§. 36.
Der vorhergehende Absatz veranlaßt mich zu einer Critik, über eine Stelle im 3. Buch der Odyssee. Homer läßt den Demodocus die Rache des Vulcans besingen, die ihm die Eifersucht über seine Frau eingeblasen. Vulcan war von der Untreue seiner Venus benachrichtiget worden, und weil er sich auf seine Füsse zu verlassen keine Ursach fand, so hatte er Grund zu zweiffeln die Venus auf frischer That einmal zu ertappen. Er ersan eine List, die man von einem Schmidt, der eine Gottheit ist, vermuthen kan. Er verfertigte eine unsichtbare Schlinge, die unzerbrechlich war, und die er nur selbst aufzulösen vermochte. Venus und Mars werden gefangen. Vulcan erblickt seinen Fang, und hebt ein so erbärmliches Geschrey an, wozu Rache, Eifersucht, Zorn und Verspottung einen Ehemann in ähnlichen Umständen nur immer zu vermögen im Stande sind. Alle Gottheiten männlichen Geschlechts, denn das Frauenzimmer des Olympus war viel zu schamhaftig, als daß es bey dieser schmutzigen Begebenheit erscheinen solte, kommen zu Hauffe, und bewundern die List des Vulcans. Wer Homers Götter kennt wird mit leichter Mühe errathen können, was ein jeder von ihnen, bey diesem Anblicke, wird gedacht haben. Apollo ist unverstellter als die übrigen, er fragt den Mercur, ob er wohl wünschte sich jetzt in den Umständen zu befinden, in welchen Mars betroffen worden? Mercur antwortet mit aller der Schalckhaftigkeit, wozu eine so lustige Gottheit im Stande war. O, sagt er, wenn es nur wahr wäre, und wenn ich noch dreymal stärcker gefesselt wäre, und alle Götter und Göttinnen mich sehen solten, so wolte ich doch bey der unvergleichlichen Venus gerne liegen. Diß war nun der Spaß, darüber alle Götter anfingen zu lachen. Ich will nicht sagen, daß dieser Schertz einer Gottheit unanständig sey, und daß Mercur, wenn er ein Philosoph gewesen wäre, ohnfehlbar zur Cynischen Secte gehört hätte. Der läppische Character den Homers Gottheiten haben kan damit völlig bestehen. Homer hat auch sehr gut gethan, daß er das Frauenzimmer zu Hause bleiben lassen, weil er selbst scheint gesehen zu haben, daß sonst die gantze Begebenheit, und der Spaß den er anbringt, unerträglicher würde geworden seyn. Ich will auch zugeben daß dieser Schertz einiges Feuer in anderen Absichten haben könne. Ob er aber neu genug sey, daran habe ich grosse Ursach zu zweiffeln. Es ist mir sehr wahrscheinlich, daß Apollo, wo nicht eben die Gedancken gehabt, doch schon die Antwort des Mercurs vorhergesehen. Und ich zweiffele gar nicht, daß die übrigen Götter eben das gedacht. War also dieser Schertz in der Versammlung der Götter etwas neues? Homers Fabel macht also den Schertz des Mercurs auf dieser Seite frostig. Doch ich tadle auch diesen Schertz aus einem ernsthafteren Grunde. Soll er feurig seyn, so muß er den Lesern des Homers neu und unbekannt seyn. Kan man dieses wohl von diesem lustigen Einfalle des Mercurs sagen? Ich habe Ursach dran zu zweiffeln. Dieser Schertz gehört unter die Alltages Schertze, deren man mehr, als gut ist, antrift. War dieser Schertz also wohl werth, daß bey nahe der gantze Himmel drüber lacht?