und in ihr Schicksal ergeben:

»Mir geht es schlimm.«

Nichts weiter, allein die wenigen Worte fanden den Weg zum Verständnis des Riesen. Erstaunt wich er zurück, und tief aus seinem Inneren quoll zum erstenmal ein Bewußtsein seines Standes und seiner Lage hervor. »So geht es uns allen,« murmelte er beinahe betroffen über die neue Erkenntnis, »dazu sind wir geboren.«

»Genug Geschwätz,« unterbrach hier der gräfliche Knecht ungeduldig und schaute sich hastig nach dem jungen Cisterzienser um, der allem, was sich in der Hütte begab, mit gesenktem Haupt gelauscht hatte – »Wir haben noch einen weiten Weg. Beeilt Euch.«

Da sandte Claus Beckera einen letzten sehnsüchtigen Blick nach dem Ausgang der Hütte. Als er sich jedoch davon überzeugte, daß sich die Lanzenspitzen von neuem drohend gegen ihn richteten und wie zu gleicher Zeit über den Leib der Magd ein ihm unbegreifliches, ja widerwärtiges Beben lief, da entschloß er sich, vor allem sein Leben zu retten, sein nacktes Leben, das einzige kostbare Geschenk seines Gottes!

So griff er denn gewaltsam nach der Hand des Weibes, so daß es taumelnd an seine Seite gerissen wurde, und in rohem Ausbruch entlud sich endlich seine Wut in vollem Hohn:

»Munter – munter, ihr eisernen Wichte, ihr Schnapphähne – da ich mich doch gegen mein Unheil nicht wehren kann, so macht die Schandhochzeit wenigstens kurz.«

Erregt trat der Mönch hinter die sinkenden Spieße. Die spielenden Feuer huschten über sein zuckendes Antlitz. Er malte das Zeichen des Kreuzes in die Luft und sprach mit zitternder Stimme:

»Mühsal ist das Leben, Duldung das Gebot, Seligkeit das Scheiden. Wandelt in Frieden.«

Das Weib jedoch hörte auf nichts. Es sah starr in die Flammen des Herdes, die es fortan schüren sollte.


Mühselig kroch seitdem die Zeit dahin. Ein Tag sank arbeitsgebrochen und müde zum anderen, und in der Hütte richtete sich das Schweigen ein. Es wohnte dort und ließ sich aus dem engen Raum nicht mehr vertreiben. Ja, wenn die junge Frau selbstvergessen einmal versuchte, einen hellen Singsang aufzuschlagen, dann traf sie aus den vergrübelten Augen des Fischers ein seltsam drohender Blick, und sofort brach die Fröhlichkeit ab, und die zur Stille Verwiesene schaffte erschreckt und niedergeschlagen an ihrem Tagwerk weiter. Sie wußte recht gut, der mürrische Geselle grollte mit ihr, weil man ihm die unwillkommene Dirne aufgedrungen. Und das fand sie auch ganz in Ordnung. Aber manchmal strich sie doch an ihren weißen Armen herunter, und ein natürliches Staunen befiel sie, weil der Riese, der so dicht neben ihr lebte, so gar keinen Gefallen an ihr finden wollte. Warum? Was ihr früher widerfahren, ein solches Erlebnis fand sie nicht ungewöhnlich. Darein mußten sich die Dienenden einmal schicken. Vielen Mägden auf den Höfen der Mächtigen erging es so. Und seit sie den geschützten Unterschlupf gefunden, glaubte sie mit dem sicheren Bewußtsein eines starken Menschen, daß es keinen Zweck hätte, noch fürder an der Vergangenheit zu zerren. Claus Beckera war eben ein ungefüger, störrischer Klotz, dem man es nicht leicht recht machen konnte. »Aber warte nur,« dachte sie mit weiblichem Trotz, »auch große Mäuse fängt die Katz«. Dabei entstand unter ihren flinken und noch merkwürdig zarten Händen allerlei Brauchbares und Nützliches, was bis dahin dem rohen Bretterbau gemangelt. So oft Claus von der Seefahrt heimkehrte, entdeckte er stets irgendein neues Stück des Hausrats, ein frisches Linnenhemd, eine geflochtene Strohmatte oder gar ein festgefügtes Bettgestell für den Eheherrn, alles Dinge, die wie durch Zauber über Nacht an Stelle von etwas Altem und Verbrauchtem in der Hütte gewachsen waren. Natürlich bemerkte der Riese all diese wohnlichen Veränderungen sofort und sonder Hinweis, allein gleichmütig und ohne Dank nahm er sie hin, warf sich auf den neuen, linnenbesponnenen Strohsack und ließ seine Gefährtin nach wie vor auf der Schilfstreu in der Ecke liegen.

Aber Hilda, so hieß das junge, verschleppte Geschöpf, verlangte nichts anderes. Ja, es galt ihr ganz natürlich, daß der Fischer nicht einmal ihren Namen zu kennen schien, denn bei den kurzen Wünschen, die er selten an sie richtete, nannte er sie »Weib« oder »Fru«. Und darauf gehorchte Hilda und sprang zu ihm, wie ein folgsamer Hund. Doch allmählich wurden ihre Bewegungen langsamer. Auch darum kümmerte sich Claus nicht, nur wunderte er sich zuweilen, wenn er das braunbezopfte Weib jetzt öfter ruhend an der Fensterluke lehnend fand, von wo es dann mit einem unverständlichen Lächeln und mit großen erwartenden Augen auf den sonnenblitzenden Eisrand der See hinabstarrte.

Claus begriff das nicht, ärgerte sich auch über die ungewohnte Versäumnis, und als er sie wieder einmal feiernd vor ihrem Ausguck antraf, da fuhr es grob aus ihm heraus, während er die großen Lederstiefeln krachend in eine Ecke schleuderte: »Was tust du?«

Sie wurde blutrot, sendete ihm einen halb listigen, halb demütigen Blick zu und stotterte, langsam zum Herd zurückschleichend:

»Ich sinne.«

Leicht hätte sie auch äußern können »ich träume«, denn ihre Gedanken waren jung und wanderlustig und ließen sich in den Verschlag des Schweigens nicht ebenso willig bannen wie ihr Leib. In solchen Stunden erblickte das suchende Weib die dunkle See dort draußen gleich einem gebahnten Tanzplatz, und sie sah sich selbst dort unten mit seidengeschmückten Männern herumspringen, die sie herzten, um ihr dann goldene Schaumünzen um den Hals zu hängen. Fegte aber schließlich ein rauhes Wort ihres Gefährten all den Glanz auseinander, dann seufzte sie tief auf und bemitleidete heimlich den störrischen Gesellen, weil er für das feine, verborgene Spiel keinen Sinn besaß.

Und doch – auch dieser Weg ins Freie sollte der Beladenen eines Tages gestört werden.

Frühlingsstürme pfiffen über die Dünen, Hilda stand in der offenen Tür und sog gierig das warme Wehen ein, das einen unbestimmten Duft von Veilchen und Tannenharz mit sich führte. Hoch oben am Waldesrand traten die jungen Rehe heraus und äugten über die funkelnde See.

Da stieg unten vom Strand ein einzelner Mann den gewundenen Fußpfad herauf. Hilda beugte sich spähend vor. Der Ankömmling trug ein weites blaues Wams und derbe Holzschuhe. Im ledernen Gürtel steckte ihm eine kurze geflochtene Peitsche, und seine Faust stützte sich klammernd an einen mannshohen Stab, dessen Spitze in eine kleine silberne Krone auslief. Das war der Strandvogt, eine untersetzte Gestalt mit grauer Schifferkrause und scharfen umfalteten Augen. Wie er sich jetzt schweren knirschenden Schrittes emporwand, mußte man wohl erkennen, daß sich der Mann für einen Mächtigen hielt, dessen Faust das kleine zerstreute Leben hier am Strand behüten oder auch zertrümmern konnte.

Jetzt stand er vor dem jungen Weibe, doch bevor er zu reden anhob, kniff er erst beobachtend das linke Auge zu. Im Grunde genommen wußte er bereits, was er zu erkunden strebte.

»Gott zum Gruß,« begann er und wies mit seinem Stabe gegen das Dach der Hütte, »die Sparren gegen die Windseite müssen gedoppelt werden. Vergiß das nicht.« Sein einziges offenes Auge lief geschäftig weiter. »Sieh da – auch ein Ziegenstall. Wieviel sind drin?«

»Drei,« erwiderte Hilda mit sich kämpfend, denn sie war sich des Unrechtes bewußt.

»Um eines zu viel,« tadelte der Vogt, das Haupt mit der Lederkappe bedächtig wiegend. »Nun, man wird Nachsicht haben. Man gönnt dir das gute Fortkommen.« Bedeutsam strich er sich über den graugeringelten Bart und trat gewichtig näher. Augenscheinlich gelangte er erst jetzt zu seiner besonderen Absicht. »Wo ist Claus Beckera?«

»Auf See,« versetzte Hilde zögernd, wobei sie den Atem anhielt.

»Ich weiß,« bestätigte der Strandvogt. Vorsichtig blickte er sich um, als ob er einen Lauscher fürchte, dann beugte er sich ganz nahe an die Erblaßte heran. »Wann erwartest du deine Stunde?« forschte er ernst und dringend. Und als das Weib ihn finster anstarrte und in die Hütte zurückwich, um allerlei Abgebrochenes und Verwirrtes zu murmeln, da bedrängte er die Widerspenstige nicht weiter. »Es ist gut,« meinte er sich aufrichtend und knöpfte an der großen Ledertasche unter seinem Gürtel herum. »Nun hadere nicht, Dirn, man will dir nicht übel. Sieh her« – er langte in die Tasche und wog den Inhalt dann auf der flachen Hand – »dessen zum Zeichen soll ich dir etwas zahlen. Es ist nicht wenig. Vier Silbergulden.«

»Silber?« schrie Hilda, die aus ihrer fernen Ecke hervorstürzte und ein warmer Triumph lebte in ihrer Stimme. »Jetzt wird sich Claus freuen.«

Da legte der Vogt die vier Silberlinge breit auf den Tisch. Dann wandte er sich zum Gehen. Indessen ehe er die Schwelle erreichte, stand Hilda schon wieder hinter ihm. Das Geld hatte sie bereits zusammengerafft.

»Daß Claus mir nicht erfährt von wem,« forderte sie schroff.

Der Angeredete wandte sich kaum. »Von mir nicht,« gab er gelassen zurück. »Was schiert mich der Bursche? Solange er seinen Fang abliefert, bin ich ihm nicht gram.«

Damit nickte er steifnackig, stemmte seinen Stab in den Sand und schritt wuchtig den steilen Saumpfad hinab. Hilda starrte ihm finsteren Auges nach, solange sie die silberne Krone blitzen sah.

Doch seit dieser Zeit wurde die Einsame nachdenklich und oft schüttelte sie sich, als ob sie sich gegen böse Gedanken zu wehren hätte. Dann stach es ihr durch den aufgescheuchten Sinn: »Wie, wenn man ihr dasjenige, was sie erwartete, zu nehmen trachtete? Stellten die vier Silbergulden nicht vielleicht das Kaufgeld dar? Man erzählte sich von dem Conaer Herrn doch solche gewalttätigen Geschichten. Und war er nicht auch mit dem jungen Mecklenburger Herzog geritten, als dieser an der Spitze von allerlei Raubgesindel und Landstreichervolk die Heerstraßen der Kaufleute von Stralsund unsicher machte? Nach einem solchen Zuge hatte er ihr doch das blaue Kopftuch zugeworfen?« Wütend schlug sie mit der Faust gegen die Türpfosten und reckte sich drohend, allein gleich darauf schrak sie zusammen, und trotz der milden Frühlingsluft wurde sie von einem Schauer durchfröstelt.

»Warte,« quoll es dabei über ihre bebenden Lippen, »ich sag's Claus. Der läßt sich nichts nehmen.« Indessen im nächsten Augenblick stand sie schon wieder erstarrt. Ach du lieber Gott, was schierte denn Claus der fremde Balg? Er kümmerte sich ja nicht einmal um die Mutter, die alles nach seinem Willen tat? Nein, nein, am besten war's wohl, auf der Hut zu bleiben und auch das Geld nicht zu zeigen, um nicht unnötigen Fragen des Fischers ausgesetzt zu sein.

So nähte sie denn die Silbergulden in ihren Rock ein, und nur manchmal streifte sie ihren Genossen ängstlich und erwartungsvoll, als wünschte sie heimlich von ganzem Herzen, er möchte endlich das Geheimnis entdecken.

Aber seitdem war Unrast über ihr, und sie sang nicht mehr. Immer eilfertiger flogen die Tage an ihr vorüber, und immer unsicherer wurde ihr Gang.

Eines Nachts kehrte Claus nicht nach Hause zurück. Todmüde lehnte Hilda an der offenen Luke und suchte das unerkennbare Grau zu durchdringen. Vergeblich, nichts löste sich ab von dem schwarzen Dunst, in den der Sturm oftmals wie mit einem schweren Sack hineinschlug. Nur in entfesselter Wut lärmte die See, und im Morgendämmer fuhr an den Strandsteinen fast ununterbrochen eine schlängelnde weiße Mauer empor. Solange die Dunkelheit währte, hatte das verängstigte Weib von Zeit zu Zeit einen brennenden Kienspan aus der Fensterhöhlung herausgehalten, zum Zeichen für den auf der tosenden Fläche Herumirrenden, damit er nicht ins Weglose getrieben würde. Doch der wütige Zug hatte das karge Feuerlein jedesmal heißhungrig gefressen, und die nackten Arme sowie die offene Brust des Weibes schauderten vor Kälte. Jetzt wurde es heller. Dinge und Gerätschaften traten in der Hütte hervor. Und draußen im Stall begann der Geißbock die harte Stirn gegen die Tür zu reiben. Verwirrt, übernächtig blickte sich Hilda in dem engen Raume um. Es fehlte etwas – es war etwas von seinem Platz genommen, das sich freilich nie gütig und freundlich gezeigt, dem aber doch alles hier eignete. Sogar sie selbst. Und dem man wohl auch Gehorsam und Dank schuldete. Mehr wußte sie nicht. Vergessen war ihre eigene Unkraft, verflogen die bleierne Müdigkeit der Glieder; ihrer selbst ungewiß ergriff sie einen rohen Ast und wankte halbnackt zum Strand hinunter. Unten über die sonst so ebene gelbe Fläche spielte das Wasser, schwärzliche Seegrasbündel schlängelten sich der Vorwärtswatenden um die Füße, und der Sturm stemmte sich gegen sie wie eine gierige Faust, die ihr die Gewänder vom Leib zu reißen strebte.

Keuchend kämpfte sich Hilda weiter.

An einem jetzt halbversunkenen Pfahl, der gestern noch im Trockenen eingerammt war, scheuerte und zerrte sich ein Boot an zerfasertem Strick. Das war Claus Beckera's zweiter, kleinerer Kahn, und daneben ragte aus der Überflutung ein derber Mann in mächtigen Stiefeln auf, abgekehrt, die Lederkappe tief über die Stirn gezogen. Seine Rechte aber klammerte sich auch jetzt an den kronengeschmückten Stab. Gerade in der Not legte er ihn nicht ab. Hilda erkannte ihn sofort. »Vogt,« stieß sie hervor, »er ist draußen.«

Der Aufseher nickte, sprach jedoch nichts. Nur sein erkennender Blick, den er auf die Erregte heftete, verriet die Meinung, wie dem Weib vielleicht bald Hilfe nötiger sein möchte als dem Verlorenen. Inzwischen hatte sich Hilda hoch auf die Zehen aufgerichtet. Um sich besser zu heben, hatte sie dabei ihre Hände ganz sonder Achtung auf die Schulter des Vogtes gestützt. Der schien nichts zu merken.

Dann warf sie die Rechte vor. »Dort draußen das Schwarze,« wies sie.

»Ein Baumstamm,« belehrte der andere. »Ich sehe ihn schon lange.« Und halb tröstend setzte er noch hinzu: »Wir haben Seewind. Wenn er noch lebt, wird es ihn hereinwerfen. – Auch so,« kaute er mit geschlossenem Munde.

Damit wandte er sich ab und schritt langsam die Dünen empor. Dort wollte er noch einmal Ausschau halten. Draußen, hinter den rollenden Bergen schaukelte das längliche, schwarze Ding auf und ab. Und wenn die Zurückgebliebene ihr Sehvermögen aufs äußerste anstrengte, dann glaubte ihre aufgescheuchte Einbildung einen dunklen Kopf und eine greifende Faust zu erkennen. Die drohte oder winkte zu ihr herüber.

Da hielt sie sich nicht länger. Ihr Mitleid war stärker als ihre Schwäche. Ungestüm bückte sie sich, so schwer es ihr fiel, löste die hänfene Schnur und kletterte in das regengefüllte Boot hinein. Ihr Glaube half ihr, denn der Kahn befand sich an der Stelle einer Strömung, so daß das Schiff mit einer Kraft und Stetigkeit hinausgetrieben wurde, als wären unsichtbare Segel an den fehlenden Mast gesetzt. Hochauf spritzte die Dünung, und das zerbrechliche Gerät seufzte in Schmerz und Jammer. Stieren Auges hockte das Weib auf dem morschen Brett, das Haupt unveränderlich nach dem herumgeschleuderten, schwarzen Sarg gerichtet.

Jetzt – und jetzt – da tauchte sie wieder vor ihr auf, die Faust, die sie halb im Traum vor sich geschaut. Mit einer wilden Bewegung warf sich das Weib lang in den Kahn und griff nach den krallenden Fingern. Ein wüster Kampf hob an. Der Verfallene dort unten war wohl schon der Tiefe verschrieben, denn er wehrte und sträubte sich, bis eine sich blähende Woge den schweren Körper plötzlich unter einem Schwall in den rettenden Nachen stürzte. Einen Augenblick wurden die Planken überschäumt und begraben, dann hoben sie sich wieder, kreiselten irre herum, und die rollenden Wasser trieben das Schifflein vor sich her, gleich einem geprügelten Hund.

Düster reckte sich das Land empor, und hoch oben gegen den verhängten Himmel zeichnete sich die Gestalt eines Mannes ab, der staunend das Begebnis verfolgte.


Der Vogt hatte den Schiffbrüchigen in die Hütte getragen. Der mächtige Körper ruhte jetzt auf dem Bettgestell und rang mit dem Tode. Und in der Ecke auf der Schilfstreu erwachte zur selben Stunde ein neues Leben. Hilda hatte einen Sohn geboren.

Ein langes, schmächtiges Knäblein. Es schrie nicht, sondern hatte die Fäuste geballt, und die schwarzen, nächtigen Augen hielt es fordernd ins Leere gerichtet. Nein, nicht ins Leere. Am Fußende der Streu hing die Axt an der Wand. Später erinnerte sich die Mutter, daß ihr Sohn zur Stunde seines Eintritts unausgesetzt die Schärfe des Beils betrachtet. Vom Vogt war aus dem Kloster einer der Cisterzienser geholt worden. Der schaffte nun kundig um die drei Unmächtigen herum. Zu jener Zeit erfüllten die Klosterleute, gleichviel ob jung oder alt, willig die Pflichten des Arztes und der Wehmutter, und die Gepflegten glaubten, es müsse so sein. Bruder Franziskus war zudem derselbe, der in jener von Hilda unvergessenen Nacht den erzwungenen Bund gesegnet hatte, jetzt tat er sein Äußerstes, um die bedrohte Gemeinschaft zu erhalten. Bald flößte er dem hingestreckten Fischer scharfe, seltsam duftende Tropfen ein, die er in einem venezianisch geschliffenen Büchslein aus seiner Kutte zog, bald pustete er unter die Flamme des Herdes, um der Wöchnerin einen warmen Trank zu bieten; ja, er reinigte den Neugeborenen sogar im ersten lauen Bade. Dabei glitt ein wohlgefälliges Lächeln über das ernsthaft jugendliche Antlitz des Bruders, und während seine Rechte zart über die weichen Glieder des Kleinen strich, sprach er mit der Bestimmtheit des Erfahrenen:

»Ein edler Bau. Wie nach den Maßen der alten Meister. Möge der Unerforschliche dies Kindlein zum Guten bilden.«

Hilda hörte es auf ihrer Schilfstreu. Und zum erstenmal zuckte es wie Stolz um ihre Lippen, da sie daran dachte, welch adligem Ursprung der Säugling seinem Blute nach entstammte. Zugleich aber heftete sie einen erschreckten Blick auf das Bettgestell, wo sich der gewaltige Körper ihres Eheherrn zu regen begann. Sofort griff sie hastig nach den eingenähten Silbergulden.

Ja, ja, das war das Mittel, um sich gegebenen Falles von jedem Tadel loskaufen zu können. Allein sonderbar – so schwer sie auch die Änderung begriff – es traf sie kein lauter Vorwurf mehr. Noch ehe Claus auf seinen zerschlagenen Beinen hin- und herzukriechen vermochte, hatte der Mönch dem Entkräfteten kurz den Hergang seiner Rettung erzählt. Stumpf, in sich gesunken, hockte der Fischer dabei auf seinem Lager und ließ nur ab und zu einen forschenden Blick über das Neugeborene gleiten. Weder bedankte er sich, noch gab er sonst eine Erkenntlichkeit kund. Auch überließ er nach wie vor alle Hilfeleistung für sein Weib dem Bruder Franziskus. Und doch – es kam vor, daß er zuweilen die Milch der Geiß in einem Holzschaff dicht neben der Streu der jungen Mutter niedergleiten ließ. Keiner wußte zu welchem Zweck, und man konnte doch annehmen, daß der Trank für Hilda und ihr Kind bestimmt sei. Ein andermal freilich begab sich, was der glücklichen Frau anzeigte, nun sei der Damm von Groll und Übelwollen vielleicht für immer gebrochen. Eines Abends blieb der Mönch vor dem Aufbruch gedankenvoll an der Streu des Kleinen stehen, und während er ihn seiner Gewohnheit gemäß zum Abschied segnete, sprach er bestimmt:

»Nun ist es Zeit. Morgen wollen wir das Kind in das Kloster tragen, die Taufe zu empfangen. Wie soll es heißen?«

Hierauf regte sich Hilda nicht. Sie kehrte ihr Haupt vielmehr der Wand zu und kratzte ungeduldig mit den Nägeln gegen die Holzbohlen. Alles, um den ungestümen Wunsch ihres Herzens zu betäuben. Statt ihrer jedoch erhob sich der Fischer von seinem Sitz neben dem Herd, tastete sich schwerfällig nach der Streu des Säuglings zurecht, und nachdem er in das schmale Gesicht, neugierig und kopfschüttelnd wie stets, herabgeschaut, da brach es plötzlich brummend und drohend aus ihm heraus, als hätte er sich gegen einen Angriff zu wehren:

»Das Knäblein heißt wie ich, nicht anders. Claus soll es heißen.«

Da nickte der Mönch mit einem stillen Lächeln, das liegende Weib jedoch hob ungestüm den Arm und versuchte glücklich auf der bärtigen Wange des Riesen herumzustreicheln. Unschlüssig und verletzt schüttelte er sie ab. Aber als nach der Taufe die junge Frau wieder in der Hütte auf und ab wirkte, da hörte sie draußen vor dem Gebäu ihren Eheherrn singen. Das war noch nicht. Auf leichten Sohlen schlich sie hinzu, um zu lauschen. Im Sonnenschein saß Claus und schliff seine Axt am Feuerstein. Dazu summte er behaglich in das Spritzen der Funken hinein:

»Wetze gut,
Dann schnett se gut,
Der Claus, der ist der Hilda gut.«

Er wußte sonst keinen Namen. Es hatte nichts weiter zu bedeuten.

[II.]

Goldgrüne Schatten spielten um die Buchenwipfel hoch über der roten Klostermauer. Auf einer der verfallenen Grasstufen, die in breiten, unkrautbewachsenen Abständen zu der schmalen Eingangspforte hinaufleiteten, hatte sich ein einsamer Bruder hingelagert. Achtsam trug er in einer Falte seiner Kutte ein paar Brosamen weißen Hirsekuchens verborgen, und nun streute er die Krumen in weitem Bogen den Finken, Meisen und Amseln des Waldes hin, die in einiger Entfernung hochaufhuschend nach den leckeren Bissen pickten. Noch hatte der Einsame seine gefiederten Freunde nicht allzulange gefüttert, als der Schwarm plötzlich schwirrend und rauschend auf die untersten Zweige der Buche abzog, stutzend vor eiligen Schritten, die den Waldpfad heraufklangen. Der Klosterbruder hob das Haupt. Der Tritt, dieses hastige, sprunghafte Ausgreifen deuchte ihm bekannt. Seit sechzehn Jahren fast hatte er ihm prüfend und abschätzend gelauscht. Und jetzt – aus dem schwarzgrünen Bogengang stürmte es hervor. Ja, Pater Franziskus kannte jene schlanke, geschmeidige Knabengestalt in dem weißen Linnenkittel, oft hatte er die wohlabgemessene Form dieser Knie und Waden in ihrer braungesonnten Nacktheit bewundert, mit heimlichem Schrecken aber fast immer in die schwarzen begehrlichen Augen hineingeschaut, die wie zwei flimmernde Abgründe in dem schmalen Jugendantlitz brannten, ewig bereit, Nahes und Fernes zu verschlingen. Immer aufgetan zu neuer Forderung. Niemals zu müde, um zu suchen und zu fassen. Davor war dem Mönch nicht selten ein drückendes Befremden aufgestiegen, denn diese rastlos einschlürfenden Augen widersetzten sich allzusehr dem geduckten Dasein eines Sassenkindes. Ebenso wie die braunen Wellen des Haupthaares das Gebot der kurzen Schur leichtfertig mißachteten.

In weiten, glatten Sprüngen setzte der weiße Schatten durch den Wald. Daher kam es, daß seine Gefährtin, ein etwa vierzehnjähriges Mädchen, dem sein rotes Röckchen hindernd um die entblößten Beine wirbelte, eine geraume Strecke hinter dem Buben zurückblieb. In den Kranz der blonden Zöpfe, die das Kind dichtgeflochten und eng um das Haupt trug, waren bläuliche und rötliche Muscheln gesteckt, und so erhielt die Kleine ein fremdartiges und wildes Aussehen. Zu dem sanften Gesicht wollte der absonderliche Schmuck keineswegs passen. Auch zögerte die jetzt ruhiger Schreitende und griff sich ein paarmal verstohlen in die Flechten, in sichtlicher Furcht, wie man das blitzende Stirnband an der Klostermauer beurteilen würde.

In der Tat war der ungewohnte Zierat das erste, was dem Bruder, während er sich auf seiner Grasstufe ein wenig aufrichtete, störend ins Auge fiel. Halb unwillig riß der Ruhende ein paar Halme aus, bevor er mit einer raschen Kopfbewegung nach den Muscheln wies:

»Wozu das, Anna? Was soll der Putz?«

Kaum war die Mißbilligung gefallen, als ein tiefes Rot über die Wangen der Getadelten ging, ihre blauen Augen drehten sich ängstlich, und unwillkürlich falteten sich ihre Hände vor der Brust. Dazu warf sie dem Knaben im weißen Kittel einen jähen Blick zu, als wäre dieser der Herr, von dem sie und ihr Schicksal abhingen. Der ließ sie auch nicht im Stich.

»Ich hab's ihr hineingesteckt,« sagte er lachend, und seine Augen weideten sich wohlgefällig an seinem Werk, als möchten sie sich von dem blaufeuchten Glanz der Muscheln nicht trennen. Dazu strafften sich die schlanken Beine, die er schon früher gespreizt aufgestemmt hielt, noch etwas fester in den Sehnen, und der ganze Bursche sah unbekümmert und keck aus, wie wenn nach seinem Wohlgefallen sich Regen und Sonnenschein zu richten hätten.

Unbehaglich bemerkte es der Mönch. Gerade dieses Aufbegehren einer unbändigen Natur suchte er zum Heile des Knaben zu unterdrücken. Der Fischerssohn, dem er anhing, mußte gegen sein Blut geschützt werden. Das war's. Dazu gehörte, daß man seine Unwissenheit nicht allzusehr erhellte. Auch durfte er nicht über seinen Stand hinauswachsen oder gar, wie er es liebte, seine Gedanken fabulierend ins Weite schweifen lassen. Das Meer verlockte zu derartigen Nebelfahrten. Aber solches Entgleiten war einem Sassenkind nicht günstig – jedenfalls in solcher Jugend nicht.

»Nimm der Dirne die Torheit aus den Haaren,« befahl er darum hart.

Claus Beckera rührte sich nicht. Nur seine Augen blitzten hartnäckig auf, und seine Rechte vollführte eine ungläubige, fortschleudernde Bewegung, als könnte er damit die unbegreifliche und ihm unklug dünkende Abneigung des Klosterbruders zerstreuen.

»Es sieht gut aus,« beharrte er noch immer in Bewunderung vor dem fremden Glanz. »Es sind Maimuscheln. Die Gnadenbilder in der Klosterkirche und die Fräuleins auf dem Schloß tragen auch solch bunte Steine.«

»Eben darum ziemt sich der Tand nicht für Anna Knuth, die Tochter der Strohflechterin,« belehrte Bruder Franziskus ruhig und streckte die Hand nach dem abenteuerlichen Schmuck aus, wobei er sich stellte, als bemerke er das heftige Zusammenzucken des wilden Jungen nicht. »Es sind Unterschiede in die Welt gesetzt. Sie stammen von Gott.«

Er zerpflückte jetzt die Muschelschnur zwischen den Fingern, und da er wahrnahm, wie sein halbwüchsiger Freund, um den er sich sorgte, die rote Unterlippe nagte, fuhr er begütigend fort: »Schau um dich, Nikolaus, schau auf den Wald. Hier blüht der Haselstamm und wird nur ein Strauch. Daneben aber die Buche wächst über zwanzig Ellen. Und machen doch zusammen den schattigen Wald aus und müssen sich dulden. So geht es auch bei den Menschen.«

Eine Weile raschelte der Wind durch die Zweige. Dann lachte der Knabe mit einem Male hell auf.

»Was hast du?« fragte Franziskus verwundert.

Heftig reckte sich der im weißen Kittel. Ein Zug von Vorwitz und frühreifer Spottsucht lief über sein schmales Antlitz, als er nun die Rechte bestimmt vorwarf.

»Da sieh, Geweihter,« rief er selbstsicher, denn er gebrauchte häufig für den Mönch die ehrfürchtige Bezeichnung seiner Mutter, »den Hasel- und den Buchbaum hier. Ob die einander gleichen?«

»Nein,« murmelte der Cisterzienser noch im Ungewissen, »sie gleichen einander nicht. Sie sind von verschiedener Art.«

»Aber die Menschen, die gleichen einander,« vollendete der Knabe jetzt rechthaberisch, tat einen Luftsprung und warf seiner Begleiterin einen Blick des Schutzes zu. »Du hast selbst gesagt, wir wären alle nach dem Bild Gottvaters gemacht.«

Da brach der Mönch verstimmt und finster das aussichtslose Gespräch ab. Zumal er auffangen mußte, wie das kleine Mädchen ob der Keckheit des Burschen verstohlen zu lächeln anhob.

»Es wäre dir besser,« brummte er aufgebracht, indem er sich ratlos mit beiden Handflächen die ergrauten Schläfenhaare zurückstrich, »dein Vater hätte dir öfter mit dem Gürtelriemen den Rücken gewalkt.«

Als des Vaters Erwähnung geschah, wich das vorlaute Wesen des Knaben gedankenschnell. Kleinlaut senkte er das Haupt und scharrte mit dem nackten Fuß über den Moosboden.

»Vater rührt mich nicht an,« meldete er nachdenklich. »Er sitzt den ganzen Tag auf der Düne und sonnt sich.«

Jetzt fuhr der Bruder mitleidsvoll über das wellige Gelock des Burschen. Sein Groll war verschwunden. Die Erinnerung an ein ehrenhaft mühselig Leben hielt ihn gefangen. »In deinem Vater sitzt die zehrende Sucht,« sprach er leise, »der Frühling ist für ihn ein gefährlich Ding. Und was tust du, sein Los zu erleichtern, Nikolaus?«

»Ich? – « Der Gefragte blickte suchend umher. Endlich schienen die scharfen Augen etwas erwischt zu haben, als sie rückschweifend einen schmalen Ausschnitt des durch die Stämme schimmernden Meeres entdeckten. »Ich fahre hinaus und lege seine Netze,« verteidigte er sich erwartungsvoll, denn er wollte gelobt werden. »Ich bringe mehr heim als er. Manchmal bin ich die ganze Nacht fort. Und ein fein Segel hab' ich gemacht aus rotem Packtuch,« setzte er befriedigt hinzu, »und kann den Wind vor- und rückwärts abfangen. Davon hat der Vater nichts verstanden. Das ist ein neu und gut Ding. Und Mühe hat es gekostet.«

»Dich nicht,« versetzte der Mönch unbeirrt, wobei er versuchte, den irrlichternden Strahl der schwarzen Augen auszuhalten. »Lüge nicht, Bursche. Dir ist es eine Lust, auf dem Wasser zu liegen und dich mit dem Wind herumzuschlagen. Du dünkst dich dann besser als andere Menschenkinder. Dort draußen fängst du auch die grilligen Gedanken, die dir nicht taugen. Sage, was führt dich heute her?«

Jetzt trat der Knabe näher und küßte zärtlich die feine weiße Kutte des Mönches. Ein Staatskleid der Brüder, das nur bei besonderen Anlässen getragen wurde.

»Mir war bange nach dir, Geweihter,« brach es inbrünstig aus ihm heraus, und er streichelte verstohlen das Tuch des faltenreichen Gewandes. »Es quält mich oft eine Unruhe, wenn ich dich nicht nach diesem oder jenem fragen kann. Denn du weißt alles, was mir fehlt.«

Da verbarg Pater Franziskus ein halbes Lächeln.

»Du Tor,« wies er bescheiden die übertriebene Meinung ab, »ich weiß nicht einmal, was deine Gespielin dort zwischen den beiden Binsendeckeln trägt. Was ist's?«

»Ja, das rätst du nicht,« schrie Nikolaus Beckera, plötzlich wieder in seine wilde Heftigkeit zurückfahrend, und dabei stürzte er auf das Mädchen zu und riß ihr ohne weiteres das grüne Geflecht aus den Händen. »Gib her – ein wunderlich Tier,« stammelte er atemlos und brach die Deckel auseinander. »Dergleichen gibt es sonst nicht in unserem Wasser. Und dir gehört es, Geweihter, dir allein.«

Eine ungeheure Scholle kam zum Vorschein, dunkelgrau mit roten Punkten und wohl anderthalb Fuß im Durchmaß. Der Fisch glänzte perlmutterfarbig in der Sonne. Bewundernd standen die drei um den seltenen Fang herum, und die Kinder lachten vor Freude, als der Pater mit Kennermiene den Finger spitz in den Rücken der Scholle setzte, um wohlgefällig das Fleisch des Tieres auf seine Festigkeit hin zu prüfen.

»Ein herrlich Stück,« gestand der Bruder selbstvergessen und klopfte dem Spender dankbar die Wange. Allein unvermutet hielt er inne, ein feindlicher Gedanke schien seine offene Lust zu hemmen.

»Was gibt's?« rief der Junge erschreckt.

Der Bruder maß ihn prüfend von oben bis unten.

»Hat der Vogt deinen Fang gesehen?«

Jetzt zuckte das kleine Mädchen, wie von einem Streich getroffen, zurück und sprang Schutz suchend hinter den nächsten Baumstamm. Claus Beckera aber wurde seltsam bleich. Dann begannen seine schlanken Glieder vor Zorn oder vor Scham zu zittern. Etwas Haßerfülltes, von Leidenschaft Überwältigtes brodelte aus seinen schwarzen Augen.

»Der Vogt weiß von nichts,« widersprach er hart und schob die Faust geballt von sich. »Ich hab' das Tier die ganze Nacht über zwischen den Strandsteinen versteckt.«

Kopfschüttelnd wies der Mönch das Geschenk von sich, auch entsetzte er sich heimlich darüber, wie wenig sein Zögling zu Bescheidenheit und zu geduldigem Dienst zu lenken wäre.

»Weißt du nicht,« ermahnte er heftig und hob drohend den Finger, »daß all dein Fang dem Grafen eignet? Was soll ich mit dem entwendeten Gut?«

»Essen,« schrie Claus, der noch immer zitterte und bebte. Und wie tückische Pfeile schnellten die Worte von ihm: »Der Graf hat satt. Wie kann er uns das nehmen, was wir fangen? Gehört ihm die See?«

»Wem gehört sie sonst?«

»Dem, der auf ihr segelt und Netze legt,« eiferte der Knabe ohne jedes Besinnen. Schmetternd warf er den Fisch auf den Waldboden und machte Miene, ihn mit seinen nackten Füßen zu zerstampfen.

»Claus,« rief das kleine Mädchen hinter seinem Baum um Erbarmen flehend.

Jetzt sprang auch der Bruder hinzu, bückte sich und riß den Flossenträger an sich. Dunkelrot war das weiße Gesicht des Mönches übergossen. Es blieb unentschieden, ob vor Anstrengung oder weil er den feinen Mund des Fischerssohnes in befriedigtem Triumph lächeln sah.

»Unsinniger,« zürnte er in ehrlichem Unwillen, »Gottes gedeihliche Gabe vernichten? Oh, ich sehe, ich bin zu schwach gegen den bösen Geist, der in dir wohnt. Geh mir aus den Augen und kehre so bald nicht wieder.«

Einen Augenblick blieb es still zwischen den dreien, dann wandte sich Pater Franziskus, den Fisch noch immer in den flachen Händen, und stieg mit weiten Schritten die Grasstufen in die Höhe. Bald mußte er das kaum mannshohe Pförtlein in der Mauer erreicht haben. Da geschah etwas Unerwartetes.

Ebensoschnell wie Claus Beckera in Zorn und Wut hineingerast war, so erfaßte ihn jetzt eine verzweifelte Reue. Urplötzlich füllten sich seine funkelnden Augen mit Tränen und unbekümmert darum, ob seine kleine Gefährtin sein Handeln begriffe, stürzte er auf die unterste Stufe nieder, wo er die Arme wild emporwarf, als könnte er so den Entweichenden zurückhalten.

»Tu das nicht, Geweihter,« schluckte er schmerzzerrissen. »Ich hab' dich lieb. Und wer soll mir die Hand auf die Stirn legen, wenn mich die Schmerzen quälen, die mich blind machen? Nein, tu das nicht, Geweihter – tu das nicht.«

Noch zitterte die Klage dieses wahrhaftigen Knabenschmerzes unter den sonnenstillen Bäumen, noch hatte sich der leichtgerührte Bruder nicht völlig gewandt, da klang in der Schwärze des Waldes ein Horn. Zugleich hörte man den Hufschlag der Rosse.

Einen Augenblick wurzelten die drei auf der grünen Lichtung fest. Dann geriet Leben in den Mönch, und während er die Scholle eilfertig auf einen Mauervorsprung zu betten suchte, segnete er Gott im stillen für die gelegene Unterbrechung. Wohltätig enthob sie ihn der begehrten Versöhnung mit dem aufgeregten Knaben.

»Sie kommen,« rief er dem verblüfften Fischer zu, der ohnehin alles, was bis dahin geschehen, längst vergessen hatte. Ungestüm war er aufgesprungen, um nun, fiebernd vor Neugier, das dicke Gehölz zu durchdringen.

»Vier – fünf – zehn Pferde,« zählte er, »sieh – sieh, Anna, Stahlpanzer und seidene Mäntel.«

»Dänische Herren,« berichtete der Bruder erregt und strich sich die weiße Kutte glatt, »reiten auf Tagfahrt nach Stralsund und nehmen zur Nacht hier Obdach.«

Gespannt drängten sich die Kinder an beide Seiten ihres Freundes. Kaum konnte er sich ihrer erwehren.

»Dänen?« stammelte Claus zweifelhaft. Denn er vermochte nicht mit Sicherheit anzugeben, wo jene Völkerschaft seßhaft wäre. »Was treiben die in Stralsund?«

Doch der Mönch schüttelte ihn ab, ohne den stets regen Eifer des Wißbegierigen befriedigen zu wollen.

»Wozu brauchst du das erfahren, Claus?« weigerte er sich vorsichtig. »Was kümmern dich die Händel von Königen und Herren? Diesmal zwar handelt es sich um eine gerechte Sache,« setzte er mehr für sich hinzu, »gilt es doch, die Horde der gesetzlosen Schuimer zu vertilgen.«

Da packte ihn der Knabe heftig am Kleid. »Was sind Schuimer?« drängte er ungebärdig. »Sag es mir.«

Der Mönch erschrak. Gar zu wild brannten die dunklen Knabenaugen in die seinen. Das geheimnisvolle Wort, das im Volk für die unter der schwarzen Flagge Herumstreifenden umging, schien in der unbeherrschten Seele ein Feuer entzündet zu haben. Wieder rettete der Pater seine Verlegenheit hinter strenge Abweisung.

»Schweig,« befahl er. »Was schiert sich ein Sasse, der von der Herrschaft gut gehalten wird, um die von jedem Ehrsamen gemiedene Brut der Friedlosen? Danke Gott im stillen dafür – der du ein nährend Gewerbe und einen sicheren Platz hast – daß die Fürsten und Städtischen dem wüsten Drang ein Ende machen wollen. Merk' dir, Bursche, solange das Gelichter nicht von der See fortgefegt wird, so lange kannst du, wenn du ehrlich bist, unter deinem Dach nicht ruhig schlafen.«

Schon wurden die buntgeschirrten Rosse unter den Stämmen sichtbar. So blieb Pater Franziskus nur noch Zeit, die Kinder beiseite zu schieben und den wesenlos Gaffenden gutmütig zuzuflüstern:

»Schaut auf die Vordersten. Ja, die Beiden. Das sind die Gesandten der Königin. Der Drost Reichshofmeister Henning von Putbus. Und der Hauptmann Konrad von Moltke. Gar stolze und mächtige Herren.«

Mit weit aufgerissenen Augen verfolgte Claus Beckera nun das sich entwickelnde farbige Bild. Er merkte nicht einmal, wie er dabei krampfhaft die Hand seiner kleinen Gefährtin ergriffen hatte. So übergewaltig, so betörend wirkte auf ihn der goldige Glanz der Großen. Allmählich spann sich ein feines, unwirkliches Netz vor seine hinstarrenden Blicke, und er zuckte beinahe schmerzhaft zusammen, sobald aus dem Gewebe ein besonders greller Blitz auf ihn zuschoß. Da –

Trat aus der Pforte über den Grasstufen nicht der Abt mit seinem Prior hervor? Beides hinfällige Greise. In seinem schneeweißen Gewand, das goldene Kreuz klappernd auf den dürren Gliedern, trippelte das Männchen, achtsam auf jedem Absatz die Schleppe hebend, auf den ersten der Reiter zu, um endlich dem Reichshofmeister mit zitternder Hand einen silbernen Pokal entgegen zu reichen. Auf breitem Gaul saß der Drost zurückgelehnt, die überlangen Beine gewaltig gespreizt, denn die flickenreiche Zaddeltracht beengte den hochaufgeschossenen Mann. Zwiefältig war das Staatskleid zusammengesetzt, auf der linken Seite rot, auf der rechten gelb, während Arme und Beine umgekehrt bekleidet waren. Dazu saß ihm eine ungeheure blaue Wulsthaube auf dem verkerbten Haupt, von der ihm noch eine riesige blaue Fahne fast bis an die Knie hinunterfloß. Man sah ihm an, der lange Ritt hatte ihm heiß gemacht, denn er schob luftschöpfend an dem schwarzen Ledergürtel unterhalb seiner schmalen Hüften herum, und wenn die tiefliegenden lauernden Augen nicht widersprochen hätten, so hätte man den Reichshofmeister der Königin Margaretha für einen abgedienten und eitlen Höfling halten können. Aber die Augen wohnten ihm unter graustruppigen Brauen wie der Fuchs in seinem Bau. Aufmerksam, sprungbereit. Und über die verschrumpfte Stirn flog manchmal ein erhellender Blitz. Nicht umsonst ging die Sage, diese vermorschte, im Winde schwankende Leiter hätte die Sprossen geboten, auf denen die zierlichen Füße seiner Königin bis in die kältesten Höhen der Staatskunst emporgeklettert wären. Doch die Sage fügte ihm Unrecht zu, denn er selbst hatte in dem fürstlichen Frauengemach erst die unmerklichen Windungen und herzenskühlen Methoden gelernt, die die nordische Welt jetzt in Spannung hielten. Von ganz anderer Art war sein Gefährte, der dicht neben ihm seinem gescheckten Schimmel wuchtig den schweißenden Hals klopfte. In einem verregneten Lederkoller hockte der Hauptmann Konrad von Moltke auf seinem abgetriebenen sehnigen Gaul. Sein linkes, von einem grünen Strumpf umspanntes Bein hatte er lässig in die Höhe gezogen, so daß er den Arm darauf stützen konnte. Und auf diesem ruhte wieder der völlig kahle, in der Sonne glänzende Schädel, unter dem eine krumme Geiernase rauflustig und hochmütig in die Welt stach. Die eiserne Sturmhaube, die den beinernen Totenkopf wohl allzusehr drücken mochte, hing ihm schaukelnd vom Sattel, und die rot verschwollenen Augenlider blieben hartnäckig geschlossen, vielleicht vor Müdigkeit, vielleicht aus Abneigung gegen das Mönchsgesindel, dem seine Herrin so auffallende Bevorzugung erwies. Man munkelte da allerlei. Der verkniffene Mund des Dänen jedoch redete laut von Geiz und Beutesucht.

»Er sieht aus wie der Seeadler, wenn man ihm die Federn ausgerupft hat,« dachte Claus Beckera staunend, ohne den gierigen Blick von dem Knochenmann abwenden zu können.

Inzwischen hatte sich die hinfällige Kinderfigur des Abtes auf den Zehen aufgerichtet. Ängstlich vor dem scharrenden Braunen ausweichend, reichte er dem Reichshofmeister seinen Becher dar. Das Männchen, dem ein paar einzelne graue Locken verloren um die Stirn flatterten, machte unverkennbar den Eindruck, als ob er sich hinter seinen Pergamentrollen wohler fühle als bei dieser ungewohnten Staatshandlung.

»Herr Henning von Putbus,« lispelte er ohne Mark und kaum hörbar, »Reichshofmeister und Drost der großmächtigen – – – «

Hier klatschte der Knochenmann seinem Gaul höchst wuchtig gegen den Hals und kniff seine Lider immer unbegreiflicher zusammen.

Der Abt verwirrte sich.

»Der Herr führte Euch zum Segen an die deutsche Küste,« stotterte er verlegen und begann mit dem Becher hin und her zu zittern. »Er führte Euch an die Küste – ja – und möge die Tagfahrt zu Stralsund Euren Wünschen entsprechen.«

Höflich streckte der Hagere seine Beine noch steifer von sich, ergriff den Becher und verneigte sich so geschmeidig, wie man von dem vertrockneten Gerüst in dem Geckengewand kaum erwarten konnte. »Da der redliche Abscheu Eures Ordens gegen die Vergewaltiger der See bekannt ist,« sprach er ziemlich unbeteiligt, »so werden Eure Gebete mit uns sein. Ich weiß – ich weiß.« Er führte den Pokal oberflächlich und ohne zu nippen an seinen Mund. Sein Nachbar jedoch, der Hauptmann von Moltke, riß ihm ungeduldig den Pokal, bevor er noch dazu aufgefordert wurde, aus der Hand, tat einen tiefen Blick hinein und stürzte das Getränk gierig hinunter. Der Kriegsmann mochte durstig sein. Allein unvermutet hielt er inne, und während er böse die verschwollenen Augen aufriß, goß er gereizt den Rest auf die Erde.

»Gemischt,« knurrte er, und seine Stimme klang, wie wenn man Scherben gegeneinander reibt. »Himmel und Hölle – ich – –«

In diesem Augenblick schlug erneutes Pferdegetrappel aus dem Wald heraus, der Reiter verschluckte das weitere, hob die abschreckend dürre Hand und schwenkte sie dem neuen Ankömmling entgegen. »He, Cona,« krähte er immer in demselben bitteren, menschenverachtenden Ton, »meiner Seel, Ihr standet gut im Futter, seit wir uns zuletzt begegneten. Wißt Ihr noch auf der Tagfahrt zu Wismar? Man sagt, Liebwertester, Ihr hättet über See recht einträgliche Geschäfte betrieben. Und kenntet die Schliche der Schuimer aus Erfahrung.«

Es mußte eine besonders giftige Anspielung in jener Anrede liegen, denn der Reichshofmeister, der plötzlich noch fahler aussah als gewöhnlich, hob abwehrend die Rechte, schöpfte vergeblich Luft und versuchte, sein Unbehagen hinter einem begrüßenden Lächeln zu verbergen. Er brachte es jedoch nur zu einem Grinsen, zumal er wahrnahm, wie der Graf von Cona, der nun in der Abendsonne dicht neben seinem jungen Sohne mitten auf der Lichtung hielt, verärgert und beschämt das feiste Vollmondgesicht verzog. Spähend blinzelte der so Wohlgenährte im Kreise umher, ob auch die Mönche den beißenden Spott verstanden hätten. Dann strich er mit der fleischigen Hand über den halblangen blauen Tappert, der ihn schlafrockartig umhüllte, und stieß endlich kurzatmig, nach Art der Dicken hervor:

»Seid gegrüßt, Ihr Herren. Auch du, Moltke. Immer munter. Immer gelenkig. Wollen absteigen und das Nachtmahl einnehmen, das der Herr Abt für uns gerüstet. Aus leerem Magen steigt zudem allerlei verwirrtes Zeug. Und wenn es Euch wirklich Ernst gegen die Freibeuter ist, die ja manchem ein verstecktes Plätzchen gut zu bezahlen wußten – nicht wahr, nicht wahr, so ist es doch? – dann werden wir morgen in Stralsund weiter sehen. Werden sehen, wo unser Vorteil liegt. Und nun zu Tisch, liebe Herren.«

Schwerfällig und ächzend schwang er das rechte Bein vom Roß. Allein durch die weitausladende Bewegung des unförmlichen Körpers mochte der dürre unruhige Gaul des Dänenhauptmanns gereizt werden. Mit einem schrillen Wiehern stieg das Tier kerzengerade in die Höhe. Ringsum wurde ein einziger Schrei laut. Doch ohne Zögern schlossen sich die sehnigen Beine des Kriegers um den Leib seiner Schecke zusammen. Ja, er rührte sich kaum, so fest saß er im Sattel. Zu gleicher Zeit aber sah man, wie der Knabe im weißen Kittel hochauf in den Zügeln des Schimmels hing. Die kleinen Fäuste rissen erbarmungslos am Maulbügel des Tieres.

»Laß los,« krähte der Däne ungehalten und fletschte die stockigen Zähne. Da war das Pferd schon zur Erde gebracht. Und der Helfer stand nun, keineswegs befangen, sondern die Hände stolz in die Hüften gesetzt, geschwellt von einem rauschenden Kraftgefühl, mitten in dem ihn umgaffenden Kreis. Wieder merkte er es kaum, daß seine Gefährtin auf ihn zugestürzt war, um ihm ängstlich Brust und Glieder zu befühlen.

»Unsinn,« schimpfte der Hauptmann mißfällig. »Ragazzaccio maledetto!« vervollständigte er seinen Fluch auf welsche Art, denn er hatte sich seinen ersten Kriegsruhm in den italienischen Städtekriegen erworben. Gezwungen nestelte er an seiner Ledertasche, um dem Buben ein paar Scheidemünzen zuzuwerfen, doch einer besseren Einsicht folgend unterließ er diese Spende wieder auf halbem Wege.

»Wer ist der Bursche?« fragte statt seiner der Graf von Cona, der inzwischen auf krummen Beinen neben dem gleichfalls abgestiegenen Reichshofmeister stand. Und da er den einfachen linnenen Kittel und daneben den prächtigen Wuchs des Knaben nicht recht zusammenzureimen wußte, setzte er dringlich hinzu, denn die nahe Tafel lockte den immer Hungrigen: »Schnell, schnell, wer ist es? Gäbe einen stattlichen Knecht.«

Eine Stille entstand. Bis das Schweigen von der Stimme des Bruder Franziskus unterbrochen wurde. Einem unwiderstehlichen Trieb folgend, hatte sich der Pater vor die Kinder aufgepflanzt. Jetzt gab er besorgt die Auskunft:

»Es ist der Sohn des Fischers Claus Beckera.«

»Das ist ein lauer Hund,« stotterte der Dicke, der im ersten Augenblick seine unangenehme Überraschung nicht meistern konnte. »Sorgt schlecht für uns.« Und sein Doppelkinn unter dem Kragen des blauen Tappert weit hervorschiebend, begann er vor Verlegenheit zu poltern: »Wozu treibt sich der Sasse hier herum?«

In das Antlitz des Jungen war Hitze gestiegen, böse zerrten die dunklen Augen an dem blauen Faltenrock herum.

»Mein Vater – – « schrie er.

Da wurde er von dem Mönch zurückgerissen. Zugleich fühlte er, wie ihm die Lippen fest verschlossen wurden.

»Er hat eine Sternscholle für die Tafel gebracht,« erklärte der Bruder ruhig und zeigte nach dem Mauervorsprung, auf dem der Riesenfisch in der Abendsonne glitzerte.

Neugierig wandte sich der Graf. Mochte es nun sein, daß ihn der Anblick des mächtigen Fanges versöhnte, oder war er sonst froh, der lästigen Begegnung überhoben zu sein, gemütlich schob er seinen Arm unter den des Reichshofmeisters und zog ihn mit sich.

»Man speist gut bei den Brüdern,« schmatzte er mit breitem Lachen. »Wer weiß, welche Überraschung unser wartet. Kommt, Herr Drost, ihr Herren kommt. Man soll den Koch nicht warten lassen.«

So zogen die Gäste, geführt von den Mönchen, durch die enge Pforte über den Grasstufen. Die Knechte leiteten die Pferde um die Mauer herum in die Ställe, und bald lag die Lichtung in Einsamkeit.

Nur ein einzelner Reiter war zurückgeblieben. Auffällig zögerte er mit dem Absitzen, lenkte seinen Rappen vielmehr spielerisch hin und her, bis der Junggraf Malte von Cona seinen Entschluß gefaßt haben mußte. Mit einem Sprung setzte sein Pferd hinter den bereits heimkehrenden Kindern her, und während die Jungmännerfaust keck und ohne Umstände in die Haarflechten des aufschreienden Mädchens griff, rief er wie zur Beruhigung mit einem zugleich harmlosen und gebieterischen Lachen, denn das Ganze sollte nach der Sitte der Zeit einen Scherz darstellen.

»Dirn, versteh Spaß, wo kommst du her?«

Die Kleine starrte ihn mit blauen Augen flehentlich an und begann vor dem vornehmen Herrn zu zittern.

»Laß ab, Herr,« stammelte auch Bruder Franziskus in aufsteigender Empörung, »es ist noch ein Kind.«

Doch der Jüngling warf dem Mönch nur einen verächtlichen Blick zu, es kümmerte den Geschorenen nichts, mit wem der Grundherr seine Belustigung auf offener Straße treiben wollte. Doch verwunderlich dünkte es den Reiter, auf welche Weise der Fischerknecht den gnädigen Scherz aufnahm. Atemlos lehnte der weiße Kittel an einer mächtigen Buche, von wo der Knabe zuvörderst ohne genaue Erkenntnis des Vorganges die bunte Pracht des Adligen in unruhiger Gier verschlang. Die überlangen Schnäbel der rosa Strümpfe, die enggepreßte rote Schecke des Wamses und darüber den kurzen gelben Kragen, der mit blitzenden Gold- und Silberstücken besetzt war. Und doch – die Faust des Burschen riß und zerrte dabei auf eine sonderliche Art an einem stämmigen Ast herum. Wollte der Lümmel etwa die schuldige Ehrfurcht vergessen? Ungläubig und geringschätzend zuckte der Junker die Achsel, dann ließ er seinen Blick von neuem hartnäckig über die feine Gestalt der Dirne laufen, die sein Anruf so völlig der Sprache beraubt hatte.

»Komm zu dir, Rotröckchen,« meinte er ungeduldig, obwohl er beifällig genug auf die nackten Füße des Kindes herabschaute. »Wo kommst du her? Bist du die Schwester des Sassen da?«

Noch immer hielt er das Ganze für einen ihm ziemenden Scherz und wunderte sich nur, warum das Mädchen so sehr in Zittern und Beben versank.

»Nein,« flüsterte sie und senkte das Haupt, »ich bin Anna Knuth.«

»Und meiner Mutter Schwestertochter,« sprach Claus hart dazwischen. Er hatte den Ast herabgerissen und trat nun, auf alles vorbereitet, näher. Dabei schauerten seine Glieder dennoch wie im Frost, denn die vererbte Achtung bäumte sich gegen die Gier, ein Abenteuer zu erleben. Rastlos schwankte die Zufallswaffe in seiner gekrampften Faust. Er wußte selbst nicht, wogegen er kämpfen sollte.

»Du bist nicht gefragt,« schleuderte ihm der Junggraf unwillig entgegen, wobei er herrisch die Rechte vorwarf, als wolle er die nahende, die unbegreifliche Auflehnung an ihren Platz bannen. »Gleich packst du dich von dannen, Tölpel.«

Der im weißen Kittel rührte sich nicht. Nur der Buchenast hörte auf zu zittern, ja, das Holz gewann von Minute zu Minute eine immer straffere Spannung. Eine Weile verharrten die drei Gestalten bewegungslos, wie in der Tiefe eines Traumes. Selbst das Pferd stand gepreßt unter dem einfangenden Druck. Da vermochte sich der Cisterzienser in seiner Herzensangst am frühesten aus der Lähmung emporzuraffen. Kaltblütig schritt er, als wäre nichts Erhebliches geschehen, bis dicht an die Flanke des Rosses heran, um dort dem Tier kosend über den Hals zu klopfen. Mit großen Augen verfolgten die Jungen, die Aufgeregten, sein Tun.

»Ja, es sind Annerbäulkenkinder[[*]],« sprach er im weichen Dialekt der Gegend, und keine Hast, keine Unruhe verrieten in dem ebenen Antlitz, wie sehr er mit der Überlegenheit des Alters bemüht war, die aufgepeitschten Sinne der anderen zu besänftigen. »Anna Knuths Vater ist ertrunken. Man sagt, die Schuimer hätten ihn ins Meer geworfen. Da hat sich ihre Mutter nun ein Hüttlein dicht neben den Beckeras errichtet, und Mutter und Tochter nähren sich recht und redlich vom Mattenflechten. Ein mühselig Gewerbe, Herr, das die Finger zerschneidet.«

[[*]] Vetter und Base.

Weisend hob er den Arm der Kleinen empor, und der Graf bemerkte nun verdutzt, wie die Hand der Blonden von schwärzlichen Kerben durchfurcht war. Das lenkte seine unüberlegte Begehrlichkeit wohltätig ab. Sofort suchte er nach Art der großen Herren das Leid der Armen durch ein Almosen zu lindern.

»Warum sagtest du das nicht gleich, dummes Gör,« tadelte er wohlwollend, während er ungestüm an einer Silbermünze seines gelben Kragens herumdrehte. »Matten? Gut, da magst du die weichsten von deinem Geflecht auf unseren Hof bringen. Mein Hund soll darauf liegen. Und hier, Rotröckchen, hier hast du deinen Lohn im voraus.«

Lachend, mit einer freigebigen Gebärde schleuderte er den abgerissenen Knopf dem Mädchen vor die Füße. Und ehe die drei Zurückgebliebenen sich noch besinnen konnten, hatte der gewandte Reiter seinen Gaul zur Seite geworfen und sprengte nun um die Mauer herum dem Stalle zu.

»Eilt nach Hause,« drängte der Bruder die beiden Kinder, die bestürzt auf das sich entfernende Klingeln der silbernen und goldenen Münzen lauschten. »Geht – geht rasch, der Mann will euch nicht wohl.«

[III.]

Sie saßen in der Hütte der Beckeras zum kargen Nachtmahl vereint. Die Alten hatten ihren Hunger bereits gestillt und hockten ausruhend am Herd, von wo ein verglimmender Kienspan leuchtete. Zu ihnen hatte sich Anna Knuths Mutter gesellt, ein hageres, früh ergrautes Weib mit unzähligen Sommersprossen im abgemagerten Antlitz. Arbeitsverbittert sah sie aus, und vor der hereinströmenden Kühle des Meeres fröstelte die Abgezehrte häufig zusammen.

»Kalt – immer kalt,« schüttelte sie sich. Dann hob sie den gespendeten Silberknopf von ihrem Schoß, um ihn beinahe ungläubig gegen den ungewissen Lichtschein zu kehren. »Warum er das wohl geschenkt?« suchte sie in fruchtlosen Zweifeln zu ergründen; als aber die Hausfrau, die prall und rund, voll gesparter, selbstbewußter Kraft ihr gegenüberlehnte, eine heftige Bewegung gegen die Esse ausführte, wie wenn sie das Wertstück am liebsten in die Flammen schleudern möchte, denn Hilda kannte die Aufmerksamkeiten der Herren, da schüttelte die Mattenflechterin müde das Haupt. »Nicht doch — nicht doch,« wehrte sie sich gegen diesen Gedanken ihrer gewalttätigen Schwester. »Wie käme ich wohl je wieder zu solch einem Schatz? Morgen segle ich nach Stralsund und kaufe für uns Decken. Die Hauptsache ist, daß wir es warm haben.«

»Ja, ja, hübsch warm,« murmelte der alte Claus Beckera und zog seine allmählich spindeldürr gewordenen Beine bis tief unter seinen Sitz, da der Husten, der nicht zum Ausbruch kommen wollte, seinen ausgemergelten Leib wieder verkrümmte. Mit äußerster Kraft rang er danach, das laute Bellen zu verhindern. Nicht eigentlich, um seine Umgebung nicht zu erschrecken, denn der kranke Riese war noch immer nicht zart und nachgiebig geworden. Nein, er mochte nur nicht die Augen des Weibes so groß und erkennend auf sich gerichtet fühlen. Das Weib wußte alles, sie war klug und ließ sich nicht täuschen. Ja, der Fischer glaubte, sie lese ihm Zeit und Stunde des Kommenden ganz sicher von der Stirn. Und dagegen sträubte er sich. Es war wohl noch gar nicht so schlimm, und er wollte einmal sehen, wer zäher war, er oder die Augen von ihr.

So strich er sich scheinbar aufgeräumt über die Welle des roten Bartes, der jetzt doppelt scharf gegen die vergilbten, eingefallenen Wangen abstach, und gegen den Tisch gewandt richtete er die wohlwollende Ermahnung an seinen Sohn:

»Iß, Jünging, iß.«

Der Knabe träumte vor der rohen Platte, hielt das Haupt aufgestützt, und nur ab und zu führte er den Holzlöffel ungewiß und willensunmächtig in den Napf mit dem warmen Hirsebrei. Seine sonst so blitzenden Augen aber hatten sich verschleiert, wie nach innen gerichtet schienen sie Bilder und Vorstellungen zu verfolgen, die auf dem Grund seiner Seele dahinstiebten. Unwillig zuckten seine Lippen oft, als könne er das Fliehende weder erkennen noch festhalten. Betroffen beobachteten seine Angehörigen das an dem immer Unruhigen befremdliche Wesen.

»Iß, Claus,« bat die kleine Anna Knuth, die dem Versunkenen gegenüber saß, wobei sie ebenfalls versäumte, ihren Löffel gegen den Napf zu lenken, denn ihr Gemüt nahm willigen Anteil an dem völligen Verstummen ihres Gefährten. »Wir sind lange gelaufen – du bist müde.«

Doch auch diese warme Bitte erreichte den in Fremdes Hinabgetauchten nicht. Offenbar hatte er die sanfte, demütige Stimme gar nicht vernommen. Über die Schulter seiner Freundin hinweg starrte er immer ausdrucksloser durch die offene Luke der Hütte, dorthin, wo das letzte Abendrot fern auf den Wassern schaukelte. Langsam stieg die blaue Wand der Nacht über die Ränder der See. Und zugleich verfinsterte sich auch die Stirn des Träumenden immer auffälliger.

»Willst du wohl antworten, wenn man dich fragt?« drohte Hilda, seine Mutter, ungeduldig. Heftig war sie hinter den Schemel des Sohnes getreten. Nun ließ sie ihre Hand klatschend auf den Nacken des Abgewandten niederfallen. Ihre lebhafte, tatbereite Natur sträubte sich gegen solch ein zweckloses und unheimliches Hindämmern. Was hatte der große, kräftige Bursche in sich hinein zu horchen, anstatt seinem arbeitsunfähigen Vater hilfreich zur Seite zu stehen? Verlangte doch der Vogt nach wie vor den vollwichtigen Fang. »Junge, willst du wohl?«

»Mutter,« unterbrach der kranke Riese erschreckt, indem er abermals gegen den gefährlichen Hustenreiz ankämpfte, und dabei versuchte er, sich zu erheben, was ihm aber nicht sofort gelang. »Laß – laß den Jungen. Wer weiß, was er hat. Er trägt Gedanken in seinem Kopf. Und Gedanken kann man nicht immer verstehen.«

Hieraus war zu entnehmen, was Hilda längst wußte, daß der alte Beckera in scheuer Achtung vor der wilden trotzigen Art seines Sohnes dahinlebte, daß er aber geradezu in Aberglauben und Bewunderung versank, sobald sein Pflegling merkwürdige Fragen und Ansichten äußerte, wie sie der Rotbart in seinem einförmigen Gewerbe niemals für möglich gehalten. Je weniger der Plumpe ein derartiges hitziges Arbeiten des Hirns begriff, desto rückhaltloser fühlte er sich heimlich geschmeichelt, weil solches an seinem eigenen Sassenherde geschah.

»Laß ihn, Mutting, laß, wer weiß?«

»Ih, was hier, wer weiß?« schalt Hilda. »Was nützt das?« Sie schlug noch einmal zu.

Mit einem Sprung war der Knabe auf den Füßen. Der zweite Hieb hatte ihn geweckt. Der Napf auf dem Tisch zitterte vor dem ungestümen Auffahren, selbst der Kienspan auf dem Herd schickte seine Flamme in dem Luftzug rauchend zur Höhe.

»Was ist?« ermannte sich der Bursche, und seine Blicke umfingen seine Angehörigen so dunkel und fremd, daß alle merkten, sein Körper sei eben erst, wie ein Stein aus Himmelshöhen, unter sie gefallen.

Staunend, mit weit aufgerissenen Augen betrachtete ihn der alte Beckera, sein harmloses Gemüt bückte sich tief vor diesem vornehmen Entrücktsein in eine andere Welt. Abwehrend hob er wiederum die abgezehrte, faltenreiche Faust.

»Laß,« murmelte er noch einmal, kaum hörbar.

Die Mutter aber wünschte ihren Jungen aus seinem zwecklosen Hindämmern aufzujagen.

»Fehlt dir was?« forschte sie barsch, während sie ihm ohne weiteres den Holznapf fortnahm, denn die Ziegen konnten noch recht gut von den Resten gesättigt werden. »Wozu hockst du hier und glotzt vor dich hin?«

Heftig schüttelte sich der junge Claus, dann sprang er an die offene Luke und trotz der feuchten Abendluft riß er sich den weißen Kittel vorn am Hals auseinander, bis ihm der Zugwind über die nackte Brust spülte.

»Kalt,« fröstelte die Mattenflechterin in ihrer Ecke wehleidig zusammen. Auch der alte Fischer hustete unvorsichtig.

»Zu warm, viel zu warm,« wehrte sich der Knabe. Plötzlich aber warf er das braune Lockenhaar ungestüm zurück und führte mit geballter Faust einen besinnungslosen Hieb gegen die Bohlen des Fensters. In Wut und stürmischer Auflehnung entlud sich, was in seinem schwelenden Hinbrüten bedrohlich gegen ihn aufgestanden war.

»Wir wissen hier von nichts,« schrie er in bitterem Zorn, und seine funkelnden Augen klagten alle Anwesenden der Reihe nach eines unsühnbaren Verbrechens an, »wir wissen nichts von dem, was draußen geschieht.«

Verständnislos maßen sich die anderen. Allein, wenn sie auch nicht begriffen, wonach diese entfesselte und von einem flüchtigen Lichtstrahl geblendete Seele schrie, die unverbildeten Menschen fühlten doch, daß sich hier etwas Ungewohntes und in seiner Anmaßung Gefährliches rege, etwas Aufständisches, Unbotmäßiges, das mit den Fäusten gegen den Käfig der Unmündigkeit und des Elends zu hämmern begann. Und das erfüllte sie mit Abneigung und Mißtrauen. Die geduckten Nacken hatten ja längst verlernt, sich zu recken, und weil sie zu tief in Abhängigkeit gebeugt waren, so hielten sie es beinahe für eine Wohltat, die unwissenden Häupter nicht mehr dorthin erheben zu brauchen, wo in der Höhe die Blitze zuckten. Gott bewahre uns vor Ungemach. Unwillkürlich falteten sich ihre Hände. Und nur der kranke Riese atmete ein paarmal mühsam auf, aber als er sich zu einer kleinlauten Frage anschickte, da bebte doch etwas von zurückgedrängter Genugtuung in seiner gebrochenen und heiseren Stimme, denn ihm kam es vor, als wenn seine Hütte durch all dies sehr geehrt und begnadet würde. Gott wahre uns vor Ungemach.

»Was wissen wir nicht, Jünging?« räusperte er sich demütig und klammerte sich mit beiden Fäusten an das Lehnbrett seines Schemels, um aufrecht sitzen zu können. »Was wissen wir nicht?«

Da biß der Angeredete in seine Unterlippe und zugleich rüttelte er, von neuer Besessenheit befallen, an der Umfassung der Luke, als müsse er sich durchaus einen verbreiterten Ausblick schaffen. Dazu tobte er voller Verachtung gegen die Dumpfheit, die ihn hier umgab.

»Wißt ihr, daß ein paar Meilen von uns zu Stralsund eine Tagfahrt gehalten wird? Was ist eine Tagfahrt?«

Der alte Fischer riß an seinem langmähnigen Bart, die Brust drohte ihm stillzustehen, und durch sein blondgraues Struwelhaar drang ihm der Schweiß. Vor Überraschung verging ihm völlig das Denken. Alle guten Geister, um was kümmerte sich die junge Brut?

»Große Herrensache,« vermochte er endlich seiner Atemnot abzuringen, »sie reden da.«

Sein Pflegling trat ihm näher.

»Von was reden sie da?« forderte er begierig.

Den Alten umwirrte jetzt vollkommene Betäubung. Noch nie war so etwas Unnötiges von ihm verlangt worden. Und nun gar von dem angenommenen Sohne. Und doch ergriff ihn die ungewisse Ahnung, in diesem Drängen wehe eine köstliche Luft, nach der er sich schon lange gesehnt, weil sich in ihr atmen ließe. Ja atmen, atmen, denn das Ersticken nahte wohl bald. Hohl stöhnte er auf, dann keuchte er hervor:

»Sie reden da von uns, und was man uns nehmen soll, damit wir steuern.«

Es klang wie das Heulen eines gemißhandelten Hundes. Alte Erinnerungen von Zwang und Demütigung richteten sich in dem Gestammel empor. Und bei diesen aufreizenden Lauten beugte sich ihm der Sohn lauernd entgegen, und seine Augen drohten unheilverkündend in der Hütte umher, als suchten sie jetzt schon den Eindringling, der da kommen sollte, um erpreßtes Gut zu verlangen. Gott schütze uns vor Ungemach. Welcher Geist war zur bösen Stunde in das junge Blut gefahren!

»Sie reden da von uns? Und fragen uns nicht?« rang es sich wie von selbst aus dem erwachenden Bewußtsein ab. »Sind wir denn Steine?«

Der alte Claus zitterte vor Angst. Ganz unvermittelt schämte er sich, weil er sich von dem Unbekannten soweit verleiten ließ.

»Laß, mein Jünging, laß, wir verstehen das nicht.«

»Eben, wir verstehen das nicht,« zischte der Knabe. Ratlos schlug er sich mit der Faust vor die Stirn.

Vom Herd erhob sich eine schrille Stimme. Dort stieß Hilda die Feuerzange wütend unter ihre Töpfe. In Scherben klirrte ein Napf auf den Ziegelestrich.

»Was ist das für ein Zeug?« zeterte sie in ihrer Befürchtung, rächende Herrenhände könnten sich an ihrem lebenden Schatz vergreifen. »Hab' ich dich dazu aufgefüttert, damit du hier allerhand Unkraut säst? Meinst du, wir könnten vom Wortefangen leben? Gleich schere dich dort hinaus, wohin du gehörst. Oder willst du abwarten, bis dir die Peitsche des Vogts Beine macht?«

So laut ihre Stimme auch gellte, der schlanke Bursche wandte den Blick auf die eifernde Frau, aber ihre Vorwürfe glitten von ihm ab, als wären seine Ohren noch immer für die Dinge des Alltags und der einförmigen Gewohnheit verstopft. Aufrecht stand er da, plötzlich ein Fremder unter diesen kleinen furchtsamen Sassen, von der Zaubergerte einer Erkenntnis berührt, die er nicht zu bewältigen vermochte; und nur als durch seine Träume das Wort »Peitsche« hindurchpfiff, da zuckte ein kurzer Schauer über seinen Nacken, und seine Hände zitterten widerstrebend nach rückwärts. Gleich darauf jedoch war auch diese Schwäche abgeschüttelt und er konnte geschmeidig bis dicht an den Sitz des Alten herangleiten, um dem aufhorchenden Fischer von neuem zuzuflüstern:

»Sag' mir, was sind Schuimer?«

»Oh, oh,« winselte Anna Knuths Mutter kläglich, und zu gleicher Zeit nestelte sie aufgescheucht den silbernen Knopf in einen Schlitz ihres Rockes. »Böse Menschen, Claus, glaub mir, böse Menschen. Sie segeln in ihren Raubschiffen, sie plündern das Gut der Reichen und morden die Armen. Ich kenne sie. Versaufen und verschlemmen in einem Tag, was wir des Jahres zusammengescharrt.«

»Seid still,« stieß Hilda an ihrem Herd hervor. Leichenblaß war sie geworden, seit ihre Sorge um ihren Einzigen sich an einen bestimmten Begriff klammern konnte. »Sprich ein Ave, mein Jünging. Ein frommer Christenmensch darf die Rotte nicht kennen.«

»Ave Maria, heilige Mutter – – « sprach die kleine Anna folgsam vor sich hin. Auch ihr Gespiele faltete unwillkürlich die Hände, denn der Wunsch der Mutter galt dem Aufgestörten immer noch als ein unabwendbares Gebot. Dennoch hinderte ihn die Bewegung nicht, seinem Vater abermals zuzuraunen:

»Wer aber hat die Männer so weit gebracht?«

»Ja, wer?« murmelte der Fischer betäubt. Plötzlich aber faßte er den Kopf des Sohnes in beide Hände, und sein Leid und seine Krankheit und die Bedrängnis eines ganzen Lebens vom Grund seiner Seele auffegend, schrie er unvermutet in irrem Geheul:

»Die Not, mein Jünging, ich mein' die Not.«

»Ja, die Not,« sprachen die anderen jetzt gepackt und gleichförmig vor sich hin.

Da war der fesselnde Bann von dem Knaben gewichen. Ungehindert und in der Lust sich zu befreien, brannte es hemmungslos aus ihm weiter:

»Und wer gibt den Herren seidene Kleider und uns Lumpen? Wer gibt ihnen Gold und Edelsteine und uns die Peitsche? Und wer gibt ihnen die fremden Sprachen, die wir nicht verstehen, und uns – und uns die Dummheit?«

»Ja, wer, wer?« wiederholten die anderen geistesabwesend.

Die armen Menschen hockten da, als seien sie mit Nägeln an ihre Sitze geheftet und müßten es dulden, daß ihre Zungen die Eingebungen eines fernen Geistes nachäfften. Endlich – endlich entriß sich Hilda jener lähmenden Verzweiflung. Mit einem Sprung war sie bei ihrem Kinde, das sie der Macht des Teufels entreißen zu müssen wähnte, ein Schlag ihrer geballten Faust schmetterte mitten in sein weiches, fieberndes Antlitz.

»Mutter!«

Da riß sie ihn an seinen langen Haaren und schleifte ihn fast bis zur Schwelle der Kate.

»Gleich packst du dich in dein Boot,« schäumte sie in übertriebener Wut, obgleich eine unnennbare Angst ihr die Seele zudrückte. »Geh – geh, Müßiggänger und Maulaffen brauchen wir hier nicht. Bring lieber was Tüchtiges heim, damit wir Ruhe haben vor dem Vogt. Und gnade dir Gott, wenn du jemals wieder dein Maul auftust über Dinge, die uns nichts angehen.« Ohne jeden Übergang fiel sie dem schon in die Nacht Geschobenen um den Hals, klammerte ihre Arme fest um seinen Nacken, und zum erstenmal hörte der überwältigte Sohn seine Mutter betteln und stöhnen:

»Tu's nicht, mein liebes Kind – schlag' dir solche Gedanken aus dem Kopf. Taugen nichts für arme Leut' – richten dich und uns zugrunde. Sieh, die Herren sind nun einmal in Samt und Seide geboren und leiden nichts anderes. Geh – sei wieder mein lieber, guter Junge – geh, geh!« Gewaltsam drängte sie den Zögernden, der in heißer, geweckter Zärtlichkeit ihren Mund suchte, von sich und wußte nicht, daß sie ihn seinem Schicksal entgegentrieb.


Noch befangen von all dem Widerspruchsvollen glitt Claus die Dünen hinab; aber je kälter ihm der scharfe Seewind um die Ohren strich, desto klarer erholten sich seine lebhaften Sinne, und kaum spürten seine Füße den feuchten Strand unter sich, da hatte das bewegliche und stets nach Neuem schweifende Gemüt des Knaben bereits den Streit mit den Seinen vergessen. Kräftig zog er sich den Ledergürtel enger und horchte im Schreiten auf das unheimliche Schreien der wilden Schwäne.

»Jetzt eine Armbrust, wie sie den Herren eignet,« dachte er, »und ein paar stattliche Federn für die Kappe sollten mir nicht fehlen.«

Die Nacht und die graue Leere, die sich wie ein offenes Tor auftat, schreckten und hinderten ihn so wenig, daß seine Augen vielmehr anfingen, halb im Spiel den Schimmer der weißen Strandwellen von dem Gefieder der belauschten Vögel zu unterscheiden. »Sie kämpfen da draußen,« urteilte er gespannt, »und stoßen einander gegenseitig die Brust ein.« Und dann schoß es ihm durch den Kopf, ob es nicht möglich sei, sich solch ein königliches Tier zu zähmen. Noch niemand hatte das zwar versucht. Es mochte wohl schwer halten. Aber sein nach Pracht und Glanz ewig dürstendes Herz wurde von dieser Idee völlig bestrickt. Beinahe vergaß er bereits die Jagd nach den unsichtbaren Geschöpfen.

»Man müßte gegen den Wind heranschleichen – – « murmelte Claus, »und dann – – « Da stutzte er. Dicht neben dem Pfahl, an dem sein Boot angebunden lag, erhob sich eine dunkle Gestalt. Der breite, untersetzte Mann mußte bis dahin auf dem Bordrand gesessen haben, jetzt wendete er sich voll dem Ankömmling entgegen, und durch die Nacht schimmerte zuvörderst eine gewaltige Schädelplatte. Auch wenn die schwere, wuchtige Figur noch tiefer von Finsternis bedeckt gewesen wäre, dieses beinerne Dach, gegen das sich rechts und links zwei dicke graue Haarwülste abbuschten, würde den Besitzer verraten haben. Zudem stand niemand so herrisch auf gespreizten Beinen wie der Vogt. Schweigsam musterte der Sechziger den Fischer, denn auch seinen Blicken bot die Dunkelheit kein Hindernis, und erst nachdem er ein paarmal über die kurze, vermottete Bartkrause gestrichen, spuckte er hart und abfällig, wie es in seiner Art lag:

»Der Mond steigt schon. Warum kommst du so spät?«

»Ich?«

»Ja, dich meine ich, wen sonst?«

Oh, da war es abermals. Claus Beckera kniff die Fäuste zusammen, bis die Nägel ihm ins Fleisch schnitten. Und doch erzählten seine mühsam zurückgepreßten Atemzüge ganz deutlich davon, welche Anstrengung es ihn kostete, um seinen unzähmbaren Haß gegen den ewigen Zwang hinunterzuwürgen. Knirschend vor Überwindung bückte er sich, und seine Hände rissen viel heftiger an den Stricken des Bootes herum, als nötig gewesen wäre, um die Knoten zu lösen. Dabei stieß er hinter zusammengebissenen Zähnen hervor, daß er ein Segel besitze und deshalb viel schneller die Fahrt zurücklegen könne, als es selbst der Vogt mit seinen plumpen Rudern vermöchte. Und überdies – allein das weitere verlor sich. Schon stemmte er die Schultern gegen den Kahn, und unbekümmert um den Beobachter begann er das Schifflein zwischen den großen Steinen hindurchzuschieben.

Aufmerksam hörte der Vogt zu. Endlich jedoch nickte er wie in galligem Vergnügen über die Kraft des Jungen, dann äußerte er mit seiner markigen Gelassenheit:

»Schön, du wirst dein Segel nötig haben, denn ihr seid im Rückstand. Lange warte ich nicht mehr.«

Claus Beckera schob, er schob, als ob er den Strand von den Wäldern und Bergen losreißen wollte. Ruhig ließ es der Vogt geschehen. Als aber der Bug des Schiffes gerade in das Wasser hinabtauchen wollte, da schlenderte er plötzlich näher und legte seine Faust hemmend auf den Bordrand.

Ruckartig fuhr der Bursche empor. »Was gibt's?« drohte er gepreßt, und jetzt konnte er es nicht mehr hindern, daß sich das Weiße seiner Augäpfel unheimlich zu drehen begann. »Wozu hältst du mich, Vogt?«

Voll dumpfer Warnung durchschnitt es die Nacht, der salzige Wind führte förmlich die Vorahnung einer Gewalttat, den Ruch eines aufschnellenden Raubtiersprunges, mit sich; doch den Machthaber schien diese sich windende Bosheit mehr zu ergötzen. Fast wohlwollend knurrte er:

»Kuck, Söhnlein, deine Lichter funkeln wie faules Holz. Wollen sehen, ob man sie zu was Nützlichem brauchen kann.« Er warf den Arm vor und wies seitwärts gegen das Meer. »Paß auf, was siehst du da?«

Von dem Ernst des Mannes getroffen, kehrte sich Claus überrascht der angedeuteten Richtung zu, heimlich geschmeichelt, weil der Gefürchtete offenbar seine Hilfe in Anspruch zu nehmen gedachte.

»Nun?« forschte der Alte nach einer Pause.

Merkwürdig, der Junge beugte sich über das Boot und starrte hinaus. Zu seiner Linken, dort, wo der Umschwung der Wälder dunkel und schwarz zur Stubnitz abbog, glomm ein schmaler Feuerstreifen auf dem Gewässer. Eine schaukelnde rote Lache wiegte es sich, immer wieder von der ebbenden Flut zerrissen und ebensooft von neuem zu einem losen, blitzenden Fließ gesammelt. Auffällig stach der Schein von den blassen, silbernen Rillen ab, die weit hinten am Horizont der heraufgleitende Mond in das Wasser furchte.

Was konnte das bedeuten?

Gepackt strengte Claus Beckera sein Sehvermögen aufs äußerste an, längst war er auf die umspülten Strandsteine gesprungen, und nun suchte er dort draußen, suchte, ob vielleicht ein Schiff mit entzündeten Pechfackeln seines Weges glitte.

Doch der Vogt lehnte brummig eine solche Vermutung ab. Seit drei Nächten fahnde er vergeblich den Strich entlang. Auch dort oben auf der Freiplatte von Stubbenkammer hätte er nachgeforscht. Umsonst – außer ein paar Rehen nichts Besonderes! Und doch, wie zum Hohn flimmere die verwünschte rote Haut auf dem Wasser.

Verärgert kehrte sich der Alte ab, als möchte er das äffende Feuerspiel nicht länger betrachten.

»Sieh zu, Söhnlein,« meinte er zum Abschied, und es klang wieder recht giftig und überlegen, »ob du klüger bist als wir anderen. Hältst dich ja ohnehin für einen stattlichen Hecht. Am Ende glückt dir der Fang. Wird dir gewiß größeren Spaß bereiten, als Heringe ziehen und Flundern. Aber gib acht,« setzte er noch im Fortgehen hinzu und hob warnend den kronengeschmückten Stab, »daß du nicht in eine Falle gerätst! Wer weiß? Die Rotte möchte vielleicht den Herren zu Stralsund was zum Raten aufgeben.« Und schon außer Hörweite lachte er kurz in sich hinein: »Wer kriegt heraus, wo die Freunde des armen Mannes gern gesehen werden? Es ist Becherspiel.«

In demselben Augenblick setzte Claus Beckera von seinem Stein mit einem weiten Sprung in das Boot. Hochauf peitschte der Schaum, und der Wind trieb ein helles Jauchzen herüber.

»Es steckt ander Blut in ihm,« dachte der Vogt, »als in dem faulen Bauch. Bauernblut, Sassenblut, das Blut des armen Mannes. Die Augen des Jungen glühen, wie wenn eine Hütte brennt. Man wird ihm öfter eins auf den Kopf geben müssen. – Schade, mag ihn gern leiden.«


Es war zur gleichen Stunde, als die beiden dänischen Großen im Gastzimmer des Klosters ihre Betten aufsuchten. Der Reichshofmeister Henning von Putbus saß bereits entkleidet auf dem breiten Pfühl, und seine nackten Beine sahen so elend mager und abgezehrt aus, daß der Hauptmann Konrad Moltke, der nach einem reichlichen Trunk mit der Ölleuchte in der Hand in dem kahlen Raum herumtaumelte, um einen Nagel für seinen Lederkoller zu finden, von Zeit zu Zeit in ein heiseres Kichern des Abscheus ausbrach. Als aber der Drost während seines tiefen Grübelns sich noch eine spitze Nachtmütze über den langen Schädel zog, da kannte das Vergnügen des halb Berauschten keine Grenzen.

»Bellissimo,« lallte er und hielt seinem Gefährten die zinnerne Lampe fast unter die Nase, damit er ihn besser betrachten könne. »Man tut Euch Unrecht, Drost; auf mein Schwert, bitteres Unrecht, Drostlein. Ich weiß es jetzt – Ihr bezaubert unsere erhabene Königin durch die Schlagfertigkeit Eures Witzes – sagt nichts, ich bezeuge es. Ja, wenn Ihr noch ein Pfaff wäret, solch ein weicher, niedlicher, dann, dann – – « Krampfhaft schluckte er ein paarmal, und die Erinnerung an die eben genossenen Tafelfreuden stieß wieder empfindlich gegen sein schwankes Hirn. »Gut, gut,« gab er den neuen Eindrücken nach und sank, immer die Leuchte zwischen den Fingern drehend, mitten in dem Zimmer auf einen geflochtenen Stuhl nieder. »Es kommen jetzt reiche Zeiten. Wir brauchen nur – brauchen nur den Schuimern all die hübschen Dinge aus den Taschen zu ziehen, die sie gar fleißig zusammengekratzt, und Ihr könnt Euch Margretlein in einem seidenen Hemd vorstellen. Meiner Seel – – «

»Steht auf und seht zu, ob wir nicht behorcht sind?« sagte der Drost einsilbig statt einer Antwort.

»Behorcht?« fuhr der Krieger etwas ernüchterter empor und tastete sich beleidigt an die Stelle, wo früher sein Wehrgehenke befestigt war – »Ihr meint die Kutten? Ih, da soll doch gleich ein Mordsdonner – – «

Schwerfällig wankte er bis zu dem engen Pförtlein und lugte hinaus. Allein seinem trüben Blick enthüllte sich nichts als ein dänischer Knecht, der am Ende des schmalen Ganges unter einem Bogenfenster die Wache hielt. Undeutlich glitzerte das Mondlicht auf seinem Kettenhemd.

Knallend warf der Hauptmann die Tür ins Schloß. Dann fröstelte er zusammen.

»Nichts,« stellte er ermüdet fest und schaute wieder verglast auf den langen Menschen unter der Zipfelmütze. »Habe ihnen einen unserer Spieße in den Weg gestellt. Was sonst?«

»Was sonst?« Behutsam war der Drost unterdessen ins Bett gekrochen, und während er nun den Schlafsack über sich zog, der für die unmäßige Länge dieser Gliedmaßen keineswegs ausreichte, da blinzelte er zu seinem wieder hingesunkenen Gefährten hinüber und schien zu prüfen, ob die glühende Geiernase noch ein Tröpfchen Vernunft zu wittern imstande wäre.

»Solltet Ihr mich verstehen,« sprach er endlich mit seiner leisen, salbungsvollen Stimme, »dann rate ich Euch, Herr Hauptmann, versprecht morgen den Hansischen und denen vom preußischen Orden und namentlich den mißtrauischen Städtern, was unter dem Himmel Raum hat. Wir Dänen schicken Schiffe, daß man die See nicht mehr wahrnimmt, und Wäppner, soviel als Sterne um den Mond wandern. Greift tief in den Beutel unserer guten Absichten und seid nicht sparsam.«

Der auf dem Strohstuhl hielt sich die Hand hinter das Ohr, damit er kein Wort verliere, und der runde glänzende Schädel begann lebhaft zu nicken. Die Aussicht auf die nahe Beute vertrieb dem Habsüchtigen sogar den Weindämmer ein wenig.

»Recht, recht,« stimmte er gierig zu. »Wir tonnen die Schuimer. Ihr wißt, meine Erfindung. Wir stecken sie in Fässer, den Kopf nach draußen, und lassen sie schwimmen. Gute Ware, an der sich redlich verdienen läßt.«

Da zog Herr Henning von Putbus die Nachtmütze völlig herab und kehrte sich der Wand zu.

»Ich sehe, Ihr versteht mich nicht,« meinte er gelassen. »Löscht das Licht und schlaft Euch aus. Und noch eins, Liebwerter, habt die Gewogenheit und wollet nicht schnarchen. Morgen mehr.«

Der Hauptmann aber zerrte seine niedrigen Lederstiefel ab und knallte sie böse gegen die Wand.


Mitten in der Nacht erlosch die feurige Lache auf dem Meere. Plötzlich und unvorhergesehen, als hätte ein Riesenfuß den Brand zertreten.

In dem Boot aber, das dicht umwölkt an den Strand glitt, da flüsterte eine feine Wisperstimme:

»Laß uns den Zufall anbeten, schöner Knabe. Fürwahr, eine mächtige Gottheit. Sollte auf dieser lieblichen Insel oder in dem Palaste deiner Väter mein Glück eine erfreuliche Wendung nehmen, dann gelobe ich den wechselnden Horen hundert Ochsen. Du staunst, schöner Fischer? Warum? Weil du mich in Lumpen erblickst. Laß dir bedeuten, die Kinder des Zufalls spielen heute mit Bettlerpfennigen und morgen mit Szeptern und Kronen. Pah, ich schlief schon in den Betten eines Königs.«

»Wer bist du?« atmete Claus fast unhörbar. Angeschmiedet hing er an seinen Rudern und wagte kaum durch eine Bewegung die Rede seines Gastes zu unterbrechen. Und als es von neuem fein und wisperstimmig aus dem milchigen Schwaden heraustönte, da mußte sich der Bursche besinnen, ob jetzt ein Mann oder ein Weib spräche.

»Wer ich bin?« lachte es zierlich, und eine zarte weiße Hand glitt für einen Augenblick aus dem Nebel. »Wenn du Magister probandus des Kollegiums zu Paris wärest, du Holder, du hättest keine schwierigere Aufgabe ersinnen können. Doch immerhin, laß uns untersuchen. Laut Testimonium logicum ist das ‘ich’ von dem ‘bin’ abhängig. Prüfen wir hingegen die Frage nach jure praesente, dann, mein schöner Telemach, dann wäre ich Strandgut, von dir gefunden und nach Gutdünken zu verwenden. Darum gestatte mir, das Examen mit der Gegenfrage zu schließen: Was gedenkst du mit mir Hungrigem zu beginnen?«

Claus Beckera rührte sich nicht. Sprachlos, kaum einen erstickten Laut in der Kehle, starrte er zu der feingliedrigen Gestalt hinüber, und nur wenn sich die Wolle des Nebels ein wenig zerfaserte, dann wagte sein scheuer Blick über das zerrissene braune Schifferwams des Fremden zu streifen, der so unverständliche Dinge vorbrachte. Glühende Neugier peinigte ihn, ob jene beschmutzten Lumpen wirklich einen Mann verbargen. Weiß Gott, das war zweifelhaft. Gar zu weich und zärtlich zeichneten sich mädchenhafte Glieder unter den Fetzen ab, und man brauchte nur die an einigen Stellen der Blöße hervorglänzende weiße Haut zu betrachten oder die langen gelben Haare, die ein schmales bartloses Antlitz einschlossen, um von neuem der Unsicherheit zu verfallen. Und dann noch eins. Wie kam der Landstreicher zu der dicken goldenen Kette um seinen entblößten Hals? Wie zu dem köstlichen Schlangenreif um die rechte Handfessel? Nein, nein, Claus regte sich nicht, denn die Unsicherheit betäubte ihn. Hatte er womöglich ein Weib in der Höhle zwischen den Kreidefelsen gefunden?

Mit einem vieldeutigen Lächeln nahm der Fremde diese heimliche Untersuchung auf, dann aber schien ihn Ungeduld anzuwandeln, und plötzlich, als ob ihm daran läge, sich ein für allemal zu offenbaren, riß er sich hastig die enganschließende lederne Kappe vom Haupt. Zu gleicher Zeit jedoch sprang er zur Höhe und raffte einen langen, verkorbten Hieber an sich, wie er wohl nur in Welschland gebraucht wurde.

Was war das?

Der Fischerjunge fiel beinahe rücklings in den Stern seines Bootes. Diese ungestüme, kräftige Bewegung, die das Fahrzeug, obschon es bereits zwischen den Steinen eingeklemmt lag, zum Zittern brachte – und dann vor allen Dingen die breite blutige Narbe auf der Stirn des Fremden, sie warfen alle Vermutungen des Unerfahrenen über den Haufen. Gott bewahre, nun stand es fest – vor ihm, auf den Hieber gestützt, wiegte sich trotz allem ein Mann und offenbar kein ungefährlicher, denn unter den sanften Brauen des Fremden begann ein mißtrauisches, unstetes Flackern aufzuleben. Und jetzt, jetzt bemerkte Claus erst, sein Gast besaß doppelfarbige Augen, ein blaues und ein schwarzes, wodurch eine unheimliche Zwiespältigkeit hervorgerufen wurde. Denn während der blaue Stern unverändert lachte, schien aus dem dunklen eine drohend ernste Frage auf den Sitzenden herniederzublitzen.

»Höre, mein Täubchen,« sprach der Fremde nachdrücklich, und auch das feine Wispern war aus seiner Stimme verschwunden, »ich habe dir die opinio vulgi, die Treuherzigkeit des gemeinen Haufens, geglaubt, als ich aus meiner Zurückgezogenheit in deinen Kahn sprang. Ich habe nicht angenommen, daß du ein Fuchs bist, der einem hinten herum in die Beine fährt. Solltest du aber trotzdem einen derartigen Scherz planen, dann, mein Prinz, würde ich sehr gegen meinen Willen die Leitung dieses Kahnes übernehmen müssen, denn ich verstehe mich, wie ich dir schon andeutete, gar nicht übel auf das Rudern, und wir würden auffallend rasch in den acherontischen Gewässern anlangen. Begreifst du mich?«

Schlank, mädchenhaft hing die biegsame Figur, die fast um einen Kopf geringer war als die von Claus Beckera, an ihrer ausländischen Waffe, aber über das blasse, bartlose Antlitz lief zugleich ein so verbissener, warnender Zug, die gepflegte Rechte zuckte so bedeutsam an der dicken goldenen Kette, daß Claus, er wußte selbst nicht warum, von dem Gedanken gestochen wurde, man könnte dies Zierstück wohl auch dazu verwenden, jemandem den Hals abzuschnüren.

Allein der Junge fürchtete sich nicht, keck flog er empor, und als er sich jetzt, um ein Haupt überragend, neben dem Fremden aufreckte, da leuchtete ihm von der Stirn stolz und rein der Helferwille der Jugend. Betroffen mußte der Landstreicher die unwillkürlich edle Art seines Fährmanns anerkennen, und während er seine zwiespältigen Augen eindringlich auf dem anderen ruhen ließ, drehte er nachdenklich und prüfend an seinen gelben Haaren. Er schien kein geringer Menschenkenner zu sein.

»Du kommst nur zu gemeinen Leuten,« sprach Nikolaus mit Aufgebot seiner hellen Vernunft, damit das Abenteuer nicht vollkommen Herr über ihn würde, »und deine schönen Worte gefallen mir wohl, obwohl ich sie nicht verstehe, denn mein Verstand ist ungelehrt.« Hier schwankte seine Stimme zwar ein wenig und seine Fäuste wollten sich ballen, doch sofort gewann sein frisches Wesen wieder die Oberhand. Ja, er konnte seinen Gast jetzt sogar freimütig anlächeln. »Wenn es aber wirklich deine Absicht ist, bei uns eine Weile als Fischerknecht zu bleiben, weil du dich, wie du sagst, vor den Nachstellungen der Reichen und Mächtigen verkriechen mußt – wenn das alles wahr ist, dann will ich meinen Vater wohl dahin bringen. Denn, kuck, Fremder, du gefällst mir, und da wir selbst bedrückte und gepeinigte Leute sind, so kennen wir Hunger und Peitsche zu gut, als daß wir Verfolgten und Bettlern nicht gern weiterhelfen sollten. Nur eines« – und er wandte sich mit der ganzen Offenheit eines um Freundschaft Werbenden an den kleinen strohblonden Mann und streckte ihm die Hand entgegen, »sage mir, du meinst es doch redlich?«

Über den Nebeln war rot und blendend ein schmaler Abschnitt der Frühsonne in die Höhe gebrochen. Davon ränderten sich die schwarzen Wolken, und ein sengender Strahl spielte in das Boot hinein. Doch den Strohblonden schien die unerwartete Helligkeit zu stören, ungewiß scheuerte er sich hin und her, und während er sich ungemütlich in seine Lumpen hüllte, da warf er erst noch einen spähenden Blick auf die menschenleere Küste, bevor er endlich mit raschem Griff die dargebotene Rechte des Knaben an sich riß. Aber die zarten Finger preßten, daß Claus hätte schreien mögen.

»Komm Kleiner,« sprach es wieder mit einer kosenden Mädchenstimme, »du verstehst dein Handwerk, bist ein Menschenfischer, wie ihn der Götze von Rom nicht besser brauchen könnte. Und willst du ein Zeichen dafür, wie sehr du meine arme Seele geangelt hast – hier – hier – « Ohne Besinnen sprengte er die goldene Kette vom Halse und drückte sie gemeinsam mit dem Hieber seinem Führer in den Arm. »Gib mir ein Stück Brot dafür, süßer Telemach. Aber schnell, schnell, denn mich lüstet nach einer Streu im Winkel des Stalles.«

Wohlwollend, fast zärtlich streichelte er dem verdutzten Jungen die Wange, dann duckte sich der Kleine und fuhr wie ein Wind an den Strand der Sassen.

[IV.]

Es war eine lange Beratung erforderlich, bevor die Beckeras den Fremden zu dauerndem Dienst in ihrer Behausung duldeten. Zu verschiedenen Malen zogen sie, laut streitend, vor den Ziegenstall, wo der Ankömmling sich wie ein Igel in einer Ecke zusammengerollt hatte. Denn ein Landstreicher, der goldene Ketten verschenken konnte, erregte der Hausmutter unstillbaren Argwohn. Und dennoch schwieg sie und blickte mit mütterlicher Teilnahme auf die zierliche Puppe hinab, die, das Haupt mit den wirren blonden Haaren auf den Arm gebettet, einem arglosen Schlummer verfallen war. Zwar ihren Haupteinwand ließ sich die Kluge nicht rauben. Das Schmuckstück, das der Kleine sicherlich nicht auf ehrliche Weise erworben, das stopfte sie ihm gleich bei ihrem ersten gemeinschaftlichen Besuch hastig und abgeneigt unter das Heulager, und ihre Züge verfinsterten sich, als sie dabei bemerken mußte, wie sehnsüchtig ihr Sohn das Verschwinden der Schnur verfolgte.

»Teufelsgold,« sagte sie hart. »Fängt Seelen. Ich kenn' das.«

Kräftig stützte sie sich auf die offene Stalltür, und ihr Argwohn flog zu ihrem Eheherrn hinüber, ob der wohl das rasche Wort verstanden haben könnte. Allein der kranke Riese hatte sich längst entwöhnt, seinem Weibe nachzuspähen. Auch beschäftigten ihn seine eigenen Vermutungen viel zu gründlich, woher sich der Fremde wohl die blutige Narbe über der Stirn geholt haben könnte. Zu jener Zeit redeten solche Schrammen mit der Stimme unserer Zeitungen, anregend, jede ungeübte Vorstellung beflügelnd, und so kam es, daß auch dem großen, schlank gewachsenen Jungen die heimliche Parteinahme für den Fremdling beide Wangen färbte. Das Herumtasten, das Rätseln an einem bereits beneideten Leben, das trieb seine Einbildungskraft über Stock und Stein, durch Heldentum und undeutliches Verbrechen.

Es war eine Stunde des Erwachens.

Tief seufzte er auf, als seine dunklen Augen sich, durch ein Wort seiner Mutter aufgescheucht, von dem Hingestreckten trennen mußten.

»Mann,« forderte Hilda von ihrem Eheherrn, »was denkst du?«

Da besah sich der alte Claus Beckera nochmals eingehend den Hieber, den er fürsorglich an sich genommen, wog das feine, biegsame Eisen und darüber den merkwürdig verästelten Korb am Griff – ein Stück, wie es im Norden, allwo breite gerade Schwerter geschmiedet wurden, nirgends im Gebrauch war, und dann schüttelte der Kranke von neuem nachdenklich das Haupt.

»Mutting,« flüsterte er mit offenem Munde, da sich seinem dumpfen Verstande die Herkunft und das Wesen des winzigen Kerlchens immer dunkler verschleierte, »Mutting,« meinte er und hob unsicher die Waffe, »er muß wohl von weit herkommen. Und daß ihn der Junge in der Spalte zwischen den Felsen gefunden – meiner Treu, ich wußt' gar nicht, daß sich dahinter solch eine weite Höhle auftut – ja, da möcht man wohl denken, daß der Mensch Grund hat, sich zu verstecken. Schnurrig – ist noch so jung,« setzte er wärmer hinzu.

»Nicht älter als ich,« fiel hier der Sohn lebhaft ein, der schon dafür zu kämpfen bereit war, an dem Schläfer einen Genossen gefunden zu haben.

Doch das Weib bog sich weit über die Stalltür, um dem Umstrittenen noch einmal gründlich das schmale Antlitz zu durchmustern. Dabei fielen der Kundigen die vielen scharfen Fältchen um den Mund des Fremden auf, und daneben entdeckte sie, wie genußsüchtig und verächtlich sich sogar im Schlummer die Lippen und Nüstern dieses angeblichen Knäbchens wölbten.

»Nein,« die Hausfrau richtete sich auf und entschied bestimmt, »der hat schon viel durchgemacht. Mag sich in Kot und auf Seide gewälzt haben. Und zählt wohl so beiläufig gegen dreiunddreißig Jahr.«

»Das wäre,« murmelte der alte Claus verdutzt und glättete sich verlegen den Bart. Aber gleich darauf sammelte er seinen Glauben zu der Meinung, die schon lange in dem Stillen nistete: »Kuck, Hilda, es sind wilde Zeiten, die werfen den Menschen hin und her. Ich merk's an mir, es ist eine Unruhe über die Armen gekommen, so daß keiner mehr weiß, wo er seinen Platz hat. Deshalb, Mutting, mein' ich, wer ein Haus hat und Weib und Kind, der soll solch Friedlosen nicht wegjagen, sondern festhalten, so er anwachsen will. Denn der Wind treibt uns alle. Heute mich, morgen dich. Wer kann wissen, wann wir selbst ausgerissen werden?«

Da schwiegen die Streitenden und spähten ängstlich über sich in den hellen Tag.


Als aber gegen Mittag das zierliche Knäbchen fein und sittsam am Tische der Sassen in der Hütte saß, als es die wohlgeformten Beine hübsch rücksichtsvoll unter den Schemel zog, damit der ohnehin schmale Raum nicht unnötig verengt würde, als der blonde Gast nicht, wie die anderen, mit der Faust in die dampfende Schüssel voll Brot- und Käsesuppe langte, um seinen Anteil zu erwischen, sondern aus seinen Lumpen ein zinkiges Holzstäbchen hervorzog, womit er die Bissen säuberlich aufspießte, und wie der Fremdling vor allen Dingen mit seiner wohllautenden kosenden Stimme bescheidentlich und höchst verständlich – ja ganz in der Sprache des bäuerlichen Mannes – die alten Beckeras über Herkunft, Stand und fernere Absichten belehrte, da zerstreuten sich allmählich die Bedenken der mißtrauischen Häusler, und ihr harmloser Sinn merkte gar nicht, auf welch feine und schmeichelnde Art ihr Widerstreben in seidene Fäden eingesponnen wurde. Wie wußte das kleine Kerlchen aber auch zu erzählen, wie rollten unter seinen Worten dichte Wolkenschleier in die Höhe, hinter denen die Küsten ferner Länder auftauchten, und Schlösser und Städte und Händel und Getriebe der Welt. Wo hatte er sich überall umgetan, in welch verschiedene Geschäfte und Gewerbe seine sanften Kinderhände gesteckt; und hauptsächlich, wie lebendig er Geschehenes und Gesehenes zu formen wußte, um es gegenwärtig auf die Diele der Sassenkammer hinzuzaubern, bald durch eine Bewegung, bald durch nachahmendes Spiel, das zog ihm seine Zuhörer willfährig entgegen. Und mit einem kaum sichtbaren Lächeln trieb er die gewonnenen Seelen vor sich her. Nur der junge Claus Beckera, der mit verkrampften Händen und keuchender Brust lauschend neben dem Stuhl des Fremden hing, als ob ihm der geistige Lauf noch immer nicht schnell genug ginge, ihm zitterten mitten durch seine leidenschaftliche Bewunderung hie und da die Einwürfe einer kühlen Vernunft hindurch, und dann kam ihm zwischen all dem bunten Maskenspiel der Einwand, warum wohl der Ankömmling zwei voneinander so gründlich verschiedene Sprachen redete. Denn das merkte der achtsame Scharfsinn des Jungen sofort, die Weise des Zierlichen klang anders, seitdem er sich an die Alten wendete. Einfach, schlicht, bauernmäßig, all der vornehme und unverständliche Putz fehlte, durch den er vorhin seinen Fährmann im Kahn so sehr gefesselt und geblendet hatte. Und der junge Claus erriet mit Widerstreben, daß der Angespülte offenbar einen gewichtigen Teil seines Wesens zu verdunkeln strebte, als ob gerade dasjenige Gefahr brächte, was dem nach Wissen gequälten Buben so köstlich und erstrebenswert erschien. Deshalb preßte der Junge auch widerwillig den Mund zusammen, und die Angaben des Fremden, die er jetzt auf Forderung der Alten über sein bisheriges Treiben machte, sie glitten belanglos und unwahrscheinlich an dem Aufgestörten vorüber. Nein, nein, schon jetzt beschloß er, er wollte binnen kurzem eine vertraute Stunde wahrnehmen, um den gewandten Taschenspieler härter zu prüfen. So wappnete sich Claus denn mit einer künstlichen Gleichgültigkeit, und doch, kaum hatte der strohblonde Mensch in seiner mitreißenden Lebhaftigkeit die Geschichte seiner Fahrten begonnen, da summte es dem jüngsten der Zuhörer auch schon vor den Ohren, und siehe da, ganz gegen seinen Willen schleppte ihn der starke, fremde Strom von dannen. Und es handelte sich doch nur um eine Begebenheit, absichtlich einfach und alltäglich ersonnen.

»Nichts für ungut,« hörte der Sohn den alten Beckera tasten, denn der Riese schämte sich, seine Wohltat an Bedingungen zu knüpfen. »Wie magst du dich heißen, Mann?«

Der Kleine zupfte an seinen gelben Haaren und lächelte unschuldig. Eine Erinnerung an seine Kindheit schien ihn zu haschen.

»Heino Wichmann,« erwiderte er, sich leichthin verbeugend, was er jedoch mitten in der Bewegung unterdrückte. »Meine Wiege hing in Hamburg zwischen zwei Lederriemen.«

Da streichelte der junge Claus unwillkürlich über den Schemel seines Gastes. Er wußte selbst nicht warum, aber aus dem Namen des Kleinen musizierte es auf, wie von Flötenspiel auf einer Kirmeß.

»Heino,« flüsterte er fast zärtlich.

Die Mutter jedoch schlug abwehrend mit der flachen Hand über den Tisch. »Und dein Vater?« fragte sie lauernd.

Heino Wichmann schloß das schwarze Auge. Er glich gänzlich einem guten sanften Kinde, als er nun ehrfürchtig vorbrachte:

»Ich brauche euch nichts zu verbergen. Mein Vater war ein zünftiger Sattler, und ich selbst hatte schon in seiner Werkstatt auf dem Mönkedamm mein Gesellenstück gefertigt, einen Kutschbock für den Herrn Alderman Tschokke, als mich der Rat mit anderer Jungmannschaft aushob, damit wir als hansische Besatzung drüben nach dem dänischen Schonen in das feste Schloß Helsingborg gelegt würden.«

»Dänemark,« atmete der alte Claus still vor sich hin und hob witternd die Nase gegen die Fensterluke, hinter der sich der blaue Strich des Meeres hob und senkte. Für ihn lag das Nachbargestade unmeßbar fern hinter den schaukelnden Glashügeln. »Schonen? Helsingborg, so weit?« dachte er kopfschüttelnd.

Sein Sohn aber fühlte sich vom Erdboden aufgehoben. Waren doch an ihm erst gestern die Sendlinge einer bunten, kaum begreifbaren Gemeinschaft vorübergezogen, die seidenen Fahnen ihrer Gewandung hatten ihn gestreift, halb verstandene aufregende Andeutungen sein gärendes Hirn getroffen, jetzt drängte es den auf dem Gewoge der Unwissenheit wütend Herumgeworfenen, sich irgendwo anzuklammern.

Wundersam bedrängt spannte er den braunen Lockenkopf in beide Hände, und während er bohrend vor sich hinstarrte, löste es sich wie die Hülle eines inneren Traumes von ihm ab:

»Dort herrscht ein Weib. Wie war's doch? – Margareta.«

Der Ausruf klang wie das Sehnen eines Eingekerkerten, wie der Hilfeschrei eines Unfreien, der in einer Grube hockt und den Himmel um Licht anfleht, und sofort richteten sich auch die Häupter der Seinen unheimlich berührt und abmahnend gegen den in inneres Schauen Verlorenen.

Was sollte das? Woher kam dem Ungelehrten diese Kunde? Und konnte dem Sassensohne der Drang nach so gewaltigen Dingen nicht Unsegen stiften? Denn darauf kam für sie alles an. Man wollte doch ungestört leben!

Auch über das halbgeschlossene schwarze Auge des Gastes war bei dem unerwarteten Einwurf ein kurzes Zucken gelaufen, dann jedoch bewegte er gleichgültig die schmalen Schultern, und als wäre nichts besonders Auffälliges geschehen, fuhr er ruhig in seiner bescheidenen Schilderung fort.

»Ja, ja, Margareta,« nickte er, sich schwierig besinnend. »Ich meine, so heißt die Wittib. Hat ein kleines zartes Büblein, für das sie die Herrschaft in acht nimmt. Mag sie. Was schiert uns Geringe die Plackerei der Großen? Wenn wir nur unsere Löhnung pünktlich erhalten und sonst in Ruhe unser Brot essen können.«

»Ja,« stimmte Hilda zum erstenmal gierig zu, »das ist das Rechte.«

Den alten Claus dagegen zog es aus dem Allgemeinen zu etwas Näherem. »Nun,« hüstelte er gespannt, »habt ihr Hansischen pünktlich eure Löhnung erhalten? Habt ihr in Ruhe euer Brot gegessen?«

Jetzt hob auch der junge Claus das Haupt, und aus seinen schwarzen Augen züngelten ungestüme Flammen nach Abenteuer und Erlebnis.

»Wie war's?« stammelte er.

»Unruhig, lärmvoll,« sagte der Kleine und faltete die Hände auf dem Tisch wie ein artiges Kind, das eine Geschichte wiedergeben soll. »Ihr könnt euch denken, die Frau hat viele Widersacher innen und außen. Ist eben doch ein Spinnrocken, dem sich der Schnauzbart ungern beugt. In der Nähe streckt, wie man sagt, der dürre Schwedenkönig Albrecht die Finger nach dem saftigen Erbe und treibt seinen ausgehungerten Spott über den Unterrock und die Kunkel. Da könnt ihr in jeder Schenke hören, wie er erst jüngstens der ‘Dirne der Pfaffen’ – also schimpft er die Regentin – feierlich Schere und Fingerhut überreichen ließ nebst einem Wetzstein, damit sie ihre Nadeln daran schärfe. Und innen da schreien die Krämer darüber, weil sie uns Hansische in Helsingborg, Falsterbo und Ikanör einliegen ließ, denn wir Deutschen, heulen sie, nähmen ihnen den Markt. So kommt es dann oftmals zu Aufläufen, und bei einer solchen Zusammenrottung, seht ihr, da zeichnete mir ein vorlauter Schwertfeger seine Zunftmarke auf die Stirn.«

Hier lachte der Strohblonde wie über einen wohlgelungenen Streich, wickelte sich die gelben Haare spielend um den Finger und ließ die wohlgeformten Beine vergnügt schaukeln.

»Und du?« stotterte Nikolaus erwartungsvoll, denn seine verehrungsheiße Hingabe an den Fremden verlangte dringend von Gegenwehr und scharfer Vergeltung zu hören. »Was tatest du?«

»Ich?« Erst maß der Kleine die alten Beckeras, in deren stumpfen Gesichtern sich schweigend der Abscheu vor Bürgerkampf und Söldnerübergriff malte, dann hob er ebenfalls abgeneigt die Achseln, um sofort in seiner leisen, unschuldigen Art zu hauchen: »Mir liegt nichts an dererlei Ehrenschuld. Daran dürft ihr nicht glauben. Gott bewahre, ich bin ein Bürgersohn und will nur hoffen, daß dem Ehrsamen der kleine Hautritz gut bekommen sei.« Und damit er nicht tiefer in diesen Punkt verstrickt würde, begann er emsig auf der rohen Tischplatte hin und her zu zeichnen, als ob er das folgende schriftlich niederzulegen hätte. »Wie es aber so geht, ihr guten Leute, es erhob sich trotzdem ein wildes Geschrei bei den Dänischen, und schließlich waren unsere Hauptleute um des lieben Friedens willen gezwungen, etliche ihrer Leute von sich zu tun. Darunter wunderbarerweise auch mich, Heino Wichmann.«

»Heino,« wiederholte hier der junge Claus abermals von Liebe getroffen und legte seinem Gaste zärtlich die Rechte auf die Schulter. Gepackt wandte jetzt auch der Kleine dem glühenden Jungen sein schmales Antlitz zu, seine beiden Augen öffneten sich weit und zogen förmlich die flatternde Seele des Unbehüteten an sich. Das geschah aufblitzend, schnell, wie ein einfallender Lichtstrahl. Die alten Beckeras merkten nichts von dem geschlossenen Bund, weil sich ihren Werktagsblicken nur enthüllte, wie das Kerlchen emsig auf den Tisch hämmerte, gleich jemandem, der das Wichtigste rasch vorzubringen wünscht.

»Es lag gerade eine Freibeuter-Kogge unterhalb Helsingborg,« bemühte er sich, unauffällig vorüberzugleiten, und man konnte meinen, jemand, der eine dünne Eisdecke unter sich brechen spürt, wage hastig prüfende Sprünge dem Lande zu. »Ein mächtiges Schiff,« wollte er fortfahren, »das dort Handel trieb. Dorthin brachte man uns.« Allein mitten in den flüchtenden Sätzen fand er sich festgehalten, gepackt von sechs ängstlich zitternden Augen, die sich wie eine Kette über seinen Weg spannten. Zugleich flüsterten und schrien heisere Stimmen, in Beklemmung und Schrecken, durcheinander.

»Wohin brachte man dich, Unglücklicher? – Wohin?«

»Gott, auf ein Fahrzeug der Schuimer, der Schwarzflaggen, oder wie man sie sonst nennt,« huschte der Kleine mit dem Ton der Gleichgültigkeit weiter, obwohl seine Finger ihr Spiel auf der Tischplatte viel unruhiger fortsetzten. »Sie werden ja überall gern geduldet, die Freunde des armen Mannes, weil sie für jedermann eine Zuflucht in der Not sind, und hauptsächlich, da sie für billiges Geld sonst unerschwingliche Dinge ins Land bringen. Gewürz und Tuche, Bier und Rauchwerk. Nicht wahr, so meint man doch? Zudem, meine Freunde, wurde der Seeadler von einem Gewaltigen der Schuimer kommandiert, der großes Ansehen weit umher genoß. Kurz, dieser Kapitän sollte uns Verwundete um Schiffsdienst und ohne Fährgeld heimführen. So hatte es Frau Margareta verabredet, denn sie tut ihren Beutel für abgediente Leute nicht eben weit auf. Aber seht, ihr Lieben, auf der Heimreise unter den schönen roten Segeln, bei dem leichten Verdienst und mitten zwischen den freien Menschen, denen alles gehört und die überall ihre Heimat haben, da fing sich der Hauptmann ohne große Mühe meine Genossen ein, einen nach dem anderen, da wurden sie ‘Gottes Freund und aller Welt Feind,’ wie ihr gotteslästerlicher Eid lautet, und nur ich – – «

»Und nur du?« lallte der junge Claus aus seinem wachen, düsterlodernden Traum heraus und packte den Erzähler ungestüm an der Brust, als ob er ihn hindern wollte, von dem gespenstisch mitten durch die Stube rauschenden Schiffe zu entwischen.

Der andere schüttelte ihn überraschend kräftig ab.

»Laß mich,« wehrte er sich. »Mein Leben riecht nach Leder und Pfriem. Mich zieht es nach einem warmen Ofen und friedfertigen Tagen. Wo ich die finde, da wohnt mein Heiland. Deshalb, mein Büblein, siehst du, sprang ich eines Nachts, gerade als die Schuimer hier dicht vor der Küste unter Wind lagen, denn sie lauerten auf das Schiff der dänischen Gesandten – aus diesem Grund sprang ich in Gottes und aller Heiligen Namen über Bord, bekam den Fels zu packen, kletterte in die Höhle, und von dort hast du mich hervorgezogen. Dank sei dir und allen ehrlichen Menschen. Und jetzt« – geschmeidig glitt er von dem viel zu hohen Stuhl herunter, und aus den wiegenden Schritten, mit denen er sich aalglatt durch den engen Raum wand, wurde allmählich ein munterer Tanz. Es zuckte und sprang in allen Sehnen des Kleinen, die langen gelben Haare flatterten ihm wirr um die Schläfen, und den verständnislos hinschauenden Häuslern kam es vor, als ob auch die ungleichen Augensterne des Fremden in dem blassen Angesicht mithüpften. »Jetzt,« schmeichelte er und streckte die Arme, so daß sich ganz unerwartet ein paar derbe, harte Muskeln unter seinen Lumpen zeigten, »jetzt will ich euch weisen, wie man als Ruderknecht das Meer schlägt. Seht so – so, mit solch langen Strichen, wie man eine schöne Wange streichelt. Und dann die Fische. Ich kenne den Pfiff eines Bacchanten. Auf das Liedlein strecken sie halb toll die grünen Schnauzen aus dem Wasser. Oh, laßt mich nur machen.«

Plötzlich hielt Heino Wichmann auf seinem Weg inne, als besänne er sich, daß er vor den armen Sassen vielleicht allzu wunderliche Dinge geäußert. Doch die Beckeras blieben angeschmiedet an ihren Plätzen, in wesenlosem Hinbrüten darüber, wie solch grelle, blitzende Heiterkeit sich in ihrer dunklen Bohlenkammer entladen könnte. Und nur die Seele des alten Claus riß und zerrte an dem Widerhaken, an dem sie sich in dumpfer Gefügigkeit wand, denn von all den schmackhaften Ködern war ihm eine Lockspeise zwischen den Zähnen aufgequollen, bis er sie nicht mehr herunterwürgen konnte. Halb murmelnd, in unbestimmter, ferner Ahnung stieg es aus seiner trockenen Kehle, dazu hielt er die Beine weit von sich gestreckt, gleichsam zum Schutz gegen die erwartete Antwort.

»Nichts für ungut, Wichmann, wie sagst du doch – ich meine bloß – wie hieß der Kapitän, der dich brachte?«

Kaum war das gleichgültige Wort verklungen, da war es mit dem Hüpfen und Springen des Kleinen vorbei. Eingefangen wurzelte er in einer Sonnenlache auf dem Fußboden fest, die unruhigen Augen begannen wieder von einem zum anderen zu huschen, und die Stimme verfiel von neuem in das harmlose Kinderwispern, als er nach einigem Zögern erwiderte:

»Ich sagte schon, es war ein Ansehnlicher unter den Freibeutern. Gödeke Michael.«

»Gödeke? – Gödeke-Michael?« wiederholten die drei, langsam in die nächtige Kluft ihres Gedächtnisses hinabsteigend.

Eine Weile herrschte Stille, jeder horchte in den dunklen Schacht hinunter, gespannt, angestrengt, ob nicht dem Laut ein Echo heraufschalle, bis endlich vor dem kranken Fischer etwas Gestaltloses, mit Schrecken Bekleidetes emportappte.

»Laß mich – laß mich – hab' doch schon mal gehört – Singsang – wie war's noch?«

Noch gelber stach das Antlitz des Leidenden unter dem wirren Bart hervor, da er mit Mühe die einzelnen Fetzen zusammensuchte. Scheu, verstohlen summte er vor sich hin:

»Der Gödeke, Gödeke Michael.
Der führt auf dem Schwarzschiff allein den Befehl.«

Da stürzte es aus dem Kleinen wie gezogen hervor, unbekümmert darum, was weiter daraus entstehen könnte:

»Seine Brust ist wohl eine Elle breit,
Den Bedürftigen schenkt er Speise und Kleid – «

Mutter und Sohn aber steckten die Köpfe zusammen, sie schränkten ihre Hände fest ineinander, und der Atem hörte ihnen auf zu wehen, als die anderen nun lauter anstimmten:

»Und tragt ihr Armen am Leben schwer –
Das Recht und die Freiheit wohnt auf dem Meer.
Dort richtet die Reichen an Leib und Seel'
Der Gödeke – Gödeke Michael.«


Viele Tage strahlten aus dem Meer und sanken erloschen wieder dahin zurück. Die Jahreszeiten stiegen auf Schneeschauern und Sonnenwolken an die Küste, gleich fremden Eroberern, die sich dann tief im Lande verlieren, und aus Heino Wichmann, dem mädchenhaften Knäblein, dem blondhaarumflatterten Geheimnis, war etwas Alltägliches geworden. Ein Ruderknecht, der seinen Seedienst willig verrichtete und von den Katenleuten nicht geschont wurde. Selbst dem Vogt, der sich bald nach der Ankunft des Fremdlings hartnäckig nach dem Woher und Wohin erkundigt hatte, leuchtete es ein, daß dieses zierliche Geschöpf für die Ruderbank geboren sein müsse, und er lobte heimlich die geschmeidige Gewandtheit, die der Kleine in der Führung eines Bootes an den Tag legte. Ja, sogar der auffallende Drang des Fremden, immer wieder zur Tag- und Nachtzeit in die Wogen hinauszuschneiden, er wurde schließlich von seinen neuen Genossen als der selbstverständliche Trieb eines dem Handwerk mit ganzer Seele Hingegebenen erachtet. Worüber man sich jedoch stets von neuem wunderte, das war die unermüdliche Zähigkeit, jene aus allen Gliedern des Kleinen rastlos quellende Frische, die an keinem Ding vorbeiglitt, die von jedem etwas wußte und sich überall zu betätigen strebte. Heino Wichmann vermochte der Hausfrau höchst merkwürdige Aufschlüsse über Kochkunst und schmackhafte Gerichte zu erteilen, von denen die unverbildete Seele Hildas nicht nur bisher kein Sterbenswort geahnt hatte, sondern die ihre harmlose Rauheit zuerst auch als etwas beinahe Schädliches einschätzte. Aber mit der Zeit wurden auf dem Herde unter dem Rauchfang doch allerlei Versuche unternommen, und während der kleine Strohblonde mit verschmitztem Lächeln die verschiedenartigsten Kräuter und Wurzeln in den großen Kessel schleuderte, da zog von fern der süße Duft einer etwas milderen Lebensführung unter das Strohdach. Man schleckerte und schmatzte und erfuhr zu nicht geringem Befremden, wie köstliche Erfindungen zu Padua, in Wien oder gar zu Paris die Köche großer Herren aus Pilzen, aus Schaltieren und gedörrtem Fischfleisch ersonnen hätten. Wunderlich! Heino Wichmann war weit herum gewesen. Seine doppelfarbigen Augen hatten selbst auf das Geringste Obacht gegeben. Hilda begann, ihm abzulernen. Nur zum Spiel, allmählich aber wurde eine Sucht daraus.

Auch mit dem alten Claus Beckera ging eine Veränderung vor, seit der wirblige Gesell in seiner Nähe weilte. Bisher war der Riese verfallen, still, selbstverständlich und unablässig, wie der Wartturm einer zerstörten Feste, aus dessen Gemäuer Tag für Tag gewichtige Feldsteine herabbröckeln. Was nützte es, laute Klage über die erbärmliche Schwäche zu führen? Viel besser war es, die Fäuste zu ballen, die Zähne zusammenzubeißen und selbst dem Bruder Franziskus, der ab und zu den schmerzenden Rücken des Kranken mit dem weißen Saft des Bilsenkrautes einzureiben suchte, eine täuschende Behaglichkeit vorzuspiegeln. Der Mörtel aber sprang weiter auseinander, und der Turm neigte sich tiefer zum Fall. Nun aber wurde es anders. Gott mochte wissen, wieso Heino Wichmann einen Blick in die Heilkunde seiner Zeit geworfen hatte. Fragte man ihn danach, so schlenkerte er mit den feinen Händen und murmelte etwas von den Meistern »der Physika und der Erztney«, was niemand um ihn herum begriff. Was man jedoch nicht leugnen konnte, das war die Wirksamkeit jener Mittel, die er mit seiner sprunghaft lachenden Überredung bei dem Kranken anwandte. Sprachlos standen die Häusler hinter dem ewig Zappligen, sobald er den überwundenen Riesen halb entkleidet in den sonnenwiderstrahlenden Dünensand bettete, wo er den mächtigen Körper dann mit seinen zarten Kinderhänden kreiselnd und wärmend bestrich. Und siehe da, auf ein paar Stunden wichen die schweren Erstickungsanfälle von dem Alten, und der Leidende vermochte sich aufzurichten, um gierig die kühle Seeluft einzusaugen. Als aber der Herbst seine dunklen Hagelschwärme gegen die Hütte warf und der Hustenkrampf die Lungen des Riesen zu zerpressen anfing, da versuchte der Strohblonde sein Meisterstück. Eines Mittags brachte er nämlich aus dem Wald zwei schwarze, schneckengleiche Würmer mit. Die hielt er zwischen zusammengeballten Fäusten und sie mußten so dem sich kräftig sträubenden Hausherrn ihre Saugrüssel auf die nackte Brust setzen. Langsam füllten sich die schreckhaften Leiber mit dem fieberheißen Blut, und vor den Augen der erstaunten Angehörigen dehnten sich die verkrampften Glieder des Vaters, und ein befreiter Seufzer der Entspannung tönte durch die Hütte. Fast eine Woche lang war der gefürchtete Anfall beschworen.

So wechselten Weiß und Grün unter den Rändern des hohen Küstenwaldes, die Tage strichen dahin gleich einer Rebhühnerhusche, einer hinter dem anderen, und Heino Wichmann fing sich jeden einzelnen ein, um ihm vor den Augen der Häusler sein besonderes Kennzeichen aufzudrücken. Immer geschah etwas. Die Zeit bildete für die einsamen Strandsassen keine gestaltlose Masse mehr, sondern die Unruhe des neuen Ruderknechtes trennte sogar die einzelnen Stunden scharf voneinander ab.

In jenen Monaten war es, daß in den jungen Nikolaus ein unbegreifliches Wachstum geriet. Der schlanke Leib des Burschen schoß sprunghaft in die Höhe, bald überragte sein braunes Lockenhaupt um eine Spanne das sich duckende des Vaters, seine Haltung erhielt etwas Gestrafftes, ja Königliches, sein Gang etwas Anmutiges und zugleich Herausforderndes, und seine Augen konnten plötzlich neben dem wilden Umherflackern einen schwärmerischen Glanz bergen, der über die Dinge dieser Welt hinauszuschweifen schien und etwas von dem unbewegten Flug eines träumenden Adlers an sich hatte. Und der arme, von unruhigen Geistern geplagte Sassensohn badete sich wirklich in den Breiten eines neuen Lichtes.

Heino Wichmann!

Heino Wichmann war für den wilden durstigen Jungen ein Zauberer, der die schmale Kinderhand nur emporzuwerfen brauchte, damit Sterne und Mond stillstanden und auf den Winden von allen Weltteilen her das Wissen Salomos herbeigeflogen kam. Wenn sich die beiden Unzertrennlichen in dem plumpen Kahn unter dem roten Segel wiegten oder wenn sie im Abendrot hoch oben auf den Hängen der Dünen lagen, dann schwand wie von selbst die lächerliche Maskierung des angeblichen Ruderknechtes, die bäuerliche Sprache tauchte unter, und aus dem braunen Lumpen trat ein anderer hervor. Derselbe, der einst die goldene Kette und den welschen Hieber getragen, derselbe, der mit seiner hauchenden Mädchenstimme spöttische Gelehrsamkeit von sich schleuderte und für den es weder Unergründetes noch scheue Ehrfurcht vor etwas Geschaffenem gab. In solchen Stunden der Mitteilung konnte man deutlich merken, wie auch für das kleine Kerlchen jenes unbändige Ausgeschöpftwerden ein nicht zu entbehrendes Lebensbedürfnis bildete, ja, daß er sich trotz seines wegwerfenden Lächelns voll Eitelkeit und Stolz in sich selber spiegelte, sobald sein Zögling sich über ihn beugte gleich über einen tiefen Brunnen, in den man ungestüm Eimer auf Eimer herabläßt. Da kam dann quellend und perlend Trank um Trank hervor, klar und schlammig, unverdaulich und heilsam, als ob in diesen Brunnen alle Quellen der Erde mündeten. Von dem nächsten fing es an. Claus erfuhr, in welchem Volk er lebte, wie sich die Stände und Ämter teilten, wo Unrecht und Bedrückung anhob und worin sich sein Stamm von den anderen großen Menschengemeinschaften unterschied. Von da gelangten sie ganz von selbst auf Ausdruck und Redeweise der Länder, die Musik der welschen Sprachen, die Heino Wichmann vollkommen beherrschte, klang vor dem entzückten Knaben auf und er lernte auch latina lingua verehren, die Urmutter dieser Laute, und in verhaltener Begeisterung schaute er in das Sein und Treiben jener untergegangenen Geschlechter hinab, die mit diesen Lauten der alten Welt ihre Gesetze vorgeschrieben. Helden und Weise zogen vorüber, Religionsstifter und Abtrünnige, und ohne daß der Wissensdurstige es ahnte, wurden von dem ätzend scharfen Erzähler Menschen und Dinge alle zu dem einen Ziele gelenkt, wie sie nämlich der Befreiung und Entbürdung der nach Licht und Brot ringenden Armen und Elenden gedient hätten. Denn dieses kleine strohblonde Zwerglein sah, ohne jemals erregt zu werden, und obwohl es selbst sich keinen erlangbaren Genuß entgehen ließ, überall seufzende Scharen der Sklaverei um sich her, viele Millionen gefesselter und gestriemter Unfreier, von denen er verkündete, daß sie nie sterben würden. Und wahrhaft schneidend und fürchterlich klang sein feines Gelächter, so oft er im Gegensatz zu allem Herkommen die gepriesenen Bringer des Heils und der Ordnung, den Kaiser, der doch den Landfrieden befohlen, den Papst, der doch den Verängstigten die Vergebung der Sünden reichte, ja, sogar den Heiland, der die lichte Halle des Himmels geöffnet, für die schlimmsten Vergewaltiger und Bedrücker der in Dummheit blökenden Erde erklärte. Entrückt, von aller Gegenwart fortgeschwungen, krallte sich dann Claus in den mütterlichen Sandboden, sein Atem schoß, als ob er Mauern niederbrechen müßte, in seinen starren Augen züngelte der niedergehaltene Glast von Blut, Einäscherung und Gewalttat, und doch bebten alle seine Glieder im Frost der Angst, und das kalte Fieber des Zweifels und der Unentschlossenheit stieß den Unreifen doch immer zurück in die Schranken des Brauches und des Herkommens. In solchen Augenblicken der Qual und des glühenden Wunsches packte er seinen Verführer oft an der Brust und schüttelte den Kleinen, als ob er ihm das Herz aus dem Leibe schleudern wollte, dazu schreiend:

»Was bleibt uns? Heino, um aller Heiligen willen, sag an, was muß uns allen werden? Was?« Denn der suchende Verstand des Jungen wollte einen Weg finden zwischen Gestern und Morgen, eine Brücke, die über das Gewitter fortleitete. Heino Wichmann aber ließ sich, unberührt von diesem Ausbruch, in das weiche Dünenlager zurückgleiten, lächelte mit seinen bartlosen Lippen gegen das in den Himmel flüchtende Abendrot und lispelte kaltblütig und grausam:

»Wer kennt die Medizin für alle? Aber für mich und dich, Büblein, ist am besten ein seidener Pfühl, eine glatte Dirne darauf, und saufen und prassen bis in den achten Tag.«

Da heftete Nikolaus einen verlöschenden Blick auf den sich genießerisch dehnenden Kleinen, warf das Haupt gegen die dunkle See und saugte in Verzweiflung an den ewig tränkenden Strömen.

Ekel, unerkanntes Mitleid mit einer zu erlösenden Welt, und das rasende Verlangen, sich zu verschwenden, stritten in der sich weitenden Seele.


Es kam eine Stunde, da der Hochmut des Knaben es nicht mehr länger duldete, von dem Genossen noch fernerhin in Unkenntnis und Täuschung gehalten zu werden. Ganz früh an einem tauperlenden Herbstmorgen war es. Die Sonne rollte eben aus ihren verhängten Schleiern durch das dunkelblaue zackige Gewölbe. Weit über dem Schlaf der See übten die schwarzen Streifen der Stare schon für den kommenden Abzug. Und hoch oben an dem hallenden Rand des Küstenwaldes klang die Axt. Dort hieb der junge Claus ein paar schlanke Eichenstämme nieder, denn sie sollten ihm zu neuen Ruderstangen dienen. Aber mitten in der Arbeit schleuderte Claus die Axt auf den Waldboden, schnellte empor, und während er sich die Fäuste in die Weichen setzte, forderte er dröhnend, ohne Übergang noch Einleitung:

»Genug Verstellung. Du bist kein Ruderknecht, Heino. Du bist keiner. Woher käme dir sonst all die Gelahrtheit? Nun schnell und ohne Windbeutelei, wie steht's um dich?«

Leicht hätte ein anderer ob des ungewohnten Tons außer Fassung geraten können. Der kleine Strohblonde jedoch, der gerade faulenzend vor einer gewaltigen Buche stand, um dort voll Spannung der Zimmerarbeit eines Spechtes zu folgen, er hüpfte selbst wie ein wippender Fink herum, tänzelte ohne jede Verlegenheit auf seinen Zögling zu, um ihm dort von unten herauf einen leisen Backenstreich zu versetzen.

»Kluges Näschen,« wisperte er voller Befriedigung, »gut, gut, Büblein, ist auch Zeit, daß du endlich aus den Eierschalen schlüpfst. Aber nun zieh die Kappe, mein Freund, denn du stehst vor etwas Fürtrefflichem. Weißt du, was ein Bacchant ist?«

Vor dem Glanz jenes Titels wich der Fischerjunge zurück, und doch fiel ihm ein, wie oft jene Lehrbuben und Handlanger der Wissenschaft hungernd und bettelnd durch die Dörfer und kleinen Städte der Insel strichen, ja, daß sie um Geld und Brot vor den Türen der Unfreien sangen. Das Wissen war damals noch dem Elend verschwistert, und mancher Knecht tauschte nicht mit dem dürren Gerippe, das auf einer Lehrkanzel stand. Dennoch sagte er voll Ehrfurcht: »Bist du solch einer?«

»Noch mehr, Liebster, noch viel mehr. Ich wollte erst die Raupe an dir vorüberkriechen lassen, damit dich der Sonnenflug des Schmetterlings nicht blende. Aber jetzt entzücke dich, mein Freund, ziehe deine Schuhe aus, wenn du es hörst, denn ich ward als etwas zugleich Kostbares und daneben Zerbrechliches in den Schrein der Menschheit gestellt. Fasse dich, Holder, und gerate nicht außer dir, denn sieh, ich bin Magister, der Magister Heino Wichmann, versehen von den drei Universitäten Padua, Wien und Paris mit einem versiegelten Lehrbrief, und hosianna, ich verkaufe ihn dir für ein Paar wollene Strümpfe, denn durch die meinen lugen kläglich die Zehen.«

Da riß Claus entgeistert die Kappe herunter und verneigte sich so tief vor dem Männlein in Lumpen, wie er es bis jetzt nur vor dem Abt des Klosters über sich gewonnen. Wirre Vorstellungen und ein tanzender Himmel waren über ihm. Ein Gelahrter, ein Hochgelahrter hauste unter dem Stroh und den Schindeln der Sassen. Alle Barmherzigkeit, er führte das Ruder und fing Fische und ließ sich von den unwissenden Alten ausschimpfen. Und dabei war das kleine strohblonde Kerlchen einer von den Auserwählten, die zwar hungerten und froren und von Handwerkern und Bütteln herumgestoßen werden durften, die aber doch in die sieben Tagewerke so tief hineingeguckt hatten, daß ihr belebendes Wort ferne Gräber öffnete und nahe Kaiser erblassen ließ.

Betäubt, hingerissen vor Dankbarkeit und Ehrfurcht wollte der Junge auf das winzige Menschenkind zustürzen, aber wie nun sein schlanker Leib den anderen so gewaltig überragte, da meldete sich plötzlich etwas von der Überlegenheit des körperlich Stärkeren, und statt der glühenden Zärtlichkeit, die er noch eben auszuteilen gedachte, fing Claus vielmehr mißtrauisch an, nach den Lebensumständen des Kleinen zu forschen. Warum ein Magister keinen Sitz unter seinen Genossen habe, was ihn fortgetrieben und aus welchem Grund er sich nun schon so lange bei armen einsamen Leuten verdingt? Das mußte er ergründen, daran klammerte er sich fest.

Beineschlenkernd hockte Heino Wichmann zusammengekrümmt auf dem gefällten Eichenstamm, grinste seinem aufgeregten Zögling spöttisch und erkennend ins Gesicht und wickelte sich gelassen die gelben Haare um den Finger. Endlich hauchte er gefällig und doch kalt, wie immer:

»Streng dich nicht an, Büblein. Der Mensch ist ein Trank, von dem man höchstens fünf bis sechs Tropfen genießen soll. Mehr ist schädlich. Aber weil du mir die Narbe über meiner Stirn so aufmerksam belauerst, so magst du erfahren, wo mir diese rote Fahne zuerst aufgezogen wurde.« Er rückte zur Seite. »Komm, setze dich neben mich und dann lerne an mir das Exempel, daß es weichlich und dumm ist, wenn der Mensch nach etwas Sehnsucht zeigt, was der Fresser Chronos längst verschluckt hat.«

Durch einen festen Griff fühlte sich Claus herabgezerrt, dann schlang er die Arme stürmisch um den lächelnden Kleinen und horchte, als ob es um sein Leben ginge.

Wo er sich überall herumgetrieben, das entdeckte der Erzähler nicht, warum er die gelehrten Schulen verlassen, darüber glitt er hinweg. Nur bei einem Punkt blieb er ausmalend stehen. Mitten aus einem tollen, klirrenden Taumel mußte ihn plötzlich eine Begier, ein Heimweh, ein Unbegreifliches, nach den Bücherhockern ergriffen haben, nach rauchenden Öllämpchen, die in kalten Kammern über alten Schreibheften dämmerten, nach den raufenden, zechenden und lernenden Bacchanten, nach dem Disput streitender Dozenten und nach den dunklen Bogenhallen, wo aus löchrigen und verschlissenen Professorenpelzen die Weisheit für hungrige Hörer floß.

»Eine Äfferei,« urteilte Heino Wichmann grimmig.

Aus seinen vorsichtigen Andeutungen ging außerdem hervor, daß der ehemalige Magister sich erst einem widerstrebenden und hohnlachenden Kreise heimlich entziehen mußte, bevor er seinen drängenden Plan zur Tat reifen lassen konnte. Aus welcher Stadt er entwichen, aus wie gearteten Verhältnissen, das warf der Strohblonde mit einer abweisenden Handbewegung beiseite. Genug, eines Tages tauchte er unvermutet in Stralsund auf.

»Und dort?« drängte Claus, immer enger an den Freund sich schließend.

»Dort war eine Schule von Bacchantenschützen versammelt. In einer Bodenkammer über einer Sattlerei hockten sie beieinander, und um den Preis eines geordneten Vortrages stahlen und bettelten die Buben für ihren Magister zusammen, was sie unbemerkt die krummen Treppen hinaufschleppen konnten. So ging es eine Weile auch ohne den Verkauf der goldenen Kette, die der Kleine aus nicht näher zu erörternden Gründen dem Tageslicht keineswegs aussetzen mochte. Und schon faßte der Haufe den Entschluß, sich gemeinsam nach Halle durchzuschlagen, wo der berühmte Doktor Pelicanus die Grammatik lesen sollte, als – – «

»Ja, Bübchen,« lächelte Heino Wichmann gönnerhaft, wobei er die gespreizten Finger in das nicht mehr wärmende Sonnenlicht hielt, »aber dann, liebe Unschuld, dann kam der Winter. Hast du schon einmal gefroren, Cläuslein?«

»Ich denke wohl,« versetzte der Knabe mit weit aufgerissenen, verständnislosen Augen.

Der Kleine nickte wegwerfend.

»Ja,« meinte er geringschätzig, »wie der Nordwind so einem von deiner Art ein wenig die spitzen Nägel über den Leib ritzt. Aber was es heißt, wenn die Zunge hinter den Zähnen vereist, oder sobald man halbtot in seinem Bodenwinkel kauert, wo das Denken allmählich in dem klappernden Gebein erstarrt, davon ward deiner Mutter Sohn nichts kund. Nicht wahr? Ich sage dir, da führt man allerlei verrückte Tänze auf, ja, man vergißt sich sogar so weit, zu beten, zu wimmern um einen einzigen Holzspan für den leeren Ofen. Kuck, so ging es mir. Mein Verschlag lag der roten Marienkirche gerade gegenüber, und durch die Lappen meines Fensters konnte ich den heiligen Johannes auf seinem Postament stehen sehen. Der fror weder in seinem weißen und blauen Überwurf, noch brauchte er von einem Fuß auf den anderen zu hüpfen. Da schrie ich ihn an, er solle ein Wunder tun; aber als er vornehm gegen mich Lumpen blieb und sich nicht rührte, sieh, da packte mich die Wut, denn ich schämte mich für den herzlosen Holzheiligen und ich beschloß, den Apostel zu seiner Pflicht zu zwingen. In einer Nacht, wo es weiße Strümpfe durch die Straßen schneite, schlich ich hinüber – und dann eine Stunde später, oh, da hatte sich Sankt Johann schon meines Ofens erbarmt, und himmlische Glut umfing meine Glieder. Köstlich – köstlich, der Heilige hatte ein warmes Herz für mich Bresthaften.«

»Du – du hast mit ihm eingeheizt?« stotterte Claus. Ein Schaudern wollte ihn überrieseln, und in verschämter Bewegung bekreuzigte er sich die Stirn. Und dabei packte den Mitgerissenen doch eine uneingestandene Lust an dem Niederbrechen alles Herkömmlichen, und jener heimliche Aufruhr, der stets von dem Strohblonden ausging, er zwang ihn immer widerstandsloser in die Gefolgschaft dieses aufreizenden Lehrers.

Darum rechtete er auch nicht länger mit dem Wicht, sondern zeigte nur stumm und hartnäckig gegen die Narbe des anderen.

»Ach so,« erinnerte sich Heino Wichmann bereitwillig, »du hast recht. Dies da oben zog den Schlußstrich unter meinen Rückfall in die Gelahrtheit. – Mein Hauswirt, der Sattler, roch den Brand, er war nicht einverstanden mit Sankt Johannis Einkehr bei mir, und so rückten nicht allein seine Gesellen und Nachbarn mit Knütteln und Hellebarden gegen mich aus, sondern auch die Stadtwache glaubte, einen seltenen Vogel an mir erwischt zu haben. Oh Zeus« – der Kleine wiegte auf seinem Eichenstamm träumerisch das feine Haupt – »es wurde ein wundervoller Handel zwischen den Sankt Johannis-Rittern und meinen Buben. Allein, was nützte uns die schönste lateinische Strategie? Pfui Teufel, zuletzt mußte ich zum Fenster hinausspringen, ekelhaft, zum Hinterfenster hinaus, in einen Kehrichthaufen. Behängt mit meiner güldenen Kette und bewehrt mit dem schlanken Ravenneser Hieber stak ich stundenlang im Unrat. Lerne daraus, wie aller Glanz und jede Würde der Erde in der Stunde der Not gern zu Gestank und Kot hinabsteigt. Wobei nicht jedem ein reinigend Bad darauf wird wie mir, der ich zu Nacht auf einem Balken rittlings den schmalen Sund durchschwamm. Was dann weiter geschah« – wollte der Kleine gleichmütig schließen und strich sich prüfend über seine durchlöcherten Schuhe, aber plötzlich bettete er in heftiger Spannung die Hand über die Augen, weil tief unter ihnen, am nahen Strand, etwas Weißes, Glitzerndes, Lebensvolles gegen Sonne und Meer aufleuchtete. – »Was weiter geschah,« fuhr der Kleine hastig und bebend fort, »das weißt du, und sieh, zum Dank zeige ich dir jetzt die einzig vernünftige Gabe deines Gottes, die edelste und doch nie sättigende Speise, die nicht lediglich für den Gaumen der Reichen ausgespart blieb – kurz, ich zeige deinen blöden Augen die schäumige, die hüftenprangende Aphrodite.«

Er warf die zitternde Hand weit vor, und um seinen glatten Mund spielte der unbeherrschteste Zug von Wollust und schonungsloser Sinnengier. Katzenhaft, leise kichernd, glitt er bis an den freien Rand des Hanges. Allein ein rascher Griff des Knaben warf ihn unsanft zurück. Totenblaß, taumelnd, im Innersten seiner bereits zerrütteten Seele aufgewühlt, schwankte der große Bursche vor dem Erstaunten auf und ab. Was er von sich abwehren wollte, das wußte der Halberwachsene nicht, aber seine schon von Stürmen bedrängte Scham tobte noch einmal in Wut und Grauen gegen das Geheimnis, zu dessen Entschleierung ihm bisher der Mut gemangelt.

»Du sollst nicht,« zeterte er besessen und grub seine Blicke angestrengt in das Laub des Waldbodens, »das ist Anna Knuth, die – – «

»Narr,« versetzte Heino Wichmann scharf und schüttelte die Faust ab. »Der Name fällt mit dem Gewand. Geh zum Spinnrocken deiner Mutter!«

Da vergaß Claus, daß er hier trotz allem mit dem Wohltäter rang, der ihn aus Nacht in den Tag geführt, besinnungslos, Funken vor den Blicken, hob er die Faust, um dann – wie eine Bildsäule der Ratlosigkeit zu erstarren. Ein freches, höhnisches, gewalttätiges Lachen schmetterte ihm entgegen, lähmte ihm den Arm und grub ihn wie einen Pfahl in den Boden ein. Schon jetzt erkannte der Gebändigte, welche schreckhaften, unheimlich aufspringenden Kräfte in dem Leib dieses bartlosen Kindes verborgen fluteten. Stöhnend, von einem haltlosen Schluchzen geschüttelt, wodurch das Vergnügen des Kleinen aber nur noch gesteigert wurde, und dabei selbst unter den Peitschenhieben eines unsichtbaren Peinigers, so mußte der Fischersohn mit ansehen, wie der Strohblonde, auf dem Bauche liegend, alle Wonnen des Lichtes in sich einschlürfte, und Abscheu und tiefer Schmerz um die entschwirrende Reinheit entluden sich bei Claus in einem wilden Tränensturz. Unbewußt weinte er um die in Sünden lachende Menschheit.

»Frommes Schäflein,« spottete Heino Wichmann über die Schulter zurück. »Wir wollen dir ein Glöckchen um den Hals hängen.«

[V.]

Kalte, winddurchsauste Nacht senkte sich über den Landflecken Bergen. In dem elenden Orte, der zwei bis drei Wegstunden von dem Sassensitze entfernt auf der höchsten Erhebung der Insel kauerte, war Kirmes abgehalten worden. Zudem hatten sich Gaukler gezeigt, die vom Hofe des Wolgaster Herzogs zurück wanderten, hinten auf dem Ringelplatz hatten Roßtäuscher die Gelegenheit benützt, ihr Vieh zum Verkauf anzubinden, und die herbeigeeilten Fischer und Bauern versäumten nicht die seltene Gelegenheit zu Spiel und Feier. Noch jetzt, nach Einbruch der Dunkelheit trieben grölende und trunkene Haufen ihre grobe Kurzweil, ja, durch das Heulen des Sturmes schrillten lauter und ohrenbetäubender als vorher die Posaunen, Flöten und Trommeln der Wandermusikanten und Gaukler, denn diese leichten Vögel marschierten tanzend und springend an der Spitze einer Rotte, die sich eben begeistert und freudentoll zum Höhepunkt allen Vergnügens anschickte – zum Rauchspiel. Man hatte gottlob einen verwachsenen, halbnackten Bettler dabei erwischt, wie er ein Huhn unter seinen Lumpen verschwinden lassen wollte, und jetzt jagte man den Armseligen, der nur mühsam an seiner Krücke sowie auf einem Holzbein daherhumpelte, mit Ruten- und Stockhieben nach dem »Schütting«. Als man in dieser ehemaligen Räucherkammer angelangt war, entzündeten junge Burschen, denen das Amt als Auszeichnung überwiesen sein mochte, das auf den Fliesen der Hütte aufgeschichtete Laubwerk; der Hühnerdieb wurde an einem Querbalken bis unter das Dach des Raumes emporgezogen, und nun knisterten die brennenden Zweige, dicker Qualm wälzte sich an den Wänden hinauf, und es war spaßhaft zu beobachten, wie das Opfer nieste und hustete und durch allerlei Verrenkungen gegen das Ersticken ankämpfte.

»Kuck, Fiek,« meinte ein junger Bauer zu seiner andächtig emporstarrenden Braut, »das Luder hat ein Loch im Strumpf. Ich will ihn ein wenig an den Zehen kitzeln«.

Düsterrot, in langen blutigen Streifen fiel der Widerschein des Feuers durch die Ritzen der Hütte auf die Straße. An der fensterlosen Kalkwand des benachbarten Häuschens lehnten zwei Gestalten in unbeteiligter Ruhe. Ihre braune Fischertracht und die derben Tuchkappen unterschieden sie keineswegs von dem sich drängenden Menschenknäuel. Nur wer sie genauer musterte, konnte trotz der Dunkelheit in ihren blassen Gesichtern lesen, wie wenig sie von der allgemeinen Lustbarkeit angesteckt waren. Spöttisch grinste der Kleinere auf das rohe Getümmel, und wenn die Schreie des Geräucherten lauter herausdrangen, dann zuckte sein schlanker Gefährte vor Unmut oder Mitleid zusammen und konnte nur durch den festen Griff des anderen davon abgehalten werden, über den abstürzenden Weg in der Nacht zu verschwinden.

Um sie herum war Streit, Gelächter und Aufregung. Der Gott der ehrbaren deutschen Lust gönnte seinen Gläubigen neue Freude. Unter der Linde, die vor dem Rauchhaus ihre nackten Äste im Winde knarren und stöhnen ließ, zeterte der Bader des Ortes wütend auf einen Tabulettkrämer ein, weil ihn der Hausierer angeblich mit einem stumpfen Schermesser betrogen. Jauchzend stieß der breite Haufe die beiden Widersacher gegeneinander, reizte sie zu immer heftigeren Tätlichkeiten und fiel schließlich über den ortsfremden Krämer her, um ihn zur Sühnung seines Vergehens zu dem beliebten ‘Rasieren’ zu zwingen. Auf einem Fußknorren der Linde hockend und von zahllosen Fäusten festgehalten, mußte es sich der Gerichtete gefallen lassen, bei Fackelschein von dem gereizten Bartkratzer nach strengen Regeln der Zunft eingeseift zu werden. Aber statt Schaum ward ihm Unflat ins Gesicht geschmiert, und als Messer diente eine schartige Sichel, die ihr Werk mit Kratzen und Geräusch verrichtete.

Tosender Beifall übertönte das Ächzen des Geschundenen, und die Nacht verschlang den tanzenden Wirbel, der um die Linde herum tollte.

»Komm,« fröstelte Claus, indem er sich gewaltsam losriß, »wir wollen heim.«

»Schürzenband,« spottete der andere und lehnte ruhig weiter an der kahlen Wand, »behagt es dir nicht bei den Deinen?«

Der Junge verzog die Stirn, wie immer, sobald seinem Willen ein anderer entgegengesetzt wurde, dann jedoch kratzte er aufbrausend gegen die Mauer.

»Warum quälen sie sich?« warf er verstört hin. »Weshalb halten sie nicht Eintracht untereinander, da sie doch alle arme Schächer sind?«

»Warum?« Ein bissiges Kichern antwortete auf diesen Notruf eines grübelnden Gewissens, und während der Kleine pfeifend die Hände in seinen Ledergürtel schob, schien er sich innerlich über die Bedrängnis seines Schülers zu ergötzen. »Bist zu viel zu den Pfaffen gelaufen,« gönnte er ihm endlich. »Weißt du nicht, daß Priester und Herren nur so lange auf dem Buckel des Haufens da zu reiten vermögen, als er roh und unbelehrt bleibt? Wenn der abgetriebene Gaul schreiben und lesen könnte wie du, dann würde er leicht um sich schlagen und fürchterlich werden.«

»Was würde er dann tun, Heino?« flüsterte der junge Mensch unruhig. Es feuerte vor ihm aus der Erde. Nebelhafte Gebilde stiegen plötzlich aus dem kotigen Boden der Landstraße vor dem Erschauernden auf. Das Heil und der Segen, die dieser fiebernde Knabe nicht für sich, sondern für kommende Geschlechter traumhaft in sich trug, sie zogen in wirren Gestalten, preisend und betend über eine grüne Flur an ihm vorüber. Weihrauchfässer schaute er, Baldachine, Wagen beladen mit Brot, Korn und Wein. Aber an der Spitze des Zuges erblickte er einen Hochgewachsenen, geschmückt mit allen Zeichen des Glücks, fürstlich in Gold und Purpur gekleidet – das war er selbst.

Nahe unter der Linde tobten die dunklen Schatten immer zügelloser, aus dem Schütting trug man den halbohnmächtigen Bettler gerade zur Erholung ins Freie, doch Claus Beckera durchstieß mit seinen Blicken jene taumelnde Menge und schritt geisterhaft durch sie hindurch ins Weite.

»Was würde der befreite Haufe tun?« murmelte er von neuem.

Mit einbohrendem Verständnis und doch beinahe belustigt hatte Heino Wichmann das Versinken seines Schutzbefohlenen beobachtet, jetzt rüttelte er ihn derb an der Schulter, denn der genießerische Sinn des Kleinen verachtete nichts so sehr als das Vergessen von Zeit und Gegenwart.

»Was weiß ich?« stieß er spitz zwischen den Zähnen hervor. »Vielleicht würden deine wackeren Landsleute, wenn man sie aufweckte, auf den Einfall geraten, anstatt Schweine und Kühe einmal das sanfte Fell von Gräfinnen und Herzoginnen zu streicheln. Oder sie könnten darauf bestehen, das herrschaftliche Land nach einer neuen Ordnung zu vermessen; am Ende aber begnügen sie sich auch damit, den roten Hahn fliegen zu lassen. Was willst du? Das ist ein schnelles und munteres Tier.«

»Halt ein – so nicht – so nicht,« stammelte Claus aus seinen hohen Himmeln herabgeschleudert und warf entsetzt beide Hände vor. Ohne Übergang entdeckte der Fischersohn plötzlich wieder die betrunkenen Bauern um sich her, und eine unnennbare Sehnsucht befiel ihn nach der Einsamkeit des Meeres, nach Vater und Mutter und nach seinen schönen, schimmernden Gedanken. »Komm,« rief er inbrünstig, »laß uns gehen.«

Allein den Magister verdroß das vornehme Absondern seines Zöglings. Mächtig stachelte es seine Eigenliebe, weil die Unverdorbenheit des Jüngeren sich noch standhaft weigerte, jenes leichtsinnige Lotterdasein anzubeten, wie es der Kleine ohne Scham noch Reue für den einzigen Trost, für die allein lindernde Salbe einer sinnlos in die Welt geschleuderten und sich nun in Knechtschaft und Zwang verzehrenden Menschheit erkannt hatte. Wie kam der Bursche dazu, etwas Besseres erstreben zu wollen als Buhlschaft, Prasserei und Rausch? Soviel Anmaßung eines Unmündigen durfte nicht geduldet werden. Mit beiden Händen umklammerte der Strohblonde daher den Arm des Unschlüssigen und riß ihn mit sich.

»Wohin gehst du, Heino?«

»Ins Himmelreich, Bübchen.«

»Heino, ich traue dir nicht.« Er wollte sich loszerren. Doch den Kleinen überwältigte die Wut, heftig krallte er sich in den anderen ein und schrie mit einer Stimme, die nichts mehr von Mädchenhaftigkeit an sich hatte:

»Pfui Teufel, zieh dir ein Jungfernhemd an. Wer wird dir fürder noch die Beinlinge glauben? Schmach und Schande! Meinst du, die Welt brauche Männer, die aus einem Rosentopf wachsen?«

Da hatte er den Leichtbeleidigten, Ehrsüchtigen soweit, wie er beabsichtigte. Als ob ihm ein Peitschenhieb rund um den Rücken geknallt wäre, so bäumte sich Claus auf. Nichts mehr von Besinnung war in ihm. In diesem Augenblick wäre er über die Leichen von Vater und Mutter fortgesprungen, nur um den brennenden Schimpf zu widerlegen. Aber noch mehr geißelten den Atemlosen die Furcht und das Grauen vor dem Verlust von etwas Kostbaren. »Was kann das sein?« durchströmte es ihn noch, als ihn Heino Wichmann hinter sich her um die Ecke der kahlen Mauer herumzog. Er wußte es ganz gut und wehrte sich doch voller Schrecken gegen seine eigene Erkenntnis. Heulend warf sich den beiden Vorwärtstappenden der Wind entgegen, aus ihrer nahen Hütte kläfften zwei bösartige Hunde, und ein langer gelber Lichtstreifen zeigte den späten Gästen eine erleuchtete Kammer an.

»Hier läßt sich's wohl sein,« bestimmte Heino beinahe herrisch. Dann schlug er ein paarmal gewaltsam gegen die Bohlen der Holztür. »Macht auf, Menscher! Es gibt fürnehme Leute.«


»Eia,« rief eine helle Stimme, als die beiden Ankömmlinge eintraten. Eine blaue Wolke von Kiendampf wälzte sich ihnen entgegen. Hinten aus dem umnebelten Ziegelherd tanzten für die Nacht bereits unruhige Flammen, und in ihrem springenden Flackerlicht richtete sich mitten von dem Estrich, wo sie bisher gelegen, eine junge Dirne bis zur Brusthöhe empor, stützte sich auf die Ellbogen und ließ ihre neugierigen grünblauen Augen musternd auf den beiden Männern ruhen. Allein bald mußte sie einzig von der unberührten Schönheit des großen schlanken Burschen gefesselt werden, von seiner deutlich bemerkbaren Scheu und Unruhe, denn sie ließ eine gelbe Katze, mit der sie bis dahin offenbar zur Ergötzung der Gäste eine kosende Neckerei getrieben, von ihrem Schoß herabspringen, setzte sich auf der Diele zurecht und wiederholte mit allen Zeichen der Befriedigung noch einmal:

»Eia.«

»Becke,« ermahnte eine rauhe Weibsstimme, deren riesenhafte starkknochige Besitzerin neben dem Herd hockte, wo sie unausgesetzt eine Holzkelle in dem Kupferkessel herumwandern ließ, »wie oft muß ich dir sagen, du sollst nicht herumliegen und faulenzen, wenn gute Herren kommen? Bei Gott, ich dresche dir noch den Buckel voll.«

»Haltet Euer Maul,« widersprach das Mädchen völlig ungerührt und streckte der Wirtin sogar die Zunge entgegen. »Hat Euch der Stadtschreiber nicht erst neulich bedeutet, daß der Rat mich nicht missen will? Wer seid Ihr ohne mich, Ihr garstige Hexe?«

»Nun, mein Püppchen,« schluckte das Weib am Herd und schlug sich mit der Linken auf die gewaltige Brust, als ob sie dort ihren süßsauren Grimm einmauern müßte, zumal ihre übrigen Gäste, die unter einer tiefen Wandeinbuchtung saßen, bereits aufmerksam zu werden begannen. »Es freut mich weidlich, weil dir der Rat so wohlgewogen ist. Mußt aber auch hübsch auf dich aufpassen, damit es lange dauert. Und nun, mein Engel, steh auf und erkundige dich, was den Herren willkommen sei? Ein Krug Met? Oder Mostwein? Oder ein heißes Süppchen? Oder gar etwas anderes? Wir werden es an nichts fehlen lassen.«

Damit zwinkerte Frau Sibba, die Wirtin, mit ihren blau unterlaufenen Augen, die gerade noch hinter dem schmutzigen Kopftuch hervorglotzten, nach einer kleinen Nebenkammer, in der Claus nichts als ein zerwühltes Strohsacklager wahrnahm. Von der Decke schaukelte eine trübe Ölleuchte in einem halbzerbrochenen Scherben herunter, und ganz im Gegensatz zu all der Dürftigkeit war über das Fußende des Bettgestells ein rotseidener Fetzen mit eingewirkten Goldfiguren geworfen. Ein sichtliches Zeichen dafür, wie dankbar irgendein unsteter Seemann von hier geschieden.

»Steh auf, mein Täubchen,« ermunterte die Wirtin nochmals mit ihrer harten Knechtsstimme, denn die stumme Verzauberung der am Boden gefesselten, zottelhaarigen Becke dünkte ihr zu viel Ehre für zwei armselig gekleidete Fischer. Was konnten solche Netzflicker auch anderes als ein paar erbärmliche Pfennige in ihren Ledertaschen bergen? Wie hoch stieg indessen das Befremden der Hausmutter, als der kleine strohblonde Ankömmling mit einer zwischen Frechheit und Herablassung schwankenden Gebärde, wie wenn das Haus und die Kammer, die Weiber und die Atzung sein unbestreitbares Eigentum wären, sich zu der liegenden Dirne niederwarf, um sie dort vertraulich zu umschlingen und der Überraschten einen Kuß auf den entblößten Busen zu pressen.

»Wonnige,« schrie Heino Wichmann schallend durch den gedrückten Raum, »Wonnige.«

Die Gäste unter dem Mauervorsprung meckerten und klopften mit den Zinnkrügen ihren Beifall auf den Tisch. Die Dirne jedoch schlug lässig nach der tastenden Hand des Frechen, obwohl die Entrücktheit von ihr so wenig gewichen war, daß sie noch immer wortlos auf dem Estrich kniete. Aber während sie sich die Haare zurückschob, saugten sich ihre glänzenden Augen auffordernd und hungrig an dem blassen Antlitz des erstarrten Burschen fest. Gerade seine ungläubigen, kindlich verstörten Züge schienen ihr Mitleid zu erregen, denn die gemalten Lippen der Becke bewegten sich, als ob sie diesem eigenartigen Besucher Trost zusprechen wollte.

»Fein's Bübchen,« murmelte sie unhörbar.

Da klammerte der Magister seinen Arm um den Hals des Mädchens, zwinkerte nur ihr verständlich nach seinem Begleiter hinüber und flüsterte der jetzt zur Aufmerksamkeit Gezwungenen etwas ins Ohr. Das mußte ihr glatt und lockend eingehen, lachend sprang sie empor, schob sich mit einem verstohlen wiegenden Gang bis zur Schwelle, wo sie dann plötzlich und unvermutet nach der Hand des unentschlossenen Gastes griff. Starke, pulsende Schläge hämmerten aus der weichen runden Frauenhand in die schreckgebundenen Glieder des Knaben hinüber, und doch – so unbändig wütete der letzte Kampf in dem zum Niederbruch Bestimmten, daß Claus noch in diesem Augenblick jähzornig die Faust hob, schwankend, ob er nicht die wohltuende und doch so peinigende Zärtlichkeit mit einem Hieb in das rotwangige Gesicht vergelten sollte.

Wirklich, schon spannte er den Arm. Die Becke aber drängte sich noch dichter an ihn heran, überstrich ihn von unten herauf mit ihren blaugrünen Augen und sprach kosend:

»Komm – du Schöner.«

Da stand er ganz still und horchte in schmerzlichem Erstaunen auf solche nie gehörten Laute. Und während die Becke seine Reglosigkeit benutzte, um ihm schmeichlerisch die flaumige Wange zu streicheln, bis sie es endlich sogar versuchte, ihren Arm um seinen Nacken zu schmiegen, da meinte der Verwandelte ganz deutlich einen Strom zu spüren, der sein früheres Bild und seine lichte Vergangenheit mit sich forttrug. Düsteren, verzweifelten Blickes verfolgte der Fischersohn das Forttreiben seiner verlorenen Wesenheit. Ja, noch unter dem höhnischen Gekicher des am Boden hockenden Magisters hätte er am liebsten vor Jammer laut aufheulen mögen. Allein der Strom ließ ihn nicht mehr auftauchen. Plötzlich empfand er spitze Zähne an seinem Ohr. Auf einen ungeduldigen Wink des Strohblonden war die Dirne gewandt an dem Fischer in die Höhe gesprungen, jetzt trug er die vollen Weibsglieder rittlings auf seinen Armen, und rechts und links trafen ihn die raschen schmerzhaften Bisse. Die fraßen den letzten Rest seiner Gegenwehr hinweg.

Ein wilder, unnatürlicher Schrei der Entfesselung war es, der aus der Kehle des Burschen raste. Selbst Heino Wichmann horchte überrascht auf, als dieses gellend grausame Signal von etwas Neuem, bisher Unerhörtem aus der Brust seines so schwer zu brechenden Zöglings herüberschmetterte. Gleich darauf jedoch schüttelte der Kleine leichtmütig, wie stets, den sich leise regenden Zweifel ab, und sein heller Diskant überschrillte sogar noch das wüste Toben der anderen, als er jetzt vor Begeisterung mit den Füßen auf dem Estrich trommelte, weil er wahrnahm, wie Claus von Glut übersiedet seine Last an den Tisch schleppte. Dort warf er das Mädchen, dessen Arme sich nicht von seinem Halse lösen wollten, mit einem Krach auf die Platte. Ringsum spritzte es aus Kannen und Bechern! Die Becke aber lehnte schnell ihre Wange an die ihres Ritters, versetzte ihm verliebt einen Nasenstüber und flüsterte erregt, jedoch von den anderen ungehört:

»Jetzt nicht, Lieber. Aber bleib hier. Ich zeig dir was.« Damit sprang sie von dem Tisch herab.

Es war ein Bild, wie es später die nordischen Maler aus dunklem Hintergrund herausleuchten ließen, sobald ihnen des Daseins derbe, überschäumende Lust aus keckem Pinsel floß. Aber damals strahlte über der Kunst ein strenger, heiliger Himmel, und auch in der Wirklichkeit versteckten sich solcherlei Begebenheiten noch verstohlen in den finsteren Ecken übel beleumundeter Schlupfwinkel.

Der Magister hatte sich inzwischen in die Höhe gefunden. Jetzt riß er sich die Kappe vom Haupt, daß ihm die langen gelben Haarsträhne wirr auf die Schulter fielen, und schleuderte die Kopfbedeckung in die Luft.

»Laßt uns das hochzeitliche Paar in Wein segnen,« piepste er mit seinem tollen Sperlingsgezwitscher. »Ersäufen wir in der Trauben Blut all die verruchte Plackerei. Riecht ihr es nicht? In Frau Sibbas edlem Haus verbirgt sich die Freiheit. Greift sie, ihr Schindluder, ihr findet sie sonst nirgends.«

»Greift sie,« schrie auch Claus Beckeras besessene Stimme. Flüchtig erschrak der Bube, als er sich selbst hörte, als das Fremde wie mit einer klirrenden Schere in seinen Gedanken herumschnitt, allein gleich darauf stürzte er umnebelt der entwischten Dirne nach. Die schaffte gerade am Herd, als er nach ihr tastete. Bissig schlug sie ihm auf die Rechte, funkelte ihn an, denn dies Gebaren des Gesellen war ihr nicht fremd, und herrschte hochmütig:

»Jetzt nicht, du unflügges Huhn. Ich hab's dir gesagt.«

Und abermals stand Claus behext, horchte verwundert auf und schüttelte das schmale Haupt.

Unwirsch hatte bis jetzt die Wirtin das Treiben der beiden Fremden gelten lassen, jetzt endlich riß ihr die Geduld. Mit einem ärgerlichen Gehüstel erhob sie sich von ihrem Herdsitz, und siehe da, als sie stand, streckte sie sich empor wie ein langer Pfahl, auf dessen oberer Kante schmutziger Schnee liegt. Langen Schrittes fuhr Frau Sibba sodann auf den Magister zu, wobei sie es für angebracht hielt, dem kleinen, scheinbar so ungefährlichen Kerlchen ohne weiteres mit der Knochenhand in den halboffenen Kragen zu greifen.

»Wie steht es mit der Zeche?« wollte sie gerade zwischen ihren Zahnlücken liebevoll hervorpfeifen, da pluderte sich ihr Faltenrock kreisrund in die Höhe, und die von ihm bekleideten Glieder flogen, gleichsam geschleudert, auf den Holzhaufen hinter den Herd zurück. Wie es geschehen, das konnte sich keiner erklären, da alles durcheinander lärmte, aber sobald man durch den aufgestörten Kienqualm wieder hindurchschauen konnte, da tanzte der Strohblonde wie von Sinnen mitten in der Schenke herum, während er ein abgerissenes Glied seiner Goldkette hoch über dem Gelbkopf schwang. Dazu flötete Heino Wichmann, sich freundlich nach allen Seiten verbeugend, mit seinen süßesten Tönen, ob man ihn vielleicht auch jetzt noch daran hindern wolle, die hier versammelte Hundeheit durch Wein und Liebe von ihren Stricken abzubinden?

»Durch Wein und Liebe,« wiederholte Claus sinnlos und versank völlig in die vor ihm geöffnete Grube von Qualm und Glut. Die Becke wischte an ihm vorüber und küßte ihn anfeuernd auf den Nacken.

Das alles verschwamm vor dem schon Nüchtern-Berauschten und drehte ihn nur noch hilfloser in den kreisenden Wirbel. Was dann geschah, das tanzte vor ihm auf und ab. Bald hoch flackernd, bald zusammenstürzend wie die blauen Flammen des Herdes. Er sah sich im engen Drang auf die Bank vor den Tisch geschoben, und aus dem Zinnkrug duftete ihm gärender Met entgegen. Er leerte den Becher mehrmals, und seine Sinne gaukelten fortan wie Schmetterlinge über dem süßen Trunk. Warum konnte er diesen oder jenen Gedanken nicht mehr festhalten? Aufgescheucht versuchte er es, aber es gelang ihm um keinen Preis. Statt dessen mußte er den Gängen der Becke nachspüren, die den Gästen immer von neuem das Trinkgeschirr auffüllte, es zog ihn, in ängstlicher Neugier ihren kurzen Rock zu streifen, ja einmal brüllte er drohend auf, als die Dirne sich verweilend auf die Knie eines alten, kahlköpfigen Mannes niederließ, dessen feiner blauer Bürgerrock keineswegs hierher zu gehören schien.

»Was schiert dich, Bübchen?« hörte er zwar gleich darauf die Aufwärterin lachen. Unhörbar war sie herangeschlichen, jetzt beugte sie sich über den Vernunftberaubten und ihre Augen funkelten, als sie merkte, wie Reife und Knabenschaft in ihm Würfel spielten. Da umklammerte er erbittert die von Met und Hitze dampfenden Weibsarme, und schwankend zwischen Wut, abgründiger Verachtung und stöhnender Besessenheit bettete er sein Haupt an ihre Brust.

»Dummkopf,« sträubte sich die Eingefangene, »du reißt mir ja das Hemd.« Aber es klang doch keuchend, und nur schwerfällig entzog sie sich.

Entzückt über dieses schwindelhafte Werben hatte sich Heino Wichmann auf den Tisch geschwungen. Hier preßte sich das berauschte Kerlchen, obwohl seine zwiefarbigen Augen noch immer so frostig wie früher blinkten, die Rechte aufs Herz und sang mit seiner bohrenden Stimme einen Kehrreim, welcher zur Zeit der fatalen Münzverhältnisse unter dem zur Verzweiflung getriebenen Volke durch Dorf und Stadt lief:

»Dirn im Bett und Wenzels[[*]] Geld – «

[[*]] König Wenzel von Böhmen.

Und sofort wieherte der Chor zur Antwort:

»Was ist falscher auf der Welt?«

»Ihr seid ein Spaßvogel, Kleiner,« sagte die Becke durchaus nicht beleidigt.

Der Sänger aber strich ihr gönnerhaft über die Zottelhaare.

»Und du, ein schöner, fetter Bissen, Herzlein,« entgegnete er überlegen, »jedennoch, ich gönne dir alles Gute.«

Quirlende Pfiffe, die aus der Ecke schrillten, belohnten jenen anzüglichen Witz.

Und wieder tanzten vor Claus die blauen Flämmchen, und die Schmetterlinge über dem Met taumelten schwer und flugtrunken – – –

Nach einer Weile ging die Becke und schlug in der Nebenkammer, öfter über die Schulter zurückspähend, das zerwühlte Lager zurecht. Diese Pause benützten die bäuerlichen Zecher zu Flüchen und Verwünschungen über die gotteszerrissene Zeit. Da war zuerst der feine blaue Ratsherrnrock. Am Tage hatte der nackenfette, ewig schmunzelnde Glatzkopf die Stadtwage, sowie Recht und Sitte wahrzunehmen. Aber da ihm zu Hause ein zänkisch Weib eignete, das ihn schlug, so verargte es ihm keiner, wenn er abends Frau Sibba und die Becke besuchte. Er galt als Stammgast, und allerlei Vorrechte wurden ihm eingeräumt. Deshalb war er auch der einzige, der zufrieden und stillbehaglich in seinen Krug blinzelte. Ganz anders die Bauern, deren fünf bis sechs in galgenfröhlicher Verbitterung hinter ihren Töpfen lagerten. Zwischen den haarigen Kerlen schwelte es wie die Lust zur Verschwörung. Denn der Conaer Graf hatte, da er mit der Stadt Bergen im Streit lag, einfach die umliegenden Hufen besetzt, und jetzt führte sein Troß Vieh und Getreide des Landmannes fort als Wehrgeld für den Zug gegen die Freibeuter, so hieß es.

»Es verstößt gegen das gemeine Huferecht,« stöhnten die Gepfändeten, und drohend schrien sie den Ratsherrn an. »Gibt's denn kein Recht? – Gott verdamm mich, gibt's kein Recht?«

Der Dicke jedoch zuckte die Achseln und schwieg. Er wußte, wie wenig gegen Spieße und Armbrüste ein Pergamentfetzen etwas ausrichtete.

Mit weit aufgestemmten Armen lag Claus über die Tischplatte geworfen, sein glühend Antlitz hatte er auf beide Fäuste gestützt; und das Klagen und Jammern der Landleute floß in die Adern des Jungen hinein wie zischendes Blei. Es zerstach ihm das Hirn, es zerriß ihm die Augen, so daß vorübergehend sogar das Bild der üppigen Dirne aus ihnen herausstürzte; das unverstandene Drängen und Jagen des Burschen nach vom Himmel strömendem Segen, nach einem Wohlstand, der jedem gleichmäßig die Hand reichte, über welche kümmerliche Scholle er auch schritt, diese gierige Sehnsucht, die sich so ungleiche Schwingen geborgt hatte, die eine von den demütigen Lehren des Pater Franziskus, die andere von den stachelnden Einflüsterungen des kleinen Magisters, jetzt rissen ihn die starken Fittiche über seine irdische Besessenheit hinaus.

Drinnen in der Kammer walkte die Becke das Bett kräftiger, Claus Beckera jedoch überhörte die aufreizende Hantierung, denn Zorn und Mitleid hatten ihn längst an diese entrechteten Bauern gekettet, deren Plage ihm widersinnnig und unmenschlich erschien. Es war eine geschnürte, drohende Unruhe in seiner Stimme, als er sich jetzt flüsternd erkundigte, ob sich denn keiner der Vergewaltigten gegen das schreiende Unrecht zur Wehr gesetzt? Da warfen die Landleute scheue, betretene Blicke auf den unreifen Buben, aber endlich steckten sie die Häupter zusammen und wiesen mit Fingern auf einen untersetzten Mann am Ende der Bank. Der saß in seinem braunen Bauerngewand in sich versunken da, über den violetten Halskragen, der ihm das gefurchte Antlitz zum Teil verhüllte, war noch ein unscheinbarer Tellerhut gedrückt, allein selbst durch diese Vermummung hindurch hatte Claus aufgefangen, wie der Mann, so oft er sich unbeobachtet wähnte, zuweilen schwer vor sich hinseufzte. Bald griff der Einsame tastend nach dem kurzen Schwert an seiner Seite und von dort wieder unsicher nach dem Stiel einer Axt, die er zwischen seine Knie gelehnt hatte. Kaum aber bemerkte der Grübler die auf ihn gerichtete Aufmerksamkeit, als er zusammenschrak und der Wirtin heftig winkte, er wolle seine Zeche bezahlen.

»Tummle dich, Weib,« drängte er, indem er sich mißtrauisch in den Ecken umsah, bis sein unsteter Blick endlich auf einem zusammengeduckten Sprenkelbart haften blieb, auf einem schmutzigen Juden, der in seinem gelben Schandrock und der roten Zwangskappe müde auf einem Holzblock neben dem Eingang hockte, wo er von allen übersehen, gleich einem Stück Niemand, ruhig ein Näpfchen Suppe schlürfte. Der Mann mit der Axt jedoch schrie hämisch auf und schlug sich, wie in nagendem Grimm, den flachen Hut tiefer über das Haupttuch. »Für den da, für den verfluchten Juden bezahle ich mit,« rief er schneidend, während die tiefen Furchen in seinem braunen Sorgenantlitz zuckten. »Komm, Mauschel, bist der richtige Gesell für mich. Leck deine Schüssel leer, und dann fort.«

»Was ist mit dem Hebraicus?« unterbrach Heino Wichmann von seinem Tischplatz aus spürend. Die feinen Nasenlöcher des Kleinen witterten dabei wie die eines Jagdhundes, und sein ungleiches Augenpaar sprang die beiden Weggenossen so lauernd und zerfleischend an, daß jeder von ihnen unwillkürlich nach seinen Habseligkeiten griff.

»Was soll sein?« stammelte der Jude, indem er sich mühsam emporraffte. »Ich wandere.«

»Ja, und ich will dir auch sagen, warum,« kreischte die Sibba und riß ihm die Schale aus der Hand. »In Potthagen, wo du wohnst, da hat das große Sterben schon wieder angehoben. Und was steckt dahinter? Ihr Krummnasen, ihr Herrgottsmörder habt die Brunnen vergiftet. Ist es etwa nicht wahr? Man sollte dich totschlagen, du garstiges Gewürm.«

Ein einziger, ein heulender Schrei kam von den gereizten Bauern. Geballte Fäuste fuchtelten in der Luft, und ein schwerer Steinkrug flog schmetternd gegen die Brust des Verhaßten. Welch eine Wollust, sein eigenes Leid abwälzen zu können. Stöhnend sank der Jude auf seinem Platz zusammen, und erst nach einer Weile vermochte er hervorzukeuchen:

»Gestern ist mein eigen Weib und mein Sohn verröchelt. Glaubt ihr – –?« Er murmelte etwas Unverständliches.

Doch der Abscheu der Landleute tobte weiter.

»Stoßt ihn ins Feuer, den Mauschel, soll er uns vielleicht den schwarzen Gevatter an den Hals hetzen?«

Polternd sprangen die Männer hinter dem Tisch in die Höhe, ein fluchendes Getümmel umzüngelte alsbald das Opfer ihrer Wut, und der Angehörige eines aus den Reihen der Menschheit verwiesenen Stammes ließ seine schwarzen Augen ungläubig und doch bereits auf alles gefaßt von einem der Bedränger zum anderen rollen. Allein nirgends erspähte er Gnade, überall nur sinnlose Fremdheit und schäumenden Haß. Da – beinahe im letzten Augenblick – was war das? Da setzte etwas Wirbliges, Zappelndes, Strohblondes mit einem katzenhaften Sprung von dem Tisch bis dicht vor den Angegriffenen hin, ein helles Gelächter wurde aufgeschlagen, und merkwürdig, die kleine Kinderfigur schien plötzlich biegsam, wuchtig, stahlhart, wie eine gute Klinge, die sich zum Hieb erhoben. Im gleichen Moment freilich war auch Claus Beckera in das Gewühl geschossen. Ihn leitete kein besonderes Mitgefühl für diesen umstellten Juden, nur das stürmische Weh für alle Unterdrückten äußerte sich rückhaltlos auch hier. Es war eine wundervolle Bewegung, als sich jetzt die überragende Gestalt schutzbereit vorwarf, halb geschmeidig, halb gebieterisch. Dazu flammten die schwarzen Augen in einem dunklen, bannenden Feuer, und die metallische Stimme füllte das ganze Haus mit solch fortreißenden Wirbeln einer geschlagenen Trommel, daß selbst die Becke, die neugierig am Pfosten der Kammer lehnte, ihren Nacken von einem eigenartigen Schauder überkräuselt fühlte.

»Weh dem Armen,« schleuderte der zum erstenmal in eine wache Geisterwelt Entrückte seinen Angreifern entgegen, »weh dem Armen, der einen anderen Elenden entheiligt.«

Die Bauern sahen sich an, verstanden nicht und wichen vor der drohend gereckten Faust zurück. Eine Stille, ein Verstummen fiel in den Tumult, um gleich darauf durch ein quirlendes, sich überschlagendes Gelächter abgelöst zu werden.

»Hört – hört den Bußprediger,« schüttelte sich Heino Wichmann, und sein Lachen legte sich wie ein Wall vor den Juden. »Meint man nicht, das Bübchen möchte gleich Messe singen? Ja, das Pfaffendienern, das Kutten- und Pantoffellecken ist ein gut Ding. Aber nun verstattet auch mir ein Wörtlein, ihr Heufresser.«

»Was sagt er?« murmelten die Bauern, die es nicht begriffen, wie ein Zwerg es wagen könnte, sie zu beschimpfen.

»Ich sage,« fuhr der Kleine in ungetrübter Ruhe fort, während er gelassen vor dem Hebräer auf und ab wanderte, »daß ihr ein Querholz vor der Stirn tragt und Ochsen seid.«

Die Bauern rührten sich nicht und horchten. Selbst die Becke, die nur das Bild des glühenden Knaben verschlang, beugte sich vor.

»Ich dachte, ihr wolltet Edelwild jagen?« sprach der Magister schneidend weiter, und in seinen Augen funkelte eine aufreizende Flamme von Bosheit und verführerischem Aufruhr. »Ein Kesseltreiben gegen den zweibeinigen Schädling!? Oder meint ihr, diejenige Meute sei die beste, die sich selbst zerfleischt?«

Noch nie hatte Claus die aufwühlende Gewalt des Kleinen auf eine erregte Schar verzweifelter Männer überspringen sehen, jetzt fühlte er selbst, wie die glühende Aufreizung ihm den Atem stocken ließ und daß er im Moment nichts anderes war als ein zitterndes Blatt an einem Strauch, den der Wind zaust. Blätter, bewußtlos vom Sturm geschüttelte, raunende Blätter wurden auch die übrigen. Die Brüste dehnten sich, die wilden Augen richteten sich starr auf den einen, von dem eine unbegreifliche Losung auszugehen schien, selbst der Jude vergaß die ihm nahe Gefahr, denn taumelnd richtete er sich auf und ergriff seinen Ranzen.

»Wohin gehst du?« forschte Heino Wichmann unvermittelt wieder mit seiner weichen Mädchenstimme.

»Ich wandere,« versetzte der Gefragte hartnäckig.

»Ja, wir wandern,« wiederholte nun auch der Mann mit der Axt, der bisher wie im Traum gelauscht hatte. »Komm, Bruder.«

Allein ehe die beiden sich noch aus dem erstarrten Kreise lösen konnten, stand der Kleine plötzlich zwischen ihnen, und leise und doch mit unentrinnbarer Eindringlichkeit sagte er:

»Den einzigen, der dir die Flecken von der Axt fortwaschen kann, den findest du jetzt nicht. Der ist weit.«

Der Bauer wich einen Schritt zurück, stammelnd fragte er: »Wer ist das?«

»Wer?« Heino streckte ihm die Rechte entgegen, in die der andere, wie gezogen, einschlug. »Wer?« flüsterte der Kleine noch einmal. Und kaum verständlich, hinter Schauern von Anbetung und Geheimnis verborgen, hauchte er ihm ins Ohr:

»Der Gödeke – Gödeke Michael,
Der führt auf dem Schwarzschiff allein den Befehl.«

Eine Woge mußte in das Haus der Sibba geschlagen sein, die alles, was bis dahin aufrecht stand, unter sich begrub. Aus dem Strudel schlang es sich herauf wie die Stimmen von Ertrinkenden. Ein allgemeines brausendes Gebet, das brünstig durch das Dach gegen den Himmel stieg:

»Seine Brust ist wohl eine Elle breit,
Den Bedürftigen schenkt er Speise und Kleid!«

Noch heulte der Sturm, da geschah etwas Ungeahntes. Lallend, trunken von der Gewißheit, in eine Gemeinschaft eingeschlossen zu sein, so hatte der Hebräer die Axt an sich gerissen. Jetzt taumelte er auf den Holzblock, schwang die Waffe fieberhaft über die vielen Köpfe und besessen von einem starren, fanatischen Wahne kreischte er gellend:

»Und tragt ihr Armen am Leben schwer,
Das Recht und die Freiheit wohnt auf dem Meer.«

Und wieder erscholl es ihm zur Antwort, ernsthaft, schwer, feierlich, wie das Responsorium in der Kirche:

»Dort richtet die Reichen an Leib und Seel,
Der Gödeke – Gödeke Michael.«

Aber das letzte klang schon auf der Landstraße. Der Schwarm hatte sich, einer inneren Macht folgend, ins Freie ergossen. Alles, was sich ihm widersetzte, war fortgebrochen, nur die Becke und Claus befanden sich allein unter dem niedrigen Dach; beide angewurzelt, die Trümmer eines langsam sich fortspinnenden Traumes.

»Komm,« ermunterte endlich das Mädchen und streckte verstohlen die runde Hand nach dem Versunkenen aus. Allein schon die Berührung machte es lechzend und unsicher. Je länger sie mit dem schlanken, gänzlich inneren Liedern lauschenden Burschen allein blieb, desto mehr durchschlug sie das Bewußtsein, dieser große, stolze, widerwillige Junge mit den brennend schwarzen Augen, er gehörte nicht in das Geschlecht der sich am Boden wälzenden, viehischen Genüßlinge, die bis jetzt ihren Leib geplündert und verhöhnt hatten. In diesem wohnte noch eine verzweifelte Scham, eine gierige Andacht, die zugleich beten und doch das Muttergottesbild zerschlagen wollte. Und das lockte die Dirne über die gewohnten Grenzen hinaus, bis sie weich und nachgiebig wurde.

»Komm,« bat sie dringend, »du kannst nach deinem Willen tun.«

Es war eine heiße, betörte Menschenstimme, von der Claus aus seinen himmlischen Gärten hinweggejagt wurde. Wild, schmerzlich fuhr er auf.

»Was willst du?« stammelte er entsetzt, angewidert, denn in den brauenden Kiennebeln sah er, wie die entfesselte Brunst sich ihm gewohnheitsmäßig näherte. Nein, das nicht. Alles, was von Demut gegen seine Mutter in ihm lebte, alles, was er Feindliches in seinem eigenen Geschlecht barg, es empörte sich, und mit einem wuchtigen Stoß schleuderte er die Hingebungbereite vor sich nieder auf den Estrich. Ihren dumpfen Fall hörte er noch, dann befand er sich im Freien.

Draußen Dunkelheit, feuchte, pfadlose Nacht.

Aus den Erlen und Pappeln der Landstraße schwirrte es, feiner Sprühregen stäubte den abschüssigen Weg herauf, und vor den Füßen des Flüchtenden seufzte der aufgeweichte Lehm der Landstraße.

Wohin führte der Pfad? Claus wußte es nicht. Entschlußlos blieb er stehen, bot die Fieberstirn den kühlen Tropfen und lauschte. Von der Höhe züngelte ihm noch ein Feuerstreif aus den Fenstern des Häuschens nach, das er eben verlassen, und ganz weit, jenseits des Absturzes, wirbelten zerstückte Fetzen des sich entfernenden Bauerngesanges. Ja, das wollte er festhalten, daran wünschte er sich zu klammern. Aber während der Einsame versuchte, die bekannten Strophen aus keuchender Brust aufsteigen zu lassen, da verwirrte er sich. Vergessen, vergessen waren die Worte und Bilder, die er bis jetzt aufgebaut und errichtet. Dafür – er blickte sich wie gehetzt in der Finsternis um – dafür leuchteten überall aus den Schatten heraus weiße Arme, die ihn einfingen, und eine üppige Brust atmete, die ihn erdrückte. Er wollte sich wehren, er schrie wie ein Unsinniger, allein das weiße Gewoge erstickte ihn und kehrte ihn um. Vergebens, umsonst, getragen von flatternden Fittichen schoß er zurück – sprengte die Tür und sank wortlos der jauchzenden Dirne in die Arme.

Über dem Hause der Sibba erlosch das Sternbild des Jupiter.

[VI.]

Ist erst das Eis gebrochen, dann spritzt der trübe Gischt des Meeres gewaltsam hervor, und man meint, die wallende Flut schleppe überhaupt nichts anderes mehr als Unrat.

Von dieser Zeit an kehrte Claus häufiger und häufiger in der Hütte der Sibba ein. Mochte ihn auch am Tage, wenn die helle Sonne der Küste sein Tun bestrahlte, der Ekel und der Abscheu vor dem wilden Zwang quälen, der ihn an einem schneidenden Seil über die Berge zog, in der Nacht schnürte ihm die schmerzhafte Umstrickung alle Glieder zusammen und riß den Unbändigen von dannen. Willig wurde er von seinem hohnlächelnden Lehrmeister mit einem Ring der goldenen Kette nach dem anderen ausgestattet, und Heino Wichmann versäumte nicht während der Tagesarbeit seinem verbissen vor sich hinschaffenden Zögling einzuprägen, wie es im Altertum ganze Schulen der Weltweisheit gegeben, die im Genuß, in Schwelgerei und besinnungslosem Auskosten die einzige Gewinnmöglichkeit gegen den überall herumschnuppernden Tod gesehen.

»Sieh, Bübchen,« pflegte dann der Kleine zu äußern, während die beiden Genossen im Boot den brauenden Morgennebel durchschnitten, »der letzte Tropfen im Weinkrug ist es, der letzte, den die lechzende Zunge auf sich herablockt, gerade ihn begrüßen wir als den heißen Boten aus einer überseligen, tanzenden Welt. Bei diesem letzten kämpft bereits die Wehmut des Abschieds mit der Hoffnung auf neue Labe. Oder meinst du, das Schwein habe einen anderen Grund, sich beim Scharren nach der letzten im Erdreich versteckten Eichel den Rüssel blutig zu reißen?«

Solchen Einflüsterungen gegenüber, obwohl sie ihn mit der Schärfe eines Rutenhiebes trafen, blieb der hochgewachsene Junge, dessen Wangen schmäler und blasser wurden und dessen Brandaugen jetzt häufig voll selbstquälerischer Verzweiflung glimmten, stumm und taub. Und der strohblonde Magister begann zu wittern, daß sein Geschöpf die aufreizende Absicht unter seinen Stachelreden zu merken anfing. Dazu bäumten sich der Hochmut und das herrische Wesen des Fischersohnes immer gebieterischer, und es kam jetzt oft in dem Katenhause der Beckeras zu Streit und Widerreden. Der Sohn bat nicht mehr, er forderte. Auch äußerte er zuweilen bei geringen Anlässen Gedanken und Meinungen, die bewiesen, wie hoch die Gärung in seiner Brust bereits gestiegen war.

Eines Tages saß der Bruder Franziskus am Herde der Hütte. Er kam, wie er bekundete, im Auftrage seines Klosters, um bei den Fischersleuten eine wirtschaftliche Bestellung auszurichten. Im Grunde aber war er von Mutter Hilda herbeigerufen, die die Sorge um ihren, wie sie meinte, verirrten Einzigen nicht mehr ruhen ließ. Treibende Angst beschattete sie jetzt fast stündlich, in ihrem Kinde seien die bösen Lüste seines eigentlichen Erzeugers aufgewacht, seine Genuß- und Raubsucht, die wilde Gier nach Unterdrückung Schwächerer und das kalte Verachten von Recht und Sittsamkeit. Ihre Brust bebte, wenn sie daran dachte, daß sie selbst ja nur gezwungen dieses fremde und doch geliebte Reis empfangen, und die Schärfe des Mutterauges nahm auch wahr, wie in ihrem Sohn plötzlich die Erkenntnis des werdenden Mannes aufgepeitscht war und wie sich Scham und Verachtung vor jenem Wissen in ihm stritten.

Ein kalter Novemberabend fröstelte über der Hütte. Am Buchenfeuer saß der Mönch, und neben ihm, in Decken eingehüllt, hing der Hausherr, halb liegend in seinem Armstuhl, und röchelte unter einem pfeifenden Geräusch die warme Feuerluft ein, die seine wunde Brust doch immer wieder zu einem langen Husten reizte. In einer beschatteten Ecke, in die er absichtlich gerückt war, wetzte Claus mit einem Stein den Aalspeer, während Hilda vor ihrem Gaste stand, die Hände demütig über der Brust gekreuzt, als wäre sie bereit, jedes Wort ihres geistlichen Führers gleich einer Predigt von der Kanzel herab auf sich wirken zu lassen. Draußen umarmte Nordsturm die Hütte und keuchte begehrlich um das geschüttelte Dach. Dadurch wurde es aber nur noch heimlicher in dem Raum. Und in dem Wohlgefühl über den warmen Platz vergaß der Pater sogar, daß weit hinter seinem Rücken der kleine strohblonde Zwerg auf einem Brett unter dem Rauchfang hockte, sichtlich bemüht, in der rötlichen Schwärze der Höhlung so weit wie möglich zu verschwinden. Der Magister war auch der einzige, der mit spöttischem Grinsen bemerkte, wie den jungen Claus bei seiner Arbeit mehr und mehr eine fliegende Unruhe stachelte, und er wußte auch, was seinen Zögling an brennenden Seilen von hier fortzog. Darüber freute er sich. Inzwischen lief das Gespräch ehrbar hin und wider. Es wickelte sich meistens so ab, daß die alten Fischersleute ihrem Beichtiger diese und jene wichtige Frage des Alltags unterbreiteten, um sich dann seinen Aussprüchen und Entscheidungen mit unbedingter Zustimmung zu unterwerfen. So hüstelte der Kranke seinem Gast auch dasjenige vor, was in den letzten Tagen dem schon in Gleichgültigkeit sich verlierenden Geist des Leidenden jählings ein sengendes Mal aufgedrückt hatte. Man denke nur, der Vogt hatte im Auftrage des Grafen den Wehrpfennig gegen die Freibeuter einziehen wollen, da er jedoch bei den Beckeras nicht genügend Münzgeld gefunden, so habe er den Ziegenstall geöffnet und eines der Tiere, die beste Milchgeberin, gepfändet und fortgetrieben.

Als der hinfällige Riese sich an diesen Raub erinnerte, da wurde der ehemals so mächtige Körper von einer Wut geschüttelt, daß der Armstuhl unter ihm zitterte. Der Schweiß tropfte dem Aufgeregten in den grauroten Bart, während er halb lallend fortfuhr:

»Schmach – da lag ich – da lag ich – und konnt' ich mich wohl rühren? Nein, ich schrie nur immer, immer nach Gott und den Heiligen. Auch die Ziege schrie – aber was nützt ein Bresthafter, dem das Wasser zudem in den Knien gurgelt – denn so hoch steht es bei mir schon« – Der Alte warf sich herum und nickte in die Ecke hinein, wo sein Sohn heftiger an seinem Spieß rieb, dann keuchte er dankbar: »Nachmittags aber kam Claus, der Junge kam von der See, und da wurd's anders. Der lief dem Vogt nach und brachte unsere Ziege zurück. – Wir haben sie wieder, Geweihter,« schloß er erleichtert und hauchte sich in die erstarrten Hände.

»Wie geschah das?« fragte der Pater nachdrücklich.

»Hab' sie ausgelöst,« erwiderte Claus leichthin.

»Mit wessen Gelde?«

»Hab' es mir geliehen.«

»Von wem?«

»Von einem Freunde,« vollendete der Bursche trotzig, konnte es aber doch nicht hindern, daß sein Blick wie im Einverständnis zu dem Strohblonden auf dem Herd hinüberflog. Der rückte sich noch tiefer gegen die Wand des Rauchfangs.

Der Mönch schüttelte sinnend das Haupt. Dann sagte er mit seiner gütigen Stimme, die empfängliche Gemüter wie dasjenige Hildas sanft stimmte, gleich einem lindernden Fiebermittel:

»Ihr guten Leute, hadert nicht. Es gilt allerwegen Opfer bringen, ein jeder nach seiner Kraft, wenn wir in der göttlichen Wage das Recht sinken sehen gegen das Unrecht und die Ordnung gegen die Zuchtlosigkeit. Darum steht auch geschrieben, ‘Gebt dem Kaiser, was des Kaisers, und Gott, was Gottes ist’.«

Eingehüllt in den roten Feuerschein wie in den Mantel des Elia und selbst innig von seiner Lehre überzeugt, so urteilte der Mönch, und die alten Fischersleute sahen sein Wort in ihrer Hütte aufwachsen wie eine Wunderblume, deren fremden Glanz sie nicht begriffen. Da – entsetzlich – die Häusler fuhren zusammen, sie trauten ihren Ohren nicht – da lachte etwas wider alle Ehrfurcht laut und zuchtlos mitten in die frommen Sätze hinein, und in der Ecke stieß der junge Nikolaus seinen Speer aufrecht in den Estrich, so daß das Eisen zitterte und summte.

»Was gibt's?« murmelte der Vater, dem vor Schreck die Sprache verging, während er sich mühselig aufzurichten suchte. »Warum lachst du?«

Der Sohn schüttelte kräftig an dem schlanken Schaft, und durchaus nicht eingeschüchtert, warf er blitzenden Auges zu dem Pater hinüber:

»Von wem stammen die törichten Sätze?«

»Töricht?« Vor dem Bruder Franziskus wurde es dunkel. Das Grauenvolle dieser Unbotmäßigkeit gegen den Himmel zertrümmerte ihm mit einem Keulenhieb das kluge Verständnis, das der Geistliche sonst seiner Umwelt und besonders der Jugend entgegenbrachte. Unmöglich schien es ihm, daß solch ein Frevel in einem menschlichen Hirn großgeworden sein sollte, unfaßlich, daß es gerade jener ihm lieb gewordene Bube war, der ihn äußerte. Gelähmt, seiner selbst nicht mächtig, antwortete er, um dabei doch zu empfinden, daß seine Worte ihm von selbst entliefen, ohne Hemmung, wie der Faden eines Knäuels, mit dem eine Katze spielt.

»Nikolaus,« verwahrte er sich voll Trauer und so leise, als ob er zu sich selbst spräche, »der Allmächtige nehme die Anfechtung von dir. Es ist unser Herr und Heiland selber, mein Kind, der diese Botschaft verkündete.«

Jetzt wandte sich auch die Mutter um. Ihre vorwurfsvollen Augen sowie die entsetzt vorgestreckten Hände bewiesen, sie erwarte, ihr Sohn würde von dieser Belehrung gefällt in die Knie sinken. Allein, was entdeckte sie? Um die Lippen des Jungen flog nur ein überheblich grausamer Schein, und nachdem er sich noch durch einen schnellen Blick des Beifalls seines zierlichen Meisters versichert hatte, holte er zu einem neuen, noch respektloseren Hieb aus.

»Hat der Heiland das selbst geschrieben?« forschte er ungläubig.

Ehrlich schüttelte der Bruder das feine Haupt. An den ergrauten Schläfenhaaren perlte ihm der Schweiß.

»Der Heiland schrieb nicht,« bekannte er, und wieder entfuhr ihm die Antwort gegen seinen Willen, wie ein Hund, der von einem Mächtigeren gelockt wird. »Seine Lehre ging durch viele Hände.«

»Dann taugt sie auch nicht mehr für eine späte Zeit,« bestimmte der Junge nun fest und mit furchtbarer Überzeugung, »abgestandenes Wasser macht krank.«

»Nikolaus,« jammerte die Mutter, und in ihrem überwältigenden Grauen meinte sie, in der Ecke hocke ein höllischer Dämon, der mit seinem schwarzen Spieß gegen ihr Herz und das innerste Gefüge der Welt ziele. Und doch, der Dämon war noch immer schön und herrlich. Auch der Vater stieß jetzt ein wundes, banges Röcheln aus. Und nur der Mönch lehnte schweigend und starr auf seinem Stuhl, denn der Fels seines Glaubens wuchs unter ihm, so daß die wilden Strudel ihn nicht erreichten.

»Sündige weiter, Korah,« sprach er fest.

Von den Feuern des Kamins jedoch tönte ein spöttisches Kichern, und dadurch gereizt, brach es aus dem Abtrünnigen ohne jede Rücksicht hervor, die Leidenschaft zu herrschen und andere nach seiner Überzeugung zu formen, schlug Flammen:

»Ist Gott reich oder arm?«

»Reich,« entgegnete der Geistliche schwach.

»Ist der Kaiser reich oder arm?«

»Gott helfe dir – reich,« flüsterte der Priester gezwungen.

Da riß Claus seinen Spieß aus dem Estrich, streckte das Eisen dem Mönch starr entgegen, und während sein vorgeschobenes Haupt von der Glut des Herdes erreicht wurde, rief er mit düsterem Grimm und funkelnden Auges:

»So soll Gott endlich ablassen, zu fordern und zu plagen; und der reiche Kaiser möge den Armen geben, was der Armen ist.«

Eine Weile regte sich nichts nach dieser haßerfüllten Empörung. Die alten Beckeras schlossen nur aus dem aufwühlenden, zerfleischenden Ton, daß ihr Sohn, ihr einziges, liebes Kind, bei dem Versuch an den Ketten zu rütteln, an denen die Erde vom Himmel herabhing, in die kalte, finstere Tiefe der Verdammten gestürzt sein müsse. Auch das erfaßten sie nicht genau, und doch zog es die armen Leute mit zwingender Gewalt, dem Verlorenen die machtlosen Hände in den Höllenspalt nachzustrecken. Noch blickten sie sich ratlos an, suchten Trost in ihren von keinem Verständnis erleuchteten Werktagsgesichtern, da erhob sich Bruder Franziskus in schwerer Fassung von seinem Sitz, und während er sich eng und abschließend in seine Kutte hüllte, schritt er gebückt und vor sich hinstarrend bis zur Schwelle. Hier aber minderte er seinen Schritt, und in das Holz der Bohlentür hinein sprach das zarte Männchen nach hartem Kampfe:

»Rufe mich, Claus, wenn die Not des Verlassenen dich zwingt. Der Erlöser wohnt auch in denen, die ihn verlästern. Du wirst es merken.«

Dann war er wie ein grauer Schatten entwichen. Und in der Hütte bangte das Schweigen.


Aber die frommen Augen des Zisterziensers hatten klar genug in die zuckende Seele dieses ringenden Menschenkindes geschaut, denn etwas von der heilsüchtigen Allbarmherzigkeit des Christenheitsstifters pochte wirklich schmerzhaft in jedem Pulsschlag des Knaben. Und das, was den Mönch abstieß, war einzig in jener lodernden Verranntheit zu suchen, die da begehrte, der Ausgleich und die Verherrlichung der Geplagten und Gepeinigten auf dieser Erde sollte sogleich, ja im nächsten Augenblick, womöglich durch wilde, durch niederbrechende Gewalt bewirkt werden. In den Fieberträumen des Gärenden hob sich immer mahnender eine gepanzerte, goldglänzende Faust – die seine – die das Jammerdasein zurechtrückte, und seine Nächte wurden beständig durch die Qual gestört, ob er, der Schmutzbefleckte, Sinnenlustverzehrte, auch wirklich das Flammenschwert in die besudelten Hände nehmen dürfe. In solcher funkelnden Finsternis, wenn vor seinen weitgeöffneten Augen der alte Claus Beckera, die Mutter, sowie Anna Knuth in goldverschnürten Purpurgewändern stolzierten, da weckte er häufig den neben ihn gelagerten Magister, um in nicht mehr erträglichen Zweifeln zu flüstern:

»Muß es denn ein Reiner sein, der die Herrlichkeit auf die Erde bringt?«

Allein den genießerischen Zwerg empörte derartig ernsthafter Zwiespalt, weil sein flatterhaftes Gemüt nie aufrichtig an eine Selbstprüfung gedacht hatte, und deshalb schlug er schlaftrunken nach der Hand des Freundes, ärgerlich dazu raunend:

»Laß mich in Frieden, du Gebetschemel! Wer den leeren Bäuchen etwas zu fressen bringt, braucht die Schüssel nicht erst zu putzen. Und nun schnarche und träume von dem Busen der Becke.«

Doch Claus träumte nicht mehr von dem Leib, der ihn, oder den er sich unterjocht hatte, er beutete ihn nur raubgierig aus, wie der Goldgräber, der irrsinnig in der Grube nach dem letzten Gefunkel fahndet, und der Magister ahnte nicht, daß sein Zögling durch Ekel und Überdruß bereits in jenes vergitterte Herrenbewußtsein gejagt sei, das auch hinter dem weißen Kleid der schamhaftesten Frau die Dirne wittert.

Ja, der Irregeführte wagte bald nicht mehr, seine Mutter und die zur Jungfrau erblühte Anna Knuth gutgläubig zu betrachten, so wenig wußte er, was er hinter ihnen vermuten sollte.

Dunkel und dämmriger wälzten sich Winternebel herauf, und an ihre graue Wand schrieb bereits eine Gespensterfaust unverständliche Zeichen des Kommenden.

Schicksalsstunde brach an.

Es war an einem naßkalten Novembernachmittag. Aus dem Dunst gräupelte es in schrägen Linien herab, davon wurde der Rauch des Schornsteins qualmig um die Hütte herumgedrückt, und das Meer zischte glasige Eisstückchen gegen die Strandsteine. Um diese Stunde bedeckte sich Claus, während der Vater schlief und die Mutter geräuschvoll mit den Töpfen des Herdes lärmte, wie in zorniger Verbitterung mit seiner Lederkappe, hüllte sich hastig in sein Seehundswams und schlüpfte unbemerkt aus der Kate hinaus. Als er den weichen Hagelschlag um sich spürte, atmete er gierig und doch verstohlen die feuchte Luft ein, gleich einem Dieb, der sich auf schlimmer Bahn befindet. Wußte doch der Bursche, daß der zehnfach verabscheute Weg wieder sein Maul gegen ihn öffnete, um den Wanderer mitleidslos zu verschlingen. Seit einer Woche führte er den heißesten Kampf gegen seinen Hunger, gegen die abscheuliche Wonne, ein anderes Geschöpf zu entwürdigen und dadurch doch in beglückter Dienstbarkeit zu halten, aber jetzt, jetzt waren alle Widerstände in ihm mit einem Mal erschöpft und gebrochen. In langen Sprüngen hetzte er von den Dünen zum Strand herab – und richtig – dort unten schob Heino Wichmann das Boot gerade zwischen den Steinen hervor. Dumpf, in abgehackten, mürrischen Worten begehrte der Bursche von seinem Lehrer, er möge heute das Netzelegen allein besorgen, weil er selbst – weil – kurz, gegen Morgen würde er wieder daheim sein. Und seltsam – ganz ohne das gewohnte spöttische Grinsen, nickte diesmal der Kleine rasch und einverstanden, ja, es schien beinahe, als käme es ihm nicht ungelegen, allein und unbeobachtet die Meerfahrt unternehmen zu können. Eilfertig trug er dem Aufbrechenden Grüße auf, pries ihn glücklich, mitten im Winter runde Äpfelchen vom Baume schütteln zu dürfen – alles gleichgültig und ohne Anteilnahme – und wendete sich dann wieder doppelt emsig seinem Kahn zu. Aber Claus zögerte noch eine Weile. Denn für eine kurze Frist befreite sich der scharfe Verstand des Jungen von den üppigen Bildern, die ihn blind machten, und ahnungsvoll durchfuhr ihn die Erkenntnis, wie sehr sich in den letzten Tagen das Wesen des Kleinen verändert habe. Merkwürdig, über Heino Wichmann hatte eine treibende Unruhe Kraft gewonnen; Claus erinnerte sich, daß sein Freund jetzt nächtelang herumstreife, namentlich auf den Höhen der Insel, ja, der Fischersohn rief sich zurück, wie er den Magister an einem der verwichenen Abende heimlich auf einem ins Meer vorspringenden Steinhaufen beobachtet hatte, wo der Strohblonde ein unbegreifliches Feuerspiel getrieben. Er hatte dort ein Reisigbündel entzündet, und zur Verwunderung des Zuschauers wurden die brennenden Äste einer nach dem anderen von dem Einsamen in die Abendluft geschleudert. Was bedeutete das? Sollte hier irgend jemandem ein Zeichen gegeben werden?

Als Claus ihn angerufen, war der Kleine erschrocken. »Was treibst du da?« hatte der Junge gerufen. Allein statt einer Antwort hatte der Aufgestörte den glimmenden Bund ins Wasser gestoßen, die Achseln gezuckt und verärgert zurückgegeben:

»Meinst du, daß ich es hier noch lange vor Langeweile aushalte? So störe mich wenigstens nicht, wenn ich die dummen Fische anmutig ergötze.«

Damit war er von den Steinen herabgesprungen und hatte sich wortlos in die Hütte getrollt. In seinem Zögling aber nistete seitdem der Verdacht, Heino Wichmann, dieses ihm unentbehrliche Gefäß krausesten Wissens, dieser Galgenstrick, in dem die gemeinsten und liebenswürdigsten Eigenschaften bunt durcheinander wirbelten, ach, dieser unstete Wandervogel spanne gewiß bereits die Schwingen zum Flug ins Unbegrenzte. Und darüber verzehrte sich das Herz des anhänglichen Jungen, das neidisch nichts zu opfern vermochte, wovon es erst einmal Besitz ergriffen. Sollte er nun vielleicht allein zurückbleiben, um abermals zwischen den alten Leuten in Dumpfheit und Knechtschaft zu versinken?

Stunden waren bereits seit dem Zusammentreffen verflossen, nach zügellos verbraustem Verschwenden hing Claus ernüchtert und voll Selbstverachtung auf dem elenden Bettgestell in der Kammer der Becke, und das Gefühl des Ausgestoßenen, des ohne Zweck noch Richtung zum Gemeinen Verurteilten belud ihn mit solchen Gewissensängsten, daß er den Kopf in beide Hände stützte und vergraben vor sich hinstarrte. Was sollte nun folgen?

Wenn Heino Wichmann wirklich eines Morgens verschwunden war, würde dieses elende Weib dann nicht die einzige sein, die ihn über die aussichtslos, ewig gleichbleibende Fron eines Unfreien hinwegtäuschte? Also nur der Ekel oder die grelle Verwüstung blieben ihm übrig, wenn er die Qual eines an seine Scholle gefesselten Knechtes vergessen wollte! Fort? Flucht? Ja, wenn nur ein Sasse nicht zu jeder Bewegung der Zustimmung seines Herrn bedurft hätte. Warum war er hierzu verdammt? Gerade er? Und gab es hier nicht noch unzählige andere, die diesem Fluch verfallen waren? Mit einem heftigen Ruck fuhr er in die Höhe, und so düster und drohend funkelten seine Augen, daß die Becke, die trällernd und hochmütig vor ihm auf und ab tänzelte, befremdet innehielt. Sobald ihr die Selbstbesinnung wiederkehrte, lächelte sie eigentlich über den unreifen Wildling, ja, sein gärendes Wesen sowie das bunte Gefieder seines Geistes reizte die Denkfaule außerhalb seiner Umarmungen höchstens zu Spott und Verhöhnung.

»Geh nach Hause, Büblein,« meinte die Dirne deshalb überlegen und schnippte mit dem Finger gegen ihre vollen Lippen, »damit du deine Mutter nicht störst. Auch meine Alte könnte aufhören zu schnarchen, wenn du die Tür wieder so zuknallst.«

Geräuschlos öffnete das Mädchen den Verschluß der Kammer, um in das Schenkzimmer zu spähen. Allein dort draußen schwebte alles im Halbdunkel, von dem Tisch flackerte nur eine trübe Ölleuchte, und am Herd zusammengesunken schlief ein buckliger Querpfeifer, der am Abend vorher den Gästen seine Stückchen aufgespielt. Jetzt ruhte sein pockennarbiges Haupt auf der Herdplatte.

»Du kannst gehen,« riet die Becke noch einmal, nachdem sie sich von dem freien Ausgang überzeugt. Allein wie stockte mit einem Male ihr herablassender Ton, als ihr gleichgültiger Blick sich jetzt unvermutet mit dem ihres Besuchers verfing. Gebannt blieb sie an der Schwelle, und ihre zitternde Hand nestelte unwillkürlich das Linnen an ihrem Halse enger zusammen.

»Was siehst du mich so an?« stammelte sie ziellos und in aufspringender Feigheit. »Ich habe dir nichts getan.«

»Wie sehe ich dich denn an?« forschte Claus, den selbst, gleich einem Ertappten, ein kalter Schrecken aus seinen Gedanken gescheucht hatte.

Das vollbusige Weib jedoch zitterte noch immer.

»Man möchte fast meinen,« suchte sie ihre Unruhe hinter einem frechen Lächeln zu verstecken, obwohl ihre fröstelnden Wangen sie Lügen straften, »man möchte fast meinen, du wolltest mir an die Kehle.«

Es sollte wie ein Scherz klingen, auch reckte das Mädchen alle Glieder, als wollte sie die Macht herbeirufen, die ihr noch stets geholfen. Allein das ernste Antlitz des Jungen und vor allem seine vernichtenden Augen, sie ließen ihr das sichere Selbstgefühl der Verworfenheit nicht mehr zurückkehren. Und dann – hörte sie denn richtig? Wurde sie nicht vielleicht doch durch einen brenzlichen Spuk getäuscht? Nein, nein, jetzt – es sprang ihr in die entsetzten Augen, der verwünschte Bursche dort griff wirklich in das Gewühl der Betten, preßte den Strohsack unbarmherzig zusammen und flüsterte heiser vor innerer Entwürdigung:

»Höre, Becke, es wäre für uns beide besser gewesen, wenn ich dich vorhin in den Kissen erwürgt hätte.«

Sie schrie nicht auf, sie bebte auch nicht länger, nein, vor dieser wilden Drohung, deren innere Wahrheit die Erfahrene nicht einen Moment bezweifelte, gewann die Dirne vielmehr ihren alten, rohen Übermut zurück. Auch fiel ihr ein, daß sie ja nur zu rufen brauche, um den Schläfer dort drinnen herbeizuwinken. Finster straffte sie die Arme. Dann setzte sie sich ihrem Gast gegenüber auf ein Klappbrett, das sie aus der hölzernen Wand herabließ. So nahe befanden sich die beiden, deren Blut plötzlich verzweifelte Feindschaft vergiftete, daß sich ihre Knie beinahe berührten. Dann stieß die Becke mürrisch und doch von einem lichteren Strahl getroffen hervor:

»Tätst auch was Recht's, ein Mensch, wie mich, umzubringen.«

Es mochte wohl die dumpfe Nachdenklichkeit in dieser Anklage sein, die den Burschen umstimmte. Herrisch bewegte er die feingeformte Hand, als ob er das Wort nicht gestaltet hören möchte, dann blickte er sich verwundert im Kreise um. Zum ersten Male musterte er entzaubert den kahlen Hausrat, das elende, zerfetzte Lager, die grünschimmlige Feuchtigkeit der Wände sowie die qualmige Leuchte zu seinen Häupten. Auch die geschminkten Wangen der Becke stachen ihm grell entgegen. Wie vor etwas Unbegreiflichem schüttelte Claus den Kopf, dann strich er sich schwer atmend die Locken aus der Stirn. Als aber sein Blick notgedrungen über seine zusammengesunkene, vor sich hingrübelnde Gefährtin streifen mußte, da packte ihn das Zermalmende dieser Stille mit verzweifelter Macht.

»Sprich was!« herrschte er so bedrohlich, daß die Becke emporwankte.

»Was soll ich schon wieder sprechen?« versetzte sie mürrisch.

Der Junge würgte die Hände umeinander, da er sonst für sein Begehren kaum einen Ausdruck fand.

»Wie du so – so eine geworden bist?« platzte er endlich in grimmiger Pein heraus. »Wie du so eine geworden bist?«

Da starrte die Dirne ihren Bedränger sprachlos an, denn gerade seine zarte Anbetung hatte sie bisher zum Erbarmen gegen dieses halbe Kind gezwungen. Unmutig entblößte sie ihre Zähne, als enthielte sie sich kaum, durch einen unvermuteten Biß sein Gesicht zu zerhacken. Aber allmählich schwand die Feindseligkeit aus ihren grünblauen Augen, und sie brach in ein rohes Gelächter aus.

»Bist mir ein rechter neugieriger Spatz,« spottete sie unsicher, aber dabei klang doch eine grobe Verwunderung in ihrer Stimme mit. »Potz Marter, ich fraß wahrhaftig selbst von dem alten Zeug. Willst es wirklich wissen? Gib acht, Büblein, hier kannst du was lernen!«

Mit einem höhnischen Lächeln lehnte sie sich zurück, krampfte die Hände in ihrem Schoß und dann schleuderte sie ihm ihre Dirnengeschichte ins Gesicht, abgehackt, boshaft, anmaßend, als wär's eine lächerliche Überschätzung von solch einem Knäblein, jemals die Wege ihrer Zunft überschauen zu wollen.

»Ja, du Milchbrei, was zehn Mäuler bei einem armen Hufenbauern fressen, davon hat dir deine Mutter hinter dem Ofen gewiß nichts erzählt? Sieh, ich bin solch ein Maulwerk! Auf unserem Äckerlein verhungerte gerade eine einzige Kuh, aber was half's? Der Fetzen Land ist noch nicht lumpig genug, der Edelmann aus der Nachbarschaft muß noch sein gnädiges Auge darauf werfen. Da wird denn die Gegend voll geschrien von Raub, Diebstahl und Einbruch, bis das Bäuerlein eines Tages im Turm des Junkers seine eigenen Knochen annagt. Kaum läßt man freilich das Gerippe frei, so läuft es vor das Gericht des Herzogs von Wolgast. Die zehn Mäuler wollen nun einmal gestopft sein, und irgendwo wird das Recht sitzen! Nicht wahr, es kann doch nicht aus der Welt fortgelaufen sein? Zwei Jahre dauert der Streit, zwei Jahre, bis einem die Augen vor Heulen und Angst blind geworden sind. Dann, horch, dann haben die Amtleute, Schreiber, Ratsherren und Vögte den Rest des Äckerchens aufgefressen. Heidi, da steht man nun nackt und bloß auf der Straße, und die Nachbarn werfen einem die Tür vor der Nase zu. Was nun, Cläuslein, was nun? Ich will es dir sagen. Wozu hat man den gnädigen Herren ihr Handwerk abgelernt? Man wird es eben auch einmal versuchen. In Wolgast gibt es einen reichen Bäcker, ich selbst hab' die Gelegenheit ausgekundschaftet, der erhielt zur Nachtzeit unseren Besuch – und dann – «

Die Becke greint und beißt sich in die Finger, allein ihre gemalten Lippen beben jetzt doch wie im Frost.

»Diesmal währte der Prozeß nur kurz,« schluckt sie und reibt sich in unnatürlicher Emsigkeit die Hände, »nach acht Tagen stand ich mit meinem Vater schon unter dem Galgen. Eh' sie ihn aber hinaufzogen, oh, das tat wohl, da schrie er mir über alles Volk hinweg noch zu: ‘Der Himmel hat Großes mit uns vor. Sieh, Dirn, ich lern auf meine alten Tage noch in der Luft tanzen, und du, mein' Tochter – freue dich, du wirst eine Hur’. Und merk dir's Büblein, das letzte Wort eines Vaters soll man nicht zuschanden machen.«

Damit erhob sich die Erzählerin, wandte ihrem Besuch den Rücken und kratzte wie unsinnig an der Wand herum. Plötzlich aber schnellte sie zurück, und indem sie die Arme fest um seinen Hals schnürte, bedeckte sie das Gesicht des Erstarrten mit unbändigen Küssen.

»Komm, Büblein,« girrte sie voll gemeiner Angst, als ob Büttel und Todesreiter ihr abermals auf den Fersen wären, »wozu nützen deine Narreteien? Die Hauptsache ist, daß man jung ist. Jung. Horch, unsere Herzen! Hüpfen sie nicht wie die Lämmlein gegeneinander? Komm, gib mir Geld, meine alte Hexe hat dir ja wieder ein hübsches Sümmchen gewechselt, und dann braue ich dir da drinnen einen Met, und wir trinken bis uns Flügel wachsen. Munter, Bübchen, küsse mich und bleib bei mir.« Berauscht und zugleich verängstigt vor seinem starren Gesicht klammerte sie sich an ihn. »Was ist dir?« murmelte sie abermals, als sie merkte, daß ihre Glut nicht auf ihn übersprang. Dann sank sie erschöpft wie ein Klumpen schweren Holzes vor ihm zusammen.

Claus aber stand neben ihr, keiner Bewegung mächtig. Und obwohl seine Glieder zitterten und bebten, so hatte die Dirne doch recht gesehen, als sie spürte, daß ihr Gast nicht mehr bei ihr weilte. Ungläubig, halb erstickt sah er hinter dem seufzenden Scherben zu seinen Füßen die vergewaltigte Menschheit. Und er konnte es nicht fassen, daß dies alles seine Brüder und Schwestern wären. Verfaulte Scharen quollen aus den Türmen der Edlen, voreingenommene Richter schanzten das Recht dem seidenen Kittel zu, und überall aus der Erde wuchsen Galgen hervor, die liefen hinter den Armen und Elenden her, dazu kreischend:

»Freut euch, ihr lernt auf euer Alter in der Luft tanzen, und oh Wonne, eure Töchter werden Huren!«

Nein, nein, das war nicht die Welt, die der Pater oder der Vogt verkündigten. Die nicht!

Als Claus endlich die Augen aufschlug, da meinte er, aus der elenden Leuchte zu seinen Häupten zischten Blitzstrahlen herab, deren schwefliges Licht ihn blende und versenge. Seine Kleider fingen an, ihm auf dem Leibe zu brennen, und über alles hinweg packte den Überreizten die grenzenlose Furcht, was er, der Frevler, getan habe, um den wütenden Reigen der Galgen einzufangen? Umgekehrt, umgekehrt – er hatte sich ja über eine der Verlorenen geworfen, um sie bis auf die Haut auszurauben und zu plündern.

Inzwischen war die Schwäche von der Dirne gewichen. Brummig richtete sie sich auf.

»Mach, daß du fortkommst, du Lappen. Wozu stierst du mich an?«

Da vermochte Claus das kalte Entsetzen, das ihn erfaßt hatte, nicht mehr länger zu zähmen. Unbewußt, ob es aus Mitleid oder aus der Sucht geschah, sich loszukaufen von dem Schuldspruch, der über die Erde gegen ihn gellte, schüttelte der Bursche mit fiebrigen Händen einen Regen von Silber- und Kupfermünzen über die Zottelhaare der Kauernden aus, und so von Grund war der Flüchtling aufgewühlt, daß er beim Durchfliegen des Schenkzimmers sogar dem verschlafenen Querpfeifer den Rest des Geldes wie zur Abwehr gegen den Leib schleuderte. Auch der war ja ein Gepeinigter, der zur Nachtzeit auf den Landstraßen fror und sein Elend aus den fünf Windlöchern herausquirlte. Fort, nur fort von hier, um nie mehr der Wahrheit in ihr grinsendes Antlitz zu schauen. Der Querpfeifer aber sprang hurtig hinter den rollenden Münzen her und wurde stark in der Überzeugung, daß er es hier mit einem vornehmen Schwelger zu schaffen haben müsse. Dankbar raffte der Bucklige sein Instrument an sich und stürzte dem wunderlichen jungen Herrn nach, entschlossen, dem so unvernünftig Davonstürmenden den Weg durch seine Kunst angenehm zu kürzen. Draußen tauchte ab und zu die Gestalt in dem Seehundswams aus den Morgendünsten auf, und der Pfeifer keuchte auf dem abschüssigen Pfad hinterdrein, stolpernd und fallend, während sein Instrument seltsam hohe, zerrissene Töne von sich quiekte. Aber allmählich verlor der Verfolger sein Ziel aus den Augen, und an einer Wegbiegung blieb er stehen, verschnaufte sich und streichelte wohlgefällig sein Querholz, das ihm so hohe Ehren eingetragen.

[VII.]

Der Mond verglomm in seinem feuchtblassen Hof, als Claus aus dem toten Geäst des Sassenwaldes auf die Höhe der Dünen heraustrat. Unten strich ein kräftiger Wind über Strand und Meer, so daß der Dunst hinweggefegt und eine weite Aussicht für den Ankömmling eröffnet wurde. Schwarz und finster wogte die schwellende Fläche vom Rande des Horizontes, und ihre dunklen Hügel wandelten schräg in schwermütigen Reihen der fernen Bucht von Binz entgegen. Dazu glitt von überall her ein nie abreißendes Summen über die Bahn, als ob im Morgengrauen verschlagene Bienenschwärme den Heimweg suchten.

Und doch, dort unten tagte es, und der Spuk der grauen Buchenstämme war überwunden. Endlich! Der Heimgekehrte, Übernächtige wandte sich noch einmal nach dem kalten, nebelhauchenden Gehölz zurück, um ungläubig zu ergründen, ob wirklich all die wirren Gestalten, die ihn bisher begleitet, dort hinten zwischen den triefenden Sträuchern vom Boden eingeschluckt seien. Aber nichts rührte sich mehr, und es war wohl nur seine verzweifelte Erinnerungsgabe, wenn ihm noch immer spitze, halb irrsinnige Töne durchs Gehör schnitten. Es klang wie das Weinen eines geplagten Kindes. Claus schüttelte sich und spritzte die Regentropfen von der Stirn. Dann trat er weiter hinaus, und seine Augen tranken durstig das stille große Bild. »Ja, dort draußen,« murmelte er wunschbeflügelt, »dort draußen!« Die uralte Vorstellung der Küstenbewohner befiel ihn, der silberne Ring, der die bewohnte Erde umgürtete, er besäße auch zugleich die Kraft, alles Ungemach, alles Leid der Sterblichen in Freiheit und Vergessen aufzulösen. Und er wußte noch nicht, daß alle Wasser der Ozeane nicht genügen würden, um die Brandmale zu kühlen, die seine zarte Seele heute nacht empfangen. Der Wind knisterte um ihn wie Fahnenrauschen, und das Meer sang unter ihm sein tausendstimmiges Schlachtlied, das riß den Leichtentflammten fort. Beide Hände warf er empor und schrie zur Antwort hinunter: »Ich will – ich will.« Was er freilich damit in heiliger Entschlossenheit beschwor, wer könnte es angeben? Und doch – es war sein Bündnis mit dem Weltwillen. Und der Weltwille gebiert die Tat. Und die Tat allein ändert das Geschaffene.

In dem unerklärlichen Gefühl der unverdienten Entsühnung schickte er sich zum Abstieg an. Da wurde er noch einmal aus seinen goldigen Wolken herabgerissen. Tief unter ihm, dort, wo zwischen den beiden vorspringenden Hügeln das Häuschen der Mattenflechterin Knuth eingeklemmt lag, dort bewegten sich trotz der frühen Morgenstunde ein paar unerkennbare schwarze Punkte. Es sah aus, als ob hungrige Krähen um einen Bissen Fleisch stritten. Claus stutzte. Das waren doch Menschen? Was suchte das Gezücht dort? Gerade an jener einsamen Stelle? Und in langen Sprüngen setzte der mißtrauisch Gewordene von den Dünen herab. – – –

Fast im gleichen Augenblick trafen sich drei Männer vor der windschiefen Pforte der Mattenflechterkate, die sonst nur für Eingeweihte sichtbar, wie ein großer brauner Pilz zwischen dem Geröll herabhing. Vom Strand aus war es der Vogt, der mit schwerer Faust und lautem Gepolter gegen die Tür schlug, während über den Dünenweg, kaum einen Gedanken später, ein pelzgekleideter Jägersmann mit seinem Knecht um die Ecke der elenden Siedelung bog. Unmittelbar vor dem Eingang stießen sie aufeinander. Überrascht, verdrießlich schob sich der vorderste der Schützen die grüne Schute aus der Stirn und fuhr den Vogt an, als wäre dieser soeben auf einer Überschreitung seiner Befugnisse ertappt worden. Aber zugleich sprühte dem Jäger verräterisch eine Welle der Verlegenheit über die Wangen.

»He, was gibt's?« rief er, durchaus nicht über die Begegnung erfreut.

Langsam zog der Vogt die Lederkappe vom kahlen Schädel.

»Ich bin's, Junker,« erklärte er ohne sonderliche Furcht. »Laut rentmeisterlicher Verfügung muß ich – – «

Allein ehe der Satz zu Ende gelangte, wurde von innen der Querbalken zurückgeschoben, und spähend, kaum notdürftig bekleidet, beugte sich Anna Knuth über die Schwelle. Vor dem Morgennebel verzog das Mädchen ihre nur durch ein Linnenhemd geschützten Schultern, und unter dem kurzen Rock fröstelten die nackten Füße. Ihre reichen, blonden Haare fielen ihr noch ungeordnet weit über den Rücken. Statt einer Anrede legte sie nur bittend den Finger vor die Lippen, zum Zeichen, daß vor allem die Ruhe nicht gestört werden möge; dann glitten ihre noch immer kindlichen Augen scheu und bittend zu dem Grafen hinüber, und ihre ganze Gestalt begann zu zittern wie ein Tier, das den Schlachthieb erwartet. Die Bewegung erzählte von unentrinnbarer Armut, von Verfolgung und Umstricktwerden und dem jammervollen Elend des nahen Erliegens. So sprechend war die Gebärde, daß selbst dem Junker von Cona ein unnatürliches Lachen entfloh.

»Da bin ich,« rief er gepreßt, obwohl der Gruß munter klingen sollte, und ohne daß der Jäger begriff, wie ein Aufmerksamer leicht das abgekartete Einverständnis hinter diesem Ausruf entdecken könnte. Eine Weile blickte daher auch der Vogt schweigsam von einem zum anderen, dann jedoch verzog er die struppigen Augenbrauen, zuckte die Achseln und wandte seine wuchtige Bedrängergestalt wiederum dem Mädchen zu. »Ja, das hilft nichts,« beharrte er, »die Frist ist abgelaufen. Wie steht's?«

Auf die brummige Forderung lief ein erneuter Schauder um die Schultern der Gemahnten, die Farben auf ihren Wangen wechselten, und während sie halb willenlos in die Hütte zurückwies, stotterte sie, um doch irgend etwas zu erwidern:

»Wahr und wahrhaftig, Mutter liegt krank.«

Der Vogt griff sich an die Bartkrause, er schien an die Ehrlichkeit des Einwandes zu glauben.

»Ich weiß,« gab er zu, »wo fehlt's?«

Jetzt hielt sich die Blonde an dem Pfosten fest.

»Das Feuer schlägt ihr aus,« stammelte sie, von der Aussicht getäuscht, ihr Ungemach könne ihr vielleicht doch Mitleid werben. »Sieht und hört nichts.«

»Schlimm,« murmelte der Vogt, »die schwarzen Nebel sind schuld.« Aber gleich darauf schlug er an seine Ledertasche, und in Ausübung seines harten Berufes fragte er weiter: »Hat sie dir den Wehrpfennig ausgehändigt?«

Da riß die Kleine ihre blauen Augen weit auf, und überzeugt, daß ihr jetzt die letzte Hoffnung schwinde, ließ sie den erhobenen Arm sinken, um zerknirscht und auf alles vorbereitet den Kopf zu schütteln. Sie sah aus wie ein eben gefangener Vogel, der kampflos und betäubt durch die Stäbe blinzelt.

»Ja, dann hilft das nichts,« entschied der Vogt, und nach einer Weile knurrig, »kannst du dir's nicht von den Beckeras leihen?«

Noch war es ungewiß, ob das Mädchen in seiner Verständnislosigkeit den ihm hingeworfenen Faden aufzuraffen vermöge, als etwas Rasches, Unerwartetes geschah. Mißfällig hatte der junge Graf schon lange diesen Verhandlungen gelauscht, wobei er von Zeit zu Zeit seinen beiden dänischen Doggen, die ihn schlangenhaft umstrichen, zum Scherz die Köpfe zusammenstieß. Jetzt aber schob sich Malte Cona ungeduldig an das Mädchen heran, ganz dicht und eng, so daß der schmale Türspalt für die beiden Körper fast nicht mehr ausreichte, und es war wirklich kaum wahrnehmbar, wie nun der Jäger seiner Nachbarin, die seine Hilfe nicht im geringsten unterstützte, geschickt hinter ihrem Rock ein kleines Lederbeutelchen in die Hand spielte. Kaum spürte die Tochter der Mattenflechterin freilich den prallen Gegenstand zwischen ihren Fingern, als eine auffällige Veränderung mit ihr vorging. Ihr ganzes Gesicht wurde so weiß und eben wie Leinen auf der Bleiche, die Füße versagten ihr den Dienst, und ihre vorher noch so klaren Augen senkten sich matt und schuldbewußt auf das Riedgras vor der Schwelle. Einem fremden Willen untertänig, völlig ohne eigenen Trieb streckte sie dem Vogt das Empfangene entgegen.

»Hier,« murmelte sie tonlos. Und dann plötzlich, als ob sie etwas zwänge, sich des Geldes schnell wieder zu entäußern: »Da – da – nimm.«

Zu deutlich redete der Vorgang, als daß er mißverstanden werden konnte. Wieder ließ der Vogt seine Blicke prüfend von einem zum anderen gleiten. Dann aber nahm er den Beutel langsam in Empfang, um bedächtig und ohne Eile den Inhalt zu überzählen.

»Es ist zu viel,« stellte er endlich fest.

»So behalt den Bettel,« rief der junge Graf grimmig.

Der Vogt jedoch blieb undurchdringlich wie stets. »Die Knuths haben nichts zu verschenken,« meinte er gelassen, während er dem Mädchen den Überrest bereits zurückreichte, und rätselhaft setzte er noch hinzu: »Ihr wißt vielleicht nicht, Geld kehrt bei armen Leuten gar selten ein.«

Damit begann der struppige Mann umständlich seine Ledertasche aufzubinden und schien nicht übel Lust zu verspüren, auch bei dem, was nun folgen sollte, den Zeugen abzugeben. Allein der Junker, den die feuchte Kälte immer schneidender umwitterte und der durch die Nähe des demütigen, zitternden Geschöpfes daran erinnert wurde, daß er zur Jagd erschienen wäre, zur Menschenjagd, er beschloß all den unnötigen, schon seit Monaten ertragenen Hemmnissen durch ein Herrenwort ein Ende zu bereiten.

»Komm Dirn,« forderte er bedenkenlos und doch mit einer Art gutmütiger Frische, »ich will dir Ehre antun. Gib mir dort drinnen einen Schluck Heißes, und ich werde dich loben.«

Hier riß der Vogt gewaltsam die Senkel seiner Tasche zusammen und brach in einen schweren Wolfshusten aus. Das Mädchen jedoch, ohne auf die Anwesenheit des anderen noch weiter Bedacht zu nehmen, spannte beide Arme gegen die Pfosten der Tür, so daß der Eingang gewehrt wurde, und indem sie ihre hellen Augen an den stattlichen Menschen hing, rief sie in hoher Angst, aber zugleich auch wie in wirrer andringender Neigung:

»Bedenkt, Herr, das könnt Ihr nicht wollen. Meine Mutter – sie sieht und hört nichts.«

Da lachte der Jäger halb vor Trotz und halb vor Scham, weil ihn ein Dirnlein von ihrer Schwelle treiben wollte. Hastig umspannte er ihren Arm und drückte ihn zur Seite.

»Mach keine Männlein,« redete er ihr zu, »was braucht mich die Alte zu sehen, wenn ich bei dir bin?«

Schon setzte er seinen Fuß auf die Schwelle. Das schwache Geschöpf aber, im Gefühl, wie es jetzt von jeder äußeren und inneren Hilfe verlassen würde, lehnte beide Fäuste gegen seine Brust und hauchte ohne Widerstand noch Zorn:

»Habt Erbarmen, lieber Herr, habt Erbarmen.«

Wäre jetzt ihr Bedränger mit ihr allein gewesen, vielleicht hätte er scheltend und schimpfend von ihr abgelassen, denn die schlichte Sauberkeit ihrer Magdschaft verfehlte nicht ganz ihren Eindruck auf sein herrisches und nur arg verwöhntes Gemüt. Allein zum Unglück sahen die beiden Fremden dem Spiele zu, wie konnte da der Grafensohn die Zurückweisung einer solchen Katendirne hinnehmen? Spöttisch verzog er die vollen Lippen und stieß einen gellenden Pfiff aus, so daß die beiden Tiere hoch an ihm in die Höhe strebten.

»Vogt,« rief er mit seinen dunkel sprühenden Augen, die in ihrem Jähzorn denen von Claus Beckera so sehr glichen, »wie ist das? Gehören hier nicht längst ein paar Fischerknechte her? Wie wäre es, wenn wir das Nest ausräumten und die Weiber auf den Hof brächten?«

Die Drohung war wohl nur darauf berechnet, das Sträuben der Blonden vollends zu überwinden, auf den Vogt blieb sie jedenfalls ohne Wirkung. Ruhig schloß der breitschultrige Mann seine Tasche, packte seinen Kronenstab fester und schüttelte endlich bestimmt das wuchtige Haupt.

»Dazu habe ich keinen Auftrag,« lehnte er die Zumutung ohne eine Spur von Entgegenkommen ab. »Ich tue, was meines Amtes, nicht mehr.«

»Nun, dann pack dich,« befahl der Jäger dunkelrot und gereizt.

»Gut, Herr, gut, das kann ich tun,« stimmte der Vogt immer mit derselben Bedächtigkeit zu, »warum nicht? Gehabt Euch wohl.«

Ehrbar, als wäre nichts weiter geschehen, lüftete er seine Kappe und strebte dann weiten Schrittes den Dünen entgegen. Allein, kaum hatte er den Saum der Weidenbüsche erreicht, so ließ er sich auf eine Sandwelle niedergleiten und duckte seinen ungefügen Leib vorsichtig hinter die übrig gebliebenen braunrostigen Blätter der Ruten. »Potz Velten,« dachte er bei sich, »die Art meint immer, sie sei allein auf der Welt. Wie lange läßt man sie wohl noch den Rahm von der Milch schöpfen?«

Damit stieß er seinen Stab in den Boden und lauerte.

Vor der Katenhütte jedoch hatte unterdessen die Sucht des Besitzergreifens den Streit entschieden. Zwischen Bitte und Befehl war der Jäger in den halbdämmrigen Raum gedrungen, ja, er mochte es nicht einmal hindern, daß seine beiden Doggen ihm schnuppernd voranliefen. Jetzt spürten sie in der düsteren Engnis umher, bis die Tiere plötzlich, wie auf einen Schlag, vor einem traurigen Bettgestell Halt machten. Lechzend wiesen sie ihre roten Zungen einem wächsernen Menschenbilde entgegen, das mit geschlossenen Augen und wehenden Atems tief in einem groben Strohsack eingekratzt lag. Es war ein schreckhafter Anblick, als der Eindringling zuerst dieses fieberzuckende Menschenhäufchen gewahrte, und vor den schwarzen Höhlen der Wangen und der spitz hervorstoßenden Nase wich der Unvorbereitete zuvörderst zurück.

»Gott gebe Euch einen guten Tag, Frau,« ermannte er sich allmählich zu einem Gruß, wobei er nichtsdestoweniger die unerbetene Zeugin seiner tollen Leidenschaft nach Kräften verwünschte. »Wie geht's? – Was treibt Ihr?«

Allein aus der Lade drang keine Antwort; nur ein rasches Keuchen vermischte sich mit dem Lechzen der Hunde, und statt der Hingestreckten erteilte endlich die Tochter die Auskunft. Am Kopfende des Bettes stand sie, und während Haupt und Arme ihr schlaff herabhingen, sagte sie leer und geistesfern:

»Sie weiß von nichts.«

»Teufel ja,« nickte der Junker.

Ungemütlich und von der drückenden Stickluft unter dem niedrigen Gebälk benommen, ließ der junge Mensch einen raschen Blick über das kahle Elend seiner Umgebung wandern, über die Holzwände voll Rauch und Spalten, über den geringen Hausrat, und sein Geruchsinn empörte sich heftig gegen den Dunst eines Haufens von Binsen, der wohl in besseren Tagen zum Knüpfen der Matten benutzt werden sollte. Jetzt lag er zum Trocknen geschichtet auf dem Fachwerk unter der Decke. In all dieser hoffnungslosen Armut gab es nur einen Schimmer, eine Helligkeit, so dünkte es wenigstens den immer heftiger Gespannten, die strömten von den langen Flechten des Mädchens aus. Weißblond glommen sie durch den Dämmer, gleich einem feingesponnenen Netz jungen Flachses, und an jene seidigen Fäden klammerte sich jetzt der unbeherrschte Wille des vornehmen Gastes fest. Unruhig ließ er sich auf den einzigen Stuhl am Tisch nieder, und da er seine Befangenheit vor dem Wachsbild in dem nahen Bett doch nicht ganz bezwingen konnte, so versuchte er seine Absichten vor den verdorrten Ohren der Lauscherin wenigstens möglichst zu verbergen.

»Komm her, Dirn,« flüsterte er.

Folgsam schob sich die Angerufene heran, man merkte kaum, daß sie dabei die Füße bewegte. Dann stand sie dicht neben dem Jäger. Eifrig griff er nach ihrer Hand.

»Kuck,« murmelte er eindringlich und legte ihre Finger auf sein Herz, »wie es klopft! Du hast es mir angetan.« Als das Mädchen jedoch verängstet den Kopf schüttelte, fuhr er überstürzt fort: »Fürcht' dich nicht, du dumme Trin', es soll dir fortan besser werden. Hast ja nicht einmal ein Bett! – Sag, wo schläfst du eigentlich, du bleiche Leinwand?«

»Dort, Herr.« Sie wies auf den Schragen der Kranken.

»Da?«

Bei dem Gedanken, daß dieser jugendlich warme Leib allabendlich seine Ruhe neben dem grauenerregenden Gerippe suchen sollte, fuhr ein sichtbares Frösteln über den Hals des Mannes. Überredend legte er den Arm um ihre Hüfte, aber kaum spürte er die schlanke, sich leise gegen ihn sträubende Biegung des Leibes, da stieg eine heiße Woge von Begehren bis über seine Stirn und in ihren roten Wirbeln sank er unter.

»Dirn – verfluchte,« stieß er in einer inbrünstigen, unvernünftigen Hitze hervor. Und während er die Blonde zu sich auf den Stuhl zwang, da kümmerte er sich den Teufel weder um die kurzen Atemzüge, die dort in der Ecke den Strohsack im Schaukeln hielten, noch um die hölzerne Starrheit jener Glieder, die er jetzt durchaus zu biegen und zu brechen strebte. Nur Glut brodelte in ihm und die planlose Verworrenheit des Ergreifens. »Goldfuchs,« stotterte er bei dem heißen Ringen, »komm, sperr' dich nicht. Seit Monden bin ich hinter dir her – ja, ja, du weißt es ganz gut. Du bringst mich schier von Sinnen. Oder sag', Dirn, sag', bin ich dir etwa zuwider?«

Sie lag schon in seinen Armen, schreckverwirrt, atemberaubt, aber dicht vor seinem Munde bat sie noch immer mit dem rührenden Bewußtsein der Verlorenen:

»Herr, es taugt mir nicht, darum zu wissen. Schont meiner.«

Da hörte er aus ihrem Erlöschen das Bekenntnis heraus. Jauchzend unter einem hellen Lachen raffte er sie ganz an sich, und in der lebenerschütternden Verschmelzung eines Kusses entschwand ihnen für die Dauer eines fallenden Regentropfens alle Wesenheit. Gleich zwei beseligten Bienen, die selbst der Sturm nicht auseinandertreibt, hingen sie in einer unwirklichen, blauen, golddurchzitterten Luft, und das einzige, was die Zeit unter ihnen maß, war der hämmernde Hufschlag ihres Blutes.

Aber dort auf dem Schragen? Öffneten sich nicht ein paar glanzlose Augen? Der tote Silberschein eines geschlagenen Fisches konnte nicht entseelter zu ihnen herüberglotzen, und so eifrig auch der Betörte sein Haupt hinter den Schultern des Mädchens versteckte, das blinde Metall jenes Blickes schmolz durch die lebende Hülle hindurch.

»Dirn, nun hab dich nicht länger. Die Alte tut dir nichts.«

Am Fußboden schnupperten die beiden Doggen lebhafter, sie wurden unruhig, schlugen an und prallten dann vor dem Ansturm des Tageslichtes zurück, das zu der geöffneten Holztür hereinschoß. Eine hohe, dunkle Gestalt zeichnete sich schwarz gegen die Helligkeit ab.

Da rang sich zum erstenmal ein Laut von den Lippen, die aus Furcht vor dem Junker, aus Scheu vor seinem fremden Glanz und versiegelt von seiner stürmischen Zärtlichkeit bisher der Stummheit verfallen waren.

Ein Schrei gellte gegen die Decke und wurde von dem Querbalken zurückgeworfen: »Claus!«

Dann wurde es wieder still. Ängstlich, betörend still. Man hörte nur, wie das Röcheln der Kranken durch den Raum sägte.

Endlich raffte sich der Junker auf, langsam, unsicher, denn ihn verwirrte nicht nur der Anblick des Mädchens, das beide Hände vor ihr Antlitz geschlagen hielt, nein, auch die unselige Scham des Ertappten, in seinen brennendsten Wünschen Gehinderten fraß bissig an seinem Hochmut. Dazu empörte ihn immer wilder das rätselhafte Schweigen dieses vermaledeiten Sassentölpels, der bleich und atemlos vor ihm stand, als hätte sein zuckendes Maul einen Richterspruch zu fällen.

»Was soll's?« fuhr plötzlich der Jäger in die Höhe und riß mit einem Griff seine Armbrust an sich. »Weshalb arbeitest du nicht, du Flegel? Was hast du hier herumzulungern? Weißt du nicht, was dir gebührt?«

Ja, der große, schlanke Bursche wußte wirklich nicht mehr, welchen Platz er in der Welt einnahm. In diesem Augenblick empfand er nichts als das ungeheure qualmige Zusammenbrechen all seiner kindlichen Träume, die so lange und zärtlich von seinen Eltern und dem guten Mönch genährt und behütet waren. Nichts – nichts – die Träume hatte ein Lügner so bunt und herrlich angestrichen, auf der Erde tobte lediglich Gewalt, und nur Gewalt konnte das rasende Wüten der Mächtigen brechen.

In die weit aufgerissenen Augen des Jungen sprang ein merkwürdiges Wandern und Schielen, und obgleich der lange Leib sich kaum bewegte, so bemerkte sein Gegner doch mit Grauen, wie die Finger des Burschen wie im Krampf sich öffneten und wieder schlossen.

Gespenster, schwarze, verzerrte Fratzen tanzten um ihn her. Was aus der verruchten Nacht gegen ihn angesprungen war, das drehte sich jetzt heulend um ihn im Kreise. Geschminkte, an Leib und Seele entmenschte Dirnen zausten ihn an den Haaren, taumelnde Galgen fielen über ihn her, entrechtetes, in Hungertürmen vertiertes Volk spie ihn an, und die zu Lust und Nutzen der Macht Gehenkten, sie schleuderten ihre Stricke um seinen Hals und schnürten ihm die Luft ab. Kein Atemzug schlich ihm mehr aus der zerpreßten Kehle, nur ein heiseres Wimmern riß sich mühsam aus der wunden Brust.

Erde, Erde, wo ist ein sicherer Halt vor Entwürdigung und Schande? Wo eine Zuflucht für die Gequälten? Wo ein Richter für die Peiniger und Erbarmungslosen? Nirgends, nirgends. Zerbrach, verwüstete man nicht hier vor seinen sehenden Augen ein stilles, reines, heiliges Gefäß, aus keinem anderen Grunde, als weil es einem Schwelger gefiel, bereits am grauen Morgen ein Fest zu feiern? Hier wollte ein gekitzelter Gaumen sich Speise bereiten aus Claus' eigenem Fleisch, aus Claus' eigenem Blut.

»Vieh,« brüllte der aus seinen Fieberwirbeln Hervortaumelnde und sprang besinnungslos hinzu.

Der Jäger war hinter den Tisch gewichen, nun flog die Armbrust an seine Schulter.

»Knecht,« zischte er in überschäumender, haßverzehrter Wut, »dir wird ein eigener Galgen gesetzt.«

»Freilich, ein eigener Galgen, ich weiß, ich weiß, damit ich doch hübsch jung in der Luft tanzen lerne. Und unsere Schwestern und Töchter – oh Wonne – sie werden Huren?«

Ein Satz – etwas Schwarzes fuhr über den Tisch, Bügel und Kolben der Waffe schwankten einen Gedanken lang in der Luft, formlos, bald oben, bald unten, dann ein Schlag, ein dumpfes, weichliches Geräusch, und beide Arme hebend brach der Graf unter den vier Füßen der Platte zusammen.

Nicht lange.

Als der Vergewaltigte unter seinem Tisch mit summenden Ohren und verprügeltem Bewußtsein hervorkroch, da meinte er weit hinten durch die geöffnete Tür seinen Bändiger wahrzunehmen, wie er in weiten Sätzen am Strande dahinfuhr. Über die Schulter hatte sich der Bursche die Dirne geworfen, jene willige Dirne, die dem Gelüst des Grundherrn doch nur aus Bosheit, aus Abgunst geraubt war, und ohne durch die Last behindert zu sein, schien der Strolch, der Aufrührer, auf den doch schon nach Fug und Recht das eiserne Halsband, die Stachelschraube oder der Galgen warteten, dem Schutz seiner heimatlichen Hütte zuzufliegen. Das durfte nicht sein. Auf allen vieren schleppte sich der Gedemütigte bis zur Schwelle, aber während er hier auf die Brust niederstürzte, so daß seine Lippen das Riedgras küßten, quoll es in ohnmächtiger Raserei aus ihm hervor:

»Heda, Thor, Freya, packt an – packt an – «

Und sich noch einmal nach dem Schützen herumwälzend, der seinem Gebieter beispringen wollte, ächzte er sinnlos:

»Schieß – schieß, du Schuft, wenn du den Mordbuben nicht triffst, schmeckst du die Peitsche! Himmel und Hölle, leg' an, und wenn du den Heiland mitten durch die Brust spießen solltest.«

Zerrissen, zerstückt wurden Claus all jene Flüche durch den feuchten Wind nachgetragen, und alsbald spürte er auch das Hetzen der Hunde über den nassen Sand.

Weiter, weiter.

In ihm nebelte nur der eine Plan, diese zur Entwürdigung Bestimmte, die bei vollem Bewußtsein und doch steif und kalt gleich einem Stein aus seinen Armen ragte, der Gier ihres Peinigers zu entziehen. Die künftigen Mütter der Armen brauchten nicht überall entweiht zu werden.

»Eine einzige –,« stammelte er keuchend, »eine einzige muß bewahrt werden. Eine einzige nur.«

Er wußte nicht mehr, was er bettelte, denn seine eigene Schande und Bedrückung, sie mischten sich mit dem Schicksal seiner Verwandten. Und so wunderte er sich auch kaum, weil ihm keine Antwort zuteil wurde.

Weiter – weiter!

Da waren auch die beiden Doggen schon nah auf seinen Fersen. Leib an Leib peitschten die Bestien über den aufspritzenden Sand, und der heiße Dampf, den sie ausschnaubten, puffte stoßweise in den dicken Nebel. Einen gellenden Ruf stieß der Flüchtende aus, allein seinen ungestümen Lauf setzte er in wilderen Sprüngen fort.

»Eine einzige nur,« murmelte er noch einmal

Es zischte etwas. Ein warmer Regen sprühte über den Läufer. Und das Steinbild zuckte und wankte ein wenig in seinen Armen.

»Anna,« schrie er und schüttelte sie.

Da fiel ihm die Last dumpf und dröhnend zu Boden. Und jetzt erst, jetzt entdeckte er den Pfeil, der Hals und Nacken des Opfers durchfiedert hatte. Darauf versank die ganze Gegend eine Weile in Lautlosigkeit, als ob Mensch, Erde und Meer einen letzten Herzschlag erlauschen wollten. Unten auf dem durchweichten Sand reckte sich das Mädchen, es schlug die Augen verwundert gegen den grauen Himmel auf, schüttelte ganz sacht und ohne Begreifen ihr Haupt – und legte sich zur Ruhe.

Entgeistert starrte Claus in das sich verfärbende Antlitz hinab, und währenddessen rannen ihm statt Tränen die warmen Blutstropfen über Stirn und Wangen bis in den schreckgebannten Mund. Und dennoch – der salzige Trank aus dem Kelch des bittersten Leides, das ihm das blinde Walten des Lebens bis jetzt zum Kosten gereicht, er weckte in dem Burschen an Stelle von Entsetzen und Ergebung vielmehr unbändigsten, gebieterischsten Drang zum Dasein. Der Tropfen Blut, die letzte Labe, die ihm die Heimat bot, er floß ihm glühend und sengend durch Hirn und Herz und begann dort von nun an die Welt zu bespiegeln, in rotem Rahmen und doch eisig und unerbittlich klar!

Er sah vor sich ein neu hingestrecktes Opfer der Willkür, den Pfeil in der Kehle und die offenen Augen Auskunft heischend gegen den Himmel gerichtet, er urteilte, daß die beiden Hunde nur noch ganz kurze Zeit die Schläferin auf dem Sand umkreisen würden, und er erspähte, wie der Schütze des Grafen und hinter jenem, unwillig zwar und doch gezwungen, der Vogt in weiten Sätzen auf ihn einstürmten. Da wußte er, daß der Zeiger seiner Sonnenuhr auf Leben wies und noch nicht, noch lange nicht auf Untergang und Ausgelöschtwerden.

Ein düsterer, beteuernder Blick war es, mit dem er von der Toten schied, der ersten, die ihm das Menschheitsmeer vor die Füße gespült, ein zweiter, längerer flog über die Dünenberge zu der Hütte empor, aus deren Schornstein ein friedlicher Rauch kräuselte. Dann wandte er sich jäh und versuchte das Unerwartete. Ein wilder Sprung zur See, die grau und verschleiert auf ihn zukroch, unter seinen Füßen splitterte die dünne Eisdecke, bis zu den Knien sank er ein, dann setzte er abermals in die Höhe, gewann für ein paar Schritte das gefrorene Feld, bis er von neuem in dem berstenden Glas verschwand. Aber gleich darauf hatte der Vorwärtsdrängende das offene Wasser erreicht und weit ausholend warf sich der geübte Schwimmer hinein. Seine Lebensflamme brannte so stark, daß sie die lähmende Kälte des Elements überwand. Auch hatte er sich den Wogen nicht planlos anvertraut, denn von seinen scharfen Augen war längst ein kleines rotes Segel erspäht worden, das voll gebläht gegen den Strand stürmte.

Heino Wichmann!

Ja, dort hinten, gegen die schwarze Wand des Wassers, dort flatterten die blonden Haare des Kleinen im Wind, geduckt hockte der Meister der Schiffahrt am Steuer, und während das überspülte Haupt des Flüchtenden ab und zu hoch aus den rollenden Fluten auftauchte, da summte ihm die Stimme der Hoffnung zu: »Er sieht dich – noch einen Schlag, und noch einen – er sieht dich.«

Hinter ihm heulten die Hunde und jagten fangbegierig über die noch ungebrochene Fläche, rauhe Stimmen schrien, ein Pfeil sauste über den Schwimmer hinweg und schnitt unhörbar in die Wellen – der Atemlose, vom Kampf bereits Verwirrte schickte dem Todesboten nur ein wildes, verächtliches Lächeln nach. Oh, dieses Herumgeschleudertwerden zwischen Vernichtung und Gelingen, das fühlte der bereits in Wesenlosigkeit Fortgleitende, es bildete das Höchste und Köstlichste, was ihm aus des Lebens Abgrund gereicht werden konnte. Es blitzte wie ein heller Edelstein. Es lohnte sich, danach zu greifen oder im Werben darum zu vergehen. Um ihn begann die eisige Flut mit tausend Stimmen zu singen, und während sein Körper sich immer tiefer hinabgrub, da unterschied er noch die Worte des großartigen Liedes, das ihm den Schlummer und die Schmerzlosigkeit brachte. Sie sangen alle zusammen, die sein Dasein jemals umstanden, Pater Franziskus und die Becke, der Vater und Anna Knuth, der junge Graf und die Mutter, Heino Wichmann und all die vielen Bauern, ja selbst der Jude wirbelte das blitzende Beil um sein Haupt und fiel ein in den gewaltigen Chor, der da trotz allem Leid die unverwüstliche Schönheit von Sonne, Erde und Meer pries und die Feiertäglichkeit jedes wilden, unruhigen Geschehens.

Claus gurgelte, noch aus der Tiefe wollte er einstimmen in dies allgemeine Lob, da spürte er, wie er ohne sein Zutun stieg und stieg, sättigende Luft drang zu ihm, durch die Schwärze brach Licht und öffnete ihm die Augen, und weit vor ihm dehnte sich die Freiheit des Unbegrenzten.


Er lag im Kahn, und über ihn beugte sich Heino Wichmann. Das Segel war herumgeworfen, das Bugspriet zeigte gegen die offene See. Hinter ihnen schrumpfte die Küste immer dünner zu einem langen schwarzen Arm zusammen, der liebevoll das dunkle Schwellen an sich zog. Kaum unterschied man noch die höchsten Erhebungen der Insel mit ihren finsteren Waldkronen. Mühsam raffte sich Claus bis zur halben Höhe empor und schickte einen müden Blick aus. Seine Glieder waren noch von seinem Willen und seinem Bewußtsein getrennt, und aus seinen Kleidern floß stromweise das Wasser.

»Heino,« seufzte er, indem sein Herz dem weiten, weiten von Qualm und Nebel erfüllten Raum unruhig entgegenschlug, »wohin führst du mich?«

»Wohin?« Der andere streifte den daniederliegenden Gefährten mit seinem seltsamen Augenspiel, dann brach er in sein gewöhnliches Kichern aus. »He, Bübchen,« meinte er, »welch eine kitzliche Frage! Wohin geht der Mensch, wenn er einen Fuß aus der Tür setzt? Weißt du das? Ich weiß es nicht, denn der Weg kommt meistens auf den Wanderer zu. Aber ängstige dich nicht, ich glaube sagen zu können, ich führe dich deine Straße.«

Dabei stieß der kleine Strohblonde wie zufällig mit dem Fuß gegen etwas Klirrendes. Und siehe da, es war der Ravenneser Hieber, den er bei seiner Ankunft getragen, und neben jenem ringelten sich die Reste der ehemaligen Goldkette. Und jetzt – jetzt entdeckte Claus auch, daß unter der Steuerbank ein kleiner Flechtkorb verborgen stand, der Brot und Milch enthielt. Es war augenscheinlich, hier an Bord war alles für eine längere Fahrt vorbereitet.

»Heino,« rang der Liegende seiner Schwäche ab, »du wolltest dich von uns fortstehlen?«

Der Angeredete griff fester in das Steuer und verglich die Spitze des Bugspriets mit dem Silberband des Mondes, dessen Phantom noch am Tage durch den Seequalm dämmerte. Dann erst wies er ausweichend und in seiner spitzfindigen Art den erhobenen Vorwurf zurück.

»Sei still, Büblein, was heute geschieht, braucht morgen nicht zu geschehen. Mich dünkt, es lief für dich nicht übel ab, weil ich meine Tage hier für erfüllt hielt. Aber nun verkünde auch du mir, warum man dich mit Hunden vom Strand deiner Väter hetzte? Nicht wahr, du frommes Kind, das ist dir doch geschehen?«

Da kroch Claus bis zur Steuerbank heran, und seine Arme leidenschaftlich um das Knie seines Lehrers schlingend, ließ er unter Tränen und Verwünschungen, unter Haß und Zweifeln alles aus sich herauspulsen, was die letzte Vergangenheit ihm an Traum und feindlicher, unbegreiflicher Wirklichkeit entgegengeschickt. Es wurde das überströmende Bekenntnis eines Erdenläufers, der sich mit deutlich gefühlten Schwingen zum Himmel heben will und jetzt vor Schmerz aufheult, weil die geballte Kugel des Lehms, des Schmutzes und des Kotes an seinen Füßen klebt.

»Sag mir, Heino Wichmann,« flehte er zum Schluß inbrünstig, während er den Magister mit beiden Fäusten beinahe von seinem Sitz hob, »wer – wer gab diesen Ungerechten, diesen Blutsaugern, Peinigern und Landschluckern jene fürchterliche Gewalt? Wer beugte ihnen diese Tausende demütiger Nacken unter die Füße, wer – wer?«

Mit herb verzerrtem Munde schaute der Steuermann auf den in wilden zuckenden Feuern Verglühenden hinab.

»Wer?« wiederholte er, und in seinen zwiefarbigen Augen funkelte etwas wie die Befriedigung über ein endlich erreichtes Ziel. »Wer ihnen das alles gab, mein Cläuslein? – Ihr Wille.«

»Und wir?« stammelte der Junge in Enttäuschung zurücksinkend. »Gib auch uns eine Hoffnung!«

»Wir? Wir suchen nach unserem Willen.«

»Suchen?«

»Aber wenn wir ihn gefunden haben,« sagte der Kleine unheimlich leuchtend, »dann werde ich mir im Papstornat des Kaisers Tochter zur Buhlschaft laden, und du, Bübchen, magst meinetwegen auf dem Sinai stehen, um neue Gesetze in die Tafeln zu graben.«

So fuhren sie noch manche Stunde in das Meer hinaus. Der Magister das Steuer in seinen feinen Händen, und auf die Schulter des Freundes gestützt der Junge, das Haupt unabänderlich dorthin zurückgewandt, wo nur noch der sich niederwölbende Horizont die Küste verriet. Längst war sie hinter den ruhig tanzenden Wellen versunken, und doch zauberte sich der Sassensohn unaufhörlich das kleine Stückchen gelben Sandes vor und auf ihn hingelagert das tote Mädchen, dessen offene Augen auch jetzt noch verständnislos auf Leben und Vergehen zurückblickten. Abermals schlug ihm das Herz wie eine Trommel, die zum Kampf fordert.

Allmählich sank der Tag, die Wogen wanderten breiter daher und ihre Hügel bedeckten sich im Widerspiel des Mondes mit tausend unruhigen Silberameisen. Gegen das Bugspriet aber schwoll das Ungewisse, der Dunst, das Geisterreich des Nebels tat sich auf. Da – gerade als Claus an Gefahr zu glauben begann, da nahm er wahr, wie sein zwerghafter Gefährte plötzlich gegen alle Regel das Steuer freiließ; im nächsten Augenblick war das Segel herabgerissen, und dann – in dem Tor der Dämmerung spielten verwunderliche Zeichen auf und ab. Ein rotes Licht tanzte hervor, ein grünes schoß darüber hinweg, eine seltsame Zwiesprache huschender Feuerchen wurde daraus. Und ehe der schreckgebannte Zuschauer seinen Gefährten noch anrufen konnte, da hatte der Magister hastig in seinen Gürtel gegriffen, und gleich darauf schwang sich schrill und gellend ein nie gehörter Pfeifentriller über die Flut. Der weckte in dem Qualm einen ähnlichen Laut. Nur vielstimmig, verzehnfacht kam es über die Fläche geschwirrt, und nun schwoll auch schwarz und turmhoch die ungeheure Brust heran, aus deren Tiefen dieses unheimliche Gekicher ausgestoßen wurde. Unvermittelt starrten zwei sonnengroße Augen auf die Meerfahrer nieder, rot und grün, eine breite Treppe fiel an dem hohen Bau herab, und wie im Traum fühlte sich Claus von den willensstarken Fingern seines Führers über die Stufen gezerrt.

An Bord des Schiffes – eines drei Stock hohen, wie es der Junge vordem niemals geschaut – wurde es hell. Eine Laterne wurde ihnen vor das Gesicht gehalten, ein Schwarm bärtiger, verwegener Gesellen umdrängte die Fremden, und eine starke Stimme schrie nicht eben freundlich:

»He, ihr Vögel, wer hat euch unseren Pfiff beigebracht?«

»Du bist ein Kalb, Zeiso Ulbrecht aus Wismar,« erwiderte der Magister seelenruhig und versetzte dem Laternenträger eine schallende Maulschelle, »kennst du jetzt meine Handschrift?«

Ein Tumult entstand, aber gerade der Gezüchtigte wehrte mit Armen und Füßen die hinzuspringenden Seeleute ab und brüllte halb toll vor Freude:

»Jungens, Jungens, Mord und Hagel, das Zwerglein ist wieder da, die Brandfackel von Hamburg, der lateinische Hieber. Seht ihr nicht die goldenen Jungfernhaare? Jungens, Jungens, wie werden jetzt die Goldstücke wieder springen. Viktoria für den Hauptmann Wichmann!«

»Heil dem lateinischen Hieber – Viktoria für den Hauptmann Wichmann!«

»Es ist gut,« nickte der Kleine gelassen, »und jetzt führt mich zum Admiral.«

In dem Kreise aber regte sich kleinlauter Widerspruch.

»Er hält Kriegsrat,« hieß es.

»Da gehöre ich hin,« bestimmte der Magister stolz, und sich zu seinem Begleiter zurückwendend, dessen Antlitz bei den letzten Enthüllungen bleich, wie nie zuvor, durch die Nacht starrte, sagte er beinahe mitleidig:

»Fasse dich, Cläuslein, du befindest dich auf der anderen Seite der Welt. Dort das anfänglich Gute zum Schlechten verzerrt, hier das ursprünglich Schlechte fürs Gute eingesetzt. Narretei und Wahn, hüben und drüben. Nur eines haben wir vor den anderen voraus: wir sind vorläufig noch die Schwachen und Ausgestoßenen, aber aus ihnen geht allemal das Heilige hervor! Komm, Bübchen, ich führe dich jetzt zu einem gar großen Herren – Gödeke Michael.«


[Das zweite Buch]


[I.]

Es war um das Ostererwachen. Das Jahrhundert – das vierzehnte, da der Stern über Bethlehem geleuchtet – vertröpfelte, und fast dreizehnmal war Winter vom Sommer übergrünt worden, seitdem der alte Beckera in seiner kahlen Hütte auf der Sasseninsel bangsam die Hände über der wunden Brust verkrampft, dazu röchelnd:

»Mutting, es hilft nichts, unser Einziger ist dahin. Paß auf, bald fallen meine Augen mir zu, und sie werden ihn nicht wieder erblicken.«

Es war Osterzeit.

Über Kopenhagen stieg eine flammende Sonne auf, die hüllte die damals noch kleine Stadt mit ihren verstreuten spitzen Kirchtürmen in einen fließenden Purpurmantel. Überall, an den Firsten der niedrigen Holzhäuser wie von den Masten der Flotte, die verankert auf der Reede lag, rollte das Licht in langen roten Fahnen herab, so daß es aussah, als ob die Gottheit selbst ein Fest schmücken wolle. Und Gottheit und Menschen in dieser ruhenden Stadt begingen wirklich einen Feiertag, ohne daß die noch schlafumstrickten Bewohner es ahnten, denn Friede neigte sich sacht zur Erde, Friede nach einer mörderischen, rauberfüllten, unsicheren Zeit, und die Sonne, die da ihr Rubinendiadem hoch in den Osterhimmel hob, sie wollte damit das Haupt des neu erstandenen nordischen Reiches krönen!

Das Menschenhaupt aber, das die drei Kronen tragen sollte, es eignete einem Weibe. Königin Margareta von Dänemark, Norwegen und nun auch von Schweden stand unter der Fensternische ihres Arbeitsgemaches, und von diesem Lugaus ihres Schlößchens, das sich ehemals nicht weit von der langen Linie erhob, jetzt aber längst von der Zeit hinweggezehrt ist, schickte sie schon geraume Weile ihre Blicke nach den sonnenroten Masten der Kriegskoggen hinaus, die sich dort auf der weiten Fläche schaukelten, wie in einem Becken voll glutroten Weines. Regungslos verharrte die schlanke und doch imposante und kräftig aufgerichtete Gestalt der zweiundvierzigjährigen Frau neben dem zur Seite geschobenen Vorhang, und man hätte meinen können, die Regentin, die Freundin alles geistlichen Werkes, gäbe sich einer andächtigen Osterstimmung hin. Allein weder auf der merkwürdig hohen Stirn unter den dunklen, welligen Haaren, die nur ganz verhuschend, kaum merklich, von einem blitzenden Silberstaub bestreut schienen, noch in ihren großen rostbraunen Augen, deren Schärfe und überlegener Spott Schrecken einjagen konnten, regte sich auch nur eine Spur von hingebender Schwärmerei. Nein, unter der schmalen, leicht gebogenen Nase Margaretens würde sich vielmehr sofort der ihr eigene geringschätzige Zug belebt haben, wenn man ihr derartiges im Ernst zugetraut hätte. Denn der Heißhunger, mit dem sie sich auf das Studium der Bibel, der Kirchenväter und der ihr erlangbaren Schriften der Mönche warf, bildete nur einen Teil des sie beherrschenden Dranges nach Macht und Geltung und konnte am nächsten Tage womöglich schon abgelöst sein durch den ebenso versengenden Eifer nach den Gesetzen der Ackerwirtschaft oder den Schönheitsmitteln griechischer Hetären. Alles Erlernbare war von dieser Frau auf sich herbeigerafft worden. In alle Fäden, die still durch die Welt strichen, hatte sie bedenkenlos ihre schmale Hand gestreckt. Mit allen Gelehrten, Künstlern, Staatsleuten ihres Jahrhunderts stand sie in Briefwechsel. Nicht etwa, weil eine heiße, innere Anteilnahme sie trieb, sondern nur, um sich immer von neuem zu rüsten gegen die Feinde ihres Geschlechtes. Diesem Hang entsprang auch die lächelnde Hingabe ihres noch immer prangenden Leibes an bedeutende, wenn auch vielleicht alte und häßliche Männer ihrer Lande. Meinte doch der spöttische Aberglaube der Fürstin, in solchen Nächten die Fähigkeiten der ihr Gesellten auf magische Weise einschlürfen zu können. Oder sie errechnete wohl auch nur ganz kühl und nüchtern, daß ihr die also Beschenkten von nun an zu schweigender Knechtschaft verfallen seien. Kein wärmerer Herzschlag pulste den von ihr Erwählten entgegen, nur ihre sicher einfangende, perlende und scheinbar so offen quillende Liebenswürdigkeit spann sich fort und fort und verdeckte den Mindereingeweihten die gefährliche Zwiespältigkeit der ihnen so angenehm fließenden Rede. In jener Kunst jedoch hatte Margareta einen derartigen Grad von Vollkommenheit erreicht, daß sie manchmal beinahe selbst versucht war, das von ihr glänzend und leicht in die Luft Gemalte für körperhafte Gestaltung zu nehmen.

Nur ein Mann lebte, der beim ersten Wort, ja, schon am weichen, wohlklingenden Tonfall seiner Herrin erkannte, wann die Regentin die Pfade der Gradheit zu verlassen gedachte. Und obwohl das bartlose, durchfurchte, mopsnasige Antlitz des Drosten Henning von Putbus jene Kenntnis nicht durch ein Wimperzucken verriet, so empfand Margareta mit ihrem seherischen Blick doch ganz genau, wie sehr sie sowohl als ihre schönen Wortgespinste hier von ein paar trüben, erloschenen und häufig tränenden Fuchsaugen durchschaut wurden. Aber gerade dieses gegenseitige Wissen um ihre tiefsten Meinungen verband die beiden Menschen zu einer gemeinsam hohen Bewunderung für ihre Klugheit. Es war das Bündnis eines Fuchses und einer Löwin, die sich gegenseitig um ihre Schliche und Pfiffe beneideten.

Auch heute verharrte der Reichshofmeister wegen des frühen Morgenbesuches in respektvollem Schweigen am Eingang unter dem Spitzbogen. Zwar bestand für ihn nicht der mindeste Zweifel, daß seine Gebieterin, der er ja außerdem durch einen Türwächter gemeldet war, sein Erscheinen längst bemerkt hätte, aber er gönnte ihr gleichwohl den Triumph, ihren ersten Ratgeber so lange harren zu lassen, bis es ihr gefällig sein würde, das tiefe Nachdenken, das sie ihm zeigte, von sich abzuschütteln.

Margareta lehnte ihren Arm an den Bogen des Fensters und trank hingegeben das Spiel der Masten in sich ein, die sich von den roten Wassern her gegen sie neigten. Unterdessen beschäftigte sich der überlange, grausig dürre und schon greisenhaft zitternde Kanzler damit, sein schreiend buntes Prachtkleid zurechtzustreichen, ja, er schien großen Wert darauf zu legen, daß die gewaltigen offenen Ärmel, die ihm fast bis auf die Knie herabhingen, auch nicht eine einzige Falte würfen. Mitleid fast konnte es erregen, wie unbarmherzig eng das Klappergebein bis über die schmalen Hüften in seine himmelblaue, mit Silberornamenten bestickte Schecke eingepreßt war, und die gelben Beinlinge mit ihren überlangen Schnäbelstrümpfen offenbarten geradezu grausam die ausgezehrte Magerkeit ihres Trägers. Dennoch hätte der greise Dürrling um keinen Preis die übel empfundene Unbequemlichkeit missen mögen. Denn dieser reiche und mächtige Mann geizte im stillen danach, dem farbenfrohen Sinn seiner Gebieterin einen Blick des Staunens abzulocken. Ihrer modelüsternen Laune zuliebe spielte das morsche Gerüst den Gecken.

Jetzt wandte sich endlich Frau Margareta zurück, und sofort begann um ihren etwas breiten, aber sehr ausdrucksvollen Mund ein liebenswürdiges, huldvolles Lächeln zu gleiten. Rasch schritt sie auf den tief zusammenknickenden Drosten zu und streckte ihm die Hand entgegen. Gewonnen führte der Greis die schmalen Finger an seine geborstenen welken Lippen. Auch die Königin trug ein ganz enges, ihre Gestalt fest zusammenschnürendes Gewand von dunkelgrüner Farbe, das eben erst aus dem Süden für sie angekommen war und namentlich die Brüste prall umschloß. Man nannte es »das Gefängnis«, jedoch die Fürstin bewegte sich in ihm frei und anmutig. Als sie den Arm hob, zitterten zwei lange goldene Troddeln bis auf den Erdboden hinab.

»Verzeiht,« begrüßte Margareta den Greis, »ich merkte Euch nicht. Warum habt Ihr Euch nicht kundgetan?«

Der Reichshofmeister pflanzte sein mildes, väterliches Lächeln auf.

»Ich wollte den Blick meiner königlichen Frau nicht unnötig von dem Bild der schönen Freibeuterflotte dort draußen ablenken,« sprach er in sanfter Ergebenheit. Und wie fortgerissen von einem unerhörten Begebnis, keuchte und hüstelte er atemlos weiter: »Ja, seht nur, seht, sechzehn kriegsstarke Koggen. Auch die neuen Lederschlangen führen sie an Bord. Und diese schlimmsten unserer Gegner sind gekommen, um Schwedens neuer Majestät zu huldigen.«

Seine schwache Stimme brach, und die Erregung, die er heraufbeschwor, ließ ihm merklich die Knie zittern.

»Setzt Euch,« befahl Margareta schonend, denn in diesem Augenblick fiel dem kräftigen Weibe der törichte Widerspruch zwischen der Schwäche ihres Kanzlers und seiner putzsüchtigen Maske auf.

Als sich der Drost weigern wollte, tanzte ein vieldeutiger Funke in den großen Augen der Frau. Sie war es gewohnt, mit den Narrheiten auch der Klugen zu rechnen.

»Setzt Euch, Henning,« forderte sie nachsichtig, rückte selbst einen der hohen Stühle von ihrem Arbeitstisch fort und nickte, da der Drost sachte hineinsank. »Setzt Euch, mein Freund, Ihr habt lange genug vor mir gestanden, da es noch gefährlich war, sich vor Spindel und Fingerhut zu stellen.«

Die Regentin hatte oft Anfälle einer überwallenden Dankbarkeit, und so strich sie auch jetzt sanft und kosend über die pergamentene Wange ihres ersten Vasallen. Herr Henning von Putbus aber schloß die Augen und war für diesen Augenblick überzeugt, daß seine Treue und Ergebenheit reichlich aufgewogen seien. Auch daß die schöne Frau ihn so traulich beim Vornamen nannte, weckte ihm alte unerfüllte Erinnerungen. Hier in Margaretas Arbeitsgemach saß der gerissene Staatsmann oft und spann wie ein verliebter Kater. Dabei übersah er es freilich heute, wie in seiner fröstelnden Rechten ein umfangreiches Pergament zu rascheln begann, von dem schon an Schnüren die großen Staatssiegel schaukelten. Margareta aber bemerkte es, und da sie keine Freundin von langatmigen Kabinettsvorträgen war, sondern ihre wohlklingenden Worte lieber auf andere wirken ließ, so bettete sie ihre Hände auf den Rücken und kreuzte nach ihrer Gewohnheit mit gemessenen Schritten den kleinen teppichbehängten Raum.

»Ja,« ließ sie ihre dunkle Stimme ertönen, »der Allmächtige hat uns Gnade erwiesen. Nach sieben Jahren voll Streit und Elend endlich ein Ziel. Die schwedischen Edlen für uns gewonnen, ihr verspielter König, der selbst unsere weibliche Ehre nicht geschont« – hier warf sie im Vorüberwandeln ihrem Hörer einen spähenden Blick zu, da das Gespenst im Seidenwams jedoch noch immer wie schlafend hockte, sprach sie beruhigt weiter – »Gott verzeihe es ihm, er entstammt meiner leiblichen Sippe, und ich folgte nur Eurem Wunsch, Drost, daß wir ihn so lange im Turm zu Lindholm bewahrten. Ist es so?«

»Es ist so,« murmelte der Kanzler geschlossenen Auges.

»Ihr wart stets streng und unnachsichtig in meinem Dienst,« setzte die Königin ihren Gang fort. »Ich danke Euch. Aber jetzt wollen wir Gnade üben. Er mag ausgehen, der unselige Mann, und mit ihm sein Bube, der Erbe jener von mir gestickten Narrenkappe und seiner französischen Dirnenpest.«

Auch diesmal zuckte der Kanzler keineswegs. Zu sehr war er an die unerhörte Offenheit gewöhnt, mit der die Witib von Dänemark gerade in Gegenwart von Männern an die verschwiegensten Dinge zu rühren liebte. Jener Freimut bildete eben eines der Mittel, durch die Margareta ihre Hörer zu verblüffen suchte.

Plötzlich jedoch blieb die Königin vor ihrem Ratgeber stehen und setzte die Hände in die Seiten.

»Und wie bürgen die Friedensboten von Falsterbo für ihren Schützling?« forschte sie geschäftlich, »denn abgerechnet unserer verwandtschaftlichen Nachsicht brauchen wir eine festere Sicherung, als sie uns der Wankelmut des entthronten Unruhestifters bieten könnte.«

Der Drost zeigte mit zitternder Hand auf eine Stelle des ausgebreiteten Pergaments.

»Dafür habe ich gesorgt,« wies er, während er befriedigt mit dem Kopfe schaukelte, »die Hansischen verpflichten sich für ihren Verbündeten zu einer Zahlung von 60000 Pfund Silber oder sind bereit, Schloß und Gebiet von Stockholm nach drei Jahren in die Gewalt Eurer Majestät zu überliefern.«

»Oh Stockholm,« rief die Regentin heftig, und eine rasche Röte flutete in ihre Wangen, »wenn dort draußen das rechtlose Piratenvolk diese herrliche Stadt nicht durch viele Jahre mit allem Nötigen versehen hätte, wir brauchten heute nicht mit den hansischen Krämern um Bedingungen zu feilschen. Sagt, wieviel boten sie noch?«

»Sechzigtausend Pfund Silber,« schmunzelte der Drost, schnalzte mit der Zunge und rieb sich die Hände.

»Und Albrecht?« fragte Margareta hastig, und die Gehässigkeit der beleidigten Frau schlug in ihr durch, »wohin trägt er seine Narrenkappe?«

»Seine Verwandten räumen ihm in Mecklenburg einen Ruhesitz ein. Dort kann er weiter Püppchen aus Brotteig kneten, wie er es im Turm von Lindholm gelernt hat.«

»Das ist der Friede,« entschied Margareta ohne weiteres, »gebt her, ich unterschreibe!«

Beide Arme spreizte sie weit aus, ihre prallen Brüste rundeten sich unter dem engen Gewand, und der Drost sperrte seine triefenden Augen auf und staunte seine Herrin an wie ein wundersam Gebild.

»Gebt her!«

Sie ließ sich auf dem überdachten Stuhl hinter dem Eichentisch nieder, riß die Schwanenfeder an sich und setzte in einem einzigen Zug ihren Namen unter das Dokument.

Eine Weile blieb es still in dem kleinen Gemach, die Weihe eines bedeutsamen Augenblicks füllte den Raum. Nicht lange. Wie träumend hatte die Königin mit einem winzigen Hammer auf eine Silberplatte geschlagen, und nachdem auf den hellen Ton hin ein Wappenknecht eingetreten war, befahl sie halblaut mit der verschleierten Stimme einer gläubig Entrückten:

»Meldet's den Kirchen. Es sollen alsbald alle Glocken geläutet werden. Der dreieinige Gott hat uns und unserem darbenden Volke Frieden beschert.«

Sanft verschlang sie die Hände auf dem Tisch und wartete, bis der Wächter das Zimmer verlassen. Dann aber lehnte sie ihre geschmeidige Gestalt voll aufatmend an die steile Wand des Thronstuhles zurück und hob ihre scharfen Augen zu den Schnitzereien der Bedachung.

»Norwegen und Dänemark,« flüsterte sie mit der tiefen Versenkung eines Schöpfers, »Drost, laßt von morgen auch das Wappen Schwedens über mir sein. Unsere Stimme wird fortan für ein großes, geeintes Reich gehört werden.«

Ehe jedoch der alte Mann noch sein Verständnis für das erhabene Wesen seiner Herrin bezeugen konnte, da geschah etwas Merkwürdiges. Das Haupt der Fürstin sank langsam zur Seite, bis es an der Schulter des dicht neben ihr sitzenden Greises einen Halt gefunden. Und doch merkte der also Geehrte trotz seines Zitterns sofort, daß Margareta keine Zärtlichkeit spenden wollte, sondern wie sie jetzt wirklich, aus Zwang und Besessenheit heraus handelte. Halb gezogen streckte sie ihren vollen Arm nach den Masten aus, von denen die schwarzen Wimpel flatterten.

»Sieh, mein Freund,« raunte sie, ganz als ob sie zu einem gegenwärtigen Traumbild spräche, das eben erst aus ihrem eigenen Hauch entstanden, »sieh dorthin! Meinst du nicht, daß an uns noch ein höherer Ruf ergehen könnte? Wie sagt die Heilige Schrift? ‘Stecke deine Zelte weiter.’ Dort draußen schaukelt ein Schwert auf den Wassern. Und unsere See spielt um Engelland, Hispanien und Friesland. Ob es Sünde wäre, nach der Waffe zu greifen, die der Herr uns mit Wind und Fluten entgegentrieb?«

Ihre großen lebendigen Augen weiteten sich überirdisch, ihre Lippen murmelten unhörbar weiter, und ihr Atem stand auf einmal still. Diesmal handelte es sich gewißlich nicht um Täuschung, denn der schöne Körper des Weibes lag so gebannt, als ob ihr innerster unstillbarer Wunsch aus ihr hervorgetreten sei und sie hielte jetzt Zwiesprache mit ihrem leibhaften Dämon.

Der Drost aber zuckte wehleidig zusammen; nicht nur, da sein morsches Knochengerüst nicht länger die angenehme Last des ruhenden Frauenkopfes zu tragen imstande war, sondern weil ihn der trockene Glaube plagte, daß Frau Margareta nur immer dann so hoch in den Himmel entrückt wurde, wenn es galt, höchst irdische Geschäfte als von oben empfangen darzustellen. Deshalb meinte er auch recht nüchtern, indem er jede übersinnliche Sphäre als zeitraubend beiseite schob:

»Die Freibeuter wissen ganz genau, was sie wert sind. Es sind ungeduldige, hoffärtige Gesellen darunter. Man wird sie nicht allzulange warten lassen dürfen.«

Kaum hatte das nickende Gerippe in dem blauseidenen Wams dies geäußert, als seine Ansicht auch sofort durch ein äußeres Begebnis bestätigt wurde. Von den Schiffen krachte ein Schlag herüber, eine Dampfwolke ballte sich, und von dem ungewohnten, nie gehörten Knall aufgeschreckt, sprang die Königin plötzlich empor, vergaß ihre eben noch gespürte Erweckung und bewegte sich heftig, ohne irgendwelche Gemessenheit dem kleinen Fenster zu. Draußen schwelte noch die graue Dampfwolke um die Schiffe.

»Was ist das?« erkundigte sich Margareta jugendlich ungestüm.

Um den verrunzelt eingefallenen Mund des Drosten spielte ein behagliches Lächeln. Es befriedigte den Alten, seine Herrin einmal außer Fassung zu sehen. Darum antwortete er gemächlich:

»Das, hohe Frau, sind die drei Lederschlangen von der Agile, dem Admiralsschiff des Störtebecker. Habt acht, er ist ein Fürst unter den Seinen, unermeßlich reich und von wilder, verwegener Gemütsart. Ihr wißt wohl, was das Volk von ihm singt?«

»Ich erinnere mich,« sagte die Regentin und blickte suchend zu Boden. »Eine dumme, törichte Reimerei. Plump und roh wie alle Bauernpoesie.

‘Vom Mast die schwarzen Flaggen wehn –
Claus Störtebecker ist Kapitän.
Es pfeift der Wind, es schäumt die Flut,
Der Degen kreist, es spritzt das Blut.
Kein Unrecht erbt sich länger fort,
Komm, feine Dirn, zu mir an Bord.
Wir müssen unter Segel gehn –
Claus Störtebecker ist Kapitän.’

Lacht nicht,« schloß die Fürstin und verzog verweisend die Brauen, und doch entdeckte der scheinbar so müde Drost, wie Margareta ein paarmal unbeherrscht ihre Zunge über die Lippen wetzte. »Weshalb rühmt man den schweifenden Raubgesellen gleich einem Helden? Besitzt das Volk keine würdigeren Heroen?«

Die Königin schien ernsthaft verletzt, daher war es wohl nur Zufall, daß sie sich dabei prüfend den schweren Stoff über ihrer Hüfte glättete. Der Kanzler aber beugte sich zustimmend vor, er wickelte die langen gelben Beine wurmhaft umeinander und rollte zugleich das Staatsdokument zusammen.

»Verzeiht, Herrin,« versuchte er die Verstimmte vorsichtig zu belehren, »wer lange lebt, der weiß, wie Recht und Unrecht, Gewalttat und Heldenstück keine eigentliche Farbe strahlen. Vielmehr kommt es immer darauf an, woher das Licht auf sie fällt. Und was zudem diese Haufen da draußen angeht, so besitzen sie Freibriefe von Rostock und Wismar, sind daher als kriegführende Macht anerkannt. Meint Ihr wohl, die Condottieri Eurer italienischen Vettern mit ihrem zusammengelaufenen Gesindel seien besser? Auch halten ihre Admirale Störtebecker und Gödeke Michael unerbittliche Manneszucht und haben sich überdies den Titel ‘Mehrer des Rechts’ zugelegt.«

»Auch das noch,« zürnte die Fürstin und vollführte eine hochmütige Handbewegung. »Wißt Ihr vielleicht auch, Herr Henning von Putbus, woher die Hauptleute jene göttliche Bestallung erlangt haben?«

Das Unterste war in der Frau gereizt, ihr tief verborgener Stolz auf ihre uralte Heldenabstammung; die Tochter Waldemar Attertags reckte sich, von der hohen Stirn leuchtete ihr eine unbeschreibliche Abgeschlossenheit.

Da nestelte sich das dürre Gerippe mühsam zusammen, wankte und schwankte auf seine Gebieterin zu, und es lag die merkwürdige, beinahe hämische Furchtlosigkeit eines Überalten, dem Tod bereits Befreundeten in seiner blechernen Stimme, als er der höchsten irdischen Gewalt fast warnend ins Ohr hauchte:

»Göttliche Bestallung, Margareta? Kindlein, Kindlein, hat man die Hand schon gesehen, die Euch eine solche aus den Wolken herabreicht? Nun wohl, es genügt, wenn Ihr Erwählte sie spürt. Aber es gibt noch eine andere Bestallung. Die wird vernommen, die schreit nach Brot, bäumt sich gegen Druck, seufzt mit Knechten und Leibeigenen – – «

»Hör auf,« rief die Königin betroffen, die plötzlich wieder völlig der Erde gehörte und ganz genau begriff, daß sie ein armes, ausgesaugtes Volk zu leiten hätte, Bürger und Bauern, die noch vor ein paar Jahrzehnten aus angeborener, verbitterter Gemütsart nichts als schwarze Trauerkleider getragen. »Schnell, Herr Henning, welchen der Condottieri wollt Ihr mir bringen?«

»Meidet den Michael,« riet der Reichshofmeister bestimmt, und über sein verschrumpftes Antlitz breitete sich der Abglanz von List und Weltkenntnis, »laßt ihn beiseite. Ein kühler, wortkarger Mann – ein Rechner und Überlegter, der nie eine Dummheit begeht. Solche Menschen taugen nicht für Frauenüberredung. Wählt den anderen, wählt den Störtebecker.«

»Was ist das für einer?« fragte die Königin unbefangen.

Die beweglichen blauen Augen des Kanzlers tasteten noch einmal über die aufgerichtete Frauengestalt. »Ein Flackerfeuer,« entschied er sich endlich. »Alles an ihm ist Glanz, Pracht, Abenteuer und Überraschung. Die Einbildung seiner Leute hängt an ihm. Und was gilt's, in seinem eigenen Hirn strahlt beständig ein Regenbogen. Wer weiß, eine königliche Frau wie Ihr könnte ihn weit verlocken.«

Um den breiten Mund Margaretas wollte ihr einfangendes Lächeln gleiten, da begannen aus der Stadt auf einmal dunkle und helle Glockenwogen zu schwingen, und im gleichen Augenblick senkte die Fürstin ihren Blick auf den Estrich, faltete die Hände und entschied ruhig:

»Nun wohlan, Euer Wille geschehe. Morgen nach der Messe wollen wir den Hauptmann empfangen. Sorgt für ein würdig Geleit. Und vergeßt nicht, wie Eure Freundin wieder einmal eine Stunde der Demütigung auf sich nimmt. – Geht!«


In der Admiralskajüte auf der »Agile« ging es hoch her. Der Fürst des schweifenden Volkes gab dort seinen berühmten oder berüchtigten »Umtrunk«, und der Reichshofmeister, der gekommen war, um die Einladung seiner Königin zu überbringen, mußte immer von neuem an sich halten, damit er nicht dem fremdartigen Zauber der Umgebung unterliege. War das etwa einer der engen, dumpfigen Kästen, die sonst tief unten im Bauche auch der geräumigsten Schiffe zur Behausung von Menschen benutzt wurden? Nein, bei allen Heiligen, hier hatte ein kühner, ausschweifender, berauschter Sinn aus allen Winkeln der Erde das Erlesenste zusammengetragen, damit es fortan dem Ergötzen, der Wollust und der prunksüchtigen Ruhmbegierde eines ungebändigten Geistes diene. Noch einmal vor seinem Aufbruch, dem er längst begehrlich zudrängte, musterte der dürre alte Mann, der auf seinem hohen, brokatgepolsterten Stuhl, schwächlich zur Seite geneigt, mehr hing als saß, all den verschwendertollen Reichtum dieses kleinen, durchaus nicht niedrigen Saales. Und der selbst begüterte und verwöhnte Adlige mußte sich zwingen, von all jenen bunten Teppichen, köstlichen Schränken, Truhen und blitzendem Gold- und Silbergerät sich wieder zurückzufinden zu den fünf Männern, mit denen er an dem festen Tisch den Abendtrunk teilte. Es hielt schwer, sich eines nüchternen Endzwecks bewußt zu bleiben. Grünblaue, flämische Wirkereien stellten an den Wänden das Leben des Achill dar, und überall, wo sie zurückgeschoben waren, drängte sich wuchtiges Tafelwerk hervor, regelmäßig und erhaben in Felder eingeteilt und wuchtig aus dem dunklen Grunde herausgearbeitet. Ruhebetten und golddurchwirkte Kissen in allen Ecken; und mitten von der Decke schaukelte eine mächtige Eisenlaterne, in deren Hornblenden anmutiges Nymphenspiel geschnitten war. Verschwommen und dämmernd fiel der gelbe Schein aus der Höhe herab. Das Besondere aber verliehen diesem fürstlichen Raum die vier bunten Fackelstandarten, die an den Enden der Eichentafel angeschraubt waren. Hell und blitzend funkelte hier das Licht der Öllämpchen aus den seltenen venezianischen Gläsern heraus und streute kringelnde, unbestimmte Farbenflecke auf die ungleichen Zecher. Dazu hüpfte vom Verdeck des Schiffes eine feine Musik über die Stufen der breiten Treppe, denn die Flötenbläser und Harfenisten der Freibeuter begleiteten von oben her die Freuden ihrer Gebieter unermüdlich mit Tanz und Reigenspiel.

So hatte es der junge, schöne, stets alle Sinne blendende Admiral gewollt, und deshalb betete das schweifende Volk ihn an, mehr wie jeden anderen, weil er die lichte Vollendung bildete ihres eigenen, aus allem Herkömmlichen herausgefallenen, auf- und abschwankenden Abenteurerdaseins.

Nimmer konnte der Drost seine Aufmerksamkeit ablenken von der hohen geschmeidigen Gestalt des Wirtes. Wie der etwa dreißigjährige, von schwellender Gesundheit durchflutete Mann ihm in dem rotseidenen Prachtwams gegenüberlehnte, die linke Hand spielerisch auf einen winzigen Dolch gestützt, während die rechte in malender Bewegung von Zeit zu Zeit seine meist leidenschaftlich hervorgestoßenen Sätze begleitete, da mußte sich der abschätzende Beobachter gestehen, daß Sage und Gerücht die Anmut, ja, den Zauber dieses gefährlichen Seelenfängers eher unterschätzt hätten. Die flammend schwarzen Augen sprühten jedem Genossen eine heitere unbekümmerte Wärme ins Herz, auf der hohen Stirn wechselte bald ein unnahbarer Stolz mit blitzender Gedankenarbeit, und das braune Lockenhaar zitterte oft, wenn die eigene Bewegung den Admiral fortriß.

»Ob dieser strahlende, selbstbewußte Condottiere, dem die Natur bereits einen unsichtbaren Fürstenhut auf das Haupt gedrückt, nicht doch ein gar zu überlegener Gegner für das leicht entzündete Weib in dem Schloß da droben ist?« dachte der Drost, mit sich kämpfend. Und wieder schob er den Becher unberührt von sich und machte Miene, das schon zu lang fortgesetzte Gelage zu endigen. Sein Gastgeber aber fing jene Gebärde ungläubig auf und winkte lebhaft abwehrend mit beiden Händen.

»Nichts da, hochedler Herr,« widerstrebte er mit einer leichten Verneigung, und seine Stimme lachte und lockte, als ob er zu einem schönen Weibe oder mindestens zu einem geschätzten und verehrten Lehrer spräche. »Ihr tatet meinem Weine bisher wenig Ehre an. Mustert ihn besser. Gesteht, glitzert er nicht in seinem silbernen Grund, als ob wir ein Stück Sonne aus Eurem Meere aufgefischt hätten? Es ist Ingelheimer, Herr Drost, und man sagt, Carolus Magnus habe die ersten Reben gepflanzt. Kommt, der Geist des großen deutschen Mannes ist mir nicht zu schade, das Wohl Eurer königlichen Frau zu feiern.«

»Recht – nicht zu schade – wollte auch geraten haben!« schluckte der Kriegsoberst Konrad von Moltke und rieb sich emsig seine glühende Hakennase, da er in ihr bereits ein verdächtiges Jucken spürte. Er war von dem Kanzler mitgebracht worden, um dem Störtebecker bei dessen berüchtigten Trinkgelagen Widerpart zu leisten. »Gebt her, Schelme! – Ingelheimer – Carolus Magnus soll leben.«

»Wir danken,« fiel hier der Kanzler, erschreckt über die Grobheit des Kriegsmannes ein und rückte sich mit einem leisen Seufzer zurecht, um an dem Becher mit dem vielgepriesenen Wein zu nippen. Innerlich jedoch war ihm jede Zecherei ein Greuel, da sie sein Gallenleiden bissig aufregte. Daher sammelte er sich und sprach überlegt und zu seinem Zwecke weiter: »Unsere erhabene Majestät von Dänemark schätzt die Herren sehr.«

Bei dieser Stelle lächelte der junge Admiral in dem roten Wams überaus höflich. Zugleich aber fuhr sein dunkles Auge blitzschnell und Einverständnis heischend über die wettergebräunten Gesichter seiner Genossen, bis es haften blieb an dem schmalen, feinen Jungfrauenantlitz des Hauptmanns Wichmann. Der hatte sein Kinn auf einen langen Hieber gestützt, und der Schimmer der Laternen glättete ihm weich die seidigen Blondhaare. Allein, wer genauer zusah, der merkte, wie dem Zwerglein inzwischen die Schläfen ergraut waren und wie ihm auch in die Stirn eine Silberlocke hing, gerade über der breiten Narbe. Niederträchtig zuckte es ihm in den zwiefarbigen Augen, als er auf die sanfte Einleitung des Kanzlers ebenso friedfertig, und ohne seine Lage im geringsten zu wechseln, gleich einem artigen Kinde erwiderte:

»Sapienti sat, Herr Reichshofmeister. Wir sind überzeugt, daß Frau Margareta uns sehr gewogen sein muß. Wie ja ein groß Gemüt stets dem gefährlichen Gegner huldigt. Man denke nur an die Troer und Griechen, die sich auch liebreich bei Gesandtschaften bewirteten. Nicht wahr? Zudem,« schloß der Kleine milde, »wandelt Frau Margareta vor aller Augen in den Spuren des Christus und deshalb bietet sie auch die linke Wange zum Backenstreich, obschon die rechte bereits geschlagen wurde.«

»Nun, Ihr irrt Euch,« wollte der alte Hofmann seinen gerechten Unwillen über die Frechheit dieses ausgerissenen Magisters bezwingen, da mischte sich zum offenen Entsetzen des Kanzlers eine grelle, kreischende Stimme in den bereits unterirdisch zischenden Disput, und der Kriegsoberst Moltke bellte durch seinen grünen Weinnebel hindurch, gleich einem bissigen Dorfköter:

»Wer redet hier von Backenstreich? Will jemand Margretlein an den holdseligen Leib? Er melde sich. – Ich sage, er melde sich.« Da jedoch niemand der Aufforderung Folge leistete, so schlug sich der Betrunkene völlig verworren auf sein hellrot feuerndes Beindach und brodelte halb klagend: »Ihr Hundesöhne, ihr Spitzbuben – ich wollte euch ja lieber – – «

»Die Schädel einschlagen,« ergänzte Hauptmann Wichmann sanft.

Hier folgte das ruhige überlegene Lachen eines einzelnen Mannes, und es wurde doppelt wirksam, weil die anderen halb gespannt und halb verlegen die Unterhaltung eingestellt hatten, während dem Kanzler der helle Angstschweiß aus der verschrumpften Greisenstirn perlte. Der Mann aber, der so gelassen sein Verständnis für die geheime Sehnsucht des dänischen Kriegsobersten bekundete, er saß dem Trunkenen auf einem derben Schemel gerade gegenüber und hieß Gottfried Michaelis oder im Volksmund Gödeke Michael. Wie er der einzige war von seinen Gefährten, der zum Empfang der vornehmen Gäste kein Prachtgewand angelegt, sondern gleichgültig das braune Lederwams seines Berufes trug, so hatte er auch bis jetzt in einem kargen, beobachtenden Schweigen verharrt. Keine Bewegung störte die Ruhe seiner breitbrüstigen Gestalt, und in seinem ehernen, düsterblond umrahmten Antlitz zeigte sich weder Teilnahme noch Abwesenheit. Etwas streng Abgeschlossenes beherrschte diesen Menschen, und der Kanzler erriet sofort, daß der Schweigsame nur seinen eigenen Gestirnen zu folgen gewohnt sei. Nun löste der Kräftige die Verlegenheit auf eine ungekünstelte und natürliche Art. Ohne Mühe hob er die gewaltige Silberkanne, seinem Gegenüber neuen Trunk einzugießen.

»Ihr habt recht, Herr,« stimmte er dabei im Ton eines redlichen Zeugen zu. »Welcher Fisch lernt auf sein Alter noch in Milch schwimmen? Als wir bei Wisby aufeinander stießen, da haben wir uns besser verstanden.«

»Ecco,« erwiderte der Totenschädel, riß seine Fischaugen auf, und eine schwefelnde Erinnerung überkam ihn, »diavolo barbuto, damals, Herr, hab ich Euch eine Fracht Bier und zwei Last Weizen genommen. Gut – gut – Herr, freut mich, daß Ihr endlich das Maul auseinander bringt. Wann treffen wir uns wieder, Herr?«

Schwankend streckte er dem Ledernen die Rechte über den Tisch. Der schüttelte sie ihm derb.

»Wartet,« versicherte er kaltblütig. »Die stillen Tage gehen vorüber. Friede ist ein flüchtig Wort.«

»Wahr – wahr,« jammerte es vom unteren Ende der Tafel aus einer dumpfen, zerknirschten Kehle, und ein paar fleischige Hände begannen die Perlen eines Rosenkranzes krampfhaft gegeneinander zu werfen. »Friede halten nur die unschuldigen Engelein. Oh, du wonnige Jungfrau, oh, Ihr gebenedeiten Nothelfer, warum mußte ich den frommen Bischof Tordo von Strangnäs nackt in den Schnee jagen? Oh, die Kreatur ist böse von Grund aus.«

Ein aufgeschwemmter, stiernackiger Graukopf war es, der so gewohnheitsmäßig seine angebliche Qual herleierte. Gemeinheit wohnte in seinen plumpen, verschwollenen Zügen, und seine leeren blauen Augen zwinkerten unter den struppig herabhängenden Haaren oft in scheuer Hochachtung zu seinen Genossen hinüber, als wenn er nicht verstünde, wie er bei seiner Unbildung und Bäuerlichkeit unter die glänzenden Anführer geraten sei. Dies war auch schwer zu begreifen, denn Hauptmann Wichbold stellte nichts anderes vor als einen gewöhnlichen Buschklepper, einen Strauchdieb, dem kein Verbrechen zu abschreckend, kein Diebstahl zu gering galt, vorausgesetzt, daß er hinterher seine jammervolle Seele durch ein paar hundert Paternoster beruhigen konnte. Kunstgerecht schnitt er jede Kehle ab, indem er dabei seinem Schutzpatron gebührenden Anteil gelobte. Darum wurde der wehleidige und zugleich heimtückische Patron von seinen Gefährten und namentlich von den beiden Admiralen auch nur mit äußerstem Widerstreben geduldet; allein der wüste Mensch war ihnen nun einmal von dem großen Haufen gestellt worden, halb als Beobachter, weil die dunkle Masse den politischen Plänen ihrer Befehlshaber nicht völlig traute, und halb als Hemmnis und Bleigewicht, um die hochfliegenden Pläne der Führer immer wieder auf sein eigenes erbärmliches Raubgelüst zu erniedrigen. Schon seine Gegenwart gereichte den anderen, gerade wenn sie sich am hochgestimmtesten als Bildner einer neuen Weltordnung fühlen wollten, zur düsteren Mahnung, auf welchen Grundsteinen sie die Halle ihres Gerichts zu erbauen strebten.

»Oh, des Elends,« heulte der aufgeschwemmte Wichbold noch einmal in seinen Becher hinein, »die wir nicht Ruhe noch Gesetz halten können.«

Seine Kranzkugeln klapperten wie knirschende Zähne aufeinander.

Bei alledem wurde dem Reichshofmeister himmelangst. Er hatte wohl die Einladung seiner Herrin überbracht und in allerlei seinen Andeutungen durchschimmern lassen, wie die Fürstin namentlich an dem Besuch des Störtebecker Gefallen finden würde. Allein bis jetzt hatte er weder von den anderen, noch von dem jungen Admiral irgendeine bindende Zusage erhalten, und allmählich gewann der feinfühlige Alte den Eindruck, als ob sich die Befehlshaber dieser gewaltigen Seemacht von dem eben geschlossenen Frieden durchaus keinen besonderen Vorteil versprächen. Auch darüber hinaus witterte er einen ihm noch verborgenen Widerstand gegen die Verhandlungspläne seiner Königin. Hier galt es, den Zaudernden rasch und reizvoll glühende Zauberfrüchte vor die Augen zu malen. Schmatzend, als ob er etwas Köstliches auf der Zunge spüre, begann er von neuem zu schmeicheln:

»Die Königin hat mit Wohlgefallen die große Flotte der freien Beherrscher des Meeres betrachtet.«

»Margretlein,« lallte hier Kriegsoberst von Moltke bestätigend dazwischen, der nach Art der Trunkenen sich zu strengster Deutlichkeit verpflichtet wähnte.

Als Antwort strich Gödeke Michael an seinem Lederwams herunter.

»Das freut uns,« erwiderte er mit seiner undurchdringlichen Miene. »Wir haben ihr zu Ehren ein Geschütz gelöst. Sonst kommen wir, um Euren Gefangenen, den König Albrecht, abzuholen.«

Das war nun wieder ein anstößig Kapitel. Gar zu leicht konnte die Erinnerung an den eben erst abgeschlossenen Waffengang aufleben, auch sonst schätzte der Kanzler keineswegs das Gedächtnis der sieben mageren Jahre im Turm zu Lindholm, deshalb zuckte er kaum merklich die Achsel und sprach mitleidig weiter:

»Wie gönne ich ihm seinen Ruhesitz in Mecklenburg. Der arme, schwache, redselige Mann. Ihn hat das schmerzlichste Los getroffen. Nicht einmal Euch, seine treuesten Freunde, konnte er belohnen.«

»Wir brauchen ihn nicht,« rief hier Claus Störtebecker fröhlich, der bis dahin leicht zurückgelehnt all die vergeblichen Bemühungen des alten Fuchses mit seinem feinen, erkennenden Lächeln begleitet hatte. »Bemüht Euch auf das Verdeck der ‘Agile’, hochedler Herr, und Eure Erlaucht können leicht meine Mannschaft singen hören.«

Und der Admiral sang selbst:

»Die Schwarzflaggen laufen in Wind und Wettern,
Sie stehen in keines Menschen Sold,
Sie fahren aus auf Pech und Brettern
Und kehren heim auf eitel Gold.«

»Vortrefflich, auf eitel Gold – freilich – «

Das dürre Gerippe stutzte. Es befremdete ihn höchlich, auch diesen jungen, von fürstlichem Anstand geleiteten Seehelden so obenhin über Raub und Brandschatzung urteilen zu hören. Denn seine nicht geringe Menschenkenntnis suchte hinter jener hohen, wetterleuchtenden Stirn noch eine andere, eine höhere Weltauffassung. Trotzdem ging er auf den leichtsinnigen Ton ein.

»Freilich,« grinste er aus dem Gewirr seiner Furchen heraus, während er seinen Blick all die auffallende Pracht noch einmal kosten ließ, »man sieht's. Es verbirgt sich nicht. Nur schade,« schnellte er einen bösen Pfeil möglichst harmlos hinterdrein, »Eure Freibriefe erlöschen mit dem geschlossenen Frieden.«

»Unser Recht beruht nicht auf Schreibwerk,« beharrte Gödeke Michael fest.

»Auf was sonst, wenn es Euch beliebt?« griff der Drost diesmal schnell nach.

Da loderte es auch in den schwarzen Augen des Störtebecker grell auf. Ein Windstoß von Wildheit fuhr über das eben noch so strahlende Antlitz. Es war, als ob ein Blitz in einen Garten geschlagen hätte.

»Auf dem Unrecht der anderen,« rief er hell.

Wem gehörte die Stimme, die jedem Lauscher das Innerste erwühlte? Die Drommete eines fernen, hellseherisch verkündeten Gerichts schmetterte aus dieser Inbrunst. Und siehe da, die wenigen Worte klammerten sich wie ein Ring um den kleinen Kreis. Selbst der Trunkene horchte auf. Dem Kanzler aber wurde unheimlich. Das beängstigende Vorgefühl, in eine rätselhafte, noch nicht entschleierte Entwickelung geworfen zu sein, ergriff den Alten plötzlich, ja, seine aufgejagten Greisensinne wurden unvermutet durch die Vorstellung gepeinigt, er sei dazu verurteilt, wider seinen Willen das Brodeln des ehernen, von grauen Mächten gehüteten Kessels zu belauschen, in dem Weltwenden und Völkerschicksale gleich platzenden Blasen durcheinander tanzten. Nein, dazu war er schon zu alt, dergleichen mochten seine triefenden Augen nicht mehr schauen. Fröstelnd schüttelte sich das Gerippe und dankte Gott im stillen, als es zu bemerken glaubte, wie die Züge des jungen Admirals gleich darauf wieder von der alten Heiterkeit erhellt wurden. Seufzend und mit einem letzten Versuch zog der unermüdliche Hofmann eine neue Saite auf seine vieltönige Geige.

»Ich will die Herren weder überreden noch bestimmen,« sagte er, ganz als ehrlicher Freund und Berater, »da sei Gott vor. Aber mein Herz bedrückt es gleichwohl, wenn ich ermesse, zu welch wertvollen Leistungen ein solch herrliches Werkzeug erkoren sein könnte, sobald es einem sicheren Gesetz oder einer anerkannten Macht dienstbar wäre.«

»Erspart Euch das,« weigerte sich hier Gödeke Michael streng, und aus seinen eisenblauen Augen traf den Alten ein finsterer Blick. »Wir folgen trotz alledem einem Gesetz. Einem so unerbittlichen, daß Ihr die einzelnen Artikel nicht ertragen würdet.«

Der Drost nickte wehleidig. »Mag sein,« redete er halb in Angst und doch von seiner Aufgabe beherrscht weiter, »allein die Umwelt und die gewordenen Verhältnisse, auf denen allein ein gutes Gewissen sorgenlos ruhen kann – «

»Alter Herr, sang Euch die Amme dies spaßige Märchen?« schoß das blonde Zwerglein bissig dazwischen.

Mühsam überhörte der Drost auch diesen Einwurf, um unter immer stärkerem Unbehagen fortzufahren:

»Ihr werdet nicht leugnen, das Bestehende kann sich in Eure Sitten nicht recht hineindenken. Dazu hängt es zu fest an erprobten alten Geboten, die ihm allerlei Unersetzliches verbürgen.«

Der junge Admiral schnitt mit der Hand durch die Luft.

»Erbe und Besitz, Truhenschatz und Pergamentvorrechte, adlige Bettpaarung und Gotteswort für die Armen,« half er mit seiner verwirrenden Liebenswürdigkeit ein. »Davon wollt Ihr sprechen, nicht wahr?« Es klang beinahe gutmütig.

»Das auch – gewiß – das ist für den Bürger der Ausgangspunkt vieles Guten. Allein ich dachte auch an etwas Höheres. Verzeiht mir – aber wie schwer muß auf euch allein des heiligen Vaters Fluch und Bann drücken!?«

Noch war das Bedenken nicht ganz erhoben, als der Kanzler sich auch schon völlig verständnislos umblicken mußte. Ein schallendes Gelächter wälzte sich um die Tafel, und nur der dicke Wichbold schlug weinend vor Gram und Trunk seine fleischigen Hände zusammen, dazu stöhnend:

»Oh, ihr vermaledeites, heilloses Volk – lacht nicht, lacht nicht über Pein und Fegefeuer! Warum mußte ich den Bischof Tordo von Strangnäs an den Seen von Stockholm niederwerfen? Bis aufs Hemd hab' ich den heiligen Mann ausgezogen. Ein kostbar seiden Hemd, wie es die Frauen tragen! Und jetzt, alter Mann, jetzt verzehrt der Frost meine eigene Seele. Ich klappere mitten im Sonnenschein, denn ich allein bin schuld, daß sich uns keine Kirchentür mehr öffnet. Ach, ich verirrte, armselige Kreatur, ich!«

Sein dickes Heulen und Schmatzen verlor sich in dem Schlund des Bechers.

Voller Abscheu, verächtlich sprang der junge Admiral zur Höhe. Aber noch immer wetterte ein Abglanz des wilden Lachens um seinen feinen Mund.

»Habt Nachsicht,« entschuldigte er sich endlich vor seinem verblüfften Gast und schlang den Arm gefällig um eine der Fackelstandarten. »Ich weiß, ich hätte mir eher die Zunge abbeißen müssen, als solch einen verehrten Gönner durch unziemliches Lachen zu verletzen. Doch Ihr konntet nicht wissen, daß für uns gerade der römische Baalspfaffe zu jenen betrüglichen Gauklern gehört, in deren dunklen, die Welt verängstigenden Nebel wir unser rotes Fackellicht stoßen wollen. Alter Mann, sei ehrlich – meinst du wirklich, Völlerei, Lakenspäße, Mord, Ämterschacher und das durch Seelenverängstigung erlistete Scherflein der Witwe berechtigten zu dem schwindelnden Anspruch auf Priestervergottung? He, da seid Ihr gerade unter die Henker solch alter Lügen geraten.«

Er rüttelte an dem Schaft der Laterne, und seine breite Brust dehnte sich unter der rotseidenen Hülle, als er heftig hervorstieß:

»Ist's noch nicht genug, an der müden Schwächlingslehre selbst? Unsere Schuld und Fehle, das Eigenste, Heimlichste der Kreatur, einem anderen aufbürden, nicht wahr, so gefällt's Euch? Das nenne ich mir gar eine tapfere Kunst. Geht, seid Ihr fromm, warum sucht Ihr nicht Euren noch immer unbekannten Gott? Vielleicht, daß er Euch eines Tages begegne. Mitten in einer Sauferei oder im Bett einer Hure. Aber was tut Ihr? Ihr schlagt mit Keulen nach dem Geist, der von ihm strömt, weil er sich überall gegen Euch auflehnt. Geht – geht, faulende Gräber, geschminkte Heuchler.«

Claus Störtebecker wandte sich und schritt hochaufgerichtet durch den weiten Raum, bis dahin, wo an der getäfelten Wandung bereits dunkle Schatten auf und nieder schwebten. Leicht konnte man meinen, daß der Gastgeber hiermit die Tafel aufhöbe. So faßte es wenigstens der dänische Reichshofmeister auf. Der Unterkiefer war ihm herabgesunken, der alte Mann konnte sein Staunen über die empörerische Kühnheit der eben vernommenen Ansichten noch immer nicht mäßigen. Zwar dachten zu jener Zeit viele erleuchtete Köpfe ähnlich, aber der Aufruhr wagte sich gegen die feile Kirche vorerst nur in den Studierstuben hervor. Langsam schob der Drost seinen Stuhl vom Tisch und raffte seine lange Gestalt in die Höhe. Niederdrückend beschlich ihn dabei der Ärger, und er hing ihm förmlich an seinen schlaffen Wangen nieder, weil ihm, auf die ehrende Einladung seiner Fürstin, keine freundlichere Bereitwilligkeit gezeigt worden war. Ja, daß er im Grunde kaum mit halben Worten abgespeist, gleich einem aufdringlichen Zwischenträger wieder ans Land zurückgeschickt würde. Jedoch – um alles – nichts zeigen, nichts merken lassen. Auf seinen Wink hing ihm ein aufwartender Bursche seinen schwarzen Mantel um, und nachdem von dem Buben auch noch der Kriegsoberst Konrad von Moltke seinem Schemel entrissen war, was freilich nicht ohne allerlei Faustschläge ablief, da schickte sich der dürre Drost äußerlich unverändert, zu innerst jedoch verletzt und beleidigt, zum endgültigen Abschied an.

»Habt Dank,« knickte er gegen die schweigende Runde zusammen, obwohl sein Blick noch immer die abgewandte Gestalt des jungen Admirals suchte. »Ihr habt uns aufgenommen, wie es eurer Macht und eurem Wohlstand geziemt. Mein Zweck, euch kennen zu lernen, ihr Herren, ist damit erfüllt. Auch werde ich reinen Mund halten über das, was ihr mir des Fürderen über eure Feindschaften und Widersetzlichkeit enthüllt. Zudem, ich bin ein guter Christ und habe die gefährlichen Schwarmschriften des Oxforder Professors,[[*]] nicht so gründlich studiert wie ihr – «

[[*]] Wiklif, ein Vorläufer von Hus und Luther.

»He, hochedler Herr, säumt noch, ich zeigte Euch gern lieblichere Schreibereien,« unterbrach aus der fernen Ecke die lachende Stimme des Admirals. Und ohne sich an die Einwilligung seines Gastes zu kehren, schleuderte der schlanke Befehlshaber mutwillig aus einer geräumigen Truhe ein mit Leder und bunten Steinen besetztes Buch nach dem anderen auf den Teppich. »Seht, würzigstes, römisches Gewächs. Ihr müßt wissen, ich ward der Erbe des Bischofs von Strangnäs, den unser lieber Genosse so trostlos beweint, obwohl er ein Wucherer und Leuteschinder war. Und was las die demütige Stola? Ein guter samthäutiger Geschmack, kann ich Euch versichern. Hier, Liebeslieder des Petrarca an Donna Laura. Ein vollbusiges, olivfarbenes Weib, Euer Erlaucht. Etwas für stille, verschwiegene Leute. Und dort noch besser – Geschichten des Boccaccio an Fiametta. Oh, genießt das, da knistern alle Bettpfosten, da fliegen Euch die Frauenzimmer scharenweise in die krachenden Arme, da speien die Ehestuben und Gesindekammern ihre Köstlichkeiten aus. Und die Mönchskutten flattern dazu im Takt. Nehmt, nehmt, Herr – dieser Deckel sei mein Gastgeschenk. Ihr müßt Euch darin unterrichten, denn Ihr seid der Dienstmann einer Frau.«

Versteint, sprachlos stand der Drost, seine triefenden Augen wölbten sich vor Angst und quollen ihm aus den Höhlen, da er die Schrift sich gewaltsam in die Finger gedrückt fühlte.

Der Admiral aber legte ihm sanft die Hand auf die Schulter, blitzte ihn mit seinen schwarzen Augen an und sagte tröstlich:

»Haltet mich nicht für verwirrt, hochedler Herr, ich wollte Euch nur weisen, wie wir schweifenden Leute auch die Strömungen auf dem Lande kennen. So mag ich Euch auch nicht länger ängsten. Meldet mithin Margareta meine Ehrfurcht, und morgen nach der Messe will ich vor ihr erscheinen.« Und bedeutsam und plötzlich in eine andere bisher sorgsam verschleierte Gedankenwelt zurücktauchend, setzte der Admiral geschlossenen Auges hinzu: »Gebe ihr Stern, daß sie mich verstehe.«

Er wachte auf, blickte wie erstaunt auf seine lauernden Gefährten, wechselte den Ton und rief laut:

»Gehabt Euch wohl, hochedler Herr, und sorgt nicht um Euren Abzug. Den Kriegsobersten lasse ich die Treppe hinauftragen.«

[II.]

Das Glöckchen der Kapelle läutete noch sacht, da knarrte das Tor in der roten Schloßmauer, und über den hölzernen Pfad der Brücke bewegte sich ein Zug von unerhörter, einzigartiger Pracht. Draußen vor den Wällen blieb ein dichter Schwarm zusammengelaufenen Volkes zurück, der winkte dem einziehenden Freibeuterfürsten mit Tüchern und hocherhobenen Händen unermüdlich seine Grüße nach. Denn das arme Volk liebte jene streifenden Gesellen, von denen es um billigen Preis Lebensmittel, Kleidung und Zierat aus fremden Ländern einhandelte. Und es billigte auch das seltsame Freigericht der Seefahrer, weil der Übermut seiner Großen davor zitterte. In einer rechtlosen Zeit bildeten diese Urteile ein letztes märchenhaftes Wunder, beinahe wie die Tröstungen der Religion.

Im Schloßhof glitzerte es. Den Sonnenstrahlen sprangen Lichtfunken aus einem Goldharnisch entgegen. Kein rechtmäßiger Völkerhirt, noch weniger ein Untertan hatte jemals in solchem, an Wahnwitz streifenden Glanz diese Stätte betreten.

Hinter ihrem Fenster beugte sich Königin Margareta vor. Obschon sie bereit war, etwas Außerordentliches zu erleben, so ließen die Schönheit des wilden Prunkes sowie die ragende Würde und die schlanke Stattlichkeit des bestaunten Besuchers ihre Spottlust zuvörderst verstummen.

Langsam und wie um einen dort hängenden Traum abzustreifen, fuhr sich die Frau über die ganz von Licht und Blitz erfüllten Augen, und ihre Stimme klang weniger klar als sonst, da sie sich zu ihrer mädchenhaften Gefährtin kehrte, die allein mit ihr den engen Raum des Arbeitszimmers teilte. Es war die einzige Hofdame, die die Fürstin sich ebenbürtig wähnte, denn Gräfin Linda von Ingerland entstammte einem norwegischen Urgeschlecht, von dem schon die Lieder der Edda sangen. Gott Thor selbst hatte ihrer Sippe einen roten Hammer als Zeichen seiner Gunst in die Schwelle geschlagen.

»Sieh dort, meine Tochter,« wies die Regentin unsicher, und es schien, als ob sie sich durch Menschenworte selbst zur Besinnung bringen möchte, »der kurze purpurblaue Waffenrock. Wie er von Gold starrt! Und welche Königsgestalt,« zögerte sie weiter. »Ich sah nur einmal einen Mann in gleicher Rüstung, König Wenzel zu Prag. Aber der war kurz und dick,« besann sich ihr abschätzendes Urteil sofort.

Doch das blonde Mädchen wurde von keiner Neugier erregt. Frostig, abweisend griff es nach einem langen schwarzen Kreuz, das über seiner weißen Gewandung nonnenhaft herabhing. Die Bewegung schien geeignet, einen nahenden Spuk zu vertreiben.

»Was kümmert es uns,« entgegnete sie, wie eingehüllt in das starre Leichenhemd einer Heiligen, »woher der unselige Mensch seinen Schmuck geraubt hat?«

»Nicht so.« Die Fürstin hob ihr kluges Haupt. Sie war nicht länger einverstanden mit dieser herben Verurteilung, seit ihr mannslüsterner Blick auf dem strahlenden und blitzenden Seefahrer dort unten geruht. Jener kam vielleicht, um ihre Macht zu mehren, und dann war es in ihre Hand gegeben, Sünde in Tugend, Verbrechen in Staatsnotwendigkeit zu kehren. »Nicht so, mein liebes Kind,« belehrte sie nachdenklich, jedoch mit ihrem gütigen Lächeln, »dein frommer Abscheu führt dich zu weit. Überhaupt, gib acht, daß sich deine Himmelssehnsucht mehr mit Demut nach unten mische.«

Die Fürstin hatte vielleicht schon vergessen, was sie eben geäußert, denn ihre ganze Aufmerksamkeit war auf drei riesige Matrosen gerichtet, die hinter ihrem Gebieter eine breite, ganz in einen Teppich gehüllte Tafel auf ihren Schultern schleppten.

»Womöglich ein Gastgeschenk,« riet Margareta zwischen Spott und Begierde.

Über die Wangen ihrer Dame jedoch hatte der Vorwurf eine flüchtige Röte gejagt.

»Du tust mir Unrecht, Königin,« verteidigte sie sich in stolzer Haltung, »mein Sinn steht, wie du weißt, nach dem Kloster. Das Erdenleid mit seinem Weh und seiner Ungerechtigkeit jagt mich von hinnen.«

Auf den Treppen knirschten Tritte. Das leise Klingen einer Rüstung zitterte hindurch.

»Gut – gut,« wandte sich Margareta hastig zurück und strich prüfend an ihrem engen grünen Kleid herunter, »darüber, meine Linda, sprechen wir, wenn du mannbar geworden. Und jetzt – ich will dir nicht zumuten, eine Luft mit einem von dir Verachteten zu atmen. Du bleibst nur bis zu seinem Eintritt, damit ich nicht unbegleitet erscheine. Dann« – sie lehnte sich erwartend an den Tisch – »will ich allein sein, und niemand soll unsere Zwiesprach stören.«

Verstummt verneigte sich die Hofdame. Der Vorhang teilte sich, und ein blauberockter Wäppner trat ein. Breitbeinig meldete er: »Nikolaus Störtebecker, Königin, bittet um deine Gunst. Er nennt sich Admiral und Mehrer des Rechts.«

Eine Sekunde wollte ein bitteres Lächeln um den breiten Mund der Regentin fliegen, fast verlegen streifte sie die unbewegliche Gestalt ihrer Hofdame, dann jedoch entschnürten sich ihre Brauen, und herablassend nickte sie:

»Er ist willkommen.«

Gleich darauf stand der Admiral den beiden Frauen gegenüber. Ein Goldschimmer ging von ihm aus, ein Hauch von Jugend und Kühnheit umspielte den Hochaufgerichteten, und in dem dumpfen Gemach verbreitete sich etwas von der Freiheit und Majestät des Meeres. Unwillkürlich verlor die Königin das Gezwungene ihrer angenommenen Herrschergebärde, sie mußte sich jetzt wirklich kräftig auf den Tisch stützen, denn ihr war, als sei noch niemals ein solch Ungebrochener, deutlich von einem sichtbaren Stern Geleiteter vor sie getreten. Wortlos, ohne Zeichen, ohne Gruß fuhr sie fort, ihren Gast, der sie mit seinen braunen Locken weit über ein Haupt überragte, zu betrachten, seinen purpurblauen, von den Hüften an abgeschrägten Waffenrock, die goldgestickten Löwen darauf und den hohen Goldhelm in seiner Rechten, und erst, als sich der Admiral leicht und mit natürlicher Ehrfurcht vor ihr verneigte, gewann ihr breiter Mund das ihm geläufige Lächeln zurück. Halb abwehrend holte sie aus sich heraus:

»Du bist willkommen, Nikolaus Störtebecker.«

Völlig war ihr dabei entglitten, daß sie diesen gefährlichen Freibeuter als Admiral anreden wollte, auch vergaß sie, ihm nach ihrer Absicht gnädig die Hand zu reichen, so rückhaltlos war sie von einem kindlichen Staunen erfüllt. Nur eines bemerkte sie mit den unfehlbaren Sinnen der Frau, daß nämlich ihre Hofdame, die sich nach der Verabredung jetzt entfernen sollte, ungehorsam oder gezwungen mit ihrem weißen, hochmütigen Antlitz an ihrem Platz verharrte. Das blonde Mädchen hatte das schwarze Kreuz fest an ihre Brust gedrückt wie zur Gegenwehr gegen eine böse und sündhafte Macht. Allein auch Margareta hatte noch immer nicht das Bewußtsein ihrer Erdenhoheit zurückerlangt, sondern sie stand befriedigt als Zuschauerin eines nicht alltäglichen Schauspiels.

Inzwischen waren die so ungleichen Frauen auch von dem Admiral gemustert worden. Ein kurzer, scharfer, durchaus nicht verschämter Blick hatte das blonde Fräulein abgeschätzt, der Blick eines Übermütigen, der eine Ware rasch und ohne Umstände einzuhandeln gewohnt ist. Länger und prüfender blieben die dunklen Augen an der Fürstin hängen. Alles ohne knechtische Demut, sondern wie der Träger eines neuen, die Welt verändernden Gesetzes. Als aber die Stille beharrlich anhielt, da regte sich der Seefahrer entschlossen, so daß die langen Sporen an seinen goldgeringelten Schuhen einen scharfen Ton gaben. Ohne Erlaubnis abzuwarten, erteilte er seinen Dienern, die noch unter dem Vorhang harrten, einen gebieterischen Wink. Sofort wurde die noch verhüllte Tafel an eine leere Wand des Zimmers gelehnt. Dann verschwanden die Träger.

»Erhabene Frau,« begann nun der Störtebecker mit einer so hellen, schmeichelnden Wärme, daß es Margareta vorkam, als wenn die umgebende Luft ihren Hals mit weichen Händen zu streicheln anhöbe. Wohlig überließ sich die Frau jenem ungewohnten Schauer, Gräfin Linda jedoch schreckte zusammen, und ihre Züge nahmen plötzlich den Ausdruck einer bestürzten Feindseligkeit an.

»Erhabene Frau,« erklärte der Gast leicht gegen die Tafel weisend, »wer wagte ohne Fürsprach noch Geleit vor eine Fürstin zu treten, die von dem bewundernden Urteil ihrer Zeit die ‘Semiramis des Nordens’ genannt wird? Aber, oh Königin, mein Geleitsmann spricht nicht so laut und vernehmlich zu den Gekrönten als vielmehr sanft und bittend zu denen, die warmen, mitleidsvollen Herzens sind, und besonders zu euch, ihr milden, erbarmenden Frauen. Schau her, du kennst ihn.«

Ein rascher Griff in den Teppich, die Hülle fiel. War es ein Ausruf des Staunens oder des gottseligen Entzückens, der den beiden Überraschten das Herz sprengte? Vor ihnen, in einen geschnitzten Spitzbogen eingefaßt, milde aus einer üppigen Goldwand herausgewachsen, da hing der Erlöser an seinem Kreuz. Und unter der leicht geneigten Stirn suchten zwei tiefe schwarze Augen weit über die gemalten Zeugen, aber auch über die lebenden Beschauer hinweg ernst und dringend nach etwas Unauffindbarem! Die Augen wurden größer und öffneten sich immer weiter, je länger man ihre Frage aushielt. Rechts von dem Pfahl kniete eine Schar anbetender Mönche in faltenreichen, blaß leuchtenden Kutten. Jeder den Heiligenschein um das inbrünstige Haupt. Die göttliche Mutter kauerte vor dem Marterholz, sie hielt das Fußbrett umklammert und drückte ihre Lippen, unsägliches Leid verkündend, auf die blutigen Male. Auf der linken Seite trauerten die Jünger, angetan mit lichten blauen und roten Gewändern, und den Heiland selbst umschwebten in dem Goldhimmel kindliche Engelsgestalten, deren Leiber der Maler, um das Unirdische anzudeuten, von der Mitte an in Rauch und Wolken aufgelöst hatte. So aufreizend und betörend wirkte das Ganze, daß die Frauen ein haltloses Zittern befiel. Zum ersten Mal durchschlug jene nordischen Menschen das Wunder der Kunst, denn statt der gewohnten leblosen Gliederpuppen offenbarte sich ihnen Sterbliches und Göttliches, eingetaucht in die Qual und das Heilige des Alltags.

Und diese Erhabenheit spendete ein Seeräuber?

Die Königin wankte. Sie war leichenblaß geworden. Die mahnenden Augen hatten ihr Herz geöffnet, und in ihrem wallenden Blut brannte die Frage weiter, die der Menschensohn dort vom Kreuz in aller Einfalt an sie richtete: »Glaubst du mir wirklich?«

»Wer? – Wer hat das geschaffen?« stammelte die Regentin und warf, wie abwehrend, die Hände vor.

Aufmerksam stand der Admiral neben der Tafel. Auch ihn erregte das stürmische Drängen des Künstlers nach Wahrheit und Beseelung. Aber er war mit dem Eindruck zufrieden. Mit einer bezeichnenden Handbewegung erwiderte er:

»Du siehst, oh Königin, dies hat ein aufrührerischer Geist gebildet. Meister Giotto di Bondone zu Florenz, der sich auch nicht um altüberlieferte Satzungen scherte, sondern das Stückwerk und die Stümperei aller menschlichen Dinge kannte. Wo schaust du hier selige Verheißung? Verheißen ist uns allein Qual und Selbstbefreiung. Dort nur winkt unsere Auferstehung, Königin.«

Und erkennend, daß er bei der großen Bestürzung, die er erregte, noch mehr wagen könne, setzte er mit bewußter Grausamkeit hinzu:

»Du sollst wissen, ich selbst nahm dieses Bild aus einem sienesischen Kirchlein, das mir das dankbare italische Landvolk öffnete.«

Langsam ließ Margareta bei diesem Geständnis ihre Hand sinken. Sie starrte den kühnen Sprecher an. Alles um sie herum war ihr verwirrt. Plötzlich jedoch überraschte sie die Scham, weil ihr Niederbruch auch von einem anderen Weibe erlebt würde. Und von diesen widerspruchsvollen Empfindungen bestürmt, kehrte sie sich heftig gegen ihre Begleiterin. Verdeckt und erzürnt klang, was sie vorbrachte.

»Was ist das? Seid Ihr noch da, Gräfin? Wir danken Euch. Aber nunmehr bedürfen wir Eures Beistandes nicht länger. Ihr seid beurlaubt.« Und mit einer höfischen Handbewegung sprach sie die Entlassung aus.

Seltsam, in der stolzen Edelingstochter bäumte sich kein Widerspruch gegen die ungewohnte Behandlung. Ja, sie schien den Tadel kaum zu begreifen. Und doch – hinter der ruhigen weißen Stirn regte es sich um so wirbelnder, in den großen blauen Augen erfror ein offenes Grauen, denn das letzte, woran sich diese Einsame klammerte, drohte zusammenzustürzen. Wie? Ein Unseliger, Geächteter, tausendfach Gebrandmarkter bekannte hier frechen Tempelraub, und er stand doch in Gold und Seide gehüllt, übermütig und herrisch und dazu verwöhnt und gekost von den huldvollen Blicken einer Fürstin? Die wunderreinste Offenbarung wurde durch beschmutzte Hände gespendet, und zugleich das Tiefste und Ewigste der Lehre von grausamer Verachtung erschlagen? Die Verheißung wurde vom Himmel gezerrt, der letzte Trost aller Verlassenen? Nimmermehr – das durften aufrechte Bekenner nicht dulden. Aus der Bahn gerissen, jedoch noch bis zuletzt bestrebt, ihre gefaßte, ablehnende Haltung zu wahren, so schritt das frierende Geschöpf nach einer Verneigung dem Vorhang zu. Indes ihre Prüfung war noch nicht erschöpft, noch ärger sollte sie versucht werden. Ihr mußte es ein böser Blick angetan haben, denn unvermutet schlug es in sie ein, als ob die schwarzen, feurigen, ergründenden Götteraugen ganz in der Nähe auf ihr ruhten. Sie waren da, sie drängten sich an sie. Ihr weißes Gewand fühlte sich von ihnen durchbrochen, ihr Körper von ihnen angetastet, und jetzt, jetzt merkte es die Aufgestörte erst, der Mann in dem blauen Fürstenrock, der Seeräuber, der Gesetzesverächter, in ihm leuchteten jene heilig-unheiligen Erdensohnaugen nur schamlos und gemein auf sie nieder.

Da verkümmerte ihre Selbstbeherrschung, verwundet raffte sie ihre lange Gewandung an sich, brach durch den Vorhang und stand jenseits der Schwelle, sich selbst unbekannt und entfremdet. Geheime Vorsätze gewannen Macht über ihr Denken. Auch sie glich einem geraubten Heiligenbild. Der Vorhang zitterte in ihrer stützenden, entschlußlosen Hand.


»Jetzt sind wir allein,« sprach Margareta bedeutungsvoll, »und darum laß mich dein Geschenk verehren.«

Demütig kniete sie nieder und versank vor der Tafel in ein unhörbar Gebet. Die schmiegsamen grünen Linien des Weibes lagen vor dem Bild hingegossen wie frischer, wölbiger Rasen. So sehr hatte die Menschenkennerin ihre Beherrschung wiedergewonnen, daß selbst der scharfsichtige junge Admiral zweifeln konnte, ob sich hier Echtes äußere oder der gewohnte Drang zur Darstellung. Allein um die Lippen des Seefahrers regte sich doch ein verborgenes Lächeln.

Die Königin mußte es ahnen, denn sie erhob sich rasch.

»Ich danke dir, Admiral,« sagte sie herzlich und reichte ihrem Besucher die Hand. Es war eine weiche, bannende Frauenhand, und in der Umspannung bebten die starken Kräfte des Willens und der Unterjochung. Der Störtebecker aber stand fröhlich vor ihr, ungebrochen und sie um ein Haupt überragend. Da erkannte Margareta mit Bedauern, daß es Zeit sei, diesem Willensmächtigen vorerst kleinliche Gelüste zu opfern. Voll Würde und mit einer freien Anmut ließ sie sich auf ihrem hohen Sitz nieder. Ihr scharfes Antlitz nahm dabei etwas Festliches an. »Setzen wir uns,« forderte sie, »auch du, Nikolaus Störtebecker, laß dich nieder. Hier, neben mir. Und dann will ich dir verkünden, warum sich meine Gedanken schon lange mit dir beschäftigten.«

Allein Claus Störtebecker rührte sich nicht. Unanfechtbar sicher klang es von dem Aufgerichteten zurück:

»Ich kenne deine Gedanken, Königin. Und du brauchst mir nichts zu verkünden.«

Was war das? Margareta zuckte getroffen zusammen.

»Was weißt du von mir?« herrschte sie den Mann an, der sie so mühelos entgöttlichen wollte.

Unerschrocken und seinen dunklen Blick fest in den ihren verstrickt, entgegnete der Admiral:

»Ich weiß, daß du ein Reich in Not und Kummer zusammengerafft hast. Aber auch der Dieb, der über die Mauer steigt, erduldet Schmerz und Plage. Jetzt willst du herrschen, wie vor dir zahllose deinesgleichen, Berufene und Unberufene, ihre Gewalt zärtlich hegten. Und deshalb mußt du deine Krone täglich waschen mit Gotteswort, mit dem Schweiß der Namenlosen, mit List, Tränen und Blut, damit sie den Deinen die Augen blende.«

»Was wagst du?« hauchte das Weib.

»Nichts wage ich, denn weil du dich unaufhörlich selbst krönen mußt, so liegt es dir ob, jeden glänzenden Stein von der Straße in dein Diadem aufzulesen. Und solch ein Stein bin ich.«

Eine Pause entstand, verstört klammerte sich die Regentin an beide Armlehnen, und es war fast, als versuchte sie, ihren Leib rächend gegen ihren Bedränger emporzurichten. Noch war es ihr unentschieden, ob sie Strafe oder Verachtung gegen das Niegehörte aufbieten sollte. Und sie selbst erschrak, als ihr aus dem tosenden Wirbel zuerst nichts als die bangsam demütige Klage aufstieg:

»Mann, siehst du nicht, daß ich ein Weib bin? Noch nie stand ein solch Ehrfurchtloser vor mir. Ich weiß nicht, was mich abhält, dich zu züchtigen.«

»Ich aber weiß es,« sagte jetzt der Störtebecker, jeden Widerspruch dämpfend, indem er auf sie zuschritt. Die Sporen an seinen Ringelschuhen wisperten und kicherten aufreizend mit. »Verstell dich nicht, Fürstin. Dich lähmt zur Stunde der volle Aufruhr deines Herzens. Zum erstenmal blickst du hinüber aus dem blutigen, waffenstarrenden Ring deines vermeintlichen Rechtes, in den bereits heranschwellenden Kreis der angeblich Rechtlosen. Dort herrschst du, hier gebiete ich. Tausende verbluten und verröcheln unter deinem Urteil, da sie deinen Erwartungen oder deinem Nutzen nicht entsprechen. Aber schau dafür auch meine Fäuste. Sie dampfen vom Blute gerade deiner Ergebensten, weil sie es sind, die wiederum meinen Hoffnungen ein Hindernis bereiten. Wer von uns beiden ist der Übeltäter? Willst du es entscheiden? Du möchtest deinen Herrgott am Barte für dich aus den Wolken zerren! Vergebens, denn dein Gott hat zahllose Male die Empörer gesegnet. Dort der Gekreuzigte, an den du dich angstvoll drängst, war er nicht der Aufrührer fürchterlichster? Und du willst entscheiden? Du, deren verstopftes Ohr nicht einmal vernimmt, wie unter der dünnen Decke deiner Füße bereits Tausende meiner Stimmen schreien und heulen und winseln?«

Schonungslos füllte der helle Klang den engen Raum, die Glut einer verzehrenden Überzeugung wehte das halbbetäubte Weib an, alle ihre Gedanken wandten sich zur Flucht vor dem fürchterlichen Eroberer, der mit Räuberfäusten an ihr bisher so geschontes Bewußtsein hämmerte. Aber – oh Wunder – gerade aus ihrer natürlichen Todesangst, aus der Furcht vor persönlicher Vernichtung oder Schmach, da erhob sich wie der weiße Felsen aus dem überschäumenden Gischt das Eigenste dieser Frau, das Gefühl ihrer königlichen Einsamkeit. Und gewohnt, jede Hilfe, jede Rettung aus ihrer herrschsüchtigen Seele zu holen, überrauschte sie ein Schauer widerspruchsvollen Ergötzens an der nahen Gefahr. Wie von ungefähr verspürte sie sogar das Lockende jener gewalttätigen, grausamen Männlichkeit. Nur eines glitt an ihr vorüber, und dies war gerade das Neue, das sie aufgefangen, das dumpfe Brausen der dunklen, wilden Gestalten, die der seltsame Mensch eben vor ihr beschworen. In dumpfem Murren erstarb ihr der unheimliche Laut hinter einem wohlverwahrten, eisernen Tor, zu dem ihr jeder Schlüssel fehlte.

Aber stattlich richtete sie sich auf, bis sie in voller Höhe von ihrem Herrensitz ragte. Als sie den Arm ausstreckte, blitzten die goldenen Schnüre im Sonnenschein bis auf den Boden.

»Nimm dich in acht!« warnte sie schneidend und zugleich griff ihre sinkende Hand nach einem winzigen Hämmerchen. »Besinn dich, wo du stehst. Ein Schlag auf diese Platte, und meine Gewappneten würden dich lehren, wer von uns beiden im Namen des Ewigen richten darf.«

Da stieß der Störtebecker ein kurzes herausforderndes Lachen aus.

»Weißt du kein anderes Lied?« zuckte er geringschätzig die Achseln. »Komm zu mir auf die Agile, und es würde dir vielleicht nicht anders entgegenschallen. Aber« – und er schlug wuchtig auf seine Brust – »diesmal wird es nicht gesungen.«

»Woraus schließt du das?«

»Es geschieht mir nichts, Königin,« beharrte der Seemann unabänderlich, »denn ich war nicht so töricht, dir mehr zu trauen als meiner Gewalt.«

Bedeutsam wies er nach dem Fenster. Margareta folgte der Bewegung, und fern auf der Reede schwollen ihr die schwarzen Rümpfe der Freibeuterkoggen entgegen, und da sie diese schärfer betrachtete, fielen der Argwöhnischen mehrere dunkle Riesenaugen auf, die drohend und lauernd zu ihr herüberstarrten.

Der Admiral lächelte eigentümlich, da versuchte auch die Regentin ein gleiches Zeichen der Gemütsruhe zu geben, obwohl ihr die Heiterkeit nur wie ein bleierner Schein um die Lippen irrte. Und doch – dort draußen diese schlanken Masten, sie waren es ja, an denen all ihr Ehrgeiz hing. Über die schaukelnden Planken dort konnte sie stolz und sieghaft, beneidet und bewundert ins Weite schreiten, durch die Jahrhunderte und an ferne Küsten. Und gezogen von ihrer eigenen Leidenschaft lief das Weib fast willenlos an den Ausguck. Als sie sich zurückwandte, da flimmerte mit einem Male wieder das ganze Netzwerk ihrer seeleneinfangenden Künste in ihren scharfen Zügen. Und ihre großen rostbraunen Augen dämmerten dazu fraulich und verzeihend.

»Wunderlicher Mann,« stellte sie sich dicht vor ihren Gast und sie legte ihm leicht die Hand auf die Brust, als wenn sie das stürmische Herz darunter besänftigen müsse. »Was streiten wir uns? Da du meine Absichten kennst, so nenne deinen Preis. Und bei meiner Ehre, ich will weder knausern noch feilschen. Denn, Claus Störtebecker, obschon du mir unsanft genug in meinen Fürstenzierat fuhrst – ich finde dennoch Wohlgefallen an dir und deiner brausenden Art. Und ich bin keine Undankbare!«

Sanft schmiegte die Frau auch noch die andere Hand auf die Goldlöwen des blauen Wappenrockes, und es gefiel ihr, wie der mächtige Atemzug des Seefahrers ihre Finger gleiten und schwellen ließ. Eine kurze Weile betrachteten beide einander, keiner dieser Stolzen betroffen oder bedrückt über die große Nähe ihrer Leiber. Aber während das Weib allmählich mit lebhaften Nüstern den kecken Sturm des Fremden einzuatmen begann, da streifte ihr Gegner jede Lust nach Abenteuer und Rausch fast vollständig von sich. Gerade das überlegene Wesen der Fürstin, ihre herablassenden Augen und dabei doch das verstohlene Spiel ihrer Hände belehrten ihn, daß er gekommen sei, um ihre hochmütige, ungerechte Welt aus den Angeln zu stoßen. Und kaum gedacht, gab es schon kein Zaudern mehr für den Entschlossenen. Noch einen halben Schritt machte er auf sie zu, und so nahe hingen sie nun zusammen, als ob sie sich umfangen oder einander das Verborgenste zuflüstern wollten. Erwartend, verschmitzt hob Margareta das Haupt.

»Königin,« stieß plötzlich der Störtebecker stürmisch heraus, und auf seinen dunklen Wangen brannte die Erregung des Augenblicks. Eine ungeheure Erwartung hatte ihn gepackt, ein wildes Sehnen nach Angriff. »Du fragst nach meinem Preis?! Erwarte nichts Geringes, dich selbst verlange ich mit Leib und Leben!«

Margareta wich nicht, denn sie war ja auf etwas Ähnliches gefaßt. Genießend schloß sie die Augen, und es war fast, als ob sie leise genickt hätte. Das Wüste und Tolle dieser Werbung bestärkte sie nur in dem sie umspinnenden Mißverständnis.

»Verdinge dich mir,« verhieß sie mit ihrer glatten, überredenden Anmut, und zugleich griff sie zum Zeichen des Bündnisses nach der behandschuhten Rechten des Mannes, »verdinge dich mir mit deinen Schiffen, deinen Lederschlangen und all deinen Gesellen, und welcher deiner Wünsche sollte dir unerfüllt bleiben?« Und da sie zu spüren glaubte, wie die Finger ihres Gefährten schwer und nicht so willfährig, wie sie erwartet, in den ihren ruhten, lockte sie heißblütiger weiter: »Gib dich mir, Nikolaus Störtebecker, und sieh, ich will die Rechtlosigkeit, die dich quält, von dir und den Deinen nehmen, keines Richters Hand soll deine Taten nachblättern dürfen, und dich selbst will ich stellen als Dänemarks Seeobersten auf die erste Stufe meines Thrones. Graf von Gotland sollst du heißen, und es soll mir keiner näher sein als du – keiner!«

»Das genügt mir nicht,« sagte der Seemann dumpf, und mit einer harten Bewegung setzte er hinzu, »noch ahnst du nicht, Königin, daß ich nichts für mich selbst fordere.«

»Nichts für dich?« wiederholte Margareta enttäuscht, und ohne Begreifen stach ihr scharfer Blick von nun an in dem drohend schwärmerischen Antlitz ihres Gastes umher. In schroffem Übergang fing der wilde Mensch wieder an, ihr unheimlich zu werden.

»So nenne deine Bedingungen,« rief sie beleidigt, während sie ihm ihre Hand entzog. »Bei solchem Handel gelten keine Geheimnisse.«

Der Störtebecker aber reckte sich, und mit ausgestrecktem Arm auf die Tafel des Giotto weisend, brach er von neuem in sein rücksichtsloses Gelächter aus.

»Meinst du wirklich, oh Königin, daß ich dir den da nur zum Beschauen brachte? Du irrst; weil er der einzige ist, der auf der weiten Erde mein Geheimnis erfassen könnte, wenn er nämlich lebte, darum lehnt er an der Mauer. Weil das sanfte Lämmlein nur halbe Arbeit leistete, deshalb stehe ich vor dir. Weil er sich fürchtete, Waffen anzulegen, deshalb trage ich sie an seiner Statt. Aber sei gewiß, wenn er mich hörte, er würde herabsteigen und mir folgen.«

»Lästere nicht,« rief Margareta ehrlich erblaßt, ihr grauste vor der mörderischen Wut gegen das große Unbestimmte, vor dem sie sich selbst abergläubisch oder doch beinahe überzeugt neigte. Und ihr Herz klopfte auch widerwillig gegen jenes Neue, das ihr der Frevler dort anvertrauen wollte.

»Komm zu Ende,« mahnte sie ihn daher ungeduldig, und sie schritt hinter den Tisch, wo sie sich gebieterisch aufstützte. Ihre Mienen trugen jetzt deutlich den Ausdruck der Verschlossenheit und der Kränkung. »Endige, damit ich erwäge, wie sich mein Vorteil mit dem deinen verträgt.«

Claus Störtebecker trat an das andere Ende der Tafel. Dann schlug er leicht auf die eichene Platte.

»Jetzt sprichst du endlich,« verurteilte er mit verhaltenem Tadel, »wie es dich deine Welt gelehrt. Dein Vorteil – mein Vorteil – Königin, und du fragst gar nicht, woher die Stimme dringt, die sich jetzt in nie wiederkehrender Stunde an dein Ohr wendet?«

»Ich weiß, woher sie stammt,« schnitt die Königin höhnisch dazwischen. »Meinst du, ich hätte mich nicht vorher über dich belehren lassen, du törichter Mann? Ein Bankert bist du,« stieß sie verbissen hervor. »Edelingsblut und Knechtsblut streiten in deinen Adern. Aber die Abstammung von den Unfreien sitzt dir tiefer, da du dich nicht scheust, mit einer Schar von Dieben und Mördern den Richter gegen unser besseres Blut zu spielen.«

Oh, es tat ihr wohl, als sie die Beschimpfung gegen den schönen, fürstlich geschmückten Mann geschleudert hatte, erst jetzt glaubte sie sich wieder im Besitz ihrer Hoheit und Macht zu befinden, da sie das tödlich erblaßte Antlitz ihres Gegners von einer wilden Verzerrung zerrissen sah. Und sie hätte es bejubelt, wenn sich noch in diesem Augenblick der Freibeuter zu irgendeinem schamlosen Ausbruch gegen sie hätte hinreißen lassen. Erwartend hielt sie schon das Hämmerchen in der Hand.

Allein nur in den dunklen Augen ihres Gastes stäubte es wüst auseinander, seine hohe Gestalt jedoch klammerte sich mit beiden Fäusten an den Tisch, um in erschütternder Bändigung und fast flüsternd die bittere Entgegnung zu finden.

»Aber die Mörder und Diebe des Bankerts möchtest du gern für dich rauben und stehlen lassen? Und ihren Anführer kannst du zum Grafen von Gotland erhöhen?«

Die Fürstin schwieg. Hierauf wußte sie keine Antwort.

»Weib,« kochte es in der bebenden Brust des Herausgeforderten weiter, und er schüttelte den schweren Tisch, als ob es sich um ein Spielzeug handele. »Diebe und Mörder sagst du? Merke dir, was du jetzt erfahren wirst. Es ist nicht mehr und nicht weniger, als was dein Gekreuzigter zu sagen vergaß. Diebe und Mörder sind wir alle. Alle, hörst du? Nur, daß ich und die Meinen uns immer nur Schrammen und Wunden stehlen, du hingegen mit den Deinen die leckeren Gerichte von der Tafel trägst. Glaubst du, es mache mir Freude, unter den dunklen Seenächten dahinzufahren, um das zu richten, was sich doch nimmer ausrotten läßt?«

»Erkennst du das endlich?« fuhr die gespannt Lauschende triumphierend dazwischen, denn es freute sie, daß sie etwas wie Zerknirschung in dem Freibeuter zu wittern glaubte.

»Unausrottbar, Königin, ist der Hang der Glücklichen zur Unterdrückung, Plage und Entrechtung von uns Armen,« sprach der Seeräuber ganz ruhig weiter, und seine schwarzen Augen richteten sich über die Regentin hinweg auf die leere Wand, als wenn dort all die Elenden litten und stürben, die er in seinem schweifenden Dasein hatte niederbrechen und verenden sehen. »Unaustilgbar dafür aber auch der Haß, der Neid, die fressende Mordlust, die Zerstörungswut der Gemißhandelten. Dies ist das Natürliche. Und daran ändert weder deine Gnade etwas, noch das dunkle Gericht, das mit mir über die Fluten jagt.«

»Das hast du erkannt?« zuckte die Königin empor. Noch nie war die Aufmerksamkeit der klugen Haushälterin auf etwas Ähnliches gelenkt worden, obwohl ihr Zeitalter doch von den Verwünschungen und Aufstandsversuchen der Geringen und Bedrückten widerhallte. Man hatte sie eben niedergeschlagen, wie man ein bissiges, unvernünftiges Tier fesselt. Jetzt wurde das Weib von der sonderbaren Ahnung ergriffen, daß hinter dem Toben der Bestie im Stall sich am Ende doch eine eigene Sprache verberge. Und deshalb suchte sie nach Weiberart zuvörderst ihre aufspringende Neugierde zu befriedigen.

»Und wem gibst du an dem ewigen Kampf die Schuld?« erkundete sie beflissen.

Der Störtebecker erkannte ihre Spannung, mit frechem Lächeln gab er zurück:

»Deinem Gott!«

»Mann, rase nicht!«

»Ich rase nicht, ich leugne nur deinen Gott, weil er seinen angeblichen Sohn zu spät auf die Erde sandte. Wäre er im Anfang erschienen, damals, als sich die Haufen der Menschen zuerst zur Gemeinschaft zusammenrotteten, glaube mir, Weib, unsere Sache wäre nicht so elend geworden.«

Darum also handelte es sich? Als der Königin diese Anklage zugeschleudert wurde, verzog sie ein wenig wegwerfend den breiten Mund. Der Mann da vor ihr hatte offenbar zu viel gesonnen und gegrübelt, das lange vergoldete Schwert, das an seiner Linken funkelte, bildete wohl gar nicht das rechte Werkzeug für den Schwärmer. Ganz unvermittelt verlor die tatkräftige Rechnerin die letzte Furcht vor ihrem Gast. Mit dem Anschein der Ermüdung ließ sie sich auf ihrem erhöhten Sitz hinter dem Tisch nieder, um lässig, fast überdrüssig hinzuwerfen:

»Wohlan, da es für eine Änderung zu spät ist, warum gibst du dich mit fruchtlosen Wünschen ab? Ich weiß bessere Arbeit für dich. Laß dich anwerben, Störtebecker.«

»Es ist nicht zu spät.«

»Wie?«

Wer sprach hier? Ging es wirklich wie junges Erwachen durch den Raum? Margareta erschrak bis ins Innerste. Der Seeräuber hatte beide Armlehnen ihres Stuhles umklammert, nun beugte er sich über sie, als ob er sie gefangen nehmen wollte. Sie wußte nicht mehr, ob sie ihm seine Worte vom Munde ablas oder ob sie ihr aus den wilden, glühenden Augen bleiflüssig entgegenschmolzen?

»Königin,« stieß sie sein heißer Atem, »die Zeit ist da. Du stehst vor deiner Entscheidung. Aber künftige Geschlechter werden dich dafür anbeten.«

»Was willst du?« murmelte das Weib entsetzt, während sie sich immer tiefer in ihren Stuhl verkroch. Und ihre Hände vorstreckend, stammelte sie unwillkürlich: »Tu mir nichts.«

Das dunkle Gesicht ruhte unverändert über ihr.

»Du bist sicher, Königin, denn du wirst ja die in Haß und Neid, in Brudermord und Unrecht, in Hochmut und Verleumdung eiternde Erde endlich reinigen! Kain wirst du verjagen und damit das siebente Tagewerk schaffen.«

»Laß mich, du fieberst. Ich verstehe dich nicht.«

»Doch, doch, du bist das Werkzeug, weil ich dir jetzt mein Geheimnis preisgebe. Mein Werkzeug wirst du sein. Höre! Deutliche Zeichen wallen durch die Welt. Was treibt die Geißelbrüder zu ihrer blutigen Selbstpeinigung durch deine Städte? Zu welchem Ziel schwärmen die Scharen halbnackter Kinder durch die Felder und fallen wie Heuschrecken über die Frucht? Welcher Wahnsinn, welche zitternde Unrast jagen Knechte und Herren von dir fort gen Sonnenaufgang? Ein ungeheures Suchen hat sie ergriffen, denn sie alle fühlen, daß die Erde den wühlenden Ekel nicht mehr länger erträgt. Ein anderes will sich gebären. Nun stehe auf, Königin, rufe die Menschheit endlich, endlich nach jahrtausendelangem Irrtum zu neuem Schöpfungsmorgen zusammen. Sieh, um mich her habe ich die Unbändigsten der Ausgestoßenen und Verlassenen gesammelt. Ihr Atem ist Haß, ihr Wort ist Neid, ihre Sehnsucht ist Mord. Diese Verzweifelten lade von ihren unsicheren Pfaden ans Land, in ein Land der Verheißung. Ungezählte Hufen liegen dir ungenützt, laß sie mich in gleiche Lose für die neuen, für die erstaunten Menschen einteilen, laß mich ihnen verkünden, daß Pflug und Egge, Stier und Roß fortan ihrem großen, glücklichen Bunde gemeinsam gehören, laß sie sich selbst richten und schützen, wo es nichts mehr zu richten und zu schützen geben wird, denn dann, oh Königin, aber auch nur dann wird den Beseligten die Göttergewißheit aufgehen, daß hoch und niedrig verschwand, weil der Mensch, der ursprünglich gute und reine Mensch, wieder an seinem unschuldigen Anfang angelangt ist. Das will ich vollenden, das muß sich vollenden, horch, bräutlich schmückt sich schon die Erde zum Bund mit dem frohen Menschen.«

In ein markerschütterndes Jauchzen wandelte sich das letzte, der junge Seefahrer stand da, angestrahlt von der Röte des Morgens, wie er Erwählten nur einmal aufzugehen pflegt. Die Rechte herumgeworfen zu dem Knauf des Schwertes, als gelte es nur noch, eine Schar Siegestrunkener, Begeisterter jenen kurzen Weg zu führen, den seine sengenden Augen förmlich aus dem Nebel hervorlockten. Margaretas Züge jedoch hatten sich verzerrt, feindlich öffnete sich ihr breiter Mund, ihre großen Zähne schoben sich vor zum Biß gegen einen ihr Gesicht umwindenden Faden. Nur eins hatte sie erfaßt, aber dies mit der ganzen Schlauheit des Weibes wie der Machthaberin, nämlich daß der Boden unter ihr wanke, weil der von einem Wahnwitzigen verkündete Bund ihrer und ihresgleichen nicht mehr bedürfe. Vergessen war ihr ursprünglicher Plan, hingemäht von der Schärfe ihrer eigensüchtigen Ansprüche, die Unmöglichkeit eigenen Entsagens entfachte ihr nichts als einen bitteren giftigen Haß. Kaum sah sie daher ihren Sitz freigegeben, als sie emporsprang, um sich gleich darauf des kleinen Hammers zu bemächtigen.

Mit einer scharfen ätzenden Ruhe sprach sie sodann:

»Sage mir, Claus Störtebecker, sind deine Spießgesellen bereits von dir eingeweiht?«

Vor dem Hohn der Anrede erwachte der Admiral; trotzig setzte er seinen gewappneten Fuß auf die Stufe des Sitzes und ließ die Rechte nicht von der Waffe.

»Königin,« warnte er grollend, »das, was mir die Nacht und das Elend in langen Jahren anvertrauten, das wissen nur du und ich.«

Die Königin erkältete sich immer mehr.

»Und mit einer Bande von Dieben und Räubern willst du die ewige Gerechtigkeit begründen?«

Der Freibeuter entfärbte sich. Wild schrie er hinaus: »Auch Rom wurde von Dieben und Räubern geschaffen. Aber Verantwortung, Arbeit und Gemeinsamkeit, das sind die Bausteine eines edleren Geschlechtes.«

»Und wenn sich meine übrigen Lande von der Empörung anstecken ließen? Wenn sie anfingen, das lang Erworbene anzugreifen, die Ämter zu verjagen, den Gesetzen Hohn zu sprechen? Meinst du, das Blut der Zufriedenen sei weniger heilig als der Fiebersaft der Mordbrenner?«

»Weib, deine Augen deckt Blindheit,« tobte nun der Störtebecker außer sich. Schaum trat ihm vor die Lippen, drohend schüttelte er die Faust. »Du siehst nicht, daß du dich selbst nur von Raub und Diebstahl mästest. Die große Hure bist du, die sich dem Golde hingibt.«

»Und du bist ein Feind des Menschengeschlechtes,« sagte Margareta unbewegt. »Ich bereue, daß ich dir mein Antlitz zeigte. Hebe dich von mir. Und fortan sei Feindschaft zwischen uns, bis du ausgerottet bist.«

Da stieß der Admiral sein helles, schmetterndes Gelächter aus, dann aber verbeugte er sich plötzlich tief.

»Es sitzt wieder einmal eine Leiche auf dem Thron,« wies er mit ausgestreckter Hand, »es wäscht wieder einmal ein Lauer seine Hände in Unschuld. Aber bei den Schwären und Lumpen der Bettler sei's geschworen, ich will für ein königlich Begräbnis sorgen.«

Kein weiterer Abschied. Er riß den Vorhang auseinander und trat hinaus.

Da – dicht hinter den Falten stand es, wie ein weißes Bild. Eine schneekalte Wolke stand dort, in der es bebte und blitzte. Ein paar wirre, von frommem Wahnsinn geblendete Augen irrten hinter dem stürmisch Enteilenden her. Der stutzte, irgendwo mußte er eine ähnlich behütete Puppe des Wohllebens schon einmal erschaut haben, und frech und unverschämt winkte er ihr zu, bevor er die enge hölzerne Treppe hinuntersprang. Aber auch die Königin hatte hinter dem geöffneten Teppich etwas Fremdes entdeckt. Heftig erzürnt, noch geschüttelt von den umwälzenden Eindrücken des eben Vergangenen, teilte die Regentin mit einem Riß den Vorhang, um dann sprachlos auf der Schwelle anzuwurzeln.

»Was ist das?« rief Margareta bebend vor unterdrückter Wut, indem eine fahle Blässe über ihre Wangen zog, denn die niederschmetternde Gewißheit sprang sie an, daß der Ausgang ihres zweifelhaften Ringens nun nicht mehr der Vergessenheit anheimfallen würde. »Gräfin Linda, ich merke, Ihr vertragt nicht die Luft des Palastes. Wir sind um Eure Gesundheit besorgt. Verlaßt auf der Stelle die Stadt und wartet ab, was ich weiter zu Eurer Heilung beschließen werde. Keine Widerrede – geht – ich mag Euch nicht länger.«

Und nachdem die weiße Wolke Schritt vor Schritt, traumwandelnd, hinter der schmalen Pforte verschwunden war, da stürzte die Königin zurück und hieb besinnungslos auf die silberne Platte.

»Schafft den Kanzler zur Stelle,« herrschte sie den eintretenden Wäppner an. Es klang mehr wie ein bösartiges Kreischen.

Mit beiden Armen lag sie über den Tisch gebettet, verworren kratzten ihre Nägel auf der Platte herum, als das buntgeschmückte Gerippe ihres Ratgebers endlich vor sie schlich. Sie hob nicht das gesenkte Haupt, ohne Gruß, jedoch begleitet von einem widerspruchsvollen, unbegreiflichen Lächeln stieß sie hervor:

»Sammelt Friedensschiffe, Ihr selbst und alle Edlen rüstet Wäppner. Stiftet einen Bund der Hansischen, schreibt an den Hochmeister von Preußen, keine Ruhe bei Tag und Nacht, bis die Seepest vertilgt ist. Dies ist unsere Bestimmung, wie eine beißende Fliege sticht sie uns in die Augen.«

Und voll Entsetzen sah der betroffene alte Mann, wie der schöne Busen seiner Herrin mitten unter einem hämischen Lachen von krampfhaftem Schluchzen geschüttelt wurde.

[III.]

Es war an demselben Abend.

Auf Burg Ingerlyst an der schmalsten Stelle des Oeresund, eine gute Rittstunde von Kopenhagen entfernt, saß Gräfin Linda in der Ausbuchtung ihres niedrigen, ganz aus dunklem Kiefernholz gezimmerten Saales und grübelte verloren und weit entrückt auf das Anprallen der dampfenden Schaumketten hinab. Ein ununterbrochenes dumpfes Donnern stieg zu ihr auf, und hinter dem pfeifenden Seewind zitterten die Lichter von der jenseitigen schwedischen Küste. Das stille, blonde Mädchen weilte nicht allein. Ihr gegenüber auf der zweiten Seitenbank lehnte ein untersetzter, derbschrötiger Mann, dessen überlegtes bartloses Antlitz sich kantig aus dem Otterkragen seines schwarzen Reisemantels abhob, da Herr Nikolaus Tschokke, der junge, neugewählte Bürgermeister von Hamburg, noch in dieser Stunde zu Schiff nach Falsterbo zurückzukehren gedachte, wo der Friede unterzeichnet werden sollte. Und er hatte nur deshalb immer von neuem gezögert, seinen Besuch endgültig abzubrechen, weil er bisher diesem stolzen weißen Jungfrauenantlitz gegenüber nicht den rechten Mut gefunden, dasjenige zu enthüllen, was ihn in Wahrheit hierher getrieben. Auch beengte ihn nicht allein der seltsam abwesende Schein, der bisweilen über den stahlblauen Augen des Mädchens hing, sondern er fühlte sich auch beeinträchtigt durch die Gegenwart eines Zeugen. Am anderen Ende des kahlen Saales nämlich saß dicht vor dem hohen Steinkamin ein geistlicher Mann in einer braunen Reisekutte, und von Zeit zu Zeit streckte sich dort eine feine weiße Hand den brennenden Buchenklötzen entgegen, die den Schauer des kühlen Frühlingsabends vergeblich zu mildern suchten. Unrastig pustete oft ein Windstoß durch den Rauchfang herunter, und dann hüstelte der Abt Franziskus vom Rügener Kloster Cona kurz und gestört, um sich gleich darauf doppelt emsig der vorgeschriebenen Andacht hinzugeben, die er aus einem kleinen geschriebenen Brevier vor sich hin psalmodierte. Die Äbte des Conaer Klosters gehörten seit alters zu den Gastfreunden auf Ingerlyst, und dieser, der gleichfalls von Falsterbo herübergekommen, hatte zudem um ein Nachtlager gebeten, weil er am morgigen Tage der Ehre teilhaftig werden sollte, der Königin vorgestellt zu werden.

Friedsam hing die feine, schmiegsame Gestalt in ihrem Armstuhl, versenkt in Andacht, trocken und steif knisterten die harten Seiten des Büchleins, sobald sie umgewandt wurden, und gerade dadurch war Herr Nikolaus Tschokke allmählich in seiner kühlen, kalkulierenden Überzeugung bestärkt worden, daß er aus jener Entfernung wohl keinen Lauscher zu fürchten habe. Auch hatte den jungen, weltkundigen Bürgermeister ein Blick auf die weißgedeckte Tafel in der Mitte des Saales darüber belehrt, daß man die Zeit der Schloßherrin nicht ungebührlich in Anspruch nehmen dürfe.

So hatte er denn ein paarmal an der schmalen Stehampel gerückt, deren niedriges Ölflämmchen zwischen ihnen schwankte, um endlich würdig und gemessen, ganz so, wie er es sich auf der langen Fahrt überlegt, seine Schicksalsfrage in Ehrbarkeit und redlichem Selbstbewußtsein an das schöne blonde Weib zu stellen.

Nun wartete er voll Ruhe und Anstand auf ihren Bescheid, und das kantige Bürgergesicht mit der kräftigen Hakennase hütete sich, irgendeine Bewegung zu verraten, obwohl es ihn Wunder nahm, daß die Blonde ihre Augen auf ihn richtete wie auf ein fremdes, ihr unverständliches Wesen.

Weit ausholend hatte der Patrizier ihre beiderseitigen Beziehungen zueinander abgewogen. Und durch Linda lief ein Schauer der Erinnerung, als nun jene Begebenheiten, die sie stets lebendig umstanden, in der Schilderung des Kaufherrn ein so sachlich aufgezeichnetes Gepräge annahmen. Es durchfröstelte sie, weil sie ihr Schicksal, losgelöst von sich, bei einem Fremden gebucht fand.

Trocken und ohne Umschweife, wie aus einer Chronik, hatte ihr der Hamburger das Verbluten und Zersplittern ihres Geschlechtes geschildert. Ein harter, unbeugsamer Stamm, in nordischer Blutrache und Familienfehde verwildert und von seinen eigenen Königen häufig als Empörer an den Block geführt. In roten Strömen verbrauste allmählich die Lebenskraft der unbändigen Sippe, bis sich bei den letzten zwei Grafen von Ingerland, bei Lindas Brüdern, die böse Erbschaft nur noch in Landhunger und wüster Raubsucht verlor. Ein schreckhaftes Bild aus Feuerlärm und glimmender Asche stieg vor der Lauschenden auf. Ihre Brüder hatten sich nicht gescheut, die eigene Mutter, die mit der unmündigen Tochter zurückgeblieben, auf ihrem nordischen Witwensitze bewaffnet zu überfallen, ja, den beiden rohen Wichten, die mit ihrem Christentum nur Spott trieben, wäre wahrscheinlich das untilgbarste Verbrechen nicht erspart geblieben, hätte nicht ein hansischer Gastfreund die beiden Frauen in grausiger, branddurchlohter Nacht schnell entschlossen auf seinem Handelsschiff geborgen. Freundlich führte der Retter die Verarmten in sein stattlich Haus nach Hamburg, und hier unter dem Schutz des ehrsamen, herzenswarmen Aldermann Hinrich Tschokke, des Vaters des Bürgermeisters, erwachte die kleine Flüchtige erst zum Bewußtsein einer bürgerlich behüteten Lage. Fast ungläubig sah sie die regelmäßige Arbeit in den dämmerigen Kontoren des Hauses, denn Herrn Hinrich eignete die blühendste Brauerei der Handelsstadt. Mit großen Augen verfolgten die Frauen aus den niedrigen vergitterten Fenstern die bunten Umzüge der Zünfte und Kaufmannschaft, und sie lernten auch etwas von dem Stolz verstehen, mit dem die Häupter der regierenden Familien die Angelegenheiten ihres Gemeinwesens ordneten. Und doch – die Seele der Heranwachsenden blieb dem Anprall des frischen, tätigen Lebens um sie herum verschlossen. Im Kern ihrer fest gefalteten Blüte nistete zu sehr das Entsetzen, das wie ein Wurm in ihre Kindheit gekrochen, und ihr banges Gemüt löste sich nicht von dem frühen Eindruck, daß Ungerechtigkeit und Gewalttat alle Macht auf Erden an sich gerissen, und wie der einzelne schutzlos umherirre, um sehnsüchtig nach einem Retter auszuspähen. Ein krankhaftes Mitleid mit den Bresthaften, Armen und Beladenen hatte das schweigsame Kind ergriffen, und ihre schönsten Stunden nahten, wenn sich an Feiertagen unter dem mächtigen Ahorn auf dem Hofe des Handelshauses die Kranken und Bettler um den dort sitzenden Aldermann versammelten, um Speise und kleine Geldgaben zu empfangen. Dann war es Sitte geworden, daß Linda selbst die irdenen Näpfe herumreichte, und nur in diesen Augenblicken erhellte sich ihr weißes, vergrämtes Antlitz zu einem beseligten Lächeln, und der junge Nikolaus, der Sohn des Hauses, fand dann, daß die fremde Adelstochter mit ihren blonden Flechten unter dem Lumpenvolk ein mildes Licht verbreite, gleich einem schönen Bernsteinschmuck. Als Fünfzehnjährige war sie endlich, nachdem in der Schlacht von Fallkiöpping Lindas beide Brüder als Aufständige gegen die Königin ein wildes Ende gefunden hatten, aus dem deutschen Hause geschieden. Jetzt hielt es nämlich die kluge Margareta für angebracht, die Verwaisten mütterlich zu betreuen. Für die eingezogenen norwegischen Güter des Hauses wurde ihnen Burg und Herrschaft Ingerlyst eingeräumt, und hier, dicht unter den Augen der Königin, saß nun nach dem Tode der Mutter der letzte Sproß des dahingewelkten Geschlechtes, weltscheu und abgeschieden als Hofdame der Regentin. Aber heimlich verlangte ihr verwundetes Innenleben noch inniger als früher nach dem unauffindbaren Trost gegen die täglich sich offenbarende Mißachtung von Recht und Sitte, und fast verletzt wies sie den Gedanken von sich, etwa durch eine Vermählung mit einem rauhen, erwerbsüchtigen Gebieter noch tiefer in die Händel und Ungerechtigkeiten dieser Welt verstrickt zu werden. Näher und näher rückte ihren sehnenden Blicken die Klosterpforte mit dämmernden Schatten, und ihr Fuß schritt jener Grenzschwelle immer willfähriger entgegen. Bis heute. Da – war es möglich? – Heute hatte ihr traumbefangener Tritt zum erstenmal gestockt, gezögert. Welch eine heiligwüste Vision, welch eine wetterleuchtende Wolke hatte ihr ganzes Denken und den noch kurzen Weg umnebelt? War es Wirklichkeit, oder hatte ihr bang verschlossenes Gemüt selbst jene unheimlich blutige Gnadengestalt geboren? Nein, nein, während sie hier saß, um fast gedankenlos auf die ihr unbegreifliche Bitte des Hamburger Jugendfreundes zu achten, da begann unten aus dem Gedröhn der Strandwellen von neuem diese heiße, markdurchzitternde Stimme zu sprechen, und bald wurde für die Lauschende ein Ruf daraus, der über die Welt hinhallte, um herrisch von tauben und verstockten Seelen Erbarmen für Millionen Geknechteter zu heischen. »Weh euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer.« Aber bei jedem Wort pfiff gleichzeitig ein Schwertstreich durch die Luft, und das höhnische Gelächter des Räubers und Mordbrenners mischte sich drein. Eine unschuldige befreite Welt wollte auftauchen aus einem kreisenden Meer von Blut.

Ihre Sinne verwirrten sich, ihr ganzes Wesen neigte sich entgeistert über einen Abgrund von Höllenfeuer und Himmelslicht. Und während sie sich irgendwo festzuklammern suchte, drang mit größter Klarheit die Werbung des ehrsamen Bürgers an ihr Ohr, in dessen wohlbestelltem Hause Ruhe und Sicherheit wohnten, und sie mußte doch mit Schrecken auf das Klopfen ihres aufgescheuchten Herzens hören, das sich in altererbtem Edelingshochmut vor der Versorgung in dem Krämerkontor sträubte.

Wie um Schonung flehend schlug sie ihre großen blauen Augen gegen den Mann in der schwarzen Ratsherrntracht auf.

Herr Nikolaus Tschokke jedoch hatte inzwischen hinter dem flackernden Lichtlein der Stehampel aufmerksam die Veränderung in den Zügen der jungen Freundin geprüft. Auch er hatte sich noch einmal wiederholt, was in langen Beratungen mit seinem Vater sorgsam erwogen war, wie wichtig nämlich die Verbindung mit dem uralten Grafenstamm für die aufstrebende Patrizierfamilie werden könnte. Die Tschokkes gehörten nicht zu den ritterbürtigen Geschlechtern der Stadt, sondern, da sie durch Reichtum und Handelsunternehmung heraufgekommen waren, so mußte es ihnen nützlich werden, sich von außen ihre Ansprüche bestätigen zu lassen. Dazu aber eignete sich nach der Meinung des greisen Aldermann keine besser als Gräfin Linda von Ingerland, da sie nur mißtrauisch beargwöhnt neben der dänischen Usurpatorin leben durfte und zudem durch die Bande der Dankbarkeit an die frühe Zuflucht ihrer Jugend geknüpft war.

Als aber jetzt das in der Zugluft wehende Licht das stolze weiße Antlitz des Mädchens bestrahlte, da fühlte der Bürgermeister wieder mit Verwunderung die einstige Ehrfurcht vor der fremdartigen Edelingstochter.

»Ich wollte Euch nicht erschrecken,« lenkte er endlich ungewiß seinem Ziele entgegen. »Ihr solltet nur wissen, wie weit das alte Haus am Mönkedamm seine Tore für Euch öffnen würde. Es hat jetzt eine gar lustige Malerei vom Giebel bis zur Einfahrt erhalten,« setzte er lobend hinzu, »Schalksnarren und Engelein tanzen um ein Bierfaß. Und was mich und die Meinen angeht, so hat die Zeit Euer Angedenken nicht verwischt. Nur eines hat sich verändert« – er rückte sich jetzt bedachtsam zurecht, und zugleich schlug er den Mantel zurück, damit sich die schwarze Ratsherrntracht mit den ziegelroten Aufschlägen deutlicher offenbare – »ich nehme nunmehr, wie Ihr seht, in dem Stadthaus den ersten Sitz ein, und ich darf wohl sagen, es möchte mancher Fürst für die, so ihm lieb sind, weniger sorgen können als ich. Wollt auch dies bedenken, Gräfin Linda, denn die Zeiten sind rechtlos und unsicher, und die Ordnung gedeiht fast nur noch hinter sorgsam behüteten Stadtmauern.«

Als er das letzte vorbrachte, da drang zwischen die klare Vorbereitung doch eine raschere Wärme hindurch, denn das blasse Mädchenantlitz in seiner Scheu und Ratlosigkeit hatte das Mannesbewußtsein des festen Bürgers erregt, und so wagte er es, ohne weiter an den Zeugen zu denken, seine Rechte auf die schmale Wachshand zu betten, die sich gerade gegen die Ampel ausstreckte. Die kühlen Finger blieben auch ruhig in den seinen, das kornblonde Haupt jedoch wandte sich, wie gezogen, der Nacht entgegen, und jetzt merkte ihr Gastfreund erst, wie emsig das junge Weib das wüste Tosen der Wasser zu enträtseln strebte. Schlag auf Schlag krachte die Brandung auf den flachen Strand, und Linda zitterte, ob auch ihr Gefährte die gewaltige Stimme vernehme, die von unten herauf brüllte: »Horch, bräutlich schmückt sich schon die Erde zum Bunde mit dem frohen Menschen.« Dann Stille – und darauf wieder das gräßliche aufrührerische Gelächter. Nein, nein, dort draußen lauerten Verbrechen und Wahnsinn, und hier – hier drinnen?

Wie zur Flucht bereit zog sie ihre Hand zurück, und während sie sich verstört gegen das Fenster kehrte, gab ihr das Entsetzen über sich selbst das Nächstliegende ein.

»Ihr wißt ja nicht – – «

»Was?«

»Ich – ich habe schon gewählt.«

»Gräfin?«

So wenig hatte der Kaufherr mit einer solchen Möglichkeit gerechnet, daß ihm zuvörderst der Sinn ihrer Weigerung verschleiert blieb. Aufrecht verharrte er vor ihr auf seiner Bank. Die Blonde aber tastete nach dem Kreuz, das ihr noch immer über ihre weiße Gewandung herabhing, und hob es empor, ihrem Freunde zur Erklärung, sich selbst aber als einen Wegweiser aus Tumult und fratzenhaftem Taumel.

»Hier – hier,« klammerte sie sich an das Stückchen Holz fest, als ob es ihr immer merklicher zu einem harten Balken aufwüchse, hinter dem sie sich verstecken könnte, »hierhin laßt mich gehen. Ich tauge nicht in Eure Welt. Und nicht in die eines anderen. Keinem würde ich behilflich sein können und ihm nützen. Denn Nikolaus, Ihr mögt es wissen, ich fürchte mich vor den Menschen, da sie nichts als Übles sinnen und keiner dem anderen zu Freude und Wohltat bereit ist.«

Keiner? Sie stockte. Denn aus der Nacht schlug wieder die dumpfe Trommel den Strandsaum entlang, und im Wirbel prallte es gegen die Hausmauern. »Horch, bräutlich schmückt sich schon die Erde zum Bund mit dem frohen Menschen.« Da entfärbte sich die Verwirrte, und das Kreuz fiel ihr in den Schoß.

Langsam gab der Bürgermeister seinen Sitz auf. Ungern war ihm die Erkenntnis aufgegangen, daß weiteres Drängen seinem Wunsche nur schaden müsse, weil er es hier mit einem verschlossenen Gemüt zu schaffen habe, das am Leben blutete. Die Wunde mußte erst heilen, bevor sich neues Vertrauen entfalten könnte. Und obwohl es ihm vorkam, als ob er jetzt einen Verlust erleide, wie er ihn noch nie in seinen Lederbüchern zu verzeichnen gehabt, so griff er doch mitleidig nach der Hand der Verstummten, in der redlichen Absicht, den Eindruck seiner plötzlichen Werbung nach Möglichkeit wieder zu verwischen.

»Ich wollte Euch nicht erschrecken, Gräfin Linda,« beruhigte er freundlich, »Ihr solltet nur erfahren, wo Euch stets eine Heimat bereitet ist. So will ich Euch auch nicht weiter drängen, denn wir beide sind noch jung und werden uns nach dem, was ich Euch jetzt eröffnete, schwerlich vergessen. Das hoffe ich. Was aber Euren Entschluß betrifft, so sollt Ihr mir versprechen, daß Ihr Euch eine Frist gönnt, bis ich in Tag und Jahr abermals vor Euch trete. Denn mein Weg und mein Wille führen mich wieder zu Euch, und die Zeit ist ein kundiger Arzt und ein gütiger Fürsprach.«

Damit drückte er die kühlen Finger heißer, als er es selbst geahnt, und schritt mit seinem nachdrücklichen Gang über die knarrenden Dielen des Saales, um sich von dem Abt zu verabschieden. Der hatte sein Buch sinken lassen, und seine tiefliegenden klugen Augen hingen schon seit geraumer Zeit an den beiden jungen Menschen. Ehe jedoch der Aufbrechende den Sessel des Mönchs erreicht hatte, stockte der Bürgermeister wie von einer Eingebung befallen.

»Noch eins,« erinnerte er sich in seiner bestimmten Weise, »ist Eure Dienerschaft zuverlässig, Linda?«

Das Mädchen stand schon an dem weißgedeckten Tisch, jetzt mußte es über die unerwartete Frage lächeln.

»Ich halte nur eine Schaffnerin,« gab sie kopfschüttelnd zurück, »wenige Mägde und Knechte, und hier diesen verwaisten Knaben aus unserem Kirchspiel,« fügte sie deutend hinzu, denn ein schöner schlanker, etwa siebzehnjähriger Bursche in der kleidsamen schwarzen Dänengewandung war eben eingetreten, um die Tafel mit allerlei Geschirr zu bestellen. »Und diesen wenigen versage ich nichts, was ich mir selbst gewähre,« sprach die Herrin ruhig weiter, »nicht wahr, Heinrich?«

Es lag so viel mütterliches Wohlwollen in ihrer Aufforderung, daß es nicht verwunderlich war, wenn dem Jungen die Wangen zu brennen begannen. Er warf einen jugendlich schwärmenden Blick auf seine Gebieterin und nickte verschämt, bevor er sich entfernte.

Jetzt mischte sich auch der Abt in das Gespräch.

»Weshalb fragt Ihr, Herr Nikolaus Tschokke?« wandte er sich gespannt an den Bürgermeister. »Euer Blick ist nicht frei von Sorge.«

Der Hamburger streifte sich die schweren Handschuhe auf und prüfte unwillkürlich den kurzen Dolch, der ihm am Ledergürtel hing.

»Ich sorge mich auch,« rang er sich endlich vorsichtig ab, und heimlich umfaßte er abermals das Bild des blonden Fräuleins dort an dem Tisch. »Und deshalb bestelle ich eine Bitte an Euch, hochwürdiger Herr. Ihr wißt, die Gegend hier ist noch unbefriedet. Und wir haben durch Kundschafter in Erfahrung gebracht, daß die Freibeuterflotte gegen Mittag ganz unerwartet Segel setzte und aus dem Hafen verschwand. Wohin, weiß niemand.« Er strich sich unsicher über das glatte Kinn. »Nie habe ich die Vorliebe einzelner unserer hansischen Bundesgenossen für dieses schandbare, gesetzlose Volk geteilt,« fuhr er hastiger fort, »und ich werde nicht eher ruhig sein, als bis der schwarze Fleck von unserer Oster See getilgt ist. In Euch aber dringe ich, Hochwürden, nehmt das Fräulein morgen mit Euch in die Stadt hinein, wo es am Königshofe sicherer ist als hier in dieser flachen, menschenleeren Einsamkeit.«

Noch hatte er nicht geendet, als dem Eifrigen auffiel, wie erregend sein Vorschlag auf das von ihm umsorgte Mädchen wirkte. Unruhig heftete sie die Augen auf das weiße Linnen, als ob sie angestrengt dort etwas suche, kämpfte mehrfach eine rasch aufsteigende Antwort nieder, bis sie sich endlich zu der Mitteilung entschloß:

»Ich danke Euch, Nikolaus, aber ich darf Burg Ingerlyst nicht verlassen. Die Königin gerade verwies mich hierher.« Und auf den fragenden Blick ihres Jugendfreundes bekannte sie mit ihrer gewohnten bedingungslosen Ehrlichkeit: »Ich habe mich einer Verfehlung in ihren Diensten schuldig gemacht.«

»Ihr?«

Linda nickte, entgegnete jedoch nichts mehr, denn abermals glaubte sie, daß Wellen von Scham und Entsetzen gegen sie anstürzten. Der Bürgermeister indessen forschte nicht weiter.

»Nun gut, Vater Franziskus,« beschied er sich, »dann gebraucht bei Hof Euer Ansehen, damit eine Besatzung hierher gelegt werde. Tut Euer möglichstes, denn solange die Schwarzflaggen in der Nähe wehen, wälzen sich Gesetz und Billigkeit im Kote, und der gemeine Verstand ermißt den frechen Umsturz alles Bestehenden nicht länger. Eure Hand, ich verlasse mich auf Euch.«

»Das dürft Ihr,« stimmte der Abt bereitwillig zu. »Und nun, Herr Nikolaus Tschokke, nehmt meinen Segen, den ich für jeden Redlichen habe. Wind und Wetter seien Euch günstig, und mögen sich die besten Wünsche Eures Lebens erfüllen.«

Der Bürgermeister heftete einen raschen, prüfenden Blick auf das feine, durchgeistigte Antlitz, als er aber in den abgeklärten Zügen nichts als das reinste, gütigste Verstehen las, da riß er sich schnell los, verbeugte sich noch einmal nach der steifen Sitte der Zeit vor dem Fräulein, und ohne auch nur noch eine Falte ihres weißen Kleides berührt zu haben, schied er mit seinem festen, lauten Tritt aus dem Saal.


Die Flamme der Stehampel zuckte, stieg und fiel. Sie war im Verenden. Dafür schickte über den beiden Zurückgebliebenen der eiserne Kranz des Rundreifens das tänzelnde Licht seiner Unschlittkerzen aus, wodurch die Nacktheit der geäderten Kiefernwandung noch deutlicher hervortrat. Auf dem Vorsprung des Kamins ließ eine Sanduhr ihren bunten Staub rinnen und erinnerte die halblaut Plaudernden an das rasche Enteilen der Zeit.

Gräfin Linda und der geistliche Herr hatten ihre Abendmahlzeit beendigt, allein der Zisterzienser Abt machte noch keinerlei Miene, sein Lager aufzusuchen, vielmehr gab er sich Mühe, seine aufmerksame, wenn auch stille und nachdenkliche Wirtin auf eine feine und anregende Weise zu unterhalten. Leicht konnte die Zuhörerin da merken, welch ein vorurteilsloser und gerechter Geist sich hier über die Unbilden und Streitigkeiten ihrer Zeit verbreitete. Wie von ungefähr war ihr Gast so auf die Aufsehen erregenden Schriften des Oxforder Professors Wiklif gelangt, die dem kirchlichen Unwesen so kühn zuleibe rückten, und jetzt schien es, als ob der Erzählende mit einer besonderen Absicht länger bei den Angriffen des Engländers gegen die Klosterzucht zu verweilen gedächte. Spielend drehte er den Stiel seines silbernen Weinkelches zwischen den Fingern, während er gesenkten Hauptes, aber doch mit auffälliger Betonung hinwarf:

»Siehst du, liebe Tochter, wenn wir offen sind, so werden wir fast immer in den Anklagen und Schmähungen sogar eines Aufrührers etwas finden, das uns stutzen läßt. So will mir das massenhafte Flüchten der sogenannten Weltmüden in die Zelle niemals gefallen. Ist doch die Welt selbst in unzählige Zellen geteilt, und der Mensch dazu da, die rechte für sich zu öffnen, damit er seinen Anteil an dem erlangbaren Friedensschatz empfange. Glaube mir, er quillt da und dort reicher, als jene frühzeitig Besiegten sich träumen lassen. Ist doch das Leben ein ebenso köstliches Geschenk wie der Tod. Und das Licht ein heiligeres als das Dunkel.«

Linda lehnte sich in ihren Armstuhl zurück und verfolgte träumerisch über die Schulter des Mönchs hinweg das Versickern des bunten Sandes in der Uhr. Sehr klar empfand sie, der Abt billige ihre eigene Sehnsucht, in die Stille zu entweichen, keineswegs, ja, wie er ein Aushalten und Bestehen aller Gefahren geradezu für würdiger erachte. Und doch, sie fühlte, wie ihre Natur dem Hang nach Aufhören immer inbrünstiger nachgab, da gerade jetzt etwas in ihr ins Schwanken geraten war, das sich nicht wieder ins Gleichgewicht bringen ließ. Fröstelnd wandte sie sich und lauschte von neuem auf den hohlen Trommelschlag längs der Küste. Als sich aber die gefürchtete Stimme nicht mehr vernehmen ließ, stürzte sie sich beinahe flüchtend in das rettende Gespräch zurück.

»Hochwürdiger Vater,« tastete sie vorsichtig, denn das Herz schlug ihr, da sie sich mit jedem Wort vor dem Klugen zu verraten wähnte, »Ihr meintet vorhin, daß man auch auf das Drohen und Wüten von Aufrührern und Empörern lauschen solle. Sagt mir, glaubt Ihr wirklich, solche Ausgestoßenen und Verdammten, die die Welt mit Greueln füllen, sie könnten jemals zum Guten gesendet sein?«

Abt Franziskus setzte seinen Becher nieder, und seine sprechenden Augen schienen tiefer in seine Gefährtin einzudringen, als ihr angenehm war. Dann fragte er bestimmt:

»Sage mir, mein Kind, denkst du an einen Lebenden?«

Da zuckte wieder diese schreckliche Angst in ihr auf, von der sie verzehrt wurde. Erblassend senkte sie das blonde Haupt, und während sie emsig auf dem weißen Linnen herumstrich, da suchte die Gräfin sich der drohenden Beichte durch eine Ausflucht zu entziehen.

»Die Erde ist jetzt voll von Gewalttat und Umsturz,« wich sie unsicher aus, »man weiß oft nicht mehr, welchen Pfad man wählen soll?«

Der Mönch nickte sacht. Er strebte, diese verstörte Seele zu sänftigen.

»Wohl, meine Tochter,« stimmte er mit seiner milden, tröstlichen Stimme zu. »Aber alle Pfade, die der Mensch schreitet, sind Gottes Wege. Darin besteht eben das Wundersame dieses uns geschenkten Lebens, daß sein Teppich so bunt und voller Farben prangt. Der Ewige verkündet seinen Willen nicht nur aus eines einzigen Menschen Mund, sondern gerade im Widerstreit der vielen feindlichen Stimmen will er sich offenbaren. Wer von uns schwankem Rohrgeschlecht darf behaupten, ich allein habe die Wahrheit? ‘Wo ist Wahrheit?’ fragte Pilatus noch immer.«

Sinnend senkte der Mönch sein Haupt auf die Brust, rückte seinen Armsessel herum, und die ersterbende Glut des Kamins warf Flammenspritzer auf die sich stark verbreitende Tonsur des Alten und erreichte auch seine noch dunkelblonden Haarbüschel.

»Sieh,« verlor er sich in das Springen und Laufen der Funken zu seinen Füßen, »auf meiner Heimatinsel Rügen da kannte ich vor mehr als einem Jahrzehnt einen Knaben, ein Kind adliger Gewalt, dem groß Unrecht geschehen. Dieser taumelte wie trunken zwischen Hölle und Himmel, als sei er ein Spiegelbild oder der Schatten der ganzen leidenden Menschheit. Und ich weiß, er rang redlich mit seiner düsteren, grimmigen, lechzenden Leidenschaft nach Wahrheit und Segen, nicht für sich, sondern für die vom Leben Vergessenen und Verfluchten. Aber dann – ehe er das gefunden, was nur einem vorausschauenden Gott beschieden sein kann, verschlang den Ungerüsteten, Unvorbereiteten bereits die Woge der tollen Zeit, und nur ein Gerücht meldete noch von ihm, daß er ein Mächtiger unter den Gesetzlosen und Ausgestoßenen geworden sei. Ich habe ihn lieb gehabt, und liebend gedenke ich heute noch seiner, weil ich ahne, daß er selbst in seiner jetzigen Gestalt ruhelos, wenn auch auf wirren, verworrenen Pfaden dem Wolkengebild der Wahrheit nachjagt. Wo ist Wahrheit?«

Wehmütig lächelnd schwieg der Abt und streckte seine feinen durchsichtigen Hände näher gegen das Feuer aus. So gewahrte er nicht, daß seine Gefährtin von seiner Erinnerung getroffen war, als habe sie eine Faust vor die Brust geschlagen. Atemlos und völlig unvermögend, den Sturm, der sie rüttelte, noch länger zu bestehen, hing das blasse Weib ihre erschreckten Augen an den Mönch und gab sich keine Mühe mehr, sich zu verstellen.

»War das der Störtebecker?« fügte sie mühsam aneinander.

Der geistliche Herr aber, ohne sich scheinbar über den verdächtigen Ton zu wundern oder an dem Zusammenhang deuteln zu wollen, schüttelte leise das Haupt.

»Ich weiß es nicht. Mein junger Freund führte wohl einen ähnlichen Namen, aber vieles, was man von dem Freibeuterführer im Volke erzählt, widerspricht doch gar zu sehr meinem jugendlichen Bilde. Zum Beispiel seine ausschweifende Trunksucht oder die kalte Gleichgültigkeit gegen Rechte und Leben einzelner. Nein, nein, diese helle Jünglingsgestalt habe ich, so wie sie war, in meinem Gemüt bestattet und einen Segen darüber gesprochen. Gebe Gott, daß aus der Gruft nicht ein anderer Mann auferstehe.«

Damit versank der Mönch in erneutes Grübeln und ließ Linda Zeit, sich notdürftig zu fassen. Unruhig blickte sich die Gräfin in dem kahlen Raume um, sie zählte die Windstöße, die um die Mauern heulten, und als irgendwo auf den Fluren ein Tritt laut wurde, da ertappte sie sich dabei, wie sie alle Verstecke und Schlupfwinkel des alten Meerkastells durchstöberte, um sich womöglich dort zu verbergen. Ihr ererbter, nordischer Wikingermut war gänzlich von ihr gewichen. Plötzlich erhob sie sich. Ihre Brust ging schneller als sonst. Auch ihr Gast wurde aufmerksam.

»Ich wünschte, ich könnte Euch morgen in die Stadt folgen, hochwürdiger Vater,« überwand das Mädchen einen sie überfliegenden Schauer und dabei schritt sie in die Ausbuchtung, wo sie die kleine Ampel an sich zog. »In dem finsteren Gemäuer hier ist's schlimm. Überall springen Gestalten aus den Wänden, die mir zurufen, ohne daß ich darauf eine Antwort wüßte. Es sind Ausgeburten der Einsamkeit, und ich habe keine Hilfe gegen sie als Schlaf und Gebet.«

»Und ein heiteres, tätiges Frauenwerk, wie es den Müttern ziemt,« schaltete der Abt sanft ein, der geräuschlos seinen Sitz verlassen hatte und nun teilnehmend vor ihr stand. Sachte hob er die Rechte gegen das müde Licht, so daß das rinnende Blut in seinen Fingern zu schimmern begann. »Alte Hausweisheit,« erinnerte er mahnend. »Sorge für Gatten und Nachkommenschaft erschließt den Jungweibern ihre eigene Seele. Alles davor ist Traum und Umweg. Aber nun – ich will mir nicht mehr von dir anmaßen, als du mir selbst gibst – nun sei Friede über dir diese Nacht.«

Er wandte sich, und die Gräfin folgte ihm, die Leuchte in der erhobenen Rechten. Vor den Schreitenden glitten schwarze Schatten über die rohen Kiefernwände, aus dem Holz beugten sich undeutliche, verzerrte Gebilde und griffen nach ihnen. Der Mönch öffnete gerade die Pforte, als die beiden wie auf Verabredung inne hielten. Jeder las in den Zügen des Gefährten, ob auch der andere diesen hellen Schrei aufgefangen, jenes hemmungslos tierische Kreischen, das aus dem Pfeifen des Windes mit schriller Verzweiflung herausgellte, um gleich darauf wieder in dem langgezogenen Winseln zu verschwinden.

Linda zitterte und doch lächelte sie matt.

»Eulen,« erklärte sie, »sie horsten oben auf den Türmen und fliegen jetzt aus. Es sind meine Haustiere,« wollte sie noch mit trübem Spott hinzusetzen, ohne sich doch selbst dem Glauben an ihre Worte hingeben zu können.

In diesem Augenblick donnerte durch das Gebäude ein kurzes, scharfes Krachen. Ein Schlag schien die Steine aus den Mauern zu reißen, die Dielen wankten, selbst auf dem Tisch klirrte das Metallgeschirr einen singenden Ton. Ungläubig, verängstet hielt sich der Mönch an dem Pfosten zwischen Saal und dunklem Gang fest, sein verblaßtes Antlitz aber war der Gräfin zugekehrt, als erhoffe er auch für dieses herzumwendende Toben eine tröstliche Deutung. Und Linda, obwohl ihr Herz in der Erwartung nahen Unheils wie zwischen Eisstücken geschichtet lag, sprach in unnatürlicher Ruhe:

»Der Sturm sprengt die Torangeln. Aber da du hier bist, Vater, wird Gott bei uns sein.«

So standen sie eine Weile, und da sich nichts weiter rührte, so begannen sie einander ihren Kleinmut fortzulächeln. Aber seltsam, warum verharrten sie noch immer, um auf einen einzelnen Schritt zu lauschen, der sich langsam, schwer und wuchtig in den langen Gängen vor dem Saal verkündete? Es war natürlich einer der Knechte, der das Licht zu löschen kam. Nur hätte er schneller nahen können, dienstfertiger; gleichviel – – – worauf warteten sie noch? Gemessen drehte sich die große Eingangstür in ihren Angeln, und dann – in dem Saal wurde es still, als ob der Tod eingetreten wäre. Wirklichkeit und Wahnsinn tanzten miteinander. Keiner wagte, auch nur durch einen Luftzug zu verraten, daß hier noch Sinn für die gewöhnliche Ordnung der Dinge atmete.

Auf der Schwelle ragte ein übergroßer Mensch, in einen nassen, schwarzen Mantel gehüllt, die Lederkappe zerbeult in die Stirn gedrückt. Gleichgültig schickte der Eindringling einen raschen Blick in dem Raum umher, dann schritt er ohne Eile, wie ein Bewohner des Hauses, auf die Tafel zu, schleuderte Mantel und Mütze mitten auf den Estrich und warf sich selbst in einen der leeren Sessel. Den Tisch, der ihn beengte, stieß er krachend mit dem Fuß beiseite.

»Schafft Wein und Speise,« befahl er den beiden Leblosen, und als sich die Gebannten nicht regten, stieß er ein kurzes Gelächter aus, ein helles, wohlklingendes Lachen, und winkte lässig. »Ihr da, zeigt fröhliche Gesichter – was steht ihr und haltet Maulaffen feil? – Eilt euch, ihr seid geladen!«

Da rann Leben in die beiden Entsetzensstarren zurück, fieberndes, beißendes Blut, und während die Hausherrin sich gegen den Pfosten lehnte, um die Hand gegen die Erscheinung auszustrecken, als hätte sie dadurch die Macht, diesen wahnwitzigen, wohl nur aus vergifteten Gedanken aufgestiegenen Spuk wieder zu verscheuchen, da wankte der Abt etwas weiter in den Saal hinein, entschlossen, seine geistliche Würde gegen den Niederbruch aller Sitte zu setzen.

»Wer bist du?« rief er, indem er sein Zittern überwand. »Im Namen Gottes und seiner unverbrüchlichen Gebote frage ich dich, was du vorhast und wer du bist?«

Die Stimme verstärkte sich, je kräftiger der Sprecher den Widerhall von den Wänden zurückempfing. Auf den hochgewachsenen, schlanken Eindringling jedoch schien sie jede Wirkung zu verfehlen. Das Bellen eines kleinen Hündchens hätte ihn nicht weniger behelligen können. Der Schein der Unschlittkerzen von dem Rundreifen umflackerte ihn, wie er jetzt den ungeheuren Weinhumpen an sich riß, um ihn ohne Umstände mit beiden Fäusten an seine erhobenen Lippen zu führen. Durstig schluckte er den übrig gebliebenen Trank, es war eher ein Stürzen zu nennen, nur daß sich zuweilen in der geleerten Höhlung dumpf und kollernd sein spöttisches Gelächter fortsetzte. Der feierliche Anruf des Conaer Abtes schien ihn höchlich zu ergötzen.

»Still, keine Predigt, Braunrock,« atmete er endlich auf, während er das schwere Gerät auf den Tisch krachen ließ, und dabei schob er sich, zu neuen Taten bereit, die Lederjacke zurück, so daß weite rotseidene Ärmel zum Vorschein kamen. »Gib Ruhe. – Wer soll ich sein? Ein Mensch bin ich, also ein armselig Ding, das von Gott kaum eine Spur und vom Teufel eine reiche Erbschaft miterhielt.« Er lehnte sich zurück und trommelte mit beiden Fäusten auf dem Linnen herum. »Möchtest aber lieber nach Stand und Namen herumkramen?! Komm, trink mit mir und denk inzwischen einen Witz aus, warum deiner Kumpanei der gemeine Mensch in seiner Armut und Nacktheit einen solchen Schrecken einjagt, du Nachfolger Christi.«

Ohne eine Antwort abzuwarten, rückte der Fremde ungeduldig an den leeren Schüsseln, blickte hinein, dann wandte er sich und schrie ein paar Namen gegen den Eingang, als ob er eine eigene Dienerschaft mitgebracht hätte. Draußen wurde es lebhaft, man hörte eilige Tritte in den Gängen, und von unten aus den gewölbten Hallen drang undeutlich Frauenkreischen und das Geräusch von Waffen.

»Wird hier gemordet?« zitterte Vater Franziskus.

Der andere horchte gespannt und schnürte die Augenbrauen über den schwarzen Sternen fester zusammen.

»Blutvergießen,« tadelte er endlich zurücksinkend, »ist ein töricht und unnützlich Geschäft. Vernichtet und heilt nicht. Aber warum wehrt sich euer Geiz auch so hartnäckig dagegen, wenn wir daran gehen, in das Erbgut von Mutter Erde nachträglich ein wenig Ordnung zu bringen?«

»Mensch, entsetzlicher,« rief der Mönch, jetzt all seinen Mut zusammenraffend, da er merkte, wie in dem schmalen, edelgebildeten Antlitz des Fremden sich ein grüblerischer Zug einzeichnete. »Was ersinnst du lügnerische Ausflüchte für Raub und Diebstahl?«

Der in dem Lederwams schüttelte sich leicht, als wenn ihn fröstele, trotzdem warf er plötzlich auch noch die Überjacke auf den Estrich und saß nun da in seiner rotseidenen Schecke, eine goldene Kette über der breiten Brust. Den braunlockigen Kopf stützte er nachdenklich in beide Hände.

»Keife nicht, Kutte,« brachte er nach einer Weile versonnen hervor, und es war, als ob er mehr mit sich selbst spräche. »Für dieselben Streiche hast du geflennt und Gebete gejammert, wenn sie von euch und euren Trabanten herrührten.« Er strich über die hohe Stirn und schüttelte sich wieder. »Aber darin geb ich dir recht, 's ist kein Sinn und Verstand dabei, die hübschen Goldstücke nur etwas schneller von einer Hand in die andere rollen zu lassen, wenn sie zu nichts anderem verwendet werden als zum Saufen, Huren und Prassen. Zwar auch dies ist ein gut Ding.« Wuchtig schlug er mit der Faust auf den Tisch, daß die zinnernen Schüsseln in die Höhe sprangen. »Komm, bring die Dirne da mit, sie hat einen ranken Leib, und dann trinken wir uns einen Rausch darauf, daß Gott oder der Teufel eine feinere Lebensweise für ihre zweibeinigen Ebenbilder ersinnen. Was gibst du mir, wenn der Gedanke schon unterwegs ist? Vielleicht wälzt er sich bereits im Hirn eines Übeltäters. Denn halleluja, der Gedanke wenigstens braucht kein edel Haus, er wohnt überall!«

Gerade wollte sich der Rotseidene wieder herumwerfen, um sich zu überzeugen, ob seinen herausgeschrienen Befehlen endlich Folge geleistet würde, da brach die Eingangstür auseinander, und vor den fassungslosen Blicken der Hausherrin und ihres Gastes quoll ein Schwarm derber, wettergebräunter Seeleute herein. Alte und junge Männer, verdächtig anzuschauen mit ihren narbenzerrissenen Gesichtern voll Auflehnung und Zuchtlosigkeit, und alle Arme beladen mit der Ausbeute ihres wilden Handwerks. Die einen schleppten Linnenballen und silbernes Gerät mit sich, die anderen schleuderten jauchzend Schinken oder Schüsseln voll geräucherter Fische auf den Tisch, ja, ein paar junge Burschen rollten sogar ein verschimmeltes Weinfaß herein, schlugen den Spund heraus und begannen unter Flüchen und rohen Scherzen eine Kanne um die andere mit dem roten Saft zu füllen. Klatschend stürzte das köstliche Naß auf die sauberen Dielen. Es sah aus, als wäre die fessellose, an keinen Befehl gebundene Gesellschaft bereit, den Rausch ihres so leicht erworbenen Besitzes sogleich an Ort und Stelle auszukosten. Kaum aber hatten die ersten Tropfen des starken Weines ihre Lippen benetzt, da wurden sie alle von einem Freudentaumel erfaßt, die letzte Zurückhaltung ging unter. Genießen, schlürfen, fressen und saufen schien ihr einziger Zweck. Wo sie gingen und standen, fielen sie auf dem Estrich nieder, hieben die Becher gegeneinander, grölten, lachten und zankten, und mitten aus dem wüsten Braus fingen sie an, ihre Zunftlieder zu heulen. Gierige Blicke und geschwungene Humpen richteten sich gegen das Weib, das matt und müde, geschlossenen Auges an dem fernen Pfosten lehnte.

Heiser brüllten die rauhen Kehlen:

»Schlagt den Prassern die Kästen ein,
Stehlt ihr Silber, sauft ihren Wein;
In die weichen leinenen Kissen
Ihre blassen Mädel gerissen.
Kehrt sie um, die morsche Welt,
Bis kein Groschen heraus mehr fällt!
Wer's nicht tut, der ist nicht wert,
Daß er ärschlings zur Hölle fährt.«

Die Jauchzer überschlugen sich, schrille Pfiffe gellten durch den Raum, die Begeisterten wälzten sich auf den Dielen, rissen und zerrten sich gegenseitig an den Frauengewändern, die viele von ihnen verkehrt über die Schulter geworfen hatten, und üble Reden flogen zu den beiden Menschen aus einer anderen Welt herüber:

»Da, sieh den Glatzkopf und die Lustdirne!«

»Ja, solch ein muffiges Gebetbuch weiß sich den rechten Platz.«

»Aber paß auf, wie sie tanzen, wenn wir hier anzünden.«

Ein grausig Gelächter wurde aufgeschlagen, dann spritzte es wieder aus dem Faß, und der Wein klatschte auf die Erde. In all den Lärm hatte der Hauptmann, zu dessen Füßen sich der Knäuel verschlang, mit einem sonderbaren, erfrorenen Lächeln hineingeschaut. Nun aber schüttelte er sich erwachend, wie jemand, der angespritzten Kot von sich abschleudert, und um seinen herrischen Mund irrte ein Zug von Grausamkeit und Hohn.

»Ja, das sind meine lieben Kinder, an denen ich meine Freude habe,« sagte er mit einer biblischen Anspielung und dabei bewegte er die Hand, als ob er die Rotte in ihrer Gesamtheit vorstellen wollte. »Sie geben sich nicht anders, als sie sind. Lug und Trug kennen sie nicht.« Und als er das ungemessene Entsetzen, den Ekel und den Abscheu in den Augen seiner beiden Gefangenen las, stieß er trotzig und voll grimmiger Rechthaberei hervor: »Folglich sind sie echt. Wer kann das in dieser falschen Welt von sich behaupten? He?«

Plötzlich riß sich der Sitzende herum, bückte sich und packte den vordersten der Gesellen unsanft an der Brust. Ein Zug, und der Stiernackige war auf die Beine gebracht. Da unterbrachen auch die anderen ihr Schlemmen, und es wurde so still und lautlos, wie es vorher wüst und unbändig gewesen.

»Wulf Wulflam,« herrschte der Anführer scharf, »was habe ich dir befohlen?«

Der herkulische Bootsmann wurde verlegen, er kratzte sich in seiner rotbraunen Schifferkrause und suchte sich, wie ein Schüler vor dem Lehrer, auf seine Aufgabe zu besinnen.

»Du sagtest, Admiral – – du sagtest – – «

»Was Mensch?«

»Wir sollten Gold und Silber von hier zu Schiff bringen. Mehr nicht.«

»Mehr nicht! Nun wohlan, das ist deutlich. Aber, Wulf Wulflam,« und er zerrte ihn heftiger an der Brust, »lauert hinter deiner Fratze nicht noch ein ander Gelüst? He?«

Ungewiß starrte ihn der Schiffer an, allmählich erstarb sein Grinsen, und seine anfängliche Sicherheit ging in Scheu und Unterwürfigkeit über. Auch seine Genossen hielten kleinlaut mit ihrem Toben inne, scharrend erhoben sich die Seeleute und rotteten sich verstohlen um ihren Bootsmann zusammen. Lauschend streckten sie die Köpfe vor, als gäbe es nichts so Wichtiges, als das winzigste Wort ihres Führers aufzufangen.

»Herr,« suchte sich der Bootsmann in verlegenem Trotz zu verteidigen, »wir dachten – wir meinten – « und unwirsch polterte er heraus: »der alte Kasten hier wäre auch längst reif für den Teufel und zum Ausräuchern.«

Weiter kam er nicht. Eine Blutwelle schnellte bis in die Stirn des Admirals, mit einem erbitterten Griff zuckte er nach seinem Dolch, riß ihn vom Gürtel und preßte das haarscharfe Messer dem Erschrockenen gerade auf die Kehle. Ein lauter Schrei entfuhr den anderen, aber auch Linda und ihr Gast klammerten betäubt, schutzsuchend ihre Hände umeinander.

»Du räudiger Hund,« keuchte der Rotseidene mit einer jedes Maß überlodernden Wildheit. »Meinst du, du seist der erste, den ich von meinen Kindern still gemacht? Wir stehlen nicht, wir sammeln einen Schatz. Zu welchem Zweck, weiß ich allein. Und wehe dem – einen Strick am höchsten Mast für den, der meine Pläne stört. Hast du es dir gemerkt?«

»Wohl, Herr,« stotterte der Bootsmann bezwungen.

Ein Murmeln erhob sich unter der Schar, das Verborgene, Geheimnisvolle, das hier angedeutet wurde, oder der unerbittliche Zwang, der von diesem einen ausging, er schloß die Ausgestoßenen wieder zu einem willigen Bund. Das dunkle Gefühl ihrer Sendung packte sie abermals. Der Admiral aber winkte heftig mit der Hand, als hätte er schon zu lange mit dem Haufen geschwatzt.

»Fort – tut, was euch geheißen – und mit dem Morgengrauen sind wir von hinnen.«

Da schob sich die Rotte lärmend, in überstürztem Gedränge zur Tür hinaus, jeder froh, der Gesellschaft dieses einsamen Menschen dort drinnen überhoben zu sein. Hinter ihnen blieb nichts als die leis aufgewirbelten Stäubchen, die blau und durchsichtig zu den Lichtern emporstiegen. Der Verlassene jedoch reckte die Arme, schüttelte nach seiner Gewohnheit das eben Vergangene unbegreiflich schnell ab, und nachdem er die lockigen Haare leichtsinnig in den Nacken geworfen, beugte er sich hungrig über die ihm vorgesetzten Schüsseln. Hastig und doch ganz mit den Gebärden eines großen Herrn begann er zu tafeln. Dabei vergaß er für eine Weile völlig der beiden Zuschauer, die an der fernen Wand, eng aneinander geschmiegt, unter Grauen und Schrecken beobachten mußten, wie oft der gewaltige Weinhumpen an die Lippen des Fremden stieg. Von Zeit zu Zeit wandte sich der Seefahrer und ließ neuen Trank in die Kanne laufen. Allein bei einer dieser Bewegungen mußten dem Eindringling endlich die zwei Schatten dort drüben an der Kiefernwand auffallen, denn er ließ das Weingefäß sinken und richtete seine schwarzen Augen mehr verwundert als in irgendeiner feindlichen Absicht auf die unfreiwilligen Zeugen seines Schmauses. Die verzerrte Bestürzung in ihren Gesichtern, die quälende Angst, mit der sie ihr Schicksal erwarteten, schienen den Zecher zu stören. Unvermutet sprang er auf, so daß alles auf der Tafel zitterte, und während er rasch auf die ihm Preisgegebenen zuschritt, empfanden diese trotz ihrer wachsenden Not das Wunder, wie geschmeidig und unangefochten der Seefahrer auch nach jenem unerhörten Trunk seinen Gang beherrschte. Kein Rausch hatte ihn unterjocht, nur die dunklen Augen waren unnatürlich erweitert und sprühten und blitzten, als ob sie in Brand geraten wären.

Jetzt stand der Hochgewachsene dicht vor ihnen, setzte die Hände in die Seiten und schlug endlich ein kurzes Gelächter auf.

»Kommt, ihr beiden Lämmer,« lud er sie ein, »nehmt das Ding wie es ist, und steht nicht wie die armen Schindluder vor dem Henkerkarren. Muß denn Donnerwetter und Gewitter immer nur von oben kommen? Es kracht auch einmal von unten, wie euch der Feuerberg auf Island lehren sollte. Und die Anwohner glauben dann, es gäbe ein fruchtreich Jahr.« Spielend faßte er den Mönch an der Kutte. »Überdies, Hochwürdiger, wie schrieb dein Freund, der Rechtsbeuger Cicero? ‘Varietas delectat’, und ich setze hinzu: ‘Der Teufel dachte ebenso, da er Buttermilch mit der Mistgabel aß’.«

Dringender zerrte er den Geistlichen an seinem Faltenrock, denn er wollte ihn zwingen, ihm an den Tisch zu folgen; der aber wich schützend vor die Gräfin zurück und schlug plötzlich beide Hände zusammen. Ein entgeisterter, verzweifelter Blick des Erkennens brach aus den guten Augen des Alten.

»Barmherzigkeit,« flüsterte er schwach. »Claus – Claus Beckera. Du bist's, verbirg dich nicht. Auferstanden aus dem Grabe als blutige Geißel. Als ein vergiftet Saatkorn, von dem die Menschen sterben. Mann – Knabe – deine Eltern, deine Mutter – deine Jugend – «

Im Saale wurde es still. So still, daß man den feinen Streusand auf dem Estrich unter den Füßen der drei Menschen knirschen hörte. Schweigend, unbeweglich stand der Störtebecker dem Mönche zugekehrt, und man hätte glauben können, daß er gelähmt, erschüttert sei durch das Auftauchen jener längst entschwundenen Gestalt. Allein kein Anzeichen kündete dies. Weder reichte er dem so unvermutet gefundenen Freunde die Hand, noch hieß er ihn sonst durch ein freundlich Wort willkommen. Nein, er starrte nur unverwandt in die greisen Züge, bis endlich ein tiefer Atemzug verriet, daß er aus Erinnerung und Abwesenheit zurückgekehrt sei.

»Es ist gut, Alter,« wünschte er halb im Ton des Befehls. »Ich will dich nicht kränken, aber ich kenne dich nicht. Dich nicht, dein Vaterland nicht und vor allem nicht eure Gesetze.«

»Claus.«

»Still, nur in einem trafst du das Rechte. Auferstanden aus dem Grabe, zu einer neuen Sonne, deren Wärme du nicht mehr fühlen kannst.« Ohne eine Antwort abzuwarten, tat er einen starken Schritt auf die Gräfin zu und hob ihr Haupt gewaltsam am Kinn in die Höhe. Die Zusammengesunkenheit des Mädchens schien seinen Hohn zu reizen. »Warum zitterst du, Weib?« fragte er scharf. Spürbarer faßte er sie an, um sie heftig ins Bewußtsein zu rütteln. »Du siehst aus wie eine Heilige,« rief er wild, sich über sie beugend, »und deine Hand krampft sich um ein Kreuz. Flennst du vielleicht darüber, weil dein Hab und Gut sich zu Speise und Trank wandeln sollen für die, so nicht rein und wohlbekleidet sind wie du, Gottselige?«

Da geschah etwas Seltsames.

Weit öffneten sich die blauen Augen des von einem schweren Traum befangenen Mädchens. Abwehrend streckte sie die Hände aus, als wollte sie das Grauen von sich fernhalten, allein, während sich ihr Körper in Erdenqual sträubte, da faltete eine bezwingende, eine ihr ganzes Dasein heiligende Macht ihre Finger zusammen, und über ihre Lippen drängten sich Worte der Demut und des beseligten Gehorsams, wie sie ähnliche niemals vor Altar noch Betstuhl gefunden.

»Nimm, was mein ist,« hauchte sie mit bangem entgeistertem Lächeln. »Da du gekommen bist, die Erde zu reinigen, so geschehe dein Wille.«

»Meine Tochter,« rief der Mönch über diese fromme Anbetung entsetzt dazwischen und griff sich verzweifelt an das betäubte Haupt, »du lästerst, du gute Seele. Erwache! In deine Augen spritzt die goldglitzernde Schlange ihr Gift. Die Verführung, die selbst getäuschte, schaut dir ins Antlitz.«

Der Störtebecker preßte plötzlich die Hand des Alten, daß der Abt laut aufschrie.

»Schwatze nicht, grauer Lügner!« fuhr er ihn an. »Meinst du, mein Wein würde schlechter, weil er in einem Mistkübel gereicht wird?«

Allein das Weib, um das der Streit ging, vernahm nichts weiter. In roten Blitzen hatte sich ihr die Vision offenbart, nach der ihre Verlassenheit Tag und Nacht gebangt. Er war da, der Ersehnte war erschienen. Ein herrlicher Mann, blutig und gebieterisch zugleich, beugte sich zu ihr herab, eine rote Wolke umschwebte ihn, und tief unter ihm hoben sich aus dem Morgengrauen tausend und abertausend Hände, die lobpreisend nach ihm verlangten. Damit sank ihr Bewußtsein in die Knie. Nur verlöschend empfand sie noch, daß sie aufgefangen wurde und geborgen war.

Claus Störtebecker hielt den Leib der Hingestreckten in seinen Armen. Ein Blatt, das auf ihn herabgeweht war, konnte ihn nicht lastender beschweren. Aber gespannt, fieberig, hingenommen starrte er jetzt auf diese erste Seele, die er von den Zinnen der Menschheit gebrochen und die sich doch zu ihm bekannt.

In halbem Verständnis nur streichelte er ihr das blonde Haar aus den Schläfen und wandte sich erst unwillig ab, als er sich unvermutet am Arm gehindert fühlte.

»Was willst du?« wies er den Mönch zurück, der sich noch einmal an ihn gedrängt hatte, um jetzt eine schwache Bewegung zu vollführen, als wolle er die Willenlose von ihm empfangen. »Was willst du?«

»Claus,« bat Pater Franziskus, am ganzen Leibe bebend, »ich will dir vergeben. Ich will annehmen, daß meine Zeit und die deine einander nicht verstehen können. Aber hier, gegen diese Unmächtige laß mich meine Pflicht erfüllen, wie ich sie gelernt habe. Hier weiche vor meinem Amt, und ich will dich trotz allem, wie vor Zeiten, segnen.«

Es war eine Stimme, die vor Seelenangst und Güte brach, aber der, den sie erweichen sollte, schüttelte hastig und finster das dunkle Haupt.

»Die ist mein,« widerstrebte er auflodernd. »Um Seelen wird nicht geschachert.«

»Claus, im Namen – – – « Der Abt taumelte und vermochte kaum noch die Rechte zu erheben. »Unglücklicher Mensch, denke daran, was deiner Mutter geschah.«

Da wirbelte ein schneidendes Gelächter aus der Brust des Seefahrers, mit einem rücksichtslosen Stoß befreite er sich von dem Alten, und während er seine Last fester an sich raffte, schritt er rasch und sicher bis zu dem dunklen Gang, wo er die Tür dröhnend hinter sich ins Schloß warf. Dann drehte er auch noch den ungefügen Schlüssel herum.

Gleich darauf hallten schwere Tritte auf dem gewundenen endlos laufenden Flur. Nur ab und zu brach durch ein Bogenfenster wolkiges Mondlicht über die Steinfliesen, und dann konnte der Träger diese und jene Wendeltreppe unterscheiden, die mit rohem Geländergebälk in ein oberes Stockwerk leitete.

Wiederholt hatte der Gewalttätige Vorhänge zurückgeschlagen oder eine schwere Tür geöffnet, doch immer mußte er in der Dunkelheit einen der kahlen Wohnräume erkennen, wie sie solch alten Kastellen eigen.

Allmählich aber begann er sich mit den Herzschlägen des stillen Wesens, das er an sich preßte, eins zu fühlen. Eng und warm ruhte es an seiner Brust, nicht mehr als unnahbare, frostige Heilige, sondern weich und biegsam, ähnlich den unzähligen anderen, die der Unbändige nur geschaffen wähnte, um seinen Körperdurst zu stillen. Aber hier war doch etwas anderes. Mit seinen untrüglichen Nerven spürte er, daß dieses hochgeborene, verschlossene, vor allem Unsauberen schaudernde Geschöpf im Innern des Menschen, der ihr gewiß ein Räuber, ein frecher Wegelagerer sein mußte, die goldene Flamme blitzen sah, wie sie einst auf den Altären gelodert. Und dieses Feuer wollte doch aus Kot und Unrat hinauf zur Gottheit, als ein Notschrei, als eine Anklage, als ein Signal! War sie nicht vor jenem Brand verstehend, beseligt dahingesunken? So etwas hatte der Verwöhnte, der doch befehlen durfte, der Gesetze umstieß und verborgene Wünsche losband, noch nie in seinen Armen gehalten. Ein Eigentum, unlöslicher als jedes andere. Erworben, geknechtet ohne Blut noch Schwert!

Unsicherer wurde sein Schritt, schwerer seine Bürde, summend hörte er das vom Wein und Siegerbewußtsein aufgepeitschte Blut in allen Adern rauschen, und nicht gewohnt, seinem Willen ein Hemmnis entgegenzusetzen, riß seine Rechte den dünnen Schleier vom Hals seiner Last, und sein Haupt bettete sich suchend auf die kühle Brust seines Opfers.

»Mein bist du,« murmelte er, während er verworren auf den regelmäßigen Herzschlag lauschte. »Mein. Deine Welt ist mein. Was kannst du besseres verlangen, als einzugehen in das, was du erkannt hast?«

Da stand er auch schon vor einer starken Bohlentür, er stieß sie auf, und vom hohen Kamin beleuchtete eine einsame Kerze das starke sechsfüßige Bett, einen Himmel darüber und einen schmalen, mannshohen Stuhl daneben. Und bedenkenlos, freudegeschwellt brach der Störtebecker in den Frieden dieses nie entweihten Raumes.

[IV.]

Sie lag entblößt auf ihrem langen breiten Lager, und der Wind der Morgendämmerung, der die Läden aufgestoßen und nun durch die engvergitterten, scheibenlosen Fenster hindurchstrich, er ließ ihre Glieder unter der dünnen Linnendecke frösteln. Empfindlich zog sie die Hülle bis zum Hals, und die Blicke der Erwachten wanderten ruhelos an der glatt gespannten Fläche des Betthimmels, als ob dort etwas geschrieben stände, auf das sie sich besinnen müßte. Aber gelähmt, verworren, zerwühlt versagten ihre Gedanken jede Selbstbesinnung oder Erkenntnis, und trotz aller Anstrengung wußte die Hingestreckte nichts weiter von sich, als daß ihr ein wüster, zackiger Felsstein auf die Brust geschmettert sei, und wie sie zu matt wäre, um sich der Wucht zu entwinden. Vor ihr auf dem Strohteppich atmete etwas, und als sie sich mühsam wandte, erkannte sie ihr schlankes Windspiel, das sich wohl gegen Morgen zu ihr gestohlen haben mußte. Das Hündchen lag, den Kopf zwischen den Pfoten, und äugte über seinem erzenen Halsband achtsam zu ihr herauf.

Da streckte sie die Hand aus und wollte das Tier anrufen; allein seltsam, sie vermochte sich nicht an den Namen ihres Begleiters zu erinnern, und in der Qual, ihr eigenes Wesen verloren zu haben, sank sie wieder zurück, eine Fremde, Unbekannte in ihrem eigensten, heimlichsten Bezirk.

Draußen, auf dem Ahornbaum, begannen ein paar Meisen zu zwitschern. Sonst bedeutete dies den Weckruf des Morgens, denn auf Ingerlyst erhoben sich Herrin und Knechte mit der Sonne, heute jedoch blieb alles unverändert still, das Vieh brüllte nicht in den Ställen, und die Holzschuhe des Gesindes klapperten weder auf dem Hof noch in den Burggängen. Auch die Zeit schien sich gewandelt zu haben, auch sie starrte leer und ausgeplündert, gleich der Gebieterin hier auf ihrem kalten Lager.

Geduldig bettete sich die Verlassene auf ihren Arm, lauschte angstvoll auf die zuckenden Schläge ihres Herzens und wartete, ob der Bann noch einmal von ihr genommen werden könnte. So hätte sie vielleicht noch lange hingedämmert, verstoßen von ihrer Vergangenheit und nicht fähig, den Wirbel vor der Gegenwart zu durchbrechen, wenn sich nicht ein leises Ticken gemeldet hätte, das vom Holzwurm herrührte. Ihr gegenüber über dem schmalen Kamin war bis unter die Tafeldecke ein altes, wuchtiges Holzkreuz eingelassen, und in dem braunen Gebälk bohrte und pochte es manchmal, als wäre selbst das heilige Symbol vor Zermürbung und Vergänglichkeit nicht sicher.

Richtig, richtig, Linda raffte sich auf, denn sie meinte sich jetzt zu besinnen, daß sie jeden Morgen noch vom Lager aus ihre Arme zu jenem gewaltigen Stamm erhoben habe. Ja, ja, gewiß, allerlei kleine Bitten und Wünsche bedrückten stets ihr Herz. Und dann die eine große Sehnsucht nach Reinheit und Stille. Aber als sie nun nackt, entblößt, frierend auf ihren Kissen kniete, da erstarb ihr plötzlich die volle Bewegung, über ihr blasses Antlitz zog starres Entsetzen, und wie von einem Blitzstrahl getroffen, stürzte sie rücklings auf ihr Linnen.

Ein Wunder – ein Wunder – vor ihren weit aufgerissenen Augen spielte sich das Herzlähmende ab. Ein fremdes Haupt erschien an dem Querholz, ein braunes Lockenhaupt, mit Lippen, rot von Küssen, und wilde, schwarze Augen gierten über ihren Leib. Und jetzt wand sie sich mit einemmal in einem Feuermeer, das sie verzehrte.

»Gnade, Erbarmen!«

Allein der Brand der Erkenntnis überheulte alle früheren Begriffe.

Zu Hilfe – die Welt war eingebrochen! Das Erdrund taumelte und schüttelte alles Lebende durcheinander. Der Heiland des Schmerzes von seinem Holz gezerrt, und an seiner Stelle lachte ein Unbändiger voll Grausamkeit, Kraft und Willensstärke. Schwarz war weiß, Verbrechen Tugend, Sitte Torheit, Entsagung Wahnsinn; sieh da – sieh dort, eine unwiderstehliche Faust packte das fliehende Glück, das sonst niemand halten konnte, und knechtete es seinen Anhängern. Allen! Auch dir – auch dir – das Glück! Sie wollte schreien, aber sie fühlte, wie sie in unsichtbaren Armen verging, alle Glieder spannte sie zu Kampf und Widerstand, sie biß, sie würgte, aber in der Unterjochung sank sie hin, erlöst von aller Erdenschwere, eine Freie im Angesicht der Natur.


Als sie erwachte, war der Rausch verflogen. Sie fand sich wieder, wie sie tränenlos auf ihrem Lager hockte, um mit ausgehöhlten, erfrorenen Augen zu beobachten, wie sich die Blätter des Ahornbaums vor ihrem Fenster in Morgenröte kleideten. Drinnen in der kleinen Kemenate webten noch die unerwärmten Schatten, und jedes der spärlichen Gerätschaften schien zu frösteln, zu zittern und zu schaudern. Stumpf, teilnahmlos warf sich das blonde Weib die gewohnten Hüllen über, und je bekanntere Dinge sie ergriff, ein desto trüberes Erstaunen beschlich sie, daß sie sich bewege oder warum überhaupt noch Leben in ihr walte? Unbegreiflich, gar nicht meßbar, sie war doch gemordet, ihr Name verschwunden von der Tafel, wo die Reinen und Ehrbaren verzeichnet standen, eine unbarmherzige Räuberfaust hatte die Züge fortgewischt, aus keinem anderen Grunde, als weil sie eben seine Beute geworden. Sie, ihre Diener, ihr Hab und Gut, ihr Heim und alles, was sie früher geliebt hatte. Eine kurze, ungestüme Lust hatte genügt, um aus einer Aufrechten eine geduckte Verworfene zu formen, beladen mit unaustilgbarer Schande, und nur noch dazu bestimmt, vor ihrem eigenen Ekel in ein geräuschloses Ende zu flüchten. Das war das wirkliche Dasein, so verkündete es sich, ein Tier wurde von dem anderen gefressen, ohne Güte noch Gnade, und alles, was darüber hinaus geredet wurde von umfassender Bruderliebe unter den wilden Geschöpfen, großer Gott, es war nichts als Staub, Wind und schwärmender Wahn.

Ein Tier wurde von dem anderen gefressen. Hilfe – Hilfe! – An welch lächerliche Narreteien hatte sie denn früher geglaubt?

In der unermeßlichen Angst, daß ihr bald auch noch das letzte, der klare Verstand geraubt werden müßte, griff sich die nun Aufgerichtete an beide Schläfen. Ihre auseinanderspringenden Gedanken wollten sich an irgend etwas klammern, an ein lebendes Wesen, das ihren Sturz begriffe, an ein Herz, von dem sich liebevoll scheiden lasse. Sie mußte doch irgendwo festhaften? Oder war sie schon immer wie ein dürres Blatt durchs Leere gewirbelt? Aber wohin ihre Verzweiflung auch jagte, immer fand sie sich allein vor dem großen braunen Kreuz wieder, um das ihre Rechte sich krampfte, weil ihre Knie vor Schwäche zitterten.

Das Kreuz – das Kreuz!

Eine fürchterliche Pause des Wartens entstand. Fordernd, dringend tasteten ihre erweiterten Augen an dem toten Holze hin und her, und je mehr Zeit ergebnislos verstrich, desto verächtlicher begannen ihre getäuschten Lippen zu zucken. Dort oben regte sich nichts. Derjenige, der ihr früher an dem Querholz oft in verzückten Stunden erschienen war, dem sie sich geweiht und dessen Güte sie sich bald ganz ergeben wollte, er hatte tatenlos, schwächlich zugeschaut, wie Leib und Seele seiner Jüngerin zu seinen Füßen verheert und besudelt wurden. Von einem anderen, der gleichfalls zu den Armen und Beladenen herniederzusteigen meinte, nur, daß er seinen Weg mit Blut begoß und daß der Pesthauch aller verdammten Laster ihn umwölkte.

Wie gestoßen fuhr die Gehetzte herum, grub ihre Blicke ungläubig in das zerwühlte Lager und strich dann ruhelos an den Wänden herum, gleich einem Tier, das einen Ausweg aus unübersteiglichen Mauern sucht. Und sie fahndete auch nach etwas – der giftige Atem der Nacht mußte sie benebelt haben – denn sie suchte fieberhaft, rastlos nach einer Erklärung für ihren grausigen Niederbruch, nach einer Auflösung des Rätsels, warum ihr Körper den geistigen Tod auch nur um eine Sekunde überdauert habe? Vielleicht hatte der große, schöne, gewalttätige Mann ihre Seele mit Zärtlichkeit umstrickt, vielleicht ihr Gemüt dürstend, überredend zu seinem Werk herübergelockt, das wie eine blutrote Erdensonne hinter ihm stand?

Nichts – nichts, alles Ausrede und Wahn! Ihre Ehrlichkeit gestand sich etwas anderes. Über ihr hatte sich ein Gewitter ausgetobt, in dessen kalte Blitze sie offenen Auges, betäubt, entgeistert, demütig und duldend hineingeschaut. Und jetzt war die Wetterwolke vorübergezogen und hatte gleichgültig die geknickte Flur hinterlassen. Prüfend fuhr Linda an ihren Gliedern herab, und jetzt erlangte sie endlich die ersehnte Gewißheit. Alles tot, gebrochen, leblos, ihr blieb nur noch übrig, den Leichnam einzusargen.

Das war ihr Ziel, ihr letztes. Es stimmte im Grunde mit ihren Kindheitswünschen zusammen, die von je nach Aufhören und Verstummen gelangt hatten.

Mit fliegender Hand warf sie noch ihr zerdrücktes Gewand über und schlich auf den morgengrauenden Gang hinaus. Nicht einmal Zeit hatte sie sich genommen, die Lederschuhe anzulegen. Doch ihr abgeirrtes Bewußtsein empfand die Kälte der Steinfliesen nicht mehr. Mit stützender Hand hielt sie sich an den Wänden, und so schwankte sie ein paar der gewundenen Treppen hinab. Überall offene Türen, sonst Stille und Lautlosigkeit. Einmal stutzte sie. Von fern konnte sie in den großen Saal hineinlugen, in dem sich gestern abend das wüste Zechgelage abgespielt, und eine flüchtige Sekunde klammerte sich eine jähe Hoffnung an ihr fest, ob der Abt, der mildherzige, verzeihende Christenlehrer, vielleicht noch zwischen jenen Mauern ihrer harre. Gleich darauf freilich zuckte sie schuldbewußt zusammen, und wenn der weite Raum auch nicht so menschenleer und unrastig gegähnt hätte, die abgründige Scham würde sie gerade vor dem Angesicht des Priesters in besinnungsloser Flucht vorbeigetrieben haben. Nein, nein, nur keinem Genossen des Gestern mehr in die Augen schauen müssen, nur schnell und unbemerkt irgendwo den Sprung in die fegenden Höllenflammen wagen, damit die Lohe vielleicht die gräßliche Unsauberkeit läutern könnte. Selbst jetzt, wo ihr Erdenweilen kaum noch nach Augenblicken zu bemessen war, da preßte ihr die Scham, eine ganz unausdenkbare, umwühlende Scham, beide Hände vor das Antlitz, und ein winselndes Stöhnen entrang sich ihrer Brust.

Oh, nur dieser überwältigenden, giftigen Verachtung entfliehen, die wie ein Regen überall auf sie herniederfiel; nur schnell diesem letzten, heilsamen Entschluß zustreben, bevor das unschuldige Licht des Tages den für die Befleckte so wohltätigen Dämmer zerstreute.

Weiter, weiter, die Treppen liefen an ihr vorüber, die Hoftür war nur angelehnt, und als sie sich über den Wirtschaftsplatz drückte, da drängte es sich ihr auf, daß auch hier alles Leben erstorben sei. Nirgends mehr ein Stück Vieh, weder im Stall noch an der Tränke ein Knecht, öde und ungenutzt lag das alte Gemäuer, und nur der Wind knarrte ab und zu mit den offenen Türen. Allein gerade jene gespenstische Verlassenheit nötigte dem Schatten, der hier vorüberstrich, ein mattes Wohlgefallen ab. Kein Auge, das sie in ihrer früheren Reinheit gekannt, durfte sich fragend an sie heften, ungestört ließ man das namenlose, geschändete Geschöpf seines Weges ziehen.

Er führte sie nicht mehr weit.

An der hinteren Umwallung waren in schrägem Anstieg ein paar Stufen in die Mauer gehauen. Sonst hatte die verwöhnte Herrin niemals diesen Katzentritt benutzt, nun kroch sie bedenkenlos hinauf und beachtete es nicht einmal, daß ihr das Mörtelwerk die nackten Füße zerschnitt. Keuchend, schwankend langte sie auf der Mauerkrönung an. Und sofort fuhr der Seewind in ihr Gewand und stäubte es auseinander. Ein letzter, vor Vernichtungstrieb bereits trüber Blick belehrte sie, daß sie an der rechten Stelle angelangt sei. Unter ihr zog der Burggraben seinen grünen, fauligen Linsenteppich, bleierner Dunst brach aus ihm empor und spielte mit den Schatten, die eine Reihe uralter Kastanienbäume vom jenseitigen Bord über den starren Tümpel warf. Heiseres Froschgequake klapperte aus dem Nebel, und manchmal huschte es im Sprung über die Fläche, und die grünen Kugeln strudelten dann im engen Kreis auseinander.

Ja, sicherlich, hier öffnete sich das abschüssige Tor, hier konnte ein Wanderer eingehen, der für Vergessenheit und spurlose Entrückung das Letzte, Äußerste zu zahlen bereit war. Linda griff nach einem Tollkirschenzweig, der in dem Geröll wurzelte, und während ihre Füße bereits den Halt lösten, da summte ihr noch wohltätig die Erinnerung durch die Sinne, daß schon zur Zeit der Fehden gepanzerte Reiter mit Roß und Speer dort unten von smaragdgrünen Armen ins Bodenlose gezogen worden seien.

Es mußte ein langes, traumhaftes Sinken werden, und dann würde es sein, als ob eine ungeheure Faust glättend über eine Unebenheit dahingestrichen wäre.

Schon strauchelte sie, schon spannte sich die Tollkirschengerte zum Zerreißen.

Aber es war anders über sie beschlossen.

Kein erschreckter Menschenschrei störte sie, kein schützender Männerarm fing sie auf, nein, es war nur das Leben selbst in seiner überredenden Stärke, das auf sie zuschritt, um die Betroffene ein paar Spannen weiter als bisher in seine schimmernde Vielgestaltigkeit blicken zu lassen. Das Rad, das so lange einförmig gelaufen war und nun stockte, es empfing plötzlich einen unbegreiflichen Antrieb nach der entgegengesetzten Richtung. Hinter den Kastanienbäumen brauste ein Windstoß, ein langes Summen wühlte sich über das Meer, und dieser seltsame Ruf schleppte die Aufmerksamkeit der Verlorenen gebieterisch und zwangsweise mit sich. Sieh dort, welch ein Bild? Auf der Seehöhe, abgehoben von dem blauen Strich der aus milchigen Schwaden auftauchenden schwedischen Küste, schwoll der dunkle Leib eines Schiffes. Gewaltig, von nie geschauten Formen, lag es in dem blauschwarzen Teppich, widerstand sogar dem leisen Schaukeln der Fläche und stieß zwei riesenhafte Masten in den matten Silberhimmel. Und jetzt, wehten nicht auch von der diesseitigen Küste undeutliche Stimmen herauf? In den feuchten Sand hatte sich eine Snyke, ein großes, weitgebuchtetes Boot, eingebohrt, und Linda, die sich noch immer an ihren Zweig klammerte, fing auf, wie dort von winzigen schwarzen Gestalten allerlei Vorrat über die Planken verladen wurde. Oh, jetzt wußte sie es, dies Besitztum dort unten war ihr eigenes Gut, das vergewaltigt wurde, ebenso wie es ihr selbst geschehen, und auf dem Schiff dort hinten thronte ihr Vernichter und spann seine umwälzenden Pläne. Willenlos ließ sie die Gerte fahren, strich sich die Haare aus der Stirn und lehnte sich mit einem tiefen Aufatmen zurück, als wenn sie auf unbegreifliche Weise einen Arm gefunden hätte, der ihr eine Stütze gewähren müsse. Was war ihr denn nur in diesem flüchtigen Augenblick widerfahren? Welch seltsame, überlegene Ruhe strömte in sie über? Woher plötzlich diese Wandlung, die ein und dasselbe Wesen so völlig teilte, daß das Jetzt das Vorher nicht mehr begriff? Unwillkürlich beugte Linda sich herab, um angestrengt zu spähen, ob dort unter ihr nicht doch etwas verschlungen worden sei, was sie kurz vorher noch im Übermaß seelischer Zerrüttung vor dem Morgen verstecken wollte. Jetzt stieg der rote Triumphzug herauf, schlug breite Brücken über das Meer bis zu dem fernen Schiff, und aus dem Wind rauschte eine aufreizende Stimme. Die sprach:

»Was stehst du und fürchtest dich? Wandle über mich fort, denn dort ist dein Weg.«

Entschlossen richtete sich die Verlassene empor, mit einer Entschiedenheit, die ihr früher niemals eigen gewesen, und sah erstaunt, fast gierig in den sich weitenden und breitenden Tag. Trotz der roten Verklärung zeichneten sich Nähe und Ferne in glasheller Klarheit ab; die blau und rot geschichteten Linien des Horizontes, die schwarze Wölbung des Schiffes, das steile Ragen seiner Masten, das kurze Schwellen der schaumlosen Wogen, das Erschauern der Fläche unter dem Wind, das schräge Schießen einer Möwenschar, alles erfüllte sich mit Licht und Wahrheit, es verkündete sich so wirklich und voll Absicht, daß die Zeugin jener Dinge bestürzt und beinahe hungrig diese klare, fernsichtige, hüllenlose Welt an sich zog. So hatte sie es nie geschaut. Und dabei versank ihr das nächste. Sie selbst entglitt sich. Das, was sie gewesen, war zertreten. Ob jene Vernichtung berechtigt, schlimm oder gut schien, darüber grübelte sie nicht länger. Was lag wohl daran, ob ein einzelner in dieser kämpfenden Welt rein oder besudelt einherging? Ob er heute Fürstenschmuck oder morgen Lumpen trug? Und ob derjenige, der dies alles gewollt und verschuldet, als ein Elender, Verstoßener gebrandmarkt oder als sieghafter Empörer dafür gefeiert wurde? Was lag an diesem oder jenem, mochte er noch so fürchterlich wüten? Aber – und die Erkenntnis einer neuen, sie völlig überwältigenden Offenbarung leuchtete in die fernsten Winkel ihrer wie von Spinnweben sich befreienden Seele – hilf Himmel, dort hinten das gewaltige Schiff führte ja eine köstliche, noch nie an die Welt verschenkte Ladung! Linda mußte sich wieder an das Tollkirschengestrüpp lehnen, denn ihr Herz klopfte zum Zerspringen, und ein sehnsüchtiges Verlangen überglänzte ihr totenblasses, vernichtetes Antlitz. Wie war denn das? Das Schiff schwamm ja nicht allein auf den Wassern, es durchsegelte die Luft und fuhr durch Städte, Dörfer und Geister, weil es von dem Herzblut der Armen und Verlassenen getragen wurde. Es war eine Erlöserbarke und verschloß den Gedanken eines Menschengottes, gewoben aus Mitleid und Kraft. Hilf Himmel! Die Erde mußte bald auftauchen aus der Sündflut ewigen Jammers, der Unsegen und die Ungerechtigkeit vertrieben werden, aus Haßerfüllten und Mordgierigen sollten die sanften Triebe wieder aufblühen, die der Ewige im Anfang in sie gepflanzt, und um alles Lebende sich ein weiches, goldglitzerndes Band schlingen, das Herz an Herzen schloß.

Wer es auch verkündete, der Wille war überirdisch. Er blendete ihr die Augen. Diesem Gedanken war sie geopfert worden, als die Angehörige einer Versippung, die ihn nicht mehr fassen konnte, doch deshalb gehörte sie auch jenem Gedanken. Er war das einzige Besitztum, das ihr geblieben, und darum durfte sie nicht untergehen, bevor sie nicht einen Strahl der Erfüllung aufgefangen.

Hilf Himmel! Sie war hingemordet und neu geboren, geschändet und gleichzeitig getauft in dem lodernden Geist, der dort draußen über die Wasser glühte, und mit einem trunkenen Schrei löste sie sich von der Mauer und taumelte über die Stufen in den Burghof zurück, das Eigentum einer fremden, sie unterjochenden Gewalt.


In dem leeren Kastell wurden Türen auf- und zugeschlagen, eine fieberische Hand suchte, riß an sich und fand, und eine kurze Weile später sahen die Männer an dem Boot, da man es gerade tiefer in die Flut hinabdrückte, wie sich ihnen ein junger, schlanker Bursche in der schwarzen Dänentracht näherte.

»Kuck,« zeigte der Bootsmann Wulf Wulflam und schob seinen schweißigen Stiernacken vor, »da kommt einer, ist nicht ausgekniffen! Was mag das Kindlein wollen?«

Auch die anderen Matrosen hielten breitbeinig in ihrer Arbeit inne, stemmten die Fäuste in die Seiten und wunderten sich, woher wohl der blasse blonde Fant den Mut aufgebracht, sich so zutraulich ihrer Rotte zu überliefern, die mit Spähern und Kundschaftern nicht gerade viel Federlesens zu machen pflegte.

»Potz Marter,« witterten ein paar der ausgepichten Spürnasen. »Kuckt, die Hüften und das Beinwerk. Gebt Achtung, da stimmt was nicht.«

Und da meckerte auch schon der Bootsmann aus vollem Halse, kniff die Augen zusammen und legte seinen schweren Arm prüfend um die Schulter des Ankömmlings.

»Bist ein Bürschlein, Feintrauter?« schmunzelte er. »Oder ein Jüngferlein? Sag mir's ins Ohr. Was willst du?«

Der Bursche wurde noch um einen Grad bleicher, aber er nahm sich zusammen und zwang seine sanfte Stimme zur Festigkeit, als er erwiderte:

»Wenn du ein Mensch bist, so leite mich zu deinem Herrn. Ich will bei euch bleiben und mit euch ziehen.«

»Viel Ehre, wahrhaftig.« Der untersetzte Kerl vollführte eine spaßhafte Verneigung, dann zwinkerte er noch unverschämter mit seinen verschwollenen Augen, winkte jedoch mit beiden Fäusten seine höhnenden Gefährten zur Ruhe. »Halt's Maul, Gesindel. Siehst du nicht, daß ein fürnehmer Junker sich zu uns herabläßt? Eia, welch feines Tuch und welch ein geschorenes Krägelchen!« Er leckte sich die wulstigen Lippen und schlürfte vor Wonne. »Potz Belten, und wie gerade und voll sich die hübschen Beine runden! Traun', wer möchte sich nicht solch einen holden Schatz zum Freund wünschen?«

Spürend, tapsig ließ er die Hand an der Weiche des jungen Dänen herabgleiten und begriff es wohl selbst kaum, wieso ihn ein verzweifelter Stoß dieser kleinen, kraftlosen Jungenhand so überraschend zurückschleuderte. Aber während der Ungeschickte unter dem schadenfrohen Gewieher seiner Gesellen bis an den Bordrand stolperte, wo er endlich einen Halt fand, wirkte der versteinerte Ernst in den Zügen des Knaben doch so wunderlich auf den Seemann ein, daß er mürrisch von seinen unangebrachten Scherzen abließ.

»Weißt du auch, Milchbart,« brummte er warnend, wobei sein Blick noch einmal die weichen Formen des Fremden betastete, »was geschieht, wenn du keine Gnade bei uns findest? Dann wirst du kopfüber ins Meer gestürzt. Denn nur die Stummen halten reinen Mund.«

»Das schreckt mich nicht,« entgegnete der Däne mit einer seltsam bangen Stimme. »Ich habe keinen Namen, keine Heimat und keine Ehre.«

Der Bootsmann fuhr auf, um ihn herum waren die Leute still geworden.

»Steig ein,« murmelte er nachdenklich, »dann gehörst du vielleicht zu uns. Solchen Burschen haben wir schon geholfen.« Hilfreich bot er dem Knaben die Hand, wenige Augenblicke später knirschte das Boot in die Fluten hinaus, hinter seinem Kiel schrumpfte die menschenleere Küste, und nur das ausgeplünderte Kastell hob sich schärfer über die Gegend, als wenn es aus seiner Starrheit erwache, um ein rächendes Leben zu gewinnen.


Unter dem mächtigen Kriegsaufbau am Heck stiegen sie eine breite Treppe hinunter. Dann hob sich ihnen eine eisenbeschlagene Tür entgegen, und davor stand ein bärtiger Matrose, den Spieß aufgerichtet, die Linke auf ein kurzes Schwert gestützt. Er hielt die Wacht.

»Laß das Bürschlein ein, Tielo,« vermittelte der Bootsmann, der hier zögerte. »Mich dünkt, Claus kennt es schon,« wollte er zweideutig hinzusetzen, aber von einem dieser erdenfernen, unglücklichen Blicke getroffen, verbesserte er sich und polterte ungeduldig heraus: »Laß es ein. Es wird Claus Spaß machen. Geh, Bürschlein.«

Vorsichtig öffnete er die Flügel nach innen, der Tag schwand zurück, und eine bläuliche Dämmerung empfing die Eintretende in dem tiefen, langgestreckten Raum. Beruhigtes, sattes Morgenlicht floß durch zwei kreisrunde Löcher, deren Bretterverschläge zurückgezogen waren, und die blaue Abspiegelung der See verlieh dem teppichbelegten, fürstlich geschmückten Saal etwas Kühles und Fröstelndes. Aber es war nicht diese Wahrnehmung allein, die dem blonden Weibe in Knabentracht, das doch von ihrem Dämon unerbittlich hierher getrieben worden war, das Herz erstarren ließ, nein, als es nicht weit von sich, dicht unter der einen Fensteröffnung, einen überlebensgroßen Mann auf seinem Ruhebett lagern sah, den Frevler, der es hartherzig zertrümmert hatte, da bäumte sich sein besudeltes Magdtum in seiner ganzen Qual und Zerrissenheit auf, Leichenblässe bedeckte es, und wie ein schwerer Stein brach es in die Knie, um starr und sprachlos liegen zu bleiben. Im selben Augenblick wurde jedoch auch der Ruhende durch den dumpfen Fall aufgeschreckt. Unwillig über die Störung wandte er seine Aufmerksamkeit von einer in rohen Strichen gezeichneten Seekarte ab, die ihm gegenüber an der Wand angebracht war. Aber kaum hatte er sich halb emporgerichtet, da krampfte er in jähem Erkennen eines der Kissen zusammen und eine hitzige Welle spritzte ihm ins Antlitz. Das Bild des knienden Wesens offenbarte sich ihm so überraschend und unglaubwürdig, es warf ihm seinen eigenen Frevel so wild ins Antlitz, daß er zuvörderst seine herrische Sicherheit einbüßte, und ein widerspruchsvoller Grimm gegen die Mahnerin seine Brauen zusammenschnürte.

»Was willst du?« drohte er in ersticktem Zorn. »Wer ließ dich ein?«

Keine Güte verkündete sich in den heftig hervorgestoßenen Worten, nicht ein Schatten von Reue, nur der verletzte Übermut eines jede Verantwortung Verschmähenden tobte sich hier aus. Aber gerade diese helle, schneidende Stimme riß Linda aus ihrer demütigen Stellung empor. Wie ein Pfeil fuhr es ihr durch den Sinn, daß der Mann auf dem Lager ein bedenkenloser Übeltäter sei, daß er nichts Heiliges an sich trage als seinen fremdartigen, erlösenden, umwälzenden Gedanken, und daß auch dieser nur durch ein unerklärliches Wunder gerade in seine kalte, spiegelglatte Schale verschwendet sei. Und fieberisch getrieben, sich wenigstens das letzte zu retten, was ihr noch von Hoffnung, Himmel und Jenseits übriggeblieben, sich nicht ausschließen zu lassen von jener Gnadenfreistatt, die hier allen armen Seelen gepredigt wurde, erhob sie sich und trat dem Gefürchteten stockenden Schrittes entgegen. Ihre blauen Augen drängten sich suchend, flehend, jeden Widerspruch von vornherein fortstreichelnd, in die seinen.

»Du hast mir alles genommen, Claus Störtebecker, selbst den Winkel, wo ich mich verbergen kann,« sagte sie mit einem unausweichlichen, bebenden Ernst, von dem sogar ihr Zuhörer gebändigt wurde. »Du hast mich getötet, obwohl ich dir nichts Übles sann, da ich dich zuvor kaum zweimal geschaut. Aber sieh, das, was besser ist als du, dein Werk, diese letzte Zuflucht der Gemißhandelten und Niedergebrochenen, sie kannst du auch mir nicht verschließen. Der Heiland spricht nicht mehr zu mir. Aber in deiner Hand leuchtet ein Licht, das mich beseligt. Laß mich dir dienen, Claus Störtebecker, laß mich dir dienen, damit ich den Tag schaue, wo du das Licht zu den Unglücklichen trägst. Denn dies ist der Tag der Auferstehung.«

In ihrer Stimme demütigte sich die ganze Zerbrochenheit eines jämmerlich zugerichteten Wesens, aber zugleich griffen aus jedem Wort zwei flehende Hände in letzter Angst nach einem schwanken Lichtstrahl, als ob er zwischen ihren Fingern zu einem rettenden Seil werden könnte. Der Mann jedoch, ihr Verderber und Zerstörer, von dem ihre hingenommenen, betäubten Augen meinten, daß ihm das weisende Licht in der Rechten flackere, er sprang finster auf, und während er ungehalten das Haupt schüttelte, da stritten sich in ihm niederdrückende Verlegenheit mit der peinlichen Abneigung, seinem lebendig gewordenen Frevel Rede und Antwort stehen zu müssen. Dergleichen war der selbstherrliche Genießer nicht gewohnt. Alle Weiber waren doch nur dazu geschaffen, damit sie auf weichen Kissen der darbenden Lust Genüge täten. Was verschlug es, ob sie unter geschwungenen Weihrauchfässern hingenommen wurden, im Taumel des Weines oder einer überrauschenden Siegerlaune? Nein, nein, den unbequemen Vorwurf wollte er nicht an seiner Seite dulden.

»Weib,« klang es scharf und hitzig von seinen Lippen. »Du träumst. – Das Freibeuterschiff ist kein Platz für Frauentränen. Hier fließt Blut. Nicht zum Scherz nennen wir uns ‘aller Welt Feind’.«

Allein Linda senkte nicht ihren ernsten Blick.

»Ich weiß,« entgegnete sie ohne Zaudern, »du bist ein Feind der verdorbenen Welt. Jedoch, Claus Störtebecker, auch ich habe meine alte Welt abgestreift. Und du darfst es mir glauben, ich will nicht ruhen noch rasten, bis ich, gleich euch Männern, nur noch das Flammenzeichen vor mir schaue, auf das ihr zufahrt.«

»Weib, Weib,« unterbrach hier der Admiral mahnend und ungläubig, und doch geschah es nur, um zu verbergen, wie sehr er von der sehnsüchtigen Hingabe dieses fremden Geschöpfes getroffen wurde. Unruhig durchmaß er den weiten Raum, bis er plötzlich hart vor dem dänischen Knaben stehn blieb. In seinem schmalen Antlitz zuckte jene wilde Entschlossenheit, die stets seine Züge spannte, wenn es zu Streit und Kampf ging. »Weib,« drohte er sonder Rücksicht noch Scham. »Was verstecken wir uns voreinander? Dir ist übel von mir mitgespielt worden. Und ich weiß nicht einmal, was mich dazu trieb. Ob nur der Weindunst oder die Freude daran, deiner Patronin einen Streich zu versetzen. Aber jetzt täusche dich nicht. In mir gibt es keine Bereitwilligkeit, das Begangene wieder gutzumachen.«

Totenblaß warf der Knabe die Hand vor, allein seine Finger wurden von dem Seemann ergriffen und beiseite gepreßt.

»Mein Leben wird kurz sein,« hastete er weiter, »und ich will es mir nicht durch deinesgleichen mindern lassen. Zahlreich schlüpft ihr durch meine Hände, was seid ihr mir?«

Aufgebracht, erzürnt stand der Hochgewachsene vor ihr, als sei er es, der grimme und berechtigte Vorwürfe über die Zudringliche ausschütten dürfe, weil eine Fremde sich unterfinge, sein Dasein zu beladen oder dem Ungebundenen eine Richtung weisen zu wollen. Dazu hielt er noch immer die Hand des Knaben in der seinen und umspannte sie, daß die Blonde einen leisen Wehruf nicht unterdrücken konnte. Und doch, die verletzende Offenheit des wilden Menschen, die das klägliche Schicksal einer Vernichteten erst in seiner ganzen kargen Armut enthüllte, gerade diese schonungslose Roheit, sie ließ die Edelingstochter einen Rest ihres alten angeborenen Stolzes wiederfinden, das Bewußtsein ihrer geraden, rechtlichen Art.

»Was sprichst du von anderen Weibern?« beharrte sie fest. »Begreifst du nicht, daß du mich für immer hinweggelöscht hast? Sei gewiß, niemals werde ich dich an mein Wesen erinnern, aber auch nicht dulden, wenn es im Gedächtnis anderer wieder auflebt. Zudem in der Stunde der Gefahr bietet das weite Meer ringsum für jeden Mutigen eine Freistatt.«

Ruhig entzog sie dem Admiral ihre Hand und lüftete die Kappe von ihrem Haupt. Und jetzt bemerkte der Erstaunte erst, wie ihre Haare kurz abgeschnitten waren, gleich denen eines Knaben. Kopfschüttelnd, mit einem halben Lächeln über die Zähigkeit ihres Willens trat der Störtebecker zurück. Sein Gast aber sprach mit unvermindertem Nachdruck weiter:

»Darum, noch einmal, Claus Störtebecker, dulde mich. Denn mir ist es, als ob mein Leben erst enden könnte, nachdem ich das Glück der vielen Tausende geschaut habe, um derentwillen du geboren bist.«

Es lag ein solcher fernseherischer Glaube in dieser Bitte, daß er jedem anderen an die Seele gerührt hätte. – Claus Störtebecker indessen begann plötzlich zu lachen, streckte sich auf das Lager, und indem er bequem das Haupt aufstützte, warf er hin:

»Sage mir, wie heißt du, Büblein?«

Obwohl sie alle Kraft aufbot, errötete doch die Gefragte.

»Linda,« entgegnete sie, an sich herabschauend.

»Gut,« lobte der Admiral und betrachtete neugierig die ranke Gestalt, »so will ich dich Licinius taufen.« Und auf ihren verständnislosen Ausdruck setzte er angeregt hinzu: »Merke dir, dein neuer Schutzpatron war im alten Rom einer von jenen, denen weder Suppe noch Braten schmecken wollte, solange die Hungrigen in ihren Pesthöhlen verfaulte Tiberfische fressen mußten. In dir sitzt von dem Mann etwas, das ich gern habe. Und nun suche dir hier ein Loch zur Behausung. Was schiert es mich? Es waren schon viele Weiber auf dem Schiff. Du magst bleiben, solange deine Grille zirpt oder es dir sonst Spaß bereitet. – Geh, Licinius.«


Ende des ersten Bandes.