ZWEITER TEIL
Stube bei Kassierer. Fenster mit abgeblühten Geranien. Zwei Türen hinten, Tür rechts. Tisch und Stühle. Klavier.
Mutter sitzt am Fenster. Erste Tochter stickt am Tisch. Zweite Tochter übt die Tannhäuserouvertüre. Frau geht durch die Tür rechts hinten ein und aus.
MUTTER
Was spielst du jetzt?
ERSTE TOCHTER
Es ist doch die Tannhäuserouvertüre.
MUTTER
Die Weiße Dame ist auch sehr schön.
ERSTE TOCHTER
Die hat sie diese Woche nickt abonniert.
FRAU
kommt.
Es ist Zeit, daß ich die Koteletts brate.
ERSTE TOCHTER
Lange noch nicht, Mutter.
FRAU
Nein, es ist noch nicht Zeit, daß ich die Koteletts brate.
Ab.
MUTTER
Was stickst du jetzt?
ERSTE TOCHTER
Die Langetten.
FRAU
kommt zur Mutter.
Wir haben heute Koteletts.
MUTTER
Bratest du sie jetzt?
FRAU
Es hat noch Zeit. Es ist ja noch nicht Mittag.
ERSTE TOCHTER
Es ist ja noch lange nicht Mittag.
FRAU
Nein, es ist noch lange nicht Mittag.
MUTTER
Wenn er kommt, ist es Mittag.
FRAU
Er kommt noch nicht.
ERSTE TOCHTER
Wenn Vater kommt, ist es Mittag.
FRAU
Ja.
Ab.
ZWEITE TOCHTER
aufhörend, lauschend.
Vater?
ERSTE TOCHTER
ebenso.
Vater?
FRAU
kommt.
Mein Mann?
MUTTER
Mein Sohn?
ZWEITE TOCHTER
öffnet rechts.
Vater!
ERSTE TOCHTER
ist aufgestanden.
Vater!
FRAU
Der Mann!
MUTTER
Der Sohn!
KASSIERER
tritt rechts ein, hängt Hut und Mantel auf.
FRAU
Woher kommst du?
KASSIERER
Vom Friedhof.
MUTTER
Ist jemand plötzlich gestorben?
KASSIERER
klopft ihr auf den Rücken.
Man kann wohl plötzlich sterben, aber nicht plötzlich begraben werden.
FRAU
Woher kommst du?
KASSIERER
Aus dem Grabe. Ich habe meine Stirn durch Schollen gebohrt. Hier hängt noch Eis. Es hat besondere Anstrengungen gekostet, um durchzukommen. Ganz besondere Anstrengungen. Ich habe mir die Finger etwas beschmutzt. Man muß lange Finger machen, um hinauszugreifen. Man liegt tief gebettet. So ein Leben lang schaufelt mächtig. Berge sind auf einen getürmt. Schutt, Müll — es ist ein riesiger Abladeplatz. Die Gestorbenen liegen ihre drei Meter abgezählt unter der Oberfläche — die Lebenden verschüttet es immer tiefer.
FRAU
Du bist eingefroren — oben und unten.
KASSIERER
Aufgetaut! Von Stürmen — frühlinghaft — geschüttelt. Es rauschte und brauste — ich sage dir, es hieb mir das Fleisch herunter, und mein Gebein saß nackt. Knochen — gebleicht in Minuten. Schädelstätte! Zuletzt schmolz mich die Sonne wieder zusammen. Dermaßen von Grund auf geschah die Erneuerung. Da habt ihr mich.
MUTTER
Du bist im Freien gewesen?
KASSIERER
In scheußlichen Verliesen, Mutter! Unter abgrundsteilen Türmen bodenlos verhaftet. Klirrende Ketten betäubten das Gehör. Von Finsternis meine Augen ausgestochen!
FRAU
Die Bank ist geschlossen. Der Direktor hat mit euch getrunken. Es ist ein freudiges Ereignis in seiner Familie?
KASSIERER
Er hat eine neue Mätresse auf dem Korn. Italienerin — Pelz — Seide — wo die Orangen blühen. Handgelenke wie geschliffen. Schwarzhaarig — der Teint ist dunkel. Brillanten. Echt — alles echt. Tos — Tos — der Schluß klingt wie Kanaan. Hol' einen Atlas. Tos — Kanaan. Gibt es das? Ist es eine Insel? Ein Gebirge? Ein Sumpf? Die Geographie kann über alles Auskunft geben! Aber er wird sich schneiden. Glatt abfallen — abgebürstet werden wie ein Flocken. Da liegt er — zappelt auf dem Teppich — Beine kerzengerade in die Luft — das kugelfette Direktorchen!
FRAU
Die Bank hat nicht geschlossen?
KASSIERER
Niemals, Frau. Die Kerker schließen sich niemals. Der Zuzug hat kein Ende. Die ewige Wallfahrt ist unbegrenzt. Wie Hammelherden hopsen sie hinein — in die Fleischbank. Das Gewühl ist dicht. Kein Entrinnen — oder mit keckem Satz über den Rücken!
MUTTER
Dein Mantel ist auf dem Rücken zerrissen.
KASSIERER
Betrachtet meinen Hut. Ein Landstreicher!
ZWEITE TOCHTER
Das Futter ist zerfetzt.
KASSIERER
Greift in die Taschen — rechts — links!
ERSTE TOCHTER
zieht eine Manschette hervor.
ZWEITE TOCHTER
ebenso.
KASSIERER
Befund?
BEIDE TÖCHTER
Deine Manschetten.
KASSIERER
Ohne Knöpfe. Die Knöpfe habe ich hier. Triumph der Kaltblütigkeit! — — Paletot — Hut — ja, es geht ohne Fetzen nicht ab, wenn man über die Rücken setzt. Sie fassen nach einem — sie krallen Nägel ein! Hürden und Schranken — Ordnung muß herrschen. Gleichheit für alle. Aber ein tüchtiger Sprung — nicht gefackelt — und du bist aus dem Pferch — aus dem Göpelwerk. Ein Gewaltstreich, und hier stehe ich! Hinter mir nichts — und vor mir?
Er sieht sich im Zimmer um.
FRAU
starrt ihn an.
MUTTER
halblaut.
Er ist krank.
FRAU
mit raschem Entschluß zur Tür rechts.
KASSIERER
hält sie auf. Zu einer Tochter.
Hol' meine Jacke.
Tochter links hinten hinein, mit verschnürter Samtjacke zurück. Er zieht sie an.
Meine Pantoffeln.
Die andere Tochter bringt sie.
Mein Käppchen.
Tochter kommt mit gestickter Kappe.
Meine Pfeife.
MUTTER
Du sollst nicht rauchen, wenn du schon —
FRAU
beschwichtigt sie hastig.
— Soll ich dir anstecken?
KASSIERER
fertig häuslich gekleidet — nimmt am Tisch eine bequeme Haltung an.
Steck' an.
FRAU
immer sorgenvoll eifrig um ihn bemüht.
Zieht sie?
KASSIERER
mit der Pfeife beschäftigt.
Ich werde sie zur gründlichen Reinigung schicken müssen. Im Rohr sind wahrscheinlich Ansammlungen von unverbrauchten Tabakresten. Der Zug ist nicht frei von inneren Widerständen. Ich muß mehr, als eigentlich notwendig sein sollte, ziehen.
FRAU
Soll ich sie gleich forttragen?
KASSIERER
Nein, geblieben.
Mächtige Rauchwolken ausstoßend.
Annehmbar.
Zur zweiten Tochter.
Spiel'.
ZWEITE TOCHTER
auf das Zeichen der Frau setzt sich ans Klavier und spielt.
KASSIERER
Was ist das für ein Stück?
ZWEITE TOCHTER
atemlos.
Wagner.
KASSIERER
nickt zustimmend. Zur ersten Tochter.
Nähst — flickst — stopfst Du?
ERSTE TOCHTER
sich rasch hinsetzend.
Ich sticke Langetten.
KASSIERER
Praktisch. — Und Mutterchen, Du?
MUTTER
von der allgemeinen Angst angesteckt.
Ich nickte ein bißchen vor mich hin.
KASSIERER
Friedvoll.
MUTTER
Ja, mein Leben ist Frieden geworden.
KASSIERER
zur Frau.
Du?
FRAU
Ich will die Koteletts braten.
KASSIERER
nickt.
Die Küche.
FRAU
Ich brate dir deins jetzt.
KASSIERER
wie vorher.
Die Küche.
FRAU
ab.
KASSIERER
zur ersten Tochter.
Sperre die Türen auf.
ERSTE TOCHTER
stößt die Türen hinten zurück: rechts ist in der Küche die Frau am Herd beschäftigt, links die Schlafkammer mit den beiden Betten.
FRAU
in der Tür.
Ist dir sehr warm?
Wieder am Herd.
KASSIERER
herumblickend.
Alte Mutter am Fenster. Töchter am Tisch stickend — Wagner spielend. Frau die Küche besorgend. Von vier Wänden umbaut — Familienleben. Hübsche Gemütlichkeit des Zusammenseins. Mutter — Sohn — Kind versammelt sind. Vertraulicher Zauber. Er spinnt ein. Stube mit Tisch und Hängelampe. Klavier rechts. Kachelofen. Küche, tägliche Nahrung. Morgens Kaffee, mittags Koteletts. Schlafkammer — Betten, hinein — hinaus. Vertraulicher Zauber. Zuletzt — auf dem Rücken — steif und weiß. Der Tisch wird hier an die Wand gerückt — ein gelber Sarg streckt sich schräg, Beschläge abschraubbar — um die Lampe etwas Flor — ein Jahr wird nicht das Klavier gespielt — — —
ZWEITE TOCHTER
hört auf und läuft schluchzend in die Küche.
FRAU
auf der Schwelle, fliegend.
Sie übt noch an dem neuen Stück.
MUTTER
Warum abonniert sie nicht auf die Weiße Dame?
KASSIERER
verlöscht die Pfeife. Er beginnt sich wieder umzukleiden.
FRAU
Gehst du in die Bank? Du hattest einen Geschäftsweg?
KASSIERER
In die Bank — Geschäftsweg — nein.
FRAU
Wohin willst du jetzt?
KASSIERER
Schwerste Frage, Frau. Ich bin von wehenden Bäumen niedergeklettert, um eine Antwort aufzusuchen. Hier sprach ich zuerst vor. Es war doch selbstverständlich. Es ist ja alles wunderschön — unstreitbare Vorzüge verkleinere ich nicht, aber vor letzten Prüfungen besteht es nicht. Hier liegt es nicht — damit ist der Weg angezeigt. Ich erhalte ein klares Nein.
Er hat seinen früheren Anzug vollendet.
FRAU
zerrissen.
Mann, wie entstellt siehst du aus?
KASSIERER
Landstreicher. Ich sagte es ja. Scheltet nicht! Besser ein verwahrloster Wanderer auf der Straße — als Straßen leer von Wanderern!
FRAU
Wir essen jetzt zu Mittag.
KASSIERER
Koteletts, ich rieche sie.
MUTTER
Vor dem Mittagessen willst du —?
KASSIERER
Ein voller Magen macht schläfrig.
MUTTER
fuchtelt plötzlich mit den Armen durch die Luft, fällt zurück.
ERSTE TOCHTER
Die Großmutter —
ZWEITE TOCHTER
aus der Küche.
Großmutter —
Beide sinken an ihren Knien nieder.
FRAU
steht steif.
KASSIERER
tritt zum Sessel.
Daran stirbt sie, weil einer einmal vor dem Mittagessen weggeht.
Er betrachtet die Tote.
Schmerz? Trübsal? Tränengüsse, verschwemmend? Sind die Bande so eng geknüpft — daß, wenn sie zerrissen, im geballten Leid es sich erfüllt? Mutter — Sohn?
Er holt die Scheine aus der Tasche und wägt sie auf der Hand — schüttelt den Kopf und steckt sie wieder ein.
Keine vollständige Lähmung im Schmerz — kein Erfülltsein bis in die Augen. Augen trocken — Gedanken arbeiten weiter. Ich muß mich eilen, wenn ich zu gültigen Resultaten vorstoßen will!
Er legt sein abgegriffenes Portemonnaie auf den Tisch.
Sorgt. Es ist ehrlich erworbenes Gehalt. Die Erklärung kann von Wichtigkeit werden. Sorgt.
Er geht rechts hinaus.
FRAU
steht unbeweglich.
DIREKTOR
durch die offene Tür rechts.
Ist Ihr Mann zu Hause? — Ist Ihr Mann hierher gekommen? — Ich habe Ihnen leider die betrübende Mitteilung zu machen, daß er sich an der Kasse vergriffen hat. Wir haben seine Verfehlung schon seit einigen Stunden entdeckt. Es handelt sich um die Summe von sechzigtausend Mark, die der Bauverein deponierte. Die Anzeige habe ich in der Hoffnung noch zurückgehalten, daß er sich besinnen würde. — Dies ist mein letzter Versuch. Ich bin persönlich gekommen. — Ihr Mann ist nicht hier gewesen?
Er sieht sich um, gewahrt Jacke, Pfeife usw., alle offenen Türen.
Dem Anschein nach —
Seine Blicke haften auf der Gruppe am Fenster, nickt.
Ich sehe, die Dinge sind schon in ein vorgerücktes Stadium getreten. Dann allerdings —
Er zuckt die Achseln, setzt den Hut auf.
Es bleibt ein aufrichtiges, privates Bedauern, an dem es nicht fehlt — sonst die Konsequenzen.
Ab.
BEIDE TÖCHTER
nähern sich der Frau.
Mutter —
FRAU
ausbrechend.
Kreischt mir nicht in die Ohren. Glotzt mich nicht an. Was wollt ihr von mir? Wer seid ihr? Fratzen — Affengesichter — was geht ihr mich an?
Über den Tisch geworfen.
Mich hat mein Mann verlassen!!
BEIDE TÖCHTER
scheu — halten sich an den Händen.
Sportpalast. Sechstagerennen. Bogenlampenlicht.
Im Dunstraum rohgezimmerte freischwebende Holzbrücke. Die jüdischen Herren als Kampfrichter kommen und gehen. Alle sind ununterscheidbar: kleine bewegliche Gestalten, in Smoking, stumpfen Seidenhut im Nacken, am Riemen das Binokel.
Rollendes Getöse von Rädern über Bohlen.
Pfeifen, Heulen, Meckern geballter Zuschauermenge aus Höhe und Tiefe. Musikkapellen.
EIN HERR
kommend.
Ist alles vorbereitet?
EIN HERR
Sehen Sie doch.
EIN HERR
durchs Glas.
Die Blattpflanzen —
EIN HERR
Was ist mit den Blattpflanzen?
EIN HERR
Zweifellos.
EIN HERR
Was ist denn mit den Blattpflanzen?
EIN HERR
Wer hat denn das Arrangement gestellt?
EIN HERR
Sie haben recht.
EIN HERR
Das ist ja irrsinnig.
EIN HERR
Hat sich denn niemand um die Aufstellung gekümmert?
EIN HERR
Einfach lächerlich.
EIN HERR
Der Betreffende muß selbst blind sein.
EIN HERR
Oder schlafen.
EIN HERR
Das ist die einzig annehmbare Erklärung bei dieser Veranstaltung.
EIN HERR
Was reden Sie — schlafen? Wir fahren doch erst in der vierten Nacht.
EIN HERR
Die Kübel müssen mehr auf die Seite gerückt werden.
EIN HERR
Gehen Sie?
EIN HERR
Ganz an die Wände.
EIN HERR
Der Überblick muß frei auf die ganze Bahn sein.
EIN HERR
Die Loge muß offen liegen.
EIN HERR
Ich gehe mit.
Alle ab.
EIN HERR
kommt, feuert einen Pistolenschuß. Ab.
ZWEI HERREN
kommen mit einem rotlackierten Megaphon.
DER EINE HERR
Wie hoch ist die Prämie?
DER ANDERE HERR
Achtzig Mark. Dem ersten fünfzig. Dem zweiten dreißig.
DER EINE HERR
Drei Runden. Mehr nicht. Wir erschöpfen die Fahrer.
DER ANDERE HERR
spricht durch das Megaphon.
Eine Preisstiftung von achtzig Mark aus der Bar sofort auszufahren über drei Runden! dem ersten fünfzig Mark — dem zweiten dreißig Mark.
Händeklatschen.
MEHRERE HERREN
kommen, einer mit einer roten Fahne.
EIN HERR
Geben Sie den Start.
EIN HERR
Noch nicht, Nummer sieben wechselt die Mannschaft.
EIN HERR
Start.
EIN HERR
senkt die rote Fahne.
Anwachsender Lärm. Dann Händeklatschen und Pfeifen.
EIN HERR
Die Schwachen müssen auch mal gewinnen.
EIN HERR
Es ist gut, daß die Großen sich zurückhalten.
EIN HERR
Die Nacht wird ihnen noch zu schaffen machen.
EIN HERR
Die Aufregung unter den Fahrern ist ungeheuer.
EIN HERR
Es läßt sich denken.
EIN HERR
Passen Sie auf, diese Nacht fällt die Entscheidung.
EIN HERR
achselzuckend.
Die Amerikaner sind noch frisch.
EIN HERR
Unsere Deutschen werden ihnen schon auf den Zahn fühlen.
EIN HERR
Jedenfalls hätte sich dann der Besuch gelohnt.
EIN HERR
durchs Glas.
Jetzt ist die Loge klar.
Alle bis auf den Herrn mit dem Megaphon ab.
EIN HERR
mit einem Zettel.
Das Resultat.
DER HERR
durchs Megaphon.
Prämie aus der Bar: fünfzig Mark für Nummer elf, dreißig Mark für Nummer vier.
Musiktusch.
Pfeifen und Klatschen.
Die Brücke ist leer.
Ein Herr kommt mit Kassierer. Kassierer im Frack, Frackumhang, Zylinder, Glacés; Bart ist spitz zugestutzt; Haar tief gescheitelt.
KASSIERER
Erklären Sie mir den Sinn —
DER HERR
Ich stelle Sie vor.
KASSIERER
Mein Name tut nichts zur Sache.
DER HERR
Sie haben ein Recht, daß ich Sie mit dem Präsidium bekannt mache.
KASSIERER
Ich bleibe inkognito.
DER HERR
Sie sind ein Freund unsres Sports.
KASSIERER
Ich verstehe nicht das mindeste davon. Was machen die Kerle da unten? Ich sehe einen Kreis und die bunte Schlangenlinie. Manchmal mischt sich ein anderer ein und ein anderer hört auf. Warum?
DER HERR
Die Fahrer liegen paarweise im Rennen. Während ein Partner fährt —
KASSIERER
Schläft sich der andere Bengel aus?
DER HERR
Er wird massiert.
KASSIERER
Und das nennen Sie Sechstagerennen?
DER HERR
Wieso?
KASSIERER
Ebenso könnte es Sechstageschlafen heißen. Geschlafen wird ja fortwährend von einem Partner.
EIN HERR
kommt.
Die Brücke ist nur für die Leitung des Rennens erlaubt.
DER ERSTE HERR
Eine Stiftung von tausend Mark dieses Herrn.
DER ANDERE HERR
Gestatten Sie mir, daß ich mich vorstelle.
KASSIERER
Keineswegs.
DER ERSTE HERR
Der Herr wünscht sein Inkognito zu wahren.
KASSIERER
Undurchsichtig.
DER ERSTE HERR
Ich habe Erklärungen gegeben.
KASSIERER
Ja, finden Sie es nicht komisch?
DER ZWEITE HERR
Inwiefern?
KASSIERER
Dies Sechstageschlafen.
DER ZWEITE HERR
Also tausend Mark über wieviel Runden?
KASSIERER
Nach Belieben.
DER ZWEITE HERR
Wieviel dem ersten?
KASSIERER
Nach Belieben.
DER ZWEITE HERR
Achthundert und zweihundert.
Durchs Megaphon.
Preisstiftung eines ungenannt bleiben wollenden Herrn über zehn Runden sofort auszufahren: dem ersten achthundert — dem zweiten zweihundert. Zusammen tausend Mark.
Gewaltiger Lärm.
DER ERSTE HERR
Dann sagen Sie mir, wenn die Veranstaltung für Sie nur Gegenstand der Ironie ist, weshalb machen Sie eine Preisstiftung in der Höhe von tausend Mark?
KASSIERER
Weil die Wirkung fabelhaft ist.
DER ERSTE HERR
Auf das Tempo der Fahrer?
KASSIERER
Unsinn.
EIN HERR
kommend.
Sind Sie der Herr, der tausend Mark stiftet?
KASSIERER
In Gold.
DER HERR
Das würde zu lange aufhalten.
KASSIERER
Das Aufzählen? Sehen Sie zu.
Er holt eine Rolle heraus, reißt sie auf, schüttet den Inhalt auf die Hand, prüft die leere Papierhülse, schleudert sie weg und zählt behende die klimpernden Goldstücke in seine Handhöhle.
Außerdem erleichtere ich meine Taschen.
DER HERR
Mein Herr, Sie sind ein Fachmann in dieser Angelegenheit.
KASSIERER
Ein Detail, mein Herr.
Er übergibt den Betrag.
Nehmen Sie an.
DER HERR
Dankend erhalten.
KASSIERER
Nur ordnungsmäßig.
EIN HERR
kommend.
Wo ist der Herr? Gestatten Sie —
KASSIERER
Nichts.
EIN HERR
mit der roten Fahne.
Den Start gebe ich.
EIN HERR
Jetzt werden die Großen ins Zeug gehen.
EIN HERR
Die Flieger liegen sämtlich im Rennen.
DER HERR
die Fahne schwingend.
Der Start.
Er senkt die Fahne.
Heulendes Getöse entsteht.
KASSIERER
zwei Herren im Nacken packend und ihre Köpfe nach hinten biegend.
Jetzt will ich Ihnen die Antwort auf Ihre Frage geben. Hinauf geschaut!
EIN HERR
Verfolgen Sie doch die wechselnden Phasen des Kampfes unten auf der Bahn.
KASSIERER
Kindisch. Einer muß der erste werden, weil die andern schlechter fahren. — Oben entblößt sich der Zauber. In dreifach übereinandergelegten Ringen — vollgepfropft mit Zuschauern — tobt Wirkung. Im ersten Rang — anscheinend das bessere Publikum tut sich noch Zwang an. Nur Blicke, aber weit — rund — stierend. Höher schon Leiber in Bewegung. Schon Ausrufe. Mittlerer Rang! — Ganz oben fallen die letzten Hüllen. Fanatisiertes Geschrei. Brüllende Nacktheit. Die Galerie der Leidenschaft! — Sehen Sie doch: die Gruppe. Fünffach verschränkt. Fünf Köpfe auf einer Schulter. Um eine heulende Brust gespreizt fünf Armpaare. Einer ist der Kern. Er wird erdrückt — hinausgeschoben — da purzelt sein steifer Hut — im Dunst träge sinkend — zum mittleren Rang nieder. Einer Dame auf den Busen. Sie kapiert es nicht. Da ruht er köstlich. Köstlich. Sie wird den Hut nie bemerken, sie geht mit ihm zu Bett, zeitlebenslang trägt sie den steifen Hut auf ihrem Busen!
DER HERR
Der Belgier setzt zum Spurt an.
KASSIERER
Der mittlere Rang kommt ins Heulen. Der Hut hat die Verbindung geschlossen. Die Dame hat ihn gegen die Brüstung zertrümmert. Ihr Busen entwickelt breite Schwielen. Schöne Dame, du mußt hier an die Brüstung und deine Büste brandmarken. Du mußt unweigerlich. Es ist sinnlos, sich zu sträuben. Mitten im Knäuel verkrallt wirst du an die Wand gepreßt und mußt hergeben, was du bist. Was du bist — ohne Winseln!
DER HERR
Kennen Sie die Dame?
KASSIERER
Sehen Sie jetzt: oben die fünf drängen ihren Kern über die Barriere — er schwebt frei — er stürzt — da — in den ersten Rang segelt er hinein. Wo ist er? Wo erstickt er? Ausgelöscht — spurlos vergraben. Interesselos. Ein Zuschauer — ein Zufallender — ein Zufall, nicht mehr unter Abertausenden!
EIN HERR
Der Deutsche rückt auf.
KASSIERER
Der erste Rang rast. Der Kerl hat den Kontakt geschaffen. Die Beherrschung ist zum Teufel. Die Fräcke beben. Die Hemden reißen. Knöpfe prasseln in alle Richtungen. Bärte verschoben von zersprengten Lippen, Gebisse klappern. Oben und mitten und unten vermischt. Ein Heulen aus allen Ringen — unterschiedlos. Unterschiedlos. Das ist erreicht!
DER HERR
sich umwendend.
Der Deutsche hat's. Was sagen Sie nun?
KASSIERER
Albernes Zeug.
Furchtbarer Lärm. Händeklatschen.
EIN HERR
Fabelhafter Spurt.
KASSIERER
Fabelhafter Blödsinn.
EIN HERR
Wir stellen das Resultat im Büro fest.
Alle ab.
KASSIERER
jenen Herrn festhaltend.
Haben Sie noch einen Zweifel?
DER HERR
Die Deutschen machen das Rennen.
KASSIERER
In zweiter Linie das, wenn Sie wollen.
Hinaufweisend.
Das ist es, das ist als Tatsache erdrückend. Das ist letzte Ballung des Tatsächlichen. Hier schwingt es sich zu seiner schwindelhaften Leistung auf. Vom ersten Rang bis in die Galerie Verschmelzung. Aus siedender Auflösung des einzelnen geballt der Kern: Leidenschaft! Beherrschungen — Unterschiede rinnen ab. Verkleidungen von Nacktheit gestreift: Leidenschaft! — Hier vorzustoßen ist Erlebnis. Türen — Tore verschweben zu Dunst. Posaunen schmettern und Mauern kieseln. Kein Widerstreben — keine Keuschheit — keine Mütterlichkeit — keine Kindschaft: Leidenschaft! Das ist es. Das ist es. Das lohnt. Das lohnt den Griff — das bringt auf breitem Präsentierbrett den Gewinn geschichtet!
EIN HERR
kommend.
Die Sanitätskolonne funktioniert tadellos.
KASSIERER
Ist der Kerl stürzend zermahlen?
EIN HERR
Zertreten.
KASSIERER
Es geht nicht ohne Tote ab, wo andere fiebernd leben.
EIN HERR
durchs Megaphon.
Resultat der Preisstiftung des ungenannt bleiben wollenden Herrn: achthundert Mark gewonnen von Nummer zwei — zweihundert Mark von Nummer eins.
Wahnsinniger Beifall. Tusch.
EIN HERR
Die Mannschaften sind erschöpft.
EIN HERR
Das Tempo fällt zusehend ab.
EIN HERR
Wir müssen die Manager für Ruhe im Felde sorgen lassen.
KASSIERER
Eine neue Stiftung!
EIN HERR
Später, mein Herr.
KASSIERER
Keine Unterbrechung in dieser Situation.
EIN HERR
Die Situation wird für die Fahrer gefährlich.
KASSIERER
Ärgern Sie mich nicht mit den Bengels. Das Publikum kocht in Erregungen. Das muß ausgenutzt werden. Der Brand soll eine nie erlebte Steigerung erfahren. Fünfzigtausend Mark.
EIN HERR
Wahrhaftig?
EIN HERR
Wieviel?
KASSIERER
Ich setze alles dran.
EIN HERR
Das ist eine unerhörte Preisstiftung.
KASSIERER
Unerhört soll die Wirkung sein. Alarmieren Sie die Sanitätskolonnen in allen Ringen.
EIN HERR
Wir akzeptieren die Stiftung. Wir werden sie bei besetzter Loge ausfahren lassen.
EIN HERR
Prachtvoll.
EIN HERR
Großartig.
EIN HERR
Durchaus lohnender Besuch.
KASSIERER
Was heißt das! bei besetzter Loge?
EIN HERR
Wir beraten die Bedingungen im Büro. Dreißigtausend dem ersten, fünfzehntausend dem zweiten — fünftausend dem dritten.
EIN HERR
Das Feld wird in dieser Nacht gesprengt.
EIN HERR
Damit ist das Rennen so gut wie aus.
EIN HERR
Jedenfalls: bei besetzter Loge.
Alle ab.
Mädchen der Heilsarmee kommt.
Gelächter der Zuschauer. Pfiffe. Rufe.
MÄDCHEN
anbietend.
Der Kriegsruf — zehn Pfennig, mein Herr.
KASSIERER
Andermal.
MÄDCHEN
Der Kriegsruf, mein Herr.
KASSIERER
Was verhökern Sie da für ein Kümmelblättchen?
MÄDCHEN
Der Kriegsruf, mein Herr.
KASSIERER
Sie treten verspätet auf. Hier ist die Schlacht in vollem Betrieb.
MÄDCHEN
mit der Blechbüchse.
Zehn Pfennig, mein Herr.
KASSIERER
Für zehn Pfennig wollen Sie Krieg entfachen?
MÄDCHEN
Zehn Pfennig, mein Herr.
KASSIERER
Ich bezahle hier Kriegskosten mit fünfzigtausend.
MÄDCHEN
Zehn Pfennig.
KASSIERER
Lumpiges Handgemenge. Ich subventioniere nur Höchstleistungen.
MÄDCHEN
Zehn Pfennig.
KASSIERER
Ich trage nur Gold bei mir.
MÄDCHEN
Zehn Pfennig.
KASSIERER
Gold —
MÄDCHEN
Zehn —
KASSIERER
brüllt sie durchs Megaphon an.
Gold — Gold — Gold!
MÄDCHEN
ab.
Wieherndes Gelächter der Zuschauer. Händeklatschen. Viele Herren kommen.
EIN HERR
Wollen Sie selbst Ihre Stiftung bekanntgeben?
KASSIERER
Ich bleibe im undeutlichen Hintergrund.
Er gibt ihm das Megaphon.
Jetzt sprechen Sie. Jetzt teilen Sie die letzte Erschütterung aus.
EIN HERR
durchs Megaphon.
Eine neue Preisstiftung desselben ungenannt bleiben wollenden Herrn.
Bravorufe.
Gesamtsumme fünfzigtausend Mark.
Betäubendes Schreien.
Fünftausend Mark dem dritten.
Schreien.
Fünfzehntausend Mark dem zweiten.
Gesteigertes Schreien.
Dem ersten dreißigtausend Mark.
Ekstase.
KASSIERER
beiseite stehend, kopfnickend.
Das wird es. Daher sträubt es sich empor. Das sind Erfüllungen. Heulendes Wehen vom Frühlingsorkan. Wogender Menschheitsstrom. Entkettet — frei. Vorhänge hoch — Vorwände nieder. Menschheit. Freie Menschheit. Hoch und tief — Mensch. Keine Ringe — keine Schichten — keine Klassen. Ins Unendliche schweifende Entlassenheit aus Fron und Lohn in Leidenschaft. Rein nicht — doch frei! — Das wird der Erlös für meine Keckheit.
Er zieht das Bündel Scheine hervor.
Gern gegeben — anstandslos beglichen!
Plötzlich lautlose Stille.
Nationalhymne.
Die Herren haben die Seidenhüte gezogen und stehen verneigt.
EIN HERR
tritt zum Kassierer.
Händigen Sie mir den Betrag ein, um die Stiftung jetzt sofort ausfahren zu lassen.
KASSIERER
Was bedeutet das?
DER HERR
Was, mein Herr?
KASSIERER
Dieses jähe, unvermittelte Schweigen oben und unten?
DER HERR
Durchaus nicht unvermittelt: Seine Hoheit sind in die Loge getreten.
KASSIERER
Seine Hoheit — in die Loge — —
DER HERR
Um so günstiger kommt uns Ihre bedeutende Stiftung.
KASSIERER
Ich denke nicht daran, mein Geld zu vergeuden!
DER HERR
Was heißt das?
KASSIERER
Daß es mir für die Fütterung von krummen Buckeln zu teuer ist!
DER HERR
Erklären Sie mir —
KASSIERER
Dieser eben noch lodernde Brand ausgetreten von einem Lackstiefel am Bein Seiner Hoheit. Sind Sie toll, mich für so verrückt zu halten, daß ich zehn Pfennig vor Hundeschnauzen werfe! Auch das wäre noch zu viel. Einen Fußtritt gegen den eingeklemmten Schweif, das ist die gebotene Stiftung!
DER HERR
Die Stiftung ist angekündigt. Seine Hoheit warten in der Loge. Das Publikum verharrt ehrfürchtig. Was soll das heißen?
KASSIERER
Wenn Sie es denn nicht aus meinen Worten begreifen — dann werden Sie die nötige Einsicht gewinnen, indem ich Ihnen mit einem Schlage ein einwandfreies Bekenntnis meinerseits beibringe!
Er treibt ihm den Seidenhut auf die Schultern.
Ab.
Noch Hymne. Schweigen. Verbeugtsein auf der Brücke.
Ballhaus. Sonderzimmer.
Noch dunkel.
Gedämpft: Orchester mit Tanzrhythmen.
KELLNER
öffnet die Tür, dreht rotes Licht an.
KASSIERER
Frack, Umhang, Schal, Bambusrohr mit Goldknopf.
KELLNER
Gefällig?
KASSIERER
Ganz.
KELLNER
nimmt Umhang in Empfang.
KASSIERER
vorm Spiegel.
KELLNER
Wieviel Gedecke belieben?
KASSIERER
Vierundzwanzig. Ich erwarte meine Großmama, meine Mama, meine Frau und weitere Tanten. Ich feiere die Konfirmation meiner Tochter.
KELLNER
staunend.
KASSIERER
zu ihm im Spiegel.
Esel. Zwei! Oder wozu polstern Sie diese diskret illuminierten Kojen?
KELLNER
Welche Marke bevorzugen der Herr?
KASSIERER
Gesalbter Kuppler. Das überlassen Sie mir, mein Bester, welche Blume ich mir auf dem Parkett pflücke, Knospe oder Rose — kurz oder schlank. Ich will Ihre unschätzbaren Dienste nicht übermäßig anspannen. Unschätzbar — oder führen Sie auch darüber feste Tarife?
KELLNER
Die Sektmarke des Herrn?
KASSIERER
räuspert.
Grand Marnier.
KELLNER
Das ist Kognak nach dem Sekt.
KASSIERER
Also — darin richte ich mich entgegenkommend nach Ihnen.
KELLNER
Zwei Flaschen Pommery. Dry?
KASSIERER
Zwei, wie Sie sagten.
KELLNER
Extra dry?
KASSIERER
Zwei decken den anfänglichen Bedarf. Oder für diskrete Bedienung drei Flaschen extra? Gewährt.
KELLNER
mit der Karte.
Das Souper?
KASSIERER
Spitzen, Spitzen.
KELLNER
Oeufs pochés Bergère? Poulet grillé? Steak de veau truffé? Parfait de foie gras en croûte? Salade coeur de laitue?
KASSIERER
Spitzen — von Anfang bis zu Ende nur Spitzen.
KELLNER
Pardon?
KASSIERER
ihm auf die Nase tippend.
Spitzen sind letzte Ballungen in allen Dingen. Also auch aus Ihren Kochtöpfen und Bratpfannen. Das Delikateste vom Delikaten. Das Menu der Menus. Zur Garnierung bedeutsamerer Vorgänge. Ihre Sache, mein Freund, ich bin nicht der Koch.
KELLNER
stellt eine größere Karte auf den Tisch.
In zwanzig Minuten zu servieren.
Er ordnet die Gläser usw.
Durch die Türspalte Köpfe mit seidenen Larven.
KASSIERER
in den Spiegel mit dem Finger drohend.
Wartet, Motten, ich werde euch gleich unter das Glühlicht halten. Wir werden uns über diesen Punkt auseinandersetzen, wenn wir beieinandersitzen.
Er nickt.
Die kichernden Masken ab.
KELLNER
hängt einen Karton: Reserviert! — an die Tür. Ab.
KASSIERER
schiebt den Zylinder zurück, entnimmt einem goldenen Etui Zigaretten, zündet an.
Auf in den Kampf, Torero — — Was einem nicht alles auf die Lippen kommt. Man ist ja geladen. Alles — einfach alles. Torero — Carmen. Caruso. Den Schwindel irgendwo mal gelesen — haften geblieben. Aufgestapelt. Ich könnte in diesem Augenblick Aufklärungen geben über die Verhandlungen mit der Bagdadbahn. Der Kronprinz von Rumänien heiratet die zweite Zarentochter. Tatjana. Also los. Sie soll sich verheiraten. Vergnügtes Himmelbett. Das Volk braucht Fürsten. Tat — Tat — jana.
Den Bambus wippend, ab.
KELLNER
mit Flaschen und Kühler; entkorkt und gießt ein. Ab.
KASSIERER
eine weibliche Maske — Harlekin in gelbrotkariertem, von Fuß zu offener Brust knabenhaft anliegendem Anzug — vor sich scheuchend herein.
Motte!
MASKE
um den Tisch laufend.
Sekt!
Sie gießt sich beide Gläser Sekt in den Mund, fällt ins Sofa.
Sekt!
KASSIERER
neu vollgießend.
Flüssiges Pulver. Lade deinen scheckigen Leib.
MASKE
trinkt
Sekt!
KASSIERER
Batterien aufgefahren und Entladungen vorbereitet.
MASKE
Sekt!
KASSIERER
die Flaschen wegstellend.
Leer.
Er kommt in die Polster zur Maske.
Fertig zur Explosion.
MASKE
lehnt betrunken hinüber.
KASSIERER
rüttelt ihre schlaffen Arme.
Munter, Motte.
MASKE
faul.
KASSIERER
Aufgerappelt, bunter Falter. Du hast den prickelnden gelben Honig geleckt. Entfalte Falterflügel. Überfalle mich mit dir. Vergrabe mich, decke mich zu. Ich habe mich in einigen Beziehungen mit den gesicherten Zuständen überworfen — überwirf mich mit dir.
MASKE
lallt.
Sekt.
KASSIERER
Nein, mein Paradiesvogel. Du hast deine hinreichende Ladung. Du bist voll.
MASKE
Sekt.
KASSIERER
Keinen Spritzer. Du wirst sonst unklar. Du bringst mich um schöne Möglichkeiten.
MASKE
Sekt.
KASSIERER
Oder hast du keine? Also — auf den Grund gelotet; was hast du?
MASKE
Sekt.
KASSIERER
Den hast du allerdings. Das heißt: von mir. Was habe ich von dir?
MASKE
schläft ein.
KASSIERER
Willst du dich hier ausschlafen? Kleiner Schäker. Zu dermaßen ausgedehnten Scherzen fehlt mir diesmal die Zeit.
Er steht auf, füllt ein Glas und schüttet es ihr ins Gesicht.
Frühmorgens, wenn die Hähne krähn.
MASKE
springt auf.
Schwein!
KASSIERER
Aparter Name. Leider bin ich nicht in der Lage, deine Vorstellung zu erwidern. Also, Maske der weitverzweigten Rüsselfamilie, räume die Polster.
MASKE
Das werde ich Sie eintränken.
KASSIERER
Mehr als billig, nachdem ich dir hinreichend eingetränkt.
MASKE
ab.
KASSIERER
trinkt Sekt; ab.
KELLNER
kommt, bringt Kaviar; nimmt leere Flaschen mit.
KASSIERER
kommt mit zwei schwarzen Masken.
ERSTE MASKE
die Tür zuwerfend.
Reserviert.
ZWEITE MASKE
am Tisch.
Kaviar.
ERSTE MASKE
hinlaufend.
Kaviar.
KASSIERER
Schwarz wie ihr. Eßt ihn auf. Stopft ihn euch in den Hals.
Er sitzt zwischen beiden im Polster.
Sagt Kaviar. Flötet Sekt. Auf euren eigenen Witz verzichte ich.
Er gießt ein, füllt die Teller.
Ihr sollt nicht zu Worte kommen. Mit keiner Silbe, mit keinem Juchzer. Stumm wie die Fische, die diesen schwarzen Kaviar über das Schwarze Meer laichten. Kichert, meckert, aber redet nicht. Es kommt nichts dabei aus euch heraus. Höchstens ihr aus euren Polstern. Ich habe schon einmal ausgeräumt.
MASKEN
sehen sich kichernd an.
KASSIERER
die erste packend.
Was hast du für Augen? Grüne — gelbe?
Zur andern.
Deine blau — rot? Reizendes Kugelspiel in den Schlitzen. Das verheißt. Das muß heraus. Ich setze einen Preis für die schönste!
MASKEN
lachen.
KASSIERER
zur ersten.
Du bist die schönere. Du wehrst dich mächtig. Warte, ich reiße dir den Vorhang herunter und schaue das Ereignis an!
MASKE
entzieht sich ihm.
KASSIERER
zur andern.
Du hast dich zu verbergen? Du bist aus Scham überwältigend. Du hast dich in diesen Ballsaal verirrt. Du streifst auf Abenteuer. Du hast deinen Abenteurer gefunden, den du suchst. Von deinem Milch und Blut die Larve herunter!
MASKE
rückt von ihm weg.
KASSIERER
Ich bin am Ziel. Ich sitze zitternd — mein Blut ist erwühlt. Das wird es! — Und nun bezahlt.
Er holt den Pack Scheine heraus und teilt ihn.
Schöne Maske, weil du schön bist. Schöne Maske, weil du schön bist.
Er hält die Hände vor das Gesicht.
Eins — zwei — drei!
MASKEN
lüften ihre Larven.
KASSIERER
blickt hin — lacht.
Deckt zu — deckt zu — deckt zu!
Er läuft um den Tisch.
Scheusal — Scheusal — Scheusal! Wollt ihr gleich — aber sofort — oder —
Er schwingt seinen Bambus.
ERSTE MASKE
Wollen Sie uns —
ZWEITE MASKE
Sie wollen uns —
KASSIERER
Euch will ich!
MASKEN
ab.
KASSIERER
schüttelt sich, trinkt Sekt.
Kontrakte Vetteln!
Ab.
KELLNER
mit neuen Flaschen. Ab.
KASSIERER
stößt die Tür auf: im Tanz mit einer Pierrette, der der Rock bis auf die Schuhe reicht, herein. Er läßt sie in der Mitte stehen und wirft sich in die Polster.
Tanze!
MASKE
steht still.
KASSIERER
Tanze. Drehe deinen Wirbel. Tanze, tanze. Witz gilt nicht. Hübschheit gilt nicht. Tanz ist es, drehend — wirbelnd. Tanz. Tanz. Tanz!
MASKE
kommt an den Tisch.
KASSIERER
abwehrend.
Keine Pause. Keine Unterbrechung. Tanze.
MASKE
steht still.
KASSIERER
Warum springst du nicht? Weißt du, was Derwische sind? Tanzmenschen. Menschen im Tanz — ohne Tanz Leichen. Tod und Tanz — an den Ecken des Lebens aufgerichtet. Dazwischen —
Das Mädchen der Heilsarmee tritt ein.
KASSIERER
Halleluja.
MÄDCHEN
Der Kriegsruf.
KASSIERER
Zehn Pfennig.
MÄDCHEN
hält die Büchse hin.
KASSIERER
Wann denkst du, daß ich in deine Büchse springe?
MÄDCHEN
Der Kriegsruf.
KASSIERER
Du erwartest es doch mit Bestimmtheit von mir?
MÄDCHEN
Zehn Pfennig.
KASSIERER
Also wann?
MÄDCHEN
Zehn Pfennig.
KASSIERER
Du hängst mir doch an den Frackschößen?
MÄDCHEN
schüttelt die Büchse.
KASSIERER
Und ich schüttle dich wieder ab!
MÄDCHEN
schüttelt.
KASSIERER
Also —
Zur Maske.
Tanze!
MÄDCHEN
ab.
MASKE
kommt in die Polster.
KASSIERER
Warum sitzt du in den Ecken des Saals und tanzt nicht in der Mitte? Du hast mich aufmerksam auf dich gemacht. Alle springen, und du bleibst ruhig dabei. Warum trägst du Röcke, während alle andern wie schlanke Knaben entkleidet sind?
MASKE
Ich tanze nicht.
KASSIERER
Du tanzt nicht wie die andern?
MASKE
Ich kann nicht tanzen.
KASSIERER
Nicht nach der Musik — taktmäßig. Das ist auch albern. Du weißt andere Tänze. Du verhüllst etwas unter deinen Kleidern — deine besonderen Sprünge, nicht in die Klammern von Takten und Schritten zu pressen. Eiligere Schwenkungen, die sind deine Spezialität.
Alles vom Tisch auf den Teppich schiebend.
Hier ist dein Tanzbrett. Spring auf. Im engen Bezirk dieser Tafel grenzenloser Tumult. Spring auf. Vom Teppich hüpf' auf. Mühelos. Von Spiralen gehoben, die in deinen Knöcheln federn. Spring. Stachle deine Fersen. Wölbe die Schenkel. Wehe deine Röcke auf über deinem Tanzbein.
MASKE
schmiegt sich im Polster an ihn.
Ich kann nicht tanzen.
KASSIERER
Du peitschst meine Spannung. Du weißt nicht, um was es geht. Du sollst es wissen.
Er zeigt ihr die Scheine.
Um alles!
MASKE
führt seine Hand an ihrem Bein herab.
Ich kann nicht.
KASSIERER
springt auf.
Ein Holzbein!!
Er faßt den Sektkühler und stülpt ihn ihr über.
Es soll Knospen treiben, ich begieße es!
MASKE
Jetzt sollen Sie was erleben!
KASSIERER
Ich will ja was erleben!
MASKE
Warten Sie hier!
Ab.
KASSIERER
legt einen Schein auf den Tisch, nimmt Umhang und Stock, beeilt ab.
Herren im Frack kommen.
EIN HERR
Wo ist der Kerl?
EIN HERR
Den Kumpan wollen wir uns näher ansehen.
EIN HERR
Uns erst die Mädchen ausspannen —
EIN HERR
Mit Sekt und Kaviar auftrumpfen —
EIN HERR
Hinterher beschimpfen —
EIN HERR
Das Bürschchen werden wir uns kaufen —
EIN HERR
Wo steckt er?
EIN HERR
Abgeräumt!
EIN HERR
Ausgebrannt!
EIN HERR
Der Kavalier hat Lunte gerochen.
EIN HERR
den Schein entdeckend.
Ein Tausender.
EIN HERR
Donnerkeil.
EIN HERR
Draht muß er haben.
EIN HERR
Ist das die Zeche?
EIN HERR
Ach was, durchgegangen ist er. Den Bräunling machen wir unsichtbar.
Er steckt ihn ein.
EIN HERR
Das ist die Entschädigung.
EIN HERR
Die Mädchen hat er uns ausgespannt.
EIN HERR
Laßt doch die Weiber sitzen.
EIN HERR
Die sind ja doch besoffen.
EIN HERR
Die bedrecken uns bloß unsere Fräcke.
EIN HERR
Wir ziehen in ein Bordell und pachten den Bums drei Tage.
MEHRERE HERREN
Bravo. Los. Verduften wir. Achtung, der Kellner kommt.
KELLNER
mit vollbesetztem Servierbrett; vorm Tisch bestürzt.
EIN HERR
Suchen Sie jemanden?
EIN HERR
Servieren Sie ihm doch unter dem Tisch weiter.
Gelächter.
KELLNER
ausbrechend.
Der Sekt — das Souper — das reservierte Zimmer — nichts ist bezahlt. Vier Flaschen Pommery — zwei Portionen Kaviar — zwei Extramenus — ich muß für alles aufkommen. Ich habe Frau und Kinder. Ich bin seit vier Monaten ohne Stellung gewesen. Ich hatte mir eine schwache Lunge zugezogen. Sie können mich doch nicht unglücklich machen, meine Herren?
EIN HERR
Was geht uns denn Ihre Lunge an? Frau und Kinder haben wir alle. Was wollen Sie denn von uns? Sind wir Ihnen denn etwa durch die Lappen gebrannt? Was denn?
EIN HERR
Was ist denn das überhaupt für ein Lokal? Wo sind wir denn hier? Das ist ja eine hundsgemeine Zechprellerbude. In solche Gesellschaft locken Sie Gäste? Wir sind anständige Gäste, die bezahlen, was sie saufen. Wie? Oder wie?
EIN HERR
der den Schlüssel in der Tür umgesteckt hatte.
Sehen Sie doch mal hinter sich. Da haben Sie unsere Zeche auch!
Er versetzt dem Kellner, der sich umgewandt hatte, einen Stoß in den Rücken.
KELLNER
taumelt vornüber, fällt auf den Teppich.
HERREN
ab.
KELLNER
richtet sich auf, läuft zur Tür, findet sie verschlossen. Mit den Fäusten auf das Holz schlagend.
Laßt mich heraus — Ihr sollt nicht bezahlen — ich springe ins Wasser!
Lokal der Heilsarmee — zur Tiefe gestreckt, abgefangen von gelbem Vorhang mit aufgenähtem schwarzen Kreuz, groß, um einen Menschen aufzunehmen. Auf dem Podium rechts Bußbank — links die Posaunen und Kesselpauken.
Dicht besetzte Bankreihen.
Über allem Kronleuchter mit Gewirr von Drähten für elektrische Lampen.
Vorn Saaltür.
Musik der Posaunen und Kesselpauken.
Aus einer Ecke Händeklatschen und Gelächter.
SOLDAT
Mädchen — geht dahin und setzt sich zu dem Lärmmacher — einem Kommis — nimmt seine Hände und flüstert auf ihn ein.
JEMAND
aus der andern Ecke.
Immer dicht an.
SOLDAT
Mädchen — geht zu diesem, einem jugendlichen Arbeiter.
ARBEITER
Was wollen Sie denn?
SOLDAT
sieht ihn kopfschüttelnd ernst an.
Gelächter.
OFFIZIER
Frau — oben auftretend.
Ich habe euch eine Frage vorzulegen.
Einige zischen zur Ruhe.
ANDERE
belustigt.
Lauter reden. Nicht reden. Musik. Pauke. Posaunenengel.
EINER
Anfangen.
ANDERER
Aufhören.
OFFIZIER
Warum sitzt ihr auf den Bänken unten?
EINER
Warum nicht?
OFFIZIER
Ihr füllt sie bis auf den letzten Platz. Einer stößt gegen den andern. Trotzdem ist eine Bank leer.
EINER
Nichts zu machen.
OFFIZIER
Warum bleibt ihr unten, wo ihr euch drängen und drücken müßt? Ist es nicht widerwärtig, so im Gedränge zu sitzen? Wer kennt seinen Nachbar? Ihr reibt die Knie an ihm — und vielleicht ist jener krank. Ihr seht in sein Gesicht — und vielleicht wohnen hinter seiner Stirn mörderische Gedanken. Ich weiß es, es sind viele Kranke und Verbrecher in diesem Saal. Kranke und Verbrecher kommen herein und sitzen neben allen. Darum warne ich euch! Hütet euch vor eurem Nachbar in den Bänken. Die Bänke da unten tragen Kranke und Verbrecher!
EINER
Meinen Sie mir oder mich?
OFFIZIER
Ich weiß es und rate euch: trennt euch von eurem Nachbar, so lautet die Mahnung. Krankheit und Verbrechen sind allgemein in dieser asphaltenen Stadt. Wer von euch ist ohne Aussatz? Eure Haut kann weiß und glatt sein, aber eure Blicke verkünden euch. Ihr habt die Augen nicht, um zu sehen — eure Augen sind offen, euch zu verraten. Ihr verratet euch selbst. Ihr seid schon nicht mehr frei von der großen Seuche. Die Ansteckung ist stark. Ihr habt zu lange in schlimmer Nachbarschaft gesessen. Darum, wenn ihr nicht sein wollt wie euer Nachbar in dieser asphaltenen Stadt, tretet aus den Bänken. Es ist die letzte Mahnung. Tut Buße. Tut Buße. Kommt herauf, kommt auf die Bußbank. Kommt auf die Bußbank. Kommt auf die Bußbank!
Die Posaunen und Kesselpauken setzen ein.
MÄDCHEN
führt Kassierer herein.
KASSIERER
im Ballanzug erregt einige Aufmerksamkeit.
MÄDCHEN
weist Kassierer Platz an, setzt sich zu ihm und gibt ihm Erklärungen.
KASSIERER
sieht sich amüsiert um.
Musik hört auf.
Spöttisches lautes Bravoklatschen.
OFFIZIER
wieder oben auftretend.
Laßt euch von unserm Kameraden erzählen, wie er den Weg zur Bußbank fand.
SOLDAT
jüngerer Mann — tritt auf.
EINER
So siehst du aus.
Gelächter.
SOLDAT
Ich will euch berichten von meiner Sünde. Ich führte ein Leben, ohne an meine Seele zu denken. Ich dachte nur an den Leib. Ich stellte ihn gleichsam vor die Seele auf und machte den Leib immer stärker und breiter davor. Die Seele war ganz verdeckt dahinter. Ich suchte mit meinem Leib den Ruhm und wußte nicht, daß ich nur den Schatten höher reckte, in dem die Seele verdorrte. Meine Sünde war der Sport. Ich übte ihn ohne eine Stunde der Besinnung. Ich war eitel auf die Schnelligkeit meiner Füße in den Pedalen, auf die Kraft meiner Arme an der Lenkstange. Ich vergaß alles, wenn die Zuschauer um mich jubelten. Ich verdoppelte meine Anstrengung und wurde in allen Kämpfen, die mit dem Leib geführt werden, erster Sieger. Mein Name prangte an allen Plakaten, auf Bretterzäunen, auf Millionen bunter Zettel. Ich wurde Weltchampion. Endlich mahnte mich meine Seele. Sie verlor die Geduld. Bei einem Wettkampf stürzte ich. Ich verletzte mich nur leicht. Die Seele wollte mir Zeit zur Umkehr lassen. Die Seele ließ mir noch Kraft zu einem Ausweg. Ich ging von den Bänken im Saal herauf zur Bußbank. Da hatte meine Seele Ruhe, zu mir zu sprechen. Und was sie mir erzählt, das kann ich hier nicht berichten. Es ist zu wunderschön und meine Worte sind zu schwach, das zu schildern. Ihr müßt selbst heraufkommen und es in euch hören.
Er tritt beiseite.
EINER
lacht unflätig.
MEHRERE
zischen zur Ruhe.
MÄDCHEN
leise zum Kassierer.
Hörst du ihn?
KASSIERER
Stören Sie mich nicht.
OFFIZIER
Ihr habt die Erzählung unseres Kameraden gehört. Klingt sie nicht verlockend! Kann man etwas Schöneres gewinnen als seine Seele? Und es geht ganz leicht, denn sie ist ja in euch. Ihr müßt ihr nur einmal Ruhe gönnen. Sie will einmal still bei euch sitzen. Auf dieser Bank sitzt sie am liebsten. Es ist gewiß einer unter euch, der sündigte, wie unser Kamerad getan. Dem will unser Kamerad helfen. Dem hat er den Weg eröffnet. Nun komm. Komm zur Bußbank. Komm zur Bußbank. Komm zur Bußbank!
Es herrscht Stille.
EINER
kräftiger, junger Mann, einen Arm im Verband, steht in einer Saalecke auf, durchquert verlegen lächelnd den Saal und ersteigt das Podium.
EINER
unflätige Zote.
ANDERE
entrüstet.
Wer ist der Flegel?
DER RUFER
steht auf, strebt beschämt zur Tür.
EINER
Das ist der Lümmel.
SOLDAT
Mädchen — eilt zu ihm und führt ihn auf seinen Platz zurück.
EINER
Nicht so zart anfassen.
MEHRERE
Bravo!
JENER
auf dem Podium, anfangs unbeholfen.
Die asphaltene Stadt hat eine Halle errichtet. In der Sporthalle bin ich gefahren. Ich bin Radfahrer. Ich fahre das Sechstagerennen mit. In der zweiten Nacht bin ich von einem andern Fahrer angefahren. Ich brach den Arm. Ich mußte ausscheiden. Das Rennen rast weiter — ich habe Ruhe. Ich kann mich auf alles in Ruhe besinnen. Ich habe mein Leben lang ohne Besinnen gefahren. Ich will mich auf alles besinnen — auf alles.
Stark.
Auf meine Sünden will ich mich auf der Bußbank besinnen!
Vom Soldat hingeführt, sinkt er auf die Bank. Soldat bleibt eng neben ihm.
OFFIZIER
Eine Seele ist gewonnen!
Posaunen und Pauken schallen.
Auch die im Saale verteilten Soldaten haben sich erhoben und jubeln, die Arme ausbreitend.
Musik hört auf.
MÄDCHEN
zum Kassierer.
Siehst du ihn?
KASSIERER
Das Sechstagerennen.
MÄDCHEN
Was flüsterst du?
KASSIERER
Meine Sache. Meine Sache.
MÄDCHEN
Bist du bereit?
KASSIERER
Schweigen Sie doch.
OFFIZIER
auftretend.
Jetzt will euch dieser Kamerad berichten.
EINER
zischt.
VIELE
Ruhe!
SOLDAT
Mädchen — auftretend.
Wessen Sünde ist meine Sünde? Ich will euch von mir ohne Scham erzählen. Ich hatte ein Elternhaus, in dem es wüst und gemein zuging. Der Mann — er war mein Vater nicht — trank. Meine Mutter gab sich feinen Herren hin. Ich erhielt von meiner Mutter Geld, soviel ich haben wollte. Von dem Manne Schläge, soviel ich nicht haben wollte.
Gelächter.
Niemand paßte mir auf und ich mir am wenigsten. So wurde ich eine Verlorene. Denn ich wußte damals nicht, daß die wüsten Zustände zu Hause nur dazu bestimmt waren, daß ich besser auf meine Seele achten sollte und mich ganz ihr widmen. Ich erfuhr es in einer Nacht. Ich hatte einen Herrn bei mir und er verlangte, daß wir mein Zimmer dunkel machten. Ich drehte das Licht aus, obwohl ich es nicht so gewöhnt war. Später, als wir zusammen waren, verstand ich seine Forderung. Denn ich fühlte nur den Rumpf eines Mannes bei mir, an dem die Beine abgeschnitten waren. Das sollte ich vorher nicht sehen. Er hatte Holzbeine, die er sich heimlich abgeschnallt hatte. Da faßte mich das Entsetzen und ließ mich nicht wieder los. Meinen Leib haßte ich — nur meine Seele konnte ich noch lieben. Nun liebe ich nur noch meine Seele. Sie ist so vollkommen, daß sie das Schönste ist, was ich weiß. Ich weiß zuviel von ihr, daß ich es nicht alles sagen kann. Wenn ihr eure Seele fragt, da wird sie euch alles — alles sagen.
Sie tritt beiseite. — Stille im Saal.
OFFIZIER
auftretend.
Ihr habt die Erzählung dieses Kameraden gehört. Seine Seele bot sich ihm an. Er wies sie nicht ab. Nun erzählt er von ihr mit frohem Munde. Bietet sich nicht einem zwischen euch jetzt seine Seele? Laß sie doch zu dir. Laß sie reden und erzählen, auf dieser Bank ist sie ungestört. Komm zur Bußbank. Komm zur Bußbank!
In den Bänken Bewegung, man sieht sich um.
KOKOTTE
ältlich, ganz vorne, beginnt noch unten in den Saal zu reden.
Was denken Sie von mir, meine Herren und Damen? Ich bin hier nur untergetreten, weil ich mich auf der Straße müde gelaufen hatte. Ich geniere mich gar nicht. Ich kenne dies Lokal gar nicht. Ich bin das erstemal hier. Ich bin rein per Zufall anwesend.
Nun oben.
Aber Sie irren sich darin, meine Herren und Damen, wenn Sie glauben sollten, daß ich mir das ein zweites Mal hätte sagen lassen sollen. Ich danke für diese Zumutung. Wenn Sie mich hier sehen — bitte — Sie können mich von oben bis unten betrachten, wie es Ihnen beliebt — mustern Sie mich bitte mit Ihren Blicken eingehend, ich vergebe mir damit nicht das geringste. Ich geniere mich gar nicht. Sie werden diesen Anblick nicht das zweitemal in dieser Weise genießen können. Sie werden sich bitter täuschen, wenn Sie glauben, mir auch meine Seele abkaufen zu können. Die habe ich noch niemals verkauft. Man hätte mir viel bieten können, aber meine Seele war mir denn doch nicht feil. Ich danke Ihnen, meine verehrten Herrschaften, für alle Komplimente. Sie werden mich auf der Straße nicht mehr treffen. Ich habe nicht eine Minute frei für Sie, meine Seele läßt mir keine Ruhe mehr. Ich danke bestens, meine Herrschaften, ich geniere mich gar nicht, aber nein.
Sie hat den Hut heruntergenommen. Jener Soldat geleitet sie zur Bußbank.
OFFIZIER
Eine Seele ist gewonnen!
Pauken und Posaunen. Jubel der Soldaten.
MÄDCHEN
zum Kassierer.
Hörst du alles?
KASSIERER
Meine Sache. Meine Sache.
MÄDCHEN
Was summst du vor dich hin?
KASSIERER
Das Holzbein.
MÄDCHEN
Bist du bereit?
KASSIERER
Noch nicht. Noch nicht.
EINER
in Saalmitte stehend.
Was ist meine Sünde? Ich will meine Sünde hören.
OFFIZIER
auftretend.
Unser Kamerad will euch erzählen.
EINIGE
erregt.
Hinsetzen. Stille. Erzählen.
SOLDAT
älterer Mann.
Laßt euch von mir berichten. Es ist eine alltägliche Geschichte, weiter nichts. Darum wurde sie meine Sünde. Ich hatte eine gemütliche Wohnung, eine zutrauliche Familie, eine bequeme Beschäftigung — es ging immer alltäglich bei mir zu. Wenn ich abends zwischen den Meinen am Tisch unter der Lampe saß und meine Pfeife schmauchte, dann war ich zufrieden. Ich wünschte niemals eine Veränderung in meinem Leben. Dennoch kam sie. Den Anstoß dazu weiß ich nicht mehr — oder ich wußte ihn nie. Die Seele tut sich auch ohne besondere Erschütterung kund. Sie kennt ihre Stunde und benutzt sie. Ich konnte jedenfalls nicht ihre Mahnung überhören. Meine Trägheit wehrte sich im Anbeginn wohl gegen sie, aber sie war mächtiger. Das fühlte ich mehr und mehr. Die Seele allein konnte mir dauernde Zufriedenheit schaffen. Und auf Zufriedenheit war ich ja mein Lebtag bedacht. Jetzt finde ich sie nicht mehr am Tisch mit der Lampe und mit der langen Pfeife im Munde, sondern allein auf der Bußbank. Das ist meine ganz alltägliche Geschichte.
Er tritt beiseite.
OFFIZIER
auftretend.
Unser Kamerad hat euch — —
EINER
schon kommend.
Meine Sünde!
Oben.
Ich bin Familienvater. Ich habe zwei Töchter. Ich habe meine Frau. Ich habe meine Mutter noch. Wir wohnen alle in drei Stuben. Es ist ganz gemütlich bei uns. Meine Töchter — eine spielt Klavier — eine stickt. Meine Frau kocht. Meine Mutter begießt die Blumentöpfe hinterm Fenster. Es ist urgemütlich bei uns. Es ist die Gemütlichkeit selbst. Es ist herrlich bei uns — großartig — vorbildlich — praktisch — musterhaft — —
Verändert.
Es ist ekelhaft — entsetzlich — es stinkt da es ist armselig — vollkommen durch und durch armselig mit dem Klavierspielen — mit dem Sticken — mit dem Kochen — mit dem Blumenbegießen —
ausbrechend.
Ich habe eine Seele! Ich habe eine Seele! Ich habe eine Seele. Ich habe eine Seele!
Er taumelt zur Bußbank.
OFFIZIER
Eine Seele ist gewonnen!
Posaunen und Pauken.
Hoher Tumult im Saal.
VIELE
nach den Posaunen und Pauken aufrecht, auch auf den Bänken aufrecht.
Was ist meine Sünde? Was ist meine Sünde? Ich will meine Sünde wissen! Ich will meine Sünde wissen!
OFFIZIER
auftretend.
Unser Kamerad will euch erzählen.
Tiefe Stille.
MÄDCHEN
Siehst du ihn?
KASSIERER
Meine Töchter. Meine Frau. Meine Mutter.
MÄDCHEN
Was murmelst und flüsterst du immer?
KASSIERER
Meine Sache. Meine Sache. Meine Sache.
MÄDCHEN
Bist du bereit?
KASSIERER
Noch nicht. Noch nicht. Noch nicht.
SOLDAT
in mittleren Jahren, auftretend.
Meiner Seele war es nicht leicht gemacht, zu triumphieren. Sie mußte mich hart anfassen und rütteln. Schließlich gebrauchte sie das schwerste Mittel. Sie schickte mich ins Gefängnis. Ich hatte in die Kasse, die mir anvertraut war, gegriffen und einen großen Betrag defraudiert. Ich wurde abgefaßt und verurteilt. Da hatte ich in der Zelle Rast. Das hatte die Seele abgewartet. Und nun konnte sie endlich frei zu mir sprechen. Ich mußte ihr zuhören. Es wurde die schönste Zeit meines Lebens in der einsamen Zelle. Und als ich herauskam, wollte ich nur noch mit meiner Seele verkehren. Ich suchte nach einem stillen Platz für sie. Ich fand ihn auf der Bußbank und finde ihn täglich, wenn ich eine schöne Stunde genießen will!
Er tritt beiseite.
OFFIZIER
auftretend.
Unser Kamerad hat euch von seinen schönen Stunden auf der Bußbank erzählt. Wer ist zwischen euch, der sich aus dieser Sünde heraussehnt? Wessen Sünde ist diese, von der er sich in Fröhlichkeit hier ausruht? Hier ist Ruhe für ihn. Komm zur Bußbank!
ALLE
im Saal schreiend und winkend.
Das ist niemandes Sünde hier! Das ist niemandes Sünde hier! Ich will meine Sünde hören!! Meine Sünde!! Meine Sünde!! Meine Sünde!!
MÄDCHEN
durchdringend.
Was rufst du?
KASSIERER
Die Kasse.
MÄDCHEN
ganz drängend.
Bist du bereit?
KASSIERER
Jetzt bin ich bereit!
MÄDCHEN
sich an ihn hängend.
Ich führe dich hin. Ich stehe dir bei. Ich stehe immer bei dir.
Ekstatisch in den Saal.
Eine Seele will laut werden. Ich habe diese Seele gesucht. Ich habe diese Seele gesucht.
Lärm ebbt. Ruhe surrt.
KASSIERER
oben, Mädchen an ihm.
Ich bin seit diesem Vormittag auf der Suche. Ich hatte Anstoß bekommen, auf die Suche zu gehen. Es war ein allgemeiner Aufbruch ohne mögliche Rückkehr — Abbruch aller Brücken. So war ich auf dem Marsche seit dem Vormittag. Ich will euch mit den Stationen nicht aufhalten, an denen ich mich nicht aufhielt. Sie lohnten alle meinen entscheidenden Aufbruch nicht. Ich marschierte rüstig weiter — prüfenden Blicks, tastender Finger, wählenden Kopfs. Ich ging an allem vorüber. Station hinter Station versank hinter meinem wandernden Rücken. Dies war es nicht, das war es nicht, das nächste nicht, das vierte — fünfte nicht! Was ist es? Was ist es nun, das diesen vollen Einsatz lohnt? — — Dieser Saal! Von Klängen durchbraust — von Bänken bestellt. Dieser Saal! Von diesen Bänken steigt es auf — dröhnt Erfüllung. Von Schlacken befreit lobt sie sich hoch hinauf — ausgeschmolzen aus diesen glühenden zwei Tiegeln: Bekenntnis und Buße! Da steht es wie ein glänzender Turm — fest und hell: Bekenntnis und Buße! Ihr schreit sie, euch will ich meine Geschichte erzählen.
MÄDCHEN
Sprich. Ich stehe bei dir. Ich stehe immer bei dir!
KASSIERER
Ich bin seit diesem Morgen unterwegs. Ich bekenne: ich habe mich an der Kasse vergriffen, die mir anvertraut war. Ich bin Bankkassierer. Eine große runde Summe: sechzigtausend! Ich flüchtete damit in die asphaltene Stadt. Jetzt werde ich jedenfalls verfolgt — eine Belohnung ist wohl auf meine Festnahme gesetzt. Ich verberge mich nicht mehr, ich bekenne. Mit keinem Geld aus allen Bankkassen der Welt kann man sich irgendwas von Wert kaufen. Man kauft immer weniger, als man bezahlt. Und je mehr man bezahlt, um so geringer wird die Ware. Das Geld verschlechtert den Wert. Das Geld verhüllt das Echte — das Geld ist der armseligste Schwindel unter allem Betrug!
Er holt es aus den Fracktaschen.
Dieser Saal ist der brennende Ofen, den eure Verachtung für alles Armselige heizt. Euch werfe ich es hin, ihr zerstampft es im Augenblick unter euren Sohlen. Da ist etwas von dem Schwindel aus der Welt geschafft. Ich gehe durch eure Bänke und stelle mich dem nächsten Schutzmann: ich suche nach dem Bekenntnis die Buße! So wird es vollkommen!
Er schleudert aus Glacéhänden Scheine und Geldstücke in den Saal.
Die Scheine flattern noch auf die Verdutzten im Saal nieder, die Stücke rollen unter sie. Dann ist heißer Kampf um das Geld entbrannt. In ein kämpfendes Knäuel ist die Versammlung verstrickt. Vom Podium stürzen die Soldaten von ihren Musikinstrumenten in den Saal, die Bänke werden umgestoßen, heisere Rufe schwirren, Fäuste klatschen auf Leiber. Schließlich wälzt sich der verkrampfte Haufe zur Tür und rollt hinaus.
MÄDCHEN
das am Kampfe nicht mit teilgenommen hatte, steht allein inmitten der umgeworfenen Bänke.
KASSIERER
sieht lächelnd das Mädchen an.
Du stehst bei mir — du stehst immer bei mir!
Er bemerkt die verlassenen Pauken, nimmt zwei Schlägel.
Weiter.
Kurzer Wirbel.
Von Station zu Station.
Einzelne Paukenschläge nach Satzgruppen.
Menschenscharen dahinten. Gewimmel verronnen. Ausgebreitete Leere. Raum geschaffen. Raum. Raum!
Wirbel.
Ein Mädchen steht da. Aus verlaufenen Fluten — aufrecht — verharrend!
Wirbel.
Mädchen und Mann. Uralte Gärten aufgeschlossen. Entwölkter Himmel. Stimme aus Baumwipfelstille. Wohlgefallen.
Wirbel.
Mädchen und Mann — ewige Beständigkeit. Mädchen und Mann — Fülle im Leeren. Mädchen und Mann — vollendeter Anfang. Mädchen und Mann — Keim und Krone. Mädchen und Mann — Sinn und Ziel und Zweck.
Paukenschlag nach Paukenschlag, nun beschließt ein endloser Wirbel.
MÄDCHEN
zieht sich nach der Tür zurück, verschwindet.
KASSIERER
verklingender Wirbel.
MÄDCHEN
reißt die Tür auf. Zum Schutzmann, nach Kassierer weisend.
Da ist er. Ich habe ihn Ihnen gezeigt. Ich habe die Belohnung verdient!
KASSIERER
aus erhobenen Händen die Schlägel fallen lassend.
Hier stehe ich. Oben stehe ich. Zwei sind zuviel. Der Raum faßt nur einen. Einsamkeit ist Raum. Raum ist Einsamkeit. Kälte ist Sonne. Sonne ist Kälte. Fiebernd blutet der Leib. Fiebernd friert der Leib. Felder öde. Eis im Wachsen. Wer entrinnt? Wo ist der Ausgang?
SCHUTZMANN
Hat der Saal andere Türen?
MÄDCHEN
Nein.
KASSIERER
wühlt in seiner Tasche.
SCHUTZMANN
Er faßt in die Tasche. Drehen Sie das Licht aus. Wir bieten ihm ein Ziel.
MÄDCHEN
tut es.
Bis auf eine Lampe verlöscht der Kronleuchter. Die Lampe beleuchtet nun die hellen Drähte der Krone derart, daß sie ein menschliches Gerippe zu bilden scheinen.
KASSIERER
linke Hand in der Brusttasche vergrabend, mit der rechten eine Posaune ergreifend und gegen den Kronleuchter blasend.
Entdeckt!
Posaunenstoß.
In schneelastenden Zweigen verlacht — jetzt im Drahtgewirr des Kronleuchters bewillkommt!
Posaunenstöße.
Ich melde dir meine Ankunft!
Posaunenstoß.
Ich habe den Weg hinter mir. In steilen Kurven steigend keuche ich herauf. Ich habe meine Kräfte gebraucht. Ich habe mich nicht geschont!
Posaunenstoß.
Ich habe es mir schwer gemacht und hätte es so leicht haben können — oben im Schneebaum, als wir auf einem Ast saßen. Du hättest mir ein wenig dringlicher zureden sollen. Ein Fünkchen Erleuchtung hätte mir geholfen und mir die Strapazen erspart. Es gehört ja so lächerlich wenig Verstand dazu!
Posaunenstoß.
Warum stieg ich nieder? Warum lief ich den Weg? Wohin laufe ich noch?
Posaunenstöße.
Zuerst sitzt er da — knochennackt! Zuletzt sitzt er da — knochennackt! Von morgens bis mitternachts rase ich im Kreise — nun zeigt sein fingerhergewinktes Zeichen den Ausweg — — wohin?!!
Er zerschießt die Antwort in seine Hemdbrust. Die Posaune stirbt mit dünner werdendem Ton an seinem Mund hin.
SCHUTZMANN
Drehen Sie das Licht wieder an.
MÄDCHEN
tut es.
Im selben Augenblick explodieren knallend alle Lampen.
KASSIERER
ist mit ausgebreiteten Armen gegen das aufgenähte Kreuz des Vorhangs gesunken. Sein Ächzen hüstelt wie ein Ecce — sein Hauchen surrt wie ein Homo.
SCHUTZMANN
Es ist ein Kurzschluß in der Leitung.
Es ist ganz dunkel.