§. 37.

Wenn ein feuriger Schertz neu seyn soll, so muß ihn der Schertzende auch keinem andern abborgen. Er muß sich nicht für den Erfinder eines Spasses ausgeben, den ein anderer erdacht hat. Es gibt auch hier eine Art eines gelehrten Diebstahls, wird er entdeckt, so verliehrt der Schertz ein grosses Stück seines Feuers; bleibt er aber auch verborgen, so fehlt ihm nichts destoweniger eine Schönheit, ob man gleich diesen Mangel nicht merckt. Wer einen Schertz stiehlt, muß, wenn er anders nicht ausserordentlich unverschämt ist, mit tausend Aengsten befürchten, daß es seine Zuhörer mercken werden, denn alsdenn ist ihnen der Schertz entweder schon bekannt, oder der schertzende wird von ihnen nicht anders als ein Sprachrohr betrachtet, durch welches, der von ihnen entfernte Urheber des Scherzes, ihnen seinen lustigen Einfall mittheilt. Wenn man eines andern Schertze erzehlt, kan man sehr selten diejenige anständige Dreistigkeit behalten, die zu einem glücklichen Spasse nöthig ist. Ja was noch mehr. Der Schertz kan in dem Munde seines Erfinders ein grosses Feur besessen haben, welches verlöscht, wenn ein anderer eben denselben vortragen will, weil sich beyde in verschiedenen Umständen befinden, die doch allezeit sich aufs genaueste passen müssen, wenn der Spaß gerathen soll. Ich will zugeben daß niemand den Diebstahl merckt, daß derjenige, der den Spaß von andern entlehnt, die anständigste Dreistigkeit blicken lasse, und daß alle Umstände sich aufs genaueste schicken. Dem ohnerachtet behaupte ich, daß der Schertz eine Häßlichkeit behält, weil zwar der Fehler verborgen ist, aber doch würcklich vorhanden ist. Denn der Schertz ist doch alt, und der ihn vorträgt ist ein blosser Erzähler desselben. Ich könnte dergleichen Schertze Thrasonische Spasse nennen. Thraso beym Terenz im Eunuch. macht es eben so:

Tuumne, obsecro te, hoc dictum erat? vetus credidi.

Audieras? saepe; & fertur in primis.

Meum est.

Ich rathe demnach einem jeden spaßhaften Kopfe, ja niemals die Schertze anderer Leute nachzubeten. Sind sie selbst nicht im Stande Erfinder der Schertze zu seyn, so thun sie viel besser gar nicht zu spassen, als so verwegen zu seyn, und sich in die Gefahr zu begeben, die Armut ihres Witzes zu verrathen. Eben das gilt auch von allen denjenigen, die durch das lesen artiger und sinreicher Schriftsteller, einen Vorrath artiger Gedancken sich gesamlet haben, die sie bey aller Gelegenheit, durch eine männliche Nachahmung, wiederum an Mann zu bringen suchen. Man kan ihnen den Ruhm geschickter und glücklicher Nachahmer manchmal nicht absprechen. Ein Bayle und Fontenelle, kan der Vater unzäliger kleiner Bayle und Fontenelle seyn. Nur müssen sich diese kunstmäßigen Abschreiber bescheiden, so lange keinen Anspruch auf einen witzigen Kopf vom ersten Range zu machen, bis sie Erfinder artiger Einfälle geworden.