III.

Die Menge hatte sich verlaufen, das Gutsgesinde war zu seiner gewohnten Beschäftigung zurückgekehrt, nur Johanna und der Oberst weilten noch auf dem Hofe.

»Sie sehen auffallend blaß aus, mein Fräulein,« hörte die Gutsherrin ihren Gefährten im Ton aufrichtigen Mitgefühls beginnen; und als sie in ihrer gelähmten Haltung verharrte, fügte er ehrerbietig hinzu: »Sie können mir glauben, daß mich nur die Besorgnis zu dieser Bemerkung veranlaßt. Vielleicht würde Ihnen ein Spaziergang hier im nahen Walde wohltun. Für diesen Fall hebe ich selbstverständlich mit Vergnügen das Verbot Ihrer Bewegungsfreiheit auf, und um Sie vor weiteren Belästigungen zu bewahren, biete ich Ihnen gern meine eigene Begleitung an. Sie sollten es wirklich nicht abschlagen,« vollendete er ganz treuherzig.

Zum erstenmal hatte dieser in der glatten Rede des Salons verstrickte Mann wie ein wohlwollender Mensch gesprochen, dem die Not eines Mitgeschöpfes die Seele erschreckte. Und Johanna atmete auf, und über ihre versteinten Züge huschte es wie von Befreiung und Erlösung. Gottlob, endlich nach den langen Tagen der erzwungenen Beschränkung sollte jetzt eine Stunde folgen, die es ihr ermöglichte, die so schmerzlich entbehrte Wanderung über den heimatlichen Boden genießen zu können. Oh, welchen Dank sie demjenigen schuldete, der ihr jenes unerwartete Geschenk darbot. Jedem anderen hätte sie in leidenschaftlicher Wallung und mit ihrem klaren, unversteckten Lachen beide Hände geschüttelt. Hier aber wagte sie nur zustimmend das Haupt zu neigen, und doch berührte es sie eigenartig wohltuend, als sie bemerkte, mit welcher Freude der fremde Offizier dieses leise Zeichen ihrer Bereitwilligkeit auffing.

»Wahrhaftig?« rief der Fürst ganz erstaunt, »Sie hegen keine Bedenken? Ah, meine Gnädigste, Sie vergeben mir gewiß, wenn ich heimlich denke, daß Sie sich dann wirklich durch das abscheuliche Gebaren dieser Steppenreiter im hohen Grade angegriffen fühlen müssen.«

»Sie dürfen darüber nicht spotten,« entgegnete Johanna befangen, weil es das erste Mal war, daß sie mit dem schönen jungen Mann andere Dinge als die des täglichen Unterhalts verhandelte. »Ich war auf die Schrecken des Krieges gefaßt und bin auch imstande, sie zu ertragen, aber eine derartige Raserei –«

»Leider kann ich Ihnen keineswegs widersprechen,« unterbrach Dimitri Sergewitsch hastig, denn ihm lag alles daran, die Blonde von dem eben erduldeten Überfall abzulenken. »Sie werden verstehen, was es mich kostet, wenn ich Ihnen versichere, wie sehr ich und viele andere Kameraden, die wir den Europäer-Standpunkt nicht aufzugeben gewillt sind, von dem Treiben jener Stämme innerlich angewidert werden. Aber fort damit,« suchte er von dem bedenklichen Gegenstand loszukommen, »ich bin heute früh schon durch Ihre herrlichen Buchenwälder geritten, und es bereitet mir eine wahrhafte Genugtuung, Ihr Wiedersehen mit diesen frischen und geheimnisvollen Gründen vermitteln zu dürfen. Sehen Sie, ich kann sogar schon jetzt die schönsten Grüße von dort an Sie bestellen.«

Lebhaft riß er aus seinem Wams ein kleines Skizzenbuch hervor, und Johanna, die einen raschen Blick über seine Schulter warf, stieß unwillkürlich einen Laut des Erkennens aus. In einer ganz feinen, schattenhaften Manier, worin Licht und Luft mehr festgehalten waren, als der darzustellende Gegenstand, erhob sich auf dem Blatt mitten auf einer dunklen Waldwiese ein ungeheurer geborstener Buchenstamm, an dessen Ästen unzählige Heiligenbilder, Glasherzen und Kränze als Weihegeschenke aufgehängt waren.

»Ah, der Sankt-Annen-Baum,« stellte Johanna überrascht fest. »Wie zart und fein Sie das getroffen haben.«

Der Oberst zuckte die Achseln, verbeugte sich jedoch leicht.

»Was wollen Sie!?« meinte er gleichgültig, »die Frucht und der Überrest der vielen Lieblingsbeschäftigungen, die eine Petersburger Wintersaison so mit sich bringt. Man darf gar nicht daran denken, wieviel Zeit und Jugend man so tatenlos verschleuderte. Aber, mein gnädiges Fräulein,« entraffte er sich elastisch derartigen Vorstellungen, und seine edlen Züge strahlten wieder jenen das Gutsfräulein so verwirrenden Glanz, »wozu Reue und Selbstzerfleischung an einem herrlichen Ferientag? So fasse ich nämlich unseren Ausflug auf. Benötigen Sie vielleicht noch einen Sonnenschirm, den man herbeischaffen müßte?«

Johanna schüttelte das Haupt, doch konnte sie es nicht hindern, daß ein Lächeln ihre Lippen öffnete. Die Nonne, die ihre Tage der Arbeit verschrieben, entäußerte sich plötzlich der ihr anhaftenden Herbheit und sah frisch und gesund und genußfähig aus. Ganz versonnen starrte sie der Fürst an.

»Wo denken Sie hin, Durchlaucht,« meinte sie gutmütig, während sie sich bereits zum Gehen anschickte, »ein Landmädchen, wie ich, das hie und da selbst mit anfaßt, das fürchtet keinen verbrannten Teint. Übrigens tut mir die Sonne auch nichts,« setzte sie hinzu und zeigte ihm ein Antlitz, dessen lichte Reinheit weder durch ein Mal noch durch ein Sonnenpünktchen verunziert war. »Wollen wir durch das Tor?« fuhr sie innehaltend fort.

»Nein, bitte nicht dort hinaus,« weigerte sich der Fürst mit auffallender Lebhaftigkeit. »Sie könnten dort manches sehen, was Sie zu unangenehm an meine und meiner Landsleute Anwesenheit erinnert. Ich möchte Ihnen heute gar zu gern ein paar Potemkinsche Dörfer vorspiegeln. Kommen Sie, wir schreiten lieber hier an dem Graben entlang und wenden uns dann über die kleine Brücke.«

Bald darauf war das Paar von den dunklen Schatten des Haselnußgehölzes umhüllt, und Johanna mußte unwillkürlich den Blick zu Boden senken, als sie die Bank gewahrte, auf der noch eben der junge verdüsterte Preuße ihr seine Pläne enthüllt. Ihr fiel wieder die spreizende Bewegung seiner Hände ein, da er davon gesprochen, wie leicht ein Kühner unter der Obhut der Hausherrin den hier befehlenden Etappenkommandanten in den ewigen Schlummer senden könnte. Und unbewußt trieb sie den ahnungslos neben ihr Schreitenden zu größerer Eile an.

Wirklich, es war ein erquickendes Wandeln unter dem niedrigen Laubdach zur Seite des abgemähten Feldes, über dem die Sonnenstrahlen tanzten und funkelten. Anmutig jeder vorspringenden Baumwurzel ausweichend, schritt ihr Dimitri Sergewitsch voran, und in einer so selbstvergessenen Lust befand sich Johanna, daß sie rückhaltslos die elegante Geschmeidigkeit seiner Glieder bewunderte. Wie sorgsam und mit wieviel Aufwand von Zeit und Bedienung der vornehme Herr gewiß seinen Körper gepflegt hatte. Wie blendend weiß und geschont sich auch jetzt mitten im Waffenhandwerk seine schmalen Hände darboten. Und Johanna empfand fast eine Art von naiver Hochachtung vor jenen Bevorzugten, die ihrer Gesundheit so unablässig zu dienen suchten. Und dieser kräftige, unermüdliche Mensch, der wie ein lebendes Kunstwerk ohne sichtbare Unebenheiten und Fehler durch die Schöpfung schritt, er sollte nach den häßlichen Geständnissen des Rittmeisters Sassin ein Frühverdorbener, ein Angefressener und Vergifteter sein?

Schaudernd strich sich das Mädchen eine blonde Haarsträhne, die im Winde flatterte, aus der Stirn, und sie beschloß – für heute wenigstens – all diese unsauberen Gedanken zu verbannen. Ihre alte Willensstärke kam ihr wieder, als sie sich eingestand, daß es sie ja im Grunde gar nicht berührte, aus welchen Erfahrungen der Charakter des Fremden zusammengeschossen sei. Nein, für den Augenblick brauchte sie sich nur dem frohen Gefühl hinzugeben, aus dem unsichtbaren Kerker, der ihr so unerwartet geöffnet wurde, mit dankbarem Gemüt herauszuschreiten und sich der kurzen Stunde der Freiheit mit aufnahmefähigen Sinnen zu freuen.

Und das tat sie.

Heute bewunderte sie jedes wilde Brombeergestrüpp, das sich im Vorbeistreifen an ihr Gewand nistete, und hie und da bückte sie sich, um eine rötliche Hagebutte neugierig zu mustern. In dem Haselnußdach über ihr schwirrten junge, grünweiße Meisen herum, sie hingen sich an die Äste und übten lautlos ihre schwierigen Kletterkünste. Und das Landfräulein staunte die Tierchen an, als ob sie die wilde Schar heute das erste Mal sähe. Helle Lichtpunkte tröpfelten durch das Blätterwerk hindurch und tanzten, glitten und zitterten ihr fröhlich über das Haar und den unbedeckten Hals. Als sich der Fürst einmal umwandte, erschrak er fast. Das Weib, das hinter ihm herschritt, leuchtete und funkelte so eigentümlich, daß ihm das Wort auf der Lippe erstarb. In dem grünen Dämmer wandelte die hohe Gestalt, umflossen von der ihr anhaftenden Frische und Reinheit, und wieder schien es dem Beobachter, als ob er dieses unberührte Menschenkind durchaus nicht in den ihm gewohnten wilden Reigen einzuordnen vermöchte. Fast beschämt kehrte er sich ab, um ihr von neuem durch den schmalen Gang voran zu eilen. In weiter Biegung schlängelte sich der Weg um das Feld herum, um endlich breiter und breiter zu werden, bis sich das Gebüsch allmählich in den herantretenden Buchenwald verlor. Hier spürte man nichts mehr von der Hitze des Tages. Zwischen den matten, grauen Stämmen hing ein unsichtbarer Flor herab, hinter dem alles Gegenständliche verdämmerte und verschwamm. Geräuschlos flirrte das feine Spiel der Blätter, rechts und links über die Waldwege zogen sich die glitzernden Fäden der Spinne, grüne Fliegen hingen in der Luft und zuckten plötzlich wieder davon, und der ganze ungeheure Wald war erfüllt von Schläfrigkeit und einem ewig auf- und absteigenden Summen. Von Zeit zu Zeit aber wichen die Riesenbäume weit auseinander, und hohe, ungeheure Hallen empfingen die Wanderer unter grünen, leise schwankenden Kuppeln.

Mitten auf einer der Waldwiesen träumte die Sankt-Annen-Buche, unter deren weit ausladenden Ästen unzählige Betrübte schon in frommer Einfalt gekniet hatten. Johanna lehnte sich leicht an den grauen, vielnarbigen Stamm und blickte zu einem Perlenstern empor, auf dessen grünem Untergrund eine zitternde Hand nichts als die Worte gezeichnet hatte: »St. Anna hilf uns!« Nie zuvor war von der Gutsherrin diese Spende gesehen worden. Sie bedeutete wohl einen Notschrei aus schlimmer Zeit. Wer konnte wissen, zu welch entwürdigender Arbeit die emsigen Hände von fremden Einlagerern schon verurteilt waren.

Johanna atmete schwer und rührte sich nicht.

So vermochte sie nicht wahrzunehmen, wie Fürst Dimitri, nachdem er eine geraume Weile die Unbewegliche unter dem grünen Buchenmantel in künstlerischem Genießen gemustert, verstohlen sein Skizzenbuch hervorzog und mit fliegenden Strichen das strenge Bild festzuhalten strebte. Erst eine rasche Bewegung verriet ihn. Sofort trat das Mädchen zurück, jedoch nur, um sich auf einen abgehauenen Baumstumpf niederzulassen, wo sie den Blicken des Beobachters nicht mehr ausgesetzt war. Doch mit keinem Wort tadelte sie die Freiheit, die sich ihr Gefährte genommen. Dazu wurde sie zu sehr, – trotz eigener Entfernung von der Kunst, – durch die Ehrfurcht vor allem Können beherrscht.

»Schade,« bedauerte Dimitri Sergewitsch leise.

Allein auch er kam durch keine Andeutung auf seinen vereitelten Wunsch zurück.

Mit ein paar respektvollen Worten bat er, sich auf einer Mooserhöhung lagern zu dürfen, und als ihm dies freundlich gewährt war, da ließ sich der Oberst auf dem Erdbuckel nieder, ohne sich jedoch auszustrecken oder irgendwie eine lässige Haltung anzunehmen. Die Vornehmheit seiner Gewohnheiten oder Erziehung äußerte sich eben ganz ungezwungen in jeder Lage. Und doch – trotz dieser Rücksicht – empfand es Johanna schmerzlich, als sich die fremde Uniform mitten zwischen den Farrenkräutern und Gräsern abzeichnete. Die umfriedete Ruhe des deutschen Waldes schien ihr dadurch gestört. Und ihr Blick heftete sich gezwungen auf ein kleines blaues Ordenskreuz, das der Offizier dicht unter dem Halskragen befestigt trug.

»Das ist wohl eine hohe Auszeichnung?« fragte sie endlich trotz inneren Zögerns.

Der Fürst nahm seine Mütze von den braunen Locken, zuckte die Achseln, und seine Hand begann mit der blauen Dekoration ohne große Wertschätzung zu spielen.

»Ich empfing das Ding,« äußerte er, »zum Fest der heiligen Wasserweihe. Irgendein Verdienst wurde meines Wissens damit nicht belohnt.« Und wieder ließ er das blaue Kreuz durch seine Finger schnellen.

Heilige Wasserweihe?! Wie unbegreiflich fern und einem anderen Volke angehörig doch die Bezeichnung jenes Festes hier unter den grünen Buchen klang. Und dadurch hervorgerufen stieg dem blonden Mädchen die Erinnerung auf, wie ihr Gefährte ja seinem Glauben nach einem bunten geheimnisvollen Ritus huldige, der seine Bekenner durch düsteren Pomp viel mehr an Orient und Osten knüpfte, als an das wunderlose, begriffsscharfe Europäertum. Ein zu seltsamer Gedanke, wenn man sich den distinguierten Mann betrachtete, der sich in nichts anderem von den ihr bekannten Herren unterschied, als durch die edle Regelmäßigkeit seiner Gesichtszüge und die schwermütige Schönheit, die über ihnen ausgebreitet lag.

Merkwürdig, auch der Fürst schien sich ähnlichen Vorstellungen über das, was Völker trennen und verbinden konnte, hinzugeben. Er hielt das schmale Haupt erhoben und verfolgte die Sprünge eines schwarzbraunen Eichkätzchens, das ohne einen Begriff von der Heiligkeit der Stätte in den oberen Ästen der Sankt-Annen-Buche herumturnte. Manchmal auch setzte es sich, so daß die Ruthe feinfaserig herabhing, um nach den beiden Menschen zu äugen, die in dieser grauen Ruhe der Baumriesen zu atmen und zu sprechen wagten.

»Welch unbegreifliche Grenzscheiden die Menschen sich doch errichten,« begann der russische Offizier endlich seinen Gedanken Ausdruck zu verleihen. »Das Trennende liegt mehr in unserem Gehirn und richtet dort Unheil an. Sehen Sie, verehrtes Fräulein, auf meinen Gütern, die gar nicht weit von Petersburg liegen, da gibt es Wälder von ganz gleicher Stille und Unberührtheit wie dieser hier. Ich bin Tage und Nächte lang durch sie hindurch geritten, und manchmal nach einer töricht durchschwärmten Zeit konnte ich jubeln gleich unseren kleinen uniformierten Ferienschülern, denn mich empfing in den stillen Gründen stets das Gefühl, als ob ich in die reinigenden Arme einer Mutter zurückkehrte. Und hier –?« Er schüttelte das Haupt und sah sich mit einem langen verwunderten Blick um.

»Nun, und hier?« fragte Johanna von ihrem Baumstumpf aus beklommen.

Er zuckte die Achseln und riß ein paar Halme von seinem Lager aus.

»Hier ist die Fremde. Ich weiß nicht, wie es kommt – obwohl ich, wie Sie vielleicht schon bemerkten, gar keinen so recht innerlichen Anteil nehme an dieser Völkerabrechnung, weil ich zu jenen gehaßten Kosmopoliten gehöre, wurzellosen Weltbürgern, von denen die Oberschicht Rußlands voll ist – es verschlägt alles nichts, in dem Gehirn sitzt einmal der harte Begriff: hier ist die Fremde, hier wohnt der Feind, die erklärungslose Antipathie.«

Er wartete einen Augenblick, und da Johanna nichts erwiderte, fuhr er ruhig fort:

»Ich könnte mir ganz gut vorstellen, daß alle diese bewegungslosen Stämme um uns herum Ihre Gestalt angenommen hätten, mein Fräulein, und daß sie einen Arm starr nach mir ausstreckten, um mir zuzurufen: ›Du gehörst nicht hierher. Wir sind deutsche Bäume und wollen einen Slawen lieber unter uns begraben sehen, als ihm Schatten und Erquickung spenden‹. Habe ich das Gefühl Ihres Waldes richtig getroffen?«

Ein Schrecken durchrann Johannas Glieder, als ihr Gefährte so sicher ihre heimlichsten Wünsche zerfaserte.

»Ich dachte nicht immer so,« sagte sie an sich haltend, während ihre blauen Augen den Hingestreckten mit ihrem glasklaren und doch nicht warmen Leuchten umspannten.

Jetzt lächelte der Fürst. Es war ein feines, verständnisvolles Lächeln, das den Welt- und Menschenkenner verriet.

»Selbstverständlich,« entgegnete er, »ich zweifle nicht im geringsten daran, daß Ihre Abneigung gegen uns erst entstand, nachdem Sie die dunkelsten Seiten unseres Volkstums gegen sich selbst gerichtet spürten. Unser plumpes Kraftbewußtsein, eine täppische, kindliche Zerstörungswut und die finstere Nacht unserer erschreckenden Unbildung. Ich weiß, Germanien betrachtet sich uns gegenüber häufig als eine Herrin und das umliegende slawische Land als ihren Knecht. Auch Sie sind solch eine Herrin,« setzte er bedeutungsvoll hinzu.

Johanna starrte ihn an. Sie begriff durchaus nicht die Gelassenheit, mit der der fremde Aristokrat mitten in dem großen Streit von seinem eigenen Volke sprach. War das Falschheit? Oder wollte er ihr einen Fallstrick legen, weil er ihre leidenschaftliche Hingabe an ein furchtloses Bekennertum kannte? Wie war solch gleichgültige Kritik überhaupt möglich? Es klang, wie wenn ein gänzlich Unbeteiligter über einen Tausende von Meilen entfernten Stamm zu urteilen hätte. Immer unbegreiflicher wurde ihr der fremde Mann, und sie glaubte, daß jetzt die letzten von den Banden rissen, die zwei Angehörige derselben Artung sonst verknüpfen.

»Fremd – fremd,« mahnte es in ihr.

Und dann – wie furchterregend! Der Fürst schien schon wieder den versteckten Spuren ihrer Überlegungsreihen gefolgt zu sein. Ohne Zorn, nur mit einer Bewegung des Besserunterrichteten, erteilte er ihr auf ihre stillen Einwände die Antwort:

»Ich merke, Sie finden es verächtlich, mein gnädiges Fräulein, weil ich Ihnen so schonungslos über meine Volksgenossen berichte. Aber glauben Sie mir, darin liegt gerade die tiefe Tragik unseres Riesenreiches. Nirgends in der Welt leben der wirkliche Adel und die Oberschicht derartig von der dunklen Masse getrennt, ja durch unüberbrückbare Ströme geschieden, wie bei uns. Wir, die wir das Volk leiten und befehligen, sind im Grunde wurzellose Menschen; ich möchte beinahe sagen ohne festen Wohnsitz. Unsere Kleidung ist die englische, unsere Sprache die französische, und unser Bildungsdrang, wenigstens bei den Besten von uns, geht nach dem Deutschen. Wir wohnen gewissermaßen nur auf Besuch unter den Unsrigen, denn unsere größte Anregung und die tiefste Befriedigung unserer Nerven finden wir in den großen Städten des Westens. Wenn Sie vielleicht einwenden, daß gerade wir es sind, die eine allumfassende nationale Strömung erweckten, so muß ich Ihnen hier unter uns und einigermaßen beschämt bekennen, daß dies im Grunde nur eines der geistigen Mittel ist, durch die wir die unruhige, an religiösen Qualen leidende Menge am Zügel halten. Uns selbst aber wäre ein weiteres Überwiegen slawischen Einflusses direkt unbequem. Denn es würde uns allmählich an dem Auskosten aller feineren Genüsse hindern. Sie sehen also, mein Fräulein,« schloß der Fürst immer mit derselben schonungslosen Offenheit, »von welchem Zwiespalt die leitenden Männer bei uns ergriffen sind und zu welchen peinigenden Lügen sie ihre Zuflucht nehmen müssen, wenn sie nach außen hin das Gegenteil verkünden. Glauben Sie mir, mit diesen widersprechenden Gefühlen sind wir auch in den Krieg gezogen, für den uns das große Schlagwort, die berauschende Phrase absolut mangelt. Ganz abgesehen davon, daß wir uns aus einer Reihe unvermischter, meistens unterworfener Stämme zusammensetzen, deren Wünsche und Ziele weit auseinander streben. Und doch lieben wir diese unglückselige Heimat und beweinen sie.«

Johanna schlug das Herz. Ihr war es, als hätte hier ein sehr Unglücklicher gesprochen. Ein Mensch, der sich im heftigsten Streit von einer armen, ungebildeten Familie gelöst und der doch die Zusammengehörigkeit, unter der er litt, nicht vergessen konnte. Und als ihr norddeutsch kühles Auge jetzt auffing, wie gelassen ihr Gefährte auf seinem Mooshügel saß, mit der schmalen Hand spielerisch über die Gräser streichend, als wenn er eben das Allergewöhnlichste und Selbstverständlichste offenbart, da ergriff sie plötzlich eine stechende Sorge um den schlanken Mann, mütterlich fast, wie sie immer gewohnt war, sich mitzuteilen. Daneben aber rang in ihr die Angst, ob es ihrer auch würdig sei, dem Gegner, der doch bedenkenlos das Schwert geschwungen, ein Zeichen des Trostes zu gönnen.

»Gottlob,« sagte sie endlich, »wir können uns in eine solche Zerrissenheit gar nicht hineindenken.«

Es sollte eine Teilnahme bedeuten, und sie ahnte nicht, wie preußisch kühl und überhebungsvoll ihre Rede ausgelegt werden konnte. Über die Lippen des Russen wehte auch sofort ein leicht mokanter Zug, um jedoch bald einem trüberen Ausdruck zu weichen. Und jetzt – das Mädchen griff fest nach dem Baumstumpf, auf dem es saß – jetzt schimmerte in den Augen des Mannes wieder jene Schwermut, die Johanna so oft an dem Bilde in ihrer Schlafkammer beobachtet. Wenn sie sich an diese Ähnlichkeit erinnerte, dann schwand jedesmal alle Beherrschung von ihr, und fröstelnd empfand sie, daß etwas Altes, längst Bekanntes zwischen ihnen beiden walte. Sie wollte sich dagegen wehren, aber der bindende Zauber spann ungehindert herüber und hinüber. Dazu strich ein Rauschen durch die Wipfel der Buchen, rötliche Blätter wirbelten durch die graue Dämmerung, und ganz hinten in dem jungen Gehölz neigten sich die dünnen, armstarken Stämme kosend gegeneinander.

»Wie scharf Sie beobachten können,« kehrte Dimitri fast gewaltsam zu dem verlassenen Gespräch zurück, und dabei bettete er sich den von der Schulter herabhängenden Säbel quer über die Knie, »Sie gebrauchen gerade das richtige Wort, liebes Fräulein: Zerrissenheit. Sie ist unser schlimmster Feind. Ich meine nicht die politische, sondern die innere, die leider ein durchgehender Zug unseres Charakters ist und durch Bildung oder Gelehrsamkeit nur noch verstärkt wird. Ich fürchte fast, daß ich Ihnen selbst die Grundlage für Ihre Behauptung lieferte.«

Da erblaßte Johanna.

»Durchlaucht,« sträubte sie sich, »Sie scherzen wohl nur. Wie hätte ich mich mit irgend etwas, was Ihre Lebensgewohnheiten oder Ihren Charakter betrifft, beschäftigen können?«

Der Russe ließ die goldene Troddel seines Wehrgehenkes achtlos durch seine Finger gleiten.

»Ach ja, gewiß. Verzeihen Sie, wenn ich mich einer Täuschung hingab. Wir betrügen uns alle gern. Aber Sie hätten vollkommen recht. Der innere Widerspruch verzehrt uns. Und ein Grauen überfällt die meisten, die ihn zu sehen vermögen. Nehmen Sie an, ich spräche von guten Freunden von mir. Es sind Leute, die sich beharrlich weigern, auf der Jagd ein Reh oder einen Hasen zu töten, weil sie in dem Pulsschlag des Wildes den ihrigen zu vernehmen glauben. Mitleidende in der großen Trauer des Lebens. Und dieselben Leute fühlen rieselnde Schauer der Wollust, jetzt, da der Krieg sie zwingt, ihre Säbel durch weiche Gehirne sausen zu lassen.«

»Nicht doch,« stammelte Johanna, vor deren Augen es dunkelte, und griff nach dem Stamm der Buche.

»Doch, doch,« hörte sie ihren Gefährten durch den grauen Dämmer hindurch beharren. »Es sind dieselben Leute, die sich am Morgen, von einer jagenden Angst getrieben, in die Untiefen der Religion stürzen. Mittags hängen sie mit geschlossenen Augen am Seil einer philosophischen Morallehre, damit sie die unter ihnen schäumenden Wogen des Lebens nicht zu sehen brauchen, und abends werden jene Menschen von irren Krämpfen nach Sinnenlust und Ausschweifungen geschüttelt! Können Sie diesen echt russischen Gegensatz auch nur fassen, mein Fräulein?«

Der Sprechende stieß die Säbelscheide in den Waldboden, warf kleine Moosbrocken in die Höhe und wandte sich ab, um die Rufe des Kuckucks zu zählen. Alles Gebärden eines Menschen, der nichts getan, als daß er über einen bekannten und keineswegs beunruhigenden Gegenstand geplaudert. Seine Zuhörerin jedoch wurde von einer auffallenden Blässe bedeckt. Mehrfach setzte sie an, um sich von ihrem Platze zu entfernen. Unerträgliche Dinge hatte sie unter dem heiligen Baum gehört, verworfene Bekenntnisse, die den Redner gewiß näher angingen, als er zugeben wollte. Der Fürst aber – als wenn er es geahnt hätte – riß die Überlegende sofort wieder in seinen Wirbel zurück.

»Machen wir es kurz,« meinte er in seinem anmutigen Akzent: »die Intelligenz Rußlands ist ein ungeheurer Kessel. Schwarz und weiß, Heiligkeit und Verbrechen, Schlaffheit und Wut, Güte und Bestientum, Keuschheit und Raserei, alles kocht in ihm durcheinander. Und eines Tages werden die zischenden Blasen überbrodeln, und der Kessel wird voll Blut sein. Im ganzen ein widerliches Gericht. Widerlich,« wiederholte er und machte eine Bewegung mit der Hand, als wenn er von seinem Waffenrock eine häßliche Spinne abschleudern müßte; »grauenhaft, wenn man ernstlich daran denkt. Denn es gibt dafür keine Erlösung. Mon dieu,« lachte er plötzlich und breitete beide Arme aus, »bestes Fräulein, können Sie vergeben, daß ich Sie mit diesen urslawischen Tollheiten so sehr langweilte?«

Leichtfüßig schritt er auf sie zu, kreuzte die Arme auf den Rücken und lehnte sich dann dicht bei ihr an den Stamm der heiligen Buche. Seine Mütze hatte er auf dem Mooshügel liegen lassen, und so fielen ihm die braunen Locken wellig über die Stirn. Mit offenem Wohlgefallen glitten seine Blicke an der kräftigen Gestalt des Mädchens herab.

»Es ist sonderbar,« sagte er endlich mehr zu sich selbst, »ein so starkes, unbeirrtes Weib in seiner Nähe zu wissen. Man glaubt förmlich die Gesetzmäßigkeit eines solchen Lebens zu hören.«

Er tat noch einen weiteren Schritt gegen sie. Zögernd streckte er die Hand nach dem Mädchen aus, als ob er bittend ihre Rechte berühren wollte. Johanna aber, obwohl sie flammend rot wurde, regte sich nicht. Da ließ der fremde Offizier seinen Arm sinken.

»Würden Sie mir nicht entdecken,« fuhr er ermunternd fort, ohne die Abweisung weiter zu berücksichtigen, »wie Sie zu dieser Festigkeit gelangten? Ihre innere Ruhe wirkt unbeschreiblich wohltuend. Sie sind jung – ich will Ihnen weiter keine Komplimente machen – aber wie konnten Sie so viel drückende Pflichten auf sich nehmen? Die Bewirtschaftung Ihres Gutes, den Schutz für Ihre Schwestern und jetzt sogar den Widerstand gegen uns? Soviel Sammlung bei einer Frau ist wohl auch in Ihrer Heimat selten. Ich wäre außerordentlich dankbar, wenn Sie mir einen Einblick gestatteten.«

Aber Johanna verzog die Stirn.

»Empfinden Sie wirklich ein Interesse für meine Familiengeschichte?« wies sie ihn ab. »Man wird eben das, wozu die Verhältnisse uns stempeln.« Und etwas freundlicher setzte sie hinzu: »Ich glaube, Sie haben dies auch an sich selbst erfahren.«

Jetzt verschränkte der Fürst die Hände über der Brust und nickte leicht.

»Ja,« gab er nachdenklich zurück, »mein Schicksal war Reichtum, Verwöhnung und Nichtstun.«

»Und meines,« erwiderte das Mädchen herb, »Not, Widerspruch und Arbeit – viel Arbeit.«

»Leben Ihre Eltern noch?« fragte der Russe nach einer langen Pause.

»Unsere Mutter ist tot. Sie liegt hier auf dem Friedhof, auf dem neulich Ihre Pferde angebunden standen.«

»Hm, ich ersehe daraus wenigstens zu meiner Freude, daß Ihr Herr Vater – –«

Johanna ballte die Faust. Wieder riß sie etwas von dannen. Sie war empört, weil der Fremde keine Ruhe gab.

»Es ist kein Anlaß zur Freude,« stieß sie im Zorn hervor, »mein Vater verbringt seine Tage in der Landes-Irrenanstalt, nachdem er vorher entmündigt wurde.«

»Ah, mille pardons,« versetzte der Russe betreten.

Mit vorgestreckter Hand zog er sich mehrere Schritte zurück, denn ihn leitete der Instinkt, er hätte sich schon zu nahe an den Kreis ihrer Erinnerungen herangedrängt. Geräuschlos raffte er seine Mütze auf, und als er sich umwandte, hatte sich auch die Blonde erhoben. Ihre Blicke ruhten noch grübelnd auf dem Moos und den Farrenkräutern des Waldbodens, als könnte sie sich von dem zuletzt Heraufbeschworenen nicht trennen.

»Jetzt können Sie sich zusammenreimen, wie alles gekommen ist,« sagte sie bitter, und dabei schüttelte sie sich unwillig, wie jemand, der nur gezwungen zu einem Geständnis hingerissen wurde. »Kommen Sie, ich will nach Hause.«

Langsam, nebeneinander, verließen sie den grünen Hain.

Aber es war nicht mehr dieselbe Gegend, die sie vor Stunden, aufatmend vor der lastenden Hitze, betreten. Und jetzt erkannten sie auch den Unterschied. Das heitere, tanzende Licht war von ihren Pfaden gewichen. Ganz allmählich, unmerklich für die noch von Flimmer und Bläue erfüllten Augen war zuerst ein dunstiger Rauch über den Horizont geflogen. Tiefer und tiefer hatten sich die grauen Gespinste gesenkt, bis die Häupter der Bäume in ihre Maschen eingetaucht waren. Die letzten spielenden Strahlen hafteten nur noch als schwefelgelbe Flecke an den schweigenden, schwermütigen Stämmen. Allein bald erloschen auch diese grellen Feuer, und nun lag der Wald in unheimlicher Stille. Reglos starrten die Blätter einander – wie verzaubert – an. Schwarze Streifen von Ameisenzügen strebten in betäubendem Gewimmel ihren Haufen zu. In scharfem Flug strichen unerkennbare Vögel durch die grauen Schatten, und der ganze Wald hauchte plötzlich nichts als Leere und Verlassenheit.

Die beiden Wanderer aber hielten inne und blickten einander an. Schwer atmend fühlten sie, wie eine bängliche Beklommenheit ihre Stirnen einpreßte. Zeit und Pulse schienen hier still zu stehen, und nur das wiegende Summen der Fliegen und Bienen reizte ihre gespannten Nerven.

Plötzlich bogen sich in der Ferne die jungen Stämme gegeneinander, schnellten wieder empor, und durch das verdunkelte Gehölz zischte ein Windstoß. Ein langes dumpfes Poltern rollte hoch oben über die starren Baumwipfel dahin. Aber dort!? – Über der winzigen Waldwiese zuckte es. Eine feurige Zickzacklinie züngelte durch die dunklen Stämme, hastig brachen und raschelten einige Äste, und ganz von fern erhoben sich ein paar dünne, ängstliche Vogelstimmen. Krachend schmetterte der erste Schlag. Und ohne jeden Übergang prasselten, von einer wütenden Windsbraut getragen, Regen und Hagelschauer schräg gegen die beiden Wanderer.

»Treten Sie unter den Baum zurück,« rief der Fürst, auf dessen Mütze und Schultern die weißen Körner tanzten, und dabei griff er ohne Besinnen nach dem Arm seiner Begleiterin.

Jedoch Johanna riß sich los und lief, so schnell sie vermochte, am Waldesrand entlang.

»Es ist nicht gut hier unter den Bäumen,« widersprach sie, »schnell, wir müssen die Lichtungen benutzen.«

In hastigen Sprüngen setzte das Mädchen vor dem Manne dahin. Graue Regenströme hüllten sie in einen rauschenden Mantel, rote Wolken welker Blätter stäubten ihr entgegen; sie ließ sich nicht aufhalten, sondern stürmte mit vorgeneigtem Leib gegen sie an. Manchmal kam es dem Nachfolgenden sogar vor, als finge er ein mutiges Lachen auf. Und trotz seiner halb geblendeten Augen stutzte der Russe. Die germanischen Sagen fielen ihm ein. Von den Schlachtenmädchen und den Eisriesen. Und im Moment fand er dieses befremdliche Lachen ganz natürlich.

Weiter ging es. Besinnungslos rannten sie dahin, nur auf Sekunden in den Wald lauschend, so oft das Knattern und Knallen sich unmittelbar über ihren Häuptern entlud. Ein bleierner Rauch begann aus den Büschen zu quellen. Es war, als ob auch der feste Boden zu brennen und zu fiebern anfinge. Die Kleider klebten ihnen an den Gliedern. Längst war das Rascheln von Johannas dünnen Gewändern erstorben, und immer vernehmlicher klang das kurze Keuchen und Röcheln der Fliehenden.

Da plötzlich – Dimitri griff sich an die Stirn, schwankte und umklammerte einen Ast, an dem er gerade vorüberjagte. Der ganze Wald tanzte und sprang empor. Ein Zischen, ein bläuliches Schwefeln war um ihn, daß er bis in die Zunge hinein ein stechendes Rieseln spürte. Dazu flimmerte und glitzerte es vor seinen Augen, und doch vermochte er nichts zu sehen, nur Schwärze, blaue Finsternis schwang gestaltlos vor ihm. Schmerzlich stöhnte er und griff mit den Händen in die Luft, wo er seine Begleiterin vermutete. Nachempfindend hörte er von neuem den Regen auf ihre Glieder plätschern und vernahm in seiner Vorstellung das klatschende Geräusch ihrer nassen Kleider.

»Fräulein Grothe,« fuhr es ungelenk aus ihm heraus, da er jeden Laut erst einzeln und neu zu finden suchte, »Fräulein Grothe!«

Dicht vor ihm, mitten auf dem überschwemmten Moos, lag das Weib, nach dem er eben gerufen, bewegungslos und starr, und in ihr emporgewandtes Antlitz stäubten die feuchten Güsse. Keine Wunde verunzierte ihre Haut, und doch war die ganze Gestalt umfangen von Todesruhe.

Ein schneidender Schrecken packte den Herabstarrenden. Zaghaft warf er sich in die Nässe nieder und rüttelte an dem hingestreckten Körper. Allein die gespannte Brust regte sich nicht, und so angestrengt er lauschte, durch die leicht geöffneten Lippen wollte sich kein Hauch drängen. Dazu ächzte das Mark der Bäume, und ganz dicht über den triefenden Boden schoß es dahin wie der Abglanz einer feurigen Schlange. Da konnte der allen äußeren Eindrücken nachgebende Nervenmensch nicht länger dem in ihm wühlenden Grauen widerstehen. Ohne recht zu wissen, was er tat, umschlang er die Liegende, raffte sie empor und schritt wankend mit ihr durch das tobende Unwetter. Seine Arme zitterten unter der ungeahnten Last. Schon manches Mädchen hatte er getragen, aber diese hier schien nicht geschaffen zu frohem und lockendem Spiel. Nein, starr und wuchtig hingen die schweren Glieder herab und suchten ihn zu Boden zu drücken. Seine Brust keuchte, vor den Augen begann es ihm wieder zu blitzen, und immer fester mußte er das Weib an sich pressen, wenn er nicht einer vollkommenen Erschöpfung erliegen wollte. In halbem Traum taumelte er dahin. Aber gottlob, jetzt lichtete sich der Wald. Schon ging es durch den Haselnußgang, auf dessen Dach es trommelte und rauschte, an der verlassenen Bank vorbei, und jetzt hatte er den Hof erreicht. Menschenleer lag er unter dem durchweichenden Regen. Kein Auge erspähte ihn, als er durch die offene Tür hindurch die schmale Treppe erreichte. Noch ein letztes Zusammenraffen – und siehe da, wie zum Lohn regte es sich in seinen Armen. Eine Hand hob sich und klammerte sich an die Schulter des Heraufsteigenden. Oh, er kannte ihr Schlafgemach. Oft hatte er im Vorübergehen heimlich über die Armut des Raumes gespöttelt und die Schmucklosigkeit des Kämmerchens mit dem herrischen, abweisenden Charakter der Besitzerin in Verbindung gebracht. Jetzt stieß sein Fuß die halb angelehnte Tür auf, und gleich darauf ließ der Fürst seine Bürde tiefatmend auf das eingedeckte Bett gleiten. Dann griff er sich erleichtert an den Hals und unwillkürlich mußte er seine Umgebung prüfen. Eintönig und fahl wirkte der karge Hausrat, namentlich jetzt, wo gegen die Fensterscheiben der Regen einschlug. Einzig das Bild da oben an der Wand lohnte sich der Betrachtung! In der blaugetünchten Stube war es zu dunkel, um die Unterschrift zu lesen. Aber diesen Kopf mußte er schon oft gesehen haben. Sehr oft, ein merkwürdig bekanntes Gesicht, irgend jemandem schreckhaft ähnlich. Doch weshalb in aller Welt das plötzliche Begegnen dem Beschauer eine so ungeahnte Verwirrung einflößte? Oder war es nur die Erschöpfung, die sich jetzt äußerte? Daher kam es wohl auch, daß man sich nicht gegen das Lager umzukehren wagte, auf dem die Hausherrin in ihren straffen durchnäßten Kleidern lag! Freilich, man befand sich allein hier und hatte es nur der Betäubung der Deutschen zu danken, daß man überhaupt in ihrer Gegenwart einen Blick in diese lächerliche Kammer werfen durfte, die so gar nicht für die Ruhestätte einer wirklichen Dame paßte. Zum Henker, sie war doch geradezu unbegreiflich, diese Scheu vor einer Willenlosen, aller Kraft Beraubten, die noch immer mit geschlossenen Augen lag!

Mit einem sprunghaften, schmerzlichen Entschluß wandte sich der Fürst und trat an die Bettstelle. Ja, da war er hingestreckt, der marmorne Körper, den der Unbefugte, der Eindringling jetzt erblickte, mit Augen, wie nur der Künstler die Verkörperung eines Traumes in sich eintrinkt. Groß und majestätisch wölbten sich die Glieder, die sich gewiß zum erstenmal einem Manne in verdeckten Umrissen verkündeten. Und in welch edler Meißelung die Brust unter dem nassen Leinen schlief.

Bei Gott, das alles wirkte rein und erhaben!

In Dimitris Seele flogen die Lanzen hin und her, wie von brennenden Fäusten wurde er angetrieben und wieder zurückgestoßen, alles Gute und Schlichte, das ihm das schutzlose Mädchen eingeflößt, widersetzte sich gegen die Zerstörungswut, die sein Blut vergiftete, und zwischen Zwang und Raserei schloß er die Augen und strich schützend und liebkosend zugleich an den vollen leblosen Armen der ihm Preisgegebenen hinab.


Frühzeitig brach die Dämmerung herein, trübes, dunstiges Dunkeln ging in raschem Umschlag in einen naßkalten Abend über. Nur einzelne Tropfen schlugen noch auf das Land, und der Wind zerrte heftig in den Bäumen.

Herbstnacht!

Längst hatte sich Johanna umgekleidet, aber sie mußte wohl zu lange in ihren durchnäßten Gewändern verbracht haben, denn, wenn sie auch am Fenster ihres Schlafzimmers lehnte, um müde in das Unerkennbare hinauszustarren, durch ihre Glieder schnitt ein Frösteln, immer von neuem stürzten ihre schleppenden Gedanken wie irgend etwas Tönernes zusammen, und eine Weile mußte sie sich dann durchs Leere tasten.

Dazu diese wühlenden, brennenden Kopfschmerzen! Nein, sie war noch nie krank gewesen und wollte auch diesmal nicht nachgeben. Aber der irre Drang, der sie umtanzte, der sich aufrichtete und sich an sie hing, er zog ihr den Boden unter den Füßen fort und ließ ihre Knie zittern.

Trotzig, mit hocherhobenen Armen, warf sich das Weib, das nicht unterliegen wollte, auf sein Lager zurück und wühlte die Stirn in die kühlen Kissen ein.

Ruhig, ruhig, endlich mußte sich doch das zerstückte Bewußtsein zurückfinden, man mußte nur den Willen zu Hilfe rufen, den eisernen Willen, der bis dahin Maritzken jedes Gesetz gegeben, und dann, – ja ganz sicher – dann würden sich all die flatternden Fetzen zu einem sichtbaren Gewebe verknüpfen; man würde es durch die Hände laufen lassen, man würde es prüfen, und dann, dann würden Angst und Bedrückung und Verworrenheit weichen. Alles, was jetzt schemenhaft, als wahnsinnige Traumgestalten durch ihr Hirn gaukelte, das lebte ja nicht, das hatte sein flammendes Dasein aus den Feuern des Blitzstrahls gesogen, und mußte verrauchen und zu Asche sinken, sobald kühle Vernunft dem Spuk in die funkelnden Augen sah!

Stöhnend mußte die vor Scham Fiebernde sich eingestehen, daß alle ihre Gedanken, ihr ganzes Vorstellungsvermögen wie in einer engen, brennenden Grube eingefangen waren, aus der es für sie keine Möglichkeit gab, zu entrinnen. Und auch der Umstand, daß der erste müde Blick in die Umwelt ihr eine fremde Uniform gezeigt hatte, die schattenhaft durch die Tür entschwand, was bewies er schließlich anderes, als daß ihre Phantasie bei dem Menschen stehen geblieben war, mit dem sie sich zuletzt bei vollem Bewußtsein beschäftigt?

Mit einer wegwerfenden Gebärde erhob sie sich und siehe da, sie stand fest auf ihren Füßen. Das erste, was sich in ihr regte, war die Absicht, irgendwo ihre Arbeit wieder aufzunehmen. Ein rascher Blick auf die Uhr an ihrem Handgelenk belehrte sie darüber, daß die Abendstunde angebrochen sei, in der sie sich nach dem Befinden und den Wünschen Sassins zu erkundigen pflegte. Ruhig strich sich Johanna das Haar aus der Stirn, ordnete ihre Kleider und entzündete ein Licht, um sich durch den schmalen Gang voranzuleuchten. Als sie nach kurzem Klopfen bei dem Rittmeister eintrat, saß der Kranke auf dem einfachen braunen Ripssofa, hielt die Arme auf den Tisch gestützt, und sein plumpes Gesicht starrte schwermütig auf die weiße Glocke der vor ihm brennenden Lampe. Kaum erkannte Leo Konstantinowitsch die Hausherrin, so machte er einen Versuch, sich zu verneigen, woran er jedoch von der Nähertretenden gehindert wurde. Aufrecht wie immer blieb das Gutsfräulein an dem Tisch stehen, ohne der Einladung des Russen, Platz zu nehmen, irgendeine Beachtung zu schenken. Bald waren die üblichen Fragen erledigt, und nachdem Johanna noch einen prüfenden Blick in die Runde geschickt, gedachte sie sich eben wieder zurückzuziehen, da wurde sie durch einen Ausruf des Kranken an ihrer Absicht gehindert.

»Bleiben, verehrtes Fräulein, bitte, bitte, bleiben,« rief der Russe so dringend hinter ihr her, daß sich die Enteilende seinem Verlangen nicht entziehen mochte. Dazu hüstelte Leo Konstantinowitsch wieder so mitleiderregend und preßte sich beide Fäuste mit aller Gewalt gegen die Brust. Er schien seine Schmerzen auf diese Weise dämpfen zu wollen.

»Ist hier noch etwas versäumt?« erkundigte sich das Mädchen, an den Tisch zurückkehrend.

»Nichts versäumt,« bemühte sich der Rittmeister in seiner gewohnten lebhaften Art hervorzusprudeln, »nicht das Allergeringste.« Und dabei riß er die Augen auf, um den Grad seiner Bewunderung anzuzeigen. »Vous tenez bon ordre, es geht alles – wie sage ich: nach dem règlement. Das ist es gerade, Madame, ich wollte Ihnen schon längst für vorzügliche Behandlung danken, die gar nicht verdiene.«

»Oh, lassen Sie das,« entgegnete Johanna von einem flüchtigen Mitleiden ergriffen.

Der Russe stützte wieder den blonden Kopf in die Hand und streichelte grübelnd über die weiße Lampenglocke. Durch seine abgezehrten Finger sah man das Blut schimmern.

»Oh doch,« sprach er in sich gekehrt weiter, »manche von uns verdienen Rücksicht nicht. Es ließe sich viel darüber sagen, sehr viel.«

Während der letzten Worte glitt der unruhige Blick des Kranken nach der gegenüberliegenden Wand, und es schien, als wenn er zu etwas ganz Besonderem auszuholen beabsichtige. Indessen auch seine Entschlußkraft mußte wohl durch seine Leiden gebrochen sein, denn er sank unverrichteter Sache wieder zusammen und murmelte etwas zur Entschuldigung. Und dennoch hatte die Andeutung in seiner Hörerin das Gefühl erweckt, als ob sich seine versteckte Warnung auf den Fürsten Fergussow beziehe.

Eine Weile blieb es still zwischen den beiden, die sich scheuten, einander weitere Eröffnungen zu machen. Dann wünschte Johanna dem Rittmeister eine gute Nacht. Sassin jedoch, als ob er fürchte, jetzt schon allein gelassen zu werden, streckte die Hand gegen sie aus und klammerte sich an ihr letztes Wort.

»Bonne nuit,« nickte er schwermütig. »Ja, habe hier gut geschlafen. Das Bett weiß, das Haus ruhig. Wer kann wissen, wie später einmal finden werde?«

»Werden Sie denn von hier fortgehen?« fragte Johanna gepackt.

Der Russe kratzte wieder an der Glocke herum. Nur schwer rang er sich das Folgende von der Seele:

»Im Krieg kommt so etwas schnell,« versetzte er. »Man erzählt sich jetzt hier allerlei. Und dicker Doktor hinterbrachte mir heute, daß wieder vorwärts geht.«

»Dann werden Sie vielleicht alle bald Ihr Quartier verlassen müssen?« atmete Johanna hörbar.

Der Russe stöhnte. »Ich nicht – andere – ich nicht.«

»Weiß der Fürst schon von dieser Möglichkeit?«

Es mußte etwas im Klang ihrer Stimme liegen, was Leo Konstantinowitsch veranlaßte, inne zu halten. Lauernd schob er seinen Kopf hinter der Lampenglocke hervor, und seine blauen Knabenaugen flackerten unruhig über die hohe Gestalt hinweg.

»Was weiß ich von den ordres, die Fürst empfängt?« knurrte er übel gelaunt. »Hat nicht die Gnade, sie mir mitzuteilen. Zufällig wurde mir nur durch unseren Wachtmeister bekannt, daß er im Moment bei den anderen Kameraden in Schenke sitzt. Eine große Herablassung, zu der sich Seine Durchlaucht sonst nicht hergibt. Muß etwas ganz Besonderes in Luft liegen.«

»Das ist nicht meine Sache,« schloß die Hausherrin gleichgültig. »Wohl zu ruhen.«

Und sie ging mit einem kurzen Neigen heraus.


Je weiter die Nacht vorrückte, desto öfter fand sich Johanna in ihrem unruhigen Schlummer gestört. Bald rasselte es über die Landstraße, als ob schwere eisenklirrende Gespanne unter Flüchen vorwärts getrieben würden, bald drang das eigentümliche Knirschen zu ihr herauf, das entsteht, wenn unzählige nägelbeschlagene Stiefel die Chaussee treten. Gleich darauf versank wieder alles in Stille, bis das Fauchen von Automobilen und das Getrappel größerer Reiterscharen sie von neuem aus den Gründen der Vergessenheit aufjagten. Die Einsame schlug die Augen auf und lauschte. In dem kleinen niedrigen Zimmer hing noch tiefe Finsternis, und gerade jetzt, wo die Hausherrin das wilde Getriebe dort unten deutlicher zu unterscheiden suchte, da war alles wieder in seine frühere Lautlosigkeit zurückgesunken. Nichts verkündete sich der Liegenden, als das hohle Aufspritzen einzelner Tropfen, die mit der Regelmäßigkeit des Pendelschlags aus der Dachrinne herunterrollten.

Aber nein – auf dem schmalen Gang des Stockwerks bewegte sich ein Türklopfer.

Johanna wußte nicht, von welcher Gewalt sie emporgerissen wurde. Furcht, scheue Ahnung eines überwältigenden Unheils und das Nachwirken all der kranken Grübeleien, die seit ihrem Zusammenbruch ihr nüchternes Urteil zerrüttet hatten, dieses seltsame Gemisch erhielt eine nicht mehr zu bannende Gewalt über sie.

Ein Sprung – und sie hatte lautlos ihre Tür um eine Linie geöffnet.

Sie hatte geöffnet und sah draußen in dem ungewissen Dämmer, der durch das kaum fußhohe Fensterchen am Ende des Ganges fiel, – sie sah, zusammengeduckt und atemlos, wie das Bild dort oben an ihrer Wand das Gemach ihrer Schwester Marianne verließ. Es schlich an ihr vorüber, die Treppe knarrte, und dann tickte wieder der Pendelschlag aus der Dachrinne.

Eins – zwei – drei.

Die große Blonde aber, die gewalttätige Walküre, sie stand in ihrem weißen Hemd und regte sich nicht. Weder schrie sie auf, noch führte sie mit der geballten Faust einen Schlag gegen den Kupferstich, so daß das deckende Glas in tausend Scherben zersprang. Langsam, zitternd vielmehr, führte sie die Finger an den Mund und tat dasjenige, was sie ihr ganzes Leben hindurch aus dem Zwang der Verhältnisse heraus geübt hatte – sie rechnete. Das Exempel war wieder an seinem Ende angelangt. Zuerst den Leichtsinn des Vaters gebüßt durch ungezählte Jahre, jetzt, nachdem das Haus mühsam aufgebaut war, da brach die Welt zusammen, und die Schande kroch heimlich in ihre Nähe.

Was nun? Mußte jetzt wieder ein unerbittlicher Strich gezogen werden? Wie fing man das nur an, wenn man so allein war?

Über ihrem Haupte rollten die Tropfen, und der Pendelschlag tickte weiter.


Am nächsten Morgen hatte Fürst Fergussow das Haus ohne Abschied verlassen. Man brachte Johanna ein Schreiben von ihm. In dem Kuvert lag ein Schutzbrief des Obersten sowie ein paar Tausendrubelnoten zum Ausgleich des der Gutsbesitzerin erwachsenen Schadens. Johanna nahm beides, ihre Brust schien einen Moment still zu stehen, dann senkte sie das Haupt, strich sich die Haare aus der Stirn und schloß die Sendung umsichtig in ihre Kommode.