FÜNFTER AKT

Kleines Hofgeviert: auf den Schachtgrund umstehender Gefängnismauern gesenkt. Karge Grasnarbe mit fester Eisenbank in der Mitte. Eine niedrige Tür links und eine schmale hohe Tür hinten.

Wärter führt den Milliardär — nun Sträfling in schwarzem Leinenkittel mit rotem Halsrand — von links ein.

MILLIARDÄR

Der Vorhof des Todes?

WÄRTER

Sie haben hier noch eine Stunde.

MILLIARDÄR

nickt.

Das letzte Stündchen hat geschlagen. Sich umsehend. Milde Gepflogenheit — — über Grün tappen die Füße — — und oben strömt Himmels Blau! Erst schwerste Strafe öffnet Beglückung. Er steht reglos.

WÄRTER

Sollen Besucher kommen?

MILLIARDÄR

Sind Neugierige da? Ich sträube mich nicht.

WÄRTER

links ab.

MILLIARDÄR

setzt sich auf die Bank.

WÄRTER

läßt den Herrn in grau ein. Wärter ab.

DER HERR IN GRAU

hat eine offensichtliche Wandlung durchgemacht: Sein Anzug — in Farbe wie früher — ist von tadellosem Schnitt; helle Gamaschen über Lackstiefeln, grauer stumpfer Zylinder, weiße Glacés mit schwarzen Raupen. — Rasch auf den Milliardär zugehend und ihm die Hand hinstreckend.

Noch nicht zu spät. Das ist ein wahres Glück. Ich wäre gern früher erschienen, aber die Geschäfte —! Schwefelgrube — wuchtige Sache. Ausbeute jährlich — — Von Rentabilität und Dividende sind Sie ja wohl augenblicklich einigermaßen entfernt. Das ist auch nicht der Gegenstand, von dem ich Sie zu unterhalten beabsichtige — ich wollte Ihnen danken!

MILLIARDÄR

Ich wüßte nicht —

DER HERR IN GRAU

Sie gestatten, daß ich neben Ihnen Platz nehme — auf dem Armesünderbänkchen. Man hat doch wenigstens einmal ein ruhiges Viertelstündchen. Also von ganzem Herzen Dank — Dank — und Dank!

MILLIARDÄR

Wenn Sie mir sagen würden —

DER HERR IN GRAU

Ich bin der Herr in grau, dem Sie damals die Unterschrift verweigerten unter ein Manifest, das mit einem Schlage der Welt die Harmonie schenken sollte. Sie ließen sich herbei — daß Sie sich die Zeit nahmen, bewundere ich heute am meisten — ich hätte sie nicht! — mir die Aussichtslosigkeit meines beglückenden Projektes zu demonstrieren. Ihre Argumente trafen mich wie Keulenhiebe — und ich verließ »das heiße Herz der Erde«, einen Fluch nach Ihnen schleudernd, kräftig genug, um einen Stier zu fällen. Dämmert es?

MILLIARDÄR

mit dünnem Lächeln.

Sie irren sich.

DER HERR IN GRAU

Ich verwünschte Sie schnurstracks in den Höllenpfuhl!

MILLIARDÄR

Mich nicht —

DER HERR IN GRAU

Fühlten Sie sich nicht getroffen?

MILLIARDÄR

Weil Sie jene Unterredung mit dem Milliardär hatten.

DER HERR IN GRAU

lacht unbändig.

Vor mir brauchen Sie Ihre Rolle nicht zu spielen. Stecken Sie den Sekretär in die Tasche. Oder haben Sie keine in diesem Schlafrock für die ewige Nacht? Ihm auf die Schulter klopfend. Sie bleiben mein Mann auf der Flucht vor dem Furchtbaren!

MILLIARDÄR

erschrocken.

Sprechen Sie leise!

DER HERR IN GRAU

Keine Angst, ich will Sie weder verraten noch befreien. Zu solcher Undankbarkeit hätte ich nicht den mindesten Anlaß. Sind Sie mit mir zufrieden?

MILLIARDÄR

Sie sind der einzige —

DER HERR IN GRAU

Ihr Prozeß hat mir Vergnügen gemacht. Um keinen Preis hätte ich Sie gestört. Das war ein Geniestreich, sich in den Sekretär bugsieren zu lassen und den süßen Teller seiner blanken Vergangenheit zu schlecken. Ich habe Sie ordentlich schmatzen hören, als man Ihnen endlich die herrliche Mahlzeit einflößte. Ist Ihnen jetzt wohl im Magen?

MILLIARDÄR

Es war die Rettung —

DER HERR IN GRAU

Als der Sohn — diese erhoffte schönere Wiedergeburt in Friede und Freude — sich abwärts bewegte!

MILLIARDÄR

Still davon!

DER HERR IN GRAU

Aber Sie haben doch nichts mehr zu fürchten. Und vom festen Ufer blickt man doch mit einer gesunden Schadenfreude auf das tobende Meer unter sich zurück. Sie haben sich geborgen — und in wenigen Minuten kann es Sie den Kopf nicht mehr kosten. Davor sind Sie ganz sicher!

MILLIARDÄR

Weshalb danken Sie mir?

DER HERR IN GRAU

Sagt Ihnen das ein flüchtiger Blick auf meinen äußeren Menschen nicht?

MILLIARDÄR

Sie sind mit einiger herausfordernder Feinheit gekleidet.

DER HERR IN GRAU

Nur zur Illustrierung inneren Aufbaus. Ich bin auf der Flucht.

MILLIARDÄR

Wovor — Sie?

DER HERR IN GRAU

Vor Ihrer Weltordnung!

MILLIARDÄR

Wollen Sie mich nicht wieder verwünschen?

DER HERR IN GRAU

Ich segne Sie. Aus rosenroten Wolken haben Sie mich auf die platte Erde gestellt. Auf beiden Füßen wuchte ich kerzengerade. Ihr Gesetz herrscht: wir fliehen! Wehe dem, der strauchelt. Zertreten wird er — und über ihn weg tobt die Flucht. Da gibt es keine Gnade und Erbarmen. Voran — voran! — hinter uns das Chaos!

MILLIARDÄR

Und erreichten Sie schon einen Vorsprung?

DER HERR IN GRAU

Ein folgsamer Schüler war ich. Reichtum häufe ich und stelle diesen blinkenden Berg zwischen mich und die anderen. Ungeheure Energien sind entwickelt, wenn man das Gesetz weiß. Man rennt noch im Schlafe und mit fertigen Projekten springt man morgens vom Bett. Es ist die wilde Jagd. Gott sei Dank, daß Sie Ihr Geheimnis nicht mit hinübernehmen — jetzt kann ich der Menschheit das wahre Heil verkünden!

MILLIARDÄR

Wollen Sie das tun?

DER HERR IN GRAU

Es ist geschehen. Mein Abfall wirkt aufrüttelnd. Alle Verbände sind gesprengt, der Kampf wütet auf der ganzen Linie. Jeder gegen jeden schonungslos!

MILLIARDÄR

Und sehen Sie ein Ziel, nach dem Sie stürmen?

DER HERR IN GRAU

Lächerlich, es gibt keins!

MILLIARDÄR

Es gibt schon eins.

DER HERR IN GRAU

sieht ihn verblüfft an.

Foltern Sie mich nicht!

MILLIARDÄR

Das liegt am Anfang!

DER HERR IN GRAU

lacht dröhnend.

Ja — Sie sind ein Glückspilz. Sie können sich über uns lustig machen. Sie haben allerdings die Ursache beseitigt, die zum Rennen aufscheucht. Aber es bleibt ein Einzelfall: so komplette Doppelgänger können sich nicht alle leisten! — Außerdem, ich will Ihnen etwas verraten. Eine Geste rund um den Hals vollführend. Die meisten würden auch die Kosten scheuen!

MILLIARDÄR

Nennen Sie diesen Preis hoch?

DER HERR IN GRAU

aufstehend.

Das veranschlagen Sie wohl am besten nach eigenem Ermessen. Zimperlich sind Sie ja nie gewesen, wenn man Ihnen eine Rechnung präsentierte! — Ich würde mich gern länger aufhalten, aber — auch Ihre Zeit ist beschränkt. Jedenfalls macht es Ihnen eine kleine Freude, daß Ihre große Entdeckung nicht mit Ihnen verschwindet. Er streckt ihm beide Hände hin. Also Kopf hoch!

MILLIARDÄR

Solange es dauert.

DER HERR IN GRAU

lacht — seinen Hut schwenkend.

Auf Wiedersehen!

MILLIARDÄR

Wo?

DER HERR IN GRAU

Allerdings — für diesen Fall hat man die Grußformel nicht gleich zur Hand!

Wärter öffnet hinten, Herr in grau ab.

MILLIARDÄR

sitzt unbeweglich — das Kinn auf den Handrücken.

Wärter läßt den Sohn ein. Wärter ab.

SOHN

zögert — geht dann rasch zum Milliardär, streckt ihm die Hand hin.

Ich bin gekommen — um Ihnen zu verzeihen.

MILLIARDÄR

sieht langsam zu ihm auf.

SOHN

Erkennen Sie mich nicht?

MILLIARDÄR

— Doch.

SOHN

Mein Entschluß überrascht Sie. Vielleicht ist es sonderbar, daß ein Sohn das tut. Es ist das geringste. Ich will Sie retten.

MILLIARDÄR

Halten Sie Strickleiter und Steigeisen bereit?

SOHN

Ich will Sie als meinen Vater anerkennen!

MILLIARDÄR

steht auf und geht hinter die Bank.

SOHN

Machen Sie es mir nicht schwerer, als es mich schon drückt. Ich bin schuldig wie Sie. Weil ich die Waffe auf ihn gerichtet hatte. Die Kugel hatte ich für ihn bestimmt. Wer abdrückte, blieb gleich.

MILLIARDÄR

Das ist mir unverständlich.

SOHN

Glauben Sie an meine Schuld — und lassen Sie mich nicht in diesen gräßlichen Dingen wühlen.

MILLIARDÄR

Haben Sie einmal gedacht — was ich getan habe?

SOHN

Was jeder tun muß, wenn er den Wahnsinn in Macht tanzen sieht.

MILLIARDÄR

War Ihr Vater wahnsinnig?

SOHN

Macht ist Wahnsinn!

MILLIARDÄR

Ja — er war mächtig.

SOHN

Und schuldig! Hinter Ihrer Schuld steht seine — riesengroß und unauslöschlich. Sie sind sein Opfer, wie ich es bin — wie alle mit irgendeinem Gedanken!

MILLIARDÄR

Wollen alle töten?

SOHN

Sie müssen es, der Zwang ist unabweislich. Die Versuchung ist von denen, die sich emporwerfen, geschaffen. Mit Gewalt erheben sie sich — mit Gewalt werden sie heruntergerissen!

MILLIARDÄR

Sie machen es sich leicht —

SOHN

Empfing ich nicht die letzte Bestätigung von Ihnen? Ich kenne Ihr Leben — ich habe atemlos die Berichte gelesen. Die reinste Kindheit und das freundlichste Jünglingsalter haben Sie gelebt — wo zeigt sich eine Anlage zur Gewalttätigkeit?

MILLIARDÄR

Auch Sie haben die reinste Kindheit —

SOHN

Und griff zur Waffe. Ich wollte aus aufwallendem Gerechtigkeitsgefühl strafen — Sie sich bereichern. Erst der Anblick von Gewalt riß Sie hin. Das Beispiel hatte Ihnen mein Vater, der immer rücksichtslos handelte, gegeben — und solange es solche Beispiele gibt, werden wir versucht!

MILLIARDÄR

Wollen Sie die bösen Beispiele ausrotten?

SOHN

Mit Ihrer Hilfe!

MILLIARDÄR

Was kann ich dazu tun?

SOHN

Sie sollen auf Ihren Platz, der Sie über andere stellt, verzichten und zu uns herabsteigen!

MILLIARDÄR

Dazu müßte Ihr Vater leben.

SOHN

Ich werde zum Richter gehen und erklären, daß ich Sie nach dieser Unterredung als meinen Vater erkannt habe!

MILLIARDÄR

Und die Koralle?

SOHN

Nichts darf im Wege stehen. Die Aufgabe ist ungeheuer. Es gibt kein Bedenken. Es dreht sich um das Schicksal der Menschheit. Wir vereinen uns in heißer Arbeit — und in unserem unermüdlichen Eifer sind wir verbunden wie Vater und Sohn!

MILLIARDÄR

schüttelt den Kopf.

Nein — so kann ich mich nicht verleugnen.

SOHN

Wenn es um Ihr Leben geht?

MILLIARDÄR

Weil es um das Leben geht, das Sie mir anbieten!

SOHN

Überwindung fordert es. Mich hat es Kämpfe gekostet, Sie aufzusuchen. Ich ging um der hohen Sache willen. Den Schatten meines Vaters, der hinter Ihnen steht, bannen Sie, wenn Sie diesem Werk dienen!

MILLIARDÄR

So gelingt das nicht.

SOHN

Ich gelobe es Ihnen —

MILLIARDÄR

Was?

SOHN

Ihnen Sohn zu sein, der seinen Vater nicht verlor!

MILLIARDÄR

tritt nahe vor ihn.

Soll ich Ihnen meine Bedingung stellen?

SOHN

Jede!

MILLIARDÄR

Wollen Sie mir der Sohn sein, den Ihr Vater sich wünschte?

SOHN

Was heißt das?

MILLIARDÄR

Richte Du Dich wieder auf dem sonnigen Ufer ein — dann könnte ich mich Deinem Wunsche fügen!

SOHN

starrt ihn an.

MILLIARDÄR

Sonst läßt sich der Schatten — der hinter mir steht! — nicht bannen!

SOHN

Wie sprechen Sie?

MILLIARDÄR

Wie Ihr Vater. Erschüttert Sie die erste Probe?

SOHN

betrachtet ihn mit scheuen Blicken.

MILLIARDÄR

legt ihm die Hände auf die Schultern.

Es ist schön, daß Sie noch einmal gekommen sind. Gern ruht das Auge auf Menschen, die jung sind. Haben Sie nicht eine Schwester? Wollte sie mich auch als Vater annehmen? — Lockvögel seid ihr, aber dahin springen keine Brücken mehr. Sie haben mich nur fester überzeugt. Lassen Sie mich in meinem Hof. Grünt es hier nicht? — Suchen Sie Ihr Schlachtfeld. Der Frieden verleitet vielleicht zum Krieg — aber wer aus dem Blutbad auftaucht, der sucht sich zu retten. Sie wollten mir nicht helfen — da nahm ich mein Schicksal selbst in die Hand. Dürfen Sie mir nun zürnen, wenn ich Ihnen die Unterstützung verweigere? Er führt ihn nach links. Schelten Sie mich in keiner Stunde Ihres tatenreichen Lebens — Sie haben ja kühne Pläne — und mißlingt Ihnen das eine oder das andere — und am Ende alles! — opfern Sie dem Andenken Ihres Vaters nicht mit Zorn und Vorwürfen: er hätte Sie vor Enttäuschungen bewahrt — — aus Gründen, die zu enthüllen begreiflicherweise hier zu weit führen würde. Da der Geistliche kommt, zum Sohn. Da sehen Sie, es fehlt uns am nötigsten: Zeit!

SOHN

ab.

MILLIARDÄR

sieht ihm noch nach.

Geistlicher ist zur Bank getreten und betrachtet den Milliardär.

MILLIARDÄR

kehrt sich zu ihm.

Der dritte und letzte Gast?

GEISTLICHER

Nach dem Anblick, der sich mir bot, ist meine Aufgabe schwer. Sie erhielten die beste Tröstung, die von Menschen zu vergeben ist: die Versöhnung mit dem Sohn des unglücklichen Vaters.

MILLIARDÄR

Nein, Sie irren: wir sind im Streit auseinander gegangen. Und wenn ich ihn zur Tür geleitete, so geschah es, weil ich der Kräftigere war. Ich stützte den Unterlegenen.

GEISTLICHER

Suchte er Sie nicht auf?

MILLIARDÄR

Er legte mir eine Schlinge, in die ich mich verfangen sollte. Aber ich war auf der Hut.

GEISTLICHER

Er hat Ihnen vergeben?

MILLIARDÄR

Hatte er dazu Anlaß?

GEISTLICHER

Sie nahmen ihm seinen Vater!

MILLIARDÄR

setzt sich.

Glauben Sie an das Recht der Vergeltung?

GEISTLICHER

Der irdischen muß ihr Lauf gelassen werden.

MILLIARDÄR

Ich habe nur Vergeltung geübt.

GEISTLICHER

Womit hatte er Sie beleidigt?

MILLIARDÄR

Die Wahl fällt schließlich blindlings. Dieser oder ein anderer. Man hat mir Mutter und Vater getötet.

GEISTLICHER

zuckt die Achseln.

Das Leben Ihrer Eltern beschloß ein friedlicher Tod.

MILLIARDÄR

Warum hatte ich dann Grund zu töten?

GEISTLICHER

In unbegreiflicher Verwirrung streckten Sie die Hand nach fremdem Reichtum.

MILLIARDÄR

nickt.

In unbegreiflicher Verwirrung — das stempelt eure Weisheit. Ich lehne mich nicht mehr auf. Ihr wölbt den Himmel über mich, unter dem ich freudig atmen soll. Überreich beschenkt ihr mich!

GEISTLICHER

nach einer Pause.

Sie haben den Wunsch nach der Koralle geäußert, ich bringe sie Ihnen.

MILLIARDÄR

nimmt und betrachtet sie.

GEISTLICHER

Sie können mich abweisen — oder Ihr Ohr meinen Worten verschließen.

MILLIARDÄR

Sprechen Sie.

GEISTLICHER

setzt sich zu ihm.

Von der Zuflucht, die uns geöffnet ist, wenn wir aus diesem Leben, das wie ein Haus mit schwarzen Fenstern ist, treten —

MILLIARDÄR

Erzählen Sie von diesem Haus mit schwarzen Fenstern.

GEISTLICHER

Könnte das Licht breiteren Einlaß finden —

MILLIARDÄR

nickt.

Das ist es.

GEISTLICHER

Aber es gibt kein Zuspät. In einer Sekunde kann der unendliche Schatz erworben werden!

MILLIARDÄR

Was ist das für ein Schatz?

GEISTLICHER

Das neue Sein hinter dieser Frist!

MILLIARDÄR

Liegt es in der Zukunft?

GEISTLICHER

Die aufnimmt, wer mit demütigem Finger klopft!

MILLIARDÄR

kopfschüttelnd.

Es bleibt der alte Irrtum.

GEISTLICHER

Gültige Verheißungen sind uns gegeben!

MILLIARDÄR

Flucht in das Himmelreich. Das wird keine Erlösung von Kreuz und Essig. Am Ende findet man es nicht — im Anfang steht es da: das Paradies!

GEISTLICHER

Wir sind vertrieben —

MILLIARDÄR

Verdunkelt das die Erkenntnis? — — Ich will Sie nicht erschüttern und Ihnen Ihr Werkzeug aus den Händen schlagen. Aber die tiefste Wahrheit wird nicht von Ihnen und den Tausenden Ihresgleichen verkündet — die findet immer nur ein einzelner. Dann ist sie so ungeheuer, daß sie ohnmächtig zu jeder Wirkung wird! — Sie suchen eine Zuflucht — ich könnte Ihnen sagen, daß Sie einen falschen Weg einschlagen. Das Ziel überspringt Sie hundertmal — und jedesmal versetzt es Ihnen einen Keulenschlag in den Rücken. Weiter rast Ihre Flucht zur Zuflucht. Sie kommen niemals an. Dahinaus nicht — dahinaus nicht!

GEISTLICHER

So sprechen Sie zu mir: was gibt Ihnen — ich muß es ja so ausdrücken — diese feierliche Ruhe?

MILLIARDÄR

Ich habe das Paradies, das hinter uns liegt, wieder erreicht. Ich bin durch seine Pforte mit einem Gewaltstreich — denn die Engel zu beiden Seiten tragen auch Flammenschwerter! — geschritten und stehe mitten auf holdestem Wiesengrün. Oben strömt Himmelsblau!

GEISTLICHER

Denken Sie jetzt an Ihre freundliche Kindheit?

MILLIARDÄR

Ist es nicht einfach zu finden? Deckt es sich nicht mit schon gesagten Worten: werdet wie die Kinder? Zur Weisheit braucht es ja nur ein Wortspiel.

GEISTLICHER

Warum können wir Menschen nicht Kinder bleiben?

MILLIARDÄR

Das Rätsel lösen Sie heute und morgen nicht!

GEISTLICHER

blickt vor sich hin.

MILLIARDÄR

— — — — Sehen Sie das?

GEISTLICHER

Die Koralle, nach der Sie zuletzt verlangten.

MILLIARDÄR

Wissen Sie, wie das vom Boden des Meeres wächst? Bis an die Fläche des Wassers — höher reckt sie sich nicht. Da steht sie, von Strömen umspült — geformt und immer verbunden in Dichtigkeit des Meeres. Fische sind kleine Ereignisse, die milde toben. Lockt das nicht?

GEISTLICHER

Was meinen Sie?

MILLIARDÄR

Ein wenig die Kapsel lüften, die das Rätsel verschließt. Was wird das beste? Nicht aufzutauchen und in den Sturm verschleppt zu werden, der an die Küsten fährt. Da brüllt Tumult und zerrt uns in die Raserei des Lebens. Angetriebene sind wir alle — Ausgetriebene von unserm Paradies der Stille. Losgebrochene Stücke vom dämmernden Korallenbaum — mit einer Wunde vom ersten Tag an. Die schließt sich nicht — die brennt uns — unser fürchterlicher Schmerz hetzt uns die Laufbahn! — — — — Was halten Sie in der Hand? Er hebt die Hand des Geistlichen mit dem schwarzen Kreuz hoch. Das betäubt nur den Schmerz. Er hält die rote Koralle in seinen beiden Händen vor seine Brust. Das befreit vom Leid!

Die hohe schmale Tür wird hinten geöffnet.

MILLIARDÄR

steht auf.

GEISTLICHER

Ich — kann Sie nicht begleiten!

MILLIARDÄR

geht sicheren Schrittes auf die Tür zu.

ENDE


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Biblische Komödie in fünf Akten

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Weimar.Druck von R. Wagner Sohn.