VIERTER AKT

Untersuchungsraum: blaues Viereck mit vielen Zugängen, die Türen von Eisenstäben haben, hinter denen sich enge Gänge verlieren. Eine Bogenlampe in klarem Glas beleuchtet überall. Nur ein kleiner eiserner Tisch, an dem der Schreiber — mit Augenschirm — sitzt.

Der erste Richter steht nachdenklich.

Die beiden Diener links.

Wärter kommt von rechts.

DER ERSTE RICHTER

zu ihm.

Schalten Sie aus.

WÄRTER

hantiert am Schaltbrett; die Bogenlampe verlöscht. In den Ecken glühen matte Lampen auf.

DER ERSTE RICHTER

tritt an den Tisch, nimmt den Hörer auf.

Ich bitte um Ablösung. Zu den beiden Dienern. Sie können jetzt — Sich besinnend. Oder warten Sie noch. Er läßt sich vom Schreiber das Protokoll geben, liest — schüttelt den Kopf. Zu den Dienern. Niemals hat der Sekretär die Koralle — Rasch. Es könnte doch sein, daß auch die Koralle gelegentlich ausgetauscht wurde, um —

Der zweite Richter kommt hinten.

DER ZWEITE RICHTER

Kein Resultat?

DER ERSTE RICHTER

gibt ihm das Protokoll.

Höchstens das, daß mir Zweifel kommen.

DER ZWEITE RICHTER

liest — läßt das Blatt sinken.

Er bestreitet doch nicht, daß die Koralle bei ihm gefunden ist.

DER ERSTE RICHTER

Aber er will nicht der Sekretär sein.

DER ZWEITE RICHTER

Wie erklärt er denn die Koralle an seiner Kette? Lesend. Auf die wiederholt gestellte Frage läßt der Vernommene jedesmal die Antwort aus.

DER ERSTE RICHTER

zu den beiden Dienern.

Sollte nicht zu einem besonderen Zweck auch Ihre Irreführung geplant gewesen sein?

DER ERSTE DIENER

Nein. Es wäre damit unsere Aufgabe unmöglich geworden.

DER ZWEITE DIENER

An der Bewachung seiner Person lag dem Getöteten viel.

DER ZWEITE RICHTER

Es ist ja durchsichtig. Natürlich, es geht um Kopf und Kragen. Da sträubt man sich ein bißchen. Aber wir haben ja die Aussage, die der Sohn gemacht hat. In der Unterredung, die zwischen Vater und Sohn kurz vorher stattgefunden hatte, entsagte der Sohn dem väterlichen Reichtum. Auch die Tochter hatte verzichtet. Der Sekretär hat das erregte Gespräch nebenan gehört und konnte der Versuchung nicht widerstehen, sich zum Nachfolger zu setzen. Da drückte er kurzer Hand los. Nur die Koralle konnte er nicht mehr austauschen. Das hätte er vielleicht noch gern getan. Zu den Dienern. Aber auf den Schuß kamen Sie schon hinzu.

DER ZWEITE DIENER

Ich nahm ihn fest, als er aus der Tür wollte.

DER ZWEITE RICHTER

Wollte er flüchten?

DER ERSTE DIENER

Nicht wir, sondern er hatte die Tür aufgemacht.

DER ERSTE RICHTER

Warum läuft er davon, wenn er sich für den ausgibt, auf den ein Angriff unternommen ist?

DER ZWEITE RICHTER

legt das Protokoll hin.

Schon dieser Fluchtversuch beweist. Die Detonation, die der Schuß verursachte, war zu kräftig, damit hatte er nicht gerechnet. In der Verwirrung hoffte er zu entkommen, doch an der Umsicht der Diener scheiterte die Absicht. Jetzt besinnt er sich wieder auf die Rolle, die er spielen wollte.

DER ERSTE RICHTER

Die Ähnlichkeit ist allerdings fabelhaft. Ich habe einen solchen Fall von Doppelgängertum noch nicht erlebt.

DER ZWEITE RICHTER

Ja, wenn wir die Koralle nicht hätten, müßten wir unrettbar im Dunkeln tasten! Nach dem Protokoll greifend. Übrigens dieser Angriff, der vom vermeintlichen Sekretär verursacht sein soll, wie begründet er den?

DER ERSTE RICHTER

Er schweigt.

DER ZWEITE RICHTER

Weil er nicht stattgefunden hat.

DER ERSTE RICHTER

Sie sagten doch, daß er sich an die Stelle des Getöteten setzen wollte?

DER ZWEITE RICHTER

stutzt.

DER ERSTE RICHTER

So findet sich doch eine Begründung?

DER ZWEITE RICHTER

Die ihn zur Tötung angestiftet hat!

DER ERSTE RICHTER

Er handelte also in Notwehr!

DER ZWEITE RICHTER

erregt.

Aber er ist doch der Sekretär!

DER ERSTE RICHTER

sich die Augen reibend.

Ich bin wirklich abgespannt. Das scharfe Licht — die Gelassenheit des Mannes, der sich kaum verteidigt —

DER ZWEITE RICHTER

Ich denke Mittel anzuwenden, die ihn beweglicher machen. Fruchtet die Vorlegung der Koralle nicht — Er nimmt sie vom Tisch auf. Wie ein Blutstropfen sieht das Ding aus, der am Täter hängen blieb —! Er legt sie hin. Zu den Dienern. Ich brauche Sie nicht mehr.

DER ERSTE DIENER

Wann morgen?

DER ZWEITE RICHTER

Hoffentlich war es genug. Zehnmal dieselbe Litanei. Ich lasse Sie sonst bestellen.

Die beiden Diener ab.

DER ERSTE RICHTER

Versprechen Sie sich in dieser Nacht besseren Erfolg?

DER ZWEITE RICHTER

Nicht mehr als ein volles Geständnis!

DER ERSTE RICHTER

verblüfft.

Wie wollen Sie ihn dazu bringen?

DER ZWEITE RICHTER

Er will der Milliardär sein. Gut, so führe ich ihm seine Kinder vor. Jetzt soll die Natur Richter spielen. Stutzt er eine Sekunde, sich ihnen zu nähern, die der Vater nach der Bekundung von Sohn und Tochter über alles liebte, so hat er soviel wie gestanden. Vor der Koralle kann er sich sträuben, das ist ein toter Gegenstand — — aber vor der Wucht des Anblicks von Sohn und Tochter seines Opfers wird sich kein Individuum behaupten. Und da er kein berufsmäßiger Verbrecher ist, bricht er mir in beide Knie!

DER ERSTE RICHTER

Tatsächlich bin ich ausgepumpt.

DER ZWEITE RICHTER

Strecken Sie sich auf dem Sofa aus und schlafen Sie gut. Wenn ich Sie stören darf, rufe ich Ihnen unsere Erlösung von der Marter dieser vierzehn Nächte hinüber.

DER ERSTE RICHTER

Ich fahre dann gleich eine Woche aufs Land.

DER ZWEITE RICHTER

Und ich schreibe ein Buch für Massenauflage über den Fall!

DER ERSTE RICHTER

hinten ab.

DER ZWEITE RICHTER

geht nach links und drückt auf eine Klingel neben einer Tür.

Von einem Wärter geleitet, Sohn und Tochter — in schwarz — von links.

DER ZWEITE RICHTER

Es wird nun doch notwendig, daß ich die Gegenüberstellung ausführe. So gern ich Ihnen diese Peinlichkeit erspart hätte, das hartnäckige Ableugnen, von dem ihn mein Kollege nicht abbringen konnte, zwingt zu dieser Maßnahme. Ich sehe keinen anderen Weg mehr, um ein Geständnis zu erhalten. Und das Geständnis brauchen wir unbedingt!

SOHN

Geben Sie uns Anweisungen, wie wir uns verhalten.

DER ZWEITE RICHTER

Ich beabsichtige, einen überraschenden Schlag zu tun. Zu einer Überlegung darf ihm nicht die mindeste Zeit gelassen werden. Ich bitte Sie, vollständig geräuschlos zu kommen und Ihre Anwesenheit hier nicht zu verraten. Vorläufig halten Sie sich dort im Hintergrund des Ganges auf, der Wärter bleibt in der Nähe der Tür. Das ist unauffällig. Zum Wärter. Ich werde es im Verlauf des Verhörs einrichten, daß ich auf diese Seite trete, sodaß der Vernommene Ihre Tür im Rücken hat. Sobald ich mein Taschentuch hervorziehe, lassen Sie die Dame und den Herrn ein.

SOHN

Mit dieser Konfrontierung ist unsere Aufgabe erfüllt?

DER ZWEITE RICHTER

Selbstverständlich beschränke ich auch diese auf die kürzeste Dauer. Versuchen Sie jedoch, ihn fest anzusehen. Das ist wichtig. Besonders Sie, gnädiges Fräulein, möchte ich darauf aufmerksam machen. Halten Sie sich aufrecht. Sie erleben vielleicht das Grauenhafteste, was einem widerfahren kann. Sie werden Ihren Vater zu erblicken glauben, der tot ist.

SOHN

Eine Unterscheidung muß doch möglich sein!

DER ZWEITE RICHTER

Dann hätten wir leichtes Spiel gehabt. Die Übereinstimmung ist vollkommen. Ein körperliches Merkmal existiert nicht. Die Natur spielt uns schon den Streich.

SOHN

Nur diese Koralle gibt Aufschluß?

DER ZWEITE RICHTER

Den unumstößlich. Darum vergessen Sie nicht, daß Sie den Sekretär vor sich haben!

Sohn und Tochter mit dem Wärter links ab. Der Wärter kehrt hinter die Türstäbe zurück.

DER ZWEITE RICHTER

zum ersten Wärter.

Führen Sie vor.

Der Wärter schaltet wieder die Bogenlampe ein. Rechts ab.

DER ZWEITE RICHTER

Setzt sich eine Brille mit blauen Gläsern auf.

Wärter läßt den Milliardär vor sich eintreten und bleibt an der Tür.

MILLIARDÄR

Seine Hände sind nach vorn mit dünnem Stahlseil geschlossen. Er stellt sich auf, wie er nun schon gewohnt ist, dazustehen — ohne Zeichen von Erregung.

DER ZWEITE RICHTER

beachtet ihn vorläufig nicht. Dann nimmt er den Revolver vom Tisch und tritt — nur für die Waffe interessiert — zum Milliardär.

Wo kauft man denn diese Marke?

MILLIARDÄR

schweigt.

DER ZWEITE RICHTER

Das Modell hätte ich gern. Aber ich kann mir doch nicht ein vom Gericht beschlagnahmtes Objekt zustecken.

MILLIARDÄR

lächelt dünn.

DER ZWEITE RICHTER

sieht ihn an.

Ein streng gehütetes Geheimnis?

MILLIARDÄR

Ein Geschenk.

DER ZWEITE RICHTER

Von wem denn?

MILLIARDÄR

schüttelt den Kopf.

DER ZWEITE RICHTER

Von zarter Hand doch nicht?

MILLIARDÄR

Von zartester.

DER ZWEITE RICHTER

Ach was, das ist ja unnatürlich.

MILLIARDÄR

Ja — unnatürlich war das.

DER ZWEITE RICHTER

Sollten Sie sich selbst bedienen? Wenn Sie untreu werden?

MILLIARDÄR

Ich war das Ziel.

DER ZWEITE RICHTER

Wer wollte denn auf Sie schießen?

MILLIARDÄR

nickt langsam.

DER ZWEITE RICHTER

Rissen Sie ihm die Waffe aus der Hand?

MILLIARDÄR

Er legte sie auf die Schreibtischplatte nieder.

DER ZWEITE RICHTER

rasch.

Der Milliardär?

MILLIARDÄR

schweigt.

DER ZWEITE RICHTER

nickt befriedigt und stellt sich rechts auf.

Nun wollen wir die Situation rekonstruieren. Drehen Sie sich nach mir.

MILLIARDÄR

tut es.

DER ZWEITE RICHTER

Warten Sie mal. Das Metall ist angelaufen, damals blinkte es jedenfalls. Er zieht sein Taschentuch heraus und reibt die Waffe.

Der Wärter links zieht sich von der Tür zurück.

DER ZWEITE RICHTER

Daß das Schießzeug auf dem Tisch herumgelegen hat, ist natürlich Humbug. Ihre Erzählung ist ja auch reichlich verworren, es lohnt nicht da nachzutasten. Der Vorgang ist einfach der: unter irgendeinem Vorwand machen Sie sich hinter Ihrem Opfer zu schaffen — die Waffe aus der Hosentasche — genau so, wie ich hier, standen Sie bereit — die Distanz ist dieselbe —

Der Wärter ist mit Sohn und Tochter gekommen: die beiden stehen unbeweglich.

DER ZWEITE RICHTER

— und jetzt zeigen Sie mir auch Ihren Rücken!

MILLIARDÄR

dreht sich um: ohne zu stocken, geht er auf Sohn und Tochter zu.

Kinder — in schwarz? Ist ein Trauerfall, der uns nahegeht? — — Wundert Ihr Euch, daß ich nichts davon weiß? Ja, ich habe keine Verbindung mit Euch. Ich werde vorläufig streng abgeschlossen gehalten. Ein unleidlicher Irrtum, der sich erst aufklären muß. Ich gebe mir alle erdenkliche Mühe, diesen schweren Verdacht zu zerstreuen. Aber die Gerichte sind peinlich. Jede Kleinigkeit erhält Gewicht. Eine Koralle, die bei mir gefunden ist — der Revolver da, den ich bei mir getragen haben soll. Zum Sohn. Willst Du nicht seine Herkunft mit einem Wort feststellen?

SOHN

seine Erschütterungen beherrschend.

Herr Richter, die Waffe ist mein Eigentum.

DER ZWEITE RICHTER

Wie gelangt sie in den Besitz des Sekretärs?

SOHN

Ich legte sie vor meinen Vater auf die Tischplatte.

DER ZWEITE RICHTER

Das ist immerhin wertvoll. Der offen daliegende Revolver stiftete zur Tat an. Warum überließen Sie Ihrem Vater ihn?

SOHN

Darauf — kann ich nicht antworten.

MILLIARDÄR

Ich habe Dich auch nicht verraten.

SOHN

scharf.

Weil Sie nichts wissen können!

MILLIARDÄR

Kein Du? Bin ich Euch fremd geworden, weil ich verdächtigt wurde? Mit eigentümlich lauerndem Ausdruck. Glaubt Ihr denn, daß ich der Sekretär bin? Ihr — meine eigenen Kinder— seht mich für den Sekretär an?

SOHN

mühsam.

Herr Richter, brauchen Sie meine Schwester und mich hier noch?

TOCHTER

schreit auf — schlägt die Hände auf's Gesicht.

DER ZWEITE RICHTER

Ich danke.

Sohn — die Tochter stützend — links ab.

DER ZWEITE RICHTER

hin- und hergehend.

Das ist unerhört. Das ist der Gipfel der Verstocktheit! — Schämen Sie sich nicht? Verblüfft. Lächeln Sie?

MILLIARDÄR

Ich habe meine Kinder gesehen —

DER ZWEITE RICHTER

Stimmt Sie die Qual anderer vergnügt?

MILLIARDÄR

— meine Kinder haben mich nicht gesehen!

DER ZWEITE RICHTER

Den Mörder ihres Vaters haben sie gesehen. Der sind Sie. Sie — sein Sekretär. Tischen Sie uns das alberne Märchen nicht nochmals auf. Und hätte die Koralle nicht die mächtige Beweiskraft, die sie hat, dies entlarvt Sie: die Sie mit so dreister Stirn für Ihre Kinder ausgeben, die stoßen Sie als einen Fremden zurück!

MILLIARDÄR

undurchdringlich.

Das — genügt nicht.

DER ZWEITE RICHTER

Wissen Sie das sicher? Weil Sie kein Geständnis ablegen? Das erlassen wir Ihnen jetzt. Hüllen Sie sich weiter in Ihr monumentales Schweigen. Jetzt werden wir gesprächig! Er winkt dem Wärter.

Wärter führt den Milliardär rechts ab.

DER ZWEITE RICHTER

telephoniert.

Ich bitte um Ablösung. Laut. Jawohl — Ablösung! Aufgeregt auf und ab. Aufstampfend. Das ist doch —!

DER ERSTE RICHTER

rasch von hinten.

DER ZWEITE RICHTER

Sie glaubten wohl, sich verhört zu haben? Nein, es geht so weiter. Dem Mann ist nicht beizukommen. Ohne Zucken erträgt er die Gegenüberstellung — und beklagt sich noch, daß man ihm das Du verweigert!

DER ERSTE RICHTER

liest im Protokoll.

DER ZWEITE RICHTER

Ich denke, wir sind fertig!

DER ERSTE RICHTER

Nein! — Das lockt mich. Ich rücke ihm auf den Leib. Sich vor die Stirn schlagend. Das ist ja auch ganz einfach!

DER ZWEITE RICHTER

Wurden Sie im Schlaf erleuchtet?

DER ERSTE RICHTER

Wütend bin ich!

DER ZWEITE RICHTER

Erfinderisch macht dieser Zustand schwerlich.

DER ERSTE RICHTER

In den Milliardär hat er sich eingelebt.

DER ZWEITE RICHTER

Das steht fest.

DER ERSTE RICHTER

Also muß er aus dem Milliardär wieder heraus —

DER ZWEITE RICHTER

Hokuspokus eins zwei drei.

DER ERSTE RICHTER

— und in den Sekretär hinein!

DER ZWEITE RICHTER

Der Kunstgriff, den Sie dazu anwenden?

Wärter kommt von rechts und schaltet die Bogenlampe aus.

DER ERSTE RICHTER

Er muß ganz neu geboren werden! — Ja ja, ich lege ihn wieder in die Wiege und lasse ihn vergnügt strampeln und krähen. Der Milliardär ist noch gar nicht in seine Existenz getreten — das ist ein späteres Kapitel, das ich mit keiner Silbe erwähne. Ich baue ihm sein Leben bis zu diesem Punkte lückenlos auf und wickle ihn in Jugenderinnerungen so sanft und allmählich ein, daß er ganz vergißt, warum er hier steht. Nach einem Schriftstück greifend. Das Material haben wir da — es ist bis in Kleinigkeiten zusammengetragen. Seine Vergangenheit bietet ein auffallend helles Bild — so ist auch der Kern nicht verhärtet. Der Mann wird windelweich, wenn ich ihm das Buch seiner guten Zeiten aufschlage!

DER ZWEITE RICHTER

Er hat sich vor den Kindern seines Opfers nicht gescheut —

DER ERSTE RICHTER

Kinder stehen außerhalb. Zuletzt lebt man nur sich selbst.

DER ZWEITE RICHTER

Ich würde ja auch ungern das Protokoll ohne Ergebnis abliefern.

DER ERSTE RICHTER

Mein Versuch kann, wie jeder andere bisher, scheitern — aber in solchem Zurückgreifen liegt eine suggestive Kraft.

DER ZWEITE RICHTER

Wollen Sie die Brille?

DER ERSTE RICHTER

Diesmal bei gedämpftem Licht. Zum Wärter. Schalten Sie nicht ein. Bringen Sie ihn. Wärter rechts ab. Schon das wird ihm eine Wohltat sein. Und für das andere finde ich den rechten Großmuttermärchenton.

DER ZWEITE RICHTER

Und der böse Wolf kommt zum Schluß.

DER ERSTE RICHTER

Der muß den Mörder packen!

DER ZWEITE RICHTER

hinten ab.

Wärter führt den Milliardär ein.

DER ERSTE RICHTER

in das Schriftstück vertieft.

Diese Tierliebhaberei ist köstlich. Aufblickend zum Milliardär. Hatte es denn das schwarze Fleckchen mitten auf der Stirn?

MILLIARDÄR

hebt horchend den Kopf.

DER ERSTE RICHTER

Das Hündchen, das Sie vom Ersäufen gerettet haben?

MILLIARDÄR

biegt sich auf.

DER ERSTE RICHTER

War der Fluß an dieser Stelle seicht? Mit zehn Jahren wagt man sich doch nicht weit ins Wasser.

MILLIARDÄR

atmet rauschend.

DER ERSTE RICHTER

Das Flüßchen wird wohl keine reißende Strömung gehabt haben, das am Städtchen vorübertreibt. Oder gab es im Frühling Hochwasser?

MILLIARDÄR

wiegt eigentümlich den Oberkörper.

DER ERSTE RICHTER

Dann schossen die Fluten mit allerlei Fracht von entwurzeltem Gesträuch und Grasbüscheln dahin. Manchmal traten sie über die Ufer und drangen in die Keller. Da hieß es die Vorräte bergen. Das gab immer ein lustiges Rettungswerk. Was da alles zum Vorschein kam! Vater und Mutter griffen zu — und der Sohn leistete natürlich die wichtigste Hilfe. Er stand überall im Wege! Aber von Ihrer Unentbehrlichkeit waren Sie fest überzeugt?

MILLIARDÄR

nickt langsam.

DER ERSTE RICHTER

Ja — solch ein kleines Städtchen hat seine Katastrophen. Jeden Tag etwas anderes. Der Wind reißt einem die Mütze weg und fährt damit um die Ecke — Rasch. Hatten Sie grüne Schulmützen?

MILLIARDÄR

mit rieselndem Lächeln.

Ich — —

DER ERSTE RICHTER

Erinnern Sie sich nicht mehr deutlich an die Farbe?

MILLIARDÄR

— — habe so viel vergessen!

DER ERSTE RICHTER

beobachtet ihn scharf. — Nach einer Pause.

Dauert Sie das nicht? Ich meine, man denkt doch gern an freundliche Eindrücke, die man einmal gehabt hat. Die sind doch schließlich unverwüstlicher Besitz. Und gerade Sie haben doch allen Grund, sich an hellen Bildern der Vergangenheit zu erquicken. Ja, Sie haben eine beneidenswerte Jugend genossen. Das Schriftstück aufblätternd. Da liest man mit Vergnügen!

MILLIARDÄR

sieht hin.

DER ERSTE RICHTER

Da ist alles Licht — Sonne, Sonne — Licht. Kein Schatten richtet sich auf. Aufblickend. Sie müssen doch Ihren Eltern unaussprechlich dankbar sein?

MILLIARDÄR

mit fast singender Stimme.

Meine Eltern — —

DER ERSTE RICHTER

Die breiteten ihre Hände über ihr einziges Kind! Haben Sie jemals einen Schlag erhalten?

MILLIARDÄR

Habe ich — — niemals einen Schlag erhalten?

DER ERSTE RICHTER

Ja, das müssen Sie mir sagen!

MILLIARDÄR

Ja — — Sie müssen es mir sagen!

DER ERSTE RICHTER

sieht ihn erstaunt an. Dann humoristisch.

Schlagen wir also das Buch der Vergangenheit auf. Kapitel eins: Elternhaus. Freundliche Kleinstadt — in grün gebettet. Vater — Pfarrer. Sehen Sie ihn vor sich?

MILLIARDÄR

vor sich hintastend.

— in grün gebettet — — Vater — — Pfarrer — —

DER ERSTE RICHTER

Kapitel zwei: der Sohn wird geboren und ist Mittelpunkt des pfarrhäuslichen Lebens. Mit jeder Sorge ist man um ihn bemüht. Er gedeiht gesund. — An diese früheste Kindheit werden Sie sich kaum erinnern?

MILLIARDÄR

Jetzt — — kenne ich sie!

DER ERSTE RICHTER

Aber mit dem nächsten Abschnitt kommen Sie ins Fahrwasser. Die Schulzeit. Das Gymnasium ist nicht groß — wenige Schüler, unter denen Sie der beste sind. Das Lernen fällt Ihnen leicht — Sie stoßen nicht auf Widerstände — und so hat auch diese Epoche keinen Stachel für Sie. — Oder gibt es eine dunkle Wolke?

MILLIARDÄR

Wenn — — Sie es nicht wissen!

DER ERSTE RICHTER

Schön, es gibt also keine. Weiter. Damit war der Rahmen gezeichnet, in dem Sie sich damals bewegten. Es wurde Ihnen von Hause aus wie selten einem jungen Menschen leicht gemacht — und Ihre Anlagen kamen den Absichten Ihrer Eltern auf halbem Wege entgegen. Sie entwickelten in selten hohem Maße die Fähigkeit, ein glücklicher Mensch zu sein. Kein schöneres Bild, als diese vollkommene Übereinstimmung von Mensch und Umgebung. Da gibt es kein erschütterndes Erlebnis, das das Blut vergiftet. Tag reiht sich an Tag wie die Blumenkette, die Kinder binden! — — — — Eindringlich. Flutet es nicht warm über Ihr Herz, wenn Sie dies Evangelium Ihrer Vergangenheit von mir erzählen hören? Es muß doch ein sehnsüchtiges Verlangen in Ihnen wach werden — nach diesem Paradiese, in dem Sie — bevorzugt vor so vielen — wandeln durften? Behütet und geliebt — vor jedem Stoß, den andere schon in diesem Alter erleiden, bewahrt. Blicken Sie nicht in einen kristallklaren See, dem man bis auf den Grund sieht — und auch da nichts findet als runde und blanke Kiesel? — Sagen Sie zu Ihrer glücklichen Vergangenheit ja — und retten Sie sich das beste, was man besitzen kann!

MILLIARDÄR

wie unter Schauern von Glück zitternd.

— — das beste — — was man besitzen kann — —

DER ERSTE RICHTER

in Erregung geratend.

Sagen Sie ja zu dieser Vergangenheit?

MILLIARDÄR

hinhauchend.

— — ja — — ja — — ja — —!

DER ERSTE RICHTER

Jetzt unterschreiben Sie Ihre Bekundung!

MILLIARDÄR

schon die Hände aufhebend.

Ja!

DER ERSTE RICHTER

zum Wärter.

Befreien Sie die Hand! Zum Milliardär. Ihre Zustimmung hat Sie überführt, diese Vergangenheit gehört dem Sekretär. Sie sind der Sekretär. Da der Milliardär zögert. Ich sage Ihnen das, damit Sie die richtige Unterschrift leisten: die des Sekretärs!

MILLIARDÄR

schreibt in die Luft.

DER ERSTE RICHTER

Was machen Sie denn? Sind Ihnen Ihre eigenen Schriftzüge nicht mehr erinnerlich?

MILLIARDÄR

unterschreibt.

DER ERSTE RICHTER

Die Untersuchung ist abgeschlossen. Ich hoffe, daß Sie zu dem früheren Ableugnen Ihrer Person nicht wieder zurückkehren. Es wäre von jetzt an zwecklos! Er gibt dem Wärter ein Zeichen.

MILLIARDÄR

vom Wärter nach rechts geführt.

— — das beste — — das beste — — Ab.

DER ERSTE RICHTER

steht noch nachdenklich. Dann telephonierend.

Umfassendes Geständnis!

DER ZWEITE RICHTER

kommt hinten.

Das klingt wirklich wie ein Märchen! Er liest im Protokoll. Das ist ja glatt gegangen. Hatte er denn die Falle nicht gesehen, in die Sie ihn lockten?

DER ERSTE RICHTER

grübelnd.

Finden Sie nicht, daß das merkwürdig ist?

DER ZWEITE RICHTER

Er war übermüdet.

DER ERSTE RICHTER

Den Eindruck hatte ich nicht: er lebte förmlich auf, als ich ihm seine Vergangenheit erzählte!

Wärter kommt rechts.

DER ERSTE RICHTER

rasch.

Hat er mir eine Mitteilung zu machen?

DER ZWEITE RICHTER

Will er nicht schon wieder der andere sein?

WÄRTER

Nein.

DER ZWEITE RICHTER

Ist er zusammengeklappt?

WÄRTER

Er steht aufrecht und sieht nach oben und murmelt etwas.

DER ERSTE RICHTER

Wie er hier stand — — im Traum — —

DER ZWEITE RICHTER

nach einem Schweigen.

Jedenfalls wird es für ihn ein scheußliches Erwachen geben!