§. 105.
Wenn wir uns in solchen Umständen befinden, in welchen wir verbunden sind, die strengste Ernsthaftigkeit zu beobachten, so ist das geringste lachen eine Sünde, und die materielle Unvollkommenheit unsers Schertzes fält alsdenn mehr, und stärcker in die Augen, als die formelle Schönheit, und unser Schertz wird verdorben. Es gibt gewisse Personen, in deren Gegenwart wir die strengste Ernsthaftigkeit beobachten müssen, wenn sie uns selbst nicht einigermassen von diesem Zwange loßzumachen für gut befinden. Es gibt Orte und Zeiten, die von uns fodern, alsdenn gar nicht zu lachen, wenn wir uns in denselben befinden. Alle Schertze die in Gegenwart solcher Personen, an solchen Orten und in solchen Zeiten vorgetragen werden, wenn sie auch noch so feurig sind, verliehren ein vieles von ihrer Schönheit, weil sie aus einer Leichtsinnigkeit entstehen, die gar zu sehr in die Augen fält. Ich hätte hier Gelegenheit eine weitläuftige Critik, über viele Arten der Schertze anzustellen. Ich will mich aber begnügen, nur einige derselben anzuführen, mehr, um meine Anmerckung dadurch zu bestätigen, als sie selbst ausführlich zu untersuchen. Ich rechne dahin zuerst alle Schertze, die in der Todesstunde getrieben werden. Es ist wahr, solche Schertze haben ein ungemeines Feuer, wenn sie sonst nicht überwiegend häßlich sind. Ich habe dieses schon oben angemerckt. Allein die Todesstunde ist die wichtigste Zeit unsers Lebens. Wir sollen in derselben einen Schrit thun, bey dem die gröste Aufmercksamkeit und Bedachtsamkeit nöthig ist, und wir sind verbunden alle unsere Verstandeskräfte zusammenzufassen, um mit der strengsten Aufmercksamkeit die Veränderung zu erwarten, die uns aus der Zeit in die Ewigkeit versetzt. Mich deucht, daß alles dieses ohne Ernsthaftigkeit unmöglich sey. Und wer in seiner Todesstunde spaßt, ist viel zu leichtsinnig, als daß er den Tod regelmäßig ausstehen solte. Diese Leichtsinnigkeit verdunckelt auch den feurigsten Spaß. Nein, in der Todesstunde kan kein Spaß recht glücklich gerathen. Zum andern gehören hieher die Schertze in der Kirche, und insonderheit auf der Canzel. Ein P. Abraham von Sancta Clara mag noch so ein lustiger Kopf seyn, er mag noch so feurig seyn, so wird ihm doch kein Schertz gelingen, wenn er ihn auf den Stuhle vorträgt welcher den wichtigsten Wahrheiten gewidmet ist. Daher darf kein Prediger die Laster auf der Canzel lächerlich machen, er muß sie aus wichtigern Gründen mit dem grösten Ernste bestürmen. Endlich rechne ich dahin die Heldengedichte und grossen Lobreden. Ein Dichter und Lobredner verhält sich unanständig gegen seinen Helden, wenn er schertzt. Das hohe, das erhabene, das ehrwürdige wird durch das lächerliche verdunckelt. In solchen Reden und Gedichten muß gar nicht geschertzt werden. Günther wird daher mit Recht getadelt, daß er in der Helden-Ode auf den Eugen einen Soldaten nach dem pöbelhaftesten Character aufführt.