IV.

Tiefe Finsternis ruhte über der weiten, russischen Erde, als der Leiterwagen mit den deutschen Geiseln in der Gouvernementsstadt anlangte. Ein heftiger Wind sauste über den zahnlückigen Marktplatz und flackerte ängstlich um die Flammen der wenigen Gaslaternen, die sich aus dem vermorschten Holzbelag der Bürgersteige erhoben. Und doch schlief die dunkle Stadt nicht, nein, im Gegensatz zu dem preußischen Gemeinwesen, das sie vor kurzem verlassen, merkten die Fortgeschleppten voller Befremden, wie hier die Nacht widerhallte von verstecktem Leben, von Daseinsfreude und Genuß, als ob diese Regierungsstätte des Zaren sich schon nicht mehr um den nahen Völkerstreit zu kümmern hätte. Durch die erleuchteten Fensterscheiben der elenden kleinen Gasthäuser und Kaffees sahen die Vorüberfahrenden, wie sich an jenen Orten zweifelhafter Geselligkeit eine dichte Menge drängte. Zahlreiche Offiziere aller Waffengattungen zechten hier, die Mützen schief auf den Köpfen, neben eleganten Frauen, man hörte Wiener Walzer aufklingen und dazwischen das Tremolieren vortragender Chantantkünstlerinnen. Gelächter und Bravorufe belohnten die Darbietungen der kurzgeschürzten Damen.

Gefesselt hüllte sich Isa fester in ihren grauen Regenmantel, und sie versuchte in dem flüchtigen Lichtschimmer, der ab und zu über die Straße huschte, in den Zügen des neben ihr sitzenden, gänzlich in sich versunkenen Konsuls Bark zu lesen, welchen Eindruck das unerwartete Treiben auf ihren Gefährten hervorbrächte. Als sich jedoch, soviel sie erkennen konnte, der Ausdruck verbissener Entschlossenheit auf dem Antlitz des Kaufmannes nicht veränderte, da spähte sie wieder neugierig umher, denn in ihrem jungen, unerfahrenen Gemüt überwog bei jener traurigen Fahrt noch das Interesse an dem Ungewohnten und Abenteuerlichen. Und der Konsul ließ sie gewähren, denn er ahnte, wie bald sie den grimmigen Ernst ihrer Lage begreifen würde.

Jetzt verlangsamte sich der Trab der Pferde. Sie fuhren an den dunklen Massen der russischen Militärkirche vorbei, und in dem trüben Flackern von ein paar Gaslichtern sahen die Deutschen, wie der Metallüberzug der byzantinischen Kuppeln einen glitzernden Widerschein warf.

»Man halte,« rief der baltische Unterleutnant, der das Kommando über die Begleitmannschaft führte, und erhob sich.

Ganz dicht aus einer der Seitenstraßen vernahm man das Geräusch einer sich nahenden Volksmenge. Feierlich, dumpf, inbrünstig und wehklagend erschallte nach dem Takt der Schritte vielhundertstimmiger Gesang, auch die Soldaten des Transportes entblößten demütig ihre Häupter, und ehe Geiseln und Gefangene noch recht die Erklärung ihres jungen Adligen begriffen hatten, daß jenes packende geheimnisvolle Lied die russische Nationalhymne wäre, da schwenkte der Zug schon auf den Kirchplatz ein. Voran ein Fackelträger, dicht hinter ihm, zwischen zwei bekränzten Stangen hängend und unheimlich von der rauchenden Flamme überflutet, das Bild des gekrönten Zaren, und in seiner Gefolgschaft die unübersehbare, singende Menge. Fabrikarbeiter, alle Häupter entblößt, alle Hände gefaltet, und alle, alle von dem einen starren Gedanken beseelt, Sieg, Sieg für die russischen Waffen zu erflehen.

So zogen sie dahin, dumpf, taktmäßig, eine inbrünstige Beterschar, und ihr Weg führte sie an den erleuchteten Fenstern vorüber, hinter denen die Champagnerkelche klirrten und das Gekreisch der sich wiegenden Soubretten das Locken der Geigen überschrillte.

Mitleidig schlug die Nacht ihren Mantel um den grauenhaften Widerstreit, in dem die russische Seele sich selbst anfiel und zerfleischte.

Auch Unterleutnant Karström hatte die Mütze vom Haupt gezogen, jetzt schickte er noch einen trüben Blick hinter dem entschwindenden Fackellicht her, um dann erwachend seinem Kutscher den Befehl zu erteilen, auf die entgegengesetzte Seite des Platzes hinüberzulenken.

Aus der Dunkelheit tauchten die Umrisse eines stattlicheren Gebäudes auf. Es war das Hôtel de Moscou, der vornehmste Gasthof der Stadt.

»Für die Herren Senatoren ist hier bereits Quartier bestellt,« erklärte der junge Offizier, als erster von dem Leiterwagen herunterspringend. »Es steht den Herren selbstverständlich frei, hier zu soupieren. Allerdings muß ich verlangen, daß keiner der Herrschaften ohne Aufsicht das Hotel verläßt. Und Sie?« setzte der uniformierte Knabe zögernd hinzu, als nun in der dunklen Schar der Magistratsmitglieder Konsul Bark sowie das schlanke Mädchen vor ihm standen, und es war, als ob er sich der ungewissen Frage ihrer Augen nicht gewachsen fühlte, »Sie? Um offen zu sein,« flüsterte er beiseite, »ich empfing den Auftrag, Sie beide heute noch der Polizeimeisterei einzuliefern.«

»Der Polizeimeisterei?« wiederholte Rudolf Bark finster, und Isa erschrak, weil der Großkaufmann sich die Lippe nagte, wie wenn er sich kein weiteres Wort entschlüpfen lassen wollte.

»Ist denn die Polizeimeisterei ein solch schlimmer Ort?« forschte sie erblassend.

Die beiden Männer warfen sich einen bedeutsamen Blick zu, dann aber schüttelte sich der schmächtige Offizier, und während er die deutschen Bürger, die sich schon unter dem Hauseingang drängten, durch eine Handbewegung zum Warten aufforderte, da schien der vornehme junge Mensch seinen Entschluß gefaßt zu haben:

»Ich glaube es verantworten zu können,« rang es sich willenskräftig von seinen zuckenden Lippen, »wenn Sie und die Dame« – hier verbeugte er sich leicht – »die heutige Nacht gleichfalls im Hotel Moscau verbringen. Ich hoffe, Sie werden mir Ihre Bewachung weder schwer machen,« lächelte er, »noch verübeln! Morgen freilich –« er zuckte die Achseln – –

»Oh, ich verstehe,« rief Konsul Bark, ganz glücklich, wenigstens noch für ein paar Stunden der drohenden Einkerkerung entgangen zu sein, von deren Schrecken er sowohl durch Lektüre, als durch allerlei mündliche Schilderungen genügend unterrichtet war. Und schon, während er mit den anderen das kleine Vestibül betrat, da wälzte sein lebhafter und unternehmender Geist bereits allerlei Pläne, wie er sich und das hübsche, ahnungslose Mädel allen weiteren Anfechtungen durch ein unbeobachtetes Entweichen entziehen könnte. Denn eine Flucht mußte er bewerkstelligen, ganz gleich, ob er dem jungen Balten für die bewiesene Rücksicht verpflichtet war oder nicht; diesen Versuch schuldete er nicht nur der eigenen Freude am Dasein, sondern auch hundertfach seiner lieben, frischen Begleiterin, deren unaufdringliche Heiterkeit ihm zu einem gar nicht mehr entbehrlichen Trost geworden. Einen bewundernden Blick warf er auf den Rotkopf, der sich hier in dem unordentlichen Vorraum und umgeben von den sorgenbeschwerten älteren Herren doppelt anziehend unter seinem anspruchslosen Lackhut und in seiner schlanken Gertenhaftigkeit ausnahm.

Dann griff der Kaufmann instinktiv an seine Brust. Gottlob, die Brieftasche mit ihren knisternden Geldscheinen befand sich noch am rechten Ort. Und Rudolf Bark wußte, welch ein mächtiger Verbündeter diese bunten Blätter im Reiche des weißen Zaren zu sein pflegten.

Sie traten in die Gaststube.

In dem mit Stuck und Portieren überladenen Raum befanden sich ein paar lange, weißgedeckte Tafeln, und an ihnen hatten sich eine Anzahl höherer Offiziere, sowie die Spitzen der Behörden mit ihren Damen gelagert. Eine Reihe von Zeitungen wanderten von Hand zu Hand, man las sich einzelne besonders wichtige Nachrichten vor, man stieß auf die Gesundheit des Großfürsten an, man lachte und strahlte, denn aus all jenen Neuigkeiten verkündete sich immer wieder die eine felsenfeste Gewißheit – die Feinde Mütterchen Rußlands und seiner Verbündeten, sie lagen am Boden, sie zappelten und verröchelten unter dem Schwert ihrer Bedränger, man schlug sie einfach »mit Mützen tot«. Dieses Scherzwort hatte besonders ein untersetzter, stiernackiger Generalleutnant geprägt, der am Kopfende der größten Tafel präsidierte und dessen von vielen Ringen geschmückte, fleischige Rechte unaufhörlich verschiedenartig gefärbte Liköre zu dem von Hitzblattern entstellten Antlitz hob. Seine verkniffenen Augen schwammen förmlich in Gutmütigkeit und Wohlbehagen, als er die Reihe der ihn feiernden Damen musternd, in prasselndem Kehlbratenton herunterrief:

»Sie können es mir glauben, meine Damen, mit den Mützen. Beachten Sie bitte den tieferen Sinn in diesem Wort. Ich bin stolz darauf, in einem Rapport an Se. Kaiserliche Hoheit, den Großfürsten, es zuerst angewendet zu haben.«

Als der Name des kaiserlichen Verwandten fiel, trat eine feierliche Pause ein. Die Offiziere streckten ihre Gläser starr vor sich hin, und die Damen warfen Kußhände. Geschmeichelt verneigte sich die dicke Exzellenz nach allen Seiten. Dann beugte er seinen kahlen Schädel, auf dem sich der Glanz der elektrischen Lichter widerspiegelte, tief zu seiner besonders eleganten Nachbarin hinüber, und seine verkniffenen Augen wiesen deutlich auf die eintretende Schar der Geiseln, die sich wortlos und gedrückt an einem kleinen runden Tisch unter der Fensternische niederließ.

»Ah, Sie, Herr Unterleutnant,« winkte der Fette den jungen Balten darauf gnädig zu sich heran, nachdem seine unförmliche Rechte nachlässig für den strammen Gruß des Untergebenen gedankt hatte. Und in einem Rest von Rücksicht und Lebensart dämpfte die Exzellenz ihre knirschende Bratenstimme zu einem merkwürdigen Gezische, als sie sich jetzt, für alle vernehmbar, nach dem Transport des Offiziers erkundigte.

»Ah so – Geiseln!? Bürgermeister und Magistratspersonen? Hm, unbedeutende Physiognomien. Nicht wahr? Finden Sie nicht gleichfalls, Gnädige? Die Deutschen sind sämtlich Maschinen. Keine Individualitäten. Wir dagegen sind Künstler, eigenwillige Künstler.« Und die zwinkernden Äuglein auf Isas anmutige Erscheinung richtend, schien die Exzellenz nunmehr Bericht über die auffallende Anwesenheit der jungen Nemza einzufordern.

Neugierig steckte die ganze Tischgesellschaft die Köpfe zusammen, Ausrufe des Erstaunens, aber auch des Mißvergnügens, ja der Drohung flogen hin und her, als der Kreis der Tafelnden den näheren Zusammenhang erfuhr.

»Wie? Ist es möglich? – Sassin? – Ein Attentat auf Leo Konstantinowitsch? – Gibt es noch ein gutmütigeres Kind auf der Erde? – Ein Mensch, der keiner Fliege etwas zuleide tun konnte? Hat er nicht sein Geld in Scheffeln zum Fenster hinausgeworfen? – Hier wird man hoffentlich die ganze Strenge walten lassen!«

»Es ist bedauerlich,« schnaufte der General und wischte sich die wulstigen Lippen, »daß das nächste Kriegsgericht erst in Mariampol tagt. Nicht wahr, meine Herren, in Mariampol? Wir haben es seiner großen Überlastung wegen und – ganz gewiß – auch, um seine Unparteilichkeit sicher zu stellen, zurückverlegen müssen. Aber,« fügte er pompös hinzu und lehnte sich hintenüber, »vielleicht kann hier auch ein kürzerer Modus Platz greifen.«

»Habt Ihr es gehört? Dies ist eine vortreffliche Ansicht,« raunte es bei den Offizieren, aber es trat sofort eine aufmerksame Stille ein, als sich jetzt eine frische, besonders wohllautende Frauenstimme ganz dicht neben dem General in die Unterhaltung mischte: »Wollen Sie uns Ihre Idee nicht erläutern, Exzellenz?«

»Erläutern? Warum, meine Teuerste?« sträubte sich der Dicke und bekam einen noch röteren Kopf. Jedoch nachdem er mit seiner fleischigen Hand ein Paar Zahnstocher geknickt hatte, rückte er ganz nahe an seine blühende Nachbarin heran, um ihr salbungsvoll und verliebt ins Ohr zu flüstern: »Wer kann solchen Taubenaugen widerstehen? Aber meine Meinung ist, wir haben Krieg, meine Liebste, Krieg, verstehen Sie? Da läßt sich ein solches Verfahren auch sehr vereinfachen. – Aber nun lassen wir uns von etwas Hübscherem sprechen! Sie fühlen sich gewiß vereinsamt, Maria Geschowa? Ist es so?«

Maria Geschowa?

Noch ehe der Name der Tatarin gefallen war, ja, im gleichen Moment, da der Konsul den warmen sinnlichen Klang der wohllautenden Stimme aus dem Gewirr der anderen sich ablösen hörte, da hatte der Herr des »Goldenen Becher« seinen Stuhl ein wenig beiseite geschoben, um zu versuchen, ob er die Aufmerksamkeit der jungen Frau auf sich zu lenken vermöchte, die auch heute wieder so fremd und vorteilhaft von den übrigen Provinzdamen abstach. Flüsterte ihm doch eine innere Stimme zu, dieses dunkle, samtwangige Weib, das sich schon einmal so viel Mühe gegeben hatte, ihm zu gefallen, es sei das einzige Wesen in der fremden Stadt, das weder Vergnügen noch Genugtuung bei seinem Untergang empfinden könnte.

Und bei Gott, sie sah ihm jetzt gerade ins Gesicht! Aber welche Enttäuschung! Maria Geschowa verzog keine Miene, fremd und leer betrachtete sie ihn, wie ein Ausstellungsobjekt, wie einen Verbrecher, bei dem man unter Schauder und Nervenkitzel berechnet, welche Striemen der Strick um seinen Hals hinterlassen würde, und jetzt hob die schmale Hand sogar eine Lorgnette vor die Augen, um sie gleich darauf wieder gleichgültig zusammenzufalten.

Damit schien ihr Interesse völlig erloschen zu sein, sie streifte noch einmal abschätzend das rote Geflimmer um Isas Haupt und wandte sich dann mit ihren schwellenden Bewegungen zu dem alten General zurück, der sich soeben ein ganz besonderes Glanzstück seiner Rednergabe leistete. Die Rechte flach von sich gestreckt, so daß er das Funkeln der vielen Ringe bewundernd einsaugen konnte, ließ er seine fette Stimme braten und prasseln, als ob hier irgendwo eine Pfanne ans Feuer gerückt wäre.

»Herr Unterleutnant – wie war der Name? – Karström, oh, ich weiß recht gut – Sie sind noch ein junger Mann, aber ich billige Ihr Verhalten. Im Ernst, ich schätze Ihre Noblesse. Ihre Rücksicht gegen die beiden – hm, gegen die beiden – Verdächtigen kann mich nur befriedigen. Sie ist echt russisch. Warum sollen wir nicht immer und immer wieder ein Beispiel geben von dem edlen Herzen, das in unserem riesigen Körper schlägt? Ich bin zufrieden mit Ihnen. Sie sind ein hoffnungsvoller Offizier. Setzen Sie sich, Karström, und beaufsichtigen Sie die Nemzows.«

Mehr hörte der Konsul nicht. Er saß neben Isa, hatte den Kopf in die Hand gestützt und – schämte sich. Und während seine Nachbarin den inzwischen aufgetragenen Speisen mit dem ganzen Appetit der Jugend zusprach, während sie ihm wider alles Herkommen hausmütterlich den Wein einschenkte, während sie ihre hellen Augen spähend herumschweifen ließ, ob sie für ihren Freund nicht etwas recht Schmackhaftes erobern könnte, da zehrte Rudolf Bark an der Demütigung, die ihm eben zuteil geworden, und schalt sich selbst einen Phantasten, weil er von einem gefallsüchtigen, herzlosen Weibe Förderung und Hilfe erwartet hatte. Wie tief mußte sich bereits der Völkerhaß in die verborgenste Wurzel der Nationen herabgefressen haben, wenn sogar schon die Frauen des Nachbarreiches von der blinden Wut, von heimlicher Schadenfreude an fremden Schmerzen ergriffen waren. Und diese Maria Geschowa, diese Weltdame, diese Meisterin der Unterhaltungskunst, hatte sie nicht noch vor kurzem mit ihrem Verständnis für deutsche Kunst und westliche Art geprahlt? Der Konsul verzog ein wenig geringschätzig den Mund, und das, was er soeben über die Treue und Redlichkeit slawischer Frauen dachte, das klang nicht gerade in einen Lobgesang aus. Dabei wurden seine Augen wieder hart und berechnend. Nun gut, die Frau des Obersten Geschow war ausgeschaltet, aber wen, wen konnte er an ihrer Statt für sich und seine Pläne gewinnen? Denn das stand fest, nur die heutige Nacht, so lange er noch in dem Hotel weilte, durfte zu dem so ängstlich überdachten Entweichen benutzt werden. Sobald er erst der russischen Beamtenschaft verfallen war, dann umwanden ihn tausend Fesseln, sichtbare und unsichtbare, die Gefängnisse des Landes öffneten sich nicht wieder. Er griff nach seiner Brusttasche. Ob er mit dem Wirt des Hotels beim Schlafengehen eine vorsichtige Unterhaltung begann? Oder mit dem Portier des Hauses? Freilich, diese Dworniks waren sämtlich bezahlte Späher der Polizeimeisterei. Und doch – der höher Bietende behielt hier häufig recht. Wofür sich also entscheiden? Denn die Zeit drängte, der Zeiger der breiten Standuhr in der Ecke stand hart vor der elften Stunde der Nacht.

Rudolf Bark versank niemals so völlig in Gedanken und Überlegung, daß seine Augen von seiner Umgebung abgelenkt werden konnten. So hielt er auch jetzt plötzlich inne, und eine geheime Unruhe veranlaßte ihn, seine ganze Aufmerksamkeit auf eine Erscheinung zu richten, die soeben unter die Portiere des Eingangs trat. Fast im Fluge bemerkte der Konsul, wie der späte Gast noch unter den Falten des Vorhangs mit dem betreßten Portier ein paar rasche Worte wechselte, um sich sodann nach Art eines Platzsuchenden umzuschauen. Es war ein ganz unauffälliger Herr, sehr schlank, sehr glattgescheitelt, in einem grauen Jakettanzug, in dessen Seitentaschen ein Paar braune Glacélederhände Eingang suchten, und das schmale pockennarbige Gesicht würde keinen anderen Grund zum Mißtrauen geboten haben, wenn der glattrasierte Mund nicht so höflich-verlegen gelächelt und wenn in den verdeckten Augen nicht im Gegensatz hierzu eine solche Gewohnheit des Zählens und Feststellens gelauert hätte.

Sollte das vielleicht – –? Der Konsul ließ das Messer sinken und verfolgte den Fremden Schritt für Schritt. Aalglatt, unhörbar wand sich der schmale Herr mit den braunen Handschuhen weiter in den Saal hinein. Seine Aufmerksamkeit schien einzig den noch leergebliebenen Stühlen an den anderen Tischen zu gelten, bis er plötzlich mit einer überraschenden Wendung vor der Tafel der Deutschen haltmachte, der er bis jetzt nicht die geringste Beachtung geschenkt.

Hier verbeugte er sich übermäßig tief und hauchte in einem Flüsterton, der sich kaum über einen Meter weit Gehör verschaffen konnte, jedoch voller Rücksicht und Ergebenheit:

»Ich habe die Ehre, Herrn Konsul Bark zu sehen?«

»Allerdings,« erwiderte der Kaufmann erblassend.

»Und dies ist, wie ich vermute, die Dame Ihrer Begleitung?«

»Ja,« stotterte Isa, die entsetzt auf das pockennarbige Antlitz starrte.

»Die Herrschaften brauchen sich durchaus nicht zu beunruhigen,« fuhr der verlegene Herr fort und winkte beschwichtigend mit der braunen Lederhand, als müßte er von vornherein die Bedeutungslosigkeit seiner Person sowie seines Auftrags in das gehörige Licht setzen. »Es liegt wahrhaftig nicht der mindeste Grund zu einer Befürchtung vor. Ich versichere es bei meiner Ehre. Es handelt sich lediglich um eine reine Formsache.«

Jetzt erstarb an dem Tische der Verschleppten auch das leiseste Geräusch, all diese deutschen Männer vergaßen im Moment ihr eigenes Mißgeschick, und ein heißes Mitgefühl wallte jedem auf, da sie ahnten, wie bald eine Lücke in ihren kleinen Kreis gerissen sein würde. Nur der knabenhafte Offizier verlor nicht eine Sekunde sein inneres Gleichgewicht. Unwillig verzog er die Stirn, und auf den abgezehrten Wangen glühten zwei helle Punkte auf.

»Was haben Sie mit den Herrschaften zu schaffen?« fragte er streng. »Sie sehen ja, daß sie sich unter militärischer Aufsicht befinden. Wer sind Sie überhaupt?«

Der Herr im grauen Jackett verbeugte sich wieder. Sei es nun, daß die drohende Sprache des jungen Balten so stark auf ihn wirkte, oder ob ihn wirklich die Erkenntnis von der Mißachtung niederschlug, die allgemein seinem Stande entgegengebracht wurde, jedenfalls klappte er zusammen, bis die grauen Arme steif herabhingen und den Deutschen für einen Augenblick nur sein schnurgerader Scheitel sichtbar blieb.

»Herr Unterleutnant,« hauchte er tonlos, »mein Name ist zu unwichtig und unbedeutend, als daß ich es wagen dürfte, Ihr Gedächtnis damit zu beschweren. Und was meine Stellung betrifft,« – er tauchte vorsichtig in die Höhe und zuckte schmerzlich mit den Mundwinkeln, – »ich hatte auch einmal meine Studienzeit, aber jetzt bin ich seit sechzehn Jahren der Sekretär Sr. Hochgeboren des Herrn Polizeimeister-Stellvertreters Tolmin.«

In dem ganzen Saal war es totenstill geworden. An der Tafel der Offiziere hatten sich alle Häupter der Gruppe der Fremden zugekehrt, und selbst der fette General streckte die Beine von sich und ließ die Unterlippe herabhängen, als sei die Unterhaltung dort drüben eine gut genährte Auster, die er auf einen Zug in sich hineinschlürfen müsse.

»Sehen Sie, Maria Geschowa,« knasterte er behaglich, »zweifeln Sie noch länger an der Zuverlässigkeit unserer Polizei?«

Inzwischen hatte sich auch die schlanke Jünglingsgestalt des Unterleutnants Karström von ihrem Sitz erhoben. Niemals während der ganzen Zeit hatte er so krank und hinfällig ausgesehen, wie jetzt, und doch klang seine Stimme fest und sicher, als er nun voller Verachtung hervorstieß:

»Dann schleichen Sie gefälligst nicht wie die Katze um den Brei! Was haben Sie an den Konsul Bark und seine Begleiterin für einen Auftrag?«

»Oh, eine Kleinigkeit,« lächelte der verlegene Herr mit den braunen Handschuhen und bemühte sich, durch das Entblößen seiner weißen Zähne alle Anwesenden von seiner vollkommenen Harmlosigkeit zu überzeugen. »Es ist absolut nichts. Der Dwornik des Hotels de Moscou erstattete nur seiner Pflicht gemäß Anzeige über die zuletzt eingetroffenen Fremden an den Pristav des hiesigen Reviers, Se. Hochwohlgeboren der Pristav telephonierte es ordnungsgemäß an den Herrn Polizeimeister-Stellvertreter weiter, und Se. Hochwohlgeboren wünscht nun – –«

»Zum Teufel, was wünscht er?« schrie der Balte sich vergessend und stieß mit der Scheide seines Säbels ungeduldig auf den Estrich.

»Er ist noch sehr jung,« begleitete der fette General bedenklich diesen Vorgang.

Der graue Herr aber bebte vor dem Zornesausbruch des Offiziers zurück, zeigte krampfhaft seine weißen Zähne und streichelte mit der braunen Glacérechten unaufhörlich in der Luft herum, als gelte es, einen bissigen Hund zu besänftigen:

»Oh, Ew. Hochwohlgeboren,« flötete er gleich einem erschreckten Vogel, »Sie verkennen meine gute Absicht, der Herr Polizeimeister-Stellvertreter wünscht nur die Personalien der Herrschaften festzustellen. In der wohlwollendsten Meinung natürlich. Zwar wird jedes Kind begreifen, daß die Herrschaften gewissermaßen das Eigentum einer hochmögenden Militärbehörde sind, – wer dürfte sich dagegen auflehnen? – aber der Herr Polizeimeister-Stellvertreter sind leider in der peinlichen Lage, auf eine persönliche Kontrolle nicht verzichten zu können.«

Hilflos wandte sich der Unterleutnant an seine Schutzbefohlenen, die sich langsam und wie von einem drückenden Traum umfangen, erhoben hatten, dann verfing sich sein Auskunft heischender Blick zwischen den Hitzblattern der stiernackigen Exzellenz, als räume er dem Vorgesetzten völlig diese schwere Entscheidung ein.

»Ja,« schmorte der Fette und scharrte mit den Stulpstiefeln, »Kompetenzstreitigkeiten – aber Militär und Zivil müssen sich gegenseitig ergänzen, wir sind alle Räder eines Uhrwerks, nicht wahr, teuerste Frau? Man wird sich später nach dem Verbleib der Herrschaften erkundigen.«

Einige Minuten nachher bewegte sich eine kleine Schar über den dunklen Kirchplatz. Voran ein Gendarm der Geheimpolizei, dicht hinter ihm der Konsul, umschlottert von einem dicken braunen Flausch, den ihm beim Abschied einer der Senatoren fast mit Gewalt umgehängt, und zum Schluß der graue Herr mit den braunen Glacéhandschuhen, der trotz aller Weigerungen darauf bestanden hatte, der jungen Dame den Arm zu reichen.

»Euer Hochwohlgeboren,« flüsterte er Isa zu, der vor dem heranstreichenden kalten Wind, sowie vor innerer Unruhe und Angst jedes Wort hinter den zitternden Lippen erstarb, »ich bin sehr unglücklich darüber, weil Euer Hochwohlgeboren so beben – ich fühle es ganz deutlich – jedoch es ist völlig grundlos! Sie werden sich selbst davon überzeugen. Bitte um Entschuldigung, das Pflaster ist hier miserabel, für zarte Füße eine verwünschte Plage. Ich versichere Sie, im vorigen Sommer sollten hier schon Holzplatten gelegt werden, aber was werden Sie denken, es wird immer wieder verschoben. Die Geldfrage läßt sich nicht regeln! Und dort in der schmalen Seitengasse befindet sich bereits die Polizeidirektion! Wie Sie sehen, alle Fenster erleuchtet, wir arbeiten hier die ganze Nacht durch.«

Vor einem zweistöckigen, grünlich angelaufenen Gebäude hemmte der Gendarm seine Schritte, stieg drei brüchige Stufen in die Höhe und riß an einem Klingelzug. Ein rostiges Klirren erhob sich drinnen, das scheinbar von einer nackten Mauer zurückgeworfen wurde. Aber sonst ereignete sich nichts. Auch die Tür blieb ruhig in ihren Angeln.

»Der verwünschte Hund schläft wieder,« knurrte der Gendarm ingrimmig, dann schlug er mit der Faust mächtig gegen das Holz, bis im Innern des Gebäudes ein langgezogener Schnarchton abriß und ein Schlüsselbund zu rasseln anfing.

»Beim Leib Christi,« schimpfte hinter dem Eingang eine heisere Stimme, »vierzehn Stunden Dienst und nichts zu essen. Man wird doch wohl den passenden Schlüssel suchen dürfen. Der Krebs kommt auch an sein Ziel, und Ungeduld gehört nicht in die Backstube.«

Bei den letzten Worten bewegte sich schwerfällig die Tür, und ein von einer flackernden Gasflamme erleuchteter roter Ziegelgang lag vor den zögernd eintretenden Deutschen.

»Ist der Herr Polizeimeister noch im Hause?« fragte der Herr im grauen Rock in die Ecke hinein, denn hinter dem zurückgeschlagenen Torflügel war im Moment kein menschliches Wesen zu entdecken.

»Er ist schlafen gegangen,« antwortete die unsichtbare mürrische Person.

»Sehr schön! Und der Herr Polizeimeister-Stellvertreter?«

»Zimmer Nr. 2. Se. Hochwohlgeboren ließ sich soeben Essen holen. Ein Hahn mit weißer Sauce. Es dampfte noch. Einen Teller voll sauren Salats und eine Flasche roten Wein. Einen Hungrigen und einen Toten sollte man auch zusammen in einen Sarg legen.«

»Es ist gut, Vater Wassili, ich danke dir,« entgegnete der höfliche Herr und entblößte wohlwollend seine Zähne. Und eine seiner aalgeschmeidigen Verbeugungen ausführend, wies er auf eine enge, eiserne Treppe, die sich im Zickzack nach oben zog: »Wollen Sie diesen Weg benutzen. Die Treppe gebührt unseren besseren Gästen, die anderen, die mit den nägelbeschlagenen Stiefeln werden über den Hof geführt. Und warum? Nun, nichts zerreißt, wie Sie wissen, die Nerven mehr, als das Kratzen des Sandes auf den Stufen.«

Nach dieser ausführlichen Beschreibung der Treppe, die, wie der Konsul sehr wohl begriff, nur deshalb so umständlich gegeben wurde, um durch das bedeutungslose Geschwätz die Besorgnis vor dem Kommenden zu zerstreuen, wurden die beiden Verhafteten in den ersten Stock und in ein kahles Vorzimmer geleitet, wo zwei Gendarmen an einem Tisch saßen und die Häupter aufstützten. Hier verabschiedete sich ihr bisheriger Führer von seinen Schutzbefohlenen, indem er so glücklich lächelte, als habe er zwei Verirrte endlich auf den sehnsüchtig begehrten Weg gebracht.

»Hier sind wir,« bestätigte er aufatmend. »Sie befinden sich auf der Geheimpolizei, was natürlich gar nichts zu bedeuten hat. Der Herr Pristav, der die Messungsarbeiten versieht, wird Sie sogleich vernehmen.«

»Die Messungsarbeiten?« fuhr Konsul Bark zurück, wie wenn sein Gehör ihm etwas Irrsinniges vorgespiegelt hätte, – »Sie werden doch unmöglich – –« Ein verzweifelter Blick glitt zu seiner Gefährtin hinüber.

»Aber ich bitte Sie,« widersprach der Herr im grauen Rock und streichelte in der Luft herum; »wer kann an solchen Kleinigkeiten Anstoß nehmen? Es ist eine eingeführte Sitte, tut nicht im geringsten weh und beschleunigt Ihre Angelegenheit ungemein. – Warten Sie, ich melde Sie sofort an und hole Sie gleich wieder ab.«

Devot zusammengekrümmt klopfte er an eine niedrige Seitentür, steckte auf eine Sekunde den Kopf herein und schob nach ein Paar mit äußerster Untertänigkeit hingehauchten Worten die beiden Deutschen in das anstoßende Gemach.

Es war ein ziemlich großes Zimmer mit einem grünen Teppich belegt, und ein Paar lederne Klubsessel, sowie ein deckenhoher Spiegel legten Zeugnis davon ab, daß der Pristav, der die Messungsarbeiten leitete, die Bequemlichkeiten des Lebens, sowie äußere Eleganz keineswegs außer acht lasse. Über diese Auffassung wurden die beiden sich stumm Verneigenden auch sofort eindringlich belehrt, als sich auf ihren Gruß hinter dem gelben Fichtentisch ein junger, schwarzhaariger Mann erhob, der ganz offenbar noch immer damit beschäftigt war, seine Toilette für irgendeine Abendgesellschaft zu vervollständigen. Unter seinem sehr kurzen Smoking prangte ein blitzendes Oberhemd, ein überhoher Stehkragen hatte ihm bereits einen roten Rand unter das Kinn geschnitten, und im Augenblick putzte er gerade mit einem Lederinstrument auf seinen Fingernägeln herum, obwohl sie bereits einen wundervollen Glanz ausstrahlten.

»Schon gut,« erwiderte der Pristav auf den Gruß der Eintretenden flüchtig, »Sie müssen warten. Ich werde alles vorbereiten lassen.«

Wiegend schritt er an einem kleinen offenen Seitenkabinett vorüber, und es milderte das schreckhafte Unbehagen der Verschleppten durchaus nicht, als sie jetzt gleichfalls einen Blick in diese Kammer werfen durften. Unter einer Art Galgen saß dort ein hagerer Gendarm. Mit bösen, schielenden Augen glotzte er die Fremden an. Vor ihm auf einem Tisch lagen mehrere riesenhafte Messingzirkel, eiserne Meßgeräte, und als Hauptstück des Ganzen zeigte sich auf dem Estrich ein Kupferkessel voll flüssigen Gipses, in dessen Breimasse der Gendarm ab und zu eine Holzkelle kreisen ließ.

Das waren sicherlich die nötigen Vorbereitungen für den Empfang der Verdächtigen, und Rudolf Bark stieg das Blut in den Kopf, als er sich ihre Anwendung vorstellte. Wie? Man ging in dem entwürdigenden Verfahren gegen Wehrlose so weit, sie mit ganz gemeinen Verbrechern auf eine Stufe zu stellen? Man würde es wagen, jene scheußlichen Apparate, die an die Folterinstrumente des Mittelalters erinnerten, auch um Isas feines Haupt zu legen? Ein Rauschen klang vor den Ohren des Mannes, ohnmächtige Wut rüttelte an ihm, er fühlte, wie er jetzt zum zweitenmal für dieses zerbrechliche Geschöpfchen in einen Akt verzweifelter Selbsthilfe verfallen würde. Unwillkürlich schlang er seinen Arm unter denjenigen des Mädchens, und es befestigte ihn nur in seinem Entschluß, als er merkte, wie eng sich der Rotkopf an ihn drängte. Aber auch der schwarzhaarige Pristav, der von seiner Abendgesellschaft so ärgerlich ferngehalten wurde, hatte dieses gegenseitige Suchen wahrgenommen.

Interessiert klemmte er sich ein Monokel ins Auge, lächelte verschmitzt zu der jungen Dame herüber, um gleich darauf durch ein wütendes Amtsgesicht seine Entgleisung zu sühnen! Es war ganz klar, daß er seinen Fehler durch eine besondere Kälte wieder ausgleichen mußte. In seinem affektierten Wiegeschritt begab er sich deshalb vor den Spiegel und begann umständlich an dem schwarzen Schnurrbärtchen zu ordnen. Dann prüfte er die Weiße seiner Zähne und fing schließlich, auf und ab wandernd, von neuem an, seine Nägel zu polieren. Alles, ohne sich um die Fremden im geringsten zu kümmern. Plötzlich jedoch riß er eine silberne Uhr an einer Talmikette aus der Tasche.

»Der Teufel weiß, es ist ein Viertel auf elf,« stieß er nervös hervor. »Weshalb erscheinen Sie so spät?«

»Diese Frage möchte ich an Sie richten,« antwortete der Konsul aus seiner Erstarrung erwachend.

»Wie? – was? – Sie richten eine Frage?« Der Pristav unterbrach sein Poliergeschäft, warf einen verwirrten Blick in den Spiegel, als müsse er sich erst von dem Fortbestand seiner eigenen Person überzeugen, und trommelte dann erregt auf seinem steifen Oberhemd herum. Er war über die Möglichkeit, daß auch er einem Verhör unterworfen werden könnte, derartig außer Fassung gebracht, daß sich auf seinem Antlitz Freundlichkeit und Wut wie Sonnenschein und Regen jagten.

»Mann,« sog er endlich einen tiefen Atemzug und warf sich in den Stuhl hinter dem Tisch, »ich glaube gar, Sie wissen nicht, wo Sie sich eigentlich befinden.«

»Oh doch, man hat es mir eben mitgeteilt, ich möchte jedoch erfahren, was ich hier zu suchen habe?«

»Stoy« (Halt!), schrie der Russe wütend. »Geben Sie mir Ihre Papiere.«

»Ich besitze keine Papiere.«

»Keine Papiere?« erstarrte der Pristav immer mehr über die Seltsamkeit dieses Falles. »Wie ist das möglich? Ilija Petrowitsch muß irrsinnig sein, weil er einen Menschen ohne Papiere zu mir hereinführt. Um elf Uhr in der Nacht!« ereiferte er sich von neuem, während er die silberne Uhr abermals herauszerrte. »Was ist hier zu tun?« – Verärgert fegte er einige Aktenstöße auf dem Tisch beiseite, bis ihm ein erlösender Einfall aufzublitzen schien: »Legen Sie Ihre Wertsachen ab,« forderte er, sich befriedigt zurücklehnend, »Geld, Uhr, Kleinodien, Ringe.« Und als er gewahrte, wie sein Gegenüber von einem eisigen Schrecken angeflogen wurde, triumphierte er entzückt über den Verfall des großmäuligen Deutschen weiter: »Mir steht das Recht zu, Sie und das Mädchen sofort entkleiden zu lassen, also ich rate Ihnen, nichts zu verheimlichen.«

Der Konsul griff sich an die Brust, er war unfähig, sich von dem einzigen Mittel, das vielleicht noch Rettung verhieß, zu trennen. Und der rauschende Zorn und daneben doch die klare Erkenntnis, wie jeder Widerstand ihre Lage nur verschlimmern würde, sie versetzten ihn in einen Zustand der Lähmung und der zähneknirschenden Entschlußlosigkeit. Um so unfaßbarer mutete es ihn daher an, als er seine Gefährtin ohne Zögern noch Bedenken an den Tisch herantreten sah, wo sie mit einer hastigen Bewegung nicht nur ihre Ringe und das Armband abstreifte, sondern auch ihr kleines seidengestricktes Geldbeutelchen vor den Pristav niederlegte.

Dieser griff einen zierlichen Kettenreif heraus, versuchte, wie weit er sich über seinen eigenen kleinen Finger ziehen ließ, und blinzelte dann in einem abermaligen Anfall von Vergessenheit die hübsche Nemza verschmitzt an. Als sich jedoch in dem blassen Jungfrauengesicht nicht eine Muskel regte, besann sich der Pristav überraschend schnell wieder auf seine Machtfülle und schien entschlossen, sie in ihrem ganzen Umfang auszukosten.

»Beeilen Sie sich,« herrschte er den Kaufmann an, der noch immer an seinem Platz wurzelte. »Weshalb gehorchen Sie nicht? Sie scheinen mir ein anmaßender Mensch zu sein. Oder haben Sie vielleicht Grund, sich gegen eine Leibesuntersuchung zu sträuben? – He, Gendarm, ich meine, hier ist ein Widerspenstiger.«

Auf den schrillen Pfiff fuhr der Gendarm drinnen in dem Kabinett aus seiner gebückten Stellung empor und trat auf die Schwelle. Einen Augenblick schwebte dunkle, zuckende Gefahr um den Konsul. Doch auch Rudolf Bark fühlte, wie es gleich einer unsichtbaren Gerte über ihm schnellte. Und, in einem langen Geschäftsleben daran gewöhnt, noch in der letzten Sekunde auf die rettende Planke zu springen, verbarg er die in ihm arbeitende Erregung und trat mit einem so gleichmütigen, geschmeidigen Wesen an den Tisch, daß nicht allein von Isa der schnürende Bann wich, sondern auch der Herr in dem kurzen Smoking diese rasche Wandlung augenscheinlich nicht gleich begriff. Und nun wickelte sich alles wie ein einfaches, glattes Geschäft ab. Der Konsul legte eine Brieftasche vor dem Pristav nieder, erklärte, es seien ungefähr 4-5000 Mark in dem Portefeuille vorhanden – ungefähr – und eine Empfangsbescheinigung wäre bei der Sicherheit einer so hohen Behörde gewiß nicht vonnöten.

Begierig griff der Pristav nach der Tasche, zuckte jedoch gleich darauf wie vor einem fressenden Feuer zurück, lächelte und begann geschmeichelt mit dem roten Leder von neuem zu spielen.

»Auf Ehre,« versicherte er zuvorkommend und war wieder ganz der wiegende Gesellschaftsmensch von vorhin, »Sie haben recht. Wozu unnötige Schreibereien bei der späten Stunde? – Vier bis fünftausend Mark. – Nun gut, man wird aufs peinlichste darüber wachen, ich verspreche es Ihnen. Übrigens – ich begreife gar nicht, warum man Ihnen und der Dame mitten in der Nacht so viel Unbequemlichkeiten verursachte. Es ist lächerlich. Als ob dies nicht bis morgen früh Zeit gehabt hätte! Freilich die unteren Beamten! Wozu lungerst du hier herum?« schrie er plötzlich den schielenden Gendarmen an und wies mit ausgestrecktem Arm befehlend auf das nahe Kabinett. »Hörtest du nicht, daß die Herrschaften absolut unverdächtig sind?«

In diesem Augenblick begann das Tischtelephon heftig zu läuten.

Aufgeschreckt sprang der Pristav in die Höhe, verzog ingrimmig die Stirn und während er schon die Hand nach dem Hörer ausstreckte, riß er mit der Linken noch einmal seine Taschenuhr hervor und gebärdete sich wie ein Verzweifelter.

»Oh, du niederträchtiger Leuteschinder,« murmelte er bissig, »du herzlose Schlafmütze – ah, Sie selbst, Ew. Hochgeboren, keineswegs – macht durchaus nichts, Ihre Befehle gehen allem anderen vorauf. – Jawohl, die Deutschen befinden sich bei mir – gewiß – sofort – ich gehorche.«

Kaum eine Minute nach diesem Gespräch durchmaßen die beiden Verdächtigen, über die sich bereits bleischwere Müdigkeit herabgesenkt hatte, abermals einen der langen Korridore, bis ihr Führer, der Pristav, der sich inzwischen mit einem Zylinder bedeckt hatte, seinen glänzenden Hut ehrfürchtig vor der friesgefütterten Tür des Zimmers Nr. 2 lüftete. Noch in dem dunklen Zwischenraum der beiden Eingänge krümmte der Herr im Smoking seine Gestalt vor Devotion und Anbetung zusammen, behielt aber doch noch Zeit, den Eintretenden ironisch zuzuflüstern:

»Sie brauchen nichts zu sprechen. Ich werde alles besorgen. Der Herr Polizeimeister-Stellvertreter liebt es nämlich nicht, auf Einwendungen zu stoßen.«

»Guten Abend, lieber Freund,« kaute in dem saalartigen, hellerleuchteten Raum eine schmatzende Stimme, und während an dem großen, mit grünen Tuch ausgeschlagenen Tisch direkt unter dem Kronleuchter zwei Schreiber hingen, die vor Müdigkeit abwechselnd gähnten, da hockte die Kugelgestalt des Polizeimeister-Stellvertreters Tolmin selbst in einer Ecke auf einem Ledersofa, und seine fleischigen Hände fuhren unermüdlich zwischen den Bestandteilen seines Mahles herum, von dem Huhn zur Weinflasche und von dem Brot zu der Schüssel voll grünen Salates. Dies alles aber geschah ganz mechanisch, als ob die dicken Finger des Schmausenden ein eigenes Sehvermögen besäßen, denn Herr Tolmin hatte vor die Wasserflasche ein Zeitungsblatt aufgestellt, dessen Inhalt seine kleinen glitzernden Augen ebenso gierig verschlangen, wie sein Mund die umfangreichen Bissen herunterwürgte.

»Ah, guten Abend, Nicolai Feodorowitsch,« stöhnte er wohlbehaglich und schlug, um sich Luft zu schaffen, die offene grüne Uniform noch etwas weiter zurück, »da bringst du die beiden Verbrecher. Wir wissen schon alles. Der Mann hat einen Offizier erschossen. Und das Weib hat ihm Beihilfe geleistet. Es ist schändlich. Es ist barbarisch.«

Herr Tolmin vertrieb sein Grauen über die geschilderte Untat durch ein paar mächtige Züge Rotwein und goß sich einige Tropfen auf die ehemals weiße Weste. Dann ließ er vor Behagen und Befriedigung die kurzen Beine in den Stulpstiefeln kräftig gegen die Ledereinfassung des Sofas prallen.

»Aber alle Umtriebe unserer Feinde,« röchelte er weiter, »erweisen sich, der heiligen Mutter sei Dank, als vergeblich. Höre, Nicolai Feodorowitsch, was ich da lese. Es bewegt mein Herz, und es wird auch dich begeistern. Die Belgier haben die Preußen auseinandergesprengt, haben die Nemzows über den Rhein geworfen und sind gestern in Köln eingezogen. 200 000 Gefangene. Der deutsche Kronprinz ist gefallen. Was sagst du, lieber Freund? Köstlich – köstlich, der grüne Salat. Er wird für mich mit Zitronensäure angerichtet, seitdem der Militärarzt Isaac – so heißt der Jude – den Essigzusatz für mich verboten. – Aber, wie gesagt, 200 000 Gefangene. Ja, es ist ein köstlicher Genuß.«

Damit hob Herr Tolmin nach der Art der Kurzsichtigen das Zeitungsblatt wieder ganz dicht vor sein grauwelliges, unförmiges Haupt, und indem er sich vollkommen in seine erfreuliche Lektüre versenkte, schlug er sich wiederholt schallend auf den Leib, und dem Hingerissenen schien jede Erinnerung an die übrige Mitwelt entschwunden zu sein.

Schüchtern wagte es der Pristav, der auch für sich selbst die Zeit immer unwiederbringlicher enteilen sah, mit dem Fuß auf eine freie Stelle des Estrichs zu scharren. Gestört schüttelte sich der Polizeimeister:

»Ach ja, was gibt es noch, Nicolai Feodorowitsch?«

»Ich meinte,« sagte der Pristav sich verbindlich verneigend, »Euer Hochgeboren hätten den Wunsch geäußert, das Protokoll über diese beiden Deutschen –«

»Ach ja, das Protokoll,« warf Herr Tolmin ungnädig dazwischen und wanderte nun, die fleischigen Hände auf den Rücken gelegt, mehrere Male keuchend über den Teppich. »Du hast ganz recht, mich daran zu erinnern. Aber solltest du nicht auch meinen, Nicolai Feodorowitsch,« fuhr er schließlich fort, wobei er, da er wieder in die Nähe des Tisches gelangt war, den Resten des Huhnes einen kosenden Blick zuwarf, »solltest du nicht auch meinen, daß sich diese ganze Prozedur besser auf morgen verschieben ließe?«

»Gott – ich glaubte eigentlich –«

»Was glaubtest du? Wir sind alle etwas abgearbeitet. Du siehst selbst, welche Plage es mir macht, diese Murmeltiere von Schreibern wach zu erhalten. Wie? Sagtest du etwas? Nun gut, wer weiß, wie lange man die beiden Nemzows noch beaufsichtigen muß? Ich habe sie jetzt gesehen, das genügt mir. Du kannst sie vorläufig abführen lassen, Nicolai Feodorowitsch.«

Der Polizeimeister warf sich wieder auf das Sofa und kehrte hinter seinem Zeitungsblatt zu dem bedenklich erkalteten Huhn zurück. Bald hörte man von dem Gewaltigen nur noch ein Klirren und Schnaufen.

Der Pristav aber wandte sich unentschlossen hin und her.

»Euer Hochwohlgeboren, wo befehlen Sie, daß die Deutschen untergebracht werden?« wagte er endlich den Vorgesetzten hinter seiner papiernen Wand hervorzulocken. »Wäre etwas dagegen einzuwenden, wenn die Gefangenen in ihr Hotel zurückkehrten?«

»Ist es möglich? Du bist noch da?« schalt Herr Tolmin und ballte gereizt das Zeitungsblatt zusammen. »Du siehst, ich denke bereits über etwas anderes nach. Was zum Henker sprachst du von einem Hotel?«

Der Pristav setzte die Füße zierlich gegeneinander und schwenkte untertänig seinen Zylinder. Dann erlaubte er sich, seine Ideen noch einmal zu erläutern. Allein der Polizeimeister-Stellvertreter, der schon wieder Messer und Gabel in den Händen hielt und nun endlich wünschen mochte, seinem Imbiß dauernd den Garaus zu bereiten, er schnitt seinem Untergebenen ärgerlich das Wort vom Munde ab.

»Du bist zu rücksichtsvoll, Nicolai Feodorowitsch,« kaute er, »wie oft soll ich dich noch darauf hinweisen? Das Verbrechen der Deutschen ist zu niederträchtig, als daß ich geneigt wäre, ihnen irgendwelche Vergünstigungen zu gönnen. Du mußt wirklich dein gutes Herz bezähmen. Setze mir den Mann vorläufig in den Turm, und das Weib –,« er klirrte etwas lauter mit dem Geschirr – »wir wollen nicht vergessen, was wir ihrem Geschlechte schulden, – das Weib kann den Morgen in einem der Büros erwarten. Und nun gute Nacht, Nicolai Feodorowitsch, ich denke, du wirst es selbst eilig haben.«


Es schlug gerade Mitternacht, als Rudolf Bark in dem Teil des Gebäudes anlangte, den man sehr mit Unrecht als den Turm bezeichnete. Von Isa hatte er sich mit einem kurzen, fast gleichgültigen Händedruck getrennt, denn nur der eine Wunsch beherrschte beide gleichmäßig – Schlaf und Ruhe. Auch glaubte der Konsul, daß es sich bei seinem Gewahrsam wahrscheinlich um ein Zimmer handele, wie es nach deutschen Begriffen den Voruntersuchungs-Gefangenen gewährt wird. Deshalb taumelte er beinahe betäubt zurück, als der begleitende Gendarm endlich eine Mauerhöhlung aufschloß, die der Kaufmann im Vorüberschreiten für einen Vorratskeller oder eine unterirdische Waschküche gehalten hatte.

»Du kannst dir diese Laterne mitnehmen,« gähnte der schielende Gendarm in einem Anfall von Mitleid. »Aber sobald du liegst, bitte ich mir aus, daß sie ausgelöscht wird. Es ist strenge Verordnung, hier kein Licht zu brennen, verstehst du?«

Damit drückte er dem Konsul die Leuchte in die Hand, schob ihn mit kräftigem Nachdruck in den finsteren Raum hinein und schloß gemächlich hinter dem Eingekerkerten wieder ab. Dem Konsul aber trat der kalte Schweiß auf die Stirn. Mit zitternder Hand streckte er die Laterne von sich und erkannte ein enges, kreisrundes Loch, das über und über mit Stroh beschüttet war. Ein fauliger, verwesender Geruch stieg aus den Halmen empor, und der scharfe Dunst eng aneinander gepreßter, verwahrloster Menschen mischte sich drein. Da lagen sie dicht nebeneinander, zerlumpte, bettelhafte Gestalten mit grüngrauen, eingefallenen Gesichtern, und keine Decke, kein Kissen wehrte von den fröstelnden Leibern den feuchten Dunst ab, der aus den schimmligen Ziegelsteinmauern herausschlug. Und dennoch füllte lautes Schnarchen dieses trostlose Gemäuer, und selbst das hereinstrahlende Licht und der neueintretende Leidensgefährte, sie veranlaßten keinen jener Ausgestoßenen auch nur das Haupt zu erheben, um sich über die späte Störung zu vergewissern.

Unfähig, noch weitere Eindrücke in sich aufzunehmen, ließ Rudolf Bark die Laterne sachte zu Boden gleiten und kauerte selbst in einer seltsam verkrümmten Stellung nieder. Die Füße, die er mit den Armen umschlang, dicht gegen das Kinn gepreßt, so hockte er auf der fauligen Schüttung, um seine weit geöffneten, ungläubigen Augen um ein entsetzlich besudeltes Faß kreisen zu lassen, das genau die Mitte des Raumes ausfüllte. Ein atemlähmender Geruch entströmte diesem Gefäß, und es war dem Gefangenen, wie wenn ihm eine Faust gegen die Stirn krache, als er endlich entdeckte, welchem Zweck das runde Gerät in der Mitte diene.

Ein Flimmern tanzte vor den Blicken des unbeweglich Zusammengekrümmten, und ein heiseres Stöhnen entrang sich seinen Lippen. Die ungeheure Demütigung, der prasselnde Sturz von den Höhen des Lebens bis in diese Höhle voll Aussatz und Verworfenheit, sie wendeten die Seele des sonst so sicheren und gefaßten Mannes um und schmetterten sie in eine fiebernde Verzweiflung. In seinem Hirn begann es zu bohren und zu nagen, als wenn sich Würmer dort Eingang verschafft hätten, die nun langsam ihres Weges krochen. Er fing an zu überlegen. Seiner Mittel war er beraubt. Von der Gefährtin hatte man ihn getrennt. Und wer konnte sagen, wie lange er hier in der finsteren Pesthöhle ausharren müsse? Bei dem stumpfen Geschehenlassen und der Unordnung, durch die sich russische Gerichte auszeichneten, konnte es sich – namentlich in wild bewegten Kriegszeiten – ereignen, daß Monate, daß Jahre vergingen, bevor man sich seiner erinnerte. Vielleicht war er längst lebendig verfault, ehe dem gefräßigen Polizeimeister zwischen Suppe und Braten das Gedächtnis an das unterlassene Protokoll aufstieg. Beschwerden? Wer würde die aus dem stinkenden Loch heraustragen und weitergeben, seitdem der Ausgestoßene nicht mehr imstande war, einen solchen Dienst gebührend zu belohnen?

Immer emsiger irrten die Würmer durcheinander, einer stets auf der Spur des Voraufkriechenden, und sie schienen ein Gift auszuspritzen, das den Grübelnden bis zum Wahnsinn reizte. Wie würde sich das Los von Isa gestalten? Zum erstenmal in ihrem kurzen Dasein verbrachte das junge, unerfahrene Geschöpf eine Nacht in einem fremden Hause. Wie, wenn sich nun der Pristav, um sich für die entgangene Lustbarkeit der Abendgesellschaft schadlos zu halten, des wehrlosen Mädchens besonders annähme? Ein furchtbarer Einfall! Grinsend saß das Grauen auf der übelduftenden Tonne und schüttelte seine Schlangenhaare.

Da wälzte sich etwas neben dem Konsul, und eine geschwollene Hand näherte sich der Schraube der Laterne, um das Licht auf einen Zug auszudrehen. Aus der undurchdringlichen Finsternis aber, die jetzt das unwirtliche Bild verschlang, knurrte die wüste Heiserkeit eines Trunkenboldes:

»Sollen wir deinetwegen, du Lump, wieder Prügel kriegen? Wenn du die Lederriemen das erstemal gespürt hast, wirst du keine solche Unvorsichtigkeit mehr begehen. Je weniger wir hier sehen, desto besser. Strecke dich aus und schlafe. Oder dünkst du dich in deinen gestohlenen Kleidern etwa zu gut dazu? Warte nur, Brüderchen, sobald du erst mit uns allen aus einer Schüssel gegessen hast, werden dir deine hochmütigen Grillen schon vergehen. Und nun schnarche.«


Es mochte hoch am Tage sein, als der durch die widernatürlichen Dünste betäubte Schläfer aus der Lähmung seiner Sinne aufgerüttelt wurde. Zuerst glaubte der emportaumelnde Rudolf Bark, ein holdes Traumbild entschwirre langsam vor seinen müden Augen, um ihn die Schrecken der Gegenwart nur noch bitterer spüren zu lassen. Aber nein, nein, was bedeutete das? War ein solcher Umschwung wirklich zu fassen? Die Tür stand offen, und ein kalter Lichtschimmer, der ferne Abglanz des ausgesperrten Tages, kroch durch den breiten Spalt. Aber mitten in dieser für ihn jetzt überirdischen Beleuchtung stand der pockennarbige Sekretär in seinem grauen Jakettanzug, ein grünes Jägerhütchen flott auf den dunklen Haaren, und neben ihm, – es war wohl doch eine Täuschung, nur die Ausgeburt brennender Wünsche – neben ihm hielt sich Isa Grothe mit ausgestrecktem Arm an der gegenüberliegenden Wand fest, um vorgebeugt mitten in der schwimmenden Finsternis ihren Freund, den sie suchte, erkennen zu können.

»Isa!«

»Herr Konsul.«

»Ist Ihnen nichts geschehen? Fühlen Sie sich munter?«

»Vollständig. Großer Gott, wie sieht es hier aus, wie fürchterlich ist es hier! Aber denken Sie sich, wir kehren in das Hotel zurück.«

Und Ilija Petrowitsch, der Sekretär, der sich für den Gang über die Straße bereits wieder die braunen Glacéhandschuhe aufstreifte, er erlaubte sich mit seinem verbindlichsten Lächeln den vornehm gekleideten Gefangenen aus der Pesthöhle herauszuziehen, die gleich darauf, trotz der Wut und des aufgeregten Gemurmels der Übrigen, von einem mitgebrachten Gendarm durch einen Fußtritt geschlossen wurde.

»Kommen Sie, Herr Konsul,« hauchte der höfliche Schreiber, der sich inzwischen bereits den braunen Flauschüberzieher des Kaufmanns diensteifrig über den Arm gebettet hatte, »kommen Sie schnell, es wird Sie drängen, ein Frühstück im Hotel de Moscou einzunehmen.« Und im heiteren Bewußtsein seiner Weltkenntnis fügte er, während die drei bereits die Treppe herunterstiegen, siegessicher hinzu: »Sagte ich Ihnen nicht gleich, daß alles nur eine reine Formsache wäre? He, habe ich mich darin etwa getäuscht?«

»Gewiß nicht.« Der Konsul drückte dem Pockennarbigen dankbar die Hand, was von diesem mit einem unglaublichen Zusammenknicken erwidert wurde. »Aber erklären Sie nur,« drängte Rudolf Bark weiter, indem er tief aufatmend die frische Luft der Straße einsog, die sie schon erreicht hatten, »wie konnten sich die Absichten des Polizeimeisters so schnell verändern?«

»Wer weiß?« Der Herr im grauen Rock zuckte vieldeutig die Achsel, und seine Hand rückte leichthin an dem flotten grünen Hütchen. »Es sprechen bei uns viele Meinungen mit. Ich darf mir natürlich nicht erlauben, eine bestimmte Ansicht zu äußern, aber vielleicht blieb der Umstand nicht ohne Einfluß, daß heute in der Frühe der Geheimkanzlist Sr. Exzellenz des Gouverneurs Bobscheff einen eigenhändigen Brief an den Herrn Polizeimeister-Stellvertreter überbrachte.«

»Bobscheff?« rief Isa in ihrem silbernsten Ton, und ihr fiel die ewig heisere Giraffe ein, deren Grundsätze trotz aller ethischen Erziehungsversuche der dicken Gattin in einer gewissen Beziehung leichte und flatterhafte geblieben waren.

Der Tag leuchtete so hell, und die Freude, neben dem wiedergefundenen Freund schreiten zu dürfen, durchströmte sie so übermächtig, daß der Rotkopf hier in der feindlichen Stadt und dicht neben ihrem Aufseher ausgelassen in die Hände klatschte. Aber auch der Konsul vermochte sich die überraschende Teilnahme des Gouverneurs, von dem er alles andere eher vermutet, keineswegs zu deuten, und so gelangte der kleine Zug in der Erwartung irgendeiner Aufklärung in das Vestibül des Hotels, von wo ihr Führer die beiden Deutschen sofort bis an ein Zimmer des ersten Stockwerks geleitete. Hier schritt ein Soldat mit geschultertem Gewehr vor der Tür des Gemaches auf und ab, und Konsul Bark begriff, daß sie sich von jetzt an wieder in militärischem Gewahrsam befänden. Ehe sich jedoch der Sekretär entfernte, unter zahlreichen Verneigungen und dem festen Versprechen, sich so oft wie möglich nach den Wünschen der beiden Fremden zu erkundigen, da zog ihn Rudolf Bark noch einmal beiseite, denn den nüchternen Geschäftsmann drängte es, nach dem Verbleib seiner Geldtasche Nachfrage zu halten. Hier aber veränderte sich das Wesen des Herrn im grauen Rock. Der Mund mit den weißen Zähnen lächelte zwar noch immer verlegen, aber in seine sanfte Stimme drang eine hörbare Abneigung, als er vorsichtig und sich windend den Rat erteilte:

»Darüber weiß ich nichts. Gar nichts. Mein Chef, Se. Hochwohlgeboren der Pristav, genießt das höchste Vertrauen. Mit Recht, es würde ihn beleidigen, wenn man sich in seine Angelegenheiten mischte. Beileibe nicht, wer dürfte das wagen? Guten Morgen, Herr Konsul. Sie können unbesorgt sein, ganz unbesorgt.«

Damit schlängelte sich der graue Herr die Treppe herunter, und der Soldat öffnete für die beiden Eintretenden das Zimmer. Noch hatten sie jedoch die Schwelle nicht übertreten, als sie in grenzenloser Überraschung ihren Schritt hemmten. Aus einem Schaukelstuhl, dicht vor einem altmodisch vergoldeten Spiegel, erhob sich bei ihrem Eintritt eine sehr elegante, tief verschleierte Dame, die sich leichtfüßig auf den Tisch zu bewegte, wo sie erwartend und ein wenig unschlüssig stehen blieb.

Aber diese wiegenden Bewegungen, der feine Parfümduft, der von ihr ausströmte, und das energische Blitzen der dunklen Augen, ein Feuer, das auch von der verhüllenden Gaze nicht gedämpft werden konnte, alles das bestärkte den Konsul in einer aufspringenden Hoffnung. In dieser Stadt gab es nur eine einzige so formsichere und von einer geheimnisvollen Anziehung umflossene Frau. Langsam lüftete sie den Schleier, ein roter, lächelnder Mund kam zum Vorschein, eine kecke, ein wenig aufgestülpte Nase und dunkle Zigeunerwangen.

»Ja, ich bin's,« bestätigte Maria Geschowa den beiden Fassungslosen, obwohl sie einzig und allein den schlanken, biegsamen Mann ins Auge faßte. »Ich hoffe, Sie werden verstehen,« setzte sie rasch und hastig hinzu, indem sie ohne Rücksicht auf die Zuschauerin dem Konsul ihre Hand zum Kuß entgegenstreckte, »ich hoffe, Sie werden verstehen, warum ich Sie hier in der Einsamkeit Ihres Zimmers aufsuchen muß, obwohl ich doch gestern abend bereits Gelegenheit gehabt hätte, Sie zu begrüßen.«

In ihrer Stimme schwang wieder der vibrierende Ton, der den gefährlichsten Reiz der Tatarin ausmachte. Aber zu seinem eigenen Erstaunen blieb Rudolf Bark ganz unberührt davon, denn der Kaufmann dachte im Moment an nichts anderes, als wie er die mutige Frau, die sich seinetwegen doch einer gewissen Gefahr aussetzte, zu seiner Rettung benutzen könnte. Er verbeugte sich tief.

»Die gnädige Frau wußten gestern vor die Freude des Wiedersehens gleichfalls einen undurchdringlichen Schleier zu ziehen.«

»Rudolf Bark,« sagte die Tatarin plötzlich hochfahrend, »Sie sind zu klug, um solche kleine Weiberlist nicht zu durchschauen. Oder glauben Sie etwa, daß man um Ihrer grauen, kalten Augen willen Ihren Aufenthalt in dem Turm so liebevoll verkürzte?«

Bei der Erinnerung an den Ort, dessen Schrecken noch nicht lange hinter ihm versunken waren, da verging dem Konsul die Neigung zu einem leichten Geplänkel. Auch verharrte Maria Geschowa so stolz aufgerichtet vor ihm, ihre blitzenden Augen schienen die seltsame Lage, in die sich die Gattin des Obersten Geschow begeben, so klar und unverrückt zu durchdringen, daß Rudolf Bark einen raschen Ausruf nicht unterdrücken konnte.

»Sie wissen, gnädige Frau? Damit habe ich sicher Ihnen die Intervention bei dem Gouverneur Bobscheff zu danken.«

»Ja,« rief Isa fortgerissen dazwischen, »Sie, liebe, gnädige Frau, Sie allein haben sich ganz gewiß für uns verwendet.«

Die Russin bewegte sich kaum, und nur ein flüchtiges Achselzucken zeigte an, daß sie die dankbare Stimme des jungen Mädchens vernommen. Dann aber trat die eigenartig interessante Erscheinung in ihrem dunkelblauen Herbstkostüm ganz nahe auf Rudolf Bark zu und, immer als ob sie sich völlig allein mit ihm befände, versetzte sie ihm mit dem Zeigefinger einen leichten Schlag gegen die Brust.

»Nehmen wir an, lieber Freund,« entgegnete sie rasch, und dabei begannen in dem dunklen Antlitz die Nasenflügel ein wenig nervös zu beben, »es wäre alles so, wie Sie denken. Stellen Sie sich in Ihrer gewohnten Scharfsichtigkeit vor, ich wäre durch einen Brief meines Gatten bereits auf Ihre Ankunft vorbereitet gewesen. Denken Sie darüber, wie Sie wollen.«

»Meine Gedanken richten sich im Moment ganz nach Ihren Befehlen.«

Maria Geschowa maß den Sprecher eine kleine Weile vorüberstreifend von der Seite. Dann machte sie eine ungeduldige Handbewegung.

»Gut, gut, Sie bleiben ein Schmeichler, ganz anders, wie sonst die Deutschen. Zur Belohnung dürfen Sie sich auch ausmalen, wie meine Audienz beim Gouverneur zu der unwahrscheinlich frühen Morgenstunde verlief. Ich habe mich zu diesem Zweck so schön wie möglich gemacht, und meine, ich dürfte seiner Tatiana eine bekümmerte Stunde bereitet haben. Das ist natürlich alles lächerlich. Aber Sie sollen ja ein großer Frauenkenner sein und bilden sich nun natürlich ein, dies alles geschah, weil eine gefallsüchtige Frau Ihr Interesse erregen wollte, nicht wahr? Gott, wir Russinnen besitzen ja keinen Charakter.«

Sie wartete seinen höflichen Widerspruch nicht erst ab, sondern streifte mit dem Finger wieder sehr eindringlich seine Brust.

»Rudolf Bark,« sprach sie rasch weiter, »vielleicht trifft Ihre Ansicht zu. Vielleicht aber leitete mich auch nur der Wunsch, der Opposition, dem Mißfallen an dem meisten, was jetzt um uns herum geschieht, Ausdruck zu geben. Sie müssen wissen, es gibt noch immer Leute bei uns, denen dieses widerliche Blutparfüm, das jetzt allem anhaftet, die Nerven verwirrt. Menschen, die lieber auf den Galgen klettern, als daß sie sich noch tiefer in eine blutige Nacht hereintreiben lassen. Vielleicht gehöre ich dazu, vielleicht auch nicht. Wissen Sie übrigens,« sprang sie plötzlich ab, und um ihren Mund spielte ein flackernd überreizter Zug, »wissen Sie übrigens, daß der kleine Bergbaustudent Diamantow gleich zu Anfang der Feindseligkeiten kriegsgerichtlich und ohne viel Federlesens erschossen wurde? Hochverräterische Umtriebe warf man ihm vor. Seine Seele haßte den Krieg glühend und hielt ihn für die höllische Lüge, die immer wieder die Völker betrügt. Er war ein Jude,« setzte die Tatarin in ihrer sprunghaften Stimmung hinzu und blickte gedankenverloren zu Boden, »ein schöner Schwärmer und hatte deshalb etwas von dem Erlöser an sich. Unsere Erde ist voll von solchen Herzen, die noch dort unten im Grabe in brüderlicher Liebe schlagen.«

Eine Pause trat ein. Maria Geschowa begab sich mit träumerisch gesenktem Haupt zu ihrem Schaukelstuhl zurück, wo sie sich leise zu wiegen begann. Die Sonnenstrahlen, die durch die Gardinen des Fensters fielen, huschten, der Bewegung angeschmiegt, bald über ihre Stirn sowie über die halb geschlossenen Augen, um gleich darauf wieder dem nachspülenden Schatten zu weichen. Die beiden Deutschen aber warteten in beklommener Spannung ab, was die schöne Frau ihnen noch weiter zu verkünden haben würde. Denn bei der klaren und tatkräftigen Art der Russin blieb es ausgeschlossen, daß sie nur gekommen sein sollte, um sich an einem absonderlichen Gespräch zu ergötzen. Und richtig, plötzlich erwachte die Tatarin, dehnte ihre Glieder, und während sie einen schnellen Blick auf ihre goldene Armbanduhr gleiten ließ, da brach sie in ein fast unhörbares Lachen aus. Rudolf Bark meinte, er hätte noch nie eine so nach innen klingende Heiterkeit vernommen. Sein Gehör wiegte sich in der Vorstellung, als würden hier winzige goldene Kugeln in einen Glasbecher geworfen.

»Wahrhaftig,« winkte nun die junge Frau den Konsul auf einen Stuhl an ihrer Seite nieder, »die paar Minuten, die man mir für meinen Besuch bei Ihnen gestattete, sind bald vorüber, und wir philosophieren. Was werden Sie denken, lieber Freund? Bitte, setzen Sie sich zu mir. Unbesorgt, ich tue Ihnen nichts. Sie sind also der Ritter dieser jungen Dame geworden, Rudolf Bark? Wie alt ist sie?«

Ein wenig verletzt verzog der Angeredete, der inzwischen ihren Befehl befolgt hatte, die Stirn. Der Ton der Russin gefiel ihm nicht, und er dachte an seine gereiften Jahre. Statt seiner jedoch übernahm Isa, die unauffällig am Tisch stehen geblieben war, die Beantwortung. Nichts schien darauf hinzudeuten, als ob die Kleine das lebhafte Interesse der fremden Dame für den Konsul begriff oder gar einer Beurteilung zu unterziehen wagte. Nur Ehrerbietung und Zurückhaltung atmete ihr Ton, als sie liebenswürdig erwiderte:

»Ich bin achtzehn Jahre, gnädige Frau.«

»So, so,« versetzte die Russin gleichgültig. »Es ist gut, mein Kind. Ich hätte Sie für älter gehalten.« Und ohne jede Befangenheit die Hand des Mannes streichelnd, sprach sie angeregt weiter: »Rudolf Bark, Sie denken doch jetzt über nichts anderes nach, als wie Sie den Folgen Ihres Ritterdienstes, die Sie in Mariampol oder wo anders erwarten, entgehen können? Nicht wahr? Nein, leugnen Sie nicht, es kleidet Sie nicht, würde Ihnen auch nichts nützen.«

Da meldete es sich wieder, dieses spitze Einbohren in die Gedanken eines anderen, das zu den eigentümlichsten Gaben von Maria Geschowa gehörte. Und obwohl der Konsul erschrak, weil er nicht wußte, ob hier auch seinerseits eine rückhaltlose Offenheit am Platz wäre, so hielt er es doch für geboten, seinen raffinierten Besuch nicht völlig zu täuschen.

»Maria Geschowa,« sagte er deshalb nach einiger Zeit vorsichtig tastend, »sollte die Gattin des Obersten Geschow derartige Pläne – immer vorausgesetzt, daß sie wirklich existieren –«

Die Russin wiegte sich lässig und schlug mit der Hand nach ihm: »Sie existieren,« lächelte sie eindringlich und verstohlen.

»Sollte die Gattin des Obersten Geschow wirklich ganz gefahrlos und ohne sich etwas zu vergeben, die Mitwisserin solcher Geheimnisse werden können?«

»Ah so!« Unvermittelt hielt der Stuhl in seiner Schaukelbewegung inne, und ein paar große Augen, die sich langsam mit Zorn füllten, hefteten sich eine Sekunde gereizt auf den um sein Schicksal besorgten Kaufmann. Gleich darauf jedoch stieß Maria Geschowa ihren Sitz zurück und strich sich wie in tiefem Besinnen mit der behandschuhten Rechten über die Stirn. »Verzeihen Sie, verzeihen Sie,« sprach sie sich mühsam wiederfindend. »Wie wunderbar klug und besorgt Sie sind, Rudolf Bark. Wirklich, es ist staunenswert. Sie hegen eine große Sympathie für mich. So etwas ist ja immer gegenseitig. Aber natürlich, mein kluger Freund, Sie sind völlig im Recht.«

Sie kehrte ihm den Rücken, stellte sich ans Fenster und blickte lange über den struppigen Hintergarten des Hotels zu dem schmalen, kohlenüberschütteten Fluß herüber, der seine schwarzen Gewässer im Sonnenschein träge vorüberschleppte. Nach einer Weile trommelte die elegante Dame leicht gegen die Fensterscheiben und warf sehr kalt und interesselos, gleichsam nur, um irgend etwas zu äußern, über ihre Schulter hinweg:

»Wie gesagt, Sie beurteilen die Lage richtiger als ich. Der Weg aus dem Hotel wurde Ihnen, wie Sie sich wohl überzeugten, durch militärische Bewachung gesperrt, und zur Nachtzeit durch den Hintergarten zu entkommen, das dürfte auch eine verzweifelt phantastische Idee sein.«

»Durch den Hintergarten?« horchte Rudolf Bark hoch auf, indem er sich an die Seite der jungen Frau stellte.

Maria Geschowa jedoch rückte fort und sah an ihrem Arm herunter, als ob ihr die zufällige Berührung nicht angenehm wäre.

»Gott,« sprach sie gleichgültig weiter, »Verzweifelte könnten vielleicht solch einen Versuch erwägen. Aber ich rate Ihnen davon ab, Rudolf Bark. Dazu müßte der Besitzer des Kohlenkahns, dessen schmutziges Schiff dort an dem Steg angeschlossen liegt, vorher von befreundeter Seite nachdrücklich gewonnen sein. Wir wollen ein häßlicheres Wort vermeiden. Und Sie werden wohl selbst nicht glauben, bester Freund, daß Ihr kühles und berechnetes Wesen Ihnen hier in der fremden Stadt so viel Teilnahme erwerben könnte.«

Als sie das letzte fast feindselig hervorgebracht hatte, kehrte sie sich zu ihm. Und dann geschah etwas völlig Unerwartetes. Mit ihrer unnachahmlichen Grazie hob das junge Weib beide Arme, um dann ihre Finger ohne Hast noch Aufregung hinter dem Hals des betroffenen Mannes zu verschränken. Trotz der vertraulichen Nähe, die jetzt zwischen beiden hergestellt war, und obwohl der glühend rote Frauenmund fast dieselbe Luft wie Rudolf Bark zu atmen schien, so mutete das Ganze doch keineswegs wie eine peinliche Aufdringlichkeit an, sondern hier schien sich vielmehr ein Abschied, eine von Wehmut durchzitterte Trennung vorzubereiten.

»Rudolf Bark,« sagte die Russin klar und deutlich, als ob sie es verschmähe, ein Geheimnis aus ihren Empfindungen zu machen, »ich reise noch heute nach Mariampol zurück, und ich würde Tränen vergießen, wenn ich Sie dort wiedersähe. Sie gehören zu den Menschen, die leichtfüßig an einem vorübergehen und von denen man den Schall ihrer Tritte dauernd im Ohr behält. Ich werde noch oft an Sie denken. Es ist bei dem widerlichen Haß, der zwischen den beiden Völkern entstand, unwahrscheinlich, daß wir uns jemals wieder begegnen. Aber wenn Sie, wie ich dies von Ihnen vermute, später einmal die Bilanz über das Wesen unseres Volkes aufstellen, dann bitte ich, sich meiner nicht als einer Ausnahme zu erinnern. So, wie ich, leben hier Millionen, die, wie die Motten um das Licht, um das Europäertum schwärmen. Ich glaube, Sie mißverstehen mich nicht, lieber Freund. Und nun leben Sie wohl.«

Sie ließ ihre Arme langsam herabsinken, zog den Schleier vor das dunkle Antlitz und nickte Isa, die sich während dieser ganzen Zeit einer fröstelnden Erstarrung nicht entreißen konnte, flüchtig zu. Dicht vor der Tür entglitt der schnell schreitenden Gestalt ein blaues Handtäschchen. Aber ehe der Konsul es noch aufheben konnte, und so oft er auch hinter der bereits über die Treppe Eilenden herrief, Maria Geschowa achtete seiner Bemühungen nicht, und das blaue Lederetui, das sie wohl absichtlich zurückgelassen, blieb in dem Besitz des sofort und dankbar begreifenden Mannes.