ZWEITER AKT
Unter dem Sonnensegel auf der Milliardärsjacht. Hinten ein Stück der Reeling. Heißflimmernde Meeresstille.
In weißlackierten Rohrsesseln: Milliardär, die Tochter, der Museumsdirektor, der Arzt, der Kapitän — alle in weiß. Ein Neger stellt Eisgetränke hin.
Die Stimme der Sängerin in einiger Entfernung.
SÄNGERIN
den letzten Ton der Arie aushaltend und dämpfend kommt hinten und richtet ihren Kodak auf die Gruppe. Aufhörend und zugleich knipsend.
Danke. Die anderen sehen nun erstaunt auf. Für Reklamezwecke. Auf hoher See — an Bord der glänzendsten Jacht der Welt — und dies Publikum: das mußte ich auf die Platte bringen. Sämtliche Opernhäuser der Erde überbieten sich mit Verträgen. Sich in einen Sessel neben den Milliardär niederlassend. Wenn Sie mir hingerissen zugehört haben — oder täusche ich mich? Sagen Sie doch die Wahrheit. Das Bild habe ich ja im Apparat!
MILLIARDÄR
etwas verlegen.
Nein, nein, wirklich außerordentlich —
Die anderen klatschen Beifall.
SÄNGERIN
photographiert schnell.
Aufnahme zwei: der Applaus. Dem Neger das Glas zurückgebend. Heiße Limonade.
ARZT
Das wollte ich Ihnen eben empfehlen.
SÄNGERIN
Sehen Sie, Doktor, ich bin alles in einem: Sängerin, Impresario, Leibarzt.
MUSEUMSDIREKTOR
Damit machen Sie zwei Menschen brotlos.
SÄNGERIN
Ist das nicht überhaupt das Geheimnis des Aufstieges?
MUSEUMSDIREKTOR
Sie haben gesunde Nerven!
SÄNGERIN
Die schlechtesten?
ARZT
Wollen Sie mir, als Arzt, das einmal näher erklären?
SÄNGERIN
Ich sehe Gespenster.
ARZT
Was für Gespenster?
SÄNGERIN
Gespenster!
ARZT
Ja, ich habe noch keine gesehen.
SÄNGERIN
Weil Sie keine erregbare Natur sind. Und Künstler sind erregbare Naturen — und da sehen sie Gespenster.
ARZT
Also nur Künstler sehen Gespenster.
SÄNGERIN
Wir können ja eine Umfrage veranstalten. Das ist ein unterhaltsames Spiel auf See. Der Reihe nach. Zum Milliardär. Sehen Sie Gespenster?
MILLIARDÄR
Ich glaube, wir haben nicht die Zeit mehr — Zum Kapitän. Müßte jetzt nicht der »Albatros« gesichtet sein, Kapitän?
KAPITÄN
Diese Dampfer halten keine gleichmäßige Fahrt.
MILLIARDÄR
Bitte.
KAPITÄN
ab.
ARZT
Was für ein Schiff ist eigentlich dieser »Albatros«?
MILLIARDÄR
Mein Sohn hat ihn entdeckt. Er muß besondere Vorzüge haben. Vielleicht die Jacht eines Freundes, den er sich auf seiner Reise erworben hat.
TOCHTER
Wir arrangieren mit dem »Albatros« eine Wettfahrt.
SÄNGERIN
Fabelhaft aufregend. Soviel Films habe ich gar nicht.
TOCHTER
Wer verliert, wird gerammt.
ARZT
Mit der Besatzung?
TOCHTER
Fünf Minuten sind zum Einsteigen in die Motorbarkasse bewilligt. Zum Milliardär. Soll ich den Kapitän instruieren, daß er sich auf das Rennen vorbereitet?
MUSEUMSDIREKTOR
Und wenn wir dem unbekannten »Albatros« unterliegen?
TOCHTER
Ich bleibe auf der Brücke. Ich gebe die Befehle zur Maschine hinunter. Es wird Dampf aufgesetzt bis zum äußersten.
ARZT
Bei dieser Temperatur.
TOCHTER
Auf der Brücke pfeift der Luftzug, in dem wir jagen.
ARZT
Ich dachte an den Maschinenraum.
TOCHTER
aufstampfend.
Ich kenne nur das Verdeck!
MILLIARDÄR
Ich glaube nicht, daß der »Albatros« schneller ist als wir. Damit verliert der Kampf seinen Reiz.
TOCHTER
Wenn mein Bruder mit ihm reist?
MILLIARDÄR
Wir wollen es ihn entscheiden lassen, er kennt ja den »Albatros« und uns.
KAPITÄN
kommt zurück.
MILLIARDÄR
Gesichtet?
KAPITÄN
Noch nicht.
MILLIARDÄR
zur Tochter.
Du siehst, er läuft langsam. Zu den anderen. Vertreiben wir uns wieder die Zeit.
SÄNGERIN
Also das Gespensterspiel.
MILLIARDÄR
lebhaft zum Museumsdirektor.
Hat der Tintoretto wirklich keine Qualitäten?
MUSEUMSDIREKTOR
Große — größte.
MILLIARDÄR
Sie lehnten meine Schenkung ab.
MUSEUMSDIREKTOR
nickt.
Die Kreuztragung.
SÄNGERIN
Stoßen Sie sich an dem Gegenstand?
MUSEUMSDIREKTOR
Wenn ich ihn zum Prinzip erweitere — ja.
ARZT
Dann werden Sie aus der Galerie ungefähr die ganze alte Kunst auszuschalten haben.
SÄNGERIN
Dozieren Sie, Direktor, ich knipse auf dem Höhepunkt Ihres Vortrages Ihr Publikum.
MUSEUMSDIREKTOR
In diesem neuen Museum, das ich leiten soll, propagiere ich den Bruch mit jeder Vergangenheit.
ARZT
Und was bleibt übrig?
SÄNGERIN
Leere Wände.
MUSEUMSDIREKTOR
Leere Wände, für deren Bedeckung ich so gut wie nichts habe.
ARZT
Ein originelles Museum.
TOCHTER
Tennishallen.
MUSEUMSDIREKTOR
Es soll eine Verlockung zur neuen Leistung werden. Ein betonter Anfang. Das bedeutet durchaus keine abfällige Kritik des vorhergegangenen — die Anerkennung ist sogar maßlos. Wir sitzen alle noch in seinem Schatten. Das quält uns irgendwie. Wir müssen wieder in das volle Licht hinein — und abschütteln diese Kreuztragung. So stellt es sich mir dar. Wie eine Kreuztragung lastet das auf uns — diese Masse der Vergangenheit, von der wir nicht wegkommen ohne Gewalt und Verbrechen — wenn es sein muß!
ARZT
Ist das möglich — ohne Selbstbetrug?
MUSEUMSDIREKTOR
Das weiß ich nicht.
ARZT
Ich fürchte, die Kreuztragung ist unabwendbar.
MUSEUMSDIREKTOR
Man muß die Zukunft fest wollen.
ARZT
In Ihrer Galerie mag es gelingen.
MUSEUMSDIREKTOR
Weiter setze ich auch meine Ansprüche nicht.
ARZT
Im Leben, denke ich, wird niemand über seinen Schatten springen können.
Ein Matrose kommt und macht dem Kapitän Meldung. Ab.
KAPITÄN
steht auf; zum Milliardär.
Der »Albatros« ist dicht auf von steuerbord.
MILLIARDÄR
erregt.
Schicken Sie das Motorboot hinüber! Kapitän ab.
ARZT
Da wird sich ja gleich zeigen, was an dem Märchenschiffe ist.
SÄNGERIN
Der Matador.
MUSEUMSDIREKTOR
Meine Neugierde ist auf das Höchste gespannt.
TOCHTER
Ich funke ihm die Aufforderung zum Rennen.
MILLIARDÄR
hält sie zurück. Zu den anderen.
Gehen Sie voran, wir folgen Ihnen nach.
Sängerin, Museumsdirektor und Arzt ab.
MILLIARDÄR
Ich habe mit Dir etwas zu besprechen.
TOCHTER
Jetzt?
MILLIARDÄR
Nur eine Frage, die ich an Dich richten will.
TOCHTER
Was denn?
MILLIARDÄR
Würdest Du Dich entschließen — den Museumsdirektor zu heiraten?
TOCHTER
Das — weiß ich nicht!
MILLIARDÄR
Ich dränge auf Deine Entscheidung, weil —
TOCHTER
Ich kenne ihn doch kaum.
MILLIARDÄR
Ich selbst —
TOCHTER
Wie kannst Du mir dann zureden?
MILLIARDÄR
Als er vorhin sprach, machte er mir Eindruck, wie ich ihn noch nicht von einem Menschen hatte.
TOCHTER
Er wies die Schenkung zurück. Hat Dir das imponiert?
MILLIARDÄR
Seine Anschauungen haben mir gefallen. Diese innere Unabhängigkeit, die er hat — daß es für ihn nur die Zukunft gibt — die die Vergangenheit auslöscht —
TOCHTER
Ich habe ihm nicht zugehört.
MILLIARDÄR
Du würdest mir eine Freude —
TOCHTER
Das macht meine Überlegung überflüssig!
MILLIARDÄR
schüttelt ihre Hände.
Jetzt wollen wir Deinen Bruder erwarten. Beide ab.
Schiffsglocke und hohe Sirene. Matrosen öffnen hinten die Reeling und winden die Schiffstreppe hinab.
Alle kommen zurück, sich über die Reeling beugend: Tücherschwenken und Hallorufe.
ARZT
unter das Sonnensegel tretend.
Das ist ja ein ganz schwerfälliger Kasten.
MUSEUMSDIREKTOR
ihm folgend.
Er macht eben seinem Namen »Albatros« Ehre.
ARZT
Haben Sie sonst noch Passagiere drüben entdecken können?
MUSEUMSDIREKTOR
Das ist vielleicht der Reiz der Reise gewesen.
ARZT
Ich danke.
SÄNGERIN
tritt zu ihnen, den Kodak im Rücken haltend.
Diskretion — Familienszene!
Sohn — in einem grauen Anzug — steigt die Schiffstreppe empor und wird von der Tochter stürmisch begrüßt. Kapitän steht salutierend.
SOHN
Ihr habt mir aufgelauert?
TOCHTER
Seit zwei Tagen kreuzen wir auf dieser Stelle. Die Langweile war fabelhaft.
MILLIARDÄR
Ich wollte Dich überraschen.
SOHN
Das ist Dir vollständig gelungen. Deine Gäste?
MILLIARDÄR
Nur der engste Kreis.
SOHN
geht von einem zum anderen, begrüßt wortlos. Dann steht er bei einem Sessel.
Es herrscht eine verlegene Stille.
TOCHTER
wirft sich in einen Sessel.
Mir ist das zu feierlich.
MILLIARDÄR
auf die Sessel einladend.
Bitte.
Alle setzen sich — Sohn folgt zögernd.
KAPITÄN
kommt und setzt sich.
SOHN
verwundert zu ihm.
Fahren wir denn nicht?
MILLIARDÄR
Ich habe gedacht, daß wir noch drei, vier Tage auf See bleiben.
SOHN
Wenn es Dein Wunsch war —
MILLIARDÄR
Deinetwegen.
SOHN
Warum?
MILLIARDÄR
Nach dieser Reise —
TOCHTER
Der »Albatros« — ich habe ihn in der Aufregung nicht gesehen. Ist er große Klasse? Wieviel Meilen?
Museumsdirektor und Arzt lachen.
SOHN
Was gibt es denn mit dem »Albatros«?
TOCHTER
Wir wollten ihn nämlich herausfordern. War er ein scharfer Gegner?
SOHN
Darüber lachen Sie. — Nein, Schwester, ein Gegner in diesem Sinne ist der »Albatros« nicht.
TOCHTER
erstaunt.
Warum reist Du denn nicht auf der »Meeresfreiheit«?
MILLIARDÄR
unruhig, ablenkend.
Von Deinen Eindrücken in den großen Städten der Erde —
SÄNGERIN
Haben Sie überall die Oper besucht?
SOHN
Wir können doch den Charakter des »Albatros« feststellen: er ist ein Kohlendampfer! — Kapitän, Sie müssen doch die Schiffe kennen, die verkehren?
KAPITÄN
Auf diesen »Albatros« hätte ich nicht geraten.
SOHN
Weshalb nicht?
KAPITÄN
lächelt.
SOHN
an die anderen.
Ist das so wunderbar? Fahren nicht andere Menschen auf solchen Schiffen?
KAPITÄN
Für Passagiere sind sie nicht eingerichtet.
SOHN
Für die nicht — aber die Matrosen, Heizer sind doch Menschen?
MUSEUMSDIREKTOR
nach einer Stille.
Sie verstehen sich die Genüsse mit einigem Raffinement zu verschaffen.
SOHN
Welche Genüsse?
MUSEUMSDIREKTOR
In diesem Gegensatz von Kohlendampfer und dieser Jacht bietet sich erst die rechte Möglichkeit ihren Luxus zu genießen.
SOHN
Oder zu — — Abbrechend und sich an den Milliardär wendend. Hat Dir mein Begleiter berichtet?
MILLIARDÄR
Ich habe nicht mit ihm gesprochen.
SOHN
Er muß doch seit zwei Tagen angekommen sein?
MILLIARDÄR
Zwei Tage liege ich hier draußen.
SOHN
Bist Du mit ihm unzufrieden? Die Schuld trage ich. Er hat sich gewiß jede Mühe gegeben.
MILLIARDÄR
ausweichend.
Willst Du Dich jetzt nicht umkleiden?
TOCHTER
Du trägst ja einen Straßenanzug.
SOHN
Er schützt besser gegen Kohlenstaub, der wirbelte. Außerdem war er weniger auffällig — und klugerweise paßt man sich an.
MILLIARDÄR
So passe Dich uns an — und stecke Dich von Füßen bis zum Hals in weiß.
SOHN
Du mußt mir schon mein Vergnügen lassen.
SÄNGERIN
mit dem Kodak.
Sehr interessante Bildwirkung.
SOHN
Weiter ist das für Sie nichts?
ARZT
Bei dieser überstiegenen Temperatur empfiehlt sich weiße Bekleidung aus gesundheitlichen Rücksichten.
MILLIARDÄR
Da hörst Du unsern besorgten Doktor.
SOHN
mit unterdrückter Schärfe.
Würden Sie Ihrem ärztlichen Rat auch im Maschinenraum Geltung verschaffen?
ARZT
Schwerlich.
SOHN
Weil Sie damit nicht durchdringen. Aus Gründen der Beschäftigung mit schwarzer Kohle.
ARZT
Gewiß.
SOHN
Also darf die Gesundheit dort unten leiden — und hier oben sich pflegen?
MUSEUMSDIREKTOR
Sie haben wohl mehr auf Ihrer Reise gesehen, als Sie —
SOHN
Wenn man zum erstenmal unterwegs ist, sperrt man die Augen weiter auf.
TOCHTER
Bist Du mit Fürsten zusammengetroffen?
SÄNGERIN
Erzählen Sie doch.
SOHN
Täglich.
TOCHTER
Hast Du Freundschaft geschlossen? Besucht Dich wer?
SOHN
Auf meinem Kohlendampfer könnte ich Dir fünf, zehn vorstellen. Komm' das nächste Mal mit.
MUSEUMSDIREKTOR
Wollen Sie nochmal —
SOHN
Genüsse mir raffinieren?
Ein Matrose kommt, meldet dem Kapitän. Der Kapitän geht zum Arzt und flüstert mit ihm. Die drei ab.
SOHN
Fahren wir doch?
MILLIARDÄR
Ich habe nichts angeordnet.
SOHN
Warum ging der Arzt mit dem Kapitän?
SÄNGERIN
Vielleicht ein Unfall unter der Mannschaft.
SOHN
Wollen Sie nicht eine Aufnahme machen?
TOCHTER
Wir könnten wirklich fahren, um Luft zu bekommen. Die Hitze drückt unerträglich.
SOHN
Und wir wohnen auf dem Verdeck!
SÄNGERIN
Ist es anderswo kühler?
SOHN
Nein — aber heißer.
SÄNGERIN
Gibt es das?
SOHN
Steigen Sie zu den Heizern hinunter!
MILLIARDÄR
Jetzt werde ich veranlassen, daß wir fahren!
MUSEUMSDIREKTOR
ironisch.
Schonen Sie doch die Heizer.
SOHN
Wissen Sie, was es heißt, vor den Feuern stehen?
MUSEUMSDIREKTOR
Ich habe die Gelegenheit nicht gesucht.
SOHN
Und für eine Schilderung bringen Sie keine Interesse auf?
MUSEUMSDIREKTOR
Durch einen Fachmann anschaulich gemacht —
SOHN
Ich bin Fachmann!
MILLIARDÄR
zur Tochter.
Sage doch dem Kapitän —
TOCHTER
Volle Fahrt!
SÄNGERIN
Die Damen übernehmen das Kommando!
TOCHTER
Wir stellen einen neuen Rekord auf. Heute abend wird er an die Zeitungen gefunkt und die Welt platzt morgen vor Neid! Mit der Sängerin ab.
SOHN
Verhinderst Du nicht den Unfug?
MILLIARDÄR
Die Jacht hat ihre volle Schnelligkeit noch nicht gezeigt.
SOHN
Dann bitte ich Dich mich vorher von Bord zu lassen.
MUSEUMSDIREKTOR
Sie sind an Schnelligkeit seit dem Kohlendampfer nicht mehr gewöhnt.
SOHN
An Leichtsinn!
MILLIARDÄR
Du hast immer Gefallen an solchen Spielen gefunden.
SOHN
Ich schäme mich, so spät zur Besinnung gekommen zu sein.
MILLIARDÄR
Was heißt das?
SOHN
Daß ich — — Nachdrücklich. Ich kann diese Rekordfahrt nur vor den Kesseln mitmachen!
MILLIARDÄR
zum Museumsdirektor.
Lassen Sie die Damen nicht auf der Brücke warten.
MUSEUMSDIREKTOR
Ab.
MILLIARDÄR
langsam.
Bist Du wirklich auf jenem Dampfer als Heizer gefahren?
SOHN
Ich war nicht ausdauernd genug — und mußte Passagier bleiben.
MILLIARDÄR
Hat es Dich gereizt —
SOHN
Der Dampfer ist ja das Unwichtigste.
MILLIARDÄR
Du hast Dich auf Deiner Reise über manches gewundert?
SOHN
Wie Schuppen ist es mir von den Augen gefallen. Das ganze Unrecht, das wir begehen, wurde mir offenbar. Wir Reichen — und die andern, die ersticken in Qualm und Qual — und Menschen sind, wie wir. Mit keinem Funken Recht dürfen wir das — weshalb tun wir es? Ich frage Dich, warum? Sage mir eine Antwort, die Dich und mich entschuldigt?
MILLIARDÄR
starrt ihn an.
Das fragst Du?
SOHN
Ich frage Dich — und höre nicht wieder auf zu fragen. Ich bin Dir heute wie noch nie in meinem Leben dankbar. Du hast mir diese Reise geschenkt — ohne die ich blind geblieben wäre.
MILLIARDÄR
Du wirst wieder vergessen.
SOHN
Was in mir ist — mich erfüllt durch und durch? Erst müßte ich mich selbst auslöschen.
MILLIARDÄR
Was — ist in Dir?
SOHN
Das Grauen vor diesem Leben mit seiner Peinigung und Unterdrückung.
MILLIARDÄR
Deine Reiseerlebnisse genügen nicht —
SOHN
Genügen nicht?
MILLIARDÄR
Du übertreibst flüchtige Erfahrungen.
SOHN
Im Blute brennen sie mir! Nach allem anderen das schlagendste Bild: Da am Kai liegt die »Meeresfreiheit«. Bewimpelt, Musik. Auf Deck spazieren die Passagiere in hellen Kleidern, schwatzen — sind lustig. Wenige Meter tiefer die Hölle. Da verbrennen Menschen zuckenden Leibes in heißen Schächten vor fauchenden Feuerlöchern. Damit wir eine schnelle und flotte Fahrt haben! — Ich hatte meinen Fuß schon auf die »Meeresfreiheit« gesetzt — aber ich mußte umkehren — und erst auf diesem »Albatros« schlug mein Gewissen ruhiger!
MILLIARDÄR
Und jetzt hast Du diese Erschütterungen überwunden?
SOHN
Hier erhalten sie die äußerste Steigerung! Hier — auf Deiner Luxusjacht! Scham preßt mir das Blut unter die Stirn! In Sesseln liegen wir träge — und jammern über die Hitze, die von der Sonne kommt. Eiswasser schlürfen wir und sind von keinem Staube im Halse gereizt! — Hier unter den weichen Sohlen Deiner weißen Schuhe brodelt das Fieber. Halbe Dunkelheit herrscht! — Reiße diese Wand von Holzplanken auf — die so dünn ist und so grauenhaft trennt! — und sieh hinab — seht alle hinab — und erlebt es auch: daß euch das Wort im Munde stockt, mit dem ihr euch vor einem da unten brüsten wollt!
Arzt schlendert herein.
SOHN
rasch zu ihm.
Was hat es gegeben, Doktor?
ARZT
Ein gelber Heizer ist zusammengebrochen.
SOHN
Tot?
ARZT
schüttelt den Kopf.
Hitzschlag.
SOHN
Wohin haben Sie ihn gebracht?
ARZT
Ich habe ihn vor den Luftschacht unten legen lassen.
SOHN
Nicht auf das Verdeck geschafft?
ARZT
Nein.
SOHN
kurz.
Warten Sie hier. Ab.
ARZT
läßt sich in einen Sessel fallen — zum Neger.
Eiswasser. Zum Milliardär. Ich finde, daß sich die Nerven außerordentlich bei diesem längeren Stilliegen auf See beruhigen. Ich möchte Ihnen das zweimonatlich je fünf Tage verordnen.
MILLIARDÄR
steht unbeweglich.
ARZT
Ich verspreche mir gute Erfolge für Sie von dieser Diät.
MILLIARDÄR
stumm.
ARZT
Allerdings wird der besondere Reiz, Ihren Sohn zu erwarten, später fehlen, aber Ihre Tochter wird sich erfinderisch in Überraschungen gemäßigterer Art zeigen. Ich werde mit ihr in diesem Sinne sprechen.
Stimmen und Schritte nähern sich.
ARZT
stellt das Glas hin.
Ein Bordspiel im Gange?
Matrosen bringen den halbnackten gelben Heizer.
SOHN
Hierhinein!
ARZT
aufstehend.
Was ist das?
SOHN
Sessel zusammenrücken. Doktor, fassen Sie an. Es geht um ein Leben. Zu den Matrosen. Niederlegen. Zum Neger. Eiswasser. Zum Arzt. Vorwärts, Doktor, Sie verstehen das besser als ich. Waschen Sie die Brust ab. Zum Milliardär. Du erlaubst doch, daß Dein Leibarzt hier Hand anlegt? Zum Arzt. Besteht Gefahr?
KAPITÄN
kommt — gedämpft zum Milliardär.
Ich habe nichts verhindern können.
MILLIARDÄR
schüttelt heftig den Kopf.
Tochter und Sängerin kommen.
SOHN
zur Tochter.
Willst Du uns nicht helfen, Schwester? Ein Mensch kann hier sterben!
TOCHTER
tritt heran.
SOHN
Tauche Deine Hände in das Eiswasser und lege sie ihm auf die heiße Brust. Es ist Deine Pflicht, zu der ich Dich aufrufe!
TOCHTER
tut es.
SOHN
außer sich zum Arzt.
Doktor, Sie müssen ihn retten — sonst bin ich ein Mörder!
MILLIARDÄR
starrt auf die Gruppe — bewegt den Mund — murmelt endlich.
Das Furchtbare!
SÄNGERIN
stellt den Kodak ein — zum Museumsdirektor.
Solche Aufnahme habe ich noch nicht gemacht. Sie knipst.