Claus Störtebecker
[Zweiter Band]
[Das dritte Buch]
[I.]
Von ihrem roten Gefieder getragen, glitt die »Agile« durch Tag und Nacht. Geschmeidig, zuverlässig, wie ein nimmermüder Läufer rannte das Schiff über die blaue Ebene, und sein Erbauer mußte einen eigenen Zauber in den Kiel gesenkt haben, denn es war befähigt, durch eine unscheinbare Schwenkung mühelos den Zusammenrottungen größerer Flotteneinheiten zu entgehen, wie sie sich jetzt auffällig oft auf der Ostersee zu zeigen begannen. Über die Wasser mußte bereits das Gerücht von der Untat auf Ingerlyst schwirren. Mehrfach am Tage wurde die Kogge von allerlei Schiffsgemeinschaften angerufen. Dann bemerkte Linda, die in ihrer schwarzen Knabengewandung hinter dem hohen Bord lehnte, um in das ihr unbekannte Fluten und Schwellen des Seeverkehrs zu starren, wie unter die Freibeuter eine wilde Bewegung geriet. Dunkle Haufen rotteten sich auf den Kriegsaufbauten über dem Bug oder hinten über Steuerbord zusammen, verborgen spannten sich die Armbrüste, die Geschützbedienung trat unten im Raum hinter die drei Lederschlangen, und während unheimliche Ruhe herrschte, kletterte gewöhnlich der Bootsmann Wulf Wulflam in den mannshohen Mastkorb, um von dort faustdicke Lügen auf die Wißbegierigen hinabzuschleudern. Bald nannte er sein Schiff »Roi de France«, bald »Die Perle von Brügge«, und die Flaggen, die er aus Leibeskräften schwenkte, nahmen ebenso phantastische Farben an wie seine Auskünfte über Ziel und Ladung des Seglers. Rückten darauf die fremden Schiffer mißtrauisch und unbefriedigt näher, dann fing mit einemmal die Erfindung des Störtebecker an zu spielen. Eine Hebevorrichtung trug die Lederschlangen mitsamt den Bombardierern auf den Aufbau über dem Bug, und der Donnergruß aus den drei Mäulern vertrieb den Neugierigen weitere Fragen. Um Linda herum aber gellte der höllische Triumph der Freibeuter. Bei solcherlei unbedeutenden Scharmützeln pflegte sich der Admiral fast niemals zu zeigen. So oft der Blick des Knaben ihn suchte, immer mußte er sich überzeugen, daß der Befehlshaber den Seinen unsichtbar das stolze Fahrzeug lenkte. Fremd und hochmütig vermied er die Gemeinschaft mit dem Seevolk, und Linda entdeckte, daß dieser Schwarzflaggenfürst einen Wall um sich gezogen hatte, über den keiner seiner Untergebenen hinüberzuschauen wagte. Dafür raunten sie sich über ihn allerlei geheimnisvolle Geschichten ins Ohr. Der Aberglaube der Schiffer spann bereits bunte Fäden um den Lebenden. Daß er eine Hexensalbe besitze, die ihn schußsicher mache, das brauchte nicht einmal der halbwüchsige Schiffsjunge zu versichern. Viele hatten sie selbst gesehen. Bei Mondenwechsel bestrich sich der Herr mit ihr den nackten Leib. Und dann wurde er wieder jung und schön, der scharfe Zug um seinen herrischen Mund verschwand, und in sein Lachen fuhr jener silberne Klang, der die Herzen betörte. Ferner – ihr wißt es wohl – sieben Höhlen eignen ihm in aller Herren Länder. Von unten bis oben vollgestopft mit den herrlichsten Kostbarkeiten. Er ist der reichste Mann der Erde. Hat er doch einmal gewettet, er könne die Ostersee durch eine goldene Kette in zwei gleiche Teile scheiden! Aber was bedeuten solche Nebendinge? Die Hauptsache bleibt, der wilde Claus steht in Beziehungen zur Geisterwelt. Er hat einen Pakt. Und das ist gut für die Schwarzflaggen, darauf bauen sie. Ein graues Männchen, ein Rauch, fährt manchmal zu Claus herab; dann verschließt sich der Admiral einen Tag und eine Nacht in seine Kajüte, selbst der wachthabende Matrose muß abziehen, und mit Grauen hört man zuweilen auf dem Verdeck, wie der Störtebecker stöhnt und ächzt, weil er mit dem Kobold ringt, um ihm die Zukunft zu entlocken. Erscheint der Anführer am nächsten Morgen wieder auf Deck, so sieht er totenblaß aus, die schwarzen Augen stehen ihm wie zwei glanzlose Brunnen, denn in ihnen hat sich die Zukunft gespiegelt, und sie können sich an das Licht der Erde nicht so schnell gewöhnen. Angstvoll stiebt in solcher Stunde das Schiffsvolk vor dem Gezeichneten auseinander, ein weiter Umkreis bildet sich um ihn, und wen er anruft, der zittert und bekreuzigt sich heimlich. Nur das Hechtkreuz, das man auf der bloßen Brust trägt, schützt vor dem leeren, erfrorenen Blick. Wer kann aber auch wissen, mit wem der Geisterbanner die Nacht verbrachte? Es braucht durchaus kein ehrlicher Christenalp zu sein. Vielleicht war's der Teufel Odin, der ja gleichfalls um die Zukunft weiß und noch lange nicht tot ist. Brand und Not, das Christentum gilt nicht immer!
Es traf sich, daß sich der forschende Blick Lindas in solcher Stunde der Einsamkeit mit dem des Anführers verfing. Aufgerichtet lehnte der Störtebecker am Hauptmast, flatternd wehten ihm die braunen Haare um die Stirn, aber während seine sonst so blitzenden Augen wie geblendet mit der Weite stritten, da dämmerte eine derartige Blässe auf seinen Wangen, daß das Mädchen, von einem plötzlichen Mitleid erfaßt, auf ihn zutrat. Sie wagte, was noch kein anderer sich unterfangen.
»Bist du krank?« fragte sie hastig.
Es war das erste Wort, das sie nach jenem Zusammentreffen in der Kajüte mit ihm gewechselt. Allein ihre Barmherzigkeit fand keine günstige Stätte. Wie von einem Stich getroffen fuhr der Admiral empor, und ein abgeneigter, widerwilliger Zug grub sich um seinen Mund, da er sie kaltherzig von sich wies.
»Torheit,« herrschte er sie an, »um was kümmerst du dich? Wir brauchen hier keine Quacksalber. Scher dich an deine Stricknadeln.«
Dazu streifte sie ein Blick voller Fremdheit und Geringschätzung, der ihr bewies, wie überflüssig ihre Gegenwart von dem Befehlshaber noch immer gewertet wurde. Eine Last, ein Vorwurf blieb sie ihm, deren erzwungene Duldung er sich wohl selbst nicht verzieh. Und doch war Licin, wie der Knabe allmählich auch seitens der Mannschaft genannt wurde, von dem schmunzelnden Schiffsvolk dazu ausersehen, für die persönlichen Bedürfnisse des Admirals zu sorgen. Ohne daß es der Störtebecker sonderlich bemerkte, wurde sein fürstlicher Hausrat von ihrem gefälligen Geschmack in Ordnung gehalten, ja, gleich einem Edelknaben trug sie dem Gebieter täglich sein Mahl auf. Dafür lohnte ihr wohl manchmal ein lässiger Wink, doch duldete Claus ihre Gesellschaft nie länger, als ihr Dienst unbedingt erforderte. Schweigend, gestört sah er den schlanken Knaben bei sich eintreten, und es geschah fast immer, daß er ihm mitten im Werk ein ungeduldiges Zeichen gab, sich zurückzuziehen.
So flog die »Agile«, von dem Willen ihres verborgenen Lenkers angetrieben, ihrem Ziel entgegen, und schon begann die Mannschaft zu munkeln, daß der Admiral die Stadt Wisby auf Gotland zum Ankerplatz bestimmt habe, jenes ehemalige weltbekannte Handelsemporium, das die Freibeuter seit geraumer Zeit durch einen Handstreich in ihre Gewalt gebracht. Dort, so versicherten einige besonders Kundige, sollte sich etwas ganz Ungewöhnliches ereignen. Doch worin diese Überraschung bestehen könnte, darüber gingen die Meinungen weit auseinander; vielleicht handelte es sich um erneute Feindseligkeit gegen die Flotte der Königin, vielleicht winkte der unglücklichen Stadt abermalige Brandschatzung, denn der Admiral besaß keinen Vertrauten für seine Pläne.
Allein, bevor das Schiff noch seine Anker im sicheren Hafen barg, da sollte Linda begreifen lernen, welch blutigem Handwerk sie das Glück kommender Geschlechter anvertraut wähnte. Eines Nachts lag sie in ihrem Verschlag unter dem Steuerbordaufbau, den man ihr als besonders luftig angewiesen, und ein wilder Traum hatte seine haarigen Arme um ihre Hüften geschlagen. An die Schiffswand plätscherten dazu die Wogen, wie ferner Gesang.
Da wurde heftig an die Bretter des Verschlages gehämmert, und als sie angstvoll und noch in halber Betäubung auffuhr, da hörte sie die rauhe Stimme ihres Nachbarn Wulf Wulflam durch die Ritzen hindurch, sie solle sich ankleiden, es sei nicht geheuer! Schon gellten in ihre sich mühsam zurechtfindenden Gedanken von allen Seiten schrille Pfeifentriller hinein. Ehe sie in ihrem Taumel die Gewandung aufstreifen konnte, merkte die Betroffene bereits, wie sich von Minute zu Minute der Lauf der »Agile« verminderte, und über ihrem Haupte vernahm sie die dumpfen Tritte vieler Männer. Notdürftig bekleidet entstürzte sie ihrer Kammer. Über der See graute gerade der Morgen. Ein ungeheurer, bleierner Schatten lag dem Admiralsschiff dicht zur Seite, unbeweglich aufgebaut, als ob das eigene Spiegelbild des Seglers aus den Wassern aufgetaucht sei. Auch von dort drüben quirlte und rasselte es, und an den nebelhaften Masten kletterten dunkle Punkte empor, für den hinstarrenden Knaben riesenhafte Spinnen, die dicke Stricke zu einem unheimlichen Netz verknüpften. Woher aber drang diese markerschütternde, übermenschliche Stimme durch die Lüfte? Der unter die Freibeuter Verschlagene hatte noch nie die Laute einer Sprachdrommete aus nächster Nähe aufgefangen, jetzt glaubte seine zitternde Seele, nur aus der Brust eines menschlichen Ungeheuers könnten solche schreckhaft verstärkten Töne ausgestoßen werden. Und doch, durchdringend verständlich klang es, was die geisterhafte Stimme durch den Seequalm dröhnte, und obwohl jede einzelne Silbe gleich einem Schlag gegen das Ohr des Knaben hämmerte, so verstand er doch recht gut, wie von dort drüben in französischer Sprache gefordert wurde, der verdächtige Segler möge sofort beilegen, um sich einer Untersuchung seitens des »Le Connetable« zu fügen.
Hier nahte ein Unheil, das empfand Linda an dem unbeherrschten Beben ihrer Glieder, Untergang und Henkerschande schüttelten bereits ihre Häupter, und trotzdem starrte sie in fieberhafter Spannung auf den gewaltigen Schatten, der immer wuchtiger die Morgennebel zerteilte. Um sie herum regte sich nichts, alles stand gebannt auf Posten, kaum ein Flüstern schlich unter der Mannschaft der »Agile« umher.
Da – mitten aus der gepreßten Stille schwang sich plötzlich jene Stahlstimme empor, die allen wie ein glühender Trunk durch die Adern schnitt, und sofort erleichterte ein einziges Aufatmen die Brust des bedrohten Schiffes. Da – dort – der Admiral – Claus – der Störtebecker lehnte am Hauptmast seines Fahrzeuges, und als ihn seine Gesellen gewahrten, den einzelnen Mann, das feine Linnenhemd offen über der nackten Brust, die derben ledernen Schifferhosen eng um die Knöchel geschnürt, den langen Hieber aber in den verschränkten Armen, da vergaßen sie die noch eben geübte Vorsicht, und ein toller Jubelruf brauste in den kühlen Wind, der spöttisch mit den Locken ihres Führers zauste.
Der Störtebecker ergriff ein Sprachrohr.
»Connetable heißt du?« rief er gleichfalls durch das Mundstück. »Mort de Dieu, seit wann kriechen die Seidenwürmer von Lyon in unsere Töpfe? Hat Charles, euer geistesverwirrter König[[*]] Leibweh bekommen, daß er meint, die Schiffe der Ostersee ständen ihm offen wie sein Nachtstuhl?«
[[*]] Karl VI. von Frankreich.
Darauf von drüben:
»Klärt eure Ladung. Zeigt die Briefe eurer Patrone.«
Darauf der Störtebecker:
»Knurrt's euch im Magen, ha, ha, dann freßt den Mörtel eurer Bastille. Dürstet euch aber, so leckt den Panzerschuh eurer Peiniger. Erbärmlich, geknechtet Volk, wie maßt du dir Richterspruch an über windfreie Leute?«
Darauf von drüben: »Wir haben Kriegsgerät. Nenn' deinen Namen, Mensch, sonst hängst du in Frist eines Atemzuges mitsamt deiner Mannschaft.«
Darauf der Störtebecker mit einem gellenden Lachen:
»Meines Namens lüstet euch? Cachez vous sous les lits de vos bien-aimées.[[*]] Seidene Höschen, ihr werdet schmutzig werden, wenn ihr meinen Namen hört. Es liegt etwas drin, um den Durchfall zu kriegen.«
[[*]] Schert euch unter die Betten eurer Liebsten!
»Bist du etwa der Störtebecker?«
Noch war die Frage nicht verhallt, da brach die Mannschaft der »Agile« in ein trotziges Kampfgeschrei aus, denn schon der Name ihres Helden trieb ihr das Blut ungestümer durch die Adern. Zugleich aber sah Linda, die vor Erregung ihrer selbst nicht mehr mächtig war, wie die überlebensgroße Gestalt des Admirals, jede Vorsicht vergessend, auf den Bugaufbau hinaufflog, um dort, scharf gerändert von dem ersten Morgenrot, seinen Hieber gegen die fremde Kogge zu schwingen. Eine solche Gewalt ging von dem halbnackten Menschen aus, daß auf beiden Seiten sofort eine erzwungene Stille eintrat.
»Franzosen,« schmetterte die helle Stimme, »ja, der Störtebecker spricht zu euch. Meine Flagge ist schwarz, weil ich um das Leid der geknebelten Erdvölker traure. Was seid ihr anderes als wir – zertretene Halme unter dem Eisenschuh eurer Unterdrücker!? Die Ebenen zwischen Loire und Somme – wir wissen es wohl – liegen verödet, eure Städte wurden durch Hunger und Pest entvölkert, eure Bauern leben als Räuber in den Wäldern, damit die Seidenwämser behaglich in eurem Schweiß baden können! Sperrt eure Augen auf und seht mich an. Ich bin gekommen, um den Fluch der Völkertrennung fortzuwischen. Wenn ihr Mitleid empfindet mit euren Kindern und Enkeln, oh, dann kommt zu mir, ihr armen, blutig geschundenen Tiere, kommt zu den gleich Elenden, auf daß wir zusammen das Reich der Gotteskinder begründen. Brüder, denn das sind alle Gemißhandelten und Geplagten, zerbrecht die gepinselten Lügen eurer Schlagbäume, das menschliche Herz kennt keine Grenzen, und wenn ihr mich liebt, wie ich euch, frisch, dann bindet eure Patrone an die Masten und folgt mir nach Wisby. Dort, mögt ihr wissen, dort sollen die Nägel der Armen aus der Erde scharren, was man euch jahrtausendelang begrub – Gerechtigkeit.«
Es war wieder, als ob der Mensch dort oben völlig allein Zwiesprache hielt mit der Sonne oder dem Meere. So herausgehoben ragte er in das Grenzenlose hinauf. Hunderte von Augen hoben sich ihm inbrünstig entgegen. Hunderte von Herzen schlugen unwillkürlich heißer, obwohl ihr enger, unbelehrter Verstand diesen vorausgeeilten Geist nicht begriff. Nur vor dem blonden Dänenknaben zerfloß die Gefahr, ja die Planken des Schiffes schwanden ihm unter den Füßen, denn er allein nahm wahr, wie die riesige Gestalt dort oben in die Glorie des Morgens hinaufwuchs, er allein ahnte etwas von der glühenden Aufrichtigkeit der Verkündung, und ein ungeheures Glücksgefühl überwältigte die ergriffene Seele und trug sie verbrüdert bis zu den Füßen dieses Sehers. Was machte es, daß sich vielleicht bald Untergang und Tod auf den Wogen heranwälzten, was galt noch ihre eigene Schmach und Verelendung, seit sie die Gewißheit erlangt hatte, daß sie in die Gefolgschaft eines Schicksalgesandten aufgenommen sei, über dem sich jetzt schon das Tor der Zukunft in Firmamenthöhe wölbte? Der dort oben war aus dem Geschlecht des entschwundenen Christus, aber statt des Hirtenstabes schwang er ein Schwert, in dem die Strahlen der Morgensonne vielfarbig widerblitzten.
Ein hartes Geräusch knarrte in die Schwärmerei der Hingerissenen hinein. Eine Bordschwelle des »Connetable« war plötzlich zurückgeschoben worden, und zwischen den Mäulern von zwei riesigen Eisenschlangen zeigte sich die zierliche Gestalt des französischen Kapitäns. Ein vornehm gekleideter Herr war es, mit einem schwarzen Spitzbart, und der Fremde rief scharf und abgehackt herüber:
»Hör auf mit deinem Gewäsch, deutscher Dieb und Galgenvogel. Wir kennen das verlogene Gefasel, durch das du deine Büberei bemänteln möchtest. Nur noch eines, bevor wir dich henken. Der Königin Margareta erhabene Majestät hat 50 Goldgülden auf dein vogelfreies Haupt gesetzt. Du weißt warum, Mädchenräuber. Und deshalb magst du entschuldigen, warum ich, obgleich ein Edler von Armagnac, mich so weit erniedere, das Kopfgeld an dir verdienen zu wollen«.
Zwei düstere Glimmkäfer krochen während der letzten Worte auf die Schlangen, im nächsten Augenblick brach Feuerodem aus ihren Rachen, zwei unförmige Steinkugeln donnerten auf das Deck der »Agile«, rissen den jenseitigen Bord in Stücke, und auf der weit auseinandergefegten Gasse wälzten sich eine Anzahl zerrissener Leiber. Blut spritzte um den Mast, dann ein Stoß, die Rippen des verwundeten Schiffes stöhnten, ein Schwarm von Flugbolzen zischte unter die schreienden Freibeuter, und über die Enterbrücken stürzte es heran, ein Gewoge wütender, verzerrter Gesichter, ein Busch gebeugter Spieße streckte sich wie unter niedermähendem Wind, und zwischen den Hämmern der blutigen Walkmühle stieg der widerliche Ruch des Mordes gen Himmel.
Wo sich Linda befand, das wußte sie von jetzt an nicht mehr. Mitten in dem wüsten Gedränge wurde sie vorwärts geschoben, ein Schlag traf ihre Brust, krampfhaft gekrümmte Finger krallten sich im Fallen in ihre Locken, Gekreisch und Gebrüll lähmten ihr Gehör, nur eines vermochten ihre entgeisterten Sinne festzuhalten, das goldige Schwertgeflimmer auf dem Bugaufbau. Merkwürdig, dort oben lachte etwas, ein fürchterliches, brennendes Gelächter, das die Nüchternsten umwerfen und toll machen konnte. Ein regelmäßiger Blitzkreis trug sich dort langsam vor, und in jenen sprühenden Reifen wurde alles eingesogen, Freund und Feind, als ob trunkenen Motten befohlen wäre, sich in jenen Feuerstrudel zu stürzen.
Noch ein paar taumelnde Schritte, immer näher, immer überzeugter und verwegener tönte das seltsame Lachen, dann ein gelles Aufkreischen der Angst, wie es Tiere vor dem Schlachten ausstoßen, und scharf von einem Messer zerschnitten, sprang der Faden des Bewußtseins in dem gepeinigten Mädchenhirn auseinander.
Wurde ihre Wange gestreichelt? Oder zupfte man wirklich an ihren Haaren? Deutlicher spürte sie freilich, daß jemand an ihrem Brustlatz rüttelte, aber schließlich war es doch wieder das gleiche, unerklärliche Lachen, durch das sie plötzlich und wie mit heftigem Griff in bekannte Räume zurückgerissen wurde. Verwundert schlug Linda die Augen auf. Ringsum ungetrübte Ruhe, bläuliche und goldene Lichtrinnen wallten langsam über die Teppiche, und über sie, die schwach auf einem Schemel an der Kajütenwand lehnte, beugte sich der riesenhafte Gebieter. Gerade zauste er wieder an ihren Locken, aber es war nicht böse gemeint, denn als er merkte, daß sich das Blau in ihren Augen belebte, klopfte er dem Knaben lebhaft auf die Schulter.
»Gott zum Gruß, junger Kriegsheld,« tönte es der Erwachenden hell in die Ohren. »Nun, was treibst du, Licinius? Hast du genug, mein Bübchen? Schnell, dir widerfährt groß Heil. Blinzele durch den Ausguck. Eben packen wir die Überlebenden vom »Connetable« in ein paar Snyken und schicken sie deiner Königin als Morgengruß ans Bett. Ha, ha, die Dame weiß, wie man solch flinke Gesellen verwendet. Darum hurtig, besinn dich nicht lange, spring zu ihnen. Und morgen hast du bei Honigseim und Würzkuchen all den blutigen Graus vergessen! Nimm Rat an, Kleiner, ich meine es ehrlich.«
Hastig streckte der Admiral den Arm nach der Treppe aus, er schien den Abschied sogleich ohne Rührung noch Zeitverlust zu erwarten. Der Knabe jedoch erhob sich auf zitternde Füße und starrte dem Befehlshaber mit kaum verhehltem Entsetzen ins Antlitz. Das war nicht mehr das edelgebildete Gesicht, das er kannte. Blut floß dem Störtebecker stromweise über die Stirn und verwandelte die stolzen Züge in eine rote Maske. Ein Rinnsal sickerte auch über die gelüftete Brust des Mannes, und unter dem Linnen des linken Armes quoll es unaufhaltsam hervor und zog in klebrigen Streifen über die Schifferhose.
Da wurde Linda von einer unnennbaren Furcht ergriffen.
»Es kostet dich das Leben,« schrie sie schrill und in jäher Verzweiflung auf.
Ja, ja, das war's, das Leben dieses Menschen konnte vorzeitig enden. Aber es mußte ja erst unvergängliche Wurzeln strecken, es mußte höher, weit höher wie andere Bäume emporschießen, um durch Einengung und Schatten hindurch tausend grüne Blätter zum Himmel zu tragen. Auch ihr Leben zitterte an seinem Stamm als solch ein schwirrendes Blatt und bebte jetzt vor Angst, herabgerissen zu werden.
»Es kostet dich das Leben.«
Der Störtebecker schnürte unwillig die Augenbrauen zusammen, die leidenschaftliche Anteilnahme behagte ihm nicht, sie erinnerte ihn an etwas, das er bereits vergessen glaubte.
»Torheit,« entzog er sich ihrer tastenden Hand. »Was soll das Geplärr über den lumpigen Aderlaß? Aber von dir, Licinius, heische ich Antwort. Willst du mit den Franzosen hinüber oder nicht?«
Der Knabe antwortete nicht. Er schüttelte nur bestimmt das Haupt.
Allein in dieser Bewegung bekundete sich eine Entschlossenheit, die nur durch den Tod zu brechen war.
»Dann bleib, zum Teufel,« schrie der Störtebecker ingrimmig und enttäuscht. Das Haupt zurückgeworfen, die blutende Linke in die Weiche gestemmt, wie es sonst seine Gewohnheit war, durchmaß der Verwundete heftig den langen Raum. In seinen Bewegungen fieberte wieder einmal etwas Fegendes, Zerstörungslustiges, und sein Jähzorn stürmte vollends zur Höhe, als er jetzt ohne rechte Absicht einen der bunten Laternenpfähle des Tisches umklammerte; klirrend brach eines der kunstreichen Gläser aus seiner Fassung, und während es auf der Tischplatte zersplitterte, wich Claus verwundert zurück, bis er endlich in ein beschämtes Lachen ausbrach. Das Ungezügelte, Knabenhafte seiner Natur verließ ihn nicht bis an sein Ende. Doch seine Wildheit hatte sich immerhin entladen, und so trat er wieder etwas gemäßigter vor den Knaben auf dem Schemel hin, um abermals seine Rechte auf die Schulter des Sitzenden zu betten. »Dann sag mir wenigstens, du halsstarrige Kröte,« fuhr er ihn an, »sag es mir, damit ich es mir endlich merke, was suchst du eigentlich hier? Hab' ich doch nimmer gehört, daß es den Schnürleibern Spaß bereitet, Blut zu riechen. Oder lüstet es dich vielleicht nur, mich hängen zu sehen?« Er preßte die weiche Frauenschulter etwas stärker. »Dann laß dir bedeuten, Junker, der Leichnam des Prahlers, der dir das vorhin versprach, er fährt eben mit zwei Steinen beladen zur Tiefe. Auf dieses Fest wirst du bis zum nächstenmal harren müssen.«
»Laß mich auf etwas anderes warten,« sprach Linda still und erschöpft. Ergeben faltete sie die Hände im Schoß, und ihre blauen Augen füllten sich wieder mit innigster Gläubigkeit. Es war jener hingenommene, bedingungslose Ausdruck, der den blutigen Mann schon einmal in Schrecken versetzt hatte. Ein unerklärlich Frösteln faßte ihn auch diesmal, er wich zurück.
»So sprich, was ist das für ein Wunder?«
Da erhob sich Linda.
»Es ist das Wunder,« sprach sie ganz leise und voll träumerischer Gewißheit, »das du uns Unglücklichen versprachst. Aber eile, Claus Störtebecker, daß ich mich nicht mehr lange zu sehnen brauche.«
Da schüttelte der Störtebecker befremdet und verständnislos das Haupt. Es war noch nicht die Zeit, daß Männer die Mitarbeit der Frauen erwünschten, und so drängte sich dem Freibeuter dieses heiße Verlangen zuvörderst als eine unwillkommene Einmischung auf, geeignet, seine stürmischen Zeugergedanken, die bis jetzt nur gleich einem Zug brennender Vögel durch die allgemeine Nacht strichen, einzufangen und zu zähmen. Lange starrte er den bebenden Knaben an, dann stieß er endlich ein gepreßtes Lachen aus und brach das Gespräch ohne weiteres ab.
»Gut, gut,« endigte er, »das ist Männerwerk. Warte meinethalben. Aber jetzt komm, Kleiner, damit du etwas verrichtest, was dir besser ziemt.«
Wuchtig warf er sich auf sein Ruhebett, riß das Hemd über seiner Brust auseinander und drückte die Ränder der frisch empfangenen Wunde ohne große Umstände fest aneinander.
»Mutig, Licinius,« rief er, »scheure den Unrat fort. Auf euren Burgen übt ihr ja die heimliche Kunst. Nun zeig, was du gelernt hast.«
Und der Knabe fuhr auf, als ob er zu Fest und Feiertag gerufen wäre. Glühend vor Diensteifer stürzte er davon, kehrte jedoch gleich darauf mit einer Schüssel voll kalten Wassers zurück, und als er dann, über den Hingestreckten gebeugt, in seiner Hast einen brauchbaren Linnenstreifen vermißte, öffnete er ohne Bedenken sein Wams und riß von seinem eigenen Hemd entschlossen einen langen Fetzen herab. Seidig leuchtete die Frauenbrust unter der dunklen Gewandung, und in den Augen des Störtebeckers entzündete sich blitzartig jenes züngelnde Feuer, das schon einmal in der Nacht des Niederbruchs über ihr geleuchtet. Ungestüm griff er nach beiden Armen seines Opfers, aber siehe da – als das schmerzliche Stöhnen der Gefesselten an sein Ohr schlug, da lief ein düsterer Schein der Selbstverachtung über seine gespannten Züge, freiwillig gab er die Gepackte frei, und nun stöhnte er selbst auf und warf sich gebändigt zurück.
»Bleib, bleib,« murmelte er, »vertrag dich mit dem bösen Geist, der in mir haust. Beim ewigen Leid, ich wünschte manchmal selbst, es flösse Milch durch meine Röhren und ich hätte gelernt, weiße Lämmer zu weiden. Bleib, ich tu dir fürder nichts.« Er streckte sich aus, schloß die Augen und wartete scheinbar unbeteiligt ab, bis Licinius mit zitternder Hand sein mildherzig Werk vollendet. Erst da er spürte, wie eine Decke wärmend über ihn gebreitet wurde, fuhr er auf und schob die Hülle entschieden zurück. Schonend strich er sodann über die Locken seines Gefährten. »Armer Bursch,« sagte er gutmütig, »armer Bursch, ich wollte, wir wären auf andere Art Freunde geworden.« Und als er gewahrte, welche Blässe seinen Pfleger befiel, versetzte er ihm einen spöttischen Schlag auf die Wange und rief ermunternd: »Laß gut sein, Licinius. Dem Tier sind ein paar Unzen Blut abgezapft, jetzt beißt es für eine Weile nicht und geht nicht auf Raub. Lache, lache, mein Knäblein, dann aber bring eiligst den Weinkrug und laß uns trinken!«
[II.]
Bis dahin hatte die »Agile« allein das blaue Feld der Ostersee gepflügt, einzig gefolgt von dem »Connetable«, der von den Schuimern besetzt worden war. In den letzten Tagen jedoch tauchten von allen Seiten Schwarzflaggen auf, allmählich wurde ein dichter Schwarm daraus, der sich gleich einem langen Starzug um die Admiralskogge zusammenschloß. Je stattlicher aber sich seine Flotte verstärkte, je zahlreicher spitze Pfeifentriller oder emporschießende Wimpel die sich einordnenden Genossen begrüßten, eine desto auffälligere Unruhe zeigte der Mann, auf dessen Wink all diese Kiele ihrem Ziel zustrebten. Innere Rastlosigkeit trieb den Störtebecker umher. Bald mußte ihm Licinius, den er jetzt ebensooft herbeirief, wie er ihn früher verjagt hatte, beim Schachspiel in der Kajüte Gesellschaft leisten, bald zog er den Knaben, nachdem er die Figuren mitten im Kampf ungeduldig durcheinander geworfen, auf das Deck hinauf, wo er weit vorn am Bugspriet durch Nacht und Morgennebel hindurchspähte, ob die gotländische Küste sich noch immer nicht vom Horizont trennen wollte. Wisby, die sagenhaft herrliche Stadt, jetzt durch Raub und rohe Volkswut ein menschenleerer Trümmerhaufe, schien den Einsamen auf zauberische Weise anzulocken. Vielleicht weil ihn die Ahnung quälte, daß ihn dort das Schicksal mit fesselnden Armen umschlingen würde. Verschwenderisch hatte er bis jetzt mit Gold und Schätzen jeden Lumpen beworfen, der sich seinem Trotz als ein besonders Gemißhandelter vorzustellen vermochte, jetzt aber nahte die Stunde, wo er mehr austeilen sollte. Sein Eigenstes. Die Summe seiner heimlich geliebkosten Gedanken. Und dann die Unsicherheit! Wie, wenn das zusammengelaufene Volk, das ihm diente, Verbrecher, Diebe und Mörder, Juden und Heiden, Polen, Deutsche, Franzosen und Engländer, die kein anderes Vaterland kannten als die Planken zu ihren Füßen, zumal wenn die Segel sie möglichst weit von Rad und Galgen entfernten, wie, wenn diese raubsüchtigen, verwilderten Horden das Unrecht, durch das sie zu einem namenlosen Menschenbrei zerstampft waren, dennoch weit weniger schmerzlich empfanden als ihr Anführer, in dem ihre menschliche Schmach wie eine Eiterwunde fraß? Konnte in solchen, von allem Herkömmlichen getrennten Gesellen die Gier nach Genuß und Ungebundenheit nicht heißer lodern als die Freude an der Möglichkeit, jene Welt, die sie verstoßen, durch ein nie geschautes Beispiel zu beschämen? Was geschah, wenn sich der Haufe schon zu roh und verwöhnt zeigte, um zu einer regelmäßigen Arbeit zurückzukehren? Zwang? Das war nicht das Rechte! Dazu hatte ihn in seinen Träumen schon zu häufig der Jubel umbrandet, den allein die Verkündung, die Preisgabe seiner weltverändernden Pläne in den Beschenkten entfesseln sollte! Wie stand es nun in Wirklichkeit um die neuen Römer, mit denen die reingewaschene Erde besiedelt werden mußte? Der höhnische Einwurf der Königin fiel ihm ein: »Und mit einer Bande von Räubern und Dieben willst du die ewige Gerechtigkeit begründen?« Und während er auf der Seekarte zum hundertsten Male den Ankerplatz von Wisby aufsuchte, klopfte ihm das Herz vor Verwunderung, daß er bis jetzt nur sich selbst, das Haupt des hellen Gedankens, gesehen, indes ihm die Glieder, die doch das Gedachte erleben sollten, in einem gleichgültigen Dunkel verschwanden. Was brütete die Masse? Und weshalb hielt er sie von sich fern?
»He, Licinius,« unterbrach er in einem solchen Augenblick des Erschreckens seinen Gefährten, der ihm bis jetzt unbeachtet und folgsam aus dem Petrarca vorgelesen, »in die Ecke mit der Eselshaut! Der Tagedieb von Italiener ist ein Narr, weil er die Weiber beschnüffelt, nur der Mann ist die lebendige Erde. Komm, du unbelehrtes Kind, damit ich dir eine Handvoll unserer künftigen Werkleute zeige.«
Hastig griff er dem Knaben unter den Arm, zog ihn widerstandslos die breite Treppe hinauf, und was er sich nur selten abgewonnen, er mischte sich unter sein Schiffsvolk, redete es leutselig an und begann, die Betroffenen nach Vergangenheit und Heimat zu befragen. Alles unter dem Vorwand, seinen zarten Gefährten unterrichten zu müssen. Da öffnete sich denn manches Schicksal bis zum Grund. Mit bangem Schauder sah der Knabe, wie sich hier Sünde und Gegensünde zum Knäuel verstrickten.
Da war zuerst der Steuermann Lüdecke Roloff. Ein herkulischer Mann mit einem blonden Strohdach, das ihm wirr über die Augen hing. Aber auch so irrte der Blick des Schiffslenkers scheu und schielend zur Seite, als widere ihn das Antlitz jedes Mitgeschöpfes an, und nur in den Stunden vor Kampf und Streit taten sich diese verkehrten Sterne lechzend auf, und ein Blutreifen umschloß sie, gleich dem eines tobsüchtigen Hundes. Der Mann hatte in seiner mecklenburgischen Heimat tanzen müssen. Tanzen? Jawohl, nicht freiwillig. Es bestand nämlich auf dem flachen Lande die ehrbare und fromme Sitte, sobald die Gutsfrau ihren Leib gesegnet fühlte, dann mußten die leibeigenen Bauern zu ihrer Ergötzung um den Dorfteich tanzen. Die Weiber rutschten auf bloßen Knien, die Männer aber tollten und sprangen halb nackt mit ihrem Nachwuchs an der Hand, ohne Rast, ohne Aufhören, bis sich ihnen ein Quirl im Gehirn drehte. Lüdecke Roloff jedoch war ein Spielverderber. Als er sah, wie sein Weib bei dieser Belustigung ohnmächtig liegen blieb und Marik, sein Töchterchen, unter Zuckungen in den Teich fiel, da hatte der rasende Tänzer die adlige Zuschauerin erwürgt und dem Gutsherrn seinen Dolch durchs Genick gestoßen. Am selben Abend gab's zu dem Tanz überdies noch ein Feuerwerk, das Schloß brannte ab. Seitdem war dem Flüchtling ein bös Erbteil geblieben. Wenn irgendwo die Stunde zu Kampf und Rache schlug, dann mußte Lüdecke tanzen. Hopsend und springend drehte sich der Wütende in den Streit, und in dem wahnsinnigen Reigen fiel er seine Opfer noch immer mit bloßen Fäusten an, um sie brüllend zu erwürgen.
Als Linda jene Geschichte hörte, bedeckte sich ihr die heitere See mit Nacht, Claus Störtebecker aber strich sich die Haare aus der Stirn, denn er wußte nicht, ob er des Mannes sicher sei.
Da war der schmächtige Arnold Frowein ein ganz anderer Kerl. Immer grinsend, immer lächelnd, was vielleicht daher rührte, weil ihm das geistliche Gericht auf dem Streckbett einmal alle Zähne gezogen, immer einen um den anderen. Weshalb wollte der verstockte Rechthaber aber auch nicht eingestehen, was er über die Besuche Urians bei seinem Weibe wußte? Die Nachbarinnen hatten doch nicht umsonst eines Morgens den ungeheuren schwarzen Kater auf dem Bette seiner Lisbeth schlafend gefunden? Und anders ließ es sich auch nicht erklären, warum ein armer Töpfer zu einigem Wohlstand gelangte, und wieso in den bleichen Milchwangen der Dirn nie ein lebendiger Blutstropfen gerollt. Aber schließlich hatte das Recht triumphiert. Punkt für Punkt stand es bezeugt in den geistlichen Akten, wie oft Meister Urian knisternd aufs Bett gesprungen, und nicht minder war entdeckt, in welcher Art er seine Wollust befriedigt. Es war alles wissenschaftlich begründet! Und nur eines blieb merkwürdig. In Meister Frowein mußte sich selbst etwas Katzenhaftes eingeschlichen haben. Gar zu biegsam schlich er an den Wänden entlang, immer schnurrend, immer schmeichelnd, und es war wohl nur ein Gerücht, daß er im Gefecht mitunter aus geduckter Stellung einen Satz tat, um dem Gegner mit zahnlosem Maul an den Hals zu fahren.
Ungeduldiger, rastloser rührte der Admiral in dem Menschenbrei herum. Er suchte. Er fahndete nach Bürgertugend und Bürgersehnsucht! Wie tief lagen diese so selbstverständlichen Dinge wohl versteckt?
Der nächste!
Ein himmelblauäugiger, rotmähniger, wüster Bursche, denn obwohl sich Patrik O'Shallo in den weichen Urlauten der »grünen Irin« ausdrückte, so war er doch gefürchtet als streitsüchtiger Zänker, aber noch mehr verschrien als Anführer bei jeder maßlosen Ausschweifung. Weiber, Würfelspiel, Rauferei und Beute waren die vier Stichworte seines rasenden Verbrausens. Und doch mutete es seine Genossen manchmal wunderlich an, wenn dieser nimmersatte Schlemmer zuweilen, wie aus fernem, vergessenem Traum, fremdartige Psalmen vor sich hinmurmelte. Sie wußten nicht, daß Patrik O'Shallo, das ledige Kind einer begüterten Wollweberstochter aus Dublin, von erschreckten Verwandten frühzeitig in die Zelle eines der Irinsklöster gesteckt worden war, damit er durch Hunger und Geißelungen die heimliche Verfehlung seiner Mutter abbüße. Eines Tages aber, als er gerade vom Fluß für die Küche Holz schleppen sollte, hatte eine Flößerin den Buben in ihre schwimmende Strohschütte kriechen lassen, und seitdem wußte das abgezehrte Gebein, wie hell der Tag schimmern und wie betörend ein Frauenleib strotzen konnte. Heißa, jetzt fraß er die Sonne und soff die Weiber, und seine größte Belustigung bestand darin, Nonnenklöster wie Vogelnester auszunehmen, und die in die Kirche zusammengetriebenen Schwestern nach allerlei Wollust zu unflätigen Liedern zu zwingen. Auch diesen nimmermüden Gläubiger des Genusses musterte der Admiral mit bedenklichem Kopfschütteln, und ein zweifelhaftes Lächeln mischte sich in seinen herablassenden Gruß, als er sich von ihm trennte.
»Da, Licinius, betrachte dir zum Schluß die Krummnase genau. Womöglich haben seine Vorfahren schon mit dem Heiland um Säge und Hobel gefeilscht. Sahst du jemals solche verzweifelten Hebräeraugen?«
Der Admiral hätte noch hinzufügen können, daß der Jude ein alter Bekannter von ihm sei. Denn der graulockige Isaak war derselbe unglückliche Verfolgte, den er als Knabe im Hause der Sibba aus den Händen abergläubischer Bauern befreit. Jetzt war der immer in sich gekehrte, demütige Menschenscherben der grausamste, unerbittlichste Würger unter dem Schiffsvolk geworden. Zum Zeichen seines sich immer neu gebärenden Rachegelüstes hatte er den gelben Judenfleck auf das Schifferwams genäht, und je mehr ihn die Freibeuter darob verhöhnten, desto zärtlicher streichelte Isaak oft den Schandfleck. Aber in dem Hebräer lebte auch eine unheimliche, vergötternde Liebe. Sobald der Admiral in seine Nähe kam, dann begannen die schwarzen Augen Isaaks die alte, tausendjährige Sehnsucht zu strahlen. Er glaubte. Er glaubte unverbrüchlich an den Messias, der die stinkende Erde von Verfolgung und Menschenhaß erlösen würde. Und nach den Sagen seines Stammes würde der Gesandte Jehovas kein Lämmlein und kein Schriftgelehrter sein, sondern ein Gerüsteter, in dessen Rechter ein goldenes Schwert über die Erde funkelte. Wer war's? Claus Störtebecker war's, der Schimmernde, Überlebensgroße, der Liebreiche und Befreier, er war es. Kein Zweifel! Der alte Jude stand als der einzige auf den Planken, der das neue Reich im Herzen trug.
Am Abend desselben Tages lag der Admiral in seiner Kajüte und zechte singend und lachend den italienischen Wein, auf dessen Flut es wie von Glühkäfern schwärmte. Auch auf Deck schwirrte und jauchzte es, dort grölten die Freibeuter zum Klang der Instrumente ihre wilden Lieder, denn es war eine laue, windstille Nacht, und die »Agile« plätscherte kaum noch ihren Pfad.
»Horch,« warf sich der Störtebecker zu dem Knaben herum, der müde und schon vom Schlaf bezwungen den Unmäßigen bediente. »Ermuntere dich, Büblein. Du mußt lernen, die Nacht zum Tage zu kehren. Auf, flüstere mir ins Ohr, mein Blasser, wie gefallen dir meine Kinder? Meinst du nicht, es seien Hengste, die sich gerade nur vom Teufel reiten lassen?«
Da erwachte Linda, raffte sich zusammen, und ein leidvoller Blick streifte den Gebieter, denn seine wüste Freude an Trunk und Prasserei schmerzte die ewig Grübelnde.
»Wer den heiligen Gedanken trägt,« erwiderte sie mit leisem Vorwurf, »was braucht der die Menge? – Sie erwartet ihn an jeder Ecke, und mich dünkt, sie zieht stets hinter dem Einsamen her.«
Sonderbar, das Wort übte eine unerwartete Wirkung auf den lässig auf seinem Stuhl hängenden Zecher aus. Kaum war es gefallen, da sprang der Störtebecker stürmisch in die Höhe, das sonnige Strahlen leuchtete unvermutet wieder von seinen Zügen, und ohne Besinnen riß er den Knaben an sich, um ihn jauchzend an seine Brust zu pressen. Er spürte nicht, daß es ein Frauenherz war, das aufgepeitscht gegen das seine hämmerte.
»Gesegneter,« jubelte er und hob seine Last hoch in die Höhe. »Du hast recht. Topp, die Einsamen gelten allein. Brauchte Atlas vielleicht eine Hilfe, als er den Himmel trug? Komm, sei gepriesen, du kluger Wicht.«
Und er küßte seinem Gefährten ungestüm das blonde Haar. Der Knabe aber wand sich beschämt aus seinen Armen, er wagte die Augen nicht vom Boden zu erheben, und ein langes Zittern lief über die schlanken Glieder.
In der darauffolgenden Nachtwache war vom Mastkorb »Land« ausgerufen worden, und die »Agile« hatte einen Gast aufgenommen. Auf der Höhe von Wisby, schon unter den Lichtern der Stadt, war der Hauptmann Wichmann zu den Schiffen des Admirals gestoßen, und jetzt hockte der strohblonde Zwerg seinem einstigen Zögling an dem Prunktisch gegenüber, vor ihm brach die Tafel fast unter der Wucht von silbernem und goldenem Gerät, und doch streckten die beiden Freibeuter ihre Hände nicht nach Speise und Trank aus, sondern ihre Mienen belauerten einander, ihre flackernden Augen überfielen sich gegenseitig, wie wenn jeder die heimliche Schwäche des anderen erspähen und begleichen müßte. Gar verborgen betrieben sie die Unterredung, niemand durfte die Anführer bedienen, einsam, erhitzt saßen Erzähler und Lauscher unter den brennenden Laternen, selbst Licinius weilte hinter der geschlossenen Kajütentür bei dem wachthabenden Posten, um mit Herzklopfen darauf zu harren, ob ihn bald ein Ruf erreichen würde.
Endlich hatte der Admiral geschlossen. Seine Rede, anfänglich kühl und überlegt, war immer höher und höher gestiegen, wie jemand, der Sprosse um Sprosse auf einer Leiter emporklimmt. Zuletzt wehte diese siedende Glut hoch über dem Haupt seines Zuhörers hinweg. Der krümmte sich in seiner schwarzen Gewandung auf einem Schemel, und indem er das weiche Frauenkinn auf den Hieber gestützt hielt, glitzerte es aus seinen zwiefarbigen Augen bald vor Spott, bald vor Erstaunen, und sein Händchen wickelte sich dabei eifrig in eine der Haarsträhnen fest. Zum Schluß ertrug sein Schüler die erkünstelte Beherrschung nicht länger. Rücksichtslos warf er das Geschirr beiseite und beugte sich weit über den Tisch. Unter der rotseidenen Schecke arbeitete die Brust so heftig, daß die Ringe der Halskette ein metallisches Geräusch hören ließen.
»Nun, Magister,« rief er in schlecht verhehlter Spannung, »warum kostest du, als hätte ich dir die tägliche Milch in den Napf gegossen? Hast du vielleicht bei deinen Professoren schon ähnliches geschleckert?«
Der Zwerg schloß die Augen und wiegte leise das gelbe Haupt. Es schien ihm Spaß zu bereiten, den Entdeckerstolz des anderen zu quälen.
»Doch, Geliebter,« hauchte er mit seiner Mädchenstimme, »das Jubeljahr der Hebräer und die Ackergesetze der Gracchen waren schon da. Auch in den Wäldern der Germanen trug sich beinahe das gleiche zu. Du bist weit zurückgegangen.«
»Zurück?« schrie der Störtebecker verletzt. Jäh fuhr er in die Höhe, als überwältigte den Riesen die Lust, den Tisch samt dem Gast umzustürzen. Dann jedoch schlug er ein hochmütiges Gelächter an, riß den Weinkrug heftig an sich und leerte ihn in einem langen, begehrlichen Zuge.
»Ziere dich nicht,« stieß er in greller Lustigkeit hervor. »Was gibt's weiter zu benagen?«
Er warf sich auf den Tisch, dicht neben den Kleinen, und schlug seinen Gast auf die Schulter, daß es hohl durch den Raum hallte. Doch der Strohblonde wankte nicht auf seinem Schemel, unerschüttert hatte er den Stoß ausgehalten und dadurch dem Admiral von neuem bewiesen, daß er mit keinem gewöhnlichen Manne streite. Jetzt sammelte sich auf den regelmäßigen Gemmenzügen des Hauptmannes ein versonnenes, ein wenig bösartiges Lächeln. Er klopfte seinem ehemaligen Zögling auf den grauen Beinling, als gelte es vor allen Dingen abzuwiegeln und zu besänftigen.
»Geliebter,« wisperte er voll zärtlicher Bissigkeit, und dabei hüpften in den doppelfarbigen Augen die frechsten Teufel herum, »ich bin nur ein schäbiger Tropf, der Zeit bedarf, um sich an solch beschämende Größe zu gewöhnen. Aber siehe, nun bin ich deinen Spuren nachgeschlichen, und mein Herz zittert vor Freude, weil es dich fassen kann.«
Der Störtebecker griff nach dem Weinhumpen und hieb ihn dem Genossen hart über den Kopf.
»Narr,« sagte er ruhig, »achte mich oder ich zerschmettere dir den Schädel.«
»Später,« entgegnete der andere freundlich, ohne von seinen Liebkosungen abzustehen, »erst laß dir von meiner Narrheit bedeuten, daß sie einen großen Vorsprung für dich wittert.«
»Welchen?«
Bedächtig lehnte sich der Kleine zurück und malte mit seinem Hieber auf den Boden. Die Freude am Zergliedern und Disputieren schien den einstigen Bakkalaureus mächtig eingefangen zu haben.
»Die Staaten sind lockerer geworden,« murmelte er vergraben. »Die Reiche sind zermorscht. Hunger und Elend sitzen zwischen dem Mörtel – – «
»Ein Faustdruck kann ihren jämmerlichen Bau zerquetschen,« schaltete hier der Admiral ein und durchmaß einmal weiten Schrittes den Saal. »Nur die Menge – « und er blieb stehen und zerrte an seiner Kette. »Wird sie mit mir ziehen?«
»Sie wird. Die Fahne des ewigen Glücks auf dem Neubau lockt sie an.«
»Halt das Maul,« schrie der Störtebecker dunkelrot vor Zorn, und seine wilden Augen brauten Unheil. Er lehnte gerade an einen Wandteppich und raffte nun das Gewebe um sich zusammen, als ob ihn fröstele. »Packt euch zum Teufel, ihr Gehirnkrähen, was liegt daran, ob ihr meiner Seele nachfliegen wollt oder nicht? Ehrfurcht brauche ich, demütige Nacken, Gehorsam.«
»Gut, gut, das brauchst du, du Herrlicher, aber ich ziehe mit dir.«
»Du?«
Noch hielt der Zweifel den Admiral befangen, gleichwohl stürzte er auf den Sitz des Kleinen zu und schüttelte den halb Emporgezogenen wütend an der Brust.
»Wenn du nicht an mich glaubst – – « schrie er dem Zwerg ins Gesicht. »Heino Wichmann, du weißt, von allen sind mir die Halben und Lauen am meisten verhaßt.« Damit schleuderte er das strohblonde Bündel gewaltsam hin und her, als könnte er ihm die gewünschte Antwort abpressen, und sein Grimm stieg, als er die Zähigkeit dieser grinsenden Maske erkannte. Bereits war ein nahes, gefährliches Ringen aus der freundschaftlichen Unterhaltung geworden.
Da entglitt ihm der Magister geschickt, schöpfte Atem, und nachdem er wie ein spielend Kind auf den Tisch gehüpft, ließ er gemächlich die Beine herabschlenkern.
»Sei ruhig,« schmeichelte er, »dein treuer Lehrer verläßt dich nicht. Saß ich nicht in Paris monatelang in einer Goldmacherhöhle, um zu warten, ob der Sud aus Ton und dreizehn Erdkräutern den königlichen Leuen[[*]] ergebe? Ha, und ich sollte mir nicht für meinen Liebling abermals die Küchenschürze umbinden? Paß auf, es glückt dir, es glückt, sofern du es nur fleißig mit den Weibern hältst.«
[[*]] Das Gold.
Angeekelt wurzelte der Störtebecker fest.
»Mit den Weibern?« wiederholte er, wie von Eimern kalten Wassers übergossen; und unwillkürlich mußte er nach der geschlossenen Tür spähen. »Wo können mir die Dirnen helfen?«
»Wo sie dir stets geholfen haben. Schlepp sie zu Hunderten zusammen und achte darauf, daß sie dir lauter Claus Störtebecker gebären. Dann wirst du ein Fürst im neuen Reiche sein.«
Da fegte Claus mit der Hand durch die erhitzte Luft, als könnte seine Faust vom Himmel eine lastende Wolke herabreißen, und ein unmäßiges und doch nicht ganz freies Gelächter erleichterte ihm die Brust. Schneidend hatte sein Verstand erfaßt, wie um den von giftigen Zweifeln zerfressenen Magister nur noch das Unkraut der Erde wucherte.
»Armselig glücklos Gemüt,« rief er voll aufrichtigen Erbarmens. »He, Licinius, wo steckst du? Bring roten Falerner, es gilt, eine matte Seele zu berauschen, auf daß die Fledermaus sich wieder ans Licht traue.«
Und als Licinius, der diesen Ruf ersehnt, willfährig herbeieilte, um die Befehle seines Herrn zu erfüllen, da zog ihn der Störtebecker an sich und streichelte dem Knaben, der sich gezwungen an ihn lehnte, brüderlich die Wange.
»Hast wieder die Nacht durchschwärmen müssen, mein bleicher Freund?« fragte er teilnahmsvoll. »Geh, zeig mir deine Augen, ob noch die reine andächtige Flamme in ihnen brennt?« Und ohne auf das vieldeutige Grinsen des Strohblonden zu achten, führte er das Kinn des Knaben empor, bis er endlich gefunden zu haben glaubte, was er suchte. Dann jedoch schmetterte seinen Gefährten das ihm eigene glückselige Jauchzen entgegen. »Freu dich, Licinius,« schrie er, »beim Zeus, du kannst fliegen. Könnt ich dich doch als eine weiße Taube aufsteigen lassen! Aber nun setze dich zu mir und sage, wie gefällt dir dies kleine strohblonde Kerlchen, das aus dem Schmutz der Erde nicht herauskann?«
Über die gespannten Züge des Hauptmanns lief ein begehrlicher Schein.
»Schöner Knabe,« wisperte er, »welche glücklichen Eltern haben dich geboren? Du bist ein anmutig Kind.«
Allein im Sprechen schien ihm heiß geworden zu sein, denn er sprang auf, um eine der Schiffsluken zu öffnen. Und plötzlich schwiegen die drei.
Drüben zuckten die Lichter von Wisby.
Die tote Stadt regte sich. Ihr prächtig geschmückter Leichnam erhob sich und wandelte. Unvermutet begannen die steinernen Adern zu zucken und zu pochen. Von den sechzehn verödeten Kirchen, von den sieben zerbröckelnden Toren löste sich das Schweigen und schwebte als ein graues Spinngeweb über die See.
Durch die gestern noch leeren Gassen von Wisby, in denen jeder Schritt widerhallte, wo verhungernde Hunde das Gras zwischen den Pflastersteinen rupften, schob sich der Braus der Volkshaufen. Kopf drängte sich an Kopf, Schulter rieb sich an Schulter, das scharrende Geräusch nägelbeschlagener Schuhe mischte sich mit dem Gewirr einander verschlingender Stimmen, und das erste Morgenrot, das die kunstreich bemalten Holzhäuser anglühte, es rann allmählich auch auf die zusammengeballten Freibeuter herab, so daß aus der Masse zuweilen Gesichter und Hände aufblitzten. Unaufhaltsam wälzte sich die Menge, einem vorbestimmten Gebote folgend, aus den niedrigen Gassen hinter der Seeumwallung dem hochgelegenen Marktplatz zu. Und je höher sie stieg, desto mehr entstrebte sie dem Dämmer und desto heller wurden ihre vielfarbigen Ringel vom Licht getroffen. Auch Sprache gewann das Ungeheuer. Oft hörte man es aus seinem Rachen branden: »Wo, wo ist der Störtebecker?« – – »Gott zum Gruß, seid ihr nicht vom Gödeke Michael?« – »Wir sind Wichmannsche.« – »Verfluchte Hunde, habt ihr uns hier in den bunten Kästen was übrig gelassen? – Heda, du Braune, schaff' Platz im Bett, ich steig zu dir.«
An der leeren Kurie ging es vorüber, durch niedrige Laubenhallen schob man sich, hinter denen einst mächtige Kaufherren ihre Kontore und Warenlager hielten. Jetzt lauschte manch neugierig Ohr vergebens auf das Knistern der Federn oder auf das Rollen der Fässer. Ach nein, da hätte man früher kommen müssen. Schon vor etwa dreißig Jahren hatte der geräuschlose Abzug des Handels begonnen. Damals, als der Dänenkönig Waldemar Attertag mühelos das köstliche Nest ausgenommen. Aber erst der Handstreich der Freibeuter hatte dem siechenden Gemeinwesen den Rest gegeben. Von dem Augenblick an, da die trunkene Freiheit die Stadtgesetze den Flammen überliefert, die verhaßte Ordnung mit Füßen getreten und jauchzend die allgemeine Willkür verkündet hatte, jenes heiß ersehnte Losungswort aller Geknebelten und Unterdrückten, die nur einmal im Leben das Herrengefühl genießen wollten, seitdem war der steinerne Körper von der Leichenstarre ergriffen. Von da an bedeutete Wisby nichts anderes mehr als einen Stapelplatz für geraubtes Gut, lichtscheue, heimliche Geschäfte wurden hier betrieben, wochenlang tönte kein Laut in den verlassenen Straßen, bis sie plötzlich wieder einmal aufgellen konnten von Händlergezänk, Dirnenkreischen, Schifferflüchen und den maßlosen Feiern der Wollust, die ein festes Bett unter sich spürte. Aber trotz alledem hingen noch Fetzen ehemaligen Reichtums an dem Gerippe der verwesenden Stadt, und noch immer strahlte zuweilen ein liebliches Grinsen aus dem steinernen Schädel.
Dicht am Markt, in den Fenstern der Herberge »zum silbernen Bischof«, ächzten die Holzrahmen unter der Last der Neugierigen. Zumeist waren es Dirnen aus aller Herren Länder, die sich stets einstellten, sobald die jetzigen Herren des Platzes ihr blutiges Gold verjubeln wollten. Aber auch Krämer und waghalsige Kaufherren scheuten das Abenteuer nicht, denn nirgendwo in der Welt ließ sich schneller und wohlfeiler Verdienst erjagen, als an diesem leicht verderblichen Raubgut.
Unten in der stickigen Gaststube saß Licinius auf der Ofenbank. Andere hielten gerade Wäsche. Die beiden Geschlechter unbedenklich nebeneinander. Zwei Schüsseln waren zu dem Zweck auf Schemel gestellt, und man nahm es nicht so genau, wenn der neue Reinigungsbedürftige noch das alte Wasser vorfand. Derweil rekelten sich auf den Holzbänken einige Schläfer umher, wieder andere schlürften bereits ihren dickflüssigen Mehlbrei, und auf der Diele hockten ein Dudelsackpfeifer und eine Flötenbläserin und ließen zu ihrer gellenden Musik ein gezähmtes Äffchen zwischen sich tanzen. Niemand nahm Anstoß an dem bunten Durcheinander, weder an der schlechten Luft, noch an dem wimmelnden Ungeziefer, denn damals gab es noch keine nach Ständen eingeteilten Wirtshäuser, und der Fürst wohnte dort ebenso wie der Bettler.
Der Knabe auf der Ofenbank verschränkte die Arme über der Brust und ließ sein helles Haupt an die Kalkwand sinken. Aber es war nicht Müdigkeit, die ihm die Augen zudrückte, obwohl er die Nacht schlummerlos in dieser übelriechenden Hölle verbracht, nein, es bedeutete vielmehr einen Augenblick der Nachgiebigkeit gegen die wilde Flucht, die an seinem inneren Schauen vorüberstiebte.
Hier entschied sich's. Heute würfelte ihr gotterfüllter Spieler um seine eigene Seligkeit, aber noch viel mehr um diejenige, die dauern sollte, solange Menschen auf Erden lebten. Ob das zu erreichen war?
Rascher wehte der Atem des Grübelnden, unbeherrschter zuckten seine Lippen, ein prunkendes, verführerisches Bild trat vor seine Seele. Während er hier saß, um mit immer steigender Bedrückung auf das Plätschern der sich Reinigenden zu horchen, auf ihre derben Scherze, auf das Schlürfen der Trinker, sowie auf das Quäken des tanzenden Affen, da zog es den Träumer fort – es riß ihn auf den Markt. Dort draußen, durch die ausweichenden Haufen schritt der Störtebecker. Über alles Volk hinweg ragte das schmale Haupt unter dem Goldhelm, die gestickten Wappenlöwen schimmerten auf dem blauen Fürstenrock, und als er sich zu der Menge umwandte, da kam der Bann über die Tausende, genau so, wie er den einzelnen hier unterjochte auf der schmutzigen Ofenbank.
Begannen nicht auch markige Glockentöne zu schwingen?
Ängstlich fuhr der Knabe in die Wirklichkeit. Jetzt lauschte er, lauschte mit dem Aufgebot aller Sinne. Nein, es war keine Täuschung. Dort draußen hatte sich das Meer der Stimmen beruhigt, eine atemraubende Stille legte sich über das Gewoge, und was nur ersonnen war, es geschah. Ganz aus der Nähe donnerten Glockenklänge gegen das zitternde Gebäude. Auch unter den Herbergsgästen erstarb jeder Laut, für einen Herzschlag erstarrte alles, um eine Deutung für den Vorgang zu gewinnen, dann aber bäumte sich der Schwall gegen den Ausgang, die Treppen knarrten und wirre Rufe verknäuelten sich: »Der Störtebecker – der Störtebecker.« Polternd stob man auseinander, um den merkwürdigen Augenblick nicht zu versäumen. Licinius griff sich ans Herz, er wankte auf seiner Bank. Die Entscheidung fiel. Jetzt ein Gebet, ein Notgebet; allein die Worte wollten sich zu keinem Sinn mehr verflechten. Statt dessen brodelten aus dem kochenden Fieber immer dieselben inbrünstigen Silben hervor, die er selbst nicht begriff.
»Erlösung.«
Wem galt dieser Wunsch?
Draußen verschwang das letzte Beben der Glocken. Da fühlte Licinius, der noch immer kraftlos gegen die Mauer lehnte, wie sich eine spürende Hand in die seine schob. Erschreckt beugte er sich vor. Zwischen seinen Knien hatte sich der halbnackte Leib der Flötenbläserin aufgerichtet, jetzt streichelte die Dirne ihm vorsichtig das Knie.
»Feins Bübchen,« schmeichelte sie mit einer glatten, liebegewohnten Stimme, »was hast du für ein zartes Gestell? Komm, draußen heckt der Störtebecker etwas Nagelneues aus. Wer weiß, wie voll der großschnäuzige Kerl wieder die Taschen trägt. Ich kenn ihn. Der feilscht nicht lange um Kissen- und Bettpreis. Komm, will ihn dir weisen.« Und ohne sich darum zu kümmern, in welches Taumeln ihr Begleiter verfiel, packte das fahrende Weib die ihr überlassenen Finger und zog den Willenlosen unter spöttischen Ermahnungen die Treppe hinauf. »Munter, munter – hast wohl schon am frühen Morgen Met getrunken? Hier noch eine Stufe! So, und jetzt zum Fenster. Mach Platz, Aaszeug, damit der Junker sehen kann.«
Plötzlich kauerte Linda, eingekeilt in den Drang von Dirnen, Spaßmachern, Wechslern und lichtscheuen Handelsleuten in der offenen Fensterhöhlung, und während ihre Gönnerin schützend den Arm um ihre Hüften schlang, da mußten die Ohren der Halbbetäubten das unsaubere Gewäsch der Nachbarinnen ertragen. Ihren Augen aber bereitete sich zu gleicher Zeit das große heilige Fest.
Unter ihr Kopf an Kopf. Ein Menschensee. Er wogte nicht, er stand ganz still, schwarz und rötlich überlaufen, wie Landseen starren, wenn sich die Spannung des Gewitters in ihnen birgt. Aus allen Fenstern ein Geriesel unerkennbarer Gliedmaßen, bunter Tücher, gefangener Augen, dünne Rinnsale, die in das große Becken hinabflossen. Selbst die Morgenröte hing still an den Mauern. Sie lauschte. Ja, ein Gott zugekehrtes Schweigen schien über die Welt gekommen, so gewaltig, daß Linda erschauerte, als dieses bedingungslose und doch mit Unglauben und Entsetzen gemischte Lauschen auch ihre vorbereitete Seele ergriff. Zitternd, atemlos neigte sich ihr Leib aus dem Fensterrahmen, und sie merkte es gar nicht, wie sie von dem Arm der Dirne dabei fester umschlossen wurde, während ein Paar heiße Lippen ihr ins Ohr tuschelten:
»Dort drüben, Trauter, auf den Stufen, der Große im blauen Wappenrock, ja, das ist der Störtebecker. Sieh nur, wie die Affen ihm zuhören. Pah, ich kenn' den Saufaus! Hudelt uns Weiber herum, als wären wir Werg und Flicken. – Du bist mir lieber.«
Eine brennende Wange schmiegte sich an eine kalt durchfröstelte, und Linda duldete es, so körperlos hing sie hier in dem Gedränge. Ihr innerstes Selbst aber, ihr hingebungsbereites, blutig gequältes Sehnen, es hatte sich längst von ihr gelöst und schritt nun über die vielen Köpfe hinweg den hellen Tönen entgegen, die unter dem gerippten Portal des Bischofspalastes sich hell und markig aufschwangen.
Alles andere ging für sie unter. Linda sah nur das edle, herrschgewohnte Antlitz, überhaucht von einem im tiefsten glühenden Feuer. Seine Worte verstand sie nicht. Wozu auch? Sie begriff dennoch jede Biegung, jede neue Begründung dieses noch nie vor Menschenohren entwickelten Bekenntnisses. Unten ging ein ingrimmiges Stöhnen durch die Masse. Der fürstliche Verkünder dort auf den Stufen mußte seinem Volk wohl die Verfolgung und die Schmach seiner bisherigen Lage geschildert haben. Nun aber hoben sich die Häupter begieriger, man drängte sich näher, denn der Admiral warf den Arm vor, als deutete er seinen Schiffern eine bisher noch nie gesegelte Fahrt. Der Blonden stockte der Atem. Sie wußte es ja. Nun tauchte vor den Geschundenen und Gequälten, vor dem Auswurf alles Lebens das gelobte Land auf, nun wurden sie von einer Riesenfaust aus dem stinkenden Schlamm gezogen, und vor ihnen breitete sich eine saubere Erde, damit sie fortan in unangefochtener, unschuldiger Gemeinschaft auf ihr wohnen sollten. Ruhe – Ruhe, Linda preßte die Hände auf das hämmernde Herz. Hier öffnete sich die steile ungewohnte Straße! Würde das verdammte Geschlecht noch jung und hoffnungsstark genug sein, um sie überzeugt wandeln zu können? Oder hielt seine Verderbnis es bereits bei dem unheiligen Rachegeschäft fest?
Noch regte sich nichts. Keine Welle lief über den Menschensee. Und so tief sich auch Linda beugte, ihre brennenden Augen nahmen weder Hohn noch Widerwillen, aber auch keine jauchzende Zustimmung wahr. In erstarrtem Schweigen stand die Flut, nur auf ihren Gründen wälzte es sich zuweilen, wie ein langes, banges Wühlen.
»Horch,« sagte die schwarze Dirne neben Licinius, »was faselt der Störtebecker? Will er Gold unter uns werfen?«
Aufgeregt nestelte sich die Flötenbläserin los, verließ den Knaben ohne weiteres, und bald hockte sie ganz vorn in der Höhlung, wo sie die nackten Beine frech herabschlenkern ließ.
Siehe, unter dem altersgrauen Portal des Bischofspalastes geriet ein merkwürdiges Wachsen in die ohnehin schon ragende Gestalt des Einsamen. Über sich selbst hinaus reckten sich seine Glieder, eine menschliche Pappel, die kein Ende für ihr Aufwärtsstreben finden wollte, und seine letzten Worte schleuderte er hinaus, selbstbewußt, gewappnet, fordernd, gleich steigenden Lerchen, die sich trotzig jedem Pfeil aussetzen.
Und jetzt? Was geschah jetzt? In der gewalttätigen Überzeugung seiner Natur ballte der Gereizte weit vorgeworfen seine Faust und schüttelte sie, nicht nur gegen die starre Masse, die sich nicht wecken lassen wollte, sondern am meisten gegen den untersetzten Mann in der ledernen Schiffertracht, der kalt und unbeweglich eine Stufe unter ihm harrte. Gödeke Michael.
Das letzte aber, was man vom Störtebecker vernahm, war ein ungeheures, vermessenes, ihn wahrhaft schüttelndes Gelächter.
Die Menge stand verbissen in Taubheit. Ungewiß brütete sie vor sich hin. Träge verfolgte sie allein aus tausend Augen die geballte Faust ihres Führers, denn jene Rechte wurde eben vom Sonnenlicht gefärbt, so daß aus dem Siegelring des Admirals ein schmales rotes Blitzen aufstieg. Ein Feuerstrudel tanzte auf seiner Hand.
Die Menge rührte sich nicht.
Da plötzlich – ungewiß aus welchem Grunde – schrillte ein Kreischen über den Markt. Ungebärdig – vielleicht vor Langerweile, hatte die Dirne in der Fensterhöhlung des »silbernen Bischofs« ihr Brusttuch von sich gerissen, dadurch entblößten sich ihre Schultern vollends, und nun schwenkte sie den Lappen unter Geschrei und Gelächter ungestüm in der stillen Luft. Als hätte es nur auf dieses Zeichen gewartet, brach endlich das lang gestaute Gewitter über dem Menschensee los. Ein Donnerschlag antwortete, ein Brausen warf die schweren Wogen gegeneinander, ein Orkan von Stimmen wütete, tausend schwielige Hände griffen in die Morgenröte, als wäre es jetzt möglich, die vorüberrollende Sonne festzuhalten, und durchzuckt von krampfigen Erschütterungen schwoll die brüllende Menge dem Portal entgegen.
Wollte sie den Einzelnen dort oben, der in tiefes Staunen versenkt war, küssen? Wollte sie ihn ermorden? Keiner Bewegung mächtig, mit geschlossenen Augen saß Licinius und horchte. All die verworrenen Stimmen, die unter Heulen und Toben etwas zu ersticken suchten, das den feinen Ohren des Knaben ein Völkerschluchzen deuchte, das blasse reglose Menschenkind beherbergte seit Wochen all jenes Sieden, Überquillen und Staunen in seiner eigenen Brust. Aber jetzt, da das Unbegreifliche, in trüben Stunden häufig Angezweifelte sich der Erfüllung entgegenneigte, da Ausgestoßene und Verworfene sich für fähig hielten, ihre Verdammnis durch Arbeit und Brudersinn zu lösen, da sie die Macht spürten, das ursprüngliche Gute in sich anzubeten, um es weiter und weiter in Menschenfurchen zu streuen, da schauerte Licinius, denn er fühlte sich von unbarmherzigen Fäusten emporgerissen, und ein herrischer Mund küßte wie schon oft seinen Scheitel. Erlösung durch Menschenhilfe, ein Neuanfang, eine Wiedergeburt schon auf Erden, Gesegneter, oh Gesegneter, der diese Quelle des Heils unter dem untätigen, pesthauchenden Himmel erschlossen. O du, Geliebter – Gesegneter – Einziger!
Aufschluchzend preßte der Knabe beide Hände vor sein Antlitz, und während unten des Jauchzens kein Ende war, rieselten ihm Schmerz- und Danktränen reichlich über die Wangen.
»Kuck, wie der Dummkopf heult,« spottete die Flötenbläserin und stieß ihn während des Vorüberschreitens mit dem Fuß in die Seite.
Auf dem Markt hörte man jetzt eine andere Stimme. An der Stelle, wo bisher der Störtebecker sich gezeigt, stand nun der Mann in der ledernen Schiffertracht. Kurze, fortschleudernde Handbewegungen deuteten an, daß er mit hartem Wirklichkeitssinn das einriß, was eben in die Luft gebaut war. Allein der Triumph des anderen überheulte ihn. Das Volk kehrte jauchzend der nüchternen Vernunft den Rücken, um jenem nachzuströmen, der ihm soeben das Herrlichste, nie mehr Erwartete versprochen, die Rückkunft in Sorglosigkeit, Bürgertum und Menschenachtung.
Immer huldigender prallten die Haufen gegen den aufgerichtet Schreitenden an, sie küßten ihm den Mantel, sie warfen sich vor ihm nieder, sie schrien verzückt seinen Namen, und dennoch blieb stets ein Raum zwischen dem im blauen Wappenrock und den Namenlosen gewahrt, denn die unsichtbare Mauer zwischen dem Schöpfer und den Empfangenden ließ sich auch hier nicht überklettern.
Vor der Tür des »silbernen Bischofs« wandte sich der Gefeierte noch einmal zurück.
»Tut euch gütlich,« warf er hin, »in allen Schänken fließt heute roter und weißer Freiwein, an jeder Straßenecke lasse ich einen Mastochsen für euch braten. So nehmen wir von dem Raubgut Abschied.«
Gebrüll stieg zum Himmel, dann knarrten die Treppenstufen, und der wohlbekannte federnde Tritt verkündete sich. Aber wie anders kehrte Claus Störtebecker zurück, als der hochgestimmte Licinius ihn erwartet hatte! Erhitzt, mit funkelnden Augen, an jeder Hand eine Dirne mit sich schleppend, so stürmte der prächtig Geschmückte herein. Als er seines Begleiters ansichtig wurde, da stieß er die beiden Weiber von sich, und trunken von seinem Erfolg, schloß er den Knaben in die Arme und hob die zarte Gestalt spielend empor.
»Blondkopf,« löste es sich aus der mächtigen Brust, »hast du's gehört? – Was sträubst du dich? Was starrst du mich so an? Ja, es macht heiß, wenn der Atem der Zwiebelfresser übel um einen duftet! Gib Achtung, ich hab' etwas für dich. Lauf zum Michael, er wohnt in der Kurie, und lad' ihn für heute nacht auf die Agile. Spring, Kleiner, ich muß ihn haben! Schnell, dies taugt nicht für dich.«
Damit griff er wieder nach den beiden Weibern, und während er sich die Flötenspielerin über die Schulter warf, da erreichte es den davonstürmenden Licinius noch, wie die helle, sieggewohnte Stimme sich in unmäßigem Lärmen überschlug:
»Heda, ihr Venus-Täubchen, jetzt ins Bad! Wollen uns kühlen! Seid gerade der richtige Teufelsschnee dazu. Hurtig!«
Und als ob er vom Bösen verfolgt würde, stürzte der Knabe durch die Straßen.
[III.]
Böses Wetter herrschte über der »Agile«. Nicht, als ob Wind und Wogen den Segler zum Streit herausgefordert hätten, denn der Himmel lachte im hellsten Gold und die Flut breitete sich als ein blauer Acker vor dem Meerwanderer aus. Nein, es war die schlechte Laune des Admirals, die immer schwer auf dem Schiffsvolk lastete, sobald das Unvermögen besonnenen Wartens die Herrschaft über den Lebhaften erlangt hatte. Die Tat, auch die aussichtsloseste, schloß er jauchzend in seine Arme, das Hinbrüten jedoch, das Minute an Minute Reihen ertrug er nicht, und mitten aus der erzwungenen Ruhe schoß er manchmal empor, entschlossen, durch irgendeinen heftigen Wurf den Zaun, von dem er sich eingeengt wähnte, zu zerschmettern. In solcher Lage aber befand sich der Sieger von Wisby nach seiner Meinung gerade jetzt. Die Tage wollten sich für ihn nimmermehr vom Firmament lösen, und keine noch so drohend emporgereckte Faust beschleunigte ihre Fahrt.
Unerträglich, nicht wert zu leben!
An der Galerie, die ganz hinten am Heck zu Füßen des gewaltigen Aufbaues den Abschluß des Schiffes bildete, schritt der Störtebecker eines Morgens rastlos auf und nieder. Das Haar flatterte ihm um die Stirn, und seine schwarzen Augen spähten über die eingefurchte Kiellinie zurück auf den Weg, den er gekommen. Hinter ihm war die tote Stadt längst versunken, das letzte Goldkreuz ihrer Kirchen hatte sich in Dunst aufgelöst, und das einzige, was sich auf der Fläche abzeichnete, waren die zwerghaften Umrisse von zehn schwarzen Freibeuterschiffen, die im weiten Umkreis dem Kurs der »Agile« folgten. Nur zehn? Wohin hatte sich der übrige Teil, der noch vor kurzem so stattlichen Flotte verloren? Und weshalb befand sich Gödeke Michael nicht in der Gesellschaft seines Freundes? Wo blieben der Magister und der fromme Saufbruder Wichbold? Und noch eins! Den Kundigen war es schon seit geraumer Zeit aufgefallen, daß man die dänischen Gewässer verlassen und auf der Höhe der deutschen Küste kreuzte. Spürte der Admiral plötzlich Sehnsucht nach Heimat und Sippe, die er stets hoffärtig verleugnet? Niemand erfuhr es, und unentwegt hielten sich die Schwarzflaggen auf derselben Meerstraße. An klaren Tagen konnte man aus den Mastkörben bereits die blauen Linien von Rügen dämmern sehen, allein kein Näherrücken gab es, sondern man harrte.
Enttäuscht lehnte sich Claus Störtebecker an die Wand des Aufbaus, kreuzte die Arme über der Brust und schickte noch einmal einen hoffnungslos finsteren Blick über die lachende Ferne. Nichts! Das, was er erwartete, die roten Segel, die in der Nacht seine Träume teilten, sie wollten sich nicht zeigen.
»Ich möchte lieber,« sprach er endlich höhnisch zu dem Knaben Licinius herunter, der mit einer Schreibarbeit beschäftigt zu den Füßen des Admirals hockte, »der dicke Wichbold schwömme als ein unförmig Bauchgebirge an uns vorüber, als daß mich der wüste Saufaus noch länger narrte. Acht Tage! Könnte ich doch mit dem Wind dem widrigen Kerl meinen Namen in die Ohren heulen, ich – «
Mitten im Satz schleuderte er jedoch alles weitere von sich, um sich unvermutet zu seinem Gefährten herabzubeugen, denn das Schweigen des Knaben verdroß den Heftigen.
»Was bedeutet dein ewiges Gekritzel?« rief er hastig. »Was treibst du, Bursche?«
Folgsam schloß der Angeredete seine Wachstafel, allein seine Augen suchten fortgesetzt den Boden, als er still erwiderte: »Ich tue, was du mich geheißen.«
»Ich?«
Plötzlich lachte der Riese und fuhr dem Blonden versöhnt über die Locken. Er besann sich. Damals, als er zur Nacht von Wisby auf sein Schiff zurückkehrte, war ihm zum erstenmal der Einfall aufgestiegen, es sei ratsam, vor Mit- und Nachwelt jene Begebenheiten aufzuzeichnen, die sein seltsam Vorhaben gefördert oder gehindert hätten. Denn ohne daß sich der Sorglose ganz klar darüber wurde, hatte ihn ein drängendes Verantwortungsgefühl gegenüber seinen eigenen Plänen erfaßt, so daß er meinte, sie müßten in ihrer Ursprünglichkeit erhalten werden, auch wenn er nicht mehr atme.
»Geh, Bübchen,« hatte er sofort seinen Gefährten angepackt, da Licinius in jener Nacht auffallend wortlos und sonder Teilnahme neben dem innerlich Berauschten einherging. »Du hast ein rein Herz. Zeichne auf, was du hier erspähst. Mag dein sanft Gemüt einst für mich zeugen wider Trug und Mißgunst.«
Und so hatte der Knabe in all seiner bedingungslosen Schwärmerei und heimlichen Trauer zur Schreibtafel gegriffen.
Heute entdeckte nun der Seefahrer ganz unvermittelt, nachdem er endlich seinem verbitterten Warten entrissen war, was sich längst in seiner Gegenwart entwickelt, und sofort entwendete er dem Knaben die Tafel vom Schoß, um sie in starker Spannung zu überfliegen. Er lehnte noch immer am Aufbau, aber bevor er zu blättern begann, warf er dem Blonden erst noch einen merkwürdig fragenden Blick zu. Der hielt das blitzende Augenpaar gefaßt aus, wie jemand, der mit sich und seinem Urteil im reinen ist.
Da schlug der Störtebecker das Buch auf. »Nun gut, Licinius,« meinte er neugierig, »laß sehen, was ein sauberer Spiegel zu melden weiß?«
Klangvoll fing er an zu lesen:
»Dies schreibe ich der Wahrheit zuliebe, und auf daß mir selbst einst vergeben werde – – –
Der Störtebecker hat auf dem Markt zu Wisby alles Volk zu sich bekehrt. Bis auf die wenigen um Gödeke Michael. Dies ist ein Schade, denn es sind gar wackere Schiffer und in guter Zucht. Die anderen aber streckten die Hände zu ihm wie zu einem Gott aus der Höhe, sie küßten ihm den Mantel, einige ließen ihn über sich wegschreiten, und ich habe etliche Narbengesichter weinen gesehen gleich den Kindern. Niemals zuvor wurde aber auch Verlassenen dergleichen verheißen, und unser Herz quoll über vor Dank und Sehnsucht. Am Abend kehrte der Störtebecker heim auf die ‘Agile’. Seinem blauen Prunkrock war böse mitgespielt, und er selbst gebärdete sich hitzig und voll Unrast, so daß man hätte fürchten können, er habe seinen Stern in übler Gesellschaft verloren! – «
Bei dieser Stelle fuhr der Lesende erstaunt herum, strich sich über die Stirn und schlug dann auf die Wachstafel.
»Was hast du hier geschrieben, Fant?« rief er nicht ganz sicher. Dann aber faßte er sich. »Töricht Kind, weißt du nicht, daß des Menschen Gebein aus Ton und Erde gemacht wurde? Es kann den Funken nicht immer vertragen!«
»Ich will den Satz tilgen,« versetzte der Knabe sanft.
»Nein, mag er bleiben,« bestimmte der Admiral nach einer Weile und versuchte zu lachen. »Er meint es redlich. Gehen wir weiter.«
– – »Zur Nacht kam der Gödeke Michael an Bord. Mein Herr hatte ihn durch mich bescheiden lassen. Wir saßen zu dritt in der Kajüte. Der Michael hatte ein ernst und undurchdringlich Gesicht, und verschlossen war sein ganz Wesen. Es schien mir aber dennoch, daß seine Augen voll Trauer und Teilnahme an dem Störtebecker hingen. Da griff ihn mein Herr gleich scharf an und sprach: ‘Gödeke, warum hast du dich heute wider mich gewendet?’
‘Darum,’ sprach er, ‘weil du über die Wolken fliegst, und der Armen Sach' auf Erden ausgefochten wird.’
Der Störtebecker hielt an sich und erwiderte: ‘Weißt du denn nicht, daß ich darauf bin, ihnen ein Asyl zu öffnen?’
Der andere zuckte die Achseln und sprach: ‘Wie willst du wohl dazu kommen? Auf den Schiffen sind wir stark, aber zu Land ein verloren Häuflein. Mit so geringer Macht wird nicht einmal ein Acker gewonnen.’
Da lachte der Störtebecker hell auf und sagte: ‘Potz Marter, du denkst nur immer an Schädelspalten. Ich aber will mein Land in gutem Frieden mit Gold und Silber einhandeln.’
Darauf schwieg der Gödeke Michael eine Weile und bedachte sich, dann fragte er, wer solch ein Land wohl freiwillig verkaufen würde? Als er nun hörte, daß mein Herr schon den Hauptmann Heino Wichmann auf Kundschaft zu den Friesen gesendet hätte, da die Großen dieser Stämme aus Geldgier sogar ihre eigenen Weiber preisgäben, da schüttelte er den Kopf und fragte zum Schluß:
‘Und woher willst du eine solche Menge Goldes nehmen, wie sie gewißlich von dir fordern werden?’
Da zögerte der Störtebecker ein weniges, und es war, als ob er sich schäme, dann aber schüttelte er es ab und meinte kecklich: ‘Ich weiß eine Stadt in Norwegen. Die hat sich seit alters her gemästet, so daß sie schier erstickt vor Wohlleben und Überfluß. Auch die Hansischen halten dort ihre Kontore und nagen gleich den Ratten am Speck der Eingeborenen. Dorthin will ich den dicken Wichbold mit zwanzig Koggen senden, damit er den feisten Wanst mit Tribut und Steuer zur Ader lasse.’
Kaum hatte der Michael dies vernommen, da sprang er auf, stieß den Tisch von sich und schrie, während die Zornader ihm schwoll: ‘Ist der Wichbold schon fort?’
Und als mein Herr bestätigt hatte, die Koggen wären schon seit Mondaufgang unter Segel, da geriet der Michael außer sich, hieb auf die Tischplatte und verschwor und vermaß sich; ganz rot war er im Gesicht, als er hervortobte:
‘Wehe, du hast unsere Sache erwürgt und ins Grab geworfen.’
‘Gödeke,’ unterbrach der Störtebecker, und ich glaubte, er ersticke, ‘nimm dich in acht! Mich hat noch niemand beschimpfen dürfen.’
Bevor aber noch ein Unglück geschehen, da hatte der Michael sich selbst an der Brust gepackt und nun würgte und rang er gar erschrecklich, bis er endlich in seiner gewohnten Weise hervorbringen konnte: ‘Ich kenn' deine Stadt. Heißt sie nicht Bergen?’
‘Du sagst es,’ erwiderte mein Herr.
‘Und ich kenne auch den dicken Wichbold,’ entfuhr es dem anderen, ‘diesen Wegelagerer und stinkenden Weihrauchkessel. Gib acht, in der Linken sein Gebetbuch und in der Rechten ein Bund brennenden Wergs wird er die Bergener rösten, nachdem er ihnen zuvor das letzte Kissen aus dem Bett gezogen. Weißt du auch, was daraus entsteht? Die Dänischen und die Hansen werden gemeinsam über uns kommen und um so lieber, als die Schiffe des preußischen Ordens jetzt schon gen Wisby unterwegs sind. Zweifle nicht, dies muß die Schwarzflaggen zu Fetzen zerreißen.’
Als mein Herr so die nahe Gefahr verkündet hörte, da wuchs er in die Höhe, gerade wie damals, da die Steinkugeln des »Connetable« unser Deck zertrümmerten; schweigend schritt er in eine Ecke, holte von dort seinen langen Hieber hervor und streckte die Waffe gerade vor sich hin.
‘Höre, Gödeke,’ sagte er, und es konnte ihm keiner von uns in die Augen schauen, so grimmig flackerten sie, ‘so wenig ich über dies Eisen springen kann, während ich es in meiner Faust halte, so wenig wird dies alles geschehen. Meint der Wichbold etwa, ich wäre ein Hündchen, das im Schoß einer Dame schmeichelt? Er weiß, so auch nur einem Bergener ein Haar gekrümmt wird, so will ich ihn selbst schänden, daß kein Weihwasser mehr das Mal von seinem Pockenfraß abwäscht. Sei sicher, die Furcht wird ihm raten!’
Damit warf mein Herr den Hieber von sich, holte tief Atem und seufzte. Nachher sprach er mit einer treuherzigen und traurigen Stimme: ‘Aber dies ist nicht das schlimme. Das schlimme ist etwas anderes.’ Er legte dem anderen die Hand auf die Schulter. ‘Ist es wahr, Gödeke, daß du von mir gehen willst?’
‘Ja,’ rang sich der Michael langsam ab. ‘Meine Zeit ist gekommen.’
‘Gödeke,’ rief nun mein Herr, ‘bist du des Raubens und Stehlens noch nicht satt?’
Über das Gesicht des Michael lief eine Röte. ‘Ich habe mein' Tag nichts für mich genommen,’ rechtfertigte er sich rasch. ‘Aber es muß einer da sein, der für die Geknechteten und Geschundenen als ein Racheengel daherfährt. Was würde, wenn die Mächtigen nicht mehr vor dem Würger schauderten?’
Der Störtebecker nickte und sah vor sich nieder. ‘Und von dem Wiederanfang hältst du nichts?’ fragte er.
‘Ich bin ein Kriegsmann,’ zuckte der Michael die Achsel. ‘Wir haben am Kreuz gestanden und den Herrn vergeblich verröcheln gesehen. Seitdem weiß ich, daß Blut um Blut gefordert werden muß.’
‘So gehe,’ fuhr der Störtebecker heftig auf, ‘und wir wollen warten, wer unserer Sache besser nützt?’
‘Dies geschehe,’ sprach der andere kalt und wandte sich.
So wären die beiden alten Genossen schier unversöhnt voneinander geschieden, wenn nicht der Störtebecker dem Michael mit einem Sprung nachgesetzt wäre, gerade, als jener die Treppe erreichte. Aber auch der Michael kehrte zu gleicher Zeit um und streckte meinem Herrn beide Hände entgegen.
‘Bruder,’ rief der Störtebecker in einem Ton, wie ich es bis dahin noch nie von ihm gehört. Auch dem anderen schien das Wort durch und durch zu gehen, denn er führte die Hände des Freundes gegen seine Brust und sah ihn lange an. Dann sprach er:
‘Claus, seit du als Halbflügger zu mir kamst, hast du ein reiner Licht über mein Handwerk fallen lassen als je vorher. Das will ich dir nimmer vergessen. Darum kann ich auch in der Ferne nicht aufhören, auf dich zu achten. Geht es dir aber übel, so sende mir unsere Schwarzflagge und hänge deinen Siegelring daran. Daraufhin will ich meinen Kopf für dich wagen, wie bis auf diesen Tag. Und nun frisch, Claus, tue, was dein Herz dich lehrt und was ich nicht mit dir tun kann.’
Darauf umarmten sich die beiden Männer und gingen auseinander. – – – «
Hier schloß der Admiral das Buch, löste sich ein wenig von der Wand des Aufbaus, und sein Blick glitt abgekehrt zu der Kielfurche hinunter, die sich wirbelnd in der Weite verlor. Die Bilder aber, die sein Schreiber entrollt, gaben ihn noch nicht frei, sie fingen ihn vielmehr in einen dichtbevölkerten Käfig ein, aus dem es kein Entspringen gab.
Nein, das nicht! Was sollte der Verkehr mit Schatten? Gewaltsam schüttelte sich der Entrückte, um, wie zur Rettung, abermals nach der Tafel zu greifen. Siehe da! Waren da nicht in kleinerer Schrift ein paar Zeilen eines Nachtrags hingesetzt? Claus beugte sich, um sie zu entziffern. Und während des Ausdeutens kam dem Lesenden der Argwohn, als habe der Schreiber absichtlich seine Zeichen krauser und undeutlicher gehalten als bisher. Da stand:
»Dies schreibe ich für mich allein!
Als der Michael gegangen war, da stand mein Herr aus Stein gehauen, als wäre er aus der Welt ausgestoßen und verbannt. Aber dem war nicht so! Wer ihn recht betrachtete, der merkte wohl, daß ihm während dieses ganzen Streites ein weißes Licht auf der Stirn geleuchtet, so daß man hätte vor ihm niederknien mögen, um ihn anzurufen: ‘Nimm mich mit dir, wohin du dich auch wendest.’ Deshalb weiß ich, unser Heil ist nur in den Spuren dieses Einen. Denn er sucht das Gute. Und ob es sich auch tief versteckt, es ist nicht aus der Welt. Mögen wir alle es schauen vor unserem Ende!«
Tief aufatmend fügte der Störtebecker die Wachsplatten zusammen, schlang die Bänder um die Holzhülle und reichte Licinius, der sich inzwischen erhoben, die Tafeln zurück. Auf dem engen Raum hinter der Galerie standen sie dicht nebeneinander, ein Ausweichen war nicht möglich. Gern hätte der Knabe erfahren, ob der Admiral mit der Schreibarbeit zufrieden sei, allein dieser hatte sich abgekehrt, so daß seine Gesichtszüge dem Blonden verborgen blieben. Da versuchte Licinius dem Seemann die Hand bescheiden auf den Arm zu legen. Kaum aber spürte dieser den Druck, da fuhr er zum Schrecken seines Gefährten mit einem Sprung herum – dann ein Augenblick des Erstarrens, und in den Blonden schlug es ein, daß dies nicht mehr derselbe sei, der noch soeben höhnisch, ungeduldig, verbittert nach seinem Schicksal ausgespäht. Nein, wild, hingerissen, über alle Grenzen geschleudert, so stand der leuchtende Mensch vor dem Fassungslosen, der solch jähen Wechsel nicht gleich begriff, dann ein selbstverständliches Zupacken, in irrem Schwindel fühlte Linda ihre Glieder emporgeworfen, und dann lag sie wie in einer mächtigen Wiege, und das edle und doch so fürchterliche Antlitz ihres Bezwingers beugte sich nah und näher auf die Zitternde nieder.
»Knabe – Weib – was bist du eigentlich?« jauchzte ihr eine heiße, verzehrende Stimme ins Ohr. »Du Stern, der mir vom Himmel herabfiel, was soll die Vermummung?«
Da sprang über der Hingestreckten das blaue Gewölbe auseinander, Entsetzen und Verzückung stürzten zugleich auf sie herab, voll Schauder warf sie die Hand gegen die sündhaften Augen, allein der erhobene Arm brach kraftlos auf halbem Wege zusammen, und nichts als eine lächelnde Starrheit war dem erschreckten Bedränger preisgegeben.
Als ihn dies gänzliche Verstummen erreichte, da kehrte dem Betroffenen die Besinnung zurück. Eine bittere Verachtung verzerrte plötzlich seinen Mund, schützend packte er seine Last fester, und zum erstenmal warf er einen scheuen Blick um sich, ob auch die Mannschaft nichts von seiner Verlegenheit erkundet. Allein, da hinter dem hohen Aufbau keine Überraschung zu besorgen war, so öffnete der Störtebecker entschlossen die schmale Hinterpforte, und gleich einem Einbrecher schlich er tief gebückt in die große dunkle Kammer. Ein Lichtstreif verriet ihm die Lagerstreu seines Gefährten. Nur Stroh und Schilf sowie eine rauhe Decke dienten hier zu Rast und Schlummer, und eine heimliche, nie empfundene Bedrückung belehrten den Eingedrungenen ganz unerwartet, welcher Dürftigkeit das verwöhnte Geschöpf, das er jetzt so behutsam auf den Armen trug, sich hier habe anpassen müssen. Und weshalb? Weil sie, die Gemißhandelte, unverrückbar und felsenfest an seinen Stern glaubte. Ein heißer, dankbarer Blick streifte das totenähnliche Antlitz, und während er den fühllosen Körper sanft auf die Streu gleiten ließ, da regte sich in dem Prachtliebenden, stets zu jeder Verschwendung Bereiten, ein unzähmbarer Haß gegen die Ärmlichkeit dieses Lagers. Wie? Er selbst wühlte im Golde, und seine Nächsten sollten darben? Das konnte ihm nur Schande eintragen, solches berichteten auch die Lieder keineswegs, die man im Volke von ihm sang.
»Wulf Wulflam,« befahl er eine Weile später, als er über Deck schritt, seinem Bootsmann, »wir haben noch die Schlaftruhe des Bischofs von Strängnäs an Bord. Der Pfaffe faulenzte auf seidenen Kissen und unter einer Purpurdecke. Schnell, schaffe den Plunder zu Licinius in die Kammer! Das Büblein braucht sich die Knie nicht wund zu scheuern.«
Vergnüglich wollte der Schiffer Beifall grinsen, allein ein Blick auf das hochmütige Gesicht seines Herrn ließ es ihm doch geraten erscheinen, lieber die Kappe zu lüften, um sich dann wortlos an seine Arbeit zu trollen. Er wußte aus Erfahrung, wie wenig für Einverständnis und Vertraulichkeit von diesem Seetyrannen in gleicher Münze eingewechselt wurde!
Tag und Nacht war verstrichen, und in seiner Kajüte streifte der Störtebecker ruhelos auf und nieder. Zuweilen hörte man auf Deck, wie unten ein harter Faustschlag gegen die Holzwände dröhnte. Zwiefach harrte der Admiral. Auf die roten Segel, die nicht aus dem Horizont brechen wollten – und ein heftiger Zorn peinigte ihn daneben, weil ihm sein Knabe heute zum erstenmal nicht bei Tisch aufgewartet.
Was sollte das? Auflehnung? Der Gereizte blieb stehen, und ein verständnisloser Blick streifte die lederne Peitsche an der Wand. Er wußte nicht, was er wünschte. Gleich darauf zwar brach er in Hohn über sich selbst aus, und er verspottete sich, weil in dieser unerträglichen Spannung Weiberkram seine Gedanken beeinträchtigen konnte. Angestrengt sann er eine Weile nach und horchte, ob sich kein weicher Tritt melde. Als sich jedoch nichts regte, spritzte ihm die Wut verschärft in die Stirn und doppelt besessen stürzte er an die Schiffsluke, um in ohnmächtiger Verzweiflung über die schwanke Ebene zu spähen. Nichts – nichts – bei den fünf Wunden, nicht der Schatten eines Käfers ließ sich entdecken, und mit schmerzenden Augen taumelte der Unbändige zurück und raufte sich stöhnend das Haar. Zwanzig seiner mächtigsten Schiffe, der Kern der gesamten Schwarzflaggen, sie waren verschollen, er hatte sie unter die Hand eines gewissenlosen Henkersknechtes gegeben, und nun bohrte in ihm die immer spitzere Erkenntnis, daß auf diesen Planken alle Hoffnung der Armen und Elenden verladen war, zu deren Wortführer er sich aufgeworfen. Welch ein Hohngelächter würde rings um die Küsten schallen, wenn man erst erfuhr, daß diese gefürchtete Waffe vielleicht von einem seiner eigenen Genossen gestohlen war? Lähmend stieg ihm die Befürchtung des Gödeke Michael auf, und zu stolz und herrschsüchtig, um den geringsten Vorwurf zu erdulden, begann seine Tobsucht nach irgendeinem Opfer Ausschau zu halten. Warum kroch dieser blonde Tröster nicht wie sonst gleich einem demütigen Hündchen zu seinen Füßen? Das durfte der Herr doch verlangen!? Und wieder haftete sein verwirrter Blick an der Lederpeitsche, und seine Rechte streckte sich krampfgeschüttelt nach ihr aus.
Da – mit einemmal, welch ein singender, langgezogener Ruf aus den Himmeln?
Der Störtebecker schnellte in die Höhe, und so sehr hatten sich alle seine Sinne in eine einzige Erwartung verzogen, daß er die Gestalt nicht unterschied, die jetzt in die taghelle Öffnung der Tür drang.
»Herr,« jubelte Licinius, wie immer ein Bote des Glücks, »der Wichbold!«
Da wurde ihm noch einmal der Freispruch von unerträglichen Foltern vergönnt, die Entkettung von irgend etwas Wildem, Bösartigem, das schon Gestalt gewonnen. Beide Arme warf der Störtebecker auseinander und stürzte auf den Ersehnten zu, als wollte er abermals die feinen, schlanken Glieder im Übermaß des Entzückens an sich pressen. Aber der gewaltige Zug, der über ihm war, sprengte ihn weiter. Nur die Hand des Knaben umklammerte er, und ohne sich fürder um ihn zu kümmern, riß er den Blonden widerstandslos hinter sich her auf Deck.
Oben ein glasheller Sommertag und unter ihm das seidige Wallen des blauen Meeres. Jedoch der Besessene blieb blind für die gewohnte Pracht, ihn trieb einzig die lodernde Wut seines Wesens an, sein abergläubisch verehrtes Glück allein und weit über den Häuptern der anderen auskosten und ermessen zu dürfen. Niemals hatte er sich dazu hergegeben, heute stürmte er unempfindlich gegen seine Würde über die Strickleitern empor, und bald entdeckte ihn die erstaunte Mannschaft, wie er hoch oben in der rot gestrichenen Masttonne sich weit über den Bügel warf, um die ungeschützten Augen frech und durstig in die Sonne zu bohren.
Ja, von dorther schwamm sein Glück; mit rot glitzernden Funken war die Straße gepflastert, über die es langsam einherzog, wenn man auch bis jetzt nichts weiter als eine sich immer vergrößernde Anzahl schwarzer Flaggen unterschied, die scheinbar von unsichtbaren Händen durch die Wolken getragen wurden. Da wartete der Störtebecker nicht länger ab, bis sich auch der Rumpf jener Schiffe zu zeigen begann, er fragte sich in seinem Taumel auch nicht, warum der Leib der Koggen gar so dünn und linienhaft am Horizont haftete, mitten in der lauen Luft wurde die riesige Gestalt dort oben von einem übernatürlichen Sturm geschüttelt, und mit einem ins Unermessene langenden Griff zerrte er die Schwarzflagge von der Wimpelstange und nun schwenkte er sie in langen atemlosen Windungen durch den goldspinnenden Äther, bis das dunkle Tuch selbst von Feuer und Brand erfaßt schien. Er grüßte sein Glück, er grüßte das Heil der Unzähligen, von dem er meinte, daß es ihm jetzt unwiderruflich in die Hände gegeben sei. Da brandete auch unter dem Schiffsvolk der lang gesparte Beifall empor. Linda, die fast unkörperlich zwischen den schreienden, winkenden, durcheinander wimmelnden Männern umherirrte, denn ihr Blick kletterte über alle hinweg dem trunkenen Fahnenschwinger in die Lüfte nach, sie fing dennoch auf, wie der Jude Isaak den kleinen zahnlosen Arnold Frowein an den Katzenpfötchen packte, dazu inbrünstig murmelnd: »Glaubst du nun, Bruder, daß sie da sind?«
»Wer?« miaute der ehemalige Töpfer, der sein gezwungenes Grinsen nicht lassen konnte.
»Das neue Reich. Der Messias!«
»Mag sein,« zischte der andere, und in seinen Augen entzündete sich ein grünlicher Brand. »Aber die Katzen müssen erwürgt werden, damit Urian sich nicht in dem neuen Reich Kinder zeuge. Und auf das Streckbett soll man spannen, was sich Richter nennt! – Meinst du nicht, Freundlein?«
Der Jude sah ihn starr an, dann ließ er die kratzenden Nägel fahren und grübelte bange in sich hinein: »Laß, dort ist Freundschaft – wo sonst?«
Inzwischen war der Störtebecker geschmeidig an den Wanten herabgeglitten, nun bildete sich eine schweigende, atemlose Menschengasse, durch die er hindurchschritt. Noch immer hing ein Leuchten, ein Jubel an dem Riesen.
»Komm, Licinius,« befahl er, als er den Knaben erreicht hatte, »hilf mich schmücken. Die Spielleute sollen sich bereit halten. Wir wollen dem Wichbold ein Bankett geben, wie sich's Silen und Bacchus nimmer erträumt haben. Tummle dich, Kleiner, daß er uns nicht überrasche!«
Allein der Wichbold kam nicht. Längst schimmerte die Kajüte der »Agile« in ihren satten Farben, wie zum Hohn sandten die Spielleute ihre Weisen in den sinkenden Tag, und in seinem roten Prachtwams saß der Admiral blaß und verstört unter den brennenden Laternen und ließ sich von Licinius einen Becher nach dem anderen füllen. Der Erwartete stellte sich nicht ein!
Durch die offenen Luken sah man, wie sich über die Flut grauer Schaum wälzte, allmählich liefen die Mondkäfer über die tanzenden Hügel hinweg, das Gesumme der Nacht meldete sich.
Endlich ertrug der Störtebecker die getäuschte Erwartung nicht länger. Geräuschvoll sprang er auf, und so sprechend war die Gebärde, mit der seine Rechte in die leere Luft griff, daß ihm Licinius ohne weitere Frage den schwarzen Mantel um die Schultern hing. Achtlos nickte der Admiral, dann stieg er schweren Trittes die Treppe hinauf, und kaum hatte er auf Deck die Bordschwelle erreicht, so schrillte jener Pfeifentriller über See, der eine der begleitenden Snyken herbeirief. Gleich darauf schwang sich die hohe Gestalt unter die Ruderknechte des Bootes. Bevor er jedoch die Weisung zum Aufbruch erteilte, warf er noch einmal das Haupt herum, denn er vermißte etwas. Oben an der Bordschwelle lehnte Licinius, um schweigend der Abfahrt beizuwohnen. Da hatte der Riese gefunden, was ihm fehlte.
»Spring herab,« hieß er den Knaben. Und als dieser zögerte, noch einmal ungeduldiger: »Springe, dir widerfährt nichts.«
Da erstarb das Widerstreben in dem Erblaßten, folgsam schloß er die Augen, und ohne einen Laut von sich zu geben, ließ er sich durch die Bordlücke in die Schwärze fallen. Allein er berührte den Boden nicht, denn in heftigem Anprall stürzte er dem Störtebecker in die geöffneten Arme.
»Recht,« murmelte der und setzte seinen Gefährten sorgsam neben sich auf die Ruderbank. »Nun zum Wichbold.«
Rauschend verlor sich das Boot im Dunklen.
Am Nachthimmel hing bereits der Mond, als die Snyke in die Linie der Wichboldschen Schiffe einfuhr. Diesmal aber mußte es auch dem Unbefangensten auffallen, wie tief und schwer beladen die Fahrzeuge im Wasser lagen, augenscheinlich hatten die Ungeheuer über jedes Begreifen hinaus von dem Hab und Gut, um das aller Streit in dieser Welt geht, in sich eingewürgt. Besonders war es die »goldene Biene«, die Führerkogge des Wichbold, die unbeweglich herabgedrückt in den schwarzen Wassern lag, und als ihre Besatzung von den Bootsleuten angerufen wurde, da antwortete zunächst ein dumpfes, bleiernes Schweigen. Leblos, oder von dickem Schlaf umhüllt, ruhte die »Biene« auf der Flut. Jetzt stieß das Boot an die Wandung, und zu gleicher Zeit richtete sich der Störtebecker sonderbar schwerfällig unter seiner Schar auf und führte mit dem Ruder einen harten Schlag gegen die Planken.
»Wichbold,« schrie er. Es klang beinahe ängstlich.
Auf der Kogge gab sich noch immer kein Laut kund, doch an den Masten glitten wenigstens ein paar Laternen in die Höhe, und eine Strickleiter fiel mit Gepolter über Bord. Wortlos schwang sich der Störtebecker hinauf, ungeheißen kletterte Licinius ihm nach.
Auf dem Deck der »Biene« stand die Mannschaft Kopf an Kopf, eine dunkle, nicht unterscheidbare Masse. Aber merkwürdig, kein Ruf hieß den sonst so gefürchteten Führer willkommen, schweigend, verlegen wich die Menge vor dem einzelnen Mann auseinander, bis ganz hinten am Mast eine aufgeschwemmte, unförmige Gestalt sichtbar wurde. Die sank, wie ein baufällig Weinfaß, vor dem noch Fernen zusammen, und man konnte fast annehmen, sie wolle zur Begrüßung in die Knie brechen.
»Alle Heiligen,« gurgelte es tonlos aus dem Zober. »Du, mein gesegneter Freund.« Irre fuchtelten ein paar fleischige Hände dazu in der Luft.
Allein trotz dieses demütigen Empfanges rührte sich der Ankömmling nicht, starr aufgerichtet verharrte er in der Menschengasse, und nur die vom Laternenschein grünlich getroffenen Augen des Admirals wanderten ungläubig, ja, wie von aufsteigendem Irrsinn entzündet, über die merkwürdige Beute der »Biene«. Da lagen freilich Kostbarkeiten aufgestapelt, die man sonst nicht oft beieinander findet. Truhen waren über Truhen geschichtet, die meisten halboffen, so daß Gold- und Silbergeschirr, kupferne Ampeln, eiserne Lichtreifen, Holzschnitzereien, bunt bemalte Wappen und Gildenschilder, riesige Deckelkrüge sowie Fetzen unordentlich hineingepreßter Teppiche aus ihnen hervorlugten. Etwas weiter türmten sich verschimmelte Wein- und Bierfässer übereinander, ungeheure Ballen unverarbeiteter Tuch- und Leinenstoffe hoben sich bis zur halben Höhe der Masten, da standen Pferde und Kühe angebunden, dort verschlangen sich Betten, seidene Frauenkleider, Schuhzeug und allerlei Gewaffen zu einem unerkennbaren Haufen, und ganz hinten auf dem Aufbau beugte sich inmitten eines wüsten Reigens von Weihrauchkesseln, Messegewändern und Stolastickereien, Opferschalen und Prozessionsfahnen eine überlebensgroße Mutter Gottes wehklagend zur Erde nieder, obwohl nichts anderes vor ihr lag als ein Stoß scharf duftender Lederhäute. Erst allmählich schwamm dieses tolle Durcheinander aus dem undeutlichen Laternenlicht hervor, und je brütender der Störtebecker auf jedes einzelne Stück hinstierte, desto qualvoller breitete sich unter der Mannschaft diese unbeschreibliche Strafe des Schweigens aus. Einzelne wischten sich mit groben Fäusten den Schweiß von der Stirn.
»Herr, Herr,« jammerte von seinem Mast aus der dicke Wichbold und schlug, während er ein paar Schritte vorwärts wankte, schallend die Hände zusammen. »Dies ist nicht mein Werk. Beileibe nicht. Wie es wohlgetan ist, den Ungerechten von ihrem Überfluß zu helfen, damit er unter die Armen verteilt werde, so ist dies hier eine Versuchung vom Herrn der Finsternis – nicht ich – nicht ich – so wahr ich will selig werden.«
Noch immer tasteten die Blicke des Störtebecker umher, taub und unempfindlich schien er, und so faßte der schwammige Buschklepper den Mut, wieder einen Schritt näher zu rücken. Verzeihung heischend beugte er sein graulockiges Haupt, wobei er sich selbst voller Anklagen die Brust schlug.
»Ach, du mein gesegneter Freund,« bettelte er, »sprich zu mir. Wolle dich überwinden! Ich weiß, du denkst ungnädig, aber was sind wir armen Sterblichen anderes als Läuse am Leib eines Hitzigen! Ein Schlag, und hin! Wie habe ich deinen Befehl befolgt – ich lernte ihn auswendig, ich konnte ihn auf dem Nägelein[[*]] gleich einem Paternoster, ich sprach ihn voll Ehrfurcht aus, nicht anders als den gebenedeiten Namen unserer lieben Frau. Und siehe, ihr Segen ruhte über mir Unglücklichen, denn alles war schon in guter Ordnung. Das Abkommen mit den frommen Bürgern von Bergen, der Tribut auf dem Tisch des Rathauses, auch dein Siegel hing bereits unter dem Pergament – da – oh über die Tücke des Schwarzen – da warf eine Hure im Zank ein brennendes Scheit gegen eines meiner Kinder – und – und – deine Klugheit errät – die hölzernen Häuser – kein Lüftchen – ach und weh, die Hitze – «
[[*]] Luther sagt: »Die heilige Schrift auswendig und auf dem Nägelein können.«
Er raffte seinen Rosenkranz empor und warf die Holzperlen in jäher Flucht gegeneinander.
»Nicht mein Werk,« stammelte er, »nicht mein Werk.«
Woran aber hafteten die Blicke des Störtebecker während dieser langen Rede so fest, daß sie sich von dem seltsamen Ding nicht mehr trennen mochten? Mitten aus dem Wust hing an dem kupfernen Reifen eines Torringes ein hölzerner Amselkäfig herab, und ein schwarzes Tierchen sprang ängstlich und ungefüttert zwischen den Stäben hin und wider, wobei es häufig einen schrillen Pfiff ausstieß. Gott allein mochte wissen, aus welch behüteter Ruhe das zahme Geschöpf herausgerissen war? Schützend, ungewiß, streckte der Admiral die Hand gegen diesen winzigen Zeugen ungeheuerlicher Greuel aus, allein plötzlich wandelte sich der anfänglich so harmlose Griff, die Finger des verstummten Riesen spreizten sich, ein Aufrecken, und er hatte die schwere eiserne Laterne von der nächsten Mastleine gerissen, und dann – ehe sich noch die betäubte Mannschaft dazwischen zu werfen wagte, da schmetterte das unförmige Gerät auf den Schädel des versteinerten Wichbold nieder, Flammen und Blut spritzten gemeinsam herum, und wie ein abgesägter Baum rollte der Wanst dem Angreifer vor die Füße.
Doch der Gestürzte war nicht getötet. Obwohl ihm rotes Gerinsel dick und schwammig über die Stirn rann, so behielt der Gezeichnete dennoch die Kraft, in jämmerlicher Unterwürfigkeit auf seinen Bändiger zuzukriechen, um ganz nahe die Knie des noch immer Schweigenden zu umschlingen.
»Wehe mir,« röchelte er kaum noch verständlich. »Warum befleckst du dich an mir Unseligen? Nackt im Schnee der fromme Bischof von Strängnäs, im Feuer die Mütter und holdseligen Mägdelein von Bergen, im Schutt die Hostien – überall Todsünde rings um mich Gutwilligen, wehe, wehe, vor wem soll ich fürder noch bestehen?«
Sein aufgedunsenes Pockengesicht verzerrte sich und wurde bleich, mit aufgesperrtem Mund schlug er zu Boden. Da lief ein böser Zug über das schmale Antlitz des Admirals, einen Fußtritt versetzte er dem schwammigen Körper in die Seite, und während er sich tiefer in seinen Mantel wickelte, als ob ihn fröstele, da hob er das Haupt gegen die unmutig anrückenden Freibeuter. Aber vor dem wilden Blick des Gebieters stockte der Schwarm. Starr, geduckt standen die Männer um den Befehlshaber, wie immer bereit, sich der Gewalt dieses Mächtigen, Unbegreiflichen zu überliefern.
Noch einmal stieß der Störtebecker voll Verachtung gegen den aufgetriebenen Leib des Liegenden, dann sprach er mit seiner schneidenden Stimme:
»Wahrlich, ich tat groß Unrecht, weil ich dies Faß nicht völlig leck schlug. Er hat euren Anfang mit Unflat beschmiert, so daß man unser neues Haus einen Schweinekoben schelten wird. Nun wohl, so wollen wir dennoch auf Schmutz und Morast bauen, denn auf Erden, merk' ich, ist kein anderer Grund zu finden.«
Er wandte sich und nickte kurz.
»Zieht euch nah an die »Agile«. Wenn der Wichmann von seiner Kundschaft heim ist, so gebe ich euch meinen Willen kund! Und nun leuchtet!«
Damit stieg er als erster über Bord, und sofort vermischte sich die riesige Gestalt mit der Nacht.
[IV.]
»Höret weiter, Herr Nikolaus Tschokke,« erinnerte Königin Margareta von Dänemark, und es schien der Erhitzten in ihrer Hingenommenheit nicht aufzufallen, wie der Gast in seiner schwarzen Ratsherrntracht unbewegt ihr gegenüber in dem Armstuhl lehnte, ohne auch nur durch ein eingestreutes Wort seinen Abscheu vor der so ausdrucksvoll beschriebenen Brandstiftung zu bekunden. Die Fürstin aber hatte sich völlig vergessen, sie hielt das Haupt in beide Hände gestützt, und ihre blitzenden Augen verfolgten das Buchstabengewimmel auf dem Pergament, als starre sie leibhaftig von einem hohen Turm in die brennende Holzstadt hinunter, auf die verqualmten Gassen, auf lichterloh flammende Menschenbündel und auf den Zusammenbruch altehrwürdiger Gotteshäuser. Deutlich, erregend, grauenhaft schlug der Herabgebeugten das Gellen der Verzweiflung entgegen, und ihr leidenschaftliches Herz wand sich vor Zorn und Ingrimm, da sie das höhnische Gelächter der Beutejäger zu vernehmen glaubte. Je wesenhafter sie selbst in der verkohlenden Stadt umherzuirren wähnte, desto unverkennbarer begegnete ihr an jeder Stätte sinnloser Zerstörung jener überlebensgroße Geselle, der der rechtmäßigen Besitzerin höhnisch ins Gesicht wieherte, und mit kaltem Entsetzen mußte sie beobachten, wie dem Übeltäter das Blut rauchend vom blauen Fürstenrock troff, wobei er voll beißenden Spottes auf sie, die Machtlose, deutete, als würde all der Mord und Graus nur ihr zur Schande und Entwürdigung verübt.
Damit also begann die neue, die so viel gepriesene Weltordnung, deren inbrünstige Verkündung sie doch manchmal den Schlaf kostete? Die Finger der Verletzten krümmten sich, Rat heischend sah sie auf ihre beiden Vasallen, die eine Stufe unter ihr zu ihrer Rechten Platz genommen. Aber das Gerippe von Reichskanzler zitterte frierend in der Höhlung des Stuhls, nur ab und zu über die Goldmünzen seines Prunkgewandes putzend. Der Kriegsoberste von Moltke dagegen drehte seinen Totenschädel häufig nach einer herumsummenden Fliege, denn es reizte ihn, das schwarze Geschmeiß unbemerkt zerquetschen zu dürfen. Margareta richtete ihren wandernden Blick wieder auf den Bürger. Warum nahm dies kantige Händlergesicht an ihrem gemeinsamen Leid so wenig Anteil?
»Herr Nikolaus Tschokke,« beugte sie sich über den Tisch, entschlossen den anderen zu versuchen, »es ist mit euch bergischen Hansebrüdern zu Ende. Der Störtebecker hat euch Kontorsche ausgeräuchert gleich den Heringen im Schütting. Es ist zu Ende.«
Allein wie enttäuscht zuckte sie zurück, als ihr Gast ohne sonderliche Erregung erwiderte:
»Königin, es wird Euch gewiß freuen, besseres zu erfahren. Von unseren zweiundzwanzig Giebeln ist nur einer der Feuersbrunst erlegen. Die anderen wurden hinter den Holzmauern von unseren Kaufmannsgesellen verteidigt.«
»Ah, und nun meint ihr Kontorschen, ihr brauchtet euch nicht fürder an dem Giftstreuen gegen den tollen Hund zu beteiligen?«
Der Bürgermeister schwieg. Rauschend erhob sie sich. Geschmeidig stieg sie von dem Podest herab, und siehe da, es war nicht mehr die Fürstin, die zwischen sich und anderen Schranken zog, nein, ganz unvermutet entzauberte sie sich, so daß jetzt nur noch zu aller Bestürzung ein bösartig gereiztes Weib durch die Zelle strich, das nach nichts anderem züngelte, als dem Gegner auf eine niederträchtige Art das Herz aus dem Busen zu reißen. Mit einer merkwürdig ungezügelten Wiegebewegung glitt sie bis dicht vor ihn hin, um ihm ganz nah ins Gesicht zu schleudern:
»Meint Ihr, Herr Nikolaus Tschokke, der Störtebecker habe sich solange besonnen, bevor er auf Burg Ingerlyst einstieg? Ihr wißt doch, der Mordbrenner mißt sieben Fuß und zieht erst die Weiber aus dem Bett, ehe er sich die Taschen vollstopft? Wie ist mir denn? Der Conaer Abt erzählte doch, der Galgenvogel habe auch Euer künftig Nest beschmutzt?«
Es war die nackteste Absicht, den Vorsichtigen zu kränken oder ihn vielleicht gar zu sinnlosen Geständnissen zu reizen. Selbst die beiden dänischen Großen, obwohl ihnen die Vorliebe der Frau für unbegreifliche Zoten bekannt war, schüttelten erstaunt die Köpfe. Dem Hamburger jedoch hatte es zuerst das Haupt auf die Brust gepreßt. Jetzt aber richtete er es entschlossen auf, und aus seinen blauen Augen wie aus der festen Stimme des Mannes schlug der Regentin eine unbeirrbare Geradheit entgegen.
»Der Conaer Abt, Herrin,« entgegnete er ohne jedes Zaudern, »wird Euch auch gemeldet haben, daß eine höhere Hand meine Rechnung durchstrich. Gräfin Linda ist tot und verschollen, Königin.«
»Ihr irrt, mein Freund.«
Die braunen ausdrucksvollen Augen des Weibes überschatteten sich so mitleidig, wie wenn es ihr wirklich ernst wäre, dem Tod ein schon gezeichnetes Opfer zu entreißen. Um ihren Besuch aber krachte die Erde. Jetzt verlor er jede Vorsicht.
»Was wißt Ihr von ihr?«
Da sprudelte es in Margaretas ausführlich malender Schilderungskunst hervor, wie sich der Seeräuber die Ohnmächtige über die Schulter geworfen, um sie in schlimmer Absicht von dannen zu tragen. Und in der unehrlichen Vornahme, zu trösten oder zu entschuldigen, setzte sie hinzu:
»Sie konnte sich nicht wehren. Er mißt sieben Fuß.«
In dem Antlitz des Bürgermeisters stritt sich die grünliche Blässe des Todes mit der eigenen unrächbaren Entwürdigung. Ein Paar kreisrunde Blutkugeln erschienen auf seinen Backenknochen, bevor er heiser hervorstieß:
»Aber seitdem hat die Unglückliche, wie nicht anders zu erwarten, die Erde verlassen. Am jüngsten Tag wird auch ihr Gerechtigkeit widerfahren.«
Die Königin schüttelte das Haupt.
»Herr Nikolaus Tschokke, hier täuscht Ihr Euch abermals.«
Spürend hielt sie das Antlitz ein wenig geneigt und zuckte jetzt fast feindselig die Achsel. Sie begriff im Grunde den Reiz nicht, den das frömmelnde Nonnengesicht ihrer früheren Hofdame auf den nüchternen Stadtbürger ausübte. Noch weniger freilich vermochte sie zu ermessen, welch' verdorbene Lust den Heiland aller Mordbrenner gerade zu jener Himmelsbraut geführt haben mochte. Und in dieser Stimmung verkündete sie rücksichtslos, was ihr selbst von den Flüchtlingen des »Connetable« über den Aufenthalt des Mädchens auf dem Seeräuberschiff zugetragen worden war.
»Ihr sollt alles erfahren. In Männerkleidern, in engen Beinlingen und in der gepreßten Schecke geht sie dort unter den Vitalianern herum. Sie wartet dem Unhold bei Tisch auf, und er herzt und streichelt sie dafür. Was weiß ich, was er ihr sonst noch erweist?«
So wenig vermochte die Königin bei den letzten Worten eine Art ferner, sie quälender Eifersucht zu unterdrücken, daß sogar ihr hindämmernder Kanzler vieldeutig die Lippen spitzte. Der Mann aber, auf den die niederträchtige Schilderung allein wirken sollte, er blieb zuvörderst ganz still.
Endlich brach es aus Herrn Nikolaus Tschokke starr, trotzig, überzeugt hervor:
»Dies ist nicht Gräfin Linda.«
»Wer sonst?«
»Kenn' ich alle Dirnen auf der ‘Agile’? Aber Linda ist es nicht. Könnt Ihr meinen, Königin, eine nur dem Himmelslicht sich öffnende Seele, sie könnte plötzlich zu einem Pfuhl zerfließen?«
»Doch, doch.«
Margareta sprach diesmal mehr zu sich selbst. Sie hatte die Hände auf dem Rücken gebettet und schritt, nur mit sich beschäftigt, im Zimmer auf und nieder. Deshalb klang auch wahrer, was sie in die Tiefe ihrer eigenen Brust hinabsandte.
»Doch, doch, lehrt mich die stirnkühlen, schoßheißen Weiber kennen?! Die da stehen sind andere, als da auf weichem Pfühl liegen. Tag und Nacht wechseln schnell unter unseren Zöpfen.«
»Seht,« murmelte der Bürgermeister verworren. Eine geraume Zeit verstrich in tiefem Schweigen. Dann tat der Hamburger einen schmerzlichen Atemzug und griff sich an den kurzen Dolch seines Wehrgehänges. »Gebt mir ein Dokument des Vertrages mit,« wandte er sich rauh an den Kanzler, der sich vor Überraschung nicht zu erheben vermochte. »Und sollte ich auch von dem mir lieb gewordenen Amt scheiden müssen, ich will durchsetzen, was Ihr von mir verlangt. Im Frühjahr seht Ihr mich wieder! Gewappnet. Versäumt nichts, meidet lieber den Schlaf und die Kost, als daß Ihr in diesem Ding lässig seid. Und nun laßt mich an mein Werk gehen, Königin.«
Er beugte sich über die ihm dargereichte Hand, schlug den Vorhang zurück und schied. Die drei anderen blickten ihm nach, als ob sich ein gewöhnlicher Mensch in eine Traumgestalt verlöre.
Mit brennenden Augen spähten die Freibeuter durch Luft und Erde, ob ihr Kundschafter nicht endlich heimkehre.
»Wie lange wartete wohl Josua auf die Boten aus dem gelobten Lande?« fragte der Störtebecker seinen Knaben, mit dem er lang ausgestreckt unter dem Sonnensegel des Bugaufbaues lag. Sie spielten Würfel, allein ihre Gedanken fanden in dem ledernen Becher keine Herberge.
Seit dem Streit mit dem Wichbold war der Riese wortkarg geworden. Sein Stolz schien eine eiternde Wunde empfangen zu haben. Nur der Wein, wenn er Gewalt über den schwer zu Brechenden erlangte, schrie manchmal mit fremden, prahlerischen und drohenden Zungen aus dem Entfesselten heraus. Aber selbst dann entdeckte Licinius in den glühenden Augen des Wilden noch das ernste Bild der Gottheit, das durch ihn über die Erde rufen wollte.
Um die beiden Lagernden herum hingen aus wolkenlosem Himmel jene kaum wahrnehmbaren Silbergespinste herab, mit denen Uranos das Meer an sich zu knüpfen und zu sänftigen sucht.
Es war Herbst geworden.
Die See rollte rote Wogen gegen die fernen weißen Kreidefelsen, und über ihnen auf den Erhebungen der Insel meinte das Auge des Seefahrers das Sausen und Wiegen der schwarzgrünen Wipfel zu spüren, so oft uralter Runenzauber in ihrem Schoße wühlt.
Wohl ließ der Störtebecker ab und zu die beinernen Ritter springen, aber er wandte keinen Blick nach ihnen, seine Seele war an etwas Früheres geknüpft.
»Wie lange warten wir nun auf den Wichmann?« fragte er zurücksinkend.
»Es geht bald in den zweiten Mond, Herr,« zögerte der Knabe.
Der Störtebecker streckte sich lang aus und preßte die geballte Faust schwer auf seine Brust. Dann sprach er langsam:
»Ich sage dir, Licin, wenn der jüdische General so lange hätte lauern müssen, wer weiß, ob sein Tatwille nicht gebrochen wäre. Das Warten hat zwei eiserne Arme, komm, ich wollte, mich umfinge Weicheres.«
Als sich jedoch neben ihm nichts rührte, schwieg der Riese eine geraume Weile, bis er endlich die Hand des Knaben suchte, um sich die Finger des Gefährten gewaltsam und wie zur Kühlung auf die geschlossenen Wimpern zu betten. Und wieder nach langer Zeit forschte er, als ob ihn ein Traum beschäftige.
»Sage mir, Bursche, was blickst du so aufmerksam auf die Dünen, seitwärts von der Felsenschlucht?« Der Liegende warf den Arm vor und zeigte auf die ferne, strichfeine Küste. »Merkst du dort eine hölzerne Hütte? Und daneben den Stall für die Ziegen?«
»Nichts schaue ich, Herr,« entgegnete der andere verwundert.
»Doch, du gibst dir nur keine Mühe. Rauch ringelt aus dem Schlot. Und in dem Riedgras vor der Schwelle steht – – – «
»Wer?« wagte Licinius zu unterbrechen.
»Ich selbst,« fuhr der Störtebecker plötzlich ungestüm in die Höhe, packte seinen Gefährten an der Brust und schüttelte ihn unter einem rauhen, abwehrenden Gelächter. Ganz nahe brannte das wilde Gesicht des Freibeuters vor den sanften erschreckten Augen des ihm Preisgegebenen.
»Torheit,« rief der Aufgestörte geringschätzig, »es sind Schatten. – Was kümmert es mich, ob man dort drüben frißt oder modert? Will mich nicht durch Weihwasser oder welke Küsse von meinem Weg treiben lassen.«
Hingenommen, verängstigt durch die kaum verständliche Drohung, aber auch bezwungen und aufgelöst von dem schreckhaften Zauber des Menschen, so lag Licinius vor dem Gebieter auf den Knien und schaute zu ihm auf. Jetzt aber flüsterte er ganz leise und doch voll Ergebenheit:
»Wer, Herr, kann dich ablenken oder abziehen? Dein Weg führt über die Wolken.«
Es klang so aus einer zur Gewißheit erhobenen Seele, daß es den gespannt Lauschenden wie ein scharfer Trank durchfuhr. Diesen geistigen Wein bedurfte er, er konnte ihn nicht mehr missen. Einen weithin hallenden Ruf stieß er aus, dann aber beugte sich der Riese stürmisch herab, umfing den Knienden, und indem er den schlanken Leib stützte, zauste er übermütig und in vollem Triumph in den Locken des Knaben herum.
»Recht, Bübchen, findest immer einen guten Spruch! Hab schon den besten Fang an dir getan! Nun aber laß das Heulen um alte Weiber. Wollen lieber sehen, wessen Glück besser gelaunt ist?«
Damit warf sich der Admiral von neuem neben Licinius auf den Teppich und begann mit einer unrastigen Gebärde den Würfelbecher zu stürzen. Hastig riß er dabei seine Gürteltasche auf und schüttete einen Haufen Goldes zwischen sich und den Freund.
»Da, Schelm, dies setz' ich gegen dich. Möcht' dich gern vollends um Hab und Gut bringen.« Und als ihn sein Gefährte kleinlaut bedeutete, daß ihm ja nichts mehr an Gold und Besitz eigne, da schlug der andere eine vieldeutige Lache auf und meinte: »Flunkere nicht, Püppchen, es ließe sich dir wohl noch manch Gutes abgewinnen.«
Da senkte Licinius plötzlich betroffen die Augen, zitterte und bettete unerwartet beide Hände über den Becher.
»Was soll das?« rief sein Herr ärgerlich über die Störung, konnte es aber doch nicht verhindern, daß sein Knabe wie in Angst und Not in das eben verlassene Gespräch zurücklenkte.
»Herr,« brach er mit einmal hilflos ab, »ich verbarg dir etwas. Heute morgen wiesen sich zwei Schiffsleute deine Heimat auf Saßnitz. Und der eine meinte, du suchtest nur deshalb nicht nach den Deinen auf der Insel, weil sie arm und elend wären.«
Jetzt sprang der Riese empor und schob seinen Gefährten heftig mit der flachen Hand von sich.
»Dulde dies nicht,« bat Licinius noch einmal. »Warum sollst du Tröster gerade deine Nächsten verachten?«
Unterdessen war der Störtebecker bis zu dem eingebauten Bugspriet geschritten, dort, wo die Riesenlaterne als erstes Wahrzeichen des Schiffes bei Nacht ins Meer leuchtete. Hier stand er abgewandt, nagte verdrossen die Lippen und schleuderte zuweilen die Rechte von sich, als ob er irgend etwas Verbrauchtes ins Wasser würfe. Endlich rief er schneidend über seine Schulter zurück:
»Daß es in euren Hirnen nicht anders wachsen will als die Kohlköpfe, in langen, geraden Furchen. So will ich euch denn zeigen, wer meine Nächsten sind? Ob ihr, die ihr an dem Henkerstuhl vorbei mit mir ins Ungewisse zieht, oder jene, die sich unter ihren Schlafsäcken vor mir verstecken! Bei Sonnenuntergang halte dich bereit. Toren und Strohwische,« brach er plötzlich anklagend aus, »möchtet gern fliegen und klebt wie Lehm an den alten Nestern.«
Sie bückten sich tief, als der prunkhaft geschmückte Mann in der grauen Dämmerung an ihnen vorüberwandelte. Da und dort standen die unfreien Sassen auf dem öden Strand, denn von weit hinter den Bergen liefen sie schon seit Wochen herbei, um ihre schreckstarre Sehnsucht an den fernen Schatten der Gleichebeuterschiffe zu weiden.
Zwar die dort draußen waren Satansgelichter! Das Kloster predigte es, der Vogt bestätigte es, die Gottverfluchten wollten die Welt an allen vier Ecken anzünden. Um mehr handelte es sich nicht. Dumm und verständnislos hatten die Sassen dazu genickt. Aber als jetzt der Übeltäter geschmeidig an ihnen vorüberstrich, der Unheimliche, Glänzende, Sagenumsponnene, vor dessen unmittelbarer Gewalt der Abt, der Graf, ja sogar die kleine Herrscherhoheit des Herzogs von Wolgast verblich, da klopfte den Benommenen das Herz bis in die Zähne, da gurgelten ihnen Wut, Erkenntnis, Hingerissenheit durch die Kehlen, da schlug es ihnen den Rücken ein, und sie brachen vor dem Traumbild ihrer müden Seelen in den Staub.
»Du – du,« stammelten sie mit hoch erhobenen Armen.
Selbst der Vogt, jetzt ein gichtgekrümmter, hundebissiger Siebziger, an dessen Schläfen nur noch ein paar zerzauste Weißsträhnen flatterten, er ließ mit offenem zahnlosen Munde das Wunder an sich vorübergleiten und hielt sich mühsam an dem kronengeschmückten Stab aufrecht.
Der Störtebecker aber erkannte ihn sofort. Er maß ihn mit einem mitleidigen Blick.
»Lebst du?« fragte er.
Selbstbewußt nickte der Alte, versuchte sich zu recken und bohrte seinen Stock tiefer in die Nässe. Plötzlich bellte er heftig:
»Es ist verwehrt, an dieser Stelle zu landen.«
Da brach der Störtebecker in ein geradezu unbändiges Gelächter aus, selbst der Vogt verfiel vor all den Zeugen in eine unentrinnbare Verlegenheit, und am ganzen Strand heulte und wütete ein einziges tobendes Brüllen. Welch ein frischer Wind, welch ein Wirbeln unter dem jahrhundertealten Staub der Verordnungen. Endlich bezwang sich der Gleichebeuter. Er riß seinem Buben ein Beutelchen aus der Hand. Das warf er dem Knurrenden dicht vor die Füße.
»Mag dich gern leiden, Klotz,« gestand er. Dann zeigte er auf die Dünen. »Und dort oben?« forschte er heimlich.
»Lebt,« kam es aus dem Munde des Vogts einsilbig und ohne Dank.
»Wohlan, so kümmere dich nicht weiter um mich.«
Ungeduldiger als bisher schlang er seinen Arm unter den des Knaben und zog diesen den Dünenpfad in die Höhe. Allein kaum nach ein paar Schritten hielt er inne, um sich nochmals zurückzuwenden.
»Kehre ich wieder,« rief er mit seiner hellen schmeichelnden Stimme, die ihm so oft aller Herzen gewann, »dann, Vogt, will ich nicht mehr die Hafengerechtsame verletzen. Ich bin nicht gekommen, um vernünftige Ordnung zu stören. Möchte sie euch gerne bringen. Hört ihr, in meines Herzens Schale bringen. Und nun, bleibt jung.«
Da huldigten unten die Unfreien und warfen dem Menschenfischer die Mützen nach. Der Vogt jedoch schwang in schiefen Wendungen seinen Stock gegen die Menge, keifend:
»Packt euch – was lungert ihr müßig herum? Wir wissen nicht, wer der vornehme Herr war – keiner störe ihn auf seinen Pfaden.«
Das verrunzelte Fischerweib trat auf die Schwelle der Kate und schwang einen brennenden Kienspan gegen die Dunkelheit. Fest stemmten sich ihre derben, nackten Füße in den Sand, und ihre mißtrauischen blauen Augen weiteten sich, als hinter dem Vorhang von Kienrauch und feuchtem Seenebel zwei fremde Gestalten auftauchten. Undeutlich leuchtete es draußen von Gold und Seide. Seltsam – seltsam – die Alte strich sich über das glatt gescheitelte weiße Haar und wich vor Bewunderung unwillkürlich zur Seite. – Wie lange Zeit mochte wohl verstrichen sein, seit sich ihr – der Jungen, der die Mannsbilder so hitzig nachstellten – ein ähnlich Blitzender genähert hatte? Vorbei – das war längst vergessene Bitternis. Allein die Art Herren brachte den Geringen nichts Gutes ins Haus! Und was hatte dieser da, der sich unter dem Eingang wohl gar noch tiefer bücken mußte, als es einst von ihrem Verstorbenen geschah, was hatte dieser so befehlshaberisch und sicher in ihre Hütte zu dringen?
Plötzlich ließ Mutter Hilda die Leuchte fallen, so daß sie erlosch. Obwohl Himmel und Meer wie eine schwarze Grube unter ihr gähnten, so waren vor ihrem geistigen Auge dennoch die Umrisse der Gleichebeuterschiffe aufgestiegen. Dann hörte sie das geheimnisvolle Raunen der Nachbarn, sie fing auf, wie man mit Fingern auf sie wies – und mit einemmal spürte sie, wie eine drohende Hand ihr Herz festhielt, bis es ihr nichts mehr vermittelte. Weder Freude noch Scham, weder Hinneigung noch Grauen. Nichts redete in ihr als jene kalte, rauhe Stimme, die da fragte:
»Was will der Fremde?«
Die Falten auf der Stirn zog es ihr kraus, ungerührt konnte sie in die Hütte zurücktreten, dem Unbekannten nach, wie jemand, der sein Hausrecht wahren will. Aber als nun die Frühgealterte im Schein des Herdfeuers unter dem Mantel ihres Besuchers die Fürstenkette blinken sah, als ihr abgeneigtes, strenges Antlitz von den schwarzen, lebhaften, herrschgewohnten Augen festgehalten und angezogen wurde, da wankten ihr die Beine unter dem Leib, und die Gewohnheit, sich stumm vor allem zu bücken, was mit dem Anspruch der Macht unter die Geringen trat, es zog ihr den noch eben straffen Rücken furchtsam vornüber.
Verehrungsvoll wand sie die starkgeäderten Hände umeinander.
»Kennst du mich?« entglitt es dem Störtebecker, der vor der Esse stand, wo er gegen die lähmende Wirkung des Vergangenen ankämpfte.
»Was sollt ich nicht?« murmelte die Weißhaarige, sich vorsichtig zurückziehend, und dabei bekreuzigte sie sich stumpf.
Ihr Sohn tat einen starken Schritt gegen sie, die Hütte dröhnte von seinem Gang.
»Gib mir die Hand,« forderte er stürmischer, als er ahnte.
Die Fischerfrau sah an dem großen, herrlichen Menschen in die Höhe, dann schüttelte sie in ringender Verständnislosigkeit das Haupt und versteckte ihre Finger hinter der groben Schürze.
»Wir sind arme Leute,« murmelte sie.
Ihr Bedränger jedoch fing ihre Rechte gewaltsam ein und preßte sie, bis die Alte wimmerte.
»Freu dich,« drängte er, als könnte er sogar Wärme und Neigung befehlen.
Wieder jener verzweifelte Blick der Leere und dann unter Scheu und Zögern:
»Ich weiß nicht mehr, wie es tut.«
Da quoll sie endlich hervor, die herabgewürgte Wut einer Vergessenen, da entlud sich das dumpfe Leid, keinen Anteil zu haben an dem, was der Leib in Schmerzen gebar. Und doch, der kluge Menschenverstand des Fischerweibes bedeutete ihm sogar noch zu dieser Frist, daß dies alles nach der Ordnung der Dinge wäre, weil der Fischerkittel niemals erhorchen könne, wie es unter dem Herrenwams hämmere, weil die Engnis der Sassenhütte unmöglich das Gedränge der Welt zu erfassen vermöge, und nicht zuletzt, weil die Jugend von jeher vom Alter fortstrebe wie Störche und Stare, wenn sie die Kälte spüren.
Alles längst ganz vernünftig überlegt. Aber jetzt, wo ihr das Fremde nahe gerückt war, da wehrte sie sich erbittert gegen ihr Geschick und schüttelte hartnäckig den Kopf. In der Stille, die sich einschlich, stand der Heimgekehrte verfinstert neben der Esse. Und siehe da, er hatte seinen Knaben an die Hand genommen, als müsse er jemand nahe wissen, der sich zu ihm rechnete, einen Bürger aus jener Welt, die noch ungeschaffen hinter Kreisen tanzenden Lichtes schlummerte.
Auch die Alte blickte forschend auf das hellglänzende Haar des Jünglings, auf die biegsame Gestalt und auf die ausladende Weichheit der Hüften. Abermals wiegte sie argwöhnisch das Haupt. Über die Wangen des jungen Dänen aber schoß eine feurige Glut. Sie rührte nicht von den brennenden Buchenklötzen des Herdes her. Es war das erstemal, daß Linda, seit ihrem tiefen Fall, wieder einem ehrbaren Weibe gegenüberstand. Sie fror.
Da rührte sich ihr Herr. Das Leuchten war aus seinen Zügen entwichen, dafür beherrschte ihn gänzlich jenes kurze, rücksichtslose Zugreifen, das die meisten Dinge kaum einer Prüfung für wert erachtete.
»Was weißt du von mir?« warf er der Alten hart und sachlich zu. Die stand und verfolgte aufmerksam, wie der Riese den schwarzen Mantel über den Tisch schleuderte. Es schien also, als wollte ihr Sohn noch länger weilen. Um die geschlossenen Lippen des Weibes zuckte es.
»Die Leute sprechen viel,« überwand sie sich endlich.
»Was?« forderte der Störtebecker allmählich gereizt ob ihrer sprechfaulen Störrigkeit.
Da geriet etwas mehr Leben in die Erstarrte. Gerader richtete sie sich auf, bis sie endlich gestrafft vor dem Wartenden stand, wie in alten Tagen, sobald ihr hitzig Wort oder ihre strafende Hand irgendeine Verfehlung an dem schwer lenkbaren Jungen sühnen wollte.
»Ist es wahr,« erkundigte sie sich schon mit zitterndem Abscheu in der Stimme, »daß du die große Stadt Bergen verbrannt hast?«
War es das Aufflackern des Feuers allein, in das der Freibeuter eben mit aller Wucht die Zange hineinstieß, wodurch seine kühnen Züge so gräßlich verzerrt wurden? Einen wilden Blick des Einverständnisses, des Hohnes, der ohnmächtigen Raserei warf er seinem bebenden Licinius zu, dann ließ er sich auf die Herdbank sinken und riß sich gewaltsam ein hämisches Lachen aus der Brust.
»Wahr,« rief er in widersinniger Freude über das Entsetzen, das er entfesselte, »was weiter? Die Fackeln, die die Welt erleuchten, riechen oft nach Menschenfett!«
»Ach du Barmherziger, vergib uns unsere Sünden,« stöhnte die Mutter geistesabwesend und schlug im Jammer um eine untergegangene Menschheit beide Hände vor ihr Gesicht. Jedoch nicht lange, denn gleich darauf schreckte sie auf, um geschäftig ihre Finger unter dem Brusttuch zu verbergen. Alle ihre Bewegungen malten deutlich die Angst, auch sie könnte irgendwie durch Asche, Blut und Unrat besudelt worden sein.
»Was willst du?« wehrte ihr Sohn den stummen, unbequemen Angriff ab. »Gib uns was zu zehren.«
Die Fischerfrau hörte nicht, sie streckte vielmehr den Arm gegen die Fensterluke, als könnte sie durch sie hindurch auf die verbrannte Stadt deuten, denn die verkohlten Sparren zeichneten sich für sie zackig gegen die Nacht ab.
»Bin nur dumm und ungelehrt,« beharrte sie mit dem Starrsinn des Bauernmenschen, »deshalb sage mir, warum du das verübt hast.«
Da griff sich der Störtebecker an die Kehle, als könnte er in diesem dumpfen Loch keinen einzigen freien Atemzug mehr gewinnen, ein Ringen war's, das den Krämpfen des alten Claus Beckera ähnelte, dann aber riß er sich plötzlich in Wut die Goldkette vom Halse und schleuderte sie mitten auf den Ziegelboden, daß sich ein sprungartiges Reißen und Klirren erhob.
»Nimm,« schrie er in der verworrenen Meinung, sich loskaufen oder den unbegreiflich drohenden Mund des Weibes schließen zu können. »Was gehe ich dich an? Aber es ist nicht wahr, daß nur von weißen Lämmern das Gute in die Welt gebracht wird. Schau mich an, saufe das Blut fuderweis und will doch hoch hinaus. Weib, Kain und Judas waren gar große Herren. Die Befreiung geht oft durch das Übel.«
Weit streckte er die Füße von sich, stützte die Fäuste hinter sich auf die Bank und horchte in Qual und Fieber darauf, ob diese Alte nicht doch, wie alle anderen, vor ihm zusammenbrechen würde. Mutter Hilda aber schritt schweigend an den Tisch, dort zog sie ernsthaft ein langes Kreuz in die Luft und sprach beschwörend:
»Ich will meine Hütte scheuern, wenn du geschieden bist. – Nur noch eines, damit ich doch sicher weiß, von wem du stammst? – Bist du's, der wehrlosen Weibern Gewalt zufügt?«
Dicht neben der Esse entfärbte sich das Antlitz des jungen Dänen, er versuchte mit erhobenen Händen den Feldstein abzuhalten, der ihm wuchtig gegen die zarte Brust flog, allein er brachte es nur zu einem unverständlichen Flüstern. Mühsam, taumelnd wollte er sich gegen die weißhaarige Richterin schleppen, jedoch bevor er noch eine einzige Bewegung ausführen konnte, da pfiff ein kalter Wind zur Tür hinein, und auf der Schwelle erschien eine zierliche Gestalt, die verbeugte sich artig und schwenkte in übertriebener Höflichkeit die Kappe.
»Heino,« jauchzte der Störtebecker, sprang ungläubig von seinem Sitz und dabei griff er mit den Armen in die Luft wie ein Schwimmer, der mit ein paar letzten verzweifelten Stößen schweres, fauliges Sumpfwasser zu durchbrechen sucht. Vergessen war das zermürbende Ringen, der abscheuliche Kampf gegen das, was einst nahe seinem Herzen wuchs, abgestreift, als lächerlich erkannt das Anrennen gegen die bröckelnden Ruinen einer dummen, verfrömmelten Zeit. Sturmwind sauste zur Tür herein, er würde die wankenden Mauerreste von selbst umwerfen, Sturm jagte die Lappen und den dicken Qualm in der Hütte auseinander, und der dort an der Schwelle, der die Windsbraut hereinließ, er war nur einer seiner ausgeschickten Gedanken, die von nun an das verrunzelte Antlitz des Geschaffenen verjüngen und veredeln sollten.
»Heino,« schrie er seiner selbst nicht mächtig und packte seinen Kundschafter an der Schulter, daß der Kleine wankte. »Sendling meiner liebsten Hoffnung, bringst du mir und dir und all den Verschmachteten die Vernunft, die Ruhe und den Frieden? Werden wir Brüder sein? Oder müssen wir einander weiter morden?«
In der Hütte verflog der Atem des Lebens, selbst das strohblonde Kerlchen rang unter den Fäusten des Zitternden nach Fassung. Und seine schrille Stimme drang allen Hörern durch Mark und Bein, als sie sich spitz und schneidend aufschwang:
»Dein Wille und dein Name haben gesiegt, Claus Störtebecker. Die Edelinge der Friesen wollen mit dir handeln um Land und Niederlassung. Deine Hoffnung erfüllt sich, das Tor springt auf, du kannst einziehen als der Fürst der Hungernden und dein Reich der Brüder begründen.«
Einen Augenblick verstummte der fürstliche Mensch, eingehüllt in eine goldene Wolke, ernsthaft und doch beinahe kindlich in einen fernen Feiertag lauschend. Doch schnell und fast ohne Übergang griffen die Dinge des Tages nach dem für die Erde Geborenen. Das frostige Elend der Hütte, die zersprungenen Ziegel des Estrichs und am meisten die dumpfe Verständnislosigkeit in den zerwühlten Zügen seiner Erzeugerin, sie rissen ihn aus dem Tanz der Lüfte und offenbarten ihm klar und streng, daß von jetzt an nur nüchterne Werkzeuge wie Spaten und Pflug, den ersehnten Schatz aus den Schollen schürfen würden.
Ungestüm warf er sich den Mantel um, dann blickte er noch einmal aufmerksam in der trübe verqualmten Engnis umher, bis er ruhig und gelassen vor Mutter Hilda treten konnte.
»Wir gehen zu Schiff,« nahm er von ihr Abschied. »Lebe wohl, Weib. Entweder du und deinesgleichen ziehet mir eines Tages nach, oder deine sündige Frucht mag im Gedächtnis der Menschen faulen!«
Die Hütte stand leer, in Sturm und Nacht waren die Gespenster des Aufruhrs verschwunden.
Da stieß Mutter Hilda nach einigem Besinnen einen Eimer Wasser um und begann, wie sie versprochen, die Stelle, wo ihr Einziger gestanden, zu scheuern!
[Das vierte Buch]
[I.]
»Wer seid ihr, ihr glatten Dirnen?« staunte der Störtebecker das glitzernde Frauenvolk an.
In der einsamen Ley-Bucht schlich die »Agile« vorsichtig zwischen den grünen Watten hindurch, die der Einfahrt von Marienhafen an der ostfriesischen Küste vorgelagert sind.
Schon konnte der verlangende Blick des Schiffslenkers, denn der Admiral stand selbst am Heck, die braunmoosigen Dächer des kleinen Hafenortes aus den Marschen emporwachsen sehen, schon läuteten von rechts und links die Glocken der weidenden Kühe über die schmale Fahrtrinne, da wurde die »Agile« von diesen übermütigen, Kurzweil suchenden Schwimmerinnen umzingelt, eingefangen und umtanzt. Rudernde Arme schnitten durch die Flut, helle Leiber blitzten, ein jauchzender Reigen bildete sich, und siehe da, tief unten, auf das ungefüge Steuerschwert hob sich bis zur Brusthöhe die Anführerin der Rotte, und ein feuchter Spritzer aus ihrer Hand flog dem Störtebecker ins Gesicht. Der Gleichebeuter jedoch war schon vorher geblendet. Die kecken braunen Augen unter den nassen Goldflechten, das Wunder der Nacktheit betörten ihn, so daß er in seiner glücklichen Habsucht für einen Herzschlag sich, seinen Zweck und den Sinn seiner ernsten Fahrt vergaß. Völlig behext warf er sich über die Brüstung der Galerie, ganz an den unmöglichen Versuch verloren, aus dieser Höhe den Seespuk für sich einzufangen.
Da lachte es frisch von unten herauf, weiße Zähne enthüllten sich, und eine unerschrockene Stimme rief:
»Bist du nicht der Störtebecker? Der Schuimer, der hier ein ganz Land stehlen will?«
»Der bin ich,« gab der Admiral schwer atmend zur Antwort, denn von der tiefen Beugung war ihm das Blut gewaltsam in Stirn und Wangen gerollt. »Warum aber läßt du dich nicht fischen? – Wer bist du?«
»Ich?« höhnte es von unten und zugleich ließ es sich von dem Brett herabfallen. »Hier wirst du nichts fangen, Gleichebeuter. Ich bin Eala, frya fresena.«
Es war das Losungswort der alten freiheitsdurstigen Gaue, in die der Störtebecker eben einfuhr. Im nächsten Augenblick huschten und ruderten die Mädchen schon von allen Seiten dem Schiffsungetüm aus der Nähe, und bald hatte ein hohes Binsengestrüpp, das auf einer Landzunge weit in die Bucht hineinschnitt, den Schwarm jeder Verfolgung entzogen.
Wohlig reckte sich der Störtebecker, kam zu sich, und da ihm zuerst sein Knabe in die Augen fiel, der düster und von ihm abgekehrt weit über die sich neigenden und schwirrenden Wiesen starrte, so schlug er ihm derb auf die Schulter und rief noch ganz erfüllt von dem unerwarteten Gruß:
»Welch schönes Land! Welche Freuden erwarten uns hier! – Geh, fange keine Grillen, Licin! Laß uns das freundliche Vorzeichen vielmehr annehmen. Wie sagte das Ding? Eala, frya fresena!«
Und er breitete in der weichen Herbstsonne beide Arme aus, als ob seine Brust und die näher rückenden Weiden miteinander kosen sollten.
Warum aber konnte sich der Knabe seiner schweigsamen Versunkenheit nicht entreißen? In ihm zitterte etwas, wie wenn ein feines Glas einen Sprung erhält. Enttäuscht, blaß, verängstigt hatte er das nackte Treiben um das einfahrende Schiff beobachtet. Und sein sehnsüchtiger Glaube sträubte sich erbittert gegen den Widerspruch zwischen der Heiligkeit seiner Erwartungen und dem leichtfertigen Schauspiel, das hier ihren frommen Einzug begleitete. Zum erstenmal, seit das sich entfremdete Weib dem gepanzerten Heiland folgte, wie Linda ihren Bezwinger ergebungsvoll getauft hatte, wurde sein Bild durch Vorstellungen ihres früheren Daseins verdrängt. Weit öffneten sich ihre Augen für etwas Altgewohntes und doch längst Entfremdetes. Über die saftigen Wiesen der Marschen sah sie hinter einer Schmetterlingswolke einen Wanderer ziehen. Er trug weißes Gewand, dunkle Locken fielen ihm tief über die Schultern, ähnlich wie sie es auf dem Bilde des Giotto geschaut, und der Mann streckte seine Hände über die Häupter von Krüppeln und Bresthaften aus, die am Wege auf ihn lauerten. Nur ganz hinten, im Wesenlosen des feuchten Brodems, folgte ihm eine Schar zaghafter Frauen. Toller gaukelten die Falter, die Erscheinung verging und kehrte zurück. Verstrahlte und leuchtete wieder auf.
Was bedeutete das?
Linda zitterte und schloß die Augen. Furcht hinderte sie, noch mehr wahrzunehmen.
»Eile, Licinius,« schrie der Störtebecker, der weiten Schrittes über Deck wandelte, dazwischen. »Laß der Mannschaft Wein austeilen. Und du selbst fliege zu mir, mein Büblein, damit wir uns gütlich tun.«
Der Turm an der Hafenmündung rückte heran, Boote begannen das Fahrzeug zu umkreisen, der Lärm der Werkstätten und der Arbeit meldete sich, und die »Agile« warf Anker.
Bis in den späten Nachmittag hinein stieß die Brust der mächtigen Führerkogge ein einziges Jauchzen aus. Angefeuert vom Wein, berauscht durch die gar nicht faßbare Aussicht auf unangefochtenes Bürgerleben, jubelte, sang und pfiff die Mannschaft, sie säuberte und wusch sich, als ob es zum Tanz ginge. Ja, der Ire Patrick O'Shallo, der mit fünf der schmucksten Burschen auserwählt war, die schweren Geschenktruhen in das nahe Häuptlingsschloß zu schaffen, er ließ sich von dem Hebräer Isaak einen metallenen Spiegel vorhalten und kämmte in inniger Befriedigung sein langes gelbes Haar. Zum Schluß steckte er sogar ein Heidekrautbüschel, das ihm von einer kleinen rotröckigen Friesendirn über Bord zugeworfen war, an die lederne Kappe, und während er vor geschmeichelter Eitelkeit einen Luftsprung tat, biß er dem Juden zärtlich in die Wange.
»Jetzt freie ich,« flüsterte er hingerissen, »und gib acht, Mauschel, wie oft du bei mir Gevatter stehen wirst.«
Aus den Augen des alten Juden aber antwortete ein Fieber. Inbrünstig, mit einem unheimlichen Verlangen verschlang er das nahe Land, und zuweilen blickte er fassungslos in den goldroten Abendduft, als wäre dies ein anderer Himmel, wie er sich sonst nirgendwo über Menschen und Ansiedlungen ausspanne.
Auch in der Admiralskabine hallte es von Frohlocken und Liedern wider. Dort ließ sich der Störtebecker von seinem Knaben sorgsam Stück für Stück seines blauen Prunkgewandes anlegen. Und obwohl er dabei oftmals die Verträge durchstöberte, die vom Hauptmann Wichmann sauber aufgesetzt waren, so behielt er doch immer noch Zeit, seinem sanften Helfer übermütig das Haar zu zausen oder ihm sogar einen neckischen Backenstreich zu versetzen. Keineswegs merkte er dabei, daß es ein Weib sei, das er in Verwirrung bringen könnte, und auch Licinius versah seinen Dienst in einer glücklichen Ferne und schreckte nur zuweilen empor, wenn ihm sein Gebieter die Hand um die Kehle legte, dazu beteuernd:
»Büblein, dir soll es gut werden. Magst du beten, wohlan, ich will dir eine Kirche bauen. Willst du jagen, du sollst Hunde und Falken haben. Nur lache und sei vergnügt. Wie jetzt.«
Und auf den Lippen des stets Bereiten erschien ein folgsames Lächeln.
Ja, in dieser ersten Stunde war die »Agile« in den offenen Himmel eingelaufen.
Die Flut strömte schon mit dem licht aufsteigenden Monde in den Hafen zurück, als vor dem auf Deck wartenden Admiral zwei Reisige der Häuptlingswitwe Fölke then Broke erschienen. Sie brachten ihm den Geleitbrief zum Ritt nach der von ihrer Warfe[[*]] düster und schwer herabdrohenden Steinburg, und die beiden Kerle in ihren langen pelzbesetzten Röcken und den röhrenartigen schwarzen Filzhüten stützten sich im Gefühl ihrer altererbten Freiheit furchtlos vor dem mächtigen Seebeherrscher auf ihre Spieße, ohne auch nur im geringsten Miene zu machen, ihre Häupter zum Gruß zu entblößen.
[[*]] Hügelerhöhung.
»Die Fölke gibt dich in unseren Schutz,« meldeten sie in ihrer kargen breiten Sprache.
Aufmerksam maß der Störtebecker die beiden Hochgewachsenen. Das ganze Volk in seinem sicheren Kraftbewußtsein schätzte er nach diesen ersten Boten ab, und ein heißes Wohlgefallen überkam ihn, als er daran dachte, welche ruhige Würde, welche natürliche Selbstachtung die Freiheit verlieh.
Ganz in der Nähe winkte wohl doch das Land der Menschen.
»Wir nehmen den Schutz der Fölke an,« sprach er deshalb mit weniger Spott, als er beabsichtigte. »Kommt, Burschen.«
Vielleicht hatten die Reisigen einen schweifenden Seeräuber zu finden gemeint, einen Angehörigen jener Friedlosen, mit denen man wenig Umstände machte, die fürstliche Weise dieses Mannes jedoch brachte sie außer Fassung. Vor ihre Füße rollten ein paar Goldstücke. Der Admiral, nachdem er sich zum Gehen gewendet, hatte sie ihnen hingeworfen, wie man Hunden den Fraß streut. Bereitwillig bückten sich die Spießträger und sammelten den ungewohnten Schatz auf, denn auf ihrer mühsam dem Meer abgerungenen Scholle griff man gierig nach Besitz und Wohlstand.
Betroffen hörten sie mit an, wie die große Trommel geschlagen wurde, als der Gleichebeuterfürst, gefolgt von seinem Knaben, über die breite Treppe das Schiff verließ, und sie erschraken mit den anderen Matrosen, da sie wahrnahmen, wie die riesige Gestalt des Anführers gleich beim ersten Schritt aufs Land der Länge nach niederstürzte.
»Was ist dir?« erblaßte Licinius und wollte nach seinem Gebieter greifen.
Der aber wandte ihm sein lachendes Haupt entgegen, sprang auf und reichte ihm eine Krume der eben beschrittenen Erde.
»Tor,« flüsterte er dem Schreckgebannten zu, »merkst du nicht, ich äffe den Makedonen Alexander nach? Ich eigne mir dies Land an. Und dir gebe ich es, du Reiner.« Und in sich gekehrter setzte er hinzu: »Mir ist, als würde ich es behalten, so lange du neben mir wandelst.«
Alles Blut strömte dem Blonden zum Herzen, schreckhaft färbten sich seine Wangen, aber über dem Abendgold des Himmels sangen für ihn doch wieder jene seligen Scharen, die schon so oft um das dunkle, eigenwillige Herrscherhaupt musiziert hatten. Und vertrauter, inniger schmiegte sich der Verstummte seinem Gebieter während des Schreitens an.
Nicht lange.
Dicht neben dem Fluß wurde von einem dritten Knecht ein starker Schimmel gehalten, von jener wohlgenährten Art, wie sie das Brokmerland damals züchtete. Mähne und Schwanz waren von langen bunten Bändern durchflochten, die fast bis auf die Erde hingen, und ein goldenes Blech lag dem Tier dicht um die Stirn.
»Eia,« rief der Störtebecker wohlgelaunt, während er sich in den Sattel schwang, »Frau Fölke weiß, wie man artig schenkt.«
Da lachten die Knechte und raunten untereinander. Bis einer von ihnen sich die schwarze Filzröhre aus der Stirn schob, um sich zu der Auskunft zu bequemen:
»Schlecht kennt Ihr die Fölke, Herr. Noch nie hat sie etwas verschenkt. All ihr Vieh würde hungern, wenn wir es nicht heimlich fütterten. So ist auch dies Roß hier nur geliehen.«
»Potz Velten,« rief der Reiter, der inzwischen sein Tier angetrieben hatte, »so will ich ihr die Mähre in Silber aufwiegen. Gehört mir doch für immer, was mir einmal gedient.«
Der Knabe, der den Zügel gefaßt hatte und nun neben dem Schimmel herschritt, hob versonnen den Blick zu seinem Herrn. So zogen sie über die einsamen Wiesenpfade der Burg entgegen.
Auf dem Kastell der Brokes knisterten an den Wänden des langen Saales die Leuchtfackeln. Der Raum war so niedrig, daß ein hochgewachsener Mann, wenn er sich aufreckte, wohl die schmucklosen Bohlen der Fichtendecke hätte fassen können. Manchmal knackten dort oben die von der Kaminhitze ausgedörrten Bretter, als ob jeden Augenblick ein neuer Riß das Holzgefüge sprengen wollte. Ein Frösteln wehte durch die schlecht erleuchtete Halle. Nur mühsam konnte ein Fremder die im Flackerlicht wechselnden Gesichter der Häuptlinge erkennen, die sich hier auf einen Wink der Fölke zur Beratung zusammengefunden hatten. Wohl waren sämtliche dieser kleinen Burgherren seit Geschlechtern durch bittere Erbfehde, Blutrache und Zerwürfnis voneinander getrennt, allein ihre Gier nach Vorteil und Gewinn fraß dennoch hitziger als selbst der alte Haß. Gebot doch auch der gute, nachbarliche Neid, daß man den Brokes keinen besonderen Nutzen gönnte, zumal der blutlosen, brandroten Fölke nicht, der man wie einem gefährlichen Gespenst den Namen der »Quade«, das heißt der Bösen, zugelegt hatte. Wahrlich, niemand konnte es den Edelingen von Dornum, Norden und Faldern verargen, wenn sie lieber auf Mord und Brand ausritten, ehe sie auch nur eine Stunde der heimtückisch lächelnden Quade Fölke gegenübersitzen mochten, der Witwe des tollen Occo, von dem sie überdies alle, Freund und Feind, ohne Unterschied betrogen, verprügelt und an Land und Leuten geschädigt waren.
Aber die Quade Fölke war schlimmer.
Man brauchte nur den braungesonnten Propst Hisko van Emden zu fragen, der heute gleichfalls mit den anderen Gästen auf einer langen Bank an der rechten Seite des Saales lagerte, während die Fölke mit ihrer Tochter auf einer erhöhten Estrade an der Mittelwand Platz genommen, der wußte Bescheid, woher der Menschenhaß der Hausherrin sowie ihr Vergnügen am restlos Bösen ihren Ursprung ableiteten. Vor dreißig Jahren schier hatte der Pfaff, obwohl er zu jener Zeit von geistlichen Dingen fast noch weniger verstand als heute, den tollen Occo und seine Braut in diesem selben Saale zusammengegeben. Und damals eben geschah das Unerhörte. Auf die gewohnheitsmäßig hergeleierte Frage nämlich, ob das Weib willig sei, fortan mit dem ehrsamen Ritter einen Leib und eine Seele bilden zu wollen, da hatte sich die blasse Braut endlich unter ihrem friesischen Brustschild geregt, um plötzlich ein schneidendes »Nein« hervorzustoßen. Gleich darauf freilich knallte es durch den Saal. Der Bräutigam hatte seiner Verlobten eine Maulschelle geschlagen, daß die Betäubte ihren silbernen Hauptschmuck verlor. Eilig war dann die halb Ohnmächtige getraut worden, wenn auch der in Aufruhr geratene Hochzeitsschwarm genau wußte, warum die Braut sich noch zur letzten Frist so verzweifelt gesträubt hatte. Lag doch zur nämlichen Stunde in einem Turmloch die Lieblingsmagd des jungen Eheherrn, die er nicht von sich lassen mochte, in den letzten Wehen, und als unten zur Mitternacht die Burgfrau von einem Bezechten aufs Hochzeitslager gestoßen wurde, schrie auf dem Turm bereits ein Bastard. Seitdem war die brandrote Teufelsschönheit der neuen then Broke von dem wilden Occo unzähligemal gemißhandelt und verwüstet worden, und so oft sich zur Nachtzeit auf der Burg bis in die spätesten Jahre hinein ein Kreischen und Wimmern vernehmen ließ, dann lachten die Umwohner und sagten:
»Herr Occo geht auf die Freite.«
Nun aber war der Kraftstrotzende schon lange still geworden. Zu Aurich moderte er unter einem gesprengten Wachtturm, denn in einer der Fehden hatte er seinen letzten Gang getan. Die Leute in Marienhafen aber erzählten, daß sich auf die Kunde seines Endes die Fenster der Brokeburg festlich erleuchteten und wie man eine wüste Frauenstimme in greulichem Jubel bis in den Morgen hätte singen hören.
An dieses Nest einer hornigen Kröte, die ihre ganze Seligkeit darin fand, ein zehrendes Gift in sich zu sammeln, klopfte an dem windigen Herbstabend des Jahres 1399 der Störtebecker, ein Mensch, der wie eine Sonne über dem Glück von Unzähligen aufgehen wollte.
Er trat herein, den Arm um die Schulter seines Knaben geschlungen, gefolgt von den beiden Spießknechten, und als der Riese in dem blauen Fürstenwams, leuchtend vor Gold und Selbstbewußtsein, in dem halbdunklen Saale stand, da verstummte auf einen Schlag das laute Gezänk der Junker, und über ihre Häupter hinweg fuhr ein heller, silberkehliger Ruf. Ein Gruß, so frisch und übermütig, wie er dem gefährlichen Gast ursprünglich kaum zugedacht war. Wer konnte in diesem Kreise so unbedacht sein Wohlgefallen äußern?
Es war eine Frauenstimme.
Spürend, witternd rückte die Fölke auf ihrem erhöhten Sitz zur Seite. Griesgrämig musterte sie ihre schöne Tochter Occa, die sich eben derart auffällig vergessen. Aber als die Alte zu ihrem Erstaunen auffing, wie die Goldblonde neben ihr fortgesetzt ihr feines, von einem roten Haarnetz umspanntes Haupt zu neuen Grüßen gegen den Fremden neigte, fast als ob sie einen längst Bekannten auf sich aufmerksam machen müßte, da ging ein befriedigtes Greinen über das blutleere Antlitz der Quade, und in der Überzeugung, daß sich hier vielleicht Unheil, Verirrung und Sünde unter der heißblütigen Jugend entspinne, wickelte sie ihren dürren, stockartig aufgerichteten Leib fester in das verschossene graue Fältelkleid, um den Gleichebeuter mit einer harten Männerstimme anzuherrschen:
»Mach's kurz. Was willst du?«
Damit zog sie unter ihrer gelben Lederkappe ein graurotes Haargezottel hervor, drehte es sich fest um den Finger, schlug ein Bein über das andere und wartete.
Der Störtebecker aber starrte sie fast mitleidig an. Nach den Schilderungen des Hauptmanns Wichmann hatte er auf dem Regentenstuhl des Brokmerlandes ein gefährlich Wesen vermutet, eine ansteckende Krankheit, der man ausweichen mußte. Diese armselig gekleidete Auszehrung dagegen, aus deren erschreckend verkümmertem Antlitz nur ein Paar merkwürdig blutige Lippen hervorstachen, sie schien höchstens einem Bettelweib vergleichbar, das verbittert nach Almosen schielte. Aber sieh dort – neben dem Gerippe? Beim Zeus, wie kam dies liebreizende Gebilde neben das Klapperbein? Welche kaum erwachte Jugend, welch ein ungesättigtes Locken in den braunen Schelmenaugen, und vor allem welch ein wohliges, ungescheutes Darbieten hinter dem weiten Brustausschnitt. Wahrlich, hier wollte ein goldroter Apfel vom Baume fallen.
Ungeduldig tat die Fölke ihre brandigen Lippen auf.
»Wir warten,« fingerte sie auf ihrem Faltenrock vorwurfsvoll herum. »Sage, Gleichebeuter, willst du hier noch länger Maulaffen feilhalten? Offenbare kurz, was dich herführt.«
Da trennte sich der Freibeuter von seinem Gefährten, reichte ihm den schweren Helm, so daß sein braunes Gelock sichtbar wurde, und anstatt sich vor der Brokmer Herrin zu verbeugen, lachte ihr der Zügellose jetzt gerade ins Gesicht.
Es war der rechte Ton für die derben, ungeleckten Burgtyrannen. Schadenfroh traten sie näher. Auch die schöne Occa beugte sich weiter vor, damit ihr jetzt keine Bewegung des Fremden entginge.
»Du bist bei Laune, Frau Fölke,« spottete der Störtebecker von unten herauf, indem er einen Fuß kräftig auf die Stufe stellte. »Was kümmert es mich, ob die Junker wissen, daß du mit meinem Abgesandten längst einen Vertrag aufsetztest? Wozu hast du mich sonst eingeladen, da ich doch nicht um Botenlohn durch die Welt laufe?«
Hätte der Umstürzler durch eine Feuerwaffe die mürbe Decke zum Einstürzen gebracht, nicht drohender und wilder hätte das Geschrei unter den Edelingen umherfahren können. Der Argwohn, die schlaue Fölke könne von dem fetten Braten bereits das Hauptstück abgeschnitten haben, erregte die eigennützigen Männer zu höchstem Zorn.
»Ei, sieh da, du heilloses Weib,« so sprang der junge Folkmar Allena wütend auf die Estrade, um der Hausherrin beinahe die Faust unter die Nase zu setzen, »auf welchen Schleichwegen bist du wieder betroffen? Hat dein Gespons noch nicht genug Raub heimgebracht? Oder meinst du, wir anderen errieten deine Pfiffe und Schliche nicht?«
Die Quade aber blieb stockgerade sitzen; verächtlich schlug sie nur mit der Hand nach dem Erhitzten, wie wenn sie eine aufdringliche Fliege scheuchen müßte.
»Spare deinen Witz, Folkmar Allena,« riet sie starr und bissig. »Verschleudere ihn nicht, mein Bürschlein, so töricht wie dein Hausgut. Du wirst ihn heute noch brauchen.«
Es mußte eine treffsichere Bosheit in dieser Abwehr enthalten sein, denn der schlanke Junker stotterte plötzlich vor Verlegenheit, während seine Genossen ein helles Gelächter aufschlugen. Wußte man doch allgemein, daß Folkmar Allena zu jenem Schwarm berückter und zu jeder Torheit entschlossener Männer gehörte, die hinter der goldblonden jungverheirateten Occa herpirschten wie hinter einem flüchtigen Wild.
Bestürzt, mit einem vorwurfsvollen Blick auf die Schöne, die heute von ihm nicht viel zu merken schien, drängte sich der Allena in die Schar der laut verhandelnden Edelinge zurück. Statt seiner aber löste sich jetzt eine andere Gestalt aus ihrem Kreis. Ein starker, schwerfälliger Mann im ledernen Jägerwams, über das er jedoch merkwürdigerweise ein zerdrücktes Bischofsmäntelchen geworfen hatte. Ein pfiffiges Lachen auf den braungesonnten, bartlosen Landwirtszügen, hinkte er heran, da er auf der Sauhatz soeben erst einen schmerzhaften Sturz getan, und legte nun dem Störtebecker vertraulich die Hand auf die Schulter. Wie nebenher versuchte er sodann mit der anderen das Zeichen des Segens zu spenden. Allein, da der Seefahrer ablehnend auswich, beschwichtigte Propst Hisko van Emden die Abneigung des Fremden ganz gemütlich, indem er selbst eine wegwerfende Geste ausführte.
»Salve Care,« begann er mit einem belegten Trinkerbaß, denn dieser emsige Landwirt liebte es, gleich bei der ersten Bekanntschaft die wenigen lateinischen Brocken, die er irgendwo aufgelesen, wieder zu verausgaben. »Willkommen, Claus Störtebecker. Bist ein toller Christ. Gib mir deine Hand. Hab mich immer über deine Streiche gefreut. Bei der heiligen Dreifaltigkeit, es tut wohl, daß endlich eine starke Seemacht in unsere Häfen einläuft.«
»Hütet euch,« schnarrte der steife hochmütige Enno von Norden dazwischen, der seine Umgebung durch eine beschränkte Frömmigkeit peinigte, und er pfiff seine Worte beinahe durch eine dummgerade Nase: »Denkt an die Suppe, die er den Bergenern angebrüht! Wie wollt ihr euch schützen, wenn euch von dem Seedieb das gleiche widerführe?«
»Vermaledeit, das wäre uns ein sauberer Gast,« stimmten ein paar der kleinen Burgherren zu, denn die kriegsgeübten Scharen des Schuimers erregten in ihnen ein Grauen. »Wer bürgt für den Brandstifter?« eiferten sie, stampften mit ihren schweren Holzschuhen auf den Estrich und spien breitbeinig vor sich nieder auf den Holzboden. »Wer hat hier heimliche Verträge mit ihm geschlossen?«
Da warf der Propst die fleischigen Hände in die Höhe.
»Ihr boves malefici,« sprudelte er, indem ihm vor Aufregung der Bauch über den Gürtel quoll, und dabei schüttelte der wuchtige Jäger den Wulst seines ihm über die Stirn fallenden ungekämmten Haares erbost hin und her. »Störtebecker, mein edler Freund,« warf er über seine schmatzenden Genießerlippen, »du siehst, tot homines, tot sententiae – soviel Menschen, soviel Meinungen. Halte dich daher an mich. Ich sehe dich an mit den Augen der verstehenden Weltkirche. Jawohl, hol mich der Teufel, das tue ich. Und meine kluge Freundin, die Fölke, denkt gerade so. Hast den Bergenern eingeheizt? Habeat sibi – meinetwegen – vielleicht warst du ein Werkzeug der Gerechtigkeit. Was wissen wir von so fernen Dingen? Hierher, nach Friesland, kommst du dagegen mit wohlgefüllten Truhen – wir werden schon auf dich aufpassen – kommst um commercium et connubium. Eröffne mir daher, mein lieber Sohn, was bietest du uns? Denn die Freundschaft der Menschen will erworben werden?«
»Beim Schinder,« sprang der wilde Folkmar Allena mit geballten Fäusten wieder hervor, »möchten die Fetthälse wieder alles allein in ihren Schlund schütten? Der Schuimer soll endlich das Maul auftun! Was glotzt er uns an, als wären wir seine Schalksnarren?«
»Gebt Ruhe,« tönte hier plötzlich die grobe Männerstimme der Fölke.
Der verworrene Tumult legte sich, allen war dieser kratzende Ton in die Glieder gefahren. Zusammengeduckt, grau und unscheinbar hockte die Kröte bewegungslos auf ihrem Regentensitz, nur ihre brandigroten Augen liefen befriedigt von einem zum anderen, da es schließlich mehr Genuß versprach, wenn man von dem riesigen Menschen erst jeden Vorteil erpreßte, bevor man ihn aushöhlte und niederstürzte.
»Tritt näher, Störtebecker,« befahl sie deshalb unbewegt und legte die Hand hinter das rechte Ohr, das wächsern unter dem Ausschnitt der gelben Kappe hervorstach. »Tritt näher, damit ich dich jetzt vernünftig und vor aller Welt nach deinen Absichten befrage.«
»Recte,« rieb sich Propst Hisko eifrig die Hände und humpelte, um den anderen ein Beispiel zu geben, unverzüglich auf die lange Bank zurück. »Folgt der Quade, ihr edlen Herren, sie ist eine kluge Frau.«
Geräuschvoll, mit ihren Holzschuhen stampfend zogen die Junker auf ihre Sitze, rekelten sich, jeder nach seiner Weise, auf das glatt gescheuerte Brett, die einen rittlings, die anderen, indem sie beide Beine weit in den Saal streckten, bis von allen Seiten ein Rufen durch ihre Reihen ging:
»Macht ein Ende, damit wir zum Nachtimbiß kommen.«
Giftigsüß greinte die Quade. Sie wußte, wie schmal es bei ihr zuging. Auch war es ein entzückendes Vergnügen, wie spöttisch und hochmütig der Mensch in dem blauen Wappenrock bisher ihre lieben Nachbarn behandelt hatte. Nur durch eines wurde sie selbst in Verlegenheit gesetzt. Warum mochte wohl der Fremde seine großen schwarzen Augen so begehrlich über das Haupt der Fölke hinweg auf die hintersten Deckenbohlen des Saales richten? Flammend, schwärmerisch züngelte es dann aus den unheimlichen branderfüllten Sternen, und so zwingend war die Kraft dieses Blickes, daß sich die Hausherrin nach vergeblichem Widerstand selbst umwenden mußte, um verständnislos die geborstenen Balken am Saalende zu mustern.
Nichts!
Nur ein paar lange Spinnweben schaukelten dort, getrieben von der Flamme der Fackeln. Seltsam, was suchte der mächtige Geselle dort, warum vergaffte er sich nicht lieber in ihre lüsterne Tochter?
Dort hinten aber in Dämmer und Dunkelheit tanzten die ungestümen Wünsche des herumgetriebenen Mannes. Wuchtig fühlte er seine Pulse hämmern, schmerzhaft fast dehnte sich die breite Brust, denn er stand nur noch einen Schritt vom Ziel. Dort oben drängte sich ein Getümmel unwesenhafter, gebückter, gestriemter Leiber, schwielige Fäuste streckten sich nach ihm aus, heisere, gequälte Stimmen riefen ihm zu, lauter und lauter, ohne sich übertönen zu lassen:
»Gib uns – gib uns, was uns gebührt.«
Unwillig warf der Riese die Hand gegen den Raum, denn selbst von seinen Hirngespinsten war der Herrschsüchtige nicht gewohnt, sich drängen zu lassen. Dann aber schüttelte er aufatmend die Schatten von sich und trat dicht vor den Stuhl der Fölke hin.
»Was willst du wissen?« rief er ohne Rücksicht. »Denn beim Henker, es fehlt nur noch, daß ihr mir ein Armsünderbänklein hinsetzt.«
»Friede, Friede, mein Sohn,« murmelte der Propst besorgt und kreiselte auf seinem schmerzenden Knie herum.
»So sage mir zuerst,« begann die Fölke, sich auf ihr übergeschlagenes Bein stützend, »warum liefst du allein und ungeleitet in unseren Hafen? Wo blieben deine Genossen? Der Wichmann, der Michael und der Wichbold? Und wo liegen deine übrigen Schiffe?«
Da lachte der Störtebecker und schlug sich auf die Brust. »Alte,« gab er getrost zur Antwort, »der Fuchs ist dir zu schlau. Die Meinen werden kommen, sobald ihr mir diesen Fetzen mit Eid und Siegel behängt habt.«
»Bene optime,« lobte der Propst voller Bewunderung und blickte sich, Beifall heischend, im Kreise um. Allein unter den Hörern entstand von neuem drohendes Gezänk.
»Still,« verwies die Fölke, die sich nicht rührte, »dies verstehe ich, Störtebecker. Doch nun das Wichtigste. Du willst Land von uns erwerben. Gesetzt, wir wollten dir willfährig sein, was gedenkst du mit den Gütern zu beginnen?«
Jetzt sprangen die Edelinge wieder von ihren Sitzen, denn der Kern der Verhandlungen schälte sich bloß.
»Er soll gleichmäßig von uns kaufen,« schrien sie.
»Darauf kommt es nicht an,« sprach die Fölke in den Lärm hinein.
»Doch – doch.«
»Achtet auf die Quade,« schimpfte der wilde Allena, »die Hexe betrügt uns.«
»Was willst du mit den vielen Jochen anfangen?« wiederholte die Hausherrin kaltblütig.
Mit einem Satz sprang der Störtebecker zu ihr in die Höhe, und während er heftig an der Lehne ihres Sitzes rüttelte, da quollen hinten aus dem Pechqualm abermals die ungezählten Scharen hervor, Kopf an Kopf, Hand in Hand, tausend unglückliche Augen starrten ihn an, und aus dem Geistersturm schallte es: »Du Menschensohn, du Sohn armer Leute, jetzt gib uns Brot und Kleider und ein Menschenlos.«
Ungestüme, ihn schüttelnde Wut packte den Besessenen, jener nicht zu bändigende Zorn gegen die Unterdrücker und Mächtigen, die nach seiner Meinung das Elend in der Welt festhielten, damit es ihnen Vorteil brächte. Da stürzte fast gegen seinen Willen die Schranke vor seinen mißtrauisch behüteten Schätzen zusammen, zu Streit und Angriff streckte sich der Riese, und als wirbelnde Wurfgeschosse schleuderte er seine geistigen Kleinodien wütend, hohnlachend unter seine betroffenen Zuhörer. Freiheit mußte wohl sein schäumender Mund gebrüllt haben, gleiche Landteilung, aus der Mitte der Gemeinschaft geborenes, allen erlangbares Recht, »und vor allem, ihr Schinder, ihr Landjäger, ihr Händler mit Menschenfleisch, die Glückseligkeit einer beruhigten Brüderschar.« Blind rasten Traum und Wirklichkeit um sein Haupt, er schrie und tobte gegen die von der Decke stierenden Hungergesichter sowie gegen jene breitbeinig ihn umdrängenden Zwingherren. Doch nur zwei Frauen empfanden in dieser Versammlung erdgebundener, habsüchtiger Menschen die Schönheit, die aus der Vermischung von streitbarer Tatkraft und wilder Schwärmerei über den Einsamen ausgegossen wurde. Die eine im Knabengewand faltete krampfhaft ihre Hände um den Goldhelm, den sie für ihren Gebieter bewahrte, und preßte ihre Brust gegen das Metall, als müsse sie ihr glühend Herz für immer in die unempfindliche Härte einschmelzen. Die andere, die gesündere und blühendere, lehnte genießend ihr Haupt unter dem roten Haarnetz zurück, ein glühend Schlänglein, lief ihre Zunge zwischen den Lippen, und ihr schlanker, ungekühlter Leib hob sich ahnungsvoll und gewiß dem Glänzenden entgegen. Auch sie hungerte nach Besitz und Gewinn, doch sie wollte dabei unendlich viel mehr einhandeln als selbst ihre geizige Mutter, sie wollte die heimliche unbekannte Lust der Hingebung und dafür die Macht über den ganzen Mann. Wie aber wirkte das tolle herausfordernde Gestammel, der nie vorher vernommene Schrei nach Selbstbescheiden und Einordnung auf die besitzstolzen Häuptlinge? Zuerst suchten die Grundherren, die eben drauf und dran waren, jene tölpelhafte Freiheit ihrer eigenen ortsangesessenen Bauern durch allerlei listige Künste, wie Borg, Auskauf und Pfändung, in straffe Gefolgschaft zu verwandeln, zuerst suchten sie ihre eigene vollständige Begriffsarmut auch den anderen von den offenen Mäulern abzulesen.
Wie? Was? Faselei! – Was wollte der Hundsfott, der fahrende Sonnenbruder, der gestern noch den Leuten die Taschen abschnitt, wo er nur konnte? Gleichen Besitz? Der ungewaschene Haufe sollte keine Edelinge mehr über sich tragen? Hast du's gehört, Allena? Welche Büberei versteckt der Galgenvogel wohl dahinter? Meint die Schwarzflagge etwa, hier Schindluder mit uns treiben zu können?
Und die erste Verblüffung löste sich in ein schallendes Gelächter. Sie schlugen sich die Seiten, stießen einander in die Rippen, blinzelten sich aus sonnengebräunten Bauerngesichtern verschmitzt ihr Einverständnis zu, trampelten mit den Holzschuhen, ja selbst Hisko, der Propst, der in den Marschen ein Muster der Wirtschaft abgab, er humpelte schluckend hinter den verrückten Gleichebeuter und hieb ihm dort auf die Schulter, daß es krachte.
»Geliebter Freund,« platzte es über die dicken Lippen, »welch ein windiges Schiffermärchen hast du uns hier soeben aufgetischt? Nicht wahr, Fölke, was meinst du? Ja, wir sind einfältig, animae stultae, piaeque, aber man darf uns doch nicht gar zu sehr unter dem Preis einschätzen! Du willst für dich selbst nichts? Alles für die Deinen? – – «
Unten die Junker wieherten vor Vergnügen und Besserwissen.
»Nun gut, gut,« keuchte Hisko kurzatmig weiter, zog das Bischofsmäntelchen vor und schneuzte sich damit die Nase, »du kennst die Gauklerkniffe, hast den steifen Böcken, den Hamburgern, manch Faß und manchen Ballen damit abgejagt. Aber jetzt sprich, mein Söhnlein, was du etwa noch im Ernste für deine Sache anführen magst?«
»Ha – ha – im Ernst?« So lange hatte der im blauen Wappenrock, erwacht, ernüchtert mit unheimlich rollenden Augen auf die blonden Männer herabgeschaut, die sich vor Heiterkeit und hochmütig geliebkostem Unverstand förmlich blähten. Jetzt aber überwand der Seefahrer jenes innerliche, ihn fast zerschneidende Gelächter, das nicht zum Ausbruch kommen wollte, mit einem Griff riß er die große Hornpfeife an den Mund, und schrill, spitz, gellend fuhr das vibrierende Signal durch die Halle. Aufgescheucht schlugen die Friesen ihre langen Röcke zurück und griffen verdutzt an ihre kurzen Schwerter, selbst die Fölke rückte ungemütlich auf ihrem Sitz. Doch es war auf keinen tollkühnen Überfall abgesehen. Nur die Saaltür öffnete sich, und schallenden Schrittes trugen sechs Gleichebeuter eine gewölbte Truhe herein.
Da löste sich die Spannung der Edelinge in einem lauten Freudenschrei, ihre Augen begannen plötzlich verständnisinnig zu blitzen. Keiner nahm es dem fremden Seefahrer, der so unermeßliche Schätze mit sich führte, im geringsten mehr übel, als der Riese sich plötzlich unter Püffen und Stößen eine Gasse durch ihr Gedränge bahnte. Ob auch einer von ihnen rechts taumelte, der andere zur Linken flog, wer von ihnen scherte sich noch um die ungemessene Verachtung, den fast wahnwitzigen Hohn, mit dem der Störtebecker jetzt den Deckel der Kiste zurückschlug.
»Frisch, tummelt euch,« schrie er in einer gräßlichen Vertraulichkeit, die zu jeder anderen Stunde den Hörern hätte das Blut in den Adern gefrieren lassen. »Munter, ihr Edelen, ihr werdet mich gleich besser verstehen. Hier liegen meine Gründe, meine Pläne, meine Aufzeichnungen! Flandrisches Laken! Wie? Was? Mit der Elle? Torheit, ich messe meine Absichten mit dem Spieß! Sind gar klar und vollwichtig!«
Und der Tolle riß einem der Knechte die Lanze aus der Hand und begann in langen schwebenden Wendungen die weißen Wolken auf den Estrich zu schleudern.
»Hier Erklärungen für den Herrn Propst, hier ein anmutig Geheimverträglein für die Frau Fölke – – sachte, sachte, der Allena und der Rüstringen werden nicht vergessen!«
Eine Weile rieselte das feine Gewebe, knisterte und rauschte, gleich großen Schlangen hüpfte es aus dem Nest. Bald freilich ward dem Schuimer sein Maßwerk überdrüssig. In hohem Bogen warf er den ganzen Ballen unter die Edelinge, und gleich darauf sauste die Lanze hinterdrein. Die Junker aber balgten sich um den kostbaren Stoff. Jeder stieß halb im Scherz, halb im Ernst seinen Nachbarn beiseite, um möglichst früh an die Reichtum sprudelnde Quelle zu gelangen, und man ertrug es nur mit Ungeduld, als Propst Hisko auf den unschuldigen Einfall geriet, sich wie ein Kreisel in dem Gewebe einwickeln zu lassen. Gewandter drehte sich der dicke Landwirt, als es sein verletztes Knie irgendwie vermuten ließ. Der Riese jedoch hatte sich, angetrieben von der höllischen Flamme der Versuchung, von neuem über die Truhe gestürzt, und nun schleuderte er besinnungslos Gold, Silber, Brokate, Ringe, Armbänder, Seiden- und Meßgewänder unter die geblendeten fassungsberaubten Friesen.
»Mir – mir,« kreischte die Fölke, die ihre Habgier nicht mehr länger bezwang und plötzlich mit ausgebreiteten Fängen, wie ein Habicht, von ihrem Sitz herabschoß. »Sollen Hiskos feiste Mägde etwa gleich uns Edelfrauen Ringe und Ketten tragen?«
Damit krallte sie ihre spitzen Finger in die Wand der Truhe, beugte sich hinüber und schickte sich eben an, rabenlüstern auf das Geschmeide hinabzustoßen. Allein sie gelangte nicht mehr dazu. Es geschah etwas, was selbst den rohen unbesinnlichen Häuptlingen in seiner grausigen Verrücktheit den Atem benahm. Mit beiden Armen nämlich wurde das graue Gerippe von dem Seefahrer eingefangen. Und geschüttelt von dem unheimlichen Spaß, diese zitternde Habgier dicht vor dem Ziel verdursten zu lassen, drückte der Störtebecker seine Wange zärtlich verliebt an das steife Pergament der Quade, und dann küßte er sie schallend auf das blutige Krötenmaul und die furchige Stirn.
Da entsetzte sich selbst Propst Hisko van Emden, der doch in mancher Wein- und Männerschlacht seinen Mann gestanden, stolperte über die Leinwand und fiel mitten in den Saal.
Der Störtebecker aber lärmte und tobte während dieser erzwungenen Liebkosungen immer wüster und wahnwitziger.
»O du wonniges Weib, o, du Weinberg mit quillenden Beeren, was könnte ich dir nicht alles zuliebe tun. O, du Gebenedeite unter den Frauen, laß mich dir selbst das Hemdlein von Seide oder Brokat anmessen.«
Und obwohl die Fölke zischend und fauchend mit ihren mageren Armen und Beinen um sich schlug, der Besessene herzte und liebkoste das abscheuliche Gespenst nur um so wolfshungriger.
»O, du fruchtreicher Regen,« schrie er ihr ins Gesicht, »o, du Wunder des Brokmerlandes, wie preise ich mich selig, weil ich einen festen Bund mit dir schloß. Du sollst sehen, niemals gehe ich von dir, niemals verlasse ich dich!«
So raste und wütete der unbezähmbare Mensch, und um ihn her quirlte Grauen, Abscheu und roher Beifall brodelnd durcheinander. Bis sich endlich die wüste Geistesstörung auch auf die Zuschauer übertrug. Mit einemmal hatten sich die blonden Männer an den Händen gefaßt, und nun tanzten sie im Kreis um das wunderliche Paar inmitten der Ballen flandrischen Lakens und der offenen Truhe herum, dazu jauchzend:
»Wohl – wohl, der Störtebecker soll bleiben. Die Verträge gelten. Soll der Quade Fölke einen Sohn zeugen. Heißa – hussa – horrido!«
Und auf dem Estrich hockte noch immer der Propst, und während er sich verwirrt den Reigen zu erklären suchte, murmelte er von Zeit zu Zeit:
»Absolvo te.«
Doch er wußte nicht mehr, was dies bedeute.
[II.]
Über die braunrote Heide trabte ein Reiter auf seinem prächtig geschirrten Schimmel. Schwer schlugen die Hufe des Rosses auf den unübersehbaren, farbenfrohen Teppich. Wie von einem leichtsinnigen Weib war das lustige Tuch zwischen dem grauen Schlick der Marschen und der schwarzen Erde älteren Ackerlandes hingeworfen. Eine helle Herbstsonne leuchtete gläsern vom Himmel, und der erste Frühwind sprühte zuweilen bunte Tropfen von den Kräutern.
Dem Tier aber ward keine leichte Bürde, denn sein Lenker hatte einen Knaben vor sich auf den Sattel genommen. Den hielt er fest mit der Linken umfangen, und während er den Gaul allein mit den Schenkeln steuerte, zeigte die Rechte unaufhörlich auf Nähe und Weite. Jeder Tümpel mit Torf oder Moorgrund, jede einschießende Wiese wurde mit hellem Jubel, mit freudeerfülltem Stolz begrüßt.
»Sperr deine blauen Augen ja weit auf, mein Büblein,« lud der Störtebecker triumphierend ein und dabei drückte er seinen Gefährten ohne weiteres an seine weit geschwellte Brust, ja, er herzte sogar stürmisch das vor ihm flatternde blonde Haar, weil er in diesem Augenblick nichts neben sich dulden konnte, was nicht bedingungslos seiner Macht unterworfen war. »Sieh, da und dort, vor uns, neben uns, alles mein, dein, uns allen.«
Und berauscht von dem ungeheuerlichsten Erfolge, trunken von der Vorstellung, daß auf diesem morgenfrischen Boden Menschheitswende wachsen sollte, so grundsprengend, so segenschwer, so planvoll, wie es vorher auf deutscher Erde weder von Carolus Magnus, dem Ordnungsstifter, noch später von Priestern oder Laien geahnt war, da ließ der von Schöpferlust Beseligte seinen Begleiter zur Seite sinken, warf sich über ihn und preßte seine Lippen durstig auf den Frauenmund. Was er hier liebkoste, das verschwamm ihm. Er küßte seinen eigenen Gedanken, der in der Frauenbrust wie in einem Tempel für ihn bewahrt lag, er umfing in jenem Leib, der sich zu ihm bekannte, gewissermaßen die Erfüllung und Vollendung seines Traums. Und diesmal widerstrebte ihm Linda nicht. Selbstvergessen, verklärt, ganz und gar eins mit dem Willensmächtigen, blickte sie mit großen, grüßenden Augen zu ihm empor, und in ihrem Kinderlächeln prägte sich die Überzeugung, daß alle Schmach, alle Schande in dem Feueratem, in dem brausenden Wehen des Werkes geläutert und von ihr genommen sei. Ein segenspendender Gott hatte sie befruchtet, und sie diente ihm dafür und empfing zum Lohn die Gnade des Schauens. Eine Entzückung durchrieselte sie, und aufgehoben von einem Wirbel unvorstellbaren Empfindens, unterfing sie sich dessen, was sie nie vorher gewagt, schüchtern schlang sie beide Arme um den zu ihr geneigten Männernacken und hielt ihn fest. Selbst den wilden Mann beschlich ein fernes Verständnis für die opfervolle Gabe, die ihm hier gereicht wurde.
»O, du blondes Gold,« entlud er sich in frohem Übermut, »wie freue ich mich deiner! An dir klebt kein Unrat, bist nicht durch der Krämer Hände gewandert, und man kann sich leicht die Seligkeit um dich kaufen.«
Noch einmal vernahm die käferdurchsummte Heide neben dem regelmäßigen Hufschlag das helle Jauchzen befriedigten Siegerglückes, und die Heideeinsamkeit legte sich tröstend um ein aufgestörtes Frauenherz.
So zogen sie fürbaß, an dunklen Torfmooren und weiten Strecken gelben Flugsandes vorüber, und so lange die silberne Morgenstille mit ihnen wanderte, waren die Einsamen nicht nur eng aneinander gebunden durch das gemeinsame Drängen nach einem frommen, kindlichen Zeitalter, sondern auch das geheimnisvolle Weben zwischen Mann und Weib spann seine heißen Fäden um sie. Immer wieder, wenn das Hochgefühl seiner Sendung dem Reiter die Brust sprengen wollte, dann warf er sich gegen die schlanken Frauenglieder, und mit Herzklopfen und entzückter Duldung vernahm Linda all die Tollheiten und unbändigen Neckereien, die er ihr zuflüsterte.
Wo war ihre Nonnensehnsucht geblieben?
Aus einer moorigen Senkung waren sie eben aufgetaucht, als ein Wiehern ihres Schimmels die Versunkenen weckte. Heftig schleuderte das Tier den Kopf. Ein weiter offener Wiesenplan dehnte sich vor ihnen, verschiedene Wege schlängelten sich über die Grasebene, und an einer Kreuzung dampfte eine Staubwolke.
»Holla,« rief der Störtebecker, froh, den ihm bereits eintönigen Schleckereien entzogen zu sein, und bettete die Hand über die Augen. »Schau, ein Trupp von Reisigen. Laß uns sehen, wen sie schon so früh geleiten?«
Und sofort setzte er dem müden Gaul die Sporen ein, keuchend und schnaufend trabte der Schimmel dem Kreuzweg entgegen.
Vor ein paar Balken, die roh und kunstlos über eine Binsenniederung gelegt waren, hielt ein Zug berittener Spießknechte. Sie trugen sämtlich den blauen Brokmerpfeil an ihren schwarzen Filzröhren und warteten nur darauf, daß der elende zweirädrige Reisekarren, wie er zu jenen Zeiten von vornehmen Frauen benutzt wurde, ungefährdet über das Balkengestell hinüberknarre. Die Dame selbst jedoch, anstatt geduldig auf dem harten Sitzbrett ihres Käfigs auszuharren, hatte längst den Braunen eines der Knechte bestiegen, denn es war Occa, des tollen Occo Tochter, die, kaum der Aufsicht ihrer Mutter entzogen, ihrer Neigung zu ausgelassenen Streichen verfiel. Rittlings wiegte sie sich im Sattel, und da sie heute das kniefreie rote Friesenröckchen angelegt hatte, so sah der sich nähernde Freibeuter mit Behagen, wie die eng verschnürten Beine der Reiterin geschmeidig und wohlgefügt den Leib ihres Rosses umfingen.
Da sprang dem stets erhitzten Weiberjäger sofort das Blut in den Adern. Das ungewöhnliche Bild junger, zu jeder Verschwendung bereiter Lebenslust berückte ihn, und plötzlich sah er sie weißgliedrig auf dem dunklen Fell reiten, Meerwasser träufelte ihr über Brust und Nacken, und das aufgelöste Gold der Haare flatterte ihr feucht um die Schultern.
Kein Zweifel, der begehrliche Mann atmete schneller – er hatte die Schöne bei seiner Einfahrt schon so geschaut, wie er sich alle Weiber am liebsten vorstellte.
Mit einem Stoß schob der Störtebecker seinen Gefährten zur Seite, um frei und ungehindert den Anblick genießen zu können. Und in der eigensüchtigen Meinung, daß seine Gedanken auch unausgesprochen von jedem verstanden werden müßten, schwenkte er heftig seine Kappe zum Gruß und schrie hinüber:
»Courte et bonne, bist du der Wasserteufel oder nicht?«
Die schöne Occa jedoch verstand. Auch sie wirbelte ihre gelblederne Kopfbedeckung durch die Morgenluft und rief mit heller Stimme zur Antwort:
»Und du, Schuimer, was bist du für ein vierbeiniger Reiter?«
Da beugte sich der Seefahrer noch weiter vor und klopfte, nahe genug herangerückt, Occas Braunem die Halsung.
»Laß gut sein,« erwiderte er hastig und nur darauf erpicht, das kurze Reitergewand der Blonden zu berühren, »dies hier ist mein Diener. Ich gönne dem Zarten gern jede Schonung. Doch nun, du Fisch und seltener Vogel, sage mir, wohin geht die Reise?«
Langsam löste die Broke-Tochter ihre braunen Augen von dem Knaben, der noch immer durch die Linke seines Herrn vor dem Sturz bewahrt wurde, und da sie mit dem Scharfblick der Frauen wohl gleich das wahre Geschlecht dieses Dieners erraten haben mochte, so glitt ein spitzbübischer Zug über ihr feines Antlitz und der Zwang überkam sie, den frechen Reiter sogleich bestrafen und peinigen zu müssen.
»Nun, du Allwissender,« entgegnete sie mit strahlendem Spott, »da du doch den Umgang mit edlen Frauen zu kennen scheinst, so sage mir, wohin gehört eine ehrbare Hausfrau rechtmäßiger, wenn nicht zu ihrem Eheherrn? Der meinige ist, damit du es weißt, Luitet van Neß, und ich hoffe, daß er meiner alleweil in Sehnsucht gedenkt.«
»Nun, da wollte ich doch – – « fiel der Störtebecker aus allen Himmeln, der ganz offen seinen Grimm darüber verriet, weil dieser glatte Vogel aus dem Garn zu hüpfen versuchte, »nun, da wollte ich doch, der unterste Grund der Hölle öffnete sich – – «
»Für wen?« lauerte die Goldblonde, innig befriedigt über die Wirkung ihres Geständnisses, indem sie sich blinzelnd nach vorn krümmte und dabei ihre Knie immer höher auf den Rücken des Pferdes zog.
Der Riese aber hatte seine erste Anfechtung überwunden. Und da – juchhe – da höhnte er schon über seine gewissenhafte Bürgerbedenklichkeit. Seit wann machte er denn vor Weihwasser und Sakrament Halt? Bei allen Wonnen des heißen Blutes, und würde diese Occa mitsamt ihrem Hausherrn statt auf dem Karren in ihrem Ehebett durch die Lande rollen, der Wilde schwor sich, er wollte sie dennoch vor den Augen ihres Nutznießers aus den Laken reißen.
So raste die unstillbare Wut nach Alleinbesitz von allem Schönen und Sinnepeitschenden durch denselben Erlöser, der gekommen war, um die Mißgunst und den ewig regen Neid der anderen zu befrieden.
Im Augenblick aber verbeugte er sich geschmeidig im Sattel, schwenkte noch einmal die Kappe und griff ohne weiteres nach den Zügeln von Occas Braunem.
»So werbe ich denn,« sprach der Schalk, »bei der Hausfrau des Häuptlings van Neß um gute Nachbarschaft.« Und ehe noch eine Antwort erteilt werden konnte, warf er die Hand vor. »Geh, heiße deine schwarzen Filzröhren sich beiseite drücken, denn ich will dir selbst das Geleite geben.«
Überrascht, mit jenem schwebenden Lächeln, das mehr verhieß, als es zu halten gesonnen war, und vor allen Dingen brennend vor Neugier, was ihr wohl bei dem Zusammensein mit dem blutigen, sagenumsponnenen Gewaltmenschen bevorstehe, nickte die schöne Occa, schon wandte sie sich mit einer kurzen Bitte an ihre Begleiter, als unvermutet das so vielversprechend eingeleitete Abenteuer gestört wurde.
Besorgt um jedes Wort, das nicht der gemeinsamen – oder noch besser, der ihr allein gehörigen Aufgabe galt, so hatte Linda, noch im Arm ihres Gebieters dem leichtfertigen Geplänkel gelauscht.
Und nun? Diese kaum verhüllten Scherze hier auf heiligem Boden?
Ihr schwindelte, sie wußte nicht mehr, was sie trieb. Ach, sie vergaß sich. Zu ihrem Unheil trat sie aus dem Bann ihres bisherigen bescheidenen Dienens heraus.
»Herr,« kehrte sie sich bebend zurück und legte dem Riesen ihre zitternde Hand auf die Brust, »du wolltest – «
Gestört verzog der Störtebecker die Stirn, sein gekrümmter Arm schob die Andrängende von sich.
»Was wollte ich, Licinius?« warnte er, als ob er seinem Gefährten noch bei rechter Zeit zu Einkehr und Besinnung raten möchte. »Was wollte ich?«
Doch Linda war durch das, was vorausgegangen, durch die wilden Liebkosungen ebenso wie durch die Nähe des ersehnten Zieles zu sehr aus ihrer Bahn geschleudert, als daß sie ihr bescheidenes, unauffälliges Wesen nicht völlig verleugnet hätte.
»Herr,« mahnte sie mit einer dringenden, beschwörenden Gebärde, »wozu willst du hier noch länger säumen? Vergiß nicht, o vergiß nicht, daß deine Flotte und die künftigen Ansiedler deiner harren.«
War es die Zurechtweisung, die ihm hier öffentlich erteilt wurde, oder drückte die Gewißheit dem Herrschsüchtigen ihren Stachel tief ins Blut, daß nun auch andere an seine Pläne tasten durften? Rot vor Unmut schleuderte er sich herum, und die Bewegung war so gewaltsam, so rücksichtslos, daß Licinius ohne weiteres aus dem Sattel geworfen wurde. Kaum vermochte sich der Halbbewußtlose noch vor dem Sturz zu bewahren. Aber auch so taumelte er ein paar Schritte über den Grasboden, bis er endlich an Occas Braunem einen Halt fand. Luftberaubt, an allen Gliedern bebend lehnte er sich hier an den Leib des Tieres.
»Bube,« schrie der Störtebecker in einem schrecklichen Ton, und man sah, wie seine Rechte vergeblich die Lederpeitsche suchte, »will das Gesinde seinen eigenen Herrn zu Botengängen heuern? Gleich pack dich und tu selbst, was du so schön beschrieben. Oder, bei allen Furien, ich will dir Beine machen.«
Schon hatte der Gereizte den Striemer gefunden, und nun knallte er ihn, zur Züchtigung entschlossen, so grausam durch die Luft, daß Occa, von einem Schauder ergriffen, sich schützend über den Knaben beugen mußte.
»Laß ab,« wehrte sie dem Ergrimmten, dessen in Brand geratene rollende Augen ihr plötzlich Grauen einflößten, und bezeichnend setzte sie hinzu: »Willst du Wüterich etwa dies zarte Gebein zerfleischen?«
Da hielt der Seefahrer auf halbem Wege inne, aber auch Linda erwachte; einen leeren, weiten, zerrütteten Blick heftete sie auf den Mann, der bisher in einer aufrechten Flamme vor ihr hergezogen, dann schüttelte sie stumm das Haupt. Und wie jemand, der für immer den Weg verloren, stürmte sie mit einemmal über Wiesen und Heide von dannen.
Winziger und unkenntlicher wurde der schießende, schwarze Fleck hinter den ginsterbraunen Erdwellen.
Hätte sie sich nur noch ein einziges Mal umgewandt, sie würde bemerkt haben, wie der Reiter, der sie eben züchtigen wollte, jählings die Faust vorwarf, als könnte er seinen Gefährten mit diesem einen Griff bändigen und wieder an seine Seite zwingen. Allein die Entfernung hatte sich bereits zwischen beide gelegt und verschlang alles. Um die Flüchtende kreiste die Ebene in langen, sich jagenden Streifen. Bald wirbelten Moorgründe auf sie zu, bald tanzten Gräben um sie her, dann hüpften plötzlich wieder Dornbüsche aus dem wild gewordenen Sande, bis schließlich allerhand Wege ihr entgegenstürzten, die sich um die Verirrte stritten.
Nach Stunden erst langte ein bestaubter, zerrissener, kotbedeckter Knabe auf dem großen Schiffe im Hafen an. Hohläugig, zusammenhanglos richtete er den Befehl des Herrn an die Mannschaft aus, dann verkroch er sich unter den Aufbau, und auf dem Prunkbett des Bischofs wälzte sich bald darauf ein krampfgeschüttelter, fiebernder Haufe. Immer von neuem falteten sich ein Paar blutlose Hände, damit sie Gedeihen, Segen, Vollendung auf das Werk herabflehten. Auf das Werk – auf das Werk, das sich von seinem Schöpfer trennen wollte.
Nach mehrstündigem Ritt machten die Broke-Reisigen endlich Rast. Auf den Wunsch ihrer Dame waren sie dem nachfolgenden Paar weit vorausgeritten, so daß sie ihre Herrin sowie deren Begleiter fast aus den Augen verloren. Jetzt tränkten sie ihre Rosse aus einem der flachen Heidebäche.
Die Knechte aber konnten auch deshalb ihre Herrschaft nicht entdecken, weil die beiden, während sie ihre Pferde friedlich grasen ließen, sich in eine der vielen Flugsandgruben gelagert hatten, um nun ebenfalls der Ruhe zu pflegen. Trotz des dürren Bodens war die Senkung über und über mit bunten Wiesenblumen bestanden, und auf dem oberen Rand blühten Ginster und wilder Dorn. Ein verwunschener, heimlicher Platz. Langhin hatte sich der Störtebecker ausgestreckt, wohlig fühlte er unter sich die heiße Erde, und da er stärker atmete, so war es ihm, als sei es ein Leichtes, auch den blauen Himmel in sich einzuschlürfen. Unter halbgeschlossenen Wimpern blinzelte er zu der unweit sitzenden Occa hinüber. Die flocht an einer langen Ringelkette von Marienblumen. Sobald sie jedoch ihre braunen Augen spähend über den scheinbar Ruhenden hinstreifen ließ, dann glitt jedesmal ein spöttisches Lächeln um den herrischen Mund des Riesen, denn seine Ungeduld errechnete bereits den Augenblick, wo seine Wünsche sich erfüllt haben würden. Hier an diesem eigens dazu geschaffenen Fleck mußte das ihn so oft anspringende Fieber gelöscht werden, sonst wäre es ja eine Ruchlosigkeit gewesen, seinen treuen Licin durch Peitschengeknall von seiner Seite getrieben zu haben.
Als ihm der Knabe einfiel, schlug er die schwarzen Augen hartherzig auf, er schüttelte sich, und eine wirre, unklare Rachsucht erfaßte ihn, als wäre der Fall dieser Nahen die schuldige Genugtuung für die andere. Und ohne sich noch durch irgend etwas hemmen zu lassen, richtete er sich auf und schnellte wie eine große Schlange zu seiner Gefährtin hinüber. Verwundert verfolgte die sein Treiben.
»Fürchtest du dich nicht?« forschte er, als er Occa erreicht hatte, und dabei stützte er sich mit beiden Armen über die Zusammensinkende. »Du weißt doch, was man für Lieder von mir singt? Ich spaßte nicht lange mit schönen Frauen, die mir gefallen.«
Die Broke-Tochter regte sich kaum, und während jenes spitzbübische Lächeln ihren Mund verschönte, das ihren Bedränger immer ärger zu Tollheit und Gewalt reizte, da warf sie dem Geneigten lässig ihre Blumenkette um den Hals.
»Gewißlich, du langer Mensch,« sprach sie sorglos zu ihm empor, »mir geschieht nichts von dir.«
Doch der Störtebecker hielt sich nur noch mit Mühe.
»Du möchtest leicht irren,« entgegnete er gepreßt, und es klang wie das dumpfe Murren vor einem Gewitter, »was sollte mich hindern?«
Da geschah das, was den eigenwilligsten und herrschsüchtigsten aller Männer mitten im Laufe festhielt. Eine kleine Hand war es, die erst neckisch an der Blumenkette zauste, bis sie ihm unvermutet einen leichten und doch fühlbaren Backenstreich versetzte. Dem Freibeuterfürsten aber schwirrte es vor Augen, tausend zügellose Stimmen schrien in ihm auf, die Züchtigung, und wenn es auch nur eine eingebildete, im Spiel zugefügte war, sie erinnerte ihn an seine Sassenzeit und versetzte den Ungebändigten in Raserei.
Mit einemmal fühlte er einen sich windenden Frauenleib in seinen Armen, er wollte ihn schonen, um sich seiner Beute desto ungestörter freuen zu können, umsonst, wieselhaft glitt es unter seinen Armen dahin, im nächsten Augenblick schon fuhr von dem Hügelrand, auf den das kurzröckige Weib gesprungen war, ein heller Ruf über die Ebene.
Von fern antworteten die Knechte.
»Merke dir das, du leichtfertiger Tor,« sprach Occa derweil strafend, obwohl ihre blitzenden Augen und ihre rasch schöpfende Brust Milderes verhießen. »Weißt du nicht, daß jeder, der einer Friesin Ehre verletzt, dem Tod vor dem Upstalsboom[[*]] verfällt? Auch wir, du Schuimer, scherzen hier nicht. Zudem – ich bin eine Fürstentochter. Was würde mit dem neu gekauften Lande und deinen Ansiedlern geschehen, wenn deine Untat ruchbar würde? Zweifelst du etwa daran, daß die Burgherren, meine Freunde und Vettern, froh, einen Anlaß gefunden zu haben, über eure kleine Schar herfallen würden, um die Gefährlichen wieder zu verjagen? Warum handeltest du auch so unklug, die See zu verlassen, wo du ein Gewaltiger warst, mehr und fürstlicher als all die kleinen Tyrannen hier in der Runde?«
[[*]] Ein uraltes friesisches Volksgericht.
Als die wohlbedachten Worte auf den Gescholtenen herabfielen, da riß der Mantel von Wollust und Üppigkeit auseinander, mit dem der Seefahrer dieses junge Weib einzig bekleidet wähnte. Denn der Weltkundige erkannte, wie hinter der goldumrahmten Stirn, im Verborgenen zwar und doch schon geformt, Absichten und Pläne wuchsen, die seiner Erdumgestaltung feindlich entgegenwirkten. Deutlich erriet der Scharfsichtige, daß hier ein feinspinnender Eigennutz am Werke wäre, der, wie überall auf der mißgestalteten Erde, von der Bedrängnis der anderen seinen Vorteil ziehen wollte.
Da lachte der Störtebecker über seine törichte Verblendung und sprang mit einem Satz, geheilt und entladen, wie er glaubte, neben die Reiterin.
Die aber achtete seiner fürder nicht weiter. Mochte sie durch die Gewohnheit belehrt sein, daß es keiner stärkeren als Blumenketten bedürfe, um solchen üppigen Jäger nach sich zu ziehen, jedenfalls warf sie sich, ohne ihrem Begleiter auch nur noch einen Blick zu gönnen, rittlings auf ihren Braunen und sprengte dann in scharfem Flug voran. Und doch meinte der nachsetzende Freibeuter, der schmale, feine Goldkopf unter der gelben Lederkappe hätte ihm einen bestimmten, nicht mißzuverstehenden Wink erteilt. Da knallte der Störtebecker während der sich jetzt entspinnenden Hetze fröhlich, kraftbewußt seine Lederpeitsche durch die Luft. Heißa, solch eine Pirsch war gerade nach seinem Geschmack. Er wußte ja, wonach er strebte. Mochte der flatternde Rotrock da vor ihm nur ruhig wähnen, das Narrenseil in der Kinderhand zu halten, was galt ihm, dem Schicksalswender, im Grunde solch ein Bündel längst bekannter Reizungen? Nur der Fang spannte seine Geister, alle mußten sie ihm dienen, die Grenzenlosigkeit, das Abgründige des Besitzes allein verbürgte ihm in einem dunklen Vorgefühl die Wahrheit seiner Sendung.
»Tamen,«[[*]] schrie er plötzlich voll stürmender Wildheit, während der Heidepfad unter ihm dröhnte, und er warf beide Arme gegen den Silberhimmel. So lautete der Schildspruch, den sein Lehrer Wichmann ihm einst mit auf den Weg gegeben hatte: »Tamen.«
[[*]] Lateinisch »Dennoch«.
Da wandte die vorausfliehende Occa zum erstenmal ein wenig das Haupt zur Seite.
Im Burghof zu Neß erst kehrte sich seine Führerin unter dem rohen, viereckigen Hauseingang nach ihrem Gaste um.
»Komm,« sagte sie kurz, »damit ich dich leite.«
Leicht strich sie den Staub von ihrem wamsähnlichen Oberrock, dann stieg sie ihm eine dunkle Treppe voran. Sie mußten sich in einem turmartigen Gebäude befinden, denn die Stufen wanden sich im Kreise und wurden immer enger und ausgetretener. Eine faule, stockige Finsternis quoll ihnen entgegen und beschwerte den Atem. In dem Schuimer aber regte sich sicherste Erwartung. Jeden Augenblick meinte er, eine Hand müßte nach der seinen tasten, um dann irgendwo eine Tür aufzustoßen, wo ihm jene Gastfreundschaft beschieden sein würde, auf die er harrte.
Allein seine Sinne spannten sich vergebens. Nach wie vor hörte er die leichten, huschenden Tritte über sich, die Dunkelheit schien sich mit ihnen zu drehen und hauchte eine feuchte Kälte aus.
Aber da endeten die Stufen, ein ebener Gang oder eine Halle mußte erreicht sein, denn plötzlich spürte der Gast seine Führerin dicht neben sich. Wiederum strich sie ihm über das Gesicht und flüsterte:
»Warte!«
Dann entfernten sich ihre Schritte, und der Fremde stand allein, eingeschlungen von dem Rachen der Schwärze. Einen Augenblick lang beschlich den Einsamen das Bedenken, es könnte ihm hier vielleicht von seiner Wirtin eine Falle gestellt worden sein, ja, den zur Tatlosigkeit Verdammten durchzuckte die Ahnung, die wilde, herrliche Jagd nach allem Unerreichbaren möchte womöglich in diesem Moderwinkel ihr Ende gefunden haben. Allein, kaum gedacht, ließ ihn sein unerschöpfliches Vertrauen auf seinen Stern all solche Einwendungen hinter sich schleudern. Und jetzt – nein wahrhaftig – ganz in seiner Nähe, nur gedämpft durch eine verschlossene Tür, fing er ein sonderbares Grunzen auf, wie wenn ein Schwein sich über dem Futtertrog besonders wohl fühlt, und alsbald gesellte sich das feine Gelächter Occas hinzu.
Dem Störtebecker schoß das Blut ins Antlitz. Giftig träufelte ihm sein Jähzorn ein, er selbst böte wahrscheinlich den Anlaß zu dem heimlichen Vergnügen seiner Schönen, er, der gefürchtete Schwarzflaggenherrscher, der als Gefoppter, als demütig Wartender vor der Tür einer Listigen lauerte.
Mit einem Sprung setzte der Maßlose in die Finsternis, und richtig, seine geballte Faust traf dröhnend auf Holz- und Bretterwerk.
»Das sollst du mir bezahlen, du Hexe!« schrie der Gereizte, keuchend vor Wut und unbekümmert darum, wer ihn etwa hören könnte. »Bei den Hörnern des Satans, ich will es dir eintränken.« Das Gewölbe über ihm warf schallend ein Echo zurück.
Da aber stand der Freibeuter geblendet still. Unmerklich war eine niedrige Tür vor ihm aufgeglitten, und der Anblick, der sich ihm jetzt bot, traf den Eindringenden so unerwartet, daß er in jähem Wechsel kaum eine rohe Lachlust bezwang. Wahrlich – und der Störtebecker hieb sich auf die Brust, wie wenn er unbedingt Spuk und Augentrug von sich scheuchen müßte, dort drinnen in dem kreisrunden Turmloch, unter allerlei albernen Geräten und verworrenen Meßtafeln, dazu bestimmt, nach dem Aberwitz der Zeit den Gestirnen ihr Geheimnis zu entlocken, da hockte auf einem niedrigen Dreifuß ein Wulst von Speck und Fetten, der sich eben in seinem weiten grünen Tappert mühselig umwandte. Dies war der Häuptling Luitet van Neß, ein Mann, den selbst seine besten Freunde »das Ferkel« nannten. Fragwürdig blieb nämlich seine Menschengestalt. Kleine, triefende Schlitzäuglein, eine ungeheuerliche, weit vorstrebende Schnauze sowie ein ebenso heftig zurückfallendes Kinn gaben dem kurzbeinigen Fettklumpen tatsächlich etwas vom Borstenvieh. Und es bedurfte für den Beschauer nicht erst seiner grunzenden Stimme sowie der blonden Stacheln auf dem platten Haupt, um die Ähnlichkeit unheimlich zu vervollständigen.
Und dies sollte der Gatte der schönen Occa sein?
Vorgebeugt verharrte der Störtebecker an der Tür, offenen Mundes, mit dem ganzen beleidigenden Unglauben eines von der Natur Beglückten starrte er bald auf dieses Schaubudenwunder hin, bald suchte er von der Goldblonden eine Erklärung zu erhaschen. Als er jedoch auffing, wie das junge Weib dem behaglich Grunzenden die kurzen Borsten kraute, wobei sie hinter dem Rücken des Dicken dem Freibeuter schnippisch zunickte, da löste sich die ungemessene Verstricktheit des Betroffenen endlich in einem langen wilden Gelächter aus. Sogar Herr Luitet, der eben zur Begrüßung heranwatschelte, verfiel in ein beifälliges Grunzen, auch die Burgfrau schloß sich von der großen Heiterkeit nicht aus. Um ihre Lippen aber zuckte es wie jemandem, der sich des Endes bewußt ist.
Kannte sie doch allein den Anfang.
Von ihrer eigenen Mutter, der Quade Fölke, an dieses gemästete Scheusal verkuppelt, sollte die heitere Lebensfreude der Jungfräulichen wohl nach Absicht ihrer Peinigerin möglichst bald in Trübsal und Elend ersticken. Allein diesmal erwiesen sich die Berechnungen der Quade als trügerisch. Da das Ferkel einzig und allein auf der nächtlichen Sternenwiese graste, so stellte es an seine irdische Begleiterin keinerlei Ansprüche, ja, bald geschah es, daß Occa mehrfach am Tage in die Turmzelle ihres Gatten emporsprang, um ihm voller Genugtuung die Wünsche und Verlockungen ihrer junkerlichen Anbeter zu offenbaren. Und während ihre kleine Hand den behaglich Grunzenden puffte oder ihm spöttisch die kurzen Borstenhaare kraute, da konnte man die beiden häufig in ungemessene Heiterkeit über die genasführten Liebhaber ausbrechen hören. Frau Occa hielt sich das Ferkel, wie vornehme Damen ihrer Zeit mancherlei mißgestaltete Kreatur in ihrer Nähe fütterten, und so hatte sich zwischen den Gatten allmählich die beide Teile befriedigende Vertraulichkeit guter Geschwister ausgebildet.
Auch über den Seeräuber mußte dem Klumpen wohl schon vorher eine ausführliche Schilderung hinterbracht sein, denn während er ihn pustend und schnaufend begrüßte, blinzelte er aus den schrägen Schlitzäuglein beinahe mitleidig an dem Riesen in die Höhe. Fast schien es, als ob der Weise seinen ungewöhnlichen Gast bereits im Voraus bedauerte. Dann aber besann sich der Hausherr auf seine dunklen Künste oder vielleicht auch auf das, was man seinem platten Schädel eben erst eingeblasen hatte. Geheimnisvoll wickelte er sich in sein grünes Kleid, um ernsthaft das Haupt zu schütteln.
»Du überschreitest das Maß,« vertraute er endlich seinem Besucher an. Witternd und feucht zitterte dabei sein Rüssel.
»Getroffen,« nickte der Störtebecker, der sich noch immer nicht fassen konnte, wobei er allerdings mehr die Burgherrin als den Klumpen im Auge behielt, »ich messe sieben Schuh.«
»Das ist es nicht,« murmelte das Ferkel abmahnend. Darauf ergriff er eine durch allerlei Striche und Zeichen geteilte Stange und hielt sie schräg gegen den Fremden, so daß die Sonne einen schwarzen Strahl über den Freibeuter malte. »Du überschreitest das Maß,« wiederholte er hartnäckig.
»Potzblitz,« fiel der Störtebecker lebhaft ein, indem er frisch nach der Stange schlug, »ich will auch mein Begehren nicht messen, und wenn es bis an den Mond wüchse.«
Rasch wechselte er dabei einen Blick mit Occa, die noch immer hinter der Lehne eines unförmlichen Stuhles stand, und so frech und gefräßig züngelte wieder seine Flamme, daß er gar nicht merkte, wie auch dem Ferkel jene geheime Zwiesprache keineswegs entging.
»Vom Übel,« verurteilte der Sternendeuter, nunmehr seiner Sache sicher. »Jedem ward sein Maß bestimmt. Der Kundige zählt die Regentropfen. Höre, du bist wohl ein lang aufgeschossener Bursch' und tobst auf der Erde lärmvoll umher, aber weißt du denn, was am Himmel für dich angeschrieben steht?«
»Meiner Seel,« beteuerte der Störtebecker, der sich jetzt ungebeten auf eine Ecke des Ziegelherdes niederließ, denn das Geschwätz des Dicken wurde ihm lästig, »laß mich die Erde zurechtrücken und heiße du inzwischen dein Weib, mir einen Morgenimbiß auftischen, so will ich dir wohl oder übel den Jupiter, den Saturn und die beiden Dioskuren dazu verkaufen.«
»Verspotte nicht die Ewigwachen,« murrte der Klumpen und hielt jetzt seine Stange prüfend gegen das Fenster und mitten in das Sonnenlicht hinein. »Occa mag dir Hunger und Durst stillen, wie ihr beliebt. Ich wehre ihr nichts. Sie ist frei. Weil alles Geschehen ohnehin aus dem Lichtnebel quillt, der gewogen und gezählt für jeden von uns im Unendlichen schwimmt. Occa mag dir das Nachtlager rüsten, und du wirst nicht anders handeln, mein Freund, als die Staubkörner es wollen, die gebieterisch über dir und in dir tanzen. Geh hin und versuche es.«
Diese Gelassenheit jedoch übermannte sogar den sorglosen Gewaltmenschen. Geräuschvoll sprang er vom Herd, und seine Verblüffung steigerte sich noch, als ihm der helle Triumph aus den Zügen der Goldblonden entgegensprühte. Mühsam nur faßte er sich, und indem er sich neigte, warf er im Trotz und wie zum Abschied hin:
»Wohlan, Luitet van Neß, so nehme ich deine Gastlichkeit an, und ich will hoffen, daß es meinen Staubkörnern unter der Pflege deines Weibes wohlergehen werde.«
»Jeder muß das hoffen, was ihm beschieden ist,« sprach das Ferkel dunkel.
Ruhig ließ der Nekromant seinen Besucher zum Ausgang gelangen, aber gerade als die Reckengestalt sich unter das niedrige Pförtlein bücken wollte, da scharrte der Klumpen, der sich inzwischen wieder auf den Dreifuß niedergezwängt, mit dem Fuß über ein auf der Diele herumliegendes Pergament, so daß ein trockenes Rascheln entstand.
»Nimm dies mit dir, Maßüberschreiter, Tobender im Käfig,« grunzte er gleichgültig, »ein Bote unserer lieben Mutter Fölke brachte es heute. Vielleicht erkennst du daraus, wie das Unsichtbare auf Erden stets hinter uns hersprengt. Hier,« – er bückte sich und reichte das Blatt unter Keuchen seiner Hausfrau – »es ist nur eine Hornisse aus dem großen Schwarm,« schnarchte er schläfrig, in sein Fett versinkend.
»Was für ein Fetzen?« wandte sich der Störtebecker gebieterisch zurück.
Und Occa las. Es war ein Sendschreiben der Hansestädte an die ostfriesischen Häuptlinge, eine freundliche Mahnung, die aber viel eher einem düsteren Drohen glich, indem dadurch den Edeljunkern, den Enno, den Abdena, Beninga, Cankena, den Neß, Broke und dem Propst Hisko van Emden auf das gemessenste untersagt wurde, irgendeinen Verkehr mit den Vitalianern, den Gleichebeutern, diesen Schwären und Beulen am Leibe der handeltreibenden Völker zu unterhalten. Und mit heller Stimme, beinahe jubelnd, verkündigte Occa, während ihr der Störtebecker belustigt über die Schulter schaute, den Schluß:
»Von allen Gottabtrünnigen, von allen lästerlichen Bösewichtern aber, so jemals die Ruhe, den Frieden und die Ordnung in Stadt und Land gestört, ist gewißlich der Störtebecker der verworfenste und wird der Strafe der Verdammnis nicht entgehen.«
»Sicherlich, das wird er nicht,« unterbrach Occa vergnügt und versuchte den ihr Nahen an einer seiner Locken zu reißen. Dann fuhr sie fort:
»Es ward uns jedoch kund, daß dieser friedlose Übeltäter, nachdem er die Ostersee durch Mord rot gefärbt, auch gestohlen und gebrannt, wo er nur konnte, jetzt unter euch das lügnerische Gerücht aussprengt, er wolle eine Bruderschaft aufrichten, derengleichen selbst unserem Seligmacher Jesu Christo nicht gelang.«
Hier stockte die Goldblonde abermals, biß sich auf die Lippen und schüttelte unbefriedigt das Haupt, bis sie endlich aufmerksamer weiterlas:
»Um diesen neuen Frevel gegen Obrigkeit und schuldige Demut nicht reif werden zu lassen, damit aber auch fürder der gemeine Kaufmann sein Handelsgut ungefährdet über See bringen möge, sei hiermit den Edlen der Friesen zu ihrem eigenen Nutz und Frommen voll Ernst und schwerer Sorge empfohlen, die Raubgesellen ohne Zögern aus dem Land zu jagen, Burgen und Häfen ihnen zu verschließen, ihren Anführer aber zu greifen und nach peinlichem Gericht genädiglich vom Leben zum Tode zu befördern. Sollte dies indessen nicht geschehen, so wollen die hansischen Städte doch all ihre Macht aufbieten, um unter dem Beistand des Himmels dem Schwarmwesen in euren Ländern ein Ziel zu setzen.« Unterzeichnet war das Schriftstück »Tschokke, erster Aldermann von Hamburg«; und das schiffgeschmückte Siegel der Stadt hing darunter.
Der Störtebecker spießte das Manifest mit dem Schüreisen und warf es ins Feuer.
Gleich einem Fürsten ward der Schuimer auf Burg Neß bewirtet. Occa ließ ihm ein wohlduftend Bad richten, Knechte und Mägde bedienten ihn, frisches Linnen ward dem Gast gereicht, und immer hörte der in der Badestube lärmend Singende, wie die Hausfrau nicht weit von der geschlossenen Tür herumstrich. Diese Nähe bestärkte ihn noch in seinen wilden Vorsätzen. Allein bald merkte er, wie die glatte Tochter der Quade es mit vieldeutigem Lächeln darauf abgesehen hatte, ihn zu necken und dem Gewalttätigen unter allerlei Schmeichelei und trügerischer Zuvorkommenheit die Hände zu binden. Ja, manchmal blitzte es in dem Geiste des Riesen geradezu auf, als ob alles nur geschehe, um dem abwesenden Ferkel ein Ergötzen zu bereiten. Occa saß zwar beim Mittagsmahl neben ihrem Gaste an der Herrenseite der Tafel, jedoch der lange Saal war mit so zahlreicher Dienerschaft angefüllt, Köche, Mundschenken, Spießknechte liefen ab und zu, daß jedes vertrauliche Wort untergehen mußte, und der Störtebecker, nachdem er im Unmut Becher auf Becher herabgestürzt, plötzlich aufbegehrte:
»Du Allerschönste glaubst wohl, ich sei einer der beiden futterneidischen Päpste oder König Wenzel, der Hundezüchter[[*]], daß du so bunt geschmückte Pfauen vor mir auftragen läßt? Und weißt doch, wie mein Sinn nach ganz anderer Labe steht.«
[[*]] Man erzählte damals, daß König Wenzel seine erste Gattin eines Nachts durch seine wilden Hunde zerreißen ließ.
»Du könntest auch mehr sein, als du bist,« entgegnete die Goldblonde zur Seite rückend.
Der Schuimer verstand dies nicht. »So laß mich aufbrechen,« fuhr er wütend vom Stuhl.
»Bleib',« flüsterte Occa hinter ihrer Hand.
Da vermochte der Begierige sich nicht loszureißen.
Am Abend gab es auf der Burg Neß ein Gelage. Im Vorbeireiten waren Propst Hisko van Emden sowie Occas sprudelköpfigster Verehrer, der junge Allena, auf der Feste eingekehrt, und nun saßen die Männer in dem langen Saal hinter den Weinkannen beieinander, ließen abwechselnd den unsichtbaren Hausherrn, aber noch öfter die um den Durst ihrer Gäste so sorglich bemühte Burgfrau leben, und unter klappernden Würfeln, unter Lärm und Schelmenliedern wußten sie allerlei von den Händeln des gerade jetzt bedrohlich aus den Fugen brechenden Reiches zu berichten.
»Weißt du schon, Teurer,« schlang der Propst weinselig seinen Arm um den Nacken des Seefahrers und brachte seine wulstigen Lippen bis dicht an das Ohr des Gefährten, »wir sind drauf und dran, den Prager Judenschlächter[[*]] in die Moldau zu werfen. Wir jagen ihn fort. Kann auch in einem Weinfaß Buße tun. Gib acht, bald wird der Pfälzer[[**]] auf seinen Stuhl hüpfen. Da schlägt für mutige Degen, wie dich, ein glücklich Stündlein. Wie mancher ritt nicht unter einem Federhut aus und kam mit einer Krone heim. Wie wär's, du Siebenschuhhoch? Wir könnten den Handel selbander schlichten!«
[[*]] König Wenzel, zu dessen Absetzung schon Vorbereitungen getroffen wurden.
[[**]] Ruprecht, der Gegenkaiser.
Mißmutig schob der Störtebecker den gar zu Vertraulichen zurück, denn in ihm kochte Grimm, weil er den Allena ihrer belustigt lauschenden Wirtin seine verrückten Geständnisse zuflüstern sah.
»Laß das Gefasel, Hochwürdigster,« zischte er böse und zerdrückte fast den Silberbecher in seiner Faust, »mein Reich ist auf einem weichen Frauenleib, und mein Ehrgeiz sucht Futter für leere Mäuler.«
Als der schöne Mann abermals die Hungernden erwähnte, da sandte Occa dem Riesen einen offen feindseligen Blick zu, der Propst aber brach in ein unvernünftig Gelächter aus. Sein Leib hüpfte ihm. Er erstickte fast.
»Schäker du,« prustete er, indem er dem Freibeuter seine Faust fest in die Rippen setzte, »da wir hier in Liebe und Traulichkeit beisammensitzen, so offenbare uns doch, welch ein einträglich Schelmenstück du hinter deinem wüsten Gerede verbirgst? Weiß doch jedes Kind, daß Reichtum und Völlerei gerade so ewiglich beschlossen sind als Därmeknurren und Hungereingeweide.«
Der Pfaffe ahnte wohl kaum, wie nichts den Störtebecker so verstörte, so von Grund aus umwühlte als Spott über jenes nackte Elend, das seine Phantasie sich in grausiger jahrelanger Arbeit als ein düsteres Feld ausgemalt hatte, über das entblößte Menschen auf Nacken und Schultern Steinlasten in eine hoffnungslose Ferne schleppen, während den Trägern Arme und Beine bereits verfaulen.
Unheimlich erblaßt sprang der Riese auf, der herrische Mund bebte ihm, da er an seine Jugend dachte, und in jäher Wut schlug er nach der Weinkanne, so daß sie umstürzend ihren Inhalt ergoß.
»Weh euch,« schrie er, wobei er jeden einzelnen seiner Genossen in tödlicher Fremdheit maß, denn in diesem Augenblicke wurde ihm klar, daß der Wahrspruch der Schwarzflaggen sein eigenes Schicksal tatsächlich bis zum Rand füllte. »‘Aller Welt Feind’ – hütet euch – es ist nicht wohlgetan, wenn ihr den bösen Geist in mir gegen euch wachruft, ihr, ihr, die ihr nichts als schmausen und tanzen könnt.«
Das viele vergossene Blut seines Lebens hüpfte vor ihm auf dem Tisch in roten, zuckenden Flämmchen. Es wurde ängstlich still um die Tafel.
»Und gerade will ich tanzen,« meldete sich mit einemmal Occas helle, aufreizende Stimme.
Furchtlos, nur darauf erpicht, die Spannung aufs äußerste zu steigern, ergriff die Goldblonde unvermutet die umgeworfene Kanne, und sie höhnend gegen den Seefahrer schwingend, begann die Geschmeidige zu aller Erstaunen mitten im Saale einen zierlichen Kreis zu schlingen. Die Augen ihrer Zuschauer vergrößerten sich, eine Weile wurde durch den seltenen Anblick jedes Wort und jede Bewegung der Männer gelähmt. Dies war ja auch nicht der schwerfällige Reigen, wie er sonst im Brokmerland geübt wurde. Nein, der hinstarrende Störtebecker wußte allein, daß so – den Krug auf der Schulter, den Leib zurückgeworfen – nur Künstler der Hellenen einst ihre berauschten Nymphen auf schwarzen Vasen zu bilden pflegten.
Da brach plötzlich der tosendste Beifall aus. Der Propst hämmerte mit den Fäusten auf den Tisch, der Allena schleuderte seinen Becher durch die Luft, der Störtebecker jedoch, von einem Wirbel in den anderen gejagt, durch listige Berechnung aus Eis in Siedehitze gerissen, und vor allen Dingen unfähig, irgendwo eine Grenze für sich zu dulden, er machte Miene, den Tisch umzustürzen, um gleichgültig gegen all die Zeugen mit zitternden Fäusten sich dieser behenden Beute zu bemächtigen.
»Sachte, sachte, Freundchen,« lallte der Propst und hing gewaltsam seine Wucht an den Bewußtlosen. »Amantes, amentes.[[*]] Schier dich, ich rate dir, um dein Hungerreich und laß hier Herrn Luitet, den Tanz und den Wein herrschen. Hörst du?«
[[*]] Verliebte – Verrückte.
In diesem Augenblick aber hielt auch Frau Occa inne, atemschöpfend stellte sie ihren Krug auf die Erde, verneigte sich dankbar gegen den Propst, und während sie ein paar Mägde zu sich winkte, sprach sie mit kaum verhehlter Genugtuung:
»Es ist Mitternacht, ihr Herren. Suchet jetzt still euer Lager auf, damit ihr meinen Eheherrn nicht stört. Denn sein Tagewerk beginnt erst, wann wir anderen ruhen.« Und blitzend vor Übermut setzte sie noch hinzu: »Und träume jeder von dem, was er wünscht.«
»Nun, Gott verdamm' dich,« murrte der Emdener hinter der rasch Entschwindenden her und lockerte bereits seinen Gürtel vom Leibe. »Soll man denn nicht mal im Traum seine Ruhe finden? Komm, Teurer.«
Damit wollte der Weinvolle seinen Arm unter den des Seefahrers schieben, der Störtebecker aber stieß ihn zurück, daß der Betroffene in die Arme des Allena taumelte, und offenen Mundes mußten die beiden Zurückbleibenden erleben, wie der Riese ohne Abschied gleich einem Sturmwind aus dem Saale fuhr. Bald darauf verkündete Hufschlag, daß ein Reiter trotz Nacht und Pfadlosigkeit seinen Weg suchte.
Verdutzt strich sich Propst Hisko über die niedrige Stirn, dann, nachdem er sich ein wenig besonnen, sagte er gähnend:
»Heißt mit Recht Schuimer, der Kerl. Wer weiß, wie lange seine Woge steigt? Wollen doch mit den Hansischen nicht gänzlich brechen, Allena. Vorsicht ist ein sicherer Hühnerstall.«
Über der nächtlichen Heide flimmerte der weite Sternenhimmel, der Meerwind schlich summend durch das kurze Gestrüpp, und im Mondlicht wanderte der unmäßig verlängerte Schatten von Tier und Mensch seitwärts neben dem Trabenden her. Eine angespannte Stille mühte sich, dem Einsamen ihr Geheimnis ins Ohr zu wispern. Aber dem Störtebecker war diese Sprache lang vertraut. Befreit lauschte er dem Atem der Weite, und als er den Erdgeruch spürte, als die feuchten Moornebel um ihn quollen, da brannte in ihm eine unerklärliche Sehnsucht auf, und ein wahnwitziges Gelüst packte den Stürmischen, sich mit dieser Erde zu vermählen, tief alle Wurzeln in sie zu strecken, damit er auf ihr blühen könne wie ein Baum. Unsichtbar, sichtbar stiegen vor ihm aus schwarzen, bläulich glitzernden Torfgründen zukünftige Häuser und Gehöfte auf, er hörte Menschengesang aus der Leere, erkannte das Brummen des gesättigten Viehs, und weit hinten in der Schwärze verlor sich das Stöhnen zusammenbrechender Leiber, das bisher in der rasenden Musik seines Lebens stets den Unterton geseufzt hatte.
Wie leicht verbrauste doch, was er eben noch der Gier und der Lust abjagen wollte, nur das Ausweiten für die Unzähligen versprach Dauer, nur alle Leben zugleich gelebt zu haben, das, ja, das allein sättigte, das stillte.
Dies war die glücklichste Stunde des Gewaltmenschen. Traum und Erfüllung hielt er zu gleichen Teilen in seiner Rechten wie in seiner Linken. Mit einem Ruck zügelte er sein Roß, und sich weit zurückwerfend, so daß alle Gestirne ihm standhalten mußten, hob er die Faust gegen den brennenden Wirbel, und heiser vor Inbrunst schrie er in die ewig sich vertiefende Gasse hinein:
»Lauert nur, schielt aus tausend zornigen Augen, ihr könnt mir die Saat nicht mehr aus der Brust reißen. Sie soll aufgehen, trotz euch, wider euch!«
Gegen Morgen erst zog er sein Tier hinter sich her auf die Warfe der Brokeburg. Auf einer Steinbank im Hofe hockte die Fölke in ihrem grauen Fältelkleid, und ihre Spinnenfinger verfolgten eifrig die breiten Zeilen des Hamburger Manifestes. Kaum wurde sie jedoch des abgetriebenen Reiters ansichtig, da strich ein giftigsüßer Schein über das blutlose Antlitz der Quade, und sie stopfte das Pergament in ihre Tasche, als ob sie einen köstlichen Schatz vergraben müßte.
»Nun,« fragte sie mit ihrer harten Stimme, »bringst du mir Grüße von Occa, Mann?«
Der Störtebecker aber antwortete nicht. Sein Blick hatte von der Anhöhe den Hafen getroffen, und siehe da – dort unten in der schmalen Fahrtrinne lag Schiff an Schiff, eine Gasse von Masten hatte sich gebildet, und überall flatterten die schwarzen Wimpel in den frühen Morgen.
»Wohl,« sagte die Fölke ohne sich zu rühren, »die Deinen sind gekommen. Und hier auf der Burg harrt dein Diener, – dein Bube,« setzte sie spürend hinzu.
Noch immer stand der Riese sprachlos neben ihr. Nur seine Brust dehnte sich weiter, höher – bis zum Zerspringen. Dort unten – sein Schwert, sein Pflug, sein Werkzeug. Hier oben, die Schale, in die sein Gedanke gegossen war, und weit umher unter dem Frührot die zukunftsdampfende Erde.
Mächtig breitete er die Arme, und trunken vor Glück, im Ton des Bräutigams, der endlich die Entschleierte umfängt, jauchzte er:
»Mein – mein.«
[III.]
Weit war schon der Herbst in den Oktober vorgerückt. Aber das Meer trug mit der Flut einen südlichen Wind gegen die Marschen, der duftete den neuen Ansiedlern seltsam nach fremden Blumen und würzigen Kräutern, und tief unter dem hellen Himmel strich Milde und Wärme dahin.
Hungrig öffneten sich die Schollen zur Aufnahme.
Eine Viertelmeile etwa von der Brokeburg entfernt pochte emsiger Hammerschlag. Dort hatte sich der Ire Patrick O'Shallo auf einer Wiesenschwellung und hinter ein paar einsamen Pappeln ein flüchtig Bretterhaus errichtet. Nur leicht und obenhin mit Moos und Schindeln gedeckt. Denn der streifende Geselle kannte noch nicht die Gewalt des Schneesturms, wenn er über die schutzlose Ebene fegt. Nun hämmerte der sangesfreudige Bursche rasch und ungeduldig an einem Holzzaun, damit er sein künftig Gärtlein schützen möge. Waren doch Hühner und Ziegen seines Nachbarn, des Hebräers Isaak, bereits häufig in die abgesteckten Beete eingebrochen, und das wollte der leicht erhitzte Ire nicht leiden. Auch sehnte sich der Blonde Tag und Nacht nach Weib und Ehschaft, kurz nach Wesen, die seines Winks gewärtig ihm billig einen Teil der Arbeit abnehmen sollten. Dazu gehörte aber auch, daß sein Anwesen, das ihm auf unbegreifliche Weise von der Güte dieses mächtigen Anführers zugeteilt war, nicht dem Fußtritt jedes Störers offen stehe. Und daher gedachte sich Patrick O'Shallo keineswegs mit dem Gartenzaun allein zu begnügen, sondern allmählich sollte die ganze Liegenschaft durch Busch und Hackelwerk abgegrenzt werden. Was er mit seinem sauren Schweiß bestellte, dahin brauchte ihm nicht stets der arbeitstolle Jude hineinzutappen, der unheimliche schweigsame Christusmörder, der besessen und wie verfolgt bis in die Nacht hinein pflügte, streute und wühlte, wenn er nicht gleich einem Wurm durch die Erde kroch.
Merkwürdig, der lustige Bursche wußte auch nicht, wie es kam, jedoch er konnte dies unablässige Mühen seines Nachbarn nicht ohne Murren und Zorn mit ansehen. Und seine Vorliebe zu Lust, Spiel oder Feiertag fühlte sich durch das rastlose Wirken des nur auf Zunahme und Erfolg Bedachten zuerst beschämt und dann beleidigt.
So hielt er auch jetzt verärgert mit dem Einrammen der Pfähle inne, wischte sich die rotblonden Haare und stützte sein Kinn ausruhend auf eines der Hölzer. Wahrhaftig, abermals packte ihn der Unmut. Denn nicht weit von seinem Platz sah er den alten Isaak eifrig an einer Rinne graben, die das von ihm bereits umgeworfene Feld entwässern sollte.
Da begann Patrick O'Shallo leise Verwünschungen zu murmeln.
Natürlich, nun würde der niederträchtige Schleicher wieder einen Vorsprung erhalten, denn der Ire hatte an solche Hilfsmittel noch keineswegs gedacht, da er zuerst für einen reichen Tisch und ein recht wohliges Lager sorgen zu müssen glaubte. Zum Henker, er wollte doch ein junges Weib darauf betten? Und nun? Ha, ha, um den alten eisengrauen Maulwurf dort drüben schnupperten noch obendrein ein paar kleine Ferkel herum? Wie kam der Kerl schon wieder zu dem neuen Erwerb? Da sollte doch das böseste Wetter dreinschlagen! Was nützten schließlich das gleich abgesteckte Land oder die gleich abgezählten Gulden, wenn der verfluchte Mauschel dort drüben keinen Schlaf kannte? Keine Weiber, keinen Trunk, kein Spiel und keinen Feiertag? Womöglich würde er, der kräftige, weibverbrannte Geselle, von den Mägden noch verachtet werden, weil er sein Gut nicht ebenso gründlich zu bestellen vermochte wie das graue Schindluder von jenseits!?
Dem Iren hing eine rote Wolke vor den Augen.
»He – du – hilf mir,« schrie er zu dem Spatenschwinger hinüber, denn sein Zorn gab ihm ein, daß den Ansiedlern von dem Admiral gegenseitige Hilfeleistung in allen Fällen und bei jeder Gelegenheit befohlen war. Nur nahm es sich Patrick nicht weiter übel, daß er zwar jene Unterstützung unausgesetzt von dem Alten beanspruchte, hingegen es regelmäßig versäumte, dem Nachbar etwas Ähnliches zu erweisen. Wozu auch? Der Sprenkelbart entstammte dem verstoßenen Volk, und die Mahnung des Störtebeckers von der Bruderschaft aller Sterblichen, sie konnte unmöglich auf den Fremden gemünzt sein.
»He – du – hilf mir,« schrie er noch lauter als zuvor.
Auf den Anruf hob sich über der Rinne ein eisengraues Haupt, folgsam wandelte die breite, untersetzte Gestalt des Hebräers heran. Er stützte sich auf den Spaten, als er den Zaun erreicht hatte.
»Wo fehlt's?« fragte er bereitwillig. »Brauchst du Nägel, Freund?«
Der andere schüttelte heftig den Kopf. Seit sie von dem Schiff herunter waren, störte ihn die Vertraulichkeit der Anrede.
»Sollst mir die Querbalken halten,« forderte er ungebärdig, »das Gebastel geht mir zu langsam.«
Verstehend nickte der Alte, und während er bereits die lange Leiste ergriff, damit sein Gefährte die spitzen Stäbe an ihr festschlagen könnte, da huschte ein dunkles Lächeln unter seinem angeschneiten Bart hervor.
»Kannst es auch nicht mehr erwarten, hier Weib und Kind zu sehen?« murmelte er gepreßt.
Aber dem Burschen entfiel fast der Hammer. Die Vorstellung, auch der gebückte Fünfziger könnte denselben Träumen nachhängen als er selbst, versetzte ihn in eine namenlose Wut.
»Willst etwa auch du, Isaak – –?« erkundigte er sich stammelnd.
Sein Helfer jedoch merkte nichts. Mit aller Wucht umklammerte er sein Brett, und tiefgebückt raunte der Jude sein Geständnis in die Erde hinein.
»Doch, doch – einmal wurden sie mir schon genommen – der schwarze Tod und Gewalt. Aber man will doch wissen, für wen man baut. Namentlich wir,« flüsterte er glühenden Auges, »namentlich wir.«
Da schleuderte Patrick seinen Hammer gegen das Brett und stieß auch noch mit dem Fuße dagegen. Der Jude erwachte, er wankte.
»Nun, Gott verdamme dich,« entfesselte sich der Ire dunkelrot und spie aus. »Warum mußt du Beschnittener es hier treiben wie die Kaninchen? Sind nicht genug von euch Krummnasen auf der Welt? Aber du verübst wohl nur die Schachermachei, weil du deinen Nebenmenschen keinen leichten Gewinn gönnst?« Und hohnlachend brach er aus: »Mir scheint, du hast nicht vergessen, wie der Störtebecker solche durch Tod erledigten Gleichestücke zu neuer Austeilung bestimmt hat?«
»Eben – eben,« ereiferte sich Isaak, der die wahren Beweggründe des anderen durchaus nicht enträtselte, »liebe die Erde, die dir gehört. Ein eigen Stück Land – Patrick – o, ein eigen Stück Land, das muß man vererben auf Kind und Kindeskind. Hier, hier, aus diesen Schollen allein seh' ich es wachsen, mein Recht, meine Gleichheit, meine Bruderschaft. Und deshalb« – er richtete seine schwarzen Augen anbetend gegen die ferne Brokeburg, ähnlich wie seine Vorfahren wohl einst ihre Blicke gen Zion erhoben hatten – »deshalb ist der dort oben aus dem Blut des Messias.«
»Ein Quark ist er,« tobte jetzt der Ire, dessen Vernunft völlig in Gift und Galle ertrank, weil er sich zu endlosen Mühen verurteilt fand, die er nicht bewältigen mochte. »Wozu hält der Schelm noch eine Menge der Beute in den Schiffen aufgestapelt, anstatt sie so gleich bis zum letzten Heller unter uns zu verteilen? He, ich will Herr sein gleich anderen Herren! He, verstehst du mich?«
»Bruder,« stotterte der alte Jude betroffen und hob bekümmert die Hände, »bist du denn nicht Herr auf deinem Boden?«
Allein der Streitsüchtige hatte nur noch den einen Wunsch, diesen unbequemen Mahner sowie namentlich den von jenem angebeteten Menschengott niederzuringen und zu besudeln. Vielleicht weil er das Streben und die Andacht der beiden noch nicht begriff. Selbstgefällig steckte er die Hände in die Taschen, und während er seinem Genossen jäh den Rücken wandte, schimpfte er unflätig:
»Meinetwegen friß den geliebten Kot, du demütiger Knecht. Ha, ich sollte nur erst wieder auf den Schiffen stehen, dann wollte ich euch zeigen, wie rasch ich zu Dirnen und Würfelgeld kommen wollt'. Der Gehörnte soll euch Hirneitrige holen.«
Damit stürzte er wütig in sein Bretterhaus, und bald verriet ein unsinniges Sägen und Klopfen, wie der Wahnwitzige es abermals versuchte, in rasendem, zwecklos verdampftem Bemühen den Hausrat für das ersehnte Weib zusammenzuschlagen.
Der alte Isaak jedoch umspannte seinen Spaten gewaltsamer, und ihn beschwörend gegen die Burg ausreckend, stammelte er fanatisch:
»Bleib fest, du Sohn Davids, bleib fest.«
In einem der gewölbten Spitzbogenzimmer der Brokefeste durchmaß derweil der Störtebecker mit seinen weiten, beschwingten Tritten den teppichbehängten Raum, und jedesmal, wenn er den derben Eichentisch erreichte, dann fegte er mit der Faust über allerlei Feldabmessungen, die auf der Platte mit Kohle verzeichnet standen. Bis er endlich aufatmend zu seinem Gast, dem Propst Hisko van Emden, hinüberrief:
»Die Erde ist verteilt, genug mein heiliger Freund, laß uns jetzt den Schmutz des Feldes abwaschen! Mir wenigstens stehen Torf und Moor bereits bis an den Hals. Dafür soll uns aber auch gleich ein Wunder von einem Frankenwein erquicken. Munter, wir wollen dem Bacchus eine Messe zelebrieren.«
Aufgeräumt eilte er bis zur Tür, um einen Befehl herauszurufen.
»Laudabiliter,«[[*]] schmunzelte der Dicke, der enggezwängt in seinem Armstuhl hing und sich nun erwartungsvoll über die wulstigen Lippen strich. »Du hast recht, schöner Jüngling. Sine Cere et libero friget Venus[[**]].« Allein, plötzlich besann er sich, denn der zweite Gast am Tisch des Admirals, ein käsig gelber, langaufgeschossener Mensch, dem als einziges Zeichen des Lebens nur eine glühende Trinkernase aus dem Gesicht funkelte, er hatte sich eben verstohlen geräuspert, so daß Probst Hisko aufmerksam wurde. Schwerfällig und ermüdet streckte der Dicke beide Beine von sich. »Verzeih noch ein Weilchen, Herrlicher,« forderte er den rückkehrenden Störtebecker auf, »aber da du vor allem ein Vater der Deinen bist, so mußt du vor eigener Letzung, so beschwerlich es ist, mit anhören, was dir mein Converse,[[***]] der Jonkher van Sissinga, über die Roggensaat anzuvertrauen hat.«
[[*]] Lobenswert.
[[**]] Ohne Speise und Trank friert die Liebe.
[[***]] Conversen waren in Friesland Hofmeier und landwirschaftliche Berater der kolonisierenden Klöster, ein halbmönchischer Laienstand.
»Schon wieder?«
Unmutig verzog der Freibeuter die Brauen. Seine heitere, nach Lebenslust und Freude langende Natur vertrug nur ungern den ewigen Ansturm dieser kleinen zermürbenden Sorgen. Ja, wenn es galt, das große, strahlende Gesetz in die Luft zu zeichnen, oder sobald es nötig wurde, hinauszureiten, um der fronenden Menge ein hinreißend Beispiel zu geben, dann schlug aus dem Lodernden die Flamme himmelwärts. Das sorgsame Vormerken hingegen, das Gegeneinanderabwiegen und Berechnen alltäglich sich wiederholender Wirtschaftsforderungen, das dünkte den Weitausschweifenden kleinlich, und er fluchte oft, warum er sich dazu nicht eine Herde Krämer oder Handelsdiener eingefangen hätte.
»Heraus damit,« fuhr er daher den käsigen Jonkher nicht gerade liebreich an. »Soll ich aus der Kammer des Herrn Propst etwa noch mehr Roggensaat kaufen? Mich dünkt, ich könnte mit dem vorhandenen bereits das ganze heilige römische Reich in einen Mehlbrei wandeln.«
»Langt nicht,« sagte der Sissinga, ohne sich zu rühren, allein er holte den Satz aus solch dunklen Kellertiefen, daß kein Fremder diese dröhnende Totenglocke in dem wackligen Gebäude vermutet hätte. Der Störtebecker schüttelte heftig das Haupt, halb über den unerwarteten Ton, halb im aufspringenden Zorn über die stets erneute Quälerei der beiden.
»Langt nicht,« fiel in diesem Augenblick auch der Emdener Wanst ein, der die Zeit für gekommen erachtete, die Veranstaltungen seines Conversen zu unterstützen. Der Riese jedoch, der sich eingeengt sah, riß an seiner rotseidenen Schecke, daß alle Nähte krachten und schlug ein böses Gelächter auf. Dann stellte er sich unter das Bogenfenster, von wo er die abgetakelten Schiffe im Hafen überschauen konnte, bis er endlich verächtlich über die Schulter schleuderte:
»Macht's kurz! Der römische Wolf frißt am liebsten aus anderer Taschen. Aber bei den dreißig Silberlingen des Judas, ihr Herren, ich schlage ihm auf die Schnauze, sobald er mir gar zu gefräßig schnuppert.«
Die beiden anderen am Tisch verständigten sich hinter seinem Rücken durch einen raschen Blick. Gleich darauf begann die Totenglocke abermals zu jammern:
»Du tust uns unrecht, Herrlicher, da du dich vielmehr selbst anklagen solltest. Muß ich dir sagen, die Deinen verstehen nichts von Landwirtschaft?«
»Recte«, bestätigte Hisko, da in ihm die Hitze sowie die Überlegenheit des kundigen Ackermannes erwachte, »die Buschklepper – verzeihe – ich meine die Ansiedler, wissen nicht mit der Wurfschaufel umzugehen. Dadurch streuen sie die Körner nur obenhin in die Furchen, so daß es ein Jammer ist.«
»Und der rauhe Wind und die Feldmäuse vollenden das übrige,« ergänzte der Sissinga.
Verbissen wandte sich der Störtebecker wieder an den Tisch. Allein kaum hatte er ihn erreicht, so stieß er mit dem Fuß gegen die Querleisten, daß das Holz zitterte und stöhnte.
»Kommt zum Geschäft, ihr Edlen,« meinte er äußerlich gelassen, im Innern aber bereits wütend, weil die beiden Berufsmenschen es wagen durften, ihn ungestraft schrauben und übervorteilen zu wollen. »Wo bleibt der Handel? Wie verhält es sich mit dem Gewinnst? Was wollt ihr in euren Beutel streichen?«
Vorwurfsvoll schluckte der Jonkher noch ein paarmal, bevor er endlich in seinem ehrbarsten Baß auseinandersetzte, er wüßte an der holländischen Küste einen Platz, wo der Störtebecker drei Schiffslasten Roggensaat, und zwar viel wohlfeiler als im Brokmerland einhandeln könnte. »Und ich rate aus ehrlichem Gemüt – – – «
»Einverstanden,« winkte der Admiral ungeduldig mit beiden Händen, der sich inzwischen auf einen Stuhl geworfen hatte und voll Erleichterung den Ausweg aus diesem zerklüfteten Gebiet sich öffnen sah. »Wozu das lange Geplärre? Könntest schon längst beim Wichmann im Hafen sein. Soll sogleich mit drei Schiffen absegeln. Und das Geld – « er schleuderte das Unwillkommenste wie einen Stein von sich – »laß dir von Licinius zahlen.«
»Deine Weisheit trifft immer das Rechte,« verabschiedete sich der Converse unter einer tiefen Neigung und ging.
Der Wirt blieb mit seinem geistlichen Freunde allein. Bald ging das dumpfe Scharren der Weinhumpen über den Tisch, ja, der Freibeuter, in einem Anfall unbegründeter und deshalb um so grellerer Heiterkeit, schlug während des Zechens einen hellen Singsang an. Doch merkwürdig, es war das alte, tumultuarische und sinnenfreudige Schuimerlied, das die freiesten und sonnigsten Tage des Seehelden begleitet hatte.
»Vom Mast die schwarzen Flaggen wehn –
Der Störtebecker ist Kapitän.«
Warm und voll füllte die Stimme des Admirals den gewölbten Raum, das Lied schien ihn auf das Meer zurückzuführen, scharf zeichnete sich in dem schmalen Antlitz die Wollust des Befehlens ab, allein allmählich verebbten die Strophen immer klangloser, und während sie völlig erstarben, ließ der Freibeuter die Faust mit dem Becher bis auf die Erde sinken. Ein unsicheres Lächeln irrte um den gebieterischen Mund.
»Wundersam,« sann er gedankenvoll, und in den schwarzen Augen spielte noch die Freude an alten Abenteuern, Ruhm und Waffenklirren. »Ich singe, und am Kiel der ‘Agile’ nisten allmählich Muscheln und anderes Schalgetier.« Er rüttelte an dem Tisch, als wollte er sich erwecken. »Ein Leben lang bin ich auf diese Küste zugesegelt,« sprach er hart und fest, »und jetzt bin ich hier.«
Eine Weile stockte die Unterhaltung der beiden und ging völlig in Stille unter. Friedlich kringelten die Sonnenstrahlen über die Zeichnungen auf dem Tische.
Der geistliche Landwirt aber wußte, was dies alles bedeutete. Zu oft hatte er schon Gutsherren beobachtet, die heil und fröhlich von Jagd und Kriegszügen gekommen waren, aber Pflug und Sense hatten ihnen die Adern zerschnitten.
Bedachtsam strich er sich über das lederne Jägerwams, drückte die verschwollenen Äuglein zu, da er seine Kenntnis nicht vorzeitig zu verraten strebte, und indem er sich noch behaglicher ausstreckte, tastete er vorsichtig weiter:
»Höre, mein Söhnlein, auf dem Wege hierher traf ich die schöne Occa. Mag sie nicht mitsamt ihrer rosigen Haut. Ist ein ungestillt Eichkätzlein, das gern ein groß Tier in seinem Gezweig ergattern möchte. Gib acht.«
Auf diese Warnung jedoch warf der Admiral hoffärtig den Kopf zur Seite und schlug mit der Hand durch die Luft wie jemand, der ein gespenstisch aus dem Boden wachsendes Schattenbild zerstören möchte.
»Was ist mit ihr?« drängte er abgeneigt und mit solch widerwilliger Gegenwehr, daß der schlaue Hisko sogleich merkte, wie oft die Goldblonde schon als ein Alp an den Tagen des Riesen gezehrt haben müsse.
»O, sie läßt dich nur in aller Ehrbarkeit befragen,« murmelte der Dicke in seinen Krug hinein, »wie lange es noch währen möchte, bis du endlich Fortuna für dich und die Deinen am Schopf gepackt hieltest?«
Selbst in der Wiedergabe des Dicken klang die Bestellung boshaft genug. Und trotz aller Vorsicht konnte es der Propst nicht vermeiden, daß aus seinen verschwollenen Äuglein gleichfalls ein Strahl mitleidigen Spottes schielte. Allein der Störtebecker war nicht zu täuschen. Längst hatte sein heller Verstand durchschaut, wie der Unglaube seiner Umgebung ihm am liebsten täglich, stündlich vergiftete Stacheln ins warme Herz gedrückt hätte. Dafür freilich spie der Riese nichts so voller Ekel aus wie den lauen Tag- und Nachttrunk dieser Ewignüchternen. Krachend warf sich der Seefahrer in seinem Sessel zurück, und nun schwang er seinen Humpen so übertrieben gegen den Gefährten, daß man hätte meinen mögen, er wolle das Gerät an der nächsten Wand zerschmettern.
»Komm, laß dich noch einmal auffüllen, du mein gesegneter Bauch,« so überbot er sogar die an ihm gewohnte Wildheit und lachte und dröhnte dazu, daß dem erschreckten Hörer die Ohren gellten. »Eile, du verdienst dir ein Botengeld, Würdigster, wenn du noch heute der schönen Occa samt ihren Freunden bestellst, in welch vortrefflichem Zustand du mich bei Trunk und Gesang getroffen. An den Wänden der Brokeburg niste bereits der Weinschwamm. Hörst du? Es wird sie freuen, die Liebreichen, ich kenne sie. Und sage ihnen auch, welch merkwürdige Art von Augen mir im Kopfe steckten. Ha – ha, die vermöchten Wachstum und Blüte zu schauen, selbst wenn der Schaft noch tief in der Erde schlummere. Begreifst du, Bruderherz, ist solch ein Schalksnarrenstück, wie es die Gaukler auf den Märkten preisen!? Und zum Schluß, ganz ledern und nebenbei gesprochen – jed' gut Ding will Weile haben. Und dein Rom wurde auch nicht an einem Tag erbaut. Du verstehst, Freund, der gewöhnliche Hafer, wie ihn die Mähren an den Krippen kauen.«
Mit einem dumpfen Schlag, als habe der Freibeuter schon zu lange an sich gehalten, sauste der Humpen jetzt wirklich gegen die Wand, Scherben polterten an der Mauer nieder und ein wüster Regen edlen Weines klatschte auf die beiden herab.
Da entsetzte sich der Propst und duckte sich tief.
»War nicht bös gemeint,« wollte er sich schütteln. Allein auch diese kümmerliche Entschuldigung gedieh nicht zu Ende, denn die Tür ward aufgerissen und auf der Schwelle zeigte sich der Knabe des Admirals. Bleicher noch als sonst stach das vergeistigte, jetzt ganz von einer zehrenden Leidenschaft erfüllte Antlitz von der schwarzen Dänentracht ab.
»Licinius,« fuhr der Störtebecker empor, denn die Gegenwart dieses Wesens rief ihn stets und wie durch Zwang zu seinen reineren Eingebungen zurück, »was bringst du?«
Auf den Anruf stillte der Jüngling das rasche Wallen seiner Brust, nur ganz wenig stützte er sich an dem Pfosten des Eingangs, bevor er zwischen Empörung und Hilferuf hervorstieß:
»Herr, es ist Übles geschehen. Als ich, wie du befahlst, die Lebensmittel zu den Ansiedlern fuhr, da fand ich, daß zwei unserer Seeleute, der schmächtige Arnold Frowein und der Stotterer Lubbert Onderdonk, ihr Gleichestück dem Bootsmann Wulf Wulflam verschrieben hatten. Sie sagen, sie wollten lieber eines kundigen Mannes Knecht sein, als noch länger hungrig und ziellos auf Eigenem sitzen. Herr, Herr, wie ist das zu verstehen?«
»Ei der Tausend,« wiegte der alte Propst in behaglicher Anteilnahme das Haupt. »Non omnia possumus omnes.«[[*]]
[[*]] Nicht jeder kann alles.
Langsam schritt die aufgerichtete Gestalt des Freibeuters an die Seite des Pfaffen. Geraume Zeit sprach er kein Wort. Auch täuschten sich die beiden Zeugen, wenn sie erwarteten, eine Sturmflut von Zorn und Wildheit würde nun die letzten Reste der Selbstbeherrschung von dem Zügellosen fortreißen. Nein, es war nur jenes bittere, eisigkalte Erbarmen mit menschlicher Verkehrtheit, das sein Antlitz in fahle Blässe tauchte, obwohl er solche Verirrten seit seiner Jugend überall gefunden und mit ihnen gerechnet hatte.
Jetzt aber bäumten sie sich vor seinem letzten Ziel, vor dem Zweck seiner Sendung.
Lastend ließ er seine Hand auf die Schulter des Dicken sinken, so daß der Propst noch tiefer in den Sessel einbrach, bevor er kurz, abgehackt und voll vernichtender Anklage sprach:
»Ihr habt redlich gewaltet auf Erden. Meinst du, es ginge noch viel tiefer bergab mit den Ebenbildern Gottes? Jahrhundertelang habt ihr ihnen die Knechtschaft eingelöffelt, bis sich jetzt ihr Magen an der Freiheit erbricht. Darum Schande über euch, weil nun sogar der Arzt jene Gequälten zu ihrer Heilung schlagen und züchtigen muß. Weh euch aber, wehe, sobald der Tag erscheint, an dem ihr selbst den Trank schlingen müßt, den ihr gebraut. Ihr werdet daran sterben.«
Finster winkte er dem Knaben, und Hisko, der sich benommen auf die Fensterbank stützte, sah mit an, wie Herr und Diener kopfüber die Warfe hinabjagten.
Die Zeit verstrich, Schneeflocken wirbelten über das flache Land, pralle, gemästete Leiber, die wie weiße Vögel über Felder und Dächer herfielen.
»Ich wollte, man könnte euch schlachten,« sprach der Steuermann Lüdeke Roloff, der frierend und beschäftigungslos unter den Pfosten seiner baufälligen Schindelhütte lehnte, und er drehte seine verkehrten Augensterne grimmig gegen das Gewimmel. Seit man ihn in seiner mecklenburgischen Heimat zum Ergötzen der Edelfrau zu abscheulichem Tanz gezwungen, mochte der Mann keinerlei Reigen mehr dulden. »Kreiselt nicht,« dampfte er in die Kälte hinaus. »Fliegt lieber in meinen Topf und werdet Hühner. Seit zwei Tagen ist der Bube des Admirals – seine Buhldirne – wieder nicht mit dem Futter für Vieh und Mensch dagewesen. Und die friesischen Schwarzröhren in der Nachbarschaft wollen nichts mehr verkaufen. Fürchtet zu verhungern, das hartherzige Pack.« Er griff sich an die Kehle, denn der Schauder wollte ihm die Zunge lähmen. »Wozu hat uns der Störtebecker hierher geschleppt?« bohrte er in sich hinein. »Was nützt mir der Haufe Sand, wenn er mich ausmergelt und doch nichts hergeben wird? Tod und Teufel, der Rotseidene auf der Brokeburg ist auch weiter nichts als solch ein Zwingherr. Frißt und säuft und läßt uns tanzen. Überall stecken sie. Aber bei allen Nothelfern, man wird's wenden müssen, wenden – wenden!«
Längst waren die Schiffe im Hafen vereist, das Brokmerland erstarrte allmählich unter der schneidenden Kälte, und die dürftigen Häuschen der Ansiedler verkrochen sich im Schnee, wie Bettelbuben unter einem Schaffell. Tagelang kräuselte sich aus den versunkenen Essen kein Rauch, denn es wurde schwer und schwerer, den Kolonisten Kost und Unterhalt zuzuführen.
Aus der Stille, aus der oft schmerzhaften Todesruhe der Ebene, die zu dem heimlich rauschenden Fieber in seinen Adern einen unerträglichen Gegensatz bildete, rettete sich der Störtebecker an solchen Tagen häufig zu seinen Schiffen im Hafen. Zu der großen hölzernen Herde, zu den geflügelten Rossen, die sich sonst auf seinen Wink munter um ihn getummelt hatten. Nun lagen sie festgefroren, gefangen, beinahe wie er selbst.
Dann suchte der Rastlose, jetzt stets von einer bohrenden Sorge Umhergetriebene, in seinen friesischen Schafpelz vermummt, das Admiralschiff auf, wo seit langem der kleine Wichmann über die spärlichen Wachmannschaften das Kommando führte. Seltsam, dieser zurückgelassene Rest seiner alten Schuimer war der einzig zuverlässige Stamm der einst gefürchteten Freibeutermacht geblieben, und er wurde von dem Zwerg ohne große Worte und wie von selbst in scharfer Manneszucht gehalten. Über den Störtebecker kam während solcher Wahrnehmung häufig ein bitteres Wundern. Was geschah hier? Das gewohnte Handwerk, das nachdenkenlose Unterwerfen unter ein eisernes Gesetz, das keine Gnade kannte und den Willen der einzelnen ausschaltete, es schmiedete diese Menschen zu einem brauchbaren Werkzeug, es erfüllte sie sogar mit einem ausgeprägten Stolz auf ihren Beruf, während die anderen, die Befreiten, die Glücklichen – – –?
Unmutig, verängstigt schüttelte sich der Riese. Er stäubte sich natürlich nur die Schneeflocken ab, und doch blickte er sich, während er über die breite Schiffstreppe stieg, mißtrauisch um, ob auch kein Späher beobachtete, was er sonst noch etwa von sich abzuschleudern strebte.
Durch die hohen Fensterluken der »Agile« träumte ein weißer Widerschein der umlagernden Schneemassen. Dadurch empfingen auch die Wirkereien an den Wänden ein geisterhaft schwebendes Leben. Mitten in dem Prunk dieses fürstlichen Raumes lag der kleine Wichmann auf einem Ruhepolster und ließ bei dem bekannten federnden Tritt seines Zöglings ein paar mächtig geschnitzte Holzdeckel sinken. Es war eine Abschrift des Seneka, auch ein Beutestück aus der Reisebibliothek des Bischofs von Strängnäs. Eine Weile musterte der Zwerg den hochgewachsenen Besuch, sich langsam aufrichtend, mit seinen zwiefarbigen Augen, denn der andere schaute sich in dem wohlbekannten Saale so heimgekehrt, so besitztrunken um, als ob diese farbenfrohe Schöpfung ihm eben erst aus Wunsch und Willen entsprungen wäre.
»Nun, alle neun Musen küssen dich, Magister,« so grüßte der Riese, durch den Anblick erwärmt, seinen ehemaligen Lehrer und schleuderte während des Auf- und Niederschreitens den unbequemen Schafpelz auf den Laternentisch. »He, sag an, du auserwählter Genießer, wie nistet sich's in meinem Nest, unter meinen Büchern und bei meinem Wein?«
Der Kleine dehnte sich behaglich und verschränkte die Hände über dem leicht ergrauten Haar.
»Ich bin es gewohnt, auf anderer Kosten zu leben,« versetzte er, indem er seelenruhig die Täfelung der Decke studierte, »nur fehlt mir hier, was auch die Nächte zum Kampf und die Tage vergnüglich und eilfertig macht.«
Es war die alte leichtblütige Weise, die sonst aus dem Lebenssturm des Störtebeckers gewiß Bündel von Blitz und Funken geweckt hätte. Heute aber zuckte er hoffärtig die Achseln. Und da er gerade vor der Pfanne mit brennendem Torf hielt, durch die der Raum erwärmt wurde, so streckte er die Hände über die Glut und murmelte in sich hinein:
»Speist du noch immer in den Brand und meinst, du wirst ihn löschen? Tor, segne du wenigstens meine Flamme, solange sie noch brennt.«
Noch nie hatte der Kleine von dem fortreitenden Menschen, über dem stets Erfüllung und Vollendung schwebten, einen Zweifel oder gar eine Klage vernommen. Deshalb wurde der Zwerg durch das unvermutet offenbarte Schwanken des selbstsicheren Führers so von Grund aus überrascht, daß er katzenhaft aufschnellte, um nun den Abgewandten in hoher Neugier zu durchdringen. Aber es war nicht die besorgte Teilnahme eines Freundes als weit eher die Spannung eines Alchimisten, der gefesselt und angelockt die Entwicklung seiner eigenen Künste abwartet.
»Ehernes Gefäß des Weltwillens,« sammelte er sich endlich, und seine hohe Knabenstimme tönte so sanft wie je zuvor, »verleugne nicht die wonnigste der Lehren deines Meisters. Was raunst du von Tropfen, wo doch nur ein schwellend Bad die Geister des Homo supra hominem –[[*]] erquicken kann? Mich dünkt, ich hätte läuten hören, die schöne Occa wolle dir dies edelste aller Elixiere reichen!?«
[[*]] Des Übermenschen. Ein Ausdruck des Seneca.
Jetzt rückte der Störtebecker die Glutpfanne geräuschvoll hin und her. Verdüstert, mit weit aufgerissenen Augen starrte er dabei in den Brand.
»Bleib mir mit den Kindereien vom Leibe, Heino,« forderte er heftig, »die Zeit kennt Höheres. Und doch – will's nicht verschwören, schaff mir den kecken Spatz ins Nest, und er soll eine weiche Daunenstatt finden.«
Geringschätzig bewegte er die Hand, man sah ihm an, daß er nicht zum Scherzen aufgelegt war. Der Magister verzog den weichen Mund:
»So zahm ist mein Büblein worden?« sank er verwundert und ein bißchen höhnisch zurück. »Wo mangelt's noch? Wollen sich die neuen Erdklöße von den Prometheushänden nicht formen lassen?«
Kaum war dem Zwerg der leichte Spott entglitten, da wandte sich der über das Feuer geduckte Admiral jählings herum. In dem geröteten Antlitz sprang eine Glut hin und wider, durch die dunklen Augenhöhlen fegte eine Brunst, daß der Kleine, der solch tiefen, zermarternden Ernst nie bei seinem Gefährten vermutet, den Atem anhielt.
Schwerfällig erhob sich der Störtebecker, und nachdem er nahe genug an das Ruhepolster geschritten, zog er den Magister mit einem Faustgriff in die Höhe. Auf den Knien lag nun der Wicht vor dem Riesen, und dieser umhüllte den strohblonden Schopf des Kleinen erst sanft mit beiden Händen, bevor er ihm, wie ein Knabe seinem Spielzeug, in zitternder Bewegung das unterste Geheimnis anvertraute:
»Heino,« wollte er flüstern, allein es klang scharf, gleich dem Ritzen eines Messers, das in hartem Gewebe auf Widerstand stößt, »der Lehm, aus dem die Brut werden sollte, ist schon vorher von rohen Fäusten verstümpert worden. Hält schwer, diese Masse zu kneten, wie wir es stets im Sinne trugen. Und dann – du folgst mir doch Freund? Du lächelst doch nicht? Ich würde dich erwürgen, wenn du jetzt grinsen könntest – dann – wo nehme ich das Messer her, das Beil, die Säge, damit ich dem einen jenes Haupt aufsetze, um das der andere höher ragt? Und die Füße und Hände, die ich abschneiden muß? Und die vielen Sehnen und Glieder? Höre, Heino,« und die schwarzen Sterne des Sprechenden erweiterten sich immer mehr zu großen glanzlosen Sonnen, die ihre eigene Farbe verzehrt hatten, »ich meinte, die Freude würde es wirken. Die Freude am gleichen Besitz, der Jubel über die Freiheit, sie könnten den alten Geist aus dem Raubtiergezücht austreiben. Den Rost aus ihren Seelen. Neue Menschen würden neuen Tag grüßen.« Er schüttelte das lockige Haupt und kam dabei dem Knienden so nahe, daß ihr Atem sich vermischte. »Dem ist nicht so,« sprach er unterdrückt. »Bald wird es sein. Bald. Aber jetzt noch nicht. Wir müssen warten. Diesen Winter noch! Diesen einen nur. Aber warten heißt die Straße des Todes. Mein Atem vereist mir auf diesem Weg. Ich mag nicht warten. Ich kann nicht lauern. Deshalb, Bereicherer meiner Jugend,« und die hohe Gestalt warf sich neben dem Winzigen nieder und umklammerte seinen Hals, »deshalb brauche ich Teilnahme, Unterstützung, ich muß an mich ziehen, was ich besitze – – – «
Und stürmischer als je folgte nun die Auseinandersetzung, die schon oftmals zwischen den beiden Freibeutern ohne Ergebnis zerronnen war. Heute aber warf sich der Admiral mit solch drängender Überredung auf seinen alten Gefährten, daß er dem Klugen, ohne es zu wollen, arglos die ganze Bitternis seines Suchens enthüllte.
Da vernahm es der Magister abermals.
Von Anfang an und besonders seit der Landung in Marienhaven hatte der Störtebecker das verwickelte Werk der Ansiedlung allein und selbstherrlich auf seine mächtigen Schultern geladen. Er kaufte das Land, er zahlte die Summen, und die Güter und Äcker vergab er nach eigenem Gutdünken. Keiner der Waffenbrüder fand sich bereit, auch nur ein Geringes der Lasten mit ihm zu teilen. Unter allerlei fadenscheinigen Ausflüchten – er sei kein Landmann oder das Rechnen laufe ihm zuwider, hatte selbst Heino Wichmann von vornherein sein Verbleiben auf dem Admiralschiff betrieben. Und von den anderen Führern genoß keiner ein genügend Ansehen, als daß ihnen der Riese ein Verständnis für die Möglichkeit neuer Werdestunde zugetraut hätte. Besonders dem fetten Wichbold nicht. Der lag indessen zum Glück, seit ihm der Störtebecker nach dem Brand von Bergen den Schädel so wuchtig zerschlagen, mit dick verbundenem Haupt in der Kajüte der »Goldenen Biene«, und sein Fluchen und Stöhnen quoll häufig widerlich aus dem Bauch des Schiffes hervor. So war es wohl auch nur einer der sprunghaften Einfälle des Zwerges, wenn er dem Störtebecker gelegentlich unter vieldeutigem Grinsen zutrug, man hätte den Kranken zur Nachtzeit auf heimlichen Pfaden über Land streichen sehen.
»Mag er,« pflegte dann der Riese kaltblütig zu entgegnen. »Mag er sich seinen Strick am Lande suchen. Darf meine Hände an dem Eitrigen nicht fürder beschmutzen. Aber du, Heino Wichmann, du,« so schloß der Glühende auch heute seine Werbung, und er streichelte dem Zwerglein brüderlich die langen gelben Haare, »hast einst das verschlossene Hirn des Fischerbuben aufgeriegelt, damit Hochmut und Glanz und dieses rasende Lauschen nach dem gleichen Schlag alles Lebendigen ihren Einzug halten konnten. Und jetzt? – Will mein Bruder, mein Freund, mein Lehrer dies wollüstige Fieber nicht mitfiebern? Will er, ein Hochgelahrter, den Blinden nicht erklären, was das für ein Licht sei, das jetzt auf ihren Schaufeln brennt? Ja, es auch mir ausdeuten, da es mich manchmal schier verwirrt und blendet?«
Wer hätte diesem von Schönheit und Anmut Gesegneten, dem auch die goldenen Bienen der Beredsamkeit ihren Honig auf die Lippen getragen, wer hätte ihm widerstehen können? Wahrlich, selbst dem Zwerg schien es schwer zu fallen, als er sich jetzt der Umstrickung des anderen geschmeidig entzog. Allein überlegt und abweisend schüttelte er dennoch das Haupt. Dann versetzte er kaltblütig:
»Nein, Büblein, kann dir nichts nützen. Bin ein Lump und bleib ein Lump. Bin halt eine von den Büchermotten, so ihr lebelang um das Wort herumkriechen. Kann's wohl aussinnen, aber von der Zunge bis zur Hand ist's weit. Pfui, und der Schweiß dünkt mich ein gar saurer Saft. Ja, wenn's dir gelingt, Bruderherz, dann will ich einen Panegyricus auf dich dichten, und wenn's dir zerbricht, dann beweise ich dir gleich darauf, wie man's besser hätte machen müssen. Zu was Edlerem tauge ich nicht und gräme mich nicht darüber.«
Es mußte etwas Ergötzliches in dieser schneidenden Selbstbeurteilung liegen, denn um die Lippen des Hörers kräuselte ein beifälliges Lächeln. Ungekränkt erhob sich der Störtebecker, reckte sich und schritt ein paarmal mit seinen weiten entschlossenen Schritten über den Teppich. Plötzlich blitzte es ihm von der Stirn. Er warf sich den Schafpelz um und forschte rasch:
»Erinnerst du dich, Heino, was der Pharao tat, als er die Hebräer fronen ließ?«
»Er bleute ihnen weidlich Rücken und Hinterteil, mein Liebling.«
»Aber aus Schweiß und Blut wuchsen dennoch die Pyramiden. Wir haben sie gesehen. Weht Ewigkeit um ihre Gipfel! In solcher Luft läßt sich's atmen. Will's ähnlich versuchen.«
Er drückte dem Strohblonden krampfhaft die Hand und sprang rasch die Treppe hinauf. Der Kleine aber warf sich aufs Polster, strampelte mit den Füßen und krähte wie ein Hahn.
In der Gegend der Brokeburg wurde gekämpft. Bei vorschreitendem Winter konnten die Freibeuter in ihren leichten, baufälligen Baracken Frost und Hunger nicht länger ertragen, und da ihre alte Gewohnheit sie auf Raub verwies, so rottete sich eine Schar unter dem hitzigen Iren Patrick O'Shallo zusammen, um den umwohnenden Friesen Mehl, Hühner und Feuerung mit Gewalt abzutrotzen. In einer Winternacht loderte Feuerschein am frostblauen Himmel, Waffen klirrten, das Gekreisch aus dem Schlaf gerissener Weiber mischte sich mit dem Brüllen des Viehs und dem Stöhnen Verwundeter, und erst die rasenden Streiche des halbbekleidet von der Burg herbeieilenden Admirals trieben die Verzweifelten auseinander. Dem wutschäumenden Iren aber hieb der Störtebecker selbst, nachdem er ihn gebunden in den Schloßhof geschafft, besinnungslos mit der Peitsche übers Gesicht, einmal, zweimal, und zwang den Blutenden darauf, seinen Raub bis aufs kleinste herauszugeben.
Allein, damit war der Streitfall, wie er gefürchtet, keineswegs aus der Welt geschafft. Denn als der Riese, aufgewühlt und vom Blutdunst umnebelt, an der Seite seines Licinius die dunklen Treppen hinauftastete, da wurde ihm von einem Knecht bedeutet, die Fölke lade ihn ungesäumt vor sich in den großen Saal.
»Pack dich,« knurrte der Störtebecker gereizt, indem er bedrohlich die Faust gegen den Wäppner stieß. »'s ist Schlafenszeit. Warum schnarcht die alte Hexe nicht?«
Da standen sie bereits vor der doppelt verbohlten Tür, und in einem Anfall höllischer Neugier sprengte sie der Störtebecker vollends auf. Lärmvoll, mit dem Striemer knallend, drang der aufgepeitschte Mann in den dunklen Saal. Nur eine einzige Fackel begann dort eben in ihrem Wandring notdürftig zu glimmen, wobei sie ein paar bläuliche Funken herabstreute. Dadurch ballten sich in dem unrastigen Raum ungeheuerliche Schatten zusammen, zuckten auf und warfen sich, wie in einer Gigantenschlacht, übereinander. Sobald aber der Schein die beiden Sessel auf der Estrade erreichte, dann entdeckte man in einem derselben eine weißgekleidete Frauengestalt, die einen blauen, mit Goldblech besäten Friesenmantel über sich geworfen hatte, um ihre Blöße zu decken.
Es war Occa, die erst seit Stunden bei ihrer Mutter zu Gast weilte und die sich nun mit der von ihr stets gegen den Seefahrer geübten Anmut verneigte.
Da begann dem Aufgeregten das Herz zu klopfen. Die zuckende Nacht, und in ihr das weiße Bild, sie raubten ihm jede Erinnerung an die eben erst verlassene Blutstätte des Aufruhrs.
»Hallo,« – preßte er sich heiser ab, »welche Holde ladet mich zu Zwiesprach? Wer bangt sich in dieser Einsamkeit?«
An der Seitenwand erhob sich ein schlurfendes Geräusch.
»Ich bin es,« polterte die rauhe Männerstimme der Fölke, und nun erst tauchte die graue Habichtsgestalt bei ihrer ruhelosen Wanderung im Fackellicht auf. »Was soll das einfältige Gescherze? Weißt du nicht, daß dein Raubgesindel unsere Verträge bricht? Weißt du nicht, daß es in den Gauen der Allena und Beninga genau so steht? He, Störtebecker, du vergißt wohl, daß ihr vogelfrei seid? Überall an den Küsten lassen die Dänin sowie die Hansen es austrommeln. Du hast dir wohl die Ohren verstopft? Ich werde dich wegjagen, verstehst du mich? – He, wer bist du eigentlich?«
Die Fäuste in die Seiten gestützt, die Beine gespreizt, bald das schweigsame Bild auf dem erhöhten Stuhl, bald den graurot gefiederten Habicht musternd, so hatte der Riese bis dahin hohnvoll gelauscht. Jetzt aber riß er die Fackel aus ihrem Ring, schwang sie um sein Haupt und zerrte sie dann der Fölke bis dicht vor das blutlose Antlitz. Schmerzend begannen der Quade die rotentzündeten Augen zu träufeln, voll ohnmächtigem Grimm hielt sie dem Schuimer stand.
»Wer ich bin?« lärmte dieser nun, daß der Schall von einer Ecke in die andere flog. »Dein Herr bin ich, Weib. Gib genau acht. Glaubst du, daß du ohne meinen Willen lebend aus deinem Modernest ausflattern könntest? Schau meine Fäuste, sie haben schon andere Vögel gerupft. Ein Wink an den Wichmann, und unsere Lederschlangen würden dir überdies ein Grabmal türmen, wie es die Semiramis zu Babylon kaum gefunden.«
Die Quade sog Atem, sie wollte von neuem zustoßen, der Störtebecker jedoch klopfte ihr bereits mit der freien Hand begütigend die Wange, was ihren kämpfenden Aufruhr nur noch mehr verstärkte.
»Sei ruhig, Huldreiche,« nickte er gelassen, »du weißt, ich schätze dich, und wer kann bestimmen, wie nahe wir uns einst noch treten werden?« Er streifte dabei die weiße Gestalt in dem Stuhl, die sich nicht rührte, und fuhr aufgeräumt fort: »Nun aber meine Taube, rate ich dir, picke gutwillig die goldenen Körner, die ich deinem Hunger streuen will. Werden doch dreißig Pfund Goldes dein Ungemach, wie das deiner Untertanen in eitel Freude kehren.«
Dicht an der Tür lehnte Licinius und seufzte. Er allein wußte, wie bedrohlich bereits der ehemals so stattliche Schatz der Freibeuter zusammenschmolz. Die Fölke aber wurde bei diesem Vorschlag durch Zorn und Habgier nach zwei Seiten gerissen. Feindselig reckte sie, zu neuem Streit entschlossen, ihr spitzes Kinn, zu gleicher Zeit jedoch griffen ihre dürren Finger bereits nach dem in Aussicht Gestellten, während ihre Augen in Rabenlüsternheit funkelten.
»Abgemacht,« besiegte endlich der Admiral ihr hartnäckig Schweigen. »Licinius mag noch zehn Pfund Silbers dazu tun. Was liegt daran? Und nun, komm Traute, betrüge den Schlaf nicht fürder um seine Rechte, sondern schmücke ihm das Lager.«
Lachend wandte sich der Freibeuter und reichte seinem Knaben die Fackel, damit er ihnen voranleuchte. Die Fölke freilich ließ nichts von Besänftigung spüren. Fröstelnd zerrte sie ihren grauen Flausch um sich zusammen und rief hart hinter dem Abgehenden her: »Es ist das letztemal.«
Dann entwich sie durch ein Seitenpförtlein.
Die anderen stiegen mehrere Treppen in die Höhe und trennten sich endlich auf einem langen, sich schlängelnden Gang. Als der Störtebecker zum Abschied nach Occas Hand greifen wollte, war die Leichtfüßige bereits in ihre Kammer geschlüpft. Auch Licinius entfernte sich, nachdem er dem Gebieter bis an die Schwelle seines Gemaches geleuchtet. Müde entschwebte hinter der Wendung des Ganges allmählich der Fackelschein.
Da reckte sich der Störtebecker und lauschte noch einmal zurück. Ihm war es, als ob eine warme, fröhliche Stimme seinen Namen gerufen. Einen heißen, kecken, begehrlichen Laut. Sollte ihn das Summen seines eigenen Blutes geäfft haben, oder – –?
Gespannt, blutwitternd wie ein Raubtier, schlich der Riese auf Zehen bis dahin, wo er Occa verlassen. Ein Druck gegen die schwere Bohlentür, sie gab nach. Aber siehe da – durch die Dicke der Mauer von dem Holzwerk getrennt, wurde der Raum noch durch eine Reihe sich kreuzender Eisenstangen verschlossen, die wohl einen Durchblick gestatteten, aber jeden unwillkommenen Besuch zurückhielten. Erstaunt beugte sich der Störtebecker vor. Mitten in der kahlen Schlafkammer, nur spärlich von einem niedrigen Öllämpchen erhellt, fand der unruhige Blick des Seefahrers sofort jene weiße Gestalt, die ihn hierher gelockt. Sie hatte den Mantel abgeworfen, und ihre Arme schimmerten den Strahl der Leuchte in einem unbestimmten seidigen Glanze wieder. Ein seltsames Lächeln, halb bänglich, halb voll Neugier, lief um den Mund der Einsamen, als sie nun verfolgte, wie der Eindringling ohne ein weiteres Wort zu verlieren, Schulter und Fäuste zwischen die Stangen stemmte, nur von dem einen fast selbstverständlichen Trieb beherrscht, die Sperre zu zerbrechen. Wer durfte sich auch anmaßen, Riegel und Schlösser gegen den Beschluß dieses Erderschütterers drängen zu wollen, der in seinen besten Stunden noch immer überzeugt war, daß er das Weltenschicksal auf gestrafften Armen zu den Menschen schleppe? Und jetzt? Occa stieß einen unterdrückten Schrei aus. Wirklich, das Eisen bog sich, das Keuchen des Gewalttätigen ging in ein Stöhnen über, aber im gleichen Augenblick sanken ihm auch die Fäuste wie abgeschnitten herab, und übersiedet von der Scham der Ergebnislosigkeit, preßte er sein Antlitz gegen das Gitter, um wutgeschüttelt hindurch zu flüstern:
»Was wolltest du von mir, du, du – –?«
»Ich?« Da zuckte Occa schon wieder beruhigt die Achseln. »Was hätte ich mit dir zu schaffen?« gab sie aufreizend zurück. »Begib dich sittsam von hinnen, oder bei meiner von dir mißachteten Ehre, ich werde den Burgsassen deine Schwäche zeigen.«
Toll gemacht, führte der Störtebecker noch einen dröhnenden Hieb gegen das Eisen, aber da sich nichts als ein Summen vernehmen ließ, so versuchte es der Frauenfänger noch einmal mit List.
»Reiche mir nur ein wenig deine Hand,« schmeichelte er.
Doch auch diese Bitte fruchtete nichts, denn Occa schüttelte, ohne sich von der Stelle zu rühren, ihr schmales Haupt.
»Du Geck,« sprach sie mitleidslos, »meinst du wirklich, eine Fürstentochter beuge sich vor solchem Bettlerkönig?«
»Was sagst du?« taumelte der Schuimer erblaßt zurück, und jetzt bückte er sich und versuchte, Schaum vor den Lippen, die nahe Vergeltung bereits vor den glühenden Augen, das ganze Gestell aus den Angeln zu heben.
Ein langes rostiges Ächzen wurde hörbar. Allein die Broketochter sprach ohne Zögern weiter:
»Ja, wenn du noch ein Meerfürst wärest, wie ehemals – – «
»Was dann?« rang der Einbrecher nach Luft.
Anfeuernd redete die weiße Gestalt zu dem Knienden fort: »Wenn du ferner von deiner sündhaften, widergöttlichen Armeleute-Tollheit ablassen, dafür aber deine Macht gebrauchen würdest, um all die kleinen Tyrannen hier zu unterjochen – «
»Was dann?« stöhnte der Störtebecker, dem die Brust zersprang.
»Ich weiß es nicht,« hielt das Weib listig inne, »ich kenne die Zukunft nicht, wie mein Eheherr,« fügte es lächelnd hinzu.
Ganz nahe war sie an das Gitter gelangt, den Knienden durchschlug die Einbildung, ein paar huschende Finger hätten sein Gelock gestreift. Als er jedoch, zum Fang entschlossen, emporschnellte, da entdeckte er nur, wie Occa, nachdem sie das Lämpchen ergriffen, ohne sich umzuwenden, in ihrer Schlafkammer verschwand. Sorgsam hörte er sie noch den Schlüssel drehen.
Tiefe Nacht waltete um ihn. Sie kochte, sie brodelte, gleich einem Kessel, in den seine Gedanken geworfen waren. Er schrie nicht, er tobte nicht, er tat vielmehr etwas, was er sein Lebtag nicht getan – er erschlaffte. Beide Hände schlug er vor das Gesicht und sprach laut durch den hallenden Gang:
»Soll ich der einzig Sehende unter lauter Blinden sein? Es gelingt mir nichts mehr. Es zerbricht mir alles unter den Händen. Ich laufe nur meine Bahn, weil mich ein Wind treibt.«
Leer, ernüchtert, schweren Schrittes strebte er seiner Ruhestätte entgegen. Und ihm fiel nicht einmal auf, wie hinter der Windung des Ganges noch immer ein dünner Lichtschimmer über die Fliesen rann und daß sein innerstes Bekenntnis nicht nur an fühllose Mauern verschwendet war. Kaum ein paar Schritte von dem Müden entfernt, dicht hinter der Kehrung, da verweilte Licinius noch immer mitten im Gang. Mit der einen Hand stützte er sich mühsam an der feuchtkalten Wand, während die andere die schwankende Fackel von sich streckte. Etwas Gestaltloses, Schreckenverbreitendes mußte vor ihm aufgestiegen sein, denn der Knabe zitterte am ganzen Leibe, und ein Schwindel ließ ihn am Boden festhaften, als müsse ihn jeder weitere Schritt in einen Abgrund stürzen.
[IV.]
Die Zeit verbrauste wie Wein in einem Becher!
Noch einmal leuchtete sein sprichwörtliches, sein Hexenglück über dem Störtebecker, und die Mannschaften raunten, der Claus habe wieder Rats mit dem grauen Männchen gepflogen. Ein Sommersegen vergüldete die Fluren des Brokmerlandes, dergleichen auch die Eingeborenen selten gekannt, und selbst auf den ohne große Kenntnis und nur oberflächlich bestellten Äckern der Ansiedler sproßte, dünn zwar, aber doch trächtig, die neue Halmfrucht, als hätte ein unterirdisch Feuer ihre Wurzeln erwärmt. Dennoch wurden die Kolonisten der sichtbaren Hoffnung nicht froh. Aus Überfluß und Völlerei waren sie gekommen, freies, wildes Schwärmen auf dem Meer hatte ihnen leichten Erwerb gesichert und dazu noch die grausame Lust der Vergeltung an jenen Seßhaften, im bürgerlichen Recht Wohnenden, von denen sie glaubten, daß ihr angemaßtes Wohlergehen nur aus einer schweren Versündigung gegen die Armen und Unterdrückten herrühre. Und nun? Draußen hatte man Abwechslung genossen, das wilde Behagen an der rächenden Kraft, den täglich lärmenden Triumph, Keller und Truhen jener Genießer zu leeren, die früher das murrende Begehren der Dunklen und Namenlosen mit Hungertürmen und Folter beantwortet hatten. Solch rasendes Glück schenkten die Wogen. Und nun? Was erwartete die aus aller Sitte Gelösten auf den Fluren? Gott verdamme die hirnverbrannte Schwärmerei eines Tobsüchtigen, auf dem Lande ruhte nun einmal der Fluch. Was hatte man eingetauscht?
»Still – still,« zischelte der Ire Patrick O'Shallo einer Rotte von Schnittern zu, mit denen er verdrossen in einer Bodensenkung feierte, denn die Ungeübten hatten ihre Sensen zu tief in Steine und Härten des Ackers geschlagen, so daß das Werkzeug wieder einmal schartig und unbrauchbar geworden war. »Ich rate euch, laßt die herumschnüffelnde Buhldirne, das Manns-Weibsbild nichts merken. Ist ebenso besessen wie der wahnwitzige Claus. Aber sagt einmal, wozu sitzen wir hier und ersaufen im Schweiß? Was haben wir eingetauscht? Ist der Störtebecker nicht unser Zwingherr, wie keiner je vorher war? Fährt er nicht wie eine Geißel im Lande umher, schlägt er uns nicht die Buckel blutig und nötigt uns zur Fron, bis uns die Knochen krachen? Wer hat ihm die Gewalt dazu verliehen? He? Habt ihr ihm etwa die Peitsche zu solchem Dienst geflochten? He?«
»Mag ihn nit leiden,« murrte ein Fränkischer, der dem beginnenden Bauernmorden in seiner Heimat knapp entwischt war, aber das unselige Gepäck des heimlich schwelenden Aufruhrs noch immer auf verkrümmtem Rücken mit sich schleppte. »Wozu sollen wir den Zehnten steuern wie daheim? Sagt, er wolle unseren Kindern dafür neue Güter eintauschen. Wolle sich allmählich über die Erde verbreiten. Ha, ja, Kindermärle.«
»Die Schwarzröhren geben kein Lot Erde mehr hin,« schrien andere.
Als die künftige Nachkommenschaft erwähnt wurde, wallte dem Iren das Blut stoßweise in die Stirn, halb irrsinnig sprang er auf und hieb mit der Sense durch die heiße Luft, wie wenn er einen nahen Bedränger köpfen müsse.
»Schaut hin,« zeterte er, »liegen vor uns die Schiffe. So nah, so nah! Wollen wir warten, bis der Bluthund etwa uns alle eingeschaufelt hat? Weiß einen, der's uns besser schaffen könnt.« Er sah sich geheimnisvoll um. »War der dicke Wichbold erst jüngst verwichene Nacht bei mir. Ist einer von uns. Und der rät – «
»Sieh dich für,« warnte ein unterdrückter Ruf.
Erschreckt hoben die Schnitter ihre Häupter über die Erdsenkung. Dumpfer Hufschlag polterte über die Heide, zwei Reiter, der Störtebecker und sein Knabe, sprengten barhäuptig heran.
»Was faulenzt ihr hier, ihr lästerlich Volk?« rief Claus, sein Roß dicht vor dem Abfall an sich reißend, und seine schwarzen Augen sprühten ein böses Feuer. »Schämt ihr euch nicht vor den Fleißigen? Hört ihr nicht, wie die Äcker mit unzähligen Stimmen nach uns rufen? Braucht ihr stets den Striemer gleich den Stieren? – Will's euch lehren!«
Sausend fuhren die Lederriemen umher, den Franken traf's klatschend auf den vorzeitig gekrümmten Rücken. Verängstigt, gebändigt stoben die Schnitter nach allen Seiten auseinander.
Die beiden Reiter aber flogen weiter, ausgeschickten Gedanken gleich, die sich einer Welt mitteilen wollten.
Lind und versonnen ging der Abend über Land. Zu seinen Füßen glitzerte das Abbild der Sterne in den Moorlachen.
Um diese Stunde saß der Hebräer Isaak an seinem Herd und briet sich über dem Rost ein Stück von einer Hammellende. Während seiner ruhvollen Arbeit sang der Graulockige in tiefen Kehllauten eines jener fremdartigen, schmerzensreichen Lieder, in denen sein flüchtiger Stamm seine Sehnsucht nach den Zelten, Herden und Weinbergen längst versunkener Heimat klagt. Ab und zu aber lehnte der Sänger auch an der offenen Tür, und dann schien sein befriedigter Blick die wohlige Ruhe dieses schlummernden Bodens zu segnen.
Das Glück eines Seßhaften hing über ihm.
Da löste sich eine Gestalt aus dem Tor der Nacht. Die trat zögernd auf die Schwelle. Erst als der Fremde sich aufrichtete, erkannte der Jude das zuckende Antlitz seines Nachbarn Patrick O'Shallo.
»Ho,« rief Isaak verwundert, »was bringst du, Freund?«
Doch den anderen schien die Antwort zu bedrücken, verwirrt schielte er in die Ecken der vom Herdfeuer sprunghaft überglänzten Hütte.
»Der Geruch des Fleisches lockt mich,« entschloß er sich endlich, »hab' den Knurrhahn von Magen heut wieder nicht füttern können. Der da« – und er zeigte durch die Dunkelheit nach der fernen Brokeburg – »sprengte uns wieder bis in die Nacht in den Feldern herum.«
Der Jude überhörte den Vorwurf.
»Dann sitz nieder,« lud er den Brütenden ein, »und sei mein Gast.«
Der Ire murmelte etwas, was aber kaum einem Dank glich, und nachdem er sich auf einen Schemel hatte fallen lassen, verschlang er gierig das Fleischstück.
»Wie kommst du zu dem Bissen?« fragte er kauend und mit niedergeschlagenen Augen.
»Hab' es eingetauscht,« schmunzelte der Hebräer, am Herd hantierend. »Gegen Eier von meinem Hühnervolk.«
»Und wie kamst du zu den vielen Hühnern?« drängte Patrick weiter, indem er ein Beben überwand.
Der Jude strich befriedigt den grauen Sprenkelbart, sein sichtbares Gedeihen ließ ihn die sonst geübte Zurückhaltung vergessen.
»Hab' sie gleichfalls eingehandelt von der Brokeburg gegen Anis und Leinsamen aus meinem Würzgärtlein. Man kennt hierzuland die Kräuterzucht nur übel. – Aber nun iß, Freund,« setzte er hinzu, als er die Augen seines Genossen grünglimmend auf sich gerichtet fühlte. Unwillkürlich ergriff er einen Holzspan und schürte ihn auf dem Herde, damit es heller würde.
Gequält sah sich der Ire um, er rückte hin und her, als ob er am liebsten von dannen stürzen möchte.
»Was ist dir?« erkundigte sich Isaak aufmerksam werdend.
In diesem Augenblick drang erst ein Schnaufen und dann ein markiges Brüllen aus dem nahen Stall herüber. Die Wände der Hütte zitterten davon. Da wurde Patrick O'Shallo noch bleicher als bisher.
»Sind das die Stiere?« stammelte er, unfähig seinen Aufruhr noch länger zu beherrschen. »Sind sie von dem Zugvieh, das man auf der Brokeburg für uns gekauft hat, damit wir unser Korn in das Dreschlager schaffen?«
Fast bettelnd hob er seine Hand, denn der Verstörte wollte von sich abhalten, was ihm das zerfressene Gemüt noch ärger vergiften könnte.
Und jetzt begriff auch der Hebräer den Zustand seines Gefährten. Kurz und verschlossen suchte er den bösen Sinn des Iren von sich abzulenken.
»Laß gut sein,« beruhigte er, indem er abgewandt in einem Breikessel herumrührte, »man lieh mir die Tiere vor euch anderen, weil meine Garben lange gebunden liegen und weil meine Ernte wider Erwarten reichlich ausfiel.«
»Und meine armseligen Büschel versengen und verdorren derweil. Hab' denselben Boden wie du, kann aber nichts rauswirtschaften. Sogar, wenn ich wollte.«
In die Augen des Burschen drang wieder jenes merkwürdige Schielen. Angewidert schleuderte er einen Knochen, an dem er noch nagte, in die Ecke.
»Wirst eine wohlgefüllte Scheuer haben, wenn erst die Gazelle des Morgenlandes in dein fruchtbar Bett geschlüpft ist,« holte er wie in einem heiseren Schluchzen aus sich heraus, »wann wird's sein, du maienblütiger Bräutigam?«
»Was ficht's dich an?« schnitt der Jude verdrossen ab und sah nach der Tür. »Dank dem Großen auf der Brokeburg ist jeder Herr in seinen vier Pfählen. Kann tun und lassen, was mir beliebt.«
Jetzt sprang Patrick auf und griff sich an die Kehle, um sich wenigstens einen einzigen Atemzug zu schaffen. Ein verstörtes wahnwitziges Gelächter warf er aus:
»Recht – recht, sind Freie. Unter Peitsche und Stockprügel, Freie. Heißa, geht uns wohl im gelobten Land. Hab' Dank, Isaak, daß du mich daran erinnerst. Man soll's nie vergessen. Nie. Hab' Dank.«
Damit sprang der Gereizte aus der Tür. Sein Wirt wollte ihm die Hand reichen, der Ire aber war schon halsüber in den sich hebenden Nebeln verschwunden.
Kopfschüttelnd legte der Hebräer beide Querbalken vor den geschlossenen Eingang.
Bis zum Morgengrauen kletterte die Flamme den blassen Sternen entgegen, dann war die Hütte ein Aschenhaufe, und der Frühwind fegte verkohlten Staub über die verloderten Reste der Garben. Gerippe von Mensch und Tier zerfielen in den mütterlichen Boden.
An der Spitze einer Schar von Ansiedlern, die den Tollwütigen, mit seiner Tat Prahlenden eingefangen, eilte Licinius, stumm, in innerster Seele zerrüttet, vor denjenigen, der die Geschicke so vieler Sterblicher zu ordnen sich unterfangen hatte.
Eine rote Frühsonne hatte sich eben aus den Farbenstrudeln des Meeres gelöst und überglühte nun den Burghof sowie den Wipfel einer mächtigen Linde mit tiefem, mildem Feuer. Auch um die Stirn des Störtebecker legte sie einen blutigen Reif, denn Claus saß auf der den Baumstamm umgürtenden Steinbank, hatte beide Ellenbogen auf die rohe Tischplatte gestützt, und nun prüfte er ungläubig, fremd, verständnislos die schwarzen Bänder sowie das schwarze Siegel einer Briefrolle, die ihn auf unerklärliche Weise auf dieser Platte erwartet hatte. Niemand wollte sie gebracht haben, keiner wußte etwas von der Botschaft. Je öfter jedoch der Riese die wenigen ungeschickt geschriebenen Worte des Sendschreibens überflog, desto heftiger wallte ihm das Herz, und desto stürmischer wurde sein Wille zerrissen.
Da stand mit den großen, wohlbekannten Buchstaben des Gödeke Michael:
»Mein Bruder!
Hätte schwerlich vermeint, ich würde Dich jemals brauchen. Steht aber übel um mein Sach. Hamburger und Dänen, bei denen mir alleweil eine gar fette Rechnung angekreidet, halten mich itzt in der Helgoländer Bucht umzingelt, so eng, daß auch nicht ein Mäuslein aus meinen Schiffen entspringen mag. Leiden zudem Hunger, und der Durst plagt uns. Darum Claus, so Dir noch das Herz für die alten Freunde schlägt, zögere nicht und tu, was du kannst. Ist ein gar bös Ding, wenn später die Reu quält. Geht hier eben um Leben und Tod und doch auch um die Sach' des gemeinen Mannes. Und ist mir der Sperling in der Hand noch immer lieber als die Taube auf dem Dach. Bedenke dies wohl, mein Bruder, zumeist aber, daß wir Rächer nur ein Kostbares hüten, die Treue wider einander.
Geschrieben auf der fliegenden Burg zu Mariä Himmelfahrt.
Gödeke Michael.«
Einen hallenden Schrei stieß der Admiral aus, nachdem er endlich seiner merkwürdigen Betäubung entrissen, den ganzen Ernst dieses Schicksalsrufes ermessen hatte. Geschnellt flog er empor und warf ohne Bedenken die Rechte gegen die abgetakelten Schiffe im Hafen, als vermöchte sein herrischer Wink allein jene Herde um sich zu sammeln, die Schar Wildvögel, mit denen er ungesäumt davonstoßen wollte, zu Rettung, zu Hilfe. Allein noch während der Wendung seines Hauptes verstrickte sich sein Blick mit der rot angestrahlten Ebene, auf der sich eben das Menschenwirken, die Arbeit zu regen begann, die er selbst zwischen die ungern empfangenden Schollen gesenkt. Jetzt sproßte sie, unwillig zwar und widerstrebend, nur seinem harten, zugleich mitleidigen und mitleidslosen Willen gehorchend, zum Licht. Schwer sank ihm der eben erhobene Arm herab, denn die Gedanken dieses Mächtigen fielen sich gegenseitig an, ein inneres Streiten und Ringen erhob sich, zu auflösend und vernichtend, um in der Brust auch eines eisernen Mannes ausgefochten zu werden. Unter einem schmerzlichen Stöhnen griff er sich an das Lederwams und schob es hin und her.
Einen Ausweg – einen Ausweg!
»Freund, Bruder, Wohltäter,« hörte er, von sich losgelöst, seine Stimme über das trennende Meer rufen. »Bist ja ein Teil von mir selbst, kann dich nicht missen, darf nicht dulden, daß die Ungraden und Schelme deiner Mannheit die Wage aus der Hand schlagen. Bei allem, was uns heilig dünkt, kannst auf mich zählen, Gödeke, denn ich will dreinfahren, wuchtig, fröhlich, wie du's mich gelehrt hast.«
All dies beteuerte der Claus von ehemals, der noch nicht gebunden war an eine verpflichtende Aufgabe, sondern durch die Welt geweht wurde, wohin ihn Wind oder Zufall gerade schlugen. Aber in jenes heiße Gelübde jauchzte auch die erlöste Begeisterung der dort unten auf dem rauhen Boden Fronenden hinein, die er erwählt hatte, um das bejahrte Erdenleid für sich und künftige Geschlechter einzuschaufeln, erwählt, obwohl sie in ihrer Dumpfheit, wie er wohl wußte, nichts Köstlicheres ersehnten, als Pflug und Hacke fortschleudern zu dürfen, um ihr altes Streiferdasein neu zu beginnen.
Wie, wenn er sie selbst auf die gefährlichen Planken führte? Eins blieb gewiß, niemals mehr würde er dann die Unbändigen auf jene verlassenen Äcker der Mühe und Plage lenken können, halbvollendet blieb das Bild, das er mit Blut und Erde gemalt, zermürben würde es und vergilben und den Beschauern allmählich ein Abscheu sein. Und der Befehlshaber, dessen Entschlußkraft sprichwörtlich war, umklammerte den Stamm der Linde und versuchte ihn mit seiner mächtigen Kraft zu schütteln, als vermöchte die Krone guten Rat herabzustreuen.
Einen Ausweg – einen Ausweg!
Da zog die Schar der Ansiedler gerade in den Burghof, und der Hinstarrende erkannte, wie ein wüster, beschmutzter Bursch in ihrer Mitte geführt wurde, die Hände gebunden, und die spitzen Augen frech, unbotmäßig und voller Auflehnung gegen den Einsamen unter dem Baum gerichtet.
Schwer, wie gezogen, ließ sich der Admiral bei dem Anblick auf die Steinbank nieder. Die anderen traten vor ihn. Allen voran Licinius, der sich matt, verstört, flügellahm vor dem Gebieter niederwarf. Ratlosigkeit sprach sich in der befremdlichen Gebärde aus, doch auch das unerschütterlich Gemeinsame ihres glücksuchenden Fluges.
Jetzt waren sie beide zur Erde gestürzt. Den Störtebecker zwar erquickte die Berührung, denn nur von dieser Welt erpreßte er alle seine Freuden. Besonnen stopfte er das Pergament in sein Wams, und es war ein eigenes, unheilverkündendes Lächeln, das sein Gesicht veränderte, als Licinius endlich seinen Bericht mit der Klage vollendete:
»Herr, so hat denn der alte Fluch auch dein Reich der Brüder getroffen. Kain hat Abel erschlagen.«
»Warum tatest du das?« fragte Claus, nachdem man den Iren bis dicht an den Sitz des Admirals geschleppt hatte, und seine heisere, fast flüsternde Stimme erregte den Hörern ein viel nachhaltigeres Grauen, als wenn der Gefürchtete getobt und gewütet hätte. »Sage mir, warum tatest du das, Patrick? Eignete dir nicht ebensoviel Land wie jedem deiner Gefährten? Erhieltest du nicht dasselbe Werkzeug, die gleiche Nahrung? Gab ich dir nicht alles, was du brauchtest?«
»Du?« gellte der Ire und schlug sich mit den gefesselten Händen vor die Stirn. Jetzt schon erkannte man, daß die Flammen, die er entzündet, in seinem eigenen Hirn weiter knisterten und daß es grünliche Funken des Wahnwitzes seien, die er von sich sprühte. »Du hier in deinem Schloß? Du in Samt und Seide? Bei Buhldirnen und Völlerei? Du? Du? Möchtest du nicht ein Fürst sein? Hast dir die Tollheit nicht allein zu dem Zwecke ausgeklügelt, damit aus unserer Haut ein Purpurmantel für dich geschneidert würde? Du Vaterlos – du Fischerbastard, du geißelst uns die Rücken blutig, damit unser Schweiß für dich Wein werde!? Sag, wann hast du jemals selbst die Hacke zur Hand genommen, gesenst oder den Pflug geführt? Weißt du, was Hunger und Frost ist? Und vor allen Dingen laß doch vernehmen, warum du nicht tagaus, tagein in unseren Reihen stehst, um all die Freuden deiner Gaukelei am eigenen Leib zu spüren?«
»Halt ein!« stammelte der Knabe, der noch immer auf den Knien lag.
Darauf der Störtebecker, indem er sich leichenblaß an den Tisch klammerte:
»Offenbare mir, warum du deinen Nachbarn verdarbst? Sann er dir Übles?«
»Nein.«
»Beeinträchtigte er dich in deinem Erwerb?«
»Nein.«
»Patrick O'Shallo, deine Zeit währt nur noch kurz. Warum tötetest du ihn also?«
Schon bei den letzten Worten war in den Übeltäter eine seltsam zuckende Beweglichkeit geraten, alle Glieder fuhren ihm durcheinander, ein Krampf schien ihm die Knie zu schütteln, und es war ein völlig Sinnloser, der nun die gebundenen Fäuste über sein Haupt schleuderte, während er unter seinen Gefährten herumsprang, als wolle er sie zum letzten äußersten Widerstand aufreizen.
»Warum? – warum?« schrillte er. »Soll es hören, das Cläuslein, weil er ein Betrüger ist, ein Wortefärber, ein Leuteschinder, ein prassender Totengräber. Wollte er uns nicht Zufriedenheit vom Himmel holen? Neidlos Glück?« – Er sprang dicht vor den Seefahrer hin. »Reiß mich doch auf, du Schelm, und sieh zu, wie meine Galle vor Neid siedet. Armseliger Wicht, wes hast du dich vermessen!? Kannst du vielleicht für den einen regnen lassen, wenn der andere Sonnenschein braucht? Kannst du mir den Schachergeist Isaaks geben und seinen listigen Verstand? Kannst du mir meinen Hunger teilen, wenn er doppelt so groß ist als der meines Nachbarn? Du Gaukler, du Bösewicht, du selbstzufriedener Narr, du möchtest uns deinem Wahn zuliebe schnitzen, wie aus Holz, und wir sind Menschen – Menschen – Menschen.«
Rings im Kreise war es so still geworden, daß man die welken Blätter der Linde zur Erde fallen hörte. Auf den Gesichtern der Ansiedler stand tiefer, gefurchter Ernst. Doch auch der Störtebecker rührte sich nicht. Hölzern, gelb, leblos saß er auf der Bank, und nur einmal tastete er unter sein Lederwams, um das Schreiben des Gödeke Michael noch sicherer zu verbergen. Rote Schwärze hatte sich vor den Augen des Hellsichtigen geballt, er wußte jetzt in seiner Nacht, daß er den Freund verlassen müsse, den einen, den besten, um dieser vielen, treulosen, unmündigen willen.
Gequält, atemberaubt fuhr er mit der Linken gegen seine Kehle, die Rechte hob sich und deutete starr über sich auf die starken Äste des Baumes.
Was wollte er?
Keiner verstand ihn. Das Schweigen löste sich nicht. Der Störtebecker deutete abermals in seiner unnatürlichen Ruhe. Aber als auch diesmal die Lähmung von den Männern nicht weichen wollte, da streckte sich der Anführer zu seiner vollen Höhe und bog selbst einen der Äste herab.
»Versteht ihr mich nicht?« drohte er noch einmal mit seinem furchtbaren Ernst, und jetzt entstand ein wirres Getümmel; Angst, Grauen, Widerspruch stießen den Schwarm enger zusammen, bebende Hände regten sich, ein Strick wurde über den Ast geschleudert, eine Schlinge schwankte über einem einzigen, schweißnassen Haupt, und mitten aus diesem Tumult quirlte die heiße, in Todesangst schon brechende Stimme auf, die noch einmal, als dürfe sie nichts mehr versäumen, all ihren irrsinnigen Haß, lechzend, überstürzt in die vier Winde hinausheulte:
»Wer ist der Gleisner falschester? Dort steht er, der die Armen zur Schindarbeit verdammt. Der uns einredet, daß ein Kuhmist dem Gold ähnlich werden könnt'. Der die Elenden und Schwachen durch Lug und Vorspiegelung in Verzweiflung stürzt. Der uns nichts gab, sondern uns noch obendrein die Freiheit stahl. Aber dem Teufel sei Dank, dein Sturz ist nahe, du Störtebecker. Der Böse hält dich schon am Bein, der Henker schwingt bereits das Schwert über deinem Hals. – Fahr zur Hölle, du Fluch der Menschheit – Fluch deiner Todesstunde – Fluch – «
Die Verwünschung erstickte, die Glieder des Iren wurden lang, sein Körper entschwebte in grünes Laub.
Den ohnmächtigen Licinius trug der Störtebecker schützend von dannen.
Seitdem wanderte der Aufruhr barhäuptig und offen unter den Ansiedlern umher. Blutig entlud er sich zuerst vor den Dreschscheunen, als man das Getreide den einzelnen je nach ihrer Leistung abwiegen wollte. Wie kam Wulf Wulflam dazu, zwanzig Säcke von dannen zu fahren, während man dem Steuermann Lüdeke Roloff nur sieben auflud? Sollte der zähneknirschende Tänzer etwa dafür büßen, weil sein Gebiet vom Meerwasser durchsalzen war und jeder Pflug an dem scharfen Geröll schartig wurde? Fäuste ballten sich, Knüttel wurden geschwungen, wie wilde Tiere fuhren sich die Männer gegenseitig an die Kehlen, und die allgemeine Auflösung wurde nur dadurch verhindert, daß ein noch gewaltigerer Feind als Neid und Habgier den wütenden Bruderzwist unterbrach.
Das Meer!
Schon oft hatte der kundige Landwirt Propst Hisko van Emden während gemeinsamer Feldstreifen auf die breiten Deiche hingewiesen, die er und seine Landsleute zum Schutz der Fluren in harter Arbeit aufgeworfen. Die eben erst gewonnenen Landstrecken der Ansiedler dagegen lagen dem Anprall der Wasser hemmungslos ausgesetzt, und eines Nachts, da heulte der Nordost sein schaurig gefräßiges Kampflied, in wilden Sätzen fuhren weißmähnige Wölfe über die Ebene, die zerrissen und verschlangen, was sich ihnen entgegenwarf, und aus den von ihnen umstellten Hütten, aus Arbeitsruhe und versunkenem Schlaf gellten Angst und Entsetzen zu einem einzigen Schrei zerrütteter Bestürzung zusammen. Am nächsten Morgen, da sich der erste bleierne Schein aus der Düsternis stahl, da ruhten die Äcker unter Schlamm begraben, Tangbündel verwesten, wo eben noch Frucht geblüht, und Muscheln, Geröll und faulende Fische sproßten statt ihrer auf den zerstrudelten Schollen.
Jetzt galt es den Menschenarm gegen die Brust des Elementes zu stoßen, um neuen Einbruch zu verhüten. Mit einer Schar von Knechten, an der Seite seines Licinius, ritt der Störtebecker durch das Land, von Hütte zu Hütte, von Hof zu Hof, und ob ihn auch überall ergrimmtes Schweigen und gefaltete Stirnen empfingen, die Gegenwart und der einschüchternde Anblick des Gefürchteten und nicht zuletzt die noch nicht gänzlich abgebröckelte Gewohnheit, in diesem schönen Menschenbilde den Träger ihrer Hoffnungen zu sehen, sie veranlaßte die Männer zu einer letzten verzweifelten Gefolgschaft. Noch einmal vermochte sein Ruf in das Ameisengewimmel Plan und Ordnung zu bringen. Schaufeln wurden geschultert, hoch mit Erdmassen beladene Wagen knirschten ihre Spuren durch die schlechten Wege, Bohlen und Holzschwellen wurden behauen, um auf wunden Schultern an die Küste geschleppt zu werden, und der Grenzstrich zwischen Tag und Nacht verschwand auf einen kurzen, grimmig lachenden Wink des Admirals, wie von selbst aus dem Bewußtsein der hungernden, frierenden und verbissen schaffenden Werkleute.
Drei Tage ging's. Denn diesmal stand der Störtebecker selbst unter den Seinen, sein wilder, trotziger Weckruf befeuerte sie, und sie vernahmen, wie der Riese, fast bis an die Knie in dem schwammigen Sand versunken, mit immer erneuter Ausdauer Stein auf Stein, Erdhaufen auf Erdhaufen dem grauen Gewoge unter sich entgegentürmte, dazu höhnend und wetternd.
»Munter, ihr Schuimer, sind wir nicht Söhne der alten grauhaarigen Vettel da unten? Und wir sollten dulden, daß die bösartige Keiferin uns nochmal in die warme Suppe speit? Schaut, schaut, schon rafft sie ihre schmutzigen Lappen um sich zusammen und kriecht zurück. Noch eins – und noch eins! – So ist es recht, Lüdeke Roloff! – He, Licinius, eile, die Fölke soll uns heißen Wein schicken! Wir wollen der Nordersee Abzug feiern.«
In einem Wirbel stäubte der Sturm die Vermessenheit mit sich gegen das Abendgewölk, und wie in Betäubung und Taumel sprengte der tödlich ermüdete Knabe von dannen!
Als er zurückkehrte, fand er nicht mehr dasselbe rastlose Gewimmel, das er verlassen. Einsam hockte sein Herr auf einem umfangreichen Strandstein, dessen Wucht man auf den schon in Leibeshöhe ragenden Damm gehoben hatte, um den Massen Schwere und Halt zu leihen. Der Mond, zuweilen aus unsteten Wolken auftauchend, erhellte ab und zu ein geisterhaft Antlitz, und der Grübler ließ keinen Blick von dem immer wieder ankochenden und zurückgrabenden Gewoge, als ob seine Seele bereits von dem Schwall überschwemmt und gefangen worden sei. In seiner Hand raschelte das Sendschreiben des Gödeke Michael, obwohl er ihm ebensowenig Aufmerksamkeit schenkte wie den in Rufweite von ihm wirkenden dunklen Gestalten.
Ein unbeschreiblich bitteres Lächeln der Scham versteckte sich in den Mundwinkeln des Aufgestörten, da der Knabe schonungsvoll zu ihm trat, nachdenklich bettete er die Finger des Treuen zwischen seine beiden vereisten Hände, als ob er sich an dem jungen Geblüt wärmen wolle.
»Horch,« murmelte er, »wie die See grollt und Flüche speit. Hat wohl auch ein Gewissen. Oder vielleicht wälzen sich auch die Gedanken Ferner mit ihr heran. Möcht's gern verstehen, obwohl ich die Stimme zu kennen meine. Klingt gar zornig und voll Verdammnis.«
Langsam zog er den Gefährten an sich.
»Sag mir, Trauter,« preßte er sich ab, »würdest du mich auch verlassen um der Dunklen da hinten? Würdest du?«
Seine Arme umstrickten den schlanken Leib, und eine solche Verlassenheit offenbarte sich, daß Licinius vor Herzpochen und verzehrendem Helferwillen weder maß noch vernahm, was er erwiderte. Trennen? Von wem sollte er sich scheiden, von dem schon auf die Erde träufelnden Erlösersegen? Oder von seinem Herrn? In stürmischen Zweifeln schüttelte er seine Locken. Der Störtebecker aber nahm es für die Verneinung, die er erwartete.
»Glaub's dir,« entgegnete er finster. »Welch Reiner würde dies auch vermögen? Gehört schon eine steinerne Seele dazu, drin nur ein einzig Gebot eingeschlagen ist. Widermenschlich, unnatürlich, fluchgetrieben sind die, so mit dem Stein beladen sind. Aber komm, laß es uns dennoch zu Ende bringen.«
Damit zog er die Hornpfeife an seine Lippen und gedachte eben das Signal aufschwirren zu lassen, das die Werkleute zu neuen Mühen um ihn sammeln sollte, als Licinius es wagte, sanft und doch hindernd die Hand auf den schon erhobenen Arm des Admirals sinken zu lassen.
»Herr,« mahnte er besorgt, »willst du die Männer nicht schonen? Sieh, sie gleichen ohnehin nur noch abgezehrten Schatten, und die Augen fallen ihnen vor Müdigkeit zu.«
Noch nie hatte der Knabe einen Befehl seines Gebieters durchkreuzt, deshalb wandte sich der Störtebecker jäh und fast ungläubig zu ihm herum, allein im nächsten Augenblick horchte er wieder gespannt auf den dunklen Drommetenton der See und schüttelte hartnäckig das Haupt.
»Torheit,« verwies er, »wer mit mir ist, muß besessen sein, wie ich, verrannt, für alles andere blind, sonst – – «
Er lachte hämisch, gleich darauf schrillte der spitze Pfeifentriller über Land und Meer, der Wind warf ihn hierhin und dorthin.
Stille!
Dann lauschten die beiden, denn in der Finsternis, in der teilnahmslosen Öde barg sich eine Beklemmung, unheilschwanger ballte sich etwas in dem Nichts, als ob aus Schwärze und Schweigen das Schicksal sich eine Gestalt formen wollte.
Und riesenhaft, zermalmend, unabänderlich kroch es aus der Nacht hervor.
Sieh, in langer Zeile wälzte es sich stumm über den Damm, ein wogender Heerwurm aus ununterscheidbaren Menschenköpfen, bis sich seine hundertfältigen Schuppen eng, unlöslich um den Führer selbst geringelt hatten.
In dem Störtebecker stieg eine Ahnung auf, das Weiß seiner Augen verkehrte sich und glitzerte unheimlich in dem laut atmenden Kreise umher.
»Was rottet ihr euch zusammen, Männer?« schrie er in unterdrückter Vorahnung, da er selbst jetzt noch felsenfest auf das Wunder sowie die Unantastbarkeit seiner eigenen Herrschersendung vertraute. »Warum schafft ihr nicht jeder an seinem Platz?«
Da regte es sich um ihn. Wie, wenn durch seinen Trotz die letzte Klammer erst vollends gelöst wäre, so drang Leben in den erstarrten Ring, und während der markerschütternde gräßliche Schrei des Aufruhrs, der überwundenen Furcht jene bis jetzt so eng verschnürten Kehlen sprengte, da begann es über den vielen Köpfen zu sausen, hunderte von Hacken und Schaufeln flogen wütend geschleudert hinaus in die klatschende See, und ein einziges, freches, übertriebenes Gelächter erschütterte die Nacht.
»Wird nicht mehr geschuftet, du Leuteschinder,« so heulte, meckerte und zischte es, und sie griffen nach den Fäusten des Überrumpelten und hingen sich wie Eisengewichte an ihn, »wir wollen feiern und frei sein, wie du. Mag wühlen und hacken, wer dazu geboren ist; wir sind streifende Leute und fressen lieber, was andere gebaut haben. Wie hat Patrick gesagt? Aus Kuhmist wird allemal kein Gold.«
Aus der Menge trat einer hervor. Es war der Tänzer Lüdeke Roloff. Schwer stützte er sich auf seinen Knüttel, und durch das überhängende wirre Haardach hefteten sich seine sonst so ungewiß flackernden Augen diesmal hohl und verglommen auf den Anführer, den man jetzt von seinem fürstlichen Sitz herabstoßen wollte.
»Herr,« holte der herkulische Schiffer langsam und wie nach sorgfältiger Überlegung aus sich hervor. »Dein Wille war wohl gut. Aber es nützt nichts. Es liegt an uns. Wem erst einmal das Brandmal des Unrechts und der Ausgestoßenen eingesengt wurde, des Blut ist vergiftet, so daß er zu nichts anderem mehr taugt als zum Würgen, Brennen, und Racheüben. Sieh dich um, all diesen schmeckt die Arbeit bitter, denn wir lieben das Leben mit seinen Schmerzen nicht, sondern wollen es eher um und umkehren, damit es ein Ende nimmt. Bevor dies nicht geschehen, bleibt doch überall ein Hoch und Niedrig, wie du uns selbst dafür ein Zeichen bist.«
Der Sprecher reckte den Hals vor, und in seine Glieder geriet wieder das merkwürdige Verlangen nach Tanz und erzwungenen Sprüngen. Leidenschaftlicher fuhr er fort:
»Deshalb sind wir uns alle einig geworden, alle, alle, daß wir uns fürder nicht länger von dir ins Joch spannen lassen mögen. Sondern wir wollen als Schwarzbrüder, als schweifend Volk noch heute nacht auf die Schiffe gehen, und du wirst uns führen, Claus Störtebecker.«
In dem Haufen begannen plötzlich wüste, jauchzende Stimmen zu singen:
»Vom Mast die schwarzen Flaggen wehn,
Heißa – heißa.
Claus Störtebecker ist Kapitän.«
Doch mitten in der Melodie schnellte der schmächtige Arnold Frowein mit einem windschiefen Satz aus ihren Reihen, und während die tiefen Falten in seinem Antlitz unnatürlicher als je grinsten, da meckerte der ehemalige Töpfer:
»Weißt was Neues, Claus Störtebecker? Hast uns belogen und betrogen! Hast uns den Brief des Gödeke Michael verheimlicht. Wir kennen deine Pfiffe. Wir aber wollen uns zu ihm durchschlagen, um wieder lustig Gericht zu halten. Wir möchten Nacken brechen hören und Brustkörbe verröcheln. Gericht – Gericht!«
Und aus dem Haufen schlug es jetzt toll und grölend gegen den Nachthimmel:
»Dort richtet die Reichen an Leib und Seel,
Der Gödeke – Gödeke Michael.«
»Führt ihn fort,« befahl der Steuermann Lüdeke Roloff, auf den Störtebecker deutend, »und haltet ein wachsam Aug' auf ihn. Die Torheit liegt hinter uns.«
Die Trommel scholl wie sonst, als der Zug mit dem Schritt vor Schritt vor sich hinbrütenden Admiral das Deck der »Agile« betrat. Gleich einem von eisernem Schlummer Befallenen war der Riese bis dahin von dem Gedränge vorwärts geschoben worden, doch sein auf die Brust gesenktes Haupt schien durch keinen Klang der Außenwelt mehr erreicht zu werden, weil es verbohrt, in die Tiefe lauschend, einzig und allein dem spukhaften Getriebe seines Innern nachspürte. Erst als der Haufe, schon bedrückter und kleinlauter, die Kajütentreppe hinabgeströmt war, als das glitzernde Licht der venezianischen Laternen das blauweiße Gewirke der Wände beseelte, als der blinkende Glanz all der köstlichen Schüsseln und Gerätschaften mitten aus der Ruhe des Raumes seine spitzen Pfeile gegen die Sinne des Verdämmerten schoß, da hob der Riese mit einemmal sein Haupt, blickte sich mit dem schweren Erstaunen eines aus einem Schacht Aufgestiegenen um, und plötzlich empfing sein Bewußtsein oder sein Eigenleben einen solchen Anstoß, daß er die Hände, die ihn noch immer gefaßt hielten, mit einem wilden Ruck von sich abschleuderte.
In furchtbarem Ernst, die Zornadern hochgeschwollen, straffte er den Arm gegen die Tür.
»Geht,« herrschte er sein Geleit an, das hier auf den Planken sich doch wieder als Matrosen und der Macht dieses Einzigen unterworfen fühlte. Bedrückt wichen sie vor der gräßlichen Verachtung, die ihnen entgegenschlug, zurück. Ob sie auch den Ausbruch ihres Führers nicht verstanden, der Hohn seiner Worte prügelte sie dennoch widerstandslos die Treppe hinauf.
»Habt Dank, ihr schönen Adamssöhne, ihr Edlen, ihr Sauberen, ihr Menschen,« raste der Störtebecker hinter ihnen her. »Gottlob, ich sehe wieder, was ich sehe, ich rieche, was ich rieche, welche Wollust, die Dinge in ihrer Nacktheit zu begreifen. Geht,« wiederholte er heftig, »scheuert die Schiffe, bestückt sie, legt Proviant hinein. In acht Tagen muß ich die Küste hinter mir haben. In acht Tagen längstens! Und dann – Gleichebeuter – Gleichebeuter, Seeräuber, Rächer, Glückliche. Ha, ha, allen guten Engeln sei Dank für das passende Wams! Und in die Kloaken alle Gewänder der Verstellung.«
Es trat Stille ein, das letzte scharrende Geräusch der Entschwindenden war erstorben, der Admiral und sein Knabe standen einander allein unter den geschliffenen Gläsern der Laternen gegenüber.
Unbeobachtet, ungestört, denn der kleine Wichmann verbrachte diese Nacht wieder bei den Freuden der Marienhavener Tavernen.
Umständlich, als wäre dies jetzt das wichtigste Geschäft, legte der Heimgekehrte sein Lederwams ab, darauf hängte er seine Kappe sorgsam an einen Nagel, alles Dinge, die er sonst seiner Bedienung überlassen. Zum Schluß betastete er aufmerksam, mit einem hastigen Suchen das offene Linnen über seiner Brust, bis er endlich auch über Schultern und Arme seines Knaben strich. Alles ohne sich von der tödlichen Blässe seines Gefährten abschrecken zu lassen. Dann, wie nach erreichtem Finden, rüttelte er den Verstummten und raunte ihm zu:
»Lehm, Staub, Erde. Deine weiße Haut – Täuschung, mein zierlich Büblein. Merkst du es nicht, wie es darunter quillt und drängt vor Sehnsucht nach dem Unflat? Warum betrügst du dich und mich mit Eingebungen, die deinem Stoff zuwiderlaufen? Lache, Büblein, lache, die Tollen werden wieder sehend und schämen sich ihrer zugeklebten Augen. O, ich möchte meinen Kopf am liebsten in ein Kellerloch stecken.« Er unterbrach sich und lauschte. »Hörst du, wie sie droben jubilieren und tanzen? Das macht, der Dung will zum Dung, der Mist zum Mist. Allen guten Engeln sei Dank, ich will sie hinwerfen, wo es am fauligsten nach Verwesung dampft! Zucke nicht mit der Lippe, bei Gefahr deines Lebens, Bube, widersprich mir nicht. Ich schwöre dir, wo ich noch einen Wahnwitzigen treffe, der da meint, es ließe sich auch nur ein Haar auf unserem Schopf in einen Goldfaden wandeln, den Roßtäuscher hänge ich selbst an die Rahe und reiße ihm die Zunge heraus!«
Mit einem wiehernden, sich überschlagenden Gelächter warf er sich auf sein Ruhelager und streckte sich aus, all die mächtigen Glieder erstarben wie auf einen Schlag in Starrheit, und nur die unruhigen schwarzen Augen wanderten noch unruhig an der Täfelung der Decke umher. Kaum verständlich, stöhnend vor innerem Vorwurf stammelte er vor sich hin:
»Patrick – Patrick O'Shallo.«
»Was rufst du den Toten?« trat Licinius bebend näher.
»So jung noch,« flüsterte der Liegende unbeweglich weiter. »Und schon solch ein Kündiger des Herzens. Ich wünschte, er stünde an deiner Stelle, und ich wollte ihn herzen.«
Wieder wurde es ruhig. Man hörte nur das knirschende Stampfen droben auf Deck.
Gleich einer Totenwacht lehnte Licinius am Fußende des Lagers und ließ keinen Blick von dem Hingestreckten, der immer mehr in das stehende Blei des Schlafes versank. Und derweil entglitt dem Wächter selbst der Boden unter den Füßen. Betäubung und Klarheit wechselten in seinem Hirn, denn vor ihm erhob sich die Gewißheit, daß dieser Erdengott, der vernichten wollte, um zu erlösen, nun selbst zertrümmert lag, zermalmt von seiner Sendung, die er lästernd und fluchend zurück in die Wolken entschweben ließ. Und deshalb all die Geopferten? Die Mütter und Kinder von Bergen? Die Ersäuften und Erschlagenen? Die Gehenkten wie Patrick? Und die Verdorbenen wie Linda selbst? Vor ihrem irren Blick wallte ein Leichenzug über die Erde, der folgte einem braunen Kreuz, dem rohen Holz, das einst in Lindas Schlafkammer eingefügt war, und die Gerippe wiesen alle mit Knochenfingern nach ihr hin, nach ihr, die allein zurückgeblieben war, um eine Grube Unrates zu betreuen. Oder war es dies üppige Polster, auf dem der Mann Vergessenheit suchte?
»Herr, Herr,« schrie sie auf. Doch sie wußte nicht mehr, welchen ihrer Götter sie meinte. Benommen, schon halb entführt, entriegelte der Schläfer noch einmal seine Augen.
»Komm, Lieblicher,« murmelte er.
Da stürzte Linda halb sinnlos vor dem Lager nieder, umschlang den Riesen mit ihren Armen, wie man ein letztes Gut vor dem Untergang zu wahren strebt, und all ihre unendliche Angst vor der verdienten Verdammnis entlud sich herzzerreißend:
»Herr, entheilige dich nicht. Fliehe vor neuer Gewalttat und verkünde irgendwo auf Erden, was dir offenbart wurde. Glaube, glaube, es ist der Geist allein, der das Tote lebendig macht. Ich will dir dienen vom Morgengrauen bis in die Nacht, wozu du mich auch bestimmen magst.«
Allein Claus war schon zu sehr in den Banden einer dumpfen Entwürdigung, als daß er die Opferwilligkeit dieser einzigen Seele, die er je wahrhaft verklärt hatte, anders als mit ungläubiger Geringschätzung aufnehmen konnte. Seine Glieder lösten sich immer lockerer, und während er kaum noch bewußt die blonden Haare des Hingestürzten streichelte, murmelte er, oft unterbrochen und bereits in voller Entrückung:
»Narr, das Feuer dieses Sterns will gelöscht werden. Wer weise ist, errafft noch aus dem Aschenhaufen einen letzten Genuß. Trunk – Weiber – Raub – Neckerei mit dem Tode – das bleibt übrig. Herze mich, mein Knäblein.«
Damit versank er.
Sein Wächter aber lehnte noch geraume Zeit dicht neben ihm an der Wand, und je länger er über Vergangenheit und Zukunft brütete, eine desto herbere Wandlung vollzog sich in dem bleichen Frauenantlitz. Jetzt zeigte es sich, daß in jenem Wesen nicht nur das Göttliche des hingerafften Mannes eine Wohnstätte gefunden, sondern wie auch allmählich die Furchtbarkeit seiner Entschlüsse in ihm Wurzel geschlagen hatten.
Prüfend trat sie näher und versuchte, ob ihr Gebieter noch einmal zu ermuntern wäre. Allein der Riese ruhte, ein Bild finsterer Zerklüftung.
Da sprach sie ihm laut ins Antlitz, als ob er es dennoch vernehmen müsse:
»Du wirst nicht zurückkehren zu den Knechten des Lasters, Claus Störtebecker. In der Unschuld deines Wollens wirst du hingehen. Möge der Himmel dir gnädig sein.«
Eilig bedeckte sie sich mit der Lederkappe des Störtebecker, warf seinen Schafpelz um, und bald glitt ein Boot unauffällig die dunkle Hafenstraße hinab. An der Kogge des Wichbold, des angeblich Kranken, machte es fest. Dort haftete es bis zum Morgengrauen.
[V.]
»Kapaunen – Kapaunen mit süßem Kuchen gefüllt – bringt mir mehr davon! Und du, Stadtwaibel, vergiß nicht den öligen roten Wein,« so schmatzte und schnaufte in einer der braungeräucherten Kammern des Hamburger Rathauses an einem der letzten Septembertage des Heilsjahres 1402 der dicke Wichbold, und in der Wonne über die ausgewählten Leckerbissen, die gebraten und gesotten dicht um ihn herum den Tisch bevölkerten, knöpfte er sich ein paar Seitenknöpfe seines verschossenen grünen Schifferkittels auf und schuf Raum für weitere Genüsse. Neugierig verschlang er bereits mit den Augen einen der roten Hummern, der auf silberner Schüssel liebevoll seine Scheren nach ihm breitete.
»Gut, gut,« belobte er kurzatmig den ihn bedienenden gebückten Stadtwaibel, der während dieses ganzen Imbisses ein eigenartiges Grinsen in dem weiten schwarzen Kragen seines Wamses verschwinden ließ. »Ihr guten Bürger von Hamburg wißt, was ihr einem frommen Seefahrer schuldig seid. Bei Sankt Paul, soll euer Schade nimmer sein. Will euch redlich vergelten. He,« erinnerte er sich, nachdem er wieder einen vollen Guß des dicken Italerweines in sich hineingeschüttet, »weißt du schon, mein Lieber, wo euer Gast heute nacht hausen wird? Wäre mir wohlgefällig, wenn ich einen Gebetschemel vorfinden würde, denn ich habe der heiligen Anna bei gefährlicher Fahrt eine Nachtwache gelobt.«
Auf diese Frage des alten Helden versank das Kinn des Waibels abermals tief in die Schwärze seines Kragens, und es dauerte geraume Zeit, bevor er sich auf eine würdige Antwort besinnen konnte.
»Ich hörte,« bückte er sich, »der Rat rüste ein eigen Haus für euch.«
Verwundert quollen dem Schmausenden die Augen aus dem Kopf. Auf so viel Ehre war er nicht gefaßt, und betroffen berechnete sein listiger Verstand eine Weile, ob seine Geheimnisse wirklich für die geizigen Krämer so hoch im Preise stehen könnten. Allein die Köstlichkeit des Mahles, sowie die ganze achtungsvolle Art seiner Aufnahme zerstreuten dem Dicken die aufsteigenden Zweifel bald wieder, so daß er sich eben mit gesteigerter Aufnahmefähigkeit an die Vertilgung des Hummers begeben wollte, als ein Gewappneter eintrat. Der stieß seine Hellebarde auf den Estrich und meldete:
»Anjetzo ladet euch der würdige Bürgermeister Tschokke zum Verhör.«
»Nun, nun,« zwängte sich der Wichbold, von neuem gestört, hinter dem Tisch hervor. »Was faselst du, Freund? Um ein Verhör handelt es sich nicht, da ich dem Rat gegen freies Geleit eine Unterredung angetragen.«
»Weiß nicht,« versetzte die Wache barsch.
Hinter der Tür schlossen sich dem Zuge noch einige der schwarzen Hellebardiere an, und während der Wanderung durch dunkle Gänge und über windschiefe Treppen, da begannen dem grauhaarigen Sünder die alten Kopfwunden zu pochen, und das Herz krampfte sich ihm in feiger Ohnmacht, ob sein Rachegelüst ihm nicht doch einen allzu närrischen Streich gespielt. Allein kaum hatte er den weiten niedrigen Ratssaal betreten, da schöpfte er neues Vertrauen, denn an einem grün verhängten Tisch an der Fensterseite saß ein einzelner Mann, der die Stadtknechte durch eine müde Handbewegung abtreten hieß.
Sie blieben allein.
In dem einsamen Raum summte eine Schar Fliegen unter der Decke umher, und durch die vergitterten Fenster drang zuweilen Wagenrollen und das Geräusch einer handeltreibenden Gemeine. Alles schien friedlich, besonders aber der Mensch hinter dem Tisch. Über dem karmoisinfarbigen Kragen seiner schwarzen Ratsgewandung hob sich ein ehemals volles, jetzt faltig gewordenes Haupt, und seltsam, auf die harte Stirn fielen dem noch Unbetagten grauweiße Haare. Der Mann mußte frühzeitig gealtert sein.
Mit einemmal richtete der Würdenträger ein paar stahlblaue Augen auf den Freibeuter, und in diesem Blick wohnte etwas so Kaltes, Abschätzendes, daß den Fettwanst zu frösteln anfing. Auch behagte es ihm wenig, daß man ihn nicht zum Sitzen einlud, obwohl man einen mächtigen Lederstuhl hinter ihn geschoben hatte.
»Wer bist du?« hob der Bürgermeister ruhig an.
»Ich?«
Der Dicke gab sich ein Ansehen. »Ich bin der Hauptmann Wichbold,« pustete er sich auf, faltete aber zugleich demütig die Hände über dem Leib, »ein Knecht Gottes, der mit Freibriefen von Rostock und Wismar die gute Stadt Stockholm entsetzte. Zuletzt führte ich zu Nutzen des gemeinen Mannes die ‘goldene Biene’.«
Das unbewegte Antlitz des Hamburger Gebietenden veränderte sich nicht im geringsten bei dieser harmlosen Schilderung; gleichgültig in ein paar Pergamenten stöbernd, erwiderte er:
»Ich kenne deine Taten. Du kommst vom Störtebecker.«
»Den Gott verdamme,« schaltete hier der Hauptmann ein, indem die roten Narben zwischen seinem grauen Haarwulst aufzuglühen schienen. »Möge dieser Leuteverderber ein unrühmlich Ende finden.«
»Was weiter?« drängte der Bürgermeister, eine große Schwanenfeder putzend.
Jetzt sah der Dicke ein, daß er seine Karte spielen müsse, wenn er nicht jede Bedeutung oder Wichtigkeit verlieren wollte. In heiliger Entrüstung wiegte er deshalb sein plumpes Haupt, und seine aufgeworfenen Lippen zuckten vor innerer Bedrängnis, als er zerknirscht anhob:
»Euer Würden, nicht jedem sieht man an, welchem Herrn er dient. Der meine – gelobt sei sein Name in Ewigkeit – hat mich nicht umsonst durch Undank und Schmach gewälzt, durch Eiter und Schwären, so daß meine Seele bereit ist zu Besserung und Einkehr.«
»Mann, verkünde jetzt kurzfertig, was du uns zu hinterbringen gedenkst, sonst – – «
»Herr,« ereiferte sich nun der Wanst gereizt, wobei alles Salbungsvolle ungewollt von ihm abfiel, »ich bringe Euch, was mehr ist als Euer Bier, Leder, Erz oder Getreide. Und Ihr werdet es mir gern nach Gebühr lohnen – – «
»Des sei gewiß,« lehnte sich der Aldermann bestimmt zurück.
»Gut, gut – so liefere ich Euch den Erzfeind Eures Handels und friedlicher Schiffahrt in die Hände, damit diese Plage des Menschengeschlechts, nachdem ich sie bußfertig als solche erkannt, nicht fürder durch Prunk, Laster und Hurerei allen Gesetzen Hohn spreche.«
Als der unselige Lebenswandel des Störtebecker erwähnt wurde, da verfielen die Züge des Mannes hinter dem Tisch zum erstenmal zu einer seltsamen Starrheit. Eine wächserne Leblosigkeit ließ sie für den Augenblick fast durchsichtig erscheinen, und er verdeckte die Augen mit der Rechten, bevor er dem Freibeuter ein Zeichen gab fortzufahren.
Dieser ergötzte sich an dem sichtlichen Eindruck, und rasch und kollernd folgte nun sein Vorschlag.
»Herr,« grunzte seine Säuferheiserkeit, und die verschwollenen Äuglein glitzerten dazu, »in spätestens vier Tagen macht der Störtebecker in Marienhaven klar, um sich zum Gödeke Michael durchzuschlagen. Aber seine Flotte ist bemoost, zudem nur halb bestückt, seine Mannschaft schwierig, auch die Friesen in seinem Rücken grollen dem wahnwitzigen Schwärmer, da sie sich die verkauften Ländereien gern wieder aneignen möchten. Wenn Ihr die Zeit nützt, dann könnt Ihr ihn noch zwischen den Inseln abfangen. – Ich selbst will – getrieben von meinem Gewissen – Euch Führerdienste leisten – und dann mögt Ihr den Verkünder eines gotteslästerlichen Zeitalters, mögt den Verbreiter aller stinkenden Lüste foltern, pfählen und schmerzhaft zum Tode bringen.«
Er atmete schwer und befriedigt.
Auch Herr Nikolaus Tschokke stützte sich auf den Tisch und hielt sein ergrautes Haupt eine Weile verdeckt über seinen Pergamenten. Dann erst äußerte er wie nebenbei:
»Deine Angaben treffen nur halb zu. Der Störtebecker wird nicht zum Gödeke segeln.«
»Mit Verlaub, warum nicht?«
»Weil man die Toten nicht besucht. Das Haupt des Michael verwest schon zwischen den Vierpfählen auf unserem Grasbrook[[*]].«
[[*]] Die Richtstätte zu Hamburg.
»Aller Himmel Gerechtigkeit,« stammelte der Freibeuter. Offenen Mundes, grüne Fahlheit auf dem schwammigen Fleisch, sank er ohne Einladung in dem großen Lederstuhl zusammen, denn eine düstere Befürchtung für sich selbst ließ ihm die Brust still stehen. Welche Verdienste würden diese Krämer wohl noch achten, wenn sie es wagten, den mächtigsten Seeherrscher der damaligen Zeit, den Verbündeten von Königen und reichen Städten gleich einem gemeinen Straßenräuber der Schmach und dem Schwerte preiszugeben? »Sankt Peter gewähre mir bei der Urständ ein leichtes Erwachen,« stöhnte er geistesabwesend, und seine Angst ließ den Verwirrten nach Rechtsgründen suchen, »gelten denn keine Freibriefe mehr? Der Michael lag mit Euch in ehrlicher Fehde!«
Als hätte der andere keinerlei Einwand erhoben, so stutzte der Bürgermeister kaltblütig weiter an seiner Feder herum, bis er endlich, ohne den Versuch einer Rechtfertigung, den Schwanenkiel fortwarf, um von neuem zu beginnen:
»Tu mir jetzt kund, wer bürgt mir dafür, daß deine Angaben der Wahrheit entsprechen? Hast du ein Zeugnis, wie weit man dir und deinesgleichen trauen darf?«
O, der allerheiligsten Jungfrau sei Dank, jetzt nahte die Rettung. Befreit atmete der Dicke auf, wischte sich die runden Schweißtropfen von der Stirn, und während er hastig und doch unendlich erleichtert ein dünnes Goldkettlein aus seinem Kittel nestelte, raffte er seinen gebrochenen Körper wieder zuversichtlicher empor.
»Hier, Euer Würden,« versuchte er vertraulich zu lächeln, obwohl es immer noch eine angestrengte Grimasse blieb, »dies gab mir eine gar zarte Dirn für Euch mit, damit Ihr erkennt, daß all meine Worte aus ihrem Munde stammen. Schon lange haust sie bei dem Störtebecker, dieweil er ihr schändlich Gewalt angetan und sie auch jetzt sonder Zucht noch Scham in Mannskleidern mit sich schleppt. Ist gar ein Elend, dies fein Ding zu sehn. – Hier – hier – überzeugt Euch.«
Mit zitternden Fingern legte er das Kleinod dicht vor den Würdenträger auf den Tisch.
Herr Nikolaus Tschokke aber rührte sich nicht. Nur von der Seite schickte er einen fast furchtsamen Blick nach dem Schmuckstück aus, um zu prüfen, ob wirklich die Schaumünze an dem Kettlein hing, die Linda einst als Kind aus den Händen seines Vaters empfangen. Und als er die Echtheit des Stückes festgestellt, blieb er unbeweglich sitzen und schloß von neuem die Augen. Nur einmal zuckte seine schon geöffnete Hand von dem Schmuck zurück, als ob Befleckung und Krankheit an ihm hafte.
Dem Wichbold aber entging die eigenartige Schwäche des Mannes nicht.
»Nun,« forschte er selbstbewußt, »traut Ihr dem Ding da?«
Das blasse Antlitz mit den geschlossenen Augen nickte.
»Dann lohnt mir nach Gebühr,« heischte der Wichbold jetzt frech, denn die Habsucht verführte ihn, und er schlug mit der Faust auf das grüne Tuch. »Wie wollt Ihr mich bezahlen?«
»Wie du's verdienst,« drang plötzlich eine Stimme durch den stillen Raum, die aus dem Himmel zu fallen schien, so wenig traute man dem beherrschten Stadtgebieter eine derartig stählerne Leidenschaft zu.
Was bedeutete das?
Stier, mit einem eigentümlichen Schlottern in den Knien schaute sich der Freibeuter um. Ehe er sich noch auf sich selbst besinnen konnte, auf den Ort, wo er weilte, an den hartgeschnitzten Bürger, mit dem er einen solch gefährlichen Streit ausfocht, da war ein bis ins Hirn reichender Blitz durch ihn gefahren, der schleuderte den schwammigen Leib des Schuimers widerstandslos in den Sessel. Er wollte die Hände ausstrecken, er vermochte es nicht. Er wollte irgend etwas vorbringen, am liebsten ein Flehen um Gnade, statt dessen zwang ihn seine grausige Willenlosigkeit nur zu einem mühsamen Lallen.
Der Bürgermeister hatte sich erhoben, seine kalten blauen Augen schnitten prüfend in die Qual seines Gegners, er winkte, die Scharwache quoll zur Tür herein, und auf ein neues Zeichen des Graukopfes hob sie den Stuhl samt seiner Last in die Höhe und trug die gelähmte, zur Schweigsamkeit verdammte Masse mit sich fort.
Eine Weile blickte ihnen der Bürgermeister regungslos nach, dann ließ er sich nieder, schob das Kettlein weit von sich und führte seinen Schwanenkiel kritzelnd über das Pergament.
Auf den Schiffen zu Marienhaven klopften inzwischen die Hämmer, Sägen knirschten, fauliges Holz wurde ausgewechselt, die Seiler lieferten neue Taue, und die Weber halfen, die rötlichen Segel auszuflicken. In überraschend kurzer Zeit bekleideten sich die abgetakelten Gerippe mit jener Haut und allen Nerven, welche die toten Meervögel wieder zum Flug befähigten, ja, die springend fieberhafte Ungeduld ihres Führers konnte man förmlich in den gewaltigen Holzleibern pochen und schwingen hören. Den Mächtigen aber, dessen Wink sich all diese unbotmäßigen, nach fesselloser Freiheit trachtenden Gesellen von neuem verschrieben hatten, der Wilde, Zügellose, von dem sie meinten, er allein könne ihre Sehnsucht nach Raub, Vergeltung und schrankenloser Besitznahme aller Güter der Erde gewährleisten, ihn trieb es in diesen Tagen der Vorbereitung ungestümer und wüster denn je umher. Oftmals mußte sich Licinius, der aus der Ferne jeden seiner Schritte überwachte, unter zehrenden Tränen bekennen, daß die Schmach verflatterter Hoffnungen oder die Scham, vor der Menge unterlegen zu sein, in dem Gebieter nichts anderes ausgelöst hätte als die Gier, all jenes Strahlende in sich auszulöschen, das ihn bisher von den Verderbten unterschied. Nächtelang praßte er mit allerlei verkommenem Frauenvolk in den Tavernen des kleinen Fleckens, ja, er veranstaltete sich zur Lust Einbrüche und Diebstahl in den Werkstätten und Läden der Eingeborenen, um freilich die davon Betroffenen gleich darauf in irrsinniger Freigebigkeit wieder zu entschädigen. Das Fürstliche des ehemals so Gottgesegneten äußerte sich nur noch in Verschwendung oder in der Sucht, die Verderbnis der Herrschenden zu übertreffen.
Kam er dann abgezehrt, mit tiefliegenden, flackernden Augen auf die »Agile« zurück, dann erfrischte er seinen Geist nicht etwa, wie früher, an dem Studium der Dichter und Philosophen, die er einstens so fröhlich durchstöbert, sondern er strich, gleich einem gefräßigen Wolf, auf Deck umher, um schimpfend und wetternd Fehler und Unterlassungen aufzuspüren.
»Fertig – fertig,« das war das einzige Wort, das er von den fieberhaft Beschäftigen erpressen wollte. Dazu schlug und mißhandelte er die ergrimmten Matrosen, wozu der Vornehme sonst nimmer seine Hand mißbraucht, oder er zwang seine Unterführer, daneben aber auch gemeines Volk, zu Zechereien und waghalsigem Kartenspiel, bis die minder Ausdauernden, von seinem Hohngelächter verfolgt, unter den Tisch der prunkhaften Kajüte fielen.
Es war klar, der Wein dieses Lebens wurde schal und ging in Zersetzung über.
Einmal fragte ihn der kleine Wichmann, der selbst diesen Verfall seines Zöglings mit der Aufmerksamkeit eines messenden und vergleichenden Gelehrten beobachtete:
»Wohlan, Cläuslein, zu welch letztem Ziel voll Purpurglut und betörender Klänge willst du uns nunmehr steuern?«
Das Ende eines jener übermäßigen Gelage war gerade herangenaht, so daß der Riese mit dem ehemaligen Magister nur noch allein hinter der weinbesudelten Tafel lehnte. Aus seinen Grübeleien aufgeschreckt, hob der Störtebecker das Haupt und strich sich die wirren Locken aus der Stirn. Offenbar mußte die Frage des Zwerges in einer sehr ähnlichen Bahn laufen wie seine eigenen Gedanken, denn der benommene Mensch griff nach der winzigen Hand seines Gefährten, als wolle er sich überzeugen, ob Fleisch und Bein jene Auskunft von ihm verlange. Dann sprach er, den Kopf gestützt, mit einem zerrissenen, nach innen dringenden Lächeln:
»Heino, hast du jemals an das Aufhören dieses ganzen Gewimmels gedacht? Welche Ruhe muß kommen, wenn das Erdherz seinen letzten Schlag tut.« Er riß sich die rote Schecke über der Brust auf, um an sein eigenes Schlagwerk zu greifen. Das hämmerte laut und stürmisch. »In den Eismärchen unserer Vorfahren, so man auch hierzulande noch erzählt,« fuhr er dann in sich gekehrt fort, »läuft ein Wolf herum, der die Sonne verschlingt und nicht satt wird, bis er alles Leben gefressen. Ich kenn' nunmehr das Untier, Heino. Es ist dein und mein Geschlecht und heißt Mensch. Es stürmt nach der Vernichtung. Welch ein Helfer würde der sein, der ihm den Weg dazu erleuchtet! Bruder,« und dabei zerquetschte er fast den Becher in seiner Faust, »ich möchte das von Teufeln bewohnte Reich an allen vier Ecken anzünden und dann, wie jener Sardanapal, mit Weibern, Suff und Spiel zur Asche fahren.«
Hinter ihm folgte diesem wütigen Begehren ein unbewachter Seufzer. Der Zecher fuhr herum und begegnete dem übernächtigten Antlitz seines Knaben. Allein der trauervolle Blick verschlimmerte des Seefahrers üble Laune noch um ein Bedeutendes.
»Dummer Bube,« herrschte er ihn an, »was starren deine Augen gleich zwei offenen Gräbern? Bete den Tag an, schlemme und füge deiner Natur keine Gewalt zu. Willst du, daß dich einst die Würmer verachten, die den Schluß machen? Heißa, vergeude, womit du jetzt sparst, und singe Schelmenlieder.«
So trieb es der Zertrümmerte seinen Nächsten zum Ärgernis, und je näher der Tag der Abfahrt rückte, desto gieriger fahndete seine Lüsternheit danach, dem Lande, das er preisgeben mußte, allerlei letzte Genüsse zu entlocken.
Was fehlte ihm noch?
An einem Spätnachmittag bemerkte man von den Schiffen im Hafen, wie der Reisewagen der Häuptlingsfrau van Neß langsam die Höhe der Brokeburg hinaufknarrte. Da fuhr der Admiral wie gestochen mitten aus dringenden Anordnungen empor und winkte heftig einen der Schiffsjungen zu sich. Jähe Röte flackerte in seinen Zügen, denn er schämte sich fast, daß er gerade dasjenige unvernichtet zurücklassen sollte, was seine Flamme schon so nah umzüngelt.
»Geh,« befahl er ohne Rücksicht auf die Umstehenden, zu denen auch Licinius gehörte, »melde dem Häuptlingsweib, ihr Wunsch sei erfüllt. Die Flotte laufe aus. Darum lade sie der Admiral zu einem Abschiedstrunk auf die »Agile«. Sage, es solle ein ihr würdiges Fest werden.«
Ungeduldig warf er dem Boten ein Silberstück zu, dann schrie er dem Davonspringenden noch über Bord nach:
»Schone deine Lunge nicht, Bursche. Lobe und rühme mich. Es hat Eile.«
Schweigsam hatte die schöne Occa die Botschaft angehört. Jetzt saß sie an dem Ausguck ihrer Kammer, von wo sie die Lichter der Flotte durch die Dämmerung zucken und blinken sah, und ihr eitler Sinn überlegte, welchen Entschluß sie fassen sollte.
Die Einsamkeit tat ihr nicht wohl. Voller Dunkelheit hing der Raum, in dem sie weilte, und nur aus ihrer offenstehenden Schlafkammer schwamm der trübe Schein eines Öllämpchens herüber. Allein die spärlichen Strahlen trugen ihr noch etwas Besonderes herzu. Jetzt, da der Augenblick herannahte, wo der glänzende Freibeuter, der Mann des Zufalls und des Abenteuers in das Ungewisse seiner gefährlichen Laufbahn hinausgerissen wurde, jetzt, wo man den Sagenumwobenen leicht für immer verlieren konnte, mit dem ihre Einbildungskraft nicht allein oft gespielt, sondern dessen schicksalsgestaltende Mannheit sie sich bereits durch ihre Künste gefügig gemacht zu haben glaubte, da kam ein bitteres Erinnern, ein Vergleichen über die Verkaufte, und ihr bisheriges Dasein erschien ihr nicht mehr so spielerisch und harmlos wie früher.
Seltsame Gestalten tauchten aus dem matten Schimmer zu ihren Füßen. Zuerst glaubte die Verlassene, die flüchtigen Lichtflecke formten sich zu einem menschlichen Klumpen, und obwohl ihre Sinne unerschrocken und grobkörnig waren wie die der meisten Frauen ihrer Zeit, so rückte sie doch belästigt zur Seite, als sie der Täuschung unterlag, das Ferkel kröche auf sie zu, um sein Borstenhaupt tierisch an ihrem Knie zu reiben. Die dunstige Wärme wurde ihr zuwider.
»Mach fort,« scheuchte sie das allzunahe Phantom und – erwachte. Offenen Auges sann sie dann weiter in die Nebelluft des versunkenen Tages. Dort drüben zwischen den dämmernden Lichtern harrte ihrer jetzt gewiß der Riese, denn hinter seiner Einladung – das wußte sie – lauerte sicherlich der Wunsch, sie endlich in seine Arme zu schließen, um sie zu unterjochen. Niemals hatte er ein Hehl aus seinem brennenden Verlangen gemacht, ebenso wie sie selbst kaum aufgehört, durch ein lässiges Versagen sein Gelüst zu schüren.
Versonnen lächelte die Goldblonde und stützte ihren Arm auf die Mauerplatte. Ein unendliches Wohlgefühl verursachte es ihr, sich dies alles vorzustellen. Ungebrochen war sie noch, und gerade ihre Freiheit sowie die Geschicklichkeit, mit der sie ihr höchstes Gut verteidigte, sie erfüllten sie mit einem herben Stolz. Aber während ihr jetzt die feuchte Seeluft die Wangen kühlte, da begann in ihren Gedanken jener heimlich nagende Ehrgeiz zu schmerzen, den sie von ihrem tollen Vater geerbt, und allerlei weitmaschige Pläne von möglicher Größe und künftiger Herrschaft knüpften das Netz zwischen ihr und dem Entfernten enger. Wenigstens versuchte die Schwankende, sich jenes unerklärliche Treiben und Drängen in ihrem Blut so auszudeuten. Warum sollte sie nicht die Kräfte jenes Unbändigen sich dienstbar machen, der mit Schätzen, Fürstentümern und Kronen so unbesorgt spielte wie sie mit den Huldigungen vernarrter Männer? Warum sollte sie nicht den Fuß auf jene Hand setzen, die sie hoch ins Licht heben wollte? Unermeßlich hoch vielleicht. Draußen in der Welt war man gerade dabei, einen König zwischen Schloß und Mauern verhungern zu lassen. Wohin konnte ein Kühner, den die Goldfäden des Volksliedes schon umspannen, nicht kecken Fußes gelangen? Namentlich wenn ein begehrtes Weib ihm List und Tollheit ins Ohr wisperte? Vielleicht war sie überdies schlau genug, selbst jenen Gewalttätigen noch einmal zu mäßigen. Gerade dieses letzte, dieses ungewisse, gefährliche Spiel reizte, wie sie meinte, ihre Unternehmungslust aufs äußerste.
Ja, sie war entschlossen, und während sie hastig in ihre Schlafkammer eilte, um sich heimlich und einsam anzukleiden, da überfiel sie der ganze, von ihr kaum gekannte Rausch, den ein Weib zu erregen und mitzuteilen vermag. Eine Metallscheibe zeigte ihr ihre Gestalt, und sie genoß dabei die Wonne, ein unsichtbares Schwert um ihre Hüften gegürtet zu tragen, das auf ihren leisesten Wunsch blutige Gesetze schreiben würde.
In diesem Augenblick umfing sie den Fernen und lehnte ihr Haupt an seine Wange.
Sorgsam wählte Occa ihr schönstes rotes Fältelkleid aus Leyden, und als sie es mit geschwinder Hand angelegt, da empfand sie selbst voll Befriedigung, wie der starre Goldschmuck des Gewandes, der sich über ihrer Brust zu einer Art Sonne verdichtete, den Strahlenkranz des Reichtums um sie schloß. Noch einmal spähte sie vorsichtig aus dem offenen Fenster, allein auf dem dunkelfeuchten Burghof war keine Seele zu erspähen, sie hörte nur, wie die Windsbraut von der Linde Wolken dürrer Blätter abtrieb, um darauf mit dem Kehricht tief unten auf den Steinen umherzukichern. Nun galt's!
Hurtig warf sich Occa ihren grünen, gleichfalls über und über mit Goldblechen besäten Mantel um, zog ihn nach der Sitte der Friesinnen über das Haupt und huschte leichten Fußes die Steintreppen hinab. Wie ungewohnt ihr dabei das Herz hämmerte, wie angestrengt ihre Brust atmete, und doch erinnerte sie sich nicht, jemals eine ähnliche Lust gekostet zu haben. Weiter, weiter, damit ihr jenes fremdartig beglückende Sehnen nicht etwa noch zuletzt durch irgendein Hindernis gehemmt würde. Jetzt schlich die dunkle Gestalt bereits über den Hof, nun drückte sie gegen das Pförtlein der Mauer. Gottlob, es war offen. Von der Anhöhe überschaute die Broketochter noch einmal das nächtige Gefilde. Der Meerwind, der über das Flachland pfiff, blähte ihren Mantel, die bunten Lichter der Flotte stiegen auf und ab wie ungeheure gebändigte Leuchtkäfer. Dies war die Sprache, in der der Störtebecker zu den Seinen redete. Aber plötzlich zog ein eigenartig überlegenes Lächeln um den Mund der Flüchtigen, genau so, wie durch die Signale dort unten die Nacht erhellt wurde; wie, wenn der unbeherrschte Mensch, den sie zu versuchen gedachte, sie nicht mehr aus seiner Gewalt entließe, wenn er sie mit sich schleppte? – O Schmach, ihr Stolz litt es nicht, sich solch einen Niederbruch vorzustellen, und der goldene Stirnreif, den ihr das Abenteuer noch eben entgegengereicht, er erblindete sacht in dem feuchten Nebel der Finsternis.
Eben wollte sie ihre Gewandung schürzen, um desto ungestörter wieder den Fahrweg hinaufeilen zu können, da stutzte sie, und im ersten Schrecken stürzte ihr der Mantel vom Haupt. Hilf Himmel, dicht unter ihr knarrte etwas Ungefüges aus der Schwärze hervor, das durchdringende Quietschen trockener Räder meldete sich, und ehe Occa noch den Entschluß fassen konnte, wieder durch das Tor zurückzuschlüpfen, wurde ihr Antlitz von dem Flackerschein einer Fackel übermalt. Ein Knecht trat hinter dem Wagen hervor. Der hielt ebenfalls inne, als er seine geschmückte Herrin gewahrte. Unter dem Leinendach aber grunzte wie in Spuk und Traum jene viehische Stimme, vor der ihre Jugend eben noch voll Widerwillen geschaudert hatte. Stumm, unbeweglich mußte das schöne, fackelbeleuchtete Bild mit ansehen, wie zwei Wäppner die gemästete Rundung des Ferkels von dem Gestell herabhoben, watschelnd kroch das Ungeheuer auf sie zu, dann weidete es sich lange an der Pracht und dem Schmuck der Wegbereiten, während die schmalen Schweinsäuglein fast hämisch dazu glitzerten. Endlich schnaufte der Klumpen so sanft er vermochte:
»Wohin, mein Trautchen?«
»Zum Störtebecker,« brach Occa zornig aus, da sie es verschmähte, vor ihrem Gatten Geheimnisse zu bergen.
»Recht,« nickte der Sternendeuter beifällig, als wenn nicht das geringste an dem Betragen seines Weibes auszusetzen wäre, »dacht ich mir doch, daß ich dich warnen müßte.«
Dabei griff seine schwammige Rechte nach dem Arm der Schönen, schob sich selbst dicht unter ihren Mantel und drängte die noch immer Widerstrebende auf diese Weise mit sich in den Hof. Erst unter dem Hauseingang löste sich der Fettwulst von seiner Begleiterin, um schnaufend gegen den bedeckten Himmel zu weisen.
»Was schaust du dort oben an dem Bogen des Wechsels?« stöhnte er bedeutungsvoll, und es sah beinahe grausig aus, wie die fette Ungestalt mit der Sicherheit des Besitzers die Hand gegen das finstere Gewölbe reckte, als wollte er dort droben einen Schrein voll Kostbarkeiten aufschließen.
Doch Occa brachte seiner Wissenschaft nicht die von dem Ferkel gewünschte Verehrung entgegen.
»Ich sehe nur, daß es regnen wird,« erwiderte sie spottend und wollte sich abkehren.
Der Klumpen aber hielt sie zurück.
»Leichtfertig Kind,« grunzte er, »und ich hab' deinetwillen die schmerzhafte Fahrt angetreten. Siehst du nicht, wie das Siebengestirn drohend nah gen Luna rückt? Und wie von der anderen Seite das Gewimmel der Plejaden gegen die Sichel drängt? Das bedeutet Abnahme und Tod eines Mächtigen. Übermacht rottet sich zusammen. Mit vierzig Koggen segeln die Hamburger schon in Sicht der Inseln, so daß es kein Entrinnen mehr gibt. Wer in Marienhaven morgen Wäsche spült, wird sie rotgefärbt herausziehen.«
Da lehnte sich Occa sprachlos gegen den Torpfosten, aber wunderlich, ihre heiße Regung verflüchtigte sich überraschend schnell vor dem Heranziehen des Ungemachs oder des Zusammenbruchs, so daß es fast nur noch der Schreck über ihre eigene Verbindung mit dem Gezeichneten war, der ihr ein Zittern einflößte.
»Wer trug dir dies alles zu, Luitet?« fragte sie um vieles vertraulicher.
Der Dicke streichelte sacht ihren Mantel, bevor er zögernd, aber mit einem schlauen Blinzeln in den Schweinsäuglein erwiderte:
»Lasse mir meine Erkenntnis gern nachprüfen, Occa. Bin nicht stolz darauf. Diesmal taten es eine Anzahl von Fischern, die Hisko in Sold hält. Ja, der Pfaffe hat den Hansen sogar schon einen Unterhändler entgegengeschickt.«
Als das geschmückte Weib diesen nackten Bericht über Abfall und nahende Schande überlegte, da überkam es beinahe eine Art Dankbarkeit für den rechtzeitigen Warner. Übermütig, wie sonst, klopfte sie ihm die feiste Wange.
»Bist doch ein klein kluges, nachdenkliches Vieh,« lobte sie ihren Eheherrn und versetzte ihm einen leichten Schlag, der das Ferkel jedoch befriedigt aufbrummen ließ. »Komm, ist kalt hier. Die Mutter soll dir warmen Wein in den Trog schütten.«
Schritt vor Schritt zog sie das schwankende Ungeheuer die unbequemen Treppen hinauf. Aber noch während des schwierigen Hinaufklimmens hing sich der Klumpen fest unter ihren Arm und schnaufte recht aus Herzensgrund, fast wie ein ehrlicher Beichtiger, der seinem Seelenkind zuredet:
»Meinst du nicht, Liebe, daß dieser Gottversucher mit Recht Pein und Block verdient? Gibt es wohl ein boshafter Beginnen, als die frommen Satzungen von reich und arm umzuwühlen, so daß schließlich der Edelingsrock auf deinem schönen Leib nicht mehr gilt als der Bettlerkittel?«
»Komm, komm,« rief Occa schaudernd, »laß uns am warmen Feuer niedersitzen. Und dann wollen wir der Ausgeburt eines Tollwütigen für immer vergessen.«
Die grünen und roten Lichter zogen flußabwärts. Eine langsam gleitende Bewegung war in die hölzernen Massen geraten, und während die Ungetüme im Schein ihrer Laternen, schattenhaft nachgebildet und wie flach über das Land hingeworfen, ihre huschende Wanderung antraten, da schrillte, trillerte und pfiff es von allen Seiten durcheinander, als wenn die großen Vögel nunmehr auch ihre Stimmen wiedergewonnen hätten, damit sie sich gegenseitig warnen könnten. Allein es handelte sich um keinerlei Vorsicht, denn dies war der Gesang des Angriffs, des Stoßes und des Ausbrechens aus dem Käfig. Zur selben Stunde, da Occas Eheherr ihr die dunklen Sprüche des Himmels offenbarte, da standen drei Snykenführer,[[*]] die schon seit Tagen draußen auf offener See Vorpostendienste leisteten, vor ihrem Admiral, und das, was sie meldeten, das war der Ruf des Lebens und des Todes zugleich, das war die ernste unerbittliche Ordnung und das lustige leidenschaftlich wühlende Chaos.
[[*]] Befehlshaber leichter Schaluppen.
Zwischen ihnen auf den Wellen schwankte die Wage.
Der Feind war da. Auf unbegreifliche Weise erschienen. Wie der Dieb in der Nacht. Vierzig kriegsstarke Koggen. Das ganze hansische Aufgebot, vor allem Hamburger, und an ihrer Spitze ein ungefüges, plumpes, breitstirniges Schiff, das im Topp die Admiralsflagge gesetzt hatte. Die »Bunte Kuh«.[[*]]
[[*]] Es war aus Utrecht gechartert.
Es war der Name des Fahrzeuges, der dem Störtebecker zuerst während des Kriegsrates in der Kajüte ein hämisches, nach Hellebarden und Schwertern klirrendes Gelächter entlockte:
»Ho, Brüder,« hieb er sich auf die Brust, »welch gutes Omen! Wir wollen das Hamburger Tier erst melken und dann schlachten. Gönne ich doch meinen Kindlein schon lange solche Milch. Und nun« – er wanderte weiten Schrittes durch den hell erleuchteten Raum und zog dabei ein paar der Lukenbretter zurück, um finstere Blicke auf das vorüberziehende Land zu heften, »nun, Heino, sprich, mein Freund, wie siehst du das Ding sonst an?«
Der Kleine lehnte am Tisch und stützte sich auf seinen Hieber. In dem faltenlosen, glatten Kindergesicht stand dunkler Ernst.
»Daß die Krämer mit einer solchen Übermacht erscheinen,« sagte er bestimmt, »beweist mir, daß der Michael geliefert ist.«
»Möchten dich doch die Furien erwürgen,« unterbrach der Störtebecker hier dunkelrot, denn seit seiner Kindheit hatte sich der Unbändige stets in beleidigter Auflehnung dagegen gesträubt, ohnmächtig gegen ein schwarzes Wetter zu starren. »Der Gödeke lebt. Meinen Kopf dafür. Ich sehe ihn, ich höre ihn sprechen. Meinst du, der Satan würde mir sonst Dietrich und Brecheisen ins Wappen setzen, wenn's nicht der guten Kumpanei wegen geschähe?«
Wütend schlug er gegen die Schiffswand. Unter den Führern erhob sich ein widerstreitendes Gemurmel. Unbeirrt jedoch und kühl streichelte sich der Magister das Kinn.
»Wie dem auch sei,« beharrte er, »ist jetzt nicht an der Zeit, Claus, sich in den römischen Triumphmantel zu hüllen. Hab' all mein Tag auf die Ehre gepfiffen. Ha, ha, ohne Ehre kann man leben, aber ohne Kopf nimmer. Ich stimme dafür, wir wollen entwischen, solange es noch Zeit ist.«
Die anderen schwiegen.
Auch der Admiral stand wortlos am Ende der Kajüte, dort, wo sie sich sanft verjüngte. Ohne Absicht hatte er einen dicken Folianten von der Truhe emporgerissen und nagte emsig an der Unterlippe. Jetzt aber warf er den Wälzer polternd zur Erde und richtete sich jäh zur Höhe.
»Habt ihr euch,« rief er mit seiner durchdringenden Stimme, die jedem einzelnen einen Messerstoß in die Brust versetzte, »während ich euch Wohnsitz und Unschuld geben wollte, nach Blut und Beute gesehnt?«
»Ja,« sprachen die Männer gemeinsam.
»Und ist's nicht euer einziger Freibrief, daß ihr mit Beelzebub Karten zu spielen wagt, ganz gleich, ob der Gehörnte die Bilder in der Klaue hält und ihr die Nieten?«
»Ja,« schrien die Freibeuter überzeugt. Fuhren aber gleich darauf wild durcheinander. »Haben selbst einen Trumpf im Spiel, heißt Claus Störtebecker.«
Da glitt ein stolz zerrissener Schein über das dunkle Antlitz des Riesen, den man früher nicht an ihm gekannt.
»Habt mir nur die Helmzier abgebrochen, ihr wetterwendisch unbelehrbar Volk,« grollte er mehr zu sich selbst, »aber gleichviel« – er trennte die Seekarte von der Wand und schleuderte sie auf den Tisch – »will das Kunststück ausführen, um des Kunststücks selbst willen. Wohlan, Heino, gib dich, wir schlagen morgen. Und jetzt habt mir acht auf ein gar sauber Stücklein von einem Plan.«
Es war tief in der Nacht, als der Admiral in seine Kajüte zurückkehrte. Bis dahin hatte er bei Laternenschein jeden Winkel seines Schiffes gemustert, er hatte die Rüstkammer besucht, die Winde der drehbaren Geschütze geprüft, Leinen und Segel zur Probe gezogen und überall die verwegenen Gesellen, die ihm an ihren Rollen ihre Künste weisen mußten, durch ein wildes zündendes Scherzwort in jene bis zum Reißen straffe Spannung versetzt, die auf der »Agile« bisher immer die letzte, unwiderstehlichste Waffe gebildet. Jetzt hatten die Schiffe, schon außerhalb der Inseln, Anker geworfen, Ruhe war vor dem roten Erntetag befohlen, und der Störtebecker selbst betrat müde und in sich gekehrt seine Wohnstätte. Er hatte noch nicht sein Haupt entblößt, als der Heimgekehrte mitten auf einem der dicken Teppiche des Fußbodens seinen Knaben hingelagert fand, den wohl beim Warten auf seinen Herrn der Schlaf übermannt haben mochte. Gedankenvoll blieb der Störtebecker vor dem friedlichen Bilde stehen, denn die scharfen Lichter aus den venezianischen Gläsern enthüllten ihm deutlicher als je zuvor, wie hager und abgezehrt die Wangen seines folgsamsten Gesellen eingesunken waren, ja, wie tief die ganze schwärmerische Bildung seiner Züge in Leid eingebettet ruhte. Wahrlich, der Sturz, den diese ihm hingegebene Seele aus einem versprochenen Himmel getan haben mußte, er hatte der Ärmsten gewiß für immer jene Inbrunst geraubt, in der sie wie eine steile Flamme aufstieg und ohne die ihr Dasein zu Asche sank. Die Menschheit hieß der große Tempel, in dem der Gläubigen ein Hüterinnenamt zugesichert war. Wohin würde sie sich nun flüchten, nachdem offenbar geworden, daß die Fratze des Wahnwitzes vor der Tür des angeblichen Heiligtumes grinste? Leise berührte der Hinabschauende die Weiche des Schläfers mit dem Fuß, um sich von der ungestörten Fortdauer des Schlummers zu überzeugen, dann aber verdüsterte sich seine Miene, und er sprach dumpf vor sich hin:
»Zerbrochener Scherben! Deinetwegen könnte ich Reue lernen. Kein morgenrotes Eiland mehr in der Ferne, mein Büblein, nur die Fahrt in den Pfuhl, darüber das Fieber tanzt. Dir wäre besser, du blasser Traum, du gingest gänzlich in Schlaf über.«
Vorsichtig beugte er sich, nahm den schlaff herabhängenden Körper in seine Arme und las eine Weile angestrengt in den gelösten Zügen, die ohne das Licht der Augen nur den Ausdruck versenkter Ruhe wiesen. Aber gerade diese unbeteiligte Ferne schien den Späher zu trösten. Leise ließ er seine Last wieder auf die Kissen sinken, blickte noch einmal mit vollem Verlangen auf die Pracht des kostbaren Raumes, dann löschte er selbst das Licht, und bald verkündeten kräftige Atemzüge von seiner Lagerstatt, daß auch dieses unruhige Hirn der Betäubung unterlegen sei. Drückendes Schweigen webte in dem weiten Gemach, und nur das regelmäßige Gewoge der See zählte in der Finsternis seinen eigenen Herzschlag.
Und doch – es gab hier noch ein ander Hammerwerk, das in einer menschlichen Brust aufgestört fieberhaft seine enge Kammer zu sprengen drohte.
Linda schlief nicht.
In den Armen ihres Gebieters war sie aus ihrer schweren Verstrickung erwacht, sie hatte seine dunkle Prophezeiung vernommen, und nun lag sie angehaltenen Atems und suchte kältegeschüttelt zu ergründen, ob sie wirklich das mit sich selbst bekannte und einige Wesen sei, in dessen Brust vom Schicksal Urteil und Vollstreckung zugleich gelegt wären.
Draußen schlugen die Wellen unabänderlich an die Planken: »Du mußt – du mußt,« und während der Hingestreckten vor dieser Bedrängnis die Zähne gegeneinander bebten, da warf ihr schäumendes Hirn allerlei Fetzen jener Verhaltungsmaßregeln durcheinander, die ihr von dem scheusäligsten aller Verbrecher, dem dicken Wichbold, überkommen.
»Sieh, du mußt erst das tun – mein schlaues Büblein, und dann mußt du jenes – – aber vorsichtig, damit er dir nicht deine Sprünge ablauert.«
Er – er, das war der Mann, der ohnehin schon den Glanz, den Strahl, das Gold seines Ichs eingebüßt und nur noch dahinraste, um hinter wilden Lastern seine Niederlage zu verstecken. Kein Messias mehr, sondern ein frecher, sich selbst verspottender Judas! Keine Labe in den Händen für die Schmachtenden und Niedergebrochenen, nein, nein, vielmehr ein Gurgelschneider, der in Selbstverzweiflung seinen Opfern wohlzutun glaubte, weil er sie abschlachtete.
Der Morgenstern in einen Kothaufen verloren.
Nimmer!
Linda erhob sich. In ihrer Blässe stand wieder jene unerbittliche Treue zu ihrem Entschluß, die in dem langen Zusammenwirken mit dem Gewaltmenschen ihr Erbteil geworden. Jetzt lauschte sie nicht mehr, keine spitzfindigen Fragen legte sie sich weiter vor, getrieben von einer finsteren Notwendigkeit, furchtlos und überzeugt schlich sie unhörbar die Treppe der Kajüte hinauf.
Wie hatte es doch der dicke Wichbold gemeint?
Immer seine listig heisere Einflüsterung im Ohr, strich der Schatten über Deck, dann wand er sich wieder zwei enge steile Treppen hinab, bis dahin, wo tief im Bauch des Fahrzeuges der rote Schein der Schiffsschmiede glimmte. Vorsichtig öffnete Licinius die rußige Höhle, allein die halbnackte Zyklopenschar, die noch vor wenigen Stunden hier an ihren Amboßen Pfeil- und Lanzenspitzen geglüht und gehärtet hatte, sie lag jetzt irgendwo in der Schwärze verborgen, und mit der rasselnden Wucht arbeitender Blasebälge entströmte ihr Atem. Halblaut, prüfend rief sie der Schatten an:
»He, Detlev – Olav – Henneke!«
Als sich jedoch nirgendwo ein Zeichen des Verständnisses kundgab, da wandte sich der Knabe gegen den verlassenen Herd und schob einen der Schmelztiegel in die noch lebende Glut. Dann bückte er sich und blies seinen eigenen ängstlichen Odem in die müde Asche.
Und wieder und wieder versuchte der nächtliche Gast während seines Tuns die hingestreckten Schmiede: »He, Detlev – Olav – Henneke.«
Umsonst. Keiner von ihnen bemerkte das zitternde Menschenkind, wie es rötlich angestrahlt und doch mit geschlossenen Augen die Nägel zu dem gemeinsamen Sarge goß.
Kurz darauf wurde über die Hintergalerie der »Agile« eine Strickleiter geworfen, derselbe geschmeidige Schatten glitt hinüber und an dem ungeheuren Steuer tauchte er hinab von Rippe zu Rippe. Immer tiefer.
Dazu pfiff der Wind sein einförmig Lied, und die Wache im Mastkorb sang sich zum Zeitvertreib eine Weise von Heimkehr und Magdtreu.
Es war bestimmt, daß man durch eine vorgetäuschte Flucht gen West die Übermacht der Hansen erst auseinander zerren solle, um dann nach einiger Zeit gewendet, die ungefügeren Koggen der Krämer einzeln überfallen und niedersegeln zu können.
Auf dem Fischmarkt zu Hamburg erzählte man sich später vielerlei über den glückhaften Hergang.
Ein regenfeuchter Oktobermorgen war angebrochen. Die Schwarzflaggen unter Führung von Wichmanns »Goldener Biene« waren längst nach West ausgeschwärmt, nur die »Agile« lag noch verhaftet an ihren Ketten, ein riesiger Adler, der den Abzug seiner Küchlein decken wollte. Oder reizte es den Störtebecker nur, Schußsicherheit für eine Ladung seiner Steinkugeln zu gewinnen? In Lederwams und Kappe stand er breitbeinig auf dem Bugaufbau, nicht mehr jenes goldene Leuchten im Antlitz, dafür aber von einem verbissenen, fürchterlichen Grimm durchwettert, der sich allen mitteilte, die auf diesen Mittelpunkt ihres Schicksals hinstarrten.
Jetzt kam der erste Befehl.
»Schießt,« forderte er nach einem scharfen Ausspähen, von den ihn umdrängenden Bombardieren. Er sprach ganz ruhig. Die Lunten senkten sich, ein Rollen, und dort drüben in der langen hölzernen Zeile begann es Takelwerk und Leinen zu regnen.
»Gut, meine Kindlein,« lobte der Admiral, und das unheimlich niedergehaltene Feuer in seinen Augen stäubte etwas höher. »Es war nur, um ihnen den Morgenbrei zu wärmen.« Er riß sich die Kappe vom Haupt und schwenkte sie höhnisch nach der Gegenseite. »Grüß Gott, ihr Herren. Die Diebe mit dem Brecheisen grüßen die Spitzbuben vom Gänsekiel! Gibt's was zu schachern? Haben nur unsere Freiheit, und die ist ein teuer Ding!«
Damit setzte er die Sprachdrommete an die Lippen: »Anker auf.«
Die Ketten rasselten, die Brust des Schiffes hob und senkte sich, wie ein Schwimmer, der sich die erste Glut kühlen will.
»Schüttet Segel aus. Ruhe – kalt Blut, meine Kinder. Bevor die Krämer drüben ihr Leinen mit der Elle gemessen, sind wir davon. Nun die Pinne hart an Steuerbord; lebe wohl, Hamburg!«
Allein die »Agile« vollführte die gewünschte Schwenkung nicht. Wie von unsichtbaren Geisterfäusten gepeitscht, sauste der Renner dem Halbkreis seiner Häscher entgegen.
»Plagt dich der Böse, Wulf Wulflam?« brüllte der Störtebecker von seinem erhöhten Stand halbtoll über Deck und schob sich vor ratlosem Erstaunen die Kappe aus der Stirn. »Hundsfott, dreh augenblicks gegen den Wind ab, sonst lade ich deinen Kopf in die nächste Lederschlange. Hölle und Graus, was geschieht hier?«
Inzwischen war der Freibeuter Lüdeke Roloff neben den stiernackigen Wulf und seine Gesellen gesprungen, beide Männer schoben sich gegen den Baum, daß ihnen das Blut aus den Wangen spritzte. Doch unverändert tobte die »Agile« ihre böse Fahrt weiter. Vom Land aus einen steifen Südwest in den Segeln, so schnitt das Schiff durch die spitzen Wellen, als müsse es in wenigen Sprüngen sein Ziel erreichen.
»Herr,« keuchte es jetzt zweistimmig vom Heck, »geliefert sind wir – es ist Blei in die Angeln gegossen.«[[*]]
[[*]] Die Sage vermochte sich den Hergang nicht anders zu erklären. Übrigens war die geschilderte Kriegslist zu jener Zeit eine durchaus übliche. Auch der gefeierte Seeheld Paul Beneke von Danzig benutzte sie etwa um das Jahr 1473.
Einen Atemzug lang blieb alles still, das Entsetzen wohnte an Bord. Dann aber wirbelte eine riesige Gestalt vor aller Augen die zwei Stockwerk aus der Luft herab, schoß durch die heulende, kreischende Mannschaft hindurch und warf sich gleich darauf mit ihrer ungeheuren, durch Verzweiflung und Grimm verzehnfachten Körperwucht gegen die Pinne. Das Holz ächzte und krachte, das Steuer bewegte sich nicht.
Jetzt lösten sich die Bande des Gehorsams. Die Schwarzbrüder verließen ihre Posten, die meisten warfen ihre Waffen fort, sie irrten durcheinander gleich den Ameisen, und der Wahnwitz fächelte sie mit seinen Mohnflügeln. Das Unsinnige gewann die Oberhand.
»Reißt die Segel herab.«
Als ob das verlangsamte Fahrzeug weniger verloren gewesen wäre!
»Flieht – flieht – in die Boote!«
Als ob angesichts des Gegners und bei der rasenden Fahrt die aufgepeitschte Menge in den winzigen Kähnen Platz gefunden!
Immer hurtiger hetzte der Springer über die Wogenhügel. Aber gerade in dem Augenblick, da er das ihn bändigende Halfter völlig zerknirschen wollte, da fühlte sich das Roß noch einmal von jener stählernen Faust gepackt, die es bisher noch immer bezwungen und beruhigt. Hoch auf dem Heckaufbau zeichnete sich in seinem verwitterten Lederkoller der Schwarzflaggenfürst gegen den wolkigen Dunst ab. Um kein Haar anders stand er da als sonst, da er die letzten Befehle zum siegreichen Angriff zu geben gewohnt war. Nur der bösartige Grimm war aus seinen Zügen entwichen, ja, er lächelte jetzt sogar, ein helles, gereinigtes Lächeln, wie es nur die von sich selbst befreiten Sterblichen kennen.
Die Gefahr, die drängende Sorge um andere hatte unvermerkt das Beste in diesem Menschen geweckt.
»Hört ihr mich, meine Kinder?«
»Ja, Claus,« schrien sie hoffnungsvoll. Sie sammelten sich um diesen Klang wie um einen schützenden Turm.
»Das Spiel fängt erst an, ihr Schuimer. Schüttet Segel aus, bindet Leinen auf, der letzte Fetzen muß fliegen.«
»Segel?« Sie glaubten, er rede im Fieber.
»Ich sage, knüpft eure Hemden an die Rahen, ihr Burschen, und fegt durch die Luft. Unter dem Bug gibt's gleich ein Schädelknirschen. Schießt – schießt!«
Was weiter geschah, das sauste von der Spule, ruckartig, unpersönlich, gedankenlos, denn all die von Tod und Untergang angegrinsten Menschen, sie hatten ihre eigene Überlegung, ihre Glieder, ihr Handeln und Aufhören diesem einen überliefert, und der riß nun an ihren Fäden und lenkte seine Figuren, willkürlich, gnadenlos, nur zu dem einen Zweck des Lebens.
Alle eigneten sie ihm, bis auf die schwächste und hilfsbedürftigste. Die lehnte an der Bordschwelle, hatte ihre Hände krampfig über der Brust ineinander geschoben, aber ihr ungesprochenes Gebet war zum erstenmal nicht mit dem Herrn ihres irdischen Loses, sondern sie rief und flehte zu dem Schicksal, auf daß es größer und auch barmherziger walten sollte als jener lebend Tote, der jetzt dort oben den letzten gespenstischen Kampf focht. Sie bereute nichts, sie widerrief nichts, sie fühlte, daß Mitleid und Gnade einzig bei ihr wären, die mit ihrer schwachen Hand das Tor des Gemeinen und Verworfenen vor dem sterbenden Messias abschloß.
Vor ihren umflorten Augen wandelte sich das flutüberströmte Schiff in eine langhingestreckte, menschenwimmelnde Kirche. Schwärzlicher Himmel wölkte sich über dem Dom als tiefe unergründliche Decke, und die Musik des Meeres pfiff und stürmte in fernen Orgelweisen einen silbernen Engelsgruß.
Sie sah nur den einen, dessen bleiches, lockenumflattertes Antlitz schon jetzt hoch droben dem Irdischen entrückt war.
Ein Krach! Ein herzumwühlender Stoß. Die Hamburger hatten dem unter stärkstem Druck daherfliegenden Admiralsschiff einen alten unbrauchbaren Kasten mit der Breitseite entgegengeworfen – die »Agile« schnitt ihn mit ihrem Rammsporn auseinander, wie dünnes Glas.
»Triumph,« schrien die berauschten, vom Wunder bereits in eine andere Welt geschleuderten Gleichebeuter, und jeder packte seinen Spieß oder die Armbrust nerviger. Ein wildes, tumultuarisches Gebrüll stieg zum Himmel.
Da schwang schon wieder der schrille, gellende Pfeifentriller des Admirals, die Schwarzflaggentrommel wurde gerührt – der alte fortreißende Wirbel zuckte durch die Herzen.
»Entert,« schrie der Störtebecker von seiner Höhe.
Er befahl es mehr mit seinen blutig leuchtenden Augen, mit dem hoch erhobenen Hieber, mit der weit ausgestreckten Linken.
»Aller Welt Feind,« antworteten die Vitalianer mit ihrem fanatischen Schlachtruf.
Die Brücken rasselten, ein splitterndes Reiben und Knirschen meldete, daß sich jetzt zwei der ungeheuren Rümpfe eng nebeneinander geschoben hatten. Die »Agile« biß in die Wange der »Bunten Kuh«.
Und mitten in diesem Knäuel von Lanzenspitzen, zischenden Bolzen, Pulverdampf, herunterbrechenden Spieren und dem Gekreisch Getroffener lehnte Linda noch immer wie unbeteiligt neben dem hohen Bord. An ihr vorüber heulten Steinkugeln und rissen das Deck auf, so daß der entsetzte Blick in das Eingeweide des Holzleibes irren konnte, dicht neben ihr bauschten sich die unheimlichen, riesenhaften Malereien, mit denen die Hamburger ihre Segel geschmückt hatten. Ein titanischer Schwan blähte sein Gefieder und starrte die Einsame mit roten Augen gefräßig an. Dahinter flatterte ein steiler Turm und schleuderte ihr seine Ziegel gegen das Haupt. Doch all das Grauen zog wesenlos über sie fort, weil sie in den Greuelgestalten nur ihre Helfer erkannte, die sie herbeigerufen hatte, um den verirrten Heiland in sein Grab zu betten.
Ein Goldgefunkel blendete ihr die Augen, und sie wußte, daß dort auf der Enterbrücke die Klinge des Gewaltigen ihre sausenden Kreise zog, sie hörte eine menschliche Fanfare in dem dicken Haufen jedes Ohr wecken:
»Meine Schuimer, meine Kinder, drauf, drauf, schlagt, spießt, stecht, – melkt die Gold-Kuh!«
Und sie lächelte nur matt über jenen habsüchtigen Aberwitz.
Aber dann kam der Augenblick, wo auch ihr Geist aufgerissen wurde. Ihr Gebet war erhört.
Dumpfe Stöße erschütterten kurz nacheinander die »Agile«. Von zwei Seiten war das überflügelte Schwarzschiff in die Mitte genommen. Fremde Scharen quollen über Deck. Blutende Männer sprangen zu Hunderten in die See. Und von der Enterbrücke, wo eben noch der Goldkreis gesummt und gesungen hatte, stürzte ein höllisch kreischender Haufe zurück. An seiner Spitze ein Wahnwitziger, der noch immer retten wollte.
»Licinius,« schrie er aus tiefster Brust. »Licinius.« In seiner Notstunde erinnerte sich der Riese an sein eigenstes Besitztum. Da leuchtete der Knabe beseeligt auf.
Ja, der Himmel öffnete sich, ein goldener Lichtweg strahlte gegen das Sterbliche, und eine Heiligenschar trug einen Sarg hinunter.
Das gotterfüllte Ende war da.
Als sich der wirre Knäuel gelöst hatte, sah man einen blutüberströmten Mann mit dem linken Arm an den Hauptmast gebunden, die Rechte aber führte immer noch das Schwert, fegte und bahnte um sich her, und dazu schrie eine in Jammer erstickte Stimme:
»Wer – wer hat mir das getan?«
Sein rollendes, in Irrsinn und Auflehnung brechendes Auge erfaßte den Getreuesten, heftete sich an ihn und wollte ihn nimmer lassen.
Da sank der schöne bleiche Knabe mitleidig vor dem Gerichteten in die Knie.
»Claus Störtebecker,« sprach er verklärt, »diese Hände haben dein Steuer angehalten, mit weißen Segeln wirst du in die Ewigkeit fahren.«
Heftig wurde er emporgerissen, und mit hocherhobenen Armen warf sich der Blonde in den Busch zögernder, halbgesenkter Lanzen.
Der am Mast ließ sein Schwert fallen. Ohne Verständnis kehrte er seine Augen gen Himmel, ohne Begreifen spiegelte er die verstummte, blutige Menschenschar. Tief stöhnte er, und sein Haupt sank ihm auf die Brust.
Um ein weniges glich er jenem Anderen, der gleichfalls an ein Holz geheftet, gesprochen hatte:
»Herr, Herr, warum hast du mich verlassen?«
Am Abend des 19. Oktober 1402 nach Feliciani sprang ein Gaukler durch die winddurchpusteten, regenfeuchten Gassen von Hamburg, und der buntscheckige Narr schlug Purzelbäume zum Ergötzen des Haufens, ließ seinen Dudelsack ausströmen und quäkte dazu:
»Hei – hei!
Morgen verschwemmt die gefährlichste Klippe der Nordsee,
Daran gestrandet manch stolzes Schiff,
hei – hei!«[[*]]
[[*]] Nach einem alten niederdeutschen Bänkelsängerlied aus Wächters historischem Nachlaß.
Blieb dann stehen und deutete mit seiner Klapper auf die ungefüge Haube des Katharinenturmes, von wo die ganze Nacht Lobweisen geblasen wurden.
»Horcht,« krähte er, und er schüttelte vor Kälte und fröhlichem Grusel seine abgezehrten Glieder, »pfeifen dem Störtebecker das Schlummerlied. He, Dörthe, möchst jetzt bei ihm liegen?«
Allein der Gefangene, zu dessen letztem Gang die Stadt sich so festlich rüstete, er bedurfte weder Gesellschaft noch Aufheiterung. Denn ruhte er zwar auf Stroh in einem lichtlosen Kellerloch unter der Kanzlei, so hockte doch sein Lehrer Wichmann bei ihm auf einem Schemel, und beide zechten bald aus der riesigen Weinkanne, die ihnen der Rat gespendet, bald grölten sie Zoten und Schelmenlieder, daß sich die Wache vor dem Gitterfenster ehrlich entsetzte.
Ein alter graudurchfurchter Stadtknecht schob deshalb seinen Kopf gegen die engen Eisenstangen, damit er die beiden Gerichteten zu ehrsamerem Wandel anhielte.
»Bedenkt, ihr Bösewichter,« riet er wohlmeinend, »wem ihr bald Auskunft erteilen müßt. Sollen eure Schandmäuler dort droben etwan noch vor Unflat überfließen?«
Da nahte sich dem Gitter die riesige Gestalt des Störtebecker, und im Licht einer Laterne erschien das hochmütige, wenn auch jetzt totblasse und verwüstete Antlitz. Unwillkürlich fröstelte es den Stadtsoldaten vor diesem noch immer schrecklichen Bild gestürzter Größe.
»Du irrst, grauer Rostfleck,« antwortete der Seefahrer heiser. »Weißt du nicht, daß wir an der Tafel des Schwarzen obenan sitzen werden? Dort unten ist ewige Freude, Trunk, Hurerei, Fraß, Diebesglück und erzielte Übervorteilung. Alles, was hier nur halb gelingt. Wer die Welt verständig umzukehren weiß, der gewinnt's! Geh, küß deinem Pfaffen den Hintern, vielleicht findest du's.«
»Gott erbarm' es sich,« stöhnte der Alte.
Darauf juchheiten die beiden und pokulierten weiter.
Allein je schläfriger es auf dem Gange wurde, je eiliger die Nacht vorrückte, desto mehr verstummte auch der grelle Singsang der Schuimer, und allmählich erkannte der schildernde Hellebardier nur noch aus dem Rascheln des Strohs, daß dort drinnen ein Schlafgemiedener seinen Weg suche.
Schon spät war's, als der Störtebecker, nur kümmerlich von dem hereinzitternden Strahl getroffen, vor dem blonden Zwerglein Halt machte. Das pfiff leise vor sich hin und schierte sich um nichts.
»Heino,« schickte der Admiral stockend in die Dunkelheit hinab und holte etwas Versenktes aus sich hervor. »Mein Freund, mein Bruder, sprich, wie denkst du dir unsere nächste Reise? Nicht als ob es mir leid wäre, aber es plagt mich, ob man Ufer spürt oder nur Fahrt – Fahrt? Ob man nur Schiff ist, oder auch Steuerer?«
Aus der Finsternis kicherte es belustigt heraus, dann schlugen ein paar sanfte Finger leicht gegen die Hand des Freundes.
»Bleibst doch der tolle Bacchantenschütz, der du warst, du stolzer Herkules! Meinst, du müßtest überall dabei sein. Schade, daß ich dir morgen mittag nicht weisen kann, wie wir einen Strich passieren, wo Bewegung und Stillstand dasselbe sind, wo du verhundertfacht auf weißen Lichtschimmeln in die Windrose schießest, während doch dein eigentlich Selbst nach deinem Seneka ganz friedlich dort schlummert, wo alle ruhen, die noch ihrer Geburt harren.«
Der Störtebecker regte sich nicht.
»Nichts?« forschte er nach einer Weile rauh.
»Nun freilich,« gab die feine Knabenstimme bissig zurück: »Willst du ewig Umgetriebener etwa die große Wohltat verketzern? Den Hamburger Pfefferkrämern könnt' es womöglich leid um uns werden. Nur eines!« Und der Kleine scharrte mit seinem Hüker und schien näher zu rücken. »Man muß freilich schon hierorts mit dem Nichts seinen Pakt geschlossen haben. Nicht glauben, daß von uns etwas zurückbleibt, Unerfülltes, Lebenswertes oder gar was von Segen. Törichter Nimmersatt, hier oben redet das Nichts, dort drüben schweigt's. Sonst kein Unterschied.«
Eine Weile verstummte alles, der Störtebecker schob nur an seinem Wams hin und her, als ob es ihm zu eng würde. Dann aber drückte er dem Kleinen die Hand auf die Schulter und lachte grell auf:
»So können wir denn ohne Sorgen abfahren, Geliebter. Nehmen nichts mit und lassen keine Erben zurück. Wahrlich, ist kein geringer Trost.«
Damit ließ er von dem Kleinen ab, der ruhig weiter zechte und streckte sich der Länge nach auf seinem Strohlager aus.
Um ihn herum drückte die Dunkelheit wie ein Sargdeckel, und der Riese warf ein paarmal die Faust vor, als könnte er den Verschluß lüften. Merkwürdig, wie rasch sein Herz ging und wie angestrengt er auf das winzigste Geräusch achtete, das jetzt noch zu ihm drang. Gierig hörte er eine Ratte an der Mauer entlang wischen, und bald zählte er die Schritte der Wache draußen auf dem Gang. Unvermerkt labte sich dieser Gestalter an dem Getön der Erde. Auch konnte er sich nimmermehr von dem müden Lichtschimmer trennen, der fahl und schmutzig um das Eisengitter sickerte. Er wartete, er wartete ungeduldig, als ob die Welt ihm noch eine Antwort schuldig sei.
Und siehe da, die Antwort kam ihm.
Geraume Frist mochte er so gelegen haben, er wußte genau, daß seine Seele nicht vom Schlaf umwölkt sei, da er den heißen Blick seiner Augen spürte, die angespannt die schwarzen Striche des Gitters einsaugten. Eben noch war der Schatten des Stadtsoldaten über sie hinweggeglitten – da – der Riese runzelte die Stirn und hielt den Atem an. Da drängte sich ein hustendes grünbleiches Haupt gegen die Stangen, und ein rotgrauer Wirrbart quoll hindurch.
»Was willst du?« murmelte der Wache, ohne sich seiner Lähmung entreißen zu können. »Geh, du Hauch, mich schreckst du nicht.«
Jedoch das Haupt des alten Claus Beckera wich nicht, es fing vielmehr an, gehüstelte Worte zu speien, ganz so, wie er es im Leben gepflegt.
»Armes Kind,« brummte er in seinem hohlen Baß, »war dein Unglück, daß du zu uns gehörtest, ohne unser zu sein. Seidene Kleider, Ringe, Ketten in der Fischerhütte, Rache am Glanz, Gier nach dem Glanz – wehe!«
Das Gesicht nickte und verging. Aber vor dem Gitter war es lebendig geworden, lautlose Scharen wehten vorüber, bis sich abermals zwei Hände in die Stangen einhakten. Funkensprühend flimmerten die Haare der Becke hindurch.
»Liegst du endlich auf dem Mist, mein Schöner? Bin auch dort verfault. Hat kein Hund mit mir Mitleid gespürt, sondern haben in mir gewühlt und geschunden, damit meine Armut das einzige hergeben sollte, was ich besaß. Ist so im Leben. Gelt? Lust und Vergnügen kümmern sich nicht um das Erbarmen! – Wehe!«
Draußen erlosch das Geflimmer, als wäre es von dem Laternenschein eingeschluckt, und der Zug der Schatten stob weiter.
»He, du Menschensohn,« kreischte plötzlich eine hitzige Stimme, und in der Höhlung dämmerten die blutlosen Züge des Iren Patrick O'Shallo. Ein Strick schlotterte ihm um den Hals, und die Zunge fiel ihm oft aus den Zähnen. »Ist dir nicht der Henker prophezeit? Wer hat sich wie du an der menschlichen Schwäche versündigt? Meinst du, das Elend ließe sich in eine Form pressen von einem Ehrgeizigen? Du Vergewaltiger schlimmster, du Säufer von unserem Schweiß, der Narren oberster fährst du von hinnen. Zu spät. – Wehe!«
Der Störtebecker gedachte sich in seinem Sarge zu rühren, um sich gewaltsam zu erheben, allein er vermochte keinen Finger zu krümmen. Starren Blickes mußte er erkennen, wie sich gewichtig ein ander Haupt vor die Öffnung rückte. Düsterblond rahmte ein Ringelbart die braunen Wangen ein, und die großen Augen schauten ernst und trauervoll.
»Verlorener Bruder,« hob die markige Stimme des Gödeke Michael an, »was hast du für den Treubruch erkauft? Wem hieltest du dafür dein Wort? Hast die gültigen Gesetze der Menschenbrust verrücken wollen. Aus böse gut machen, aus Neid Hingabe. Und errietst nicht, wie auch die Laster Sinn und Zweck kennen. Verirrter im Nebel, wer bist du, da doch nur ein Stärkerer dies alles sondern kann.«
»Wer?« suchte der Liegende zu erfassen.
»Die Zeit – wehe!«
Das Phantom löste sich in Kälte auf.
»Muß ich auch dies noch erdulden?« rief der Eingekerkerte schmerzlich hinter ihm her. »Hat mir all mein Glanz nicht eine einzige Seele erkauft?«
Fahler Morgenschein kroch schon durch das Gitter, aber aus der Blässe formte sich noch einmal ein fast durchsichtig Bild. Dem liefen Tränen über die Wangen.
»Mich,« klang es sanft, »deinen Knaben. Dafür, Claus Störtebecker, hast du mich befleckt und besudelt. Wehe – jetzt weiß ich, daß nur ein Reiner das Unerfüllbare denken darf. – Wehe!«
Da hatte der Ausgeraubte, um sein Letztes Betrogene endlich den Bann von sich gerissen, schäumend sprang er auf, stürzte wie ein Toller auf seinen Genossen zu und entwand ihm die Weinkanne, deren Rest er auf einen Zug in sich hinabschwemmte. Was kümmerte es ihn, ob in diesem Augenblick die Stadtknechte hereindrangen, um den Verurteilten ihre seidenen Prunkgewänder zu bringen, da ihnen der Rat für ihren letzten Gang jene geile Pracht überlassen? Ohne den Schergen auch nur einen Blick zu gönnen, fiel der Losgebundene über den verwunderten Magister her, und nachdem er den Kleinen hoch emporgerafft, herzte er ihm in voller Raserei Mund und Stirne.
»O, du Weiser,« schrie er gellend und preßte den Kopf des Zwerges unlöslich an sich, »wie unsagbar Köstliches hast du verheißen!? Komm, tummle dich, damit wir es um alles nicht versäumen. Diese Wölfe, mit denen wir bisher getrottet, könnten uns am Ende beneiden.« Er packte einen der Knechte an der Gurgel. »Höre, du Wicht, wenn du ein ehrlicher Mann bist, so gehe hinaus und verkünde, das Dunkel meine es besser mit den Sehenden als das Licht, die Verwesung küsse uns heißer als das Leben im Brautbett, und dein Kot dufte lieblicher als alle Rosenbeete von Schiras.«
Sie entsetzten sich vor ihm. Doch meinten sie, die Todesfurcht habe dem Sünder wohltätig Sinn und Verstand gelockert. Selbst der Magister begriff nicht bis zum Grund, wie erst jetzt an den fürstlichen Abenteurer, während man ihn in die alte, prunkhafte Tracht hüllte, jener unerbittlichste Peiniger heranschlich, nachdem er ihn ein ganz Leben gemieden – der Ekel vor sich selbst.
Aus dem niedrigen Rathauspförtlein taumelte der früher so Glanzvolle hinaus, ein landflüchtiger Fürst, der seinen letzten Heller verpraßt hatte, jetzt aber voll Bettlerstolz nur noch den nichtsnutzigsten Schein zu wahren bestrebt war, obwohl er im Herzen die Schmähungen seiner Verfolger billigte.
Da standen sie alle, Männer und Frauen, ja, die Kindlein hoben sie auf die Schultern, damit sie von dem gewaltigen Seefahrer, dem grausamen Bedränger ihrer Stadt einen winzigen Schein seines Gewandes erhaschen sollten, sich und ihren Nachfahren zur unvergeßlichen Weide. Ein Aufzug war's, der mehr einem Fest glich. Voran zogen Trommler und Pfeifer, dann folgte Meister Rosenfeld, der Henker, der grüßte grinsend nach allen Seiten, als feiere er heute seinen frohen Ehrentag. Durch Hellebardiere eingerahmt, wurden hinter ihm Hauptmann Wichmann und seine Schuimer einhergeführt. Ungefesselt schritten die Männer in stattlichen Wämsern und sangen noch immer voll derber Lebenslust und trotziger Auflehnung das Störtebeckerlied. Und seltsam, Knaben und Mägdlein fielen in die Weise ein, denn das unbestimmte Gefühl der Jugend lehrte sie, in jenen Söhnen des Abenteuers den Wechsel des Schicksals zu ehren. Als aber zwischen zwei Ratsherren – weit geschieden von den anderen – der Mann in dem blauen Wappenrock erschien, da brach der Jubel ab, und ein banges Verstummen der Bewunderung begleitete den hochragenden Wanderer. Noch jetzt ließ seine blasse, verwüstete Schönheit den Jungfrauen das Herz pochen. Nur ein paar Händler, Bierbrauer und Lederkrämer, denen er Verlust zugefügt, sie versuchten es, den noch immer hochmütig Blickenden zu höhnen.
»Sag an, du Prophet Elias,« klang es aus ihren Reihen, »fährst du jetzt im güldenen Wagen in dein tausendjährig Reich?«
Der Störtebecker verbeugte sich und zeigte den Spöttern eine unflätige Gebärde.
»Ihr würdet mitfahren können, ihr Ewig-Blinden, wenn sich euer Gelichter in dem Gefährte nicht schon seit Jahrtausenden den Steiß verbrannt hätte.«
So schritt er in Frechheit und kaum verhüllter Auflösung durch die zurückweichende Menge, und überall, wohin sein brennend ausgehöhlter Blick traf, dort segnete man sich und schlug heimlich ein Kreuz.
Wahrlich, ein Gezeichneter zog seines Weges.
Mit weiten Schritten war er bis an eine Straßenkreuzung gelangt, als er unvermutet stockte, so daß der ganze Zug gezwungen war, Halt zu machen.
Betroffen hob der Geschmückte die Rechte. Was stand dort dicht neben dem unscheinbaren Männlein in grauer Mönchsgewandung für eine Bauernfrau aus der Rügener Gegend? Die hatte ihr Tuch tief über das Gesicht gezogen, als ob sie sich vor den zahlreichen Fremden schäme, aber dem Sohn verriet sie sich dennoch durch ihre bekümmerten unbestechlichen Augen.
»Was willst du?« forschte der Störtebecker unentschieden und zugleich ein wenig zurückweichend.
Noch immer demütig vor der Pracht des Verlorenen, machte Mutter Hilda eine hilflose Bewegung, als möchte sie ihre Hand teilnehmend auf die Brust des Riesen betten, zog sie jedoch verschüchtert zurück. Fast wie zur Entschuldigung brachte sie dann hervor:
»Du liebe Not, weil du doch aus meinem Blut bist.«
Der Riese hob das Haupt. Der Ton klang anders, als all das, was er bisher vernommen. Lag auch etwas darin, was ihn an die Sehnsucht dieser Nacht erinnerte. Lange suchte er in jenen ernsten bekümmerten Lichtern, und siehe, er fand darin all das geduckte Leid, um dessentwillen er einst ausgezogen, um es zu lindern.
Und dies Leid währte ewig?
Zögernd nur trennte er sich von dem wortkargen Weibe, und als er nun ihren Begleiter streifte, da geschah etwas Wunderliches. Mitleidig richtete sich Abt Franziskus auf, und jene welke Hand, die schon den Eintritt des Fischerbuben liebreich begrüßt hatte, obwohl er nach dem Glauben der Zeit doch nur ein Sohn der Erde[[*]] war, sie zog jetzt schweigsam die Linien des Kreuzes.
[[*]] Hutten nennt noch jene Kinder so, die weder Vater noch Mutter kennen.
Der Priester segnete den Scheidenden.
Aber der Störtebecker lachte schrill auf.
»Spar deinen Kram, alter Mann,« rief er schneidend, »hab gestern erst einen von deiner Kumpanei weggejagt. Wo ich hinfahre, fährst auch du hin. Glaub mir, wird keiner mehr von dem Fährmann nach Ölung und Sakrament gefragt.«
Damit wollte er grußlos fürbaß schreiten, als sich von neuem das Außerordentliche wiederholte. Noch entschiedener reckte der Priester die weiße Hand und segnete abermals. Dem Schuimer gab es einen Schlag.
»Weißt du nicht,« sprach er finster, indem er sein glühendes Auge jetzt voll auf den Alten richtete, »wem du dein Heil spendest? Hast du mich nicht selbst bei Hurerei und Raub betroffen? Ich sage dir, der Leichenhügel, den ich meinem Wahn türmte, er ragt weit höher als der Trauerberg, dem sie mich jetzt zuführen. Weiche darum von mir, damit sich dein Gott nicht entsetze!«
Und dennoch ließ der Mönch nicht von ihm, ja, während er ein drittes Mal bedeutungsvoll das Kreuz zog, öffnete er endlich den feinen Mund und sprach ganz sanft und barmherzig:
»Du Wollender, du Mensch im Tatensturm, ich, ein Christ, segne dich. Sieh, in meiner engen Zelle, dein Leben betrachtend, ging mir endlich sein Sinn auf. Was sich erdumwälzend, gewitterschwül im Reiche der Geister zusammenballt, was sich ohne Hemmung über Erde und Menschen ausschüttet, das, mein Sohn, wirkt der Zeit fast immer zum Unheil, denn Schollen und Sterbliche vertragen nur Tropfen.«
»Du sprichst die Wahrheit, Greis,« schrie der Störtebecker gepackt und griff mit beiden Fäusten nach dem Kleid des Männleins. »Sieh, ich bin solch eine Wetterwolke. Jäh zerriß ich und brachte nichts als Zerstörung und Niederbruch.«
Da umschlang der Priester den ihm Nahen und küßte ihn zärtlich auf beide Wangen.
»Verwirf dich nicht, du Stürmischer,« flüsterte er ihm zu. »Wenn die Flut abschwemmt, dann dringen über Jahr und Jahr etliche jener Tropfen in tiefere Schichten und erwecken dort ungeahnt Wachstum und Blüte. So wirkt ins Ferne, was in der Gegenwart verrauschte und zerfloß. Zieh hin in Frieden.«
Der Gesegnete richtete sich auf. Heller Sonnenschein überglitzerte die feuchte Wegkreuzung, helles goldenes Licht breitete sich in den Zügen des Seefahrers, so fortreißend und strahlend, wie es ihm sein ganzes Leben lang beschert war. Aufatmend blickte er sich um, und er fand, daß er all die Menschen, die großen und geringen, die ihn beinahe ehrfürchtig umdrängten, von jeher und bis zuletzt gehegt und geliebt hatte.
Da schlug die Verführung, die der Zauberer zu wecken vermochte, noch einmal über alle Schranken des Herkommens. Die Trommler wirbelten, die Pfeifer schmetterten, blonde und braune Mägdlein streuten ihrem Feinde Blumen auf den Weg, und das Volk rauschte um ihn, wie Halme, die sich vor dem Schnitter neigen. Er aber achtete ihrer nicht mehr. Er schritt dahin, heiter, entrückt, ein tatenfroher Vollender, und hinter dem Hügel der Schmerzen empfingen ihn Zukunft und Sage!
Ende