§. 102.
So lange die materielle Unvollkommenheit eines Schertzes kleiner ist, als die formelle Schönheit desselben, so wird jene dem Feuer desselben keinen mercklichen Abbruch thun. So bald aber die materielle Unvollkommenheit mit der formellen Vollkommenheit die Wage hält, oder diese wohl gar übertrift, so bekommt die Schönheit eines Schertzes einen Schandfleck, der wenigstens die formellen Schönheiten verdeckt. Ein solcher Schertz gleicht einem Feuer, das vielen Dampf und Rauch verursacht. Wenn gleich der Rauch dem Feuer selbst keine Kraft nimt, so verdeckt er doch dasselbe, und verhindert den Glantz desselben, der sonst sich weiter ausbreiten, und durchdringender seyn würde. Ein Mensch, der an einem Dinge Vollkommenheiten und Unvollkommenheiten gewahr wird, beurtheilt die Sache nach dem Uebergewicht der einen oder der andern. Wenn die letzten die ersten weit übertreffen, so kan es natürlicher Weise nicht anders seyn, als daß man sich die häßliche Seite eines solchen Dinges aufmercksamer, klärer, gewisser und lebendiger vorstelt. Darüber vergißt man nach und nach die Vollkommenheiten, sie scheinen nicht hinreichend zu seyn eine Sache, die überwiegend fehlerhaft ist, nach ihrem schwächern Theile zu beurtheilen. Mit einem Wort, eine Sache die mehr häßlich als schön ist, wird nach ihrer schönen Seite nicht vornemlich beurtheilt. Die Schönheiten werden durch die stärckern Häßlichkeiten verdunckelt, und man ist nicht gewohnt, wenige Vollkommenheiten, mit einem so elenden Anhange mehrerer Unvollkommenheiten, besonders zu schätzen. Soll also der Schertz sein völliges Feuer behalten, und darin unterstützt werden, so muß die materielle Unvollkommenheit, wo nicht gantz fehlen, welches allerdings besser ist, doch mercklich kleiner seyn. Mir deucht alle Religions-Spöttereien haben diesen Fehler. Die Schertze die über Religionssachen getrieben werden, können bisweilen sehr gut geraten, weil aber die Gottlosigkeit und Leichtsinnigkeit derselben, zwey Sünden sind, die bey nahe den höchsten Grad in diesem Falle erreichen, so können solche Schertze bey niemanden ihre Würckung thun, als die eben so gottloß und leichtsinnig sind, wie der schertzende selbst.